Lieferung 41

Karl May

6. Juni 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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Dritte Abtheilung.
Die Sclaven der Schande.

Ein Magdalenenhändler.

In einer kleinen, stillen Straße der Residenz, wohin das Geräusch der verkehrsreicheren Stadttheile nicht zu dringen pflegte, gab es ein kleines Weinstübchen, welches - früher gar nicht sehr frequentirt - seit einiger Zeit recht lebhaft besucht wurde.

Diese neueren Gäste waren meist junge Leute, Studenten, sonstige Schüler, Commis und Andere. Das hatte seinen guten Grund, und dieser Grund bestand in einer neuen Kellnerin.

Das Mädchen, welches seit einiger Zeit hier bediente, war noch jung, kaum sechszehn Jahre alt, dabei aber ziemlich entwickelt und von einer eigenartigen Lieblichkeit, durch welche die Gäste angezogen wurden, ohne aber es zu wagen, zudringlich zu werden. Es lag über das rosige Gesichtchen ein Hauch von Unschuld und Kindlichkeit ausgebreitet, den Jeder respectiren mußte, der überhaupt das Herz eines nicht rücksichtslosen Menschen besaß.

Heute war es noch früh am Morgen. Das Local bestand aus zwei Stuben. In der hinteren saß - der fromme Herr August Seidelmann, Vorsteher des Vereins der Brüder und Schwestern der Seligkeit. Er verkehrte hier nicht selten. Er war mit dem Wirthe bekannt und auch vorhin mit dem Bemerken, daß die Kellnerin jetzt nicht anwesend sei, von demselben bedient worden.

Nach einiger Zeit trat dieselbe in die vordere Stube. Sie wußte nicht, daß sich in der hinteren ein Gast befinde, und setzte sich, eine Häkelarbeit vornehmend, an ihren Platz.

Es dauerte nicht lange, so kam ein Gast, ein Mann von Vertrauen erweckendem, ja beinahe ehrwürdigem Aussehen, welcher herablassend freundlich grüßte und sich einen Frühschoppen bestellte.

Die Kellnerin bediente ihn und kehrte dann an ihren Platz zurück. Sie vertiefte sich in ihre Arbeit so, daß sie gar nicht bemerkte, in welcher Art die Augen des Gastes auf sie gerichtet waren.

Er hatte nämlich in diesem Augenblicke gar nicht mehr das ehrwürdige Aussehen von vorhin. Sein Mund hatte sich gespitzt wie zum Kusse. Seine Augen leuchteten und ruhten mit einem Blicke auf ihr, der ebenso berechnend wie lüstern genannt werden mußte. Es war ganz so, als wenn ein Gourmand eine Delicatesse betrachtet und bei sich denkt:


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»Das möchtest Du wohl essen; aber, hm, wie wird es denn mit dem Preise stehen?«

Das Schweigen schien ihm nach und nach unbequem zu werden. Er räusperte sich halblaut, und dabei nahm sein Gesicht wieder ganz den vorherigen, Vertrauen erweckenden Ausdruck an. Er räusperte sich noch einmal und fragte dann:

»Kennen Sie mich noch, Fräulein?«

Die plötzliche Anrede brachte eine leichte Röthe auf ihren Wangen hervor; sie antwortete:

»Sie waren gestern Abend hier?«

»Ja. Ich komme gleich heute früh wieder, weil Ihr Wein wirklich exquisit ist.«

»Das sollte der Herr hören.«

»Warum?«

Sie warf ihm einen fragenden Blick zu, als ob sie sich wundere, daß er so etwas Selbstverständliches nicht begreife, und antwortete:

»Weil er sich darüber freuen würde.«

"Freuen Sie sich nicht auch?"

»Ach so? Und Sie? Freuen Sie sich nicht auch?«

»Es ist mir lieb, wenn der Herr mit der Einnahme zufrieden ist.«

»Und wenn Sie dabei auch eine Einnahme haben.«

Wieder blickte sie ihn fragend an. Er erklärte:

»Ich meine nämlich die Trinkgelder. Besinnen Sie sich, daß ich Ihnen gestern einen Gulden gab?«

»Es war zu viel!« antwortete sie, indem sie verlegen auf ihre Arbeit niederblickte.

»Zuviel? O nein. Es war gerade genug für ein so allerliebstes, hübsches - Getränk, wie dieser Weißwein ist.«

Er hatte das, was er eigentlich hatte sagen wollen, noch rechtzeitig unterdrückt und beobachtete nun, welchen Eindruck seine Worte gemacht hatten.

Sie schien gar nicht zu ahnen, daß er »Mädchen« anstatt »Getränk« hatte sagen wollen. Sie arbeitete weiter, und es hatte ganz den Anschein, als ob sie das Gespräch nun für abgebrochen und beendigt halte. Er aber fuhr fort:

»Es ist darum so sehr schade, daß ich nicht wiederkommen kann.«

»Warum können Sie das nicht?«

»Weil ich nicht von hier bin. Das ist wohl auch der Grund, daß Sie mein Trinkgeld für zu hoch halten. Da, wo ich wohne, ist man nicht knauserig. Wer etwas Gutes genießt, der bezahlt auch gern und anständig.«

Sie antwortete nicht. Wieder verging eine Weile. Er suchte nach einem Anknüpfungspunkte. Sein Auge fiel auf das Pianino, welches an der Wand stand. Er fragte:

»Für wen ist dieses Instrument?«

»Für die Gäste.«

»Nicht auch für Sie, Fräulein?«


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»Nein.«

»So spielen Sie wohl gar nicht?«

»Ich habe es nicht gelernt.«

»Das ist schade! Clavierspielen gehört jetzt zur Bildung. Eine jede Dame muß es können.«

»Meine Eltern sind zu arm dazu.«

»Ach so! Darf ich fragen, was Ihr Vater ist?«

»Er ist Holzschnitzer.«

»Wo?«

»Droben im Gebirge. Leider aber kann er das Geschäft nicht mehr treiben. Er ist in die Kreissäge gekommen und hat dabei drei Finger der rechten Hand verloren.«

»O weh! Das ist schlimm! Da bedaure ich ihn von Herzen. Nun wird Ihre arme Mutter doppelt arbeiten müssen!«

Es flog ihr feucht über die Augen, als sie antwortete:

»Ich habe keine Mutter mehr. Sie starb vor drei Vierteljahren am Fieber.«

»An welchem Fieber?«

»Die Ärzte nannten es Hungertyphus.«

»Hungertyphus? Haben Sie denn Hunger gelitten?«

»Hunger eigentlich nicht, denn es gab stets etwas zu essen, wenn man auch nicht so recht satt wurde. Aber es wurde gesagt, daß diese Nahrung nicht zureichend sei; man verhungere, trotzdem man esse.«

»Das begreife ich nicht! Haben Sie Geschwister?«

»Noch drei Schwestern.«

»Welche älter sind als Sie?«

»Nein. Ich bin die Älteste.«

»Aber da werden Sie ja zu Hause gebraucht!«

»Eigentlich ja. Aber ich mußte dennoch fort, um Geld zu verdienen. Die nächste Schwester ist vierzehn Jahre alt; sie kommt zu Ostern aus der Schule und muß nun an meiner Stelle die Wirthschaft versorgen.«

»Und was macht Ihr Vater? Womit ernährt er sich?«

»Er handelt ein wenig mit Obst. Das bringt er trotz seiner invaliden Hand fertig.«

»Reich wird er dabei wohl nicht werden!«

»O nein. Aber der liebe Gott hilft doch immer.«

»Und Sie mit. Natürlich müssen Sie Ihren Lohn hergeben?«

Sie nickte. Ein lautes »Ja« zu sagen, das fiel ihr denn doch zu schwer. Sie hatte den Vater und die Geschwister von Herzen lieb. Was sie that, das that sie gern. Arm zu sein, ist keine Schande, aber so offen darüber zu sprechen, das widerstrebte doch ihrem Gemüthe.

Wieder kam eine Pause. Dann begann er von Neuem:

»Wie heißt Ihr Vater?«

»Weber.«


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»Und Sie?«

»Ich werde Magda genannt.«

»Das ist doch wohl die Abkürzung von Magdalene?«

»Ja.«

Da glitt ein eigenthümlicher, faunischer Zug über sein Gesicht. Er richtete das Auge scharf auf sie und fragte:

»Wissen Sie wohl, was man unter einer Magdalene versteht?«

»Nein,« antwortete sie, indem sie ihm dabei groß und offen in das Gesicht sah.

»Nun, haben Sie nicht von Maria Magdalena gehört?«

»O doch! Ich las von ihr in der Bibel.«

»So wissen Sie doch, wer sie war?«

»Eine Freundin und Anhängerin des Heilandes.«

»Und von der büßenden Magdalena, die gemalt worden ist, haben Sie auch gehört?«

»Nein.«

Sie antwortete offen und ohne Zaudern. Er erkannte, was er wissen wollte: Sie war ein sittlich reines, unverdorbenes Mädchen. Der Gedanke, welcher ihm gestern gekommen war, wurde jetzt zum Entschlusse. Diese Magda war eine wunderliebliche Knospe, welche versprach, sich zur Rose von vollendeter Schönheit zu entfalten.

»Haben Sie bereits an anderen Orten gedient?« setzte er das Gespräch fort.

Dies Gespräch war ein Examen, ohne daß sie es merkte.

»Hier ist meine erste Stelle,« erwiderte sie.

»Wieviel erhalten Sie?«

»Drei Gulden monatlich.«

»O weh! Das ist sehr, sehr wenig! Wie wollen Sie da Ihren armen Vater unterstützen, zumal Sie von den Besuchern dieses Locales keine großen Trinkgelder zu erhalten scheinen?«

»Es wird mir allerdings nicht leicht. Ich muß den ganzen Lohn dem Vater geben und brauche doch auch Geld für Wäsche und Verschiedenes. Vielleicht bekomme ich eine andere und bessere Stelle!«

»Sie wollen also nicht bleiben?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich zuwenig verdiene, und weil die Madame ein anderes Mädchen haben will.«

»Ist sie denn nicht mit Ihnen zufrieden?«

»Das wohl, aber -«

Sie stockte und erröthete.

»Nun, fahren Sie doch fort!«

»Sie zankt sich zuweilen mit dem Herrn.«

»Wohl wegen Ihnen?«


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»Ja.«

»Hm! Das ist sehr unangenehm. Haben Sie denn bereits eine andere Stelle?«

»Noch nicht, obgleich ich zu jeder Zeit abziehen könnte.«

»Das ist doch nicht gebräuchlich!«

»Aber ich dürfte doch sogleich fort, wenn ich auf den letzten Monatslohn verzichten wollte.«

»So verzichten Sie doch lieber auf die lumpigen drei Gulden, wenn Sie eine bessere Stelle bekommen können!«

»Das thäte ich gar wohl. Aber ich bekomme eben keine bessere. Ich bin den Leuten zu jung, ich soll erst noch lernen. Man bietet mir gar nicht mehr als drei Gulden.«

»Ja, ja, so ist es hier in der Residenz! Bei uns bezahlt man zehnmal besser. Bei uns würde man Ihnen viel mehr bieten.«

Das electrisirte sie. Sie hob rasch das hübsche Köpfchen und fragte:

»Wo ist das?«

»In Rollenburg.«

»In dem Rollenburg, wo sich die Irrenanstalt befindet?«

»Ja, die Landesirrenanstalt und zwei Privatanstalten. Dort wissen die Leute zu leben. Dort nutzt man das Gesinde nicht so aus wie hier. Ein Mädchen, welches seine Arbeit macht, hat jeden Sonntag frei, einen hohen Lohn und ein sehr nobles Weihnachtsgeschenk.«

»Welchen Lohn bekommt man dort?«

»Hm! Das kommt auf die Stelle an, welche man bekleidet, ob Dienstmädchen, Hausmädchen, Zimmermädchen, Verkäuferin oder Kellnerin. Was würden Sie vorziehen?«

»Kellnerin möchte ich doch nicht gern wieder werden.«

»Warum?«

»Weil -«

»Nun, weil -? Sprechen Sie immerhin aufrichtig mit mir. Ich meine es aufrichtig mit Ihnen.«

»Weil die Gäste oft so zudringlich sind.«

»Ja freilich, da haben Sie Recht. Eine Stelle bei Damen würde Ihnen also lieber sein?«

»Ganz gewiß. Ich wäre ganz glücklich, wenn ich eine solche erhalten könnte!«

»Wirklich? Ah, das trifft sich wunderbar! Aber Sie wollen leider hier in der Residenz bleiben?«

»O nein. Der Ort, an dem ich mich befinde, ist ganz gleichgiltig, wenn ich nur so viel verdiene, daß ich meinem Vater zuweilen eine Erleichterung bereiten kann.«

»Dann ist es gerade, als ob das Schicksal mich hierher geschickt hätte. Ich weiß nämlich eine gute, sehr gute Stelle.«

»In Rollenburg?«


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»Ja. Bei einer Verwandten von mir. Wissen Sie, sie ist eine Malerin, eine sehr berühmte Künstlerin. Sie hat eine Anzahl junger Damen in Pension, welche auch Malerinnen werden sollen. Für diese Damen braucht sie ein Stubenmädchen. Ein Dienst- und ein Hausmädchen hat sie bereits. Das Stubenmädchen soll die feineren und leichteren Arbeiten besorgen. Der Lohn ist sehr hoch, und daß diese Künstlerinnen feine Trinkgelder geben, das können Sie sich denken!«

Das unerfahrene Mädchen stand von seinem Platze auf. Die Augen leuchteten vor Freude und die Wangen erglühten wie Schnee, auf den der Strahl der Morgenröthe fällt. Der Gast fühlte sich dem Ziele nahe und fragte darum:

»Würde Ihnen diese Stelle recht sein?«

»Wie ist der Lohn?«

»Fünfzehn Gulden monatlich.«

»Fünf - - mein Gott! Fünfzehn Gulden?«

»Ja, ohne die Trinkgelder und Geschenke.«

»O, könnte ich die Stelle bekommen! Welch ein Glück! Wie könnte ich da den Vater unterstützen!«

»Nun, ich will Ihnen sagen, daß meine Verwandte mich gebeten hat, mich hier nach einer passenden Person umzusehen; ich könnte sie gleich mitbringen.«

»Dann bitte, bitte, nehmen Sie keine Andere!«

Sie hielt ihm bittend das kleine Händchen entgegen. Er ergriff und drückte die zarten Finger, und antwortete dann im Tone väterlichen Wohlwollens:

»Nun, Sie sind zwar jung -«

»Ich werde mir alle mögliche Mühe geben,« fiel sie voller Eifer ein.

»Schön! Man verlangt besonders Zweierlei. Erstens soll die Betreffende gutwillig sein.«

»O, was das betrifft, so will ich gern Alles thun, was man von mir verlangt.«

Er biß sich auf die Lippen, um ein Lachen nicht merken zu lassen, und sagte weiter:

»Das erwarte ich natürlich von Ihnen. Zweitens aber soll sie auch hübsch sein!«

Sie erröthete bis in den Nacken hinab.

»Hübsch?« fragte sie. »Warum das?«

»Denken Sie, lauter Malerinnen, Künstlerinnen! Solche Damen können häßliche Gesichter nicht dulden. Und außerdem ist es für eine Herrschaft immerhin empfehlend, wohlgebildete Dienerschaft zu haben.«

Sie befand sich sichtlich in einer ungewohnten Verlegenheit.

»Dann - dann werde ich wohl verzichten müssen!« sagte sie.

»Warum?«


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Dieser Mensch spielte wirklich grausam mit dem reinen, unschuldigen Kinde. Er war ein Mephistopheles.

»Ich denke, daß ich solche Ansprüche nicht befriedige.«

»Sie meinen, daß Sie nicht hübsch genug sind?«

»Ja.«

»Da irren Sie sich! Sie brauchen gar nicht bange zu sein, denn ich bin überzeugt, daß Sie der Dame gefallen werden. Freilich möchte ich, ehe ich Sie engagire, sicher gehen. Sind Ihre Papiere in Ordnung?«

»Ja.«

»Sie können also augenblicklich fort?«

»Ja. Die Madame sagt es.«

»Aber der Herr?«

»Der ist heute verreist.«

»Aber es muß doch eine Kellnerin hier sein!«

»Die Dame nimmt einstweilen ihre Schwester her.«

»Gut! Also, sind Sie mit dem Lohne zufrieden, den ich Ihnen vorhin geboten habe?«

»Vollständig.«

»Und mit fünf Gulden Draufgeld, welche ich Ihnen jetzt gleich auszahle?«

»Herr, das ist doch zu viel!«

»Was ich Ihnen biete, ist allerdings ungewöhnlich viel; aber ich hoffe, daß Sie mir erkenntlich sein werden!«

»Ganz gern!«

»Schön! So werden Sie mir jetzt eine Bitte erfüllen.«

»Ja, wenn ich kann.«

»Sie können. Verschweigen Sie Ihrer jetzigen Herrschaft, wohin Sie gehen!«

»Warum?«

»Ich habe einen Grund, den ich Ihnen erst später sagen kann.«

»Ich will es thun.«

»Ich fahre mit dem Zuge Nachmittags fünf Uhr fort. Wollen Sie da auf dem Bahnhofe sein?«

»Ja.«

»Natürlich mit Ihren Sachen!«

»Ich habe nicht viel, denn ich bin arm. Eine kleine Lade, das ist Alles, was ich mitbringen werde.«

»Sie werden sich in Rollenburg sehr bald gute Wäsche und schöne Kleider anschaffen können.«

»Wie heißt die Dame, zu der ich komme?«

»Fräulein Melitta. Sie ist nämlich unverheirathet.«

»Und darf ich auch Ihren Namen erfahren?«

»Ich heiße Uhland und bin Rentier. Wissen Sie vielleicht, was das ist?«


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»Ja, ein Herr, der von seinen Zinsen lebt.«

»Richtig. Fräulein Melitta ist eben so reich wie ich. Sie werden es dort sehr gut haben! Hier sind die fünf Gulden Draufgeld, welche ich Ihnen versprochen habe!«

»Ich danke!«

Sie nahm das Geld und steckte es ein. Er war dieser Bewegung mit Spannung gefolgt. Jetzt gab er ihr noch einen Gulden, indem er sagte:

»Und das ist für den Wein.«

»Zuviel, Herr Uhland!«

»Schon gut! Sie haben das Draufgeld bekommen; die Sache ist abgemacht; ich rechne ganz bestimmt darauf, daß Sie zur rechten Zeit zum Zuge eintreffen!«

»O, ich werde bereits viel eher auf dem Bahnhofe sein!«

»Schön! Also auf Wiedersehen, liebes Kind!«

»Adieu, Herr Uhland!«

Er gab ihr die Hand und ging. Magda fühlte sich außerordentlich glücklich. Sie eilte sogleich zu ihrer Herrin. Diese war eifersüchtig auf sie und hatte gar nichts gegen ihren sofortigen Abzug.

Der fromme Schuster hatte jedes Wort gehört. Als der Fremde das Local verließ, trank auch er seinen Wein schnell aus, legte die Bezahlung neben das Glas und folgte ihm. Er wurde dabei von Magda gar nicht bemerkt, da diese ja gleich zu ihrer Herrin gegangen war.

Der sogenannte Rentier Uhland spazierte gemächlich durch mehrere Straßen und trat dann in ein feines Café, um sich einen Extragenuß zu gewähren.

»Ich habe ein brillantes Geschäft gemacht,« dachte er, »und kann mir eine Güte thun. Wenn nur diese Kleine auch Wort hält!«

Er hatte sich kaum niedergesetzt, so trat Seidelmann ein und schritt demselben Tische zu.

»Mit Erlaubniß?« fragte er.

Uhland warf einen bezeichnenden Blick auf die nahe stehenden leeren Tische, nickte aber doch.

Beide wurden bedient. Seidelmann legte sich bequem in dem Stuhle zurecht und begann:

»Sie scheinen meine Anwesenheit ungern zu bemerken?«

»Es giebt mehrere Tische hier.«

»Ich habe es aber nur auf diesen abgesehen.«

»Warum? Ist es Ihr Stammtisch?«

»Nein.«

»So begreife ich nicht -!«

»Sie werden sofort begreifen. Ich beabsichtige nämlich, hier an diesem Tische einen Herrn Uhland zu treffen.«

»Uhland?«

»Ja. Rentier.«


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»Ah!«

»Aus Rollenburg.«

»Mein Herr!«

Uhland schien verlegen geworden zu sein. Seidelmann aber fuhr unbeirrt fort:

»Der eine Verwandte besitzt, welche Malerin ist.«

»Uhland heiße ich. Was wollen Sie von mir?«

»Sind Sie wirklich von Rollenburg?«

»Ja.«

»Aber Rentier sind Sie nicht!«

»Wie kommen Sie mir vor? Habe ich Ihnen denn gesagt, daß ich Rentier bin?«

»Nein; aber Anderen machen Sie es weiß!«

»Wem denn?«

»Einer gewissen Magdalene Weber.«

Der Fremde verfärbte sich. Er musterte den Schuster genauer, konnte sich aber unmöglich entschließen, ihn für einen verkleideten Polizisten zu halten; daher fragte er ziemlich barsch:

»Herr, was gehen Ihnen meine Angelegenheiten an?«

»Sehr viel!«

»Lassen Sie mich ungeschoren!«

»Wenn Sie die betreffende Magda ungeschoren lassen!«

»Ich begreife nicht, von welcher Magda Sie sprechen!«

»Von der, welche Sie als Zimmermädchen in das Haus der berühmten Malerin Melitta bringen wollen!«

»Ich weiß von nichts!«

»Pah! Ich habe in dem hinteren Zimmer gesessen und Alles mit angehört.«

»Es war ein Scherz!«

»Unsinn! Aus Spaß giebt man nicht fünf Gulden Draufgeld!«

»Warum nicht? Das Mädchen ist wirklich hübsch.«

Da ließ der Schuster ein heiseres Kichern hören und sagte:

»Ich glaube gar, Sie halten mich für einen Polizisten!«

»Fällt mir gar nicht ein!«

»Warum leugnen Sie da?«

»Läßt man nur Polizisten nicht in seine Angelegenheiten sehen?«

»Sie haben nicht ganz Unrecht. Und meine scheinbare Zudringlichkeit muß Ihnen auffällig erscheinen. Aber ich habe wirklich ganz gute Absichten.«

»Die jedoch mir ganz gleichgiltig sind.«

»Daran zweifle ich. Ich bin gekommen, Ihnen ein sehr gutes Geschäft vorzuschlagen.«

»Was für eins?«

»Genau so eins, wie Sie soeben abgeschlossen haben.«


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»Herr, wie wollen Sie wissen, was für Geschäfte ich mache! Lassen Sie mich in Ruhe.«

»Ihre Geschäfte sind allerdings mit gewissen Gefahren verbunden; darum spricht man nicht gern von ihnen. Aber ich hatte in letzter Zeit einige Male in Rollenburg zu thun und machte mir da das Vergnügen, Fräulein Melitta aufzusuchen -«

»Ah, Sie waren dort?«

»Ja. Warum nicht? Es bedarf da gar keiner Anmeldung oder Einführung. Wer kommt, der ist willkommen.«

»Warum erzählen Sie mir das?«

»Weil Fräulein Melitta Ihren Namen nannte.«

»Was? Sie sprach von mir?«

»Ja, sie sprach von Ihnen, allerdings nicht als von einem Rentier, der von seinen Zinsen lebt, sondern als von ihrem Agenten, dessen Geschmack und Talent sie die allerbesten Aquisitionen zu verdanken hat.«

»Sehr verbunden! Verfängt aber bei mir nicht!«

»Wollen sehen! Heute nun belauschte ich Sie mit der kleinen Magda. Ich hörte Wort für Wort.«

»Hole Sie der Teufel!«

»Er mag noch ein paar Jährchen warten! Ich habe gesehen, daß Sie ein zuverlässiger Geschäftsmann sind, und darüber freue ich mich so sehr, daß ich Ihnen noch einen zweiten Gegenstand zuweisen will.«

»Wer sind Sie?«

»Davon später!«

»Sie wollen sich Geld verdienen?«

»Keinen Kreuzer!«

»Das erregt Mißtrauen!«

»Weil Sie die Verhältnisse nicht kennen.«

»So erklären Sie sich!«

»Hören Sie! Es gab einen Mann, dem eine gewisse Marie Bertram unbequem wurde. Er that sie zu einer Dame, bei welcher sie die Vorschule der Liebenswürdigkeit absolviren sollte. Diese Schule fruchtete jedoch nicht viel, denn als diese Marie eine Anstellung in dem eigentlichen Tempel der Liebe erhielt, spielte sie die Vestalin.«

»Wie dumm!«

»Ganz richtig!«

»Ist sie so geblieben?«

»Das läßt sich weder bejahen noch verneinen. Sie wurde oft in Versuchung geführt, konnte aber dabei nicht beobachtet werden. Jetzt ist sie noch unbequemer geworden als vorher. Man will sie los sein.«

»Wie alt ist sie?«

»Achtzehn.«

»Welche Figur?«


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»Voll, doch nicht zu sehr. Sie ist die Rose, während Ihre heutige Magda die Knospe ist.«

»Ist sie theuer?«

»Keinen Kreuzer.«

»Sapperment!«

»Nicht wahr, Sie wundern sich!«

»Da muß es aber einen Haken haben.«

»Allerdings. Sie ist nämlich ein Wenig tiefsinnig.«

»Das thut nichts. Man bringt sie in lustige Gesellschaft, da hält der Tiefsinn nicht lange an. Wo ist sie zu treffen?«

»In der Ufergasse, bei der ehrwürdigen Madame Groh, Rentière, ganz so, wie Sie Rentier sind.«

»Ich kenne sie, kenne sie! Eine Etage tiefer wohnt Madame Pauli mit ihrer Damenpension?«

»Ja.«

»Wer hat in diesem Falle die Entscheidung?«

»Ich«

»Sind Sie denn mit dem Mädchen verwandt?«

»Nein. Ich bin aber Vormund.«

»Sapperment! Sie wagen viel!«

»Gar nichts. Ich kenne Sie doch nicht. Sie sagen, daß Sie ein ehrlicher Mann sind, und ich vermiethe Ihnen meine Mündel. Was riskire ich dabei?«

»Sehr viel freilich nicht. Also im Ernste, was wäre zu bezahlen, Herr Vormund?«

»Gar nichts, wie ich bereits gesagt habe.«

»Dann wäre ich ja der größte Esel des Erdbodens, wenn ich mir das Mädchen nicht einmal ansehen wollte. Gehen Sie mit?«

»Ja. Doch trinken wir vorher in Gemächlichkeit aus!«

Nach kurzer Zeit machten sie sich nach der Uferstraße auf den Weg! Zwei Treppen hoch in dem betreffenden Hause klingelte Seidelmann. Ein Dienstmädchen öffnete, erkannte den Schuster und ließ die Beiden in den Salon treten. Dort saß Madame Groh am Fenster und las in einem Buche mit Goldschnitt, welches fromme Communionsbetrachtungen enthielt. Sie legte das Buch weg und erhob sich.

»Störe ich Dich etwa, liebe Adelheit?« fragte Seidelmann.

»Du mich? Niemals. Soeben las ich eine geistreiche Anspielung auf die Hussiten mit ihrer Ziskatrommel. Bei Gelegenheit mußt Du die Stelle sehen!«

»Zeichne sie ein. Jetzt aber gestatte, daß ich Dir den Herrn Rentier Uhland aus Rollenburg vorstelle!«

»Sehr angenehm!«

»Sie müssen nämlich wissen, daß ich der Vorsteher der Brüder der


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Seligkeit bin, während Madame die Vorsteherin der Schwestern dieses heiligen Bundes ist.«

»Ah, wirklich? Dann kenne ich Sie bereits. Ihr Name ist Seidelmann? Nicht?«

»Ja.«

»Nun, so ist es gut, daß ich Vertrauen zu Ihnen gefaßt habe, denn ich weiß, daß ich zu keinem Verräter gekommen bin.«

»Welch ein häßliches Wort! Ich bin kein Judas Ischarioth; ich arbeite und pflanze auf dem Acker der Frömmigkeit, und Niemand kann mich einer Untreue zeihen. Freilich geht nicht ein jeder Same auf; es giebt auch taube Körner oder harte, welche nicht erweichen wollen. So ein hartes Korn möchte ich Ihrer Hand anvertrauen, Herr Uhland.«

»Ich hoffe, daß ich es zum Keimen bringe.«

»Welches harte Korn meint Ihr denn, lieber August?« fragte die Vorsteherin der Seligkeit.

»Marie Bertram.«

»Ach ja! Diese gleicht dem felsigen Boden, wo die Vögel kommen und davon wegfressen. Sie hat uns bereits sehr viele und sehr schwere Sorge gemacht.«

»Darum müssen wir sie auch ausroden und in ein anderes Land verpflanzen.«

»Wohin?«

»Nach Rollenburg zu Fräulein Melitta.«

»Ich habe von ihr gehört. Sie ist eine gute Gärtnerin und duldet kein Unkraut unter ihren edlen Rosen. Bei ihr wäre der allerbeste Platz für dieses mißrathene Gewächs.«

»Wo ist die Marie?«

»Unten bei Madame Pauli.«

»Bitte, laß sie rufen!«

Das Dienstmädchen wurde geschickt, und nach kurzer Zeit trat Marie ein. Sie hatte sich noch schöner entwickelt. Das Nichtsthun neben dem reichlichen Essen hatte ihre Formen gefüllt. Sie war jetzt wirklich eine Rose, aber eine Rose, in welcher der Wurm saß. Ihr Auge war verschleiert, ihr Blick starr. Um den zusammengekniffenen Mund lag es wie ein todesmuthiger Trotz.

Sie trug ein Gewand, welches gar nicht Gewand genannt werden konnte, da es von ihrem Körper mehr enthüllte, als verbarg.

»Tritt näher!« gebot die Groh in strengem Tone.

Marie gehorchte. Ihre Bewegung war mehr instinctiv, als eine Folge bewußten Wollens.

»Siehe Dir diesen Herrn an!«

Das Mädchen erhob das Auge und richtete es mit halb irrem Ausdrucke auf Uhland.

»Du sollst eine Anstellung bei ihm haben. Willst Du mit ihm gehen?«

»Ja,« klang die Antwort.


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Aber dieses Wörtchen machte nicht den Eindruck einer selbstbewußten Zustimmung, sondern es klang wie der Laut, welchen ein Automat von sich giebt, wenn man ihn berührt.

»So kannst Du einstweilen wieder gehen!«

Sie drehte sich mechanisch um und ging zur Thür hinaus.

»Nun, wie gefällt sie Ihnen?« fragte der Schuster.

»Eine schöne Statue ohne Leben.«

»So ist es, ganz genau so. Ist nicht Leben hineinzubringen?«

»Vielleicht. War sie stets so?«

»Nein. Sie soll einmal sehr erschrocken sein oder großen Kummer erfahren haben.«

»So ist sie leicht zu heilen. Sie muß Einem begegnen, den sie lieb haben kann, und für so Einen werde ich sorgen.«

»Sie nehmen sie also?«

»Ja, vorausgesetzt, daß ich nichts zu bezahlen habe.«

»Gar nichts. Ich halte mein Wort.«

»Wie aber bekomme ich sie nach dem Bahnhofe?«

Seidelmann sann einige Augenblicke nach und sagte dann:

»Das Klügste ist, ich bringe sie Ihnen, aber nicht nach dem Bahnhofe, sondern nach der nächsten Haltestelle.«

»Warum?«

»Man soll weder mich noch Sie hier mit ihr sehen.«

»Schlau! Aber Sie müssen zur rechten Zeit eintreffen. Ich kann nicht aussteigen und auf Sie warten.«

»Keine Sorge! Ich stelle mich pünktlich ein und löse das Billett. Sehen Sie zum Coupé heraus, damit ich Sie bemerken kann.«

Am Nachmittage fuhr eine Droschke am Bahnhofe vor. Ein junger Mann, welcher eine Brille trug, stieg aus, bezahlte den Kutscher und schritt den Perron entlang dem Wartezimmer zu. Er hatte nichts bei sich als eine kleine Reisetasche, welche sein ganzes Gepäck enthielt.

Er trat in das Wartezimmer zweiter Classe. Es war noch leer. Nur ein junges Mädchen saß da. Neben ihrem Stuhle lag eine kleine Lade. Sie ging sehr einfach gekleidet, so daß man vermuthen konnte, daß sie hatte in das Wartezimmer dritter Classe gehen wollen, aber irre gegangen war.

Der junge Mann setzte sich und ließ sich ein Glas Bier geben. Während des Trinkens fiel sein Blick schärfer auf das Mädchen und kehrte von da immer und immer wieder zu ihr zurück.

Sie war eine aufknospende Schönheit, eine vielversprechende Blüthe, welche noch keine Hand berührt hatte. Aber nicht das allein zog sein Auge an, sondern in ihren weichen, sanften Zügen fand er ein Etwas, was ihm bekannt und vertraut vorkam.

Und, sonderbar, auch sie blickte wiederholt zu ihm herüber, und wenn sich ihre Blicke dabei begegneten, senkte sich ihre Wimper, aber nicht wie zurückgeschreckt, sondern wie von der Freude bewegt.


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Da stand er auf, machte einige rasche, entschlossene Schritte auf sie zu, verbeugte sich leicht und sagte:

»Entschuldigung, mein Fräulein! Haben wir uns nicht bereits einmal gesehen?«

Sie erröthete sehr, hob aber ihr schönes Auge frei zu ihm empor und antwortete:

»Sehr oft, Herr Doctor!«

»Wie! Sie kennen mich?«

»Sie aber werden mich vergessen haben.«

»Wo sahen wir uns denn?«

»In der Heimath, in Langenstadt.«

»Ah, Sie sind auch da oben her? Ich bin allerdings fast fünf Jahre nicht daheim gewesen. Aber hm! Ihr Gesicht spricht mich so freundlich und so traulich an, und doch weiß ich auch nicht, welchen Namen ich Ihnen geben soll.«

»Denken Sie an die Kirschen!«

»An welche Kirschen?«

»An die Kirschen, Stachelbeeren, Birnen und Äpfel, welche Sie heimlich zwischen den Zaun steckten, damit sie Jemand finden könnte.«

Er schien nachzudenken.

»Wer war dieser Jemand?«

»Ein kleines, armes Mädchen, welches niemals einen Pfennig hatte, sich solche Früchte zu kaufen. Sie waren damals noch Gymnasiast; dann gingen Sie auf die Universität, wurden Arzt und machten Reisen. Das kleine Mädchen ist inzwischen auch ein Wenig größer geworden.«

»Webers Magda? Das kleine, rosige Geschöpf? Die meinen Sie doch? Nicht wahr?«

»Ja, Herr Doctor.«

»Und die - ah, sind Sie etwa diese Magda?«

»Ja.«

»Nun, das ist mir eine große, große Freude! Erlauben Sie, daß ich mich zu Ihnen setze! Ja?«

Sie nickte nur; aber ihr ganzes, liebes Gesichtchen strahlte vor Freude über die Ehre, die ihr zu Theil wurde. Er holte sein Glas, nahm ihr gegenüber Platz, ließ sein Auge voll und warm auf ihr ruhen und sagte:

»Ja, ja, das ist das Gesichtchen, und das sind auch die Augen, die es dem Jungen angethan hatten. Aber sagen Sie einmal, damals fürchteten Sie sich so sehr vor mir?«

»Fürchten? O nein, niemals,« lächelte sie.

»Aber, so oft ich Sie auch rief und lockte, Sie kamen doch nie zu mir heran.«

»O, doch nicht aus Furcht.«

»Weshalb sonst?«

»Ihre Eltern waren so reich und die meinigen so arm.«


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»Was thut das?«

»Sehr viel! Ihr Garten kam mir vor wie der Himmel. Ich hegte eine unendliche Ehrfurcht vor Allem, was sich jenseits des Zaunes befand.«

»Ach so! Also nicht Furcht, sondern Ehrfurcht?« lachte er.

»Ja. Und sodann war ich ein ganz kleines, dummes Ding, lief barfuß und aß Grützebrei; Sie aber trugen eine grüne Mütze, waren als ein Ausbund von Gelehrsamkeit bekannt und ritten spazieren. Da durfte man doch nur ganz scheu und verlegen durch den Zaun lauschen.«

»Aber ich baute an diesem Zaune ein Nest und legte manchmal Kirschen hinein -«

»Dann kam der scheue Vogel und - husch, fort waren sie!«

»Ja. Und so war es auch mit den Beeren, Birnen, Äpfeln und Nüssen. Ich habe im Stillen meine helle Freude an Ihnen gehabt, das können Sie mir glauben.«

»Und ich war gewaltig stolz auf die Notiz, welche Sie von mir nahmen.«

»Leider dauerte das nicht lange. Ich ging zur Schule, und später starben die Eltern schnell hintereinander weg. Ich kam nur auf Augenblicke zur Heimath, und dann blieb ich ganz weg. Und Sie?«

»Mir starb die Mutter. Der Vater kam um die Hand -«

»O weh! Wie denn?«

»Die Kreissäge verstümmelte sie ihm. Nun war es natürlich aus mit dem Holzschnitzen. Er fing einen kleinen Obsthandel an.«

»Der ihn aber nur kümmerlich ernährt?«

»Ich habe noch drei Schwestern,« antwortete sie, indem sie den Blick zu Boden senkte.

»Von denen Sie die Älteste sind. Und dennoch - ich vermuthe, Sie haben Langenstadt verlassen, um einen Dienst zu suchen?«

»Ich diente bereits.«

»Wo?«

»In der Residenz.«

»Als was?«

»Als Kellnerin in einer Weinstube.«

Seine Brauen zogen sich finster zusammen. Was ging ihm dieses fremde, arme, ungebildete Dienstmädchen an? Und doch hatte er das Gefühl, als sei irgend eine Saite seines Innern mißtönend angeschlagen worden.

»Dort sind Sie noch jetzt?« fragte er.

»Nein.«

»Wo denn?«

»Ich fahre heute nach Rollenburg, wo ich einen neuen Dienst erhalten habe.«

Sofort erheiterte sich sein Gesicht wieder.

»Nach Rollenburg? Dahin will ich auch.«

»Wohnen Sie dort, Herr Doctor?«


// 976 //

»Noch nicht; aber ich habe einen Ruf dorthin erhalten, als Assistent einer Privatirrenanstalt.«

»Brrr!« schüttelte sie sich.

»Das klingt nun freilich nicht sehr angenehm; aber zu fürchten brauchen Sie sich dennoch nicht vor mir. Ich selbst bin bei vollen Sinnen. Was für eine Stellung haben Sie da gefunden?«

»Bei einer Dame, einer Malerin, welche junge Malerinnen in Pension hat.«

»Wie heißt sie?«

»Fräulein Melitta.«

»Dieser Name ist mir unbekannt. Sonst bin ich auf diesem Felde sehr orientirt. Jedenfalls aber werden wir zusammen in einem Coupé sitzen.«

»Das wird wohl unmöglich sein, Herr Doctor.«

»Warum?«

»Sie fahren jedenfalls in einer anderen Classe als ich.«

»Nein. Sie fahren in der meinigen. Haben Sie bereits ein Billett gelöst?«

»Noch nicht.«

»So bitte ich um die Erlaubniß, es lösen zu dürfen.«

»Auch das ist nicht möglich. Ich reise nämlich mit einem Herrn, welcher -«

»Mit einem Herrn?« fiel er schnell ein.

»Ja.«

»Wie kommen Sie zu einer solchen Begleitung?«

Sie schien gar nicht zu ahnen, welcher Vorwurf eigentlich in seiner Frage lag. Sie blickte ihm frank und frei in das Auge und antwortete:

»Ich kann nicht anders. Er ist ein Verwandter meiner neuen Herrin und hat mich gemiethet.«

»Ach so! Ist er jung?«

»Nein, alt.«

»Dann ist es allerdings - dort blickt Einer zur Thür herein. Er scheint Jemand zu suchen.«

»Das ist er. Er winkt. Ich muß hin.«

Sie griff nach ihrer kleinen Lade. Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte:

»Unter diesen Verhältnissen darf ich Sie allerdings nicht zurückhalten. Hoffentlich sehen wir uns in Rollenburg wieder. Oder wünschen Sie das nicht?«

Sie rang mit einer Antwort; dann klang es leise:

»Ich würde mich sehr freuen. Adieu, Herr Doctor!«

»Adieu, Magda!«

Sein Auge folgte ihr, bis sie hinter der Thür zum Wartezimmer dritter Classe verschwunden war. Dort stand Uhland und empfing sie mit finsteren Blicken.


// 977 //

»Was thaten Sie da drin?«

Sie sah ihn erstaunt an.

»Warum fragen Sie?«

»Weil Sie doch hier in diesen Saal gehören.«

»Ich achtete nicht darauf und habe mich verlaufen. Auch konnte ich doch nicht wissen, in welcher Classe Sie fahren.«

»Natürlich in dritter!«

Dieser Ton verdroß sie. Darum antwortete sie:

»Reiche Rentiers pflegen sonst aber nicht in dritter Classe zu fahren.«

Ah, diese kleine Fliege kann auch stechen! So dachte Uhland. Aber er ließ seinen Ärger nicht merken; die Fliege hätte sonst noch im letzten Augenblick auf den Gedanken kommen können, ihm zu entweichen.

»Ich würde zweiter Classe fahren; aber wir bekommen noch Gesellschaft. Wer war der Herr, mit welchem Sie da draußen sprachen?«

»Er ist aus meiner Heimath.«

»Was ist er?«

»Arzt.«

»Wo?«

»Er kommt nach Rollenburg.«

Sein ehrwürdiges Gesicht wurde von einem hämischen Lächeln entstellt, als er beifügte:

»Nun, so werden Sie ihn wohl wiedertreffen. Jetzt will ich für die Billetts sorgen.«

Eben, als er diese Letzteren brachte, läutete es zum ersten Male. Sie betraten den Perron, um sich in das Coupé zu verfügen. Draußen stand der junge Arzt. Er beobachtete die Beiden, bis sie eingestiegen waren. Dann schritt er, wie unter dem Einflusse eines plötzlichen Gedankens, auf das Coupé zu und zog den Hut.

»Verzeihung, mein Herr!« sagte er. »Mein Name ist Doctor Zander!«

»Schön!« antwortete Uhland, ohne seinen Namen zu nennen, wie es die Höflichkeit erfordert hätte.

»Sie fahren mit dieser Dame nach Rollenburg?«

»Ja.«

»Es ist dritter Classe kalt. Erlauben Sie, daß ich ihr hier meinen Pelz zur Verfügung stelle.«

»Das ist nicht nöthig. Es ist hier warm genug.«

»Die Dame trägt keinen Winteranzug!«

»Das geht Sie nichts an!«

Da trat der Arzt einen Schritt näher an das Coupé heran, blickte dem Anderen erstaunt in das Gesicht und antwortete:

»Herr, was fällt Ihnen ein! Ihr Betragen ist geradezu ein flegelhaftes! Ich stelle mich Ihnen vor, und Sie verschweigen mir Ihren Namen -«

»Ich mache mich nicht mit Jedermann bekannt!«


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»Auch gut! Ist mir übrigens ganz gleichgiltig. Sie geben sich ganz so, als ob Sie dieser Dame zu befehlen hätten -«

»Das ist auch der Fall!«

»Ich bestreite es!«

»Ich habe sie gemiethet!«

»Aber nicht für sich, sondern für eine andere Person. Uebrigens hat diese Miethsangelegenheit nicht das geringste mit der Reise zu schaffen. Die Dame kann nach Rollenburg fahren, wie und mit wem es ihr beliebt. Ich kenne sie, ich will sie nicht frieren lassen, und wenn Sie den Pelz nicht im Coupé dulden wollen, so nehme ich einfach Fräulein Weber zu mir in das meinige!«

Er zog den Pelz aus, trat auf den Tritt und reichte ihr das warme Kleidungsstück.

»Hier, Magda, hüllen Sie sich hinein!«

Sie erröthete und erbleichte, aber sie wies den Pelz nicht zurück. Der Doctor war gegangen, der sogenannte Rentier schwieg, um seine Beute nicht scheu zu machen. Sie aber lehnte in der Ecke und schloß die Augen. Magda hatte er sie genannt, bei ihrem Vornamen. Eine unendliche Seligkeit durchzitterte sie. Es war ihr noch nie im Leben so gewesen wie in diesem Augenblicke. Sie hätte für ihn sofort sterben mögen, zehnfach, tausendfach!

Als Doctor Zander sein Coupé erreichte, fand er einen Herrn, welcher in demselben saß. Er grüßte höflich. Der Andere dankte kaum. Deshalb nahm Zander nun auch von ihm keine Notiz. Er zog ein Zeitungsblatt hervor und begann zu lesen. Aber bereits auf der ersten Station wurde seine Aufmerksamkeit von der Lectüre abgelenkt.

Neben einem abgelebten, hagern Herrn, der sich fast wie ein Geistlicher trug, stand ein hübsches, junges Mädchen in einer Kleidung, welche gar nicht geeignet war, die jetzige Kälte von dem Körper abzuhalten. Aber nicht dies, sondern ein eigenthümlicher Ausdruck ihres Gesichtes war es, welcher das Auge des Arztes fesselte, nämlich der Ausdruck geistiger Stumpfheit oder gar Leere.

Doctor Zander bemerkte gar nicht, daß auch sein Mitreisender mit gespanntem Auge an den beiden Personen hing, zugleich aber ihn selbst scharf beobachtete. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Zander glaubte, die Beiden seien eingestiegen. Der Andere warf einen Blick hinaus und sah den frommen Schuster auf dem Perron stehen. Mit einem befriedigenden Lächeln zog er den Kopf zurück und wendete sich nach einer kurzen Pause des Schweigens an den Doctor:

»Entschuldigung, mein Herr!« sagte er. »Ich sah Ihr Auge an diesem Mädchen hängen. War Ihnen vielleicht die Person desselben bekannt?«

»Nein,« antwortete Zander kurz.

»So war es wohl psychologisches Interesse?«

»Allerdings.«

»Ich sah es Ihrem inquirirenden Blicke an: Sie sind jedenfalls Arzt?«

»Doctor Zander!«


// 979 //

»Baron von Helfenstein!«

Die beiden verbeugten sich vor einander. Dabei ließ sich auf dem Gesichte des Arztes eine kleine Ueberraschung erkennen. Er fragte in höflicherem Tone als vorher:

»Dieser Name ist mir bekannt. Sie fahren vielleicht nach Rollenburg zu Herrn Doctor Mars?«

»Ja. Sie kennen ihn?«

»Ich trete als Assistent bei ihm ein. Bei einem kürzlichen Besuche machte ich mit ihm die Runde durch seine Privatirrenanstalt und bekam dabei auch die Frau Baronin zu sehen. Ich bedaure dieses Unglück sehr, Herr Baron!«

Franz von Helfenstein verbeugte sich und fragte dann:

»Was halten Sie von ihrem Zustande, Herr Doctor?«

»Ich kann diese Frage unmöglich schon beantworten. Es gehört ein tiefes Wissen und langzeitige Beobachtung dazu, den Zustand eines solchen Patienten zu beurtheilen. Auf dieses Beides aber kann ich in diesem Falle keinen Anspruch erheben. Vielleicht darf ich später einmal zu Diensten stehen!«

»Ich hoffe und wünsche es sehr!«

Hiermit brach das Gespräch wieder ab. Zander fühlte keine Sympathie für die Physiognomie und das Wesen des Barons, und dieser hielt es nicht für gerathen, sich jetzt mit einem untergeordneten Arzte der Anstalt, in welcher sich seine Frau befand, auszusprechen. Uebrigens wollte ihm dieser junge Mediziner, der nicht einmal einen Pelz oder Ueberrock bei sich hatte, gar nicht imponiren.

Als der Zug in Rollenburg hielt, verabschiedete er sich mit einer kurzen Verbeugung und suchte eine Säule des Perrons auf, hinter welche er sich stellte. Er sah zu seinem Erstaunen, daß Marie Bertram mit einem ihm unbekannten Manne und einem bildhübschen Mädchen ausstieg, welchem Letzteren Doctor Zander einen Pelz abnahm, um sich nach einem fast freundschaftlichen Gruße zu entfernen.

Der Baron ließ den Fremden mit den beiden Mädchen an sich vorüber gehen, ohne selbst bemerkt zu werden, und folgte ihnen vorsichtig. Sie stiegen in eine Droschke, und er nahm eine zweite. Dem Kutscher gab er den Befehl, der ersten zu folgen. Diese hielt vor einem Hause, dessen sämmtliche Fenster mit Tüllgardinen verhüllt waren. Die Drei stiegen aus und traten ein.

»Wer wohnt in diesem Hause?« fragte er den Kutscher.

Dieser zog ein höchst zweideutiges Gesicht und fragte:

»Wissen Sie das nicht?«

»Nein, sonst würde ich nicht fragen. Ich bin hier fremd.«

»Dieses Haus ist berühmt oder vielmehr berüchtigt. Verstehen Sie mich, Herr?«

»Ja. Fahren Sie mich jetzt nach der Heilanstalt des Herrn Doctor Mars!«


// 980 //

Dort war Zander bereits abgestiegen und von dem Director empfangen worden. Später kam der Baron zu ihnen und wurde gebeten, noch zu warten, da die Patientin jetzt eben nicht zu besuchen sei.

Beide, Zander und der Baron, wurden zur Tafel gezogen. Während derselben kam die Unterhaltung auf die Verhältnisse der Stadt. Dies gab Zander Veranlassung zu der Frage:

»Haben Sie auch Maler hier, Herr Director?«

»Einen einzigen.«

»Und Malerinnen?«

»Ich kenne keine.«

»Es wurde zu mir von einer Malerin gesprochen, welche andere junge Malerinnen als Schülerinnen in Pension bei sich hat.«

»Wie ist ihr Name?«

»Sie heißt - ah, wie schade! Den Namen habe ich vergessen. Es war ein italienischer oder spanischer.«

»Vielleicht fällt er Ihnen ein. Ich wohne bereits über zwanzig Jahre hier und kann wohl behaupten, daß ich jedes Kind kenne. Aber eine Malerin mit Pensionärinnen ist mir vollständig unbekannt. Ich vermuthe also, daß Sie falsch berichtet worden sind.«

Mit diesem Bescheide mußte sich der junge Assistenzarzt zufrieden geben, obgleich es ihm verwunderlich vorkam, daß eine Malerin, welche eine Pensionsschule leitete, hier in der verhältnißmäßig nicht großen Stadt von dem Director, welcher behauptete, Alles zu kennen, doch nicht gekannt wurde.

Nach der Tafel führte dieser Letztere den Baron zu der Patientin. Diese lag auf dem Ruhebette ihrer Zelle wie eine Leiche. Ihr Puls ging äußerst schwach, und ihr Athem war kaum zu bemerken. Die Farbe des Gesichtes war vollständig gewichen. Die Haut war blutleer und fast wie Glas anzusehen. Sie regte sich nicht und zuckte nicht einmal mit der Wimper ihres geschlossenen Auges.

»Sie schläft,« sagte der Baron.

»O nein, das ist nicht Schlaf,« antwortete der Arzt. »Ihre Frau Gemahlin ist eine Kranke, wie ich sie noch nicht gehabt habe.«

»Geben Sie Hoffnung?«

Der Director zuckte die Achsel und antwortete:

»Ich will offen mit Ihnen sein: Ich kann selbst aus dem Zustande dieser Patientin nicht klug werden. Alles Leben, das körperliche sowohl wie auch das geistige, hat sich nach innen zurückgezogen. Es ist ein Zustand so tiefer Apathie, daß man wirklich nichts Anderes thun kann, als geduldig zu warten, bis freiwillig eine Änderung eintritt.«

»Dann sollten Sie doch einmal andere Ärzte zuziehen!«

»Das habe ich längst und wiederholt gethan.«

»Was meinten die Herren?«

»Ganz dasselbe, was ich Ihnen sagte.«

»Also geduldig warten?«


// 981 //

»Ja.«

»Und was hatten Sie für eine Ansicht über die Ursache dieser unerklärlichen Krankheit?«

»Sie waren darin einig, daß eine tiefgreifende Störung in sämmtlichen Nervencentren eingetreten sei.«

»Und das ist auch Ihre Meinung?«

Der Director trat, bevor er antwortete, zu der Kranken, ergriff ihre Hand, um den Puls zu fühlen, ließ eine Zeit lang seinen stechenden Blick auf ihrem Gesichte ruhen und wendete sich dann wieder zu dem Baron:

»Soll ich offen mit Ihnen sprechen?«

»Natürlich!«

Doctor Mars hatte ein eigenthümliches Gesicht. Alles an demselben war scharf und spitz. Scharfsinn und Spitzfindigkeit lagen in diesen Zügen ausgedrückt. Geistige Selbständigkeit, vielleicht sogar Rücksichtslosigkeit waren ihm sicher eigen, und der volle Mund und das dicke Kinn ließen auf eine starke Ausbildung physischer Regungen schließen. Dieser Mann verstand zu rechnen; Edelmuth besaß er sicherlich nicht, sondern man durfte ihm im Gegentheile eine Selbstsucht zuschreiben, welche fähig war, zu ihrer Befriedigung selbst Das zu ergreifen, was von der Stimme des Gewissens zu verurtheilen war.

»Ich bitte, mir einige Fragen zu beantworten,« sagte er.

»Fragen Sie!«

»Stammt Ihre Frau Gemahlin aus einer Familie, in welcher eine ähnliche Krankheit bereits vorgekommen ist?«

»Das weiß ich nicht.«

»Ich darf doch annehmen, daß Sie diese Familie kennen?«

Bei dieser Frage spielte um seine Lippen ein Lächeln, welches dem Baron sagte, daß er Das, wonach er fragte, bereits sehr genau wisse und kenne.

»Natürlich ist sie mir nicht unbekannt,« antwortete der Baron.

»Es giebt adelige Familien, in denen gewisse Leiden fest eingewurzelt sind, meist infolge von Verheirathungen unter Verwandten. Ist das vielleicht auch bei der Familie Ihrer Frau Gemahlin der Fall?«

»Nein. Die Glieder derselben sollen stets sehr robuste und gesunde Leute gewesen sein.«

»Aber adelig waren sie?«

»Warum diese Frage?«

»Der Arzt, welcher Heilung bringen soll, muß eine möglichst genaue Kenntniß alles Dessen haben, was mit der Krankheit in Beziehung steht.«

»Kann denn der Umstand, ob eine Kranke adelig ist oder nicht, auch solchen Einfluß haben?«

»Jawohl.«

»Nun, meine Frau entstammt einer bürgerlichen Familie.«

»So habe ich also recht gehört.«

»Ah! Hat man davon gesprochen?«

»Gewiß. Ihr Name war Ella Werthmann?«


// 982 //

»Ja.«

»Sie hatte nur einen einzigen Verwandten, einen Bruder?«

»Ja.«

»Dieser verunglückte vor Jahren im Walde?«

»Ich kann das nicht in Abrede stellen.«

»Nun, sind Sie überzeugt, daß die Frau Baronin wirklich keine weiteren Verwandten gehabt hat?«

»Ich weiß das sehr genau.«

»Dann hat man eine Fabel erzählt.«

»Eine Fabel? Was hat man erzählt?«

»Nun, es soll ein Oheim der gnädigen Baronin vor langer Zeit nach Amerika gegangen sein. Er ist, wie man sagt, zurückgekehrt.«

»Möglich. Aber was geht das mich an!«

»Ein wenig doch, Herr Baron.«

»Wieso?«

»Dieser Oheim oder dessen Kinder hätten sehr wohlbegründete Erbansprüche auf das Landgut, welches Ihre Frau Gemahlin von ihrem Bruder geerbt hat.«

»Pah! Sie sollen nur kommen!«

»Die Gesetze dieses Landes wären doch auf ihrer Seite.«

»Von wem haben Sie von diesen Leuten erfahren?«

»Ich besuchte kürzlich während meiner Anwesenheit in der Residenz ein Kaffeehaus und hörte dem Gespräche zu, welches von mir unbekannten Herren über dieses Thema geführt wurde.«

»Haben Sie nicht nach den Namen gefragt?«

»Nein. Die Sache ging mich ja gar nichts an.«

»Warum aber erwähnen Sie das jetzt, wo von der Krankheit meiner Frau die Rede ist?«

Es wollte sich ein überlegenes Lächeln auf die Lippen des Arztes drängen; er unterdrückte es jedoch und antwortete:

»Das geschah nur so nebenbei.«

»Gut, bleiben wir also lieber bei der Sache! Ich fragte Sie, ob Sie auch der Meinung Ihrer Herren Collegen sind.«

»Und ich bat, aufrichtig sein zu dürfen.«

Er trat einen Schritt zurück, bohrte sein stechendes Auge scharf in das Gesicht des Barons und fuhr fort:

»Ihre Frau Gemahlin ist nicht krank!«

Der Baron erschrak sichtlich.

»Nicht krank?« fragte er, da er nichts Anderes zu sagen wußte.

»Nein.«

»Aber sie liegt ja hier, bewegungslos und ohne Bewußtsein? Jeder Laie muß bemerken, daß sie krank ist, sogar sehr schwer krank; wie viel mehr Sie als Fachmann!«

»Eben weil ich Fachmann bin, urtheile ich ganz anders als der Laie. Ist im Winter die Natur krank?«


// 983 //

»Wozu diese Frage?«

»Um Ihnen ein treffendes Gleichniß zu bieten. Ich wiederhole, daß Ihre Gemahlin nicht krank ist.«

»Das begreife ich nicht.«

»Aber ich.«

»Was ist sie dann?«

»Sie ist gelähmt.«

»Und das nennen Sie nicht krank?«

»Nein. Der Mensch, welcher eine Flasche voll Schnaps getrunken hat, ist betrunken. Eine eigentliche Krankheit aber kann ich seinen Zustand nicht nennen, denn der Rausch wird vergehen, sobald die Wirkung des Alkoholes vorüber ist. Der Zustand ist ein künstlich hervorgebrachter.«

»Wie kommen Sie zu diesem Vergleich?«

»Er ist eine sehr treffende Analogie. Ihre Gemahlin ist nicht eigentlich krank, sondern ihr Zustand ist auf künstliche Weise hervorgebracht worden.«

»Sie sehen mich starr vor Erstaunen!«

»Ich sehe allerdings, daß Sie frappirt sind.«

»Wie könnte eine solche Erstarrung hervorgebracht werden?«

»Durch irgendwelche Medicamente?«

»Das wäre ja ein Verbrechen!«

»Allerdings, Herr Baron!«

»Wer könnte so Etwas thun?«

»Doch nur Einer, der ein Interesse daran hat.«

»Alle Teufel!«

»Ja, wir stehen hier vor einer schlimmen Angelegenheit. Ihre Gemahlin ist nur in Beziehung auf die Bewegungsnerven gelähmt, und zwar in Beziehung auf die willkürlichen Bewegungsnerven; die unwillkürlichen sind noch in Thätigkeit, wenn auch in sehr verminderter, wie wir aus Puls und Athmung leicht ersehen.«

»Sie meinen, daß die Empfindungsnerven -«

»Vollständig intact sind?« fiel der Arzt ein. »Allerdings!«

»Also sie empfindet?«

»Ja.«

»Sie fühlt; sie hört; sie sieht?«

»Ja, sie fühlt es, wenn ich sie berühre; sie fühlt jeden, auch den leisesten Luftzug.«

»Und sie hört, was wir sprechen?«

»Jeden Laut. Und sie würde ebenso Alles sehen, wenn ihre Augenlider nicht geschlossen wären.«

»Sie sind überzeugt, sich nicht zu täuschen?«

»Von einer Täuschung kann keine Rede sein.«

»Schrecklich!«

Der Arzt machte ein Gesicht, als ob er sagen wolle: Verstelle Dich, soviel Du willst, ich weiß doch sehr genau, woran ich bin! Doch sagte er:


// 984 //

»Es ist allerdings schrecklich, bei lebendigem Leibe todt zu sein. Es liegt hier eine strafbare Handlung vor, und in Folge dessen ist es eigentlich meine Pflicht, Anzeige zu erstatten.«

»Donnerwetter!«

»Ja, der Fall darf nicht nur ärztlich behandelt, sondern er muß auch criminell untersucht werden.«

»Ich glaube, Sie gehen zu weit!«

»O nein. Ich halte vielmehr dafür, daß ich es besonders auch Ihnen schuldig bin, mich an den Staatsanwalt, respective an den Strafrichter zu wenden.«

Es trat eine Pause ein. Der Baron befand sich in größter Verlegenheit; er bemerkte sehr wohl, mit welchem Ausdrucke das Auge des Arztes auf ihm ruhte. Endlich sagte er:

»Ich kann unmöglich glauben, daß Sie das Richtige treffen. Ich bin überzeugt, daß Sie sich irren!«

»Und ich kann beschwören, daß man Ihrer Frau irgendein Mittel beigebracht hat. Wer über dreißig Jahre lang den Wahnsinn von seinen einfachsten bis zu seinen erschreckendsten Formen beobachtet und behandelt hat, der weiß, was er zu sagen oder auch zu denken hat.«

»Und Sie sind wirklich gewillt, Anzeige zu erstatten?«

»Ja. Es ist meine Pflicht.«

»Aber, bedenken Sie - meine Stellung, das Aufsehen, welches diese Angelegenheit hervorrufen muß!«

»Davon wird ja nur der Schuldige berührt.«

»O nein! Ich vielleicht noch mehr. Als ich mich verheirathete, erweckte meine Verbindung mit einer Bürgerlichen in den ebenbürtigen Kreisen allgemeine Entrüstung. Die Zeit verging und man begann, zu vergessen. Jetzt würde der Staub von Neuem aufgewirbelt.«

Doctor Mars zuckte die Achseln.

»Meine Pflicht!« sagte er.

»Ich ersuche Sie, sich wenigstens nicht zu übereilen.«

»Ich habe bereits länger gewartet, als ich verantworten kann. Und jetzt tritt ein Umstand hinzu, welcher mich veranlaßt, nicht länger zu zögern.«

»Welcher Umstand?«

»Die Ankunft meines Assistenten.«

»Dieses Doctor Zander?«

»Ja.«

»Sollte dieser Sie in Ihren Entschlüssen und Handlungen beeinflussen können?«

»Ganz gewiß. Zander ist zwar noch sehr jung, aber es geht ihm ein bedeutender Ruf voraus. Er hat sich an mehreren Irrenanstalten treffliche Kenntnisse erworben und ist ganz der Mann, sich nicht zu täuschen.«

»Er hat meine Frau bereits gesehen?«

»Einmal, als ich ihn herumführte.«


Ende der einundvierzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk