Lieferung 16

Karl May

29. November 1884

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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Ella kam aus einer Art von Entzückung gar nicht heraus.

»Das ist allerdings wahr,« sagte sie. »Diese Bibliothek ist tausendmal mehr werth als Ihr Palais mit all' seiner Einrichtung!«

»O, dieses kleine Bändchen ist mehr werth, als die ganze Bibliothek,« sagte er, indem er ein Kästchen hervornahm, welches sie noch nicht in der Hand gehabt hatte. »Lesen Sie!«

Er hielt ihr den Rücken des scheinbaren Buches entgegen. Auf demselben war in französischen Worten zu lesen: 'Les rois des pierres,' zu deutsch: 'Die Könige der Steine'. Er öffnete. In dem Kästchen befanden sich zwei unscheinbare, breitgedrückte Lederbeutel, so daß sie die Form des Buches angenommen hatten. Sie enthielten Steine von der Größe einer Erbse bis zu derjenigen einer großen Hasel- oder Lampertnuß, welche ganz und gar nicht das Aussehen hatten, als ob sie von irgend welchem Werthe seien.

»Was ist das?« fragte sie.

»Diamanten meist, auch Rubine, Saphire und Smaragde,« antwortete er in einem Tone, als ob es sich nur um Kieselstücke handle.

Sie fühlte etwas wie Fieber durch ihre Adern und Nerven gehen. Also, das waren die Schätze, nach denen sie trachtete! Sie machte den Deckel zu und gab ihm das Kästchen mit den 'Königen der Steine' zurück, sonst hätte sie sich verrathen; er hätte ihre Aufregung bemerken müssen. Aber ohne daß sie es ahnte, beobachtete er sie scharf. Er sah das Zittern ihrer Hände; er sah, daß ihre Lippen zuckten, obgleich sie die Zähne zusammenpreßte; er sah auch den gierigen Glanz ihrer Augen, und nun wußte er gewiß, daß er recht vermuthet habe und daß er siegen werde.

»Was nun habe ich von diesen Schätzen?« fragte er. »Da stecken sie! Was für Nutzen bringen sie mir?«

Sie vermochte nicht zu antworten; sie kehrten in das Cabinet zurück, wo Adolf bald den Thee servirte. Während sie diesen Letzteren einnahmen, war die Unterhaltung eine sehr wortkarge. Da drückte der Fürst auf die Glocke. Der Diener erschien.

»Ein Glas frisches Wasser!« befahl der Fürst.

Das war das verabredete Zeichen. Nach kurzer Zeit kehrte Adolf mit dem Wasser zurück und meldete:

»Verzeihung, gnädiger Herr! Der Hausmeister - -«

»Was ist?« fuhr der Fürst auf, als ob er über diese Meldung, die ihm eine Störung in Aussicht stellte, ungehalten sei.

»Der Hausmeister wünscht Durchlaucht zu sprechen.«

»Morgen! Ihr wißt ja, daß ich jetzt nicht zu sprechen bin!«

»Er sagt, es sei sehr dringend, es handle sich um die Rechnungsvorlage, welche morgen mit dem Frühesten -«

»Ah, so! Unangenehm, höchst unangenehm! Aber es ist wirklich dringend.«

Nichts konnte der Baronin erwünschter kommen, als diese Unterbrechung. Sie hatte zu ihrer großen Freude bemerkt, daß der Fürst den Schlüssel des Juwelenschrankes nicht abgezogen hatte, sie sagte:


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»Bitte, Durchlaucht, lassen Sie sich durch meine Gegenwart nicht bestimmen, etwas Nothwendiges und Dringendes zu vernachlässigen!«

»Auch wenn ich mich für zehn Minuten oder gar noch länger von Ihnen beurlauben müßte?«

Er wollte ihr hinreichend Zeit geben, ihr Vorhaben auszuführen.

»Auch dann!« antwortete sie.

»Zehn Minuten wenigstens wird es währen. Sie sind zu gütig, meine Gnädige; aber da liegen Zeitungen und Illustrationen, mit denen Sie die kurze Einsamkeit auszufüllen vermögen. Adolf, sage dem Hausmeister, daß ich sofort komme. Er mag mich unten in seinem Zimmer erwarten, wo er ja die Bücher hat. Du aber gehst hinter in den Stall, um zu sehen, ob der Kutscher die Pferde für später bereit hält.«

Um die Baronin ganz sicher zu machen, gab er dem Diener einen scheinbaren Auftrag, der ihn eigentlich für einige Zeit entfernt hätte. Sie sollte überzeugt sein, daß sie allein und unbeobachtet sei.

»Zu Befehl, Durchlaucht!« sagte Adolf und entfernte sich.

Er wußte natürlich, daß der Auftrag, den er erhalten hatte, nur eine Finte sei. Draußen zog er die Stiefel aus, versteckte sie und begab sich nach dem Toilettenzimmer. Dieses hatte zwei Thüren; die eine führte in das Cabinet, in welchem sich der Fürst mit seinem Besuche befand; durch diese Thür waren ja die Beiden in die Toilette getreten; die andere ging nach dem Corridore. Durch diese Letztere trat der Diener leise und unhörbar auf den Strümpfen ein, kroch unter den Tisch und ordnete die bis auf den Boden herabreichende Decke desselben so, daß er den Schrank und Alles, was bei demselben vorgenommen wurde, genau beobachten konnte.

Der Fürst trank sein Glas langsam aus, um dem Diener Zeit zu geben, seinen Lauscherposten einzunehmen, und entfernte sich dann. Die Baronin war allein.

Sie erhob sich von ihrem Sessel und lauschte. Sie war allein. Sie legte die Hand auf ihre stürmisch klopfende Brust und fragte sich:

»Soll ich, oder soll ich nicht? Hier die Angst um das Gelingen, die Furcht vor dem Ertapptwerden, und dort Schätze, die mir niemals wieder geboten werden! Ah! Er war kalt und zurückhaltend; er hat kein Herz! Die Steine müssen mir gehören!«

Sie öffnete die Thür des Vorzimmers und blickte hinaus. Es befand sich kein Mensch dort. Ueberall die tiefste Stille.

»Pah! Es ist nicht gefährlich! Es muß gelingen! Der Schlüssel steckt; ich habe mir die Stelle gemerkt, an welcher sich das Buch befindet; der Fürst ist fort und der Diener nach dem Stalle. Ehe dieser zurückkommt, muß es geschehen sein! Bis zur Nacht wird Niemand auf den Gedanken kommen, nach den Steinen zu sehen. Und dann werden ja die Einbrecher den Schrank ausleeren. Sie haben auch die Steine! Kein Mensch wird die Baronin von Helfenstein in Verdacht haben können! Vorwärts also!«

Sie warf noch einen zweiten Blick in das Vorzimmer und huschte dann


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hinaus in den Toilettenraum. Sie schloß den Schrank auf und ergriff das Buch. Die »Könige der Steine,« die in den Beuteln waren, verschwanden im Nu in ihrer Tasche. Sie stellte den scheinbaren Einband wieder an seinen Platz zurück, verschloß den Schrank und saß einige Augenblicke später in ruhiger Haltung wieder auf ihrem Sessel, eine Zeitung in der Hand.

Aber sie war nicht so ruhig, wie es den äußeren Anschein hatte. Ihre Pulse flogen; es flimmerte ihr vor den Augen, so daß die Buchstaben verschwammen, und die Taille wollte ihr zu eng werden.

»Fort! Nur fort!« hauchte sie.

Und doch bekam sofort die Ueberlegung die Oberhand.

»Nein,« dachte sie, »ich muß bleiben! Ein zu schnelles Aufbrechen würde sicherlich Verdacht erregen. Wenn ich dafür sorge, daß der Fürst nicht Zeit erhält, in den Schrank zu blicken, bin ich geborgen. Später mag es werden, wie es will!«

Nach einiger Zeit kehrte Befour zurück; er fand sie, scheinbar in die Zeitung vertieft.

»Welch Langeweile werden Sie gehabt haben, gnädige Frau!« sagte er im Tone des Bedauerns und der Entschuldigung.

»O bitte, ich fand hier einen Modeartikel, dessen Inhalt mich lebhaft interessirte,« antwortete sie.

»So darf ich also auf Ihre Verzeihung rechnen?«

»Von einer Verzeihung kann keine Rede sein. Sie haben ja gethan, was Sie thun mußten!«

Es entspann sich nun eine Unterhaltung, welche mit fieberhafter Lebhaftigkeit von Seiten der Baronin geführt wurde. Der Fürst war vom Diener noch nicht benachrichtigt worden; aber er beobachtete die schöne Frau und sagte sich:

»Sie ist erregt; sie giebt sich auffällige Mühe, mich zu fesseln, damit ich ja nicht auf den Gedanken komme, abermals in den Schrank zu gehen. Sie hat es gethan und ich habe gewonnen!«

Da trat Adolf ein und präsentirte auf einem silbernen Teller einen Brief.

»Von wem?« fragte der Fürst. »So spät am Tage correspondirt man doch nicht mehr.«

»Der Kutscher übergab mir das Schreiben. Ein Livréediener, den er nicht kannte, bittet um Antwort.«

Der Fürst öffnete das Couvert. Das inliegende Blatt enthielt die von Adolf geschriebenen Zeilen:

»Sie hat die zwei Beutel mit den Steinen genommen, sie stecken in ihrer Tasche.«

»Die Nachricht ist erfreulich,« nickte der Fürst. »Da muß ich mich allerdings zu einer Antwort bequemen.«

Er nahm eine Karte und schrieb darauf:

»Nimm dann, wenn die Baronin heimkehrt, heimlich die Maske Nummer Zwei mit auf Deinen Tritt.«


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Er steckte die Karte in ein Couvert, adressirte scheinbar, gab das Couvert an den Diener und sagte:

»Laß dem Ueberbringer ein Glas Wein geben! Und meine Empfehlung an seine Excellenz!«

Damit war die Sache abgemacht. Der Diener entfernte sich, und die Unterhaltung zwischen den Beiden begann von Neuem, wurde aber von Seiten des Fürsten mit Absicht so flau geführt, daß die Baronin die Gelegenheit ergriff, zu sagen:

»Ich finde, daß Sie heut ein wenig angegriffen sind.«

»Ich hatte während der ganzen Nacht zu schreiben,« antwortete er rücksichtslos.

»So bedürfen Sie der Ruhe.«

Sie erhob sich bei diesen Worten.

»O bitte, meine Gnädige. Ich fühle nicht das mindeste Bedürfniß darnach. Ihre Gegenwart ist das Einzige, was ich mir wünsche.«

Sie schlug ihn scherzhaft mit der Hand auf den Mund und antwortete:

»Schmeichler! Ich werde Sie nun grad damit bestrafen, daß ich mich verabschiede. Wann werde ich Sie bei mir sehen?«

»Morgen gewiß!«

»Schön! Ich werde Sie mit Sehnsucht erwarten.«

Sie reichte ihm die Hand. Er ergriff dieselbe, sagte aber:

»Schon jetzt uns verabschieden? Wollen Sie grausam sein?«

»Grausam? Wieso?«

»Ich hatte geglaubt, Sie begleiten zu dürfen.«

»Ah, das ist mir angenehm! Also kommen Sie!«

Er selbst legte ihr im Vorzimmer den Pelz um die schönen, vollen Schultern. Auch der seinige hing da. Er zog ihn an und begleitete sie vor das Thor, wo die Equipage ihrer wartete. Adolf stand dabei. Er öffnete und schloß den Schlag und sprang dann hinten auf. Erst nun, da die Equipage sich in Bewegung setzte, fühlte sich die Baronin sicher. Sie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und legte sich dann behaglich in die Kissen zurück.

An ihrem Palais angekommen, half ihr der Fürst in eigner Person beim Aussteigen und verabschiedete sich dann mit größter Höflichkeit von ihr.

»Die Maske da?« fragte er den Diener, als die Baronin verschwunden war.

»Ja.«

»Her damit. Ganz langsam zurückfahren!«

Die Equipage hatte kaum die Ecke der nächsten Straße erreicht, so ertönte aus ihr ein lautes Halt. Es stieg ein alter, grauköpfiger und graubärtiger Herr aus, den gewiß niemand für den Fürsten gehalten hätte.

»Adolf, räume sofort den Juwelenschrank aus,« gebot er, »und stelle die neue Bibliothek hinein. Bis Ihr mich braucht, werde ich zurückgekehrt sein.«

Der Pelz und Hut blieb im Wagen zurück, der sich nun in Bewegung setzte. Der Fürst hatte jetzt eine Mütze auf.

Er ging nach dem Palais des Barons zurück. In der Nähe desselben gab es einen großen, monumentalen Brunnen mit einer riesigen Neptunsfigur.


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An der Umfassungsmauer dieses Bauwerkes nahm der Fürst Posto. Er stand im Schatten, so daß er nicht leicht bemerkt zu werden vermochte, und konnte die ganze Front des Palais' überblicken.

Als die Baronin ihre Gemächer erreichte, war sie so mit sich beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkte, daß ihr die Zofe mit einer gewissen verlegenen Eile entgegentrat.

»Der Baron anwesend?« fragte sie.

»Ja, gnädige Frau. Er hat bereits einige Male nach Ihnen gefragt.«

»Rufe ihn!«

Sie war so mit den Reichthümern, welche sie gesehen hatte, beschäftigt, daß sie es vorzog, sofort mit ihrem Manne zu sprechen. Sie begab sich gar nicht in ihre inneren Räume, sondern erwartete ihn in ihrem kleinen Salon. Er trat nach kaum einer Minute bei ihr ein.

»Hier?« fragte er. »Warum nicht im Boudoir?«

»Ah! Ich kann nicht warten. Was ich gesehen habe, hat mich um alle meine Ruhe und Fassung, fast möchte ich sagen, um den Verstand gebracht.«

»Hm! Etwas irr bist Du ja stets gewesen!«

»Spotte nicht! Was ich Dir zu sagen habe, ist ganz außerordentlich. Du wirst morgen viele Millionen besitzen.«

»Donnerwetter!«

»Gewiß!«

»Ist's gar so schlimm?«

»Ich habe diesen Fürsten für einen sehr, sehr reichen Mann gehalten, aber daß man ihn mit dem Großmogul vergleichen kann, das habe ich doch nicht geglaubt!«

»Du machst mich wirklich außerordentlich wißbegierig. Erzähle!«

»Komm her!«

Sie zog ihn zum Kamin, wo sie sich neben einander niederließen. Sie erstattete ihm mit beinahe flüsternder Stimme Rapport über Alles, was sie gesehen und erlebt hatte. Er hörte mit größter Aufmerksamkeit zu, und die Spannung, welche sich in seinen Zügen ausdrückte, wuchs von Secunde zu Secunde. Natürlich verschwieg sie ihm aber, daß sie sich der Steine bemächtigt hatte.

»Donnerwetter!« fluchte er vor Freude, als sie geendet hatte. »Das wird ein Fang, wie er noch nicht dagewesen ist. Ich kann dann das Geschäft niederlegen.«

»Das ist's allerdings, was ich Dir rathen will!«

»Also der Schlüssel steckt?«

»Bis jetzt, ja. Möglich aber ist, daß er abgezogen wird, wenn der Fürst nach Hause zurückkehrt.«

»Was für ein Schloß ist es?«

»Ein gewöhnliches.«

»Was für ein Schlüssel?«

»Ein Hohlschlüssel von mittlerer Größe.«

»Kreischen die Thüren?«


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»Nein, gar nicht.«

»Und die Zimmerthüren?«

»Auch nicht. Uebrigens sind sämmtliche Fußböden mit dicken Teppichen belegt, durch welche die Schritte gedämpft werden.«

»Steht das Bett des Fürsten in dem Toilettenraume?«

»Nein. Es muß in einem Nebencabinette stehen, in welchem ich aber nicht gewesen bin.«

»Giebt es dort Portieren oder Thüren?«

»Beides.«

»Hm! Das ist sehr vortheilhaft!«

»Aber der Geldschrank! Um Gotteswillen!«

»Pah! Wir werden ihm nicht zu nahe kommen. Wozu brauchen wir übrigens das Gold, wenn wir die Steine bekommen.«

»Du wirst doch Alles selbst in Empfang nehmen?«

»Natürlich!«

»Da werde ich nicht schlafen gehen können, bis ich es sehe.«

Er schüttelte lachend den Kopf und sagte:

»Was denkst Du da eigentlich. Du meinst, daß ich die Kostbarkeiten hierherbringen lasse?«

»Natürlich!«

»Bist Du verrückt?«

»Herr Baron!«

»Pah! Ich dachte, wir Beide brauchten uns nicht mit unnützen Höflichkeiten zu überschütten. Deine Ansicht ist eine vollständig verrückte und wahnsinnige.«

»Wieso?«

»Das siehst Du nicht ein? Heute Abend hat der Fürst Dir seine Schätze gezeigt, und einige Stunden später werden sie geraubt. Wie nun, wenn man sie bei uns sucht?«

»Jetzt bist Du verrückt!«

»Denkst Du etwa, man wird uns aus Angst und Hochachtung fernbleiben? Bei einem solchen Raube macht die Polizei andere Augen und andere Anstrengungen als bei einem Kartoffeldiebstahle. Das kannst Du Dir denken.«

»Hm! Der Fürst wird allerdings rasend vor Wuth sein!«

»Das läßt sich denken. Ich wollte, ich stände bei ihm, wenn er den leeren Schrank erblickt! Gesegnete Mahlzeit!«

»Wohin aber lässest Du denn die Sache schaffen?«

»Ins geheime Depot natürlich.«

»Sind sie dort auch wirklich sicher?«

»Wie in Abrahams Schoß!«

»Aber leider werden wir auf den größten Theil dieser Schätze verzichten müssen. Das ist ärgerlich!«

»Wieso verzichten?«

»Nun, Deine Leute wollen doch ihren Antheil haben!«

»Den Teufel sollen sie erhalten, aber weiter nichts. Sie bekommen


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ihren Lohn, nach Umständen ihre Gratification; aber was sie heut vom Fürsten holen, das gehört mir!«

»Wenn sie einverstanden sind!«

»Das wird sich finden. Uebrigens müßten sie unter allen Umständen sehr lange warten. Solche Gegenstände lassen sich nur schwer zu Geld machen. Und wenn sie ja die Köpfe schütteln sollten, nun, so verschwinde ich mit dem Schatze.«

»Wohin?«

»Wohin? Höre, Du bist heute wirklich von einer ganz unvergleichlichen Naivität! Wohin? Hier bleibe ich natürlich!«

»Da haben sie Dich ja fest!«

»Unsinn! Keiner von ihnen weiß, daß der Baron von Helfenstein ihr Anführer ist. Der geheimnißvolle Hauptmann wird aufgehört haben, zu existiren. Ich habe dann, was ich brauche, und werde mein Leben genießen. Hast Du sonst noch Etwas zu bemerken, vielleicht Etwas vergessen?«

»Nein. Doch ersuche ich Dich nochmals dringend, bei diesem so außerordentlichen Streiche ja alle Vorsicht anzuwenden!«

»Natürlich! Ich werde sogar vorsichtiger sein, als Du denkst. Ich werde, während man bei dem Fürsten von Befour ausräumt, in feiner Gesellschaft sein.«

»Ah! Ich denke, Du bist bei Deinen Leuten?«

»Nur bis zu dem Augenblicke, an dem ich sicher bin, daß Alles klappt. Um Mitternacht gehe ich in's Casino und bleibe dort bis zwei Minuten vor drei Uhr. Dann bin ich im Garten des Fürsten und einige Minuten später sitze ich wieder im Casino. Es handelt sich um das Alibi, welches ich beweisen will, wenn der Fürst ja auf den höchst dummen Gedanken kommen sollte, daß Dein heutiger Besuch mit dem Verschwinden seines Eigenthums im Zusammenhang stehe.«

»Das ist alles ganz gut, aber -«

Sie schüttelte bedenklich den Kopf.

»Was, aber -«

»Wie nun, wenn Deine Leute Dir mit den Sachen durchbrennen?«

»Das ist gar keine Möglichkeit! Meine Disciplin und meine eiserne Strenge - und durchbrennen? Es weiß ein Jeder, daß ich so Etwas unnachsichtlich mit dem Tode bestrafe. Meine Leute werden mir die Millionen bringen, ohne einen Heller davon anzurühren. Und - sagtest Du nicht, daß in jedem Kästchen ein Verzeichniß des Inhaltes liege?«

»Ja.«

»Nun so vergleiche ich diese Verzeichnisse mit dem Inhalte, und dann werde ich wissen, ob Etwas veruntreut worden ist. Wir stehen vor einem großen, entscheidenden Wendepunkte. Ich gehe jetzt. Wenn ich zurückkehre, bin ich ein Krösus. Gute Nacht!«

Der Gedanke an die Reichthümer, welche sein Eigenthum werden sollten, hatte ihn in eine so gute Laune versetzt, daß er ihr die Hand zum Abschiede


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reichte, was seit langer, langer Zeit nicht mehr vorgekommen war. Er drehte sich sogar, bereits an der Thür angekommen, noch einmal zu ihr um und sagte:

»Du wirst Dich natürlich in fieberhafter Aufregung befinden?«

»Das kannst Du Dir denken!«

»Und nicht schlafen können? Ich begreife das. Aber ich warne Dich, dem Personale Etwas davon merken zu lassen. Die That wird eine furchtbare Revolution hervorbringen, und da kann man nicht vorsichtig genug sein. Lege Dich zur gewöhnlichen Zeit zur Ruhe, auch wenn Du nicht zu schlafen vermagst!«

Er ging, und nun erst begab sie sich durch das Boudoir in das Schlafgemach, wo die Zofe ihrer harrte, um ihr beim Entkleiden behilflich zu sein.

Dabei irrten die Blicke des Mädchens viel und mit besorgtem Ausdrucke zu dem Bette hin. Die Herrin bemerkte es nicht.

Unterdessen wartete der Fürst am Brunnen. Er war begierig, zu erfahren, ob es Anton gelungen sei, sein Vorhaben auszuführen. Er sah, daß der Baron seine Wohnung verließ. Wie gern wäre er ihm gefolgt, aber er mußte auf seinem Posten ausharren.

Endlich, endlich zeigten sich unter dem Thore im Scheine des Gases zwei Gestalten, welche sich zu küssen schienen. Die eine, weibliche, trat in den Flur des Palastes zurück, die männliche aber entfernte sich, doch nur eine Strecke, dann kehrte sie auf der anderen Seite zurück und kam nach dem Brunnen geschlichen.

»Anton?« flüsterte es.

»Ja.«

»Komm hierher!«

Der Diener war eingeweiht in viele Geheimnisse seines Herrn, er wußte auch, daß sich derselbe der mannigfaltigsten Verkleidungen bediente, aber als er jetzt den alten, ehrwürdigen Herrn erblickte, der ihm einen Schritt entgegentrat, so daß der Schein des Lichtes auf ihn fiel, trat er einen Schritt zurück und sagte: »Ah, Verzeihung! Wer sind Sie?«

»Anton!« lachte der Fürst.

»Ah! Gnädiger Herr! Die Maske ist wirklich famos!«

»Freut mich! Wie steht es oben?«

»Eigenthümlich! Es geht da Etwas vor, was ich nicht begreife.«

»Vielleicht begreife ich es. Hat man Dich gesehen?«

»Nein.«

»Aber Du bist - überrascht worden?«

»Ich war so glücklich.«

»Prächtig! Du warst also im Zimmer der Baronin?«

»Unter ihrem Bette.«

»Sehr gut, sehr gut!«


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»Es hat mich allerdings einen bedeutenden Aufwand von Ueberredung gekostet, ehe das Zöfchen einsah, daß wir im Schlafzimmer ihrer Herrin am Sichersten sein würden.«

»Nun, wie war es da?«

»Wie soll es da gewesen sein! Zunächst hatte ich da eine Menge Küsse zu geben und Umarmungen zu erdulden, was gar nicht recht nach meinem individuellen Geschmacke war. Dann aber fuhr ein Wagen vor. Die Zofe trat an das Fenster und sagte erschrocken, daß ihre Herrin komme. Als sie sich vom Fenster zurück wendete, erblickte sie mich bereits nicht mehr.«

»Du stecktest schon unter dem Bette?«

»Natürlich! Sie wollte mich heraus haben, aber ich gehorchte nicht. Zu guten Worten oder gar zur Strenge gab es keine Zeit, denn nach einigen Augenblicken befand sich die Baronin mit ihrem Gemahle bereits im Salon. Ich blieb also stecken.«

»Ah! Die Baronin hatte eine Unterredung mit ihm?«

»Ziemlich lange.«

»Hast Du Etwas gehört?«

»Kein Wort! Das Boudoir liegt zwischen Salon und Schlafzimmer. Endlich kam sie, und die Zofe mußte ihr beim Auskleiden helfen, wurde aber sehr bald mit dem Auftrage entlassen, daß sie schlafen gehen könne.«

»Auf welche Toilettenstücke erstreckte sich die Hilfe der Zofe?«

»Nur auf die Ober- und Untertaille. Den Pelz hatte die Gnädige bereits abgelegt.«

»Den Rock des Kleides, in welchem sich die Tasche befindet, durfte die Zofe nicht berühren?«

»Nein. Ah, Durchlaucht meinen die zwei Beutel?«

»Hast Du sie gesehen?« fragte der Fürst rasch.

»Sehr deutlich! Es waren die Diamantenbeutel aus dem Brillantenschranke des gnädigen Herrn.«

»Gut, gut! Das ist prächtig. Was hat sie mit ihnen gemacht?«

»Sie nahm einen der Steine heraus und legte ihn auf den Tisch. Dann - der gnädige Herr sind bei der Baronin gewesen?«

»Ja.«

»Nur im Boudoir?«

»Auch im Schlafzimmer.«

»So kennen Durchlaucht wohl die kleine Uhr, welche gegenüber dem Lavoir auf der Wandconsole steht?«

»Genau.«

»Nun, die Baronin nahm die Uhr herab und dann auch die Console. Die Letztere ist inwendig hohl. Die Gnädige steckte die Beutel da hinein und brachte dann Console und Uhr wieder an Ort und Stelle.«

»Wie schlau! In der Console sucht kein Mensch Diamanten!«

»Eine echte Spitzbübin.«

»Aber der Diamant auf dem Tische?«


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»Darüber bin ich mir im Unklaren. Neben dem Bette geht eine Thür in den Gang, der zu den Gemächern des Barons führt; durch diese Thür entfernte sie sich auf kurze Zeit. Meine Lage war nichts weniger als sicher. Ich hatte nun erfahren, wo die Steine verborgen sind, und konnte mich entfernen, ohne mich der Nachlässigkeit zeihen zu müssen. Jetzt war die Entfernung leicht zu bewerkstelligen, später wurde sie vielleicht schwerer. Ich war bereits mit dem halben Leibe unter dem Bette hervor, da mußte ich schnell zurück - die Baronin kam wieder. Sie brachte zu meinem Erstaunen Rock, Hose, Weste und Hut -«

»Einen Männeranzug?«

»Ja, auch einen Bart und allerlei Krimskrams, was ich nicht gut erkennen konnte.«

»Legte sie den Anzug an?«

»Ja. Bis sie Hose und Weste anhatte, war ich zugegen. Da aber entfernte sie sich abermals durch dieselbe Thür, und da ergriff ich schnell das Hasenpanier. Mein süses Zöfchen hatte fürchterliche Angst ausgestanden und nahm daher einen sehr ergreifenden Abschied von mir.«

»Ahnt sie, was Du bei der Baronin gesehen hast?«

»Kein Wort! Ich habe ihr gesagt, daß die Baronin schlafe.«

»Recht so! Die Baronin will heimlich ausgehen.«

»Als Mann verkleidet!«

»Sicher. Wenn ich richtig vermuthe, so beabsichtigt sie, den Stein in Geld umzuwandeln.«

»Ah! Das ist allerdings sehr wahrscheinlich! Aber zu wem wird sie gehen?«

»Das eben will ich beobachten. Dabei aber giebt es noch zu überlegen. Durch die erleuchteten Corridore kann sie nicht gehen, da sie sich nicht sehen lassen darf.«

»Allerdings. Ich vermuthe, daß sie das Gebäude durch das hintere Pförtchen verlassen wird.«

»Kennst Du dasselbe?«

»Die Zofe sprach davon. Sie sagte, daß man durch das Pförtchen in die Gemächer des Barons gelangen könne.«

»Gut, gut! Ich werde also an dieser Pforte Posto fassen. Du bleibst hier. Kommt die Baronin ja hier heraus, so holst Du mich sofort, aber ohne Dich von ihr sehen zu lassen. Ich stehe an dem Thore, dem Pförtchen gegenüber.«

»Und wenn die Gnädige durch die Pforte kommt, so werden Sie ihr folgen, Durchlaucht?«

»Ja.«

»Und ich? Was thue ich?«

»Du bleibst hier, bis ich zurückkehre. Es liegt mir daran, den Eingang hier nicht aus den Augen zu lassen.«

Er entfernte sich, trat um die Ecke des Palastes und begab sich nach


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der dem Pförtchen gegenüberliegenden Straßenseite. Dort gab es ein tiefes, dunkles Hausthor, unter welchem der Fürst Posto faßte, um die Pforte zu beobachten.

Er hatte noch nicht lange dagestanden, als er drüben ein leises Geräusch vernahm. Die Pforte öffnete sich und wurde wieder zugemacht. Die Gestalt eines Mannes war zu sehen, der erst zu lauschen schien, dann aber sich rasch entfernte.

Auch der Fürst setzte sich sofort in Bewegung. Er folgte der Gestalt, sich stets im Schatten haltend, so daß er nicht bemerkt werden konnte. Er nahm sich sehr in Acht, sie nicht aus den Augen zu verlieren, und er war auch wirklich so glücklich, die Thür zu erspähen, hinter welcher sie verschwand.

Das war in der Wasserstraße bei dem Juden Salomon Levi.

Die Thür war verschlossen, wie immer. Die Baronin hatte also klopfen müssen, bis die Nase der alten Rebecca sich sehen ließ.

»Wer ist da?« fragte sie durch die Thürspalte.

»Ein Käufer,« antwortete Ella, indem sie sich bestrebte, ihrer Stimme einen männlichen Klang zu geben.

»So spät wird nichts verkauft!«

»Still, Rebecca! Ihr werdet doch ein Geschäft mit mir machen, und zwar ein sehr gutes!«

»Wie?« fragte die Alte. »Der Herr kennt mich? Er nennt mich bei meinem Namen Rebecca? Er spricht von einem Geschäfte, welches werden wird sehr gut?«

»Ja. Ist Salomon Levi zu Hause?«

»Er ist daheim, um zu flicken alte Gewänder, welche er hat gekauft mit Löchern und aufgegangenen Nähten.«

»So mache auf. Ich muß zu ihm!«

»Haben Sie die Gewogenheit, zu treten herein! Ich werde Sie bringen zu meinem Manne in sein Comptoir.«

Die Alte führte den scheinbar jungen Herrn zu dem Juden, welcher sich in dem zweiten Raume befand, demselben, in welchem Judith in Robert Bertram den Dichter erkannt hatte.

Salomon Levi war verwundert, zu so später Stunde noch Jemand bei sich zu sehen.

»Was verschafft mir die Ehre?« fragte er neugierig.

»Ich will allein mit Ihnen sein,« antwortete die Baronin, indem sie sich möglichst im Schatten hielt.

»Rebeccchen, gehe, Dich zu entfernen, bis ich rufe, damit Du wiederkommst, um zurückzukehren!«

Die Alte ging. Da langte die Baronin in die Tasche, zog den Stein hervor, reichte ihn dem Juden hin und fragte:

»Was ist das?«

Er nahm den Stein in die Hand und hielt ihn an das Licht, um ihn


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zu betrachten. Erst schüttelte er den Kopfe; dann setzte er eine schärfere Brille auf und trat mit dem Lichte in eine Ecke, wo er, der Baronin den Rücken zukehrend, irgendwelche Manipulation vornahm, von der sie aber nichts sehen konnte. Als er dann wieder herbeitrat, hatte sein Gesicht einen ganz anderen Ausdruck bekommen. Er hustete einige Male und sagte dann:

»Was wird es sein? Ein Stein, welchen man nennt Jaspis oder Achat, werth in höchsten Fällen zehn bis fünfzehn Kreuzer.«

»So gieb wieder her, Alter! Es giebt Leute, welche viel bessere Kenner sind als Du!«

Er fuhr zurück und sagte:

»Soll es etwa sein kein Jaspis oder Achat? Wird es sein etwa Karneolenstein oder Bergkrystall?«

»Mache Dich nicht lächerlich! Ich will wissen, welchen Werth der Stein hat. Ich habe keine Zeit, mich von Dir foppen zu lassen!«

»Gott Abrahams, ist der Herr rasch und von großer Hitze! Wissen Sie denn, was es ist für ein Steinchen?«

»Ein Diamant!«

Da streckte der Jude beide Hände in die Luft und rief:

»Soll mich leben lassen Jehova, bis ich sterbe! Demant soll es sein? Ein Demantstein? Wie ist das möglich? Will der Herr aus mir machen einen Narren für sein Vergnügen?«

»Unsinn! Willst Du ehrlich sein oder nicht? Du denkst, ich kenne Dich nicht! Hier, lies!«

Sie zog ein Papier aus der Tasche und reichte es ihm hin. Er warf einen Blick darauf, und dieser einzige genügte.

»Die geheime Schrift! Gott Jakob's! So ist der Herr am Ende gar ein - ein - ein -«

»Nun, wer?«

»Ein Bekannter des Hauptmannes?«

»Ja, das bin ich! Also, nun weißt Du, mit wem Du es zu thun hast, und sei jetzt ehrlich! Was für ein Stein ist es?«

»Ein Demant, ja ein Demantstein!«

»Wie viel werth?«

»Dieser Stein wird kosten zu schleifen ein großes Geld!«

»Sapperment! Ich habe Dich nicht gefragt, was er zu schleifen kostet, sondern welchen Werth er jetzt hat!«

»So will ich sagen, daß der Stein ist werth für den Kenner die Summe von sechstausend Gulden.«

»Zeige einmal!«

Sie that, als ob sie den Stein nur betrachten wolle. Er gab ihn ihr zurück, während seine matten Augen vor Habgier leuchteten. Sie aber steckte den Diamant ein und sagte:

»Du bist nicht werth, daß man Dir den geringsten Vortheil zuwendet, alter Schacherer! Gute Nacht!«


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Sie drehte sich um, sich zu entfernen; aber da hatte er auch bereits ihren Arm erfaßt und rief:

»Halt! Warum wollen Sie fort? Warum wollen Sie sagen gute Nacht, da doch ein gutes Geschäft viel besser ist, als eine gute Nacht! Bleiben Sie bei mir noch eine kleine Weile!«

»Wozu? Du bist unverschämt!«

»Ich werde sagen ganz aufrichtig den Werth des Steines. Zeigen Sie ihn mir her noch einmal!«

»Nein. Er bleibt in meiner Tasche. Du hast ihn gesehen und auch geprüft. Willst Du ihn kaufen?«

»Wenn der Herr will annehmen Verstand, so werde ich vielleicht kaufen den Demantstein.«

»Gut! Wieviel bietest Du?«

»Von wem ist er?«

»Mensch, was fällt Dir ein? Sage, was Du bietest. Ich gebe Dir fünf Minuten Zeit. Sind wir bis dahin nicht einig, so wird überhaupt nichts aus dem Handel!«

»Fünf Minuten! Wie können fünf Minuten ausreichen, um zu kaufen einen Demantstein! Dazu muß man doch haben Tage, Wochen und Jahre!«

»Gute Nacht!«

Sie wendete sich wieder nach der Thür; er aber ergriff sie abermals beim Arme.

»Halt!« rief er. »Sprechen Sie zu mir ein Wörtchen im Vertrauen. Wieviel wollen Sie haben für den Stein?«

»Hundertfünfzigtausend Gulden.«

Der Jude that einen Sprung in die Luft, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und schrie, als wenn er am Spieße stäke:

»Hundert -«

»Fünfzig -« nickte sie.

»Tausend -«

»Gulden! Ja, nicht anders!«

»Gott Israels, ich sterbe vor Schreck!«

»Es ist nicht schade um Dich!«

»Ich bebe und zittere am ganzen Leib!«

»Wegen Deines bösen Gewissens!«

»Mich wird treffen der Schlag!«

»Ich wollte, es träfe Dich ein Schlag um den anderen!«

»Ich will mich beruhigen und besänftigen. Sie haben gemacht einen Scherz! Sie werden streichen ein Nüllchen von dieser großartig unendlichen Ziffer!«

»Wenn Du Dich nicht bald erklärst, hänge ich noch eine Null hinan, anstatt daß ich eine streiche!«


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»Das ist zu viel, das ist viel zu viel! Das kann ich nicht geben! Das kann kein Mensch bezahlen!«

»Nun, ist er etwa nicht so viel werth?«

»Er ist werth noch ein klein Wenig mehr. Ich sage das, weil ich will sein aufrichtig. Der Schliff aber wird kosten viel Geld. Ein Juwelier wird bieten hunderttausend Gulden.«

»Blos?«

»Das wird er bieten!«

»Und geben?«

»Geben wird er zwanzigtausend mehr.«

»Gut! Also hundertzwanzigtausend Gulden. Du zahlst mir jetzt die Hälfte und in einer Woche die zweite Hälfte.«

Der Jude machte ein Gesicht, als ob er vor einem Abgrunde zurückschaudere, der sich plötzlich vor ihm geöffnet habe.

»Zahlen? Ich?« fragte er.

»Ja! Natürlich!«

»Für den Stein?«

»Wofür sonst?«

»Und hundertzwanzigtausend Gulden?«

»Gewiß!«

»Habe ich denn geboten dieses Geld, he?«

»Du hast doch gesagt, daß ich so viel erhalten würde!«

»Ja, aber vom Juwelier!«

»Von Dir nicht?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil der Juwelier kauft am Tage und nur von Leuten, die er kennt; ich aber muß kaufen des Abends und des Nachts, und weiß nicht, wer es ist, der mir bringt Diamanten und alte Handschuhe.«

»Nun, der Unterschied ist nicht bedeutend.«

»Aber wenn nun kommt die Polizei und nimmt mir den Stein, weil sie sagt, er sei gestohlen?«

»Lege ihn nicht her.«

»Was soll ich sonst machen damit?«

»Ihn schleifen lassen. Dann kannst Du ihn offen verkaufen.«

»Muß ich nicht haben beim Schleifer eine Legitimation, um nachweisen zu können, von wem ich habe den Diamant?«

»Das geht mich nichts an!«

»Aber mich geht es an, wenn man sagt, daß Salomon Levi habe gekauft gestohlene Sachen.«

»Jude, werde nicht anzüglich! Mach es kurz und nenne mir das höchste Geld, welches Du thun kannst!«

»So werde ich geben heute dreißigtausend Gulden, aber mehr keinen Kreuzer und keinen Pfennig!«


// 375 //

»Nicht mehr?«

»Nein.«

»Ist das Dein Ernst?«

»Ich gebe darauf einen Schwur, daß -«

»Gute Nacht, dummer Mensch!«

Jetzt machte sie Ernst. Sie war schnell wie der Wind zur Thür hinaus. Zwar sprang ihr der Handelsmann nach, um sein Gebot zu erhöhen, aber als er den Hausflur erreichte, stand Rebecca allein da.

»Wo ist der Mann?« fragte er ganz athemlos.

»Fort!«

»Und Du hast ihn gelassen fort?«

»Was soll ich machen? Er kam heraus und riß zurück den Riegel und machte auf die Thür, ohne daß ich sagen konnte ein Wort, oder ihn fassen bei der Hand.«

»Nun ist auch fort der Stein!« wehklagte Salomon.

»Was für ein Stein?«

»Ein Demantstein.«

»Gott Jakob's! Ein Demantstein! War er groß und schön?«

»Er war werth eine halbe Million, und ich habe geboten dreißigtausend. Ich hätte ihn bekommen für sechzig- oder achtzigtausend! Rebeccchen, warum hast Du lassen fortgehen den Mann?«

Während diese Beiden nun jammerten und klagten, kehrte die Baronin nach ihrer Wohnung zurück. Sie brauchte das Geld nicht zur Noth und sah sich also nicht gezwungen, den Stein zu verschleudern. Sie konnte warten bis später.

Der Fürst hatte auf der anderen Straßenseite an einer dunklen Thür gestanden. Er begriff die Baronin vollständig. Sie wußte, daß er heute bestohlen werden solle, und hatte die Steine für sich genommen, um hinter dem Rücken ihres Mannes auch Besitz zu haben. Der Diamantendiebstahl mußte natürlich den Einbrechern zugeschoben werden.

Da sah er, daß die Baronin wieder aus dem Hause trat und sich eilig entfernte. Er mußte wissen, wo der Stein blieb, ob sie nach Hause ging oder einen anderen Hehler aufsuchte. Er folgte ihr also bis zum Pförtchen, hinter dem sie verschwand. Dann suchte er Anton auf, der noch immer auf seinem Posten stand.

»Ist Jemand passirt?« fragte er.

»Niemand.«

»Der Baron also noch nicht zurückgekehrt?«

»Nein.«

»Man sollte wissen, wo er sich befindet!«

»O, das weiß ich genau, Durchlaucht!«

»Wirklich?«

»Ja, ich weiß es von der Zofe, die es vom Kammerdiener erfahren hat.


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Er ist in sein Casino und hat zurückgelassen, daß er wohl sehr spät wiederkommen werde.«

Dies hatte der Baron, der sonst nie sagte, wohin er gehe, mit Absicht gethan. Er setzte sich den Fall, daß er ein Alibi zu beweisen haben werde. Dann war es gut, wenn seine Leute als Zeugen zu seinem Gunsten auszusagen vermochten.

»Kennst Du das casino?« fragte der Fürst.

»Sehr gut.«

»Ich würde hingehen, aber ich bin zu Hause unentbehrlich. Hier ist nichts zu erreichen. Begieb Dich also nach dem Casino. Du gehst in das allgemeine Gastzimmer und wirst wohl scharfsinnig genug sein, zu erfahren, wann der Baron fortgeht.«

»Soll ich ihm folgen?«

»Nein. Er könnte das bemerken. Ich hätte nur Schaden davon. Auf alle Fälle aber mußt Du halb drei Uhr daheim sein. Man weiß nicht, wie Du mir nothwendig werden kannst.«

Anton ging, und der Fürst kehrte nun in die Wasserstraße zurück, um zu erfahren, ob der Diamant dort verkauft worden sei. Er klopfte an die Thür, und Rebecca öffnete halb.

»Wer ist da?« fragte sie.

Er hatte keine Lust, hier auf der Straße eine lange Vorverhandlung anzuknüpfen; darum stieß er die Thür auf, so daß die Alte zurück und gegen die Mauer flog.

»Herr Sabaot!« schrie sie auf. »Salomonleben, komm heraus, zu retten Dein Weib Rebecca aus den Händen dieses Sohnes der Hethiter und Jebusiter.«

»Schweig, dummes Weib!« herrschte sie der Fürst an. »Ich thue Dir nichts; aber es kann mir gar nicht einfallen, mich da draußen von Dir verhören zu lassen!«

Da wurde die Thür zur Stube geöffnet; Salomon streckte die Nase vor und fragte:

»Was ist's, Rebeccchen? Warum hast Du geschrien?«

»Dieser Mann ist hereingekommen, ohne zu warten, bis ich es ihm erlaube, und hat mich geworfen gegen die Mauer, daß mir gesprungen ist das Feuer aus den Augen, gerade als ob ich wäre der Zunder und die Mauer der Feuerstein!«

Der Jude hatte den Fürsten noch gar nicht bemerkt. Jetzt trat er weiter heraus, betrachtete ihn und fragte dann:

»Herr, warum werfen Sie mein Weib an die Wand?«

»Nur nicht grob, Jude, sonst fliegst Du auch daran! Kommt einmal herein mit einander!«

Er schob die Beiden in die Stube. Sie blickten ihn ganz erschrocken an. Er aber betrachtete sie sich lächelnd und sagte dann:

»Ich komme, um mich nach Etwas zu erkundigen, und ich hoffe, daß Ihr mir die Wahrheit sagt.«


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»Salomon Levi sagt niemals eine Lüge, Herr! Und Rebecca, sein Weib, ist die Wahrheit selbst, die Wahrheit personificirt, so daß sie könnt werden gemalt auf die Leinwand als junge Göttin der Wahrheit und gehängt an die Wände, eingerahmt in Gold und mit einer Glastafel für einen Gulden.«

»Werden sehen, ob es stimmt! Habt Ihr vor Kurzem Besuch gehabt, Salomon Levi?«

»Besuch? Ja, den haben wir vor Kurzem gehabt.«

»Wer war es?«

»Der Herr Rabbiner Ben Johaba, welcher ist bei uns geblieben fast eine ganze Woche lang.«

»So meint ich es nicht. Ich spreche von heute Abend. Wer war die letzte Person, welche bei Euch war?«

»Das war Fräulein Sarah Rubinenstein, welche ist die letzte und einzige Freundin meiner Tochter Judithleben.«

»Wann ging sie fort?«

»Sie ist gegangen, als die Glocke schlug die zehnte Stunde.«

»Später war Niemand da?«

»Kein Mensch.«

»Jude, Du lügst!«

»Rebecca, Weib, sage, ob ich lüge!«

»Herr, er hat die reine Wahrheit gesprochen!« betheuerte sie.

»Du lügst ebenso, Alte! Du kannst allerdings an die Wand gehängt werden, aber ohne Glas und Rahmen, einfach mit einem Strick an den Nagel und zwar als Göttin der Lüge!«

Das war dem alten Salomon denn doch zuviel. Er stellte sich in Positur, stemmte die Hände in die Seiten und rief:

»Herr! Wissen Sie, daß ich habe das Recht meines Hauses!«

»Ihr Hausrecht meinen Sie, Verehrtester? Ja!«

»Und daß ich kann Sie werfen hinaus?«

»Ja, bitte, versuchen wir es!«

»Nein, ich werde nicht eher legen meine Hand an Sie, als bis ich Sie habe aufgefordert drei Mal, sofort zu verlassen, meine Wohnung. Gehen Sie dann noch nicht, so werde ich nicht nur legen eine Hand an Sie, sondern alle beide Hände!«

»Schön! Also beginnen wir!«

»Verlassen Sie mein Haus!«

»Das ist einmal!«

»Verlassen Sie mein Haus augenblicklich!«

»Zweimal!«

»Verlassen Sie sofort mein Haus!«

»Dreimal!«

»Sie gehen nicht?«

»Nein.«

»So werde ich legen meine Hand an Sie und Sie werfen hinaus auf


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die Straße, wo da ist der Schnee am Tiefsten und das Eis am Kältesten!«

»Thun Sie es! Ich warte darauf, Werthester!«

Salomon blickte seine Frau an und sie ihn; beide waren wortlos. Der gute Hehler und Handelsmann war niemals ein Held gewesen. Jetzt fühlte er sogar Furcht.

»Ich werde Sie verklagen wegen Friedensbruch des Hauses!« drohte er, indem er sich ein fürchterliches Aussehen zu geben versuchte.

»Und ich werde sagen, daß Sie ein alter Fuchs sind, ein Lügner, wie er im Buche steht! War wirklich nach Fräulein Sarah Rubinenthal Niemand hier bei Euch?«

»Kein Mensch, sage ich!«

»Und doch wurde Euch ein Diamant zum Kaufe angeboten!«

Die Beiden erschraken.

»Ein Diamant?« fragte der Alte.

»Ja.«

»Was weiß ich davon? Weißt Du es, Rebeccaleben?«

»Kein Wort weiß ich!«

»Nun gut! Seht einmal her! Da! Und wenn Ihr noch jetzt die Wahrheit verleugnet, arretire ich Euch Beide.«

Er zeigte ihnen die Polizeimedaille hin.

»Gott der Gerechte!« rief der Jude. »Ein Polizist! Einer von dem berühmten Corps, welches man nennt die Herren Detectives von der Geheimpolizei!«

»So ist es! Also heraus mit der Wahrheit! Oder wollt Ihr vielleicht auch jetzt noch leugnen?«

»Nein, mein hochgeehrter Herr Polizist! Ein Mann des Geschäftes sagt nicht Jedermann, was er weiß; aber die Polizei ist mein Freund; ich liebe sie; ich werde ihr Alles sagen.«

»Gut! Also es war ein Mann hier mit einem Diamanten?«

»Ja.«

»Er bot ihn zum Kaufe an?«

»Ja.«

»Hast Du ihn gekauft, Alter?«

»Wie habe ich können kaufen den Stein? Bin ich doch ein armer Mann, welcher nicht hat hundert Gulden in seinem Hause, um viel weniger so viel, wie wurde verlangt.«

»Du lügst auch jetzt noch! Du bist wohlhabend und hast Geld genug. Mir aber genügt, daß Du den Stein nicht gekauft hast. Wie viel wurde verlangt?«

»Hundertzwanzigtausend Gulden.«

»Und wie viel war er werth?«

»Weiß ich es? Habe ich jemals gekauft einen Diamanten? Kann ich überhaupt kaufen Edelsteine? Ich weiß, was werth sind ein Paar Schuhe


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oder Stiefel, welche sind ohne Sohlen und Absätze, aber ich weiß nicht, was werth ist ein Diamant!«

»Kanntet Ihr den Menschen?«

»Nein.«

»Er war noch nicht bei Euch?«

»Noch nicht in seinem ganzen Leben.«

»Wohl, so will ich mich mit dieser Antwort begnügen. Wie aber steht es nun mit dem Hinauswerfen?«

»Herr, das war ein Spaß! Man ist oft aufgelegt, zu machen eine kleine Art Jux von Scherz.«

»So will ich es also betrachten. Gute Nacht!«

»Gute Nacht! Schlafen der Herr Geheimpolizist wohl! Rebeccaleben, lasse ihn hinaus und verschließe die Thür, daß nicht etwa noch Einer kommt, Dich zu werfen an die Wand!«

Jetzt hatte der Fürst in dieser Stadtgegend nichts mehr zu thun. Er kehrte nach Hause zurück. Dort fand er, daß Adolf fleißig gewesen war. Der Inhalt des Juwelenschrankes war umgetauscht worden. Die Dienerschaft erhielt ihre Befehle. Sämmtliche Leute sollten sich in einem nahen Zimmer einschließen. Sie waren bewaffnet, erhielten aber die Weisung, sich gänzlich ruhig zu verhalten und nur dann anzugreifen, wenn der Fürst selbst es befehlen würde. Um zwei Uhr sollten alle Lichter verlöscht sein.

Halb drei Uhr, als bereits Alles finster war, kehrte Anton zurück. Er meldete, daß der Baron sich noch immer im Casino befinde, und begab sich dann in das betreffende Zimmer zu den anderen Leuten.

Nun legte sich der Fürst zu Bette, aber angekleidet und mit zwei Revolvern bewaffnet. Adolf begab sich hinab in den Garten, an dessen Thor er Posto faßte.

Die Zeit verging, und es schlug drei Uhr. Da löste sich, nicht weit von dem Gitterthore, eine Gestalt aus dem Schatten eines Baumes los und kam langsam näher. Der Mann that ganz so, als ob er in tiefe Gedanken versunken sei und die Absicht habe, vorüber zu gehen. Als er eben am Thore anlangte, entfiel seinen Händen ein weißes Taschentuch.

»Pst!« flüsterte Adolf. »Kommen Sie vom Hauptmanne?«

Der Mann hatte sich ruhig niedergebückt, um das Tuch aufzuheben. Jetzt machte er eine gut gespielte Bewegung der Ueberraschung und fragte, auch in gedämpftem Tone:

»Sprach hier Jemand?«

»Ja.«

»Was sagten Sie?«

»Ob Sie vom Hauptmann kommen?«

»Ich weiß gar nicht, was Sie meinen!«

Da aber knirschte es leise hinter Adolf im Sande, und in demselben Augenblicke stand ein zweiter Mann neben ihm.

»Brauchst nicht so sehr vorsichtig zu sein!« sagte dieser zu dem draußen


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Stehenden. »Wir haben uns überzeugt, daß wir sicher sind. Steig leise über!«

Der Aufgeforderte war so leicht und schnell über den Zaun herüber, daß er darin eine sehr gute Uebung haben mußte.

»Ist der Hauptmann da?« fragte er.

»Ja. Ich werde ihm das Zeichen geben.«

Er schnippste mit dem Finger. Dies gab keinen sehr lauten Ton, doch war derselbe auf eine ziemliche Entfernung hin zu vernehmen. Einige Augenblicke später kam eine dritte Gestalt herbei gehuscht, welche bei Adolf stehen blieb, während sich die beiden Anderen in respectable Entfernung zurückzogen.

»Sie sind der Diener Adolf?« fragte der Mann.

»Ja.«

»Ich bin der Hauptmann. Sie legen heute Ihre Probe ab. Bestehen Sie dieselbe, werden Sie eine Restauration erhalten; bestehen Sie dieselbe aber nicht, oder treiben Sie gar Verrath gegen uns, so sind Sie bereits jetzt ein todter Mann!«

»Ich habe versprochen, Sie einzulassen, und ich pflege mein Wort zu halten, Herr Hauptmann.«

»Einlassen, ja! Aber hat man uns keinen Hinterhalt gelegt?«

»Nein. Sie werden sich überzeugen, daß ich es vollständig ehrlich meine.«

»Wir werden sehen und natürlich trotz Ihrer Versicherungen unsere Vorsichtsmaßregeln treffen. Sie dürfen uns das nicht übel nehmen; wir kennen Sie noch nicht. Später wird das anders sein!«

»Ich hoffe es!«

»Der Garten ist bereits seit einigen Stunden besetzt. Man meldet mir, daß vor kurzem, vielleicht vor einer halben Stunde, ein Mann das Palais betreten habe. Wer war das?«

»Ein College von mir, ein Diener.«

»Woher kam er?«

»Von seiner Geliebten.«

»Ah, so! Ist er schlafen gegangen?«

»Ja.«

»Gut! Wissen Sie, um was es sich handelt?«

»Ich kann es mir denken.«

»Der Architect, welcher Sie heute engagirte, hat Ihnen wohl gar nichts davon gesagt?«

»Er verlangte, daß ich ihm das Innere des Palais zeigen solle.«

»Das war vorsichtige Redensart. Sie werden erkennen, daß wir einen bestimmten Zweck verfolgen. Es wurde mir gesagt, daß Sie keine Veranlassung haben, Ihrem Herrn sehr zugethan zu sein?«

»Das habe ich allerdings gesagt und auch bewiesen.«

»Nun, wir werden Sie heute an ihm rächen, und Sie sollen Ihren Vortheil dabei finden. Wir haben es dabei auf einen ganz besonderen Gegenstand abgesehen, nämlich auf den Juwelenschrank. Der ist Ihnen doch bekannt?«


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»Natürlich!«

»Wo steht er?«

»Im Toilettenzimmer.«

»Wo schläft der Fürst?«

»Daneben.«

»Ist der Schrank verschlossen?«

»Ich glaube, vorhin, als der Herr zur Ruhe ging, bemerkt zu haben, daß der Schlüssel stecken geblieben ist.«

»Schön! Haben Sie den Hausschlüssel?«

»Ja. Aber Sie brauchen ihn nicht; die Thüre ist angelehnt.«

»Wo befindet sich das Toilettenzimmer?«

»Die Treppe hinauf, im Corridore die vierte Thüre rechts.«

»Also, es ist wirklich im Hause Niemand mehr wach?«

»Kein Mensch. Aber nehmen Sie sich vor dem feuerfesten Geldschrank in Acht! Sobald man vor ihn hintritt, gehen verborgene Selbstschüsse los.«

»Hm! Ich sehe, daß Sie es wohl ehrlich mit uns meinen, aber ich muß Sie dennoch fesseln. Kommen Sie her!«

»Fesseln? Warum, Herr?«

»Aus Vorsicht. Sie zeigen uns den Weg, bleiben jedoch unter der Bedeckung eines Mannes außerhalb des Toilettenzimmers. Finde ich Sie treu, so geschieht Ihnen nichts; Sie werden vielmehr entfesselt und erhalten sofort dreihundert Gulden. Finde ich aber das Gegentheil, so sitzt Ihnen augenblicklich ein Messer im Herzen.«

»Daraufhin will ich mich getrost fesseln lassen. Hier!«

Der Hauptmann band ihm die Hände auf den Rücken. Auf ein abermaliges Fingerschnippsen kamen eine ganze Menge von Leuten herbeigehuscht. Es konnten wirklich dreißig Personen sein.

»Also,« befahl der Hauptmann mit leiser Stimme, »es wird von hier bis zum Schranke hinauf Reihe gebildet. Jeder kennt seine Nummer und findet also seine Stelle. Eins fängt hier unten an. Zwei arbeiten am Schranke, indem sie die einzelnen Stücke weiter geben. Ist der Schrank leer, kehren Alle nach hier zurück. Jeder brennt seine Laterne an. Wer uns stört, wird kalt gemacht. Vorwärts!«

Einer der Männer faßte Adolf beim Arme und zog ihn vorwärts. Drin, im Innern des Hauses angekommen, brannte Jeder seine Diebeslaterne an. Dann bildete sich eine Reihe vom Flur an, die Treppe empor, den Corridor entlang bis in das Innere des Toilettenzimmers. Vor der geöffneten Thür desselben stand Adolf mit seinem Wächter. Es war ihm, als ob er träume, so blitzschnell und völlig lautlos arbeiteten diese Leute. Band um Band der Bibliothek flog von Hand zu Hand. In Zeit von kaum zehn Minuten war man zu Ende.

»Wir sind mit Ihnen zufrieden,« sagte der Wächter zu dem Diener, indem er ihm die Fesseln löste. »Hier sind drei Hundertguldenscheine. Hinter uns können Sie das Haus verschließen.«


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Er entfernte sich. Die Gestalten und Laternen huschten die Treppe hinab. Da eilte Adolf in das Schlafzimmer seines Herrn.

»Durchlaucht!« sagte er leise.

»Ja. Kommen Sie noch nicht?«

»O, sie sind bereits fertig! Sie gehen. Ich aber springe nach, um vielleicht zu erfahren, wohin man den Raub schafft.«

»Schön! Jedenfalls erfahre ich es auch. Du triffst mich am Brunnen beim Palais des Barons von Helfenstein.«

Adolf eilte fort. Der Fürst wartete noch kurze Zeit, dann begab er sich hinab vor die Thür. Es war keine Spur des Geschehenen zu bemerken. Erst nun gab er seinen Leuten die Erlaubniß, ihr Zimmer zu verlassen und Licht anzuzünden. Es zeigte sich, daß der Schrank vollständig leer war. Sonst aber hatte man nicht das Geringste entfernt oder beschädigt.

»Anton, jetzt schnell zum Baron,« sagte der Fürst. »Wir müssen Gewißheit haben. Nimm für Adolf die Maske mit!«

Kaum zehn Minuten später stand er wieder am Brunnen, als alter Mann verkleidet. Er hatte Anton nach dem Casino gesandt. Dieser kehlte nach einiger Zeit mit der Meldung zurück, daß der Baron sich noch dort befinde.

»Wunderbar!« meinte der Fürst.

»Er kann also der 'Hauptmann' unmöglich sein!«

»Fast scheint es so. Aber warten wir!«

Nach ungefähr einer Stunde kam auch Adolf.

»Hast Du Erfolg gehabt?« fragte der Fürst.

»Wohl gar keinen. Hoffentlich sind der gnädige Herr glücklicher gewesen als ich.«

»Wir haben gar kein Glück gehabt.«

»Und ich ebenso. Als ich nach unten kam, sprang gerade der Letzte über die Mauer. Die Anderen waren bereits fort. Er trug ein Packet auf dem Rücken. Ich machte ihm nach durch eine Menge Gassen und Gäßchens bis zur Mauerstraße. Dort aber verlor ich ihn leider aus dem Gesicht.«

»Mauerstraße?« meinte der Fürst. »Vielleicht kann uns das als Fingerzeig dienen. Die Gegend dort ist einsam. Es ist sehr möglich, daß sich gerade dort der geheime Schlupfwinkel der Bande befindet, wohin sie den Raub schafft. Man muß diese Gegend beobachten.«

»Nun möchte ich wissen, wo sich jetzt der Baron befindet,« sagte Adolf.

»Noch immer im Casino,« antwortete Anton.

»Wirklich? So haben wir uns geirrt. Er kann der Hauptmann dann unmöglich sein!«

»Aber die Baronin hat ja die Diamanten?«

»Das kann Zufall sein und braucht gar nicht mit dem Einbruche des Hauptmannes zusammen zu hängen.«

»Wir werden hierüber schon noch Klarheit erlangen,« sagte der Fürst. »Haben wir die Spur des Hauptmannes verloren, so werde ich wenigstens


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meine Diamanten festhalten. Legt Eure Masken an. Wir werden den Baron erwarten, und Ihr sollt dabei sein, weil es möglich ist, daß ich später Zeugen brauche, da ich jetzt die Baronin noch schonen will.«

Die Bärte und Perrücken wurden angelegt. Dann warteten die drei Männer, bis der Baron kam. Als dies geschah, war es bereits fast fünf Uhr. Er schritt, das Pförtchen gar nicht beachtend, auf das vordere Entrée zu und streckte bereits die Hand nach dem Glockenzuge aus, um den Portier zu rufen, als plötzlich ein alter Herr vor ihm stand - der Fürst, den er aber, ganz natürlich, nicht kannte.

»Der Herr Baron von Helfenstein?« fragte er.

»Ja. Was giebt es?«

»Darf ich vielleicht um eine kleine Audienz ersuchen?«

»Wie kommen Sie mir vor! Eine Audienz? Jetzt?«

»Allerdings!«

»Was wollen Sie?«

»Ich werde mir gestatten, es Ihnen in Ihrem Zimmer zu sagen.«

»Ah! Also in's Zimmer wollen Sie mit?«

»Meinen Sie, daß man Audienzen auf der Straße ertheilt?«

»Was ist das für ein Ton? Sie wissen doch, mit wem Sie sprechen?«

»Mit dem Herrn Franz von Helfenstein.«

»Wer sind denn Sie?«

»Hier meine Legitimation.«

Der Baron erblickte die bekannte Medaille. Es fuhr ihm wie ein Stich durch alle Glieder. Was war das? Was wollte die Polizei bei ihm? Jetzt, zu dieser Tageszeit? Er sammelte sich jedoch schnell und sagte:

»Einem Polizeibeamten giebt man nur im Nothfalle einen abschlägigen Bescheid; aber konnten Sie denn keine andere Zeit für den Vortrag Ihrer Wünsche finden?«

»Leider nein!«

»So kommen Sie!«

Er schellte.

»Sie gestatten vielleicht, daß diese beiden Herren auch mit Zutritt nehmen, Herr Baron!«

Helfenstein drehte sich rasch um. Hinter ihm standen, ohne daß er es bemerkt hatte, Adolf und Anton. Das vermehrte die Verlegenheit des Barons noch mehr. Drei Personen! Das konnte doch wohl nichts Unwichtiges und Gewöhnliches sein!

»Sind diese Herren auch Polizisten?« fragte er.

»Ja.«

»Ihre Medaillen!«

»Die meinige genügt. Sie legitimirt mich, und ich hinwiederum legitimire meine beiden Collegen. Hoffentlich genügt Ihnen das!«

»Kommen Sie!«

Eben hatte der Portier geöffnet und Licht angebrannt. Er wunderte sich


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nicht wenig, zu dieser Stunde drei Fremde in Begleitung seines Herrn zu sehen. Er leuchtete die Vier nach oben und brannte im Zimmer des Barons die Kerzen an. Dann entfernte er sich.

Der Baron versuchte, möglichst unbefangen zu erscheinen. Er brannte sich eine Cigarre an, warf sich auf das Fauteuil und fragte:

»Ich hoffe, daß ich nun den Grund Ihrer Aufmerksamkeit vernehmen werde, meine Herren?«

»Augenblicklich noch nicht, Herr Baron. Der Gegenstand, den wir Ihnen vorzutragen haben, erfordert unbedingt die Anwesenheit auch Ihrer Frau Gemahlin!«

»Meine Frau? Die Baronin soll kommen?« fragte er, mehr erstaunt, als erzürnrt.

»Wir bitten darum!«

»Ah! Das ist stark! Früh fünf Uhr eine Audienz! Und dazu soll die Baronin von Helfenstein geweckt werden!«

»Wir müssen leider auf unserem Wunsche bestehen!«

»Bestehen? Ah, ich dächte, hier könnte nur von einer Bitte die Rede sein, meine Herren!«

»Wir sind nicht Supplikanten, sondern Beamte!«

»Alle Teufel! Das klingt ja wie eine Drohung!«

»Hören Sie wirklich eine solche heraus? Ich will Ihnen nicht widersprechen.«

Der Baron stand auf. Er war leichenblaß geworden. Er trat auf den Fürsten zu und sagte:

»Herr, wer sind Sie, daß Sie es wagen, in einem solchen Tone zu mir zu sprechen?«

»Ich habe mich als Beamter der Polizei legitimirt!«

»Aber welchen Grad begleiten Sie? Uebrigens kann ein solches Legitimationszeichen auch in die Hände eines Spitzbuben gelangen. Ich verlange, daß Sie sich genügender legitimiren.«

Der Fürst hatte einen Todtfeind vor sich, den Mörder seines Glückes und seiner Jugendhoffnungen. Dennoch ließ er sich nicht vom Zorne hinreißen, sondern er antwortete ruhig:

»Ich ersuche Sie um Ihretwillen, keine andere Legitimation zu verlangen. Ich gestehe Ihnen offen, daß mein Besuch bei Ihnen jetzt noch ein privater ist. Bestehen Sie aber auf Ihrem Verlangen, nun, dann werden Sie die Folgen tragen!«

Der Baron wußte nicht, was er sagen sollte. Sein Gewissen klagte ihn zwar an; aber sein Stolz bäumte sich gegen das Auftreten dieser drei Männer auf.

»Sie bestehen also darauf, meine Frau zu sprechen?« fragte er.

»Ja.«

»Gut! Warten Sie! Ich werde sie selbst wecken. Aber ich sage Ihnen zugleich, daß ich mich nur Ihrem amtlichen Character beuge und daß


Ende der sechzehnten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk