Lieferung 4

Karl May

6. September 1884

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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Er hatte einen Blick durch das Fenster geworfen. Der Schmied wußte wohl, was er meinte, fragte aber doch:

»Welches Begräbniß denn?«

»Weißt Du das nicht? Der Botenfrau ihr Kleiner ist am Scharlach gestorben; den bringen sie jetzt.«

»Wird es lange dauern?«

»O nein. Mit armer Leute Kind wird wenig Federlesen gemacht; das wißt Ihr ja.«

»Aber Du mußt ja das Grab zuwerfen! Und wir wollten doch gern ein Spielchen machen.«

»Das mit dem Zuwerfen hat Zeit. Ich mache es, wenn wir fertig sind; das macht keine große Mühe.«

»Gut! Wir helfen Dir dabei.«

Ein Mann brachte einen kleinen Sarg getragen. Hinter ihm kam die Leichenfrau und die Mutter des Kindes. Das war der ganze Begräbnißzug. Diese drei wurden vom Todtengräber empfangen und nach dem Grabe geführt. Man ließ den Sarg hinab und betete ein stilles Vaterunser. Damit war die Ceremonie zu Ende. Wenn ein Reicher, ein Vornehmer sich von seinem Kinde trennt, geschieht es mit größerem Pompe, und doch ist das Herz einer armen Mutter ebenso empfänglich für das Herzeleid wie dasjenige einer feinen Dame.

Der Leichenconduct verließ den Friedhof, und der Todtengräber kehrte in sein Stübchen zurück. Es begann, dunkel zu werden, und darum wurde eine Lampe angebrannt. Beim Scheine derselben begann das Spiel, nicht ein Spiel um Gold- oder Silberstücke, sondern um den zwanzigsten Theil eines Pfennigs.

Nach einiger Zeit stieß der Schmied seinen Sohn an.

»Lasse Niemand hinaus!« raunte er ihm zu.

Er erhob sich und verließ das Stübchen mit der unbefangenen Miene eines Mannes, der etwas ganz Gewöhnliches beabsichtigt. Hinter dem Häuschen angekommen, lauschte er einige Secunden lang. Es war Nacht geworden. Niemand konnte ihn sehen.

Mit schnellen aber vorsichtigen Schritten eilte er dem kleinen Grabe zu. Er hatte vorhin durch das Fenster geblickt und sich die Stelle ganz genau gemerkt. Es war offen. Er bückte sich und fühlte hinab. Auf dem kleinen Sarge lagen einige Feldblumen, welche die arme Mutter unterwegs gepflückt und dem Kinde in das Grab nachgeworfen hatte.

Der rauhe Mann legte die Blumen sorgfältig heraus, ehe er den Sarg emporzog. Er öffnete denselben, nahm das Kind heraus und legte es einstweilen zur Seite. Dann machte er den Deckel wieder zu, senkte den Sarg wieder hinab und legte die Blumen darauf. Jetzt nun zog er ein altes Tuch hervor, welches er unter der zugeknöpften Weste stecken gehabt hatte, wickelte die Leiche hinein und trug sie nach der Ecke des Friedhofes, wo er sie in einem dichten Gebüsch einstweilen versteckte.

Das beabsichtigte Werk war vollbracht, und er kehrte nun wieder in die Stube zurück. Es war so schnell geschehen, daß die Zeit, welche er gebraucht hatte, gar nicht auffiel.


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»War's finster draußen?« fragte sein Sohn.

»Na, es geht!« antwortete der Vater.

Das war das Zeichen, das Alles gelungen sei, und das Spiel begann von Neuem. Als es zu Ende war, schlug es eben Mitternacht.

»So lange?« fragte der Todtengräber erstaunt. »Wie ist uns die Zeit doch so kurz geworden. Nun werde ich das Grab doch offen lassen müssen.«

»Warum denn?« fragte der Wirth.

»Es ist zu spät! Morgen früh ist's auch noch Zeit. Freilich darf es Niemand wissen, denn es soll kein Grab so lange offen stehen.«

»Gut! Wir helfen Dir!«

»Wirklich? Angenommen! Da sind wir in fünf Minuten fertig«

Sie nahmen Schaufeln und eine Laterne und begaben sich nach dem Grabe. Die Todtengräberin leuchtete.

»Das arme Wurm ist so rasch gestorben!« meinte sie. »Ich möchte die Leiche doch gern erst einmal sehen!«

»So wollen wir aufmachen!« antwortete ihr Mann.

»Unsinn! Was fällt Euch ein!« entgegnete der Wirth rasch. »Das wäre ja Leichenschänderei!«

»Ich bin Todtengräber! Da nimmt man es nicht so genau!«

»Das mag sein. Aber öffnet man denn einen Sarg, in dem eine Scharlachfieberleiche liegt?«

»Das ist wahr! Alte, wollen vorsichtig sein, daß wir in unseren alten Tagen nicht etwa an einer Kinderkrankheit sterben!«

Damit war die Gefahr vorüber. Das Grab wurde zugeworfen, und dann empfahlen der Schmied und sein Sohn sich den Gevattersleuten.

»Gute Nacht, Gevatter!« rief ihnen der Todtengräber nach. »Also morgen bringe ich die Kartoffeln!«

»Ja. Uebermorgen nehme ich sie mit.«

Als die Beiden eine kurze Strecke gegangen waren, blieben sie lauschend stehen, um zu horchen. Nach einer Weile meinte der Sohn:

»Der Gevatter ist gleich zu Bett. Das Licht ist ausgelöscht. Wohin hast Du die Leiche getragen?«

»Warte hier; ich hole sie.«

»Wann geht es nach dem Schlosse?«

»Gleich. Dort ist man auch bereits schlafen gegangen. Das gnädige Fräulein ist ja nicht daheim.«

»So will ich einstweilen die Filzschuhe und die Schlüssel holen. Wo treffen wir uns?«

»Bei der Buche am Schloßwege.«

»Gut, Vater.«

Er stieg in das Dorf hinab, schlich sich zur Schänke hin und in den Garten derselben. In der Stube saßen noch einige Gäste. An den Garten stieß die Scheune, deren hinteres Thor offen gelassen war. In einer Ecke der Tenne steckten unter dem Stroh zwei Paar Filzschuhe und ein Bund Nachschlüssel. Diese Gegenstände nahm er zu sich und begab sich dann nach


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der Buche. Da er vorsichtig hatte sein müssen, so traf er den Vater bereits dort an.

»Hast Du Alles?« fragte dieser.

»Alles. Ziehen wir die Schuhe gleich hier an?«

»Ja; die Stiefel stecken wir in das Gebüsch.«

»Wie aber kommen wir in das Schloß?«

»Das wird sich finden. Jetzt weiß ich noch nicht, ob man noch munter ist. Vielleicht steht ein Fenster neben dem Blitzableiter offen.«

Sie wechselten die Stiefel mit den Filzschuhen. Letztere machten ihre Schritte unhörbar; erstere wurden im Gebüsch versteckt.

Beim Schlosse angekommen, umschlichen sie dasselbe. Der Sohn trug die Kindesleiche und der Vater die Nachschlüssel, welche er mit einem Tuche umwickelt hatte. An einem der hinteren Fenster war noch Licht. Der Schmied kannte das Innere des Schlosses sehr genau, da er alle in sein Fach einschlagenden Reparaturen hier besorgt hatte.

»Das ist das Stübchen neben der Küche,« meinte er. »Da wird das Weibsvolk sitzen und klatschen. Wenn die Herrin nicht da ist, so hat die Dienerschaft freie Zeit. Warte hier!«

Er ging. Als er nach kurzer Zeit zurückkam, flüsterte er:

»Es geht Alles gut. Dort das Eckfenster ist offen. Wir steigen ein. Sollte die Thür verschlossen sein, so öffne ich. Wir kommen in den Flur und von da nach der Treppe. Die Stube, in welcher der Kleine schläft, kenne ich ganz genau.«

»Aber die Bonne!«

»Sie sitzt mit da drin. Wie es scheint, haben sie sich eine Chocolade gekocht. Da lassen sie sich nicht stören.«

»Wie kommen wir wieder heraus?«

»Ganz auf demselben Wege.«

Sie stiegen durch das Fenster. Die Thür des Zimmers, in welchem sie sich nun befanden, war nicht verschlossen. In einigen Augenblicken befanden sich die Beiden oben auf dem Corridore.

»Hier! Leise herein!« flüsterte der Schmied.

Ein Streichholz flackerte auf. Beim Scheine desselben gewahrten sie den Knaben, welcher in seinem Bettchen schlummerte. Leise, leise nahm ihn der Schmied heraus, er drückte ihn an sich; er erwachte nicht.

»Schnell! Den anderen Balg hinein! Betten drauf und die Kleidungsstücke, welche dort an der Wand hängen. Findest Du Dich allein zurecht?«

»Ja, Vater.«

»So gehe ich. An der Buche treffen wir uns wieder.«

»Aber wenn der Junge erwacht!«

»Schadet nichts. Hier hängt ein Mantel. Ich wickle ihn hinein. Was soll man da hören.«

Er nahm den Mantel, schlug den Knaben hinein und schlich sich davon. Es war ein Wunder zu nennen, daß das Kind nicht erwachte. Mit unhör-


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baren Schritten huschte der Schmied zur Treppe hinab und durch die Stube, welche sie offen gefunden hatten, in das Freie hinaus.

Da begann der Knabe sich zu regen. Der Schmied schaukelte ihn im Gehen leise hin und her. Das half. Das Kind glaubte sich in den Armen der Bonne und schlief wieder ein.

An der Buche angekommen, wartete er. Nach kaum zwei Minuten hörte er leise Schritte. Sein Sohn war es.

»Nun?« fragte er. »Ist's gelungen?«

»Natürlich!«

»Man sieht aber doch nichts!«

»So schnell kann es nicht gehen. Das Fenster liegt ja auf der Seite, welche man hier nicht sieht.«

»Verdammt! Wenn es nicht gezündet hätte, würde man die Verwechslung bemerken!«

»Habe keine Sorge. Was ich mache, das mache ich gut.«

»So wollen wir das Weite suchen.«

»Ziehen wir die Stiefel an?«

»Dazu giebt es keine Zeit. Trage Du sie. Ich habe den Jungen. Ehe Lärm wird, müssen wir zu Hause sein.«

Sie eilten davon, erreichten glücklich ihren Garten und gelangten durch die Scheune in den Hof. Die Gäste saßen noch in der Stube.

»Gehe hinein und schicke die Mutter heraus,« befahl der Schmied.

Der Sohn ging, und in kurzer Zeit kam die Frau des Schmiedes.

»Endlich, endlich,« flüsterte sie. »Was ich für Angst ausgestanden habe. Ist es gelungen?«

»Ich hoffe es. Hier ist der Knabe. Ist das Versteck fertig?«

»Ja. Gieb ihn her, und gehe in die Stube.«

»Haben sie nach mir gefragt?«

»Ja; ich habe gesagt, daß Du beim Gevatter bist, aber bald kommen wirst.«

Sie nahm das Kind und verschwand im Dunkel des Hofes. Unter dem Hause befand sich ein verborgener Keller, welchen die Grenzer noch nie entdeckt hatten; dorthin trug sie einstweilen den geraubten Knaben, während der Schmied in die Gaststube trat.

Auch dort spielte man noch Karte. Es waren Bekannte aus dem Dorfe und Pascher von jenseits der Grenze herüber. Die Beiden, Vater und Sohn, mußten sich sofort zu ihnen setzen, um an dem Spiele theilzunehmen. Beide hatten allerdings nicht die rechte Lust dazu, da ein jeder Augenblick die Kunde bringen konnte von dem, was auf denn Schlosse geschehen war.

Es vergingen fünf Minuten, zehn Minuten - sollte der Streich nicht gelungen sein? Da, da ertönte draußen auf der Dorfstraße ein lauter Ruf:

»Feuer! Feurio! Feurio!«

Der Nachtwächter stieß in das Horn. Alle Gäste sprangen auf und zur Thür hinaus. Der Nachtwächter erblickte sie und rief:

»Feuer, Ihr Leute! Auf dem Schlosse brennt es!«


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»Herr Jesus! Auf dem Schlosse!« ertönte es aus Aller Munde. »Rasch, zur Spritze, ehe es gefährlich wird!«

Es war bereits gefährlich genug, denn als man endlich mit der Spritze anlangte, stand der eine Flügel des Gebäudes vollständig in Flammen. Eine Feuerwehr gab es nicht in der Nähe, und ehe diejenige der Amtsstadt herbeikam, oder ehe die nachbarlichen Spritzen herbeigeschleppt werden konnten, mußte das ganze Schloß bereits brennen.

Die Bewohner desselben schleppten heraus, was ihnen das Liebste war. Die Dörfler halfen. Ihre Spritze war überflüssig, denn es fehlte an Wasser.

Der Ortsvorsteher übernahm es, die möglichen Rettungsarbeiten zu überwachen. Erst nach langer Zeit, als die Bewohner der benachbarten Ortschaften bereits angekommen waren, aber auch einsehen mußten, daß das Gebäude nicht zu retten sei, kam es ihm in den Sinn, daß ja auch Menschen in Gefahr gewesen sein könnten.

Er eilte nach der Stelle, an welcher die Bediensteten des Schlosses standen und jammernd der Zerstörungswuth des Elementes zuschauten.

»Es sind doch Alle da beisammen?« fragte er.

»Alle,« antwortete die Zofe Ella, welche noch die meiste Fassung behalten hatte.

»Es fehlt keine Person?«

»Nein.«

Aber da ließ sich ein lauter, gräßlicher Schrei hören. Die Bonne hatte ihn ausgestoßen.

»Was ist's? Was giebt's?« fragte er.

»Der Knabe! Der Knabe! Der kleine Herr!« rief sie.

»Herrgott! Fehlt er vielleicht?«

»Ja, ja, er schlief! O Gott! Wir waren unten, als es oben bereits lichterloh brannte. Wir wurden es erst gewahr, als kein Mensch mehr hinauf konnte!«

Das gab nun allerdings eine fürchterliche Aufregung. Man suchte, man gab hunderterlei Rathschläge - vergebens! Da hinauf, wo der Knabe gelegen war, konnte längst kein Mensch mehr. Selbst als die freiwillige Feuerwehr der Amtsstadt anlangte und deren Anführer das Geschehene erfuhr, zuckte er die Achsel und sagte:

»Muß längst verbrannt sein! Da hinauf sich zu wagen, würde mehr als Wahnsinn sein. Vielleicht aber retten wir die Ueberreste des Kindes. Noch halten die Mauern und Balken.«

Die Spritzen begannen zu arbeiten, denn jetzt gab es Wasserzubringer. Beide Elemente trafen zusammen; eins suchte das andere zu zerstören; ein dunkelleuchtender Schwalch stieg aus dichtem, stinkendem Rauche himmelan.

Da kam auf schäumendem Pferde ein Reiter herangesprengt. Baron Franz von Helfenstein war es. Am Abende aus der Residenz zurückgekehrt, hatte er nach dem Aufregenden, was er dort mit zu erleben gehabt hatte, keine Ruhe gefunden. Da war nach Mitternacht ein eigenthümlicher Schein in seine Stube gedrungen. Er erhob sich vom Lager, blickte durch das Fenster und


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sah, daß in der Richtung nach Schloß Hirschenau ein bedeutendes Feuer sein müsse. Sollte Hirschenau selbst brennen? Er zog sich eiligst an, zog sein Pferd hervor und ritt, ohne erst zu satteln, davon.

Jetzt erfuhr er, daß seine Cousine noch nicht aus der Residenz zurückgekehrt, sein kleiner Cousin aber verbrannt sei. Er that, als ob dieser Schlag ein entsetzlicher für ihn sei. Er sprengte wie ein Wüthender um das brennende Schloß herum. Da, als er grad an einer Stelle hielt, an welcher sich wenig Menschen befanden, hörte er sich angerufen:

»Ein böses Unglück, Herr Baron!«

Er blickte sich um und erkannte den Schmied.

»Ah, Sie sind es!« meinte er. »Wann ist es ausgebrochen?«

»Kurz nach Mitternacht. Wir saßen bei mir bei der Karte.«

»Alles, Alles verloren!«

»Viel, sehr viel gewonnen!«

Das erregte die Aufmerksamkeit des Barons.

»Was denn gewonnen?« fragte er.

»Die ganze Freiherrschaft Helfenstein. Der junge Baron ist ja verunglückt.«

»Kommen Sie einmal näher!«

Der Schmied trat ganz nahe zu dem Pferde heran. Der Baron sagte in gedämpftem Tone:

»Das ist ein Zufall! Nun ist das Verabredete nicht nöthig.«

»Wieso?«

»Na, Sie wissen ja! Wie steht es mit dem Wechsel?«

»Den habe ich.«

»Nun brauche ich ihn aber nicht einzulösen, da Sie nichts gethan haben, um die Summe zu verdienen.«

Da legte der Schmied die Hand an den Hals des Pferdes und fragte:

»Wieso? Nichts gethan? Habe ich mich nicht verpflichtet, zu schweigen? Habe ich nicht versprochen, den Knaben - - -«

»Pst! Pst! Nicht so laut! Vorsichtiger! Für Beides habe ich Ihnen den Wechsel gegeben. Sie haben aber nur zu schweigen gebraucht; das Andere hat der Zufall gethan; folglich haben Sie nur die Hälfte verdient.«

»Der Zufall? Kennen Sie diesen Zufall vielleicht?«

»Nun?«

»Er steht hier vor Ihnen. Ich war dieser Zufall!«

»Was! Mensch, Sie haben das Schloß in Brand gsteckt?«

»Ja.«

»Warum? Weshalb?«

»Um den Knaben spurlos verschwinden zu lassen.«

»Konnten Sie das nicht auf andere Weise thun? Sehen Sie nicht ein, welche Verluste ich erleide, welcher Theil des Erbes mir verloren geht. Ich kann Sie zur Bestrafung bringen!«

Der Baron war wirklich im höchsten Grade zornig; der Schmied aber bewahrte seine Ruhe und antwortete:

»Wie es scheint, wissen Sie nicht, daß Alles, das Bewegliche und das


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Unbewegliche, versichert ist. Sie werden sich das neue Schloß ganz nach Ihrem Geschmacke aufbauen können. Was aber mich betrifft, so unternehmen Sie es um Gotteswillen nicht, mir zu drohen. Das würde nur zu Ihrem Unglücke sein.«

Nach diesen Worten verschwand er unter den flackernden Schatten, welche das Feuer warf.

Der Baron stieg jetzt von seinem Pferde, um sich in Ruhe zu orientiren. Er fand die Bewohner des Schlosses an einer Stelle versammelt. Auch Ella war da, welche zu gleicher Zeit mit ihm zurückgekehrt war, da ihre Herrin ihrer nicht bedurft hatte. Als sie ihn erblickte, kam sie ihm sofort entgegen.

»Welch ein Glück, mein Lieber, Dich zu sehen!« meinte sie halblaut. »Kennst Du schon den glänzenden Zufall, welcher sich ereignet hat?«

»Welchen Zufall meinst Du?«

»Den Tod des Knaben. Er ist verunglückt.«

»Ich weiß es!«

»Wirklich? Was denkst Du davon?«

»Was soll ich denken?«

»Dasselbe, was ich denke!« antwortete sie mit Betonung.

»So? Nun, was denkst denn Du?«

»Du sagst, daß Du es weißt, daß der Knabe verunglückt ist?«

»Ja.«

»Du hast dies aber bereits früher gewußt!«

Es war ihm, als ob er eine Ohrfeige erhalten habe.

»Ich möchte doch wissen, wie Du das meinst!« sagte er rauh.

»Das will ich Dir ganz aufrichtig sagen: Dieses Feuer ist Dein Werk; nicht anders ist es.«

»Mädchen! Bist Du toll?«

»Nein, mein Herz! Ich verstehe nur außerordentlich gut, in Deiner Seele zu lesen. Der Knabe mußte weg sein!«

»Aber ich war ja gar nicht hier!«

»Das ist allerdings sehr richtig; doch Derjenige war hier, der von Dir den Auftrag erhielt, den er so 'feurig' ausgeführt hat.«

»Schweig! Du redest mich ja in das Verderben!«

»O nein! Du bist der Satan, und ich bin Deine Teufelin. Ich freue mich dieses Feuers, denn ich werde nun nicht bloß eine Baronin, sondern sogar eine sehr reiche Baronin sein. Hätten wir nicht Zeugen zu fürchten, so wurde ich Dich küssen!«

»Das möchte ich mir verbitten! Ich ersuche Dich überhaupt, jetzt noch Niemand wissen zu lassen, was zwischen uns vorgekommen ist. Darf ich übrigens fragen, wie hoch sich Deine Verluste belaufen?«

»Viel, sehr viel ist mir verbrannt?«

»Was?«

»Kleider, Wäsche - -«

»Weiter nichts? Weiter nichts?« fragte er dringlich.

Sie stieß ein scharfes Lachen aus und antwortete:

»O, noch manches Andere. Aber die beiden Documente, welche ich von


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Dir erhielt, habe ich gerettet. Sie sind es doch ganz allein, welche Dir am Herzen liegen.«

»Zeige sie her!«

»Das ist nicht nöthig!«

»Ich will, ich muß sie aber sehen!«

Da machte sie eine sehr geringschätzende Bewegung der Achsel und sagte:

»Deine Dringlichkeit beweist mir deutlich, wie sehr Du mich fürchtest, wie sehr ich Deine Herrin bin. Selbst wenn mir die Papiere verbrannt wären, könnte ich Dich durch die Behauptung, sie noch zu besitzen, in Schach halten. Aber ich habe sie in Wirklichkeit gerettet; denn ich trage sie stets bei mir. Hier, siehe!«

Sie zog zwei zusammengefaltete Papiere hervor, welche sie emporhielt, ohne sie ihm aber näher zu zeigen.

»Zeige her! Ich will sie lesen.«

»Ah, lesen und zerreißen, nicht wahr! Ein jeder Andre soll sie eher in die Hand bekommen als Du, wenigstens bis ich wirklich Baronin von Helfenstein bin. Aber Du hast jetzt mehr zu thun. Bekümmere Dich um Dein brennendes Erbe!«

Er folgte diesem Rathe, obgleich es zu nichts mehr führen konnte.

Der Schloßflügel, an welchem das Feuer ausgebrochen war, wurde leidlich erhalten; die anderen Theile brannten vollständig nieder. Dies hatte seinen Grund darin, daß man fast das ganze vorräthige Wasser in der Hoffnung, wenigstens die Ueberreste des Kindes zu erhalten, nach diesem Flügel gerichtet hatte.

Mlt Anbruch des Tages konnte man die Nachforschung beginnen. Man legte Leitern an die wohlerhaltene Außenmauer und versuchte, in das Zimmer zu gelangen, in welchem der Knabe gelegen hatte. Wunderbar! Es war fast das einzige, in welchem die Diele leidlich erhalten war!

Das Feuer hatte seinen Heerd geschont, um sich desto schneller verbreiten zu können.

Ein kühner Feuerwehrmann stieg zur ausgebrannten Fensteröffnung ein, mußte aber sofort wieder umkehren, da er bemerkte, daß die verkohlte Diele ihn nicht tragen werde. Der Baron war bei diesem Versuche gegenwärtig gewesen.

»Nun, was haben Sie gesehen?« fragte er.

»Ich glaube, daß die Ueberreste des kleinen Barons noch vorhanden sind. Ich glaube, zwischen anderen Resten, welche zum Bette gehört haben, etwas wie halb verkohlte Knochen liegen gesehen zu haben.«

»So muß man abwarten, bis das Feuer völlig nieder ist und die Brandruine sich abgekühlt hat. Dann werden wir sehen, ob Sie recht vermuthen!«

Baronesse Alma von Helfenstein war im königlichen Schlosse beschieden worden, daß die Majestät jetzt Vortrag entgegen nehme und erst in einigen Stunden zu sprechen sei. Sie hatte diese Zeit wie im Fieber zugebracht und war dann wieder vorgefahren. Jetzt wurde ihr der Zutritt nicht verweigert.

Sie fand den König im Audienzsaale. Er stand am Fenster und schaute


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ernst, sehr ernst durch dasselbe hinaus. Sie blieb an der Thür stehen und wagte kaum, zu athmen. Was war es, was ihr das Herz heute so zusammenpreßte? Sie hatte doch früher vor dem Monarchen keine solche Angst gehabt!

Da wendete er sich zu ihr herum. Augenblicklich sank sie in die Kniee und erhob flehend die Hände. Er trat langsam näher. Er gebot ihr nicht, sich zu erheben. Er blickte ihr fast streng in das Angesicht und sagte dann:

»Ich weiß, um was Sie bitten wollen, Baronesse!«

»O Gnade, Gnade! Majestät!« schluchzte sie.

»Sie wollen, ich solle Gnade für ihn haben, für den Sie selbst keine gehabt haben! Ich soll ein Urtheil mildern, welches nur Ihretwegen so hart ausgefallen ist. Man hat mir den ganzen Verlauf der Untersuchung, auch den Verlauf der heutigen Verhandlung berichtet. Ich weiß, daß es vor allen Dingen Ihre Aussage ist, welche am Schwersten in die Wagschaale fiel - und doch war er Ihr Bruder! Liebe und Milde ist die Pflicht eines Weibes, auch der Schwester!«

Jedes dieser Worte traf wie ein Pfeil, welcher sich in das Leben bohrt. Aus einem solchen Munde war seine Spitze doppelt scharf.

»O, Majestät« schluchzte sie. »Konnte ich anders?«

»Ich will das nicht untersuchen. Auch will ich ihn weder für schuldig, noch für unschuldig halten. Ich bemitleide Sie und ihn.«

»Dank, Dank für dieses Wort! Darum aber auch Gnade für ihn, Gnade, Majestät!«

»Glauben Sie, daß er um Gnade nachsuchen werde? Haben Sie die Worte seines Vaters vernommen, dieses braven, biedern Mannes, welcher seinen Sohn lieber unter dem Schwerte sehen, als unter dem Joche der Gnade sich beugen lassen will?«

»Kann er den Tod erzwingen? Steht die Milde Eurer Majestät nicht über der Strenge des Gesetzes?«

Der Monarch schüttelte langsam den Kopf und antwortete:

»Ein Ehrenmann wird tausendmal lieber sterben, als Züchtling sein wollen. Aber gehen Sie, Ihre Bitte soll und darf keine vergebliche sein. Sie sind es nicht allein, welche Sympathie für den Verurtheilten hegt. Sein Blut wird nicht vergossen werden!«

Er wendete sich ab und verließ den Saal. Sie erhob sich und wankte fort nach ihrem Wagen. Das Verhalten des Königs hatte sie hart getroffen, vielleicht ebenso hart wie die Ereignisse der letzten Zeit. Er, der sonst so Gnädige, hatte sie knieen lassen und, wenn auch ihr Verhalten nicht geradezu getadelt, so doch sich über dasselbe verstimmt gezeigt. Und dann war er ohne Abschied von ihr gegangen! Hatte sie das wirklich verdient? War nicht gerade der Umstand, daß sie, von der Verhandlung weg, um die Gnade des Königs nachgesucht hate, der beste und sicherste Beweis, welche Sympathie sie trotz Allem für den Milchbruder fühlte? Hätte sie wirklich gegen ihr Gewissen sprechen können?

Solche Fragen legte sie sich vor, als sie in ihrem Hotel angekommen war. Sie mußte die Nacht über hier bleiben, da sie mit dem Abendzuge nicht bis


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zur Heimath gelangen konnte. Die anderen Zeugen hatten einen Zug benutzen können, welchen sie infolge ihrer Audienz beim Könige versäumen mußte.

Sie verbrachte eine außerordentlich unruhige Nacht. Der Schlaf floh ihre Augen, und Vorwürfe tauchten gespensterhaft vor ihr auf. Wie gut, wie edel war Gustav stets gewesen! Wie muthig hatte er noch am letzten Tage vor dem Doppelmorde gehandelt, und mit welcher Nachsicht und Selbstbeherrschung war er ihrem Vater entgegengetreten. Konnte er wirklich so rachsüchtig, so gottlos sein? Tausend Stimmen in ihrem Innern antworteten mit Nein. Diese Stimmen hatten bisher geschwiegen, weil sie nicht gefragt worden waren. Ja, sie war schuld an Allem! Sie hatte ihn einen Mörder genannt und war feig in Ohnmacht gefallen. Anstatt dessen hätte sie sich an seine Seite stellen sollen, um ihn muthig zu vertheidigen. Sie hätte sich sagen sollen, daß während der Zeit, als sie von ihm ging und wiederkehrte, sich wirklich ein Anderer seines Gewehres bemächtigen konnte, um den Hauptmann niederzuschießen und ihn dann als Mörder zu bezeichnen. Jetzt traten alle Argumente des Vertheidigers vor ihre Seele; es war ihr, als ob sie plötzlich hellsehend geworden sei. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und rief in jammerndem Tone:

»Ja, Gustav, Du bist unschuldig! Und ich bin es, ich, die Dich in das Elend gestürzt hat! Kein Gott kann mir verzeihen!«

Sie beschloß, mit dem ersten Morgenzuge nach Helfenstein zurückzukehren, um dem Förster ihre Schuld zu bekennen und mit ihm zu berathen, wie sein Sohn noch gerettet werden könne. Sie telegraphirte nach Hause nach einem Geschirr, welches sie vom Bahnhofe der Amtsstadt abholen sollte, und stieg dann in das Coupee.

Sie hatte erste Classe genommen; sie saß ganz allein. Sie blickte nicht hinaus nach den Landschaften, welche der Zug durcheilte, sie hörte nicht auf das, was man sich auf den Bahnhöfen und Anhaltestellen zurief. Allüberall war von dem Brande von Schloß Hirschenau die Rede. Sie war aber so sehr in ihr eigenes Innere versunken, daß sie für alles außer ihr Liegende kein Ohr, kein Hören und Verstehen hatte.

Endlich war sie angelangt. Halb wie im Traume hörte sie den Namen der Station nennen. Ihr Diener war aus seiner zweiten Classe herbeigeeilt, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Er hatte mehr gehört als sie; er wußte, was geschehen war, und blickte sie mit sichtbarer Besorgniß an. Sie bemerkte dies.

»Was ist's!« fragte sie. »Was hast Du?«

»Gnädiges Fräulein, haben Sie denn noch nichts gehört?« antwortete er.

»Gehört? Nein. Wovon? Was meinst Du denn?«

Er wurde sehr verlegen, zögerte eine Weile und sagte dann:

»Es ist etwas Unerwartetes geschehen, etwas, was man sogar unangenehm, sehr unangenehm nennen - - ah, da kommt Einer, der es Ihnen jedenfalls besser sagen kann, als ich.«

Er trat ehrerbietig zurück. Alma drehte sich um und erblickte - ihren Cousin Franz von Helfenstein.

Dieser hatte am abgebrannten Schlosse ihre Depesche entgegen genommen


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und es sich nicht versagen wollen, ihr den Schlag, der sie erwartete, selbst zu übermitteln. Er war also nach dem Bahnhofe gefahren, um sie dort zu empfangen.

Als sie ihn erblickte, erbleichte sie. Das war der Mörder! Was wollte er hier? Sie nahm sich vor, ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn verachte und fragte im stolzesten Tone:

»Sie hier? Sie fuhren mit demselben Zuge? Ich glaubte, Sie seien bereits gestern zurück gekehrt.«

Sie nannte ihn Sie; sie blickte ihn mit Augen an, in denen ebenso viel Verachtung wie Abscheu lag. Er schien dies gar nicht zu bemerken, er zuckte leicht die Achseln und sagte:

»Vielleicht konnten Sie nicht auch sogleich zurückkehren, weil Sie sich mit dem Mörder Ihres Vaters ein Rendez-vous in der Zelle gaben. Ich vermuthe das. Besser wäre es allerdings gewesen, wenn Sie das unterlassen hätten. Sind Sie von dem unterrichtet, was unterdessen in Helfenstein und Schloß Hirschenau geschehen ist?«

Sie hatte seine freche Beleidigung mit aller Entschiedenheit zurückweisen wollen, aber bei seiner letzteren Frage war sein Auge mit so triumphirendem Hohne auf sie gerichtet, daß ihr das Blut in den Adern stockte. Es durchschauderte sie, als ob er mit gezücktem Degen vor ihr stehe, um ihr einen tödtlichen Hieb zu versetzen.

»Nein,« antwortete sie leise und zagend.

»Nicht? So geben Sie mir Ihren Arm. Wir müssen hier ein Zimmer aufsuchen.«

»Warum soll ich es nicht hier, sondern im Zimmer vernehmen?«

Er stieß ein kurzes, cynisches Lachen aus und antwortete:

»Weil Sie in Ohnmacht fallen werden, wie ich im Voraus weiß.«

Damit zog er sie fort. Sie nahm sich vor, nun grad ihm zum Trotze stark, sehr stark zu sein und nicht in Ohnmacht zu fallen, möge auch kommen, was da wolle. Im Wartezimmer erster Classe angekommen, wo nur wenige Gäste anwesend waren, zog sie ihren Arm aus dem seinigen und sagte:

»Nun, darf ich um Ihre Mittheilung ersuchen?«

»Bitte, halten Sie sich an diesem Stuhle fest!« antwortete er höhnisch. »Was ich Ihnen zu melden habe, ist nichts weniger als angenehm. Wünschen Sie, daß ich Ihnen eine vorsichtige Einleitung mache?«

»Sprechen Sie!« gebot sie ihm stolz und kalt.

»Gut. Heute Nacht ist Schloß Hirschenau bis auf die Mauern niedergebrannt.«

Sie erbleichte, doch zeigte sie keine Schwäche.

»War das Feuer angelegt?« fragte sie.

»Nein; es war eine Folge der Vernachlässigung, wie man vermuthet. Die Herrin war ja nicht daheim.«

»Man wird das streng zu untersuchen haben. Der Verlust ist übrigens zu überwinden, da Alles versichert war. Natürlich setze ich da voraus, daß kein Menschenleben dabei beschädigt worden ist.«


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»Das ist leider grad der Fall.«

Jetzt griff sie wirklich nach der Lehne des Stuhles.

»Ist Jemand verletzt worden?« fragte sie.

»Verletzt nicht, aber todt,« meinte er kalt und gleichgiltig.

»Himmel, wer ist es, wer?«

»Ihr Bruder ist mit verbrannt.«

Da fuhr sie auf ihn zu. Ihre Augen wurden starr und gläsern.

»Das ist nicht wahr! Das ist eine Lüge!« rief sie.

»Ich sehe, daß Sie unzurechnungsfähig sind; darum verzeihe ich Ihnen. Gehen Sie hinaus! Man hat seine Ueberreste gerettet. Die verkohlten Knochen und der verbrannte Schädel liegen zur Besichtigung bereit.«

Sie fuhr mit den Händen in die Luft, stieß einen unarticulirten Schrei aus und rief laut und jammernd:

»Gott! Herrgott, Dein Strafgericht beginnt!«

Dann sank sie leblos auf den Boden nieder.

Der Baron wendete sich kalt an ihren Diener, welcher unter der Thür stehen geblieben war:

»Lassen Sie sich hier ein Zimmer geben, und holen Sie einen Arzt. Ich glaube kaum, daß sie transportabel sein wird, und auf Hirschenau ist leider kein Platz für sie.«

Damit ging er von dannen, als ob ihre Person ihm ganz und gar fremd und gleichgiltig sei. -

Am nächsten Morgen kam der Schmied mit seinem Sohne auf seinem Wägelchen nach dem Bahnhofe gefahren. Nachdem er einen Sack Kartoffeln abgeladen und als Passagiergut aufgegeben hatte, fuhr sein Sohn nach Helfenstein zurück, er aber stieg in den Zug, welcher nach der Residenz abging. Dort angekommen, begab er sich sofort nach dem Landesgericht und fragte nach dem neuen Schließer Christian. Dieser kam herbei und erkannte sofort den Gevattersmann seines Vaters. Er freute sich sehr, von demselben besucht zu werden, und fragte ihn, ob seine Eltern den langen Brief erhalten hätten.

»Ja,« antwortete der Schmied. »Ich habe ihn selbst gelesen.«

»Wirklich?« fragte Christian. »Nicht wahr, er war sehr schön abgefaßt?«

»Ja. Besonders das von der Karline und Gustel hat mich gerührt.«

»Das glaube ich. Im Liebesbriefschreiben habe ich etwas los. Wie aber steht es mit den Kartoffeln?«

»Die habe ich mit.«

»Sapperlot! Das ist gut. Ich will sie dem Wachtmeister schenken. Er sagt immer, daß die Kartoffeln, die man hier kauft, nichts taugen, und da will ich ihm einmal zeigen, was die richtigen Kartoffelstückchen mit Majoran oder Gottverthymian zu bedeuten haben. Aber ist es denn auch ein ganzer Sack?«

»Ein ganzer Scheffelsack.«

»Und wo ist er?«

»Er liegt draußen auf dem Bahnhofe als Passagiergut. Hier ist der Zettel, gegen welchen Du ihn bekommst. Das Uebergewicht habe ich bereits bezahlt. Du erhältst ihn also ganz umsonst.«


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Das freute den guten Christian um so mehr. Er taute auf; die Beiden kamen in eine animirte Unterhaltung, und da der Schließer grad eine Viertelstunde Muse hatte, so gingen sie in eine nahe liegende Restauration, um ein Glas Bier zu trinken. Dort kam die Rede auch auf Gustav Brandt.

»Warst Du mit bei der Verhandlung?« fragte der Schmied.

»Nein. Ich hatte bei den Gefangenen zu thun. Ich habe überhaupt nicht zu ihm gedurft, weil wir aus einem Orte stammen. Er dauert mich, denn Alle sagen, daß er unschuldig sei.«

»Jedenfalls wird er begnadigt!«

»Natürlich!« nickte Christian, indem er ein überaus pfiffiges Gesicht machte. »Aber es hat einen Haken.«

»Welchen denn?«

»Er will kein Gnadengesuch machen. Er will sich hinrichten lassen, wie sein Vater es verlangt hat. Er sagt, wer unschuldig ist, der könne wohl Gerechtigkeit verlangen, aber keine Gnade.«

»Sakkerment, so wird er um einen Kopf kürzer gemacht! Und er hat nur diesen einen!«

Das Gesicht Christians wurde noch pfiffiger.

»Hm,« brummte er. »Ich glaube nicht daran!«

»Warum?«

»Wir königlichen Beamten kennen das am Besten, aber es ist ein Geheimniß, welches man nicht ausplaudern darf.«

»Christian! Ausplaudern! Wo denkst Du hin! Ueber Amtsgeheimnisse darf man kein Wort sagen. Aber ich denke mir, daß Du gar nichts davon wissen wirst.«

»Ah! Wieso?«

»Du bist noch jung im Amte. Solchen Leuten vertraut man nicht sogleich wichtige Geheimnisse an.«

»Oho! Was gilt die Wette?«

»Papperlapapp! Freilich, wer die königliche Uniform trägt und seinen Eltern ein Paar Stiefelpantoffeln schenkt, die noch fast ganz nagelneu sind, der kann dann schon so thun, als ob man ihm Alles anvertraut. Aber wahr ist es nicht!«

Ein solcher Mangel an Vertrauen war dem Christian unerhört. Das durfte er nicht auf sich sitzen lassen! Was sollten seine Eltern denken, wenn der Schmied, nach Hause zurückgekehrt, ihnen sagte, daß ihr Sohn gar nichts erfahre und wisse! Er setzte sich in Positur und sagte:

»Es bleibt dabei: Wollen wir wetten?«

»Ja, sogleich, ich weiß doch, daß ich gewinne!«

»Wie hoch?«

»Wie Du willst!«

»Zwei Glas Bier?«

»Ja. Topp! Also beweise mir, daß Dir das Geheimniß bekannt ist, welches sich auf Gustav Brandt bezieht! Weißt Du es?«

Er blickte den Schließer triumphirend an, als ob er wirklich überzeugt


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sei, die Wette zu gewinnen. Dieser aber machte eine ganz ebenso siegessichere Miene, bog sich zu ihm herüber und flüsterte ihm so leise, daß die anderen Gäste nichts davon hören konnten, die Worte zu:

»Er ist bereits begnadigt!«

Der Schmied schüttelte zweifelnd den Kopf und sagte:

»Unsinn, das hat man Dir nur aufgebunden! Du weißt doch nichts! Er hat ja gar nicht um Begnadigung angehalten!«

»Ja, aber gerade darum hat ihn der König aus eigenem Antriebe begnadigt.«

»Er wird es nicht annehmen!«

»Das wissen wir. Darum darf er auch nicht erfahren, was mit ihm vorgenommen werden soll.«

»Was wäre das denn?«

»Uebermorgen früh erhält er um fünf Uhr seinen Kaffee, um halb sechs Uhr wird er nach dem Bahnhofe gebracht, ohne daß er weiß, was eigentlich los ist.«

»So, so!« nickte der Schmied. »Wer es glaubt, wird selig! Wohin soll er denn geschafft werden?«

»Wo anders hin, als nach dem Zuchthause!«

»Donnerwetter! In's Zuchthaus also!«

»Ja. Er wird das erst dann merken, wenn er drin ist. Und dann ist alles Sträuben zu spät.«

»Das ist allerdings ein sehr gescheidter Streich!«

»Nicht wahr? Er würde bereits morgen abgeführt werden, aber die Einlieferungsacten werden bis dahin nicht fertig. Habe ich nun die Wette gewonnen?«

»Ja, wenn es wahr ist, was Du gesagt hast.«

»Natürlich ist es wahr, Wort für Wort.«

»Nun, wenn man Dir so großes Vertrauen schenkt, Dir solche Geheimnisse mitzutheilen, so wirst Du ihn wohl transportiren?«

»Ich? Nein, daran denken sie allerdings nicht. So einen Gefangenen vertrauen sie nur dem Wachtmeister selbst an.«

»Diesem allein?«

»Natürlich! Mehrere sind dazu nicht nöthig, denn der Brandt ist doch kein Räuberhauptmann. Uebrigens denke ich, daß er nicht sehr lange im Zuchthause sein wird. Vielleicht zwanzig Jahre. Nach den ersten fünfzehn Jahren darf er um Entlassung anhalten, wenn er sich gut geführt hat und nicht bestraft worden ist.«

»Christian,« sagt der Schmied erstaunt, »ich bin ganz perplex über Deine Kenntnisse! So kurze Zeit erst im Dienst, kennst Du doch Alles schon so genau, wie ein Justizminister!«

»Nicht wahr? Ja, ich will auch schnell steigen!« meinte der gute Junge. »In zehn Jahren kann ich Oberschließer sein. Vielleicht gehe ich gar zu der Steuer über und werde Grenzaufseher. Dann lasse ich mich nach Helfenstein versetzen und heirathe die Gustel oder die Karline, wenn sie mir bis dahin


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nicht zu alt und dumpfig geworden sind. Also, wie steht es mit den zwei Glas Bier?«

»Die hast Du gewonnen!«

»Aber trinken darf ich sie leider nicht. Meine Zeit ist vorbei. Ich muß zur Fütterung.«

»So? Wen füttert Ihr denn?«

»Die Gefangenen!«

»Ach so! Ich dachte, andere Kreaturen! Na, füttern werdet Ihr sie wohl, aber nudeln nicht! Da Du das Bier jetzt nicht trinken kannst, so will ich Dir lieber das Geld geben. Hier hast Du einen Gulden.«

»Sapperlot! Das ist zu viel!«

»Nimm es nur! Vom Gevatter Deines Vaters, also von Deinem Pathen kannst Du es schon annehmen! Nicht?«

»Ja, das denke ich auch. Also einen Gruß an die Eltern! Sie mögen immerhin erfahren, welche Geheimnisse man mir anvertraut und welche Kenntnisse ich schon besitze. Adieu.«

»Adieu, Christian! Laß es Dir wohl ergehen im königlichen Dienste!«

Sie trennten sich. Der Schmied hatte das, was er wissen wollte, viel, viel leichter erfahren, als er es für möglich gehalten hatte. Er kehrte mit dem nächsten Zuge nach der Heimath zurück. Auf dem Bahnhofe kaufte er sich eine Eisenbahnkarte, welche er mit nach Hause nahm.

Dort angekommen, begab er sich mit seinem Sohne nach einem Kämmerchen, in welchem sie nicht belauscht werden konnten.

»Ich bringe gute Botschaft,« sagte er. »Uebermorgen früh halb sechs Uhr fährt der Brandt in Begleitung des Wachtmeisters nach dem Zuchthause. Er ist zu lebenslänglichem Kerker begnadigt, ohne es zu wissen. Er wird es erst dort erfahren.«

Der Sohn kratzte sich hinter den Ohren.

»Daran sind wir schuld, Vater,« meinte er. »Wir müssen ihn unbedingt retten!«

»Natürlich!«

»Aber wie? Es wird wohl nur unterwegs gehen!«

»Sonst nicht. Mein Plan ist fertig.«

»Aber gefährlich wird es sein. Wir wagen das Leben und riskiren noch obendrein selbst das Zuchthaus!«

»Das haben wir schon hundert Mal gethan! Zwei erfahrene Pascher, wie wir sind, werden es wohl fertigbringen, einen Menschen aus dem Coupee zu holen!«

»Wie willst Du das anfangen? Das Abspringen während des Fahrens ist gefährlich. Ihr könnt Hals und Beine brechen, und dann steht die Sache noch schlimmer als vorher.«

»So springen wir eben nicht im Fahren ab!«

»Also während des Haltens auf einem Bahnhofe? Bist Du toll?«

»Hat Dein Vater schon einmal etwas wirklich Tolles, Unsinniges unternommen? Ich dachte, Du würdest mich besser kennen! Höre mich einmal an! Die Strecke, welche Brandt fährt, hast Du stellenweise öfters auch schon benutzt?«


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»Sogar sehr oft!«

»Kennst Du die Strecke zwischen Brandenau und Liebenstein?«

»O, so gut wie meine Tasche! Hinter Brandenau geht es durch einen langen Tunnel und dann eine weite Strecke durch den Wald.«

»Gut! Hinter dem Tunnel macht die Bahn eine ziemlich weite Curve, und dann geht sie schnurgerade über eine halbe Stunde lang durch den Wald. Hinter dieser Curve hast Du Dich rechtzeitig einzufinden.«

»Ich? Was habe ich da zu thun?«

»Ich weiß, daß dort im Walde viele große, einzelne Steine liegen. Ehe der Zug kommt, begeht der Bahnwärter die Strecke. Er darf Dich nicht sehen. Sobald Du den Zug kommen hörst, legst Du einen solchen Stein auf die Schienen.«

»Donnerwetter! Soll der Zug verunglücken?«

»Bei Leibe nicht! Die Bahn ist hinter der Curve so schnurgerade, daß der Maschinist den Stein zur rechten Zeit sehen wird und also halten kann. Das ist es grad, was ich will.«

»Ah so! Ich verstehe! Du willst mitten im Walde mit ihm abspringen?«

»Ja. Habe ich ihn einmal zwischen den Bäumen, dann soll ihn kein Mensch ergreifen. Dafür stehe ich ein.«

»Wie ist meine Instruction weiter?«

»Ich mache Dir ein Packet zusammen. Das nimmst Du mit und verbirgst es am Dachsberge, welcher nur eine halbe Stunde weit von jener Curve entfernt liegt. An der Seite des Dachsberges steht eine riesige Eiche, welche Du kennen wirst?«

»Oh, sehr gut!«

»Bei ihr treffen wir zusammen. Das Packet enthält Kleidungsstücke und allerlei Anderes für Brandt, wodurch wir ihn unkenntlich machen werden.«

»Und dann?«

»Das wird sich erst finden, wenn wir wissen, was Brandt zu thun beschließt.«

»Ich denke, daß er vor allen Dingen seine Eltern sehen will, um von ihnen Abschied zu nehmen.«

»Das befürchte ich auch. Wir müssen uns also vorsehen. Die Hauptsache bei Allem ist, daß Du, nachdem Du die Kleider versteckt hast, auf Deinem Posten bist. Fehlst Du zur geeigneten Zeit, so kann Alles verloren sein, und der arme Teufel muß in das Zuchthaus.«

»Natürlich werde ich da sein, und wenn es mir das Leben kosten soll. Natürlich tragen auch wir Beide falsches Haar und falschen Bart?«

»Das versteht sich ganz von selbst. Ich ziehe mich als Viehhändler an, mit der Geldkatze um den Leib und der Peitsche über der Achsel.«

»Wie aber willst Du in sein Coupee kommen?«

»Das laß nur meine Sorge sein. Ich sitze bereits von der Residenz aus in dem Zuge. Ich muß wissen, in welchem Coupee er sitzt, und wenn ich erst unterwegs einsteige, ist es fast unmöglich, dies zu erfahren, ohne daß es auffällt. Diese Karte der Bahn steckst Du zu Dir, damit Du Dich orientiren kannst.« - -


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Am andern Abende trat ein Herr in das Gastzimmer eines Fremdenhauses der Residenz. Er war nicht nobel aber auch nicht schlecht gekleidet, hatte eine dicke Geldkatze um die Hüften geschnallt und eine biegsame Peitsche quer über die Achsel nach unten gebunden. Er verlangte eine Flasche Wein, aß gut und viel, bezahlte mit einem Ducaten, gab ein gutes Trinkgeld und fragte dann, ob er für diese Nacht ein Zimmer bekommen könne.

Solche Gäste pflegen die Wirthe sehr gern zu sehen. Seine Frage wurde also sofort bejahend beantwortet. Er vertiefte sich einige Zeit lang in die Zeitung und ging dann schlafen, nachdem er seinen Namen und seinen Stand eingetragen hatte. Der Letztere lautete: Viehhändler. Droben im Zimmer ordnete er an, daß man ihn früh wecken solle, weil er bereits kurz nach fünf Uhr auf dem Bahnhofe sein müsse.

Am anderen Morgen lag das Zellenhaus des Gerichtspalastes in schwarzer Finsterniß. Nur im Mitteltheile des Gebäudes brannte eine Lampe. Kaum aber hatte es fünf Uhr geschlagen, so wurde es in den langen, schmalen Corridoren licht und lebendig. Die Wärter und Schließer eilten von Zelle zu Zelle, um die Thüren zu öffnen, den Kaffee oder die magere Morgensuppe zu vertheilen und dann die Riegel wieder vorzuschieben.

Die Zellen blieben von jetzt an wieder verschlossen. Nur eine einzige wurde bereits nach fünf Minuten wieder geöffnet. Der Wachtmeister selbst war es, welcher dies that. Es war finster im Innern, und nur der Schein, welcher von außen hineinfiel, erlaubte, eine männliche Gestalt zu erkennen, welche auf der Bank saß und den dünnen Kaffee aus einer niedrigen Blechschüssel trank.

»Guten Morgen, Herr Brandt!« grüßte der Beamte.

Das war eine sehr seltene Bevorzugung.

»Guten Morgen, Herr Wachtmeister,« lautete die Antwort.

Der Gefangene gab dieselbe, indem er sich höflich erhob und der Thüre näherte.

»Wann werden Sie mit dem Kaffee fertig sein?«

»Nur noch einen Schluck.«

»Na, so eilig ist es nicht. Aber halten Sie sich bereit, in einer Viertelstunde in meine Expedition zu kommen!«

»So früh? Liegt vielleicht etwas Neues, Unerwartetes vor?«

»Allerdings!«

»Was meiner Angelegenheit eine andere Wendung geben wird?«

»Ja.«

»Eine bessere?«

»Ich freue mich, Ihnen das bestätigen zu können.«

»Gott sei Dank! Endlich, nachdem bereits das Todesurtheil gefällt ist, scheint die Vorsehung sich meiner erbarmen zu wollen. Ich darf wohl nicht fragen, welcher Natur dies unerwartete Ereigniß ist?«

»Sie wissen, daß Schweigen leider allzu sehr meine Pflicht ist. Nur das kann ich Ihnen sagen, daß wir eine kleine Reise unternehmen werden.«

»Nach meiner Heimath? Nach dem Orte des Verbrechens?«

»Auch hierüber muß ich schweigen.«


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»Ah, ich ahne dennoch, daß es sich um eine Recognition handelt, vielleicht um eine Wiederaufnahme der Untersuchung. - Gott sei gelobt!«

Der Wachtmeister ging. Er war ein harter Mann, aber die Täuschung, welcher sich der Gefangene hingab, flößte ihm doch einiges Mitleid ein. Als der Gefangene nach der angegebenen Zeit zu ihm gebracht wurde, stand er, ihn reisefertig erwartend, in seiner Expedition.

»Herr Brandt,« sagte er. »Sie wissen, daß Sie zum Tode verurtheilt sind -«

»Leider weiß ich das nur allzu gut!« antwortete der Unglückliche.

"Sehen Sie her!"

»Sie kennen wohl auch die Strenge meiner Verpflichtung. Sehen Sie her! Es thut mir leid, aber ich kann es nicht ändern!«

Er brachte ein Paar Handschellen zum Vorschein. Ueber das Gesicht Brandt's flog eine schnelle Röthe. Seine Augen leuchteten zornig auf, doch mäßigte er sich und sagte in höflichem Tone:

»Können Sie mir diese Demüthigung wirklich nicht erlassen?«

»Nein. Ich bin instruirt, sie zu fesseln.«

»Aber ich werde Ihnen nicht entschlüpfen!«

»Ich habe mich auf alle Fälle sicher zu stellen!«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, mein heiliges Ehrenwort, daß ich Ihnen nachlaufen werde wie ein Hund.«

»Ich kann nicht; ich darf nicht!«

»Herr Wachtmeister, Sie wissen, daß ich hier in der Residenz angestellt war, daß Viele, sehr Viele mich kennen. Welch eine Demüthigung für mich, wenn man auf dem Bahnhofe mit Fingern auf mich zeigt.«

»Wir werden uns so setzen oder stellen, daß man uns gar nicht bemerken wird.«

»Und diejenigen, welche mit in dem Coupee sitzen!«

»Als Transporteur eines Gefangenen habe ich nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, ein Einzelcoupee zu verlangen!«

»Also ist es Ihnen auf alle Fälle unmöglich, mich von den Fesseln zu dispensiren?«

»Ja. Selbst wenn meine Extrainstruction nicht so lautete, würde ich Sie fesseln; ich bin es so gewöhnt; ich bin stets vorsichtig!«

»Dann haben Sie weder ein Herz noch ein Gefühl für Ehre und Ehrenwort! Die Freundlichkeit, die Sie mir bisher gezeigt haben, ist nur Schein gewesen. Sie haben, um sich und Ihren Schergen den Dienst zu erleichtern, mich, den Mörder, den gefährlichen Menschen, bei guter Stimmung erhalten wollen -!«

»Oho!« fiel da der Wachtmeister ein. »Sind Sie der Vorgesetzte hier, oder bin ich es?«

»Keiner von uns Beiden ist es. Sie stehen nicht über mir, und ich nicht unter Ihnen. Ich befinde mich nur in Ihrer Obhut, und Sie haben mich zu bewachen. So ist unser Verhältniß.«

»Ja, so ist es allerdings! Und ich werde Sie streng, sehr streng bewachen, darauf können Sie sich verlassen. Her mit den Händen!«


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Brandt streckte ihm, im höchsten Grade aufgebracht, die Hände entgegen und sagte:

»Hier sind sie! Nun ich sehe, daß alle Ihre Freundlichkeit nur Falschheit war, daher glaube ich auch nicht, was Sie mir heute oben in meiner Zelle sagten. Die Veränderung, welche meine Lage erleiden soll, ist jedenfalls keine gute. Entweder werde ich jetzt auf das Schafott geführt, oder nach dem Zuchthause, zu welchem man mich ohne meine Einwilligung begnadigt haben mag. In beiden Fällen erhebe ich Ein- und Widerspruch. In beiden Fällen werde ich den äußersten Widerstand leisten!«

»Versuchen Sie es!« meinte der Beamte höhnisch, indem er die Hände des Gefangenen mit den Eisenringen umschloß.

Brandt warf den Kopf empor wie ein Löwe, welcher gereizt wird, und sagte mit erhobener Stimme:

»Ich gab Ihnen mein Ehrenwort, Ihnen zu folgen wie ein Hund seinem Herm. Nun Sie mein Ehrenwort zurückgewiesen haben und mich wie ein wildes Thier der Bewegung berauben, sage ich Ihnen mit aller Aufrichtigkeit, daß ich Ihnen entspringen werde wo und sobald sich mir die Gelegenheit dazu bietet!«

»Sie werden damit nichts Anderes erreichen als nur eine Verschlimmerung Ihrer Lage. Wir sind fertig. Kommen Sie!«

Sie traten den Weg nach dem Bahnhofe an. Dort angekommen, löste der Wachtmeister die Billets mit so leiser Stimme, daß der Gefangene das Ziel der Reise unmöglich verstehen konnte.

Der Beamte zog es vor, sich mit seinem Manne an einer weniger erleuchteten Stelle des Bahnhofes aufzustellen. Er wollte nicht in das Wartezimmer treten. Er hatte, um Brandt's ganz und gar sicher zu sein, diesem eine starke Schnur um den Leib gebunden und hielt die Enden derselben in der Hand. Aber trotz dieser doppelten Fesselung überkam es ihn doch wie eine nicht ganz leichte Sorge. Der Gefangene hatte im höchsten Zorne gesagt, daß er den äußersten Widerstand leisten und jede Gelegenheit zur Flucht ergreifen werde. Er trug zwar die Handschellen und war an die Schnur befestigt; aber was konnte nicht unterwegs im stillen, einsamen Coupee passiren. Brandt konnte wenigstens einen Angriff, einen Fluchtversuch wagen, und wenn derselbe auch nicht gelang, so war es für den Wachtmeister doch leicht möglich, eine Verletzung davon zu tragen.

Und wer ist allwissend? Wie viele und wie ungeahnte Fälle konnten eintreten, welche dem Gefangenen günstig waren, während der Beamte ihnen ungerüstet gegenüberstand!

Ja, wenn ein starker und zuverlässiger Mann zu finden wäre, welcher sich erbitten ließ, die Reise in solcher Gesellschaft zu machen!

Kam dieser Gedanke in Folge der vorherigen Ueberlegungen? Kam er unwillkürlich? Oder war er eine indirecte Folge des Umstandes, daß ein starker Herr langsam auf dem Perron hin- und herschriitt und zuweilen, scheinbar ohne sie nur zu bemerken, an den Beiden vorüberging? Der Wachtmeister konnte sich diese Frage nicht beantworten; aber als der Fremde wieder ganz nahe ge-


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kommen war, trat er mehr instinctiv als infolge eines klaren Entschlusses einen Schritt auf ihn zu und sagte:

»Entschuldigung, mein Herr! Wohin fahren Sie?«

»Nach Blankenwerda,« lautete die rasche, kurz entschlossene Antwort.

»Ah, das ist auch meine Richtung! Dritter Classe, wenn ich fragen darf?«

»Dritter!«

»Haben Sie Reisecollegen?«

»Nein.«

»Erlauben Sie, mich Ihnen vorzustellen! Ich bin Wachtmeister beim königlichen Landesgericht.«

»Ich bin Viehhändler, mein Herr, habe aber auch als Wachtmeister gedient, nämlich bei den Kürassiren.«

»So sind wir ja, so zu sagen, Collegen. Wollen wir uns nicht während dcr Fahrt einander anschließen?«

»Warum nicht! Wer ist der andere Herr?«

»O, der zählt jetzt nicht mit! Ich habe ihn in einer Strafproceßsache zu transportiren.«

»Donnerwetter! Also ein Gefangener! Schöne Gesellschaft!«

»Ich hoffe, daß Sie Ihre Einwilligung nicht zurücknehmen.«

»Eigentlich sollte ich! Aber weil ich stets gern ein Mann von Wort bin, so mag es dabei bleihen. Aber Sie nehmen wohl ein geschlossenes Coupee?«

»Ich muß!«

»Na, mir auch recht. Wer einmal A gesagt hat, muß auch B sagen; das ist so der Welt Lauf.«

Als sie später im Coupee beisammen saßen, wünschte sich der Schmied im Stillen Glück. Er hatte erst den Plan gehabt, ein nahes Coupee zu nehmen und während der Fahrt durch das Tunnel mittelst des Trittbrettes in das gegenwärtige zu gelangen. Im Finstern, hatte er gehofft, war der Wachtmeister ja sehr leicht zu übermannen. Jetzt war es ihm leichter gemacht. Er ahnte, daß der Wachtmeister eine heimliche Furcht vor dem Gefangenen habe und daher auf den Gedanken gekommen sei, einen kräftigen Passagier zu sich herein zu laden.

»Das heißt den Bock zum Gärtner gemacht!« brummte er vergnügt in sich hinein.

Da der Tag noch nicht angebrochen war, befand sich eine Lampe in dem Wagen, welche einen matten Schimmer um sich warf. Bei diesem unzulänglichen Scheine betrachtete Brandt den Fremden. Die Stimme desselben war ihm so bekannt, so heimathlich vorgekommen, aber er mochte sinnen, wie er wollte, er kam nicht auf die richtige Spur.

Erst als es Tag geworden war und auch Kleinigkeiten besser gesehen werden konnten, betrachteten sich die drei Passagiere genauer. Der Schmied hatte sich kluger Weise neben den Wachtmeister gesetzt, dessen Auge also nicht für stets auf ihn gerichtet sein konnte. Er sah, daß das Auge des Gefangenen nachdenklich und immer nachdenklicher wurde. Er ahnte, daß er ihm bekannt


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vorkomme, und beschloß, ihm einen Wink zu geben. Er wartete einen Augenblick ab, an welchem der Wachtmeister sich abgewendet hatte, um zum Fenster hinauszublicken, und sagte, allerdings unhörbar, aber so, daß ihm die langsam construirten Worte von den Lippen gelesen werden konnten:

»Wolf - der - Schmied!«

Brandt hatte ihn scharf angesehen und die Worte deutlich von dem Munde des Sprechers weggenommen. War es möglich? Wolf, der Schmied aus Helfenstein? Was für eine Absicht hatte ihn herbei geführt? Der obere Theil des Gesichtes war allerdings demjenigen des Schmiedes ähnlich, aber die andere Hälfte wurde von einem langen, starken Vollbarte verdeckt, während Wolf keinen Bart trug. Auch das Haar dieses Viehhändlers war lang, während der Schmied das seinige ganz kurz abgeschoren zu tragen pflegte.

Ein Kennzeichen aber gab es doch. Brandt erinnerte sich aus seiner Jugendzeit, daß der Schmied sich einst mit dem großen Schlaghammer auf den Daumen getroffen habe. Der Finger war so verstümmelt gewesen, daß der Nagel verloren ging, ohne durch einen Neuwuchs ersetzt zu werden. Er blickte nach der Hand des Viehhändlers. Ja, dort am rechten Daumen fehlte der Nagel - er war es!

Warum aber diese Verkleidung? Wollte er ihn retten? Seine Seele jauchzte auf. Er machte einen Versuch, es zu erfahren, indem er an einem unbeobachteten Augenblicke mit dem Kopfe nach dem Fenster nickte. Der Schmied nickte zustimmend und ballte die Faust. Das war genug gesagt.

Was aber hatte ihn veranlaßt, ein solches Abenteuer zu unternehmen? So fragte sich Brandt. Er hatte wohl öfters davon sprechen hören, daß Wolf vielleicht ein Schmuggler sei. Das aber konnte doch nicht die Veranlassung dazu sein, grad Denjenigen zu befreien, welcher damals die großartige Pascherei gestört und so werthvolle Güter confiscirt hatte.

Da fuhr der Zug in Brandenau ein. Als er diese Station verließ, setzte sich der Wachtmeister zu Brandt auf die gegenüberliegende Bank.

»Warum dorthin?« fragte der Schmied.

»Ich muß neben meinem Gefangenen sitzen, um ihn an der Hand zu haben. Er will entweichen, und wir werden sogleich an das Tunnel kommen. Wollen Sie mir nicht die Gefälligkeit erweisen, sich an seine andere Seite zu setzen?«

Da stieß der Schmied ein lustiges Lachen aus und antwortete:

»Haben Sie mich zum Gesellschafter gewählt, damit ich Ihnen helfen soll, den Gefangenen zu bewachen?«

»Ja. Ich will es eingestehen.«

»Hm! Aber haben Sie denn für den Fall der Noth gar keine Waffe bei sich?«

»Nein.«

»Welch eine Unvorsichtigkeit, dies zu unterlassen und es auch einzugestehen. Sehen Sie, da bin ich vorsichtiger!«

Er griff in die Tasche und zog ein geladenes Doppelterzerol hervor.

»Das ist gut! Nun kann er nichts anfangen!« meinte erfreut der Wachtmeister.


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»Ja, das ist wahr! So ein Terzerol ist nicht nur vortrefflich zum Schießen, sondern auch vortrefflich zum Schlagen. Sehen Sie, ungefähr so!«

Er nahm die Läufe in die Hand und schlug den Kolben dem Beamten, ehe dieser es sich versah, in der Weise gegen die Schläfe, daß der Getroffene sofort besinnungslos in die Ecke des Sitzes sank.

»So!« sagte er. »Dem ist einstweilen geholfen. Aber vor allen Dingen, bitte, mein Lieber, keinen Namen nennen. Das Erste, was zu thun ist, wir müssen Ihnen diese verdammten Handschellen abnehmen. Der Kerl wird den Schlüssel dazu wohl in der Tasche haben. Suchen wir!«

Er durchsuchte die Taschen des Besinnungslosen und fand den Schlüssel, der sehr klein war, im Portemonnai. Er nahm den Ersteren und steckte das Letztere unversehrt wieder in die Tasche zurück.

»Zunächst auch weg mit der Leine! So!« sagte er. »Und nun geben Sie Ihre Hände her!«

Brandt folgte der Aufforderung und war in einigen Secunden wieder im freien Besitze seiner Arme und Hände. Er wollte sprechen, aber die innere Aufregung machte ihm jedes Wort zur Unmöglichkeit. Der Schmied aber befand sich ganz in seinem Elemente.

»Kommen Sie!« lachte er. »Jetzt wollen wir diesem guten Manne die Handschellen anlegen, damit er auch einmal merkt, wie hübsch ein solcher Schmuck ist. Helfen Sie!«

Brandt gehorchte ihm. Dann zog der Schmied das Taschentuch des Gefesselten hervor, steckte es ihm als Knebel in den Mund und band ihm dann auch die Ellenbogen nach hinten und die Kniee und die Fußknöchel mit der Leine zusammen.

"So! - Zur rechten Zeit."

»So!« sagte er darauf. »Gerade zur rechten Zeit, denn da kommt das Tunnel!«

Sie brausten in die Finsterniß hinein. Als sie wieder an das Tageslicht kamen, hatte Brandt endlich Worte gefunden.

»Aber sagen Sie mir um Gottes willen,« fragte er. »Was veranlaßt Sie denn, sich meiner in dieser Weise anzunehmen?«

»Still! Darüber jetzt kein Wort! In fünf Minuten wird der Zug anhalten, dann müssen wir ausspringen. Wir rennen gerade in den Wald hinein, Sie immer scharf hinter mir her. Aber nehmen Sie sich in Acht, daß sie nicht stürzen oder gar noch ergriffen werden!«

»Warum sollte der Zug mitten im Walde halten?«

»Ich habe dafür gesorgt. Ich bin nämlich nicht allein hier, sondern wir haben noch einen Kameraden, welcher den Zug anhalten wird. Ah, hören Sie! Jetzt!«

Die Dampfpfeife stieß das bekannte, schrille, markerschütternde Warnungssignal aus. Sofort kreischten die Bremsen und Räder, und der Zug kam nach und nach zum Stehen. Der Maschinist hatte den Stein keinen Augenblick zu früh gesehen, denn er lag kaum drei Fuß von den Vorderrädern der Locomotive entfernt auf der Schiene.

»Was ist's? Was giebt's? Was ist geschehen?« schrie, rief und fragte


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es aus den Fenstern, welche alle geöffnet wurden. Die Schaffner konnten es nicht verhindern, daß sich die Passagiere die Thüren selbst öffneten und aus den Wagen sprangen. Der Zug hatte sich in der Zeit von einer halben Minute entleert.

Alles eilte nach vorn. Niemand gab Acht auf die beiden Männer, die zunächst ganz dieselbe Richtung einschlugen.

Der Schmied hatte gedacht, daß sie eine förmliche Flucht zu ergreifen haben müßten, da aber der Wachtmeister noch immer nicht erwachte und Alles nach vorn drängte, so stieg er ganz gemächlich aus und sagte zu dem ihm ebenso langsam folgenden Brandt:

»Ah, das giebt einen Hauptspaß. Kommen Sie! Wir werden verfolgen, anstatt verfolgt zu werden!«

Er schritt rasch zur Locomotive. Dort angekommen, erblickte er den Stein, blickte suchend zwischen die Bäume und rief sodann mit seiner Stentorstimme, welche die anderen übertönte:

»Einen Stein auf die Schienen gelegt? Donnerwetter! Wir konnten da Alle capores sein! Wer hat das gethan? Ah, Donnerwetter, steht dort nicht ein Kerl zwischen den Bäumen? Wart, Bursche, Du sollst herkommen!«

Er sprang vorwärts, mit dem Eifer eines Menschen, welcher einen anderen fangen will.

»Ja, dort steht er! Jetzt reißt er aus!«

Mit diesen Worten eilte Brandt hinter ihm her. Alles, was Beine hatte, folgte ihnen; nur die Beamten blieben bei ihren Posten zurück. Der Stein wurde auf die Seite geschafft, und da kehrten auch die begeisterten Verfolger zurück, zunächst die Frauen und Kinder und sodann auch die männlichen Passagiere. Einer nach dem Anderen. Keiner aber hatte den Thäter gesehen.

Der Zugführer fluchte und wetterte; es war weit über eine Viertelstunde Zeit versäumt worden. Das mußte schleunigst wieder eingeholt werden, um die fahrplanmäßigen Minuten einhalten zu können.

»Einsteigen, schnell einsteigen!« ertönte es aus den Kehlen der Schaffner, denen auch nichts an einer Verspätung lag.

Die Wagen füllten sich wieder, kein Passagier war mehr außerhalb derselben zu sehen. Die Thüren wurden zugeschlagen, ohne daß man sich genau überzeugte, ob ein jeder in sein richtiges Coupee zurückgekehrt sei. Der Pfiff der Locomotive erscholl, der Zugführer antwortete.

»Fertig!« ertönte das Commando.

Die Räder setzten sich langsam wieder in Bewegung, drehten sich schneller und schneller um ihre Achsen, und bald hatte der Zug eine gesteigertere Geschwindigkeit als vorher, ehe er zum Halten gezwungen wurde. Der Stein des Anstoßes war überwunden.

An den nächsten Stationen kamen und gingen die Passagiere. Als der Zug den letzten Anhaltepunkt vor Felsenberg hinter sich hatte, kletterte der Schaffner am Trittbrete daher, öffnete eins der Fenster und rief hinein:

»Billets nach Felsenberg!«

Er wußte genau, daß ein Beamter mit einem Gefangenen hier Billets


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nach der Zuchthausstadt gehabt hatte und daß bei Beiden ein Herr gesessen hatte, welcher noch weiter, nach Blankenwerda wollte. Aber keine Antwort ertönte. Er steckte den Kopf zum Fenster hinein und sah - einen gefesselten und geknebelten Menschen auf der Bank liegen. Er wollte während des Fahrens die Thür öffnen, aber da ertönte bereits der Signalpfiff. Der Zug hatte Felsenberg erreicht. Als er anhielt, machte der Schaffner sofortige Meldung. Alles eilte herbei. Man fand - einen Beamten, welcher einen Gefangenen nach dem Zuchthause hatte bringen sollen, jetzt aber selbst gefesselt, aus dem Coupee gehoben wurde. -

Als der Schmied und Gustav Brandt den Wald erreichten, waren ihnen die Anderen gefolgt, aber nicht mit der gleichen Schnelligkeit. Bereits nach drei Minuten blieb Wolf stehen, stemmte die kräftigen Fäuste in die Seiten und stieß ein lautes Lachen aus.

»Donnerwetter!« rief er aus. »War das nicht ein wahrer Geniestreich, mein Lieber? Den macht uns nicht sogleich ein Anderer nach! Sind Sie außer Athem?«

»Ganz und gar nicht.«

»Nun, wir haben allerdings auch keine Eile. Ehe man uns findet, muß man den Wald so studiren, wie ich ihn studirt habe.«

Da hielt Brandt den Sprecher fest und sagte:

»Hier meine Hand! Vor allen Dingen meinen Dank für das Wagniß, dem ich meine Freiheit verdanke!«

»Schon gut, schon gut! Es ist nicht so sehr schlimm. Man wagt oft noch ganz andere Dinge! Der beste Dank ist der, daß Sie jetzt und in alle Ewigkeit verschweigen, wer es eigentlich ist, der Sie aus der Tinte geholt hat.«

»Aber was hat Sie denn eigentlich veranlaßt, mich zu befreien?«

Da nickte ihm der Schmied treuherzig ehrlich zu und antwortete:

»Das will ich Ihnen sagen. Ihr Vater ist ein Ehrenmann und Sie sind unschuldig. Das ist Grund genug!«

»Woher wissen Sie denn, daß ich unschuldig bin?« fragte Gustav, aufmerksam werdend.

»O, das wissen wir ja Alle! Nur eine Verkettung der unglückseligsten Umstände konnte Sie auf die Anklagebank bringen.«

»Sie sind ein braver Mann! Woher aber wußten Sie, daß Sie mich auf dem Bahnhofe treffen würden?«

»Vom Sohne unseres Todtengräbers, welcher Schließer ist.«

»Ah, so haben Sie vielleicht auch erfahren, wohin man mich heut bringen wollte?«

»Natürlich weiß ich das! Ins Zuchthaus sollte es gehen. Der König hat Sie aus eigenem Antriebe zu lebenslänglichem Kerker begnadigt.«

»Mein Gott, was stand mir da bevor! Ich hätte mich getödtet! Ich habe Ihnen nicht nur die Freiheit, sondern auch das Leben zu verdanken! Aber, Sie sprachen ja von einem Zweiten, welcher bei meiner Rettung mit geholfen hat?«

»Ja. Sie sollen ihn sehen. Kommen Sie!«


Ende der vierten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk