Lieferung 39

Karl May

9. Mai 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 913 //

Freisprechung! Aber ich weiß nun, was zu thun ist. Lebt der alte Todtengräber noch?«

»Ja, bei seinem Sohne, der Gefängnißwachtmeister in der Residenz ist.«

»Wachtmeister Uhlig! Ah, auch das stimmt. Mir wird Alles klar. Man ist auf den Gedanken gekommen, daß Robert von Helfenstein gar nicht verbrannt ist. Und weil man damals doch verkohlte Kinderknochen gefunden hat, so müssen die von einer anderen Leiche gewesen sein. An demselben Tage wurde das Kind der Botenfrau begraben, und Ihr Beide habt dem alten Uhlig geholfen, das Grab zuzuschütten - - da habt Ihr die ganze Combination!«

»Alle Wetter!« sagte Wolf. »Also wirklich nur auf den Busch geschlagen!«

»Natürlich! Ihr habt doch nichts eingestanden?«

»Kein Wort.«

»Das ist gut, sehr gut!«

»Aber der Fürst des Elendes hat uns belauscht.«

»Wo denn?«

»An der Kirchhofsmauer. Er hat da ein jedes Wort gehört, welches wir gesprochen haben.«

»Ihr Esels! Wie kamt Ihr denn an die Mauer?«

Sie erzählten es. Als sie den Bericht beendet hatten, zankte er sie tüchtig aus und fügte hinzu:

»Ihr seht nun ein, wie dumm Ihr gehandelt habt! Jetzt tritt der Fürst als Zeuge gegen Euch auf. Aber ich werde ihm den Mund stopfen. Sagtet Ihr nicht, daß er dann bei Euch gewesen sei?«

»Ja. Er gab sich für einen Spiritisten aus.«

»Um Euch zu überrumpeln.«

»O, er hat nichts erfahren, gar nichts!«

»Schön! Ich werde Euch jetzt sagen, was Ihr zu thun habt. Ihr habt gar nichts zu befürchten.«

Der Alte holte tief Athem und meinte:

»Gott sei Dank! Wenn das wahr wäre!«

»Es ist wahr!«

»Bei meinem Alter flüchtig werden und von Haus und Hof fort müssen, das ist traurig!«

»Ihr werdet wieder zurückkehren können, ohne daß man Euch etwas thut. Die Kette werde ich bekommen und vernichten. Der Fürst des Elendes wird verschwinden. Was kann Euch dann geschehen, he?«

»Dann allerdings nichts, gar nichts! Mit der Kette werden Sie freilich fertig werden, ob aber auch mit dem Fürsten -?«

»Sicher! Ganz gewiß!«

»Schön! Aber bis dahin?«

»Bis dahin verbergt Ihr Euch.«

»Wo denn?«


// 914 //

»Drüben über der Grenze. Ich werde Winkler beauftragen, Euch ein Asyl zu geben. Das nöthige Geld sollt Ihr von mir bekommen!«

»Das läßt sich hören! Aber wann erhalten wir das Geld?«

»Noch heute, nachher. Ich habe zwar nicht soviel mitgenommen, aber ich werde es hier bekommen.«

»Aber wenn man uns dennoch ergreift?«

»So leugnet Ihr bis auf's Blut. Ihr steht unter meinem Schutze und könnt versichert sein, daß ich Euch ganz gewiß bald die Freiheit wieder verschaffe.«

»Das ist wenigstens ein Trost. Aber, dort ist das Städtchen. Wohin fahren wir?«

Der Baron zog die Uhr.

»Alle Teufel!« sagte er. »Halb Zwei! Unser Gespräch hat meine Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch genommen, daß ich viel zu langsam gefahren bin. Ich darf keinen Augenblick mehr verlieren. Es ist bereits die höchste Zeit.«

Er lenkte von der Straße ab und fuhr über die Felder um die Stadt herum. Er wollte vermeiden, gesehen zu werden. Unweit des Gartens, welcher Seidelmann gehörte, hielt er an.

»Hier steigt Ihr aus,« sagte er. »Ihr schleicht Euch nach dem Schachte und geht zum Wächter Laube. Ist er nicht da, so steckt Ihr Euch in den Schuppen. Er ist voller Stroh, so daß Ihr nicht frieren werdet. Dort wartet Ihr, bis ich komme. Ihr kennt den Schuppen?«

»Ja. Aber Sie werden gewiß kommen?«

»Ganz sicher! Laßt Euch nur nicht sehen oder vielleicht gar ergreifen. Heute gilt es, doppelt vorsichtig zu sein.«

Sie stiegen aus und entfernten sich. Auch er verließ den Schlitten. Er hatte bei einem kleinen Gehölze angehalten, zog einen Strang los und band die Zügel an einen jungen Baumstamm. Dabei brummte er vor sich hin:

»Wie gut, daß ich verboten habe, das Schellengeläute anzulegen. Das würde mich verrathen.«

Und ein halblautes, höhnisches Lachen ausstoßend, setzte er hinzu:

»Diese dummen Kerls! Mich haben sie betrügen wollen und werden nun selbst die Betrogenen sein. Sie sind die einzigen directen Zeugen; das Andere ist Alles nur Vermuthung. Sie müssen also ebenso verschwinden, wie die Kette und der Fürst des Elendes verschwinden wird. Doch vorwärts jetzt!«

Er begab sich nach dem Gartenzaune und stieg darüber. Hinten war ein Fenster erleuchtet. Er klatschte leise in die Hände und wurde doch sofort gehört. Der Kopf eines Mannes erschien an der hellen Scheibe. Sofort griff er mit der rechten Hand nach dem rechten Auge. Das Fenster wurde geöffnet, und eine halblaute Stimme fragte:

»Wer ist's?«


// 915 //

»Der Hauptmann!«

»Sakkerment!«

Eine Minute später wurde die hintere Thür geöffnet, und Seidelmann trat heraus.

»Kommen Sie, gnädiger Herr!« sagte er.

»Sind Sie allein?«

»Nein.«

»Wer ist bei Ihnen?«

»Der Wächter Laube.«

»Was will er?«

»Ich habe ihm für heute Nacht einige Weisungen zu ertheilen.«

»Er kann hören, was wir haben; aber erkennen darf er mich nicht. Kommen Sie herauf!«

Während er eintrat, zog er eine schwarze Maske hervor, welche er mitgebracht hatte, und band sie vor das Gesicht. Droben erhob, als sie eintraten, der Wächter sich von seinem Stuhle, auf welchem er gesessen hatte. Der Baron beachtete ihn zunächst gar nicht, sondern fragte Seidelmann:

»Winkler war hier?«

»Ja.«

»Das Unternehmen ist heute?«

»Ja, das doppelte.«

»Doppelt? Wieso?«

»Der Andre war auch da.«

»Der Andre? Wer?«

»Ich kenne ihn nicht. Er war zweimal da, vorgestern und gestern. Es wird ein großes Geschäft.«

»Donnerwetter!« klang es unter der Maske des Barons hervor. »Ein Anderer? Haben Sie selbst mit ihm gesprochen?«

»Gestern ich und vorgestern mein Bruder.«

»Wie sah er aus?«

»Ich habe sein Gesicht gar nicht gesehen. Hier Laube aber muß es sich betrachtet haben. Durch ihn hat er sich anmelden lassen.«

»So kannte er die Eiche?«

»Natürlich!«

»Hatte er auch das Zeichen?«

»Ja.«

»Welches Aussehen hatte er?«

Diese letzten Worte waren an den Wächter gerichtet, welcher Arndt so beschrieb, wie er ihn gesehen hatte.

»Kenne ich nicht!« sagte der Baron. »Das ist Verrath!«

»Verrath?« fragte Seidelmann erschrocken.

»Ja. Ich komme nämlich, um Ihnen zu sagen, daß Sie abgefangen werden sollen. Die Polizei weiß, was wir vorhaben.«

»Herrgott!« stöhnte Seidelmann, indem er auf einen Stuhl sank.


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»Ja. Dieser verdammte Fürst des Elendes hat seine Hand mit im Spiele. Aber hier hilft kein Erschrecken. Wir müssen so schleunig als möglich handeln. Vorher aber muß ich mich orientiren. Wann ist das Zusammentreffen?«

»Zwei Uhr.«

»Im Haingrunde?«

»Diesseits desselben.«

»Hm! Wer leitet es?«

»Mein Sohn. Ich wollte jetzt auch hinaus.«

»Ist Ihr Sohn bereits fort?«

»Seit einer Viertelstunde.«

»Vielleicht ist noch Zeit zur Warnung. Den Leuten können sie nichts anhaben, wenn diese keine Waaren haben. Wir müssen also sorgen, daß die Waaren gar nicht anlangen.«

Seidelmann war fieberhaft erregt. Er sagte:

»Wir müssen fort, fort, sogleich!«

»Halt! Dennoch keine Ueberstürzung! Giebt es einen Weg, auf welchem wir den jenseitigen Ausgang des Haingrundes unbemerkt erreichen können?«

»Nein. Der einzige Weg ist jedenfalls verlegt, wenn die Sache verrathen ist.«

»So müssen wir gerade durch den Wald?«

»Ja.«

»Gut! Sehen wir, daß wir die Packträger von drüben noch jenseits fassen können. Sie müssen umkehren; dann ist Alles gerettet.«

»Mein Sohn! Mein Sohn!«

»Pah! Sind keine Packete da, können sie ihm nichts anhaben. Haben Sie Waffen da?«

»Büchsen?«

»Unsinn! Messer und Revolver.«

»Genug!«

»So eilen Sie! Wir müssen uns bis an die Zähne bewaffnen. Auch zwei Betttücher. Schnell!«

Seidelmann eilte fort. Der Baron wendete sich nun an den Wächter und fragte:

»Kennst Du mich?«

»Nein.«

»Ich bin der Hauptmann selbst.«

»Ah!« antwortete der Mann, sich tief verneigend.

»Der Kerl, welcher gestern und vorgestern bei Dir gewesen ist, war jedenfalls der Fürst des Elendes. Er weiß also, daß Du im Bunde bist. Geht es uns heute fehl, so wird man Dich jedenfalls arretiren.«

»Mein Gott!«


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»Nicht jammern! Ich werde sorgen, daß Dir nichts geschieht. Komm her an das Fenster. Siehst Du dort das kleine Gehölz?«

»Ja.«

»Da steht ein Schlitten mit zwei Pferden. Du gehst jetzt hin und bewachst das Geschirr, bis ich komme. Du sollst darauf sehen, daß die Pferde nicht laut werden oder gar ausbrechen. Jetzt fort! Das Weitere wird sich finden!«

Der Wächter war kaum hinaus, so kehrte Seidelmann zurück.

»Ist Ihr Sohn direct nach dem Haingrunde?« fragte der Baron.

»Ja. Seine Leute sind punkt zwei Uhr bestellt.«

»So scheint es, daß wir noch Zeit haben. Vorwärts!«

Sie stiegen über den Zaun und schlichen dem Walde zu, aber sorgfältig die Richtung vermeidend, in welcher Grenzer und Gensd'arme zu vermuthen waren. - -

Arndt und der alte Förster hatten ihre beiden Pferde angestrengt. Sie erreichten das Städtchen punkt zwölf Uhr, gaben den Schlitten nebst den Pferden an den Besitzer zurück und gingen dann zu Fuße nach dem Forsthause.

Dort wurden sie bereits erwartet. Der Staatsanwalt befand sich da und hatte einen Grenzofficier und den Obergensd'arm mitgebracht. Diese beiden Letzteren betrachteten Arndt mit großer Aufmerksamkeit, weil sie erfahren hatten, daß er der Fürst des Elendes sei.

Mutter Barbara hatte geheizt, daß der Ofen glühte, und für den seltenen Besuch ein Mahl aufgetragen.

»Endlich!« sagte sie. »Wir dachten bereits, daß Ihr gar nicht kommen würdet.«

»Und da wurdest Du eifersüchtig?« scherzte der Förster.

»Auf wen denn?«

»Na, auf die Helfensteiner Mädels.«

»Pah! Dich alten Knaster guckt doch keine mehr an!«

»Oho! Denkst Du etwa, daß ich heute keine Rolle dort gespielt habe? Eine sehr große Rolle!«

»Du jedenfalls nicht, Alter!«

»Hopp, hopp! Wir hatten eine Exhumirung!«

Da war das Wort heraus. Der gute Alte hatte nicht gedacht, daß es dem Vetter Arndt wohl lieber sei, wenn von dieser Angelegenheit gar nicht gesprochen würde.

Der Staatsanwalt stutzte auch sofort und fragte:

»Eine Exhumirung? Höre ich recht? Eine Leiche ist ausgegraben worden, Herr Förster?«

»Jawohl!«

»Auf wessen Antrag?«

»Der da war es.«


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Er deutete dabei auf Arndt. Dieser wehrte mit der Hand ab und sagte:

»Bitte, jetzt nicht hiervon. Später findet sich wohl auch Gelegenheit dazu. Ich habe Hunger. Lassen Sie uns zulangen und dabei das Naheliegende besprechen. Darf ich erfahren, welche Vorbereitungen Sie getroffen haben, Herr Staatsanwalt?«

»Gewiß. Ich habe sechszig Mann mit.«

»Wo?«

»Hier hinter dem Hause im Gebüsche.«

»Ah, Sie haben noch Keinen detachirt?«

»Nein. Ich erzählte dem Herrn Obergensd'arm von Ihnen, und er gab mir den guten Rath, nichts zu unternehmen, bevor ich nicht mit Ihnen gesprochen hätte.«

Arndt nickte dem Obergensd'arm dankbar zu und antwortete:

»Sehr verbunden. Es ist mir lieb, daß Sie diesem Rathe Folge geleistet haben. Es ist mir nämlich während unserer Heimfahrt ein Gedanke gekommen, dessen Ausführung mir sehr vortheilhaft zu sein scheint. Ihre Mannschaften sind bewaffnet?«

»Ja, natürlich.«

»Die Pascher jedenfalls auch?«

»Es läßt sich das wenigstens erwarten.«

»Ich hoffe dennoch, daß wir alle ohne Blutvergießen in die Hände bekommen werden.«

»Oho! Das wäre ein Wunder!«

»Wie man es anfängt! Locken wir sie in eine Falle!«

»Das wird sehr schwer halten.«

»Vielleicht leichter, als Sie denken. Ist Ihnen hier die rothe Mühle bekannt?«

»Gewiß. Soll diese etwa die Falle sein?«

»Ja, allerdings.«

Da machte der alte Förster eine Bewegung des Schreckes und sagte:

»Was fällt Ihnen ein, Vetter! Wollen Sie den guten Wilhelmi in Verlegenheit bringen?«

»Nein, sondern zu einer Belohnung will ich ihm verhelfen.«

»Wieso?«

»Weil er mein Verbündeter ist.«

»Sapperment! Der? Davon habe ich ja gar nichts gewußt. Hast Du es gewußt, Bärbchen?«

»Kein Wort!«

»Man braucht nicht Alles mitzutheilen, selbst einem Vetter nicht,« lachte Arndt. »Ich habe dem Musterzeichner und seinem Bruder sehr viel zu verdanken. Sie haben mich auf die Spur gebracht.«

»Auch dem Musterzeichner?«

»Ja. Der Waldkönig ist bei Beiden gewesen.«


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Das interessirte den Staatsanwalt natürlich am meisten. Er griff sogleich in das Gespräch ein, indem er fragte:

»Was hat er bei diesen Beiden gewollt?«

»Den Musterzeichner hat er als Briefträger engagirt. Dieser hat so gethan, als ob er bereit sei, mir aber Mittheilung davon gemacht.«

»Warum dem Gerichte nicht?«

»Weil er glaubte, durch mich Dasselbe zu erreichen, und weil es erst in voriger Nacht geschehen ist. Ich bat ihn, zu schweigen.«

»Schön! Und sein Bruder, der Müller?«

»Sollte dem Waldkönig seinen Keller vermiethen.«

»Donnerwetter!« stieß der Förster hervor. »Der König war wohl gar selbst bei ihm?«

»Ja.«

»Warum hat er das nicht gemeldet?« fragte der Staatsanwalt.

»Er sagte es mir.«

»Hm! Man scheint, wie es mir vorkommt, hier zu denken, daß Sie die Direction führen!«

»In dieser Angelegenheit führe ich sie allerdings. Ich habe auch den Müller um Verschwiegenheit gebeten.«

»Aber wozu wollte der König den Keller?«

»Zum Zuschütten. Es liegt hier ein Räthsel vor, welches man noch zu ergründen hat. Vielleicht gelingt dies uns heute. Ich möchte vorschlagen, als Belohnung für den Müller die Pascher nebst ihren Anführern bei ihm zu fangen.«

»Glauben Sie, daß dies von Vortheil sein wird?«

»Ja. Es wird dadurch alles Blutvergießen verhütet.«

»Wie wollen Sie das anfangen?«

»Soviel ich weiß, kommen die fremden Pascher mit Ihren Packeten zuerst. Ich führe sie zur Mühle -«

»Sie denken, daß sie Ihnen folgen werden?«

»Ja. Sie werden mich für den Pascherkönig halten.«

»Unglaublich!«

»Ganz sicher.«

»Wie wollen Sie die Leute zu diesem Glauben bewegen?«

»Das lassen Sie meine Sorge sein! Ich begebe mich jetzt nach der Mühle, um mit dem Müller zu sprechen. Sie finden sich nach einiger Zeit mit Ihren Mannschaften ein. Diese Letzteren werden heimlich in die Mühle postirt, und nachher führe ich die Pascher hinein in die Wohnstube. Dann sind sie unser.«

»Aber, ich bitte Sie, glauben Sie wirklich, daß die Pascher in diese Falle gehen werden?«

»Gewiß.«

»Aber fein ist die Schlinge ganz und gar nicht!«

»Es wird sich zeigen, wer Recht hat.«


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Der Gefragte zuckte die Achseln, der Grenzofficier ebenso; aber der alte Förster meinte:

»Hört, Ihr Leute, macht, was er will. Er hat ganz sicher wieder einmal einen Geniestreich ausgeheckt, der Haare auf den Zähnen hat. Ich gehe auch mit!«

»Alter! Was fällt Dir ein!« warnte Frau Barbara.

»Nichts fällt mir ein, als daß ich mir den Spaß auch mit ansehen will. Verstanden, meine Alte?«

»Aber die Gefahr!«

»Gefahr? Rede keinen Unverstand! Der Vetter saßt, daß kein Blutvergießen stattfinden werde, und er weiß zu halten, was er verspricht!«

»Recht so!« lobte Arndt. »Meine Herren, es ist jetzt nicht Zeit, lange Berathungen zu halten. Ich verspreche Ihnen, die Pascher in Ihre Hände zu liefern, wenn Sie binnen jetzt und einer Viertelstunde sich so nach der Mühle schleichen, daß Sie von keinem Schmuggler gesehen werden. Gehen Sie darauf ein, gut! Wo nicht, dann machen Sie, was Sie wollen. Ich werde in diesem Falle in der Mühle abwarten, ob Ihnen der Fang gelingt. Ich gehe!«

Er entfernte sich und hörte nur noch die Stimme des Försters:

»Wer klug ist, der folgt ihm. Er weiß, was er will; das habe ich heute ganz deutlich gesehen.«

Die Mühle klapperte laut, ein Zeichen, daß Wilhelmi auch heute in Arbeit sei. Er hörte klopfen und öffnete. Als er Arndt erblickte, war sein Erstaunen ebenso groß, wie seine Freude über diesen so unerwarteten Besuch.

»Sie sind es, Herr!« sagte er. »Willkommen! Bringen Sie Gutes oder Schlimmes?«

»Gutes. Ist Ihre Frau noch wach?«

»Ja; aber soeben wollte sie zur Ruhe gehen.«

»So lassen Sie uns zu ihr gehen. Ich glaube, daß sie heute nicht viel Ruhe finden wird!«

»Weshalb?«

»Kommen Sie nur erst herein!«

Auch die Müllerin freute sich über Arndt's Kommen und war ebenso neugierig wie ihr Mann, den Grund desselben zu erfahren. Arndt platzte gleich heraus:

»Wollen Sie mir helfen, den Waldkönig zu fangen?«

Da erschraken Beide. Wilhelmi sagte:

»Wir? Ihnen? In wiefern denn?«

»Indem ich ihn in Ihre Mühle locke!«

»Herrgott! Das ist zu gefährlich!« sagte die Frau.

»O nein. Wissen Sie, daß ein Preis auf ihn gesetzt ist?«

»Ja. Ich glaube, fünfhundert Gulden.«

»Nun, die sollen Sie sich verdienen.«


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»Wir? Fünfhun - hundert Gulden? O, warum denn nicht, wenn keine Gefahr dabei wäre!«

»Nicht die mindeste! Und außerdem werden Sie eine ganz bedeutende Prämie erhalten, denn wir werden auch eine große Anzahl Pascher hier fangen und ihnen viele theure Waaren abnehmen.«

Prämie? Das klang der Frau wie Musik in den Ohren. Aber sie hatte doch ihre Bedenken:

»Es wird gewiß sehr schwer sein?«

»Nein.«

»Oder gefährlich?«

»Auch nicht.«

»Der Waldkönig wird sich an uns rächen!«

»Er wird unschädlich sein.«

Der Müller hatte sich von seiner ersten Ueberraschung erholt. In so kurzer Zeit so viel Geld zu verdienen, das deuchte ihm ganz angenehm. Darum sagte er:

»Dürfen wir erfahren, welchen Plan Sie haben?«

»Gewiß! Es giebt heute, wie ja immer, zwei Truppen Pascher: eine von drüben und eine von hüben. Die erstere bringt die Packete. Ich gebe mich für den Waldkönig aus und führe sie hierher. Sie legen die Packete in Ihrem Keller ab, und dann führe ich sie in diese Stube, indem ich thue, als ob sie hier einen Kaffee oder dergleichen erhalten sollten.«

»Die Pascher? Herein zu uns?« fragte die Frau, indem sie die Hände zusammenschlug.

»Fürchten Sie sich?«

»Natürlich! Jedermann würde sich da fürchten!«

»Aber Sie stehen ja unter meinem Schutze!«

»Was können Sie gegen so viele Leute!«

»Ich bin nicht allein. Es kommen sechszig Grenzer und Gensd'armen, welche sich drüben in der Mühle verstecken werden. Haben Sie auch nun noch Angst?«

»Sechzig? So viele? O, da brauchte es Einem vielleicht doch nicht bange zu sein.«

»Also wollen Sie?«

»Aber die Andern?«

»Nun, erst nehmen wir die Einen fest, und erst dann hole ich die Anderen.«

»Auch in die Stube?«

»Nein. Die werden in den Keller gelockt.«

»Hm! Mann, was sagst Du dazu?«

»Ich habe Vertrauen zu diesem Herrn.«

»Nun, wenn Du willst, so habe ich es auch.«

»Gut!« sagte Arndt. »So merken Sie sich das: Sie stellen Kaffeetassen auf die beiden Tische, welche Sie zusammenschieben. Wenn ich Ihnen


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dann sage, daß Sie den Kaffee bringen sollen, gehen Sie zwar nach der Küche, aber von dort schnell in die Mühle, um den Grenzern zu sagen, daß sie kommen sollen. Das Uebrige findet sich dann von selbst.«

»Kaffee brauche ich also demnach nicht zu kochen?«

»Nein. Aber den Schlüssel zum Keller werde ich mir ausbitten, und eine Laterne. Der Waldkönig soll in demselben Keller gefangen werden, den er pachten wollte.«

»Hier ist der Schlüssel.«

»Gut. Ich gehe jetzt. Wenn die Grenzer kommen, so machen Sie sie mit dem bekannt, was ich Ihnen gesagt habe. Ihr Hof hat eine Pforte?«

»Ja, links hinaus.«

»Durch diese werden wir hereinkommen.«

Er nahm die Laterne, welche noch nicht brannte, und stellte sie draußen vor die Kellerthür. Eben als er durch die hintere Pforte trat, bemerkte er, daß die Grenzer vorn angekommen waren. Man hatte ihm also doch den Willen gethan. Er eilte vor, erblickte den Obergensd'arm und fragte:

»Ist Ihnen Jemand begegnet?«

»Nein, auch glaube ich nicht, daß wir von irgend einer Person gesehen worden sind.«

»Das ist schön. Treten Sie ein! Die Müllersleute werden Ihnen meinen Plan mittheilen.«

Jetzt nun begab er sich nach dem Haingrunde. Es war noch kein Mensch zu sehen, und auch im Schnee zeigte sich keine Fußspur. Er wanderte fort, und eben als er den jenseitigen Ausgang des Grundes erreichte, sah er eine Reihe von Gestalten, welche, Einer hinter dem Anderen schreitend, mit Packeten auf dem Rücken auf ihn zukamen.

Er stellte sich hinter einen Baum und band die bereit gehaltene schwarze Maske vor. Als sie näher kamen, bemerkte er, daß Einige, aber bei Weitem nicht Alle, Gewehre in der Hand trugen. Der Erste wollte an dem Baume vorüber, da trat Arndt vor. Der Mann erhob die Flinte, ließ sie aber sofort wieder sinken, als Arndt mit der rechten Hand nach dem rechten Auge griff.

»Sind schon Alle da?« fragte der Mann.

»Nein. Die Luft ist nicht rein. Kommt nach der rothen Mühle. Dort ist es sicherer.«

Er drehte sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, um und schritt ihnen voran. Die Männer folgten hinter ihm her. Auch sie trugen Masken. Es war klar, daß sie ihn für den Waldkönig selbst oder dessen Abgesandten hielten.

Er ging nicht im Grunde zurück, sondern er führte sie in den Forst hinein, gerade die Richtung, in welcher die Mühle lag, deren hintere Seite sie nach kurzer Zeit erreichten.

»Weiß es der Müller?«


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»Natürlich!«

»Ist er einer der Unsrigen?«

»Ich habe seinen Keller gepachtet.«

»Gescheit! Das ist bequem!«

Er führte sie in den Hof, wo kein Mensch zu sehen war, brannte die Laterne an und öffnete mit dem Schlüssel die Kellerthür. »Hier hinein!«

Er selbst trat ihnen voran. Sie folgten ihm, und ein Jeder legte sein Paket lautlos ab. Fast Alle rieben sich dann die Hände, da heute die Kälte eine wahrhaft schneidende war. Der, welcher bisher der Sprecher gewesen war, meinte:

»Ist der Müller sicher?«

»Vollständig.«

»Hm! Die Mühle geht, er ist also noch wach?«

»Ja.«

»Sapperment! Wenn man etwas Warmes bekommen könnte! Hier sind wir sicher. Drei Stunden laufen bei dieser grimmigen Kälte, das ist nichts Kleines! Würden Sie es erlauben, Herr?«

Nichts konnte Arndt erwünschter kommen, als diese Frage.

»Ich habe bereits auch daran gedacht,« sagte er, »und Euch einen Kaffee bestellt.«

Ein Murmeln der Zufriedenheit durchlief die Reihe der Männer. Der Eine sagte:

»Ja, hier ist es anders, als draußen im Freien: erstens gemüthlicher, und zweitens sicherer. Einmal zur Thür hinein, so ist man geborgen. Aber wo trinken wir?«

»Die Tassen stehen drin auf den Tischen. Wollt Ihr aber lieber gleich hier trinken, so ist mir's recht.«

»O nein; drin ist es wärmer.«

»So kommt!«

»Ja. Drin können wir auch gleich die Factura in Ordnung bringen, Herr!«

Arndt führte sie in die Stube, wo auf den Tischen die einladenden Tassen zu sehen waren. Zu seiner Freude legten Diejenigen, welche Gewehre trugen, diese gleich in der Ecke ab; er blieb natürlich dabei stehen, während sie sich an die Tische setzten.

Jetzt trat die Müllerin herein. Ihr Gesicht war sichtlich verlegen, doch konnte das gar nicht befremden. Beim erstmaligen Besuche solcher Leute hätte auch eine jede andere Frau ein nicht ganz sicheres Benehmen gezeigt.

"Bringen Sie den Kaffee!"

»Bringen Sie den Kaffee herein!« sagte Arndt zu ihr.

Sie ging in die Küche; aber bereits im nächsten Augenblicke hörte sein scharfes Ohr ihren leisen Schritt, und dann das Knarren der Mühlenthür. Andere Schritte huschten dann über den Flur herüber. Jedenfalls horchte man nun an der Thür auf das Commandowort zum Oeffnen. Er griff in


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die Taschen, zog zwei Revolver hervor, spannte sie, hielt sie den Leuten entgegen und sagte:

»Jetzt kommt das Warme, welches ich Euch versprochen habe. Wer von Euch sich rührt, der erhält eine Kugel! Herein!«

Das letzte Wort war laut und gebieterisch gerufen. Die Thür öffnete sich, und im Moment füllte sich das Zimmer mit Bewaffneten.

Ein einziger, aber vielstimmiger Schrei des Schreckes erscholl aus dem Munde der betrogenen Pascher; aber sie sahen so viele Gewehrläufe auf sich gerichtet, daß sie erkannten, daß Widerstand der reine Wahnsinn sei.

»Verdammter Kerl dort, das büßest Du uns!«

Dieses Wort rief der, welcher bisher den Sprecher gemacht hatte. Es war das Einzige, welches gesprochen wurde.

»Haben Sie Fesseln mit, Herr Obergensd'arm?« fragte Arndt.

Der Genannte lachte froh über den gelungenen Streich und antwortete:

»Keine Sorge! Mit Stricken sind wir genugsam versehen. Bindet sie Alle. Wer sich wehrt, wird so fest geschlossen, daß ihm das Blut aus dem Fleische spritzt!«

Diese Drohung wirkte: Die Gefangenen ließen sich binden, ohne sich zu sträuben. Der Obergensd'arm wendete sich dann mit der leisen Frage an Arndt:

»Was aber nun?«

»Wir schaffen sie hinüber in die Mühle. Man kann nicht wissen, wer hier noch Zutritt nimmt.«

»Denken Sie, daß wir sie drüben ebenso sicher haben wie hier?«

»Warum nicht? Sie sind gefesselt, und außerdem erhält ein Jeder einen Mann Wache. Wir können ja glücklicher Weise über genug Leute verfügen.«

»Diese Letzteren werden aber nothwendig gebraucht!«

»Wozu?«

»Dann, wenn Sie die Anderen bringen.«

»Da brauchen wir keinen einzigen Mann.«

»Wieso?«

»Ich schließe sie Alle ein.«

»In den Keller?«

»Ja.«

»Wollen wir nicht erst nach den Packeten sehen?«

»Nein. Ich habe keine Zeit dazu. Und wenn ich die Leute bringe, so müssen sie die Packete auch wirklich im Keller sehen, um nicht Verdacht zu schöpfen.«

»Schön! Ganz wie Sie wollen! Ich wünsche nur, daß der zweite Theil Ihres Streiches ebenso gelingt, wie der erste!«

»Hoffen wir es.«

»Nehmt ihnen die Masken ab!«

Dieser Befehl des Gensd'armes wurde ausgeführt, und nun war manches


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Gesicht zu sehen, welches den Beamten nur zu gut bekannt war, und dessen Besitzer öfters schon die Bekanntschaft des Strafrichters und auch des Gefängnisses gemacht hatte. Arndt bekümmerte sich nicht darum. Er ging wieder fort, dem Haingrunde zu.

Als er diesen erreichte und an seine Uhr sah, zeigte diese auf halb nach der ersten Stunde. Er lauschte, hinter einem Baume stehend. Niemand war zu sehen. Bald aber hörte er nahende Schritte. Es kam ein Mann, welcher eine Maske vor das Gesicht gebunden hatte. Als derselbe vorübergehen wollte, sagte Arndt mit gedämpfter Stimme:

»Halt! Die Parole!«

»Gottfried von Bouillon!« lautete die Antwort.

»Gut!«

Er trat hinter dem Baume hervor und reichte dann dem Ankömmlinge die Hand.

»Kommen die Andern bald?«

»Ich habe sie für jetzt bestellt.«

Aus diesen Worten erkannte Arndt, daß er einen der beiden Seidelmanns vor sich habe.

»Schön!« sagte er. »Haben Sie auch die Parole ausgegeben, Herr Seidelmann?«

»Natürlich! Ah, Sie kennen mich! Vater sagte allerdings, daß er gestern bemerkt habe, Sie seien der Hauptmann selbst.«

Hätte Arndt geahnt, daß auch der Baron nahe sei, so hätte er seine Rolle jedenfalls mit etwas weniger Vertrauen gespielt. Er antwortete:

»Wer ich bin, ist gleich; aber seien Sie froh, daß ich hier bin. Ohne mich wäre doch die Sache wieder ganz verteufelt in die Brüche gegangen.«

»Ist's möglich?«

»Sogar wirklich!«

»Inwiefern?«

»Ich befinde mich bereits zwei Stunden hier in der Nähe und habe sehr aufmerksam recognoscirt. Es patrouilliren Grenzer durch die Schlucht.«

»Sapperment!« sagte Fritz Seidelmann erschrocken. »Was ist da zu thun? Wir müssen Denen da drüben entgegen, um sie zu warnen!«

»Ist bereits geschehen. Sie sind in Sicherheit.«

»Wo?«

»In der Mühle.«

»Was? In der rothen Mühle?«

»Natürlich! Es ist ja keine andere in der Nähe.«

»Alle Wetter! Wie kommen Sie auf die Mühle? Halten Sie dieselbe für sicher?«

»Ja. Sie nicht?«

»Man ist sich über Wilhelmi noch nicht klar geworden.«

»Und dennoch haben Sie seinen Keller gemiethet!«

»Auch das wissen Sie?«


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»Ein schlechter Hauptmann, der nicht weiß, was in seiner Compagnie vorgeht!«

»Ja, nun ist es sicher, daß Sie der Hauptmann sind. Das von dem Keller hätten wir Ihnen eigentlich vorher melden sollen. Ich hoffe jedoch, daß Sie verzeihen werden.«

»Zur Meldung haben Sie auch heute Gelegenheit.«

Arndt war hoch erfreut, das Gespräch auf dieses Thema gebracht zu haben. Nun wurde wohl das Räthsel betreffs des Kellers gelöst.

»Ja,« antwortete Seidelmann. »Wir haben nämlich bemerkt, daß der Gang von der Mühle, den wir doch später zu benutzen haben, gerade unter dem Keller fortgeht, und daß die Decke so dünn ist, daß der Müller durch irgend ein Geräusch auf uns aufmerksam werden könnte. Zwar liegt der alte Stollen so, daß -«

Er hielt inne und lauschte.

»Hören Sie etwas?« fragte Arndt.

»Ja. Wenn man hier patroullirt, so ist es nicht gerathen, unsere Leute hier zu erwarten. Man könnte uns bemerken. Sie kommen Alle in gerader Richtung von der Eiche her, und so können wir Keinen verfehlen. Gehen wir also näher hinzu, in den Wald hinein.«

Arndt folgte ihm, und nun trat ihnen auch sogleich Einer entgegen, welcher sich durch die Parole legitimirte. Mehrere kamen, und so war es unmöglich, den verborgenen Gang wieder zu erwähnen.

Es dauerte nicht lange, so meldete Seidelmann, daß jetzt Alle anwesend seien, und darauf hin befahl Arndt den verlarvten Leuten, ihm zu folgen.

Sie schienen sich nicht wenig darüber zu wundern, daß er sie direct nach der rothen Mühle führte. Unterwegs aber flüsterte Seidelmann ihm fragend zu:

»Also, Sie halten den Müller für zuverlässig?«

»Ganz und gar. Ich bin vollständig überzeugt, daß er mich nicht täuschen wird.«

»Wir wollen ihn erst prüfen.«

»Das habe ich bereits gethan.«

»Dann ist es gut!«

Sie erreichten die hintere Pforte der Mühle.

»Da hinein?« fragten einige erstaunte, leise Stimmen.

»Ja,« antwortete Seidelmann. »Wilhelmi ist seit kurzer Zeit unser Bundesgenosse.«

»Ah, die Noth!« sagte Einer.

Sie traten in den Hof. Arndt machte den Letzten und zog die Thür hinter sich wieder zu. Daß er auch den Schlüssel abzog, bemerkte nur Seidelmann.

»Warum das?« fragte er leise. »Wir packen auf und gehen ja gleich wieder fort!«


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»Vorsicht! Während wir aufpacken, könnte doch Jemand kommen. Man darf nichts verabsäumen.«

Aber Seidelmann hatte doch einen leichten Verdacht gefaßt. Er griff mit der Hand in die Tasche und wich Arndt nicht von der Seite. Zum Glücke bemerkte dieser es sehr wohl und beschloß, sich vorzusehen. Er brannte die Laterne an, öffnete die Thür und leuchtete in den Keller.

»Da drin!« sagte er.

Die Pascher traten hinein, um ein Jeder ein Packet aufzunehmen; Seidelmann aber blieb bei Arndt im Freien stehen.

»Kommen Sie doch mit!« sagte dieser, indem er die Thür in die Hand nahm, um ihn vor sich eintreten zu lassen und dann die Thür zu verschließen.

»Ich danke! Ich habe ja meine Leute. Ueberhaupt -«

Er hielt inne und blickte sich um.

Dem Grenzofficier hatte nämlich die Zeit bis zur Rückkehr Arndt's zu lange gedauert. Er hatte an der Hinterthür Posto gefaßt und dann das Kommen der Pascher beobachtet. Jetzt sah er, daß diese sich im Keller befanden, und daß nur der Eine sich weigerte, auch einzutreten. Brauchte man mit diesem Einen so viel Federlesens zu machen? Nein! Er beschloß, hinzugehen und ihn festzunehmen; inzwischen konnte Arndt die Thür zuwerfen und verschließen. Er trat also hinter der Thür hervor und in den Hof hinaus. Das sollte leise geschehen; aber Seidelmann hatte Verdacht geschöpft; er hörte das Knirschen des Schnees unter den Sohlen des Officiers; er blickte hinter sich, sah die Uniform und erkannte sofort die Art und Weise dieser Situation.

»Verrath!« brüllte er laut. »Hier hast Du den Lohn!«

Bei diesen Worten riß er den Revolver, den er schon längst in der Tasche gefaßt hatte, hervor und drückte auf Arndt ab. Aber dieser war darauf vorbereitet; er schnellte sich zur Seite, so daß die Kugel an ihm vorüber flog, und schlug ihm die Waffe aus der Hand.

Das Nöthigste war, sich der Mehrzahl zu versichern, da Seidelmann ja nicht flüchten zu können schien, zumal der Officier eben bei ihm stand und beide Hände nach ihm ausstreckte. Arndt also, mit der Laterne in der Linken, schlug mit der Rechten die Thür zu, drehte den Schlüssel um und zog ihn ab. In demselben Augenblicke aber schnellte auch bereits Seidelmann um die Ecke hinum und in den Garten hinaus, der Officier stürzte ihm nach und Arndt hinter ihnen her, noch immer, ohne sich in der Eile ihrer zu entledigen, die brennende Laterne in der Hand.

Die Gartenmauer war nicht hoch, hatte zudem auch eine breite Lücke. Durch diese Letztere floh Seidelmann. Der Grenzofficier war kaum vier Schritte hinter ihm, sprang nach, blieb aber draußen augenblicklich stehen.

»Himmelsakkerment!« fluchte er.

Arndt hatte nun doch, mitten im Garten, die Laterne hingestellt und kam herbei.


// 928 //

»Was ist's?« fragte er.

»Verschwunden!«

»Wohin?«

»Das weiß der Kukuk! Sehen Sie etwa einen Menschen?«

Es war allerdings rundum kein Mensch zu sehen.

»Er kann sich doch nicht unsichtbar gemacht haben!« meinte Arndt.

»Und fort kann er auch nicht sein! Ich war ihm doch auf allen beiden Fersen!«

»Sollte er mit Hilfe eines weißen Tuches - - halt! Horchen Sie einmal!«

»Erdbeben!«

»Nein. Dieses Rollen ist - ah, schauen Sie hier an der Mauer seitwärts das Loch!«

»Wahrhaftig! Da hinein muß er sein!«

In diesem Augenblicke kamen Andere durch den Garten gelaufen, der Obergensd'arm an ihrer Spitze, und neben ihm der Müller. Der Erstere fragte von Weitem bereits:

»Man hat geschossen. Ist Einer verwundet oder entkommen?«

Arndt hatte seine volle Seelenruhe behalten. Er erblickte den Müller und fragte:

»Was ist das für ein Loch?«

»Ein alter Stollen.«

»In Gebrauch?«

»Nein.«

»Tief?«

»Hier nicht; aber es getraut sich doch Niemand hinein wegen der Stickluft, und weil er leicht einstürzen kann.«

»Was ist's damit?« fragte der Obergensd'arm.

»Hm! Dieser Herr wollte nicht warten, bis ich mit den Paschern fertig wurde. Er ließ sich vor der Zeit sehen, und da ist mir gerade der König entkommen.«

»Alle Teufel!«

»Er ist in dieses Loch. Die Andern stecken dort im Keller. Hier ist der Schlüssel. Lassen Sie sie nicht zu lange stecken, sonst könnten sie auf den Gedanken kommen, die Packete zu vernichten oder wenigstens werthlos zu machen.«

»Wo wollen denn Sie hin?«

Arndt hatte nämlich, während er sprach, die Laterne geholt.

»Da hinab,« antwortete er.

»Sind Sie toll!«

»Nein, nein!« rief auch der Müller. »Sie kommen um.«

»Pah! Der Waldkönig ist auch hinab.«

»Nur um zu entkommen. Er wagt das Leben!«


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»Nein. Er sprach vorhin von dem alten Stollen; er muß ihn kennen. Wohin führt der alte Gang?«

»Niemand weiß es genau.«

»Also hinab, ehe der Flüchtling verschwindet!«

»Herrgott von Mannheim! Der Mensch hat wahrhaftig den Drehwurm!«

Der das rief, nämlich der alte Förster, war soeben erst herbeigekommen. Er stieß diesen Ruf aus, weil Arndt wirklich in das Loch gesprungen war. Beim Scheine seiner Laterne konnte man sehen, daß es ungefähr zwölf Fuß tief war.

»Was machen wir?« fragte der Obergensd'arm. »Ihm folgen?«

»Ja, wenigstens ich,« antwortete der Grenzofficier. »Habe ich den Fehler begangen, so will ich wenigstens auch versuchen, ihn wieder gut zu machen.«

Auch er sprang hinab. Einige Schritte vorwärts stand Arndt und leuchtete einen Gegenstand an. Beide bekümmerten sich nicht darum, ob ihnen noch Jemand folge.

»Was ist das?« fragte der Officier.

»Ein Hund, ein leerer Hund! Es haben zwei hier gestanden, und der Waldkönig hat den vorderen benutzt, so schnell wie möglich zu entfliehen.«

»Ah, das also war das Rollen, das Erdbeben!«

»Ja. Die Hunde laufen auf Schienen, und der Stollen geht, wie es scheint, abwärts; er hat Fall. Da läuft so ein Hund ganz von selbst. Der König hat also einen großen Vorsprung.«

»Also nach! Was ist das hier im Hunde?«

»Ein eichener Knüttel, jedenfalls zum Bremsen. Schnell, setzen wir uns! Wo der König hin kann, können wir auch hin. Und übrigens haben wir die Laterne!«

Er riß die vordere Seite des kleinen Schienenwagens ab, um sich so zu setzen, daß seine Beine vorn vorstanden. Auf diese Weise konnte er dem Hunde, wenn er ja in ein gefährliches Rollen kam, eine verminderte Schnelligkeit geben. Dann nahm er den Knüttel in die Rechte und die Laterne in die Linke.

Der Officier stieg hinter ihm auf, gar nicht beachtend, daß seine Uniform von dem Kohlenschmutz verdorben werden konnte. Die Jagd begeisterte ihn.

»Na, fort jetzt!« sagte er. »Warum noch nicht?«

»Der Stein muß erst weg, der vor den Rädern liegt.«

Arndt stieß mit den Füßen den Stein fort, und nun begann der Hund, sich in Bewegung zu setzen, erst langsam, dann schneller, immer schneller, bis er fast die Geschwindigkeit eines galoppirenden Pferdes angenommen hatte.

Es war eine unheimliche Fahrt, gerade wie in den Orkus hinab. Die beiden beherzten Männer hatten über sich die niedrige, mehr als halb verfaulte Deckenverschalung, rechts und links die nahen, engen, vor Nässe triefenden


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Wände und vor sich eine Finsterniß, welche das Licht der Laterne nur auf wenige Schritte zu durchdringen vermochte.

»Wollen Sie nicht langsamer machen,« sagte doch nach einer Weile der Officier.

»Warum?«

»Wenn nun eine Querwand kommt, an die wir prallen?«

»Stollen mit Hundeschienen haben keine Querwände.«

»Oder eine Tiefe, in der wir zerschmettern?«

»So kommen wir auf Den zu liegen, den wir suchen. Dann haben wir ihn ja!«

Und so ging also die tolle, gespenstige Jagd in unverminderter Geschwindigkeit weiter und immer weiter. Es mußte ja einmal ein Punkt kommen, wo der Stollen keinen Fall mehr hatte.

Fritz Seidelmann kannte den Stollen sehr genau. Er hatte ihn mit seinem Vater oft benutzt. Darum standen stets die zwei Hunde bereit. Er war eine bedeutende Strecke vorwärts gekommen, als er, hinter sich blickend, Licht bemerkte. Er wußte sofort, woran er war.

»Donnerwetter! Sie verfolgen mich!« sagte er. »Ah, ich werde Euch den Weg verlegen!«

Auch er hatte einen Knüttel, welcher wirklich, wie Arndt ganz richtig vermuthet hatte, zum Bremsen bestimmt war. Er stemmte denselben vor eines der vorderen Räder ein, und bald kam sein Hund zum Stehen. Er blickte wieder nach rückwärts.

»Sie kommen wie auf einer Lokomotive angesaust,« sagte er. »Welche Verwegenheit, da sie den Stollen nicht kennen! Ich muß sie von den Schienen bringen. Und dann - ah, ich habe ja den Revolver!«

Er riß einige Latten von der Verschalung ab und legte sie auf die Schienen. Dann zog er sich zurück, aber ohne zu entfliehen. Mit der Linken hielt er den Hund, vor dem er stand, damit derselbe auf der abschüssigen Bahn nicht vorzeitig wieder in's Rollen komme, und die Rechte hatte den Revolver gefaßt.

Die Verfolger kamen mit beängstigender Geschwindigkeit näher - sie erreichten die Stelle - ein Stoß - ein lauter Krach - tiefes Dunkel und drei oder vier Schüsse aus Seidelmann's Revolver.

Dann setzte dieser sich wieder auf und fuhr weiter, in der Meinung natürlich, daß es nun mit der Verfolgung zu Ende sei. Er hatte sich geirrt.

»Verdammt!« ließ sich der Grenzer hören. »Ich dachte, alle Rippen gebrochen zu haben!«

»Ich auch. Sind Sie heil?«

»Ja.«

»Gott sei Dank, ich auch. Der Kerl hat uns ein Hinderniß auf die Schienen gelegt, so daß wir einen Sprung machten und an die Seitenwand flogen.«

»Und geschossen hat er auch.«


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»Ja; es scheint hier nicht gemüthlich zu sein; aber es soll ihm nicht viel nützen. Wo nur die Laterne sein mag.«

»Suchen wir!«

Nach einiger Zeit sagte Arndt:

»Hier habe ich sie! Eine Glastafel zerbrochen; aber das Licht steckt noch in der Dille. Ich werde anbrennen.«

Ein Streichholz leuchtete auf, und nun wurde es wieder licht. Vor sich hörten die Männer ein dumpfes, sich schnell entfernendes Rollen.

»Da fährt er hin!« knirschte der Officier. »Wollen wir ihn entkommen lassen?«

»Entkommen kann er uns auf keinen Fall.«

»Oho!«

»Ich weiß nämlich, wer er ist. Ich könnte ihn aus dem Bette herausholen; aber besser ist es doch wohl, wir erwischen ihn hier in seinem unterirdischen Reiche. Ist der Wagen noch ganz?«

»Ich hoffe es doch! Untersuchen wir ihn!«

»Ja, sehen Sie, es ist nichts zerbrochen. Diese Kohlenequipagen pflegen höchst dauerhaft gearbeitet zu werden. Wollen Sie mit heben, damit wir ihn wieder auf die Schienen bringen?«

»Versteht sich! Angefaßt! So, jetzt ist es recht!«

»Also eingestiegen!«

»Ja, vorwärts! Aber nun ziehe ich auch den Revolver. Wenn ich dem Kerl nahe genug komme, schieße ich ihn nieder!«

»Das wäre ein Fehler. Lebendig müssen wir ihn haben!«

Der Hund kam in Bewegung und flog bald wieder ebenso schnell wie vorher in die dichte Finsterniß hinein.

Seidelmann näherte sich seinem Ziele schnell; er war überzeugt, daß er die Verfolger aufgehalten und mit seinen Kugeln verwundet habe. Die Bahn wurde eben, und der Hund lief langsamer.

»So schnell laufe ich selbst!« sagte Fritz und stieg aus.

Da war es ihm, als ob er hinter sich ein Rollen vernehme. Er blickte zurück und sah ganz hinten in dem schnurgerade führenden Gange ein Pünktchen auftauchen, kaum so groß wie ein Punkt, den man mit der spitzigsten Feder auf das Papier macht.

»Hölle und Teufel! Sie kommen doch!« fluchte er. »Sie werden unser Geheimniß entdecken! Gerade da vor mir stößt der Stollen auf den Gang nach unserem Keller. Da giebt es keine andere Rettung, als die Miene spielen zu lassen. Wie gut, daß wir auf den Gedanken kamen, sie anzulegen! Wenn das Gestein zusammenprasselt und den Gang verschüttet, dann soll uns Jemand nachweisen, daß ich es gewesen bin, der hier spazieren gefahren ist. Und, will es der Teufel, so trifft das stürzende Gestein die Kerle, die es da auf mich abgesehen haben. Ich wollte, es würden ihnen alle Knochen im Leibe zerschmettert, und sie müßten dann mit den Schmerzen noch Monate lang am Leben bleiben!«


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Er tastete sich schnell weiter, um den Ort zu erreichen, an welchem eine Schnur an der Seitenwand herniederhing. Sie stand mit einer dort angebrachten Dynamitladung in Verbindung.

Die beiden Anderen ahnten keineswegs, welcher fürchterlichen Gefahr sie so schnell entgegenrollten. Doch bald wurde diese Schnelligkeit merklich geringer.

»Das Terrain wird eben,« sagte Arndt. »Es wird bald nothwendig werden, die Beine - halt, was steht da? Oh!«

Wieder geschah ein Krach. Sie waren mit dem ersten Hunde, den Seidelmann stehen gelassen hatte, zusammengestoßen. Sie waren schneller gefahren, als dieser Letztere. Darum war der Zusammenprall ein ziemlich heftiger, doch bei Weitem nicht so, wie der vorige.

»Was ist's?« fragte der Officier.

»Der Wagen des Waldkönigs.«

»So ist er hier ausgestiegen?«

»Jedenfalls. Wie gut, daß ich die Laterne hatte! Ich sah den Hund noch zeitig genug, um die Beine einzuziehen, sonst hätte ich sie brechen können. Ein wahrer Teufel, dieser Mensch!«

»Mich hat es beinahe abermals herabgeworfen. Aber warum mag er ausgestiegen sein?«

»Vielleicht, um eben diesen Zusammenstoß hervorzubringen, vielleicht auch eben nur, weil hier der Hund nicht mehr selber läuft. Man kommt dann mit den Beinen schneller und auch ohne solches Risico fort.«

»Steigen wir auch aus?«

»Ja, versuchen wir es. Wir müssen doch die Strecke einer halben Wegstunde zurückgelegt haben?«

»Das reicht noch nicht. Denken Sie die Schnelligkeit, mit welcher wir förmlich - - heiliger Himmel!«

»Herrgott! Wir sind verloren!«

In diesem Augenblicke hörte Keiner den Anderen, sondern Jeder wußte nur, was er selbst ausgerufen hatte. Es war ein Donnerschlag geschehen, als wenn die Erde zerbersten wolle. Der Boden schwankte unter ihren Füßen, und das ganze Unterirdische schien eine einzige, große Woge zu sein. Ueber und neben ihnen krachte die Verschalung, und massenweise stürzte das Erdreich und Gestein nieder. Beide lagen am Boden.

»Wir sind verschüttet!« schrie der Grenzer.

»Es scheint so. Auf mir liegt es Zentnerschwer. Wunderbar, daß die Laterne unversehrt ist! Können Sie sich noch bewegen?«

»Ein Wenig.«

»Auch ich kann mir Luft machen. Arbeiten Sie sich zu mir her. Vereinte Anstrengung wirkt doppelt.«

Sie fanden, daß sie doch nicht ganz verschüttet waren, wenn auch der Stollen an dieser Stelle nur noch seine halbe vorige Höhe hatte. Nach einer Weile knieten sie neben einander, und Arndt sagte:

»Vielleicht giebt es noch Rettung!«


// 933 //

»Der Mensch soll sich nie verloren geben!«

»Aber was thun wir?«

»Nicht unüberlegt handeln. Nachdenken ist hier mehr werth, als sinnlos dreinstürmen. Den Waldkönig werden wir nun wohl aufgeben müssen.«

»Mag er laufen, wenn es uns nur gelingt, wieder an das Tageslicht zu kommen!«

»Ich hoffe es! Wo ist der Schlag geschehen?«

»Da, vor uns.«

»Das denke ich auch. Von woher kam die Erschütterung, das Schwanken und Prasseln?«

»Eben auch von vorn.«

»Richtig! Daraus ist zu schließen, daß da vorn die Zerstörung noch viel größer ist, als hinter uns. Rettung finden wir also nur dann, wenn wir umkehren.«

»Das waren schlagende Wetter!«

»Möglich. Wir befinden uns jedenfalls in der Nähe der Segen-Gottes-Grube.«

»Gott, die armen Bergleute!«

»Jetzt haben wir uns selbst arm zu nennen. Kehren wir zurück. Kommen Sie!«

Sie krochen auf dem Gerölle, mit welchem die Sohle des Ganges jetzt ellenhoch bedeckt war, zurück. Es ging langsam, sehr langsam; aber es war doch möglich.

»Brrr!« meinte nach einer Pause der Officier, der sich hinter Arndt befand. »Riechen Sie Etwas?«

»Ja.«

»Wie Schwefel!«

»Eher wie Gas, wie - Herrgott, das Grubengas wird uns doch nicht etwa einholen!«

»Dann sind wir verloren!« stöhnte der Officier.

»Noch nicht, noch nicht; aber nur vorwärts! Und wenn wir uns das Fleisch von den Knieen und Händen losschinden sollten! Das Gas darf nicht schneller sein als wir!«

»Aber wie soll ich in dieser Finsterniß vorwärts kommen? Halten Sie doch die Laterne mehr nach hinten!«

»Ich habe sie doch ausgelöscht!«

»Ausgelöscht? Sind Sie bei Sinnen? Ja, wahrhaftig, da stoße ich auf sie! Sie haben sie weggeworfen?«

»Natürlich!«

»Warum aber denn?«

»Besinnen Sie sich doch! Grubengas und Licht. Wir wären ja rettungslos verloren!«

»Ah ja! Daran dachte ich nicht! Also, vorwärts!«

Der Geruch wurde immer stärker und penetranter. Die beiden Männer


// 934 //

arbeiteten sich mit riesiger Anstrengung vorwärts. Der Grenzer ächzte und stöhnte laut. Endlich rief er:

»Ich kann nicht mehr!«

»Kommen Sie! Kommen Sie um Gotteswillen!«

»Das scharfe Gestein! Und der Gestank!«

»Das Geröll nimmt hier vorn ab. Ah, Gott sei Dank! Ich fühle die Schiene.«

Er griff zurück, faßte seinen Gefährten und zog ihn mit aller Kraft nach sich.

»So! Hier können Sie sich auf die Füße stellen!«

»Es wird auch Zeit! Ah, welche Wonne! Hier athmet es sich auch bedeutend besser!«

»Nur nicht dabei aufhalten! Immer weiter!«

Er faßte ihn am Arme und riß ihn mit sich fort. Der Stollen wurde immer freier vom Geröll, und endlich hatten sie wieder den glatten, festen Boden unter sich. Nur das Athmen wurde ihnen schwerer und immer schwerer.

»Wir ersticken dennoch!« stöhnte der Officier.

»Nein. Rennen wir mit dem Gase um die Wette! Der Preis ist ja unser Leben!«

Und der Wettlauf begann. Der Offizier wäre ohne Arndt's Hilfe sicherlich zurückgeblieben; dieser aber zog ihn immer weiter, weiter mit sich fort. Und nun wurde die Luft abermals besser.

Sie verschnauften eine Weile, und als sie merkten, daß die tödtenden Gase wieder bei ihnen seien, begannen sie von Neuem zu laufen. Sie waren bereits weit über die Stelle hinweg, an welcher sie von den Schienen geschleudert worden waren, da tauchte vorn vor ihnen ein Lichtpünktchen auf.

»Licht, Licht!« jubelte der Officier. »Man kommt, uns zu suchen! Sehen Sie es, Herr Arndt?«

»Ja. Aber, bitte, horchen Sie!«

Sie blieben lauschend stehen. Von da vorn her erscholl es, dumpf klingend zwar, aber doch deutlich genug:

»Arndt! Vetter Arndt!«

»Der Förster,« sagte der Grenzer.

»Ja, mein guter alter Wunderlich! Kommen Sie! Rasch!«

Jetzt rannten sie fast im Galopp vorwärts.

»Vetter! Cousin! Arndt!« rief es laut und immer lauter. »Fürst vom Elende! Herrgott, der ist caput!«

»Nein, nein!« antwortete Arndt. »Hier bin ich!«

»Wo, wo?«

»Hier! Ich komme schon!«

»Sie kommen? Glorium in excelsium demum! Gott sei getrommelt, gegiggen und gepfiffen! Wahrhaftig, das ist er, mit Haut und Haar, wie er leibt und lebt! Na, kommen Sie her, und lassen Sie sich todtschmatzen, da es Sie nicht todtexplodirt hat! Was wird meine Alte sagen!«


// 935 //

Er setzte seine Laterne nieder, drückte Arndt mit aller Kraft an sich und küßte ihn.

»Ist es weit bis in das Freie?« fragte dieser, gerührt über diesen Beweis von Zuneigung.

»Ja.«

»Dann fort mit dem Lichte!«

»Sapperlot! Warum denn?«

»Weil die Gase hinter uns herkommen.«

»Element! Dann nur rasch ausreißen!«

Sie rannten zurück und erreichten bald das Loch, in welchem jetzt eine Leiter stand. Auf derselben kletterten sie zu Tage. Dort angekommen holten sie tief Athem.

»Aber, zum Teufel, was fällt Ihnen denn ein, in diese Unterwelt zu gehen?« sagte der Förster. »Ich will Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich niemals -«

»Still! Davon nachher!« fiel ihm Arndt in die Rede. »Erst das Nothwendigere! Wo sind die Schmuggler?«

»Noch in der Mühle.«

»Alle?«

»Alle; gebunden und gefesselt. Sie können nicht ausreißen, denn dreißig Mann halten bei ihnen Wacht.«

»Und die Anderen?«

»Die sind nach dem Schachte, auch der Staatsanwalt und der Obergensd'arm.«

»Was ist dort geschehen?«

»Weiß es nicht genau. Es gab einen Schlag, ein Erdbeben, und dann stieg eine feurige Lohe empor. Der ganze 'Gottes-Segen' muß in die Luft gegangen sein.«

»Dann fort! Wir müssen hin!«

»Ja, fort nach dem Schachte!« rief auch der Officier.

»Haben Sie sich denn wieder erholt?«

»Ja. Ich habe frische Luft und kann wieder laufen.«

»Aber, Kerls, wie seht Ihr denn eigentlich aus?« fragte Wunderlich. »Blutrünstig überall.«

»Thut nichts! Wir haben jetzt die Pflicht, zu retten.«

»Gewiß! Ich wollte auch gern hin; aber die Angst um Sie hielt mich zurück und trieb mich zuletzt sogar in dieses vermaledeite Loch hinab! So ist es, wenn man sich noch in seinen alten Tagen verliebt, zumal in einen Vetter!« -

Der Baron war mit Seidelmann senior in höchster Eile nach dem Wald gegangen. Sie hatten den Haingrund erreicht, bemerkten aber weder von Paschern, noch von Grenzern Etwas. Sie durchliefen den Grund und trafen erst am jenseitigen Ausgange auf Spuren.

»Hier sind Leute gegangen,« sagte Seidelmann.


// 936 //

»Ja; untersuchen wir.«

»Es waren Pascher von drüben herüber.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Man sieht, daß ein Jeder einen Stock in der Hand gehabt hat, um sich mit seiner Last darauf zu stützen.«

»Richtig! Das stimmt! Aber sie sind nicht nach dem Grunde gegangen, sondern hier in den Wald hinein.«

»Ah, das freut mich! Sie haben wohl Verdacht gefaßt.«

»Das wäre gut, außerordentlich gut!«

»Wollen wir ihnen nach?«

»Natürlich! Wir müssen erfahren, wohin sie sich gewendet haben. Aber Vorsicht!«

Sie schlichen sich den Spuren nach und gelangten so an die Mühle, wo sie hinter Büschen stehen blieben.

»Hier sind sie,« sagte Seidelmann.

»Zur hinteren Thür hinein. Aber warum hierher?«

»Hm! Ich habe in letzter Zeit auch den Müller engagirt.«

»So, so! Ist er sicher?«

»Darauf schwören mag ich nicht.«

»Desto nothwendiger ist es, daß wir lauschen. Gehen wir einmal da vorn herum.«

Sie hatten die Bettücher übergenommen und schlichen sich weiter. Der Hausecke gegenüber angekommen, sahen sie zwei Männer, welche gar nicht weit von ihnen im Schnee standen und mit einander sprachen. Es war kalt, und da dringt der Schall weiter als bei milder Luft. Darum hörten sie ziemlich deutlich, wovon die Rede war.

»Alle Teufel! Gensd'arms!« flüsterte der Baron.

»Ja. Das ist ein schlimmes Zeichen!«

»Horch!«

Der eine der beiden Polizeibeamten sagte soeben:

»So Etwas kann eben nur der Fürst des Elendes fertig bringen. Es wäre ohne ihn auf jeden Fall ein ganz gehöriges Blutvergießen geworden.«

»Sie alle in die Falle zu locken, alle! Das ist ein Streich! Wohl an die vierzig Gefangene!«

»Wenn nur der Waldkönig nicht entkommen wäre!«

»Noch ist er nicht entkommen! Der Fürst des Elendes ist ihm ja nach. Der bringt ihn sicherlich!«

»Aus dem Loche? Wer weiß, wohin der Stollen geht! Es kann das Verderben von allen Beiden sein. Na, abgekühlt haben wir uns Beide. Komm wieder herein.«

Sie gingen in das Haus. Die beiden Lauscher sahen sich einander an. Dann fragte Seidelmann:

»Haben Sie gehört?«

»Ja. Was thut dieser vermaledeite Fürst denn hier? Ist er denn allwissend?«


Ende der neununddreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk