Lieferung 35

Karl May

11. April 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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bemerken konnte, mit den Fingern die Bewegung des Geldzählens. Ihr Mann nickte ihr beistimmend zu und sagte:

»Du siehst also, daß wir für die nächste Zeit keine Sorge zu haben brauchen. Ich habe so sehr viel Geld nicht einmal nöthig. Zwanzig Gulden kann ich ganz gut entbehren. Wenn Du sie brauchst, kannst Du sie haben.«

Das electrisirte den Musterzeichner. Er sprang von seinem Stuhle auf, blickte die Beiden mit blitzenden Augen an und fragte in freudigstem Tone:

»Ist's wahr?«

»Gern!«

»Und auch Du, Schwägerin?«

»O,« antwortete sie; »ich habe nichts dagegen!«

»Wirklich nicht? Wirklich?«

»Nein. Ich habe dem Manne ja erst zugewinkt, daß er Dir es anbieten soll!«

»Ha, Ihr seid gut! Und das werde ich Euch niemals vergessen. Nun kann ich Athem holen! Nun ist mir leicht. Meine armen Leute können essen und trinken, und auch die Medicin sollen sie haben. Ich bin wie neugeboren. Es ist geradeso, als ob mir Engel geholfen hätten.«

»Na, na,« lächelte die Müllerin. »Wir sind nur Menschen, und noch dazu mit Dir verwandt. Da ist es ja unsere Pflicht, zuzugreifen, wenn es möglich ist!«

»Das ist wieder ein Beweis, was für eine gute Schwägerin ich habe! Aber, laßt mich gehen, Ihr Leute! Daheim sitzen und liegen sie im Elende. Ich darf sie keine Secunde länger in Sorgen lassen, als es unbedingt nothwendig ist!«

Da machte der Müller eine abwehrende Handbewegung, deutete auf den Stuhl, von welchem sein Bruder aufgestanden war, und sagte:

»Warte noch eine kleine Weile! So schlimm es zu Hause bei Dir aussehen mag, haben sie es so lange Zeit getragen, können sie es auch noch eine Viertelstunde aushalten. Ich muß Dir nämlich Etwas erzählen und Dich dann um Deinen Rath fragen. Ich möchte gern hören, was Du zu der Sache sagst.«

»Ja, das sagtest Du bereits vorhin, und in meiner Freude dachte ich nicht mehr daran. Was ist es denn?«

Er setzte sich wieder nieder. Der Müller kratzte sich verlegen in den Haaren und wendete sich an seine Frau:

»Na, Pauline, wie soll ich denn anfangen? Es ist das doch eine sehr bedenkliche und fatale Geschichte!«

»Erzähle es ganz so in der Reihe, wie es geschehen ist,« rieth sie ihm.

»Das geht nicht, absolut nicht! So eine Sache will ganz apart angegriffen sein.«

»Ach, warum denn? Er ist ja Dein Bruder! Ihm wirst Du doch Vertrauen schenken!«

»Das wohl! Aber, hol's der Teufel, ich finde trotzdem den richtigen Anfang nicht!«


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»Ist es denn gar so bedenklich?« fragte Wilhelmi.

»Das versteht sich!«

»Was betrifft es denn?«

»Hm! Ein Geschäft.«

»Mit wem?«

»Mit - hm! - - na, heraus damit: Mit dem Waldkönig.«

»Mit dem Waldkönige?« rief der Musterzeichner.

Dieses Wort hatte auf ihn einen eigenthümlichen Eindruck gemacht. Er war von seinem Stuhle empor geschnellt, und sein Gesicht war nicht nur blaß, sondern geradezu leichenfahl geworden.

»Herrjesses, wie der Kerl erschrickt!« sagte der Müller. »Pauline, sieh' Dir ihn doch einmal an!«

»Es ist auch zum Erschrecken,« antwortete sie. »Wer mag sich an den Waldkönig binden!«

Wilhelmi hatte sich von seinem Schreck erholt. Er ließ sich langsam wieder auf den Stuhl niedersinken und sagte:

»Hat er Dir einen Boten gesandt?«

»Nein.«

»So ist er selbst gekommen?«

»Ja.«

»Und Du hast mit ihm gesprochen?«

»Mit ihm selbst.«

»Wann ist das gewesen?«

»Am Montag des Abends.«

»Erzähle es mir!«

»Nun, Du weißt, daß meine Frau und die Försterin Wunderlich gut zusammenhalten. Am Montag Abend ging Pauline nach dem Forsthause, um die Freundin zu besuchen. Ich blieb ganz allein bis vielleicht eine Stunde vor Mitternacht. Da klopfte es an den Laden. Ich dachte daß es meine Frau wäre, und wunderte mich darüber, da sie doch ganz leicht und ohne meine Hilfe durch die Hinterthür herein könne. Aber als ich vorn die Thür aufmachte, trat eine Mannsperson herein.«

»Das war der Waldkönig?«

»Ja.«

»Wie sah er aus?«

»Zuerst sah ich es nicht, denn er war sehr schnell hereingetreten, und ich hatte kein Licht im Hausflur.«

»Sind Sie allein?« fragte er mich.

»Ja,« antwortete ich.

»Ich habe gesehen, daß Ihre Frau beim Förster ist. Darum komme ich. Ich habe mit Ihnen zu reden. Kommen Sie herein in die Stube!«

»Er ging voran, und ich folgte ihm. Da stand er denn gerade so da, wie er gewöhnlich beschrieben wird.«

»Wie denn?« fragte der Musterzeichner.


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»Schaftstiefeln mit den Hosen drin, kurze Jacke und Hut.«

»Ueber dem Gesicht eine schwarze Maske?«

»Ja.«

»Was hatte er für eine Stimme?«

»Das kann ich wirklich nicht sagen. Sie klang ganz hohl unter der Larve hervor.«

»Was wollte er denn? Ich platze fast vor Begierde. Ich ahne es nämlich bereits.«

»Nein, Du kannst es nicht ahnen.«

»O doch!«

»Ganz unmöglich. Es ist etwas ganz Sonderbares, was er von mir verlangte.«

»Sonderbar? Nun, so ist meine Vermuthung richtig.«

»Du müßtest allwissend sein, um es zu wissen.«

»Nun, so will ich es Dir sagen: Er wollte etwas von Dir pachten oder miethen?«

»Wahrhaftig, Du hast es errathen! Aber was?«

»Den hinteren Keller.«

Da blickte der Müller seinen Bruder in unverhohlenem Erstaunen an, schlug mit der Faust auf den Tisch und rief:

»Auch das ist richtig! Kerl, wie kannst Du das wissen?«

»Ich werde Dir es nachher sagen. Bist Du den Handel eingegangen?«

»Ja.«

»O weh! Warum hast Du das gethan!«

»Konnte ich anders? Denkst Du etwa, daß er mich groß gefragt oder gebeten hat?«

»Nun, fragen hat er Dich doch müssen!«

»Das ist ihm gar nicht eingefallen. Er hat gesagt, daß er der Waldkönig ist und meinen Keller braucht. Er hat verlangt, daß ich ihm denselben abtrete, und mir dreihundert Gulden Pacht dafür geboten.«

»Jährlich?«

»Natürlich! Er hat mir auch sogleich die Hälfte angezahlt.«

»Was! So ist das Geld, welches Du mir borgen willst, vom Waldkönig?«

»Nein, sondern von Seidelmann.«

»Aber weißt Du denn, in welche Gefahr Du Dich da begeben hast?«

»Sie ist nicht groß.«

»Er wird Deinen Keller als Pascherniederlage benutzen wollen. Das ist doch klar!«

»O nein. Das ist ja eben das ganz und gar Eigenthümliche und Unbegreifliche! Er zahlt mir jährlich dreihundert Gulden dafür, daß er meinen Keller zuschütten darf. Später, wenn unser Uebereinkommen abgelaufen ist, kann ich ihn mir wieder ausgraben lassen.«

Der Musterzeichner stieß einen leisen Pfiff zwischen den Zähnen hervor und sagte:


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»Das begreife allerdings auch ich nicht. Ich denke mir nur, daß er Dich täuschen wird!«

»Nein. Er schüttet den Keller zu.«

»Durch wen?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe ihn bis übermorgen zu räumen und dann den Schlüssel stecken zu lassen. In vierzehn Tagen erhalte ich den Schlüssel wieder, um mich zu überzeugen, daß der Keller wirklich zugeschüttet ist.«

»Und wer erhält dann den Schlüssel?«

»Ich behalte ihn. Du siehst also, daß ich mich keineswegs in Gefahr befinde.«

Der Musterzeichner schüttelte langsam den Kopf und sagte:

»Ich halte da mein Urtheil noch zurück, werde es Dir aber nach einiger Zeit sagen. Ich will mich erkundigen.«

»Du? Erkundigen? Bei wem? Wer wird Dir denn Auskunft über solche Heimlichkeiten des Waldkönigs geben können!«

»Er selbst.«

»Was? Er selbst? Bist Du des Teufels?«

»Kann ich nicht auch mit ihm zusammentreffen, gerade so wie Du. Er kann ja auch mit mir Geschäfte haben.«

Der Müller starrte ihn eine Weile an und sagte dann:

»Mensch, Du bist ein Pascher!«

»Warum?«

»Weil Du mit dem Waldkönige zu thun hast!«

»Pah! Das ist kein Grund, das zu denken, denn dann wärst Du ja auch ein Pascher. Wenn der Waldkönig von Einem etwas verlangt, so muß man gehorchen, sonst ist man des Lebens nicht mehr sicher - - -«

»Ja. Er hat mir auch gedroht.«

»Das kann ich mir denken! Jetzt, Schwägerin, will ich Dir sagen, daß Du noch keine Angst zu haben brauchst. Wir werden in einigen Tagen darüber sprechen. Von Vortheil scheint die Sache für Euch zu sein!«

»Das ist es ja,« fiel der Müller ein. »Der König drohte mir mit dem Tode, falls ich mich weigern sollte. Und im Gegentheile meinte er, falls ich ihm den Willen thun wolle, werde ich sogleich merken, daß es sich mit mir zum Besten wende. Ich schlug also ein, nachdem er mir versprochen hatte, die Sache so einzurichten, daß ich nie mit der Polizei in Conflict kommen könne. Und was geschah bereits am nächsten Tage? Das Glück ging los! Seidelmann kam und brachte mir die Arbeit. Gestern abend trat ich vor die Thür; da lag ein Reh mit einem Zettel, auf welchem stand: 'Geschenk vom Waldkönige'. Dumm war es freilich, daß meine Frau dazu kam, als ich mit ihm verhandelte. Sie war leise hinten hereingetreten und hörte Alles an, wobei sie in der Küche steckte. Erst als er fort war, trat sie hervor. Sie ist voller Angst, daß mir dieses Geschäft Schaden bereiten wird.«

»Vielleicht hat sie Recht; vielleicht irrt sie sich auch.«


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»Ich werde mich wohl nicht irren,« fiel Frau Pauline ein. »Der Waldkönig handelt gegen das Gesetz. Er ist nicht nur ein Pascher, sondern auch ein Mörder. Und wer mit ihm ein Abkommen eingeht, der unterstützt ihn und ist also strafbar.«

»Aber, Frau,« sagte ihr Mann. »Du magst da ganz Recht haben, aber Du mußt auch bedenken, welche Drohung der Pascherkönig gegen mich ausgestoßen hat. Wäre ich nicht auf seinen Vorschlag eingegangen, so hätte ich ihn mir zum Feinde gemacht.«

»Lieber ihn als das Gesetz zum Feinde!«

»Wie Du doch nur so sprechen kannst! Er ist gefährlicher als das Gesetz. Das Gesetz mordet nicht; um mich aber wäre es geschehen gewesen, wenn ich ihm nicht gehorcht hätte.«

»Ja, das traue ich ihm zu,« stimmte der Musterzeichner ein. »Er ist rücksichtslos und grausam; das habe ich auch an mir erfahren.«

Der Müller warf einen forschenden Blick auf ihn und sagte:

»Aus Deinen Reden läßt sich schließen, daß auch Du mit ihm in Beziehung stehst!«

»Hm! Vielleicht!«

»Kerl, Du bist doch nicht etwa dennoch ein Pascher?«

»Nein; aber ich soll einer werden.«

»Um Gotteswillen! Das darfst Du nicht thun!«

»Bis jetzt ist es ihm noch nicht gelungen, mich soweit zu bringen, obgleich er sich alle Mühe gegeben hat.«

»So hat er auch mit Dir gesprochen? Er ist persönlich mit Dir verkehrt?«

»Ja. Er ist sogar zuweilen in meine Wohnung gekommen.«

»In Gegenwart Deiner Frau?«

»Nicht nur das, sondern auch in Gegenwart meiner Schwiegermutter.«

»Welch eine Unvorsichtigkeit von ihm!«

»Unvorsichtigkeit? Ah, Du kennst ihn schlecht. Er ist ein schlauer Patron und versteht es, zu berechnen.«

»In einer solchen Unvorsichtigkeit kann doch unmöglich eine Berechnung liegen!«

»Es ist eben keine Unvorsichtigkeit. Er wußte, daß ich arm bin und mich in Noth befand. Noth bricht Eisen und bethört das Gewissen. Wenn man im Elende steckt und eine Mutter ihre Kinder hungern sieht, sehnt sie sich nach Hilfe, ohne zu prüfen, ob dieselbe auf einem gesetzlichen Wege erlangt wird. Darum hat der Pascherkönig mich in Gegenwart meiner Frau und Schwiegermutter aufgesucht. Er bot einen hübschen Lohn; wir brauchten Geld; was er von mir verlangte, war nicht direct etwas Unrechtes; meine Frau jammerte; das Geld stach ihr in die Augen - na, ich wurde schwach, und da er mich bedrohte, falls ich ihm nicht gehorsam sei, ging ich darauf ein. Das ist die Sache.«

»Was hast Du denn für ihn zu thun gehabt?«


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»Hm! Es ist nicht nothwendig, davon zu reden. Du hast vielleicht gehört, wie er die Ausplauderei bestraft.«

»Ja. Aber ich habe Dir doch auch verrathen, welches Geschäft ich mit ihm gemacht habe.«

»Das kannst Du. Ich bin Dein Bruder.«

»Und ich bin der Deinige!«

»Das ist richtig. Na, Du wirst es ja nicht weiter reden. Ich habe zuweilen einen Brief besorgt.«

»An wen?«

»Das darf ich ganz gewiß nicht sagen.«

»Hast Du nicht gewußt, was darin steht?«

»Nein. Denkst Du, der Waldkönig weiht seine Boten in seine Geheimnisse ein? Das darfst Du ihm nicht zutrauen.«

»Aber die Sache ist gefährlich für Dich!«

»Das sehe ich auch ein. Ich werde mich nicht lange mehr mit ihm abgeben.«

»Pah! Er hat Dich fest und wird Dich zwingen. Wer dem Teufel einmal einen Finger giebt, dem zwingt er auch nach und nach die ganze Hand ab!«

»Das ist eine Redensart. Ich bin schwach gewesen und habe ihm den Finger gegeben; mehr aber bekommt er nicht, darauf kannst Du Dich verlassen. Und wenn er mir droht, so weiß ich, was ich thue.«

»Nun, was?«

»Ich stelle mich so, als ob ich ihm gehorche, thue aber trotzdem, was ich will.«

»Bruder, wage Alles, nur dieses nicht!«

Der Musterzeichner zog die Brauen zusammen und antwortete:

»Vergiß nicht, daß ich kein Kind bin! Ich habe die Armuth und das Elend kennen gelernt, aber mit den Gerichten habe ich noch nichts zu schaffen gehabt, und davor werde ich mich auch in Zukunft hüten. Der Waldkönig mag bestehen, so lange er will; einmal aber kommt doch seine Zeit, einmal bricht seine ganze Sache zusammen, und dann sind auch alle Diejenigen verloren, die es mit ihm gehalten haben. Ich mag nicht dabei sein!«

»Das ist Alles recht gut; aber er hat Dich einmal fest, und ich glaube nicht, daß er Dich wieder aus dem Garne läßt.«

»Er wird mich schon herauslassen müssen. Will er mich zwingen, so kehre ich den Spieß um. Wenn nur - hm!«

Er hielt inne und blickte nachdenklich vor sich nieder.

»Was meinst Du?« fragte sein Bruder.

»Wenn ich nur einmal Einen, nur diesen Einen treffen und mit ihm sprechen könnte!«

»Mit wem?«

»Mit dem Fürsten des Elendes.«


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»Sakkerment! Ja, da hast Du Recht. Der ist ganz gewiß dem Waldkönige gewachsen.«

»Und - was nämlich die Hauptsache ist - er hat die Absicht, ihn zu fangen. Das merkt man aus Allem, was man von ihm hört.«

»Ja, aber wie und wo ihn treffen!«

»Das habe ich mich auch gefragt, und da bin ich auf einen recht guten Gedanken gekommen. Du weißt doch, daß er bei dem Pfarrer gewesen ist?«

»Ja, am Sonntage. Er hat für die Kinder Beyers gesorgt.«

»Nun, es läßt sich erwarten, daß er sich einmal nach ihnen erkundigt. Und wo wird er das thun?«

»Jedenfalls beim Pfarrer.«

»Entweder bei diesem oder bei Hausers, wo die Kinder untergebracht worden sind. Ich werde also zum Pastor und zum alten Hauser gehen. Kommt der Fürst des Elendes zu ihnen, so mögen sie es ihm sagen, daß ich mit ihm zu sprechen habe.«

»Ganz gescheidt! Und gerade von diesen Beiden hast Du nicht zu befürchten, daß sie Dich verrathen werden.«

»O nein. Das sind zwei sichere Männer. Und wenn er dann zu mir kommt, soll ich auch von Dir mit ihm reden?«

»Wegen meines Kellers?«

»Ja.«

»Hm! Das will überlegt sein!«

»Nein, das braucht gar nicht überlegt zu werden,« bemerkte da die Müllerin. »Der Fürst des Elendes ist der Mann dazu, Alles zum Besten zu lenken.«

»Aber es ist gefährlich!«

»Warum denn?«

»Ich muß doch eingestehen, daß ich mit dem Waldkönige einen Packt geschlossen habe!«

»Was schadet das?«

»Ich bin doch strafbar!«

»Bis jetzt ist noch gar nichts Unrechtes geschehen. Und denkst Du etwa, daß der Fürst des Elendes ein Richter ist, der gleich mit dem Strafgesetzbuche droht?«

»Nein, das denke ich nicht. Aus Allem, was man sich von ihm erzählt, geht hervor, daß er dem Bedrängten Hilfe bringt. Er wird keinen Menschen in's Elend stürzen.«

»Na also! Wenn Du aufrichtig mit ihm sprichst, wird er wohl einen Weg finden, Dich von dem Waldkönige los zu bringen, ohne daß man erfährt, daß Du diesem den Keller verpachtet hast. Also kannst Du dem Schwager ganz ruhig erlauben, daß er mit ihm auch von Dir spricht.«

»Ich kann es Dir nicht Unrecht geben, Bruder, thue, was Du willst. Gelingt es Dir wirklich, mit ihm zusammen zu treffen, so wirst Du schon


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merken, ob es gerathen ist, auch mich mit zu erwähnen. Du bist kein dummer Kerl, und ich kann mich auf Dich verlassen. Nun aber sehe ich, daß Du unruhig wirst. Dich treibt's nach Hause?«

»Ist's ein Wunder? Die Meinen haben nichts zu essen.«

»Gut! Ich will Dir das Geld holen.«

Er ging und brachte ihm nach kurzer Zeit zwanzig Gulden. Die Augen des Musterzeichners wurden feucht, als er das Geld einsteckte.

»Bruder, das ist Hilfe in der höchsten Noth!« sagte er. »Jetzt können meine Leute essen.«

»Vielleicht langt es auch noch für ein Weiteres!« meinte der Müller lächelnd.

»Für Weiteres? Was meinst Du da?«

»Nun, Ihr habt doch auch noch andere Bedürfnisse als blos essen und trinken.«

»Das ist richtig; aber zwanzig Gulden sind keine Million. Wie bald werden sie alle sein. Ich muß den Sarg bezahlen; denn nun denke ich nicht mehr daran, mein Kind in einem Kasten begraben zu lassen; das Begräbniß kostet Geld; ich habe Schulden in der Apotheke - ich glaube, daß ich äußerst sparsam sein muß. Aber ich werde diese Nacht arbeiten, um einige neue Muster zu entwerfen, von denen ich überzeugt bin, daß sie originell sein werden.«

Die Müllerin gab ihrem Manne einen heimlichen Wink. Dieser verstand sie und sagte zu ihm:

»Wir haben jetzt selbst Mangel gelitten, aber nun ich die Arbeit für Seidelmann habe, ist uns geholfen. Ich werde einmal sehen, ob nicht drüben in der Mühle eine Kleinigkeit für Dich zu finden ist.«

»Vielleicht hast Du eine Hand voll Zargmehl übrig,« nickte der Musterschläger zustimmend. »Es würde das doch eine kleine Mahlzeit geben.«

»Zargmehl? Sandmehl? Welches zwischen den Mühlsteinen zurückgeblieben ist? Nein, Bruder, das gebe ich Dir nicht. Das ist ungenießbar.«

»Oder Staubmehl.«

»Welches ich in den Winkeln zusammenkehre? Das ist für das Vieh. Ich bringe Dir Anderes. Seidelmann wird es nicht merken, wenn ihm zwei oder drei Pfund fehlen. Uns ist ja das Recht zum 'Metzen' angeboren.«

Er ging und brachte bald in einem weißen, reinlichen Tuche einen Vorrath von Mehl, mit welchem der Musterzeichner sich und die Seinigen für einige Male zu sättigen vermochte.

Er verließ die Mühle unter ganz anderen Gefühlen, als diejenigen gewesen waren, mit denen er sie betreten hatte.

Das war am Nachmittage. Bei Einbruch der Dunkelheit wurde Eduard Hauser am Föhrensteige ergriffen und nach Hause geschafft. Wie bereits erwähnt, hatte Fritz Seidelmann sich dabei befunden, war aber später vom Staatsanwalte veranlaßt worden, sich zu entfernen.

Er ärgerte sich darüber, und als er an der Schänke vorüber kam, kam


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ihm der Gedanke, diesen Ärger hinab zu spülen. Er traf einige Gäste an, denen er erzählte, was geschehen war. Natürlich gab er sich dabei alle Mühe, seinen Antheil, welchen er an dem Ereignisse hatte, in das rechte Licht zu stellen. Später kamen noch mehrere Gäste, welche sich natürlich auch von dem Geschehenen unterhielten. Er gab sich als den Helden des Tages und machte es sich zum Vergnügen, das Geschehene wieder und immer wieder zu erzählen. So verging die Zeit, und er verwunderte sich, als er, nach der Uhr blickend, bemerkte, daß es bereits Mitternacht sei. Er brach auf.

Zu Hause wurde er vom Vater mit keiner allzu großen Freundlichkeit empfangen.

»So spät!« sagte dieser. »Wo steckst Du denn eigentlich?«

»Ich war in der Schänke.«

»Konntest eher kommen. Bist ja bereits am Vormittage mit Winkler fort. Ich sitze da und vergehe vor Verlangen, Etwas zu hören.«

»So weißt Du bereits, was geschehen ist?«

»Natürlich! Es ist ja bereits in der ganzen Stadt herum. Und zu meinem größten Erstaunen erfahre ich, daß Du selbst auch mit dabei gewesen bist?«

»Das versteht sich ganz von selbst,« sagte Fritz mit Selbstgefühl. »Ich habe den Anführer gemacht.«

»So erzähle!«

Der Sohn berichtete dem Vater, was er in der Schänke bereits mehr als zehnmal erzählt hatte. Der Vater hörte mit großer Spannung zu und sagte dann:

»Das ist glänzend gelungen! Er ist nach der Amtsstadt transportirt worden, und das Engelchen dazu.«

»Ich hörte das auch.«

»Also auf Dich geschossen hat dieses Frauenzimmer? Es ist mehr als toll!«

»Ich konnte des Todes sein!«

»Hm! Zeige einmal her!«

Er betrachtete sich das Ohr und meinte dann lachend:

»Na, an das Leben wird es Dir nicht gehen. Uebermorgen wird das Ding bereits heil sein.«

»Dennoch werde ich dieses Frauenzimmer so streng wie möglich bestrafen lassen!«

»Pah! Wenn die Herren vom Gerichte Deine fürchterliche Verletzung sehen, wird von Strafe nicht sehr die Rede sein. Ein Gedanke kommt mir freilich! Hm!«

»Was?«

»Wenn die Wunde größer wäre!«

»Dann wäre auch die Strafe größer, meinst Du?«

»Ja. Hat der Staatsanwalt Dein Ohr angesehen?«

»Nein.«


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»Oder ein Anderer?«

»Der eine Grenzer. Aber er wird wohl auch nur blos so oberflächlich hingeschielt haben. Die Kerls thaten wirklich so, als ob es mir ganz recht geschehen sei.«

»Und der Staatsanwalt befahl Dir, Dich zu entfernen?«

»Ja. Ich hätte diesen Kerl beohrfeigen können!«

»Nun, wir wollen ihn in's Bockshorn jagen. Deine Wunde muß unbedingt gefährlicher werden.«

»Donnerwetter! Wie meinst Du das?« fragte Fritz einigermaßen erschrocken.

»Wir machen sie gefährlicher!«

»Unsinn!«

»Das heißt, wir vergrößern sie.«

»Du bist wohl verrückt geworden? Ich glaube gar, Du willst mir das Ohr heraus reißen!«

»Nein, sondern ich will Dir nur die Schramme etwas weiter aufschlitzen.«

»Damit bleibe mir vom Leibe!«

»Es thut ja gar nicht wehe!«

»Wehe oder nicht! Ich will nicht mit einem aufgeschlitzten Ohre in der Welt herumlaufen.«

»So willst Du also, daß Hofmanns Mädchen freigesprochen wird?«

»Man wird sich hüten, sie frei zu sprechen!«

»Pah! Das kenn ich! Sie war aufgeregt.«

»Das ist kein Grund, Jemand zu erschießen!«

»Du bist eben gar nicht erschossen worden. Und die Aufregung ist stets ein Milderungsgrund.«

»Ich werde schon dafür sorgen, daß man nicht an eine Milderung denkt!«

»Und sodann konnte sie nicht wissen, ob das Gewehr geladen war oder nicht.«

»Gerade darum sollte sie es nicht angreifen. Nein, nein, mein Ohr lasse ich mir nicht verschimpfiren!«

»Ganz wie Du willst! Aber weiß man, daß Du nur von einem Schrote getroffen worden bist?«

»Hm! Warum fragst Du?«

»Wie nun, wenn Du noch eine andere Wunde hättest?«

»Wo denn?«

»Näher am Herzen.«

Fritz blickte schnell auf die Stelle seines Rockes, unter welcher das Herz zu suchen war.

»Sapperment!« sagte er. »Ich werde doch nicht etwa an einer anderen Stelle getroffen worden sein!«

»Warum nicht?«

»Das wäre verteufelt! Ich werde doch lieber einmal nachsehen!«


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»Unsinn! Wenn Du noch eine zweite Blessur hättest, so hättest Du es schon längst gefühlt. Ich meine es anders.«

»Wie denn?«

»Wir haben auch Schrot!«

»Das weiß ich.«

»Wir laden ein einziges Korn in einen Revolver.«

»Wozu?«

»Ich nehme den Revolver, ziele genau und schieße Dir den Schrot recht vorsichtig so unter den linken Arm hinein, daß er in gleicher Höhe mit dem Herzen durch Rock und Weste und das Hemde dringt und Dir eine kleine Schramme in die Haut reißt.«

»Danke, danke! Ich bin keine Königsscheibe.«

»Es thut Dir ja gar nichts!«

»Das will ich gar nicht versuchen!«

»Aber es wird die Strafe verschärfen!«

»Das würde mir sehr angenehm sein, ist aber doch kein Grund, bei lebendigem Leibe auf mich schießen zu lassen.«

»Kerl, ich glaube gar, Du hast Angst!«

»Fällt mir gar nicht ein! Aber schießen lasse ich auf keinen Falle nach mir!«

»Du bist ein Dummkopf! Was aber wird mit Hofmann?«

»Was soll mit ihm werden? Ihm können sie gar nichts anhaben; er ist nicht dabei gewesen.«

»Das meine ich auch gar nicht. Sein Mädchen hat Dich bei der Maskerade sitzen lassen - - -«

»Ärgerliche Geschichte!«

»Sie hat heute auf Dich geschossen - - -«

»Das danke ihr der Teufel!«

»Ihr Vater ist kein guter Arbeiter. Du hast nur wegen seines Mädchens Nachsicht mit ihm gehabt.«

»Das ist wahr. Das hört aber nun auf!«

»Eben deshalb frage ich, was mit ihm werden soll.«

»Nun, was weiter als ein Hungerleider! Ich gebe ihm ganz natürlich keine Arbeit mehr. Ich werde gleich früh zu ihm gehen und es ihm sagen. Hat er noch nicht angefangen, so lasse ich das Material gleich wieder holen. Er mag einsehen, daß es nicht vortheilhaft ist, der Vater eines dummen Mädchens zu sein.«

»Meinetwegen gehe zu ihm! Das Beste bei der ganzen Sache ist, daß man den Hauser für den Pascherkönig hielt. Wir werden einige Zeit lang mit allergrößter Sicherheit operiren können.«

»Das war ja eben meine schlaue Berechnung! Man wird natürlich annehmen, daß nun, wo der Anführer gefangen worden ist, die Pascher gar nicht daran denken können, etwas zu unternehmen.«

»Darum bin ich überzeugt, daß morgen Alles auf das Prachtvollste ge-


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lingen wird. Und aus diesem Grunde ärgerte ich mich, daß Du gar nicht kamst!«

»Du brauchst mich doch nicht!«

»Sogar nothwendig! Wir wollen morgen zwei Fliegen auf einen Schlag fangen, und zwar was für Fliegen! Da müssen wir alle Schlauheit anwenden. Die beiden anderen Waldkönige müssen benachrichtigt werden.«

»Der Schmied Wolf in Tannenstein?«

»Ja, und der Wagner Hendschel in Obersberg. Sie Beide müssen zu gleicher Zeit operiren, damit sie die Grenzer auf sich ablenken.«

»Dann brauchen wir die beiden Boten.«

»Ja. Ich kann nicht zu ihnen; das ist Deine Sache, und darum hätte ich gern gesehen, Du wärst eher gekommen.«

»Es ist noch immer Zeit. Den Hundejungen hätte ich ja vor Mitternacht gar nicht zu Hause getroffen.«

»Hat er heute Tagesschicht?«

»Ja. Er fährt erst morgen um Mitternacht an und hat also Zeit, nach Tannenstein zu gehen. Ich werde ihm aber den Brodkorb höher hängen müssen. Am letzten Male verlangte er zwei Gulden. Ist das nicht unverschämt?«

»Zwei Gulden? Also gerade noch einmal so viel!«

»Ja. Bis Tannenstein ist es vier Stunden zu gehen. Zwar ist es jetzt ein mühsamer Weg, denn der Schnee liegt über einen Meter hoch; aber wenn so ein Kerl sich in acht Stunden einen Gulden verdienen kann, so muß er seinem lieben Gott dafür danken.«

»So nimm ihn heute etwas schärfer an!«

»Das werde ich ganz sicher thun. Noch mehr zu schaffen macht mir Wilhelmi.«

»Der Musterschläger! Das glaube ich nicht!«

»O, er gehorcht nur widerwillig. Es hat den Anschein, als ob er mich bei Gelegenheit abschütteln will.«

»Das wird er sich nicht unterstehen. Du hast bereits davon gesprochen, und darum habe ich mir heute Mühe gegeben, ihn gefügig zu machen.«

»Was hast Du gethan?«

Seidelmann Senior erzählte, daß er die Muster nicht für Originale erklärt und in Folge dessen dem Musterzeichner kein Geld gegeben habe.

»Das war klug gehandelt,« sagte sein Sohn. »Jetzt hat er nichts zu essen und wird gehorsam sein.«

»So kannst Du aufbrechen, sonst geht er schlafen.«

»Der? Glaube das nicht! Er hat kein Geld; er will und muß leben; er wird also heute Nacht arbeiten; er wird ein neues Muster in Angriff nehmen.«

»Vielleicht hast Du Recht, und es ist besser, wenn Du etwas später gehst.«

»Ich bin sogar dazu gezwungen. In der Schänke sitzen noch Leute. Hauser's Arretur hat das ganze Nest in Aufruhr gebracht. Die Nachbarn stecken bei einander, um dieses Ereigniß zu besprechen. Wie leicht kann ich Einem begegnen. Ich muß warten, bis man nach Hause gegangen ist.«


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Sein Vater gab das zu, und so legte Fritz erst eine Stunde später die Jacke und die Maske an. Er ging durch den Garten und stieg über den Zaun. Dann lauschte er. Es war kein Mensch zu sehen und zu hören. Er hielt sich möglichst in dem Schatten der Gebäude und begab sich zunächst nach einem Häuschen, welches neben demjenigen lag, in welchem der Musterzeichner Wilhelmi wohnte.

Auch hier gab es ein kleines Oberstübchen, welches ein blutarmer Teufel inne hatte. Dieser hieß Schulze. Er war früher Hauer gewesen, hatte aber bei einem Einsturze des Stollen einen Arm verloren und konnte jetzt weiter nichts thun, als Hunde schieben.

Hunde heißen diejenigen vierrädrigen Karren, in denen in Bergwerken auf Schienen das Losgeschlagene transportirt wird. Einer, dessen Arbeit es ist, Hunde zu schieben, wird Hundejunge genannt.

Schulze hatte heute Tagesschicht gehabt und kam in Folge dessen erst nach Mitternacht nach Hause. Auch in seiner Wohnung sah es elend aus. Seine Frau saß bei einem Lämpchen am Klöppelsacke und arbeitete. Auf einer harten Bank lag ein bleiches Kind, ein Mädchen, welches nicht laufen konnte, trotzdem es bereits drei Jahre war. Es litt an der englischen Krankheit, eine Folge der vollständig ungenügenden Ernährungsweise. Und in der Ecke hockte ein älterer Knabe, vorn und hinten ausgewachsen. Bei ihm waren, auch infolge Nahrungsmangels, die Knochen weich geblieben und hatten sich in ihre jetzige Lage gebogen.

Als der Mann nach Hause kam, grüßte er mürrisch und sagte pustend:

»Eine wahre Heidenkälte! Es ist geradezu, als wollte es Einem die Finger wegschneiden. Wie steht es mit dem Feuer?«

Die Frau seufzte und bückte sich tiefer auf die Arbeit. Der Mann legte die Hand an den Ofen und meinte dann:

»Kalt! Habt Ihr denn kein Feuer gehabt?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Wir hatten kein Holz. Ich konnte nicht in den Wald, weil ich sonst nicht fertig geworden wäre. Ich muß übermorgen liefern, wenn ich Geld haben will.«

»Aber der Junge konnte doch in den Wald!«

»Ich bin gestürzt!« sagte der Verwachsene.

»Ja,« erklärte die Frau. »Ich schickte ihn fort. Er sollte sehen, ob er im Wald ein Wenig Abgebrochenes finden könne. Er ist über eine Wurzel gestürzt, die unter dem Schnee gewesen ist, und hat sich den Fuß verstaucht. Der alte Barbier hat ihn gefunden und nach Hause gebracht.«

»Wieder Mallör! Es wird immer schlimmer. Ich dachte, schlafen zu können; nun aber muß ich jetzt in der Nacht hinaus in den Wald. Was giebt's zu essen?«

»Kartoffelsuppe.«

»Ich denke, Ihr habt kein Feuer gehabt?«


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»Ich habe sie beim Wirth gekocht. Der ging vor fünf Minuten zu Bette; da habe ich sie geholt; sie wird vielleicht noch warm sein.«

Sie stand auf, schüttete die Suppe in eine thönerne Schüssel, stellte diese auf den Tisch und legte einen Löffel dazu. Der Mann setzte sich und begann. Aber als er den ersten Löffel voll hinuntergeschluckt hatte, schüttelte er den Kopf und sagte:

»Das ist Kartoffelsuppe?«

»Ja.«

»Woher hast Du denn die Kartoffeln?«

Die Frau antwortete nicht sogleich; darum sagte das kleine Mädchen:

»Es waren Schalen!«

Der Mann legte den Löffel weg und faltete die Hände, aber nicht etwa zum Gebete.

»Suppe aus Kartoffelschalen!« sagte er. »Wie hast Du denn das fertig gebracht?«

Die Frau strich sich mit der Hand über die Augen und antwortete mit stockender Stimme:

»Ich war beim Bürgermeister. Das Dienstmädchen fütterte gerade die Ziege. Es waren Brodrinden und Schalen, an denen noch Brocken hingen. Ich gab gute Worte und habe die Schalen und Rinden erhalten. Die Rinden haben die Kinder bekommen; die Schalen aber habe ich in Salzwasser gekocht und dann durch ein Tuch geseiht. Das ist Deine Kartoffelsuppe.«

Sie sagte das so eintönig hin. Sie gab sich alle Mühe, den Kummer, welcher ihr Herz erfüllte, nicht merken zu lassen.

»Und Du?« fragte Schulze. »Was hast Du gegessen?«

»Ich habe keinen Hunger.«

»Oho! Das machst Du mir nicht weiß. Gleich kommst Du her! Du ißt die Suppe mit.«

Sie machte keine Miene, diesem Gebote nachzukommen. Er kannte sie; darum sagte er:

»Wenn Du nichts issest, mag ich auch nichts. Ich schütte also die Suppe zum Fenster hinaus!«

Er nahm die Schüssel und ging zum Fenster.

»Halt! Warte!« rief sie ängstlich.

Sie holte sich einen Löffel und setzte sich mit ihm an den Tisch. Aber sie langte so langsam zu, daß auf ihren Mann viermal mehr kam als auf sie. Während des Essens erinnerte er sich ihrer Worte. Darum fragte er:

»Du warst also beim Bürgermeister?«

»Ja. Bereits am Vormittage.«

»Warum?«

»Wegen der Steuern.«

»Steuern? Schon wieder! Was denn für welche?«

»Communalanlagen.«

»Diese Herren wissen wirklich nichts weiter, als Geld verlangen! Sie


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mögen doch vorher dafür sorgen, daß man das, was man braucht, auch wirklich verdient!«

»Wir sind volle zwei Jahre schuldig!«

»Nicht möglich!«

Sie hustete, obgleich ihr wohl kein Krümchen in die unrechte Kehle gekommen war.

»Die Zeit vergeht,« sagte sie leise. »Der Bürgermeister wurde barsch. Er sagte, daß er uns auspfänden lassen werde, wenn wir nicht bezahlen.«

Schulze musterte den Inhalt seiner Stube und lachte grimmig vor sich hin:

»Sie mögen kommen! Was da ist, können sie mitnehmen, mich, Dich und die Kinder gleich auch mit! Wann wollen sie denn zur Auspfändung kommen?«

»Er hat mir noch acht Tage Zeit gegeben.«

»Wie barmherzig! Aber, ich habe auch meine Ehre. In das Armenhaus lasse ich mich nicht stecken. Ich werde also sehen, daß ich wenigstens einen Theil bezahlen kann. Du sagtest, daß Du übermorgen Geld bekommst?«

»Ja. Ich habe zu liefern, volle siebzig Ellen.«

»Siebzig Ellen! So hast Du täglich zehn Ellen fertig gebracht?«

»Ja.«

In diesem Ja lag aber eine ganze Welt von Kummer, Sorge, Entbehrung und Anstrengung. Sie hatte auch des Nachts gearbeitet; ihre geschwollenen Augen konnten davon erzählen.

»Wieviel bekommst Du da?«

»Für die Elle anderthalb Kreuzer.«

»Blos?!« fragte er erstaunt.

»Ich habe die letzte Nummer. Meine Augen thun so wehe; sie sind ganz schwach geworden. Ich kann nur noch die geringste Sorte fertig bringen, die nur für die Anfänger ist - anderthalb Kreuzer für die Elle.«

»Und da wollen wir Abgaben bezahlen?«

»Du bekommst ja Sonnabend auch Lohn!«

»Ja, als Hundejunge!«

Sie legte den Löffel weg und ging hinaus, um die Thränen zu verbergen, welche ihr auf die schmerzenden Lider traten. Als sie wieder herein kam, setzte sie sich nicht abermals an den Tisch, sondern an ihren Klöppelsack, aber sie fragte:

»Wieviel wird man Dir auszahlen?«

»Pro Tag einen halben Gulden - also drei Gulden!«

»Da können wir keine Abgaben bezahlen.«

Er legte den Löffel weg, obgleich er das armselige Kartoffelschalenwasser noch nicht ganz verzehrt hatte. Hungrig war er, ja; aber die Lust zum Essen war ihm vergangen. Er gab das Uebriggebliebene den Kindern und schaffte diese dann zu Bette - wenn hier überhaupt von Betten gesprochen werden konnte.


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Jetzt, nun, als er mit der Frau allein war, sagte er:

»Es giebt nur noch ein Mittel, ein paar Kreuzer mehr zu verdienen.«

»Was?«

»Du weißt es.«

Da erhob sie den Kopf und sagte:

»Das nicht! Nur das nicht!«

»Andere thun es auch!«

»Aber es ist dennoch Diebstahl!«

»Das weiß ich wohl, und ich habe mich darum auch nicht leicht dazu entschließen können. Aber - wollen wir verhungern?«

»Gott wird helfen!«

Er schüttelte den Kopf, blickte seiner Frau in das bleiche, abgesorgte Angesicht und antwortete:

»So hat es schon lange geheißen.«

»Und es bleibt auch wahr!«

»Ja: Gott wird helfen; das bleibt wahr. Er wird nämlich helfen. Wir werden sterben; dann ist uns geholfen.«

»Sprich nicht so!« sagte sie bittend.

»Nun, Gott kann helfen, so heißt es; aber ich begreife ihn nicht, daß er es gar nicht thut. Wir hungern; wir frieren; wir sollen gepfändet werden! Unsere Kinder sind elend und krank; Du hast Dich fast um das Augenlicht gebracht, und ich bin um einen Arm gekommen, ohne daß man mir einen Kreuzer Entschädigung angeboten hat. Es wird Zeit, daß Gott hilft. Ich werde in den Wald gehen und einen Baum umsägen. Den mache ich klein und verkaufe das Brennholz. Ein Brod oder zwei giebt das doch gewiß.«

»Es ist Forstdiebstahl!«

»Aber der Hunger!«

Sie wollte antworten, aber da erklangen halblaute Schritte auf der Treppe, und dann klopfte es auf eine eigenthümliche Weise an die Thüre. Die Frau erschrak.

»Herrgott! Der Waldkönig!« sagte sie.

»Ja, das ist er!« bestätigte ihr Mann.

Er ging zur Thür und öffnete.

»Sind die Kinder zu Bette?« fragte es draußen.

»Ja. Kommen Sie!«

Der Waldkönig trat ein, das Gesicht mit einer Maske verhüllt. Die Frau hatte ihr Gesicht tief auf die Arbeit niedergebeugt. Die Gegenwart dieses Mannes war ihr entsetzlich. Sie wollte ihn gar nicht sehen.

»Haben Sie Zeit?« fragte er.

»Ich bin gleich erst nach Hause,« antwortete Schulze.

»Ich wußte, daß Sie bis Mitternacht Schicht haben. Sie müssen mir einen Brief besorgen.«

»Wieder nach Tannenstein?«

»Ja.«


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»Wann?«

»Bis zum Mittag.«

»An wen?«

»Wieder an Denselben wie stets.«

»Ich möchte Sie bitten, lieber einen Anderen zu schicken.«

»Ah! Warum?«

»Es ist mir zu gefährlich!«

»Was fällt Ihnen ein! Jemandem einen Brief zu bringen, kann doch nicht gefährlich sein?«

»Wenn er vom Waldkönige ist, doch!«

»Kein Mensch wird sie verrathen!«

»Und doch ist dies möglich!«

»Nun, ich sage doch jedenfalls nichts, und der Andere auch nicht!«

»Man kann nie wissen, was passirt. Und das, was ich wage, ist zu viel gegen das, was ich dafür bekomme!«

»Ach so! Ist's das?«

»Ja. Ein Gulden ist zu wenig.«

»Ich halte es für mehr als genug.«

»Ich nicht. Denken Sie, acht Stunden Weg!«

»Im Schacht bekommen Sie für zwölf Stunden nur einen halben Gulden!«

»Der Schnee - die Kälte!«

»Man laufe rasch, da wird man warm!«

»Meine Stiefelsohlen sind durch!«

»Der Gulden reicht hin, sie ausbessern zu lassen!«

»Und außerdem die Gefahr!«

»Die existirt gar nicht.«

»Wenn sie doch zwei Gulden geben wollten!«

»Das kann ich nicht.«

»Sie verdienen so viel! Sie machen Geschäfte, bei denen es sich um Tausende von Gulden handelt!«

»Und bei denen ich aber auch Tausende verlieren kann, wie es jetzt einige Male geschehen ist.«

"Sie wissen, wie blutarm ich bin!"

»Sie wissen, wie blutarm ich bin!«

»Ich gebe keinen Kreuzer mehr! Wollen Sie, oder wollen Sie nicht?«

Der Mann blickte verlegen vor sich nieder. Er wußte, was kommen werde; dennoch antwortete er:

»Ich möchte lieber zu Hause bleiben.«

»Gut! Bleiben Sie! Aber ich werde dafür sorgen, daß sie den Sonnabend abgelohnt werden. Sehen Sie dann, wo Sie sich Ihre Gulden verdienen können.«

Er that, als ob er gehen wollte; da sagte Schulze:

»Geben Sie den Brief her!«

Der Waldkönig drehte sich wieder um und legte den Brief auf den Tisch.


// 834 //

»Hier!« sagte er. »Er kommt natürlich sicher und richtig an seinen Mann!«

»Ich garantire dafür!«

»Das versteht sich ganz von selbst! Kommt er in falsche Hände, so haben Sie es mit mir zu thun! Gute Nacht!«

Er ging. Man hörte ihn leise die Treppe hinabsteigen.

»Das ist der Teufel!« klagte die Frau.

»Ja, ein Teufel ist er!« stimmte der Mann bei.

»Und zwar unser Teufel!«

»Ich habe mir schon den Kopf zermartert, wie ich ihn los werden kann, ohne in Schaden zu kommen; aber es will mir nichts, gar nichts einfallen!«

»Auch mir nicht. Ich würde gern Alles ertragen, wenn nur diese Sclaverei von uns genommen wäre.«

»Einen Gulden, einen lumpigen Gulden für so einen Weg! Und dabei riscire ich vielleicht das Zuchthaus. Ich weiß ja nicht einmal, was in den Briefen steht!«

»Du wirst also gehen?«

»Ich muß ja; ich muß! Du hast es doch gehört, daß ich die Arbeit verlieren werde, wenn ich nicht gehorche!«

Der Waldkönig hatte unten die Hausthür leise geöffnet und hinaus auf die Gasse gespäht. Er bemerkte keinen Lauscher und huschte mit raschen Schritten an die Thüre des Nachbarhauses. Auch diese war nicht mit einem richtigen Schlosse, sondern nur mit einem Holzriegel versehen, wie sie in jener Gegend gebräuchlich sind. Wer diese Einrichtung kennt, kann von der Gasse aus eine jede Hausthüre öffnen. Es wohnen hier ja nur arme Leute, welche keine Veranlassung haben, ihr armseliges Eigenthum hinter complicirten Schlössern zu verwahren.

Der Waldkönig war auch in diesem Hause bekannt. Er stieg die Treppe empor und klopfte an. Nach einigen Augenblicken wurde die Thüre geöffnet. Ein fürchterlicher Dunst schlug ihm entgegen.

»Sapperment!« sagte er. »Welch ein Gestank!«

»Das bringt die Krankheit so mit sich,« antwortete Wilhelmi. »Wollen sie nicht eintreten?«

»Nur für einen Augenblick.«

Als er die Thür hinter sich zugezogen und durch die Maske einen Blick auf die Patienten geworfen hatte, sagte er:

»Ich bringe einen Brief.«

»Schön.«

»Sie werden ihn bis Mittag besorgen.«

»Gern! An wen ist er adressirt?«

»Wie immer! Es ist dieses Mal sehr wichtig. Sie werden dafür sorgen, daß er zur rechten Zeit in die rechten Hände kommt! Verstanden?«

»Sehr wohl!«

»Gute Nacht!«


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»Gute Nacht,« antwortete der Musterzeichner, welcher in der Stube zurückblieb, ohne den Waldkönig auch nur bis an die Treppe zu begleiten.

Dieser Letztere blieb unten an der Hausthüre stehen und murmelte ganz verwundert:

»Der war heute ganz anders als gewöhnlich! So höflich und willig. Vater hat doch dafür gesorgt, daß der Kerl Respect bekommen hat!«

Er kehrte nach Hause zurück, ohne seine beiden Botenleute bezahlt zu haben. Sie erhielten den Gulden nicht im Voraus, sondern erst dann, wenn der Waldkönig den Beweis hatte, daß sie die Briefe richtig bestellt hatten.

Kurz vorher kam der Hundeschlitten mit dem Förster und dem Vetter Arndt durch das Städtchen gesaust. Der alte Wunderlich saß vorn und Arndt hinten. Dieser Letztere ließ im Vorüberfahren seinen Blick über die halb im Schnee versunkenen, ärmlichen Häuschen schweifen. Da auf einmal griff er nach vorn und ergriff den Förster am Arme.

»Halt!« sagte er »Nicht weiter!«

Der Alte zog die Leine an und fragte:

»Warum? Was ist's?«

»Bleiben die Hunde stehen, wenn wir für einen Augenblick absteigen?«

»Ja. Sie sind gut abgerichtet; sie laufen nicht fort.«

»Dann rasch einmal einige Schritte zurück!«

Er sprang ab, und der Förster folgte ihm. Bereits nach einer kurzen Strecke blieb er stehen und sagte:

»Es ist mir da im Vorüberfahren Etwas aufgefallen. Ah, da steht er noch! Sehen Sie hier hinüber nach der Oberstube!«

Wunderlich folgte mit dem Auge dem ausgestreckten Arme Arndt's.

»Donner und Doria!« sagte er. »Das ist eine Entdeckung!«

»Kennen Sie ihn?«

»Der Waldkönig!«

»Ja. Höchst unvorsichtig und leichtsinnig von ihm! Stellt er sich da hinauf und läßt sich von der Lampe anleuchten! Er hat ganz vergessen, daß hier die Oberstuben keine Fensterläden haben.«

»Er spricht mit Jemand!«

»Natürlich! Wer wohnt da oben?«

»Ein gewisser Schulze, welcher als Hundejunge draußen im Kohlenschachte arbeitet.«

»Was ist er für ein Kerl?«

»Ich habe ihn für ehrlich gehalten. Seine Frau arbeitet Tag und Nacht, fast zum Erblinden. Er hat zwei elende Kinder.«

»Schön! Fahren Sie weiter.«

»Allein? Ohne Sie?«

»Ja.«

»Sie bleiben hier?«

»Natürlich. Ich muß den Kerl beobachten.«

»So thue ich mit!«


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»Das geht nicht.«

»Oho! Ich habe auch Augen, und zwar was für welche!«

»Aber Sie haben den Schlitten und die Hunde!«

»Sapperment! Das ist wahr!«

»Also machen Sie sich fort! Ich darf keine Zeit verlieren! Ein Glück, daß ich noch vom Abend her das Betttuch unter der Weste habe!«

»Na, ich werde nicht schlafen gehen, sondern warten, bis Sie nach Hause kommen.«

Er setzte sich wieder auf den Schlitten und fuhr davon. Arndt nahm das weiße Tuch über und huschte an den Zaun, welcher Schulze's Wohnung gegenüber stand. Es war ein Heckenzaun, vollständig mit Schnee bedeckt, welcher sogar Etwas überhing. Arndt streckte sich auf den Boden aus und konnte nun von dem Schnee gar nicht unterschieden werden. So wartete er.

Seine Geduld wurde auf keine lange oder vielmehr auf gar keine Probe gestellt, denn kaum hatte er auf der Erde Platz genommen, so bemerkte er, daß drüben die Thür geöffnet wurde. Der Mann mit der Maske trat heraus und huschte rasch zum Nachbarhause hinüber, wo er eintrat.

Auch dort gab es in der Oberstube Licht, und Arndt erkannte an dem sich bewegenden Schatten des Musterzeichners, daß diesem der Besuch des Waldkönigs gegolten habe.

Es vergingen kaum zwei Minuten, so kehrte der Letztere zurück und schlich sich von dannen. Arndt erhob sich rasch von der Erde und huschte ihm nach. Es gelang ihm, unbemerkt hinter dem Waldkönige her bis an Seidelmanns Gartenzaun zu kommen, über welchen der Verfolgte stieg, um durch die hintere Thür zu verschwinden.

»Endlich!« dachte Arndt. »Also, ich habe mich nicht geirrt. Seidelmann ist's! Was wollte er in den beiden Häusern? Morgen soll der Schmugglercoup ausgeführt werden; auf diesen bezieht es sich jedenfalls. Ich kann nicht warten! Pah, wer rasch handelt, der handelt gut!«

Er nahm das Tuch ab, faltete es zusammen und knöpfte es wieder unter die Weste. Sodann wendete er den Rock um, wechselte den Bart und begab sich nach dem Hause, aus welchem der Waldkönig zuletzt gekommen war.

Er hatte die eigenthümlichen Thürriegel dieser Gegend bereits kennen gelernt, und darum gelang es ihm, die Thür zu öffnen. Er machte sie hinter sich wieder zu und brannte ein Wachshölzchen an, mit welchem er sich die Treppe emporleuchtete. Er war ganz leise aufgetreten und lauschte an der Thür. Es war ganz still in der Stube, und er legte die Hand an den Drücker, um möglichst geräuschlos zu öffnen.

»Guten Abend!«

Wilhelmi fuhr erschrocken von seinem Reißbrete auf, an welches er sich wieder niedergesetzt hatte. An der Thüre stand ein alter Mann mit grauem Haar und Bart. Der Musterzeichner vergaß ganz, den Gruß zu erwidern.

»Was ist das?« fragte er. »Wer sind Sie? Was wollen Sie? Ich habe Sie ja gar nicht kommen gehört!«


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Arndt musterte die Stube mit einem langen, forschenden Blicke und sagte dann in mildem Tone:

»Verzeihen Sie! Es ist jetzt allerdings keine Besuchszeit; aber ich werde meine Anwesenheit doch vielleicht zu rechtfertigen wissen. Erlauben sie mir!«

Er setzte sich auf einen Stuhl und richtete das Auge auf Wilhelmi. Diesem war es, als ob der Blick des unbekannten nächtlichen Besuchers ihm so tief in das Innere dringe, daß Nichts, gar Nichts vor demselben versteckt und verborgen bleiben könne. Auf dem Tische lag noch der Brief des Waldkönigs mit der Adresse: »An den Wagnermeister Hendschel in Obersberg.« Rasch langte der Musterzeichner darnach und steckte ihn in die Tasche. Arndt folgt dieser hastigen, fast ängstlichen Bewegung mit einem leisen Lächeln und sagt dann:

»Erlauben Sie mir, unsere Unterhaltung auf eine andere Art und Weise zu beginnen, als Sie vielleicht vermuthen dürften. Eigentlich hätte ich zuerst Ihnen zu sagen, wer ich bin und was ich zu so ungewöhnlicher Stunde bei Ihnen will; aber ehe ich dies thue, möchte ich vorher wissen, bei wem ich mich befinde. Ich bin nämlich hier im Orte unbekannt. Bitte, Ihren Namen.«

»Ich heiße Wilhelmi.«

»Sie sind Musterzeichner, wie ich an Ihrer Arbeit bemerke?«

»Ja.«

»Für wen arbeiten Sie?«

»Für die Firma Seidelmann und Sohn.«

»So, so! Wie viel verdienen Sie da pro Woche?«

»Fünf Gulden ist das Höchste. Oft erhalte ich noch weniger und zuweilen auch gar nichts, wie zum Beispiel in dieser Woche.«

»Warum gar nichts?«

»Weil meine Arbeit nicht convenirte. Herr Seidelmann meinte, daß sie nicht originell sei.«

»Oh weh! So sind Sie also ohne Bezahlung geblieben?«

»Ich habe keinen Kreuzer erhalten, obgleich ich doch so nothwendig Geld brauche. Sind Sie vielleicht Fabrikant, Herr?«

Arndt that, als ob er diese Frage überhört habe, und sagte seinerseits:

»Wie ich sehe, haben Sie Patienten hier?«

»Patienten und eine Leiche. Dort das Mädchen ist todt.«

»Mein Gott! Und kein Geld! Weiß Seidelmann auch von dieser Krankheit?«

»Er weiß Alles und noch mehr.«

»Und unterstützt Sie nicht?«

»Er hat mir sogar einen Vorschuß verweigert. Ich habe vier Tage lang nichts gegessen.«

Da griff Arndt in seine Tasche, zog ein Portefeuille hervor, entnahm demselben einen Cassenschein und reichte denselben hin.

»Hier nehmen Sie!« sagte er. »Für Nahrung und Begräbniß.«


// 838 //

Wilhelmi warf einen Blick auf den Schein und sagte erstaunt:

»Hundert Gulden! Herr, Sie scherzen!«

»Nein, es ist mein Ernst.«

»Hundert Gulden verschenkt man nicht so leicht.«

»Ich kann diese Summe jedenfalls noch viel leichter verschenken, als Sie einen Kreuzer!«

»Aber wie komme ich dazu?«

»Weil Sie im Dienste des Waldkönigs stehen.«

Wilhelmi erschrak.

»Herr, was sagen Sie! Wo denken Sie hin!« rief er.

»Wollen Sie das etwa in Abrede stellen?«

»Ganz gewiß!«

»Und doch weiß ich es genau!«

»Sie irren!«

»O nein! Grüßen Sie den Wagnermeister Hendschel in Obersberg auch von mir, nachdem Sie ihn vorher von dem Waldkönige gegrüßt haben!«

Er hatte nämlich die Adresse des Briefes gelesen. Wilhelmi befand sich in einer großen Verlegenheit. Er brachte nichts anderes heraus als die Frage:

»Herr, wer sind Sie?«

»Ein Geheimpolizist,« antwortete Arndt.

Der Musterzeichner entfärbte sich. Er wurde von einer großen Angst ergriffen.

»Ein Polizist?« sagte er. »Und Sie kommen zu mir? Ich bin mir keines Grundes bewußt, daß ein Polizist mich Nachts um Mitternacht besuchen könnte.«

»O doch! Ich komme ganz aus demselben Grunde zu Ihnen, aus welchem ich nachher auch Ihren Nachbar Schulze besuchen werde. Jetzt begreifen Sie wohl! Hier, sehen Sie sich doch einmal diese Medaille an!«

Er hielt sie dem Musterzeichner hin, welcher die Inschrift las und nur noch ängstlicher wurde, da er ganz wohl wußte, daß Schulze von dem Waldkönige zuweilen auch als Bote benutzt wurde.

»Ja, Sie sind Polizist, Herr, und zwar aus der Residenz« sagte er. »Was wünschen Sie von mir?«

»Die Wahrheit!«

»Worüber?«

»Ueber den Waldkönig.«

»Ich weiß nichts von ihm!«

»Er war soeben bei Ihnen. Nicht?«

Da setzte sich Wilhelmi, welcher bisher stehen geblieben war, wie ganz matt auf seinen Stuhl nieder und sagte:

»Das war der Waldkönig nicht.«

»Wer denn?«

»Ein guter Freund von mir.«


// 839 //

»Ganz gewiß! Denn ich muß natürlich annehmen, daß Sie und der Pascherkönig gute Freunde sind.«

»Nein, nein! Der Mann, welcher jetzt bei mir war, ist nicht der Waldkönig.«

»Nicht? Also nur ein Freund von Ihnen?«

»Ja.«

»Wohnt er hier im Orte?«

»Ja.«

»Wie heißt er?«

»Warum fragen Sie?«

»Weil ich zu ihm gehen will, um mich zu erkundigen, weshalb er so unnöthiger Weise eine Larve aufsetzt, wenn er seinen guten Freund Wilhelmi besucht.«

Der Musterzeichner wußte weder aus noch ein. Seine Verlegenheit war auf das Äußerste gestiegen. Noch lag der Hundertguldenschein auf dem Tische, wohin ihn Arndt gelegt hatte. Wilhelmi schob ihn fort und sagte:

»Sie geben soviel Geld und sind doch nur Einer, der Andere unglücklich macht.«

»Jetzt sind Sie es, der sich irrt. Ich bin zwar Polizist, aber ich komme nicht als solcher, sondern als Privatmann zu Ihnen. Ich will nicht Ihr Unglück, sondern Ihr Glück. Ich will Ihnen meine Hand bieten, um von dem Waldkönige loszukommen, der Sie immer tiefer in das Verderben führt.«

»Herr, wer sagt Ihnen, daß ich zum Waldkönige gehöre, und daß ich wünsche, von ihm loszukommen?«

»Mein Auge. Ich sehe Ihnen an, daß Sie kein Pascher, kein Verbrecher sind; sie arbeiten Ihrer kranken Familie wegen des Nachts; Sie sind ein braver Mann!«

»Gott sei Dank!« seufzte der Musterzeichner. »Der Herr im Himmel weiß es, daß Sie Recht haben.«

»Nicht wahr? Dennoch kommt der Waldkönig zu Ihnen. Er will Sie bestricken; er will Sie zu seinem Sclaven machen. Vielleicht sind Sie ein brauchbarer Mann, und er kommt nun, um Sie zu verleiten oder gar zu zwingen, für ihn zu arbeiten. Nicht?«

»So ist es, ganz nur so!«

»Ich dachte es mir. Ich sehe es Ihnen an, daß Sie erschrocken und ängstlich sind; ich will die Sorge von Ihnen nehmen. Ich nehme an, daß Sie meinen Namen kennen. Wenn ich Ihnen denselben nenne, werden Sie sich beruhigen.«

»Ich kenne keinen Namen eines Polizisten aus der Hauptstadt.«

»O doch! Den Namen des bekanntesten Geheimpolizisten haben Sie auch gehört. Oder wären Sie noch nicht dabei gewesen, wenn vom Fürsten des Elendes gesprochen wurde?«

Wilhelmi fuhr empor. Sein Gesicht erheiterte sich, und sein Auge leuchtete freudig auf.


// 840 //

»Vom Fürsten des Elendes?« sagte er. »Herr, ja, von dem habe ich gehört, und nach ihm sehne ich mich.«

»Sehnen? Warum?«

»Weil er der einzig richtige Mann wäre, das zu thun, wovon Sie vorhin sprachen, nämlich uns zu befreien von dem Waldkönige. Ich habe erst heute von ihm gesprochen.«

»Zu wem?«

»Zu meinem Bruder. Ich hatte mir ausgesonnen, wie ich es anfangen wollte, mit dem Fürsten des Elendes einmal sprechen zu können.«

»Ah! Wie wollten Sie das anfangen?«

»Er ist einmal bei dem hiesigen Pfarrer gewesen.«

»Ich weiß das. Er hat da eine arme Familie unterstützt.«

»Und die Kinder dieser Familie zu einem gewissen Hauser hier thun lassen. Ganz gewiß erkundigt er sich einmal nach diesen Kindern. Und wo wird er das thun? Entweder bei Hausers oder bei dem Pfarrer.«

»Das steht allerdings zu erwarten.«

»Darum wollte ich den Pfarrer und den alten Hauser bitten, mich zu erwähnen, wenn er einmal zu ihnen kommt.«

»Hm! Nicht übel ausgedacht, obgleich es nicht nöthig ist.«

»Warum nicht nöthig?«

»Weil er bereits bei Ihnen ist.«

Da schlug der Musterzeichner die Hände zusammen und fragte:

»Wie? Wäre es die Möglichkeit? Sie, Sie selbst sind der Fürst des Elendes?«

»Ja, ich!«

»Herrgott, ich danke Dir! Noch heute war davon die Rede, daß man sich auf den lieben Gott verlassen könne; ich wollte daran zweifeln, nun aber sehe ich, daß es wahr ist!«

Er eilte hin zu seiner Frau, kniete neben ihr nieder und schrie ihr in das von Pocken verstopfte Ohr:

»Der Fürst des Elendes ist da! Hörst Du? Der Fürst des Elendes!«

Sie mochte ihn doch so leidlich verstanden haben, denn sie legte die dick verschwollenen Hände zusammen und machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wolle.

»Lassen Sie die arme Frau!« sagte Arndt. »Es thut ihr jede Bewegung weh.«

»Aber meine Schwiegermutter muß ich holen! Das erlauben Sie mir doch?«

»Warum diese?«

»Sie wird sich freuen, als ob sie im Himmel wäre! Und das hat sie verdient.«

»Wo ist sie?«

»Sie liegt ganz oben unter dem Dachfirste. Da schläft sie!«

»So warten Sie noch. Jetzt möchte ich mit Ihnen allein sprechen. Sie


Ende der fünfunddreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk