Lieferung 45

Karl May

4. Juli 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1057 //

»Hier ist Judith, meine Tochter!« stellt der Alte sie vor.

Der Baron verbeugte sich höflich und fragte:

»Haben Sie nach Kleinodien gesucht?«

»Ja, Herr Ankerkron.«

»Etwas gefunden?«

»Eine Kette.«

»Ah! Sollte ich bei Ihnen vielleicht glücklich sein?«

»Sie hat auch ein Herz und - darauf stehen die Buchstaben, von denen Sie sprachen.«

»Zeigen Sie! Zeigen Sie!«

Jetzt trat Judith heran und sagte:

»Herr Ankerkron, Sie sollen die Kette sehen, aber unter einer Bedingung.«

»Und diese ist?«

»Ich zeige sie Ihnen, aber Sie rühren sie nicht an!«

»Warum?«

»Sie ist unser Eigenthum!«

»Eigentlich nicht.«

»Ah! Warum?«

»Gestohlenes Gut!«

»Gut, so sehen Sie sie nicht!«

Sie steckte die Kette, welche sie bereits aus der Tasche genommen hatte, wieder zu sich. Der Baron sah ein, daß sein Verhalten ein falsches gewesen sei. Er sagte begütigend:

»Bitte, nicht so cholerisch, Fräulein! Sie haben diese Kette jedenfalls gekauft und bezahlt!«

»Das versteht sich!«

»Nun, dann gehört sie unbestreitbar Ihnen. Aber ich bitte sehr, sie sehen zu dürfen.«

»Aber nicht anrühren!«

»Glauben Sie, daß ich Sie Ihnen stehle?«

»Ich glaube nichts, weder ja noch nein; ich bin nur vorsichtig. Geben Sie mir Ihr Wort, sie nicht anzugreifen. Ihr Ehrenwort natürlich!«

»Versteht sich!«

»Nun, da sehen Sie!«

Sie legte die Kette auf den Tisch, auf welchem die Lampe stand, behielt aber die beiden Enden in den Fingern. Der Baron trat nahe heran und betrachtete das Kleinod. Er kannte das Familienstück von Helfenstein sehr genau. Es lag hier vor ihm; es war gar nicht daran zu zweifeln.

»Nun, was sagen Sie?« fragte Judith.

»Fräulein, ich bin sehr, sehr erstaunt!«

»Worüber?«

»Das ist bei Gott die Kette der Holmströms. Wie kam sie in Ihre Hände?«

»Ich sagte bereits, daß wir sie gekauft haben.«


// 1058 //

»Von wem?«

»Das ist unser Geheimniß.«

»Lebt die Person noch?«

»Wir werden nachforschen - o Gott! Dieb!«

Sie hatte Miene gemacht, die Kette wieder einzustecken, aber in demselben Augenblicke griff der Baron blitzesschnell zu und entriß sie ihr.

»Dieb?« lachte er laut auf. »Ich nehme nur das zurück, was wohl uns, aber nicht Ihnen gehört!«

»Sie gaben Ihr Ehrenwort!«

»Aber unter Vorbehalt!«

»Sie sind wortbrüchig, ein Lügner, ein Dieb!«

»Ja, ein Dieb sind Sie!« brüllte ihn auch der Jude an. »Ich werde sofort nach Polizei senden und Sie arretiren lassen!«

Der Baron schüttelte sehr gleichmüthig den Kopf und sagte lachend:

»Ich wette, daß Sie das nicht thun werden!«

»Ganz gewiß werde ich es thun! Warum sollte ich es auch nicht?«

»Aus Rücksicht auf sich selbst. Sie würden nachweisen müssen, wie Sie zu der Kette gekommen sind!«

»Das kann und werde ich!«

»Ja wohl! Aber dann werden Sie bestraft!«

»Bestraft? Weshalb!«

»Wegen Unterschlagung und Betrug.«

»Gott Abrahams! Was fällt Ihnen ein!«

»Leugnen Sie nicht! Ich weiß Alles!«

»Was wollen Sie wissen! Nichts wissen Sie, gar nichts!«

»Sie irren sich gewaltig! Sie haben diese Kette als Pfand erhalten. Gestehen Sie das?«

»Das ist nicht wahr!«

»Bei der Rückbezahlung der Summe haben Sie eine falsche Kette zurückgegeben, diese richtige aber behalten!«

So alt und runzelig das Gesicht des Juden war, der Baron bemerkte doch, daß es jäh die Farbe wechselte. Der Erstere erschrak darüber, daß der Letztere Alles zu wissen schien. Er antwortete schnell und mit Nachdruck:

»Das ist eine Lüge! Salomon Levi hat Geld und Vermögen; er hat nicht nöthig, Jemand um die paar Gulden zu betrügen, welche die eine Kette gegen die andere mehr werth sein könnte. Darauf kann ich tausend Eide schwören!«

Der Baron zuckte die Achsel und meinte leichthin:

»Pah! Was Sie da sagen, bestreite ich gar nicht; ich habe das auch gar nicht gemeint. Sie haben einen augenblicklichen Geldvortheil gar nicht beabsichtigt.«

»Weshalb aber denn soll ich die Kette vertauscht haben?«

»Infolge einer Speculation, welche trotz Ihrer Schlauheit Ihnen doch fehlschlagen wird.«

»Reden Sie deutlicher!«


// 1059 //

Der Baron stand in gebieterischer, selbstbewußter Haltung vor dem Alten. Er hielt die Kette in seiner zusammengepreßten Rechten. Er war überzeugt, daß sie ihm nicht wieder abgenommen werden könne. Er achtete nicht auf Judith, welche sich nach einen Winkel des Gemaches zurückgezogen hatte, jedenfalls aus Ärger über seinen raschen Griff, mit welchem es ihm gelungen war, das streitige Kleinod in seine Hand zu bringen. Er hielt sie für ungefährlich, bemerkte auch die glühenden Augen nicht, welche sie fest auf seine Hand gerichtet hielt. In dieser Ecke lag unter anderem alterthümlichen Geröll eine alte Partisane. Um den Griff derselben legte Judith jetzt ihre Hand, stellte sich aber dabei so, daß der Fremde die Waffe nicht bemerken konnte.

Dieser letztere antwortete auf die Antwort des alten Juden:

»Gut! Ich will deutlicher sprechen! Ihre Tochter dort liebt den eigentlichen Besitzer dieser Kette.«

»Gott Isaak's! Sind Sie toll?«

»Sie will ihn zum Manne haben!«

»Haben Sie das Fieber?«

»Auch Sie selbst sind einverstanden. Sie wollen ihn zum Eidam haben.«

»Ich weiß kein Wort davon. Ich kenne ja diesen verloren gegangenen jungen Grafen Holmström gar nicht!«

»Sie kennen ihn, denn er hat diese Kette bei Ihnen versetzt. Leugnen Sie nicht!«

»Sie dichten, Herr Ankerkron! Warum bleibe ich hier stehen, um Sie anzuhören! Geben Sie meine Kette her!«

»Die bekommen Sie nicht wieder! Sie wollen Ihre Tochter mit dem Verlorenen, den ich suche, vermählen, und ihm wohl nach der Hochzeit sagen, wer er ist. Auf diese Weise werden Sie der Schwiegervater des Grafen von Holmström. Ist das nicht eine schlaue Berechnung, Alter?«

»Meine Glieder sind ganz starr vor Entsetzen. Sie reden Dinge, welche Sie sich selbst aussinnen und die Sie nicht verantworten können. Geben Sie die Kette her! Meine Tochter braucht keinen Grafen. Sie ist reich und wird nur heirathen einen Mann, den sie liebt!«

»Sie liebt ja diesen Dichter!«

»Dichter?«

»Nun ja. Oder wollen Sie leugnen, daß Derjenige, welcher die Kette bei Ihnen versetzt hat, also der Graf von Holmström, ein Dichter ist?«

»Mein Kopf ist zu schwach, Sie zu begreifen!«

»Aber Ihr Gedächtniß ist gut genug, um den Dichter Robert Bertram nicht zu vergessen!«

»Robert Bertram? Was geht dieser Mann mich an?«

Judith schlich sich an der Wand hin, langsam und leise. Sie gab sich den Anschein, als ob sie die hier befindlichen Verkaufsgegenstände betrachtete. Auf diese Weise näherte sie sich dem Baron, ohne daß es diesem einfiel, Argwohn zu fassen. Sie verglich die Länge der Partisane mit der Entfernung,


// 1060 //

in welcher sie sich mit ihm befand, und wartete, scheinbar in der Betrachtung eines alten Kupferstiches versunken, den geeigneten Augenblick ab.

»Er geht Sie nichts an, meinen Sie?« höhnte der Baron. »O, alter Fuchs, Du bist durchschaut! Aber dumm bist Du doch, sonst hättest Du längst geahnt, wer vor Dir steht. Hältst Du mich denn wirklich für einen Schweden?«

»Sie sagen ja, daß Sie einer sind!«

»Kann ein Fremder Deine Geheimnisse kennen und Deine Berechnungen und Speculationen?«

»Gott der Herr ist allwissend, ich aber bin es nicht. Wer sind Sie denn?«

»Ich bin der Hauptmann. Verstanden!«

Der Jude fuhr erschrocken zurück; auch Rebecca stieß einen Ruf der Ueberraschung aus. Nur Judith blieb stumm; aber ihre Hand legte sich fester um den Griff der Partisane.

»Der Hauptmann!« rief Salomon Levi. »Gott der Gerechte! So ist Alles nicht wahr! Es giebt keinen Grafen Holmström!«

»Nein!« höhnte der Baron.

»Es ist kein Sohn entführt worden?«

»O doch, alter Schlaumeier! Aber es handelt sich hier um eine andere Adelsfamilie, deren Namen Du freilich nicht erfahren wirst!«

»Und Robert Bertram ist dieser verlorene Sohn?«

»Ja. Ich werde mit dieser Kette, die ich nicht wieder aus meiner Hand lasse, beweisen - Himmeldonnerwetter!«

Ich werde mit dieser Kette, beweisen -

Er hatte bei seinen letzten Worten die Hand mit der Kette ausgestreckt, erhielt aber in diesem Augenblicke einen solchen Hieb von Judith, daß er diesen Schmerzensschrei ausstieß und die Kette fallen ließ. Wie ein Habicht schoß das Mädchen auf diese zu, riß sie vom Boden auf und steckte sie ein. Das Alles war das Werk eines einzigen Augenblickes. Der Jude stieß einen Freudenruf aus.

»Sie ist unser, wieder unser! Judith! Tochterleben! Du bist eine Heldin wie die Judith des alten Bundes, welche hat abgeschnitten das Haupt des Holofernes!«

Der Baron hatte sich schnell gefaßt.

»Eine Heldin?« rief er aus. »Das wird sich gleich zeigen. Her mit der Kette, Mädchen!«

Er wollte trotz seiner schmerzenden Hand auf sie eindringen, da aber hielt sie ihm die Spitze der Partisane entgegen und gebot ihm in entschlossenem Tone:

»Zurück, oder ich steche!«

»Stechen! Mich, den Hauptmann?« fragte er.

Seine Augen funkelten vor Zorn; aber er hatte doch seine Hände fallen lassen.

»Ja,« antwortete sie. »Mir ist es ganz gleich, wer Sie sind, ob der Hauptmann oder ein Anderer. Ich gebe nicht zu, daß ich bestohlen werde.«

»Nein, das geben wir nicht zu!« stimmte auch ihr Vater bei. »Wir sind stark und tapfer. Wir haben Waffen und werden uns vertheidigen wie die Helden!«


// 1061 //

Er riß von einer kleinen, an der Wand hängenden Waffensammlung einen Säbel herab und gebot zugleich seiner Frau:

»Rebecca, ergreife die Vorhangstange dort und schlage sie ihm auf den Kopf! Ich werde ihn stechen mit diesem Damascener in den Rücken und Judithleben wird durchbohren seinen Leib auf der vorderen Gegend. Er muß fliehen, und wenn er wird kommen hinaus auf die Straße, wird er sein mausetodt, erschlagen und durchbohrt von uns, und wir werden sein gepriesen und gebenedeiet von allen Völkern, daß wir haben besiegt den Hauptmann, den Niemand hat können nehmen gefangen in Haft, in Ketten und Banden, wie es ihm gebührt!«

Es war ein ungeheures Heldenthum über den Alten gekommen. Das Verhalten seiner Tochter hatte auch ihn ermuthigt. Er fühlte sich kühn und verwegen wie noch nie in seinem Leben, und vielleicht hätte er, falls er noch weiter gereizt worden wäre, wirklich von seiner Waffe Gebrauch gemacht. Aber der Baron sah diesen drei Personen an, daß sie die Kette ernstlich vertheidigen würden. Wozu konnte das für ihn führen? Es war am Besten, heute zu verzichten und später durch List zu erreichen, was ihm heute mißlungen war. Einen großen Vortheil hatte er übrigens doch davongetragen: er wußte nun genau, daß Robert Bertram die falsche Kette besaß, während sich die richtige, ächte, im Besitz der schönen Judith befand. Er beschloß also, für heute nachzugeben, seinen Rückzug aber möglichst ehrenvoll zu unternehmen.

»Seid Ihr toll?« antwortete er auf die geharnischte Rede des Alten.

»Ja,« antwortete dieser, »toll vor Kühnheit!«

»Mir, dem Hauptmann, zu widerstehen?«

»Wir fürchten uns nicht!«

»Wißt ihr nicht, daß ich Euch verderben kann?«

»Wir Dich auch!«

»Oho! Ihr wißt ja gar nicht, wer ich eigentlich bin; ich aber habe Euch vollständig in meiner Hand! Zunächst werde ich Bertram mittheilen, daß Ihr ihn betrogen habt!«

»Er mag kommen!«

»Und sodann zeige ich dem Gerichte alle Eure Missethaten an!«

»Auch die Gerichte mögen kommen!«

»So sagt Ihr jetzt; aber wenn meine Rache über Euch hereinbricht, dann werdet Ihr heulen vor Entsetzen!«

Er wendete sich nach der Thür und ging. Nicht Rebecca ließ ihn hinaus; er selbst öffnete sich, indem er die Riegel entfernte. Die drei blieben unbeweglich stehen, bis er fort war. Dann sagte Salomon Levi:

»Rebecca, hast Du jetzt gesehen, daß Du geheirathet hast einen großen Feldherrn und Helden?«

»Ich habe es gesehen!«

»Auch Du warst tapfer! Sehe ich doch die Stange des Vorhanges noch jetzt in Deinen Händen! Aber am Muthigsten ist doch gewesen Judith, unser einziges Kind. Sie hat begonnen die Schlacht mit dem großen Hieb des Siegers,


// 1062 //

welcher hat gebracht das Kleinod wieder zurück in unsere Hände. Der Feind ist schmählich entflohen und wir stehen hier auf dem Blachfelde des Kampfes wie die Säulen von Marmor, welche man errichtet hat den Siegreichen!«

Judith horchte gar nicht auf diese Ueberschwenglichkeit. Sie lehnte die Partisane in die Ecke zurück und ging hinaus, um die Hausthür zu verriegeln. Als sie wieder hereinkam, sagte sie:

»Hatte ich nicht Recht, als ich ihm die Kette gar nicht zeigen wollte?«

»Ja, Du hattest Recht, mein Tochterleben! Aber habe ich gewußt, daß es war der Hauptmann, aber nicht ein Schwede?«

»Er wollte uns um unseren Vortheil betrügen. Aber wie hat er wissen können, daß wir die Kette haben?«

»Und zwar, daß sie Robert Bertram gehört!«

»Hat dieser selbst es verrathen?«

»Wie kann er das? Er weiß doch nicht, daß wir haben die richtige? Was aber werden wir thun, Judithleben?«

»Wir behalten natürlich die Kette!«

»Aber wenn uns der Hauptmann schickt den Bertram?«

»So leugnen wir.«

»Und wenn dann kommen die Gerichte?«

»Wir verstecken Alles. Uebrigens ist der Hauptmann der Einzige, der uns zur Anklage bringen und als Zeuge dienen kann, und er wird sich wohl hüten, das zu thun!«

»Ja; er wäre ja selbst entdeckt und verloren. Du bist klug und listig, meine Tochter. Aber glaubst Du auch, daß das von dem schwedischen Grafen eine Lüge war?«

»Ganz gewiß!«

»Warum aber hat er diese Lüge gesagt?«

»Um uns zu verleiten, ihm die Kette zu zeigen. Oder glaubst Du, daß er so unvorsichtig sein wird, uns den richtigen Namen der Familie zu sagen, welcher Bertram angehört?«

»Weiß er ihn denn?«

»Sicher! Er weiß den Namen und wir haben die Kette. Das Letztere ist vortheilhafter als das Erstere. Ohne die Kette kann nichts bewiesen werden, und wir erfahren viel leichter den Namen, als es Jemandem gelingen soll, uns die Kette zu entlocken.«

»Ja, wir können sein ruhig und unverzagt; aber wir müssen auch sein vorsichtig und listig. Der Hauptmann wird wohl wiederkommen in verschiedener Gestalt, um uns abzunehmen die Kette. Wir werden von jetzt an nur sprechen mit Leuten und Personen, welche wir genau kennen!« -

Der Baron befand sich, wie leicht erklärlich, in einer zornigen Aufregung. Draußen, als er den Juden verlassen hatte, ballte er drohend die Faust gegen das Haus und murmelte:

»Der erste Angriff ist abgeschlagen; aber jubelt nur nicht zu früh; Es werden noch andere Attacken folgen. Das war nur ein Vorpostengefecht, eine


// 1063 //

einleitende Plänkelei. Ich komme wieder, mit List oder mit Gewalt, und dann werde ich mich nicht besiegen lassen. Die Kette muß mein werden; ohne sie bin ich unsicher; nur ihr Besitz giebt mir Garantie, daß ich nicht doch noch um die Baronie gebracht werde.«

Er ging weiter. In Gedanken sagte er sich:

»Ich habe jetzt bedeutend weniger Glück als früher. Das Meiste mißlingt. Alles scheint sich seit letzter Zeit gegen mich verschworen zu haben, hier in der Hauptstadt und auch da droben an der Grenze. Jetzt nun habe ich es ganz besonders mit diesem Bertram zu thun. Soll ich ihn tödten? Das wäre freilich das Sicherste. Aber, ist es denn unbedingt nothwendig? Ohne die Kette kann er nichts machen, und vielleicht - ah, er ist nach Rollenburg, wer weiß, was da geschieht! Er wird ganz sicher auf irgend eine Weise mit dem frommen Schuster zusammengerathen, und sein jugendlicher Unverstand reißt ihn dann zu irgend Etwas hin, wodurch er mir ungefährlich wird.« -

Und nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort:

»Wenn er nur nicht unter dem Schutze dieses Fürsten von Befour stände! Dieser Mensch ist mir im höchsten Grade widerlich. Ich habe sogar die Ahnung, daß er im Stande sei, mir gefährlich zu werden. Ah, Sapperment! Wenn man an den Wolf denkt, so ist er da!«

Er war nämlich aus der Wasserstraße in die Parallelstraße derselben gekommen, in welcher der Oberst von Hellenbach wohnte. Vor der Thür seines Hauses stand die Schlittenequipage des Fürsten von Befour, welcher soeben aus dem Thore trat und von dem Obersten bis zum Schlitten begleitet wurde. Der Baron blieb stehen.

»Das paßt!« sagte er zu sich. »Ich spiele ihm einen Streich. Ich schicke ihn dem Bertram hinterher nach Rollenburg. Vielleicht begeht er eine Dummheit, durch welche er sich blamirt. In dieser Verkleidung kennt er mich nicht; ich darf es also wagen, ihn anzusprechen.«

Er schritt weiter bis zur Straßenecke, wo er stehenblieb. Der Schlitten kam, jetzt noch in langsamem Tempo. Der Baron trat vom Trottoire herab und soweit vor, daß der Schlitten hart an ihm vorüber mußte.

»Durchlaucht!« rief er dem Fürsten zu.

Dieser hörte es und ließ halten.

»Was wünschen Sie?« fragte er.

»Ich wollte soeben zu Ihnen.«

»Zu mir?« fragte der Fürst verwundert. »Ich kenne Sie nicht. Wer sind Sie denn?«

»Ein Bekannter Robert Bertrams. Sein Pflegevater war mein Gevatter. Bertram sendet mich zu Ihnen. Ich kenne zufälliger Weise Ihre Equipage und habe mir erlaubt, Sie anzurufen.«

»Bertram? Ist er nicht zu Hause? Aus welchem Grunde schickt er Sie zu mir?«


// 1064 //

»Um sich zu entschuldigen. Er wird in dieser Nacht gar nicht nach Hause kommen.«

»Warum?«

»Er ist verreist.«

»Das ist doch kaum denkbar! Wohin?«

»Nach Rollenburg. Er war sehr aufgeregt und schien es außerordentlich eilig zu haben. Ich befand mich zufälliger Weise auf dem Bahnhofe; er sah mich, und da kein anderer Bote zu finden war, dem er sich anvertrauen mochte, und auch keine Zeit zum Schreiben blieb, so bat er mich, Sie um Entschuldigung zu bitten, wenn er gezwungen sein sollte, Sie von Rollenburg aus telegraphisch um Geld zu ersuchen.«

Die Sache kam dem Fürsten verdächtig vor. Er fragte:

»Wie kommt es aber, daß ich Sie hier sehe? Sie sollten zu mir gehen; aber diese Straße liegt doch gar nicht in der Richtung von dem Bahnhofe nach meiner Wohnung!«

»Ich hatte vorher eine Bestellung des Mechanikus Fels auszuführen, welcher sich bei Bertram befand. Der, an den er mich schickte, war ausgezogen, und es verging eine lange Zeit, ehe ich seine Wohnung fand.«

»Wer ist dieser Fels?«

»Ein guter Freund von Bertram, der Geliebte von dessen Pflegeschwester Marie.«

»Ich besinne mich. Hat er nicht jüngst ein kleines Unglück gehabt, dieser Fels?«

»Ja, wegen Arbeitsmateriales. Er ist heute entlassen worden und hat Bertram am Schloßteiche getroffen. Er ist dann mit ihm sofort nach Rollenburg.«

»Was wollen die Beiden dort?«

»Das ist eine heikle, vielleicht gar eine gefährliche Geschichte. Ich befürchte sehr, daß die jungen Leute da eine Dummheit begehen werden. Ich habe gewarnt und abgerathen, aber es hat leider keinen Erfolg gehabt.«

»Eine gefährliche Geschichte? Erklären Sie sich deutlicher!«

»Nun, es handelt sich um Marie Bertram.«

»Ach so! Was ist mit ihr?«

»Ich weiß nicht, ob Durchlaucht wissen, daß sie bei einer gewissen Madame Groh in Condition gewesen ist?«

»Ich glaube, davon gehört zu haben.«

»Nun, diese Groh ist berüchtigt. Sie ist eine - eine Magdalenenhändlerin, eine Verführerin.«

»Meinen Sie vielleicht die Madame Groh, welche in der zweiten Etage eines Hauses in der Ufergasse wohnt?«

»Ganz dieselbe.«

»Und bei dieser, bei dieser ist Marie Bertram?«

Es war dem Tone des Fürsten anzuhören, daß jetzt seine ganze Theilnahme erregt worden war.


// 1065 //

»Ja, bei dieser,« antwortete der Baron. »Aber sie ist nicht mehr dort. Sie ist in Rollenburg. Sie hat den Bemühungen ihrer Verführerin den ernstlichsten Widerstand entgegengesetzt, und aus diesem Grunde ist sie nun nach Rollenburg verkauft worden.«

»Ah, jetzt beginne ich zu begreifen! Diese Angelegenheit kann allerdings gefährlich werden. Bertram und Fels haben wohl davon erfahren?«

»Ja, vorhin erst.«

»Und sind sofort nach Rollenburg aufgebrochen?«

»Sofort. Sie befanden sich in einer unbeschreiblichen Aufregung, ich möchte sogar sagen, in einer außerordentlichen Wuth. Sie schworen Rache. Wer weiß, was sie thun. Ich habe, wie bereits gesagt, so viel wie möglich gewarnt und abgerathen, doch vergebens.«

»Da muß ich schleunigst nach, um Unglück zu verhüten. Wann sind die Beiden hier fort?«

»Mit dem Fünfuhrzuge.«

»O weh, da ist bereits eine geraume Zeit vergangen!«

»Und es geht leider kein Zug mehr, Durchlaucht.«

»Ich muß dennoch hin!«

»Das wäre nur mittels Extrazuges möglich!«

»Ich nehme einen. Wissen Sie vielleicht die Rollenburger Adresse, wo sie zu finden sind?«

»Ja, bei einem Fräulein Melitta; die Straße und Nummer aber weiß ich nicht.«

»Ich werde sie finden. Sind Sie arm?«

»Reich bin ich freilich nicht.«

»Hier haben Sie ein Trinkgeld!«

Er zog die Börse und gab ihm ein größeres Silberstück, welches, um Verdacht zu vermeiden, auch angenommen wurde. Dann befahl er dem Kutscher:

»Ich steige aus und fahre per Droschke nach Hause. Du aber fährst so schnell wie möglich nach dem Bahnhofe und bestellst eine Maschine mit Coupé erster Classe nach Rollenburg für mich! Beeile Dich!«

Er stieg aus und schritt rasch der nächsten Droschkenstation zu. Der Kutscher fuhr im Galopp davon. Der Baron aber nickte mit dem Kopfe, stieß ein höhnisches Lachen aus und murmelte für sich selbst:

»Das hat gezündet! Wer weiß, was geschieht?« -

Robert Bertram und sein Freund Fels hatten sich ein Billett zweiter Classe genommen. Ebenso Petermann. Er wollte allein sein; er befand sich nicht in der Stimmung, Andere zu hören oder auch nur zu sehen. Darum fuhr er trotz seiner spärlichen Mittel nicht dritter Classe, weil er da auf alle Fälle Gesellschaft bekommen hätte.

Er gab dem Schaffner ein Trinkgeld, und dieser berücksichtigte seinen Wunsch, allein zu sein. Aus diesem Grunde kam er auch nicht mit Bertram und Fels zusammen, obgleich diese Beiden das gleiche Ziel mit ihm hatten.


// 1066 //

Aber der Zug war stark besetzt, und auf den Zwischenstationen kamen zahlreiche Passagiere hinzu, so daß der Schaffner endlich doch nicht umhin konnte, einen Herrn mit in das Coupé zu lassen.

Dieser neu Eingestiegene war ein Mann in den reiferen Jahren und besaß ein würdevolles Äußeres. Es war der sogenannte Rentier Uhland, derselbe, welcher Magda Weber und Marie Bertram aus der Residenz nach Rollenburg gebracht hatte.

Nachdem dieser sich bequem in seine Ecke zurückgelegt hatte, begann er, seinen Reisegefährten zu beobachten. Er bemerkte dessen bleiches Gesicht und sein unruhiges Wesen. Petermann hatte ihm noch gar keinen Blick gegönnt und sah überhaupt nicht aus wie Einer, mit welchem es gerathen ist, eine Unterredung zu beginnen.

Aber Uhland war gesprächiger Natur, und zudem lag es in seinem heimlich betriebenen Geschäfte, keine Gelegenheit, Menschen kennen zu lernen, vorübergehen zu lassen. Daher sagte er, nachdem er sich vorher einige Male halblaut geräuspert hatte:

»Wie langsam das geht!«

Petermann gab keine Antwort. Er schien die Worte des Anderen gar nicht gehört zu haben, darum bemerkte dieser nach einer kleinen Weile in ärgerlichem Tone:

»Ein wahrer Bummel- oder Schneckenzug!«

Jetzt wendete ihm Petermann das Gesicht zu, betrachtete ihn flüchtig und fragte in mürrischem Tone:

»Haben Sie es so eilig?«

»Ich nicht. Aber Ihnen scheint es zu langsam zu gehen.«

»Wie kommen Sie zu dieser Vermuthung?«

»Sie rücken auf dem Sitze hin und her und blicken so oft zum Fenster hinaus.«

»Sie irren sich dennoch! Ich habe Zeit. Was geht es Sie überhaupt an, ob ich das Fenster benutze oder nicht.«

»Verzeihung! Es war nicht bös gemeint. Ich dachte nur, daß zwei Reisende, welche im Coupé neben einander sitzen und auf einander angewiesen sind, sich ein Wenig gegenseitig Rücksicht und Aufmerksamkeit schuldig seien.«

Das klang sehr höflich, aber doch auch wie ein Vorwurf. Darum sagte Petermann in einem freundlicheren Tone:

»Sie mögen Recht haben. Ich war mürrisch. Ich dachte an Geschäfte, und es gingen mir Berechnungen durch den Kopf.«

»Diese müssen wohl sehr ernst und schwierig gewesen sein, nach Ihrer finsteren Miene zu schließen!«

»Geschäfte hat man wohl stets ernst zu nehmen.«

»Ganz richtig. Ich bin das nicht mehr gewöhnt.«

Er erwartete hierauf eine Bemerkung, da aber Petermann nichts sagte, so fügte er hinzu:


// 1067 //

»Ich habe mich nämlich vom Geschäfte zurückgezogen und lebe von meinen Zinsen.«

»Also Rentier? Gratulire!«

»Danke sehr! Ich war nämlich Hotelier.«

Das war nun freilich eine Unwahrheit. Er sagte es, weil er dachte, daß der Andere nun auch sagen werde, was er sei. Petermann fühlte das heraus; er wollte, um nicht unhöflich zu erscheinen, dieser indirecten Aufforderung folgen, doch hielt er es freilich nicht für nothwendig, zu sagen, was er sei; darum antwortete er:

»Ich bin Schriftsteller.«

Wie er gerade darauf kam, davon gab er sich selbst keine Rechenschaft. Er hatte früher als Inspector des Herrn von Scharfenberg Beiträge für einige landwirthschaftliche Blätter geliefert; darum wohl war ihm der »Schriftsteller« auf die Lippen gekommen.

»Ah!« sagte Uhland. »Journalist, Dichter! Das ist ein schöner und auch bequemer Beruf, falls man sich nicht durch Uebernahme einer Redactionsstelle abhängig gemacht hat.«

»Ich bin unabhängig.«

»Das freut mich. Ich darf nun wohl schließen, daß Sie vorhin über ein neues Buch, ein neues Sujet nachgedacht haben, mein Herr?«

»Allerdings.«

»Dann thut es mir leid, Sie gestört zu haben!«

»O bitte! Ich war soeben mit meiner Idee in's Klare gekommen.«

»Sie kommen aus der Residenz?«

»Ja.«

»Darf ich erfahren, wo Sie aussteigen?«

»In Rollenburg.«

»Ich auch.«

»Ah, sind Sie aus Rollenburg?«

»Ja.«

»Und dort vielleicht gut bekannt.«

»Sehr gut.«

»Dann können Sie mir vielleicht Auskunft geben, so daß ich nicht erst zu fragen brauche. Ich suche nämlich die Wohnung einer Dame, welche sich Fräulein - Fräulein Melitta nennt.«

Es lag in der Natur der Sache, daß er diesen Namen nur zögernd aussprach. Wer in Rollenberg wohnte, mußte doch das Geschäft kennen, welches diese Dame betrieb.

Uhland hob schnell den Kopf und sagte:

»Die kennt Jedermann. Sie sind Schriftsteller. In Geschäftsverbindung stehen Sie also doch wohl nicht mit ihr?«

»Nein.«

»Sind Sie vielleicht mit ihr verwandt?«

»Auch nicht.«


// 1068 //

»Ach so! - Vergnügen -!«

Petermann war kein Jüngling mehr, dennoch erröthete er.

»Sie irren sich!« antwortete er.

»Kein Geschäft, kein Vergnügen? Was dann?«

Diese Frage war jedenfalls zudringlich, doch sah Petermann sich dennoch genöthigt, eine Antwort zu geben.

»Sie sprachen vorhin von Geschäftsverbindungen; dies ist allerdings nicht der Fall, obgleich es, streng genommen, eigentlich doch ein geschäftlicher Grund ist, welcher mich veranlaßt, nach dieser Melitta zu fragen.«

Jetzt kam es ihm gelegen, daß er sich vorhin für einen Schriftsteller ausgegeben hatte. Er erklärte also:

»Ich habe nämlich von meinem Verlagsbuchhändler den Auftrag erhalten, ein Buch über das Thema zu schreiben: Die Liebe in ihren socialen Beziehungen -«

»Hm, ein hochinteressantes Thema!«

»Gewiß. Eine solche Arbeit erfordert umfassende Vorstudien. Diese habe ich beendet; nur in einer Beziehung bin ich noch unwissend, nämlich in Hinsicht auf diejenige Liebe, welche sich hingiebt, ohne Gegenliebe dafür zu beanspruchen.«

»Sagen Sie es nur frei heraus! Sie meinen die käufliche Liebe, wie sie in gewissen Häusern zu finden ist?«

»Ja, diese meine ich. In dieser Hinsicht besitze ich nicht die mindeste Erfahrung.«

»Ah! Sie wollen nun diese Erfahrung machen und daher Fräulein Melitta aufsuchen?«

»So ist es.«

»Hätten Sie in der Residenz nicht mehr Gelegenheit?«

»Vielleicht. Aber man kennt mich dort. Ich will mich nicht in einem Locale sehen lassen, welches - Sie werden mich verstehen, ohne daß ich mich deutlicher erkläre.«

»Gewiß. Ihre Vorsicht ist jedenfalls nicht grundlos. Aber bei der Melitta befinden sich auch Damen, welche aus der Residenz sind!«

»Ich hielt das für zweifelhaft.«

»O doch,« antwortete Uhland, indem er eine sehr nachdenkliche Miene sehen ließ.

Er vermuthete, hier einen kleinen Gewinn zu machen. Er wollte sich dieses Schriftstellers bemächtigen, um ihm einige Goldstücke zu entlocken, doch lag ihm der Gedanke nahe, daß derselbe vielleicht Magda Weber oder Marie Bertram kennen könne. Das wäre gefährlich gewesen, und darum nahm er sich vor, die Angelegenheit so zu arrangiren, daß eine Verlegenheit dabei nicht zu befürchten war.

»Doch, sagen Sie!« bemerkte Petermann. »Wissen Sie das? Sind Sie mit der Melitta bekannt?«

»Ja.«


// 1069 //

»Das ist mir lieb. Sie werden da die Freundlichkeit haben können, mir ihre Adresse mitzutheilen.«

»Gern. Vielleicht bin ich im Stande, noch mehr zu thun.«

»Wieso?«

»Wollen Sie der Melitta sagen, welchen Zweck Sie in ihrem Hause verfolgen?«

»Nein.«

»Sie würde es aber dennoch merken.«

»Wieso?«

»Das können Sie sich leicht selbst sagen. Ich vermuthe nämlich, daß Sie nicht die Absicht haben, die Liebe einer der jungen Mädchen zu gewinnen.«

»Allerdings nicht.«

»Sie werden also still und schweigsam dasitzen und Ihre Beobachtungen machen. Das fällt auf; das stört; das ist unangenehm. Sie müssen gewärtig sein, Sie werden aufgefordert, das Local zu verlassen.«

»Das wäre mir freilich unlieb!«

»Ist aber beinahe unvermeidlich. Ich kenne nur eine einzige Art und Weise für Sie, in aller Bequemlichkeit das Leben und Treiben eines solches Ortes kennen zu lernen.«

»Darf ich um Mittheilung bitten?«

»Gewiß! Ich beginne, mich für Sie zu interessiren. Das Buch, welches Sie zu schreiben beabsichtigen, muß ein höchst anziehendes werden. Ich bin jedenfalls einer der Ersten, welche es kaufen, und darum möchte ich Ihnen bei Ihren Vorstudien behilflich sein. Aber ich sage Ihnen aufrichtig, ohne Opfer Ihrerseits wird es wohl nicht abgehen.«

»Ich denke, sie werden nicht zu bedeutend sein. Ein Schriftsteller ist gewöhnlich nicht ein Millionär.«

»Wollen sehen. Wenn Sie Unannehmlichkeiten vermeiden wollen, so muß die Melitta die Absicht erfahren, welche Sie verfolgen.«

»Ich befürchte aber, daß sie mir dann den Zutritt wohl kaum gestatten wird!«

»Es wird allerdings einer gewissen Empfehlung bedürfen.«

»Ich bin in Rollenburg unbekannt. Wer soll mich empfehlen?«

Er warf diese Bemerkung sehr gleichmüthig und achselzuckend hin, obgleich er innerlich nicht so gleichgiltig gestimmt war. Er begann nämlich, seinen Mitpassagier zu durchschauen. Dieser Mensch war trotz seiner ehrbaren Erscheinung vielleicht doch nicht das, wofür er gelten wollte. Er stand mit der Melitta wahrscheinlich in noch anderer Beziehung, als er merken ließ.

Uhland aber fühlte sich befriedigt. Er hatte den Schriftsteller auf dem Punkte, wohin er ihn haben wollte. Darum erklärte er mit selbstgefälliger Miene:

»Ich werde Sie empfehlen.«


// 1070 //

»Sie? Sind Sie mit der Melitta so bekannt, daß sie auf Ihr Fürwort hören wird?«

»Ja. Oder weisen Sie mein Anerbieten vielleicht ab?«

Petermann hätte allerdings am Liebsten eine solche Abweisung ausgesprochen; aber er sagte sich, daß dieser sogenannte Rentier ihm dann wohl hinderlich sein werde. Aus diesem Grunde antwortete er:

»O nein. Ihre Freundlichkeit kommt mir im Gegentheile sehr dankenswerth vor.«

»Nun, dann sagen Sie mir, zu welcher Zeit Sie dem Hause der Melitta Ihren Besuch machen wollen.«

»Möglichst bald.«

»Noch heute Abend?«

»Jedenfalls. Ich komme ja nur zu diesem Zwecke nach Rollenburg. Am Erwünschtesten wäre es mir, wenn ich sofort nach der Ankunft am Bahnhofe hingehen könnte.«

»Schön! Aber, wieviel gedenken Sie bei einem solchen Besuch zu verwenden?«

»Ich habe keine Ahnung von den Ausgaben, welche da erforderlich sein werden.«

»Nun, da Sie nur als Zuschauer, als Beobachter thätig sein wollen, so wird man ein Eintrittsgeld von Ihnen fordern, wie ich aus Erfahrung vermuthen darf.«

»Wie hoch wird dieses sein?«

»Zehn Gulden wenigstens.«

»O weh!«

»Ist das zu viel?«

»Für mich beinahe. Und dazu sagten Sie 'wenigstens'!«

»Nun, ich will mit der Melitta sprechen, um zu sehen, ob sie sich eine Kleinigkeit abhandeln läßt. Freilich ist dies nicht die einzige Ausgabe, der Sie sich unterwerfen müssen.«

»Was noch?«

»An einem solchen Orte wird Wein getrunken, und zwar sehr viel Wein. Fräulein Melitta hat ungeheure Abgaben zu entrichten. Sie muß also große Einnahmen erzielen. Wer ihr Etablissement besucht, der darf nicht geizen!«

»Ich weiß zu leben!«

»Schön! Aber bedenken Sie, daß an einem solchen Orte der Wein bedeutend theurer ist als anderwärts.«

»Ich muß mich eben fügen.«

»Schön! Sobald wir aussteigen, gehen wir hin.«

»Aber ich belästige Sie! Sie bringen mir da jedenfalls ein Opfer, welches ich Ihnen nicht vergelten kann!«

»Keineswegs! Ich bin vollständig Herr meiner Zeit und mache es mir zum Vergnügen, Ihnen einen Einblick in das hochinteressante Leben und Treiben


// 1071 //

eines solchen Tempels der Liebe zu erleichtern. Sie warten in einer benachbarten Restauration, bis ich mit Fräulein Melitta gesprochen habe. Dann hole ich Sie ab.«

Nach einiger Zeit hielt der Zug in Rollenburg. Die Beiden stiegen aus und Uhland fragte:

»Natürlich nehmen wir eine Droschke?«

»Wie Sie wollen.«

Sie fuhren nach der erwähnten Restauration und trennten sich da für kurze Zeit, nachdem Petermann das Fuhrwerk bezahlt hatte. Er ließ sich ein Glas Bier geben, rührte dasselbe aber gar nicht an. Es wäre ihm nicht möglich gewesen, einen Tropfen zu genießen.

Nach Verlauf einer Viertelstunde kam Uhland zurück und sagte:

»Es ist mir sehr schwer geworden, die Einwilligung der Dame zu erlangen.«

»Ich denke, der Zutritt ist Jedermann gestattet?«

»Aber keinem Beobachter! Man läßt sich nicht gern in die Ecken und Winkel gucken.«

»Und ich darf dennoch kommen?«

»Dank meiner Fürsprache, ja.«

Petermann wußte recht gut, daß es doch nur auf sein Geld abgesehen sei; er ließ sich aber nichts merken und sagte:

»Nehmen Sie meinen Dank! Und wie steht es mit dem Eintrittsgelde, von welchem Sie sprachen?«

»Man verlangte zwanzig Gulden; als ich aber meine Gegenvorstellung machte, ging man doch auf zehn herunter; aber dabei bleibt es auch auf jeden Fall.«

»Ich zahle sie.«

»Darf ich darum bitten?«

»Ah! Sollen Sie das Geld cassiren?«

»Ja.«

Jetzt war es außer allem Zweifel, daß dieser Rentier ein Schuft war, welcher nur die Absicht hegte, Geld zu verdienen. Nicht die Melitta hatte die zehn Gulden verlangt, sondern er wollte sie für sich haben. Petermann hegte keineswegs die Absicht, sie ihm zu geben, griff aber, anstatt sich direct zu weigern, zu einer Aushilfe, indem er das Portemonnai aus der Tasche zog und fragte:

»Können Sie mir einen Hundertguldenschein wechseln?«

»Leider nicht. Lassen Sie hier beim Wirthe wechseln!«

Petermann warf einen geringschätzigen Blick durch den kleinen, mehr als einfachen Raum und meinte dann:

»Das Local sieht mir gar nicht darnach aus, als ob hier hundert Gulden vorhanden wären. Uebrigens müssen wir doch bei der Melitta Wein trinken?«

»Ja; diese Bedingung hat sie natürlich auch gestellt.«


// 1072 //

»Nun, so werde ich dort zu bezahlen haben und auch dort wechseln lassen. Ein einziges Glas Bier bezahlt man nicht mit so hohen Banknoten. Der Wirth kommt nur in Verlegenheit.«

»Gut, so geben Sie mir die zehn Gulden später. Ich habe sie der Melitta natürlich vorausbezahlen müssen.«

»Also gehen wir?«

»Ja, vorher aber noch eine Bemerkung. Wir gehen nämlich nicht in den Salon, in welchem Herren die Damen zu besuchen pflegen.«

»Warum nicht?«

»Sie würden dort Störung verursachen und auch selbst zu sehr incommodirt sein.«

»Aber wie will ich da Beobachtungen machen?«

»Auf viel bequemere Art und Weise. Nämlich an den Salon stoßen einige kleine Cabinette, bestimmt zu Plauderstündchen unter Zweien. In eines von ihnen ziehen wir uns zurück.«

»Was aber soll ich da sehen können?«

»Das Cabinet ist mit dem Salon durch eine Glasthüre verbunden. Schieben Sie den Vorhang der Letzteren zurück, so können Sie fast den ganzen Salon überblicken; hören aber werden Sie ein jedes Wort, welches gesprochen wird.«

»Schön! Das lasse ich gelten.«

»So kommen Sie!«

Petermann bezahlte sein Bier mit Scheidemünze, und dann gingen sie nach dem Hause der Liebe, der Freude und - des Elendes, der Verkommenheit und Sclaverei in fürchterlichen Ketten, welche mit Rosen umwunden sind, damit man ihr abschreckendes Klirren nicht vernehmen soll.

Flur und Treppen waren mit prachtvollen Läufern, welche den Schall der Schritte dämpfen, belegt, Wohlgerüche durchdufteten die Räume, und an den Wänden, selbst an denjenigen der Flur- und Treppenpassage, hingen Bilder, welche darauf berechnet waren, den Sinnen zu schmeicheln.

Unten stand das Wort »Salon« auf einer der Flügelthüren.

»Ist's hier?« fragte Petermann, dessen Herz vor banger Erwartung stürmisch klopfte.

»Nein,« antwortete Uhland. »Es giebt hier mehrere Salons. Für Sie ist derjenige der ersten Etage der interessanteste! Gehen wir also nur nach oben!«

Er verschwieg ihm, daß er ihn deshalb nach dieser Etage führte, weil Magda Weber und Marie Bertram dort nicht zu sehen waren. Daß noch eine Dritte aus der Residenz da war, die er kennen konnte, nämlich Valesca Petermann, daran hatte man gar nicht gedacht. Und doch war gerade diese es, welche er suchte.

In den hell erleuchteten Hauptcorridor der ersten Etage mündete ein schmaler, dunkler Seitencorridor, in welchem sich einige Thüren befanden, nur so breit, daß ein Mann gerade noch zu passiren vermochte. Uhland öffnete


// 1073 //

eine derselben. Sie traten in ein kleines, schmales Cabinet, dessen Meublement in einem Sopha, einem Spiegel, einem Tische, einigen Stühlen und einem Waschtische bestand. Von der Decke hing eine grüne Ampel, deren Flamme die Gegenstände kaum zur Nothdürftigkeit erhellte.

»So! Hier sind wir!« sagte Uhland leise. »Wir dürfen nicht laut sprechen, damit wir nicht gehört werden. Niemand soll wissen, daß wir den Salon von hier aus beobachten. Und da - ah, man ist aufmerksam gewesen - hat man auch schon den Wein besorgt.«

Auf dem Tische standen nämlich Flaschen und Gläser.

»Sechs Flaschen?« bemerkte Petermann befremdet.

»Ja. Fräulein Melitta that es nicht anders. Sechs Flaschen müssen wir trinken. Sie will natürlich an Ihnen wenigstens dasselbe verdienen, was sie an Anderen verdient.«

»Es ist ja auch Champagner dabei?«

»Wundert Sie das? Nirgends wird so viel Schaumwein getrunken, wie in den Häusern der Liebe. Venus und Bacchus, sie gehören zu einander.«

»Drei Flaschen Rheinwein und drei Flaschen Champagner. Wie wird da die Rechnung lauten?«

»Der Rheinwein sechs und der Champagner zwölf Gulden.«

»Das heißt, in's Ganze?«

»Nein, sondern pro Flasche. Wo denken Sie hin? Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß man hier nur zu noblen Preisen trinkt. Setzen Sie sich. Wir wollen zunächst den Rheinwein versuchen.«

Aber Petermann machte noch nicht von einem Stuhle Gebrauch. Er trat an das Glasfenster der Thür, welche zum Salon führte, und schob den Vorhang um einige Zoll breit zurück.

Der Raum, welchen er jetzt vor sich sah, war derselbe, in welchem der Baron Franz von Helfenstein die schöne Wally gesehen hatte. Auch jetzt lagen oder lehnten mehrere Mädchen auf den Sammettdivans, Cigaretten rauchend oder Karten spielend und in phantastische, leichte, seidene Fetzen gekleidet. Die Gesichter waren geschminkt und gepudert, um die Zerstörungen des Lasters zu verbergen. In der einen Ecke saßen Zwei, welche kauten, die Eine Pfeffermünzzucker und die Andere gebrannte Kaffeebohnen, um den übelriechenden Athem zu verdecken, welcher eine fast unausbleibliche Folge des Lebens ist, welches diese Unglücklichen führen.

In der entgegengesetzten Ecke saß eine Dritte. Petermann konnte sie nicht ganz sehen. Er bemerkte nur, daß sie ein langes, schwarzes, ehrbares Kleid trug, unter dessem Band die Spitze eines kleinen, kleinen Füßchens hervorblickte. Vom Oberkörper sah er nichts als zwei lange, dicke, herrliche Flechten, welche weit hernieder hingen. Sie schien das Gesicht der Wand zugekehrt zu haben. Der eine Arm, den sie nach hinten müde herabhängen ließ, war nur bis zum Ellbogen zu sehen. Er war unentblößt, aber das kleine weiße Händchen, welches aus dem Spitzenbesatze des Ärmels hervorschaute, ließ in seiner trotz-


// 1074 //

dem fleischigen Fülle vermuthen, daß die Besitzerin auch im Allgemeinen voll und schön geformt sei.

»Wer ist dieses Mädchen?« fragte Petermann.

»Welches?«

»Dort rechts in der Ecke. Man sieht sie kaum halb.«

Uhland trat an das Fensterchen und blickte hindurch. Es fiel ihm erst jetzt ein, daß Wally doch auch aus der Residenz sei und möglicher Weise von Petermann erkannt werde. Darum antwortete er:

»Sie ist aus dem Gebirge oben, sehr hübsch gebaut, stammt aber aus dem Armenhause.«

»Wie heißt sie?«

»Eigentlich sollte ich nicht darüber sprechen; aber Ihnen gegenüber - na, sie ist eine geborene Meier, ein sehr ordinärer Name; darum nennt man sie hier, um dies auszugleichen, mit dem poetischen Namen Wally.«

»Hm! Ist Wally nicht die Abkürzung von Valesca?«

»Weiß nicht. Uebrigens ist sie ein obstinates Ding. Die Melitta hat noch keinen Kreuzer mit ihr verdient. Vielleicht werden Sie Zeuge ihrer geradezu grenzenlosen Albernheit sein.«

»Weist sie denn die Herren ab?«

»Ja, einen Jeden.«

»Das ist doch eigentlich sehr lobenswerth!«

Uhland zuckte die Achsel und antwortete:

»Eigentlich - ja. Aber hier - -? Wer sich in einem solchen Hause so prüde und abstoßend beträgt, ist gewißlich nur Ohrfeigen werth.«

»Ist sie denn freiwillig hier eingetreten?«

»Was sonst? Glauben Sie etwa, daß die Melitta ihr Personal stehlen läßt?«

»Ich bin gänzlich unbekannt mit der Art und Weise, in welcher ein solches Contingent rekrutirt wird.«

»Nun, das werde ich Ihnen erklären. Jetzt aber kommen Sie her, ich habe eingeschänkt. Stoßen Sie an, aber leise, damit es drin nicht etwa gehört wird.«

Sie stießen an. Petermann nippte blos. Jeder Tropfen schien ihm Galle zu sein. Der Andere trank sein Glas in einem Zuge aus, horchte dann und flüsterte:

»Pst! Aufpassen! Es kommt Herrenbesuch!«

Man hörte einen mehrstimmigen »Guten Abend!« bieten. Die Mädchen sprangen von ihren Sitzen auf und erwiderten den Gruß, und dann sagte eine schnarrende Männerstimme in dem gedehnten, breiten, blasirten Jargon, dessen sich gewisse Offiziere zu bedienen pflegen:

»Ah! Gut! Famos! Acht Damen, acht Herren! Paßt vortrefflich! Was bekommt man hier zu trinken?«

»Nur Wein!« lautete die Antwort.


// 1075 //

»Wein - ah - bon! Welche Sorten? Doch nur Krätzer oder Grüneberger Katerschwanz? Was?«

»Unsere Weine sind exquisit!«

»Wohl so exquisit wie Ihr selbst?«

»Beinahe.«

»Beinahe? Verdammt! Mag da schöner Sauerländer sein! Pumpenschwengelsaft mit Essigsprit - ah, famoser Witz! Selbst fabrizirt - meine eigene Erfindung! Werde Patent darauf nehmen! Komm doch einmal her, kleine Hexe!«

Das Mädchen trat zu ihm; er legte den Arm um sie, sah ihr in das Gesicht und fragte:

»Also, Wein fast so exquisit wie Ihr?«

»Ja,« lachte sie.

»Pfui Teufel! Ganz Puder und Schminke! Mag da schöner Wein sein! Heidelbeersaft und Magnesia, giebt auch roth und weiß - famoser Witz! Meine eigene Erfindung! Bin ein verdammter Kerl! Aber wollen versuchen: Acht Mann, acht Flaschen. Schnell holen!«

»Welche Sorte?«

»Vom besten! Aber rasch!«

Mehrere der Mädchen eilten hinaus, und einige Augenblicke später stand der Wein auf dem Tische. Dann hörte Petermann die schnarrende Stimme wieder:

»Hört, Jüngferchen, einen Vorschlag! Jeder bekommt Eine von Euch. Aber nicht beliebig. Werdet ausgespielt, ihr Sakkermenter! Habe Würfel mitgebracht. Ah, famoser Vorschlag! Stammt von mir! Meine eigene Erfindung! Seid Ihr's zufrieden, oder sollen wir wieder gehen?«

Die Mädchen sahen, daß dieser Besuch ein vornehmer sei. Der Gedanke, sich auswürfeln zu lassen, war lustig; sie gingen sofort darauf ein. Kaum hatten sie ihre Einwilligung ertheilt, so hörte Petermann Würfel rasseln.

Rollenburg war nämlich Garnisonsstadt. Es stand Artillerie und Infanterie da. Einer der bekanntesten und beliebtesten Offiziere war der Oberlieutenant. Seine lange, spindeldürre Gestalt hatte ihm im Kreise der Kameraden den Beinamen »Kranich« zugezogen, eine Bezeichnung, welche er gar nicht übel nahm. Er war häßlich wie das böse Gewissen, dabei aber der beste Kerl. Er liebte es, Späße zu machen, von denen aber niemals einer Etwas getaugt hatte; darum fühlte sich auch Niemand beleidigt, wenn er nach einem solchen schlechten Witze seine stehende Redensart anbrachte: »Famoser Witz! Stammt von mir! Meine eigene Erfindung!«

Er war sehr reich, und darum konnte er sich Manches bieten, was Anderen versagt blieb. Da aber seine Börse ärmeren Kameraden stets offen stand, so fiel es Niemandem ein, ihn zu beneiden.

Der Regimentskommandeur war sein Oheim; daher kam es, daß er um manche Ecke scharf biegen durfte, um welche ein Anderer einen vorsichtigen Bogen schlug. Man wußte, daß er ein Freund des schönen Geschlechtes sei.


// 1076 //

Da er aber bei seiner ausgesprochenen Häßlichkeit an keinen Erfolg denken konnte, so suchte er mit Geld zu erreichen, was auf andere Weise nicht zu erlangen war. Man munkelte davon, daß er sogar zuweilen jene Stadtgegend aufsuche, von der der Dichter sagt:

»Einstens bin ich auch gegangen,
     Wo die letzten Häuser sind;
Sah mit bunt bemalten Wangen
     Ein verlornes, schönes Kind - -«

Außerdem war er beliebt seiner eigenartigen, barocken Einfälle wegen. Galt es, einen Ausflug, einen Ball, oder ein sonstiges Vergnügen zu arrangiren, stets wendete man sich an ihn, und dann konnte man sicher sein, daß er irgend eine wunderliche, seltsame Idee zum Vorschein bringen werde, welche dann die allgemeinste Heiterkeit zur Folge hatte.

Heute nun war sein Geburtstag. Es war ihm von allen Seiten, sogar vom hohen Regimentskommandeur aus, gratulirt worden; aber er hatte doch nur einige der ihm näher stehenden Kameraden eingeladen - sieben, wie bei seiner Eigenthümlichkeit kaum anders zu erwarten stand. Und ebenso ungewöhnlich war die Bedingung gewesen, daß sie sich in Civil einfinden sollten. Sie hatten, da es sich um die Geburtstagsfeier des »Regimentsneffen« handelte, bereitwilligst Urlaub erhalten.

Am Morgen hatte man einen Ritt in die Umgegend unternommen, am Mittag sehr opulent gefrühstückt und beim Einbruche des Abends ebenso fein dinirt. Nach oder vielmehr schon bei dem Diner hatte einer der Gäste die Bemerkung gemacht, daß die Feier des heutigen Tages so ganz gewöhnlich verlaufen sei.

»Das ist wahr,« fiel ein Anderer ein. »Hagenau, Du hast Dich ausgegeben! Du bist eines pyramidalen Gedankens, eines so kolossalen Einfalles nicht mehr mächtig!«

Der lange Lieutenant machte ein pfiffiges Gesicht und sagte:

»Irrthum, riesenhafter Irrthum von Euch!«

»So hast Du Etwas in petto?«

»Will es meinen! Und was!«

Nachdem er mit seiner schnarrenden Stimme diese Versicherung gegeben hatte, küßte er alle zehn Fingerspitzen und streckte sie empor, als ob es sich um etwas ganz und gar Himmlisches handle.

»Was ist's? Was? Heraus damit!« riefen sieben Stimmen.

»Entdeckungsreise,« antwortete er.

»Das ist vielversprechend! Aber wohin?«

»Nach Kreta.«

Alle lachten. Er machte ein sehr erzürntes Gesicht und sagte:

»Was giebt es da zu feixen? Kennt ihr Anadyomene?«

»Die schaumgeborene Venus, von Apelles gemalt? Ich verstehe! Venus Anadyomene ist der Sage nach am Strande der Insel Kreta aus dem Meere gestiegen.«


// 1077 //

»Richtig!« schnarrte Hagenau. »Hast Deine Mythologie noch nicht ganz vergessen!«

»Was ist's aber nun mit dieser Venus?«

»Wollen ausziehen, um ihre Höhle zu entdecken. Oder wißt ihr nicht, daß sie sich in eine Höhle verbarg, als sie ihre Schönheit nicht mehr in den Wellen verstecken konnte?«

»Hagenau, Alter, Du kennst diese Höhle!«

»Hm! Will noch nichts verrathen! Habe aber einen köstlichen Gedanken! Famoser Einfall! Mein eigenes Fabrikat! Stammt von mir selbst! War kürzlich in der Venushöhle.«

»Wo? Wo?«

»Pst! Kann es jetzt noch nicht sagen. Aber, weiß Gott, die Venus, die ächte, wahre, reine Venus! Bin ganz weggewesen, ganz perplex, die reine Ohnmacht, in die ich fiel!«

»Schneide nicht auf!« warnte einer der Kameraden.

»Aufschneiden?« fragte er. »Habt ihr mich vielleicht als einen Aufschneider kennen gelernt, he? Und hier kann erst recht von einer Uebertreibung keine Rede sein. Hier handelt es sich um eine Schönheit, bei welcher der Ausdruck Venus noch nichts, noch gar nichts ist! Die Sage geht, daß die Venus röthliches Haar besessen, und daß sie sogar geschielt habe. Bei Der aber, welche ich meine, ist von diesen Mängeln keine Rede. Sie ist ohne Fehler, ganz ohne Fehler! Ich schwöre es bei meinem Barte und, was noch mehr ist, bei meiner Taille!«

Alle lachten über die Begeisterung, mit welcher er diese Lobrede vorbrachte. Er aber ließ sich dadurch keineswegs beirren, sondern er behauptete:

»Es giebt Keinen unter Euch, bei dem ein Grund vorhanden ist, hier zu lachen. Keiner von Euch hat jemals ein solches Mädchen gesehen!«

»Oho!« erschallte es rundum.

»Oho!« antwortete er wieder. »Vorige Woche wurde der Tochter des Bürgermeisters ein Ständchen gebracht. Man sang da das Lied: Ich kenn ein' Weiler fern im Grund. Da kommen die Zeilen vor:

'Und als ich kam, und als ich's sah,
Ich weiß es nicht, wie mir geschah.
O Röslein jung, o Röslein schön,
Ach hätt' ich nimmer Dich gesehn.'

Kennt ihr vielleicht das Lied?«

»Ich denke, daß es alt genug ist, um uns bekannt zu sein!« bemerkte sein Nachbar.

»Nun gut! An diese Zeilen habe ich gedacht, als ich die betreffende Schönheit erblickte.«

»Du hast also gewünscht, sie nie gesehen zu haben?«

»Ja, denn meine Ruhe ist nun hin, und mein Herz ist schwer, heißt es in irgend einer Oper.«


// 1078 //

»Armer Teufel! Du wirst ganz poetisch. Das ist ein sehr schlimmes Zeichen. Wie geht Dein Puls?«

»Hier, fühle ihn!«

Er streckte ihm die Hand hin. Der Andere erfaßte dieselbe, lauschte mit wichtiger Kennermiene und sagte dann:

»Wahrhaftig! Achthundert Schläge in der Minute. Das ist eine fürchterliche, eine höchst beunruhigende Frequenz. Hagenau, Du bist krank! Du bist verliebt! Du hast das Liebesbrieffieber! Du befindest Dich in einer hochgradigen Herzensaufregung, welche mich Alles befürchten läßt. Du denkst bereits an Gedichte!«

»Denken?« lamentirte er ironisch. »Nur denken! An Gedichte? Kamerad, Du ahnst das Gefährliche meines Zustandes gar nicht! Ich denke nicht nur daran, sondern -!«

»Du machst sogar welche?«

»Ja.«

»Hört, Jungens, der Hagenau macht Gedichte!«

Es erhob sich ein ungeheures Halloh. Die Einen lachten laut auf, und die Anderen zuckten mit den Achseln und bedauerten den Armen in ironischer Weise. Dieser machte das trübseligste Gesicht, welches ihm möglich war, und sagte:

»Lacht nicht! Wenigstens mir ist es ganz und gar nicht wie Lachen! Ich fühle mich höchst schuldbewußt; denn es ist wahr: ich habe wirklich ein Gedicht verbrochen.«

»An wen?«

»An sie natürlich!«

»An die Schönheit, von welcher Du sprichst?«

»An wen denn sonst?«

»Mensch, ich kann Dich nicht verderben lassen; ich kann nicht ruhig zusehen, daß Du untergehst! Hast Du Vertrauen zu mir?«

»Na, viel leider nicht!«

»Aber doch ein Wenig?«

»Unter Umständen, ja.«

»Gut, so vertraue Dich mir an! Ich will einmal versuchen, ob Du vielleicht zu retten bist!«

»Donnerwetter! Willst Du Dich meiner wirklich annehmen?«

»Ja, aus kameradschaftlichem Mitleid.«

»Das ist viel von Dir, sehr viel!«

»Ja, ich habe ein sehr gutes Herz. Ich bin schwach gegen Dich.«

»Desto größer ist meine Dankbarkeit. Aber glaubst Du denn noch an Rettung?«

»Ich halte sie für möglich. Nur muß ich natürlich den Stand und die Stärke der Krankheit kennen lernen. Ich muß genau wissen, in welches Stadium sie getreten ist.«

»Natürlich sollst Du das. Ich werde Dir gern behilflich sein. Den


// 1079 //

Puls kennst Du bereits. Gehen wir weiter. Hier, siehe einmal, ob sie sehr belegt ist!«

Er streckte ihm die Zunge so weit wie möglich heraus. Die Anderen lachten; der Nachbar Hagenau's aber behielt seinen komischen Ernst bei und erwiderte:

»Sie ist außerordentlich belegt. Ganz dieselbe Zunge sah ich in meines Vaters Schäferei an einem Schafskopfe, welcher den Drehwurm hatte.«

Das Gelächter verdoppelte sich natürlich. Hagenau meinte in weinerlichem Tone:

»Der Drehwurm wäre mir noch lieber, als diese Liebe!«

»Ja. Liebe mit Dichterithis! Die Zunge genügt da nicht. Ich muß das Gedicht kennen lernen. Kannst Du es vielleicht auswendig?«

»Auswendig nicht, aber inwendig.«

Dabei legte er sich die Hand auf das Herz. Der Kamerad schüttelte enttäuscht mit dem Kopfe und sagte:

»Nur inwendig? Da ist es allerdings sehr schwer heraus zu bringen. Hättest Du es doch wenigstens aufgeschrieben!«

»Das habe ich ja!«

»Wirklich, Bruderherz? Darf man es hören?«

»Hm! Es ist meine erste Arbeit auf diesem Gebiete.«

»Schämst Du Dich etwa?«

»Nein, aber ich erröthe züchtig.«

»Das ist ein gutes Zeichen. Das beweist, daß Du noch Blut und Schamgefühl im Leibe hast. Also, lies vor!«

»Unter vier Augen?«

Dagegen erhoben alle Anderen lauten Einspruch.

»Gut,« sagte er. »Wenn mein Märtyrerthum ein so vollendetes sein soll, so muß ich mich fügen. Dort liegt der Zettel.«

Er ging nach einem Seitentische und nahm einen Zettel.

»Es ist der Versuch eines schüchternen Jünglings. Ich bitte um Nachsicht, meine Herren! Also hört!«

Er las:

»Ein einzig Mal in meinem Leben
     Möcht ich anbetend vor Dir stehn
Und Dir, mein Engel, ohne Beben
     In's himmlisch schöne Antlitz sehn - -«

»Er bebt! Er hat gebebt!« wurde er unterbrochen. »Er hat sich also gefürchtet!«

»Und noch dazu vor einem himmlisch schönen Antlitze!«

»Vor einem Engel! Und welche Bescheidenheit! Er wünscht nichts, als nur ein einziges Mal vor ihr stehen zu dürfen!«

»Und sie ansehen zu dürfen!«

»Oho!« sagte Hagenau. »So ist's nicht gemeint! Mit dem 'vor ihr stehen' bin ich nicht zufrieden!«


// 1080 //

»Was sonst noch?«

»Das sollt Ihr sogleich erfahren.«

Er las weiter:

»Nur einmal möcht ich niederknieen,
Die Stirn auf Deine Hand geneigt,
Und dann getröstet weiter ziehen,
Ob auch mein Lebensstern erbleicht - -!«

»Hört! Hört! Niederknieen will er!« lachte man.

»Und die Stirn auf ihre Hand neigen!«

»Sie soll ihm ein Bischen hinter die Ohren krabbeln, wie man es zuweilen mit einem folgsamen Pudel thut!«

»Ja. Und von diesem Krabbeln getröstet und beruhigt, zieht er dann weiter!«

»Und setzt das Lorgnon auf, um hinauf an's Firmament zu blicken, an welchem sein Lebensstern ausgeblasen wird!«

»Hagenau, Du bist unheilbar!«

»Möglich,« antwortete er sehr ernst. »Aber dieses vor ihr Stehen und dieses Knieen hat mich befriedigt; das beweise ich durch die letzten Zeilen.«

Er gab ihnen noch Folgendes zu hören:

»Daran hab' ich ja genug für's Leben,
Stirbt es auch hin, geht es auch ein,
Ich will mich gern zufrieden geben,
Denn ohne Dich kann ich nicht sein!«

Er legte das Blatt wieder von sich, wendete sich mit trauriger Miene an Den, der den Arzt fingirt hatte und fragte:

»Hast Du aufmerksam zugehört?«

»Sehr.«

»Was sagst Du dazu?«

»Wozu? Zum Gedichte oder zu Deinem Zustande?«

»Zu Beiden.«

»Nun, Dein Zustand ist sehr schlimm, das Gedicht ist aber noch bedeutend jämmerlicher.«

»Das tröstet mich.«

»Wieso?«

»Ich befinde mich doch weit mehr in Gefahr, wenn mein Zustand noch jämmerlicher wäre als das Gedicht!«

»Das ist freilich richtig! Es scheint also Rettung möglich zu sein!«

»Ich erwarte sie von Dir. Du hast Dich meiner einmal angenommen. Verschreibe mir eine Mixtur oder Latwerge.«

»Das wäre eine sehr fehlerhafte Behandlung, denn durch die Latwerge würdest Du nur herunterkommen und noch weit elender werden!«

»Was denn? Pillen?«

»Das wird sich finden. Erst muß ich die allererste Ursache Deiner Krankheit kennen lernen.«


Ende der fünfundvierzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk