Lieferung 46

Karl May

11. Juli 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1081 //

»Mir scheint, Du bist ein sehr verständiger Patholog!«

»Ich rühme mich dessen! Also den Grund will ich sehen, das heißt, das Mädchen, auf welches Du diese Reime criminaliter geschmiedet hast.«

»Meine Venus? Hm! Willst Du wirklich?«

»Ganz gewiß!«

»Schön! Ich werde sie Dir zeigen; aber auch nur Dir!«

Dagegen erhob sich ein allgemeiner Widerspruch. Er lächelte befriedigt vor sich hin und sagte nach einigem Zögern:

»Ich kann keinem Kameraden leicht Etwas abschlagen. Ihr sollt also das holde Geschöpf sehen.«

»Wann?«

»Wann Ihr wollt.«

»O, sobald wie möglich! Noch heute! Geht es?«

»Vielleicht.«

»Gut! Wir nehmen Dich beim Worte. Du hast es uns versprochen. Du kannst nicht mehr zurück!«

»Ich halte mein Wort, mache aber eine Bedingung!«

»Welche denn? Ist sie schwer zu erfüllen?«

»Nein. Ich verlange nämlich, daß sich Alle anschließen.«

»Natürlich.«

»Keiner darf zurückbleiben. Ein Jeder verspricht mir durch einen Handschlag, mit von der Parthie zu sein.«

»Natürlich! Natürlich!« wurde rundum zugestanden.

»Nun, so schlagt also ein!«

Er nahm Allen den Handschlag ab; dann lachte er lustig vor sich hin und sagte:

»Jetzt nun habe ich sie Alle im Sacke! Nun müssen sie!«

»Freilich müssen wir!« sagte sein Nachbar. »Aber wir brauchen gar nicht zu müssen, sondern wir wollen, und zwar sehr gern, mein lieber Hagenau!«

»Oho! Wohin denkt Ihr wohl, daß ich Euch führen werde?«

»Nun, nach der Venushöhle auf Kreta, von welcher Du vorhin gesprochen hast!«

»Ganz richtig! Nur daß sie nicht auf Kreta liegt!«

»Das läßt sich denken.«

»Sondern hier in Rollenburg.«

»Das versteht sich von selbst!«

»Aber in welcher Gasse? Glaubt Ihr etwa, daß ich keinen Grund hatte, mir den Handschlag geben zu lassen? Denkt Ihr vielleicht, ich führe Euch in den Salon einer feinen Dame, welche der hohen Aristokratie angehört?«

»Nein, das glaube ich nicht. Diese Damen kennen wir. Unter ihnen befindet sich keine Einzige, welche uns so begeistern könnte, wie Du begeistert bist. Du wirst uns jedenfalls in ein bürgerliches Haus führen.«


// 1082 //

»Du bist sehr scharfsinnig!«

»O, noch mehr, als Du denkst. Ich werde es Dir gleich beweisen. Nämlich auch in einem gewöhnlichen Bürgerhause würdest Du heute keinen Zutritt finden.«

»Oho!«

»In dieser Weise? Mit uns?«

»O doch!«

»Um uns die Frau oder die Tochter anstaunen zu lassen?«

»Ach so!«

»Kein Vater würde das dulden. Jedenfalls ist also das Haus, in welches Du uns führst, ein öffentliches.«

»Richtig.«

»Eine Restauration, welche wir noch nicht kennen?«

»Restauration - das ist richtig. Welche Ihr nicht kennt - das ist falsch!«

»Wir kennen sie also?«

»Ja.«

»Dann müßten wir auch das Mädchen kennen. Ist es die Tochter oder die Kellnerin?«

»So ungefähr die Kellnerin. Ihr habt sie noch nicht gesehen.«

»Aber wir waren bereits dort?«

»Möglich; dann aber im Geheimen, ohne es den Kameraden wissen zu lassen.«

»So ist es also eine gewöhnliche, obscure Kneipe?«

»Nein, sondern gerade das Gegentheil. Es ist die eleganteste Weinstube von ganz Rollenburg.«

Der Andere trat einen Schritt zurück und sagte:

»Hagenau, bist Du toll?«

»Wieso?«

»Ich ahne, was Du meinst.«

»Nun, was?«

»Du willst uns zur Melitta führen.«

»Nun, ist das etwa so schrecklich?«

Es entstand eine Pause. Die Herren wechselten Blicke. Die Meisten von ihnen waren wohl bereits einmal heimlich bei der Melitta gewesen, aber so in Gesellschaft - -!

»Das ist eine kühne Idee von Dir, lieber Hagenau!« bemerkte Einer.

»Ja, kühn und famos! Meine eigene Erfindung!« schnarrte der Oberlieutenant. »Das wird ein herrlicher Jux!«

»Ich danke für so einen Jux!«

Der, welcher diese Worte sagte, hatte sich bisher sehr still verhalten. Er war noch sehr jung, und in seinem hübschen Gesichte machte sich der Ausdruck einer ungewöhnlichen Intelligenz geltend.

»Wie meinst Du das, lieber Randau?« fragte Hagenau.


// 1083 //

»Ich nenne so Etwas nicht einen Jux.«

»Wie denn?«

»Eine Unvorsichtigkeit.«

»Pah! Hast Du Angst?«

»Ich glaube, Du weißt, daß ich nicht furchtsam bin. Aber es ist uns verboten, solche Orte zu besuchen.«

»Wir sind in Civil!«

»Das bleibt sich gleich. Man soll auch, ohne daß man eine Gefahr zu befürchten hat, nichts thun, was gegen die Ehre eines Cavaliers ist.«

»Nun, was werden wir denn thun?«

»Die Melitta besuchen. Ist das nicht genug?«

»Ich frage Dich nur, was wir dort thun werden?«

»Nun, was beabsichtigst Du denn dort?«

»Wir trinken einige Flaschen Wein - - -«

»Das können wir auch hier. Der Wein hier ist sogar besser und billiger!«

»Aber meine Venus - -«

»Die Venus! Ja, die Venus!« fielen die Andern ein.

»Ach was, Venus!« sagte Randau mißmuthig. »Ein gefallenes Geschöpf anzusehen, thue ich keinen Schritt, und wenn es eine göttergleiche Schönheit wäre!«

»Hört Ihr's, Randau will Klosterbruder werden!«

»Spottet immer! Ich gehe nicht mit!«

»Oho! Du hast Dein Wort gegeben!«

»Ja, ich habe es gegeben; aber ich ersuche Dich, Hagenau, mich davon zu entbinden!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Es ist ein Freundschaftsdienst, den Du mir sehr leicht erweisen kannst.«

»Ich thue es nicht. Die Gesellschaft muß vollständig bleiben!«

»Nun, so werfe ich alle Verantwortung auf Dich!«

Er legte mißmuthig ein Bein über das andere und wendete sich halb vom Tische ab. Hagenau bemerkte begütigend:

»Sei kein Störenfried, lieber Randau! Es giebt hier ja gar keine Verantwortung. Wir trinken ein paar Flaschen Wein und sehen uns das Mädchen an.«

»Ich sehe nicht ein, welche Genugthuung ich dabei finden sollte!«

»Weil Du die Venus noch nicht gesehen und noch nichts von ihr gehört hast. Ich sage Dir, daß - - -«

»O bitte,« wehrte Randau ab, »sage mir lieber nichts von ihr. Ich mag nichts von ihr wissen!«

»Du bist obstinat. Glaubst Du, daß ich mich für eine ganz gewöhnliche Grisette oder Lorette interessiren kann?«

»Hm!«

»Brumme nicht!«

»Weshalb besuchst Du denn die Melitta, als doch nur ihrer Mädchen wegen!«


// 1084 //

»Na, erst war ich einmal dort, mit einem Bekannten, den ich nicht zu nennen brauche. Er lockte mich hinein. Es war gar nicht übel da. Ein paar Küsse muß man sich freilich gefallen lassen. Er führte mich zum zweiten Male hin. Dann ging ich einmal allein vorüber, und, wie einem so der Gedanke kommt, ich ging hinauf.«

»Also bereits Stammgast!«

»Unsinn! Zweimal dagewesen, nennst Du, Stammgast sein! Also beim dritten Male sah ich sie.«

»Und sie sah Dich,« lachte Einer. »Da waret natürlich Ihr Beide in einander weg.«

»Prosit die Mahlzeit! Ich war weg, sie aber nicht.«

»Ist ihr auch nicht zu verdenken. Ein Apollo oder Ganymedes bist Du nicht.«

»Du etwa? Aber wenn auch! Sie mag überhaupt Keinen.«

»Das hast Du Dir weiß machen lassen. Man hat es Dir gesagt, um Dich zu trösten.«

»Ich weiß, was ich weiß. Ich versichere Euch, daß kein Mann sie angreifen darf.«

»Wer's glaubt!«

»Ich gebe Euch aber mein Ehrenwort.«

»Dein Wort in Ehren; aber man hat Dir dennoch einen Bären aufgebunden.«

»Versucht's doch einmal!«

»Papperlapapp! Ein Mädchen in einem solchen Hause, und sich nicht angreifen zu lassen! Wie alt ist sie denn?«

»Achtzehn schätze ich sie.«

»Blond?«

»Nein, tief brünett oder schwarz.«

»Hm. Wie heißt sie?«

»Das weiß ich nicht. Sie wird Wally genannt.«

»Und Ihre Gestalt?«

»Ein wahres Meisterwerk der Natur - leider nicht meine eigene Erfindung. Stammt nicht von mir!«

»Glaube es, wenn sie wirklich so schön ist, wie Du sagst!«

»Ich wiederhole es: Sie ist zum Verrücktwerden reizend; Aber auch ebenso spröde!«

»Glaube es nicht.«

»Pah! Wettest Du mit?«

Der Andere lachte laut auf und sagte:

»Ich würde Dich doch nur unglücklich machen.«

»Wie so?«

»Nun, Du würdest Deine Wette verlieren und müßtest unbedingt bezahlen!«

»Das würde doch kein Unglück sein. Aber ich wette hundert Gulden gegen Jeden von Euch, daß sich das Mädchen von Keinem von Euch berühren läßt.«


// 1085 //

Diese Behauptung erschien ihnen Allen zu kühn, als daß sie nicht Aufsehen hätte erregen sollen. Laute Ausrufe des Zweifels wurden ausgestoßen.

»Hundert Gulden?« fragte Der, welcher vorher die Rolle des Arztes gespielt hatte.

»Ja, hundert Gulden!« wiederholte Hagenau.

»Nun, die könnte man wagen.«

»Wage Sie doch!«

»Ich befinde mich nicht in dem glücklichen Besitze Deines unerschöpflichen Geldbeutels. Eine solche Summe ist für mich von Bedeutung, aber auf diese wahrhaft lächerliche Proposition kann man sie getrost setzen. Ist es nicht wahr?«

Alle außer Randau stimmten bei.

»Nun, so setzt sie doch!« sagte Hagenau.

»Wollen wir?«

»Nein,« meinte einer der Kameraden. »Sieben Personen zu hundert Gulden pro Mann das giebt siebenhundert Gulden. Das dürfen wir unserm Kameraden nicht anthun. Er muß ja verlieren!«

Das aber ließ sich Hagenau nicht gefallen. Er gerieth in Hitze und antwortete schnell:

»Mache Dich nicht lächerlich! Ich bin überzeugt, daß ich diese Summe gewinnen werde anstatt sie zu verlieren.«

»Nun, wenn Du partout willst! Ich halte die Wette. Wer noch?«

»Ich auch, ich auch!« antworteten fünf Stimmen.

»Und Du, Randau?«

Dieser hatte nämlich geschwiegen. Jetzt antwortete er:

»Ihr wißt, ich wette nie!«

»Das ist Dein Fehler, der einzige Fehler, den der reiche Randau hat. Heute aber könntest Du doch wohl einmal eine Ausnahme machen.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Du wirst aber gewinnen!«

»Ich mag weder gewinnen noch verlieren; übrigens ist mir das Object ein widerstrebendes.«

»Laßt ihn!« schnarrte Hagenau. »Es ist genug, wenn ich sechshundert Gulden gewinne. Also wer schlägt ein?«

»Wir andern Sechs.«

Sechs Handschläge erhielt Hagenau. Dann rieb er sich lachend die Hände und sagte:

»Kinder, ich mache Euch einen famosen Vorschlag!«

»Nun, welchen?«

»Er ist von mir, von meiner eigenen Erfindung. Nämlich, wenn Ihr gewinnt, zahle ich einem Jeden von Euch die hundert Gulden - - -«

»Das versteht sich ja von selbst!«

»Und wenn ich gewinne, gebe ich von dem Gelde ein solennes Abendessen mit Wein und sonstigen Unterhaltungen.«

»O nobel, nobel!«


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»Ja. Oder versteht sich das auch von selbst?«

»Keineswegs, lieber Hagenau! Du bist immer der Splendide, wirst aber dieses Mal nicht zur Ausführung Deines freigebigen Vorsatzes gelangen.«

»Wartet es ab!«

»Also, brechen wir jetzt auf?«

»Vorher müssen wir doch nähere Bestimmung treffen. Also ich habe gewettet, daß das Mädchen keinem von Euch eine Annäherung erlauben wird.«

»Annäherung? Du sprachst von angreifen.«

»Allerdings. Nur kann das unmöglich wörtlich gemeint sein. Wenn die Venus sich nicht in eine Glasglocke stecken will, muß sie wenigstens einer ersten Berührung widerstandslos ausgesetzt sein. Wie also formuliren wir die Sache genauer?«

»Sehr einfach. Es kann doch nur eine zärtliche Berührung gemeint sein. Sagen wir also: Kuß! Nicht?«

Die Andern stimmten bei, und nun schnarrte der fröhliche Hagenau vergnügt:

»Kerls, Ihr kriecht ja immer weiter in die Falle, in welcher Ihr bereits mit dem Kopfe steckt! Also, wenn das Mädchen sich gutwillig von Einem von Euch auf den Mund küssen läßt, habe ich verloren?«

»Ja, so meinen wir.«

»Nun, da schmatzt in Gottes Namen los! Ich habe keine Angst.«

»Vielleicht zieht sie Dich uns Allen vor!«

»Nicht einmal mich, obgleich ich Euch an Liebenswürdigkeit und körperlicher Schönheit weit überrage. Aber, meine Herren, Ordnung muß in der Sache sein. Alle Sechs können sich doch nicht zugleich auf das Mädchen stürzen!«

»Nein. Bestimmen wir also eine Reihenfolge.«

»Ja, losen wir.«

»Sind Karten da?«

»Das ist jetzt nicht am Platze,« meinte Hagenau. »Ich habe einen famosen Einfall - eigene Erfindung!«

»Nun?«

»Ich nehme die Würfel mit. Es werden noch andere Damen da sein. Wir würfeln erst bei der Melitta und setzen uns zu Paaren in bunter Reihe zusammen. Jeder bekommt Diejenige, welche gleich viel würfelt wie er. Ihr seht, daß ich Euch mehr Chancen biete, als es eigentlich gerathen ist; desto größer aber ist dann mein Triumph, wenn ich gewönne. Also Du, Randau, wettest Du mit?«

»Nein.«

»Aber mit mußt Du doch!«

»Es wäre mir wirklich äußerst lieb, wenn Du die Güte haben wolltest, mich zu dispensiren!«

»Darauf mache Dir ja keine Rechnung. Das Mädchen ist des Ansehens werth.«

»Nun, wenn ich wirklich gezwungen bin, mitzugehen, so verzichtet wenigstens darauf, in mir einen lustigen und gut gelaunten Gesellschafter zu finden!«


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»Pah! Wollen Dich schon in Laune bringen! Also, ausgetrunken, und dann fort!«

Sie brachen auf. Die Animosität Hagenau's hatte sie angesteckt. Sein Wein war gut und schwer gewesen; sie hatten ihm fleißig zugesprochen, und so kam es, daß sie sich ganz in der Stimmung befanden, welche zu einer solchen Wette nöthig war.

Hagenau schritt, als sie das Haus erreichten, voran. Er führte, ohne von dem Hausdiener angehalten oder gefragt zu werden, sie nach dem oberen Salon. Dort zog er die Würfel heraus, und das Losen begann.

Acht Offiziere und acht Mädchen. Das paßte sehr gut. Die Letzteren sollten zuerst würfeln, dann die Ersteren. Sieben der Mädchen warfen ihre Nummern; jetzt sollte die Achte an die Reihe kommen.

»Wally!« sagte Eine.

Die Genannte blieb ruhig sitzen, mit dem Gesicht nach der Ecke gekehrt. Sie schien von der Anwesenheit der Herren gar keine Notiz genommen zu haben.

»Wally, Du bist an der Reihe. So komme doch!«

Sie gab weder eine Antwort, noch regte sie sich.

»Soll ich es etwa der Madame melden?«

»Nein,« sagte da Hagenau, der es für gerathen hielt, sich in's Mittel zu schlagen. »Wir haben ja Zeit.«

»Zeit? Sie ist ja die Einzige, die noch zu würfeln hat.«

»Wenn auch. Es mögen nun sieben Herren würfeln. Wer übrig bleibt, bekommt eben die Wally. Auf diese Weise braucht sie gar nicht zu werfen.«

Dieser Vorschlag wurde ausgeführt, und nun fand es sich, daß Wally auf den Antheil - Hagenau's kam. Er lachte herzlich und sagte:

»Das große Loos! Aber ich will nicht unbillig sein. Ich habe einen famosen Vorschlag, meine eigene Erfindung! Könnte mir eine Medaille damit verdienen!«

»So, heraus damit!«

»Ein jeder Herr trinkt mit seiner Dame eine Flasche Wein; dann aber wechseln wir um.«

»Wieder würfeln?«

»Nein, denn da könnte eine Dame wieder auf ihren Herrn fallen. Wir bleiben sitzen, aber die Damen rücken dann um eine Stelle weiter.«

»Famos! Famos!«

»Nicht wahr? Also wenn pro Mann vier Flaschen getrunken sind, hat ein Jeder alle Damen bei sich gehabt. Also, nehmen wir Platz. Wein her und auf mit den Flaschen.«

Das war ein diesen Mädchen hoch willkommenes Arrangement. Der Wein perlte in den Gläsern und die Fröhlichkeit von den Lippen. Nur Zwei waren davon ausgenommen - Randau und Wally.

Der Erstere hatte zwar sein Mädchen neben sich sitzen. Er mußte auch mit demselben anstoßen; aber er sprach kein Wort. Er hatte seine Cigarre


// 1088 //

angebrannt und schien ganz in dem Anblick der Ringel, welche er blies, versunken zu sein.

Heimlich aber beobachtete er Wally, deren wunderbare Gestalt in das Kissen gegossen lag, ohne aber daß er ihr Gesicht erblicken konnte.

»Aber Herr, Sie sehen mich wohl gar nicht,« schmollte seine Nachbarin.

»O doch!« antwortete er einsilbig.

»So drehen Sie sich doch herum!«

»Lassen Sie mich! Ich sitze so sehr gut.«

»Aber ich gehöre Ihnen jetzt doch.«

»Sie müssen verzeihen,« entschuldigte er sich, freilich auf Kosten der Wahrheit, »ich habe Zahnweh.«

»O, da hilft der Wein. Oder ist es heftig?«

»Sehr.«

»Da weiß ich ein probates Mittel, welches auf der Stelle hilft.«

»Welches?«

»Ein Kuß. Kommen Sie!«

Sie wollte ihm den Arm um den Nacken legen, um ihn an sich zu ziehen, er aber wehrte sie ab.

»Wie garstig!« zürnte sie. »Weshalb sind Sie denn hier?«

»Ihretwegen nicht!«

Das war zu deutlich, als daß es nicht hätte von Wirkung sein sollen. Sie wendete sich ab und sprach nicht wieder mit ihm. Aber ihr Ärger suchte einen Gegenstand und fand ihn in Wally.

»Da drüben sitzt das dumme Ding!« sagte sie. »Wir werden von den Herren zurückgewiesen, und sie thut, als ob sie eine Heilige wäre. Ich werde die Madame holen.«

Sie wollte aufstehen, wurde aber von Hagenau, welcher an ihrer anderen Seite saß, zurückgehalten.

»Bleiben Sie!« sagte er. »Die Wally gehört jetzt mir, und wenn ich es dulde, daß sie da drüben sitzen bleibt, so geht das keiner Andern etwas an.«

»Geht es auch Niemand etwas an, wenn ich von einem Herrn beleidigt werde?«

»Sind Sie denn beleidigt worden?«

»Sie haben es doch auch gehört!«

»Pah! Er will keinen Kuß. Das ist doch wohl keine Beleidigung.«

»Was denn sonst?«

»Wissen Sie, er ist ein verkappter Einsiedler. Lassen Sie den Kerl gehen. Wenn Sie einen so großen Appetit nach einem Kusse haben, so will ich Ihnen helfen.«

»Soll ich Ihnen einen geben?«

»Mir nicht direct. Aber da habe ich meine hohen Reitstiefel an, ächtes, wohlriechendes und gut eingetalgtes Juchtenleder. Wenn Sie die beiden Schäfte küssen wollen, so will ich die Stiefel ausziehen; sie sollen Ihnen eine volle halbe Stunde zur Verfügung stehen.«


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Alles lachte; sie aber antwortete schlagfertig:

»Einverstanden, denn Ihr Juchtenleder zu küssen, das ist jedenfalls appetitlicher, als Ihr Gesicht abzulecken. Aber behalten Sie trotzdem die Stiefel an. Sie möchten sonst Ihre falschen Waden verlieren.«

»Bravo, Mädel! Du hast den Mund auf dem rechten Flecke. Trinke aus! Meine halbe Flasche ist alle; wir müssen jetzt wechseln.«

Die Mädchen rückten weiter. Der, zu welchem sich jetzt Wally zu setzen hatte, war nicht so nachsichtig wie Hagenau. Er blickte verlangend nach ihr aus und sagte:

»Nun, Fräulein, soll auch ich verzichten?«

Sie antwortete nicht.

»Wenn Sie glauben, daß ich Sie dispensire, so irren Sie sich. Kommen Sie, sonst hole ich Sie!«

Jetzt nahm sie doch Notiz von seinen Worten. Sie gab zwar keine hörbare Antwort, aber sie zuckte die Achseln in einer Weise, welche die tiefste Verachtung aussprach.

»Famos!« flüsterte Hagenau von diesem vornehmen Zucken der vollen, reizenden Schultern hingerissen.

»Nun, darf ich bitten?« fragte sein Kamerad in scharfem Tone.

Und als auch diese Mahnung fruchtlos war, stand er auf und ging zu ihr hin. Er faßte ihr Händchen und sagte:

»Wer wird so prüde sein! Ein Mädchen Ihres Standes muß - - Donnerwetter! Au!«

»Was ist's?« fragte Hagenau, welcher bemerkte, daß der Andere den Finger in den Mund steckte.

»Ich habe mich gestochen.«

»Wo denn?«

»Das weiß der Teufel. Dieser reizende Kobold hat meine Hand zurückgestoßen, und dabei bin ich an die Spitze eines Instrumentes oder einer Nadel gekommen.«

»Ha! Wespen stechen!« lachte Hagenau, welcher bemerkte, daß Wally eine Nadel in den Falten ihres Kleides verbarg. »Setzen Sie sich lieber nieder!«

»Fällt mir nicht ein. Sie muß mit!«

Er wollte die Hand abermals nach ihr ausstrecken, fühlte sich aber sofort am Arme ergriffen. Randau stand bei ihm und sagte in ernstem Tone:

»Bitte, keinen Zwang!«

»Aber, sie ist ja jetzt mein!«

»Hat sie ihre Zustimmung ertheilt?«

»Habe ich Sie etwa zu fragen?«

Die Augen Randau's blitzten auf; über sein hübsches Gesicht glitt ein fast drohender Ausdruck.

»Sind wir etwa hier, um Infamitäten zu begehen?« fragte er in strengerem Tone.

»Randau!« brauste der Andere auf.


// 1090 //

»Bitte, hier keinen Namen nennen! Diese Dame steht unter meinem Schutze!«

»Ah! So!« dehnte der Kamerad, der sich beleidigt fühlte. »Dame? Diese Mädchen sind für einen Jeden da, also auch diese hier für mich!«

»Ich wiederhole, daß ich sie nicht beleidigen lasse!«

»Soll ich diese Wiederholung als eine Beleidigung gegen mich ansehen?«

»Eine Beleidigung war nicht meine Absicht, aber ich habe nichts dagegen, zur Rechenschaft gezogen zu werden.«

»Gut, wir sprechen weiter darüber!«

Er kehrte an den Tisch zurück. Jetzt erst gerieth Wally zum ersten Male in eine freiwillige Bewegung. Sie wendete Randau ihr Gesicht zu und flüsterte:

»Danke!«

Welch' ein Gesicht, und welche Züge! Wie glühte die Röthe der Verlegenheit und der Entrüstung auf den bleichen und doch so vollen, zarten Wangen. Welch' ein Ausdruck lag in den vor Leid nassen Augen, aus denen doch ein Strahl des Zornes blitzte.

Sie hatte nur dieses eine Wort gesagt. Aber es war ihm, als ob darin ihr ganzer Jammer ausgesprochen liege. Er hatte Mühe, sich loszureißen und wieder an seinen Platz zurückzukehren.

Dort suchte Hagenau den Anderen zu beruhigen. Es gab einen Wortwechsel, welchen der lange Oberlieutenant mit der Aufforderung beendete:

»Macht keinen Unsinn! Du hast verzichtet, geradeso wie ich. Mag's ein Dritter versuchen. Trinken wir aus. Neue Flaschen her!«

Diejenige, welche erst neben Randau gesessen hatte, ging hinaus, um die vier Flaschen Wein zu holen. Da saß Melitta, die Besitzerin des Etablissements, neben ihr eine alte, hagere Dame, eine wahre Harpyenphysiognomie. Das war die Wirthschafterin und Directrice des Hauses. Zu ihr sagte das Mädchen:

»Haben Sie es gehört, Madame?«

»Was?«

»Von der Wally?«

»Nein. Wir haben uns hier laut unterhalten. Was ist's schon wieder mit ihr?«

»Sie ist bereits zu zwei Herren nicht gegangen, welche sie zu sich wünschten.«

»Dieses Verhalten werde ich ihr doch noch abgewöhnen.«

»Den Zweiten hat sie sogar mit der Nadel gestochen, als er sie bei der Hand nehmen wollte.«

»Was? Wirklich? Welche Frechheit! Diese Herren sind Offiziere! Das muß bestraft werden! Fräulein Melitta, holen Sie mir diese saubere Person doch einmal selbst heraus!«

»Warum ich?«

»Wenn ich sie rufe, kommt sie vielleicht nicht, weil sie weiß, was ihrer wartet. Bei Ihnen denkt sie vielleicht an einen anderen Grund.«


// 1091 //

Das Mädchen erhielt die Flaschen, und mit jenem zugleich trat Melitta in den Salon und winkte Wally, ihr zu folgen. Die Unglückliche gehorchte sofort.

Drinnen wurden die Gläser gefüllt, und die Mädchen veränderten zum dritten Male ihre Sitze. Dadurch wurde ein nicht unbedeutendes Geräusch verursacht; dennoch aber war es Randau dabei, als ob er draußen Etwas höre, wie wenn Jemand in die Hände klatsche.

Erst nach einer längeren Weile trat Wally wieder ein. Ihr schönes Gesicht war ganz verstört. Ihre Wangen glühten im Fieber; ihre Augen funkelten, und ihr Athem ging rasch und schwer, wie man an den Bewegungen ihres Busens bemerkte.

Sie setzte sich wieder auf ihren Platz und wollte das Gesicht ebenso wie vorher in die Ecke drücken. Da fühlte sie den leichten, höflichen Druck einer Hand auf ihrem Arm. Sie stieß mit einer hastigen Bewegung des Letzteren die Hand von sich fort, ohne sich umzusehen. Da flüsterte eine halblaute Stimme:

»Fräulein, bitte, blicken Sie mich an!«

Das war die Stimme Dessen, welcher vorhin Randau genannt worden war, der sie in Schutz genommen hatte. Es trieb sie, ihm ihr Gesicht zuzuwenden.

»Ich hörte Etwas,« sagte er. »Hat man Sie geschlagen?«

Sie erglühte noch mehr als vorher, und in ihre wundervollen Augen traten schwere Thränen.

»Bitte, antworten Sie!« bat er. »Sie sind geschlagen worden? Nicht wahr?«

»Nein,« flüsterte sie, von der Scham zu dieser Unwahrheit getrieben.

»Ich wollte es dieser Melitta auch nicht rathen.«

»Sie sind Offizier?« hauchte sie:

Er sah es ihr ganz deutlich an, daß sie jetzt das erste Mal einen Besucher dieses Hauses anredete.

»Ja, mein Kind,« sagte er, da es ihm widerstrebte, sie zu belügen. »Ein Offizier und hier! Sie denken nicht gut von mir?«

»Ich bin ja auch hier!«

»Aber gezwungen, und ich freiwillig! Nicht wahr, man hat Sie gezwungen?«

»Ja,« antwortete sie.

"Nicht wahr, man hat Sie gezwungen?"

Er stand vor ihr, die Hand auf die Platte des Tischchens gestemmt. Sie sah ihm voll und offen in das Gesicht.

»Wollen Sie fort von hier?« fragte er.

»Ich kann nicht.«

»Warum nicht?«

»Man läßt mich nicht.«

»Wer?«

»Melitta und die Wirthschafterin. Man läßt mich nicht aus dem Hause.«


// 1092 //

»Warum sprechen Sie nicht mit einem Besucher dieses Hauses darüber?«

»Diesen Leuten vertraue ich nicht.«

»Armes, armes Kind! Ich werde -«

Er mußte abbrechen, denn ein anderer Kamerad faßte ihn am Arme, zog ihn zur Seite und sagte:

»Halt, mein Bester! Das ist gegen die Verabredung! Jetzt gehört Wally zu mir!«

Sofort sank die Letztere wieder in ihre vorherige abgewendete Lage zurück.

»Laß die Dame gehen,« bat Randau.

»Warum nicht? Sie soll an den Tisch.«

»Bitte, peinige sie nicht. Sie will nicht.«

»Ist das wahr, Fräulein?«

Wally nickte mit dem Kopfe.

»Na, meinetwegen! Es widerstrebt mir, ein solches Wesen zur Freundlichkeit zu zwingen. Aber, Randau, Dein Verhalten ist ganz und gar gegen unser Programm.«

»Wieso?«

»Soll sie etwa Dir allein gehören? Bist Du bereits an der Reihe? Das ist gegen die Besprechung. Ich muß Dich ersuchen, bis dahin, wo die Reihe an Dich kommt, Deine Hand von der Dame zu lassen. Wenn ich jetzt freiwillig verzichte, so thue ich es nicht zum Vortheile des Einen und zum Schaden der Anderen!«

Er ging. Diesen Augenblick nahm Wally wahr. Sie sagte schnell und leise:

»Sie haben einen Kameraden meinetwegen beleidigt?«

»Nur vorübergehend.«

»Es wird doch nicht zu einer Forderung kommen?«

»Keinesfalls.«

»Ich habe Angst!«

»Warum?«

»Die Herren Offiziere sind in solchen Angelegenheiten, wie ich gehört habe, sehr streng und sehr schnell.«

»Und das beunruhigt Sie?«

»Sehr!«

»Ihretwegen doch nicht!«

Da fiel ein aufrichtiger, warmer Blick aus ihrem Auge auf ihn, und sic antwortete:

»O nein, meinetwegen gar nicht - aber - -«

»Aber - bitte, sprechen Sie weiter.«

Sie erblaßte und erglühte, senkte das Köpfchen nieder und flüsterte dann mit beinahe unhörbarer Stimme:

»Ihretwegen.«

Es ging ihm ein Gefühl durch das Herz, als ob ihm etwas unendlich Glückliches widerfahren sei.


// 1093 //

»Meinetwegen?« flüsterte er. »Sie kennen mich doch nicht?«

»Nein.«

»Und dennoch nehmen Sie Theil an mir?«

»Sie waren der Erste, welcher mir seinen Schutz gewährte!«

»Er soll Ihnen immer verbleiben.«

Nach diesen Worten ging er an den Tisch zurück.

Wieder war eine halbe Flasche geleert worden, und die Mädchen rückten weiter. Jetzt kam die Reihe an ihn, Wally bei sich zu haben. Der Stuhl neben ihm stand leer, und die Kameraden waren neugierig, was er jetzt thun werde.

»Nun?« fragte Hagenau.

»Was?« gegenfragte Randau, sich so stellend, als ob er ihn nicht verstehe.

»Wally ist jetzt Dein.«

»Ich verzichte.«

»Sapperment!« fluchte Hagenau vor Freude.

Aber die Anderen waren mit seinem Verzichtleisten nicht einverstanden. Einer von ihnen flüsterte ihm zu:

»Willst Du, daß wir verlieren?«

»Mir egal!«

»Du bist der Einzige, mit dem sie gesprochen hat.«

»Kann ich dafür?«

»Dir giebt sie vielleicht den Kuß!«

»Fällt ihr gar nicht ein!«

»Dann hätten wir gegen Hagenau gewonnen!«

»Ich bin nicht begierig auf den Gewinn.«

Damit war für ihn die Sache abgemacht; aber als die dritte Flasche angestochen wurde, kam derjenige Offizier an die Reihe, welcher vorher auf Hagenau's Wettvorschlag am Schnellsten eingegangen war.

Seine Miene zeigte eine siegreiche Entschlossenheit. Er nickte Hagenau zu und fragte ihn:

»Bist Du noch immer so siegesgewiß?«

»Mehr als vorher.«

»Nun, werden jetzt sehen!«

»Pah! Du blitzest ebenso ab wie vorher die Anderen.«

»Glaube es nicht. Paß auf, wie ich es mache!«

Wally war vorher wirklich geschlagen worden. Sie hatte dann die Andeutung empfangen, daß sie sich jetzt fügen solle, widrigenfalls der Hausdiener sie in Gegenwart der anwesenden Herren züchtigen werde. Sie hatte, ehe sie in den Salon zurückgekehrt war, ganz deutlich gehört, daß der Hausdiener gerufen wurde.

Jetzt nun befand dieser sich mit der Melitta und der Wirthschafterin im nebenan liegenden Büfettraume. Alle Drei schwiegen, um jedes Wort der im Salon geführten Unterhaltung zu hören und also sofort zu wissen, wenn Wally


// 1094 //

sich noch einmal weigern sollte, gegen einen der Offiziere liebenswürdig zu sein.

Die Gläser erklangen, und die Stimme des betreffenden Offiziers ließ sich hören:

»Bitte, Fräulein Wally, treten Sie näher!«

Wie gewöhnlich antwortete sie nicht.

»Haben Sie es gehört, Fräulein?«

Sie blieb auch jetzt stumm.

»Nun, wenn ich den fünffachen Preis für den Wein bezahle und hohe Trinkgelder geben muß, so will ich auch eine zuvorkommende Bedienung haben! Ich ersuche Sie allen Ernstes, sich an meine Seite zu setzen!«

Sie folgte auch dieser scharfen Aufforderung nicht. Da stand er mit den Worten von seinem Stuhle auf:

»Nun gut, so werde ich Sie holen!«

Er wollte zu ihr treten, um sie zu erfassen und mit Anwendung von Gewalt an den Tisch zu bringen. Da aber erklang die Stimme Randau's:

»Halt! Keine Gewalt!«

»Oho!«

»Nein, wirklich! Wir sind Menschen, aber keine Henker!«

»Soll ich meine Wette verlieren?«

»Ich bezahle für Dich!«

»Danke bestens! Wenn ich sie gewinnen kann, mag ich sie nicht geschenkt haben. Solch ungezogenem Verhalten muß man entgegentreten. Vorwärts, Fräulein!«

Er faßte sie beim Arme an, um sie emporzuziehen, fühlte aber da selbst Randau's Hand an seinem Arme.

»Ich habe bereits vorhin gesagt, daß diese Dame unter meinem Schutze steht,« sagte der Letztere.

»Das habe ich gehört. Du brauchtest das gar nicht erst zu erwähnen, sie steht ja unter unser Aller Schutz!«

»Nennst Du Dein Verhalten etwa Schutz?«

»Wie sonst?«

»Es ist ein Eingriff in die Menschenrechte!«

»Pah, Menschenrechte! Diese Dame ist hier, um sich mit uns zu amüsiren. Weiter nichts. Ich bereite ihr ein Amusement. Nennst Du das einen Eingriff in ihre Menschenrechte?«

»Allerdings!«

»Das begreife ich nicht. Setze Dich ruhig an Deinen Platz, und laß mich machen, was ich für gut und vergnüglich halte.«

»Thue mir doch den Gefallen und verzichte!«

»Fällt mir gar nicht ein! Vorwärts, Fräulein!«

Er streckte zum zweiten Male die Hand aus; da aber drängte sich Randau zwischen ihn und sie.

»Du wirst sie nicht anfassen!« gebot er.


// 1095 //

»Was? Willst Du es so weit treiben?«

»Diese Frage gebe ich Dir zurück. Was Du zu thun beabsichtigst, ist eines Ehrenmannes unwürdig.«

»Ich bitte Dich, Dich bei der Wahl Deiner Ausdrücke zu mäßigen.«

»Und ich bitte Dich, jetzt von dieser Dame abzulassen. Wir können ja zur beliebigen Stunde darüber verhandeln; jetzt aber gebe ich Dir mein Ehrenwort, daß ich sie von Keinem, dem sie es nicht ausdrücklich erlaubt, anrühren lasse. Ich spreche sehr im Ernste!«

»Donnerwetter, das ist stark!«

»Nein, es ist nur Menschen- und Christenpflicht!«

»Du, der Beschützer einer - einer - - Metze! Pfui!«

Da trat Randau einen Schritt auf ihn zu, und zwar in so scharfer, drohender Weise, daß der Andere um ebenso viel zurückwich.

»Pfui? So rufst Du mir zu? Was ist gemeiner, einen Menschen gegen gewisse, armselige Angriffe zu schützen oder ein Mädchen, welches man eine Metze nennt, zu Liebkosungen, welche verweigert werden, zu zwingen? Der Kuß, den Du verlangst, würde Dich, wenn Du ihn bekämst, für die ganze Lebenszeit entehren!«

Der Andere wollte antworten. Er öffnete bereits den Mund, fühlte aber das Gewicht der gehörten Worte so, daß er keine passende Entgegnung fand. Randau aber fuhr in ruhigerem Tone fort:

»Ich habe mich geweigert, mit nach hier zu gehen; Ihr aber habt mich gezwungen, mit zu kommen. Mein gegebenes Wort gab mich in Eure Hand. Aber ich sage Euch: Man kann mich wohl zwingen, einen Ort zu besuchen, dessen Atmosphäre meinem ganzen Wesen und meiner moralischen Gesundheit giftig erscheint, aber man kann mich nimmermehr zwingen, mich da an einer Gemeinheit zu betheiligen, welche ich und jeder andere Ehrenmann nur verdammen muß!«

Da stand Hagenau schnell von seinem Sitze auf und sagte:

»Randau, übertreibe es nicht! Ich bin die Veranlassung unserer Anwesenheit hier; redest Du gegen dieselbe, so sprichst Du gegen mich, und das muß ich mir verbitten!«

»Pah! Zieht meinetwegen Alle gegen mich blank; ich bleibe doch bei Dem, was ich gesagt habe.«

»Du nanntest unser Verhalten eine Gemeinheit!«

»Von Euch sprach ich nicht direct.«

»Aber Du meintest uns? Gestehe es, wenn Du Ehrlichkeit und Muth besitzest.«

»Ich brauche es nicht zu gestehen, denn es ist nichts Unrechtes, sondern ich brauche es nur zu constatiren. Ja, ich meinte Euch und Euer Auftreten gegen diese Dame.«

»Nun, dann werden wir uns morgen des Weiteren über diesen Gegenstand unterhalten, mein Lieber. Jetzt aber muß ich sagen -«

»Bitte, sagen Sie weiter nichts!« erklang es hinter ihm.


// 1096 //

Er drehte sich um und erblickte den Hausdiener. Hinter diesem standen die Melitta und die Wirthschafterin.

»Was wollen Sie?« fragte er.

»Unsere Pflicht thun. Dieses Mädchen hat bereits einen Verweis erhalten. Der neue und wiederholte Ungehorsam zwingt uns zu neuer Schärfe. Bitte, setzen Sie sich, meine Herren!«

Die Offiziere folgten unwillkürlich diesem Gebote. Der Hausdiener aber wendete sich an Wally:

»Hier herüber an diesen Tisch!«

Sie rührte sich nicht.

»Hier herüber, sage ich! Augenblicklich!«

Sie machte auch jetzt noch keine Bewegung, seinem Befehle Gehorsam zu leisten.

»Nun, so werden wir uns Gehorsam zu verschaffen wissen! Auf mit Dir!«

Er war ein überaus robuster und kräftiger Mann. Er faßte sie beim Arme und riß sie auf, so daß sie bis in die Mitte des Salons geschleudert wurde. Ihr Gesicht war leichenblaß geworden. Es wurde jetzt von dem Lichte hell beleuchtet.

Draußen in dem Nebencabinette erscholl ein lauter Schrei, welcher aber bei der Aufregung, die jetzt im Salon herrschte, nicht gehört oder nicht beachtet wurde.

»So! Hier hast Du die Strafe für Deine Frechheit, verdammte Dirne!«

Bei diesen Worten holte der Diener aus und schlug sie so schnell mit beiden Händen auf beide Wangen, daß es von Niemand verhindert werden konnte. Im nächsten Augenblicke aber stand Randau vor ihm und brauste ihm entgegen:

»Mensch, was thun Sie hier?«

Aber noch eine andere Stimme rief dem braven Offizier von der anderen Seite zu:

»Lassen Sie das! Hier bin jedenfalls ich der Mann, einzuschreiten! Wally, heißen Sie Petermann?«

»Ja,« hauchte sie, ohne ihn anzusehen.

Sie hielt beide Hände vor das vor Schmerzen brennende Gesicht. Der Hausdiener wendete sich an den Eindringling. Petermann war es, welcher aus dem Cabinette getreten war.

»Was geht Sie das an? Sie haben hier kein Wort zu sagen! Und damit Sie das erkennen, werde ich das Mädchen vor Ihren Augen züchtigen! Hier! Da!«

Er holte blitzesschnell aus und schlug Wally abermals in's Gesicht, sank aber im nächsten Augenblicke von einem schweren Gegenstande auf den Kopf getroffen, lautlos zu Boden. Petermann hatte eine Weinflasche vom Tische fortgerissen und sie ihm auf dem Kopfe zerschlagen.


// 1097 //

Vor Schreck waren Alle stumm. Nur Petermanns Stimme erscholl jauchzend:

»Valesca!«

Da nahm sie die Hand von den Augen. Ihr Blick fiel auf den Vater, welchen sie sofort erkannte.

»Vater! Mein Vater!« rief sie jubelnd aus.

Er öffnete die Arme und sie stürzte an seine Brust. Aller Augen ruhten auf der Gruppe. Sie streichelte ihm die Wangen und küßte ihn und rief dabei freudig:

»Frei! Du bist frei! Du kommst, mich zu retten!«

»Ja, ich habe Dich gesucht, mein theures Kind. Man hat Dich betrogen und verkauft, nicht wahr?«

»Ja, ja! Schaffe mich fort, nur fort von hier!«

»Sogleich, sogleich! Vorher aber noch eine Frage: Hat man Dich gezwungen, oder hat Gott Dir beigestanden bei Deinem Widerstande?«

Da blickte sie ihm voll und aufrichtig in die Augen und antwortete:

»Vater, Du bist noch zur rechten Zeit gekommen.«

»Gott sei Dank! Wäre das nicht der Fall, ich würde diese ganze Kuppelgesellschaft hier erwürgen! Ich werde sie dennoch dem Strafrichter übergeben. Komm!«

Er nahm sie bei der Hand, um sie fortzuführen. Da erblickte er Randau. Er hatte, ohne seine Tochter vollständig sehen zu können, Alles beobachtet. Erst als sie nach der Mitte des Salons geschleudert worden war, hatte er sie erkannt. Er bot dem jungen Lieutenant die Hand.

»Herr,« sagte er, »ich habe Sie Randau nennen hören, weiter weiß ich nichts von Ihnen; aber eins weiß ich, nämlich daß Sie ein Ehrenmann sind. Sie haben mein Kind in Ihren Schutz genommen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür!«

Nachdem er ihm die Hand gedrückt hatte, wendete er sich nach der Thür. Aber dort trat ihm die Melitta entgegen. Sie sagte:

»Was soll das heißen? Sie wollen gehen?«

»Ja, natürlich!«

»Doch nicht mit Wally?«

»Was sonst! Sie ist meine Tochter.«

»Dieses Kleid ist nicht das ihrige!«

»Das wird sich finden?«

»Sie hat über achthundert Gulden Schulden bei mir!«

»Das mag vom Gerichte untersucht werden!«

»Ich lasse sie ohne Kündigung nicht fort!«

»Wer sie hier zurückhalten will, den schlage ich mit der Faust nieder! Verstanden?«

Er trat drohend auf sie zu. Sie wich zurück und ließ ihn gehen. Er führte seine wiedergefundene Tochter durch das Büfettzimmer hinaus in den Corridor, zur Treppe hinab, den Flur entlang und gelangte, da der Haus-


// 1098 //

diener sich jetzt nicht als Wächter hier befand, unangefochten mit ihr auf die Straße. Dort blieb er stehen.

»Gott sei Lob und Dank,« seufzte er tief auf. »Das war eine wahre Höhle des Teufels!«

»Fast noch schlimmer, lieber Vater. Ich kann mir selbst den Teufel nicht ohne Mitleid denken; diese Menschen aber hatten kein Erbarmen.«

»Ich werde sie bestrafen lassen, mit aller, aller Strenge. Jetzt aber komm! Wir haben einander viel, außerordentlich viel zu erzählen.«

»Wohin gehen wir?«

»In einem Gasthof ersten Ranges. Morgen früh suche ich die Polizei auf, um Anzeige zu machen, und dann wird es sich ja finden, wo wir unser Domizil aufschlagen.«

Droben war Alles in größter Aufregung zurückgeblieben. Die Melitta und die Wirthschafterin knieten bei dem Hausdiener, welcher kein Lebenszeichen von sich gab, und die Herren Offiziere blickten einander sehr betroffen an, ohne zunächst ihren Gedanken Ausdruck zu geben.

»Da habt Ihr nun die Folgen Eurer Unvorsichtigkeit!« sagte Randau.

»Verdammt! Außerordentlich fatal,« schnarrte Hagenau.

»Du wolltest morgen über diese Angelegenheit weiter mit mir sprechen. Ich stehe Dir und Jedem zu Gebote. Gute Nacht, meine Herren!«

»Wohin?«

»Ich sehe, daß ich diesen armen Petermann noch finde.«

»Suche ihn versöhnlich zu stimmen.«

»Er wird nicht wie eine Guitarrensaite an sich herumdrehen lassen. Ich habe drei Flaschen Wein zu bezahlen. Hier ist das Geld.«

Er warf drei Goldstücke auf den Tisch und ging.

»Auch das noch!« knurrte Hagenau. »Miserable Situation! Pyramidal unangenehmer Abend!«

»Wir haben ihn Dir zu danken!« erinnerte Einer.

»Hm! Armseliger Einfall, hierher zu gehen!«

»Dieser Einfall war von Dir - Deine eigene Erfindung. Dieses Mal kannst Du allerdings ein Patent darauf nehmen.«

»Fällt mir gar nicht ein!«

»Wirst es aber dennoch bekommen, nämlich vom Obersten.«

»Donnerwetter! Der erfährt die Sache freilich!«

»Und dann diese Nasen!«

»Formidables Elend! Colossales Pech! Riesenschlangenähnliche Verlegenheit!«

»Wenn wenigstens dieser Petermann mit sich sprechen ließe, daß er von einer Anzeige absähe!«

»Randau wird ihn umstimmen!«

»Er wird als Camerad Alles thun, doch zweifle ich, daß es ihm gelingen wird.«

»Uebrigens habt Ihr ihn schwer gereizt.«


// 1099 //

»Du wohl nicht?«

»Hm! Verdammter Wein! Verdammte Venushöhle! Hatten Alle den Kopf verloren! Wie kann ich dem Alten, dem Commandeur, vor die Augen treten! Werde vor ihm stehen wie ein Junge, der die Buttermilch und den Quark hat fallen lassen. Unbeschreibliche Blamage!«

»Deine eigene Erfindung!«

»Sollte sich nichts thun lassen? Fräulein Melitta!«

Diese hatte sich bis jetzt mit dem Hausdiener beschäftigt. Auf den Ruf des Officiers stand sie vom Boden auf, wo sie neben dem Ersteren gekniet hatte.

»Was befehlen Sie, Herr Oberlieutenant?« fragte sie.

»Miserable Patsche, in die wir da gerathen sind. Nicht?«

»Allerdings.«

»Werden es aber tragen müssen!«

»Was wollen wir sonst machen! Ich komme am Schlechtesten weg. Sie werden nur als Zeugen gefordert werden.«

»Ist schlimm genug, sehr schlimm! Werden dennoch Alle in die Käse fliegen, Alle!«

»Ich noch mehr!«

»Lange Nasen, moralische Rüpel, höchst unangenehme dienstliche Rippenstöße, Stubenarrest, Versetzung und sonstige Bescheerungen. Hole es der Teufel.«

»Thut mir leid, aber kann ich es ändern? Ich habe nicht die Ehre gehabt, Sie einzuladen.«

»Nein; das ist wahr! Sind selbst gekommen! Aber, habe dennoch einen guten Gedanken! Famose Idee! Prächtiger Einfall! Kommt von mir! Meine eigene Erfindung! Wollen Sie hören?«

»Bitte, sprechen Sie!«

»Werden Ihnen dankbar sein, ganz ungeheuer, ganz unaussprechlich dankbar!«

»Was ich thun kann, ohne mir selbst Schaden zu bereiten, das soll geschehen!«

»Sie kennen mich natürlich?«

»Sehr wohl!«

»Bin reich, sehr reich. Verstanden?«

»Ja.«

»Werde Ihnen hübsche Gratification zahlen, wenn wir nicht in diese Geschichte verwickelt werden.«

»Wie sollte das möglich sein?«

»Ganz leicht! Ungeheuer leicht! Wir sind ja fremd!«

»Ah, so!«

»Wir sind nicht von hier. Sie kennen uns nicht!«

»Wird das möglich sein?«


// 1100 //

»Na, sehr gut! Wer will denn Ihnen beweisen, daß Sie uns gekannt haben?«

»Ja, das ist wohl wahr, aber -«

»Was aber! Kein Aber!«

»Ich begebe mich damit in noch größere Gefahr!«

»Wieso?«

»Ich habe keinen Zeugen gegen diesen Petermann, wenn ich Sie nicht nennen darf.«

»Unsinn! Riesenhafter Unsinn! Colossale Gedankenlosigkeit, meine beste Melitta!«

»Wieso?«

»Nicht Ihnen gegen ihn werden die Zeugen fehlen, sondern nur ihm gegen Sie!«

»Das will mir nicht einleuchten.«

»Wer will ihm bezeugen, wenn wir nicht da sind, daß seine Tochter geschlagen worden ist?«

»Ach so! Ja, das ist wahr!«

»Also! Famoser Gedanke! Gigantischer Scharfsinn! Pythagorischer Einfall! Nun, was sagen Sie?«

»Ich will es mir überlegen!«

»Aber bald!«

»Bis morgen früh.«

»Und dabei nicht vergessen, daß wir dankbar sein werden, ja nicht vergessen.«

Sie machte ein pfiffiges Gesicht und fragte:

»Wäre es Ihnen nicht möglich, gleich etwas Bestimmtes über Ihre Dankbarkeit zu sagen?«

»Wie meinen Sie das?«

»Könnten Sie nicht die Art und Weise und die Höhe Ihres Dankes genau formuliren?«

»Nein, beste Melitta, das geht nicht, das ist unmöglich.«

»Warum?«

»Meine Dankbarkeit muß sich ja nach Dem richten, was Sie für uns thun oder für uns unterlassen! Aber das kann ich doch jetzt noch gar nicht wissen.«

»Das sehe ich freilich ein.«

»Uebrigens muß Ihnen mein Wort soviel gelten als baares Geld.«

»Gut. Ich werde Sie beim Worte halten!«

»Also abgemacht?«

»Abgemacht! Hier meine Hand!«

Sie reichten sich die Hände. Einer der Officiere aber brachte noch ein Bedenken vor. Er sagte:

»Das bietet uns noch keine Sicherheit, lieber Hagenau.«

»Wieso?«


// 1101 //

»Wir wissen ja gar nicht, was Randau thun wird.«

»Der? Was kann er Besseres thun als schweigen!«

»Hm! Ich halte ihn in dieser Angelegenheit für unberechenbar. Er wird glauben, seine Ehre erfordere es, sich als Zeuge zu melden.«

»Das wäre eine wahrhaft cyklopenhafte Verwegenheit!«

»Sie ist ihm zuzutrauen.«

»Denkt Ihr? Wirklich? Werde ihn aufsuchen! Werde ihn umstimmen!«

»Du scheinst heute auf das Umstimmen ganz und gar versessen zu sein!«

»Ist auch nothwendig. Bin sonst kein Freund vom Stimmen; bin höchst unmusikalisch. Umstimmen aber ist viel leichter als Clavierstimmen. Will es wenigstens versuchen.«

»Ich wünsche sehr, daß es Ihnen gelingt, Herr Oberlieutenant,« sagte die Melitta. »Jetzt aber haben Sie wohl einmal die Güte, mir hier beizustehen?«

»Wo?«

»Bei dem Diener. Er ist ganz starr und steif.«

»Wird ohnmächtig sein.«

»Denken Sie?«

»Natürlich. Hat zwar eine Elefantennatur, der Kerl, war aber ein fürchterlicher Hieb! Flasche zerbrochen!«

»Mein Gott! Es scheint, er hat keinen Athem mehr.«

»Blasen Sie ihm in den Mund. Verstehe mich auf die Rettung Verunglückter. Hängen, Ersäufen, Vergiften, Kohlengase - nichts als nur an den Armen und Beinen ziehen und dabei in den Mund blasen!«

»Aber ich fühle auch keinen Puls!«

»Ist auch nicht nöthig!«

»Nicht?« fragte sie ihn erstaunt.

»Nein. Brauchen ihn doch gar nicht zu fühlen, wenn er ihn nur hat. Verstanden?«

»Aber wenn er ihn nun nicht mehr hat!«

»Das ist ganz unmöglich!«

»Meinen Sie? Wirklich?«

»Ja. Der Kerl wird doch nicht den Puls haben fahren lassen, Ihnen und uns zum Schaden!«

»Ach bitte, fühlen Sie doch einmal!«

Hagenau kniete nieder und legte seine Finger um das Handgelenk des Hausdieners und sagte dann beruhigend:

»Fühle zwar keinen, aber der Arzt wird ihn schon finden. Bei Ohnmachten zieht sich der Puls bis in das Herz zurück.«

»Also Sie meinen, daß ich nach einem Arzte senden soll?«

»Natürlich! Doch nicht etwa zu einem Sattler- oder Seilermeister! Noch neun Flaschen zu bezahlen! Hier ist Casse nebst Trinkgeld.«

Er warf die wohlgefüllte Börse auf den Tisch und verabschiedete sich. Seine Cameraden folgten ihm natürlich und ließen die Melitta mit den Ihrigen


// 1102 //

in ihrer Noth zurück. Es war wirklich das Beste, einen Arzt zu holen. Die Wirthschafterin machte sich auf den Weg. Sie hatte es sehr eilig.

Wenn Jemand auf der Straße, zumal ein weibliches Wesen, so schnell läuft, so läßt sich sehr leicht errathen, daß der Arzt oder der Apotheker gesucht wird. Denselben Gedanken schien ein Herr zu haben, den sie beinahe umgerannt hätte. Er faßte sie am Arme, hielt sie fest und fragte:

»Halt, Frau! Wohin so eilig?«

»Zu einem Doctor!«

»Dachte es mir. Ist es eilig?«

»Ja.«

»Nun, ich bin Arzt.«

»Gott sei Dank! So brauche ich nicht weiter zu gehen. Kommen Sie. Herr Doctor!«

Sie kehrte schleunigst um. Unterwegs fragte er:

»Um was handelt es sich denn?«

»Um eine Ohnmacht.«

»Ah, das ist nicht gefährlich.«

»Vielleicht doch! Es ist ihm eine Weinflasche auf den Kopf geschlagen worden.«

»O weh! Ihm, sagen Sie. Der Betreffende ist also eine männliche Person?«

»Ja. Unser Hausdiener. Wir fühlen keinen Puls und auch keinen Athem.«

»Dann ist allerdings Eile nöthig. Laufen Sie!«

Sie folgte ihm, so schnell sie konnte. Als sie in das Haus trat, blieb er überrascht stehen.

»Hier ist's?« fragte er.

»Ja. Bitte, schnell!«

Er hatte sofort erkannt, welch ein Haus es war. Auf der Treppe begegnete er einigen Mädchen, an deren Kleidung er sah, daß er sich nicht geirrt habe. Die Wirthschafterin führte ihn in den Salon. Die Mädchen hatten denselben verlassen. Der Diener lag auf einem Divan, und die Melitta saß bei ihm.

»Ich fand diesen Herrn auf der Straße,« meldete die Wirthschafterin. »Er sagte, daß er ein Arzt sei, und so bat ich ihn, mitzukommen.«

»Sehr gut, sehr gut! Ich befinde mich in großer Sorge,« sagte die Melitta, sich von ihrem Sitze erhebend.

»Doctor Zander, Assistent bei Herrn Director Doctor Mars,« stellte sich der junge Mann vor.

»Bitte, da liegt der Mann!«

Zander warf einen Blick über die Diele. Er sah die Glasscherben und machte ein besorgtes Gesicht.

»Die Flasche ist zerbrochen,« sagte er. »Der Hieb muß also ein ungewöhnlich kräftiger gewesen sein.«


// 1103 //

"Er wird doch nicht todt sein!"

»Gott! Er wird doch nicht todt sein!«

»Hoffen wir das Gegentheil!«

Er trat zu dem Hausdiener heran und nahm dessen Hände. Sein Gesicht wurde ernster. Er öffnete Rock, Weste und Hemd und legte die Hand auf die Gegend des Herzens.

»Bitte, einen kleinen Spiegel!« sagte er dann.

Der Spiegel wurde gebracht. Er hielt ihn vor den Mund und die Nase des Dieners und betrachtete ihn dann scharf.

Draußen vor der offenen Thür versammelten sich die Mädchen, welche vorher noch so lustig gewesen waren. Im Halbdunkel sahen ihre vor Erwartung starren, geschminkten Gesichter wie Masken aus.

Der Arzt legte den Spiegel weg und untersuchte dann die Hirnschale des Dieners. Nach einer kurzen Weile nickte er sehr ernst mit dem Kopfe. Er war zu einem unglücklichen Ergebnisse gelangt, das sah man ihm an.

»Was werden wir hören müssen!« jammerte die Melitta.

»Fassen Sie sich!« sagte er. »Das Ergebniß meiner Untersuchungen ist allerdings kein erfreuliches.«

»Ist er todt?«

»Ja.«

»Herrgott! Welch ein Unglück!«

»Wer hat ihn mit der Flasche geschlagen?«

»Ein Gast.«

»Mit Absicht?«

»Ja.«

»Also ein Todtschlag oder gar ein Mord. Sie müssen sofort Anzeige machen.«

Die Frauenzimmer schlugen vor Schreck die Hände zusammen und stießen laute Jammerrufe aus.

»Irren Sie sich nicht?« fragte die Melitta. »Ach, wenn Sie sich doch täuschten!«

»Es ist kein Irrthum möglich. Der Mann ist auf der Stelle todt gewesen. Die Hirnschale ist ihm total zerschmettert. Sie wird nur noch durch die Kopfhaut zusammengehalten. Kennen Sie den Thäter?«

»Persönlich ja, sonst aber nicht weiter.«

»Wo wohnt er?«

»Ich weiß es nicht.«

»Aber er ist doch aus Rollenburg?«

»Höchst wahrscheinlich nicht.«

»Desto schneller müssen Sie Anzeige machen, damit der Mann womöglich noch ergriffen werden kann. Hat er sein Opfer noch untersucht, ehe er entkam?«

»Nein. Er ist ganz ruhig fortgegangen. Er glaubt nicht, diesen armen Menschen erschlagen zu haben.«


// 1104 //

»So befindet er sich wohl noch in der Stadt. Also eilen Sie nach der Polizei. Ich will bei der Leiche bleiben, bis die Beamten kommen.«

Die Wirthschafterin trat nun diesen zweiten, schweren Gang an. Die Melitta schritt erregt in dem Salon auf und ab. Sie vermochte vor Angst nicht, einen festen Gedanken zu fassen.

»Die Beiden stritten sich wohl mit einander?« fragte Doctor Zander.

»Ja.«

»Auf welche Veranlassung?«

»Ich war nicht dabei,« log sie. »Ich kam erst zu spät dazu. Es war mir nicht möglich, den Streit zu schlichten. Was soll daraus werden!«

»Sind Zeugen vorhanden?«

Sie zögerte, zu antworten. Erst nach einer Weile sagte sie:

»Ich weiß das nicht. Ich bin überhaupt jetzt zum Denken unfähig: ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht.«

In seinem Gesicht sah man das Mitleid mit der Verachtung kämpfen. Um nur Etwas zu sagen, erkundigte er sich:

»Darf ich vielleicht Ihren Namen wissen?«

»Wie, den wissen Sie noch nicht?«

»Nein. Ich befinde mich erst seit Stunden, nicht seit Tagen hier in Rollenburg.«

»Mein Name ist Melitta.«

»Melitta?« fragte er erstaunt, fast erschrocken.

Das war ja der Name, den er vergessen hatte!

»Ja, so heiße ich,« sagte sie.

Er strich sich schnell mit der Hand über die Stirn und fragte sichtlich erregt:

»Giebt es mehrere Damen dieses Namens hier?«

»Nein. Der Name Melitta ist überhaupt sehr selten.«

»Sie treiben - - was ist Ihr Geschäft?«

Sie erröthete doch einigermaßen, als sie antwortete:

»Das werden Sie bereits bemerkt haben. Sie sind ja Arzt, Herr Doctor.«

»Ah! Sind Sie vielleicht nebenbei Malerin?«

Jetzt wurde sie aufmerksam. Sie wußte, daß sie von ihrem Agenten Uhland zuweilen für eine Malerin ausgegeben wurde. Das konnte sie nicht gestehen.

»Ich habe nie gemalt,« antwortete sie.

»Wirklich?«

»Nie. Ich habe keinen Begriff vom Zeichnen oder gar vom Malen.«

»Haben Sie auch nicht Malerinnen in Pension?«

»Niemals gehabt.«

»Und Sie wissen ganz genau, daß Sie die einzige Melitta in Rollenburg sind?«

»Ganz genau.«


Ende der sechsundvierzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk