Lieferung 27

Karl May

14. Februar 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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komme baldigst nach. Ehe Sie das Bettuch gebrauchen, sehen Sie sich erst gehörig um, ob Sie allein sind.«

Er ritt davon. Als er am Forsthause abstieg, trat der Förster aus der Thür. Auch er verwunderte sich ob des fremden Reiters.

»Ich bin es, der Vetter Arndt,« sagte dieser.

»Alle Teufel! Sie? Wo haben Sie diese Mähre her?«

»Geborgt. Kann sie hier Unterkunft finden?«

»Wie viele Jahre?«

»Nur bis morgen.«

»Dann ist's zu wagen. Ich werde sie sofort nach dem Corridore erster Classe bringen. Gehen Sie in die warme Stube!«

»Das thue ich nicht. Ihre Leute brauchen nicht zu sehen, wie maskirt ich bin. Vorsicht, mein Lieber!«

»Aber Sie müssen doch essen?«

»Ich gehe sogleich wieder fort. Legen Sie mir einen Imbiß auf meine Stube, damit ich ihn bei meiner Rückkehr finde.«

»Schön! Also, Sie wollen fort? Hm! Nehmen Sie sich in Acht!«

»Weshalb? Giebt es Etwas?«

»Ja. Es sprach ein Grenzer hier ein, ein junger Kerl, der zuweilen zu mir kommt. Er hat so einen kleinen Narren an mir gefressen, und weiß, daß ich nichts verrathe. Er theilte mir mit, daß es heute einen guten Fang geben werde.«

»Sagte er den Ort?«

»Den wußte er selbst noch nicht; aber aus den Vorbereitungen, welche getroffen worden sind, hat er den Schluß gezogen, daß der Fang ein Finkenfang sein werde.«

»Ich verstehe. Es ist der Ort gemeint, welcher so genannt wird.«

»Ja, Vetter Arndt.«

»Na, wir werden ja sehen. Versorgen Sie das Pferd.«

Er verfügte sich nach seinem Stübchen, steckte alles nöthig Erscheinende zu sich und ging dann wieder.

Er schlich sich mit der möglichsten Vorsicht nach der Eiche zu. Als er in die Nähe derselben kam, sah er sich gezwungen, hinter einen Baum zu treten, da er eine Gestalt bemerkte, welche fast gerade auf ihn zukam. Er fand gerade noch Zeit, sich zu verstecken; dann huschte sie vorüber. Nun setzte er den Rest seines Weges mit verdoppelter Vorsicht fort und gelangte an die Fichte.

»Pst! Sind Sie da?« flüsterte er.

»Schon längst,« antwortete es unter den niedersten Ästen hervor.

»Giebt es noch Platz?«

»Ja. Kommen Sie her! Ich rücke zu.«

Die Zweige bewegten sich einige Augenblicke lang, aber so leise, daß der Schnee nicht von ihnen herabfallen konnte, dann lagen die Beiden neben einander in ihrem Verstecke. Kein Mensch, selbst wenn er in nächster Nähe


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stand, hätte vermuthen können, daß vier Augen und vier Ohren hier angestrengt wurden, die Geheimnisse des Pascherkönigs zu entdecken.

»Es begegnete mir Einer. Waren welche hier?« fragte Arndt.

»Ja, bereits drei,« gab Eduard im Flüstertone zurück.

»Was thaten sie?«

»Sie machten sich am Stamme der Eiche zu schaffen und brannten dabei ein Streichhölzchen an.«

»Ein Streichholz? Wozu?«

»Sie hatten allemal ein Zettelchen in der Hand, welches sie lasen.«

»Hm! Der Zettel muß irgendeinen Befehl enthalten.«

»So scheint es.«

»Wurde der Zettel stets mitgenommen?«

»Nein. Wenn sie ihn gelesen hatten und das Streichholz verlöscht war, dann schienen sie ihn wieder zu verstecken.«

»Es muß ein Loch im Stamme sein. Aber ich habe es nicht gefunden.«

»Es ist verborgen. Vielleicht mit einem Stück Rinde künstlich verschlossen. Anders kann es gar nicht sein.«

»Das ist möglich. Horchen Sie!«

Es ließen sich Schritte vernehmen. Ein Mann kam leise daher, trat an den Baum, langte mit der Hand empor und brannte dann ein Streichholz an. Jetzt bemerkte Arndt allerdings, daß derselbe einen Zettel in der Hand hatte. Er that ihn, als das Licht verlöscht war, wieder an den Ort zurück und entfernte sich dann.

»Haben Sie aufgepaßt?« fragte Arndt.

»Ja. Ich glaube genau den Punkt treffen zu können, an welchem sich das Versteck befindet. Soll ich hinaus und den Zettel holen?«

»Nein, nein! Warten wir noch.«

Das war ein Glück, denn es dauerte kaum eine Minute, so ließ sich wieder ein Geräusch vernehmen. Dieses Mal näherten sich drei Personen. Sie blieben an der Eiche halten. Der Eine war sehr hoch und stark gebaut; die beiden Anderen waren auch kräftig, aber doch keine solchen Riesen.

»Das also ist diese Eiche?« fragte Einer von ihnen.

»Ja,« antwortete der Riese. »Jetzt bin ich neugierig, ob ich wirklich die erwartete Auskunft erhalten werde.«

»Wirst Du sie finden?«

»Natürlich! Ich sagte Euch bereits, daß die größte Eiche der betreffenden Gegend allemal die Auskunftsstelle ist. Es ist ein viereckiges Loch eingeschnitten, in welchem sich ein Kästchen befindet. Die vordere Seite desselben besteht in einem kleinen, dürren Abstümpfchen. So kann die Sache nicht auffallen. Seht her!«

Er griff am Stamme empor und hielt dann Etwas in der Hand.

»Brennt ein Streichholz an!« befahl er.

Ein Lichtchen flackerte auf.

»Seht das Kästchen!« fuhr er fort. »Hier ist ein Zettel. Was steht


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darauf? 'Punkt ein Uhr im Haingrund.' Hm! Das geht mich und uns nichts an. Das ist ein Befehl für die Pascher, für heute oder morgen. Oder hat er auch bereits gestern Geltung gehabt. Was ich suche, das sind Ziffern, die auf dem Boden des Kästchens stehen. Brennt noch ein Streichholz an!«

Das Licht flackerte abermals auf. Er musterte den Boden des Kästchens. Es mußten noch zwei Zündhölzer verbrannt werden, ehe er mit sich in's Reine kam. Dann sagte er:

»Ich hab's! Kommt! Wir brauchen gar nicht weit zu gehen.«

Er steckte das Kästchen an Ort und Stelle, und dann entfernten sie sich in derselben Richtung, aus welcher sie gekommen waren.

Eduard stieß Arndt an und flüsterte:

»Da können wir zufrieden sein!«

»Zufriedener noch, als Sie überhaupt denken! Diese drei Kerls hätte ich hier nicht erwartet!«

»Sie kennen sie also?«

»Ja. Es sind sogenannte Künstler. Sie sollten heute wegen Todtschlages arretirt werden, sind aber entflohen.«

»Herrgott! Wir hätten sie ergreifen sollen!«

»Uns konnte ein Kampf mit ihnen gar nichts nützen. Sie werden ihrem Schicksale nicht entrinnen. Haben Sie gehört, daß sich die Pascher ein Rendezvous geben?«

»Im Haingrund, ja.«

»Und die Grenzer haben Sie wissen lassen, daß es heute beim Finkenfang Etwas giebt.«

»Das ist ja gar nicht weit von hier. Woher wissen Sie es?«

»Ich hörte davon. Finden Sie es hier sehr kalt?«

»Gar nicht. Hier unter den dichten Zweigen ist es nach Verhältniß sogar ganz behaglich.«

»Sie würden es also noch ein Stündchen hier aushalten können?«

»Ganz gut.«

»So werde ich gehen.«

»Nach dem Finkenfang, wie ich vermuthe?«

»Ja. Es ist meine Pflicht. Doch halt! Man kommt!«

Es kam wieder Einer, der beim Scheine des Streichhölzchens den Zettel las und sich dann entfernte.

Als er fort war, kroch Arndt unter dem Baume hervor.

»Aber werden Sie den Finkenfang auch wirklich finden?« fragte Eduard, der besorgt um seine neue Bekanntschaft war.

»Ganz gewiß. Verhalten Sie sich sehr ruhig, bis zu meiner Rückkehr. Ich würde noch warten, aber vom Finkenfang bis zur Hainschlucht ist es eine gute Stunde. Man muß die Grenzer also sofort benachrichtigen, wenn der Coup vereitelt werden soll. Ich kehre wohl noch vor einer Stunde zurück. Ah! Pst!«


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Er duckte sich schleunigst hinter die Fichte nieder, denn es ließen sich Schritte hören. Zwei Männer kamen herbei. Sie trugen keine Masken vor den Gesichtern, wie Diejenigen, welche bereits hier gewesen waren. Ihre Züge waren sehr deutlich zu erkennen.

Der Ältere, welcher einen langen grauen Bart trug, langte nach dem Kästchen und las beim Scheine des Streichholzes den Zettel.

»In den Haingrund also!« sagte er. »Wir haben noch Zeit. Komm Junge!«

Sie gingen.

»Herr Arndt! Sind Sie noch da?« flüsterte Eduard.

»Ja.«

»Das waren die Beiden, die in der Schänke saßen.«

»Schön! Ich kenne sie. Sie brauchen sich also nicht nach ihnen zu erkundigen. Ich muß fort.«

Er huschte von dannen, den Beiden nach. Er hatte sich ihnen sehr rasch so weit genähert, daß er sie deutlich sehen konnte. Sie schritten in gerader Richtung auf die Straße zu und bogen in dieselbe ein, anstatt direct sich nach dem Haingrunde zu halten.

Er folgte ihnen auch hier. Als er die Straße erreicht hatte, ließ er seine Schritte hörbar werden. Sie blieben stehen, blickten sich um und ließen ihn herankommen.

»Guten Abend!« grüßte er.

»Guten Abend!« dankten sie.

»Wohin des Weges?« fügte der Alte hinzu.

»Nach dem Haingrund.«

Da machten Beide eine Bewegung der Ueberraschung.

»Was wollen Sie dort?« fragte der Junge, der aber wohl auch über vierzig Jahre zählte.

»Das!«

Bei diesen Worten wischte Arndt sich mit der rechten Hand das rechte Auge.

»Ach so! Dann sind wir also Kameraden! Aber warum tragen Sie denn keine Maske?«

»Warum auch Sie nicht?«

»Wir sind fremd hier. Wozu also überflüssiges Verstecken?«

»Auch ich bin fremd. Mich würde man wohl weniger erkennen, als Sie. Ich warte auf Sie.«

»Sie? Warten auf uns? Wieso? Hat Ihr Waldkönig -«

Er hielt inne. Arndt stutzte. »Ihr Waldkönig« hatte der Alte gesagt. Gab es denn mehrere Waldkönige? War das der Fall, so ließ sich allerdings sehr Vieles erklären.

»Nun? Was meinen Sie?« fragte Arndt.

»Hat Ihr Waldkönig von uns gesprochen?«

»Donnerwetter! Kennen Sie ihn?«


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»Ja.«

»Und wir noch nicht! Das ist stark! Also, Sie wissen, wer wir sind?«

»Ganz genau.«

»Das glaube ich nicht eher, als bis Sie unsere Namen nennen!«

»Sie sind der Schmied und Gastwirth Wolf aus Helfenstein, und dieser Mann ist Ihr Sohn.«

»Weiß Gott, er kennt uns! Hören Sie, ich ahne, daß Sie der König sind! Der hiesige nämlich!«

»Vielleicht!«

»Was, vielleicht? Reden Sie von der Leber weg, damit wir über das Geschäft sprechen können! Sind Sie es oder nicht?«

»Nun ja, ich bin es!«

»Wie kommen Sie auf die heutige Kühnheit? Haben Sie den Befehl dazu vom Hauptmanne erhalten?«

»Ja.«

»So erklären Sie sich über die Anordnungen, welche Sie bereits getroffen haben! Wir müssen das wissen!«

Jetzt sah sich Arndt vor dem Laufe einer Kanone, deren Schuß sofort losgehen konnte. Er hatte genug gehört. Er beschloß, sich damit zu begnügen. Das war besser, als wenn er sich in eine Gefahr begab, in der er ja wohl gar umkommen konnte.

»Warten Sie!« sagte er darum. »Ich habe noch Einen bestellt, welcher mit dabeisein muß. Folgen Sie mir!«

»Wohin?«

»Zu dem Manne, von welchem ich sprach.«

Er ging voran, und sie folgten ihm.

In nicht sehr großer Entfernung vom Forsthause hatte der Förster eine Lichtung ausroden lassen, um junge Pflanzen zu ziehen. Er hatte seine Freude an den Bäumchen; er befand sich gern bei ihnen und hatte sich daher aus allerlei Buschwerk eine Art Laube gezogen, dicht und undurchdringlich für Wind und Wetter. Diese Laube hatte einen sehr schmalen und niedrigen Eingang, so daß selbst jetzt in ihrem Innern nur wenig Schnee vorhanden war.

»Treten Sie ein!« sagte Arndt.

Der Schmied bückte sich und kroch hinein, und sein Sohn folgte ihm.

»Setzen Sie sich, meine Herren,« bat er sie.

Sie thaten es, und dann meinte der Alte:

»Na, kommen Sie nicht auch herein?«

»Der Platz ist nicht übermäßig vorhanden. Aber lauschig ist es drin, nicht wahr? Ein wenig rüsch und kalt. Auch riecht es nach Moos und Moder. Ich werde für ein besseres Parfüm sorgen.«

Er zog die goldene Kugel aus der Tasche, streckte die Hand zum Eingang herein und drückte auf den Knopf.

»Ah - ah - ah!« ertönten drin drei schwere Atemzüge.

»Sie schlafen!« murmelte er. »In fünf Stunden erwachen sie.«


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Er ging fort, aber langsam, wie Einer, welcher nachzudenken hat.

»Also mehrere Pascherkönige giebt es?« flüsterte er vor sich hin. »Ist der Schmied etwa auch Einer? Fast scheint es so! Und ihre Befehle empfangen sie vom Hauptmanne aus der Residenz? Täuscht mich meine Ahnung nicht, so ist der Baron Franz von Helfenstein dieser Hauptmann. Wie aber reimt es sich zusammen, daß der Schmied sein Untergebener ist und mich doch gerettet hat?«

Er ging sinnend weiter, an der Försterei vorüber und nach dem Finkenfange zu.

»Gott wird mir verzeihen, daß ich heute diese Beiden rette,« sagte er dabei für sich. »Sie haben mich einst aus der Gefangenschaft befreit, und so darf ich es auch wohl wagen, sie abzuhalten, sich heute gegen die Gesetze zu versündigen.«

Der Haingrund war ein bewaldetes Tal, welches sich rechtwinklig mitten durch den tiefen Forst nach der Grenze hinzog. Ungefähr eine Stunde davon entfernt lag der Finkenfang, ein stiller, öder Platz im tiefen Forste, felsig und fast leer von aller Vegetation. Als Arndt diesen Orte erreichte, blieb er stehen und stieß einen Pfiff aus.

Kein Mensch antwortete. Aber hinter dem nächsten Felsstücke kauerten zwei Grenzer, welche sein Kommen bemerkt und es sofort den Ihrigen angezeigt hatten. Der Eine flüsterte:

»Ein schlauer Patron! Er will sich versichern, ob Jemand hier ist.«

»Antworten wir auf seinen Pfiff, so ist es mit dem Fange vorbei. Ihm können wir nichts thun, und die Anderen reißen aus.«

Arndt pfiff abermals. Wieder keine Antwort. Jetzt fragte er laut:

»Sind Grenzer hier?«

»Ich könnte dem Kerl Eins auf den Schnabel geben! Und zwar da mit dem Kolben meines Gewehres!« brummte der eine Beamte.

»Pst! Rasch um die andere Ecke! Er kommt hier vorüber.«

Sie huschten um die Ecke des Felsens herum, und Arndt näherte sich, um vorüber zu gehen. Aber er erblickte beim hellen Scheine der Sterne und des Schnees ihre Spuren und blieb stehen.

Sie hörten, daß er ein kurzes, leises Lachen ausstieß. Dann sagte er:

»Bitte, bleiben Sie getrost hier! Ich komme nicht als Kundschafter des Pascherkönigs, sondern ich suche Sie, um Ihnen eine sehr wichtige Mittheilung zu machen.«

Er hatte leise gesprochen, um ihren Verdacht zu beschwichtigen, dennoch waren auch diese Worte ohne Erfolg.

»Nun,« fuhr er fort, »so werde ich geradeaus und vorwärts gehen, damit Sie sehen, daß ich nicht die Absicht habe, Jemand, der sich hinter mir befindet, zu benachrichtigen.«

Und wirklich setzte er in ruhiger Weise seinen Weg fort. Das erweckte das Vertrauen Derjenigen, die ihn beobachteten. Gerade vor ihm erhob sich


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ein Mann vom Boden. Er hatte einen Degen in der Rechten und einen Revolver in der Linken.

»Halt!« gebot er mit unterdrückter Stimme. »Stehen Sie fest, und sprechen Sie leise!«

»Schön! Ich stehe zur Verfügung!«

»Wer sind Sie?«

»Ich bin der Fürst des Elendes.«

Der Offizier trat einen Schritt zurück. Rundum tauchten Gestalten hinter den Felsstücken auf. Das war der Erfolg seiner Antwort.

»Wollen Sie uns etwa äffen?«

»Glauben Sie, daß ein Mensch in dieser Stunde und bei dieser Kälte in den tiefen Wald läuft, um sich einen Spaß zu machen? Haben Sie von dem Fürsten des Elendes gehört?«

»Allerdings!«

»Auch, daß er sich jetzt hier in der Gegend befindet?«

»Ja.«

»Nun wohl, ich bin er.«

»Und wenn wir Ihnen nicht glauben?«

»So steht Ihnen das frei. Ich komme, um Ihnen einen Irrthum zu benehmen. Sie erwarten die Pascher hier. Sie sind falsch benachrichtigt worden. Der Waldkönig wird seine Leute heute durch den Haingrund über die Grenze schicken.«

»Donnerwetter! Das wäre! Können Sie es beweisen?«

»Nein.«

»Das ist sehr schlimm für Sie!«

»Wieso?«

»Ich werde mich Ihrer Person versichern. Sind Sie bewaffnet?«

»Ja.«

»Um so schlimmer. Wir werden Gelegenheit finden, zu sehen, wen man eigentlich unter dem Fürsten des Elendes zu verstehen hat.«

»Das sehen Sie bereits jetzt; ich stehe ja deutlich genug vor Ihnen. Uebrigens ersuche ich Sie, hier diese Karte zu betrachten.«

Der Offizier nahm die Karte und warf einen Blick auf sie; aber dieser Blick schien nicht zu genügen, denn er befahl:

»Müller, die Laterne!«

Einer seiner Untergebenen zündete ein Laternchen an, bei dessem Scheine die Karte nun deutlich zu erkennen war.

»Vom Minister? Hm! Ich kenne die Unterschrift der Excellenz nicht! Eine eigenthümliche Legitimation! Aber das Siegel ist richtig!«

»Nun, dann nehmen Sie diese zweite Legitimation!«

Er gab eine zweite Karte hin. Der Offizier las:

»'Inhaber Dieses darf in allen Fällen passiren!' Sakkerment! Und unterzeichnet von unserer obersten Behörde! Das ist natürlich zu respectiren!


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Verzeihung, mein Herr! Aber Sie sehen ein, daß man vorsichtig sein muß. Man hat es hier mit außerordentlich raffinirten Subjecten zu thun.«

»Ich weiß das. Also, ich theile Ihnen abermals mit, daß die Pascher sich punkt Ein Uhr im Haingrund versammeln werden.«

»Jetzt glaube ich Ihnen. Aber woher wissen Sie das?«

»Ich bin nicht befugt, es zu sagen.«

»Und dennoch muß ich darnach fragen!«

»Würden Sie Ihre Spione verrathen?«

»Das würde ich allerdings nicht thun, mein Herr!«

»Nun, so ersuche ich Sie, meinen Worten Glauben zu schenken oder auch nicht, ganz wie Sie belieben und wollen!«

»Ich sagte bereits, daß ich Ihnen glaube.«

»So ist der Zweck meiner Wanderung erfüllt, und ich bitte Sie, mich gütigst zu entlassen.«

»Sie werden zugeben, daß ich mich in einer keineswegs klaren Situation befinde. Entblöße ich diesen Platz, um meine Leute nach dem Haingrunde zu dirigiren, so -«

»So jagen Sie den Paschern ihre Waaren ab!« fiel Arndt ein.

»Aber, wenn diese dennoch den Weg nach hier einschlagen?«

»Pah! Thun Sie, was Sie wollen! Ich aber gehe. Gute Nacht!«

Er ging, ohne sich weiter um Das, was der Offizier thun würde, zu bekümmern. Seine beiden Karten hatte er zurückerhalten. Man hinderte ihn nicht; man ließ ihn sich entfernen.

Nach Verlauf einer halben Stunde stand er wieder an der Fichte, unter welcher Eduard Hauser noch immer steckte. Er kroch zu ihm hin und fragte mit leiser Stimme:

»Ist noch Weiteres geschehen?«

»Noch Einige sind gekommen, um den Zettel zu lesen; aber seit über einer Viertelstunde Keiner mehr.«

»So warten wir noch ein Weilchen! Außer Sie frieren sehr?«

»Es ist hier auszuhalten.«

»Gut. Man darf sich nicht überstürzen.«

Sie ließen wohl noch drei Viertelstunden vergehen, dann aber kroch Arndt unter dem Baume hervor.

»Kommen Sie,« sagte er. »Jetzt sind wir sicher, daß wir nicht gestört werden. Sehen wir nach dem Kästchen.«

Er griff an dem Stamme empor und fühlte das dürre Aststümpfchen, von welchem der Riese gesprochen hatte. Er zog dasselbe heraus und hatte nun das Kästchen in der Hand.

»Jetzt Licht,« sagte er. »Hier ist meine kleine Laterne, und da sind auch Zündhölzer. Brennen Sie einmal an!«

Als das Licht brannte, beleuchtete er den Inhalt des Kästchens. Dieser bestand nur aus dem Papierblatte, welches den bereits erwähnten Befehl enthielt.


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»Aber hier auf den Boden ist ein Papier geklebt, darauf steht - ah, es sind Ziffern!« sagte Arndt. »Halten Sie! Ich werde sie mir notiren, denn lange dürfen wir uns doch nicht verweilen. Wir sind zwar sicher, denke aber, Vorsicht ist stets das Beste!«

Er nahm sein Notizbuch hervor und notirte sich folgende Zeichen:

»25. 6. 8. 16. 6. 13. 20. 7. - 15. 25. 6. 24. 21. - 8. 23. 18. 25. 23. 18. 7. -«

Dann blies er die Laterne aus, steckte das Buch ein und schob das Kästchen an seinen Ort zurück.

»Was mögen diese Ziffern zu bedeuten haben?« fragte Eduard.

»Der Riese hat es gleich gewußt. Ich hoffe, sie zu entziffern. Hier aber wollen wir uns nicht länger verweilen. Kommen Sie!«

»Wohin?«

»Hm! Herein in's Dorf. Dahin ist es näher als zum Forsthause. Ich muß mich über die Ziffern hermachen und kann Sie dabei vielleicht gebrauchen. Aber zu Ihnen können wir nicht, und in der Schänke möchten Sie auch nicht merken lassen, daß Sie mit einem Manne verkehren, der hier fremd ist.«

»Was das betrifft, so sind meine Eltern bereits schlafen gegangen, die Kinder natürlich auch.«

»Gut! Gehen wir also dahin!«

Sie begegneten außerhalb des Städtchens keinem Menschen und erreichten auch dann das Häuschen Hauser's unbemerkt. Als Arndt sich in dem ärmlichen Zimmer umsah, überkam ihn eine tiefe Rührung. Er reichte Eduard die Hand und sagte:

»So also wohnten, lebten und arbeiteten Sie! Hoffen wir, daß Sie am Ende aller Noth und Sorge stehen!«

Sie setzten sich an den Tisch, und Arndt zog sein Notizbuch hervor. Eduard schrieb sich die Ziffern ab, um bei dem Dechiffriren mit zu helfen.

»Wie es scheint, sind es drei Worte,« meinte Arndt.

»Und jede Ziffer bedeutet einen Buchstaben,« sagte Eduard.

»Vermuthlich! Aber für welchen Buchstaben steht die einzelne Ziffer? Das ist die Frage!«

»Wohl einfach dem Alphabete nach!«

»Das wäre sehr leicht! Versuchen wir es einmal!«

Aber auf die angegebene Weise ergaben die Ziffern 25. 6. 8. 16. 6. 13. 20. 7. kein verständliches Wort.

»Es geht also doch nicht!« meinte Eduard kopfschüttelnd.

»Allerdings nicht. Aber eine sehr zusammengesetzte Chiffreschrift haben wir dennoch wohl nicht vor uns. Pascher sind keine gelehrten Leute. Wollen einmal das Alphabet umkehren, so das A 25 und Z 1 bedeutet. Vielleicht geht es da!«

Und kaum hatten sie da angefangen, so sagte Eduard:

»Ich hab's! 25. 6. 8. 16. 6. 13. 20. 7. bedeutet Auskunft!«


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»Richtig! 15. 25. 6. 24. 21. ergiebt Laube, und 8. 23. 18. 25. 23. 18. 7. bedeutet soviel wie Schacht.«

»Also Auskunft - Laube - Schacht!«

»Ja. Auskunft erhält man also auf dem Schachte. Aber, hm, Laube! Sollte es dort eine Laube geben, in welcher -«

»O nein,« fiel Eduard ein, »nicht eine, sondern einen Laube giebt es dort. Der Schachtwächter heißt Laube.«

»Prächtig! Das ist's! So ist's! Was für ein Kerl ist denn dieser Mann?«

»Finster, wortkarg, aber verschlagen.«

»Ehrlich?«

»Man weiß nichts Schlechtes von ihm, aber auch nichts Gutes.«

»Das genügt. Das sind die schlimmsten Leute. Wann hat er die Wache? Ich meine, zu welcher Tageszeit?«

»Des Nachts.«

»Auch dieses paßt. Und er wohnt auf dem Schachte?«

»Ja. Seine Stube liegt gegenüber der großen Dampfesse. Wollen Sie mit ihm sprechen?«

»Jedenfalls.«

»Aber doch nicht heute noch?«

»Nein. Für heute können wir mit unseren Resultaten zufrieden sein. Aber ich bitte Sie sehr, das, was wir erfahren haben, nicht zu mißbrauchen. Gehen Sie nur dann zur Eiche, wenn es nothwendig ist, und visitiren Sie das Kästchen nicht zu oft!«

»Ich werde mich ganz nach Ihrem Willen richten. Wann brauchen Sie mich wieder?«

»Das kann ich nicht sagen. Morgen Abend können wir - ah nein, da fällt mir ja ein, daß Sie zur Maskerade gehen. Nicht?«

»Ja, wenn Sie es mir erlauben.«

»Ich will Sie nicht hindern. Aber was Sie mir darüber andeuteten, schien nichts sehr Glückliches zu sein?«

Eduard senkte den Kopf und antwortete:

»Glückliches gar nicht!«

»Man soll sich nicht um die Herzensangelegenheiten Anderer kümmern; aber vielleicht kann ich Ihnen nützlich sein, wenn es Ihnen gelingen wollte, Vertrauen zu fassen!«

»Vertrauen, Herr Arndt? Wie können Sie daran zweifeln! Sie haben so viel an mir und den Meinen gethan, daß -«

»Sprechen wir nicht davon!« wurde er unterbrochen. »Aber da fällt mir ein: Haben Sie diesem Seidelmann die Schuld bezahlt?«

»Noch nicht!«

»Warum nicht?«

»Die Zeit ist noch nicht um, und sodann wollte ich den geeigneten Moment abwarten, so einen Augenblick, einen Augenblick -«


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»An welchem Sie ihm das Geld moralisch an den Kopf werfen können. Ich verstehe Sie. Ist es nicht so?«

»Ja, so ist es!«

»Nun, so warten Sie es ab! Und also die Maskerade?«

»Die wird vom Casino in der Schänke hier abgehalten. Das Engelchen, unsere Nachbarstochter, hat von Einem, den sie noch nicht kennt, eine Einladung erhalten und den Anzug als Italienerin dazu.«

»Da sieht sie wohl reizend aus?«

»Reizend? O nein! Viel schlimmer! Wie eine - eine - ich kann das Wort nicht über die Lippen bringen!«

»Und sie geht?«

»Ja. Sie will es, und ihr Vater will es. Ich habe ihr alle guten Worte gegeben, bringe sie aber nicht davon ab.«

»So hat sie Sie nicht lieb!«

»O doch! Ich weiß, daß sie mich lieb hat, aber sie ist verblendet!«

»Haben Sie bereits von Liebe mit ihr gesprochen?«

»Nein.«

»Nun sehen Sie! Da kommt so ein Herr aus dem Casino und nimmt sie Ihnen vor der Nase weg.«

»Was will ich thun? Ihr Vater will oben hinaus mit ihr. Ich bin ihm zu arm und gering. Ich soll nicht mehr zu ihm hinüber.«

»So lassen Sie das Mädchen laufen!«

»Herr, wenn ich ihr nur nicht so gut wäre!«

»Vielleicht wird es ganz anders, als Sie denken.«

»Wie anders soll es werden? Wenn sie zur Maskerade geht, sind wir geschiedene Leute für immer und ewig.«

»Sie wird vergleichen. Sie wird bemerken, daß Sie besser sind als so ein Fant. Sie wird zu Ihnen zurückkehren und Sie dann um Verzeihung bitten!«

Eduard schüttelte traurig den Kopf und fragte:

»Herr Arndt, sind Sie wohl einmal bei einer Maskerade gewesen?«

»Sehr oft.«

»Ich noch nie. Ich habe mir aber sagen lassen, wie es dabei hergeht. Würden Sie ein Mädchen heirathen, das sich von einem anderen Menschen hat umarmen lassen?«

»Hm!«

»Und küssen?«

»Hm!«

»Na, sehen Sie! Ein Sprichwort sagt, ein Kuß in Ehren sei nicht zu verwehren; aber dieses Wort ist ein sehr schlechtes. Und nicht alle Küsse, die man für ehrenhaft hält, sind es auch. Auf einer Maskerade, wo die Kleider oben und unten zu kurz sind, werden wohl die allerwenigsten Küsse in Ehren gegeben?«

»Vielleicht ist es nicht so schlimm, als Sie denken!«


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»Vielleicht auch noch schlimmer! Ein braves Mädchen läßt sich von keinem Unbekannten zur Maskerade bringen. Ich möchte weinen, aber ich weiß nicht, ob vor Wuth oder Unglück!«

»Und da haben Sie beschlossen, was zu thun?«

»Ich gehe auch zur Maskerade,« antwortete er in entschlossenem Tone.

»In's Casino? In eine geschlossene Gesellschaft? Ich befürchte sehr, daß Sie da nicht Zutritt finden werden!«

»Oh, dafür ist gesorgt!«

»Sind Sie eingeladen? Wohl schwerlich!«

»Ja. Das heißt, ich habe mich selbst eingeladen.«

»Hm! Sie haben doch nicht etwa eine Unvorsichtigkeit begangen?«

»Möglich, daß es eine ist!«

»Sie machen mir da ein eigenthümliches Gesicht. Wollen Sie mir wohl sagen, wie Sie Zutritt erlangen werden?«

»Ich möchte es lieber verschweigen.«

»So ist es auch nichts Gutes!«

»Na, selbst wenn es herauskommt, muß es doch nur für einen Spaß genommen werden. Alle Welt weiß, daß ich nicht der Pascherkönig bin.«

»Der Pascherkönig? Junger Mann, das klingt gefährlich! Sagen Sie, was Sie gethan haben!«

»Nun, im Casino ist ein Kaufmann. Dem habe ich im Namen des Waldkönigs verboten, auf die Maskerade zu gehen.«

»Ei, ei! Das ist ein eigenthümlicher Gedanke. Sie haben geschrieben?«

»Ja.«

»Wird er gehorchen?«

»Ich denke es. Sie glauben gar nicht, wie sehr man hier in dieser Gegend den Pascherkönig fürchtet.«

»Und Sie wollen an Stelle dieses Kaufmannes erscheinen?«

»Ja.«

»Aber wenn man Sie nun erkennt?«

»Ich werde mich zur rechten Zeit entfernen.«

»Hm! Die Liebe greift zu sehr drastischen Mitteln. Man möchte über das Ihrige lachen. Na, schädlich kann es Ihnen nicht werden. Wenn der Kaufmann ja wegbleibt, wird er wohl nicht so thöricht sein, den Grund anzugeben. Also ich werde Sie morgen nicht sehen! Und vielleicht doch! Man weiß ja heute nie, was morgen geschehen kann. Aber halt, das paßt hier gut! Fast hätte ich es vergessen!«

Er riß aus seinem Notizbuche einen Zettel und schrieb darauf:

»Der Fürst des Elendes, weil Sie ihm einen Dienst erwiesen haben.«

Dann verabschiedete er sich von Eduard und ging nach Hause. Dabei aber machte er einen Umweg nach der Laube, in welcher er den Schmied und seinen Sohn zurückgelassen hatte.

Sie saßen noch da und atmeten ruhig. Er steckte dem Schmiede den Zettel in das Portemonnai, welches dieser bei sich trug, und entfernte sich


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dann. In seiner Stube angekommen, fand er das bestellte Abendbrot. Er machte Licht und setzte sich zum Essen nieder. Dann brannte er sich eine Zigarre an und schlug ein Buch auf, um zu lesen. Er konnte unmöglich schlafen. Das heute Erlebte ließ ihn nicht ruhen, aber auch nicht - lesen. Er schloß nach einer Weile das Buch und begann, im Zimmer hin und her zu gehen. Er überlegte sich Alles, was er heute erfahren und erlauscht hatte. Darüber verging die Zeit; er vergaß, an die Uhr zu blicken - bis in der Ferne ein lautes, anhaltendes Geknatter erscholl.

Das war Gewehrfeuer!

Er war nicht der Einzige, der es hörte, denn nach ganz kurzer Zeit wurde drüben die Thür geöffnet und dann an die seinige geklopft. Auf seine Antwort fragte die Stimme des Försters:

»Schlafen Sie?«

»Nein.«

»So darf ich eintreten?«

»Ja, kommen Sie!«

Der Alte kam herein, in Hose, Weste und Hemdsärmeln.

»Man hat geschossen! Haben Sie es gehört?« fragte er.

»Sehr deutlich.«

»Wo mag das gewesen sein?«

»Im Haingrunde.«

»Donner und Doria! Das wissen Sie? Wer hat denn geschossen?«

»Die Grenzer auf die Pascher. Ich selbst habe sie aufmerksam gemacht, daß der Waldkönig heute beabsichtigt, durch den Haingrund über die Grenze zu gehen.«

»Und davon weiß ich kein Wort, kein Sterbenswort! Sie müssen mir das Ding erzählen! Ich gehe gar nicht eher fort!«

Er setzte sich auf einen Stuhl, und Arndt berichtete ihm von dem Geschehenen so viel, wie er für gut und nöthig hielt.

Auch Eduard Hauser vermochte nicht zu schlafen, aber aus einem ganz anderen Grunde. Seine unglückliche Liebe raubte ihm die Ruhe. Er wandt sich in seinem Bette lange hin und her, ehe er den Schlaf finden konnte, und darum war es nicht mehr frühe, als er erwachte. Der Tag war bereits angebrochen.

Als er in die Wohnstube trat, saß die Familie mit den Kindern des Schreibers beim Kaffee. Er betete leise, wie es gebräuchlich war, und langte dann auch zu. Da klopfte es an die Thür, und der alte Barbier trat ein, welcher am Sonnabend Mittag mit Kartoffeln und Salz gegessen hatte.

»Guten Morgen!« grüßte er, sich die frostigen Hände reibend.

Sein Gruß wurde erwidert. Er sog den Duft des Kaffees mit der Nase ein und sagte ganz verwundert:

»Aber Gevatter, Ihr lebt ja heute in Saus und Braus! Das riecht ja ganz und gar so wie Kindtaufskaffee!«


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»Ist beinahe so,« antwortete die Hausfrau. »Wollen Sie eine Tasse mittrinken?«

»Sapperment! Zwei für eine und drei für zwei! Ihr müßt ja plötzlich ganz außerordentlich reich geworden sein!«

»Es ist nicht von Bedeutung!«

»Aber so einen Kaffee habe ich noch nie gerochen, in meinem ganzen Leben noch nicht. Und gar Zucker dazu! Na, für diese Wohlthat kann ich auch gleich dankbar sein. Ich habe Neuigkeiten.«

Natürlich wurde da gleich gefragt, was er aufzutischen habe.

»Erstens ist der Waldkönig erwischt worden,« sagte er.

»Was? Wie?« fragte der alte Weber. »Der Waldkönig selbst?«

»Nein, er selbst noch nicht; aber seine Leute!«

»So? Hat man sie?«

»Nein, sie selbst noch nicht; aber die Waaren sind da.«

»Ach so! Wo ist denn das geschehen?«

»Im Haingrund. Denkt Euch, daß die Grenzer gestern die falsche Nachricht erhalten haben, daß der Pascherkönig nach dem Finkenfang kommen wolle. Sie gehen auch hin, ihn dort gehörig zu empfangen, und als sie vergeblich warten, da kommt ein fremder Mann und sagt Ihnen, daß man sie zum Narren gehalten habe und daß der König durch den Haingrund kommen werde, punkt Ein Uhr.«

»Wer war der Fremde?«

»Das hat ihn der Offizier auch gefragt. Und denkt Euch nur, wer es gewesen ist! Der Fürst des Elendes nämlich!«

Diese Nachricht erregte natürlich bei den Alten große Sensation.

»Der Fürst des Elendes!« sagte der Weber. »Der ist ein Bote des Himmels, von Gott gesandt für die Armen und Kranken, gegen die Reichen und Bösewichte.«

»Ja. Kaum hat man gehört, daß er sich unserer Gegend nähere, so sieht man auch bereits, welch ein Segen er ist.«

»Und er hat die Wahrheit gesagt?«

»Natürlich! Die Grenzer sind eilig nach dem Haingrund aufgebrochen und haben dort einen großen Pascherzug ausgehoben. Getödtet und gefangen ist Niemand worden. Die Kerls haben bei den ersten Schüssen gleich die Packete weggeworfen und sind davongelaufen. Man sagt, daß der Waldkönig gar nicht dabeigewesen sein könne, sonst hätten sie mehr Courage gezeigt.«

»Die Courage des Sünders ist nicht der rechte Muth!«

»Ja. Das zeigt sich auch in der zweiten Neuigkeit, welche ich bringe. Auch da sind Drei davongelaufen.«

»Wo?«

»In der Nachbarstadt; drei Gaukler, welche ihr Kind ermordet haben, einen armen, kleinen, unschuldigen Knaben.«

Die Frau schlug die Hände zusammen und rief:

»Ermordet? Ein unschuldiges Kind? Oh, diese böse, böse Welt!«


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»Ja. Und die Mörder sind entkommen. Aber die sämmtliche Gensd'armerie ist auf den Beinen, und alle Wege sind besetzt, um diese Kerls zu fangen. Und das Dritte -«

»Noch eine Neuigkeit?«

»Ja, und eine höchst traurige! Aber ah, da fällt mir ein, daß Ihr ja die Kinder da habt!«

Er warf einen bezeichnenden Blick auf die Kinder des Schreibers.

»Was ist's denn?« fragst der Weber.

»Der arme Mann! Der arme Beyer!«

»Nun, Gott wird die Unschuld seiner Tochter an's Licht bringen!«

»Hoffentlich! Aber für den Vater ist's doch zu spät!«

»Zu spät? Wieso?«

»Nun weil er - todt ist!«

Die beiden letzten Worte raunte er den Alten in die Ohren. Diese erschraken auf das Heftigste.

»Unmöglich!« sagte der Weber. »Unmöglich!«

»Nein, wirklich! Ich habe ihn ja gesehen!«

»Gesehen? In der Amtsstadt?«

»Nein, sondern auf dem Gottesacker hier, im Leichenhause.«

»Das kann ich nicht begreifen!«

»Wir Alle auch nicht. Er hat heute Morgen im Leichenhause gesessen todt, und seine Frau im Arme. Sie hat in den Händen ein Papier gehabt, welches viele Gulden werth gewesen ist.«

Das größte der Kinder, ein Mädchen von dreizehn Jahren, hatte doch die vorigen leisen Worte des Barbiers so ziemlich genau vernommen. Sie hörte auch die anderen Reden. Es kam ihr eine Ahnung, nein, ein Verständniß, ein fürchterliches Verständniß. Sie sprang von ihrem Sitze auf und schrie:

»Mein Vater, mein Vater ist im Leichenhause! Er ist auch todt!«

Bei diesen Worten eilte sie zur Thür hinaus.

»Herrgott, sie hat's gehört, sie hat's verstanden!« rief der Barbier.

Auch die anderen Kinder jammerten und wollten fort; sie wurden aber zurückgehalten. Der alte Weber zog seinen Rock an und sagte zu Eduard:

»Komm, mein Sohn; laß uns sehen, ob diese Trauerkunde wahr ist!«

»Sie ist wahr!« versicherte der alte Barbier. »Ich war ja dort.«

»So wollen wir gehen, um das Kind zu holen!«

Als sie auf den Kirchhof gelangten, befanden sich viele Leute daselbst. Das Kind lag vor den starren Eltern auf der Erde und schien selbst todt zu sein. Es wurde viel hin und her gesprochen. Der Weber aber machte die Thüre zu, trat zu der Leiche des Schreibers, legte ihr die Hand auf den Kopf und sagte:

»Sieh, ich lege meine Hände
     Segnend auf Dein todtes Haupt.
Selig ist, wer bis ans Ende
     An die ewge Liebe glaubt.


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Selig, wer aus Herzensgrunde
     Nach der Lebensquelle strebt
Und noch in der letzten Stunde
     Seinen Blick zum Himmel hebt.
Suchtest Du noch im Verscheiden,
     Droben den Erlösungsstern,
Wird er Dich zur Wahrheit leiten
     Und zur Herrlichkeit des Herrn!«

Dann nahm er das Kind bei der Hand, zog es liebevoll an sich und sagte in tröstendem Tone:

»Ja, weine, meine Tochter! Thränen machen das Gewissen leicht und werden von den Engeln gezählt. Aber kommt weg von dieser Stätte des Todes. Du siehst Deinen Vater nicht zum letzten Male, sondern Du wirst ihn wiedersehen, hier und dort oben in der Ewigkeit!«

Die müßigen Gaffer waren zurückgetreten. Hauser rief den Todtengräber herbei und sagte:

»Warum lässest Du Jedermann hier eintreten? Hier ist Gottes Stätte. Siehe die Todten an! So sterben nicht die Gottlosen. Und der Ort, da ein Seliger ruht, soll nicht sein ein Schauplatz der Neugierde und der Klatscherei!« -

Kurz nach dem Mittagessen machte sich Eduard nach der Nachbarstadt auf, um seinen Domino zu holen. Unterwegs traf er auf einen Reiter, den er mit Verwunderung anschaute. Das Pferd war kaum zwanzig Gulden werth und hatte weder Sattel noch Zaum. Der Reiter war alt. Er hatte eisgraue Kopf- und Barthaare, trug eine alte, zerrissene Pelzmütze, eine gestreifte Jacke, kothige und vielfach geflickte Hosen und dazu Filzschuhe. Aus dem Munde hing ihm eine Tabakspfeife mit einem riesigen Kopfe.

»Guten Tag, Alter!« grüßte Eduard, ihm freundlich zunickend.

»Schönen Dank, Junger! Wohin?«

»Hier nach der Stadt.«

»Ich auch.«

»Woher des Wegs?«

»Aus dem Bette heute früh, heute Abend wieder hinein.«

»Mit sammt dem Gaule?«

»Wenn Du den Dritten machen willst, ja.«

»Habe keine Lust!«

»Bist wohl ein vornehmer Kerl?«

»Beinahe!«

»Ja, das sieht man Dir an! Wer Maskenbälle mitmachen kann, der muß Geld in der Tasche haben! Nicht?«

Dabei blinzelte er ihm mit den Augen zu und nickte mit dem Kopfe. Eduard blickte ihn erstaunt an und sagte:

»Was wirst Du von Maskenbällen wissen!«

Er hatte diesen Alten noch niemals gesehen. Wie konnte dieser eine Ahnung haben, daß er heute auf die Maskerade wollte?


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»Mehr wie Du!« lautete die Antwort. »Nimm Dich heute Abend in Acht! Du gehörst ja gar nicht dazu!«

»Höre, Du bist wohl toll? Wer bist Du eigentlich?«

»Fürst - Fürst des - das Andere sage Dir selbst, Junge! Und ein anderes Mal mache die Augen besser auf!«

Er hatte weder Zügel noch Bügel, noch Sporen; das Pferd schien aber doch ganz und gar in seiner Gewalt zu sein, denn es stieg vorn in die Höhe und schoß dann im Galopp davon.

»Fürst des Elendes also!« sagte Eduard zu sich selbst. »Arndt war es, Arndt! Den hätte sein eigener Bruder nicht erkannt! Darum also wußte er von der Maskerade!«

Als er zum Verleiher kam und seinen Domino forderte, meinte der Mann freundlich:

»Als Sie bei mir waren, stand mir nur der Domino zur Verfügung. Heute aber kann ich Ihnen etwas Besseres bieten, wenn Sie einige Gulden mehr anlegen wollen.«

»Was ist es?«

»Eine prächtige Charactermaske. Da hängt sie. Kaufmann Strauch hatte sie für sich bestellt, hat sie aber vorhin abgesagt.«

Wie herrlich sich das paßte! Er trat an Strauchs Stelle und konnte auch dessen Maske erhalten!

»Was kostet sie?«

»Sechs Gulden, gleich zu bezahlen.«

Heute brauchte Eduard nicht so zu rechnen, wie vor einigen Tagen.

»Ich nehme sie. Packen Sie sie mir ein. Hier ist das Geld!«

In kurzer Zeit befand er sich wieder unterwegs. Er vermied es, als er sein Städtchen erreichte, durch die Straßen zu gehen. Man sollte das Packet nicht sehen, welches er trug. Er befürchtete, daß man errathen könne, was es enthalte. Daher schlug er den Weg hinter den Häusern ein.

Er kam aber doch nicht unbemerkt nach Hause. Gerade da, wo er ganz eng vorüber mußte, an dem Pförtchen ihres Hintergärtchens, stand Angelica. Sie war beschäftigt, mit dem Besen den Schnee zu entfernen und Bahn zu machen.

Als sie ihn kommen hörte, blickte sie auf. Ihr Gesicht wurde glühend roth, da sie sah, wer es war. Sie drehte sich um, als ob sie ihn gar nicht sehen, gar nichts von ihm wissen wolle. Dieses Verhalten schnitt ihm in die Seele. Er sah die Gelegenheit, ihr noch ein gutes Wort zu geben. Sollte er dies unterlassen, wo es doch vielleicht fruchten konnte? Nein. Er wollte sich später keine Vorwürfe zu machen haben. Darum blieb er bei ihr stehen und sagte:

»Engelchen!«

Sie wandte ihm den Rücken zu und kehrte so emsig, daß der Schnee zu beiden Seiten wie Staub und Mehl emporflog.

»Engelchen!«


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Sie that, als hätte sie ihn auch jetzt noch nicht gehört.

»Angelica!«

Jetzt wendete sie sich ihm ein Wenig zu, arbeitete aber, ohne aufzublicken, mit dem gleichen Eifer fort.

»Fräulein Hofmann!«

Jetzt fuhr sie empor, warf ihm einen stolzen Blick zu und fragte:

»Herr Hauser! Was wünschen Sie?«

Da ging ihm das gute, treue Herz noch einmal auf. Er streckte ihr die Hand entgegen und antwortete:

»Versöhnung will ich, Engelchen, Versöhnung! Schlag ein, schlag ein!«

»Ich brauche mich nicht zu versöhnen; ich habe nicht angefangen!«

»Aber wohl ich?«

»Ja; wer sonst?«

»Nun wohl, so will ich schuld sein und Dich um Verzeihung bitten. Sei wieder gut, liebes Engelchen! Komm her und gieb mir die Hand!«

Sie schüttelte den Kopf und sagte:

»So schnell kann das nicht gehen. Erst muß ich mich erkundigen.«

»Wonach?«

»Wenn ich wieder gut mit Dir bin, so muß ich mich wohl nach Dir richten?«

»Mit der Maskerade? Ja!«

»So danke ich schön! Die mache ich mit! Komme nach dem Maskenfeste wieder. Vielleicht bin ich dann geneigt, Dir zu vergeben!«

Sein Gesicht verlor die Farbe.

»Engelchen!« sagte er. »Du bist ja niemals so gewesen! Was Du sagst, klingt ja ganz und gar wie Gift und Galle!«

»Solls etwa wie Honig klingen?«

»Nein; aber verständig sein soll es wenigstens.«

Da stemmte sie die Arme in die Seiten und fragte schnippisch:

"Bin ich etwa unverständig, he?"

»Bin ich etwa unverständig, he?«

»Ja, wenn Du meinst, daß ich nach der Maskerade noch derselbe sein soll, wie jetzt. Aber ich will ja nicht rechten, sondern ich will gute Worte geben! Komm her, Engelchen! Gieb mir die Hand! Schau, ich will Dir gestehen, daß ich um Dich geweint habe; das soll ein Mann doch nicht. Aber nun weißt Du Alles, Alles, Alles! Wollen wir wieder gut sein miteinander?«

Sie blickte zu Boden nieder. Sie fühlte, daß sie wohl nicht lange widerstehen könne, wenn sie ihm in die Augen schaue. Und doch mußte sie dem Vater gehorchen. Und doch wollte sie selbst so gern in dem schönen Anzuge glänzen! Dieser Gedanke gab ihrem Gesichte, welches sich bereits hatte aufhellen wollen, die vorige Härte wieder. Sie antwortete in trotzigem Tone:

»Ja; aber jetzt nicht!«

»Wann sonst?«

»Morgen!«

»Engelchen, nicht eher? Ueberlege wohl was Du sagst!«


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»Nein, nicht eher! Ich sag's jetzt und sag's zum letzten Male!«

»So sind wir geschiedene Leute für immerdar! Lebe wohl!«

Er wendete sich um und ging. Aber noch hatte er kaum fünf Schritte gethan, so kehrte er sich wieder zurück und fragte:

»Engelchen, ist's wirklich Dein Ernst?«

Sie kehrte ihm den Rücken zu und antwortete nicht.

»Engelchen!«

Jetzt nahm sie gar den Besen und ging fort, durch das Gärtchen und in das Haus hinein. Da fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht, als ob er etwas recht, recht Häßliches dort fort zu streichen habe, und entfernte sich dann auch. Dabei flüsterte er:

»Es ist vorbei; es ist aus! Aber ob ich sie vergessen werde!«

Er stieg über seinen Zaun und versteckte den Maskenanzug da, wo das Futter für die Ziege aufbewahrt wurde. Die Seinen durften keine Ahnung davon haben, was für Absichten er für den heutigen Abend in sich trug.

Der Fastnachtsdienstag pflegt ein Tag der Freude und Belustigung zu sein. Prinz Carneval wird in den reichen Kreisen großer und berühmter reicher Städte geehrt. Er hat keine Zeit, sich auch anderwärts zu zeigen; aber er sendet seine Boten doch an alle Orte, selbst in das ärmste Dörfchen, wo Derjenige, der sonst mit Noth und Sorge zu kämpfen hat, an diesem Tage sich einmal einen Extragenuß erlaubt, indem er seine Frau einen Fastnachtskrapfen, einen Pfannkuchen oder auch irgendein mageres Kartoffelgebäck bereiten läßt.

Aber selbst hierzu gehört Geld, und daher kamen Diejenigen, welche am Sonnabende ihre Arbeit nicht fertig gebracht hatten, heute in Seidelmanns Comptoir, um dieselbe abzugeben und den kargen Lohn dafür in Empfang zu nehmen. Sie hatten vielleicht sogar des Nachts gearbeitet, um gerade heute fertig zu werden.

Darum gab es bei Seidelmann und Sohn heute Nachmittag zu thun, und erst als es dunkel war, ging der letzte Weber fort, freilich trübsinnigen Gesichtes, denn er hatte eines angeblichen, unbedeutenden Fehlers wegen sich einen sehr bedeutenden Abzug gefallen lassen müssen.

Jetzt nahmen Seidelmanns ihr Abendmahl ein, und dann begab sich Fritz, der Sohn, abermals in das Comptoir, um noch einige Einträge in die Bücher zu machen, da ja der Schreiber, welcher dies zu besorgen gehabt hatte, nicht mehr vorhanden war.

Nach einer kleinen Weile trat sein Oheim, der fromme Schuster, bei ihm ein. Er nahm auf einem Sessel Platz und sagte:

»Laß Dich nicht stören! Es ist nichts Nothwendiges oder gar Wichtiges, was mich zu Dir führt.«

»Was sonst? Ich bin fertig.«

Er legte die Feder weg und blickte den Onkel erwartungsvoll an.

»Es handelt sich nur um das heutige Vergnügen. Denkst Du wirklich, daß das Mädchen kommen wird?«


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»Ganz gewiß.«

»Hm! Frauen sind veränderlich wie Aprilwetter!«

»Pah! So eine italienische Maske zieht. Uebrigens habe ich mich hinter den Vater gesteckt. Er würde, selbst wenn sich das Mädchen anders besinnen wollte, doch dafür sorgen, daß sie Wort hält.«

»Das war klug gehandelt. Also darf ich gratuliren?«

Sein Gesicht hatte den Ausdruck eines Faun angenommen. Er spitzte den Mund wie Einer, der ein hübsches Gesicht vor sich sieht, welches er küssen möchte. Der Neffe lachte cynisch und antwortete:

»Danke! Sie ist mir allerdings sicher.«

»Aber wie und wo?«

»Onkel, Du bist neugierig!«

»Ist mir das zu verargen? Ich stehe ganz auf dem Boden der Bibel, welche sagt: Kindlein, liebet Euch unter einander! Ich wollte, ich könnte ein Kind unter Euch Kindern sein!«

»Du wärest da ein ziemlich alter Knabe!«

»Natürlich! Fein speisen?«

»Ist Alles bestellt!«

»Auch die Weine?«

»Natürlich! Sogar Champagner,« lachte er. »Dieser Letztere ist ja die Hauptsache! Du wirst mich verstehen.«

»Nicht ganz. Aber eine Ahnung habe ich.«

»Darf ich wissen, was Du ahnst?«

»Warum nicht? Dieses Webermädchen hat noch niemals Champagner getrunken. Einige Gläser, und sie ist Dein!«

»Schlaukopf!«

»Giebt es separate Zimmer?«

»Ein einziges Stübchen.«

»Auf welches Du natürlich Beschlag gelegt hast?«

»Das versteht sich ganz von selbst!«

»Donnerwetter! Ah, ich fluche! Nun, die Heiligen werden mir diese Sünde schon vergeben, denn sie sind, bevor sie heilig gesprochen wurden, auch nicht immer sehr fromm gewesen!«

»Wenn diese Analogie Wirkung hat, so wirst Du einmal zu den größten und wunderthätigsten Heiligen gehören.«

»Mach keine dummen Witze! Also, könnte es nicht vielleicht möglich gemacht werden, daß ich dabei bin?«

»Nein! Auf keinen Fall!«

»Das ist höchst unangenehm, zumal ich nicht einsehen kann, warum Du Deinen Oheim nicht mitbringen sollst.«

»Es ist eine geschlossene Gesellschaft!«

»Aber ein Einziger mehr kann doch nichts schaden!«

»Es würde nicht bei diesem Einzigen bleiben, sondern ein Jeder würde


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einen Oheim, einen Vater, Bruder oder überhaupt einen Verwandten, oder einen Freund haben, den er mitbringen wollte.«

»Hm! Ja! Das ist wahr!«

»Und Du besonders dürftest auf keinen Fall theilnehmen.«

»Das sehe ich nun doch nicht ein!«

»Nicht? Du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Du bist der Vorsteher der Gesellschaft der Brüder und Schwestern der Seligkeit; Du hältst fromme Vorträge und Predigten; Du giltst als ein Mann, der streng auf dem Wege des Herrn wandelt; darfst Du da einen solchen Ort besuchen, wie Derjenige ist, von welchem wir jetzt reden?«

»Pah! König David, der fromme Psalmensänger, hat auch getanzt!«

»Aber zu Ehren Gottes!«

»Mensch, Du bist recht spitzfindig! Aber horch!«

Es war aus der dunklen Ecke des Gemaches wie ein spitzer, schriller Ruf erklungen. Fritz blickte sich um und sagte:

»Still! Wie viele Male!«

Zum zweiten, dritten und vierten Male erklang der scharfe, das Gehör fast beleidigende Glockenton.

»Sapperment! Laube ruft!« meinte Fritz.

»Viermal! Also eine Erkundigung!« fügte der Fromme hinzu.

»Ich habe keine Zeit!«

»Wegen der Maskerade?«

»Ja. In einer halben Stunde beginnt sie!«

»Aber Auskunft muß doch gegeben werden!«

»Leider! Vater ist auch nicht da!«

»Du meinst, daß ich gehen soll?«

»Es wäre mir lieb, wenn Du das übernehmen wolltest!«

»Gut! Gieb die Antwort!«

Fritz ging nach der Ecke. Dort stand ein Wandschränkchen. Es war verschlossen. Er zog einen Schlüssel hervor, öffnete und langte zwischen den Flaschen und Gläsern, welche darin standen, nach einem Nagel, welcher scheinbar zu irgend einem Zwecke in die Hinterwand des Schränkchens eingeschlagen war. Er zog an demselben und verschloß den Schrank dann wieder. Dann bemerkte er:

»Dieser verdammte Bormann wird's doch nicht wieder sein!«

»Dem wollte ich schön heimleuchten!«

»Oder auch nicht! Er ist ein gefährlicher Mensch!«

»Er wird doch so klug gewesen sein, sofort über die Grenze zu gehen. Hier zu bleiben wäre ja Wahnsinn!«

»Solchen Kerls ist Alles zuzutrauen!«

»Hast Du ihn gehörig versehen?«

»Ihn und die beiden Andern, mit Pässen und Geldern!«

»Unnütze Ausgaben!«

»Ich brauche mich nicht darüber zu ärgern. Es geschieht ja doch auf


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Rechnung des Hauptmannes. Mag er sich nicht mit solchen Lumpen abgeben. Aber ihnen unsere Geheimnisse, unsere Zeichen mitzutheilen, das ist mehr, als ich begreifen kann.«

»Er wird seinen Zweck gehabt haben. Also, wenn es der Bormann sein sollte, was soll ich da thun?«

»Das kommt ganz darauf an, was er will. Scheint es Dir schwierig, so bestelle ihn morgen wieder.«

»Die Laterne?«

»Es ist Alles im Keller! Hier ist der Schlüssel!«

Er langte denselben Schlüssel hervor, mit welchem er das Schränkchen geöffnet und dann wieder verschlossen hatte, und gab ihn seinem Onkel. Dieser steckte ihn ein und ging. Er tappte sich in den finsteren Keller und brannte eine dort stehende Laterne an. Im Hintergrunde gab es eine Thür, welche er mit dem Schlüssel öffnete und dann hinter sich wieder verschloß. Jetzt befand er sich in einem stollenartigen Gange, welcher in leiser Senkung abwärts zu führen schien. Neben der Thür stand eine alte, verschlossene Kiste, die er mit demselben Schlüssel öffnete. Er nahm eine schwarze Tuchjacke, eine Mütze und eine Maske hervor und legte diese drei Stücke an, nachdem er vorher seinen Rock ausgezogen hatte. Dann schritt er langsam in den finsteren Gang hinein.

Kurz vorher hatte die Familie Hauser zu Abend gegessen, und dabei war es dem Sohne gewesen, als ob hart am Fensterladen Jemand das Wort 'Fürst' halblaut ausgesprochen hätte.

Niemand als er hatte es vernommen. Er ahnte, daß Arndt draußen sei, und ging hinaus. Er hatte sich nicht getäuscht. Der Genannte stand hinter dem Häuschen, dicht an den Ziegenstall gelehnt, so daß er von einem Unberufenen nicht bemerkt werden konnte.

»Herr Arndt?«

»Ja! Haben Sie es gehört?«

»Sogleich. Giebt es etwas Wichtiges?«

»Jetzt nicht. Aber ich hab etwas vor, in dessen Gefolge etwas Wichtiges sein könnte. Sie gehen also bestimmt zur Maskerade?«

»Ja, bestimmt!«

»Wie lange werden Sie bleiben?«

»Das kann ich jetzt noch nicht wissen, Herr Arndt.«

»Ich dachte es mir; aber es ist möglich, daß ich Sie heute noch zu sprechen habe, mein Lieber.«

»So wollen wir uns treffen. Aber wo und wann?«

»Ich werde in die Schenke kommen und ein Glas Bier trinken.«

»Ist es nicht besser für Sie, wenn man Sie dort nicht sieht?«

»Pah! Man wird nicht wissen, wer ich bin!«

»Vielleicht müssen Sie lange warten.«

»Ich habe eine sehr gute Uebung in der Geduld.«


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»Und werden Sie bemerken, wenn ich gehe? Ich werde mich oben im Saale befinden, während Sie in der Schänkstube sind.«

»Ich werde die Ohren offen halten und ebenso auch die Augen. Uebrigens brauchen Sie doch nur zur Thür herein zu blicken, wenn Sie gehen. Ich werde mich so setzen, daß ich Sie dann sehe.«

»Ich weiß nicht, ob es gerathen sein wird, mich in meinem Anzuge von Anderen sehen zu lassen.«

»Das müssen Sie darauf ankommen lassen. Uebrigens ersuche ich Sie, vorsichtig zu sein.«

»Ich werde nichts Unrechtes thun!«

»O, ich kenne das! Sie lieben das Mädchen, welches verführt werden soll; da ist bald etwas geschehen. Mag aber passiren, was da wolle, denken Sie daran, daß ich in Ihrer Nähe bin. Ich denke, daß ich nach Neun in der Schänke sein werde.«

»Darf ich fragen, wo Sie bis dahin zu suchen sind?«

»Können Sie das nicht errathen?«

»Nein.«

»Ich gehe zu Laube.«

»Ah, zum Nachtwächter am Schachte?«

»Ja.«

»Ist das nicht zu gefährlich, Herr Arndt?«

»Ich glaube nicht. Also, auf Wiedersehen!«

Er gab dem jungen Manne die Hand und ging. Sein Weg führte ihn durch die Stadt und dann hinaus zum Kohlenwerke. Als er dasselbe erreichte, schritt er an den einzelnen Gebäuden vorüber, bis er an einem erleuchteten Fenster stand, welches der großen Esse vis- à-vis lag. Er konnte nicht hindurch sehen, da ein altes Roulleaux die Einsicht unmöglich machte. Er klopfte. Eine Stimme rief »Herein!« Aber er trat nicht ein, sondern klopfte abermals. Da öffnete sich die Thür, neben welcher sich das Fenster befand, und ein weiblicher Kopf kam zum Vorschein.

»Was soll es sein?« wurde gefragt.

»Wohnt hier der Nachtwächter Laube?«

»Ja.«

»Kann ich einige Worte mit ihm sprechen?«

»Kommen Sie herein!«

»Ist er drin?«

»Ja.«

»Ich ziehe es vor, hier zu sagen, was ich zu sagen habe.«

»Aber es ist kalt, und er sitzt beim Essen!«

»Als Nachtwächter muß er an die Kälte gewöhnt sein, und das Essen stellen Sie gefälligst warm!«

Er sprach diese Worte in einem so befehlenden Tone, daß Sie keine Widerrede fand. Der Kopf verschwand, und eine Minute später kam die Gestalt des Wächters zum Vorschein.


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»Warum bestehen Sie denn eigentlich darauf, nicht mit in die Stube zu kommen?« fragte er mürrisch, indem er den Drücker der noch offenen Thüre noch in der Hand behielt.

»Ist gestern Bormann auch mit in die Stube gegangen?« gegenfragte Arndt in kurzem Tone.

»Donnerwetter! Bormann? Wer sind Sie?«

»Machen Sie gefälligst erst die Thür zu!«

Der Wächter zog endlich die Thür in das Schloß. Er betrachtete den Fremden, so gut es die Dunkelheit gestattete, und bemerkte, daß dieser sich mit der Hand im rechten Auge wischte.

»Ah! Sie sind einer der Unsrigen?« fragte er.

»Wie Sie sehen!«

»Was wünschen Sie?«

»Auskunft.«

Arndt befand sich in einer fatalen Lage; aber er antwortete darauf los, als ob er nicht im Mindesten verlegen sei.

»Von wem?« fragte der Wächter weiter.

»Das können Sie sich doch denken!«

»Blos von mir also nicht?«

»Nein.«

»Also von ihm?«

»Natürlich!«

»Kennen Sie ihn?«

»Persönlich nicht.«

»Sie werden eine halbe Stunde warten müssen!«

»Das weiß ich!«

»So kommen Sie!«

Er schritt voran und führte Arndt nach einem bretternen Schuppen, in welchem sich eine Menge Stroh befand.

»Hier ist's nicht so kalt,« sagte er. »Lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden. Ich gehe, ihn zu holen.«

»Es wird mich doch Niemand hier entdecken?«

»Nein. Treten Sie nur so weit wie möglich hinter.«

Er entfernte sich, und Arndt zog es vor, auf das Stroh hinauf zu klettern, anstatt zur ebenen Erde zu bleiben. Dort oben konnte er schwerer gefunden werden als unten.

Die Zeit wurde ihm nicht lang. Er war außerordentlich neugierig auf den Mann, der jetzt kommen werde.

Es verging allerdings fast eine halbe Stunde, bis leise Schritte sich hören ließen. Dann sah er eine lange, hagere Gestalt, welche in den Schuppen trat. Er konnte sie trotz der herrschenden Dunkelheit ziemlich gut erkennen.

»Pst!« machte der Eingetretene.

»Sogleich!«


Ende der siebenundzwanzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk