Lieferung 31

Karl May

14. März 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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»Wohin?«

»Nach Langenberg.«

»Nach Langenberg? Jetzt noch? In nicht ganz einer Stunde wird es ja dunkel sein.«

»Das schadet Nichts! Ich bekomme einen famosen Botenlohn! Rathe einmal, wieviel!«

»Wie soll ich das rathen? Für wen ist es?«

»Das will ich Dir sagen, wenn Du schweigen wirst.«

»Kein Mensch erfährt es!«

»Die Hand darauf.«

»Hier.«

Sie gab ihm die Hand. Er ergriff dieselbe, legte den Arm um das hübsche Mädchen, zog dasselbe näher an sich und flüsterte:

»Ich bekomme fünfzig Gulden; denke Dir nur!«

»Fünfzig Gul-!« schrie sie beinahe laut auf, und doch blieb ihr die letzte Silbe vor Erstaunen auf der Lippe zurück.

»Ja,« antwortete er.

»Das ist unmöglich!«

»Nein, wirklich.«

»Für einen bloßen Botenweg?«

»Ja. Der, für den ich gehe, ist aber auch der Kerl danach!«

»Wer ist es?«

»Der - Fürst des Elendes! Aber schweige! Adieu, Engelchen!«

Er küßte sie und wollte fort; sie aber hielt ihn bei der Hand fest und sagte:

»Eduard, Du machst Spaß!«

»Nein, liebes Kind, es ist mein Ernst.«

»Aber so erkläre mir doch, wie -«

»Das geht jetzt nicht,« fiel er ein. »Ich habe jetzt keine Zeit. Du sagst ja selbst, daß es bald finster sein wird.«

»Du Böser! Aber ich muß es doch erfahren. Wann kommst Du aus Langenberg zurück?«

»Das kann ich nicht genau wissen.«

»Du kommst dann aber zu mir?«

»Ja. Aber, wenn es sehr spät sein sollte?«

»Ich warte!«

»Gut, Engelchen, so komme ich ganz sicher. Lebe wohl!«

Noch ein schneller Kuß, und dann trennten sie sich. Eduard ging zunächst nach Hause, um zu sagen, daß er noch nach Langenberg müsse. Er mußte dies thun, damit sich die Eltern nicht um ihn sorgen sollten. Der Vater schüttelte den Kopf und sagte:

»Mein Sohn, Du bist jetzt von Geheimnissen umgeben. Ich darf doch nicht befürchten, daß Du Wege wandelst, welche nicht gut genannt werden können?«


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»Sorge Dich nicht, lieber Vater! Was ich thue, das ist recht und gut!«

»Auch vor den Gesetzen der Menschen?«

»Ja, auch vor ihnen.«

»Aber Du gehst bei Nacht durch den Wald und über die Grenze. Wie leicht ist da Etwas passirt! Und dann wissen wir uns wohl keinen Rath!«

»Mir wird Nichts geschehen! Und solltet Ihr dennoch eines Rathes bedürfen, wenn ich einmal nicht zu Hause bin, so geht hinaus zum Förster. Er hat einen Vetter zu Besuch bei sich, einen gewissen Arndt; der ist ein sehr gescheidter Mann und hält große Stücke auf mich. Der würde Euch den allerbesten Rath geben. Auf keinen Fall aber braucht Ihr Sorge um mich zu haben. Gute Nacht!«

Er ging, aber nicht direct in der Richtung nach dem Föhrensteige, sondern nach dem Forsthause. Er wollte Vetter Arndt benachrichtigen, daß er einen Weg zu gehen habe, wie er es ja bereits Winkler gegenüber erwähnt hatte.

Leider traf er Arndt nicht zu Hause an. Nur der alte Förster war da. Dieser meinte:

»Der Vetter ist ausgegangen. Du mußt also wiederkommen, mein Junge.«

»Hm! Lieber wäre es mir, wenn er da wäre.«

»Ist es denn wichtig?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht.«

»Höre, der Vetter hat gesagt, wenn Du einmal während seiner Abwesenheit etwas sehr Nothwendiges hättest, solltest Du es mir sagen.«

»Nun, so sehr nothwendig wird es wohl nicht sein. Ich komme morgen früh wieder.«

»Schön. Du mußt am Besten wissen, was Du zu thun hast.«

Jetzt nun wandte Eduard sich dem Föhrensteige zu. Zunächst strich er mitten durch den Wald, um auf den Pfad zu treffen. Unterwegs blieb er einmal stehen und blickte zu Boden.

»Hm!« sagte er. »Pferdespuren! Hier ist man geritten. Im tiefen Walde, wo es weder Weg noch Steg giebt! Wunderbar!«

Der Reiter war einer von Denen gewesen, welche sich nach dem Föhrensteige begeben hatten, um ihn zu fangen. Der Staatsanwalt hatte kluger Weise den Befehl gegeben, den Weg zu vermeiden, damit keine Hufspuren im Schnee entstehen könnten, durch welche der Verfolgte aufmerksam werden dürfte.

Als er den Weg erreichte, brach die Dunkelheit herein. Er kannte den Weg und schritt rüstig weiter. Nach einiger Zeit vernahm er das Rauschen des Waldbaches, dessen Wasser unter der Eisdecke rasch dahinschoß.

Er ging jetzt langsamer, weil die Brücke sehr schmal, also gefährlich war. Sie bestand nur aus einem Baumstamme, den man roh behauen und dann von einem Ufer nach dem anderen gelegt hatte. Der Stamm war glatt vom Eis. Es war nicht ungefährlich, ihn jetzt während der Nacht zu passiren. Darum setzte er nur höchst langsam und vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Er hatte die Mitte erreicht. Da scholl es ihm mit lauter Stimme entgegen:

»Halt! Wer da?«

"Halt! Werda?"


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Er erschrak. Darum vergingen einige Augenblicke, ehe er sich besann, um zu antworten:

»Gut Freund!«

»Was Gut Freund! Den Namen!«

Den Namen durfte er nicht sagen. Er durfte sich ja gar nicht ergreifen lassen. Kein Mensch durfte die Schriften sehen, die ihm der Fürst des Elendes anvertraut hatte.

»Warum?« fragte er, um Zeit zu gewinnen.

»Weil ich es befehle, Bursche! Na, wird's bald?«

Er hörte das Klirren von Waffen. Das waren Grenzer. Die durften ihn nicht haben. Er schritt also so schnell wie möglich rückwärts.

»Halt!« tönte es ihm auch da entgegen. »Wer da?«

»Gut Freund!« antwortete er auch jetzt.

»So bleib stehen und rühre Dich nicht.«

Es traten Männer zwischen den Bäumen hervor. Vor sich Leute und hinter sich Leute - und er auf der Brücke. Sollte er sich ergreifen lassen? Nein und tausendmal nein! Er dachte an Arndt, seinen Wohlthäter, an den Fürsten des Elendes, für den er jetzt das Wagniß unternahm. Er holte aus, ein Anlauf vollends über die Brücke hinüber - ein gewaltiger Sprung mitten unter die Leute hinein - ein kräftiges Ausschlagen mit beiden Fäusten - er war hindurch.

»Feuer!« ertönte es hinter ihm.

Mehrere Schüsse krachten. Es war ihm, als würde er am Arme gepackt und zur Seite gerissen. Er raffte sich zusammen, um weiter zu stürmen und - rannte mit dem Kopfe an einen Baum, so daß er zurück und auf den Boden flog.

»Hier! Da ist er! Da liegt er!« rief es.

Er fühlte, daß sich Männer auf ihn warfen; dann vergingen ihm die Sinne. Die Carambolage mit dem Baume war eine zu kräftige gewesen.

Aber ebenso kräftig war auch seine Natur. Es dauerte kaum zwei Minuten, als er die Augen aufschlug und gegen zehn bis fünfzehn Männer erblickte. Einige derselben hielten brennende Laternen in der Hand. Er fühlte, daß er an den Händen gefesselt sei, an den Füßen aber nicht. Vor ihm stand ein Herr in Civil mit einer Brille auf der Nase. Diesen kannte er. Es war der Staatsanwalt der Amtsstadt.

Der Beamte bemerkte, daß der Gefangene die Augen aufschlug; darum befahl er:

»Richtet ihn auf und lehnt ihn da an den Baum; aber gebt wohl Acht auf ihn!«

Zwei faßten Eduard an und hoben ihn auf. Als er nun an dem Baume lehnte, fragte der Anwalt:

»Wer sind Sie?«

Jetzt half kein Leugnen.

»Ich heiße Hauser,« antwortete er.


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»Ah! Den suchen wir! Was thun Sie hier?«

»Ich will nach Langenberg.«

»Weshalb?«

»Ich habe eine Botschaft auszurichten.«

»Von wem?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»An wen?«

»Auch das muß ich verschweigen.«

»Das ist höchst verdächtig. Wissen Sie, daß wir die Macht besitzen, Sie zum Sprechen zu zwingen?«

»Trotzdem werden Sie von mir Nichts erfahren.«

»Aber das Paket, welches Ihnen hier entfallen ist, wird sprechen. Oeffnen wir es einmal.«

Er trat an eine der Laternen und machte das Päckchen auf.

»Hm!« sagte er. »Briefe oder Documente, wie es scheint. Das ist kein Schmuggelgut. Wegen dessen brauchte er nicht zu fliehen. Man wird sehen, was die Papiere enthalten.«

Und sich wieder zu Eduard wendend, fragte er:

»Sie werden also nicht sagen, wer Sie schickt?«

»Nein. Ich habe mein Wort gegeben, zu schweigen.«

»Sie werden doch noch sprechen. Haben Sie nur diese Schreibereien bei sich?«

»Weiter nichts.«

»Kein zollpflichtiges Gut?«

»Nein.«

»Das ist nicht gefährlich. Warum haben Sie da die Flucht ergriffen, als wir Sie anriefen?«

»Darauf kann ich allerdings Antwort geben, Herr Staatsanwalt. Die Schriften, welche Sie in der Hand halten, sind privater Natur. Niemand sollte sie lesen, auch kein Beamter sollte sie kennen lernen. Darum mußte ich versprechen, falls ich Grenzbeamten begegnen sollte, lieber zu fliehen als das Päckchen öffnen zu lassen.«

»Das klingt zwar ungewöhnlich, aber doch immerhin plausibel. Wir werden Sie frei lassen müssen, wenn Sie die Wahrheit gesagt haben. Also, Sie haben wirklich nichts Versteuerbares bei sich?«

»Nein.«

»In keiner Tasche?«

»Nein. Bitte, suchen Sie mich aus!«

Der Beamte gab einen Wink, und zwei Grenzer traten herbei, um seine Taschen zu durchsuchen.

»Er hat wirklich nichts,« lautete der Bescheid.

Da ertönte es von seitwärts her:

»Oeffnen Sie ihm nur das Rockfutter! Da wird sich schon etwas finden. Ich habe es gestern deutlich genug gehört!«


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Eduard kannte diese Stimme. Er wendete sich nach dieser Seite hin und sagte:

»Ah! Fritz Seidelmann!«

Der Genannte trat aus dem Dunkel hervor und sagte:

»Ja, ich bin es! Endlich haben wir Dich, Bursche!«

»Das konnte ich mir denken! So oft mir etwas Schlimmes widerfährt, haben die Seidelmanns ihre Hand im Spiele. Dieses Mal aber werden sie sich wohl verrechnet haben!«

»Werden sehen!« sagte der Staatsanwalt. »Halten Sie jetzt einmal still!«

Er trat nahe an Eduard heran und betastete seine Rockschöße.

»Hm!« meinte er dann. »Wollen doch einmal öffnen!«

Er zog ein Federmesser hervor und begann, eine Naht aufzutrennen. Dann langte er mit der Hand in die auf diese Weise entstandene Oeffnung.

»Sie behaupten noch immer, nichts Zollbares bei sich zu haben!« fragte er noch einmal.

»Ich beschwöre es sogar!«

»Und was ist das hier?«

Dabei zog er einen langen Gegenstand, wie ein breites Band aus dem Rocke, welches er aufwickelte.

Eduard war mehr als erstaunt - er erschrak.

»Was ist das?« fragte er. »Ich weiß es nicht!«

»Hm! Das ist doch Ihr Rock? Nicht?«

»Ja.«

»Wie lange Zeit tragen Sie ihn?«

»Wohl drei Jahre.«

»Sie selbst haben ihn sich anmessen und anfertigen lassen?«

»Ja.«

»Haben Sie sich ihn mit Spitzen füttern lassen?«

»Nein. Sind das denn Spitzen?«

»Und was für welche! Höchst kostbare. Sehen Sie her!«

Er hielt ihm die Spitzen und die Laterne entgegen.

»Herrgott. Davon weiß ich nichts!« betheuerte Eduard.

»Das ist eine sehr kindische Ausrede!«

»Herr Staatsanwalt, ich kann tausend Eide ablegen, daß ich von diesen Spitzen keine Ahnung habe!«

»So, so! Sie haben nicht paschen wollen?«

»Nein!«

»Sie sind überhaupt kein Pascher?«

»Nein!«

»So haben Sie auch mit dem Pascherkönige nichts zu thun?«

»Nicht das Geringste!«

»Hm! Sie sind doch auch nicht der Pascherkönig selbst?«

»Das fällt mir gar nicht ein!«

»Und doch haben Sie gesagt, daß Sie der Waldkönig sind!«


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»Ich?« fragte Eduard, mehr erstaunt als erschrocken.

»Ja, Sie!«

»Das ist mir niemals eingefallen!«

»Ich kann es Ihnen beweisen!«

»Das ist unmöglich!«

»O, das ist im Gegentheile sehr leicht. Wollen Sie sich nicht einmal dieses Schreiben ansehen!«

Er erhob die Laterne und hielt dem Gefangenen den Brief, welchen Strauch erhalten hatte, vor das Gesicht. Trotz des unzureichenden Lichtes war zu sehen, daß Eduard erbleichte.

»Nun?« fragte der Anwalt. »Kennen Sie diesen Brief?«

»Ja,« stieß der Gefragte hervor.

»Wer hat ihn geschrieben?«

»Ich.«

»Und Sie haben sich als Waldkönig unterzeichnet!«

»Aber ich bin er nicht!«

»Das soll man Ihnen glauben? Machen Sie sich doch nicht lächerlich! Mit solchen Gefahren spielt man nicht!«

»Ich wollte Herrn Strauch erschrecken, daher wählte ich diese Unterschrift!«

»Ausrede! Man wird diese Sache genau untersuchen. Sie unterzeichnen sich als 'Waldkönig' sie fliehen vor den Grenzbeamten; man findet Spitzen bei Ihnen, welche zu verzollen sind - - Sie sind mein Gefangener!«

»Herr Staatsanwalt, ich muß mich fügen, aber Sie werden bald erkennen, daß ich unschuldig bin!«

»Die Wahrheit werde ich erkennen; darauf können Sie sich verlassen. Zunächst gehen Sie mit uns. Wir werden einmal so frei sein, Ihre Wohnung genau zu untersuchen.«

Das erschreckte Eduard.

»Ist das nothwendig, wirklich nothwendig, Herr Staatsanwalt?« fragte er.

»Ja. Erschrecken Sie etwa?«

»Gewiß. Ich erschrecke!«

»So fühlen Sie sich schuldig!«

»Nein; aber ich erschrecke um meiner Eltern willen. Sie sind alt und können den Tod davon tragen, wenn sie mich als Gefangenen sehen.«

»Haben Sie keine Sorge. Ich bin kein Unmensch. Ich werde Ihre Eltern vorbereiten, ehe Sie bei Ihnen eintreten.«

Der Zug setzte sich in Bewegung, Eduard in der Mitte.

Dieser schritt zwischen seinen Wächtern hin, ganz unbeschreibliche Gefühle im Herzen. Woher kamen die Spitzen? So fragte er sich. Er konnte sich keine Antwort geben. Er sann und sann, jedoch vergebens.

So gingen sie durch den Wald, erreichten das freie Feld und dann das Städtchen. Der Anwalt erkundigte sich nach Hausers Wohnung und ging vor-


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aus. Als er in den engen Flur trat, hatte man drinnen in der Stube das Abendessen beendet, und der Alte betete:

»An dem was wahrhaft glücklich macht,
Läßt Gott es Keinem fehlen.
Gesundheit, Ehre, Glück und Pracht
Sind nicht das Glück der Seelen.
Wer Gottes Rath
Vor Augen hat,
Dem wird ein gut Gewissen
Die Trübsal auch versüßen.«

Der Beamte hörte diese Worte. Die Stimme des Alten klang tief aus einem gläubigen Herzen. Es wurde dem Anwalte eigenthümlich zu Muthe. Sollte der Waldkönig wirklich der Sohn einer Familie sein, in welcher man so innig betete? So fragte er sich. Da hörte er weiter:

»Was ist des Lebens Herrlichkeit?
Wie bald ist sie verschwunden.
Was ist das Leiden dieser Zeit?
Wie bald ist's überwunden.
Hofft auf den Herrn!
Er hilft uns gern.
Seid fröhlich, Ihr Gerechten;
Der Herr hilft seinen Knechten!«

Der Anwalt schüttelte mit Gewalt die Rührung ab, welche er empfand, und klopfte an.

»Herein!« antwortete man von innen.

Er trat ein. Sein Blick fiel auf die alten, ehrwürdigen Leute und eine ganze Schaar von Kindern. Er bot einen guten Abend und näherte sich dem Tische, an welchem Vater und Mutter Hauser saßen. Diese Beiden erhoben sich, da sie sahen, daß sie es mit einem vornehmen Manne zu thun hatten.

»Kennen Sie mich vielleicht?« fragte er freundlich.

»Nein, lieber Herr,« antwortete Hauser. »Wir werden aber wohl erfahren, wer Sie sind.«

»Das werden Sie allerdings. Wissen Sie, was man unter einem Staatsanwalt zu verstehen hat?«

»Ja. Ein Staatsanwalt ist derjenige Herr, der bei einer Bestrafung die Anklage zu vertreten hat.«

»Richtig. Ein Staatsanwalt ist also der Beamte, welchen Verbrecher am Meisten zu fürchten haben.«

»Sie sind wohl ein Staatsanwalt?«

»Ja.«

Dabei sah der Gefragte die Alten scharf an, um zu beobachten, welchen Eindruck dieses Wort auf sie machen werde. Sie wurden keineswegs verlegen, Hauser frug vielmehr.

»Kommen Sie vielleicht von Amtswegen zu uns?«

»Ja, leider!«

»Wir haben nichts zu befürchten. Wir sind ehrliche Leute, Herr Anwalt.«


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»Das möchte ich gern glauben. Aber man hat mir gesagt, daß Sie es in einem Punkte mit der Ehrlichkeit denn doch nicht so genau nehmen.«

»Wollen Sie uns sagen, in welchem Punkte wir nicht ehrlich gewesen sind?«

Der Anwalt blickte ihn scharf an und sagte geradezu:

»Sie paschen!«

Frau Hauser schlug vor Schreck die Hände zusammen. Der Alte aber schüttelte lächelnd den Kopf und antwortete:

»Erschrick nicht, Mutter! Wer weiß, welcher unbeholfene Mensch sich einen solchen Spaß erlaubt hat!«

»O, es ist keineswegs ein Spaß,« sagte der Anwalt. »Ich will einmal von Ihnen nicht sprechen; aber Ihr Sohn - man zählt ihn zu den Schmugglern.«

»Meinen Eduard? Für den garantire ich wie für mich selbst!«

»Sagen Sie nicht zuviel! Wo ist er jetzt?«

»Nach Langenberg.«

»Was will er dort?«

»Er wird irgend Etwas zu besorgen haben.«

»Das heißt, er wird irgend etwas hinüber zu paschen haben!«

»O nein! Gewiß nicht!«

»Ganz gewiß! Man hat ihn unterwegs getroffen.«

»Aber nicht als Pascher!«

»Und doch! Man hat ihn sogar ergriffen.«

»Mein Gott! Aber ich bin überzeugt, daß man nichts bei ihm gefunden hat!«

»Sie irren sich. Man hat verbotenes Gut bei ihm gefunden.«

Hauser blickte seine Frau kopfschüttelnd an.

»Glaubst Du das, Mutter?« fragte er ruhig.

»Nimmermehr!«

»Ich auch nicht. Was ist's, was man bei ihm gefunden hat, Herr Staatsanwalt?«

»Kostbare Spitzen, im Futter seines Rockes verborgen.«

»Und das ist wahr, wirklich wahr?«

»Ja. Wäre es nicht wahr, so hätte er nicht nothwendig gehabt, uns entfliehen zu wollen.«

»So haben Sie ihn ergriffen und gefangen genommen?«

»Ja. Er steht draußen mit einer Bedeckung. Wir müssen hier aussuchen. Ich wollte Sie aber vorbereiten, damit Sie nicht erschrecken möchten.«

Mutter Hauser stieß einen halb unterdrückten Schrei aus und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Vater Hauser blieb ruhig. Er holte zwar tief, tief Atem, sagte dann aber:

»Ich danke Ihnen, daß Sie diese Aufmerksamkeit für uns alten Leute gehabt haben, Herr! Aber bringen Sie den Eduard getrost herein. Ich bin überzeugt, daß er unschuldig ist. Sollte ich mich aber dennoch und wider alles


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Erwarten irren, so werde ich ihm befehlen, ein offenes Geständniß abzulegen. Und mir wird er gehorchen. Darauf können Sie sich verlassen!«

Während Eduard mit seiner Bedeckung, bei welcher sich auch Fritz Seidelmann noch immer befand, draußen vor dem Hause stand, fühlte er oben am Arme einen stechenden Schmerz und zugleich bemerkte er, daß es ihm naß über die gefesselten Hände lief und tropfte.

»Ich muß verwundet sein!« sagte er.

Er erhielt keine Antwort. Da kam der Anwalt heraus und befahl, daß man eintreten solle. Zwei der Grenzer führten den Gefangenen in die Stube. Auch Seidelmann trat mit ein. Die Anderen blieben im Flur stehen.

»Herrgott!« schrie Mutter Hauser auf, als sie ihren Sohn erblickte. »Du blutest ja!«

Sie wollte zu ihm eilen. Ihr Mann hielt sie zurück und sagte ernst:

»Laß das, Mutter. Es ist besser, sein Leib verblutet als seine Seele. Eduard, komm her.«

Der Sohn trat nahe zu dem Vater heran.

»Hast Du gepascht?« fragte der Letztere.

»Nein!« antwortete Eduard.

»Aber man hat Spitzen bei Dir gefunden?«

»Ja.«

»Woher hast Du sie?«

»Ich habe nichts von ihnen gewußt. Sie stacken im Rockfutter. Ich weiß nicht, wie sie da hinein gekommen sind.«

Es war, als ob der Vater seinen Sohn mit dem Auge durchbohren wolle. Dann fragte er seine Frau:

»Glaubst Du ihm, Mutter?«

»Ja. Er ist kein Pascher.«

»Ich glaube auch, daß er unschuldig ist. Herr Staatsanwalt, untersuchen Sie diese Sachen mit aller Strenge! Gott wird es wollen, daß der Schuldige entdeckt werde.«

»Brennt Euch nur nicht weiß!« ertönte es da von der Ecke her, in welcher Fritz Seidelmann stand. »Er hat sich doch in seinem Briefe als Waldkönig unterschrieben.«

Vater Hauser richtete seinen Blick auf den Sprecher und sagte:

»Ah, Herr Seidelmann! Ich habe Sie ja gar nicht eintreten sehen! Sie sind auch dabei? Jedenfalls haben Sie die Anzeige gemacht! Nicht?«

»Ich brauche es nicht zu leugnen. Ich mußte ja meine Pflicht erfüllen.«

»Ja, in Beziehung auf Pflichterfüllung stehen Sie geradezu als beispiellos da.«

Und sich zu seinem Sohne wendend, fuhr er fort:

»Was ist es mit dem Briefe, Eduard? Du hast Dich also als Waldkönig unterschrieben?«

»Ja, Vater. Es fiel mir nichts Anderes ein. Fritz Seidelmann hatte die


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Engelchen zur Maskerade eingeladen. Ich kannte die Gefahr, die ihr dabei drohte; ich wollte sie beschützen; ich wollte dabei sein; es durfte aber ein Mitglied nur kommen. Darum schrieb ich als Waldkönig einen Brief an Herrn Strauch und verbot ihm, zur Maskerade zu gehen. Er ist zu Hause geblieben, und ich ging. Dadurch ist es mir gelungen, die Engelchen zu retten, sonst wäre es ihr ganz so ergangen wie des Schreibers Tochter, die nun unschuldig gefangen sitzt.«

»So also! So ist es gewesen! Eduard, das war eine große Unvorsichtigkeit. Aber ein Pascher bist Du nicht. Wir brauchen keine Angst um Dich zu haben. Herr Staatsanwalt, suchen Sie bei uns aus.«

Es war dem Beamten ganz so, als ob er dem alten Manne Glauben schenken müsse; aber er mußte seine Pflicht thun und gab Befehl, die Durchsuchung des Häuschens zu beginnen.

Während seine Leute sich mit den Laternen in die verschiedenen Räume zerstreuten, ertönte durch die Läden des Nachbarhauses eine laute, zornige Männerstimme bis auf die Gasse heraus. Hofmann zankte mit seiner Tochter. Er warf ihr ihren Ungehorsam vor und wollte sie zur Einwilligung zwingen, bei Seidelmanns in Dienst zu gehen.

Engelchen weigerte sich mit aller Bestimmtheit. Das regte ihn nur noch mehr auf.

»Liegt Dir vielleicht der Lump, der Hausers Eduard, im Sinn?« fragte er im drohenden Tone.

Sie antwortete unerschrocken:

»Der Eduard ist arm, aber kein Lump. Er meint es ehrlich mit mir, ehrlicher selbst, als mein Vater, der mich an den Seidelmann verschachern will.«

»Was höre ich? Was sagst Du da, Mädchen!« brüllte er. »Ah, Dich will ich schon gehorsam machen! Gleich morgen früh schaffe ich Dich zu Seidelmann!«

»Nur todt bringst Du mich hin.«

»So mußt Du aus dem Hause.«

»Ich werde gehen. Es wird sich auf der weiten Erde wohl ein Plätzchen für mich finden lassen.«

»So! Also so redest Du! Ich werde Dir zeigen, wo der Platz ist, an den Du gehörst.«

Der Streit hatte bereits längere Zeit gewährt. Frau Hofmann war nicht daheim, und so sah sich das Mädchen dem Zorne des aufgeregten Vaters ganz allein gegenüber. Die Wuth hatte jetzt den höchsten Grad erreicht. Hofmann erhob die Hand. Der wuchtige Schlag traf seine Tochter.

Engelchen stieß einen Schrei aus, riß die Thür auf und entfloh hinaus auf die Gasse. Wohin sollte sie? Drüben stand die Wohnung des Geliebten. Sie eilte hinüber.

In ihrer Aufregung bemerkte sie gar nicht, daß auch bei Hausers etwas Ungewöhnliches vorging. Sie öffnete die Stubenthür, erblickte Eduard, warf sich auf ihn, schlang die Arme um ihn und sagte:

»Eduard, Du mußt helfen. Ich bin vor dem Vater geflohen.«


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Noch während sie sprach, sah sie, daß er gefesselt war. Sie erblickte das Blut, welches an seinem Arme niederträufelte.

»Herrgott! Was ist mit Dir?« schrie sie auf.

»Ich bin Gefangener,« antwortete er, bitter lächelnd.

»Gefangener und verwundet? Weshalb?«

»Ich soll der Pascherkönig sein.«

»Wer sagt das?«

»Der dort hat mich angezeigt.«

Er nickte nach der Ecke hin, in welcher Fritz Seidelmann noch immer stand. Engelchen drehte sich um und erblickte diesen. Ihre Augen leuchteten in einer ungewöhnlichen Gluth.

»Der dort hat Dich angezeigt?« fragte sie.

»Und deshalb bist Du gefangen?«

»Ja.«

»Und deshalb hat man Dich verwundet?«

»Ja, Engelchen.«

»Herr, mein Gott. Und auch seinetwegen hat mich der Vater geschlagen und ich habe fliehen müssen.«

Ihre kleinen Hände ballten sich. Sie war aufgeregt und empört fast bis zur Unzurechnungsfähigkeit. Sie trat einen Schritt auf Seidelmann zu und sagte in zischendem Tone:

»Ungeheuer! Gewissenloser Mensch! Du, Du bist schuld an Allem! Weißt Du, was Dir gehört? Ich sollte hier das Gewehr nehmen und Dir eine Kugel durch den Kopf jagen!«

Ein Schuß krachte. Ein mehrstimmiger Schrei erscholl, in welchen auch Engelchen mit eingestimmt hatte; dann brach sie zusammen. Sie hatte in ihrem Grimme dem da stehenden Grenzer das Gewehr aus der Hand gerissen, den Hahn gespannt, auf Seidelmann angelegt und abgedrückt - das Werk nur eines einzigen Augenblickes.

Der Schuß rief natürlich alle im Hause zerstreuten Männer zusammen. Es entstand ein außerordentlicher Wirrwarr. Engelchen lag am Boden, und Eduard kniete mit gefesselten Händen neben ihr. Auch Seidelmann lag auf der Diele.

»Ist er todt?« fragte der Anwalt, der seine Ruhe am Allerersten wieder erlangte.

Man untersuchte ihn. Die Auskunft lautete:

»Nein, sondern nur besinnungslos. Er ist vor Schreck umgefallen. Der Lauf war mit Schroot geladen. Ein Korn ist ihm hier ins Ohr gedrungen, sonst aber ist die ganze Ladung hier in die Wand gegangen.«

»Man bespritze ihn mit kaltem Wasser und das Mädchen auch. Die Haussuchung wird fortgesetzt.«

Seidelmann kam eher zu sich, als Engelchen. Er erhob sich und griff sich an das Ohr.


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»Herr Staatsanwalt, haben Sie es gesehen?« rief er.

»Was?«

»Daß dieses Mädchen mich erschießen wollte?«

»Hm!«

»Ich bin hier am Ohre getroffen. Nur ein Wenig weiter zur Seite und ich wäre eine Leiche. Ich ersuche Sie, Ihre Pflicht zu thun!«

Der Beamte ließ seinen Blick eine ganze Weile lang ruhig im Kreise gehen. Dann sagte er kalt:

»Was meinen Sie mit dem, was Sie meine Pflicht nennen?«

»Ich verlange, daß die Mörderin arretirt werde.«

»Ah! Wirklich?«

»Ja. Sie muß arretirt und ganz exemplarisch bestraft werden. Darauf bestehe ich!«

»Schön! Haben Sie in dieser Angelegenheit vielleicht noch irgend welche Bemerkungen vorzubringen?«

»Nein.«

»Gut! So können wir für heute auf Ihre Gegenwart verzichten. Ich freue mich außerordentlich, daß Sie nur am Ohre gestreift wurden.«

Ob er sich wegen Seidelmann oder wegen Engelchen freue, das sagte er nicht. Der Erstere machte allerdings keine Miene, sich zu entfernen.

»Darf ich annehmen, daß Sie mich verstanden haben, Herr Seidelmann?« fragte der Anwalt.

»Ich soll gehen?«

»Ich wünsche es.«

»Aber ich kann doch vielleicht noch gebraucht werden.«

»Das steht nicht zu vermuthen. Sie dürfen wohl überzeugt sein, daß ich meine Pflicht auch dann thue, wenn Sie nicht mehr anwesend sind. Sobald ich Sie brauche, werde ich Sie ersuchen lassen, vor Amtsstelle zu erscheinen. Gute Nacht!«

Jetzt konnte er nicht anders; er mußte gehen. Und gerade jetzt schlug Engelchen die Augen auf. Sie sah das Gesicht des Geliebten ganz neben dem ihrigen.

»Eduard, lieber Eduard!« sagte sie. »Du bist wirklich gefangen?«

»Leider!« nickte er.

»Und - ich - ich - habe ich wirklich geschossen?«

»Ja, Engelchen.«

Da nahm ihr Gesichtchen den Ausdruck der höchsten Angst an. Sie wendete den Kopf nach der Seite, auf welcher Seidelmann gestanden hatte. Sie erblickte ihn nicht. Sie sprang mit einem Rucke empor und fragte entsetzt:

»Man hat ihn fortgeschafft? Ich habe ihn erschossen?«

»Nein, Engelchen,« sagte Eduard. »Ein einziges Schrootkörnchen hat ihn nur am Ohre gestreift. Er ist nach Hause.«

»Gott sei Dank, tausendmal Dank! Ich war so außer mir, ich wußte gar nicht, was ich that.«


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Sie setzte sich auf einen Stuhl und begann, bitterlich zu weinen. Mutter Hauser trat zu ihr, legte den Arm um sie, zog sie an sich und sagte:

»Sei still, mein Kind, und beruhige Dich! Unser Herrgott wird Alles zum Besten lenken.«

Der Anwalt betrachtete die Gruppe und sagte, ganz hörbar in der Absicht, zu beruhigen:

»So ist es recht! Mit Gottes Hilfe werden wir Klarheit in dieses Dunkel bringen. Dieser Seidelmann schein ein Spezialfeind von Ihnen zu sein?«

»Herr, ich sage nicht gern einem meiner Mitmenschen Uebles nach,« antwortete Vater Hauser; »aber hier haben Sie das rechte Wort getroffen: Spezialfeind.«

»Warum ist er das?«

»Wegen dieser da.«

Bei diesen Worten deutete er auf Engelchen.

»Bitte, erzählen Sie!«

Der Alte berichtete ihm Alles, was in letzter Zeit geschehen war. Der Beamte hörte still und überlegsam zu und sann dann ein Weilchen vor sich hin.

»Wo haben Sie des Nachts Ihren Rock?« fragte er dann Eduard.

»Ich pflege ihn hier auszuziehen und auch hier zu lassen.«

»Hm! Ist des Nachts Ihr Haus gut verschlossen?«

Vater Hauser antwortete:

»Herr Anwalt, wir sind arme Leute. Wer will uns etwas nehmen? Weswegen sollen wir schließen. Durch unsere Hinterthür kann ein Jeder in das Haus.«

»So, so! Auf diesen Umstand wird man zu achten haben. Ah, da kommen sie.«

Seine Leute kamen jetzt und meldeten, daß sich auch nicht das Allergeringste gefunden habe, was darauf schließen lasse, daß hier ein Schmuggler oder gar der Waldkönig wohne.

Es schien, als ob der Beamte das nun nicht anders erwartet habe. Er winkte den Seinen, die Stube zu verlassen, und wendete sich dann an Eduard.

»Ich will Ihnen gestehen, daß meine Meinung über Sie sich geändert hat. Aber leider bin ich nicht von meiner Meinung, sondern von meiner Pflicht abhängig.«

»Sie können mich nicht freigeben?«

»Nein.«

»Sie werden mich mit nach der Amtsstadt nehmen?«

»Ja. Ich muß Sie dort so lange interniren, bis wir uns das Vorhandensein der Spitzen erklären können!«

»Mein Gott! Wer soll das erklären? Da werde ich wohl ewig gefangen bleiben!«

»Denken Sie das nicht! Ihr Vater hat vorhin vom lieben Gott gesprochen, und zwar mit vollem Rechte. Ich bin überzeugt, daß wir sehr bald


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Klarheit erhalten werden. Vielleicht vermuthe ich bereits, von woher diese zu erwarten ist. Ich sichere Ihnen eine milde Behandlung zu.«

»Ist das auch mild?«

Dabei zeigte er seine Hände vor, welche zusammengebunden waren. Der Beamte antwortete:

»Ich war dazu gezwungen. Sie hatten ja einen Fluchtversuch gemacht. Leider muß das auch so bleiben, bis wir angekommen sind.«

»Aber darf man nicht wenigstens nach meiner Wunde sehen?«

»Gewiß! Dazu haben wir noch Zeit.«

»Komm her, Eduard!« sagte Engelchen geschwind. »Mutter mag mir Leinwand geben. Ich verbinde Dich!«

Sie stand von ihrem Stuhle auf.

»O, bitte, lassen Sie das ganz der Mutter über, Fräulein Hofmann!« sagte der Anwalt.

»Warum soll ich es nicht?«

»Haben Sie gehört, Leute, was Seidelmann von mir fordert? Er machte mich auf meine Pflicht aufmerksam. Und leider bin ich gezwungen, sie zu erfüllen.«

Engelchen blickte ihn ungewiß und fragend an.

»Sie haben geschossen, Fräulein,« bemerkte er.

»Mein Gott, ja! Ich wollte nicht! Ich wollte ihm nur sagen, was er werth sei.«

»Ich weiß das. Ich war ja selbst Zeuge des ganzen Auftrittes.«

»So wird man wohl denken, daß ich ihn wirklich habe todtschießen wollen?«

»Nein, das wird man nicht denken. Aber das Gesetz verlangt, daß dies bewiesen werde. Und dazu bedarf es vor allen Dingen Ihrer Gegenwart.«

»Ich werde gewiß kommen, sobald Sie mich bestellen!«

Der Anwalt konnte ein Lächeln doch nicht ganz unterdrücken.

»Wenn ich Sie nun gleich jetzt bestelle?« fragte er.

»Gleich jetzt soll ich mitgehen?«

»Ich möchte es wünschen.«

»Herr Jesus! Das wäre ja eine Arretur.«

»Allerdings. Sie werden mir diese scheinbare Härte verzeihen, Fräulein Hofmann.«

»O, ich sehe, daß Sie es nicht schlimm mit uns meinen, Herr Anwalt, aber, ist es denn wirklich nothwendig?«

»Ganz gewiß!«

»Aber warum denn? Ich werde nicht fliehen!«

»Das glaube ich Ihnen gern; aber das Gesetz bestimmt, daß man sich der Person eines Mörders bemächtige.«

»Eines Mörders? Das bin ich doch nicht.«

»Nein. Sie sind keine Mörderin. Aber wissen Sie, welches Verbrechens Seidelmann Sie anklagen wird?«


// 735 //

»Nein.«

»Des Mordversuches, allerwenigstens der Körperverletzung.«

»Mein Gott! Das wollte ich ja gar nicht.«

»Ich weiß das selbst am Allerbesten. Darum ist es am Vortheilhaftesten für Sie, wenn Sie sich mir anvertrauen.«

»Gott! Arretirt!«

Da sagte Eduard in beruhigendem Tone:

»Das ist doch keine Schande, Engelchen. Auch ich bin arretirt, und doch bin ich unschuldig. Wir gehen mit einander in das Gefängniß.«

Das erleichterte ihr die Sache.

»Mit einander! Du und ich!« sagte sie. »Gut! Ich habe von zu Hause fliehen müssen! Gehen wir in das Gefängniß!«

»So schnell doch nicht!« lächelte der Beamte. »Sie werden vorher doch noch einmal nach Hause gehen müssen.«

»Weshalb?«

»Ich werde Sie begleiten, während Herr Hauser sich hier verbinden läßt. Ihre Eltern müssen doch wissen, wo Sie sich befinden werden, und sodann gebe ich Ihnen den Rath, gewisse Kleinigkeiten mitzunehmen, ohne welche ein an Ordnung und Reinlichkeit gewöhnter Mensch selbst im Gefängnisse nicht zu bestehen vermag. Bitte, kommen Sie!«

Er ließ Eduard unter der Beaufsichtigung seiner Beamten zurück, gab draußen den Befehl, für die beiden Gefangenen einen Wagen zu requiriren, und begab sich sodann mit Engelchen in das Nachbarhaus.

Man hatte in der Nachbarschaft den Schuß gehört. Trotz der Kälte standen zahlreiche Menschen auf der Straße. Auch Hofmann stand vor seiner Thür, bei ihm mehrere Nachbarn, welche sich in Vermuthungen ergingen, warum bei Hausers Aussuchung gehalten werde.

Als er Engelchen kommen sah, sagte er zu ihr:

»Das ist Dein Glück! Packe Dich hinein in die Stube!«

Er beachtete in seinem Zorne ihren Begleiter gar nicht. Dieser fragte ihn:

»Darf ich mich mit hineinpacken?«

»Sie? Warum denn?«

»Weil ich für jetzt zu Ihrer Tochter gehöre.«

»Wer sind Sie denn?«

»Das werden Sie drinnen hören. Kommen Sie!«

Er faßte Hofmann beim Arme und zog ihn mit hinein. Als sie sich in der Stube befanden, sagte er:

»Ich bin der Staatsanwalt. Ich habe Ihre Tochter arretirt.«

Hofmann erschrak.

»Arre - tirt?« stieß er hervor.

»Ja.«

»Warum?«

»Weil Sie schuld sind. Ihr Kind wird wenigstens im Gefängnisse frei sein von den Gewaltthätigkeiten, die es zu Hause erleiden muß.«


// 736 //

»Gewaltthätigkeiten? Ich verstehe Sie nicht!«

»Sie werden mich verstehen lernen, sobald ich Sie vor die Gerichtsstelle citirt habe. Ich weiß Alles. Sie wollen Ihre Tochter zwingen zu einem Verhältniß, wovon ihr ein jeder anderer Vater abrathen würde. Ich nehme sie mit.«

»Herrgott! Hat sie denn etwas Unrechtes gethan?«

»Ja, aus Aufregung. Das Nähere werden Sie schon noch hören. Jetzt haben wir Anderes zu thun.«

Er nannte Engelchen die Gegenstände, deren sie bedürfen werde, und sie packte dieselben zusammen. Als sie damit fertig war, sagte sie, ohne ihm die Hand zu geben:

»Lebe wohl, Vater! Grüße mir die Mutter! Sie soll mich einmal im Gefängnisse besuchen.«

Es war ihm, als träume er. Er starrte den Beiden nach, ohne ein Wort zu sagen, ohne den Versuch zu machen, sie aufzuhalten. So stand er eine ganze lange Weile, bis er draußen Pferdegetrappel hörte. Da überkam ihn plötzlich eine große, große Angst.

Er raffte sich zusammen; er rannte hinaus. Er ließ die Thüre offen stehen und eilte hinüber zu Hausers. Dort im Hausflur horchte er. Er hörte nichts, als die Stimme des Alten:

»Will mich des Schicksals Schwere drücken,
     Blitzt auf mich des Gesetzes Weh,
Droht Straf' und Hölle meinem Rücken,
     So steig ich gläubig in die Höh
Und flieh in Deine heilgen Wunden;
     Da hab ich gleich den Ort gefunden,
Wo mich kein Fluchstrahl treffen kann,
     Tritt Alles wider mich zusammen,
Du bist mein Heil; wer will verdammen?
     Die Liebe nimmt sich meiner an!«

Das klang nach Hausers Gewohnheiten so alltäglich, so gewöhnlich, als ob gar nichts geschehen sei. Hofmann klopfte an, öffnete die Thür und trat ein. Bei seinem Gruße blickten die Anwesenden auf.

»Habt Ihr mein Engelchen gesehen?« fragte er.

»Ja, Nachbar,« antwortete Hauser.

»Wo ist sie?«

»Fort.«

»Also doch, doch! Wohin?«

»Weißt Du das nicht?«

»Ich habs nicht geglaubt.«

»In das Gefängniß.«

»Herrgott! Also ist es doch wahr! Welch eine Schande!«

»Meinst Du? Wenn es wirklich eine Schande ist, so frage Dich, wer die Schuld daran trägt.«

»Wer denn? Etwa ich?«

»Kein Anderer!«


// 737 //

»Was hat sie denn gethan?«

»Auf Fritz Seidelmann geschossen, weil Du sie ihm mit aller Gewalt an den Hals werfen willst.«

»Auf - ihn - geschossen!« stieß er hervor. »Womit denn?«

»Mit einem Gewehr natürlich.«

»Ist er todt?«

»Nein. Sie hat ihm glücklicher Weise nur das Ohr geritzt.«

»Aber, was gab es denn vorher hier bei Euch? Warum waren sie denn bei Euch?«

»Willst Du das wirklich wissen, Nachbar?«

»Ja.«

»So gehe zu Fritz Seidelmann, Deinem Freunde und Vertrauten, der mag es Dir sagen. Für Dich giebt es hier bei uns heute keinen Platz.«

»Hauser! Was fällt Dir ein?«

»Ganz dasselbe, was vorher Dir einfiel: Wir passen nicht mehr zusammen. Gehe! Gehe hinaus!«

Er faßte den Nachbar beim Arme und führte ihn hinaus bis vor die Hausthür. Dieser ließ es sich ganz ruhig gefallen. Als Hauser wieder in die Stube trat, fragte seine Frau:

»Aber Vater! Du steckst ihn hinaus? Das ist sonst ja ganz und gar nicht Deine Art und Weise?«

»Es ist sie auch jetzt noch nicht.«

»Warum thust Du es denn?«

»Ihm zu Liebe. Er wird in sich gehen. Wenn er allein zu Hause sitzt, mag er mit seinem Hochmuthe abrechnen. Uns aber hat er gestört. Laßt uns den nächsten Vers unseres Liedes lesen.«

»Führst Du mich in des Kreuzes Wüsten,
     Ich folg' und lehne mich auf Dich.
Du nährest aus den Wolkenbrüsten,
     Du labest aus dem Felsen mich.
Ich traue Deinen Wunder-Wegen;
     Sie enden sich in Lieb und Segen;
Genug, wenn ich Dich bei mir hab!
     Ich weiß: Wen Du willst herrlich zieren
Und über Sonn' und Sterne führen,
     Den führest Du zuvor hinab!« -

Der alte Förster Wunderlich hatte, seit Eduard von ihm gegangen war, gar keine Ruhe gefunden. Er war ein gar sorgsamer und bedenklicher alter Herr, dem gar leicht Etwas im Kopfe herum gehen konnte, was ein Anderer vielleicht gar nicht beachtet hätte. Darum fühlte er sich erleichtert, als endlich Arndt nach Hause kam.

»Sie wurden gesucht, Herr Vetter,« sagte er.

»Von wem?«

»Von Eduard Hauser.«

»Was wollte er?«


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»Er rückte gar nicht mit der Sprache heraus. Es schien also etwas Geheimnißvolles zu sein.«

»Machten Sie ihn darauf aufmerksam, daß Sie beauftragt sind, Wichtiges entgegen zu nehmen, wenn ich nicht da bin?«

»Ja.«

»Und er sagte dennoch nichts?«

»Kein Wort! Um so wichtiger muß also die Sache sein, da er sie nicht einmal mir anvertraut.«

»Will er heute wiederkommen?«

»Nein; erst morgen früh. Für heute schien er außerordentlich viel beschäftigt zu sein.«

»Hm! Es ist möglich, daß Etwas gewesen ist, wobei er eigentlich meiner Gegenwart bedarf. Ich werde ihn suchen.«

»Aber wo?«

»Zunächst bei seinen Eltern.«

»Und wenn er nicht da ist?«

»So giebt es einige Orte, gewisse Beobachtungspunkte, an denen ich ihn wohl treffen werde.«

Er ging - ganz als Vetter Arndt gekleidet. Im Städtchen angekommen, bemerkte er nichts von dem Geschehenen. Als er in Hauser's Hausflur trat, hörte er gerade die letzten Worte:

»Den führest Du zuvor hinab.«

»Sie beten! Fromme Leute!« dachte er.

Dann klopfte er laut an und trat auf den von innen erfolgten Ruf in die Stube.

»Guten Abend!« grüßte er nach dortiger Sitte.

»Guten Abend!« dankte Hauser. »Willkommen! Wollen Sie sich hier niedersetzen? Wenig Platz, der Kinder wegen; aber - viele Kinder, viele Freude!«

»Das ist wahr,« antwortete Arndt, indem er sich setzte. »Ich suche Ihren Sohn!«

»Den Eduard?«

»Ja.«

»Der ist leider nicht zu Hause.«

»Wissen Sie nicht, wo ich ihn treffen könnte?«

»Das weiß ich wohl, glaube aber nicht, daß es Ihnen viel nützen würde, es zu erfahren. Darf ich wissen, wer Sie sind?«

»Gewiß. Ich bin der Vetter Arndt draußen beim Förster Wunderlich.«

»Der Vetter Arndt? Gott sei Dank! Siehst Du Mutter, schickt uns da der liebe Gott nicht gleich Jemand, den wir brauchen?«

»Sie brauchen mich?«

»Höchst wahrscheinlich, Herr Arndt. Erst heute sprach mein Sohn von Ihnen. Er sagte, daß wir uns an Sie wenden sollten, wenn wir einmal in seiner Abwesenheit eines Rathes bedürften.«


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»Das hat er recht gemacht! Und jetzt also scheint es, daß Sie eines Rathes bedürfen?«

»Ja, sogar sehr nothwendig.«

»Nun, ich stehe gern zur Verfügung und wünsche nur, daß mein Rath Ihnen Nutzen bringen möge!«

»Herr, Ihr Rath wird schon nützlich sein. Sie haben meinem Sohne erlaubt, mir Einiges mitzutheilen. Ich weiß also, daß ich einen braven Mann vor mir habe, dem wir zu sehr großem Dank verpflichtet sind. Und ebenso bin ich überzeugt, daß wir Ihre Theilnahme finden werden. Unser Eduard ist nämlich arretirt.«

Arndt horchte auf.

»Arretirt?« fragte er, als ob er glaube, nicht richtig gehört zu haben.

»Ja. Arretirt.«

»Warum?«

»Als Pascher.«

»Das ist nicht möglich!«

»O doch! Man hat ihn sogar für den Pascherkönig gehalten!«

»Aus welchem Grunde?«

»Man hat einen Brief entdeckt, den er unvorsichtiger Weise an den Kaufmann Strauch geschrieben hat.«

»Ah! Dachte es mir doch sogleich.«

»Wie? Sie wissen von dem Briefe?«

»Eduard hat es mir selbst gesagt.«

»O, warum haben Sie ihn nicht gewarnt?«

»Weil es zu spät war; er hatte den Brief ja bereits abgeschickt.«

»Und Sie wissen auch, wozu er ihn geschrieben hat?«

»Ja.«

»Nun, das entschuldigt ihn. Er hat übrigens seinen Zweck erreicht. Die Engelchen ist zu Verstande gekommen und mag von dem Seidelmann nichts wissen.«

»Das freut mich. Aber auf diesen Brief hin hat man ihn doch nicht im Walde aufgegriffen?«

»Nein, sondern weil man Paschwaare bei ihm gefunden hat.«

»Paschwaare? Er war doch kein Pascher!«

»Nein. Davon sind auch wir überzeugt. Er selbst hat gar nichts davon gewußt; aber als er ausgesucht worden ist, hat man die Waare doch bei ihm gefunden.«

»In seiner Tasche?«

»Nein, sondern im Rockfutter.«

Arndt horchte auf.

»Im Rockfutter?« fragte er. »Welche Waare war es?«

»Spitzen.«

»Alle Wetter! Spitzen!«

»Ja, Spitzen. Woher aber soll Eduard diese theuren Spitzen bekommen


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haben! Es ist Unsinn. Es giebt ein Geheimniß, welches man erst ergründen muß.«

»So hat man ihn also ergriffen und arretirt?«

»Ergriffen, arretirt und hierher geschafft.«

»Warum hierher?«

»Um auch bei uns auszusuchen. Man hat freilich nichts gefunden.«

»Wie aber kommt es, daß man gerade Eduard's Rockfutter so genau untersucht hat?«

»Daran ist Fritz Seidelmann schuld.«

Wieder hob Arndt schnell den Kopf in die Höhe und fragte in erregtem Tone.

»Fritz Seidelmann? Hat etwa der die Anzeige gemacht?«

»Wer sonst? Und als sie im Walde bei Eduard die Taschen durchsuchten, ohne etwas zu finden, hat er gemeint, sie sollten nur im Rockfutter nachsehen.«

»Hm!« brummte Arndt höchst nachdenklich.

»Ja, so ist es. Eduard erzählte es, als wir ihm zuletzt den Arm verbanden.«

»Was! Er ist doch nicht etwa verwundet?«

»Doch! Sie haben ja auf ihn geschossen.«

»Ist's gefährlich?«

»Nein, Gott sei Dank! Nur eine Streifwunde.«

»Aber haben Sie eine Ahnung, was er eigentlich im Walde gewollt hat?«

»Er kam am Spätnachmittage, um mir zu sagen, daß er hinüber nach Langenberg müsse.«

»Das ist doch über der Grenze drüben!«

»Allerdings. Er sagte mir nicht, was er drüben wolle. Heute Abend jedoch, als wir ihm den Verband anlegten, sagte er, daß er im Gasthofe zum grauen Wolf in der Amtsstadt einen Herrn getroffen hätte, für den er ein Packet Schriften nach Langenberg habe schaffen müssen. Wir sollen Ihnen sagen, daß dieser Herr der Fürst des Elendes gewesen sei.«

»Schwindel!«

»Oder wenigstens ein Beauftragter von ihm.«

»Auch das nicht.«

»Wie können Sie das wissen?«

»Das erkläre ich Ihnen später einmal. Ihr Sohn ist in die Hände eines Schwindlers gefallen oder wohl gar in die Hände eines Feindes, der ihn verderben will.«

»Das konnten wir uns denken. Wir werden Gott bitten, ihn unter seinen Schutz zu nehmen.«

»Ihr Gebet ist bereits erhört.«

»Wie? Was sagen Sie?«

»Daß Sie keine Sorge um Eduard zu haben brauchen. Seine Gefangenschaft wird eine sehr kurze sein.«


// 741 //

»Welche Freude, wenn das wahr wäre!«

»Es ist wahr. Ihr Sohn ist unschuldig. Es hat sich Einer hier eingeschlichen und ihm die Spitzen heimlicher Weise in den Rock genäht.«

»Wer will das beweisen?«

»Der Fürst des Elendes.«

»Ah! Wissen auch Sie von diesem?«

»Ja. Ich bin einer seiner Diener. Das ist es, was ich Ihnen vorhin mitzutheilen versprach. Doch bitte ich, das als ein tiefes Geheimniß zu betrachten!«

»Was Sie uns hier sagen, das bleibt so verschwiegen, als ob Sie es gar nicht gesagt hätten, Herr Arndt. Also ein Diener des Fürsten sind Sie! O, nun ist es mir um Eduard nicht bange!«

»Wieso?«

»Er bezeichnete Sie als seinen Freund. Er hatte in letzter Zeit gewisse Heimlichkeiten, die er nur für sich behielt. Das machte mir eigentlich Sorge. Nun ich aber höre, daß er mit Ihnen verkehrt hat, so nehme ich an, daß er auch im Dienste des Fürsten des Elendes gestanden hat.«

»Sie rathen ganz richtig. - Ja, ich will es Ihnen gestehen, um Sie über das Schicksal Ihres Sohnes vollständig zu beruhigen. Aber ich muß da nochmals um die größte Verschwiegenheit bitten!«

»Keine Sorge! Es wird uns kein Mensch dieses Geheimniß entreißen können. Also, Sie meinen, daß ihm Jemand die Spitzen in den Rock practizirt hat? Wer mag es gewesen sein?«

»Ahnen Sie es nicht?«

»Hm! Ich hätte so eine kleine Ahnung! Vielleicht Seidelmann selbst?«

»Warum dieser?«

»Weil er es seit einiger Zeit auf unser Verderben abgesehen hat.«

»Auch hier ist Ihre Ahnung richtig.«

»Wie? Er ist es also gewesen?«

»Ja. Er ist dabei beobachtet worden.«

»Von wem?«

»Vom Fürsten des Elendes.«

»Gott sei Dank! So ist Eduard allerdings gerettet.«

»Ganz gewiß; aber freilich nur in dem Falle, daß Sie das, was wir jetzt sprechen, nur für sich behalten, damit Seidelmann nichts erfährt. Er könnte sich vorbereiten.«

»Wird uns nicht einfallen! Also um Eduard ist es uns nicht mehr angst, desto mehr aber um das gute Engelchen.«

»Um die? Was ist mit ihr?«

»Sie ist auch mit gefangen.«

»Was Sie sagen! Weshalb?«

»Als Mörderin. Sie hat auf Fritz Seidelmann geschossen, und zwar heute Abend, hier in meiner Stube.«

»War Seidelmann denn mit hier?«


// 742 //

»Ja. Er ist mit dem Staatsanwalt und den Gensdarmen und Grenzern im Walde gewesen, um Eduard zu fangen, und sodann kam er mit herein, um sich Alles so recht in Gemüthlichkeit mit anzusehen.«

»Welch' eine unerhörte Frechheit!«

»Während man hier bei uns aussuchte, hatte sich Engelchen mit ihrem Vater gezankt. Er war wegen des gestrigen Abends wüthend auf sie. Er verlangte, daß sie bereits morgen bei Seidelmanns in Dienst treten solle -«

»Wie verblendet!«

»Freilich! Und als sie nicht wollte, hat er sie geschlagen.«

»Das arme Mädchen!«

»Sie ist natürlich ganz außer sich gewesen und drüben ihrem Vater entflohen. Sie kam herüber zu uns. Sie sah unsern Eduard gefesselt und von Blut überströmt; sie sah diesen Seidelmann, der die Schuld an Allem trug, und da ging ihr der Grimm mit dem Verstande fort. Sie riß einem der Grenzer das Gewehr aus der Hand - -«

»Und schoß auf Seidelmann?« fiel Arndt ein.

»Sie wollte nicht. Sie sagte nur, daß sie ihm zeigen wolle, was ihm eigentlich gehöre. Da aber ging der Schuß doch los. Was versteht so ein Mädchen von einer Flinte!«

»Wurde er verwundet?«

»Ein Schrotkorn streifte ihn am Ohre.«

»Das ist ein großes Glück.«

»Aber doch fiel der Hasenfuß vor Schreck in Ohnmacht!«

»Was geschah dann?«

»Als er wieder zu sich kam, verlangte er vom Staatsanwalt, daß Engelchen arretirt und auf das Allerstrengste bestraft werde.«

»Die Arretur war selbstverständlich. Was aber die Strafe anbelangt, so werden die Herren Richter diesem Seidelmann wohl nicht den Gefallen thun, allzu blutdürstig zu sein.«

»Das sah man bereits dem Herrn Staatsanwalt an.«

»Wieso?«

»Er schien erst an Eduard's Schuld geglaubt zu haben; aber sein Verhalten änderte sich zusehends, und zuletzt war es gar nicht, als ob er zwei Gefangene mit sich nehme.«

»So sind Beide mit einander fort? Ah! Wäre ich zugegen gewesen! Die Sache hätte wohl eine noch andere Wendung genommen. War der hiesige Gensd'arm mit dabei?«

»Ja.«

»Das ist mir lieb. Es steht da zu vermuthen, daß er sich jetzt ausruht und zu Hause befindet.«

»Wollen Sie zu ihm?«

»Ja, und zwar im Interesse Ihres Sohnes. Ich möchte da nicht gern Zeit verlieren.«

Er erhob sich und reichte Vater Hauser die Hand. Dieser sagte:


// 743 //

»Haben Sie herzlichen Dank, Herr Arndt. Ihr Besuch hat mich nun vollends erleichtert. Ich weiß jetzt gewiß, daß Eduard bald wiederkommen wird.«

»Der Fürst des Elendes wird das Seinige thun.«

»Ich bin es überzeugt; denn was dieser einmal in die Hand nimmt, das wird beim richtigen Zipfel angefaßt. Wann werden wir Sie wiedersehen?«

»Vielleicht sehr bald, wenn ich Ihnen eine frohe Kunde bringe. Für heute aber, gute Nacht!«

Er ging, und der Weber begleitete ihn bis vor die Thüre. Als Arndt dann eine Strecke weit die Gasse hinauf gekommen war, trat er hinter die Ecke eines Hauses, griff in die Tasche und zog die Perrücke und den falschen Bart hervor. In Zeit von kaum zwei Minuten stand er da als die Person, welche am Sonntage beim Pfarrer gewesen war.

Nun begab er sich nach der Wohnung des Gensd'armen, die er bei Gelegenheit erfahren hatte. Die Fenster derselben waren erleuchtet; es stand also zu vermuthen, daß der Mann zu Hause sei. Das erwies sich als richtig, denn der Gensd'arm öffnete selbst, als Arndt klopfte. Er sah einen ihm fremden Menschen vor sich und fragte:

»Was wollen Sie?«

»Ihre Hilfe,« antwortete Arndt ebenso kurz.

»In welcher Angelegenheit?«

»Zunächst möchte ich Sie bitten, sich einmal mit mir gefälligst zum Herrn Pfarrer zu bemühen.«

»Warum?«

»Weil ich auch dieses Herrn bedarf.«

»Wer sind Sie?«

»Haben Sie die Güte, das erst beim Pfarrer zu erfahren.«

»Sapperment, thun Sie geheimnißvoll!«

»Es ist nur, weil man nicht gern Ein- und Dasselbe zweimal sagt. Was ich Ihnen hier mittheile, muß ich beim Herrn Pfarrer wiederholen.«

»Gilt es einen Ausgang außerhalb der Stadt?«

»Ja. Sie können einen warmen Mantel anlegen.«

»Auch Waffen?«

»Das wird nicht nothwendig sein.«

»Ich werde mich doch vorsehen. Besser ist besser! Jetzt bin ich bereit. Kommen Sie!«

Der Pfarrer saß an seinem Studirtische und las. Er vermuthete nicht, heute noch Besuch zu bekommen, und war daher einigermaßen verwundert, als ihm der Gensd'arm und ein fremder Mann gemeldet wurden.

Der Gensd'arm trat natürlich zuerst ein. Er hielt seinen Begleiter für irgend einen armen Arbeiter oder Landbewohner.

»Verzeihung, Herr Pfarrer, daß wir zu dieser späten Stunde noch stören!« sagte er. »Aber dieser Mann hier kam zu mir, und forderte mich auf, mit ihm -«

Er wurde von einem Rufe des Erstaunens unterbrochen, den der Pfarrer


// 744 //

ausstieß. Dieser hatte seinen mildthätigen Besuch vom vorigen Sonntag erkannt.

»Welche Ueberraschung! Der Fürst des Elendes!«

Der Gensd'arm öffnete den Mund und blickte abwechselnd auf den Geistlichen und auf den Mann, mit dem er gekommen war.

»Der Fürst des Elendes?« fragte er.

»Ja.«

»Wo denn?«

»Nun hier, da neben Ihnen!«

»Dieser da?«

Dabei deutete er auf seinen Nachbar. Dieser nickte ihm lächelnd zu und sagte:

»Ja, es ist schon so; ich bin der Fürst des Elendes, und Sie sind also der Mühe entledigt, mich dem Herrn Pfarrer vorzustellen.«

»Nein, nein; wir kennen uns bereits!« bestätigte der Geistliche. »Bitte, mein hochverehrtester Herr! Darf ich Sie ersuchen, Platz zu nehmen?«

Als sich die Herren gesetzt hatten, fragte der Pfarrer dann:

»Ich nehme an, daß Sie kommen, um zu hören, wie ich Ihren Bestimmungen nachgekommen bin?«

»O nein, Hochwürden! Ich komme heute in einer ganz anderen Angelegenheit. Haben Sie gehört, daß Eduard Hauser eingezogen worden ist?«

»Ja. Es war mir geradezu unglaublich.«

»Und auch, daß man Angelika Hofmann arretirt hat?«

»Leider! Das arme Mädchen hat in der höchsten Aufregung gehandelt. Ich hoffe, man wird sie für momentan unzurechnungsfähig erklären.«

»Ich bin überzeugt, daß man dies thun wird. Ich belästige Sie heute vorzugsweise Hauser's wegen.«

»Meinen Sie, daß ich Etwas für ihn thun kann?«

»Ganz gewiß. Er ist unschuldig.«

»Das nun wohl nicht?« fiel der Gensd'arm ein, der bisher geschwiegen hatte und es nun an der Zeit hielt, auch ein Wort zu sagen.

»Meinen Sie?« fragte Arndt.

»Wie kann er unschuldig sein?«

»Warum wohl nicht?«

»Man hat ja die Spitzen bei ihm gefunden, mag er auch den Brief aus anderen Gründen geschrieben haben.«

»Und dennoch irren Sie sich. Er ist unschuldig.«

»Wir von der Polizei glauben das nicht.«

»Mein Lieber, wenn der Fürst des Elendes Ihnen sagt, daß Jemand unschuldig sei, so können Sie es getrost glauben; denn er ist auch Einer von der Polizei. Hier, überzeugen Sie sich gefälligst.«

Er gab ihm seine Karte hin. Der Gensd'arm las dieselbe und sagte in aufrichtiger Ueberraschung:

»Alle Wetter! Das hätte ich nicht gedacht!«



Ende der einunddreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk