Lieferung 25

Karl May

31. Januar 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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»Nein; das ist Wahrheit. Und außerdem gebe ich Dir, wenn Du zusagst, auf der Stelle einen Hundertguldenschein als Angeld, als Geschenk.«

»Und was hätte ich da zu thun?«

»Meinen Befehlen zu gehorchen!«

»Und was sind das für Befehle?«

»Davon brauchst Du jetzt nichts zu wissen. Tritt bei, und ich werde Dir antworten.«

»Höre, Pascherkönig, ich bin ein armer Teufel und jetzt ohne Arbeit, meine Eltern und Geschwister sind auf mich angewiesen, und ich kann ihnen jetzt kein Brod schaffen; auch brauche ich wegen anderer Dinge sehr nothwendig Geld, besonders wenn ich es gleich erhalten könnte; aber mein Leben, meine Seele, meine Ehrlichkeit und mein Gewissen verkaufe ich Dir nicht für eine Million. Laß mich fort! Was Du sagst, ist unnütz in den Wind geredet.«

Er wollte fortgehen, aber der Waldkönig hielt ihn zurück und sagte in strengem Tone:

»Halt! So kommst Du mir nicht fort! Es ist das letzte Mal nicht, daß ich mit Dir darüber spreche. Ich muß Dich haben; ich will Dich haben, und ich werde Dich haben! Ich werde Dich schon wieder treffen. Sagst Du aber einem einzigen Menschen, auch Deinem Vater, daß Du mit mir gesprochen hast, so seid ihr Alle unglücklich!«

»Ich bin keine Plaudertasche!«

»So sei froh!«

»Und eine große Ehre ist es auch nicht etwa, mit Dir gesprochen zu haben. Ich werde mich hüten, davon zu reden. Also, gute Nacht und guten Weg.«

Er ging, ohne von dem Pascherkönige zurückgehalten zu werden. Dieser Letztere blieb stehen, ließ ihn eine Strecke fortkommen, drohte ihm sodann mit geballter Hand nach und murmelte:

»Warte nur, Hundebursche; mir entkommst Du doch nicht! Pascher mußt Du werden, damit sie Dich fangen, damit Du in das Zuchthaus kommst! Die Engelchen darfst Du nicht bekommen. Geht es nicht freiwillig, so brauche ich Gewalt. Mächtig genug sind wir dazu!«

"Mir entkommst Du nicht!"

Als Eduard in das Städtchen zurückkam, war es noch nicht sehr spät am Abende. Er wollte noch nicht nach Hause, denn er wußte, daß er doch noch nicht schlafen könne. Er wollte erst über die Begegnung mit dem Waldkönige nachdenken, und schlenderte also langsam die Gasse hinauf.

Da kam ihm ein Mädchen entgegen, und eben, als sie an ihm vorbei wollte, erkannte er sie, trotzdem sie wegen der Kälte ein Tuch um den Kopf geschlagen hatte.

»Engelchen!« sagte er.

»Was giebt's?« fragte sie kurz und schnippisch, indem sie zwar stehen blieb, sich aber nicht zurückwendete.

Er trat zu ihr und sagte:

»Bleibt's bei dem, was Du gesagt hast?«


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»Ja.«

»Du gehst wirklich auf den Ball?«

»Ja.«

»Gut, so gehe ich auch!«

»Auf den Ball?«

»Nein, sondern anderswohin!«

»Wohin denn?« fragte sie neugierig.

»Unter die Pascher!«

Sie erschrak doch. Aber im nächsten Augenblicke sagte sie sich, daß der ehrliche Bursche das niemals thun werde.

»Ja,« antwortete er.

»Geh! Wie wolltest Du das anfangen?«

»Sehr leicht und einfach. Ich habe soeben mit dem Waldkönige gesprochen!«

»Herjesses! Und er hat Dir nichts gethan?«

»Nein. Er ist sogar sehr freundlich mit mir gewesen. Er hat mir mehrere tausend Gulden für's Jahr versprochen.«

»Das hast Du nicht angenommen! Nein, gewiß nicht!«

»Aber dann hat er gesagt, wenn ich nicht in seine Dienste trete, so müsse ich sterben, Vater und Mutter auch, die Geschwister und endlich auch noch Du?«

»Ich?« meinte sie erschrocken. »Warum ich?«

»Weil er geglaubt hat, Du bist meine Geliebte. Er hat gedacht, daß Du mir höher stehst als meine Ehrlichkeit.«

Da trat sie ihm einen Schritt näher und fragte:

»Hat er da Recht?«

»Nein.«

»So stehe ich Dir nicht so hoch?«

»Nein.«

»Also Du würdest mich lieber ermorden lassen, als daß Du zu dem Waldkönige gingst?«

»Ich würde Dich zu beschützen suchen, aber zu den Paschern würde ich auf keinen Fall gehen.«

»Es ist gut! Gute Nacht!«

Sie ging. Es war ihr gar nicht so ums Herz. Sie freute sich über seine Ehrlichkeit; aber ihre Selbstliebe hätte es gern gesehen, wenn er gesagt hätte, daß sie ihm höher als alle moralischen Bedenken stehe. Das mußte ihrer Meinung nach bestraft werden.

»Engelchen!« rief er ihr nach.

Sie wendete sich noch einmal zurück und fragte:

»Bist Du noch immer nicht fertig?«

»Willst Du wirklich so zornig von mir gehen?«

»Meinst Du etwa, daß ich Dir nachlaufe? Das hast Du bereits gestern gedacht, aber ich thue es nicht!«


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»Gestern? Wann denn?«

»Als Du von mir fort warst. Da hast Du an der Ecke gewartet und geglaubt, ich solle gute Worte geben.«

Bei diesen Worten drehte sie sich um und eilte mit schnellen Schritten davon. Er blickte ihr kopfschüttelnd nach.

»Sie ist auf einmal ganz anders als früher!« sagte er leise und traurig vor sich hin. »Denkt sie wirklich, daß Einer vom Casino sie heirathen wird? Sie geht ihrem Verderben entgegen. Ich muß auf den Ball, um sie zu beschützen!«

Er schritt langsam weiter und fuhr fort:

»Aber wenn ich richtig mitmachen will, so kostet das Geld, viel Geld. Ich muß mit essen und mit trinken, vielleicht theuern Wein, und ich habe doch nichts übrig! Hätte ich bei dem Waldkönige Ja gesagt, so hätte ich jetzt hundert Gulden. Herrgott, welch ein großes Geld! Aber nein! Ich bleibe ein ehrlicher Kerl!«

Als Arndt dem Waldkönige gefolgt war, hatte er bemerkt, daß dieser das Tuch von sich geworfen hatte und dann über den Graben gesprungen war. Rasch hatte er sich so weit wie möglich herangeschlichen und, hinter dem Stamme eines Baumes versteckt, jedes Wort der Unterhaltung verstanden.

Dabei hatte das Betttuch neben ihm gelegen. Diesen Umstand mußte er benutzen. Er betrachtete die Zipfel des Tuches und bemerkte in der einen Ecke bei dem Scheine des Schnees die beiden Buchstaben T.M.

Er sah, daß die Unterredung zu Ende gehe, und zog sich schleunigst zurück. Eduard ging. Der Lauscher bemerkte, daß der Waldkönig ihm mit der Faust nachdrohte und dann das Tuch holte und über sich wegwarf.

»Er wickelt sich wieder ein,« dachte er. »Ich könnte ihn sofort abfangen; aber was nützt das? Er muß auf der That ertappt werden, und ich will auch seine Complicen kennen lernen. Uebrigens weiß ich gar nicht einmal, ob er auch wirklich der Pascherkönig ist. Er giebt sich zwar für ihn aus, aber das kann ja auch seine Gründe haben. Fort, ihm nach!«

Er verfolgte den König in der angegebenen Weise immer tiefer in den Wald hinein, ganz genau in der Richtung auf die Eiche zu. Dort beobachtete er, daß derselbe sich an dem Stamme zu schaffen machte und dann wieder weiter ging.

Schnell glitt auch er zur Eiche und untersuchte den Stamm in der Gegend, in welcher er die Hände des Verhüllten gesehen hatte, leider aber konnte er nichts entdecken.

Das nahm einige Zeit in Anspruch. Er bemerkte, daß der Waldkönig dadurch einen bedeutenden Vorsprung gewonnen hatte, den Wald verließ und die Richtung nach dem Städtchen einschlug. Draußen im Freien nahm Arndt das Tuch wieder über und hielt sich so nahe als möglich an den König.

Sie erreichten die ersten Gärten und da, ja da war der Verfolgte ganz plötzlich verschwunden. Arndt konnte suchen, wie er wollte; es war vergebens, da es hier verschiedene Fußspuren gab.


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»Fatal!« murmelte er. »Na, ein anderes Mal werde ich vorsichtiger sein! Hoffentlich treffe ich ihn wieder!«

Er veränderte seine Kleidung, so daß er nun wieder den Vetter Arndt vorstellte, knüpfte das Betttuch unter die Jacke und ging nach der Gasse, um durch den unteren Theil des Städtchens zurückzukehren, da er durch den Wald einen Bogen gemacht hatte.

Da kam ihm eine Männergestalt entgegen. Er erkannte sogleich Eduard Hauser. Dieser hatte ihn auch erkannt und wollte höflich grüßend vorüber, aber Arndt blieb stehen, gab ihm die Hand und sagte:

»Nun, haben Sie Wort gehalten in Beziehung auf die Verschwiegenheit, welche ich forderte?«

»Ja, Herr. Nur der Vater weiß es.«

»Und es war große Freude vorhanden?«

»O, wie große! Der liebe Gott vergelte es Ihnen!«

»Na, Sie können es jetzt gebrauchen. Wie ich erfahren habe, hat sich heute Ihre Familie verdoppelt?«

»Freilich! Aber das macht keinen Schaden. Wir bekommen es bezahlt. Denken Sie sich, der Herr Pfarrer hat meinem Vater fünfzig Gulden gegeben!«

»Das ist wohl viel!«

»Ungeheuer viel!«

»Und dennoch brauchen Sie Geld!«

»Ich? Wieso.«

»Nun, Sie haben es doch vorhin gesagt!«

»Davon weiß ich kein einziges Wort!«

»Zu mir allerdings nicht.«

»Zu wem sonst? Ich war in der Försterei; aber auch da wüßte ich nicht, etwas Derartiges gesagt zu haben.«

»Aber auf dem Nachhausewege!«

»Dort? Ah - zu - wem?« fragte Eduard stockend.

»Haben Sie da mit Niemand gesprochen?«

»Nein - ja - ja - doch - aber, woher wissen Sie das?«

»Ich sah Sie mit einem Manne auf der Straße stehen.«

»Kannten Sie ihn?«

»Nein. Aber ich hörte jedes Wort, was gesprochen wurde. Herr Hauser, Sie sind aus dieser Versuchung glanzvoll hervorgegangen. Ich freue mich sehr.«

Da trat Eduard zurück, betrachtete den Sprecher genau und sagte in beinahe erschrockenem Tone:

»Sapperlot, Sie sind doch nicht etwa gar der Waldkönig?«

»Nein, mein Lieber. Ich will Ihnen vielmehr offen gestehen, daß ich ihn fangen will.«

»Fangen? Sie? Ah!«

»Ja. Ich habe erkannt, daß ich Ihnen trauen darf. Sie haben es


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abgeschlagen, ihm zu dienen. Jetzt will ich einmal sehen, ob Sie auch mir den Antrag, den ich Ihnen stellen will, abschlagen werden. Wollen Sie sich tausend Gulden verdienen?«

»Tau - tau -! Mein Gott! Natürlich, ja! Ich lecke alle zehn Finger darnach! Aber womit soll ich mir eine solche Summe verdienen?«

»Ich sagte bereits, daß ich den Waldkönig fangen will, aber nicht allein, sondern mitten im Neste und umgeben von allen seinen Spießgesellen. Wenn dies durch Ihre Hilfe geschieht, zahle ich Ihnen eine Prämie von tausend Gulden.«

»Ist das wahr? Herr, da mache ich mit, auf der Stelle!«

»Halt, nicht so schnell! Es wird Zeit dazu gehören, und wovon wollen Sie bis dahin leben?«

»O, wir brauchen jetzt nicht zu hungern!«

»Ganz recht; aber Sie werden Extraausgaben haben. Ich werde Ihnen also wöchentlich zwanzig Gulden Löhnung geben.«

»Zwanzig Gul - wöchentlich!«

Das Wort Gulden blieb ihm im Munde stecken. Eine solche Summe pro Woche, das war unerhört.

»Ja, zwanzig Gulden! Ich glaube, daß Sie da reich werden.«

»Natürlich, natürlich! Da kann ich ja leben wie ein Fürst oder wie der Herrgott in Frankreich! Aber, was habe ich zu thun?«

»Zunächst nichts. Ueberlegen Sie es sich einmal, wie wir es anfangen müßten, zu erfahren, wer der Pascherkönig ist. Sobald Sie einen guten Gedanken haben, kommen Sie nach der Försterei, um ihn mir mitzutheilen.«

»Darf der Förster davon wissen?«

»Nur er allein, sonst weiter kein Mensch.«

»Ich werde verschwiegen sein. Es wird keine Silbe über meine Lippen kommen.«

»Das ist allerdings die erste Bedingung, welche ich habe. Und sodann suchen Sie zu erfahren, welcher Name hier im Orte, nämlich Vor- und Zuname, mit den beiden Buchstaben T. und M. beginnt.«

»Steht das im Zusammenhange mit dem Waldkönige?«

»Ja. Und dann weiter verlange ich auch in allen übrigen Angelegenheiten die vollste Aufrichtigkeit.«

»Darauf können Sie sich verlassen.«

»Gut! Ich werde Sie da gleich einmal auf die Probe stellen. Sagten Sie nicht zu dem Waldkönige, daß Sie Geld brauchten?«

»Ja, zum Leben, weil ich keine Arbeit habe.«

»Nicht blos zum Leben. Es war mir, als hätten Sie gesagt, daß Sie auch außerdem, für etwas Anderes, Ausgaben nöthig haben?«

»Hm! Ich darf nicht lügen. Aber es ist eine eigene Sache!«

»Seien Sie immerhin offen. Sie dürfen Vertrauen zu mir haben!«

»Nun gut, so will ich Ihnen gestehen, daß - daß ich - daß ich einen Maskenball besuchen muß.«


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»Einen Maskenball? Besuchen muß, sagen Sie? Sie wollen nicht nur, sondern Sie müssen sogar?«

»Ja.«

»Warum?«

»Um - um - ein - um ein Mädchen zu retten.«

»Ah! Siehe da! Kommt hier wirklich das Engelchen in's Spiel, welches von dem Waldkönig genannt wurde?«

»Ja. Sie ist zu dem Balle geladen.«

»Ich errathe. Und Sie wohl nicht?«

»Nein. Nämlich das Casino aus der Nachbarstadt hält übermorgen hier in der Schänke eine Maskerade ab. Ein Mitglied hat Engelchen geladen und ihr sogar den Anzug einer Italienerin geschickt, den sie anlegen soll.«

»Ist er ihr Geliebter?«

»O nein! Sie ist meine Nachbarstochter und hat noch niemals einen Geliebten gehabt. Sie ist ein schönes Mädchen. Sie sticht diesem Kerl in's Auge; er will sie jedenfalls nur verführen.«

»Alle Wetter! Da müssen Sie sich allerdings in das Mittel legen! Geht sie denn gern?«

»Wie es scheint, ja.«

»O weh, da hat sie Sie entweder nicht lieb, oder sie schmollt aus irgend einem Grunde mit Ihnen und will Sie auf diese Weise bestrafen.«

»Sie würde nur sich selbst bestrafen.«

»Das sieht so ein Mädchen nicht ein, wenigstens nicht eher, als bis es zu spät ist. Ich will mich nicht neugierig in Ihre Herzensangelegenheiten eindrängen; thun Sie ganz, was Ihnen Ihr Herz und Ihr Verstand eingiebt. Hören Sie, nicht nur allein Ihr Herz, sondern auch Ihr Verstand. Hier haben Sie die zwanzig Gulden für die erste Woche, und hier sind noch fünfzehn für den Maskenball!«

Er drückte ihm das Geld in die Hand. Eduard wollte gar nicht glauben, was er hörte.

»Herr,« sagte er. »Sie müssen ungeheuer reich sein!«

»Ich habe gerade so viel, wie ich für mich und Andere brauche, keinen Kreuzer mehr, mein Lieber.«

Damit entzog er sich den Dankesausbrüchen des jungen Mannes, der ganz glücklich war, von seinen Sorgen befreit zu sein. -

Also, eine Truppe von Athleten und Taschenspielern war in der Nachbarstadt eingezogen. Es war am nächsten Tage, an welcher die Vorstellung sein sollte.

Die Leute haußten für die kurze Zeit ihres Aufenthaltes auf dem Trockenboden, welchen sie gewählt hatten, weil sie da ungestört und unbeobachtet ihre Uebungen vornehmen konnten.

Jetzt saßen vier männliche Personen und eine Frau da oben um ein Mittagsmahl, welches aus gekochten Rüben in Mehlwasser bestand. Die Leute


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hatten Hunger, das sah man an der Gier, mit welcher sie das Essen verschlangen.

Der älteste, der Dirigent der Truppe, war eine klotzartige Gestalt, sieben Schuh hoch und im Verhältnisse breit, mit niedriger Stirn, wulstigen Lippen, kleinen, tückischen Augen und einer rothblauen Schnapsnase. Die anderen waren jedenfalls Brüder von ihm, ebenso klotzig, wulstig und tückisch. Sie alle Vier hatten etwas Rücksichtsloses, Grausames in ihren Zügen.

Die Frau war lang und hager, man möchte sagen, spindeldürr. Sie hatte vielleicht bessere Tage gesehen, jetzt aber sprach sich in ihrem ganzen Habitus eine vollständige Gleichgiltigkeit gegen Alles aus.

Obgleich es in dem Bodenraume bitter kalt war, hatten diese Leute sich doch nicht vollständig angekleidet. Vielleicht hatten sie keine vollständige 'Civilkleidung' oder sie fühlten die Kälte nicht, weil sie sich soeben einige Stunden hindurch in ihren Künsten geübt hatten.

Tricots, mit Flittern und Flimmern versehen und hier und da durchlöchert, lagen in der Nähe, und aus einem nebenan befindlichen Verschlage ertönte ein leises, unterdrücktes Wimmern, wie aus Kindermund, welches zuweilen in ein ängstliches Röcheln überging.

»Heiliges Donnerwetter!« sagte der Director, indem sein Auge tückisch aufleuchtete. »Ob der verdammte Junge wohl einmal schweigen will!«

»Haue ihm Eins auf!« rieth ihm der eine Bruder.

»Aber tüchtig,« sagte der Dritte. »Der Affe will sich nicht an uns gewöhnen.«

»Haut ihn lieber todt, so sind wir ihn los!« meinte der Vierte, indem er einen großen Löffel voll Rübenschnitte in den Mund schob, den man wohl eher einen Rachen hätte nennen können.

»Er ist noch zu schwach,« sagte die Frau, in ihrer Art begütigend. »Der Knoten wird wohl noch reißen.«

»Ja, wie bei Dir. Bei Dir ist er so gerissen, daß Du ganz aus Rand und Band gegangen bist, alte Schlumpe! Ich habe für den Jungen zehn Thaler gegeben; die soll er mir abarbeiten, und wenn er sich alle Knochen bricht! Der Bengel hat schon seinem vorigen Herrn Unglück gebracht. Der hat ihn für eine Heidensumme von einem Geistlichen oder Missionar erhandelt, der aber nur ein Lausegeld an die Eltern bezahlt hat, wie er später zufällig erfuhr. Hört ihr den Vagabunden? Der jammert und quiekt wie ein Rattenkönig! Na, warte, Bursche, ich werde Dir das Flennen einstreichen!«

Er stand auf und öffnete die Thür des Verschlages. In demselben war nichts als altes, unbrauchbares Gerümpel zu sehen. Und in der Mitte hing an einem Balken ein lockenköpfiger, splitternackter Knabe an einem Stricke. Er war auf den Bauch gelegt worden, dann hatte man ihm die Beine nach aufwärts auf den Rücken gepreßt, so daß die Gelenke eine ganz unnatürliche Lage angenommen hatten. Die Arme waren über die Schultern hinweg über die Füße gezogen worden und mit ihnen fest verbunden. Nun hatte man starke Leinen um die kleinen Gliedmaßen gewunden, damit sie ihre Stellung


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ja nicht verändern konnten, den Knaben wagerecht an den Balken gehängt und ihm noch zwei schwere Ziegelsteine auf dem Rücken befestigt.

Vor Frost sah der nackte Körper blauroth aus; blauroth sah das kleine, hübsch geformte, jetzt nach unten gekehrte Gesichtchen, in welches alles Blut stieg, und blauroth hing dem armen Kleinen auch die Zunge aus dem Halse. Vielleicht war er dem Verschmachten oder dem Ersticken nahe.

An einem Nagel hing eine Hundepeitsche mit sechsfachen Riemen.

»Verdammte Kröte, willst Du wohl aufhören mit dem Stöhnen!« rief der Riese, indem er eintrat.

Er riß die Peitsche herab und schlug mit ihr dem Kleinen ein-, zwei-, dreimal von unten herauf über den fest angespannten Unterleib. Das Kind schloß die Augen und zuckte nicht.

»Hund! Du willst wohl gar thun, als ob Du schon crepirt wärst? Ich werde Dich lebendig machen! Warte! Wie ist's? Thun Dir die Glieder weh?«

Der Kleine antwortete nicht. Der Unmensch versetzte ihm noch mehrere Hiebe und drohte dabei:

»Ich schlage so lange, bis Du redest! Thun Dir die Glieder weh?«

»Nein,« stöhnte der Gemarterte.

»Laut!«

»Nein!« versuchte das Kind in soviel wie möglich gewöhnlichem Tone zu sagen.

»Das ist Dein Glück, Du Wechselbalg! Ich hätte Dich zu Fetzen zerhauen!«

Seine Frau war hinter ihm eingetreten und sagte:

»Willst Du ihn nicht losmachen? Er hängt bereits seit drei Stunden hier. Das muß doch genug sein?«

»Für die Oberschenkel eigentlich nicht. Er muß ein Kautschuckmann werden, wie es noch nie einen gegeben hat. Ich habe ihn gekauft und will Geschäfte mit ihm machen. Eigentlich sollte er noch zwei Stunden hängen, fünf Stunden täglich, wie bisher immer; aber da er heute Abend mit arbeiten soll, so wollen wir ihn losmachen. Er mag ein halbes Stündchen ausruhen, und dann wollen wir probiren, ob die Pyramide noch geht.«

Der Kleine wurde von seinen Stricken, Banden und Steinen befreit. Er lag wie leblos auf der Diele. Der Mann stieß ihn mit dem Fuße von sich und ging hinaus; die Frau hockte sich zu ihm nieder und brachte ihr Ohr dem Mündchen nahe, um dem Athem zu lauschen.

»Mutter, meine gute Mutter!« flüsterte der Kleine.

»Ja, ich bin Deine Mutter,« antwortete sie in einer Art von Gefühlsregung.

Da schlug er matt die Augen auf, schüttelte den Lockenkopf und sagte leise und mit sichtlicher Anstrengung:

»Nein; Du bist meine Mutter - meine Mutter nicht. Ihr habt - habt mich gekauft.«


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»Aber doch bin ich nun Deine Mutter!«

»Nein! Meine Mutter ist - eine Waschfrau und mein Vater ist ein - ein Holzhacker. Er hat sich - sich in das Bein gehackt, und wir hatten Hunger. Da, da kam der fromme Mann, und ich - ich wurde - wurde verkauft.«

»Nun ja! Nun gehörst Du uns und mußt uns gehorchen.«

Er schüttelte das Köpfchen und entgegnete, indem in seine Augen dicke Thränen traten:

»Ich will zu meinem Vater und - zu meiner Mutter!« Und vor Angst leise, ganz leise fügte er hinzu: »Mich friert - mich hungert - ich habe Durst - oh, mein Kopf, mein Leib, meine Arme, meine Beine!«

»Schweige um Gottes willen! Sonst kommt er und hängt Dich wieder auf! Zu Deinem Vater und Deiner Mutter kannst Du nicht mehr, die sind gestorben die liegen im Grabe.«

»Im Grabeloch? Hat man da auch Hunger?«

»Nein.«

»Bekommt man da auch Schläge? Wird man da auch zusammengebunden zum Kautschuckmann?«

»Nein.«

Da verschwand der Ausdruck der Schmerzen aus seinem Gesichte; ein glückliches Lächeln trat an die Stelle desselben, und das Kind flüsterte:

»So will ich auch in das Grabeloch, wo der Vater und die Mutter sind.«

Was mußte das arme, unschuldige Kind erduldet haben, daß es sich nach dem finsteren Loche sehnte, vor welchem es ein jedes andere Kind fröstelt und schauert?

»Komm her!« sagte die Frau. »Hier ist Nordhäuser. Ich will Dich einreiben; dann schmerzen Dir die Glieder nicht mehr.«

Sie that das; aber man sah es dem Kleinen an, wie höchst qualvoll ihm das war. Sein ganzes Körperchen war voller Striemen und Schwielen.

Nach einiger Zeit wirkte die Einreibung aber doch; denn er vergaß für einige Augenblicke die Schmerzen und sagte:

»Mich hungert! Ich kann nicht mehr warten.«

Da ging sie hinaus und kehrte mit einer Handvoll gekochter Rübenstückchen zurück. Er verschlang dieselben mit der Gier eines Raubthieres.

»Noch mehr!« bat er.

»Um Gotteswillen! Nein! Erst mußt Du noch turnen!«

Er schrak sichtlich zusammen und fragte:

»Turnen soll ich noch? O Gott!«

»Ja. Heute Abend haben wir Vorstellung vor vornehmen Herrschaften; da wird die hohe Pyramide gemacht, und Du mußt oben darauf.«

»Das ist so hoch! Muß ich da auch Complimente machen?«

»Natürlich!«

»Und lächeln?«

»Ja freilich!«


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»O Christus! Was werde ich da vorher wieder für Schläge erhalten!«

Da rief der Director außen:

»Na, seid ihr fertig? Heraus mit dem Jungen!«

Der Kleine erhob sich zitternd vom Boden und eilte trotz seiner malträtirten, schmerzenden Gliederchen so schnell wie möglich hinaus, wo der Herrscher stand, die Hundepeitsche in der Hand.

»Hierher, Kröte! So! Heute Abend trittst Du mit auf; da verlange ich eine zierliche Verbeugung und ein reizendes, glückliches, bezauberndes Lächeln. So ein Kinderlächeln reißt die Zuschauer hin. Kannst Du noch lächeln?«

»Jaaaaa!« stöhnte der Kleine, bereits an allen Gliedern zitternd.

»Gut! So lächle! Eins - zwei - drei! Kreuzmohrendonnerwetter, das soll ein Lächeln sein! Warte, Affenpintsch, Dir werde ich die Fratze zurechthauen!«

Er faßte den Knaben und holte dann mit der Peitsche zum fürchterlichen Schlage aus. Dieser Hieb konnte tödtlich werden. Das Kind hatte viel, o, viel Schläge erhalten, aber so einen fürchterlichen Hieb noch nicht. Es sah und fühlte ihn bereits kommen, und da, da that es vor entsetzlicher Angst gerade das, was es früher bei den Eltern gethan hatte, wenn es in Furcht gerathen war. Der Kleine faltete nämlich die Hände und schrie zeternd:

»Christi Blut und Gerechtigkeit ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Damit will ich bei Gott bestehn, wenn ich in den Himmel werd' eingehn. Amen!«

Was war es, was bei diesen Gebetsworten über den riesigen Mann kam? Der Arm mit der Peitsche blieb erhoben; seine Augen starrten in das angstvoll verzogene Antlitz des Kindes hernieder. War es eine Erinnerung aus seiner eigenen Kinderzeit, welche ihn ebenso plötzlich wie gewaltig überkam, so daß er zögerte, mit der dem armen, unglücklichen Kinde zu gedachten unmenschlichen Züchtigung zu beginnen?

»Laß ab!« bat auch die Frau. »Hau ihn doch nicht schon wieder. Sein Leib ist eine einzige Beule! Wenn Du so fort machst, wirst Du ihn noch todtschlagen!«

Das war sehr unklug von ihr gehandelt. Die gute Regung, welche seinen Arm starr gemacht hatte, verließ ihn sofort wieder. Er drehte sich zu der Sprecherin um und schrie:

»Weib, was fällt Dir ein! Was hast Du mir zu befehlen? Wer ist hier der Herr und Gebieter? Du oder ich? Ich werde es Dir gleich zeigen! Hier hast Du!«

Er holte aus und schlug sie mit solcher Gewalt über die Achsel, daß sie zusammensank. Wäre sie nicht augenblicklich ein Wenig zurückgewichen, so wäre sie von der Peitsche über Kopf und Gesicht getroffen worden. Dann wendete er sich voll erneuter Wuth wieder zu dem Knaben:

»Nun ist Dir Dein Brod erst recht gebacken, Bube! Ich haue Dich, daß die Funken springen!«

Er schlug auf ihn los. Die fürchterlichen Hiebe fielen hageldicht auf den kleinen, unschuldigen Kerl. Dieser weinte nicht; er ahnte oder wußte aus


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Erfahrung, daß dies den Grimm seines Peinigers nur erhöht haben würde. Aber die Schläge thaten so sehr weh, und die Angst des Kindes war so groß, daß es sich keinen anderen Rath und keine andere Hilfe wußte, als unter jammernder Geberde die kleinen Händchen zu falten und wie im Gebete empor zu heben. In seiner Angst fiel es ihm ein, daß er ein Lied, abermals ein Gebet wisse, welches von Unrecht und von Verzeihung handelte. Es rief also laut und bittend:

»Müde bin ich, geh zur Ruh,
Schließe meine Augen zu.
Vater, laß das Auge Dein
Ueber meinem Bette sein!«

»Was? Schlafen will der Balg?« schrie der Mann. »Zu Bette gehen will er? Das werde ich ihm anstreichen!«

Die Hiebe klatschten von Neuem auf das hilflos dieser Roheit anheimgegebene Kind. Es betete, um sich doch vielleicht zu retten, angstvoll weiter.

»Hab' ich Unrecht heut gethan,
Sieh es, lieber Gott, nicht an;
Habe noch mit mir Geduld,
Und vergieb mir meine Schuld!«

»Geduld?« Hohnlachte der Kerl. »Ja, die habe ich gehabt! Wahrhaft unmenschliche Geduld! Aber jetzt ist sie alle; jetzt geht sie mir aus! Ich schlage Dich in Stücke, ich schlage Dich todt, wenn Du nicht machst, was ich will! Also, lächle! Lächle, Bube!«

Der Kleine zitterte am ganzen Körper; aber er nahm sich mit wahrhaft bewundernswerther Selbstbeherrschung zusammen, fuhr sich mit den Händchen einmal über die thränenden Augen und versuchte dann, das verlangte Lächeln hervor zu bringen.

»Besser!« gebot der Wütherich.

Der Knabe that sein Möglichstes.

»Immer besser! Noch freundlicher!«

Das Gesicht des Kleinen verzog sich zu einer möglichst freundlichen Miene.

»So recht! Und nun die Verbeugung!«

Der Gequälte gehorchte dem Befehle.

»Nicht nach einer Seite, sondern rundum! Schnell, schnell!«

Diesem Befehle wurde sofort Folge geleistet, denn der Sprecher hatte bereits wieder den Arm erhoben.

»Schau, wie gut es geht!« höhnte er. »Ja, die Peitsche muß nur dabei sein; da ist der gute Wille sogleich da! Also wieder lächeln! So! Jetzt die Verbeugung! Noch besser! Rundum!«

Das Exercitium wurde so oft wiederholt, bis der Herr des Knaben zufrieden gestellt war.

»So!« sagte er dann. »Jetzt wollen wir die Pyramide probiren.«

Da überlief den Kleinen ein eisiger Schauer.

»O, nicht die Pyramide!« bat er flehend.


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»Nicht? Ah! Warum nicht Nichtsnutz?«

»Ich fürchte mich so sehr!«

»So, so! Warte, diese Furcht will ich Dir sogleich austreiben! Fürchtest Du Dich wirklich?«

»Ja! Sehr!«

»Hier!«

Die Peitsche fuhr mit einem gewaltigen Hiebe auf den Kleinen nieder. Dann fragte sein Henker:

»Fürchtest Du Dich noch?«

»Es ist so hoch!« weinte der Knabe, aber nicht laut, sondern gewaltsam unterdrückt, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen.

»So machen wir es tiefer! Nicht hinauf, sondern von oben herab! So, wie jetzt!«

Ja, von oben herab sauste die Peitsche nieder.

»Ist's noch zu hoch?« brüllte dann der Mann.

»Nein!« jammerte der Kleine.

»Fürchtest Du Dich noch?«

»Nein!«

»Endlich! Ja, die Peitsche hilft! Na, vorwärts also, Bursche!«

Er stellte sich mit ausgespreizten Beinen hin, und die beiden Anderen traten hinzu. Sie balancirten sich auf seine Schultern und standen nun, je Einer mit einem Beine auf seiner Achsel und mit dem anderen auf seinem Kopfe.

»Nun der Junge!« kommandirte er. »Aufgepaßt! Gieb die Hände her, Nichtsnutz!«

Er ergriff die Händchen des Knaben und schwang ihn empor. Dort wurde der Kleine von den beiden Anderen erfaßt und noch höher geschwungen. Er sollte auf ihren Achseln stehen. Aber man hatte die Höhe des Raumes nicht berechnet; es gab nicht den nöthigen Platz mehr für das Kind, es flog mit dem Kopfe an die Decke und stürzte herab.

Die beiden Burschen sprangen zu Boden und bückten sich zu dem Kleinen nieder. Der Beherrscher der Truppe aber ergriff die Peitsche, welche er fortgelegt hatte, und schrie:

»Weg! Fort von ihm, Ihr Naseweise! Den Kerl kenne ich! Er hat es mit Fleiß gethan! Ich werde ihn aber sogleich wieder lebendig machen!«

Er schlug zu. Der Knabe war glücklicher Weise weder verletzt noch ohnmächtig. Er war nur vor Schmerz und Schreck regungslos liegen geblieben. Bei dieser erneuten Züchtigung stand er auf.

»Willst Du das wieder thun?« fragte der Barbar.

»Nein,« erklang es jammernd.

»Das will ich mir auch ausbitten! Aber damit Du nicht sogleich wieder auf diesen Gedanken kommst, werde ich Dir einen Denkzettel auf den Rücken geben!«

Er faßte den Knaben beim Haar und schlug auf ihn ein. Keiner der


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Anwesenden bemerkte, daß sich die Thür geöffnet hatte. Dort erschien ein Mann. Er war nicht groß und nicht klein, nicht alt und nicht jung, und trug eine blaue Brille, was ihm mit Hilfe des Schnittes seines Anzuges das Aussehen eines Gelehrten gab.

»Was geht hier vor?« fragte er, einige Schritte näher herbei tretend.

Sie wendeten sich Alle nach ihm um. Der Director der »Künstlertruppe« maß den Fremden mit zornigen Blicken und sagte:

»Geht Ihnen das vielleicht Etwas an?«

»Natürlich!« antwortete der Gefragte. »Haben Sie vielleicht einmal Etwas von Thierschutzvereinen gehört?«

»Wozu diese alberne Frage?«

»Sie ist hier sehr am Platze! Wenn ich sehe, daß ein Thier mißhandelt wird, so habe ich nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, den Thäter anzuzeigen, und er wird bestraft. Ist dies bei einem bloßen Thiere der Fall, so habe ich, wenn ich sehe, daß ein Mensch grausam behandelt wird, das doppelte Recht und die erhöhte Verpflichtung, mich um den Fall zu bekümmern.«

Der Künstler, welcher ja eine wahrhaft riesige Gestalt besaß, musterte den Sprecher mit einem höchst verächtlichen Blicke von oben herab und fragte:

»Was hat das mit Ihrer Anwesenheit zu thun?«

»Ich befand mich im Gastzimmer und hörte Ihr Gebrüll, nebst den Schlägen, welche fielen.«

»Was geht das Sie an? Wollen Sie etwa auch Prügel haben?«

Der Fremde erwiderte den musternden Blick des Riesen. Er schien irgend etwas Bekanntes in den Zügen desselben entdeckt zu haben.

»Davon kann wohl keine Rede sein,« antwortete er leichthin. »Ich las in dem Blatte Ihre Annonce. Sie heißen Bormann?«

»Geht auch das Sie Etwas an?«

»Hm! Man kann ja fragen. Ob man eine Antwort bekommt, ist freilich abzuwarten. Haben Sie einen Bruder in der Residenz?«

»Ich sage Ihnen, daß Sie sich um andere Dinge bekümmern sollen, als um meine Angelegenheiten!«

»Welchen man den Riesen Bormann nennt?« fuhr der Andere unbeirrt fort.

»Herr!« brauste der Künstler auf. »Packen Sie sich hinaus! Sie haben hier Nichts zu suchen! Verstanden?«

»Meinetwegen! Ich werde gehen, aber sobald ich höre, daß Sie dieses Kind abermals schlagen, komme ich wieder!«

»Donnerwetter! Was dann?«

Seine Augen funkelten. Er trat mit geballten Fäusten und in drohender Haltung auf den Fremden zu.

»Pah!« antwortete dieser ruhig. »Das würden Sie erfahren!«

»Ah! Sie wollen mir drohen? Sie wollen mir Angst machen? Sie? Sie Knirps? Ich werde Ihnen zeigen, ob ich mich vor Ihnen fürchte! Komm


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her, Junge! Lächle, und mache eine Verbeugung! Aber gut, sonst schlage ich Dir die Knochen aus dem Leibe!«

Seine Frau und die beiden Anderen standen erwartungsvoll in der Nähe. Der Knabe schlich herbei, vor Angst bebend.

»Nun lächle!« gebot der Unmensch.

Das Kind versuchte ein Lächeln. Es gelang nicht zur Zufriedenheit des Riesen. Dieser erhob den Arm mit der Peitsche und rief:

»Besser! Ah, will es nicht gehen? Nun, da hast Du es!«

Er holte zum Schlage aus; aber der Fremde that einen raschen Schritt herbei, ergriff seine Faust und sagte:

»Sie werden nicht schlagen!«

Diese Worte klangen nicht zornig, nicht drohend, nicht selbstbewußt. Man hätte sagen können, daß sie fast leise, bittend ausgesprochen worden waren. Der Riese stieß ein lautes, höhnisches Gelächter aus und rief:

»Wie? Was? Sie wollen mich hindern? Das ist lustig! Fort mit dem Arme!«

Er wollte die Hand des Fremden abschütteln, aber eigenthümlich, er, der Simson, vermochte das nicht. Die feinen, weißen Finger, welche ihn gepackt hielten, schienen aus Stahl zu sein.

»Verdammt!« schrie er. »Ich frage Sie, ob Sie fort wollen! Sie fallen mich an! Da, haben Sie das dafür!«

Da ihm die Rechte so fest gehalten wurde, holte er mit der linken Faust aus. Er wollte den Fremden auf den Kopf schlagen, stürzte aber in demselben Augenblicke wie ein schwerer, voller Sack zu Boden.

Wie das gekommen war? Was der Fremde gethan hatte? Niemand konnte es sagen. Nur das wußten die anderen Anwesenden, daß er nicht geschlagen hatte. Sie hatten nur gesehen, daß er mit der freien Hand, als der Künstler zuschlagen wollte, eine blitzesschnelle Bewegung an dessen Gesicht vorüber gemacht hatte. Sie standen dabei und wußten nicht, was sie davon denken oder sagen sollten.

»So!« sagte er, indem er sich zu ihnen wendete. »Der hat einstweilen genug. Wagt es einer von Euch, mir nahe zu treten, so geht es ihm ebenso!«

Die Frau blickte auf ihren Mann nieder. Er lag regungslos am Boden. Seine Augen waren geschlossen.

»Gott! Er ist todt!« rief sie.

»Nein,« antwortete der Fremde kaltblütig. »Er wird nach einigen Stunden erwachen, ohne Schaden davon erlitten zu haben. Wem gehört das Kind?«

»Uns.«

»Hm! Ich dachte es bereits einmal gesehen zu haben. Es ist Ihr leibliches Kind?«

»Ja.«

Sie antwortete so aus Furcht vor ihrem Manne. Sie durfte ja Nichts


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verrathen. Der Fremde blickte ihr forschend in das Gesicht und sagte in warnendem Tone:

»Ich sehe es Ihnen an, daß Sie die Unwahrheit sagen! Ich muß dieses Kind schon irgendwo gesehen haben, aber bei Ihnen nicht. Ist es wirklich Ihr eigenes Kind?«

»Ja, gewiß.«

»Und Ihr Mann heißt Bormann?«

»Ja.«

»Ist der Riese Bormann mit ihm verwandt?«

»Er ist sein -«

»Halte das Maul, Alte!« rief ihr da der eine Bursche entgegen. »Was geht es diesem Fremden an, wer wir sind und welche Verwandtschaft wir haben?«

Und sich zu dem blau Bebrillten wendend, fuhr er fort:

»Herr, Sie werden hier bleiben! Sie werden diesen Ort nicht eher verlassen, als bis Dieser da wieder aufgewacht ist! Sie haben ihn getödtet. Wir arretiren Sie! Ich werde sogleich nach der Polizei schicken!«

»Thun Sie das! Die Polizei wird mich unten im Gastzimmer finden!«

Er wendete sich zum Gehen. Sofort aber befanden sich die beiden Künstler bei ihm und ergriffen, Einer hüben und der Andere drüben, seine Arme.

»Sie bleiben!« rief der vorige Sprecher.

»Unsinn, ihr Zwerge!«

Eine kleine, rasche Bewegung, und sie flogen von ihm fort. Sie wollten ihn wieder fassen; aber mit der Schnelligkeit des Blitzes fuhr er ihnen mit der Rechten an der Nase vorüber, erst dem Einen und dann, fast in demselben Augenblicke dem Anderen. Beide stürzten sofort leblos zu Boden nieder.

»Herrgott!« schrie die Frau. »Auch sie sind todt!«

»O nein!« antwortete er abermals. »Sie sind nur betäubt! Sie werden erwachen, kurz vor der Vorstellung heute Abend. Mögen sie es sich zur Warnung dienen lassen.«

Während sie sich bei den Bewußtlosen niederknieete, verließ er den Raum. Draußen, als er die Thüre zugeschlagen hatte, hielt er Das, was er in der Hand gehalten hatte, gegen das Treppenfenster. Es war eine goldene Kugel, mit einem beweglichen Knopfe zum Oeffnen und Verschließen.

»Ein prächtiges Mittel!« nickte er vor sich hin. »Es wirkt augenblicklich und unfehlbar. Selbst ein wildes Thier würde wohl kaum widerstehen!«

Er steckte die Kugel in die Tasche und schritt die Treppe hinab. Als er unten in die Gaststube trat, nickte ihm der Wirth froh entgegen.

»Sie kommen heiler Haut zurück?« fragte er. »Das hätte ich nicht gedacht, und darum hielt ich es für meine Pflicht, Sie zu warnen.«

»Ist dieser Kerl denn gar so schlimm?«

»Er ist roh und hat Bärengewalt in seinen Füßen.«

»Das habe ich nicht bemerkt.«

»O, er hat gestern Abend hier Kraftstücke zum Besten gegeben, die ganz erstaunlich waren. Mich dauert das arme Kind.«


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»Warum dulden Sie die Mißhandlung desselben?«

»Herr, Jeder trachtet nach seinem Brode! Diese Künstler werden mir heute Verdienst bringen; da darf ich es doch nicht mit ihnen verderben!«

»Hm! Der Grund ist derjenige eines Menschen, aber er ist nicht menschlich. Ich möchte den Kerl anzeigen.«

»Thun Sie das nicht! Es würde aus der Vorstellung nichts, und ich käme um meine Gäste für heute.«

»Na, eigentlich geht mich die Sache auch nicht viel an!«

»Gar nichts. Sie sind ja fremd hier. Darf ich fragen, woher Sie sind?«

»Von drüben herüber.«

Er deutete mit dem Daumen nach rückwärts, in der Richtung, in welcher die Grenze lag.

Da kniff der Wirth die Augen zusammen, blinzelte ihn ein Weilchen verständnißinnig an und fragte dann:

»In Geschäften etwa?«

»Möglich.«

»Bedeutend?«

Der Fremde zuckte die Achsel und antwortete zurückhaltend:

»Hm! Je nachdem es ausfällt.«

»Ah, richtig! Je nachdem es ausfällt. Das heißt, es ist bei dem Geschäfte eine kleine Unsicherheit vorhanden?«

»So ist es.«

»Nun, so haben Sie keine Sorge! Der, an den Sie sich ja halten werden, ist ein sicherer Mann.«

Der Fremde merkte, daß der Wirth den Pascherkönig meinte. War dieser Gasthofsbesitzer etwa auch mit im Geheimnisse? Das mußte erforscht werden.

»Glauben Sie wirklich, daß er sicher ist?«

»Unbedenklich!«

»Aber ich sage Ihnen gerade das Gegentheil. Mir ist er vollständig unsicher.«

»Das glaube ich nicht.«

»Und doch ist es so. Ich suche ihn ja erst.«

»Ah so! Sie haben noch nie Etwas mit ihm zu thun gehabt?«

»Nichts; gar nichts.«

»Und Sie sind Kaufmann?«

»Ich habe mich erst vor Kurzem etablirt.«

»Wo?«

»Hm! Das ist ja wohl Nebensache. In solchen Dingen muß man vorsichtig sein.«

»Das ist richtig. Aber wenn Andere ebenso vorsichtig sind, werden Sie nicht erfahren, was Sie wissen wollen.«

»Das sollte mir leid thun! Ich suche bereits seit einigen Tagen.«


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»Wo denn?«

»Ueberall! In Kneipen und auf Straßen. Ich dachte, ich würde vielleicht ein Gesicht finden, so ein echtes Pascherges - wollte sagen, ein Gesicht, dem ich es gleich ansehen würde, daß ich mich bei ihm erkundigen kann.«

Da lachte der Wirth auf, blickte sich vorsichtig um und sagte:

»Da können Sie sich ewig und vergeblich umsehen! Was haben Sie denn von den Pasch - ah, von Denen, die Sie suchen, für eine Meinung? Zerrissene Kleider und das Gesicht voller Bart? Unsinn! Es sind die feinsten und zartesten Leute darunter.«

Da rückte der Fremde näher und sagte:

»Sie scheinen unterrichtet zu sein?«

»Hm!«

»Würden Sie mir Vertrauen schenken?«

»Hm!«

»Sakkerment! Mit diesen Ihren Antworten komme ich nicht von der Stelle!«

»Ja. Aber Sie sind vorsichtig, und da muß ich es auch sein. Soll die Waare herüber oder hinüber?«

»Herüber.«

»Ist's viel?«

»Viel und kostbar.«

»Ei, ei! Sie sehen mir gar nicht so verwegen und riskant aus. Sie scheinen eher ein Dorfschulmeister als ein Kaufmann zu sein.«

»Jeder ganz so, wie ihn der liebe Gott erschaffen hat.«

»Freilich, gegen sein Gesicht und seine Figur kann kein Mensch. Aber Den, mit dem Sie reden wollen, werden Sie wohl nicht gleich treffen.«

»Warum nicht?«

»Es kennt ihn Keiner.«

»Aber seine Leute müssen ihn doch kennen?«

»Nein, auch nicht. Man sagt, daß sie ihn des Nachts an einem Worte erkennen. Sein Gesicht aber hat noch Keiner gesehen.«

»Sakkerment! Wer dieses Wort wüßte!«

»Die Mitglieder wissen es alle.«

»Was nützt mir das?«

»Auch das Wort würde Ihnen nichts nützen, wenn Sie ihn nicht selbst treffen!«

»Aber wie wäre er zu treffen?«

»Zunächst trifft man Einen seiner Leute. Dieser besorgt alles Uebrige.«

»Gut! Da brauchte man ja blos zu wissen, auf welche Weise oder an welchem Orte man mit einem solchen Manne sich begegnen könnte.«

Der Wirth kniff die Augen abermals zusammen, machte ein höchst pfiffiges Gesicht und antwortete:

»Vielleicht sind Sie Einem begegnet, ohne es zu wissen.«


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»Das ist allerdings möglich.«

»Oder Sie haben bei Einem gesessen, ohne ihn für einen Eingeweihten zu halten.«

»Hm! Auch das könnte sein. Ich müßte nicht mit ihm gesprochen haben. Hätte ich mich aber mit ihm unterhalten, so hätte ich sicher geahnt, wer oder vielmehr was er ist.«

»Wären Sie wirklich so scharfsinnig? Sie sehen mir gar nicht so gewitzt aus!«

»Versuchen Sie es!«

»Nun, was zum Beispiele denken Sie von mir? Mich halten Sie doch nicht etwa für einen Pascher?«

»Direct für einen Schmuggler allerdings nicht.«

»Was soll das heißen? Giebt es etwa auch indirecte Schmuggler?«

»Natürlich! Jeder Eingeweihte, jeder Hehler ist ein solcher.«

»Donnerwetter! So halten Sie mich für einen Hehler?«

»Ja.«

»Herr, soll ich Sie hinauswerfen?«

Aber sein Gesicht hatte gar nicht etwa ein so sehr grimmiges Aussehen. Er schien vielmehr ganz befriedigt über die Ansicht zu sein, welche der Fremde von ihm hatte. Dieser nickte ihm freundlich zu und antwortete:

»Das werden Sie bleiben lassen!«

»Oho! Was Sie sagten, ist eine Beleidigung.«

»Ganz das Gegentheil! Ein Hehler muß ein gescheidter Kerl sein. Aber sagen Sie doch, mein Bester, auf welche Weise kommt man doch am Besten zum Ziele?«

»Auf die jetzige Weise.«

»Ah, wir verstehen uns also?«

»Gewiß! Ein Unterschied ist es natürlich, in welcher Art man sich am Geschäft betheiligen will. Wer Träger werden will, hat andere Maßregeln zu ergreifen, als wer die Waaren liefern oder empfangen will. Sie beabsichtigen also, Lieferant zu werden?«

»Ja.«

»Nun, dann müssen Sie sich an irgend ein Mitglied wenden, welches Ihnen zuerst in den Weg kommt. Dieser Mann wird Sie dann melden.«

»So müßte ich meinen Namen sagen?«

»Ja oder nein! Es kommt das auf Umstände an.«

»Darf ich diese Umstände kennen lernen?«

»Ja, natürlich! Sie sagen, daß die Sendung kostbar sei, welche Sie beabsichtigen?«

»Ja.«

»Wie hoch?«

»Fünftausend Gulden?«

»Hm! Der Mann, welcher Sie meldet, hat für Sie gut zu sagen, hat für Sie Bürge zu sein. Er muß Sie entweder persönlich kennen; er


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muß also Ihren Namen wissen, oder Sie müssen, wenn Sie den verschweigen wollen, eine Caution erlegen.«

»Wie hoch ist diese?«

»Den zehnten Theil der ersten Sendung haben Sie zu bezahlen.«

»Das wären also fünfhundert Gulden?«

»Ja.«

»Sie sind eingeweiht. Wollen Sie mich melden?«

»Wollen Sie mir Ihren Namen sagen?«

»Nein.«

»Oder wollen Sie die fünfhundert Gulden erlegen?«

»Ja. Natürlich aber werden Sie mir zunächst beweisen, daß Sie wirklich Mitglied sind.«

»Gewiß werde ich das.«

»Wann? Ich habe keine Zeit!«

»Heute Abend. Kommen Sie Punkt zwölf Uhr an die letzte Scheune, welche an der Bergstraße steht. Nachdem Sie mir da die Summe behändigt haben, werde ich Sie zum Waldkönige bringen.«

»Er ist dann in der Nähe?«

»Ja. Ich werde ihn benachrichtigen.«

»Und wann erhalte ich das Geld zurück?«

»Sobald Ihre Sendung in die Hände der Unsrigen gelangt.«

»Gut, so sind wir einig. Ich werde jetzt gehen. Hier ist das Geld für das Bier.«

Er entfernte sich. Auch der Wirth stand vom Tische auf. Er rieb sich die Hände und schritt in der Stube auf und ab.

»Donnerwetter!« kicherte er vor sich hin. »Das kam mir aber gelegen! Die Gnädige schreibt mir, daß ein Geheimer kommen werde, um nach dem Pascherkönig zu forschen. Ich soll ihn unterstützen. Ich wußte gar nicht, wie ich das anfangen könne, und da bringt mir der Zufall einen Menschen, der mit den Paschern ein Geschäft machen will. Ihn brauche ich als Lockspeise. Sie sollen denken, daß ich das Geschäft mache; er aber bleibt im Hintergrunde. Nun kann der Geheime kommen.«

Er hatte kaum diese Worte gesagt, so ging die Thür auf, und es trat ein Mann ein, den er in seinem Leben noch gar nicht gesehen hatte. Er trug einen grauen Anzug und eine ebensolche Wintermütze. Einen Ueberzieher hatte er am Arme hängen. Er hatte blondes Haar und einen eben solchen Schnurrbart.

»Willkommen, mein Herr!« sagte der Wirth. »Was wünschen Sie?«

»Ein Glas Grog,« antwortete der Fremde mit tiefer Baßstimme, indem er Ueberzieher und Mütze an den Nagel hängte und sich dann plazirte.

Der Wirth eilte fort, und da heißes Wasser vorhanden war, so brachte er den Grog in kürzester Zeit. Der Fremde schlürfte wie ein Kenner von dem Getränk und fragte dann:


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»Ist heute vielleicht ein Mann bei Ihnen gewesen, welcher eine blaue Brille trug?«

»Ja, mein Herr.«

»Schwarzen Anzug?«

»Jawohl.«

»Er war nicht ganz meine Statur und hatte beinahe das Aussehen eines Schulmeisters?«

»Ja, das stimmt auffällig.«

»Was wollte er hier?«

»Er trank ein Glas Bier.«

»Weiter beabsichtigte er nichts?«

»Nein.«

»Wirth, Sie lügen!«

Der Wirth erschrak. Er trat einen Schritt zurück und sagte:

»Herr, wie kommen Sie zu der Ansicht?«

»Weil Sie ganz genau wissen, daß dieser Mann ein Geschäft im Betrage von fünftausend Gulden mit dem Pascherkönig machen wollte. Ist es nicht so?«

Der Wirth mußte sich sehr zusammen nehmen, um seinen Schreck zu verbergen.

»Ich weiß wirklich kein Wort davon!«

»Nun, so werde ich die Sache untersuchen!«

Er ließ seinen Grog stehen, griff nach Ueberrock und Mütze und ging schnell fort. Der Wirth trat an das Fenster, um zu sehen, wohin er gehe, bemerkte ihn aber nicht.

»Er ist nach rechts hinunter,« sagte er sich. »Wer mag er gewesen sein? Etwa ein Bekannter von dem Gesuchten? Hm! Er sprach aber doch davon, daß er die Sache untersuchen wolle! Donnerwetter! Es wird doch nicht etwa gar ein Grenzer in Civil gewesen sein? Ich muß hinaus an die Thür, um ihn noch zu erblicken. Ich muß wissen, wohin er geht!«

Er wollte eiligst die Stube verlassen, aber da öffnete sich die Thür und Der mit der blauen Brille trat ein.

»Ah, Sie wieder?« fragte der Wirth ganz betreten. »Warum kommen Sie zurück?«

»Weil ich Etwas vergessen habe. Es wird nämlich ein Herr nach mir fragen.«

»Schön!«

»Er ist blond und geht ganz grau mit schwarzem Ueberzieher.«

»Donner noch einmal!«

»Was ist's? Sie verwundern sich?«

»Natürlich!«

»Warum?«

»Er war bereits hier. Soeben ist er hinaus.«

»Und hat nach mir gefragt?«


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»Ja. Ich habe Sie gar nicht kommen sehen. Kommen Sie von rechts herauf?«

»Ja.«

»So müssen Sie ihm unbedingt begegnet sein!«

»Ganz und gar nicht. Also soeben ist er fort?«

»Vor zwei Augenblicken erst. Ich kann wirklich nicht begreifen, daß Sie ihn nicht gesehen haben!«

»So muß ich ihm sogleich nach. Adieu!«

»Halt! Wenn Sie ihn nun nicht treffen, und er kommt wieder, was soll ich ihm da sagen?«

»Daß er sich den Teufel um mich zu bekümmern hat! Adieu!«

Bei diesem Gruße eilte er zur Thüre hinaus.

»Den Teufel um ihn bekümmern!« brummte der Wirth. »Jedenfalls sind es keine guten Freunde. Ich will einmal sehen, wo er hinläuft.«

Er ging hinaus vor das Hausthor. Er blickte nach rechts und nach links, konnte aber keinen Menschen sehen.

»Der muß außerordentlich gelaufen sein, daß er bereits um die Ecke ist,« brummte er und kehrte nach dem Zimmer zurück. »Da steht noch der Grog. Schade darum, wenn er kalt wird; ich werde ihn trinken.«

Er hob das Glas bereits an den Mund, da aber rief es hinter ihm:

»Halt! Mein Grog! Was fällt Ihnen ein!«

"Halt! Mein Grog!"

Er drehte sich um. Fast wäre ihm das Glas aus der Hand gefallen, denn dort an der Thür stand der blonde Graue.

»Donnerwetter!« fragte er. »Ich denke, Sie sind fort!«

»Ja, ich war fort, aber ich bin wieder hier, wie Sie sehen!«

»Ich war ja gleich draußen und hätte Sie doch also kommen sehen müssen!«

»Sind Sie denn kurzsichtig?«

»Ganz und gar nicht!«

»Wer weiß, wo Sie da hingeguckt haben! Aber, sagen Sie, war der Schwarze mit der blauen Brille wieder da?«

»Ja, soeben.«

»Sakkerment! Was sagte er?«

»Sie hätten sich den Teufel um ihn zu kümmern!«

»Dieser Grobian! Den will ich Mores lehren! Wo ist er hin?«

»Nach rechts!«

»So muß ich ihm gleich nach!«

Er ging eilig wieder zur Thür hinaus.

»Wunderbar!« sagte der Wirth zu sich. »Das begreife, wer da will! Aber dieses Mal sehe ich doch hinterdrein!«

Auch er eilte hinaus. Als er das Thor erreichte, war auf der Straße, gerade wie vorher, kein Mensch zu sehen.

»Muß der Kerl gerannt sein! Oder bin ich so plötzlich kurzsichtig geworden, wie er sagte?«


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Er kehrte in die Stube zurück und sah den Grog noch stehen.

»Er verdirbt; er wird kalt. Aber ich muß gewärtig sein, dieser Unbekannte kommt noch einmal retour. Ich werde -«

Er hielt mitten in der Rede inne, denn er sah, daß die Thür sich abermals öffnete. Das Gesicht mit der blauen Brille und dem schwarzen Barte blickte herein und fragte:

»War er da?«

»Wer denn?« fragte der Wirth, vor Ueberraschung ganz perplex.

»Nun, der Blonde mit dem grauen Anzuge.«

»Ja; er war da. Er ist vor einer halben Minute wieder fort.«

»Was sagte er denn?«

»Er will Ihnen Mores lehren!«

»Wart! Diesem Burschen werde ich zeigen, was das Wort Mores zu bedeuten hat! Adieu!«

Der Kopf fuhr zurück, und der Wirth blickte ganz betreten nach der Thür, welche wieder zugemacht wurde.

»Donnerwetter, das begreife, wer da will!« fluchte er. »Sie müssen sich doch begegnet sein! Aber diesesmal komme ich gleich hinterher, und wenn ich halb blind sein sollte!«

Er wollte fort; aber da wurde die Thür abermals geöffnet und der blonde Kopf mit der grauen Mütze erschien.

»War er da?« ertönte die hastige Frage.

»Der Schwarze?«

»Ja.«

»Sie müssen doch draußen im Flur mit ihm zusammengerannt sein!«

»I, Gott bewahre! Was sagte er denn?«

»Er wollte Ihnen zeigen, was das Wort Mores zu bedeuten hat, meinte er.«

»Wart, Hallunke, Dich kriege ich doch!«

Der Kopf verschwand mit größter Eile.

»Das ist stark, nein, das ist noch mehr als stark!« rief der Wirth. »So Etwas ist mir in meinem ganzen Leben - Himmelbataillon! Was ist denn wieder?«

Der Schwarze guckte nämlich wieder herein.

»Ist er noch da?« fragte er.

»Der Blonde? Nein!« antwortete der Wirth, indem er ganz entsetzt die Augen aufriß.

»Ich sah ihn doch hereingehen! Bitte, halten Sie ihn fest, wenn er wiederkommen sollte!«

Damit verschwand er wieder.

»Bin ich denn verrückt?« fragte sich der Wirth. »Das ist ja gerade, als ob der Teufel sein Spiel - - - Alle guten Geister! Sie auch wieder?«


// 599 //

Der blonde Kopf fuhr nämlich durch die sich wieder öffnende Thür hinein und fragte im Tone der höchsten Eilfertigkeit:

»Haben Sie ihn gesehen? Er muß noch da sein!«

»Nein! Gerade in diesem Augenblicke ist er -«

Er hielt inne, denn der Kopf hatte sich schnell wieder zurückgezogen. Der Wirth fuhr sich mit den Händen in die Haare und stöhnte:

»Bin ich denn verrückt? Ach, ich sollte ihn ja nicht fortlassen! Wart, den kriege ich noch!«

Er eilte hinaus. Als er das Thor erreichte, trat ihm von der Straße her - der Schwarze entgegen.

»Nun, haben Sie ihn festgehalten?« fragte er.

Da ergriff der Wirth ihn am Arme und rief:

»Herr, lassen Sie sich anfassen, damit ich mich überzeuge, ob Sie Fleisch und Blut sind! Ja, Gott sei Dank! Die Knochen fühle ich, und die Menschenhaut sehe ich!«

»Ich glaube, Sie sind nicht recht disponirt!«

»Der Kukuk mag da disponirt sein, wenn Einer immer nach dem Andern fragt, ohne daß Sie sich sehen, obgleich sie eigentlich unter der Thür mit den Köpfen zusammen stoßen müßten!«

»Nun, so muß ich ganz sicher gehen. Ich werde hier bleiben, bis er wiederkommt.«

»Ja, thun Sie mir den Gefallen! Ich weiß sonst gar nicht, ob ich einen Kopf habe oder nicht. Kommen Sie herein!«

»Schön! Geben Sie mir noch ein Bier!«

Er trat mit in die Gaststube und setzte sich nieder. Der Wirth trat an das Faß, füllte das Glas und fragte dabei:

»Kennen Sie ihn denn nicht?«

»Hm! Eigentlich sollte ich es nicht verrathen! Aber da Sie dabei betheiligt sind, will ich Ihnen sagen, daß er ein Polizist ist.«

»Ein Polizist?«

»Ja. Aus der Residenz.«

»Alle Teufel. Wie heißt er?«

»Arndt, glaube ich.«

»Arndt?« rief der Wirth im höchsten Erstaunen.

Das war ja gerade der Mann, der ihm angemeldet worden war, angemeldet von seiner guten, verehrten Baronesse!

»Ja. Er will sich, wie man hört, bei dem alten Förster Wunderlich einquartiren.«

»Das ist freilich wunderbar!«

»Wunderbar?« fragte der Schwarze. »Warum? Kennen auch Sie ihn vielleicht?«

»Ganz und gar nicht,« antwortete der Wirth mit gut gespielter Treuherzigkeit.

»Na, da hüten Sie sich wenigstens vor ihm!«


// 600 //

»Warum denn?«

»Weil Sie ein Eingeweihter sind. Er kommt nur, um den Waldkönig zu fangen.«

»Das soll ihm wohl schwer werden, denn - ah, die Uhr!«

Er war verlegen geworden, und um das zu verbergen, wendete er sich gegen die Uhr, welche allerdings stehen geblieben war, aber nicht erst jetzt. Er nahm den Schlüssel, stieg auf einen Stuhl und begann, sie aufzuziehen. Er bemerkte gar nicht, daß der Schwarze sich dabei mit seinem Rocke und Barte zu schaffen machte; auch die Mütze wurde umgewendet, und dann strich er sich mit einem Läppchen, welches er aus der Tasche gezogen hatte, über das Gesicht. Das Alles geschah mit einer geradezu bewundernswerthen Schnelligkeit. Dabei aber ließ er das Gespräch nicht fallen, sondern fragte:

»Sie meinen also nicht, daß es ihm gelingt?«

»Auf keinen Fall!«

»Es wäre auch jammerschade um unser projectirtes Geschäft!«

»Ja! Fünftausend Gulden! Ich werde ihn irre leiten.«

»Thun Sie das, mein Lieber! Er hat übrigens gar nichts Kluges im Gesicht!«

»Nein; sein Gesicht ist vielmehr ein sehr dummes!«

»Dümmer noch als das meinige? Sie sagten doch, daß ich gar nicht etwa gescheidt aussehe!«

»O, Der noch viel weniger. Wenn Der den Waldkönig fangen will, so muß er früh aufstehen! Ich bin neugierig, ob er wiederkommen wird. Mir liegt gar nichts daran. Polizisten hat man nicht gern im Hause, besonders wenn man so ein ausgebackener Pascher ist wie ich! So, da geht die Uhr wieder und nun wollen wir -«

Er war vom Stuhle herabgestiegen und hatte sich wieder herumgedreht. Das Gesicht, welches er machte, war gar nicht zu beschreiben. Er stand mit ganz erstarrten Zügen und offenem Munde da, denn Der, welcher da vor ihm beim Biere saß, war kein Anderer als Derjenige, von dem er soeben in nicht ehrenvoller Weise gesprochen hatte - der Blonde.

»War er da?« fragte dieser, als ob er sich soeben erst niedergesetzt hätte.

Und nun klang auch seine Stimme ganz anders, als diejenige des Schwarzen, welche der Wirth noch im letzten Augenblicke gehört hatte.

»We - we - wer?« stammelte dieser.

»Nun, der Schwarze!«

»Der sa - saß doch gerade jetzt noch hi - hi - hier!«

»Ach was! Das war ja ich!«

»Sie? Sie? Unmöglich! Ich habe ja ihn gesehen. Sie aber nicht!«

»Unsinn!«

»Und mit ihm gesprochen!«

»Nein, mit mir!«

»So weiß ich freilich nicht mehr, wer ich bin!«


Ende der fünfundzwanzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk