Lieferung 43

Karl May

20. Juni 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1009 //

»O weh!«

»He da! Sehe ich aus wie ein Dummkopf?«

»Nein.«

»Hätte ich das Geld in meine Lade versteckt, wenn ich wirklich der Dieb gewesen wäre?«

»Wohl schwerlich.«

»Ich hätte es vergraben oder sonst wo in Sicherheit gebracht. Das stellte ich dem Richter vor; aber mein Nebengeselle beschwor, daß er mich aus des Meisters Oberstube habe kommen sehen mit Etwas in der Schürze, was wie Geld geklungen hat. Die Folge waren die zwei Jahre Zuchthaus. Jetzt glauben Sie es mir oder nicht! Im Zuchthause haben sie es freilich nicht geglaubt, und so bin ich als ein Unverbesserlicher entlassen worden.«

»Wohl gar unter Polizeiaufsicht?«

»Ja; drei Jahre lang. Ich habe mich sofort nach meiner Ankunft bei der Polizei zu melden. Ich muß sogar gewärtig sein, daß sie bereits benachrichtigt ist, mit welchem Zuge ich komme.«

»Damit wird dem Besserdenkenden, Dem, der sich brav halten will, nur das Fortkommen erschwert oder geradezu zur Unmöglichkeit gemacht.«

»Das ist sicher. Also, glauben Sie nun, daß ich unschuldig bin, Herr?«

»Ja,« antwortete Petermann, ihm die Hand reichend.

Heilmanns Augen glänzten feucht.

»Ich danke Ihnen,« sagte er. »Das thut dem Herzen wohl. Ich habe in diesen zwei Jahren gut aufgepaßt. Der Mensch, welcher den entlassenen Sträfling, welcher seine Schuld abgebüßt hat, noch weiter mit offenem Mißtrauen und mit Verachtung straft, begeht ein großes Unrecht und beweist nebenbei, daß er die Verhältnisse gar nicht kennt. Wie Viele laufen frei herum, denen ein Stammplatz im Gefängnisse gehörte. Die Bevölkerung der Strafanstalten ist auch nicht anders zusammengesetzt als die freie Menschheit. Es giebt hier wie dort gute und schlechte.«

»Ich weiß das, ich weiß das sehr genau. Ich habe vier Jahre lang die Anstaltsacten in der Hand gehabt und darf wohl behaupten, daß - die Zuchthaushabitues natürlich abgerechnet - es in den Gefängnissen keine kleinere Procentzahl guter Menschen giebt als in der Freiheit. Ich glaube Ihnen, daß Sie unschuldig sind, weil - lachen Sie nun nicht über mich! weil ich selbst auch unschuldig bin.«

»Was? Auch Sie?«

»Ja. Ich habe das gar nicht gethan, wegen dessen man mich bestrafte!«

»Also auch ein Anderer, gerade wie bei mir, der Sie in das Verderben stürzen wollte?«

»Nein. Nicht so. Er handelte unüberlegt. Er war der Sohn meines Vorgesetzten. Meine Vorfahren hatten seinen Ahnen treu gedient; ich nahm Das was er that, auf mich.«

»Herrgott! Und er duldete das?«


// 1010 //

»Er war zu entschuldigen. Er hatte mehr zu verlieren, als ich. Doch, genug hiervon! Sind Sie in der Residenz bekannt?«

»Ich bin da geboren.«

»Ich muß gleich einen Herrn besuchen, den ich noch nicht kenne. Vielleicht haben Sie seinen Namen gehört. Er heißt Seidelmann.«

»Seidelmann? Doch nicht etwa der fromme Schuster?«

»Ob er Schuhmacher ist, das weiß ich nicht. Ich kenne nur den Namen und weiß, daß er sehr gottesfürchtig sein soll.«

»Dann ist's kein Anderer als der Schuster.«

»Sie kennen ihn also?«

»Oh, sehr genau! Ich habe in einem Hause gearbeitet, in welchem er fast täglich verkehrte.«

»Was für ein Mann ist er?«

»Ein schlimmer Kerl, ein Wolf in Schafskleidern, eine Hyäne, welche sich für ein Lamm ausgiebt.«

»Gott, wenn das wahr wäre!«

»Es ist wahr. Unsere Werkstelle lag in einem Parterre der Uferstraße. Ueber uns gab es ein Etablissement mit feilen Mädchen, und noch eine Treppe höher wohnte eine Madame Groh, welche mit Dirnen handelt, sich aber außerdem eines sehr ehrbaren Wandels befleißigt. Bei ihr verkehrt Seidelmann. Wir wußten ganz genau, daß er dieser Madame Groh unschuldige Mädchen zuführt, um die es dann geschehen ist.«

»Herrgott! Meine Tochter dient bei ihm!«

»O weh! Nehmen Sie Ihr Kind sofort weg von ihm!«

»Sogleich, sogleich! Wenn doch nur der Zug käme! Ah, da giebts das erste Zeichen! Lösen wir die Fahrbilletts!«

Es war über Petermann eine unbeschreibliche Unruhe, ja, geradezu eine Angst gekommen. Er sprang in den Waggon, als könne er dadurch die Schnelligkeit des Zuges vergrößern, und zeigte sich auch unterwegs so zerstreut, daß es Heilmann nicht mehr gelang, ein dauerndes Gespräch mit ihm anzuknüpfen.

Als der Zug auf dem Bahnhofe der Residenz ankam, standen zwei Männer in Civil auf dem Perron und beobachteten die aussteigenden Passagiere.

»Das muß er sein,« sagte der Eine und arbeitete sich durch das Gedränge auf die beiden entlassenen Gefangenen zu.

»Entschuldigung, mein Herr!« sagte er zu Heilmann. »Darf ich fragen, von welcher Station Sie kommen?«

»Warum?«

»Dies meine Legitimation.«

Er griff in die Tasche und zeigte die Polizeimedaille vor. Heilmann nickte traurig mit dem Kopfe und antwortete auf die Frage:

»Aus Rollenburg.«

»Sie heißen Heilmann?«

»Ja.«


// 1011 //

»Sie sind heute entlassen worden?«

»Ja.«

»Ich muß Sie aufmerksam machen, daß Sie sich sofort anzumelden haben, widrigenfalls man Sie sistiren wird.«

»Wollen Sie da nicht vorziehen, mich gleich mitzunehmen?«

»Nein. Sie haben eine Formalität zu erfüllen. Thun Sie das gleich, so ist's zu Ihrem Besten. Adieu!«

Er ging.

»Sagte ich es Ihnen nicht?« fragte Heilmann seinen bisherigen Reisegefährten.

»Es läßt sich leider nichts dagegen thun.«

»Nein. Uebrigens erfüllen diese Leute einfach ihre Pflicht. Ich bin nicht unverständig genug, ihnen bös zu sein. Aber wie soll das werden, wenn die Polizei drei Jahre lang zu meinen Meistern kommt, um die Aufsicht auszuführen! Nimmt mich ja Einer in Arbeit, so schickt er mich doch gleich wieder fort.«

»Sprechen Sie mit dem Polizeidirector ein aufrichtiges Wort. Er wird Sie wenigstens ruhig anhören. Es liegt ja nicht in seinem Interesse, seine Leute um Ihretwillen unnöthiger Weise abzuhetzen.«

»Will's versuchen. Also gleich nach dem Polizeigebäude! Jetzt nun wollen wir scheiden. Sie haben ein Vertrauenszeugniß, und meine Gegenwart kann Ihnen nur Schaden bringen. Ich wünsche Ihnen alles Glück, mein lieber Herr! Kennen wir uns nicht mehr, wenn wir uns treffen. Aber einander Gutes gönnen, das können wir doch.«

»Auch ich wünsche Ihnen mit aufrichtigem Herzen, daß Ihr Weg nicht so steinigt bleibe, wie er begonnen hat. Werfen Sie alles Leid hinter sich, und gehen Sie der Zukunft getrost und zuversichtlich entgegen.«

Sie trennten sich mit einem Handschlage. Petermann suchte zunächst die Wohnung Seidelmann's auf. Er kannte die Nummer aus den Briefen, welche er von seiner Tochter empfangen hatte.

Es wurde ihm nach längerem Klingeln von einem Frauenzimmer geöffnet.

»Was wollen Sie?« fragte dasselbe.

»Ist Herr Seidelmann zu Hause?«

»Ja; aber zu sprechen ist er nicht. Er ist beschäftigt.«

»Meine Angelegenheit ist nicht aufzuschieben, sondern im Gegentheile sehr dringend.«

»Was betrifft es denn?«

»Familiensachen.«

»Familiensachen? Hm! Da will ich doch einmal den Versuch machen. Welchen Namen soll ich nennen?«

»Ich heiße Petermann.«

»Petermann?«

Sie warf einen eigenthümlich taxirenden Blick auf ihn, der geradezu beleidigend war, lächelte impertinent und sagte:


// 1012 //

»Na, ich habe es Ihnen einmal versprochen. Ich will es versuchen. Warten Sie ein Bischen!«

Sie ging und kehrte erst nach längerer Zeit zurück.

»Sie dürfen kommen!«

Bei diesen Worten winkte sie ihm, ihr zu folgen. Sie öffnete einige Thüren und rief bei der letzten hinein:

»Das ist der Mann!«

Petermann trat ein und zog die Thür hinter sich zu. Er sah sich dem frommen Schuster gegenüber. Dieser saß auf einem Polstersessel am Tische und hatte ein Buch vor sich liegen, dessen Titelblatt aufgeschlagen war. Darauf stand:

»Ueber die gottseligen Freuden, welche das heilige Werk der inneren Mission den frommen Gläubigen bereitet. Geschrieben von dem ehrwürdigen Herrn Augustus Seidelmann, Vorsteher der Gesellschaft der Brüder und Schwestern der Seligkeit. Eigenthum des Verfassers.«

Dieser ehrwürdige Herr Augustus Seidelmann dankte mit kurzem, abgemessenem Kopfnicken auf den höflichen Gruß Petermann's und sagte:

»Bringen Sie Ihr Anliegen in möglichster Kürze vor! Ich habe nicht Zeit zu Weitschweifigkeiten.«

»Ich beabsichtige keine Weitschweifigkeiten, Herr Seidelmann, und kann glücklicher Weise sehr kurz sein. Meine Tochter ist in Stellung bei Ihnen gewesen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wie? Das wissen Sie nicht?«

"Das wissen Sie nicht?

»Nein.«

»Aber Sie müssen doch wissen, wen Sie in dienender Stellung bei sich gehabt haben, Herr Seidelmann?«

»Allerdings. Aber ob Sie der Petermann sind, dessen Tochter bei mir war, das kann ich nicht wissen.«

»Nun, meine Tochter diente bei einem Herrn August Seidelmann, Straße und Hausnummer ganz wie die Ihrige.«

»Dann ist's ja richtig!«

»Schön! Meine Tochter scheint nicht mehr bei Ihnen zu sein?«

»Nein.«

»Wann ging sie ab?«

»Vor ungefähr zwei Monaten.«

»Waren Sie unzufrieden mit ihr?«

»Nein.«

Der fromme Schuster hatte eine Art kampfbereiter Miene angenommen. Er ahnte einen Streit.

»So ist sie es gewesen, welche gekündigt hat?«

»Nein. Ich kündigte ihr.«

»Und dennoch waren Sie zufrieden mit ihr? Darf ich nach dem Grunde der Kündigung fragen?«


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»Den kennen Sie jedenfalls bereits.«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Nicht? Nun, ich nahm das Mädchen zu mir, weil ich die Familienverhältnisse desselben nicht kannte. Ich hielt sie für die Tochter eines ehrbaren Mannes und -«

»Hoffentlich bin ich das auch!« fiel Petermann ein.

Der Schuster machte eine stolze, abwehrende Handbewegung und fuhr in erhobenem Tone fort:

»Bald aber erfuhr ich das Gegentheil.«

»Ah! Was denn wohl?«

»Der Vater war wegen Unterschlagung eingezogen und bestraft worden. Dennoch hätte ich das Mädchen behalten. Es wäre mir eine Genugthuung gewesen, aus der Tochter des Verbrechers ein Gott wohlgefälliges Geschöpf zu machen und da der Vater dem Satan verfallen war, wenigstens sie für den Herrn zu gewinnen. Das Werk hatte auch in Folge meines Eifers und meiner Gebete einen guten Fortgang, da aber streute der Teufel sein Unkraut unter den Weizen, und das durfte ich nicht gestatten.«

Petermann hätte diesem Menschen am Liebsten die Faust in's Gesicht schlagen mögen, doch beherrschte er sich. Er hielt es für gerathener, einen Zusammenprall zu vermeiden. Darum fragte er scheinbar ruhig:

»Welches Unkraut meinen Sie?«

»Die Briefe. Sie kamen aus dem Zuchthause.

Meine Wohnung ist ein Tempel, dem heiligen Geiste gewidmet; sie wurde durch diese Briefe entweiht. Ein Schreiben aus dem Zuchthause war eine Heiligthumsschändung, eine Entweihung meines Sanctuariums; ich durfte es nicht dulden. Ich frug Ihre Tochter, ob sie dem brieflichen Umgange mit dem Gefallenen und Unrettbaren entsagen wolle. Sie wies mich zurück, und zwar mit einem Zorne, welcher mir bewies, daß mein Same trotz aller Hoffnung doch nur auf steinigten, unfruchtbaren Boden gefallen sei. Ich befahl ihr, mein Haus zu verlassen.«

Petermann holte tief Athem. Es war ihm, als ob ihm eine bangesschwere Last vom Herzen gefallen sei.

»Nicht wahr, Sie wollen mich demüthigen, Herr Seidelmann?« fragte er lächelnd.

»Wohl Dem, der sich noch demüthigen läßt! Dem Demüthigen giebt Gott Gnade; er stäubet aber einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt. Nur aus der Tiefe der Erniedrigung ist die Perle der Erhöhung heraufzuholen.«

»Sie haben sich leider verrechnet. Ihre Worte machen mich glücklich. Sie haben mir die Ueberzeugung gegeben, daß meine Tochter ihren Vater liebt und achtet und ihre Kindespflicht höher hält als die inhaltslose, heuchlerische Salbaderei, die Sie in Ihrem 'Heiligthume' anzuhören gezwungen war.«

Seidelmann fuhr von seinem Sitze empor.

»Heuchlerisch! Salbaderei!« rief er aus. »Mann, Sie sind wirklich von einer Legion von Teufeln besessen! Verlassen Sie augenblicklich mein Haus, welches durch Ihre persönliche Anwesenheit weit mehr noch geschändet


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wird, als durch Ihre Briefe, durch welche Sie dem guten Hirten ein Lämmlein gestohlen haben, das bereits für ihn gewonnen war!«

»Ja, ich werde gehen,« antwortete Petermann lächelnd. »Vorher aber haben Sie vielleicht die Güte, mir zu sagen, wohin meine Tochter von Ihnen gegangen ist.«

»Das weiß ich nicht.«

»Wie? Sie wollen das nicht wissen?«

»Nein. Ich habe ihr das Zeugniß ausgestellt, und dann verließ sie mein Haus. Ich habe nicht gefragt, wohin sie gehen werde. Sie war auf jeden Fall verloren.«

Da nahm Petermann einen anderen Ton an.

»Herr, soll ich etwa annehmen, daß sie nach der Uferstraße gegangen ist?« fragte er scharf.

Seidelmann warf ihm einen drohenden Blick zu.

»Mensch! Was weiß ich von der Uferstraße?« sagte er.

»Mehr, als Sie zugeben werden. Ich werde sofort zur Polizei gehen. Dort hat man mein Kind ab- und auch anmelden müssen. Ich werde also erfahren, was ich erfahren will. Befindet sich aber das 'Schäflein' auf der Uferstraße, so ist es nicht hingegangen, sondern es ist hingeführt, hingeschafft, hintransportirt worden. In diesem Falle wehe Ihnen, Sie Schuster im Priesterskleide! Sie Kreuzspinne in der Schmetterlingsmaske, Sie bodenloser Dummkopf mit der Miene eines Gottgeliebten! Der Zuchthäusler wird Sie dahin bringen lassen, woher er heute gekommen ist!«

Seidelmann war so perplex, daß er alle Antwort vergaß; aber als sich die Thür hinter dem forteilenden Petermann geschlossen hatte, entfuhr es dem frommen Manne:

»Kreuzhimmeldonnerwetter! Eigentlich sollte ich diesen frechen Bengel zur Treppe hinabwerfen, daß er das Kreuz, den Hals und sämmtliche Rippen brechen müßte! Also, zur Polizei will er? Wie gut, daß er nicht sofort nach der Uferstraße geht! Dadurch gewinne ich Zeit, meine gute Adelheid von dem bevorstehenden Besuche zu benachrichtigen. Sie wird ihn dann empfangen! Aber wie!«

Er kleidete sich schnell zum Ausgehen an. Dabei fuhr er in seinem Selbstgespräche fort:

»Da fällt mir der Baron ein! Er sprach heute früh von Rollenburg, und zwar in einer Weise, welche ganz auffällig war. Er hat überhaupt seit einiger Zeit ein beinahe gehässiges Verfahren gegen mich. Es scheint, daß ich mich vor ihm in Acht zu nehmen habe. Wenn er etwa glaubt, mir imponiren zu wollen, so beurtheilt er mich sehr falsch. Nicht ich habe ihn zu fürchten, sondern er mich. Er mag auf seiner Hut sein!«

Er war nämlich bereits am Morgen dieses Tages im Palais des Barons Franz von Helfenstein gewesen, um mit diesem Letzteren eine geschäftliche Angelegenheit zu besprechen. Am Schlusse der Unterhaltung, als er bereits im Begriffe stand, sich zurückzuziehen, hatte der Baron gesagt:


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»Ah, da fällt mir ein: Wie geht es denn jetzt Ihrer Mündel, Herr Seidelmann?«

»Welcher Mündel? Sie wissen, daß das Vormundschaftsgericht mich zum Vormund mehrerer Verwaisten ernannt hat.«

»Ich meine natürlich diese kleine, allerliebste Marie Bertram, welche Sie die Güte hatten, für einen Tag an meine Frau zu vermiethen.«

»O, der geht es sehr gut, Herr Baron.«

»Das freut mich. Wo befindet sie sich denn jetzt?«

»Ich weiß das augenblicklich noch nicht.«

»Wie? Sie als Vormund wissen es nicht?«

»Nein. Aber, wenn Sie sich noch für das Mädchen interessiren, so werde ich es erfahren.«

»Das klingt ja wunderbar! Ihre Mündel darf doch ohne Ihre Einwilligung ihren Aufenthalt nicht ändern!«

»Sie hat es aber doch gethan. Ein Vormund ist zu bedauern. Man hat nichts als Mühe, Zeitverlust und Verantwortlichkeit. Anerkennung und Dank aber findet man selten.«

»Wo hatten Sie die Bertram untergebracht, nachdem sie von meiner Frau fortging?«

»Bei einer Freundin von mir, wo sie sich in sehr guten Händen befand.«

»War es nicht auf der Ufergasse?«

»Ja.«

»Bei der Rentiere Madame Groh?«

»Sie haben sich den Namen ganz richtig gemerkt.«

»Diese Dame ist die Vorsteherin der Schwestern der Seligkeit. Marie Bertram war also ausgezeichnet aufgehoben. Aus Ihren Worten aber muß ich schließen, daß sie sich nicht mehr dort befindet.«

»Sie ist fort.«

»Und wohin, das wissen Sie nicht?«

»Nein. Ich werde fragen.«

»Darf denn die Vorsteherin der Seligkeitsschwestern Ihre Mündel ohne Ihre Einwilligung von sich lassen?«

»Eigentlich hat sie mich zu fragen; da ich ihr aber mein vollstes Vertrauen schenken darf, so habe ich ihr Vollmacht ertheilt, nach ihrem Ermessen zu handeln, es mir aber dann zu melden. Wie gesagt, ich werde mich erkundigen.«

Auf dem Gesicht des Barons zeigte sich ein feines, überlegenes Lächeln. Er sagte:

»Vielleicht ist diese Erkundigung überflüssig. Die Bertram soll sich nämlich gegenwärtig in Rollenburg befinden.«

Seidelmann horchte auf.

»In Rollenburg?« fragte er, den Erstaunten spielend.

»Ja.«

»Wie kommt man zu dieser Idee?«


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»Man hat sie einsteigen sehen.«

»Hier? Auf dem Bahnhofe?«

»Nein, sondern auf der nächsten Station. Diese kleine Person scheint doch einigermaßen raffinirt zu sein. Sie hat nicht merken lassen wollen, wohin sie will.«

»Wer hat sie denn einsteigen sehen?«

»Einer meiner Bekannten, den ich gestern Abend sprach.«

»Hm! Er muß sich geirrt haben!«

»Er kennt sie sehr genau.«

»Ist sie denn allein gewesen?«

»Nein. Sie selbst sollen sie begleitet haben.«

»Ich? Was fällt diesem Manne ein?«

»Nun, er sagte, daß er auch Sie sehr genau kenne.«

»Er hat sich dennoch geirrt!«

»Möglich. Es muß eine Person geben, welche Ihnen sehr ähnlich ist. Nehmen Sie sich in Acht, sonst könnte Das, was dieser Doppelgänger thut, sehr leicht auf Ihr Conto kommen!«

An diese Unterredung mußte der fromme Schuster jetzt denken, während er sich zu seiner ebenso frommen Freundin begab, bei welcher er sofort vorgelassen wurde.

»Du kommst zu ganz ungewöhnlicher Zeit, lieber August,« sagte sie. »Ist's eine geschäftliche Angelegenheit?«

»Ja. Erlaube, daß ich mich setze.«

Er nahm neben ihr auf dem Sofa Platz und fuhr dann fort:

»Erinnnerst Du Dich noch dieser Valesca Petermann, welche ich Dir brachte?«

»Sehr gut. Sie war ein reizendes Mädchen.«

»Aber im höchsten Grade obstinat!«

»Freilich! Sie hat uns Mühe gemacht. Deshalb verkauften wir sie nach Rollenburg. Wie viel bekamen wir damals für sie?«

»Dreihundert Gulden.«

»Ja, ja; ich besinne mich. Du hattest die Güte, ziemlich ungleich mit mir zu theilen. Du nahmst zwei Drittel, und ich erhielt nur einhundert Gulden.«

»Wie recht und billig. Ich hatte die Noth mit ihr gehabt.«

»Was aber ist mit ihr?«

»Es scheint, daß wir noch mehr Noth mit ihr haben werden.«

»Wieso?«

»Ihr Vater war soeben bei mir.«

»Der Zuchthäusler?«

»Ja.«

»Wie kommt denn der dazu, Dich aufzusuchen? Was wollte er denn?«

»Seine Tochter.«

»Alberner Mensch!«


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»O, er wurde höchst ungemüthlich. Ich sollte partout sagen, wo sie sich befindet. Er sprach dabei auch von Dir.«

»Von mir? Er kann mich doch gar nicht kennen!«

»Man muß aber doch mit ihm von Dir gesprochen haben, und zwar nicht in wünschenswerther Weise!«

»Woraus schließt Du das?«

»Aus seinen Ausdrücken. Er sprach sehr unehrerbietig von Dir. Ich sagte ihm nicht, daß ich das Mädchen zu Dir gebracht habe, und da meinte er, daß er sich darnach erkundigen werde.«

»Das klingt ja gar wie eine Drohung.«

»Allerdings. Er will zunächst nach der Polizei, um zu erfahren, wo sie gewohnt hat, nachdem sie von mir fortgegangen ist. Er meint, daß er mich, falls sie von mir zu Dir gezogen sei, dahin bringen werde, wo er jetzt gewesen sei, nämlich in das Zuchthaus.«

»Impertinenter Kerl.«

»O, nicht nur impertinent, sondern sehr unbequem, ja sogar vielleicht gefährlich für uns Beide.«

»Denkst Du, daß er zu mir kommen wird?«

»Ganz bestimmt.«

»Und ich soll ihn empfangen?«

»Was sonst?«

»Hm! Ich bin nicht daheim, sondern verreist!«

»Das kann uns nichts nützen, sondern nur schaden. Wir müssen wissen, was er zu thun beabsichtigt. Und das erfahren wir doch nur dann, wenn Du mit ihm redest. Es muß freilich schlau angefangen werden.«

»Gut, so werde ich ihn empfangen. Lieb wäre es mir, wenn Du dabei sein könntest.«

»Warum?«

»Weil wir dann sofort einen Entschluß treffen könnten. Vielleicht ist sofortiges Handeln nothwendig.«

»Du kannst Recht haben. Aber ich möchte ihm doch nicht merken lassen, daß ich bei Dir bin.«

»Das ist auch nicht nöthig. Du gehst hier in das Nebenzimmer. Wir lassen die Thür ein Wenig offen. Da kannst Du Alles hören, was hier gesprochen wird.«

»Gut, so wollen wir es machen. Aber merke Dir, daß ich möglichst aus dem Spiele gelassen werden muß.«

»Das versteht sich ganz von selbst, lieber August. So langjährige und treue Verbündete, wie wir sind, müssen die größtmögliche Rücksicht auf einander nehmen.«

Also erwarteten die Zwei in verhältnißmäßiger Gemüthsruhe die Ankunft Petermanns.

Dieser hatte sich von Seidelmann direct nach dem Polizeigebäude begeben und sich im Nachweisungsbureau nach seiner Tochter erkundigt.


// 1018 //

»Valesca Petermann?« meinte der Beamte, indem er im Buche nachschlug. »Angemeldet zu Herrn Vorsteher August Seidelmann. Abgemeldet zu Frau Rentiere Groh in der Ufergasse und -«

»Also doch!« entfuhr es Petermann.

»Und von da wieder abgemeldet nach Rollenburg.«

»Nach Rollenburg? Sie ist also nicht mehr hier?«

»Nein.«

»Wo befindet sie sich dort?«

»Das wissen wir hier natürlich nicht. Es genügt, wenn der sich Abmeldende den Ort angiebt, an welchen er verzieht. Sie erfahren die Adresse wohl bei dieser Madame Groh, bei welcher sie in Dienst gestanden hat. Wo nicht, so ertheilt Ihnen die Polizei in Rollenburg ganz sicher Auskunft.«

Petermann ging. Sein Herz war ihm zum Brechen schwer. Also war sein Kind doch bei dieser berüchtigten Groh gewesen! Zu dieser begab er sich jetzt.

Das Dienstmädchen öffnete, als er klingelte, und fragte nach seinem Begehr. Er sagte, daß er mit ihrer Herrin zu sprechen habe, und nannte seinen Namen, worauf er angemeldet und vorgelassen wurde.

Die Dame stand in hochmüthiger Haltung inmitten ihres Zimmers. Er verbeugte sich leicht und sagte einige Worte, um sein Kommen zu entschuldigen. Sie fiel ihm in die Rede:

»Ich kenne Sie nicht. Was wollen Sie?«

»Mich kennen Sie freilich nicht, Madame, aber meine Tochter haben Sie gekannt.«

»Ihre Tochter? Wieso?«

»Sie hat bei Ihnen in Condition gestanden.«

»Bei mir? Ah, Sie heißen Petermann! Ja, eine Petermann war bei mir im Dienste.«

»Vorher bei einem gewissen Seidelmann?«

»Möglich.«

»Sollten Sie diesen Herrn nicht kennen?«

»Ich kenne ihn. Ich pflege mir aber nicht jeden Ort zu merken, an welchem meine Dienstboten vorher gewesen sind.«

»Ich glaubte, Herr Seidelmann habe sie Ihnen empfohlen.«

»Nein, das ist keineswegs der Fall.«

»Wie aber kam sie denn gerade zu Ihnen?«

»Ich hatte annoncirt, und sie wird die Annonce gelesen haben. Man behält solche Einzelheiten nicht im Gedächtniß.«

»Sie ist also freiwillig zu Ihnen gekommen?«

»Ja. Wie denn sonst? Glauben Sie denn, daß man sich das Gesinde erpressen kann, so wie zum Beispiel in England die Matrosen gepreßt werden?«

»Es soll das allerdings zuweilen vorkommen. Meine Tochter ist nicht mehr bei Ihnen?«


// 1019 //

»Nein. Sie blieb überhaupt nur kurze Zeit bei mir.«

»Wie lange?«

»Das kann ich nicht sagen. Man merkt es sich nicht.«

»Sie scheinen sich das, was meine Tochter betrifft, sehr gern aus dem Gedächtnisse geschlagen zu haben.«

»Wie meinen Sie diese Worte? Was wollen Sie damit sagen? Ich verstehe Sie nicht!«

»O, ich will Sie gar nicht unnöthig belästigen. Können Sie mir vielleicht sagen, wo sie jetzt ist?«

»Nein.«

»Sie muß Ihnen aber doch gesagt haben, wohin sie sich von Ihnen aus wendete!«

»Muß sie? Wirklich? Ich bin nicht neugierig. Ich pflege nicht zu fragen, wohin ein Mädchen geht, wenn sie von mir abzieht. Das geht mich gar nichts an.«

»Sie haben ihr aber doch ein Zeugniß ausgestellt?«

»Natürlich. Ich besinne mich, ihr ein Attest gegeben zu haben, mit welchem sie zufrieden sein kann.«

»Ich danke Ihnen. Wer hat sie abgemeldet?«

»Ich nicht. Jedenfalls sie sich selbst.«

»Ich höre, daß sie nach Rollenburg sei.«

»Das ist möglich, mir aber sehr gleichgiltig. Haben Sie sonst noch eine Frage? Meine Zeit ist gemessen, und ich sehe überhaupt nicht ein, wie Sie zu mir kommen können, um sich zu erkundigen.«

»O bitte! Ich habe nur noch eine einzige Frage. Welche Stellung hat meine Tochter bei Ihnen eingenommen?«

»Sie war Hausmädchen.«

»So, so! Sie ist also mit den gewöhnlichen Haus- und Wirthschaftsarbeiten beschäftigt gewesen?«

»Ja.«

Er maß sie mit einem durchdringenden, drohenden Blicke und sagte dann:

»Ich hoffe, daß dies wirklich so gewesen ist, wie Sie es sagen. Hätten Sie meine Tochter in anderer Weise beschäftigt, so würde ich ein ernstes, sehr ernstes Wort mit Ihnen zu sprechen haben, Madame!«

Sie warf den Kopf zurück und antwortete:

»Was fällt Ihnen ein! Ich bin nicht gewöhnt, in diesem Tone mit mir sprechen zu lassen. Ich verstehe und begreife überhaupt nicht, was Sie wollen.«

»Ich hoffe um Ihretwillen, daß dies wahr ist. Ich werde noch heute nach Rollenburg fahren und mich bei Valesca erkundigen. Wehe Ihnen, wenn ich finde, daß ich Ihre schmutzige Wäsche zu reinigen habe. Adieu!«

Er ging. Draußen fragte er das Dienstmädchen:

»Sie stehen wohl schon lange hier in Diensten?«

»Ja.«


// 1020 //

»Wie lange ungefähr?«

»Drei Jahre. Warum?«

»Darum!« antwortete er kurz und ging.

Dem Mädchen kam jetzt der Gedanke, daß es vielleicht dumm gewesen sei, die Dienstzeit anzugeben. Sie horchte. In der ersten Etage wurde geklingelt. Sofort trat sie zu ihrer Herrin in die Stube, bei welcher sich auch der Schuster wieder eingefunden hatte.

»Was giebt's?« fragte die Dame.

»Der Mann ist fort,« meldete das Mädchen. »Er hat unten geklingelt.«

»Sapperment!« fluchte Seidelmann. »Wenn er bei Pauli einkehrt und sich erkundigt, erfährt er Alles!«

»Er fragte mich, wie lange ich hier diene.«

»Du hast es gesagt?«

»Ja.«

»Welch' eine Unvorsichtigkeit! Da kann doch seine Tochter nicht als Hausmädchen hier gewesen sein! Gehe schnell hinunter und sage der Pauli, daß sie nichts verrathen soll!«

Das Mädchen ging, diesen Befehl auszuführen.

Petermann hatte allerdings unten geklingelt. Es wurde geöffnet. Ein Mädchen, deren Körper kaum zur Hälfte von ihrem Anzuge verhüllt wurde, öffnete.

»Was wünschen Sie?« fragte sie.

»Dich!« antwortete er, der Rolle getreu, welche er hier zu spielen hatte.

»Wollen Sie mit in den Salon?«

»Nein. Ich will mit Dir allein eine Flasche Wein trinken.«

»So kommen Sie auf mein Zimmer!«

Das hatte er beabsichtigt. Was er wissen wollte, das konnte er nur durch Ueberrumpelung erfahren, und zudem ahnte er, daß man von oben wohl eine Warnung herabsagen lassen werde. Dem mußte er zuvorkommen.

Er wurde in ein kleines Zimmerchen geführt. Das Mädchen holte den Wein und nahm dann an seiner Seite Platz.

»Sie waren gewiß noch nicht bei uns?« fragte sie.

»O doch!«

»Aber ich habe Sie doch nie gesehen.«

»Ich gehe nie in den Salon.«

»Welche von meinen Kameradinnen haben Sie denn da besucht?«

»Die Valesca Petermann.«

»Ah, die? Die hat Ihnen ihren richtigen Namen gesagt? Sie wurde Wally genannt. Aber das wundert mich sehr, daß Sie zu ihr durften.«

»Warum?«

»Weil sie nie mit einem Herrn ein Wort gesprochen hat.«

»Sie machte mit mir eine Ausnahme.«


// 1021 //

»Davon weiß ich nichts. Sonderbar! Sie hat deshalb fort gemußt, weil sie so dumm gewesen ist.«

In diesem Augenblicke wurde an die Thür geklopft.

Das Mädchen ging hinaus. Ihre Herrin stand draußen und erkundigte sich leise:

»Hat dieser Mensch etwa nach Valesca gefragt?«

»Ja.«

»Hast Du von ihr gesprochen?«

»Ja.«

»O weh! So eben schickt die Groh herunter, um uns zu warnen. Er ist ihr Vater. Da hast Du die größte Dummheit begangen, die es nur geben kann.«

»Ich will sehen, daß ich es wieder gut mache!«

»Wie denn?«

»Ich thue, als ob ich den Namen verhört habe. Eine Petermann ist gar nicht dagewesen, spreche ich.«

»Gut! Das ist das Einzige, was Du sagen kannst.«

»Es wird aber doch nichts helfen.«

Die Beiden fuhren erschrocken auseinander. Petermann hatte diese letzten Worte gesprochen. Er hatte ganz leise und vorsichtig die Thür geöffnet und den letzten Theil der Unterredung gehört.

»Ja,« wiederholte er, »es wird doch nichts helfen; denn ich weiß nun, was ich wissen will. Also droben bei dieser Groh hat meine Tochter in Dienst gestanden, hier unten aber hat sie beschäftigt werden sollen. Wie es scheint, hat man sie mit Gewalt zum Gehorsam zwingen wollen. Ich werde sie aufsuchen; sie wird mir zu erzählen haben. Wehe Euch, wenn ich das Geringste höre, was mir Veranlassung zu einer Anzeige giebt! Drin auf dem Tische liegt das Geld für den Wein! Trinkt dieses Sündenwasser selber aus!«

Er ging und ließ die beiden bestürzt zurück. Im Verlaufe von wenigen Minuten erfuhren Seidelmann und seine Freundin, daß Alles verrathen sei. Jetzt erschraken sie.

»Was ist zu thun?« fragte die Vorsteherin der Schwestern der Seligkeit. »Er wird womöglich direct auf die Polizei gehen!«

»Nein. Das kann ihm nichts helfen. Er wird zunächst mit seiner Tochter sprechen wollen.«

»Also nach Rollenburg fahren? Lieber August, man muß ihm zuvorzukommen suchen.«

»Das ist freilich das Beste. Wo steckt denn das Mädchen in Rollenburg? Ich habe es mir nicht gemerkt.«

»Bei der Melitta.«

»Ah, bei der auch die Bertram ist. Das ist dumm!«

»Du mußt schleunigst hin!«

»Paßt mir aber schlecht.«

»Es ist ganz nothwendig. Wann geht der Zug?«


// 1022 //

»Heute nur noch einer. Ich treffe also unbedingt mit diesem Menschen zusammen, und dann ahnt er natürlich, was ich will.«

»Geht das nicht zu vermeiden?«

»Kaum. Der Zug geht um fünf Uhr von hier ab und - ah, sapperment! Da fällt mir Etwas ein. Das ist ein Ausweg, obgleich es ein Umweg ist.«

»Was?«

»Ich fahre nicht die directe Tour, bei der ich noch bis fünf Uhr warten muß, sondern ich benutze den Umweg über die Kreisstadt. Da reise ich in bereits einer Stunde ab und komme aus anderer Richtung, aber viel früher als Petermann nach Rollenburg.«

»Thue das! Beeile Dich! Es ist Gefahr im Verzuge!«

»Darum will ich sofort gehen, liebe Adelheid. Du mußt schon entschuldigen, daß jetzt der Abschied kurz sein wird!«

»Schon gut! Beeile Dich.«

Er ging, fuhr mit einer Droschke nach Hause, und dann mit derselben nach dem Bahnhofe, wo er gerade noch zur rechten Zeit kam, sich ein Billett zu lösen und in den Wagen zu steigen.

Seine Berechnung war ganz richtig, war aber leider ohne den Zufall gemacht worden. Sein Zug erlitt eine Verspätung von einer Viertelstunde, und dadurch wurde der Anschluß nach Rollenburg versäumt. Zu seinem größten Ärger erfuhr nun Seidelmann, daß er später als Petermann in Rollenburg eintreffen werde. -

Als der Buchbinder Heilmann sich auf dem Bahnhofe von Petermann getrennt hatte, ging er nach der Polizei, um sich dort pflichtschuldigst anzumelden. Die Eintragung des Namens wurde im Anmeldebureau vorgenommen; damit aber war er noch nicht am Ende. Er wurde nämlich dann vor den Polizeicommissar geführt, welcher ihn mit scharfen Blicken betrachtete und dann die Frage aussprach:

»Sie wissen, daß Sie unter Polizeiaufsicht stehen werden?«

»Leider.«

»Es giebt mehrere Classen dieser Aufsicht. Sie befinden sich in der dritten, letzten Classe.«

»Die strengste?«

»Ja. Wissen Sie, was das zu bedeuten hat?«

»Nein. Ich habe mich noch nie unter Polizeiaufsicht befunden. Vielleicht haben Sie die Güte, es mir zu sagen!«

Er sprach ruhig und in höflichem Tone. Der Commissar betrachtete ihn abermals, schüttelte leise den Kopf und sagte dann:

»Ich habe Sie ja zu diesem Zwecke kommen lassen. Sie sehen mir gar nicht wie ein gemeingefährlicher Mensch aus. Aber Sie können sich während Ihrer Gefangenschaft unmöglich zur Zufriedenheit Ihrer Vorgesetzten geführt haben, denn Sie haben wiederholt Disciplinarstrafen erlitten.«

»Leider muß ich das zugeben.«


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»Daher diese strenge Polizeiaufsicht. Diese besteht in Folgendem: Sie dürfen kein Schanklocal besuchen -«

»Das verbieten mir bereits meine Verhältnisse: Ich habe nicht das Geld dazu!«

»Ferner dürfen Sie die Stadt nicht verlassen, ohne mich, der ich mit der Aufsicht betraut bin, um Erlaubniß gefragt zu haben.«

»So bin ich also Gefangener? Zwar nicht in der Zelle, aber doch im Bereiche der Stadt?«

»So ist es. Erlaube ich Ihnen einmal, die Stadt zu verlassen, so haben Sie sich zur bestimmten Zeit wieder einzustellen und sich mit der Minute persönlich bei mir zu melden.«

»Das ist streng, sehr streng, Herr Commissar!«

»Aber vom Gesetze vorgeschrieben.«

»Wenn mich nun mein Beruf oder mein Geschäft zu einer Reise veranlassen?«

»Ich werde nicht unbillig sein, muß aber Pünktlichkeit verlangen. Ferner haben Sie mir jeden Wohnungswechsel vorher zu melden. Und endlich haben Sie alle Fragen, welche meine Untergebenen an Sie richten, höflich und der Wahrheit gemäß zu beantworten.«

»Darf ich wissen, ob ich solche Fragen öfters zu beantworten haben werde?«

»Gewiß. In der ersten Zeit werden Sie täglich von einem Polizisten besucht werden.«

»In meiner Wohnung?«

»In Ihrer Wohnung oder bei Ihrem Arbeitgeber.«

»Wer wird mir aber unter solchen Verhältnissen Wohnung oder Arbeit geben?«

»Das ist Ihre Sache. Uebrigens haben Sie Abends punkt zehn Uhr in Ihrem Bette sich zu befinden. Es ist nothwendig, daß meine Leute Sie kennen lernen; ich werde Sie jetzt hier behalten. In einer Stunde ist Appell, bei welchem sich die Hälfte der hiesigen Polizeimannschaft versammelt. Ich werde Sie diesen Herren vorstellen. Morgen um dieselbe Zeit haben Sie sich abermals einzufinden, um der anderen Hälfte gezeigt zu werden.«

Die Augen des armen Buchbinders verdunkelten sich. Er hielt mit Mühe die Thränen zurück.

»Herr Commissar,« sagte er, »ich komme mir vor wie ein Räuberhauptmann. Eine solche Strenge muß erbittern.«

Das intelligente Gesicht des Beamten zeigte einen theilnehmenden Ausdruck. Er antwortete:

»Ich mache Sie nothgedrungen mit dem bekannt, was man von Ihnen fordert und erwartet. Im Uebrigen will ich Ihnen sagen, daß es mir keineswegs Vergnügen bereitet, einem Menschen das Leben schwer zu machen. Halten Sie sich gut, so ist es zu Ihrem Besten. Sehe ich, daß ich Ihnen Vertrauen


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schenken kann, so werden Sie bald nicht mehr bemerken, daß ich Sie beaufsichtigen lasse.«

»Ich danke Ihnen herzlich für diesen Trost! Sie werden keine Ursache finden, mich für einen schlechten Menschen zu halten.«

»Ich will das wünschen. Wo wohnen Sie?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich will mir erst Arbeit suchen. Aber vielleicht bin ich bereits heute, am ersten Tage schon, gezwungen, einen Ihrer Befehle zu übertreten.«

»Wieso?«

»Wenn ich keine Arbeit und kein Unterkommen finde, so muß ich in der Herberge bleiben, und diese ist doch ein öffentliches Schanklocal, mir also verboten.«

»Nun, mit der Herberge will ich eine Ausnahme machen. Aber sehen Sie lieber, so bald wie möglich ein Privatunterkommen zu finden. Haben Sie denn keine Verwandten?«

»Nein.«

»Oder Bekannte, die sich Ihrer annehmen könnten?«

»Auch nicht. Einen alten Pathen habe ich. Das ist wohl der Einzige, von dem ich Theilnahme zu erwarten habe.«

»So gehen Sie hin zu ihm. Jetzt aber sind wir fertig. Gehen Sie hinaus in's Wartezimmer. Dort bleiben Sie, bis Sie zum Appell geführt werden!«

Heilmann gehorchte. Er saß eine Stunde lang draußen unter Aufsicht eines Gensd'armen, der ihn sodann in einen Saal führte, wo er den versammelten Polizisten vorgestellt wurde. Sie betrachteten ihn mit Aufmerksamkeit, um sich sein Gesicht, seine Gestalt, sein ganzes Äußere einzuprägen, und dann wurde er für heute entlassen.

Als er aus dem Gebäude trat, holte er tief Athem. Es war ihm, als ob er jetzt von einem fürchterlichen Alpdrücken, von einer entsetzlichen Beängstigung erlöst worden sei.

»Was nun thun? Wohin sich wenden?«

Er beschloß, den alten Pathen aufzusuchen. Zwar war der Sohn desselben gerade Derjenige, dem er sein Unglück zu verdanken hatte, aber konnte der Vater dafür? Er wußte, wo der Alte wohnte. Dieser war auch Buchbinder und konnte ihm vielleicht Arbeit geben.

Er hatte bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt, als er überlegend stehen blieb. Er dachte an seine Geliebte. Sollte er nicht lieber diese aufsuchen? Aber wo fand er sie? Sie war Dienstmädchen gewesen. Vielleicht befand sie sich gar nicht mehr bei ihrer damaligen Herrschaft. Er setzte also seinen Weg fort.

In der Vorstadt lag das kleine Häuschen, welches seinem alten Pathen gehörte. Dessen Sohn war sein Nebenbuhler und Nebengeselle gewesen - vielleicht -!

Er wagte den Gedanken gar nicht auszudenken und beschleunigte seine


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Schritte. Er fand das Häuschen. Die Hausthür stand offen. Er trat ein. Gerade in demselben Augenblicke kam eine junge Frau zur Hinterthür herein. Beide sahen sich; Beide blieben stehen, und Beide stießen einen Ruf des Erstaunens, vielleicht des Schreckes aus.

»Wilhelm!« rief sie.

»Anna!« rief er.

»Du hier?« fragte sie. »Was willst Du hier?«

»Das möchte ich Dich fragen, Anna. Was hast Du hier in diesem Hause zu schaffen?«

Sie blickte einen Augenblick lang verlegen zu Boden. Dann richtete sie ihre Augen wieder auf ihn, streng und vorwurfsvoll. Und in hartem Tone fragte sie:

»Das weißt Du nicht?«

»Nein.«

»Ich dächte, daß Du es Dir denken könntest!«

Erst jetzt kam ihm die Erkenntniß. Er lehnte sich müd, müd, müd an die Wand.

»Du hast geheirathet?« fragte er.

»Ja.«

»Mein Gott! Wie konntest Du mir das anthun, Anna!«

Sie trat einen Schritt näher und sagte:

»Nein, sondern wie konntest Du mir so etwas anthun?«

»Was denn?«

»Das weißt Du doch!«

»Ich weiß es nicht. Ich habe Dir nichts gethan!«

»Nicht? Ah, das sagst Du noch!«

»Ja, ich behaupte es. Was meinst Du denn?«

»Ich meine den - Diebstahl!« stieß sie hervor.

Er fuhr sich mit beiden Händen nach dem Herzen.

»Den Diebstahl!« stammelte er. »Den Diebstahl! Herr mein Gott! Also auch Du, Anna, Du! Glaubst Du es denn wirklich, daß ich es gewesen bin?«

»Wer sonst?«

»Kein Anderer als Dein - ach Gott - Dein Mann!«

»Das hast Du damals gesagt; es war eine Schlechtigkeit von Dir! Man hat das Geld bei Dir gefunden. Kannst Du das etwa leugnen?«

»Nein. Aber ich bin es doch nicht gewesen!«

»Das glaubt Dir Niemand!«

»Du auch nicht?«

»Nein.«

»So sind also meine Ahnungen und Befürchtungen eingetroffen. O Anna, Anna, Du weißt nicht, wie unglücklich, wie elend ich jetzt bin!«

»Du hast es Dir nur selbst zuzuschreiben. Wann bist Du entlassen worden?«


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»Heute früh.«

»Wo wohnst Du?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Und bei wem arbeitest Du?«

»Ich habe noch keinen Meister. Ich wollte mit dem Pathen sprechen, und da - da traf ich Dich.«

»Mit Deinem Pathen? Der kann Dir auch nicht helfen.«

»Warum?«

»Er hat das Geschäft meinem Manne übergeben.«

»Ach so! Da werde ich freilich keine Arbeit erhalten!«

»Nein. Mein Mann ist sehr bös auf Dich zu sprechen, weil Du damals die Schuld auf ihn hast schieben wollen. Ein Glück, daß er in diesem Augenblicke nicht zu Hause ist. Es würde ein Mordsspectacel werden. Tu mir den Gefallen und geh!«

»Ja, ich werde gehen, Anna! Du sollst meinetwegen keinen Zank haben. Mir ist's, als ob ich soeben gestorben sei! Ich will gehen. Grüße mir den Pathen!«

Ihr Gesicht verfinsterte sich.

»Den?« fragte sie. »Mit dem rede ich nicht!«

»Nicht? Warum?«

»Wer kann es mit diesem alten Menschen aushalten! Es wäre am Besten, die lieben Engel hätten ihn!«

»Wie kannst Du so reden!«

»Das verstehst Du nicht. Er hat mir, seitdem ich verheirathet bin, das Leben sauer genug gemacht. Jetzt hat er den Lohn erhalten. Der Schlag hat ihn gerührt.«

Heilmann traute seinen Ohren nicht. War das Die, welche er so lieb gehabt hatte? War es möglich, daß Diejenige, welcher sein Herz gehört hatte, so gefühllos sein konnte?

»Der Schlag hat ihn getroffen?« fragte er leise. »Wann?«

»Vor sechs Wochen. Er ist gelähmt.«

»Mein Gott, wie der brave Mann mich dauert.«

»Brav? Ein Drache ist er! Bedauere ihn nur! Was hat es nur für Zank und Streit gekostet, ehe er uns das Geschäft und das Häuschen übergeben hat! Nun liegt er da, kann kein Glied rühren und ist doch nicht satt zu füttern.«

»Wo ist er denn?«

»Droben unter dem Dache.«

»Bei dieser Kälte!«

»Sollen wir ihn etwa in die Stube nehmen? Doch, das verstehst Du nicht! Gehe jetzt, gehe! Mein Mann könnte kommen, und dann stehe ich für nichts.«

»Ja, ich will gehen! Leb wohl, Anna! Gott verzeihe Dir, was ich Dir heute verzeihe!«


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Sie antwortete nicht. Er drehte sich um und ging. Draußen aber blieb er nach einigen Schritten stehen.

»Der Schlag getroffen - den guten Alten - oben liegt er unter dem Dache! Nein, es ist meine Pflicht! Ich muß einmal nach ihm sehen!«

Er kehrte zurück. Die Thür stand noch offen, aber die Frau war fort. Jedenfalls befand sie sich jetzt in der Stube. Er stieg die Treppe empor und dann die Oberbodentreppe. Da, unter dem Dache, stand ein Bett. In demselben lag der Kranke. Die Lumpen, welche ihn bedeckten, waren nicht Betten zu nennen. Zwischen den Ziegeln hatte es hereingeschneit; der Schnee lag fußhoch auf der halbverfaulten Diele. Es war schrecklich!

Der Kranke konnte sich nicht bewegen; er konnte auch nur langsam und mit Anstrengung sprechen. Er sah fast wie eine Leiche aus: das graue Haar verwirrt und die Wangen eingefallen.

Als der Alte den Kommenden erkannte, glitt ein Zug der Freude über sein Gesicht.

»Wilhelm!« stieß er hervor.

»Pathe, mein lieber Pathe! Wie finde ich Sie wieder!«

Mit diesen Worten trat er an das Bett, um die Hände des Alten zu erfassen. Sie waren schwer und eiskalt.

Dem Kranken traten dicke Thränen in die Augen. Er war nicht im Stande, sie wegzuwischen.

»Ich wollte, ich wäre todt!« flüsterte er.

»Aber bekümmert sich denn Niemand um Sie?«

»Niemand! Das Haus haben sie; nun ist's gut; nun kann ich sterben und verderben!«

»War denn ein Arzt da?«

»Zweimal. Er sagte, er könne nichts thun.«

»Aber wärmere Betten müssen Sie haben!«

»Man giebt mir keine!«

»Und Essen, Trinken -?«

»Wilhelm, ich habe Hunger, großen Hunger!«

»Herrgott! Giebt man Ihnen nicht genug?«

»Nein, nicht halb genug!«

»Ich werde hinuntergehen; ich werde mit der Anna sprechen und mit Ihrem Sohne. Sie müssen -«

»Nein, nein! Um Gotteswillen nicht! Es würde mir nachher nur schlimmer ergehen. Ich weiß, daß ich sterbe; diese paar Tage will ich noch Frieden haben. Aber ehe ich sterbe, möchte ich -«

Er konnte vor Schluchzen nicht weiter reden. Er sprach überhaupt nicht zusammenhängend, sondern langsam, abgerissen und mit schwerer Zunge. Heilmann zog sein Taschentuch hervor, trocknete dem Alten die Thränen ab und sagte dann:

»Was möchten Sie denn? Sagen Sie es mir!«

»Mich einmal satt essen!«


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»Du lieber Gott! Das sollen Sie! Ich gehe gleich!«

»Halt! Wohin denn?«

»Zum Fleischer, zum Bäcker. Ich hole ihnen Etwas.«

»Hast Du denn Geld?«

»Ja.«

»Ich denke, Du kommst aus - aus -?«

Er wollte das böse Wort doch nicht aussprechen.

»Aus dem Zuchthause? Ja, von daher komme ich. Aber ich habe doch ein paar Gulden. Ich kann einige Brodchen und ein Stück Wurst bezahlen!«

»Du Guter! Aber laß Dich unten nicht sehen!«

»Nein. Ich nehme mich in Acht!«

Er ging. Die Augen des Kranken waren mit Gier nach der Treppe gerichtet, bis sich wieder Schritte hören ließen. Heilmann kehrte zurück.

»Bist Du gesehen worden?« fragte der Pathe besorgt.

»Nein. Ich habe mich in Acht genommen. Hier, lieber Pathe, ist Wurst. Auch einige Brodchen und ein paar Stückchen Kuchen habe ich mitgebracht. Und da - Sie frieren; Feuer giebt es hier oben nicht; da bin ich zum Kaufmann gegangen und habe mir ein Fläschchen mit einigen Schlucken Schnaps geben lassen. Ich denke, das wird Sie ein Wenig warm machen!«

»Du Guter! Kommst aus dem Zuchthause und bist besser als mein eigener Sohn!«

Heilmann sah, mit welcher Gier die Augen des Kranken an den mitgebrachten Sachen hingen, und sagte:

»Kommen Sie! Ich werde Ihnen zu essen geben!«

Er begann, den Alten zu füttern. Dieser verschlang beinahe wörtlich die Speisen. Er verzehrte Alles. Selbst der Branntwein wurde alle. Dann stieß er einen Seufzer der Befriedigung aus und sagte thränenden Auges:

»Gott vergelte es Dir! Du darfst nicht wiederkommen. Ach, könnte ich mir doch, wenn ich Hunger habe, Etwas holen lassen! Hunger thut so weh!«

»Haben sie denn kein Geld?«

»Keinen Kreuzer!«

»Aber Sie haben doch auch Niemand, den Sie schicken könnten, selbst wenn Sie Geld hätten!«

»Der Junge von den Leuten, welche in der Hinterstube wohnen, kommt zuweilen herauf. Er könnte mir gehen.«

»Nun, da will ich Ihnen Etwas herlegen.«

»Was? Geld?«

»Ja.«

»Hast Du denn so viel?«

»Viel ist's nicht. Zehn Gulden habe ich geschenkt erhalten. Da ist der Betrag für das Bahnbillett und für einige Kleinigkeiten davon weg. Ich habe noch fünf Gulden. Zwei davon will ich Ihnen geben.«


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»Aber Wilhelm, Du brauchst es doch selber! Hast Du Arbeit?«

»Nein.«

»Und wirst auch schwer welche finden. Ich kann das Geld nicht annehmen.«

»Ich gebe es aber gern.«

»Das weiß ich. Höre, ich will Dir Etwas sagen. Nimm einmal dort das Cigarrenkästchen, welches auf dem Balken steht. Bringe es her!«

In dem Kästchen steckte ein altes Gesangbuch und eine wenigstens ebenso alte Taschenuhr.

»Das ist Alles, was ich noch habe,« meinte der Alte. »Siehe Dir einmal die Uhr an! Wie viel ist sie wohl werth?«

Heilmann betrachtete sie und sagte:

»Es ist eine Spindeluhr, abgegriffen und ausgeleiert. Ich glaube, daß man nicht viel dafür bekommen wird.«

»Aber zwei Gulden doch wohl?«

»Vielleicht.«

»Ich verkaufe sie Dir. Nimm sie für die zwei Gulden, die Du mir geben willst.«

»Herr Pathe!«

»Was?«

»Ich will das Geld Ihnen ja schenken!«

»Du bist selbst arm. Du bekommst nicht gleich Arbeit. Du brauchst das Geld ganz nothwendig.«

»Aber es thut mir unendlich wehe, die Uhr zu nehmen.«

»Nimm sie in Gottes Namen, sonst nehme ich das Geld nicht an. Sie ist Dein.«

»Aber Ihr Sohn?«

»Was kann er dagegen haben, wenn ich die Uhr verkaufe?«

Heilmann widerstrebte; aber der Alte ließ nicht nach. Das Reden strengte ihn an, und meist nur um ihn von dieser Anstrengung zu befreien, sagte Heilmann:

»Gut, ich nehme die Uhr. Hier ist das Geld.«

»Aber verkaufe sie; verkaufe sie ja, damit Du wieder Geld bekommst! Willst Du mir das versprechen?«

»Ja.«

»Noch heute?«

»Noch heute.«

»So bin ich ruhig. Du wirst doch nun keinen so großen Schaden haben. Vielleicht bekommst Du zwei Gulden.«

»Ich denke es.«

Im Stillen aber sagte er sich, daß er wohl kaum einen einzigen erhalten werde.

»Lege das Geld in den Cigarrenkasten, wo die Uhr gelegen hat,« bat der Alte. »Und, lieber Wilhelm, ich möchte - hast Du noch Zeit?«


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»Ja, lieber Pathe.«

»Willst Du mir noch einen Gefallen thun?«

»Gern, wenn ich kann.«

»Es bekümmert sich kein Mensch um mich. Ich werde nicht wieder gesund, und - und - willst Du nicht einmal das Gesangbuch aufschlagen?«

»Soll ich Ihnen Etwas vorlesen?«

»Ja. Wirst Du den Vers finden, der so anfängt: Es kann vor Abend anders werden?«

»Ich will sehen.«

Er schlug die Sterbelieder auf, suchte nach und sagte dann:

»Hier ist er; ich habe ihn.«

»Lies ihn vor, lieber Wilhelm!«

Die Stimme des Kranken war leiser geworden. Ueber sein eingefallenes Gesicht begann sich ein Zug rührender Milde auszubreiten. Heilmann las:

»Es kann vor Abend anders werden,
     Als es am Morgen mit mir war.
Den einen Fuß hab ich auf Erden,
     Den andern auf der Todtenbahr.
Ein kleiner Schritt ist nur dahin,
     Wo ich der Würmer Speise bin.«

Er hielt inne. Der alte Buchbinder lächelte ihm leise zu und bat:

»Noch einen Vers, noch einen!«

Heilmann las:

»Dringt mir der letzte Stoß zum Herzen,
     So schließe mir den Himmel auf,
Verkürze mir des Todes Schmerzen,
     Und hole mich zu Dir hinauf.
So ist mein Abschied keine Pein,
     Und ich werd' ewig selig sein!«

Als jetzt der Vorleser seinen Blick vom Buche weg auf den Kranken richtete, hatte dieser die Augen geschlossen. Seine Lippen bewegten sich leise, wie im Gebete. Und nach einiger Zeit erklang es flüsternd: »Es ist nun aus mit meinem Leben!«

Heilmann suchte dieses Lied und las:

»Es ist nun aus mit meinem Leben;
Gott nimmt es hin, der mir's gegeben,
     Führt mich ins bess're Dasein ein.
Mein Lebenslicht ist ausgegangen,
Zum Himmel eil' ich mit Verlangen,
     Um ewig bei dem Herrn zu sein.
Es ist nun aus; es ist vollbracht.
Welt, gute Nacht!«

Er las langsam alle sechs Strophen dieses Sterbeliedes. Der Alte bewegte sich nicht. Als das Lied zu Ende war, wartete Heilmann noch eine Weile, dann neigte er sich über den alten Pathen und horchte.

»Er schläft!« flüsterte er. »Der Athem geht ruhig und ist kaum noch


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zu bemerken. Er hat sich einmal satt gegessen und wird nun weiter schlafen. Ich bin nun überflüssig; ich würde ihn höchstens stören und will lieber gehen. Morgen kann ich einmal wiederkommen.«

Er legte das Gesangbuch in den Kasten zurück. Als er die beiden Gulden erblickte, mußte er wieder an die Uhr denken.

»Was mache ich?« fragte er sich. »Lege ich sie ihm wieder her, oder nehme ich sie mit? Mein ist sie nun. Wenn ich sie nicht nehme, so ärgert er sich. Ich kann sie ja verkaufen und ihm dann das Geld bringen. Ja, ich nehme sie!«

Er schlich sich leise fort und zur Treppe hinab. Eben, als er durch den Hausflur huschen wollte, wurde die Thüre geöffnet, und die frühere Geliebte trat heraus. Sie erblickte ihn und schob mit erschrockenem Gesicht die Thür zu.

»Um Gotteswillen!« flüsterte sie. »Du wieder hier?«

»Ich bin noch gar nicht fort,« antwortete er.

»Ich sah Dich doch gehen?«

»Nur bis hinaus vor die Thüre. Dann dachte ich an den Pathen. Ich ging zurück und hinauf zu ihm.«

»Leise, leise! Mein Mann sitzt drin! Was hast Du denn da oben zu suchen gehabt?«

Es überkam ihn der Zorn. Er antwortete:

»Es wäre besser, Ihr suchtet auch Etwas da oben. Der Alte verhungert und verfault ja ganz!«

Ihr Gesicht röthete sich.

»Was fällt Dir ein?« antwortete sie. »So ein Zuchthäusler wäre mir der rechte Kerl, uns Vorschriften zu machen! Packe Dich fort, sonst schicke ich meinen Mann heraus!«

Sie trat eilig in die Stube zurück, und er entfernte sich.

Er verwendete nun den ganzen Tag dazu, sich Arbeit zu suchen. Alle seine Bemühungen und Bitten waren vergebens. Kein Mensch wollte dem entlassenen Zuchthäusler, welcher noch dazu unter Polizeiaufsicht stand, Arbeit geben. Müde und geistig niedergeschlagen suchte er die Herberge auf, um sich auf dem Strohlager auszuruhen.

Als am Abende der Buchbinder mit seiner Frau beim Essen saß, fiel ihm doch einmal sein Vater ein.

»Warst Du einmal beim Alten droben?« fragte er.

»Nein.«

»Hat er nicht gerufen?«

»Ich habe nichts gehört.«

»Wenn er doch todt wäre! Aber, schaffe ihm doch einen Teller Suppe hinauf«

»Ich? Am Abende? Da hinauf zu dem Alten? Da hinauf bringst Du mich nicht! Und füttern soll ich ihn? Was geht er mich an? Gehe Du hinauf!«


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Er wurde unwillig, aber sein Zanken half nichts. Er brannte also die Laterne an, nahm den kleinen Topf, in welchem sich einige Löffel Suppe befanden, und stieg die beiden Treppen hinan. Droben herrschte tiefe Stille.

»Vater!« sagte er.

Kein Laut antwortete.

»Vater!«

Es blieb stille wie vorher.

Er trat an das Bett und leuchtete dem Alten in das Gesicht. Dieses zeigte ein ruhiges, beinahe kindlich liebliches Lächeln, aber auch den Character des Todes.

»Sapperment! Am Ende ist er gestorben!«

Er setzte den Topf weg und fühlte den Vater an.

»Wahrhaftig! Todt, ganz todt! Er muß schon vor längerer Zeit gestorben sein. Er ist ganz kalt und steif. Da muß ich doch gleich die Frau heraufholen!«

Dabei fiel sein Auge auf den Cigarrenkasten.

»Das ist das ganze Erbe! Das Gesangbuch und die alte tombackene Uhr. Die will ich - Donnerwetter!«

Er hatte das Gesangbuch herausgenommen und blickte nun erstaunt in das Kästchen.

»Zwei Gulden! So hat der alte Heuchler immer noch Geld gehabt! Das will ich nur gleich einstecken. Die Frau braucht nichts davon zu wissen. Das ist gleich für einen Scatabend und für Bier.«

Er steckte das Geld in die Tasche und suchte dann weiter:

»Aber die Uhr ist fort! Wo ist sie hin? Ich muß die Frau fragen. Vielleicht weiß sie es.«

Er ging hinab. Sie sah, daß er den Topf nicht mitbrachte.

»Hast doch das Geschirr stehen lassen!« sagte sie.

»Das steht noch oben. Er hat die Suppe gar nicht gebraucht. Er braucht überhaupt keine mehr.«

»Was?« fiel sie mit frohem Tone ein. »Ist er vielleicht todt?«

»Ja. Er muß ganz ruhig eingeschlafen sein.«

»Gott sei Dank!«

»Ja, Gott sei Dank! Nun sind wir endlich vollständig Herr im Hause! Aber, hat er Dir Etwas von der Uhr gesagt?«

»Nein.«

»Sie lag im Cigarrenkasten.«

»Bei dem Gesangbuche. Was ist mit ihr?«

»Sie ist nicht mehr da.«

»Das ist unmöglich! Sie muß da sein. Er konnte sich doch gar nicht bewegen! Er kann sie nicht weggenommen haben.«

»Aber sie ist dennoch fort. Komm, wir wollen suchen!«

»Suchen? Ich soll mit hinauf? Auf den Oberboden? Zu der Leiche? Jetzt, bei der Dunkelheit? Fällt mir gar nicht ein!«


Ende der dreiundvierzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk