Lieferung 30

Karl May

7. März 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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welche fest und treu im Glauben wandeln. Aber jetzt will ich mich zurückziehen. Da ich mit dem Frühesten abzureisen habe, so will ich noch einige Stunden der Ruhe pflegen.«

Er ging. Winkler ließ sich die nöthigen Schreibrequisiten geben und nahm sie mit nach dem Schlafzimmer, welches ihm angewiesen wurde. Dort schrieb er einige Zeit und legte sich dann schlafen. Er kannte das Haus und seine Bewohner; er konnte hier so thun, als ob er kein Fremder wäre.

Früh, nachdem er das Frühstück eingenommen hatte, legte er falsches Haar und falschen Bart an. Er war dies nicht so gewöhnt wie die Seidelmann's; darum brachte er damit bis nahe an die Mittagszeit zu. Dann brach er mit Fritz nach der Amtsstadt auf.

In der Nähe derselben angekommen, sagte er:

»Wir werden uns hier trennen müssen. Ich gehe nach dem grauen Wolf, den ich nach Ihrer Beschreibung leicht finden werde. Und Sie begeben sich zu Strauch. Werden Sie ihn sprechen können?«

»Sofort. Ich brauche nur in den Laden zu gehen.«

»Und wo treffen wir uns dann?«

»In irgend einer Restauration.«

»Nicht im grauen Wolf?«

»Nein. Man soll Sie dort nicht mit mir sehen. Oder, denken Sie, daß uns dies nicht schaden kann?«

»Was soll es schaden? Man kennt Sie nicht. Und überdies lassen wir ja keinem Menschen hören, was wir besprechen. Sie kehren ja wohl dann auch mit mir zurück!«

»Nein. Ich gehe von da direct heim.«

»Mit falschem Haar und Bart?«

»Beides werde ich unterwegs entfernen und Ihnen übermorgen - ah, morgen heißt es nun ja - durch die Pascher überbringen lassen.«

Sie gingen auseinander. Fritz begab sich zu seinem Freunde, der ihn mit einiger Verlegenheit empfing.

»Ah? Welches Gesicht machst Du mir?« fragte Seidelmann.

»Gesicht? Doch mein gewöhnliches!«

»O nein! Du bist verteufelt verlegen. Ich sehe es Dir an. Du hast wohl bereits gehört, was gestern geschehen ist?«

»Hm! Ja! Verteufelte Geschichte!«

»An welcher nur Du schuld bist.«

»Ich? Das begreife ich nicht! Warum ich?«

»Pah? Versuche nicht, Dich weiß zu waschen! Sind wir hier denn auch unbeobachtet?«

»Fürchtest Du die Beobachtung?«

»Ja. Ich habe mit Dir zu sprechen, und Niemand soll es hören.«

»So komm mit hinüber in meine Stube. Kommen Käufer, so sind ja der Diener und die Lehrlinge da.«

Fritz folgte ihm nach dem wohlbekannten Zimmer. Dort setzten sie sich


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einander gegenüber und brannten sich eine Cigarre an. Strauch konnte seine Verlegenheit noch immer nicht verbergen. Seidelmann beobachtete ihn forschend und sagte dann:

»Ich wollte Dich gern unter vier Augen haben, weil ich heute als Dein Beichtvater komme.«

»Als mein Beichtvater? Du, der Ausgelassenste und Gottloseste von uns Allen? Das ist lustig!«

»O, die Angelegenheit, in welcher ich komme, ist im Gegentheile außerordentlich ernst!«

»Das klingt ja ganz bedrohlich! Und dazu macht der Mensch ein Gesicht, als ob er mich ganz criminaliter vornehmen wolle!«

»So ist es auch! Du hast da ganz das richtige Wort getroffen: criminaliter! Es kann sich nämlich aus der betreffenden Angelegenheit für Dich ein schlimmer Criminalfall entwickeln.«

Strauch erschrak.

»Was Teufel!« rief er. »Was meinst Du denn eigentlich?«

»Du wirst es sogleich hören. Ich hoffe auf alle Fälle, daß Du mich mit der reinen Wahrheit bedienen wirst.«

»Wetter noch einmal! Sei nur nicht so feierlich, und sage doch lieber frank und frei heraus, um was es sich handelt!«

»Um den gestrigen Abend.«

»Ah!«

»Warum kamst Du nicht?«

»Weil ich krank war.«

»Was fehlte Dir denn?«

»Es lag mir überall, im Leibe, im Kopfe, in - in -«

»Und in den Hosen,« fiel Fritz ein. »Das Herz war Dir in die Hosen gefallen; der Muth war Dir verloren gegangen. Gestehe es nur!«

Strauch gab sich Mühe, ein möglichst unbefangenes Gesicht zu machen und sagte:

»Der Muth? Ich verstehe Dich nicht!«

»Lüge nicht! Verstelle Dich nicht, alter Freund! Damit kommst Du bei mir nicht weit!«

»Der Teufel mag Dich begreifen! Ich war wirklich krank!«

»Wie kam es aber dann, daß Dein Anzug vorhanden war?«

»Ich habe davon gehört. Aber das ist auch Etwas, was ich nicht zu begreifen vermag.«

»Du hast wirklich nicht gewußt, daß jener Mensch ihn für sich gebrauchen würde?«

»Jener freche Webergeselle? Keine Ahnung davon!«

»Nun, das will ich Dir glauben. Aber, daß Du krank warst, das ist und bleibt eine Lüge! Ich kann es Dir beweisen!«

»So? Beweise es!«

Er war wirklich überzeugt, daß Seidelmann ihm Nichts beweisen könne.


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Wie hätte es dieser auch wohl anfangen wollen? Fritz aber blickte ihm scharf in das Gesicht und fragte:

»Hast Du den Brief noch?«

»Welchen Brief?«

»Vom Pascherkönig.«

Da wurde Strauch bleich. Er war so erschrocken, daß er für einige Sekunden gar keine Worte fand, dann stammelte er:

»Vom Pascherkönig? Bist Du toll?«

»O nein! Ich bin sehr bei Sinnen.«

»Du glaubst, daß ich mit dem Pascherkönig in Briefwechsel stehe?«

»Ja. Ich glaube es nicht nur, sondern ich bin sogar sehr überzeugt davon, mein lieber Freund!«

»Das wäre ja Wahnsinn!«

»Allerdings. Ueberdies kommt es hier gar nicht darauf an, was ich glaube, sondern darauf, was die Polizei denkt.«

Da sprang Strauch von seinem Sitze empor und rief:

»Die Polizei? Herrgott! Was habe ich mit der zu schaffen?«

»Bis jetzt noch nichts, aber sie kann aller Augenblicke kommen, um bei Dir Aussuchung zu halten.«

»Da hört Alles auf! Die Polizei Aussuchung bei mir! Da wäre unser guter Ruf zum Teufel!«

»Ja, mein Bester, zum Teufel!« lächelte Fritz überlegen.

»Aber was will man denn bei mir suchen?«

»Den Brief natürlich.«

»Ich weiß doch von keinem Briefe Etwas?«

»So weiß es die Polizei desto besser!«

»Dann ist sie mehr als allwissend!«

»Geh! Leugne nicht, sondern sei verständig! Ich komme als Freund, um Dich zu retten, um Dir einen Wink zu geben, der den Zweck hat, Dich vor einer Anzeige, einer Anklage oder gar, schlimmern Fall gesetzt, vor einer peinlichen Untersuchung zu bewahren.«

Strauch starrte den Sprecher rathlos an. Er wußte nicht, was er machen solle. Fritz ahnte dies; darum sagte er.

»Ich sehe ein, daß Du Dich zwischen der Charybdis und der Scilla befindest, aber ich wüßte auch, was ich an Deiner Stelle thun würde.«

»Was denn?«

»Meine Pflicht.«

»Welche Pflicht meinst Du denn?«

»Die Pflicht, Anzeige zu erstatten.«

»Hole Dich der Teufel! Dann bin ich ein verlorener Mann!« platzte er heraus, ohne in seiner Verlegenheit einzusehen, daß er mit diesen Worten ein Geständniß ausgesprochen habe.

Da klopfte ihm Fritz auf die Achsel und erklärte:

»Schau, Alter, jetzt hast Du Dich vergaloppirt!«


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»Wieso?«

»Du hast zugegeben, was ich erfahren wollte.«

»Unsinn!«

»Und doch! Du sagst, daß Du ein verlorener Mann seist, falls Du Anzeige erstattetest. Das heißt doch mit anderen Worten, daß es irgend Jemand giebt, den Du zu fürchten hast.«

»Dein Schluß ist sehr falsch. Wen sollte ich zu fürchten haben?«

»Ich weiß es ganz genau.«

»Nun, so sage es doch!«

»Den Pascherkönig.«

»Wieder der Pascherkönig! Was hast Du nur mit diesem? Ich sage Dir, daß ich mit ihm nichts zu thun habe, ja, daß ich von diesem Kerl nicht das Allermindeste weiß!«

»Lüge doch nicht so! Du weißt von ihm Zweierlei!«

»Ich wäre da sehr begierig, Beides zu erfahren.«

»Nun, erstens weißt Du, daß er Dir einen Brief geschrieben hat, und zweitens weißt Du, daß er Dir verboten hat, davon zu sprechen.«

»Das sind Vermuthungen, die des Beweises bedürfen.«

»Die Polizei wird Dir den Beweis liefern. Sie weiß Alles; sie kennt sogar den Inhalt des Briefes.«

»Und wie hast Du davon erfahren?«

»Ein Beamter gab mir einen Wink. Willst Du denselben befolgen, so ist es gut, wenn nicht, dann siehe zu, wie Du Dich aus dieser Schlappe nachher heraus zu arbeiten vermagst!«

Strauch schritt hin und her. Seine Verlegenheit hatte sich verdoppelt. Auf der einen Seite stand seine Pflicht und auf der anderen seine Angst vor dem Waldkönige. Seidelmann wartete eine Weile; dann sagte er:

»Ich sehe, daß mein guter Wille keinen Nutzen bringt; ich gehe also. Es hätte mich aber gefreut, wenn ich Gelegenheit gefunden hätte, Dir einen guten Rath zu geben.«

Das zog. Strauch blieb stehen und fragte:

»Einen guten Rath? Heraus damit! Das ist es ja gerade, was ich brauche, und zwar außerordentlich nothwendig?«

»Nicht so eilig! So rasch geht das nicht! Wer einen guten Rath geben soll, der muß die Angelegenheit genau kennen.«

»Du scheinst doch ganz gut unterrichtet zu sein?«

»Abermals ein Geständniß, wenn auch ein indirectes! Also, sei doch aufrichtig! Du hast den Brief empfangen!«

»Nun, zum Teufel, ja!«

»Und bist in Folge desselben gestern zu Hause geblieben?«

»Ja.«

»Hast Du den Brief vernichtet?«

»Nein.«

»Ah, so hast Du ihn noch? Das ist sehr gut! Zeige ihn einmal her!«


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»Werde mich hüten!«

»Warum?«

»Was ich Dir hier unter vier Augen sage, das kann mir wohl nicht viel schaden; auf alle Fälle kann ich es widerrufen. Aber zeigen, den Brief zeigen und lesen lassen, das ist etwas Anderes!«

»Du wirst ihn der Polizei ja auch zeigen müssen!«

»Das fällt mir gar nicht ein. Ich zerreiße und vernichte ihn!«

»Das wäre die allergrößte Dummheit, welche Du begehen könntest!«

»Wohl nicht. Ich will lieber einen kleinen Conflict mit der Polizei haben, als mich von dem Waldkönige abmurxen lassen.«

Da schlug Fritz eine helle Lache auf und erklärte:

»Der Waldkönig, der Dir geschrieben hat, wird Dich wohl nicht abmurxen; das fällt ihm gar nicht ein!«

»So hast Du noch nicht Alles gehört, was man sich von ihm erzählt!«

»Laß Dich doch nicht auslachen! Glaubst Du denn in Wirklichkeit, daß es der Waldkönig gewesen ist, der den Brief geschrieben hat?«

»Natürlich!«

»Kind, das Du bist! Ich hätte Dich niemals für einen so leichtgläubigen Kerl gehalten! Was sollte der Waldkönig denn eigentlich davon haben, daß Du nicht zur Maskerade gehst?«

»Das habe ich mich allerdings auch gefragt«

»Na, also! Bist Du denn nicht auf den Gedanken gekommen, daß es sich hier um eine Mystification handelt?«

»Ah! Du meinst, daß man mich zum Narren gemacht habe?«

»Ja, gerade zur Fastnacht.«

»Donnerwetter!«

»Nun?«

»Wenn das wahr wäre!«

»Was würdest Du da thun?«

»Ich haute dem Kerl die Knochen entzwei, möchte es sein, wer da wolle!«

»Nun, so haue zu! Es ist ein Fastnachtsstreich gewesen.«

»Von wem?«

»Zeige erst den Brief.«

»Hm! Wozu?«

»Daß ich die Handschrift sehe.«

»Weißt Du denn, wer ihn geschrieben hat?«

»Ja. Nur will ich mich aus der Handschrift vollständig überzeugen, ehe ich den Namen nenne. Ich will keinen Unschuldigen verdächtigen.«

»Na, so will ich es wagen. Du sollst den Brief lesen.«

Er schloß einen Kasten seines Schreibtisches auf, nahm den Brief, den er da versteckt hatte, heraus und gab ihn Fritz hin. Dieser las und betrachtete ihn genau. Er kannte die Handschrift von Eduard Hauser nicht; er wollte aber den Brief haben, um genau zu wissen, daß er wirklich vorhanden sei. Dann sagte er:


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»Ja es stimmt; der Kerl ist's und kein Anderer!«

»Wer?«

»Ahnst Du das denn nicht?«

»Nicht im Geringsten!«

»Nun, wer hatte denn Deinen Anzug?«

»Dieser Webergeselle.«

»Wer erschien an Deiner Stelle?«

»Ganz derselbe Kerl!«

»Hast Du auch gehört, zu welchem Zwecke er sich eingeschlichen hat?«

»Um Dich mit seinem Mädchen zu belauschen«

»Ja, nur deshalb. Ich hatte Dir von ihr erzählt, und ich wußte, in welchem Anzuge Du kommen würdest. Als ich nun die betreffende Maske sah, dachte ich natürlich nicht anders, als daß Du es seist.«

»Himmelsapperment!«

»Ich fing also mit dem Kerl von dem Mädchen an; ich machte eine Wette mit ihm, daß die Weberstochter mein sein werde -«

»Das ist stark!«

»Um ihm den Beweis zu liefern, gab ich ihm die Weisung, sich in dem Zimmer zu verstecken, in welchem ich den Sieg feiern wollte -«

»Da schlage doch der Teufel drein!«

»Das alles nur, weil ich dachte, Du seiest es. Im entscheidenden Augenblicke nun störte er mich und begann einen Heidenskandal -«

»Allerdings höchst fatal für Dich!«

»Natürlich! Er schaffte sein Mädchen fort. Ich war so klug, ihnen zu folgen und sie zu belauschen. Da hörte ich denn, daß er Dir einen Brief geschrieben habe, einen Brief im Namen des Pascherkönigs -«

»Hallunke! Also der, der ist's gewesen?«

»Natürlich! Um mich zu belauschen, mußte er bei der Maskerade sein. Dies war aber nur dann möglich, wenn einer der Berechtigten verhindert wurde, zu kommen.«

»Und warum mußte gerade ich dieser Eine sein?«

»Das weiß ich nun freilich nicht.«

»Und wie kam er gerade zu meinem Anzuge?«

»Auch das weiß ich nicht.«

»Aber ich werde es erfahren, ich muß es erfahren. Mir einen solchen Streich zu spielen, einen solchen Gassenjungen- und Fastnachtsstreich!«

»Unangenehm ist es allerdings,« meinte Fritz achselzuckend.

»Unangenehm? Blos unangenehm?«

»Nun, sagen wir ärgerlich!«

»Ärgerlich! Blos ärgerlich? Nein, frech, über alle Maßen frech ist es, und nicht blos frech, sondern - man findet gar keine Worte, um so Etwas richtig zu bezeichnen. Und wie hatte ich mich auf diesen Abend gefreut. Ich wollte Marie überraschen, und - Höllenelement, ich könnte den Kerl zermalmen!«


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Vorhin voller Angst und Furcht, fühlte er jetzt einen Grimm in sich, wie noch nie in seinem ganzen Leben. Er rannte wie ein gefangener Panther im Zimmer hin und her und blieb dann vor Fritz, dessen lächelnde Miene ihn ärgerte, halten:

»Wie?« rief er. »Du lachst auch noch?«

»Soll ich etwa weinen? Der Streich ist, wenn ich aufrichtig sein soll, wirklich nicht schlecht ausgesonnen.«

»Soll ich dem Hallunken etwa eine Prämie zahlen?«

»Es liegt Chic und Schmiß darin. Das Arrangement ist allerliebst; das wirst auch Du zugeben müssen!«

»Ich finde ganz und gar nichts Allerliebstes darin! Ich habe den ganzen Abend dagesessen wie der Laubfrosch auf der Leiter. Ich habe mich nach Euch gesehnt; ich habe im Stillen geflucht und gebrummt nach Noten; ich habe Angst gehabt vor dem Waldkönig, und warum, wozu? Weil ein Weberjunge mir einen Wisch geschrieben hat, um an meine Stelle zu kommen! Ist das nicht rein zum Aus der Haut Fahren?«

»Fahre heraus!«

»Du hast gut lachen! Aber ich werde mich rächen! Ich werde dem Kerl einen Denkzettel - - ah, sprachst Du nicht von der Polizei?«

»Ja, freilich!«

»Daß die von dem Briefe weiß?«

»Ja.«

»Wie soll sie davon erfahren haben?«

»Hm! Vielleicht hat Hauser geplaudert oder auch sein Mädchen. Man weiß, daß Du vom Waldkönige einen Brief bekommen hast, ohne es anzuzeigen.«

»So kann ich dieses Kerls wegen gar noch in die Tinte gerathen?«

»Natürlich! Es ist Deine Pflicht, Anzeige zu machen.«

»Gewiß, gewiß! Das sehe ich ein! Das werde ich thun, und zwar jetzt, gleich jetzt. Ich gehe augenblicklich zur Polizei!«

»Natürlich nimmst Du den Brief mit!«

»Das versteht sich ganz von selbst! Man wird es ihm lehren, sich als Pascherkönig zu unterschreiben!«

Er griff zum Hute und steckte den Brief zu sich.

»Der Kerl wird den Spaß theuer bezahlen,« bemerkte Fritz, indem auch er sich zum Gehen anschickte.

»Das ist recht: das kann ihm ganz und gar nichts schaden!«

»Es ist um so schlimmer für ihn, zumal er als Pascher bekannt ist!«

Da drehte Strauch sich scharf zu ihm herum und fragte:

»Als Pascher?«

»Ja.«

»Er ist wirklich einer?«

»Alle Welt weiß es!«

Strauch legte den Hut langsam wieder von sich, hustete einige Male und


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blickte sehr nachdenklich vor sich hin. Es war ihm nicht die geringste Spur seines vorigen großen Grimmes mehr anzusehen.

»Was ist's? Was hast Du?« fragte Fritz.

»Hm!« brummte der Gefragte.

»Nun? Was ist denn auf einmal über Dich gekommen?«

»Ein Bedenken.«

»Ein Bedenken? Was könnte es denn da für Bedenken geben? Du hast Anzeige zu machen, um den frechen Burschen bestrafen zu lassen!«

»Ja, ja! Eigentlich, ja, hm! Also er ist wirklich ein Pascher?«

»Ich sagte es bereits einige Male!«

»Du, meinst Du nicht, daß es da besser ist, ich sehe von der Anzeige ab?«

»Warum?«

»Er steht zum Pascherkönige in Beziehung!«

»Jedenfalls.«

»Alle Teufel! Am Ende ist er der Pascherkönig selbst!«

»Auch das ist möglich. Ein schlauer und verwegener Patron ist er; das hat er durch den Streich bewiesen, den er Dir spielte.«

»Hm, dann ist das Ding gefährlich! Ich zeige ihn nicht an.«

Jetzt erkannte Fritz, welchen Fehler er begangen hatte. Er hätte Hauser nicht als Pascher bezeichnen sollen. Das war aber nun nicht zu ändern oder zurück zu nehmen.

»Mensch, wo denkst Du hin!« sagte er. »Du hast Anzeige zu machen!«

»Ich habe auf mein Wohl zu sehen. Ich fühle keineswegs das Verlangen, mich heimlich abwürgen zu lassen!«

»Aber die Polizei!«

»Ich habe ihr zu gehorchen. Kommt sie, so werde ich ihr den Brief zeigen; ich bin dann gezwungen, weil dieser Hauser sich selbst verrathen hat. Anzeige mache ich aber auf keinen Fall!«

»Auch nicht, wenn Du mir einen großen Gefallen dadurch erwiesest?«

»Welcher Gefallen wäre das?«

»Du siehst doch ein, daß er mich beleidigt hat!«

»Natürlich!«

»Daß ich das nicht auf mir sitzen lassen will, sondern daß mir sehr daran liegen muß, den Kerl bestraft zu sehen!«

»Ja, ja! Aber wenn Du ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hast, so rupfe es selbst. Ich gebe meine Finger nicht dazu her. Ich habe alle Achtung vor dem Pascherkönige. Ich mache keine Anzeige. Dabei bleibt es!«

»Hasenfuß!«

»Besser man ist ein Hase und bleibt leben, als daß man ein Löwe ist und wird so über Nacht und aus dem Hinterhalte massacrirt!«

»Gut! Ich sehe, daß nichts mit Dir zu machen ist. Also Du versprichst mir aber, den Brief nicht zu zerreißen?«

»Ja. Ich hebe ihn auf.«

»Und zeigst ihn der Polizei, wenn sie kommt?«


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»Ja. Ich zeige ihn und wasche dann meine Hände in Unschuld.«

»Aber es können Dir aus dem Umstande, daß Du die Anzeige unterlassen hast, üble Folgen erstehen!«

»Die fürchte ich weniger als den Pascherkönig! Wenn ich einfach erkläre, daß ich den Brief für einen Fastnachtsscherz gehalten habe, was kann man mir da thun? Mich bestrafen? Auf keinen Fall!«

»Das ist Deine Ansicht. Ich will nicht mit Dir streiten, ob sie die richtige ist. Aber, wie nun, wenn ich an Deiner Stelle handelte?«

»Was meinst Du?«

»Wenn ich den Brief auf die Polizei trüge?«

»Du? Hm! Warum?«

»Um die Gefahr von Dir zu nehmen, die doppelte Gefahr vor dem Pascherkönige und der Polizei.«

»Das - das, ja, das wäre ein Ausweg!«

»Gehst Du darauf ein?«

»Du willst Dir die Finger für mich verbrennen?«

»Ich werde sie nicht verbrennen. Giebst Du mir den Brief?«

»Ja. Aber ich stelle die Bedingung, daß kein Mensch davon erfährt, kein Mensch als nur die Polizei.«

»Einverstanden! Gieb her!«

»Hier!«

Fritz nahm den Brief. Es war ihm dabei zu Muthe, als habe er nun einen Revolver in der Hand, dessen sämmtliche Kugeln seinen Nebenbuhler zu Tode treffen müßten. Daß er als Angeber, als Ankläger auftreten müßte, das machte seinem Gewissen nicht die geringsten Scrupel. Er verabschiedete sich von dem Freunde und ging - aber nicht sogleich zur Polizei, sondern vorher nach dem Gasthofe zum grauen Wolf, wo er seinen Verbündeten wußte.

Dieser saß in der Nähe des Fensters, um die Straßenpassanten leicht beobachten zu können. Er setzte sich zu ihm und ließ sich von dem anwesenden Kellner ein Glas Bier geben.

»Noch nicht gesehen?« fragte er.

»Nein.«

»Vielleicht haben Sie ihn übersehen. Sie kennen ihn ja nicht persönlich.«

»Solange ich hier sitze, ist noch kein Mensch in das Haus getreten. Er ist mir also nicht entgangen. Was aber haben Sie erreicht?«

»Einen halben Erfolg.«

»Wieso halb?«

»Strauch weigert sich, Anzeige zu machen.«

»Das ist dumm von ihm. Ich dächte, daß der Streich, welcher ihm gespielt worden ist, kein solcher ist, den man sehr leicht vergiebt!«

»Er fürchtet sich vor der Rache des Pascherkönigs.«

»Dummheit! Aber, ist der Brief noch vorhanden?«

»Ja, glücklicher Weise.«

»Haben Sie ihn gesehen und gelesen?«


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»Gewiß. Ich habe ihn sogar mit.«

»Das ist gut, sehr gut. Wie aber kommt es, daß er Ihnen von Strauch anvertraut worden ist?«

»Ich soll an seiner Stelle die Anzeige machen.«

»Ein Feigling! Darf ich den Brief lesen?«

»Gewiß. Hier ist er!«

Winkler nahm Einsicht in das Schreiben und meinte dann:

»Und Sie denken, daß dies nun für einen Scherz erklärt werden könne, mein bester Herr Seidelmann?«

»Unter Umständen, ja.«

»Nein, unter keinem Umstand. Kennen Sie vielleicht den Paragraphen des Strafgesetzes, welcher von der Bedrohung handelt?«

»Natürlich. Sie ist strafbar.«

»Nun, dieser Brief enthält ohne allen Zweifel eine Bedrohung. Es ist also ganz unmöglich, daß Hauser straflos bleiben kann. Wann werden Sie zur Polizei gehen?«

»Gleich jetzt. Ich kam nur vorher nach hier, um Ihnen den Brief lesen zu lassen. Oder sind Sie anderer Ansicht?«

»Ja. Vielleicht ist es besser, Sie warten ab, welche Resultate ich erziele. Was verstehen Sie aber unter Polizei? Das heißt, bei welcher Polizei wollen Sie Anzeige machen?«

»Bei der Gensdarmerie natürlich.«

»Ich würde sofort zum Staatsanwalte gehen.«

»Meinen Sie? Ja, es wird gerathener sein, sich gleich an den richtigen Ort zu - bst, sehen Sie da hinaus!«

Er deutete mit der Hand durch das Fenster.

»Sie meinen den jungen Mann, der dort näher kommt?«

»Ja.«

»Er hat ganz das Äußere, welches Sie mir als dasjenige Hauser's beschrieben haben. Ist er es?«

»Er ist es. Sehen Sie, er hat ein Packet in der Hand. Es ist der Maskenanzug. Er geht da drüben hinein.«

»Wenn er wieder herauskommt, werde ich ihm folgen. Ich muß auf alle Fälle mit ihm sprechen.«

»Wie nun, wenn er hier einkehrt?«

»Das wäre mir das Allerliebste. Nur dürfte er Sie nicht sehen.«

»Ich würde sofort gehen.«

»Er sähe das!«

»Nein. Ich würde mich durch das Nebenzimmer entfernen. Uebrigens mache ich Sie darauf aufmerksam, daß er den Rock an hat, in welchem sich die Spitzen befinden.«

»Er scheint sie also nicht entdeckt - ah, da kommt er heraus! Er blickt sich um! Er kommt gerade über die Gasse herüber. Gehen Sie! Es


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paßt sehr gut, daß der Kellner im Nebenzimmer ist. Bezahlen Sie ihn, und kommen Sie später wieder. Ich werde Sie hier erwarten.«

Fritz trat eilig in die Nebenstube, und nach kaum einer Minute kam Eduard Hauser herein. Er grüßte höflich und setzte sich an den Nebentisch. Als der Kellner zurückkehrte, bestellte er sich ein Glas Bier bei ihm. Die Gaststube war nicht groß, und die Tische standen so nahe bei einander, daß die beiden Gäste sich leicht die Hände reichen konnten, ohne sich von ihren Sitzen zu erheben.

Winkler that dennoch zunächst so, als ob er dem Andern keinerlei Beachtung schenke. Nach einer Weile aber drehte er sich halb herum und fragte, um ein Gespräch zu beginnen, den Kellner:

»Ist dies der Gasthof, in welchem vorgestern Abend das Kind des Künstlers verunglückt ist?«

»Nein, mein Herr,« antwortete der Gefragte. »Sie meinen den 'Löwen', welcher in der nächsten Straße liegt.«

»Ich hörte, daß dieses Kind schrecklich maltraitirt worden sei?«

»Fürchterlich! Der kleine Körper ist ganz voller Striemen und Schwielen gewesen, und die Obduction hat ergeben, daß der Knabe auch entsetzlichen Hunger gelitten hat.«

»So muß man die Eltern bestrafen!«

»Der Vater ist leider entkommen, wird aber verfolgt. Die Mutter befindet sich im Gewahrsam.«

»Das ist ein Elend! Hoffentlich wird man den Vater ergreifen!«

»Das steht zu bezweifeln. Man hätte ihn bereits haben müssen. Hier in der Nähe der Grenze ist es für solche Leute nicht schwer, zu entkommen, besonders wenn sie sich mit den Paschern in's Einvernehmen setzen.«

»Ist es mit der Schmuggelei denn gar so schlimm?«

»Hm! Der Herr sind wohl nicht von hier?«

»Nein. Ich bin hier fremd. Ich kam mit der Bahn. Ich will nach dem Nachbarstädtchen. Wie weit ist es bis dorthin?«

»Sie werden es in anderthalb Stunden gehen.«

»Der Weg ist leicht zu finden?«

»Ja, es ist offene Straße.«

Da meinte Eduard in höflichem Tone:

»Sie wollen nicht fahren, sondern gehen, mein Herr?«

»Gehen, ja,« nickte Winkler.

»Ich bin von dort. Wenn ich Ihnen als Begleiter recht sein sollte, stelle ich mich gern zur Verfügung.«

Winkler machte den Eindruck eines vornehmen Mannes. Er warf einen freundlich forschenden Blick auf Hauser, nickte ihm dankbar herablassend zu und antwortete:

»Das ist mir lieb, mein junger Freund. Eigentlich wollte ich mich eines Schlittens bedienen; aber ich komme direct aus der Residenz, und wenn man so lange Zeit im Coupee gesessen hat, dann ist eine nicht zu lange Fußtour


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ganz angenehm. Wollen Sie sich nicht zu mir setzen, da wir nun Reisegefährten werden?«

Eduard hielt es für seine Schuldigkeit, der Aufforderung des vornehmen Herrn Folge zu leisten. Er nahm sein Glas und kam herbei. Winkler betrachtete ihn mit wohlwollendem Blicke und fuhr fort:

»Sind Sie im Nachbarstädtchen gut bekannt?«

»Ja. Ich bin dort geboren.«

»Ah, da muß ich Sie um eine Auskunft bitten. Ist Ihnen eine Familie Hauser bekannt?«

»Ja,« antwortete der Gefragte, überrascht aufblickend.

»Giebt es mehrere Familien dieses Namens?«

»Nein, nur eine einzige.«

»Ich glaube, dies gehört zu haben. Es soll eine außerordentlich brave, wenn auch arme Familie sein. Nicht?«

Eduard erröthete. Dann antwortete er:

»Dieses Wort thut mir wohl, mein Herr. Ich bin nämlich der Sohn dieser Familie.«

Winkler that, als ob er eine sehr freudige Ueberraschung empfinde, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Das freut mich, das freut mich sehr! Sie heißen Eduard?«

»Ja.«

»Des Nachbars Engelchen ist Ihre Geliebte?«

»Ja,« antwortete der Gefragte zögernd und abermals erröthend.

»Sie haben jetzt die Kinder der unglücklichen Beyers bei sich?«

»Seit Sonntag. Aber, mein Herr, wie können Sie das wissen, da Sie sagen, daß Sie direct aus der Residenz kommen?«

»Man hat es mir geschrieben, oder vielmehr - hm, bitte, rücken Sie näher. Man braucht nicht zu hören, was wir sprechen.«

Der Kellner hatte die Stube bereits wieder verlassen; sie befanden sich also allein in derselben. Um so neugieriger fühlte sich Eduard. Es mußte sehr Heimliches sein, was dieser fremde Herr zu sagen hatte. Winkler neigte sich zu ihm herüber und sagte halblaut:

»Es führt mich nämlich keine andere Absicht in Ihr Vaterstädtchen, als diejenige, Sie aufzusuchen.«

»Mich?« fragte Eduard verwundert.

»Ja, Sie. Man hat mir einen sehr günstigen Bericht über Sie geliefert. Dies ist der Grund, welcher mich veranlaßt, Ihnen mein Vertrauen zu schenken. Sie haben doch von dem Fürsten des Elendes gehört, nicht wahr?«

»Ja. Man spricht hier allgemein von ihm.«

»Und Sie stehen speziell in seinem Dienste?«

Eduard fuhr zurück. Er betrachtete sich den Fremden, als ob er ihn in diesem Augenblicke erst sehe. Er blickte in ein lächelndes, wohlwollendes Gesicht, und das beruhigte ihn.


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»Sie sind erstaunt,« sagte Winkler. »Ich will Ihnen noch mehr sagen: Sie verkehren heimlich mit einem Manne, welcher auch in Beziehung zu dem Fürsten des Elendes steht?«

»Herr, ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten soll!«

»Dieser Mann,« fuhr Winkler fort, »hat für die unglückliche Familie Beyer gesorgt und auch Ihnen eine Summe ausbezahlt?«

Eduard blieb noch immer wortlos.

»Wollen Sie das in Abrede stellen?« fuhr Winkler fort.

»Ich verstehe Sie nicht,« antwortete Eduard endlich. »Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen.«

Winkler nickte befriedigt vor sich hin und sagte dann:

»So ist's recht! Ich sehe, daß Sie verschwiegen sind und daß man sich auf Sie verlassen kann. Es ist mir außerordentlich lieb, daß ich gerade Sie hier treffe. Es ist mir dadurch der Weg erspart, und ich kann gleich hier mit Ihnen sprechen. Aber Sie müssen Vertrauen zu mir haben. Darum lesen Sie vorerst Dieses hier!«

Er griff auf die Bank neben sich, auf welcher ein kleines Packet lag. Er öffnete dasselbe. Es enthielt eine ganze Anzahl sorgfältig zusammen gefalteter Schriftstücke. Winkler schlug eins derselben auseinander und reichte es ihm hin.

Eduard las. Er bekam dann das zweite, dritte, vierte zu lesen, bis er endlich auch den Inhalt des letzten kannte. Seine Verwunderung war von Sekunde zu Sekunde gestiegen.

»Nun?« fragte Winkler im Tone eines Mannes, welcher seiner Sache vollständig gewiß ist.

»Herr,« antwortete Eduard, indem seine Züge den Ausdruck tiefer Ehrerbietung bildeten. »Entweder sind Sie ein Beauftragter des Fürsten oder er selbst.«

»Errathen! Also, vertrauen Sie mir?«

»Gewiß! Sehr gern!«

»Können Sie sich denken, um was es sich handelt!«

»Diese Schriftstücke sollen nach Langenberg besorgt werden.«

»Allerdings! Und zwar durch einen ebenso sicheren wie auch verschwiegenen Mann. Wollen Sie das übernehmen?«

»Sehr gern.«

»Wann können Sie aufbrechen?«

»Sogleich.«

»So giebt es nichts, was Sie heute zu Hause festhält?«

»Nichts Nothwendiges. Ueberdies werde ich vorher anfragen, ob ich gebraucht werde.«

»Bei den Ihrigen?«

»Nein, sondern bei«

Er hielt vorsichtig inne.

»Nun, bei -?« fragte Winkler.

»Das wissen Sie!«


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»Schön! Wie oft kommen Sie mit ihm zusammen?«

»Sooft er es für nothwendig hält.«

»Sie haben also keine festgesetzten Zeiten, in denen Sie mit einander verkehren?«

»Nein. Wir wissen uns nach Bedarf zu finden und zu treffen.«

»Wo wohnt er?«

Das Auge Eduard's blitzte auf.

»Herr,« sagte er, »Sie wollen meine Verschwiegenheit erproben. Sie kennen seinen Wohnort ebenso genau, wie ich selbst. Ich will nicht fragen, ob Sie der Fürst selbst sind oder einer seiner Bevollmächtigten; aber ich werde auch Ihnen nicht mehr sagen, als was ich jedem Anderen mittheilen kann.«

Winkler fühlte sich außerordentlich enttäuscht. Dennoch aber zeigte er eine sehr befriedigte Miene und sagte:

»Sie verdienen in Wirklichkeit das Vertrauen, welches man Ihnen schenkt. Ich werde Sie zu belohnen wissen. Sind Sie in Ihren Bemühungen gegen den Waldkönig vorgeschritten?«

»Sie werden den Bericht erhalten haben!«

»Allerdings. Aber was in letzter Zeit vorgekommen ist, darüber erfuhr ich noch nichts.«

»Der nächste Bericht wird es enthalten.«

Winkler hätte dem verschwiegenen Burschen die Faust an den Kopf schlagen können. Er sah ein, daß es unmöglich war, etwas von ihm zu erfahren. Er machte doch gute Miene zum bösen Spiele und erklärte, Eduard die Hand auf die Schulter legend:

»Sie sind wirklich sehr, sehr brauchbar, junger Mann! Ich sage Ihnen vorher, daß Sie Carrière machen werden. Also Sie werden mir dieses Paket besorgen?«

»Gewiß!«

»Aber nur Sie kennen den Inhalt. Kein anderer Mensch darf Einsicht nehmen. Verstanden?«

»Es bekommt ihn Niemand zu sehen!«

»Aber ich setze den Fall, daß Sie mit Grenzern zusammentreffen. Diese werden nach dem Inhalte des Päckchens fragen.«

»Ich begegne keinem Grenzaufseher. Ich gehe über den Föhrensteig, wohin sicherlich Niemand kommt. Ueberdies richte ich es so ein, daß ich mit dem Dunkel dort ankomme. Sie können also sicher sein, daß kein Mensch das Päckchen sehen wird.«

»Und doch hat zuweilen der Zufall seinen eigenen Kopf!«

»O, ein Sprung zwischen die Bäume, und ich bin fort! Das kann ich mit gutem Gewissen thun, da ich ja weiß, daß es sich nicht um Contrebande handelt. Aber, Herr, eine Frage muß ich aussprechen!«

»Reden Sie getrost!«

»Darf er es wissen?«

»Wer?«


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»Nun - Er!«

Winkler errieth, daß Der gemeint sei, dessen Wohnung er leider nicht hatte erfahren können, und antwortete:

»Vorher nicht, sondern erst nach Ihrer Rückkehr soll er es erfahren. Es ist das unbedingt nothwendig, wenn auch aus Gründen, die ich Ihnen jetzt nicht erzählen kann, die er Ihnen aber dann selbst sagen wird. Sie müssen sogar dann mit ihm darüber sprechen, da er es ist, der Ihnen den Weg zu bezahlen hat.«

»O, Herr, ich bin ja bereits bezahlt!«

»Ja. Sie haben Ihr Gehalt bekommen?«

Er schlug damit nur auf den Strauch, um zu erfahren, wie es sich mit dieser Angelegenheit verhalte. Da Eduard zustimmend nickte, fuhr Winkler in seiner Rede fort:

»Das ändert in dieser Sache nichts. Was Sie heute thun, ist extra und muß also auch extra berechnet werden. Nun aber haben Sie erstens Ihren Auftrag noch nicht ausgeführt, der doch erst belohnt werden kann, wenn er zu Ende gebracht worden ist, und sodann hat zweitens Der, von welchem wir sprechen, den wir aber nicht nennen, die für die Ausgaben dieser Gegend bestimmte Separatkasse in den Händen. Er ist es also, der Ihnen Ihren Botenlohn zu entrichten hat. Ich werde Ihnen daher jetzt eine Anweisung schreiben, welche Sie ihm bei Ihrer Rückkehr übergeben werden. Wieviel werden Sie verlangen?«

Eduard wurde verlegen; er antwortete:

»Ich weiß wirklich nicht, welchen Preis ich nennen soll. Wollen Sie darauf bestehen, daß ich wirklich etwas erhalten soll, so bitte ich Sie, die Summe zu bestimmen!«

»Gut. Sind fünfzig Gulden genug?«

Eduard machte große Augen. Das war ja eine ungeheure Summe! Der zehnte Theil davon wäre seiner Ansicht nach bereits mehr als genug, ja, mehr als nobel gewesen.

»Fünfzig Gulden!« sagte er. »Herrgott, das ist ja ein Reichthum!«

»Für Sie vielleicht, aber für mich nicht. Der Fürst des Elendes ist ein reicher Mann und pflegt Diejenigen, welche ihm treu dienen, auch angemessen zu bezahlen. Nicht der Dienst an und für sich wird nach seinem Werthe abgewogen, sondern die Treue ist es, welche belohnt wird. Also, lassen wir es bei fünfzig Gulden?«

»Ich kann wirklich dazu gar nichts sagen.«

»Gut, so bleibt es dabei. Ich werde die Anweisung schreiben.«

Er riß ein Blatt aus seinem Notizbuche, schrieb Einiges darauf und reichte es Eduard hin. Dabei fragte er lächelnd:

»Können Sie das lesen?«

Der Gefragte blickte auf die Zeilen. Er vermochte nur zwei Worte zu lesen, nämlich »fünfzig Gulden«. Das Andere war in einer fremden Sprache


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geschrieben, und zwar in lateinischen Buchstaben, so undeutlich, daß er es nicht zu enträtseln vermochte.

»Nein,« antwortete er.

»Es ist die zwischen mir und den Eingeweihten verabredete Geheimschrift. Also nun sind wir einig?«

»Ja.«

»Schön. Wann brechen Sie auf?«

»Sogleich. Erst muß ich allerdings nach Hause; aber dann breche ich so auf, daß ich mit der Dunkelheit den Föhrensteig erreiche.«

»In welches Gebiet gehört er?«

»In's jenseitige Territorium.«

»Ist ein Zollhaus in der Nähe?«

»Nein. Der Föhrensteig ist als Pascherpfad bekannt.«

»Desto mehr haben Sie sich in Acht zu nehmen, daß sie nicht als Schmuggler angehalten werden. Ich wiederhole, daß es mir außerordentlich lieb ist, Sie hier getroffen zu haben, da mir auf diese Weise der Weg nach Ihrer Heimath erspart geblieben ist. Ich habe noch anderweit zu thun. Nun aber wollen wir das Paket zusiegeln. Man muß stets Das, was man braucht, bei sich tragen.«

Er zog ein Stück Siegellack aus der Tasche und verschloß mit Hilfe eines brennenden Streichholzes und des Lackes das Paket. Dann sagte er:

»Also übergeben Sie die Anweisung und sagen Sie dabei, daß ich Sonnabend gerade um Mitternacht eintreffen werde, um den ersten Schritt gegen die Pascher selbst zu leiten. Adieu!«

Er gab Eduard das Packet, reichte ihm freundlich die Hand und winkte ihm seine Entlassung zu. Der junge Mann machte Miene, sein Bier zu bezahlen; Winkler aber sagte:

»Gehen Sie! Wer fünfzig Gulden Botenlohn giebt, kann auch noch ein Glas Bier entrichten.«

Eduard ging, innerlich glücklich, einen so lohnenden Auftrag empfangen zu haben. Der Andere aber blickte ihm nach und brummte dann leise in sich hinein:

»Der ist in die Falle gegangen! Nun wollte ich, daß Seidelmann bald wieder käme, damit die nothwendigen Maßregeln schleunigst getroffen werden könnten.«

Er brauchte nicht lange zu warten. Die Thür wurde leise geöffnet. Fritz Seidelmann steckte den Kopf herein, und als er bemerkte, daß sein Verbündeter allein anwesend war, trat er rasch ein.

»Fertig?« fragte er.

»Ja.«

»Er ist fort?«

»Wie Sie sehen!«

»Und kommt auch nicht etwa wieder?«

»Ich glaube nicht. Setzen Sie sich für einen Augenblick!«


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»Wo ist der Kellner?«

»Er muß im Nebenzimmer beschäftigt sein. Sie wollen sich noch etwas zu Trinken geben lassen?«

»Ja.«

»Lassen Sie das lieber sein. Sie werden sofort aufbrechen müssen.«

»Zum Staatsanwalt?«

»Ja.«

»Wenn Sie sagen sofort, so muß die Angelegenheit plötzlich ganz und gar eilig geworden sein.«

»Das ist allerdings der Fall.«

»So ist dieser Hauser uns wohl recht hübsch in's Garn gelaufen?«

»Ja. Man wird ihn heute ergreifen und als Pascher arretiren.«

»Wie haben Sie das fertiggebracht?«

»Sie haben das Ihrige auch dazu beigetragen, indem Sie ihm die Spitzen unter das Rockfutter practizirten. Er hält mich für den Fürsten des Elendes oder wenigstens für einen Beauftragten desselben, und wird für mich ein Packet nach Langenberg schaffen. Mit Anbruch der Dunkelheit will er bei dem Föhrensteige sein. Sie haben nun dafür zu sorgen, daß man ihm dort auflauert.«

»Sakkerment! Das soll schleunigst besorgt werden!« sagte Fritz, während er sich zum Gehen anschickte.

»Halt!« rief Winkler. »Seien Sie nicht unüberlegt! Wissen Sie, was Sie sagen werden?«

»Natürlich! Ich bin doch kein Kind«

»Das weiß ich; aber die Sache ist ebenso gefährlich, wie sie für uns wichtig ist. Man muß da vorsichtig sein!«

»Haben Sie keine Sorge um mich! Werden Sie vielleicht hier warten, bis ich wiederkomme?«

»Nein. Meine Zeit ist zu bemessen. Wenn ich morgen Wort halten will, so habe ich heute jede Minute zu Rathe zu nehmen.«

»Das läßt sich denken. Sie kommen nicht selbst mit?«

»Nein. Sie wissen, daß Unsereiner sich nur ganz ausnahmsweise in persönliche Gefahr begeben darf.«

»Aber Punkt zwei Uhr werden Ihre Leute im Haingrunde sein?«

»Das versteht sich ganz von selbst. In solchen Angelegenheiten ist Pünktlichkeit noch viel mehr die Hauptsache als bei jedem anderen Geschäfte. Also, machen Sie Ihre Sache gut! Adieu!«

Sie reichten sich die Hände, und Fritz entfernte sich, um sich nach dem Gerichtsamte zu begeben. Er meldete sich zum Staatsanwalte, und da dieser ihn kannte und auch für den Augenblick nicht nothwendig beschäftigt war, so wurde er sogleich vorgelassen.

»Herr Seidelmann!« sagte der Beamte. »Willkommen! Wie kommt es, daß Sie sich einmal nach hier verirren?«


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»Ich komme eines guten Rathes wegen, den ich mir von Ihnen erbitten möchte.«

»Hm! Ich bin Ihnen natürlich sehr gern gefällig; aber ich habe auch meine bestimmten Befugnisse. Vielleicht muß ich Sie an einen Advokaten verweisen.«

»Ich glaube, daß die Angelegenheit, welche mich hierher führt, mit Ihren Befugnissen harmonirt.«

»Wirklich? Dann nehmen Sie Platz und sprechen Sie!«

Seidelmann nahm auf dem Stuhle, welcher ihm hingeschoben wurde, Platz. Er räusperte sich; er wußte für den Augenblick nicht, wie er beginnen solle. Darum meinte der Staatsanwalt lächelnd:

»Ist die Sache eine so schwierige?«

»Ich meine es!«

»Wen oder was betrifft sie?«

»Den - den Waldkönig.«

Seidelmann sprach das Wort nur zögernd aus. Kaum aber war es ausgesprochen, so sprang der Staatsanwalt von seinem Sitze empor und fragte:

»Den Waldkönig? Höre ich recht?«

»Ja, den Waldkönig!«

»So sprechen Sie; sprechen Sie! Machen Sie schnell!«

Seidelmann griff in die Tasche, nahm den Brief heraus und überreichte ihn dem Beamten!

»Bitte, lesen Sie!« sagte er.

Der Staatsanwalt nahm das Papier in Empfang und las die wenigen Zeilen. Sein Gesicht nahm den Ausdruck der allergrößten Spannung an. Als er fertig war, warf er einen ernsten, forschenden Blick auf Fritz und sagte:

»Kennen Sie die Wichtigkeit dieses Documentes, mein lieber Herr Seidelmann?«

»Da ich eine Ahnung von der Wichtigkeit hatte, so kam ich zu Ihnen, um Sie um Rath zu fragen.«

»Welchen Rath meinen Sie?«

»Was ich mit dem Briefe thun soll?«

»Sie haben das, was ich Ihnen rathen müßte, bereits gethan, nämlich ihn dem Staatsanwalt zu übergeben.«

»Das ist mir lieb. So habe ich also das Richtige getroffen?«

»Ja. Aber, wie kommen Sie zu diesen Zeilen?«

»Ich sah sie bei meinem Freunde Strauch.«

»Dem hiesigen Kaufmanne?«

»Ja.«

»So hat er den Brief erhalten, nicht Sie?«

»Ja. Er zeigte mir ihn vorhin. Ich rieth ihm, Ihnen das Schreiben zu übergeben; aber er fürchtete sich vor dem Waldkönige. Er meinte, daß


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er große Gefahr laufe, wenn der König erfahre, daß er Anzeige davon gemacht habe.«

»Hm! Ja! Das ist eben das, was uns so hindernd in den Weg tritt. Gerade Diejenigen, welche uns vortheilhafte Winke geben könnten, unterlassen dies aus Furcht vor der Rache des Pascherkönigs. Aber bitte, erklären Sie mir diesen Brief!«

»Strauch ist Mitglied des Casino -«

»Ah, ich entsinne mich! Sie hatten eine Maskerade im Gasthofe des Nachbarstädtchens.«

»So ist es. Strauch wollte natürlich auch mit theilnehmen, da er aber diesen Brief erhielt, blieb er daheim.«

»Natürlich aus Furcht?«

»Aus Furcht!« nickte Fritz.

»Was aber kann der Pascherkönig für ein Interesse an Strauchs Abwesenheit haben?«

»Hm! Vielleicht kann ich diese Frage beantworten. Zunächst fiel mir, als ich vorhin den Brief sah, die Handschrift desselben auf.«

»Was! Sie kennen vielleicht die Schrift?«

»Sehr gut.«

»Alle Wetter! Das ist prächtig! Schnell, heraus damit!«

»Es ist die Schrift eines meiner Arbeiter.«

»Wie?« fragte der Staatsanwalt, sichtlich enttäuscht. »Einer Ihrer Arbeiter sollte der Waldkönig sein?«

»Warum nicht?«

»Ich habe mir das, aufrichtig gestanden, anders gedacht.«

»O, der Kerl ist pfiffig genug dazu!«

»So? Wirklich?«

»Und unternehmend, verwegen und tollkühn.«

»Wie heißt er?«

»Hauser!«

»Kenne ich nicht. Er ist also Weber?«

»Ja. Er heißt Eduard Hauser und ist im Stillen als ein fleißiger Pascher bekannt, wenn er auch schlau genug ist, dafür zu sorgen, daß man ihm das nicht direct sagen kann.«

»Ist die Familie wohlhabend?«

»Die Leute thun arm. Aber das kennt man ja.«

»Gewiß! Sie thun arm, um den Verdacht von sich abzulenken; aber man lebt in dulci jubilo und zieht sich später, wenn man genug Ersparnisse gemacht hat, gemüthlich vom Geschäft zurück. Aber ist es auch gewiß, daß es die Handschrift dieses Hausers ist?«

»Ganz gewiß. Ich habe sogar noch andere Beweise.«

»Bitte, lassen Sie hören!«

»Nun, die Sache ist die, daß jedes Mitglied des Casino seine Dame mitbrachte. Da ich aber weder eine Verlobte noch sonst eine nähere Be-


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kanntschaft habe, so schickte ich einem jungen Mädchen unseres Ortes eine Einladung.«

»Hat das etwas mit unserer Angelegenheit zu thun?«

»Sehr viel sogar!«

»Sie machen mich immer neugieriger. Wer war die junge Dame, von welcher sie sprachen?«

»Die Tochter eines gewissen Hofmann. Er ist mein bester Arbeiter, und ich dachte ihn auszuzeichnen, zu belohnen, indem ich seiner Tochter eine Einladung schickte. Sie kam auch. Da sie für den Abend meine Dame war, hielt ich es natürlich für meine Pflicht, möglichst aufmerksam gegen sie zu sein, wurde aber auf eine ganz und gar miserable Weise daran verhindert, und zwar durch eine Maske, unter der ich meinen Freund Strauch vermuthet hatte!«

Die Augen des Staatsanwaltes glänzten wie im Verständniß auf. Er nickte und sagte:

»Jetzt kommt die Verwickelung! Nicht?«

»Ja.«

»Der Maskenträger war gar nicht ihr Freund?«

»Nein.«

»Sondern dieser Hauser?«

»Ja. Er zwang das Mädchen auf die roheste Weise, mit ihm den Saal zu verlassen.«

»Er hat sich also demascirt?«

»Vor mir und dem Mädchen.«

»Dieses Letztere kann also auch beweisen, daß er es gewesen ist?«

»Ganz gewiß.«

»Aber wie kommt er dazu, bei der Maskerade zu erscheinen?«

»Das Mädchen ist, was ich gar nicht wußte, seine Geliebte.«

»Ah! So! Er hörte vielleicht, daß Sie die Tochter Ihres Hofmann eingeladen hatten?«

»So ist es.«

»Er wurde eifersüchtig; er wollte seine Geliebte beobachten.«

»Ja, aber er hatte keinen Zutritt, da er nicht Mitglied des Vereins Casino war.«

»Darum kam er auf den Gedanken, ein Mitglied am Erscheinen zu verhindern!«

»Und das betraf gerade Freund Strauch.«

»Den er aus diesem Grunde den Brief schrieb. Ah, das ist nun Alles klar. Er trug also auch Strauchs Maske?«

»Ja.«

»Wie kam er dazu?«

»Jedenfalls durch den Verleiher.«

»Die Untersuchung wird das ergeben. Aber, mein Lieber, wir dürfen


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keineswegs sehr sanguinisch sein. Es ist noch gar nicht bewiesen, daß dieser Hauser der Waldkönig ist.«

»Er hat sich doch so unterschrieben?«

»Aus Unvorsichtigkeit, natürlich um seinem Briefe einen größeren Nachdruck zu geben.«

»Hm! Ich wollte wetten, daß er der Waldkönig ist!«

»Haben Sie Gründe?«

»Vielleicht.«

»Nun, dann lassen Sie hören!«

»Ich muß Ihnen sagen, daß ich den Beiden nachgeschlichen bin, Herr Staatsanwalt.«

»Dem Hauser und dem Mädchen?«

»Ja, als sie gingen. Es ist das ganz natürlich, ich hatte gar keine tadelnswerthe Absicht dabei, und heute bin ich froh, daß ich es gethan habe.«

»Warum froh?«

»Weil ich dabei etwas Hochwichtiges erfahren habe.«

»So lassen Sie es hören.«

»Als Hauser das Mädchen verlassen hatte, ging er nicht nach Hause, sondern die Gasse hinab. Das fiel mir auf, und ich folgte ihm heimlich. Beim letzten Hause traf er mit einem Menschen zusammen, der ihn dort jedenfalls erwartet hatte. Ich schlich bis an die Ecke hin und hörte so ziemlich Alles, was gesprochen wurde.«

»Schön, schön! Sprachen Sie etwa über den Schmuggel?«

»Ja.«

»Sapperment! Was denn?«

»Der Andere schien von jenseits der Grenze zu sein. Er machte eine Bestellung?«

»Auf was?«

»Auf Spitzen.«

»Das ist interessant, höchst interessant! Ging Hauser etwa darauf ein?«

»Sofort!«

»So wird er die Spitzen also besorgen?«

»Ja. Sie sollen so kostbar wie möglich sein.«

»Sapperlot! Könnte man den Kerl dabei erwischen!«

»O, Nichts ist leichter als Das, Herr Staatsanwalt!«

»Wieso?«

»Ich hörte ja die Zeit, welche genau bestimmt wurde!«

»Das ist gut!«

»Und sogar den Ort, an welchem der Hauser die Spitzen verstecken wird.«

»Noch besser, immer besser! Also?«

»Er will heute mit Einbruch der Dunkelheit am Föhrensteig sein.«

»Am Föhrensteig? Ist das nicht auf dem Wege, welcher von hier aus über die Berge nach Langenberg führt?«

»Ja.«


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»Der Föhrensteig ist eine hölzerne Brücke?«

»Die man über den Waldbach gelegt hat.«

»Ich kenne sie. Wird man dort auf Hauser warten?«

»Nein. Er trägt die Spitzen bis nach Langenberg; die Dämmerung und den Föhrensteig erwähnte er nur, um einen Anhalt in Bezug auf die Zeit seines Eintreffens zu geben.«

»Hm! Er wird die Spitzen also wirklich bei sich haben?«

»Ja. Er hat sie zwischen das Futter seines Rockes eingenäht.«

»Sagte er das?«

»Ja. Er lachte, als der Andere zur Vorsicht mahnte. Er hatte die Ueberzeugung, daß es keinem Menschen einfallen werde, das Futter seines Rockes zu untersuchen.«

Der Staatsanwalt war ganz begeistert von Dem, was er gehört hatte. Er ging einige Male im Zimmer auf und ab, blieb dann vor Seidelmann stehen und sagte:

»Sie glauben nicht, was für einen Gefallen Sie mir gethan haben. Endlich, endlich einmal etwas Positives! Ah, wir werden die Schlinge über diesem Wald- oder Pascherkönig zusammenziehen! Wie aber kam es, daß Sie zu Strauch gingen?«

»Da ein Anderer an seiner Stelle erschienen war, so wollte ich wissen, wie das zusammenhinge.«

»Er zeigte Ihnen den Brief?«

»Nicht sogleich.«

»Ja, ja! So ist es! Die Bevölkerung dieser Gegend hat eine zu große Angst vor diesem Kerl. Aber wir werden ihm das Handwerk legen!«

»Das heißt, Sie werden Hauser ergreifen lassen?«

»Das versteht sich ganz von selbst!«

»Dann dürfte aber keine Zeit zu verlieren sein!«

»Haben Sie keine Sorge! Wir werden reiten!«

»Wir? Sie selbst werden sich also betheiligen?«

»Ja. Ich selbst werde es sein, der den berüchtigten Pascherkönig ergreift. Wollen Sie sich betheiligen?«

Diese Frage electrisirte Fritz. Welch eine Genugthuung, wenn er bei der Arretur seines Feindes zugegen sein konnte!

»Ist dies denn möglich?« fragte er.

»Warum nicht?«

»Ich bin nicht Beamter.«

»Aber Sie sind unser Berichterstatter.«

»Wird Hauser das erfahren?«

»Wünschen Sie, daß es verschwiegen bliebe?«

Fritz dachte einen Augenblick lang nach und antwortete dann:

»Er kann es immerhin erfahren.«

»Sie fürchten also seine Rache nicht?«


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»Nein. Was kann er mir schaden, wenn er sich in Gefangenschaft befindet?«

»Sie haben Recht. Sie gehören zu den Wenigen, welche Muth besitzen. Können Sie reiten?«

»Leidlich.«

»Schön. Ich werde von Grenzern und Gensd'armen requiriren, was zu erlangen ist. Zu Pferde treffen wir noch vor der Dämmerung beim Föhrensteige ein.«

»Aber, Herr Staatsanwalt, wird er uns nicht entgehen?«

»Nein, wenn er nämlich den angegebenen Weg auch wirklich einschlägt.«

»Hm! Wir müssen durch seinen Wohnort reiten. Wenn er uns bemerkt, so wittert er vielleicht Gefahr.«

»Wir reiten um den Ort herum.«

»Er kann uns trotzdem bemerken. Eine solche Truppe fällt in die Augen.«

»Wir vertheilen uns und schlagen verschiedene Wege ein.«

»Das ist nothwendig. Und vielleicht wäre es am Besten, am Föhrensteige solche Maßregeln zu ergreifen, daß er auf keinen Fall zu entkommen vermag.«

»O, halten Sie mich nicht für einen Stümper. Ich bin Vertreter der Staatsgewalt und werde meine Arrangements schon zu treffen verstehen.«

»Wir müßten uns theilen.«

»Sie meinen, die eine Hälfte diesseits und die andere jenseits der Brücke?«

»Ja. So würde er gerade auf der Brücke ergriffen.«

»Ich dachte auch bereits daran. Aber, verlieren wir nun keine Zeit. Wo werden Sie zu treffen sein?«

»Im Gasthofe zum grauen Wolf.«

»Gut! Wir werden Sie dort abholen. Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet und thue nur meine Schuldigkeit, wenn ich Ihnen die Genugthuung gewähre, beim Ergreifen des berüchtigten Pascherkönigs zugegen gewesen zu sein.«

- Der, von dem die Rede war, nämlich Eduard Hauser, befand sich um diese Zeit bereits wieder auf dem Heimwege. Er ahnte von der Wolke, welche sich über ihm so gefahrdrohend zusammenzog, nicht das Geringste. Indem er so allein dahinschritt, dachte er an den gestrigen Abend, an sein Engelchen und an seine Versöhnung mit der Geliebten. Er fühlte sich so glücklich, daß er die Zeit gar nicht beachtete, und darum ganz verwundert stehen blieb, als er sein Heimathstädtchen vor sich sah.

»Schon!« sagte er zu sich. »Wie schnell die Zeit vergangen ist! Das geschieht nur dann, wenn man sich glücklich fühlt. Da eilen die Tage wie sonst die Stunden.«

Er blickte überlegend nach rechts und links und fragte sich:

»Gehe ich durch die Stadt oder um die Stadt? Hm! Das Letztere wird besser sein. Vielleicht sehe ich mein Engelchen. Gehe ich langsam am


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Zaune hin, so kann sie mich durch's Fenster sehen und kommt vielleicht auf einen Augenblick heraus.«

Er hatte sich nicht verrechnet.

Er ging hinter den Gärten hin. Als er in die Nähe der Wohnung der Geliebten kam, hemmte er seine Schritte. Er schlenderte langsam am Zaune hin und blieb dann an der hinteren Pforte stehen.

Kaum eine Minute später wurde die Thür geöffnet, und Angelica kam heraus.

»Richtig!« lächelte er ihr zu. »Das habe ich gedacht! Du hast mich kommen sehen?«

»Ja.«

»Dein Vater auch?«

»Nein, sonst hätte ich nicht heraus gekonnt.«

»So ist er noch bös?«

»O, böser als vorher,« seufzte sie.

»Dann ist er kaum zu begreifen!«

»Der Seidelmann hat ihn ganz und gar eingenommen. Und als er heute hörte, was gestern geschehen ist, so war es fast gar nicht zum Aushalten.«

»Wie kurzsichtig! Wer hat es ihm erzählt?«

»Der Wirth selbst, den er getroffen hat.«

»Der wird die Sache freilich sehr entstellt haben, da er von meinem Einschreiten sicherlich keinen Nutzen gehabt hat.«

»Vater kam ganz erbost nach Hause. Er drohte mir sogar, was er noch niemals gethan hat, mit - mit -«

»Nun, mit wem denn?«

»Mit Prügel! Denke Dir nur!«

»Das soll er nur unterbleiben lassen!« braußte Eduard auf.

»Und fortjagen will er mich!«

»Ah! Wohin!«

»Zu Seidelmann's.«

»Donner! Als Stütze der Hausfrau, nicht wahr?«

»Ja.«

»Daraus wird nichts!«

»Aber, wenn er nun darauf besteht?«

»Er kann Dich nicht zwingen.«

»Wie willst Du das erreichen?«

»Sehr leicht. Ich würde ein sehr ernstes Wort mit ihm sprechen.«

»Er läßt Dich ja gar nicht zu sich.«

»So schicke ich einen Anderen.«

»Wen?«

»O, Einen, dem er schon gehorchen würde! Ich werde Dir den Namen schon noch nennen. Jetzt aber habe ich nothwendig.«

»Nothwendig? Hast Du etwa Arbeit erhalten?«

»Nein. Ich habe einen Botenweg zu machen.«



Ende der dreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk