Lieferung 22

Karl May

10. Januar 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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Da wendete sie sich schnell um, machte ein höchst zweifelhaftes Gesicht und sagte:

»Hm! Für Drei? Das möchte ich bezweifeln!«

Der Fremde hatte Pelz und Hut an den Nagel gehängt. Jetzt drehte er sich um und meinte lächelnd:

»Bitte, meinetwegen keine Umstände! Ich bin nicht hungrig, und ehe ich daran denken kann, mich mit an Ihren Tisch zu setzen, muß ich mich doch erst Ihnen vorstellen, damit Sie erfahren, wer es ist, den es Ihnen so unerwartet in die Stube schneit. Gehört dieser junge Mann zu den Bewohnern Ihres Hauses?«

»Nein. Ich bin ihm zufälliger Weise begegnet und habe nur ein Kleines mit ihm abzumachen.«

»So besorgen Sie das vorher. Ich habe keine Eile.«

»Das ist mir recht, denn den Eduard möchte ich nicht warten lassen. Hunger thut weh!«

Da schlug die Försterin die Hände zusammen und fragte:

»Hunger? Herr Jesus! Sind denn die Hauser's in Noth?«

»Ja, meine Alte. Setzen Sie sich nieder. Setze auch Du Dich nieder, mein Junge. Weißt Du, Bärbchen, seine Leute haben nichts zu essen und auch nichts zu feuern. Da ist in der Noth ihm der Gedanke gekommen, in diesem Wetter und bei diesem Schnee in den Wald zu gehen, um ein Wenig Holz zu holen. Der brave Junge ist aber wieder umgekehrt. Er hat sich doch gesagt, daß er kein Recht an dem Holze hat, und da hat er lieber frieren wollen. Was ist da zu thun, liebes Bärbchen?«

»Ja, da muß doch schleunigst geholfen werden!« antwortete die Försterin. »So brave Leute darf man doch nicht sitzen lassen. Aber, ist denn heute nicht Lohntag gewesen?«

»Der ist allerdings gewesen. Der Eduard hat sich Tag und Nacht geschunden, aber der Seidelmann, der jedenfalls irgend einen Pick auf ihn hat, hat seine Arbeit getadelt, ihm das Geld verweigert und ihn dann sogar abgelohnt. Er hat seinem Vater auch die Hypothek gekündigt. Ist das nicht ein Elend, he?«

»Ein großes sogar! Was soll da werden?«

»Der Eduard will zum Obersteiger und ihn um Beschäftigung bitten. Das wird auch nicht viel abwerfen, weil er kein gelernter Bergmann ist. Aber hier giebt es ja nichts Anderes. Der Obersteiger ist kein schlechter Kerl; er hält Etwas auf mich, und so werde ich morgen früh ein gutes Wort einlegen. Jetzt aber schütte dem Eduard die Suppe aus! Er hat's am Nöthigsten, und ich und der Herr hier werden schon Etwas für uns finden.«

Die Försterin folgte schleunigst dieser Aufforderung. Eduard mußte sich wohl oder übel an den Tisch setzen und zulangen. Unterdessen zog der Fremde, welcher es sich in einer Weise, als ob er hier zu Hause sei, auf dem Kanapee bequem gemacht hatte, eine Cigarre heraus, welche er sich anbrannte. Er bot auch dem Förster eine an; dieser aber meinte:


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»Danke, Herr! Mit diesen Dingern habe ich mich nie befreunden können. Es ist, als steckte man einem Eisbären eine Nähnadel in das Maul. Ich bleibe bei meiner Pfeife. Aber, komm her, Alte! Wollen einmal sehen, was wir für den Eduard finden. Hast Du noch Brod?«

»Ich habe ja erst gestern gebacken!«

»So gieb ihm eines!«

»Nicht lieber zwei? Das eine ist ja morgen schon alle!«

»Gut, Bärbchen, gut! Hast Du Mehl?«

»Natürlich!«

»Gieb ihm ein Pfündchen oder zwei. Kaffee?«

Da machte die Försterin eine Bewegung der Ungeduld und sagte:

»Warum so einzeln aufzählen? Ich werde ihm zusammensuchen, was er braucht.«

»Schön! Wir geben ihm den Handschlitten mit. Da mag er sich Holz, Reißig und einen Sack Kohlen aufladen. Es geht ja bergein nach der Stadt; da braucht er sich nicht anzustrengen.«

Diese Unterredung war mit gedämpfter Stimme geführt worden, so daß Eduard nichts davon hörte; da aber das Sopha näher stand, hatte der Fremde jedes Wort vernommen.

Dieser machte, wie der Förster bereits draußen vor der Thür bemerkt hatte, ganz den Eindruck eines vornehmen Mannes. Er mochte über sechzig Jahre zählen und hatte graues Haar. Der Alte setzte sich an seine Seite und sagte gutmüthig:

»Sie müssen schon verzeihen! Der Junge mag sich erst satt essen; dann kommen wir auch an die Reihe.«

»Sie handeln ganz nach meiner Weise. Er ist also der Sohn von braven Eltern?«

»Das will ich meinen!«

Und nun machte der Förster den Fremden in gedämpftem Tone mit den Verhältnissen der Familie Hauser bekannt. Dabei kam natürlich der Name Seidelmann öfter in Erwähnung, und der Förster mußte auch über die letztere Familie Auskunft geben. Er war in Wärme gerathen; er schilderte die Noth ebenso beredt wie die Geschäftspraxis der Arbeitsgeber. Der Fremde hörte ihm mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit zu.

Da legte Eduard den Löffel weg. Das bewog den Förster, abzubrechen. Er stand auf und sagte:

»Na, komm einmal hinaus, mein Junge! Wir wollen sehen, was meine alte Barbara für Düten zusammengefunden hat!«

Eduard griff nach seiner Kopfbedeckung und nach seiner Säge, welche er neben sich liegen hatte und bot dem Fremden eine gute Nacht. Dieser aber trat rasch auf ihn zu und sagte:

»Der Förster hat mir von Ihnen erzählt. Können Sie verschwiegen sein?«

»Wenn es sich um nichts Böses handelt, ja,« antwortete der junge Mann, sichtlich verwundert über die eigenthümliche Frage.


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»So nehmen Sie hier dies Beides! Das Eine ist der Betrag Ihrer Schuld an Seidelmann, und das Andere soll speziell für Sie sein, weil Sie der Versuchung so tapfer widerstanden haben.«

Er zog seine Börse hervor, in welcher sich nur Goldstücke zu befinden schienen, griff zwei Mal hinein und drückte Eduard erst in die Rechte und dann auch in die Linke eine Anzahl dieser Stücke.

Der junge Mann vergaß vor freudigem Schreck, die geöffneten Hände zu schließen. Der Förster sah das Geld und rief:

»Herr, mein Heiland! Ist das Spaß oder Ernst, Herr?«

»Mein voller Ernst!« nickte dieser.

»Können Sie denn so ein Heidengeld mir nichts Dir nichts fortgeben?«

»Ich thue mir keinen Schaden dabei.«

»Juchhe! Eduard, haben wir nicht vorhin von dem Fürsten des Elendes gesprochen? Gerade so macht es dieser Herr! Na, Gott sei getrommelt und gepfiffen! Der Seidelmann bekommt seine Hypothek; für Dich bleibt auch noch übrig, und morgen früh rede ich mit dem Obersteiger! Ich denke, daß er Dir mir zu Liebe Arbeit geben wird. Siehst Du, daß der alte Herrgott noch lebt!«

Jetzt gewann auch Eduard die Sprache wieder. So viel Geld hatte er noch nicht in seinen Händen gehabt. Für seine armen Verhältnisse war es eine große Summe.

»Herr, es kann Ihr Ernst nicht sein!« sagte er, indem seine Stimme hörbar bebte.

»Es ist mein Ernst. Nehmen Sie das Geld in Gottes Namen! Ich bin nicht arm; ich kann es geben. Aber ich stelle die Bedingung, daß Sie schweigen. Niemand als Ihr Vater darf erfahren, von wem Sie es haben; selbst Ihre Mutter darf es nicht wissen, denn Frauen sind in Beziehung auf ihre Verschwiegenheit nicht immer besonders zuverlässig.«

»Aber, Herr, warum soll Niemand erfahren, welche Wohlthat Sie uns erweisen?« fragte Eduard, dem die Thränen des Glückes in die Augen zu treten begannen.

»Das werde ich Ihnen wohl einmal später sagen; denn ich denke, daß wir uns jetzt zwar zum ersten, nicht aber zum letzten Male sehen und sprechen!«

»Und wie soll ich meinem Vater antworten, wenn er mich fragt, wer unser Wohlthäter ist?«

»Sagen Sie ihm, daß ich ein Vetter des Försters bin, bei dem ich einige Tage zu Besuche bleibe.«

Wunderlich trat einen Schritt zurück und machte große Augen, sagte aber nichts. Eduard steckte das Geld ein, ergriff beide Hände des Gebers und sprach, indem ihm die Thränen in großen Tropfen über die Wangen rannen:

»Herr, ich weiß vor Glück und Erstaunen nicht, was ich sagen soll! Sie retten eine arme Familie aus großer Noth. Gott hat Sie uns gesandt, wie er früher seine Engel sendete. Kann ich Ihnen einen Dienst erweisen, so soll es


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mit tausend Freuden geschehen! Ich würde für Sie sogar durch das Feuer gehen!«

»Nun, vielleicht ist es möglich, daß Sie mir dankbar sein können. Jetzt aber gehen Sie! Wer Glück bringt, der soll es so eilig wie möglich bringen.«

Der junge Mann ging mit dem Förster hinaus. Der Fremde hörte an der lauten, verwunderten Stimme der Försterin, welche Letztere sich in der Küche befand, daß die Beiden ihr das Geschehene erzählten. Er stieß einen Seufzer aus und sagte:

»Wahrlich, Geben ist seliger als Nehmen! Die Heilige Schrift hat vollständig Recht!«

Er setzte sich wieder auf das Kanapee und blieb da in tiefe Gedanken versunken, bis der Förster mit seiner Frau eintrat.

»Herr, Sie sind da wirklich wie ein Engel gekommen, ganz so wie der Junge sagte,« meinte der Erstere. »Sie sind ein braver Mann und ein nobler dazu. Aber was Sie da von dem Vetter erzählten, hm, wir Beide, nämlich ich und das Bärbchen da, wir haben uns fast den Kopf zerbrochen, doch vergeblich.«

»Nun, worüber habt Ihr Euch denn den Kopf zerbrochen, Ihr guten Leute?«

»Ueber diesen verteufelten Vetter! Nämlich, meine Frau ist ein Waisenkind ohne alle Verwandtschaft, und auch ich kann in alle meine Töpfe gucken, ohne einen Menschen zu finden, der mein Vetter sein könnte. Ich bin nämlich ein Findelkind.«

»So, so! Nun, ich bin allerdings nicht mit Ihnen verwandt; ich mußte aber doch auf die Frage eine Antwort geben, und da hier kein Mensch wissen darf, wer ich bin, so habe ich mich ganz einfach für Ihren Vetter ausgegeben. Ich hoffe, daß dies mich bei den hiesigen Leuten legitimiren wird.«

»Das wohl; aber, hm! Nehmen Sie es mir nicht übel, aber bei den hiesigen Verhältnissen ist man sehr zur Vorsicht gezwungen. Wenn sich Einer für meinen Vetter ausgiebt, so möchte wenigstens ich wissen, wer er ist und aus welchem Grunde er sich mit meiner Verwandtschaft befaßt.«

»Da haben Sie sehr Recht. Ich werde Ihnen gern Rede stehen. Ist dieser Eduard Hauser bereits fort?«

»Ja. Er machte ein Gesicht, als wolle er mit dem Handschlitten, den ich ihm voll Brennmaterial geladen habe, geradezu gen Himmel fahren.«

»Aus welchen Personen bestehen Ihre Hausgenossen?«

»Wir haben nur Zwei bei uns, den Försterburschen und einen alten Waldläufer.«

»Wo befinden sie sich?«

»Sie sind bereits schlafen gegangen, weil sie früh bei Zeiten in den Wald müssen.«

»So können wir sicher sein, nicht belauscht zu werden?«

»Sapperlot, das klingt ja außerordentlich geheimnißvoll! Der Bursche schläft wie ein Ratz; ihn brächten zehn Pferde jetzt nicht aus den Federn.


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Und der Alte, der schläft zwar leiser, aber dem fällt es im ganzen Leben nicht ein, seine Herrschaft zu bespioniren. Der ist eine höchst treue und ehrliche Haut.«

»So will ich also aufrichtig sein. Sie werden sich wundern, wie ein völlig fremder Mensch mit zwei Koffern um diese Zeit seinen Einzug bei Ihnen halten kann; aber ich will zu meiner Entschuldigung sagen, daß ich von einem Manne geschickt werde, welcher behauptet, ein sehr guter Freund von Ihnen zu sein.«

»Ein sehr guter? Hm! Ich bin in meinem ganzen Leben mit dem Worte Freund nicht sehr freigebig gewesen. Die Menschheit ist es nicht mehr werth. Mein liebster Freund ist mir hier mein altes Bärbchen. Es giebt hier wohl auch Viele, sehr Viele, die mir gewogen sind, aber Freund, und noch dazu ein sehr guter Freund, da giebt es wirklich nur einen Einzigen, den ich so nenne.«

»Darf ich fragen, wer das ist?«

»Warum nicht! Es ist der alte Brandt, der früher Förster in Helfenstein war.«

»Jetzt wohnt er in der Residenz?«

»Ja, ja. Kennen Sie ihn?«

»Sehr gut. Er ist jetzt Portier oder so Etwas beim Fürsten von Befour. Das heißt, er hat die Aufsicht über den Eingang, welcher durch ein Häuschen der Siegesstraße nach dem Garten des fürstlichen Palais führt, welches in der Palaststraße liegt.«

»Stimmt, stimmt! Waren Sie dort?«

»Jawohl!«

»Ich auch. Vor einigen Wochen überkam mich eine ungeheure Sehnsucht nach meinem alten Brandt, und wahrhaftig, ich habe meine Alte im Stiche gelassen, um auf vier Tage nach der Residenz zu gehen. Also, der hat Sie geschickt?«

»Ja. Er sagte mir, daß Sie mir die Thüre nicht weisen würden, wenn er mich zu Ihnen sendete.«

»Richtig! Fällt mir gar nicht ein! Willkommen und abermals willkommen, Herr! Hast Du die Koffer in das Stübchen schaffen lassen, Barbara?«

»Sogleich, als sie ankamen.«

»Und auch Alles hübsch vorgerichtet? Den Ofen feuern lassen?«

»Natürlich, Alter!«

»Nun, so laufe geschwind und sieh nach, ob es noch etwas Eßbares im Hause giebt, oder ob der Eduard Alles mitgenommen hat! Sie müssen nämlich wissen, daß mein Bärbchen das Letzte hingeben kann, wenn sie sieht, daß sich Jemand in der Noth befindet.«

Die Försterin wollte sich entfernen; der Fremde aber fiel schleunigst ein:

»Halt! Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich nicht hungrig bin, und wenn es bei Ihnen mit dem Abendbrode nicht ganz und gar eilt, so möchte ich Ihnen erst sagen, warum ich zu Ihnen gekommen bin.«


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»Wenn Sie nicht anders wollen, nun, mein Hunger ist auch nicht riesig. Also, haben Sie einmal geladen, so schießen Sie auch los!«

»Setzen Sie sich hier neben mich. Das Kanapee ist groß genug, für uns Drei.«

Der Förster warf seiner Frau einen Blick zu, welcher seine ganze Befriedigung darüber aussprach, daß dieser vornehme Herr mit ihnen auf dem gleichen Platze sitzen wollte. Sie ließen sich neben ihm nieder, und als das geschehen war und der alte Wunderlich seine Pfeife bedächtig zu stopfen begann, fragte der Fremde:

»Kennen Sie die Vergangenheit des alten Försters Brandt?«

»Warum sollten wir nicht!« antwortete der Alte, indem er den Tabaksbeutel zuzog. »Ich war ja lange Jahre Brandt's Reviernachbar, ehe ich nach hier versetzt wurde.«

»So kennen Sie auch die Geschichte von seinem Sohne?«

»Von dem Gustav, dem Polizisten? Wohl kenne ich sie; aber mein lieber Herr, ich spreche nicht gern davon.«

»Warum nicht?«

»Weil es meinen alten Kopf zu sehr angreift und mein Herz noch vielmehr. Wir haben auf den Gustav große Stücke gehalten; er war ein braver Junge und ein tüchtiger Beamter, mit dem die Vorgesetzten trotz seiner Jugend sehr zufrieden waren. Was hätte aus ihm werden können! Und da, da kam der verdammte Doppelmord dazwischen!«

»Er hat die That also wirklich begangen?«

»Der? Herr, was fällt Ihnen ein! Der ist so unschuldig gewesen wie die liebe Sonne am Himmel! Herrgott, war das ein Jammer und ein Herzeleid, als es hieß, der Gustav habe die Beiden ermordet und sei eingesperrt worden! Wir haben ihn lieb gehabt, gerade als ob er unser eigenes Kind gewesen wäre, und da auf einmal - Mohrenelement, sehen Sie, da ist es bei meiner Alten rein alle! Da hat sie gleich die Schürze am Gesichte! Wenn ich sie zum Schluchzen bringen will, so darf ich nur von dem Gustav anfangen.«

»Ich hörte, daß es ihm gelungen sei, zu entfliehen?«

»Ja. Seinem Vater ist das anfänglich gar nicht lieb gewesen. Er ist ein eigener Kopf; er wollte, der Gustav solle sich nur getrost hinrichten lassen. Aber er hat sich doch darein gefunden. Gustav wollte daran arbeiten, seine Unschuld zu beweisen; aber seit er fort ist, hat kein Mensch wieder Etwas von ihm gehört.«

»Er ist vollständig verschollen?«

»Ganz und gar. Er ist gestorben und verdorben, der gute, unschuldige Junge; das ist sicher, denn sonst hätte er wenigstens ein einziges Mal ein Wörtchen von sich hören lassen.«

»Wie schade!« meinte der Fremde bedächtig, indem er leise mit dem Kopfe nickte. »Wenn er noch lebte und man wüßte seinen Aufenthalt, so könnte man ihm vielleicht gute Nachricht geben.«


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»Gute Nachricht?« fragte der Förster rasch. »Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, daß man jetzt so ziemlich Hoffnung hat, seine Unschuld zu beweisen.«

»Donnerwetter!« rief Wunderlich, von seinem Sitze aufspringend.

»Herr Jesus! Ist das möglich?« fragte die gute Barbara, indem sie schnell die Schürze vom Gesichte fallen ließ.

Die Mienen der Beiden drückten die freudigste Ueberraschung aus.

»Ja,« antwortete der Fremde. »Die Hoffnung, von welcher ich spreche, ist sogar eine berechtigte. Sie gewinnt von Tag zu Tag Boden.«

»Gott sei Dank!« seufzte der Förster, indem er sich langsam wieder niederließ. »Aber sagen Sie doch geschwind, Herr, Herr - hm, ich will nicht zudringlich sein, aber es spricht sich so sauer mit Einem, dessen Namen man nicht kennt.«

»Ich heiße Arndt, und da ich Gründe habe, hier als Ihr Vetter zu gelten, so bitte ich Sie, mich Vetter Arndt zu nennen.«

»Schön! Wenn Sie es so wollen! Also, Herr Vetter, sagen Sie uns doch, ob mein Freund Brandt auch schon davon weiß!«

»Natürlich! Er sendet mich ja in dieser Angelegenheit zu Ihnen.«

»Wieso? Kann ich dabei Etwas thun?«

»Sehr viel.«

»Das soll von ganzem Herzen gerne geschehen! Nicht wahr, Bärbchen? Aber wie soll ich das anfangen?«

»Sie sollen mir behilflich sein, zu entdecken, wer die geheimnißvolle Person ist, welche man -«

»Welche man den Fürsten des Elendes nennt, doch nicht etwa?« fiel da schnell der Alte ein. »Den kenne ich ganz und gar nicht; da kann ich keine Auskunft geben. Ich war ja nur vier Tage in der Residenz; wie soll da gerade ich erfahren haben, was dort noch kein Mensch herausgeackert hat!«

Arndt lächelte vergnügt vor sich hin und sagte:

»Vom Fürsten des Elendes ist hier keine Rede; ich meine vielmehr die geheimnißvolle Person, welche man hier den Waldkönig oder auch den Pascherkönig nennt.«

»Ah, den! Steht denn der mit der Brandt'schen Angelegenheit in Beziehung?«

»Ich vermuthe es. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich eigentlich Geheimpolizist bin.«

»Ah - hm - so, so!« machte der Förster, indem er dabei ein leises Pfeifen hören ließ. »Geheimpolizist, Delictive oder Defektive, wie es heißt! Grad wie damals der Gustav Brandt! Das soll Niemand ahnen, und darum wollen Sie als mein Vetter gelten!«

»So ist es allerdings.«

»Aber wie soll denn der Waldkönig in Bezug zu der Brandt'schen Sache stehen?«

»Darüber darf ich jetzt noch nicht sprechen. Vielleicht aber ist es mir


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recht bald möglich, mich Ihnen zu erklären. Hat man hier wirklich keine Ahnung, wer der König eigentlich ist?«

»Nicht die mindeste!«

»Auch keinen Verdacht auf Jemand?«

»Auch nicht.«

»Aber es giebt doch jedenfalls Personen, von denen man weiß, daß sie notorische Schmuggler sind?«

»Allerdings. Aber von ihnen ist nichts zu erfahren. Bisher hat ein jeder Pascher, welcher aufgefangen wurde, zu Protokoll gegeben, daß die Untergebenen des Waldkönigs ihn selbst nicht kennen. Er verkehrt nur verkleidet mit ihnen und mit einer Maske vor dem Gesicht. Seine Befehle bekommen sie auf ganz geheimnißvolle Weise. Wer nicht gehorcht, muß sterben!«

»Hm! Er kann kein gewöhnlicher Mann sein.«

»Sicher nicht! Es gehört schon ein Kerl dazu, so eine verzweifelte Bande zu organisiren und in Respect zu halten. Es ist mit ihm gerade wie mit dem Fürsten des Elendes: Beide scheinen allwissend und allgegenwärtig zu sein, nur daß der Eine ein Engel ist, der Andere aber ein wahrer Teufel.«

»Sie scheinen sich für den Fürsten des Elendes sehr zu interessiren?«

»Gewaltig! Während der vier Tage in der Hauptstadt habe ich so viel von ihm gehört, daß mir noch heute die Ohren klingen.«

»Ah, da fällt mir ein: Wohnt nicht auch der Baron von Helfenstein dort, dem das hiesige Kohlenbergwerk gehört?«

»Ja, er und die Baronin, welche früher Kammermädchen war.«

»Kommt er zuweilen nach hier?«

»Sehr oft sogar.«

»Zu regelmäßigen Zeiten?«

»Nein. Er ist zuweilen längere Zeit abwesend, zuweilen sieht man ihn alle Wochen hier, aber nur kurze Zeit.«

»Und drüben in Helfenstein, auf Schloß Hirschenau? Ist er auch da zuweilen zu sehen?«

»Gewiß! Ebenso oft wie hier. Ich wollte, der Teufel holte ihn! Er war damals auch nicht rein in der Wäsche, als der junge Brandt eingesperrt wurde.«

»Darüber läßt sich nichts sagen! Aber, kann man denn nicht in Erfahrung bringen, in welcher Gegend der Pascherkönig am Liebsten sein Wesen treibt?«

»Eben gerade zwischen hier und Helfenstein. Er scheint auf den Baron auch nicht sehr gut zu sprechen zu sein, da er gerade dessen Gebiet so unsicher macht.«

Es war ein sehr eigenthümliches Lächeln, welches jetzt die Lippen Arndt's umspielte. Doch fragte er ruhig weiter:

»Ich hörte auf der letzten Station, daß vorigen Abend wieder ein Verbrechen verübt worden ist?«


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»Ein Grenzoffizier ist erschossen worden, jedenfalls von einem Schmuggler, von einem Untergebenen des Waldkönigs.«

»Hat man keine Spur entdeckt?«

»Nicht die geringste. Der Wind hat Alles verweht. Ich selbst war ja dabei. Wir haben nach Kräften gesucht. Vielleicht ist es möglich, Etwas zu finden, nachdem der Frühling den Schnee fort gethaut hat. Ein fürchterlicher Anblick, diese Leiche! Man muß sich geradezu fürchten, hier im Walde zu wohnen. Ich habe mein Leben jedenfalls nur meiner Vorsicht zu verdanken. Ich thue nämlich als Förster meine Pflicht, menge mich aber niemals in die Pascherangelegenheiten. Das ist Sache der Grenzbeamten, nicht aber die meinige.«

»Wollen Sie mir damit sagen, daß ich nicht auf Ihren Beistand rechnen kann? Meine Aufgabe gerade ist es ja, zu erforschen, wer der König ist!«

»Hm! Das habe ich nun gerade nicht gemeint! Dem Brandt thue ich schon Etwas zu Liebe. Ich stelle mich Ihnen sehr gern zur Verfügung; nur dürfen Sie nicht verlangen, daß ich mich blindlings der Gefahr aussetzen soll!«

»Das fällt mir gar nicht ein. Ihre Hilfe soll vielmehr eine ganz und gar heimliche sein. Es darf ja auch von mir kein Mensch ahnen, weshalb ich mich hier befinde.«

»Das beruhigt mich. Aber auf welche Weise wollen Sie denn eine Spur des Pascherkönigs entdecken?«

»Darüber bin ich mir selbst noch nicht klar. Ich muß erst recognosciren, um mir ein Urtheil zu bilden. Gesehen hat ihn Niemand?«

»O doch! Aber man weiß, daß auch ein Jeder, der nicht sein Untergebener ist, sterben muß, unbedingt sterben, wenn er ein Wort über so ein zufälliges Zusammentreffen verliert. Dennoch aber sagt man sich heimlich, der Pascherkönig sei ein langer, schmächtiger Mann, und seine Kleidung bestehe aus einer kurzen, eng anliegenden Jacke, einem breitkrämpigen Hute, einer Maske über dem Gesicht und langen Stiefeln, in deren Schäften die Hosen stecken. Um den Leib hat er einen Gurt, in welchem Messer und Revolver stecken, und ohne Flinte ist er nicht zu treffen.«

»Diese Kleidung hat nichts Ungewöhnliches; man trägt sie hier fast allgemein. Na, ich werde sehen!«

»Und ich wünsche Ihnen Glück, zweifle aber am Gelingen!«

»Warum?«

Der Förster überflog Arndt's Gestalt mit einem prüfenden Blicke und antwortete dann:

»Sie sind sehr kräftig gebaut und scheinen in Ihrer Jugend gewandt und beweglich gewesen zu sein. Bei Ihrem jetzigen Alter und bei der gegenwärtigen Witterung können Sie den Mühen und Gefahren nicht gewachsen sein, denen Sie sich unterwerfen müßten, um den König zu fangen. Man hat die


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ganze Gegend mit Militair besetzt - ohne den geringsten Erfolg. Werden Sie als Einzelner glücklicher sein?«

»Mein lieber Herr Förster, die rohe Gewalt thut es am Allerwenigsten. Ich weiß nicht, ob ich mich vor dem Waldkönige Mann gegen Mann zu fürchten hätte; auch kann ich nicht sagen, ob ich ihm, der doch jedenfalls eine große Portion Verschlagenheit besitzt, an List gewachsen bin, aber versucht muß es doch werden. Einen großen Vortheil aber habe ich vor ihm voraus.«

»Wirklich? Und der wäre?«

»Ich weiß, daß ich ihn suche, er dagegen hat keine Ahnung von meiner Absicht; das ist ein großer Vortheil.«

»Vielleicht auch nicht. Wie viele in der Residenz wissen, daß sie den Fürsten des Elendes suchen. Haben sie ihn gefunden?«

»Hm! Ich vielleicht würde ihn finden!«

»Sapperlot! Wie wollten Sie das anfangen?«

»Zunächst würde ich mir sagen, daß er es weiß, daß man ihn entdecken will, und daß er sich also wohl hinter verschiedenen Gestalten verbergen wird. Er erscheint vielleicht in hunderterlei Weisen, bald so und bald so, bald jung und bald alt, bald mit und bald ohne Bart, bald dick und bald schlank, die Kleidung, Sprache und so weiter gar nicht mitgerechnet.«

»Das wäre mir unbegreiflich! Man kann wohl die Kleidung verändern, weiter aber nichts. Einer Perrücke oder einem Barte sieht man es ja sofort an, ob er Natur ist oder nachgemacht.«

»Meinen Sie? Wollen sehen!«

Er stand vom Kanapee auf und trat an die Ofenbank, auf welcher ein gefülltes Waschbecken stand. Er tauchte einen Zipfel seines Taschentuches in das Wasser und fragte dann:

»Für wie alt halten Sie mich?«

»Vierundsechzig ungefähr.«

»Und jetzt?«

Er griff nach seinem Haare. Ein rascher Ruck, und er stand mit einem vollständig schwarz belockten Kopfe da.

»Herrjesses!« rief die Försterin. »Können Sie hexen?«

»Nein. Aber haben Sie bemerkt, daß mein graues Haar ein künstliches ist?«

»Mit keinem Blicke!« antwortete der Förster.

»Sie sehen ein, daß ein geheimer Polizist zuweilen auch Ursache hat, nicht erkannt zu sein. Ich bin hinreichend mit Gegenständen versehen, welche mich unkenntlich machen. Für wie alt halten Sie mich denn jetzt, lieber Vetter?«

»Sapperlot! Für zehn Jahre jünger als vorher.«

»Also für ungefähr vierundfünfzig. Aber jetzt?«

Er fuhr sich mit dem nassen Zipfel seines Taschentuches rasch einige Male über das Gesicht. Die vorher blasse Farbe desselben war einem dunklen


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Teint gewichen. Der alte Wunderlich riß den Mund weit auf, starrte ihn verwundert an und sagte dann:

»Gott stehe mir bei! Jetzt sind Sie kaum fünfzig!«

»Und jetzt?«

Er zog ein kleines Flacon aus der Tasche, träufelte aus demselben einige Tropfen auf das Tuch und wischte sich mit dem Letzteren langsam über das Gesicht. Sofort war die bräunliche Farbe verschwunden, und die beiden alten Leute erblickten nun ein aristokratisch feines Gesicht, welches jene schöne, aber nicht im mindesten krankhafte Blässe zeigte, die man nur an den Angehörigen höherer Stände zu bemerken pflegt.

»Jetzt, jetzt sind Sie kaum über vierzig!« entschied der Förster. »Nicht wahr, Bärbchen?«

Die Alte nickte zustimmend, sagte aber nichts. Was sie sah, das ging über ihren Horizont. Arndt fuhr fort:

»Jetzt sehen Sie mein ursprüngliches Gesicht. Ich habe zahlreiche Salben und Essenzen, welche mich befähigen, dasselbe in einer Viertelstunde zehnmal zu verändern. Nehmen Sie dazu falsche Bärte und Perrücken, welche auf das Sorgfältigste meinem Gesichte und Kopfe angepaßt sind, ferner die Verschiedenheit der Tracht, der Haltung, des Ganges, der Sprache und der Geberden, so werden Sie einsehen, daß es schwer ist, mich zu erkennen, wenn ich nicht erkannt sein will.«

»Ich bin ganz starr vor Verwunderung?«

»Ich sage Ihnen zum Beispiel, daß ich einen Rock besitze, ein wahres Meisterstück in der Schneiderkunst, und nach meinen eigenen Angaben gefertigt, dem ich in fünf Minuten viererlei Schnitte und dreierlei verschiedene Farben geben kann, je nachdem ich ihn anziehe, auf- oder zuknöpfe und einzelne Theile einschlage oder auswerfe. Dieser Rock hat vier Ärmel anstatt zwei. Jetzt sieht mich Jemand im dunkelblauen Ueberzieher; ich verschwinde um die Ecke, und wenn er mir nachfolgt, erblickt er mich in einem kurzen, hellen Rocke, anstatt der Mütze habe ich einen Hut auf dem Kopfe und anstatt des grauen oder schwarzen Bartes einen hellblonden. Ich habe einen guten Grund, Ihnen diese Mittheilung zu machen. Können Sie ihn errathen?«

»Nein,« antwortete der Förster.

»Nun, er ist eigentlich nicht schwer zu entdecken. Ich werde nämlich die Gegend in verschiedenen Gestalten durchstreifen; da wird es unvermeidlich sein, daß wir einander treffen, ohne daß Sie mich erkennen. Sie müssen also vorher davon unterrichtet sein, daß ich mich verkleide, und wir müssen uns über irgend Etwas verständigen, woran wir uns erkennen.«

»Was sollte das sein?«

»Zunächst wenn wir uns am Tage von Weitem sehen, da werde ich mit der rechten Hand von meinem linken Ohre zum rechten greifen.«

»Das geht. Aber des Abends?«

»Bin ich Ihnen nahe, so daß Sie es hören können, wenn ich leise spreche, so flüstere ich Ihnen - na, was denn zu? Hm!«


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»Halt! Ich weiß was!« meinte der Förster.

»Nun?«

»Der Fürst des Elendes ist mein Liebling. Flüstern sie mir das zu, wenn ich Sie erkennen soll!«

»Gut! Auch mir ist das von Interesse, vielleicht mehr noch, als Sie denken. Aber es kann auch der Fall eintreten, daß wir im Dunkel uns von Weitem einander zu erkennen geben müssen. Da wird es am Besten sein, der Eine ruft 'der Fürst!' und der Andere 'des Elendes!' Sind Sie damit einverstanden?«

»Natürlich! Das klingt grad wie in einem Romane, aber es kann unter Umständen ganz praktisch sein.«

»Das ist's, was wir zunächst zu besprechen hatten. Hinzufügen will ich noch - o weh, ich habe ja noch gar nicht bestimmt gefragt, ob ich bei Ihnen wohnen bleiben kann.«

»Natürlich!« antwortete Frau Barbara sogleich.

»Das versteht sich ganz von selbst!« stimmte der Förster bei. »Mein Freund hat Sie geschickt; Sie arbeiten für eine gute Sache, für welche ich mich persönlich auf das Lebhafteste interessire, und endlich hat Ihr jetziges Gesicht, welches Sie Ihr natürliches, Ihr eigentliches nennen, so ein Etwas, was mich anspricht. Ich kann es nicht herausfinden und erklären, aber es ist mir ganz so, als hätten wir uns schon seit langer Zeit gekannt.«

»So geht es Einem zuweilen, mein lieber Vetter. So werden wir uns nämlich stets nennen müssen, mögen wir nun allein oder in Gesellschaft sein.«

»Aber was sind Sie denn, wenn man mich fragt?«

»Ich bin früher nach Amerika gegangen, habe dort mein Glück gemacht und besuche Sie auf einige Zeit. Früher bin ich Försterbursche gewesen!«

»Aber ich werde Sie bei der Behörde anzumelden haben!«

»Das besorge ich selbst. Ich werde Sorge tragen, daß mir weder die Polizei noch die Grenzbeamten Etwas in den Weg legen.«

»Werden Sie das fertig bringen?«

»Als Geheimpolizist habe ich meine Legitimationen, und außerdem stehe ich unter einem hohen Schutze. Eigentlich hat der Fürst des Elendes in diese Gegend mich gesandt.«

Da schlug der alte Förster vor Verwunderung die eine Hand in die andere und rief:

»Der Fürst? Der hat Sie gesandt? Herr - Herr - Herr Vetter, Sie sind, hole mich der Kukuk, ein ganz außerordentlicher Kerl; das habe ich längst bemerkt; jetzt aber steht mir all mein Verstand stille! Haben Sie denn mit ihm gesprochen?«

»Ja, freilich!« nickte Arndt.

»Und ihn also auch gesehen?«

»Natürlich!«


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»Hat er Ihnen vielleicht gesagt, wer er ist?«

»Nein, gerade das hat er nicht gethan. Vielleicht hat er gedacht, daß ich es weiß, ohne daß er es mir sagt. Doch genug hiervon! Ich muß Ihnen nur noch bemerken, daß ich keine pekuniären Opfer fordere. Ich werde Alles bezahlen.«

»Das fehlte noch! Einer den mir mein Freund Brandt schickt! Einer, der mit dem Fürsten des Elendes gesprochen und ihn sogar gesehen hat! Und mich bezahlen! Viel eher schlägt das Wetter drein, ehe ich einen Kreuzer nehme! Ich bin ein armer Teufel, aber zu hungern brauche ich nicht. Sie kriegen, was wir selbst haben. Wer mehr giebt, als er hat, der ist ein Schuft, und das bin ich nicht. Abgemacht!«

»Gut, abgemacht, und das Uebrige vorbehalten! Hier meine Hand! Die Frau Muhme mag jetzt sehen, ob sie Etwas zu essen für uns findet; Sie aber, Herr Vetter, zeigen mir einmal das Stübchen, in welchem meine Koffer bereits sind!«

»Schön! Kommen Sie! Vornehm sind wir nicht eingerichtet; aber ein Bett werden Sie haben, einen Tisch, einen Stuhl, einen Spiegel und sogar einen Stiefelknecht. Den habe ich selber aus einem birkenen Zwiesel geschnitten.«

Er führte ihn nach dem Giebelstübchen, welches eine Treppe hoch lag. Draußen war der Mond aufgegangen, und der Schneefall hatte fast gänzlich aufgehört. Der Förster trat an das kleine Fenster, deutete nach dem Walde und fragte:

»Sehen Sie da drüben die drei Riesentannen stehen?«

»Jawohl sehe ich sie.«

»Nahe bei der mittleren hat der ermordete Grenzer gelegen.«

»Das ist ja gar nicht weit von hier!«

»Ganz und gar nicht. Wollen wir morgen Vormittag einmal zusammen hingehen?«

»Auch ich wollte diese Frage aussprechen. Wir gehen, und Sie haben die Güte, mir an Ort und Stelle Alles ausführlich zu berichten. Vielleicht komme ich auf eine Idee. Sie müssen nämlich wissen, daß eine gute Idee oft mehr werth ist, als eine vollendete materielle Thatsache.« -

Unterdessen hatte Eduard Hauser seinen Heimweg beendet. Bei dem Gedanken an die Seinigen schlug ihm das Herz vor Freude. Einen Schlitten voll Holz und Kohlen; oben darauf einen großen Korb voll Eßwaaren und allerlei Küchennothwendigkeiten. Das waren Dinge, welche zu erlangen ihm vor einer Stunde noch als unmöglich erschienen war. Und jetzt!

Die Straße führte bergab. Er stellte sich hinten auf die Kuffen und ließ den Schlitten laufen, indem er ihn dadurch lenkte, daß er zuweilen mit dem betreffenden Fuße den Boden berührte. So gelangte er sehr bald in die Nähe des Städtchens, wo der Weg sich wieder hob und er sich also vorspannen mußte. Aber diese Arbeit wurde ihm leicht.

Vor der Thür des Elternhäuschens hielt er an, ließ den Schlitten einst-


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weilen stehen und begab sich nach der Wohnstube. Bereits vor der Thür hörte er die Stimme des Vaters:

»Kein Leiden kommt von ungefähr;

Die Hand des Höchsten schickt es her;
Sein Rath hat's so ersehen.
     Drum sei nur still
Und was Gott will,
     Laß immer gern geschehen!«

Als er die Thür öffnete, wehte ihm eine Luft entgegen, welche ihm noch eisiger als die äußere zu sein schien. Die Seinigen saßen zusammengedrängt um den Tisch, um sich an einander zu erwärmen. Bei dem Ofen kniete - Engelchen, bemüht, mittels einiger Scheitchen Holz ein ärmliches Feuer anzufachen.

»Er kommt! Er ist da!«riefen die kleinen Geschwister.

»Ja, da ist er! Gott sei Dank!« sagte die Mutter, der es anzusehen war, daß sie Angst um ihn ausgestanden hatte.

Angelica erhob sich von der Diele und fragte ihn:

»Aber Eduard, wo bist Du denn gewesen? Wir Alle haben Sorge um Dich gehabt. Du warst fort, bei diesem Wetter!«

»Und ob ich schon wandle im finsteren Thale, so fürchte ich kein Unglück,« recitirte der Vater; »denn Du bist bei mir; Dein Stecken und Stab trösten mich!«

Eduard rieb sich, ohne auf die einzelnen Fragen, welche man an ihn richtete, einzugehen, die Hände und sagte:

»Wie kalt! Habt Ihr kein Feuer gehabt?«

»Ein Bischen nur,« antwortete die Mutter.

»Hat Euch der Nachbar nicht ausgeholfen?«

»Fünf Scheitchen Holz hat er uns geborgt. Mehr könnte er nicht thun, sagte er, da er mit seinem Vorrathe noch bis zum Ende des Winters reichen müsse.«

»Und Kohlen?«

»Gar keine. Er hatte selbst nur wenig.«

Die arme Frau sagte das mit großer Bitterkeit.

»Ja,« erklärte Engelchen, »der Vater war nicht gut gegen den Deinigen, Eduard. Ich weiß nicht, was ihm so plötzlich in den Kopf gefahren ist.«

»Habt Ihr Kartoffeln gekocht und gegessen?« erkundigte sich der junge Mann weiter.

»Nein. Mit den paar Spaltchen Holz brachten wir ja nicht einmal das Wasser warm!«

»Herrgott! Ihr habt gehungert, und ich habe zu Abend gegessen wie ein König!«

»Was denn, was denn?« fragten die Geschwister begierig.

»Graupensuppe, eine ganze große Schüssel voll!«

»Wo denn?«


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»Bei - oh, da stehe ich und rede, während Ihr friert. Wartet, Ihr sollt sogleich eine warme Stube haben!«

Er eilte hinaus und holte erst den mit Eßwaaren gefüllten Korb herein.

»Hier, Mutter, ist etwas gegen den Hunger. Theile aus!«

Nach diesen Worten ging er wieder, um das Holz und die Kohlen abzuladen und in das Gewölbe zu schaffen. Er nahm davon so viel, als er für heute zu brauchen meinte, und kehrte damit in die Stube zurück, wo ihn ein Anblick erwartete, von dem sich nur sehr schwer sagen ließ, ob er zum Entzücken oder zum Erbarmen sei.

Der Hunger lag auf allen Gesichtern, aber auch die Freude leuchtete aus allen Augen. Mutter und Kinder starrten mit glänzenden Blicken auf die Vorräthe, und der Vater saß mit gefalteten Händen dabei und betete:

»Nun danket alle Gott
     Mit Herzen, Mund und Händen,
Der große Dinge thut
     An uns und allen Enden!«

Dann erst, als er seinem frommen Herzen Genüge gethan hatte, wendete er sich an Eduard mit der Frage:

»Mein Sohn, sage, wer uns diese Freude bereitet!«

»Der alte Förster Wunderlich,« antwortete der Gefragte.

»Gott segne den braven Mann und seine wohlthätige Frau! Aber wie bist Du denn zu ihm gekommen? Erzähle es!«

»Jetzt nicht, Vater! Komm, Engelchen, hilf mir! Hier ist Holz, und da sind Kohlen. Wir müssen vor allen Dingen anfeuern, damit es warm wird. Mutter gieb den Kleinen einstweilen etwas. Im Korbe ist auch Kaffee. Wir kochen welchen!«

»Kaffee, Kaffee!« jubelten die Kleinen, denen die Mutter von dem Brode vorschnitt.

Die Lippen des Vaters zuckten vor tiefer Bewegung. Als sich der erste Freudensturm gelegt hatte und die Kleinen mit ihren Brodschnitten beschäftigt waren, sagte er:

»Frau, siehst Du, daß Gott uns nicht vergessen hat! Er macht noch immer seine Winde zu Boten und seine Diener zu Feuerflammen. Dieses Mal hat er dem Förster geboten, unser Engel zu sein. Ihm sei Preis und Dank!«

»Aber wie lange wird es reichen?« meinte die Frau, welche nicht die Glaubensstärke ihres Mannes besaß. »Wir sind abgelohnt, wir haben keine Arbeit, und wie bald ist die Hypothek zu bezahlen! Wer soll da helfen? Es wird und kann sich Niemand finden! Wir müssen aus der Hütte!«

»Kleingläubige, warum zweifelst Du? Wie er uns heute hilft, so wird er uns auch weiter helfen. Er ist mächtiger als die Sorge, und größer als die Noth!«

»Er hat bereits geholfen, lieber Vater, liebe Mutter,« sagte da Eduard,


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der nicht länger an sich halten konnte. »Hier ist die Hypothek, und hier sind auch noch fünf Goldstücke mehr!«

Damit sprang er vom Ofen herbei, zog das Geld aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Die Mutter schlug die Hände zusammen; die Geschwister blickten einander wortlos an; auch Engelchen gab durch ihre weitgeöffneten Augen ihr Erstaunen zu verstehen; der Vater aber erhob sich langsam von seinem Sitze, streckte die Hand gegen das viele Geld aus und sagte:

»Eduard, mein Sohn, ich will nicht hoffen, daß die Noth Dich auf unrechten Weg geführt hat! Dieses Gold gleißt wie die Sünde. Wer kann Dir eine solche Summe borgen?«

»Borgen, Vater?« fragte der glückliche junge Mann. »Geschenkt habe ich es erhalten, geschenkt!«

»Das ist unmöglich, ganz und gar unmöglich!«

Der Vater machte ein ernstes, fast trauriges Gesicht; die Anderen aber drangen in Eduard, ihnen zu erzählen, von wem er das viele Geld habe. Er mußte ihnen Folge leisten. Daher überließ er Engelchen den Ofen und erzählte aufrichtig, wie er in den Wald gegangen sei, um Holz zu holen, und dort den Förster getroffen habe, von dessen Frau ihm dann die Eßwaaren in den Korb gepackt worden seien.

»Soweit ist Alles erklärlich,« sagte der Vater. »Die Liebe zu uns hätte Dich beinahe zum Diebe gemacht, und ich danke Gott, daß er Dich nicht aus seiner Hand gelassen hat. Aber das Gold, das Gold, das kannst Du nicht vom Förster empfangen haben!«

»Nein, Vater.«

»Von wem sonst?«

»Das soll ich Allen verschweigen; nur Dir allein darf ich es sagen.«

»Warum?«

»Der Geber hat es mir befohlen.«

»Ich kann das Geld nicht anrühren, als bis ich gewiß bin, daß mein Gewissen es mir erlaubt. Du bist stets gut und ehrlich gewesen; ich will Dich nicht verdächtigen, mein Sohn; aber ich muß wissen, auf welche Weise es in Deine Hand gekommen ist. Folge mir, und erzähle es!«

Er zog sich hinter den Webstuhl zurück, wo Eduard mit leiser Stimme ihm Bericht erstattete. Die Anderen waren still, doch hörten sie nur das leise Geflüster, verstehen aber konnten sie nichts, als endlich nur die Frage des Vaters:

»Und der Förster ist Zeuge, daß es wirklich so ist?«

»Ja, Vater!«

»Und ich kann mich also getrost bei ihm erkundigen?«

»Thue es in Gottes Namen!«

»Nein, ich werde es nicht thun, denn nun ist mein Gewissen beruhigt. Ich glaube und vertraue Dir!«

Er kehrte wieder an den Tisch zurück. Die Mutter, bereits durch seine


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letzten Worte mit froher Hoffnung erfüllt, blickte ihn dennoch fragend an. Er nickte ihr unter einem glücklichen, verklärten Lächeln zu und sagte:

»Kinder, es ist uns heute ein Heil widerfahren, und eine große Gnade ist uns begegnet. Faltet Eure Hände und betet mit mir:

'Wie groß ist des Allmächtigen Güte!
     Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt,
Der mit verhärtetem Gemüthe
     Den Dank erstickt, der ihm gebührt?
Nein, seine Liebe zu ermessen,
     Sei ewig meine größte Pflicht.
Der Herr hat mein noch nie vergessen,
     Vergiß, mein Herz, auch seiner nicht!'«

Wer in diesem Augenblicke in die ärmliche Stube getreten wäre, dem hätte ein Odem Gottes entgegen geweht, als ob er sich in der Kirche befinde. Die Armuth, das Elend führt zu Gott; der Reichthum aber macht gleichgiltig gegen den Geber aller Güter.

Das Feuer knisterte in dem Ofen, und das Wasser begann im Topfe zu singen. Es wurde nach und nach warm in dem Raume, und auch die Menschen waren warm und lebendig geworden. Sonderbar, daß gerade Diejenige, welche wenigstens von schwerer Sorge bisher verschont geblieben war, desto einsilbiger wurde, je fröhlicher sich die Anderen zeigten - nämlich Engelchen.

Es war ihr anzusehen, daß sie sich nicht in ihrer gewöhnlichen Stimmung befand. Auch Eduard bemerkte es, und als sie dann nach Hause ging und er sie bis vor die Thür begleitete, fragte er:

»Hat Dich vielleicht Jemand von uns beleidigt, Engelchen?«

»Nein, Eduard, Niemand,« antwortete sie.

»Du warst so ernst, während wir uns so glücklich fühlten!«

»Nur weil ich an den Vater dachte, der heute so ungut mit den Deinigen war.«

»Ist Dir vielleicht der Grund bekannt?«

Sie kannte ihn nur zu gut; auch wußte sie, daß die Ursache ihrer Schweigsamkeit eine ganz andere gewesen sei. Sie hatte an das Vergnügen gedacht, welches ihrer wartete. Sie hatte sich den Ballsaal im Geiste ausgeschmückt. Wie sehr stach gegen ihn die ärmliche Stube ab, in der sie sich befand! Waren diese Hausers wirklich die Leute, mit denen sie verkehren konnte, sie, die schöne und ehrenvolle Einladungen bekam? Wie manches vornehme Mädchen würde entzückt sein, eine solche zu erhalten!

»Nein,« antwortete sie; »ich kenne den Grund nicht.«

Es war das erste Mal, daß sie den Nachbarssohn belog. Eduard mußte an das denken, was der Förster über ihren Vater gesagt hatte, und so warf er unwillkürlich die Worte hin:

»Vielleicht sind wir Deinem Vater nicht gut genug?«

»Wo denkst Du gleich hin!« beugte sie schnell vor. »Vielleicht war er nur darum so kurz mit Deinem Vater, weil er gerade sehr viel nachzudenken hatte.«


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»Nachzudenken? Hat er vielleicht von den Seidelmanns ein schwieriges Muster erhalten? Ich will ihm helfen, die Fäden auszurechnen.«

Das hatte er bereits oft gethan, denn er war ein geschickterer Weber als Hofmann; sie aber antwortete:

»Er ist klug genug dazu! Aber nicht er hat Etwas erhalten, sondern ich selbst.«

»So? Etwas Erfreuliches?«

»Ja, so erfreulich, wie ich im ganzen Leben noch nichts empfangen habe. Es kam mit der Post.«

»Ah, ein Brief?«

»Nein, sondern ein Packet. Rathe einmal, was es enthielt!«

»Wer kann da rathen! Ein Geschenk?«

»Ja, und eine Karte.«

»Eine Karte? Heute ist doch nicht Dein Geburtstag gewesen«

»Nein; den kennst Du ja genau. Es war keine Geburtstagskarte, sondern eine viel schönere - eine Ballkarte.«

»Eine Ballk - -«

Das Wort blieb ihm auf der Zunge liegen. Sie standen mit einander im dunklen Flur. Hätte sie sein Gesicht sehen können, so wäre sie gewiß erschrocken über die Todesblässe, welche sich plötzlich über dasselbe verbreitet hatte. All sein Blut wich nach dem Herzen zurück. Es war ihm, als ob er im nächsten Augenblick ersticken müsse.

»Nun, was sagst Du dazu?« fragte sie, ärgerlich über sein langes Schweigen.

»Wann ist der Ball?« fragte er.

»Nächsten Dienstag.«

»Wo?«

»Hier in der Schänke.«

»Da ist ja Maskenball, wie ich gehört habe!«

»Jawohl, Eduard. Der erste Maskenball, den ich mitmache!«

»Aber man sagte doch, daß er nur für das Stadtcasino sei?«

»Allerdings für das Casino und für Die, welche von den Mitgliedern eingeladen werden.«

»Und Du gehörst zu diesen Geladenen?«

»Natürlich! Ich habe sogar den Maskenanzug erhalten!«

Sie sagte das beinahe jubilirend, ganz in demselben freudigen Tone, in welchem vorhin seine hungernden Geschwister das Brod bewillkommnet hatten. Es war ihm ganz so, als ob sich eine harte, kräftige Hand um seine Kehle lege, um ihn zu erwürgen, und es dauerte lange, ehe es ihm gelang, die Frage hervorzustoßen:

»Den Maskenanzug? Den kann ein Mädchen doch nur von ihrem Geliebten oder gar Verlobten erhalten!«

»Meinst Du? Nun, vielleicht habe ich so einen Geliebten oder gar Verlobten!«


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»Engelchen, sagst Du das im Ernste?«

Sie hörte das Zittern seiner Stimme. Sie war nicht schlecht; sie war auch nicht leichtsinnig; sie war nur jung und unerfahren. Sie hatte ihn lieb, so lieb, nun ja, wie man einen Nachbarssohn gewöhnlich zu haben pflegt, dachte sie, und da gab es ihr Spaß, ihn ein Wenig zu necken oder gar zu ärgern. Denn daß er sich ärgere, das hörte sie ja: Seine Stimme bebte vor Zorn.

»Denkst Du denn, daß ich Spaß mache?« fragte sie.

»Und wer ist es, der Dir einen Maskenanzug schicken darf?«

»Ein feiner Herr, ein Mitglied des Casino!«

»Ah, kein armer Weberssohn?«

»Nein.«

Ihr Ton hatte bei diesem Worte etwas schnippisch Hartes. Sie merkte das gar nicht, und noch viel weniger dachte sie daran, sich darüber Rechenschaft zu geben.

»So gratulire ich!« meinte er leise.

Man hätte fast sagen können, es sei eine ersterbende Stimme, mit der er diese Worte hervorlispelte.

»Ich danke! Du freust Dich doch darüber?«

»Ich freue mich, wenn ich Dich glücklich sehe, Engelchen. Gott weiß es, wie ich mich grämen würde, wenn Du unglücklich wärst. Was für ein Anzug ist es, den Du erhalten hast?«

»Ich gehe als Italienerin!«

»Das kenne ich nicht. Ist es hübsch?«

»Ach, allerliebst, sage ich Dir! Möchtest Du mich nicht einmal in dem Costüme sehen?«

»Gar zu gern, wenn ich darf!«

»Du darfst. Komme nachher herüber, wenn die Eltern nicht mehr wach sind!«

»Warum nicht eher?«

»Weil - weil - na, weil ich den Anzug nicht tragen darf, wenn der Vater dabei ist, und -«

Sie stockte. Eduard aber begriff sie nicht und fragte in seiner Unbefangenheit:

»Warum soll Dein Vater den Anzug nicht sehen? Ist er denn zu häßlich?«

»O nein; er ist im Gegentheile gar zu schön, wie ich bereits sagte. Und sodann weißt Du ja, daß der Vater heute schlechte Laune hat. Ich möchte nicht haben, daß er Dich bemerkt. Also komme später; vielleicht in einer Stunde!«

»Gut, Engelchen, ich komme!«

Er gab ihr die Hand. Diese war so kalt, so eigenthümlich kalt. Es war nicht die Kälte, welche vom winterlichen Froste kommt, sondern jene schaurige Kälte, welche - - Engelchen entsann sich, daß die Hand ihres


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Großvaters, als derselbe todt im Sarge lag, sich ganz ebenso angefühlt hatte. Sie zuckte zusammen und zog ihre Hand aus der seinigen, öffnete die Thür und eilte raschen Laufes ihrem Häuschen zu.

Er stand unter der offenen Thüre und blickte ihr starren Auges nach. Er blickte noch hinüber, als sie schon längst drüben verschwunden war. Er hatte keinen Gedanken, kein Gefühl; aber er wußte, daß er todt sei, todt, gestorben an einem plötzlichen, fürchterlichen Schlage, der auf sein Herz gefallen war.

Schon als kleine Kinder hatten sie sich gekannt. Er war ihr Beschützer gewesen, ihr Helfer zu aller Zeit. Er hatte nie an die Möglichkeit gedacht, sie auf einen einzigen Tag entbehren zu müssen, denn das lag für ihn ja überhaupt nicht im Bereiche der Möglichkeit. So waren sie aufgewachsen mit und neben einander. Es war ihm nie eingefallen, sich Rechenschaft über sein Herz zu geben; er war sich seines Zustandes nie klar geworden, bis heute mit einem Male zwei Gewißheiten zerschmetternd auf ihn niederstürzten, nämlich, daß er sie liebe, mit jeder Faser seines Herzens liebe, und daß er sie verloren habe, noch ehe er sich dieser Liebe bewußt geworden sei.

So stand er da. Der eisige Hauch des Winters umwehte ihn; das Vermögen, geordnete Gedanken zu haben, kehrte ihm zurück; in seinen Schläfen klopfte es; sein Herz hämmerte gegen die Rippen; er streckte seine Arme aus und flüsterte:

»Angelica, Engelchen! Ich wollte, ich wäre todt!«

Er lehnte den Kopf an die kalte Thürpfoste und summte wie gedankenlos die Melodie jenes tief innigen Liedes vor sich hin: »Wenn sich zwei Herzen scheiden, die sich dereinst geliebt, das ist ein großes Leiden, wie's größer keines giebt!« Aber als er bei der zweiten Strophe angekommen, sprach er die halblauten Worte aus:

»Als ich zuerst empfunden
     Daß Liebe brechen mag,
War mir's, als sei verschwunden
     Die Sonn' am hellen Tag.
Es klang das Wort so traurig gar:
Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar.
     Als ich zuerst empfunden,
     Daß Liebe brechen mag.«

Er fühlte, daß es ihm feucht aus den Augen tropfte; er wischte die Thränen fort, aber immer neue drangen nach, bis er, mit dem Fuße auf den Boden stampfend, zu sich sagte:

»Sie ist verloren; sie hat einen Geliebten; darum ist ihr Vater so stolz gegen uns. Ich kann nichts dagegen machen; ich habe meine Zeit versäumt und werde nun einsam durch das Leben gehen. Aber als Italienerin muß ich sie sehen, als Italienerin in dem Costüme, in welchem sie an seinem Arme durch den Saal schwebt. Ich werde dann zu derselben Zeit im Webstuhle sitzen - o nein, sondern tief in der Kohlengrube stecken! Oh, Engelchen, warum hast Du mir doch das gethan!«


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Er kehrte in die Stube zurück. Die Seinen standen im Begriff, schlafen zu gehen. Als der Abendsegen gesprochen worden war und sie sich entfernt hatten, setzte er sich einsam an den Tisch, legte den Kopf in die Hände und ließ die Gefühle, welche in seinem Innern aufgeschreckt worden waren, ohne Widerstand auf sich einstürmen.

»Oh, diese Hand! Brrr, eine Leichenhand!« hatte Engelchen vorhin, als sie von ihm fort geeilt war, vor sich hin gemurmelt. »So eine Hand ist entsetzlich!«

Als sie ihre Wohnung erreichte, waren die Eltern noch wach. Der Vater begann sogleich wieder von der Einladung zu sprechen und von dem Glücke, welches ihr daraus erwachsen könne, und die Mutter breitete den mit goldenen und silbernen Flittern besetzten Anzug vor ihr aus und machte sie auf die Art und Weise aufmerksam, wie derselbe noch zu verschönern sei.

Sie liebte Eduard Hauser; aber sie war sich dessen noch nicht bewußt geworden. Darum machten die Flitter auf sie, das unbemittelte Webermädchen, Eindruck, und Das, was der Vater sagte, schmeichelte ihrer Eigenliebe.

Nur reiche Mitglieder zählte das Casino. Einer desselben hatte sie nicht nur eingeladen, sondern ihr sogar den Anzug geschenkt; er war also ganz gewiß verliebt in sie. Es lag nur in ihrer Hand, eine reiche Frau zu werden! Geld, Geschmeide, kostbare Kleider, Vergnügungen aller Art schwebten an ihrem geistigen Auge vorüber. Sie bemerkte gar nicht, daß der Vater nach einiger Zeit zur Ruhe ging, und sie beachtete es kaum, daß die Mutter ihm nach wenigen Minuten folgte.

»Eine reiche Frau! Eine reiche Frau!« klang ihr ihre eigene Stimme fortwährend schmeichelnd in die Ohren, bis sie endlich aus dem Sinnen emporschreckte. Es hatte leise an die Fensterläden geklopft.

»Der Eduard ist's,« sagte sie zu sich. »Wie schade, daß er nicht auch wohlhabend ist! Er wäre ganz sicher der Beste und vielleicht auch der Hübscheste von Allen! Er war vorhin so - so - so - hm - gegen mich, und dafür muß er bestraft werden. Er soll mich in diesem Anzuge sehen und vor Ärger vergehen müssen. Vor dem Vater möchte ich mich nicht so sehen lassen, ich schämte mich zu Tode, auch wohl vor dem Eduard nicht, denn er ist doch kein Mädchen; aber weil er mich geärgert hat, thue ich es dennoch! Und die vornehmen Herren auf dem Balle, die sehen mich doch auch! Nun, die kennen mich ja nicht, und mein Gesicht ist verhüllt! Da braucht man sich nicht zu schämen.«

Sie öffnete leise, leise die Thüren und ließ Eduard herein. Sein Gesicht erschreckte sie; die Farbe desselben spielte in das Aschfahle; seine Augen waren eingefallen, und in seinen Zügen lag ein Etwas, vor dem sie sich fürchten zu müssen glaubte.

Er deutete, ohne ihr eine Hand gegeben zu haben, auf den Tisch und fragte:

»Ist das die Italienerin?«

»Ja. Nicht wahr? Herrlich!«


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»Sehr!« antwortete er tonlos. »Und diese Sachen willst Du wirklich anziehen?«

»Natürlich!« verwunderte sie sich.

»Du wirst Allen, Allen gefallen!«

»Meinst Du wirklich?«

»Das ist ja ganz natürlich!«

»So laß sehen, ob ich Dir auch gefalle!«

Sie griff nach der Garderobe.

»Du willst Dich wirklich einmal ankleiden?«

»Ich habe es Dir ja versprochen, mich als Italienerin zu sehen!«

»Gut, so thue es. Soll ich mich hinumdrehen?«

»Ich bitte Dich darum.«

Er drehte seinen Stuhl gegen die Wand. An derselben hing ein Spiegel, in welchem sich das kleine Stübchen fast vollständig conterfeite. Er sah, daß sie die Jacke auszog und die Schürze sammt dem oberen Rock entfernte. Sie legte den Maskenanzug und auch die dazu gehörigen weißen Strümpfe an. Er sah im Spiegel Alles, Alles. Er hatte von ihrer Schönheit noch gar keine Ahnung gehabt. Diese vollen, blendenden Arme, dieser üppige Nacken, die reiche Büste, die enge Taille, das kleine Füßchen und das schön geformte Bein! Er war ein armer Weber und kein erotischer Gourmand, kein Kenner weiblicher Schönheit; aber das Bild, welches sich jetzt innerhalb des Spiegelrahmens bewegte, dünkte ihm der Inbegriff alles Herrlichen und Schönen zu sein.

Er hatte versäumt, die Hand nach diesem Schatze auszustrecken, und nun war ein Anderer gekommen. Er knirschte die Zähne zusammen und blieb scheinbar ruhig.

Jetzt trat sie näher, um auch einen Blick in den Spiegel zu werfen. Sofort wendete er sich ab, damit sie nicht bemerken sollte, daß er im Stande gewesen sei, sie in dieser Weise zu beobachten. Sie steckte noch eine künstliche Rosenknospe an die Brust und sagte dann:

»So, jetzt darfst Du Dich umdrehen!«

Er wendete sich langsam um und betrachtete sie von dem Scheitel an bis zu den Zehen herab. Sein Gesicht blieb dabei bewegungslos, und sein Blick schien immer starrer zu werden.

"Wie gefalle ich Dir?"

»Nun, wie gefalle ich Dir?«

»Ganz und gar nicht,« antwortete er langsam und mit einem Nachdrucke, der nicht ohne Wirkung blieb.

»Was? Nicht? Ganz und var nicht?« fragte sie, vor Ärger erröthend. »Willst Du mir wohl sagen, warum?«

»Nun, hast Du denn bemerkt, daß Dir das dünne Röckchen nur bis auf das Knie geht?«

»So ist's in Italien!«

»Daß die Strümpfe durchbrochen sind, so daß man mehr Haut als Strumpf zu sehen bekommt?«


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»In Italien muß es sehr heiß sein!«

»Siehe Deine entblößten Arme!«

»Das ist dort so gebräuchlich!«

»Das tief ausgeschnittene Mieder!«

Sie hätte eigentlich erröthen mögen, aber der Ton, in welchem er mit ihr sprach, erregte ihren Zorn, und darum antwortete sie kurz und zurückweisend:

»Auch das ist Mode dort in Italien!«

Da erhob er sich von seinem Stuhle, verschränkte die Arme über die Brust und fragte:

»Weißt Du, wer hier bei uns Arm und Bein und Brust so zeigt wie Du?«

Sie erröthete und wurde schon im nächsten Augenblicke wieder blaß. Ihr mädchenhaftes Zartgefühl erkannte das Richtige; aber er sollte nicht über sie triumphiren.

»Nun, wer denn?«

»Die Mädchen, welche verloren sind.«

Sie gab sich Mühe, ein höhnisches Lächeln zu zeigen, und sagte:

»Hast Du dergleichen schon kennen gelernt, daß Du es so genau weißt?«

Er zuckte die Achseln und antwortete:

»Engelchen habe ich Dich genannt, aber ich kann Dich unmöglich auch fernerhin so nennen, wenn Du zu diesem Balle gehst. Du kennst mich von frühester Jugend an; Du kennst mein Leben, alle meine Gedanken. Und dennoch fragst Du, ob ich diese Verlorenen kennen gelernt habe! Das ist eine Schlechtigkeit von Dir! Die Schönheiten eines Mädchens sind für kein einziges Auge da; diejenigen eines Weibes sind nur für den Mann ihrer Wahl vorhanden. Eine Frau, welche andere Männer zu Mitbesitzern macht, selbst wenn es nur durch das Auge wäre, und ein Mädchen, welches zu jungen Burschen in solcher Kleidung geht, wie diese hier ist, diese Beiden gehören zu den Verlorenen. Ich bitte Dich um Gotteswillen, von Deinem Entschlusse zurückzutreten! Man darf wohl ahnen, wie schön ein Mädchen ist, sehen aber darf es nur ein Einziger. Für jetzt bin ich der Einzige, dem Du Dich gezeigt hast; es bleibt Dir nur die Wahl zwischen mir und der Schande. Entscheide Dich, Angelica!«

Er stand trotz seiner ärmlichen Kleidung so hoch, so stolz vor ihr wie ein Prophet und Prediger. Er hatte gar nicht das Aussehen eines armen Webersohnes. Die Angst seines Innern, sie zu verlieren, und sein reges, sittliches Gefühl hatten ihm Worte in den Mund gelegt, wie man sie sonst nur aus dem Munde gebildeterer Männer, als er einer war, zu hören pflegt; aber gerade durch diesen Ernst und diese Strenge fühlte sie sich zurück- und abgestoßen. Es wollte sie zwar kalt überlaufen; aber sie hatte ein Lob, eine kleine Anerkennung, daß sie schmuck und sauber sei, erwartet, und mußte eine solche Rede hören. Die Widerspenstigkeit des Evakindes überkam sie, und so antwortete sie:


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»Was redest Du von Schande und von Dir? Zwischen Euch nur hätte ich zu wählen? Was bildest Du Dir ein! Hast Du noch nicht gehört, daß die feinsten Damen, Gräfinnen und Fürstinnen, so ausgeschnitten gehen wie ich hier? Ist das für sie auch eine Schande? Oder solltest Du von der Ehre mehr verstehen als sie? Geh weg! Ich habe Dir eine Freude machen wollen; nein, eine Auszeichnung sogar ist es, daß Du mich als Italienerin noch eher sehen solltest, als Der, welcher mir den Anzug geschickt hat, und zum Dank dafür willst Du mich zu den schlechten Mädchen zählen? Du bist nicht klug; Du bist nicht gescheidt; mit Dir ist nichts anzufangen!«

»Mit denen vom Casino wohl mehr?« gab er ihr zurück.

Hätte er es zu einem freundlichen Blicke bringen können, so hätten sich zwei brave Herzen hier gefunden; aber es gelang ihm nicht. Seine letzten Worte erbitterten sie noch mehr; daher antwortete sie:

»Ja; jedenfalls sind sie klüger wie Du und vernünftiger. Ein einziger Augenblick bei ihnen wird besser sein als hundert Jahre bei Dir! Merks!«

Seine Wangen hatten eine in's Graue spielende Farbe angenommen. Er ließ die Arme sinken und schloß die Augen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er sie wieder öffnete. Dann legte er die Hände auf den Stuhl, als ob er sich stützen müsse, und fragte:

»Also, Du gehst doch auf den Ball?«

»Ja, ich gehe!«

Der Stuhl krachte und prasselte, und die Gestalt des jungen Mannes sank tiefer auf die Lehne herab.

»Und wenn ich Dich nun bitte, es nicht zu thun, Angelica?«

»Das ist umsonst! Ich gehe!«

»Wirklich? Ganz bestimmt?«

»Ganz sicher. Es bringt mich nichts davon ab! Ich selbst will es, und der Vater hat es auch befohlen!«

Da richtete er sich langsam auf. Es wurde ihm dunkel vor den Augen; er fühlte, daß er schwankte, aber es gelang ihm doch, die Thür zu erreichen. Dort drehte er sich noch einmal halb um und sagte:

»Leb wohl, Engelchen, mein liebes, liebes, gutes Engelchen!«

Vielleicht wollte er diese Abschiedsworte in einem sanften, zarten Tone sprechen, aber er brachte es nicht fertig. Seine Stimme klang heiser, beinahe kreischend. Er hatte aller seiner Kräfte bedurft, um überhaupt noch sprechen zu können.

Die Stubenthür schloß sich hinter ihm. Seine Schritte gingen laut und schlürfend nach der Hausthür; es dauerte lange, bis dieselbe geöffnet wurde, und dann schlug er sie mit lautem Schalle zu.

Sie stand noch an derselben Stelle, auf welcher sie ihm ihre letzte Antwort gegeben hatte.

»Was ist das?« fragte sie. »War er betrunken? O nein, das ist er all seiner Lebtage niemals gewesen. Es war die Wuth. Der Grimm bringt den Menschen ebenso in's Taumeln und raubt ihm auch die Stimme, gerade


Ende der zweiundzwanzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk