Lieferung 17

Karl May

6. Dezember 1884

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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ich mir noch im Laufe des heutigen Tages Satisfaction verschaffen werde. Ich würde Sie unbedingt fortweisen, wenn dies nicht als Widerstand gegen die Staatsgewalt strafbare wäre.«

»Wir sind Ihnen zu jeder Satisfaction bereit, bitten Sie aber nochmals, uns die Gegenwart der Frau Baronin zu ermöglichen, da wir auf dieselbe nicht verzichten dürfen.«

»Warten Sie!«

Er ging.

Ella von Helfenstein hatte sich eingeschlossen. Sie erwachte, als sie klopfen hörte. Als der Baron seinen Namen nannte, war sie gar nicht verwundert, daß er sie weckte. Sie nahm an, daß sein Unternehmen geglückt sei, und die Freude darüber sollte sie nun nicht verschlafen, sondern mit ihm theilen.

Ihr Nachtlicht brannte. Sie warf schnell ein Neggligée über und öffnete. Sie war reizend; er beachtete es gar nicht.

»Nun? Gelungen?« fragte sie.

»Ja, vollständig!«

»Gott sei Dank!«

»Unsinn! Dankt diese Frau Gott für einen gelungenen Einbruch! Wer sollte das für möglich halten. Also, es ist gelungen, und die Schätze befinden sich in Sicherheit. Aber nun - denke Dir! - Ich komme aus dem Casino heim und finde am Thore drei Polizisten, welche mich erwartet haben, weil sie mit mir und Dir zu sprechen wünschen!«

Ihre Augen wurden größer als vorher.

»Ist das möglich?« sagte sie.

»Man sollte es nicht denken! Früh fünf Uhr!«

»Du hast sie doch abgewiesen?«

»Ich versuchte es, aber es gelang mir nicht. Sie befinden sich jetzt in meinem Zimmer.«

»Das ist mir völlig unverständlich!«

»Mir ebenso!«

»Wie treten sie denn auf?«

»Sie bitten nicht sondern sie fordern auch Deine Gegenwart.«

»Mein Gott! Sollte man eine Ahnung haben, daß Du -«

»Papperlapapp! Damit hat dieser Besuch nichts zu schaffen. Der Streich ist gelungen. Jedenfalls weiß nicht einmal der Fürst, daß er bestohlen ist. Es handelt sich um etwas ganz Anderes.«

»Aber hast Du denn eine Idee, wovon?«

»Nein. Du?«

»Auch nicht.«

»Nun, so werden wir es wohl erfahren. Aber wehe diesen drei Burschen, wenn sie sich etwa erlaubt haben, über die Grenzen ihrer Amtsgewalt hinauszugehen! Dann soll sie der Teufel holen! Dafür werde ich schon sorgen!«


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»Also ich soll mit ihnen sprechen?«

»Wie es scheint, wird Dir dies nicht erspart bleiben!«

»Aber wo?«

»Bei mir. Das wird das Vortheilhafteste sein!«

»So werde ich das Mädchen wecken, mich anzukleiden.«

»Thue das. Aber laß mich mit diesen Menschen nicht allzu lange allein. Es möchte mir sonst die Galle überlaufen.«

»Wir müssen uns immer darauf vorbereiten, daß man von Eurem Einbruche spricht. Hoffentlich bist Du Herr Deines Gesichts.«

»Bleibe Du nur Herrin des Deinigen! Und jetzt beeile Dich!«

Er ging, und sie klingelte der Zofe, welche sich nicht wenig wunderte, daß ihre Herrin sich bereits zu so früher Tagesstunde anzukleiden wünschte. Die Morgentoilette nahm nicht viel Zeit in Anspruch: dann begab sie sich zum Baron.

Dieser saß halb abgewendet auf der Ottomane, während die Drei auf Stühlen Platz genommen hatten. Sie erhoben sich höflich beim Eintritte der Dame.

»Meine Frau!« sagte der Baron in arrogantem Tone. »Dies sind die Herren, Ella, welche glauben, daß ein Baron von Helfenstein gezwungen sei, bereits früh fünf Uhr Audienz zu gewähren.«

Sie warf einen hochmüthigen, verächtlichen Blick auf sie und antwortete, die Schultern zusammenziehend:

»Warum hast Du sie nicht abgewiesen? Bereits am Tage sucht man sich die Personen aus, mit denen man zu sprechen beliebt; in der Nacht darf man wohl noch wählerischer sein! Du bist zu nachsichtig!«

Sie ließ sich in der Haltung einer Königin in den Sessel fallen.

»Ja, wir geben zu, daß Baron Franz von Helfenstein nachsichtig ist,« sagte da der Fürst. »Wer sich von der Schwester eines als Schmuggler erschossenen Bauern, die einst Kammermädchen war, vorschreiben läßt, mit wem er sprechen darf, der ist entweder ganz ungeheuer nachsichtig, oder - ein Waschlappen.«

Diese Worte wirkten wie ein Funke in's Pulver. Ella sprang auf; ihre Züge verzerrten sich; aber sie brachte vor Grimm kein Wort hervor. Auch der Baron war aufgesprungen. Sein Gesicht war leichenblaß; aber seine Augen flammten in glühendem Lichte.

»Was war das?« fragte er. »Was wagt Ihr?«

In seiner Rechten hielt er einen Revolver, den er aus der Tasche gezogen hatte. Aber zu gleicher Zeit waren auch die Läufe der drei Polizisten auf ihn gerichtet.

»Was das war?« fragte der Fürst. »Es war die wohlverdiente Zurückweisung einer Provocation. Doch behalten wir Platz! Legen Sie Ihre Waffe weg, Herr von Helfenstein! Sie sehen, daß Sie uns gegenüber im Nachtheile sind!«

»Ja,« antwortete der Baron, indem er den Revolver von sich warf. »Es


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giebt Subjecte, welche keiner Kugel werth sind. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie Ihre Frechheit heute noch büßen werden!«

»Lassen wir das! Sie sind anwesend und die Baronin auch. Wir können also auf den Zweck unseres Besuches kommen. Es ist wohl nicht nöthig, Ihnen, meine Herrschaften, mitzutheilen, daß in letzter Nacht beim Fürsten von Befour ein Einbruch stattgefunden hat?«

Weder der Baron noch Ella antworteten. Auch ihre Gesichter zeigten nicht die mindeste Bewegung.

»Ich bemerke, daß Sie nicht im Mindesten überrascht sind,« fuhr der Fürst fort. »Es ist also anzunehmen, daß Ihnen diese Begebenheit nichts Neues ist!«

Immer noch dasselbe Schweigen.

»Wir sind gekommen, über diesen Einbruch mit Ihnen zu verhandeln, und dabei muß ich Ihnen aufrichtig sagen, daß wir die Meinung hegen, daß Sie Beide der Einbrecherbande nicht fern stehen.«

Das war zu stark. Jetzt konnte der Baron sein Schweigen nicht länger festhalten. Er sprang auf und rief:

»Sind Sie verrückt? Soll ich Sie etwa auf das Irrenhaus schaffen lassen?«

»Oder ich Sie auf das Zuchthaus, Franz Helfenstein?«

Da stieß der Baron einen Schrei aus, der Demjenigen eines Raubthieres glich, und stürzte sich mit geballten Fäusten auf den Fürsten. Dieser hob kaltblütig das Bein und empfing ihn mit einem Fußtritte, der ihn zu Boden stürzte.

»Haltet ihn!«

Diese Worte rief der Fürst seinen beiden Dienern zu. Diese hatten nicht geahnt, daß die Audienz in dieser Weise beginnen werde; doch waren sie auf Alles gefaßt, und so gehorchten sie augenblicklich. Sie ergriffen den Baron und hielten ihn fest. Er rief laut nach der Dienerschaft. Da aber sagte der Fürst:

»Schweigen Sie! Oder soll ich Sie vor Ihrem Gesinde blamiren? Denken Sie etwa, es mit einem gewöhnlichen Schutzmanne zu thun zu haben? Ich bin der Fürst des Elendes, hören Sie, der Fürst des Elendes. Setzen Sie sich nieder, und verhalten Sie sich ruhig! Das muß ich Ihnen zu Ihrem eigenen Vortheile rathen!«

Der Name, den er nannte, verfehlte seinen Eindruck nicht. Ella machte eine rasche Bewegung, ob vor Schreck oder blos vor Ueberraschung, das war schwer zu sagen. Der Baron aber stand mit offenem Munde und stieren Augen da. Sein Feind, sein Erzfeind im eigenen Hause, im eigenen Zimmer! Das raubte ihm geradezu die Sprache.

»Kommen wir also auf den Einbruch zurück,« fuhr der Fürst fort. »Der Fürst von Befour hatte einen Diener, der ihn zu verrathen trachtete und seit Langem die Absicht hegte, sich dem sogenannten Hauptmanne anzuschließen. Es


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stand zu erwarten, daß ein Einbruch beim Fürsten die Folge sei, und darum hielt ich es für meine Pflicht, ihn zu warnen«

Er machte eine Pause. Da Niemand Etwas bemerkte, fuhr er fort:

»Meine Voraussetzung hat sich als begründet erwiesen. Gestern wurde zwischen diesem untreuen Diener und einem Untergebenen des Hauptmannes ein Einbruch beschlossen, welcher in letzter Nacht stattgefunden hat. Ich hörte noch zur rechten Zeit davon und warnte den Fürsten. Er traf seine Maßregeln. Die Einbrecher haben seinen Juwelenschrank ausgeräumt und sind der Ansicht, Millionen gewonnen zu haben. Sie irren sich. Der Fürst hat seine Schätze ausgeräumt und mit ganz werthlosem Plunder vertauscht. Man wird den Dieben nicht hundert Gulden für ihren Raub bieten.«

Die Augen Ella's und des Barons trafen sich; beide aber schwiegen.

»In Anbetracht des geringen Verlustes, den er erlitt, und des Spaßes, den ihm diese wohlgelungene Täuschung bereitete, hat der Fürst von einer polizeilichen Meldung des Einbruches und von der Verfolgung der Verbrecher abgesehen. Leider aber ist er doch anderweit nicht ohne schweren Verlust geblieben, obgleich er diesen Verlust noch gar nicht kennt. Ich kenne den Dieb. Ich habe Lust, Nachsicht zu hegen, und erkläre daher Folgendes: Giebt der Dieb mir die gestohlenen Steine jetzt zurück, so will ich von einer strafrechtlichen Verfolgung dieser gemeinen That absehen. Die Steine gelangen an ihren Platz zurück, ohne daß der Fürst erfährt, daß er sich einige Stunden lang nicht in ihrem Besitze befunden hat!«

Ella lag todtesbleich auf ihrem Sitze. Es war unmöglich, daß dieser Mann wissen konnte, daß sie die Steine habe; aber er sprach mit einer Sicherheit, welche infallibel zu sein schien. Der Baron aber wußte gar nichts zu sagen.

»Sie schweigen Beide?« fragte der Fürst nach einer Pause.

»Ich verstehe Sie nicht!« stieß der Baron hervor.

»Verstehen auch Sie mich nicht, Frau Baronin?«

Sie sah ein, daß sie antworten müsse. Sie nahm sich daher zusammen, zuckte mitleidig die Achsel und sagte:

»Ihre Reden kommen mir nicht anders vor, als wie die Phantasien eines Irrenhäuslers. Sie nennen sich den Fürsten des Elendes. Diesen Mann muß man sich anders vorstellen als Sie. Sie haben einfach gelogen!«

Der Fürst lächelte leise vor sich hin. Er antwortete:

»Ich will Sie nicht mit gleicher Münze bezahlen. Meinen Sie wirklich, daß ich lüge oder irre spreche? Ich rede jedenfalls correcter als Sie sprechen und handeln. Eine kluge Diebin wird, wenn sie sich entdeckt sieht, gern und sofort ein Mittel ergreifen, welches man ihr darbietet, um Nachsicht mit ihr hegen zu dürfen.«

»Diebin?« stieß sie hervor, indem ihre Augen einen gläsernen Glanz bekamen.

»Diebin!« brüllte der Baron. »Mensch, Schurke, ich zermalme Dich! Wie kannst Du -«


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»Halt! Schweigen Sie!« rief ihm der Fürst entgegen. »Die Baronin von Helfenstein ist eine Diebin! Sie hat die Steine gestohlen, von denen ich erzählte!«

Der Baron zitterte vor Aufregung am ganzen Leibe.

»Ella,« sagte er, »strafe ihn Lügen, und dann werde ich ihn vernichten, sofort, auf der Stelle!«

Sie war kaum noch ihrer Sinne mächtig. Sie mußte alle ihre Kraft zusammennehmen, um sagen zu können:

»Es ist eine Lüge! Strafe ihn!«

»Sie leugnen noch?« fiel der Fürst ein. »Wer ging denn noch gestern Abend in männlicher Kleidung und mit falschem Bart und Haar aus, um einen dieser Steine zu verkaufen? Leider bot der Jude Salomon Levi zu wenig, und so kehrten Sie resultatlos nach Hause zurück!«

»Ist das wahr?« rief der Baron.

»Nein! Nein!« antwortete sie.

»So zwingen Sie mich, Ihnen zu beweisen, daß es wahr ist. Herr von Helfenstein, ich werde jetzt bei Ihrer Frau nach den gestohlenen Steinen suchen!«

»Wage es, Hallunke!«

»Gut! Ich stelle Ihnen die Alternative: Entweder lassen Sie mich nach dem Gestohlenen suchen, und dann kann die Angelegenheit vielleicht noch beigelegt werden, oder ich sende sofort, jetzt gleich, einen meiner Collegen nach polizeilicher Hilfe. Dann wird öffentlich, in Gegenwart Ihrer Dienerschaft, ausgesucht, und die Angelegenheit kann nicht mehr zurückgenommen werden.«

»Ella, soll ich es darauf ankommen lassen? Bist Du schuldig oder unschuldig?« fragte der Baron.

Da raffte sie sich zusammen, stand auf, trat auf den Fürsten zu und sagte in hoheitsvoller Haltung:

»Mensch, Sie sind wirklich ein Verrückter! Verlassen Sie augenblicklich dieses Haus, sonst lasse ich Sie arretiren!«

Da that auch der Fürst einen Schritt auf sie zu. Sein Auge flammend auf das ihrige gerichtet, sagte er:

»Es ist mir wirklich unbegreiflich, wie ich zu der riesigen Nachsicht Ihnen gegenüber komme! Sie leugnen, leugnen immer noch? Als gestern der Fürst von Befour zu seinem Hausmeister gerufen wurde, ist die That geschehen; der Diener war in den Stall gesendet worden.«

»Lüge! Lüge!« erklärte sie.

»Weib!« donnerte ihr da der Fürst entgegen. »Nun habe ich es satt! Genug der Frechheit bis jetzt! Soll ich Dir sagen, wohin Du den Raub gesteckt hast?«

Sie schwieg. Ihre Kräfte wollten nicht länger ausreichen. Sie war einer Ohnmacht nahe. Ihr Mann trat herbei. Es war fürchterlich. Er, der Baron von Helfenstein, mußte sich eine solche Scene gefallen lassen! Er sagte:


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»Ja, sagen Sie es! Ich verlange es! Aber wenn es nicht stimmt, wenn es nicht wahr ist, so zertrete ich Sie unter meinen Füßen, wie man den elendesten der Würmer zertritt!«

»Pah! Spielen Sie sich nicht größer auf, als Sie sind! Ich brauche nur die Hand auszustrecken, um Sie zu zermalmen! Anton, führe den Baron hinüber! Zeige ihm das Versteck! Adolf mag mitgehen. Wir haben Zeugen nöthig.«

Der Baron schritt voran, und die beiden Polizisten folgten ihm. Der Fürst blieb mit Ella allein. Sie blickte ihn nicht an. Woher wußte er Alles? Aber noch hatte sie die Hoffnung nicht verloren. Es war ja fast unmöglich, ihr Versteck zu wissen. Vielleicht fanden sie es nicht. Sie hatte auch den Stein, welchen sie mit zu dem Juden genommen hatte, nach ihrer Rückkehr wieder zu den anderen gethan.

Es vergingen einige lange, lange Minuten. Da endlich nahten sich Schritte, eilig, wie im Sturmeslauf. Die Thür wurde aufgerissen, und Helfenstein stürzte herein.

»Weib!« brüllte er. »Du hast gestohlen!«

Er hatte die Fäuste geballt; sein Athem ging kurz, er befand sich im Zustande der äußersten Wuth. Da stand sie langsam auf, stellte sich ihm Auge in Auge und sagte:

»Und Du? Was hast Du gethan?«

Das Auge des Fürsten war mit allergrößter Spannung auf die Beiden gerichtet. Würden sie einander verrathen? Nein, denn es trat eine Störung ein. Die Thür wurde geöffnet, und die beiden Polizisten kamen zurück, Jeder einen der gestohlenen Beutel tragend. Das störte die Krisis: Mann und Frau traten langsam von einander fort. An den Ersteren wendete sich nun der Fürst:

»Herr von Helfenstein, nehmen Sie Ihre Beleidigungen zurück?«

»Ja, ich muß!« knirschte dieser. »Nun bleibt mir nichts Anderes übrig, als mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen!«

»Warum?«

»Das fragen Sie noch? Die Baronin von Helfenstein eine Diebin! Das darf ich nicht überleben! Man würde mit Fingern auf mich zeigen und mich mit Füßen treten!«

»Noch weiß Niemand davon!«

»Aber der Fürst von Befour wird Anzeige erstatten.«

»Ich sagte Ihnen ja, daß er noch gar nichts von dem Diebstahle ahnt. Er weiß noch gar nicht, daß die Edelsteine abhanden gekommen sind.«

»So werden Sie Strafantrag stellen!«

»Allerdings. Ich bin Ihnen eine räthselhafte Persönlichkeit. Ich will Ihnen sagen, daß ich Polizist bin. Ich habe ein Auge für Vieles, Vieles, was Andere nicht bemerken. Darum habe ich gestern den 'Hauptmann' betrogen; darum kannte ich die Diebin der Edelsteine, und darum entdeckte ich den Aufbewahrungsort der Letzteren. Ich bin unnachsichtlich gegen jede Uebertretung der Gesetze; aber ich habe mir von der Familie Helfenstein erzählen


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lassen und schenke den Angehörigen meine wärmste Theilnahme. Darum will ich Ihnen hier ein Fluchtpförtchen offen lassen.«

»Sprechen Sie; aber verlangen Sie nichts Unmögliches!«

»Was ich verlange, ist sehr naturgerecht. Wer stiehlt, ist entweder ein Dieb oder - geisteskrank. Einen Dieb oder eine Diebin lasse ich unnachsichtlich bestrafen; eine Geisteskranke aber kann geheilt werden. Ich gebe Ihnen von heute an fünf Tage Zeit. Befindet sich dann die Baronin von Helfenstein als geisteskrank in der Heilanstalt zu Rollenburg, so werde ich schweigen, und nicht einmal der Fürst von Befour soll von dem Diebstahl erfahren. Ist die Dame aber noch hier, so lasse ich sie arretiren und exemplarisch bestrafen. Dies ist mein einziges und letztes Wort in dieser Angelegenheit. Ihnen aber, Herr Baron, gebe ich den guten Rath, nicht so oft den Revolver einzustecken, besonders in der Nacht eines Einbruches; man könnte Sie sonst für einen Freund des geheimnißvollen 'Hauptmannes' halten oder gar für diesen selbst! Denken Sie über meine Worte nach, und seien Sie überzeugt, daß ich mir von meinen Bedingungen nicht ein Pünktchen abhandeln lassen werde. Wir werden uns nie sehen, als nur dann, wenn Sie mich zwingen, als Ihr Feind aufzutreten. Leben Sie wohl!«

Er ging, und seine beiden Begleiter folgten ihm.

»Habt Ihr die Steine gezählt?« fragte er unterwegs.

»Ja. Es fehlt keiner.«

»Was sagte der Baron, als er sie in der Console entdeckte?«

»Er machte zunächst ein Gesicht, als ob er die Posaunen des jüngsten Gerichtes höre; dann wollte er sprechen, brachte aber vor Entsetzen kein einziges Wort hervor, und endlich rannte er fort, uns ganz allein zurücklassend. Ich möchte Zeuge der Scene sein, welche es jetzt, nach unserer Entfernung, zwischen ihm und seiner Frau Gemahlin giebt!«

Diese Antwort hatte Anton gegeben! Adolf fügte hinzu:

»Mir scheint es dringlicher, zu wissen, was man von ihm in Beziehung des geheimen Hauptmannes zu denken hat!«

»Ich denke, daß wir uns da geirrt haben. Ich glaube nicht, daß er mit dem Hauptmanne Etwas zu thun hat. Er ist während des Einbruches im Casino gewesen, während Du doch mit dem Hauptmanne gesprochen hast.«

»Hm! Ist es auch wirklich der Hauptmann gewesen, der sich für ihn ausgegeben hat? Ich glaube nicht, daß man darauf schwören kann. Die Einbrecher hatten auf so bedeutende Werthsachen gerechnet, daß sie überzeugt sein mußten, die That werde ein so außerordentliches Aufsehen erregen, daß man selbst so hochgestellte Personen nicht schonen werde, falls ein Verdacht auf eine solche fallen sollte. Da war für alle Fälle ein Alibi angenehm. Der Hauptmann gehört jedenfalls in die besseren Gesellschaftskreise; er wird ganz gewiß auf ein solches Alibi bedacht gewesen sein.«

Er hatte mit dieser Vermuthung das Richtige getroffen. Helfenstein war ja des Alibis wegen in das Casino gegangen. Er war dann mit der Ueberzeugung zurückgekehrt, daß der Streich gelungen und er dadurch ein steinreicher


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Mann geworden sei; der letzte Auftritt aber hatte ihn aus allen Himmeln gerissen. Er fühlte eine Hölle von Sorge, Angst, Wuth und Qual in seiner Brust.

Er hatte die drei Männer bis an die Treppe begleitet, um sich zu überzeugen, ob sie das Palais auch wirklich verlassen würden. Dann, wieder umkehrend, fühlte er nach dem kleinen Täschchen seiner Weste.

»Die Tinktur ist noch da,« murmelte er. »Der Rest von dem, was der Riese bekommen hat, wird hinreichen, auch bei dieser Diebin dieselbe Wirkung hervorzubringen.«

Er fand die Baronin ganz kraftlos noch in demselben Sessel sitzen, in welchem sie die Bedingungen des Fürsten angehört hatte. Sie war todtesbleich und hielt die Augen geschlossen. War sie etwa zu feig, als daß sie der ihr drohenden Gefahr mit offenem Auge hätte entgegenblicken können?

Der Baron zog die Portièren zu, damit das, was im Zimmer gesprochen wurde, nicht hinausdringen solle. Dann verschlang er die Arme über die Brust und schritt langsam im Zimmer auf und ab.

Er wußte kaum, wie er beginnen solle. Es wirbelte ihm im Kopfe, und vor dem Ohre war es ihm, als ob er das Summen von Millionen von Insecten vernehme. Er wollte nicht eher zu sprechen anfangen, als bis er sich über das zu Sagende klar geworden war.

Die Baronin behielt die angenommene Stellung bei. Vielleicht zog sie nur deshalb vor, die Augen nicht zu öffnen, weil sie entschlossen war, nicht das erste Wort zu sprechen, oder weil sie nicht durch ihre Blicke verrathen wollte, was jetzt in ihrem Inneren vorging.

Endlich blieb er vor ihr stehen, musterte mit einem stechenden, haßerfüllten Blicke ihre weich in den Sessel hingegossene Gestalt und stieß in tief grollendem Tone hervor:

»Frau Baronin!«

Sie antwortete nicht.

»Frau Baronin!« wiederholte er.

Da öffnete sie die Lider. Ihre langen, seidenen Wimpern hoben sich, und ihr Auge richtete sich mit einer unendlichen Gleichgiltigkeit auf ihn, mit einer Gleichgiltigkeit, welche nur das Product einer wahrhaft bewundernswerthen Verstellung und Selbstbeherrschung sein konnte. Dies erhöhte seinen Grimm.

»Diebin!« donnerte er sie an.

»Spitzbube!« antwortete sie gähnend, als ob sie sich im höchsten Grade gelangweilt fühle.

Er stampfte mit dem Fuße und rief:

»Diamantenräuberin!«

»Doppelter Mörder!«

Diese Entgegnung raubte ihm den letzten Rest seiner Gewalt über sich selbst. Er erhob den Arm und fragte:

»Weib, soll ich Dich niederschlagen?«

Auch das schien sie nicht aus der Fassung zu bringen; aber in ihrer Lage verharrte sie nun doch nicht mehr, vielmehr schnellte sie mit einer blitzes-


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schnellen Bewegung aus ihrem Sessel empor und wendete sich zur Seite, um aus dem Bereiche seines Armes zu kommen. Auch ihre scheinbare Gleichgiltigkeit hatte sie aufgegeben. Ihre erbleichten Wangen begannen sich zu röthen; um ihre fast farblos gewesenen Lippen zuckte es, und aus ihren Augen blitzte ein Haß, der demjenigen ganz gleich kam, mit welchem er sie vorhin betrachtet hatte.

»Schlagen? Ein Weib schlagen?« fragte sie. »Das ist noch das Letzte und Einzige, was Dir fehlt: die flegelhafte Rohheit eines ungeschliffenen Menschen! Ich werde der Dienerschaft klingeln, um mich gegen derartige Angriffe zu verwahren!«

»Thue das! Die Diener sollen dann erfahren, weshalb ich Dich in dieser Weise zu behandeln habe!«

»Sie werden auch das Andere erfahren, nämlich, daß ich mich auf keinen Fall vor Dir fürchte. Du hast vor mir nichts voraus als Deine Muskelkraft und selbst diese ist nicht im Stande, mich bange zu machen.«

»Das bin ich überzeugt. Ein ehrloses Weib fürchtet selbst nicht die Schande, geschlagen zu werden!«

»Pah! Rede doch ja nicht von Ehrlosigkeit! Oder willst etwa Du, Du, Du mit Ehre prahlen?«

»Wer kann es wagen, meine Ehre anzutasten?«

»Ich!«

»Du, ja Du allein, aber kein einziger anderer Mensch!«

»Ist das nicht genug?«

»Nichts, gar nichts ist es! Die Ehre ist ein öffentliches Gut; sie kann nur öffentlich angegriffen und öffentlich verloren werden!«

»Nun, so siehe zu, daß Dir Deine große Ehrenhaftigkeit nicht heute noch geraubt wird!«

»Willst etwa Du mich ehrlos machen?«

Sie zuckte die Achseln und antwortete:

»Das soll ganz auf Dich selbst ankommen. Willst Du über die vorliegende Angelegenheit mit mir verhandeln, nun wohl, ich bin bereit dazu, aber ich verlange vor allen Dingen, daß Du Dich dabei nicht anders und besser aufspielst, als ich Dich kenne!«

»Ah!« antwortete er. »Als was kennst Du mich?«

»Als Dieb, Schmuggler, Betrüger und Mörder!«

Er ballte die beiden Fäuste und machte eine Bewegung, als ob er sich auf sie stürzen wolle. Sie trat ihm furchtlos einen Schritt entgegen und rief:

»Zurück! Beherrsche Dich besser, oder ich klingle bei Gott nach der Dienerschaft. Die Bezeichnungen, weiche ich Dir gegeben habe, beruhen alle auf Wahrheit!«

»Sie beruhen auf hirnverbrannten Einbildungen Deines wahnsinnigen Kopfes!«

»O, wäre doch Dein Kopf so hell wie der meinige!«

»Was wäre dann? Ich raubte Diamanten und ließe mich erwischen. Pah!«


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Er ließ dabei ein ganz und gar verachtungsvolles Lachen erschallen. Sie wurde dadurch keineswegs fassungslos, sondern sie antwortete:

»Wurdest Du nie auch erwischt?«

»Ah! Wann denn?«

»Bei der Ermordung Deines Cousins.«

»Nur von Dir! Das hat gar nichts zu bedeuten!«

»Ja, solange Du mich nicht zwingst, gegen Dich aufzutreten. Uebrigens bin ich nicht erwischt worden, sondern man hat die Diamanten bei mir gefunden. Was beweist das?«

»Daß Du die Diebin bist!«

»O, es giebt Personen, welche bei mir Zutritt haben. Der Dieb hat geglaubt, daß ein Versteck bei mir mehr Sicherheit bietet als ein solches an irgend einem anderen Orte.«

»Da könntest Du nur Deine Zofe meinen!«

»Nun, wenn das wirklich wäre?«

»So könnte diese Zofe beweisen, daß sie gestern Abend stets zu Hause war, jedenfalls aber nicht bei dem Fürsten von Befour, während grad Du Dich zur betreffenden Zeit bei demselben befunden hast.«

»Und dennoch brauche ich mich nicht zu ergeben. Haben die Diamanten wirklich bei mir gesteckt?«

»Ich selbst muß es bezeugen!«

»Wo befanden sie sich?«

»Im Innern Deiner Uhrconsole.«

»Und doch kannst Du falsch gesehen haben. Wer hat die Console ab- und die Steine herausgenommen? Etwa Du?«

»Nein, sondern der eine der Polizisten.«

»Das dachte ich mir. Er hat die Steine bereits in der Hand gehabt und sie dann scheinbar herausgenommen.«

Der Baron sah die Baronin ganz betreten an.

»Meinst Du etwa, daß ich dieser Fabel Glauben schenken soll?« fragte er.

»Ob Du mir glaubst, das ist doch jedenfalls Nebensache,« antwortete sie. »Es kommt hier auf die Ansicht an, welche der Richter hat.«

»Donnerwetter! Glaubst Du, daß es gerathen sei, diese Angelegenheit vor den Richter kommen zu lassen?«

»Warum nicht? Ich sehe keine Gefahr dabei. Wer ist denn dieser sogenannte Fürst des Elendes?«

»Es wäre mir sehr lieb, wenn Du mir diese Frage beantworten wolltest!«

»Eine mährchenhafte Persönlichkeit!«

»Also doch immerhin eine Persönlichkeit, also eine wirkliche, reale Existenz. Und ich habe nicht nur zu erwägen, daß diese Person mir bereits ungeheuren Schaden verursacht hat und daß sie Alles, was sie thut, nur gegen den 'Hauptmann' richtet, also gegen mich, sondern ich darf mir auch nicht verschweigen, daß dieser Mann unter einem hohen Schutze steht. Die Polizei ist mit ihm: das sagt er nicht nur, sondern das ist ein unumstößliches Factum.«


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»Hat der Mensch, welcher vorhin bei uns war, bewiesen, daß er der Fürst des Elendes ist?«

»Wie sollte er das thun?«

»Auf irgend eine Weise.«

»Nun, so hat er es gethan. Er kannte Deine Unterredung mit Befour; er kannte sogar den Umstand, daß ich einen Diener des Letzteren engagirt habe; er kannte auch Deinen famosen Gang zum Juden Salomon Levi, den Du wohl nicht in Abrede stellen kannst, und er wußte schließlich auch das Versteck der Steine. Ist dieser Mann, der sich ganz allwissend zeigt, nicht Gott oder der Teufel, so ist er der Fürst des Elendes!«

»Vor dem Du Dich fürchtest!« höhnte sie. »Ich an Deiner Stelle hätte ihn längst gefaßt und unschädlich gemacht!«

»Sage mir nur, wie Du das anfangen wolltest! Uebrigens hast Du es gehört, daß er mich warnte, bei Zeiten eines Einbruches eine Waffe einzustecken. Er hat mich durchschaut. Er weiß, daß ich der 'Hauptmann' bin.«

»Pah! Er schlug doch nur auf den Strauch.«

»Ich weiß, was ich zu denken habe und nun will ich auch wissen, wie ich mit Dir halte. Wir schweben in der größten Gefahr. Ich muß klar sehen können, um gegen diese Gefahr gerüstet zu sein!«

Er war unruhig im Zimmer auf- und abgeschritten, jetzt blieb er vor ihr stehen und blickte sie erwartungsvoll an. Sie nickte leise mit dem Kopfe und antwortete:

»So lasse ich es mir gefallen! Stellst Du Deine Fragen in dieser Weise, so bin ich nicht abgeneigt, sie zu beantworten; aber durch Drohungen und Schimpfwörter lasse ich mir nichts entlocken. Wir stehen uns als Eheleute und ebenso geistig wie moralisch gleich. Befehlen lasse ich mir nichts. Habe ich einen Fehler begangen, so hast Du Dir sogar Verbrechen vorzuwerfen. Wenn Du klug bist, so behandelst Du mich ganz auf gleichem Fuße!«

Seine Brauen zogen sich finster zusammen. Es war ihm anzusehen, daß er keine große Lust hatte, auf eine Gleichstellung einzugehen; aber er trug dem gegenwärtigen Augenblicke Rechnung und sagte:

»Wenn ich auch gegen die Behandlung auf gleichem Fuße im Allgemeinen nichts sagen will, so bist Du es in der gegenwärtigen Angelegenheit, welche den Fehler gemacht hat. Ich hoffe, daß Du den Muth hast, ihn offen einzugestehen. Du hast die Diamanten gestohlen?«

»Gestohlen!« brauste sie auf.

»Nun, so sagen wir, an Dich genommen.«

»Ja.«

»Wann?«

»Gestern Abend.«

»Der Fürst hatte sich auf einen Augenblick entfernt?«

»Ja.«

»Und man hat Dich dabei beobachtet?«

»Ich bin überzeugt, daß kein Mensch mich gesehen hat.«


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»Aber man weiß es doch!«

»Das muß auf Combination beruhen!«

»Was wolltest Du mit den Diamanten thun?«

»Sie vor allen Dingen in Sicherheit bringen. Man konnte ja nicht wissen, ob der Einbruch auch wirklich gelingen werde.«

»Das mache mir nicht weiß! Du hast sie für Dich allein behalten wollen.«

»Beweise das!«

»Du hast mir nach Deiner Rückkehr Deinen Besuch beim Fürsten ausführlich beschrieben. Wären Deine Absichten gegen mich ehrliche gewesen, so hättest Du mir gesagt, daß Du im Besitze der Diamanten warst. Und dann wären sie noch jetzt in unserem Besitze.«

»Oho! Man hätte sie ebenso geholt!«

»Man hätte sie nicht mehr gefunden! Ich durchschaue Dich. Aber ich will mich nicht noch weiter aufregen. Ich muß meinen Kopf offen halten. Es giebt hier sehr Verschiedenes zu bedenken, und ich hoffe, daß Du hilfst, das Dunkel aufzuklären. Ich sehe ein, daß meine Vorwürfe gegen Dich jetzt nutzlos sind; darum will ich sie unterlassen. Also, der Fürst des Elendes hat von dem Einbruche gewußt. Wie geht das zu?«

»Du hast unter Deinen Leuten einen Verräther.«

»Das ist die einzige Erklärung. Aber er hat auch gewußt, daß ich den Diener engagirt habe.«

»So hat dieser es ihm verrathen!«

»Das möchte ich bezweifeln. Der Diener befand sich in wirklicher Todesgefahr und hat seine Probe glanzvoll bestanden.«

»So ist's ein Anderer, der es ihm verrathen hat.«

»Es sind nur zwei Mitwisser dieser Angelegenheit, nämlich mein Stellvertreter, welcher an dem Gitterthor das Zeichen gab, und der alte Apotheker, bei dem ich den Diener kennen lernte.«

»So ist Einer von den Beiden der Verräther.«

»Sie sind Beide treu. Uebrigens habe ich die Hauptsache mit dem Diener unter vier Augen besprochen.«

»So ist also doch er es, gegen den sich der Verdacht zu richten hat.«

»Ich glaube vielmehr, daß wir belauscht worden sind.«

»Wo?«

»In der Weinstube, in welcher wir uns besprachen.«

»Groß genug, diese Unvorsichtigkeit!«

»Tausendmal kleiner als die Deinige! Der Lauscher ist der Fürst des Elendes gewesen. Er hat dann während des ganzen Abends Befours Palais bewachen lassen!«

»Aber Befour ist doch schon längst gewarnt!«

»Wieso?«

»Er hat Imitationen anfertigen lassen, welche nun anstatt der wirklichen Kostbarkeiten in Eure Hände gefallen sind.«

»Verdammt! Ich muß mich erst davon überzeugen. Aber unbegreiflich,


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gradezu unbegreiflich wäre es, zu errathen, daß ich dort einbrechen will! Doch weiter jetzt! Wann hast Du die Steine in die Console gesteckt?«

»Als ich Dich verlassen hatte.«

»Wer war dabei?«

»Kein Mensch.«

»Auch die Zofe nicht?«

»Nein. Ich hatte sie vorher schlafen geschickt.«

»So werde daraus der Satan klug. Dieser Fürst des Elendes muß wirklich geradezu allwissend sein! Und dann gingst Du mit einem der Steine zu dem Juden?«

»Ja.«

»Er kaufte ihn nicht?«

»Nein.«

Die Baronin erzählte ihre Verhandlung mit Salomon Levi ausführlich.

»Welch eine fürchterliche Unvorsichtigkeit!« sagte Helfenstein. »Der Fürst hat Dich beobachtet und ist dann bei dem Juden gewesen, um sich zu erkundigen, was Du gewollt hast, und dieser ist so dumm gewesen, es ihm zu sagen. Ich werde ihn dafür zu bestrafen wissen! Was geschah dann?«

»Nichts. Ich legte den Stein zu den übrigen und begab mich dann zur Ruhe. Ich schlief ein, obgleich ich sehr neugierig war, wie Euer Streich ausgefallen sei. Geweckt wurde ich erst durch Dich.«

»Das ist wenig oder gar nichts, was ich nun weiß! Aber ich ruhe nicht eher, als bis ich Licht in diese Sache gebracht habe. Ich werde gleich nachher die ersten Schritte thun. Du hast uns da in eine schauderhafte Lage gebracht. Der Fürst des Elendes ist mein Todfeind. Er wird auf seiner Bedingung bestehen.«

Die Baronin erblaßte.

»Wegen des - des - - Irrenhauses?« fragte sie.

»Ja, das meine ich.«

»Das heißt, Du willst mich wirklich dort interniren lassen?«

Er zuckte die Achsel.

»Was will ich weiter thun!«

Da machte sie eine raubthierähnliche Bewegung. Ihre Augen glühten gleich denen einer Pantherkatze.

»Sage das noch einmal!« zischte sie.

Er zuckte abermals die Achsel und sagte:

»Ich wiederhole, daß es kaum möglich sein wird, mich zu sträuben.«

»Das wäre Dein Verderben!«

»Wieso?«

»Ich würde Alles verrathen, Alles!«

»Man würde Dir nicht glauben, Dir, einer Irren!«

»Diese Irre würde ihre Behauptungen in einer Weise beweisen, daß man sie für sehr geistesgesund halten müßte.«

»So würdest Du Dich mit verderben!«

»Mir dann ganz gleich. Ich habe nicht getödtet. Ich bin Deine Frau;


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ich bin nicht durch das Gesetz gezwungen, Dich anzuzeigen. Man würde mich nicht bestrafen.«

»Ich würde zur Evidenz erweisen, daß Du die intellectuelle Urheberin meiner Thaten bist.«

»Feigling, dreifacher, tausendfacher Feigling, welcher aus Angst vor der Strafe die Schuld auf seine eigene Frau wirft!«

»Jeder ist sich selbst der Nächste!«

»Glaubst Du, dadurch Dich retten zu können?«

»Nein, aber wir kommen Beide unter das Fallbeil! Uebrigens ist es ja nicht für ewig, daß Du nach Rollenburg sollst!«

»Hm! Wie lange denn?«

»Nur für kurze Zeit, bis die Sache verraucht ist.«

»Das darfst Du mir nicht sagen! Du wärst froh, mich los zu sein. Ich würde niemals wieder frei, und das machte mich in aller Wirklichkeit verrückt. Dann wäre die Hauptzeugin gegen Dich nicht mehr vorhanden! Welch ein Glück für Dich!«

Sie stieß ein höhnisches Lachen aus. Er drückte seinen Grimm hinab und sagte in ruhigem Tone:

»Für so kurzsichtig hatte ich Dich nicht gehalten!«

»Ich bin im Gegentheile nicht kurz- sondern sehr weit- und vorsichtig!«

»Ich glaube das Gegentheil. Es liegt ja in meinem eigenen Interesse, Dich nicht lange Zeit in der Anstalt zu lassen, Deine Rachsucht würde mir ja gefährlich sein. Du sollst nur für kurze Zeit nach Rollenburg. Bereits heute beginne ich daran zu arbeiten, Dich von dort zu befreien.«

»Das klingt ja geradezu verrückt! Wie willst Du bereits heute daran arbeiten?«

»Das erräthst Du nicht? Wer verlangt denn, daß Du nach dieser fatalen Anstalt sollst?«

»Nun, der Fürst des Elendes?«

»Wer sonst noch?«

»Wohl kein Mensch!«

»Was kann Dich also von dort befreien?«

»Dieser Schluß ist nicht leicht zu ziehen! Ich werde frei sein können, sobald dieser Fürst keine Macht mehr über Dich hat.«

»Das ist es, was ich meine. Ich werde erfahren, wer er ist; ich werde ihm die Larve vom Gesicht reißen; ich werde ihn verderben. Ich werde alle meine Unternehmungen einstellen, um mich für jetzt nicht in weitere Gefahr zu begeben, und nur noch daran arbeiten, zu erfahren, wer dieser Mensch ist.«

»Du überschätzest Dich, Du wirst es nicht erfahren!«

»Ich werde alle meine Untergebenen dazu verwenden!«

»Auch das wird nutzlos sein. Er hat bewiesen, daß er mächtiger ist als Du; Du wirst fallen; er wird triumphiren, und ich, ich bleibe - - im Irrenhause!«

Jetzt war sie es, die ganz und gar erregt im Zimmer auf und ab schritt. Er versuchte, ruhig zu erscheinen, und sagte:


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»Gut! Noch haben wir eine Frist von fünf Tagen. Ich werde mir alle Mühe geben, Etwas zu erreichen. Es ist also nicht nöthig, bereits heute einen Entschluß zu fassen!«

»Mein Entschluß ist trotzdem bereits gefaßt: Mich bringt keine Macht der Erde in das Irrenhaus! Da, jetzt weißt Du es!«

Er blickte finster vor sich nieder. In seinem Innern kochte und gährte es; dennoch verrieth er sich nicht. Er kannte Ella. Diesem Weibe gegenüber galt es, die höchste Verstellungskunst in Anwendung zu bringen. Ella war seine größte und gefährlichste Gegnerin. Sie hatte ihn gezwungen, sie zu seiner Frau zu machen. Jetzt haßte er sie. Und wie sehr er sie haßte, das sah er erst in diesem Augenblicke ein. Aber er durfte es ihr nicht merken lassen. Darum sagte er möglichst gleichmüthig:

»Es fällt mir ganz und gar nicht ein, Dir diesen Entschluß übel zu nehmen. Es muß verteufelt unangenehm sein, als verrückt zu gelten, wenn man nur zu sehr bei Verstand und Sinnen ist. Na, einen großen, einen fast unverzeihlichen Fehler hast Du begangen; das kannst Du nicht leugnen; aber ich will sehen, ob er nicht zu verbessern ist. Noch habe ich Zeit, und noch fürchte ich diesen Elendsfürsten nicht so sehr, daß ich aus Angst vor ihm meine Frau dem Irrenhause überliefere. Die Hauptsache ist, zu sehen, wie sich Befour in dieser Angelegenheit verhält. Denkst Du, daß er Dich besuchen wird?«

»Wir sind freundschaftlich von einander geschieden.«

»Und daß er wirklich nichts davon weiß, daß ihm die Diamanten abhanden gekommen sind?«

»Das wäre allerdings wohl unbegreiflich!«

»Vielleicht hat dieser undurchdringliche Gott der Elenden doch irgend einen uns natürlich unbekannten Grund, ihm nichts wissen zu lassen!«

»Dann aber müßten Beide sich kennen!«

»Wieso?«

»Es muß doch eine Gelegenheit geben, die Steine wieder an ihren Ort zurückzubringen, ohne daß der Besitzer es merkt.«

»Auch das ist möglich. Es kommt hier viel auf Deine eigene Klugheit an, Befour so auszufragen, daß er Dich aufklärt, ohne Deine Absicht dabei zu bemerken. Sollte er Dich besuchen, so benutze schleunigst aber auch schlau die Gelegenheit. Jetzt laß uns davon abbrechen. Ich habe nicht geschlafen und will versuchen, einige Stunden auszuruhen. Ich werde meiner ganzen geistigen Frischheit bedürfen.«

Sie folgte diesem Winke und ging. Als sie sich entfernt hatte, verschloß er den Zugang, welcher seine Gemächer mit den ihrigen verband.

»Sie fühlt sich sicher,« sagte er sich. »Ich habe sie beruhigt. Sie hat mich an den Rand des Verderbens gebracht; das darf nicht wieder geschehen. Sie hat die Steine für sich behalten wollen; sie will also reich sein; sie will von mir fort, vielleicht aus Liebe zu diesem Befour! Ja, sie soll fort, aber - in's Irrenhaus! Und daß das geschieht, ohne daß sie Widerstand leistet, dafür will ich auf der Stelle sorgen!«


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Kaum eine Viertelstunde später verließ er ganz in derselben Verkleidung und auch durch dasselbe Pförtchen wie gestern sein Palais. Er begab sich zu dem alten Apotheker, welcher einigermaßen verwundert war, ihn so früh bei sich zu sehen.

»Du kennst die Wohnung des Fürsten von Befour?« fragte er ihn im strengen Tone.

»Ja, Herr,« antwortete der Gefragte demüthig.

»Warst Du schon einmal dort?«

»Nein.«

»Du hast mir gestern den Diener empfohlen. Bist Du überzeugt, daß er treu und sicher ist?«

»Vollständig. Er wird ja mein Eidam!«

»Ich muß sofort mit ihm sprechen, aber ohne daß er ahnt, daß ich mich hier befinde.«

»So soll ich ihn holen?«

»Ja. Ich werde unten im Keller warten.«

»Aber was soll ich ihm sagen?«

»Das ist Deine Sache. Also, er darf nicht wissen, daß ich hier bin.«

»Ich werde vorsichtig sein.«

Er führte den Baron in den Keller und begab sich dann nach der Palaststraße. Der Portier verwunderte sich, als er den Mann erblickte.

»Zu wem wollen Sie?« fragte er.

»Giebt es hier nicht einen Diener, welcher Adolf heißt?«

»Allerdings.«

»Ich habe mit ihm zu sprechen.«

»So früh! Ist es so nothwendig?«

»Ja.«

»Gehen Sie eine Treppe hoch. Rechts erste Thür im Bedientenzimmer werden Sie ihn finden.«

Als der Apotheker dort eintrat, waren Adolf und Anton grad mit ihrem ersten Frühstück beschäftigt. Der Erstere empfing ihn sehr freundschaftlich und fragte nach seinem Begehr. Der Alte war doch in Verlegenheit, was er sagen sollte.

»Hm!« meinte er. »Jette - -«

»Was ist's mit der Jette?«

»Krank, sehr krank! Ganz plötzlich!«

Adolf war genug Schlaukopf, um etwas zu ahnen. Er heuchelte ein Erschrecken und rief:

»Krank? Sapperment! Ist's gefährlich?«

»Es scheint leider so!«

»Und sie verlangt wohl nach mir?«

»Mit Sehnsucht!«

»So will ich den gnädigen Herrn fragen, ob ich gehen darf.«

Er hieß den Apotheker warten und suchte seinen Herrn auf, welcher sich erst vor Kurzem zur Ruhe begeben hatte. Er wußte, daß er es unter den


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gegenwärtigen Umständen wagen durfte, ihn zu wecken. Er that dies und meldete, daß er durch das Erscheinen des Apothekers dazu veranlaßt sei. Sofort war der Fürst munter.

»Was will er?« fragte er.

»Ich soll zu ihm kommen. Meine reizende Jette ist plötzlich außerordentlich krank geworden.«

»Glaubst Du das?«

»Daß ich dumm wäre?«

»Ich auch nicht. Das hängt ganz gewiß mit dem Einbruche zusammen.«

»Natürlich! Man hat mich in irgend einem Verdachte.«

»Und man will Dich jedenfalls in's Verhör nehmen. Derjenige, der das thut, ist wohl kein Anderer als Derselbe, der gestern mit Dir gesprochen hat.«

»Also der Hauptmann selbst! Wollen wir ihn fangen?«

»Was würde es uns nützen. Besser, viel besser ist es, zu erfahren, wohin er geht, wenn er den Apotheker verläßt.«

»Ich werde ihm folgen.«

»Ich auch. Und da mehrere Augen hier besser sind als nur zwei oder vier, so soll auch Anton mitgehen. Ich werde ihn instruiren. Der Hauptmann erwartet Dich jedenfalls im Keller. Das giebt vielleicht eine Gelegenheit, ihn zu belauschen.«

»Wohl schwerlich, gnädiger Herr!«

»O doch! Der Apotheker wird sich sofort zu ihm in den Keller begeben. Beide unterhalten sich. Du sagst, daß Du nicht sogleich kommen kannst, gehst aber dennoch sofort. Sie fühlen sich sicher, und Du horchst.«

»Hm! Möglich ist das allerdings. Es kommt darauf an, wie man es anfängt.«

»Nun, ich bin überzeugt, daß Du nicht ungeschickt sein wirst!«

»Hoffentlich nicht!«

»So laß den Alten nicht länger warten. Ich komme nach und postire mich mit Anton so, daß wir das Haus im Auge haben, ohne selbst bemerkt zu werden.«

Adolf kehrte also nach dem Dienerzimmer zurück.

»Sapperlot!« sagte er. »Der gnädige Herr war fuchsteufelswild, daß ich schon so früh ausgehen will. Er hat mir zwar doch noch die Erlaubniß gegeben; aber eine halbe Stunde kann vergehen, ehe ich komme. Ich muß erst das Frühstück serviren. Hoffentlich wird es mit unserem Jettchen nicht so schnell schlimmer werden!«

Der Apotheker entfernte sich, sehr froh, sich seines Auftrages so glanzvoll entledigt zu haben. Zu Hause angekommen, instruirte er die Tochter und stieg dann in den Keller hinab, dessen Thür er nicht verschloß. Er zog sich mit dem Hauptmanne in die bekannte hintere Abtheilung zurück, wohin sie auch das Licht mitnahmen.

Kaum war das geschehen, so kam Adolf die Gasse herab. Er fand die


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Hausthür, wie so oft, verschlossen, und klopfte an das Fenster. Die »schöne« Jette sah ihn durch die Scheiben und kam heraus, um ihm selbst zu öffnen.

»Alle guten Geister!« sagte er, ein großes, freudiges Erstaunen heuchelnd. »Ich denke, Du bist krank!«

»O nein! Das war nur ein Scherz.«

»Nun, was giebt es denn sonst so Nothwendiges?«

»Es ist ein Herr da, der mit Dir sprechen will.«

»Ein Fremder?«

»Nein, sondern derselbe, welcher gestern mit unten im Keller war.«

»Ach so! Ist er auch jetzt unten?«

»Ja.«

»Der Vater mit?«

»Der ist bei ihm. Aber Vater sagte, daß Du erst später kommen könntest!«

»Ich habe mich davon geschlichen, weil ich Angst um Dich hatte. Ein Kamerad verrichtet unterdessen meine Arbeit. Wie gut, daß Du nicht wirklich krank bist! Aber ich will den Herrn nicht warten lassen.«

»Ich werde Dich führen!«

»Danke! Es giebt vielleicht etwas zu besprechen, was nur für uns Männer ist. Wenn Ihr uns nicht stört, so werde ich nachher einige Maaß zum Besten geben.«

Das wirkte. Sie drückte ihm die Hand und verschwand hinter der Stubenthür. Nun schlich er sich leise die Kellertreppe hinab und lauschte, als er unten angekommen war. In der vorderen Abtheilung war es dunkel, aber weiter hinten war es, als ob er sprechen höre.

Er kannte den Keller sehr genau und war also sicher, kein Geräusch zu verursachen. Er schritt auf den Fußspitzen weiter bis an die Thür, hinter welcher sich die Beiden befanden. Als er das Ohr an dieselbe legte, konnte er verstehen, was hinter ihr gesprochen wurde.

»Also, Du hast nicht gehört, daß heute Nacht irgend etwas Ungewöhnliches in der Palaststraße passirt ist?« fragte der Hauptmann.

Er schien die Eigenthümlichkeit zu haben, seine Leute einmal Du und das andere Mal Sie zu nennen.

»Nein, gar nicht« antwortete der Alte.

»So wurde mir falsch berichtet.«

»Ist meine Tinctur bereits an den Mann gekommen?«

»Ja; kurz nachdem ich sie geholt habe. Du garantirst natürlich, daß sie wirken wird!«

»Mit meinem Leben!«

»Und mit der Bezahlung bist Du zufrieden?«

»Ja, Herr.«

»Ich denke, daß Du für dasselbe Geld gern wieder so etwas zusammenbrauen würdest?«

»Warum nicht? Ein jeder Mann sucht das, was er gelernt hat, möglichst zu verwerthen. Brauchen Sie mehr von dieser Sorte?«


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»Von derselben Sorte nicht. Dieses Mittel macht nur zeitweilig irrsinnig. Das genügt mir heute nicht mehr.«

»Also für immer?«

»Ja. Giebt es so etwas?«

»Ja. Unsereiner versteht sich auf dergleichen. Nur fragt es sich, ob man nicht etwa Gefahr dabei läuft.«

»Mensch!«

»Gut, gut, Herr! Ich wollte Sie nicht beleidigen. Ist's für einen Mann oder für ein Frauenzimmer?«

»Mußt Du das wissen?«

»Natürlich!«

»Für eine Frau.«

»Und welcher Art soll der Wahnsinn sein?«

»Es soll alles Phantasiren vermieden werden.«

»Ich verstehe! Beim Phantasiren werden Dinge ausgeplaudert, welche besser unausgesprochen bleiben. Wie wäre es mit einer künstlichen Apathie?«

»Unempfindlichkeit? Kann die hervorgebracht werden?«

»Warum nicht?«

»Wird aber in diesem Falle nicht genügen.«

»Also stärker: Lethargie?«

»Was Lethargie ist, weiß ich natürlich; aber was verstehst denn Du darunter?«

»Geistige Erschlaffung, welche in eine hochgradige Schlafsucht übergeht, welche endlich zum Todesschlafe führt.«

»Wie lange dauert es, bis der Letztere eintritt?«

»Je nach der Stärke des Mittels.«

»Ist die Erschlaffung, also die Anfangswirkung des Mittels so, daß der Kranke noch zusammenhängend denkt und spricht?«

»Das kann man nach Belieben einrichten.«

»So ist mir dieses Mittel recht. Es giebt eine Person, welche binnen dreimal vierundzwanzig Stunden nicht mehr denken soll.«

»Das ist nicht schwer zu bewerkstelligen. Diese Person wird in einen beinahe ununterbrochenen Schlaf verfallen.«

»Aber in den Zwischenräumen, wenn sie wach ist - -?«

»Da wird sie dumpf vor sich hinbrüten, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen.«

»So wird der Tod dann eine Erlösung für sie sein.«

»Natürlich!«

»Nur fragt es sich, ob die Ärzte im Stande sind, zu vermuthen, daß der Kranke ein solches Mittel empfangen hat.«

»Keineswegs. Man wird im Gegentheile annehmen, daß ein Blutaustritt in's Gehirn stattgefunden hat. Die Frau hat einen Schlag auf den Kopf erhalten, ist gestürzt, oder es ist ihr etwas auf den Kopf gefallen. Man hat hier Alles so bequem wie möglich.«


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»Und wann tritt der Tod ein?«

»Auch das geht einzurichten. Doch ist zu rathen, diesen Zeitpunkt so weit wie möglich hinauszuschieben, da sonst das Mittel in der Leiche nachgewiesen werden kann.«

»Wie weit ungefähr?«

»Fünf bis sechs Monate. Der Körper wird während dieser Zeit fast gar nicht angegriffen. Der Kranke schluckt die Nahrung, welche ihm in den Mund geschoben wird, wie im Traume hinter, und da er sich nicht bewegt und keine Kräfte abgiebt, bleibt der Körper gut genährt; der Patient schläft eben ein, ohne wieder aufzuwachen.«

»Wie lange dauert die Anfertigung dieses Mittels?«

»Eine Stunde.«

»Kann ich es heute am Nachmittage haben?«

»Ja; kommen Sie!«

»Und, was ja von Bedeutung ist, hat die Medizin einen vorstechenden Geruch oder Geschmack?«

»Sie riecht gar nicht, schmeckt aber ein ganz Wenig bitter.«

»Das läßt sich verdecken. Also abgemacht! Hier ist das Geld, und zwar die Hälfte mehr als gestern.«

Adolf hörte Silber klingen und hielt es nun für gerathen, seinen Lauscherposten aufzugeben. Er kehrte nach der Treppe zurück, stieg deren Stufen erst leise hinauf und kam dann mit möglichstem Geräusche wieder herab. Sofort wurde hinten die Thür geöffnet.

»Wer ist da?« fragte der Apotheker.

»Ich bin es.«

»Ach, Adolf! Er kommt!«

»Hier herein,« gebot der Hauptmann. Und zu dem Alten gewendet, fügte er hinzu: »Du gehst hinauf und giebst Achtung, daß wir nicht gestört werden!«

»Ich werde da vorn Eins trinken!«

»Meinetwegen! Aber horche nicht!«

Der Hauptmann schob den Apotheker zur Thür hinaus und zog dieselbe wieder zu. Es war Adolf sehr lieb, daß der Giftmischer nicht hinaufging. In diesem Falle hätte es leicht herauskommen können, daß er bereits eine Weile im Keller anwesend gewesen war. Er machte ein freundliches, unbefangenes Gesicht, hielt dem Anderen die Hand hin und sagte:

»Also, Sie, Herr Jacob! Schön! Freut mich! Nur war es fast ein bischen zu früh zu einem Ausgange. Mein Herr raisonnirte.«

Der Hauptmann warf einen langen, scharf forschenden Blick auf den Sprechenden, schien aber mit dem Resultate seiner Beobachtung zufrieden zu sein.

»Er hatte wohl schlechte Laune?« fragte er, an Adolf's Worte anknüpfend.

»Nicht gerade das. Herrendiener haben ja so früh nicht Zeit zum Spazierengehen. Lange darf ich keineswegs fort bleiben!«


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»Ich werde Sie nicht aufhalten, habe aber einige Fragen. Ist der Besuch heute in der Nacht gelungen?«

»Ja.«

»Ihre Belohnung?«

»Habe ich erhalten.«

»Es wird auch weiter für Sie gesorgt werden. Wissen Sie, was mitgenommen worden ist?«

»Ich kann es mir denken.«

»Man hat natürlich Alles bereits entdeckt?«

»Ich weiß nichts davon. Mein Herr ist erst vor einigen Minuten aufgestanden.«

»Hm! Sonderbar! Sie sagten gestern, daß er kein Freund von Gesellschaften sei?«

»So ist es. Er empfängt niemals Besuch.«

»Wirklich nicht?«

»Niemals«

»Ich hörte, daß ein Herr bei ihm verkehre, zu dem er ein großes, ungewöhnliches Vertrauen zeigt.«

Das war wegen des Fürsten des Elendes auf den Strauch geschlagen. Adolf aber antwortete:

»Davon müßte ich doch auch wissen!«

»Hatte er auch gestern Abend nicht Besuch?«

»Ausnahmsweise doch. Ich war ganz verwundert darüber.«

»Wer war es?«

»Eine Dame sogar.«

»Kennen Sie dieselbe?«

»Es war die Baronin von Helfenstein. Sie haben mit einander gespeist und ich bediente sie. Ich glaube, die Dame kam aus Neugierde, um die Reichthümer meines Herrn zu sehen.«

»Hat er ihr Alles gezeigt?«

»Er hat sie im Palais herumgeführt und ich leuchtete dazu. Aber seine eigentlichen Schätze, Gold, Silber, edle Steine, hat er ihr doch nicht gezeigt. Die darf kein fremdes Auge sehen.«

»Ist denn dieses Gold und Silber alles ächt?«

»Wie sollte es denn anders sein?« fragte Adolf in künstlichem Erstaunen. »Glauben Sie, daß so ein Krösus Unächtes kauft?«

»Hm. Ich halte Sie für einen aufrichtigen Menschen. Sie haben doch von dem Fürsten des Elendes gehört?«

»Freilich, freilich!«

»Wo?«

»An verschiedenen Orten. Man spricht ja jetzt allüberall von ihm.«

»Auch in Ihrem Hause?«

»Auch da.«

»Spricht auch Ihr Herr von ihm?«


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»Nicht, daß ich wüßte. Ich wenigstens habe den Namen niemals von ihm nennen hören.«

»Und doch sagt man, daß dieser Fürst des Elendes bei Ihrem Herrn verkehrt.«

Adolf stieß ein lustiges Lachen aus und sagte:

»Bei uns? Hahahaha! Wo soll bei uns das Elend herkommen?«

»Also nicht?«

»Ich weiß kein Wort davon. Mein Herr fährt einmal zum Baron von Helfenstein oder zum Obersten von Hellenbach. Das sind die beiden Einzigen, mit denen er verkehrt. Einer von ihnen müßte der Fürst des Elendes sein!«

»So sehr also kann man getäuscht werden! Natürlich wird man heute den nächtlichen Besuch entdecken. Sie werden auf Alles genau aufmerken, auch auf die geringste Kleinigkeit, und mir dann Bericht erstatten.«

»Wann und wo?«

»Das bleibt mir überlassen. Ich werde, wenn ich Sie sprechen will, schon Gelegenheit wissen, Sie zu finden. In Beziehung auf die Restauration dürfen Sie sich auf den Hauptmann verlassen. Er pflegt sein Wort zu halten, wenn man ihn gut bedient. Jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten, damit Ihr Herr keine Veranlassung zur Klage findet. Adieu!«

Er öffnete die Thür, und Adolf ging. Draußen saß der Apotheker auf der Treppenstufe und hatte ein Blechgefäß mit Schnaps in der Hand. Der Polizist gab ihm ein Geldstück mit der Weisung, auch seinen Töchtern einige Maaß dieser Herzstärkung zukommen zu lassen und entfernte sich dann.

Kurze Zeit nach ihm verließ auch der Hauptmann das Haus. Er sah sich vorsichtig um, ob er vielleicht beobachtet werde, bemerkte aber keinen Menschen. Gewöhnlich pflegte er bei solchen Ausgängen nicht übermäßig besorgt zu sein; heute aber, nach den Erfahrungen der verflossenen Nacht, dachte er an die unbegreifliche Allwissenheit des Fürsten des Elendes, und um seine Spur ja ganz sicher zu verwischen, ging er direct an das Wasser, nahm einen Kahn und ließ sich stromabwärts rudern.

Am gegenseitigen Ufer stieg er aus, ging durch einige Gassen, um mehrere Minuten verstreichen zu lassen, und ließ sich dann wieder übersetzen. Nun durchwanderte er mehrere Straßen und Gäßchen, kam auch in die Mauerstraße, ging an der Stelle vorüber, wo er des Nachts in den Garten zu steigen pflegte, bog um die Ecke, zog einen Schlüssel hervor, öffnete eine Thür und verschwand hinter derselben. Er war hierhergegangen, um seinen Raub zu untersuchen, ob derselbe echt oder wirklich nachgemacht sei.

Kaum einige Secunden später erschien ein alter Herr an derselben Ecke, blieb stehen, blickte nach rechts und links, dann vorwärts nach den Bäumen, unter denen damals Abends der Schlosser gestanden hatte. Es war nichts zu bemerken.

Jetzt erhob er die Hand, und sofort kamen zwei Männer die Straße herauf, um bei ihm stehen zu bleiben. Es waren Adolf und Anton.

»Hier um diese Ecke ist er gegangen,« sagte der Alte, der kein Anderer


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war als der Fürst von Befour. »Er hat alle Schlauheit angewendet, um jede Verfolgung irre zu führen; bei uns aber konnte das nicht gelingen. Nun giebt es zwei Fälle: Entweder ist er nach vorwärts unter die Bäume, oder er ist hier rechts zu der Thür hinein. Ich muß schleunigst zum Baron von Helfenstein, um zu sehen, ob er daheim ist. Ich nehme eine Droschke und fahre nach Hause, mich schnell umzukleiden. Adolf fährt mit, da ich gleich hören muß, was es beim Apotheker gegeben hat. Anton mag als Wachtposten hier bleiben. Dort unter den Bäumen kann man verborgen stehen und doch die Thür beobachten. Kommt er da heraus, so darf er nicht wieder aus den Augen gelassen werden.«

Anton begab sich also nach den Bäumen, und die beiden Anderen kehrten zurück, um eine Droschke zu nehmen. Unterwegs erzählte Adolf seinem Herrn seine Unterredung mit dem angeblichen Architecten.

Der Fürst hörte stillschweigend zu. Als der Diener geendet hatte, fragte er:

»Aus dieser Unterhaltung geht hervor, daß der Hauptmann von dem Apotheker ein Mittel erhalten und auch sofort in Anwendung gebracht hat, welches für bestimmte Zeit irrsinnig macht?«

»Ja; anders nicht.«

»Hm! Und heute bestellt er ein zweites, viel gefährlicheres Mittel! Das ist jedenfalls für seine Frau!«

»Ich war sogleich überzeugt davon!«

»Sie soll in Lethargie versinken und sterben. Ah! Der Schurke!«

»Wenn nämlich er und der Baron identisch sind! Ist es nicht unsere Pflicht, diese That zu verhindern?«

»Nein. Es ist vielmehr unsere Pflicht, sie geschehen zu lassen!«

Und als der brave Adolf ein betroffenes Gesicht machte, fuhr der Fürst fort:

»Wie wollen wir sie verhindern? Natürlich, ohne uns zu verrathen? Was er heute nicht ausführen könnte, würde er morgen thun oder später. Und die Hauptsache: Verfällt die Baronin in Lethargie, so ist das ein unumstößlicher Beweis, daß der Baron der Hauptmann ist.«

»Aber die Baronin wird sterben! Begehen wir da nicht einen Mord, wenn auch nur indirect?«

»Wenn sie stürbe, so hätte sie doch weit Schlimmeres verdient, als ein solches Ende. Uebrigens wird sie nicht sterben. Für solche Mittel giebt es stets ein Gegengift. Uebrigens erhalten wir dadurch den Apotheker in unsere Gewalt. Das kann uns von großem Vortheil sein. Erfahren möchte ich aber, wer gestern abend das Gift erhalten hat. Dieser Hauptmann ist doch ein fürchterlicher Mensch!«

Sie waren in der Nähe der Palaststraße angekommen und stiegen aus. Kaum fünf Minuten später sah man die Equipage des Fürsten von Befour aus dem Thore rollen, und wenige Zeit später hielt sie vor der Wohnung des Barons von Helfenstein.


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Befour wurde sofort bei der Baronin angemeldet und von ihr empfangen. Sie befand sich bei der Lectüre in ihrem Salon und trat ihm mit einem glücklichen Lächeln entgegen.

»Ah, Durchlaucht!« sagte sie. »Herzlich willkommen!«

»Sie verzeihen meine frühe Gegenwart!« antwortete er, indem er Platz nahm. »Es ließ mir keine Ruhe, zu erfahren, ob unsere gestrige Wanderung durch mein Heim nicht allzu sehr ermüdet hat.«

Nun folgte ein munteres Herüber und Hinüber jener Pikanterien, welche bei einer geistreichen Unterhaltung zwischen einem Herrn und einer Dame üblich sind. Die Baronin schlug wiederholt einen hörbar innigen Ton an, aber der Fürst ging, wie am vorigen Abende, nicht auf denselben ein.

Ella nahm im Laufe des Gespräches die Gelegenheit wahr, das Thema auf seine Kostbarkeiten zu bringen, und da er wohl wußte, weshalb sie dieses that, unterstützte er sie dabei, so daß sie glaubte, die beabsichtigte Wendung sei ihr ganz unbemerkt gelungen. Sie sprach davon, daß sie während der ganzen Nacht von den unermeßlichen Reichthümern, um deren Besitz er zu beneiden sei, geträumt habe; im Traume seien die Steine geschliffen gewesen und hätten in solchen Farben gestrahlt, daß sie fast geblendet worden sei.

Er lächelte leise vor sich hin und bemerkte:

»Solche blendende Farben sind auch nur im Traume möglich. In der Wirklichkeit würden Sie sich sehr enttäuscht fühlen, gnädige Frau.«

»Ah! Wieso, Durchlaucht?« fragte sie verwundert.

»Wären diese Reichthümer wirklich so unermeßlich, wie Sie denken, so hätte ich heute Nacht einen nie zu ersetzenden Verlust erlitten. Ich bin bestohlen worden.«

Sie erbleichte doch, als sie dieses Wort aus seinem Munde hörte.

»Bestohlen?« fragte sie. »Sie scherzen doch jedenfalls!«

»O nein. Ich bin wirklich bestohlen worden.«

»Mein Gott! Was ist es, was man Ihnen gestohlen hat?«

»Alle jene Reichthümer, welche Sie gestern bei mir erblickten. Jedenfalls ist es der sogenannte Hauptmann, welcher bei mir eingebrochen hat.«

Sie schlug in gut gespieltem Schreck die Hände zusammen und rief:

»Und das sagen Sie in so gleichgiltigem Tone, sogar mit lächelnder Miene!«

»Dieses Lächeln wird mir leicht gemacht.«

»Aber ich begreife es nicht! Bei einem solchen Verluste würde ich vollständig untröstlich sein!«

»Nun, so schlimm ist es nicht! Erlauben Sie mir, Ihnen ein Geheimniß zu verrathen?«

»Ja, ja! Aber schnell!«

»Ich kann es Ihnen nur verrathen, wenn Sie mich Ihrer vollständigen Verzeihung versichern.«

»Gewiß, gewiß erhalten Sie meine Verzeihung, wenn ich auch jetzt noch nicht weiß, wofür! Also, sprechen Sie!«


Ende der siebzehnten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

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