Lieferung 50

Karl May

8. August 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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empor. Nach wenigen Augenblicken hatte Herr 'Arthur' Gesicht und Augen so voll, daß auch er nichts mehr zu sehen vermochte.

Da packte ihn eine grimmige Wuth. Er nahm alle seine Kräfte zusammen und gab seiner Freundin nun Alles, was er bisher von ihr bekommen hatte, mit hohen Zinsen zurück. Beide brüllten, schrieen, quiekten, schnaubten, stampften, pusteten, husteten, niesten, schlugen und bissen auf einander ein. Es war ein Anblick zum Entsetzen, aber auch zum Todtlachen.

Hilda war zunächst ganz bestürzt über die Folgen ihres Vertheidigungsschusses.

Dann wollte sie den Beiden auseinander helfen, sah aber ein, das sie sich dann nur selbst in Gefahr begebe. Sie beschloß zu fliehen. Was hatte sie zu erwarten, wenn die Beiden wieder auf die Füße und in den Besitz des Sehvermögens kamen?

Sie raffte also ihren, glücklicher Weise nicht beschädigten Hut vom Boden auf und eilte dem Ausgange zu. Weiter aber kam sie nicht; denn die Thür öffnete sich.

Die Balletmeisterin trat ein und hinter ihr eine junge, schwarz gekleidete Dame von vornehmer Haltung.

Kurz vorher nämlich hatte es am Eingange geklingelt, und als die Balletmeisterin nachschaute, stand diese vornehme Dame am Eingange.

»Was wünschen Sie?« fragte sie.

»Ist der Herr Balletmeister zu sprechen?«

»Sie meinen den Herrn Balletmeister und Kunstmaler, meinen Mann?«

»Ja, jedenfalls.«

»Er wird wohl kaum zu sprechen sein.«

»Kann er sich nicht für einen Augenblick frei machen?«

»Glaube schwerlich. Er malt Modells, nämlich eine Medea und eine Psyche.«

»Zu gleicher Zeit?«

»Nein, sondern hinter einander.«

»Das muß interessant sein: eine Psyche hinter der Medea, oder auch umgekehrt.«

»O, mein Mann bringt das schon fertig! Was wollen Sie denn jetzt von ihm?«

»Ich habe mich ihm vorzustellen. Ich heiße Ellen Starton.«

»Was? Die amerikanische Tänzerin?«

»Ja, Madame.«

»O, da werden Sie nicht abgewiesen! Sie werden Ihre Collegin bei ihm finden, nämlich Mademoiselle Leda.«

Sie schritt voran und Ellen folgte ihr. Da drang ihnen ein unerklärlicher Scandal entgegen. Sie eilten schnell vorwärts, öffneten die Thür und erblickten nun die ganze farbenreiche Christbescheerung.

Die Frau des Balletmeisters konnte den Vorgang zwar nicht begreifen, aber sie sah ihren Mann im Kampfe mit der Tänzerin. Sie eilte auf Beide zu, schlug, um ihrem »Arthur« zu helfen, auf seine Gegnerin ein, wurde aber


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von vier Armen gepackt, niedergerissen, in der Brühe hin- und hergewälzt und erhielt nun von zwei Seiten vollwichtige Prügel.

»Um Gotteswillen, was ist geschehen?« fragte die fremde Dame die vor Aufregung zitternde Hilda.

»Ach, retten Sie mich! Sie wollen mich zwingen, Modell zu sitzen. Ich will lieber sterben!«

»Sie armes Kind! Ist das der Balletmeister?«

»Ja.«

»Und ist dieses Frauenzimmer die Tänzerin Leda?«

»Ich weiß es nicht. Wir wollen gehen!«

»Nein. Bleiben Sie! Kein Mensch soll Ihnen ein Leid zufügen. Sie stehen unter meinem Schutze. Aber, wie bringen wir die Balgenden auseinander?«

Sie wollte der sich am Boden wälzenden Gruppe näher treten; allein Hilda hielt sie am Arme fest und sagte in angstvollem Tone:

»Nein, nein, gehen Sie nicht hin, Fräulein! Sie werden doch nur in den Streit verwickelt!«

»Sie mögen Recht haben. Setzen wir uns, um einfach als Zuschauer abzuwarten, bis dieser interessante Knäuel sich entwirrt hat.«

Die Beiden zogen sich in eine sichere Ecke zurück, in welcher sie zwei Plätze fanden, wo sie hoffen konnten, in die Balgerei nicht verwickelt zu werden.

Dieselbe schien überhaupt sich jetzt ihrem Ende zu nähern. Die Balletmeisterin hatte ihre kreischende Stimme mit solcher Macht erhoben, daß ihr Mann jetzt erkennen mußte, er habe seine eigene andere Hälfte mit denjenigen Faustschlägen tractirt, welche der Tänzerin gegolten hatten.

»Aurora!« rief er aus. »Bist Du es denn?«

»Natürlich!« antwortete sie. »Was trommelst Du denn auf mich hinein?«

»Ich kann Dich ja nicht sehen, mein Liebling!«

»So laß mich nur wenigstens frei!«

»Gut! Hier! Aber nun hilf auch mir mit los!«

»Gleich, gleich!«

Sie faßte die Tänzerin mit solchem Nachdrucke bei der Kehle, daß diese ihre Hände von dem Tanzmeister nahm.

»Gott sei Dank!« ächzte dieser. »Ich athme wieder auf!«

Er raffte sich vom Boden auf, und auch die beiden Damen thaten dasselbe.

»Welch eine Unverschämtheit!« stöhnte die Tänzerin. »Ueber mich herzufallen wie ein Räuber, wie ein Wilder!«

»Sie selbst waren schuld!« vertheidigte er sich. »Ich wollte Sie aufheben. Sie aber schlugen sogleich auf mich ein.«

»Ich dachte, dieses Frauenzimmer, die Nähmamsell, vor mir zu haben. Wo ist sie denn?«

»Ich weiß es nicht. Ich kann ja nicht sehen!«

»Ich auch nicht.«


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»Und auch ich nicht!«

So standen diese Drei jetzt beisammen und rieben sich die Augen. Da fiel dem Balletmeister die zunächst liegende Hilfe ein. Er sagte:

»In der Ecke am Fenster haben wir ja Wasser und auch das Handtuch.«

Sie begaben oder vielmehr tappten sich nach der angegebenen Ecke, um am Waschtische den Versuch zu machen, wenigstens zunächst die Augen frei zu bekommen. Sie verzichteten zunächst auf jede mündliche Auseinandersetzung und gaben sich nur dieser einzigen Bemühung hin. Herr »Arthur« war der Erste, welcher den Gebrauch des Sehens wieder erlangte. Sein Blick fiel auf die Umgebung.

»Herr, mein Heiland!« sagte er. »Welch eine Bescheerung ist da angerichtet worden!«

Seine Frau blinzelte an sich hernieder und jammerte:

»Und mein Kleid, mein Anzug! Meine ganze Toilette ist hin, ist verdorben!«

Die Tänzerin rieb sich mit dem Handtuche die Farbe im Gesichte breit und versuchte, die zusammengekleisterten Augenlider auseinander zu ziehen. Es gelang ihr so leidlich.

Nun blickten sich die Drei an. Sie wußten zunächst nicht, welchen Ausdruck sie der gegenwärtigen Situation geben sollten. Dann aber schlug die Leda plötzlich ein schallendes Gelächter auf und rief:

»Herr Balletmeister, blicken Sie einmal in den Spiegel!«

»Wozu?« brummte er zornig.

»Sie sehen so bunt aus, wie ein Stieglitz!«

»Das läßt sich denken!«

»Dort im Kienöltopfe steckt Ihre Perrücke!«

»Donnerwetter!«

Er griff nach seinem Kopfe und bemerkte erst jetzt, daß er die lockige Bedeckung seines Hauptes verloren hatte. Er sah sie aus dem Topfe hervorragen.

»O Du heiliges Pech!« rief er aus. »Die ist hin!«

»O nein,« lachte die Tänzerin, »sie ist nur mit der nöthigen Farbenpracht versehen worden!«

»Und meine Hose, meine Weste, mein Jaquet!«

»Wie ich bereits sagte: der reine Stieglitz!«

»Na, Sie sehen auch nicht anders aus!«

Jetzt erst betrachtete sie sich selbst auch. Das Haar hing ihr wirr und mit Farben beklebt, vom Kopfe. Ihr Kleid war zerrissen und beschmiert. Dennoch aber fiel es ihr nicht ein, ihr Gelächter zu mäßigen. Sie fuhr vielmehr fort:

»Herrlich! Prächtig! Welch' ein Abenteuer!«

»Danke schön!«

»Wie ist denn das gekommen?« fragte seine Frau.

»Ein Mißverständniß!« erklärte die Leda.


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»Mißverständniß?« sagte er. »Das glauben Sie doch wohl selbst nicht?«

»Warum nicht? Ich hielt Sie für die - - ah, wo ist sie denn eigentlich?«

»Wer denn?« fragte die Balletmeisterin.

»Die Nähterin.«

Sie sahen sich um. Die Amerikanerin aber saß mit Hilda so, daß man sie Beide wegen der zweiten Staffelei und einem breiten Vorhange nicht sehen konnte.

»Sie ist fort!« sagte er.

»Entflohen!« nickte die Tänzerin.

»Sie wird mit der Starton gegangen sein,« bemerkte die Frau des Herrn 'Arthur'.

»Starton?« fragte die Leda aufhorchend.

»Ja, mit der Starton.«

»Meinen Sie etwa die amerikanische Tänzerin?«

»Ja.«

»Mit dieser soll sie gegangen sein?«

»Ich vermuthe es.«

»War denn die Amerikanerin da?«

»Freilich. Sie wollte mit meinem Manne sprechen.«

»Und wo befand sie sich?«

»Hier im Zimmer. Ich nahm sie mit her, um sie anzumelden.«

»Himmel! Hier im Zimmer? So hat sie wohl auch gesehen, was da vorgekommen ist?«

»Natürlich. Sie trat mit mir zugleich ein.«

»Na, das haben Sie schön gemacht, sehr schön! Welch' eine Blamage! Sie wird nun überall davon erzählen. Hat sie denn Alles, Alles gesehen?«

»Das weiß ich nicht. Sie wird sich aber vermuthlich gleich entfernt haben.«

»Hoffentlich kennt sie mich nicht!«

»Ich habe ihr leider gesagt, daß Sie sich bei meinem Manne befinden und daß sie also Gelegenheit finden werde, Sie kennen zu lernen.«

Da stieß die Tänzerin von neuem ein schallendes Gelächter aus.

»O weh! Oh weh!« rief sie dabei. »Da hat sie mich allerdings sogleich von einer höchst interessanten Seite kennen gelernt!«

»Vermuthlich hat sie aber nicht gedacht, daß Sie es waren, die sich da in den Farben wälzte.«

»Sie wird es aber sicher erfahren.«

»Von wem denn?«

»Von der Nähterin, die sich mit ihr entfernt hat.«

»Sie irren!« ertönte es da von der anderen Seite des Zimmers her.

Ellen war von ihrem Sitze aufgestanden und näherte sich ihnen.

»Sie sind noch da?« fragte die Balletmeisterin in höchsten Grade erschrocken.


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»Wie Sie sehen!«

»Ich glaubte, Sie seien fort!«

»Konnte ich gehen? Sie versprachen, mich dem Herrn Balletmeister anzumelden. Es wäre jedenfalls eine große Verletzung aller Anstandsformen meinerseits gewesen, wenn ich mich entfernt hätte.«

Sie stand hoch, ernst und stolz vor den drei mit Farben beklebten Personen.

»Bitte, gnädige Frau, wollen Sie mich den Herrschaften vorstellen?« sagte sie.

Die Frau antwortete:

»Ihren Namen habe ich bereits genannt - mein Mann, der Herr Balletmeister und Kunstmaler - Mademoiselle Leda, von welcher ich zu Ihnen sprach.«

Sie ließ eine leichte Verbeugung sehen und sagte:

»Sie verzeihen, daß ich störte!«

»O bitte,« meinte der Balletmeister. »Ein kleines Potpourri, wie es zuweilen unter Künstlern vorkommt!«

»Jedenfalls eine Probe zu einem Ballette?«

»O nein. Nur ein kleines Mißverständniß, weiter nichts.«

»Ich glaube nicht!«

Diese drei Worte waren in einem so ernsten Tone gesprochen, daß der Maler sich davon überrascht fühlte.

»Wie meinen Sie das?« fragte er.

»Ich glaube, gehört zu haben, daß es sich um mehr als ein kleines Mißverständniß handle.«

»Ah! Eine Täuschung!«

»Sollte es wirklich ein Mißverständniß genannt werden können, wenn man ein braves, unschuldiges Mädchen zwingen will, Modell zu sitzen?«

»Zwingen?«

»Ich vermuthe das.«

Der Balletmeister sah sich im Zimmer um. Hilda stand noch hinter der Staffelei. Er konnte sie nicht sehen. Er dachte, daß sie entflohen sei, und das gab ihm den Muth zu der Antwort:

»Sie irren sehr. Von einem Zwange ist keine Rede gewesen.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Bitte, treten Sie doch näher, Fräulein!«

Auf diesen Ruf trat Hilda herbei. Der Maler erschrak und sagte ohne Ueberlegung:

»Ich denke, Sie sind fort!«

»Wie Sie sehen, befindet sie sich noch hier.«

»Und sie ist es, die von Zwang gesprochen hat?«

»Ja.«

»Da hat sie gelogen!«

Ellen nahm Hilda bei der Hand und fragte sie:


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»Haben Sie die Wahrheit gesagt, da Sie mir vorhin so angstvoll sagten, daß man Sie zwingen wolle, Modell zu sitzen?«

»Ja,« erklärte die Gefragte.

»Aber es ist ja Lüge! Habe etwa ich Sie gezwungen?«

»Mittelbar,« erklärte Hilda muthig. »Diese Dame wollte sich an mir vergreifen. Sie hat mich gescholten und beleidigt. Sie wollte mich überreden, und als das nichts fruchtete, hatte sie die Absicht, handgreiflich zu werden.«

»Was kann denn ich dafür?«

»Sie haben es stillschweigend gut geheißen, anstatt mich zu beschützen.«

»Siehe da! Dieses kleine Mädchen wagt es, mich zu beschuldigen.«

Die Leda hatte bisher kein Wort gesprochen, sondern nur ihre Rivalin scharf betrachtet. Jetzt zuckte sie geringschätzig die Achsel und sagte:

»Lassen Sie doch, Herr Balletmeister! Eine solche Person, eine obscure Schneiderin, steht doch so tief unter Ihrem und meinem Niveau, daß wir mit ihr gar nicht zu verkehren haben.«

Das ergrimmte Hilda so, daß sie rasch antwortete:

»Aber vorhin haben Sie mit mir verkehrt, als Sie in schamloser Entblößung zu mir sprachen, um mich zu vermögen, es Ihnen gleich zu thun!«

»Werfen Sie doch diese Vettel hinaus,« rief die Leda im höchsten Zorne.

»Halt! Nicht so schnell!« sagte Ellen. »Die junge Dame steht unter meinem Schutze. Sie wird sich mit mir entfernen. Herr Balletmeister, ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen meine Aufwartung zu machen, jetzt aber bedaure ich von ganzem Herzen, es gethan zu haben!«

Das hatte ihm noch Niemand gesagt. Eine Balleteuse, welche Anstellung haben wollte, wagte es, ihm eine solche Bemerkung zu machen. Das war stark, sehr stark.

»Oho!« stieß er hervor.

»Gewiß!« antwortete sie. »Es kann mir nicht angenehm sein, Zeugin von Scenen zu sein, wie sie sich hier abgespielt haben. Gestatten Sie mir also, mich zurückzuziehen.«

»Bitte, nur noch einen Augenblick!« sagte er. »Nehmen Sie nur eine einzige Minute Platz!«

»Danke!« sagte sie ablehnend.

Seine Frau machte ein höchst indignirtes Gesicht, und die Leda zuckte hohnvoll die Achsel. Dies bestärkte ihn in seinem Vorhaben, eine kräftige Entgegnung vom Stapel zu lassen.

»Nicht wahr, Sie suchen Engagement an unserer Bühne?« fragte er.

»Suchen? Dies dürfte wohl nicht ganz der richtige Ausdruck sein, mein Herr.«

»Nicht? Ah, Sie denken, man solle es Ihnen entgegengetragen bringen?«

Es lag ein solcher Hohn in seinem Ausdrucke, daß sie, Hilda bei der Hand erfassend, zu dieser sagte:

»Kommen Sie, liebes Kind! Es ist hier, wie es scheint, nicht unsere Sphäre.«


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»Oho!« rief der kleine Maler. »Eine Tänzerin, wie Sie ja sind, braucht nicht von Sphäre zu sprechen. Will man engagirt sein, so darf man nicht solche Voreiligkeiten begehen, wie ich sie von Ihnen höre. Verstanden!«

Sie drehte sich an der Thür noch einmal um und antwortete:

»Ob ich voreilig bin, mag der Richter entscheiden, welchem ich nun, da Sie in dieser Weise sprechen, von der Art und Weise, in welcher dieses gute Mädchen behandelt worden ist, Mittheilung machen werde!«

Sie ging. Die Drei, welche zurückblieben, blickten einander einige Momente sprachlos an; dann sagte der Maler:

»Das also war die Amerikanerin!«

»Ja, das war sie!«nickte die Leda.

»Impertinentes Geschöpf!«

»Ganz Yankeese!«

»Ist mir aber doch verteufelt unlieb!«

»Unsinn! Wenn sie es überall so macht, ist sie am längsten meine Rivalin gewesen.«

»Aber sie wird sprechen!«

»Das glaube ich nicht.«

»Ich aber glaube es. Sie hat sich beleidigt gefühlt, und Sie wissen ja selbst, eine beleidigte Dame pflegt unversöhnlich zu sein.«

»Sie glauben wirklich, daß sie zum Richter geht?«

»Ich traue es ihr zu, daß sie Anzeige macht. Sie hatte ein so entschiedenes Aussehen, ein so resolutes Auftreten. Und an der ganzen Geschichte sind nur Sie schuld.«

»Schwatzen Sie nicht!«

»Schwatzen? Mäßigen Sie sich, Mademoiselle! Hätten Sie diese Schneiderin mir allein überlassen! Was ging die Sache denn Sie an.«

»Nicht viel. Aber ich wollte Ihnen behilflich sein. Leider habe ich den Dank davon.«

»Ich kann fürchterlich blamirt werden!«

»Das kann ich mir nicht denken. Aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, ist es für Sie besser, in mir eine Verbündete zu haben, als mich mit unnützen Vorwürfen zu regaliren. Das sehen Sie doch wohl ein!«

»Hm! So ganz Unrecht haben Sie nicht. Ein ganz verteufeltes Frauenzimmer ist diese Amerikanerin. Höchst fatal, wenn sie engagirt würde!«

»Nun, so lassen Sie dies nicht geschehen.«

»Wie kann ich das?«

Sie stellte sich erstaunt und fragte:

»Ich denke, daß Sie Einfluß besitzen?«

»Allerdings.«

»Und der wird wohl so weit reichen - - -! Nicht?«

»Sie dürften sich denn doch ein Wenig irren. Daß ich Einfluß besitze, und daß man auf mich hört und hören muß, daß ist ja unbestritten; aber dieser Einfluß reicht nicht so weit, daß man auf meinen einfachen Wunsch hin eine Künstlerin fortjagt.«


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»Nun, so wünschen Sie nicht!«

»Was denn?«

»lntriguiren Sie!«

»Das läßt sich leicht sagen!«

»Ist auch ebenso leicht.«

»Oho. Sind Sie vielleicht ein Wenig Intriguantin?«

»Wir Damen vom Ballet müssen ja immer mehr oder wenig Intriguantin sein!«

»Nun, so geben Sie mir einen Rath!«

»Gern!«

»Es dürfte Ihnen aber schwer werden.«

»Nicht so schwer, wie Sie zu denken scheinen. Da fällt mir gleich Etwas ein.«

»Schön! Gut! Sprechen Sie!«

»Nun, Sie wissen ja, daß wir, nämlich diese Starton und ich, die Königin der Nacht zu tanzen haben, erst ich und dann sie. Wie nun, wenn ich den größten Effect mache und sie dann - - gar nicht zur Entwickelung kommt!«

»Wie soll das ermöglicht werden?«

»Sehr einfach durch Sie und den Capellmeister.«

»Ich bin bereit dazu, ob auch der Capellmeister, das ist doch nicht ganz sicher.«

»O, was den betrifft, so habe ich ihn im Sacke!«

»Wirklich?«

»Ganz sicher!«

»Das sollte mich freuen. Aber, wie sollen wir Beide es anfangen, daß die Amerikanerin gar nicht zur Entwickelung kommt, Mademoiselle?«

»Wie nun, wenn, sobald sie auftritt, gewisse Tacte oder Stellen oder Klausen der Musikbegleitung anders wären als vorher bei mir?«

»Sapperment!«

»Was sagen Sie dazu?«

»Der Gedanke ist nicht übel!«

»Nicht wahr! Die Amerikanerin hat sich eingeübt. Sie kennt jeden Tact der Musik. Diese Veränderungen müssen sie aus der Contenance bringen.«

»Freilich, freilich!«

»Dazu gewisse Pausen ein Wenig zu lang oder zu kurz gehalten - einen Satz von acht Tacten auf zwölf verlängert - oh, es giebt solche kleine Mittel, welche aber dennoch ganz sicher wirken.«

»Natürlich! Und das Beste ist, daß sie wirken, ohne daß ein Mensch es eigentlich weiß. Der Mißerfolg fällt ganz allein auf die Künstlerin.«

»Es freut mich, daß Sie mir zustimmen.«

»Ob aber der Capellmeister sich zu solchen Änderungen verstehen wird -?«

»Ich bin davon überzeugt. Um ganz sicher zu gehen, werde ich ihn heute noch einmal besuchen. Ich benachrichtige Sie, und dann machen auch Sie ihm Ihre Aufwartung.«


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»Habe denn ich mich mit ihm zu besprechen?«

»Natürlich. Sie müssen ja auch mit thätig sein. Sie sollen ihm an die Hand gehen.«

»Wie so denn?«

»Nur die Amerikanerin soll sich von den Musikänderungen verblüffen lassen; das Corps de Ballet aber muß fest sein. Daher ist es nothwendig, daß Sie sich mit dem Capellmeister besprechen und dann Ihre Leute auf die betreffenden Differenzen aufmerksam machen.«

»Famos! Mademoiselle, Sie sind wirklich eine ganz famose Intriguantin.«

»Wenigstens fühle ich mich dieser prüden Miß vollständig gewachsen!«

»Dennoch aber möchte ich Ihnen einen guten Rath geben.«

»Sprechen Sie! Für einen Rath, welcher wirklich gut ist, muß man stets dankbar sein.«

»Haben Sie bereits mit dem Chef der Claqueurs gesprochen?«

»Nein.«

»So holen Sie das schleunigst nach.«

»Ist denn die Claque hier so gut organisirt, daß man sie zu fürchten hätte?«

»So vortrefflich, daß man sehr mit ihr zu rechnen hat.«

»Was für ein Mann ist der Chef?«

»Ein höchst gefälliger Herr, der aber zu rechnen versteht.«

»Liebenswürdig?«

»Ja. Er liebt die Schönheit, das Gold aber noch mehr.«

»Hat er bestimmte Gratificationssätze?«

»Gewiß. Bei ihm giebt es feste Preise.«

»Wenn man diese erfahren könnte!«

»Ich habe seinen Tarif da. Auf demselben befindet sich auch seine Adresse. Wünschen sie das Verzeichniß?«

»Ja, bitte.«

Er zog ein Schubfach aus einem Tischchen und reichte ihr ein bedrucktes Papier hin. Dieses enthielt die Ueberschrift:

»Preise der Beifallsbezeugungen am hauptstädtischen Theater:«

Und dann begann das Verzeichniß:

»Einmaliges Händeklatschen  pro Person 10 Kr.
Beifälliges Nicken des Kopfes  pro Person 10 Kr.
Lauter, wohlgefälliger Seufzer  pro Person 15 Kr.
Vergnügtes Stöhnen  pro Person 15 Kr.
Staunendes Emporfahren  pro Person 20 Kr.
Lautes 'Ach' oder 'Oh'  pro Person 30 Kr.«

So lief das Verzeichniß fort bis zum

»Sensationelles in Ohnmacht fallen  pro Person 5 Gldn.
Vor Begeisterung die Krämpfe bekommen  pro Person 10 Gldn.«

Und am Schlusse fand sich die Bemerkung:

»Die Preise sind nach einer Person berechnet. Je mehr Claqueurs thätig sind, desto höherer Rabatt wird bei sofortiger Baarzahlung bewil-


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ligt. Hier nicht ständige Künstler haben kein Anrecht auf diese billigen Preise und müssen nach einer besonderen Vereinbarung zahlen.«

»Zu diesen Letzteren gehöre ich,« lachte die Leda. »Also werde ich wohl zu höheren Beträgen herangezogen werden?«

»Sicher. Doch dürfen Sie auch auf einen unausbleiblichen Erfolg rechnen.«

»Ich werde diesen Herrn also am liebsten sofort aufsuchen. Aber -«

Sie stellte sich vor den Spiegel und brach abermals in ein lautes Lachen aus.

»So darf ich mich diesem Meister des künstlichen Beifalles freilich nicht zeigen. Ist Ihr Mädchen zur Disposition, Frau Balletmeisterin?«

»Gern.«

»Ich möchte sie schicken, um mir einige andere Toilette holen zu lassen. Diese ist ruinirt für ewige Zeiten.«

»Mein Anzug wohl auch!«

»Der meinige ebenso,« bemerkte der Balletmeister mit süßsaurer Miene.

»Grämen Sie sich nicht. Ich werde Ihnen Ersatz leisten. Geben Sie mir Tinte und Feder. Ihr Mädchen muß sich doch legitimiren können.«

Nach Verlauf einiger Zeit kam die Toilette. Die Leda kleidete sich um und wollte sich entfernen, fragte aber vorher noch:

»Apropos, wie hat man denn eigentlich diesen Chef der Claqueurs zu tituliren. Seine Adresse enthält keinen Hinweis darauf.«

»Hm!« lächelte der Maler. »Dieser Herr war ein armer Damenschneider; er maß einer alten, reichen Lisette ein Kleid an; sie verliebte sich in ihn, heirathete ihn, machte ihn also zum Rentier, nahm ihn mit in das Theater, wo er sich schnell zum enragirten Kunstenthusiasten entwickelte, und dann - nun ja, dann organisirte er eine Schaar gedungener Beifallsklatscher. Und man muß sagen, daß er dies mit sehr gutem Geschick gethan hat. Titel und Würden besitzt er nicht. Doch zeigt er ein sehr vornehmes Äußere und liebt es, mit Ehrfurcht behandelt zu werden. Man raunt sich in die Ohren, daß er es sehr gern höre, Baron genannt zu werden.«

»Schön! Mir soll es ganz gleich sein, ihn sogar Durchlaucht oder Majestät zu nennen. Wollen sehen, wo wir den einstigen Schneider finden. Leben Sie wohl, und zwar auf baldiges Wiedersehen!«

Sie nahm eine Droschke und ließ sich nach der Wohnung des Claqueurs fahren. Er hatte ein ganzes Haus inne, welches in Beziehung auf den Reichthum der Ausstattung mit manch' adeligem Sitze wetteiferte. Der Kenner jedoch bemerkte sofort, daß dies freilich eben nur in Beziehung auf den Reichthum stattfand. Stil, Symmetrie, künstlerisches Ausmaß gab es nicht.

Leda gab einem befrackten Diener ihre Karte ab und wurde dann vorgelassen.

Sie fand den einflußreichen Herrn in einer Chaiselongue liegen, eine duftende Cigarette zwischen den in den feinsten Glaçeehandschuhen steckenden Fingern. Sie verbeugte sich tief. Er schob das goldene Lorgnon prätentiös auf die Nase, musterte sie vom Kopfe bis zu den Füßen herab und sagte dann:


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»Mademoiselle wünschen?«

»Ihren Schutz, Herr Baron.«

Er kniff das eine Auge wohlgefällig zusammen, geruhte das eine Bein von der Chaiselongue herabgleiten zu lassen, und fuhr fort:

»Man hat Sie an mich gewiesen?«

»Nein.«

»Sie kommen also aus eigener Intention?«

»Gewiß. Ich habe zuwenig Selbstbewußtsein, um mir einzubilden, daß ich mir meinen Weg hier ohne Ihre gütige Beihilfe bahnen könnte.«

Da schob er auch das andere Bein von der Chaiselongue herab, richtete den Oberkörper in die Höhe, nickte ihr lächelnd zu und sagte:

»Das freut mich. Ein solches Berücksichtigen der hiesigen Verhältnisse kann Ihnen nur Sympathie erwerben. Wünschen Sie die Angelegenheit geschäftlich geordnet, Mademoiselle?«

Er warf ihr dabei einen bezeichnenden, lüsternen Blick zu. Sie zog es vor, sich so zu stellen, als ob sie ihn nicht verstehe, und antwortete:

»Wie sonst? Gäbe es eine andere Art und Weise, als die rein geschäftliche?«

»Gewiß.«

»Ich kann sie mir nicht denken.«

»O, Mademoiselle, dann mache ich Ihnen mein Compliment. Es finden sich außerordentlich wenig Damen vom Corps de Ballet, welche sich derselben Unkenntniß rühmen können. Wo haben Sie Ihre Ausbildung erhalten?«

»In Paris.«

»Ah, bitte, nehmen Sie doch neben mir Platz! Also in Paris machten Sie Ihre künstlerischen Studien! Paris ist die Stadt der Liebenswürdigkeit, der Vorurtheilslosigkeit. Wie kommt es da, daß Sie noch so unerfahren sind, mein schönes Kind?«

»Unerfahren?«

»Gewiß! Sonst müßten Sie ja wissen, daß man sich auch auf außergeschäftliche Weise eines trefflichen Beifalls versichern kann.«

»Mama ist sehr streng!«

»Ach so! Ihre Mutter befand sich mit in Paris?«

»Ja.«

»Ist sie auch mit hier?«

»Sie liebt mich so sehr, daß sie stets bei mir ist und mich auch nie verlassen wird«

»Das glaube ich Ihnen gern. Wer sollte eine so interessante Dame nicht lieben! Die Mutter natürlich vor allen Dingen! Doch um bei unserer Angelegenheit zu bleiben: Sie wünschen also in Geschäftsbeziehung zu mir zu treten?«

»Ja, Herr Baron.«

»Darf ich um Ihre Adresse bitten?«


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»Hotel Kronprinz. Privatwohnung könnte ich natürlich erst nehmen, wenn ich das Glück hätte, engagirt zu sein.«

»Natürlich! Nun, wir wollen sehen, wie sich das arrangiren läßt, Mademoiselle. Ich höre, daß Sie zunächst als 'Königin der Nacht' auftreten?«

»Die Intendanz hat diese Verfügung getroffen.«

»Sie sind Ihrer Rolle sicher?«

»Vollständig.«

»Nun, wenn Sie es wünschen, werde ich auch die meinige mit Effect in die Hand nehmen.«

Er ergriff, da sie sich wirklich neben ihm niedergesetzt hatte, ihre Hand und drückte einen Kuß auf dieselbe.

»Halten Sie vielleicht diese meine Hand für Ihre Rolle, Herr Baron?« fragte sie mit gut gespielter mädchenhafter Schamhaftigkeit.

»Warum denn nicht? Lieber noch würde ich Ihre Lippen derselben substituiren.«

Dabei legte er den Arm um sie und wollte sie an sich ziehen.

»Herr Baron!« warnte sie, sich sträubend.

»Ist es verboten, aufmerksam gegen Sie zu sein?«

»Sollte dies nicht mehr sein als aufmerksam?«

»Nein, nicht mehr. Sie geben doch zu, daß ich meine Clientinnen genau kennen muß?«

»Gewiß.«

»Ich muß auch wissen, ob sie liebenswürdig sind!«

»Wirklich?«

»Ja. Nicht bloß liebenswürdig, sondern auch nachgiebig!«

»Ah!«

»Oder vielmehr hingebend!«

»Sie sind sehr anspruchsvoll!«

»Heißt das, zuviel verlangt?«

»Vielleicht.«

»Nun, für's Erste möchte ich nur wissen, wie sich Ihre schönen, rothen Lippen küssen lassen.«

»Das weiß ich selbst noch nicht.«

»Ist auch nicht nöthig. Also - bitte, bitte!«

Sie duldete es jetzt, daß er sie an sich zog und seinen Mund auf den ihrigen drückte. Aber in demselben Augenblicke rief es am Eingange:

»Die gnädige Frau!«

Der Diener, welcher diese Meldung ausgesprochen hatte, zog sich, als er die zärtliche Gruppe bemerkte, sofort zurück.

»Um Gotteswillen, meine Frau!« sagte der ehemalige Schneider. »Treten Sie zurück.«

Sie schnellte sich von der Chaiselongue empor und brachte schleunigst den Tisch zwischen sich und ihn.


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»Noch weiter!« gebot er. »In eine ganz und gar achtungsvolle Entfernung!«

Sie trat noch einige Schütte zurück und nahm eine sehr devote Haltung an. Dies geschah noch zur rechten Zeit, denn die Dame trat ein.

Sie war ein Bild ausgesprochenster Häßlichkeit, lang, hager zum Zerbrechen und an der einen Schulter ausgewachsen. Diese Mängel hatte sie durch die verschiedensten Toilettenkünste zu verbergen gesucht, jedoch ohne genügenden Erfolg. Sie warf einen forschenden Blick auf die Tänzerin und trat dann zu ihrem Gemahle.

»Ich werde jetzt ausfahren, lieber Léon,« sagte sie, »und komme, mich zu verabschieden.«

Sie beugte sich zu ihm nieder und reichte ihm den Karpfenmund zum Kusse hin. Er erröthete und that, als ob er nicht bemerkte, was sie wünsche.

»Nun!« sagte sie. »Adieu!«

»Adieu, meine Liebe!«

»Doch nicht so kalt! Wie bist Du heute doch so zerstreut! Meinen Kuß! Bitte!«

"Meinen Kuss!"

Jetzt legten sich ihre umfangreichen Lippen auf oder vielmehr um die seinigen; es gab einen Knall, als ob man mit der Faust ein Loch in einen Bogen Pappe schlage, und dann hob sie den Kopf wieder empor.

»Soll ich Dir etwas mitbringen?« fragte sie zärtlich.

»Danke, danke!«

»Dann also adieu!«

Sie musterte im Gehen die Tänzerin abermals, wendete sich dann zu ihrem Manne zurück und fragte:

»Wer ist diese Dame?«

»Mademoiselle Leda.«

»Die Tänzerin?«

»Jawohl. Sie bittet mich um meine Protection.«

Die Frau warf einen eifersüchtigen, durchbohrenden Blick auf Leda und fragte diese:

»Sind Sie denn gut situirt, Fräulein?«

»Ich denke es,« antwortete die Gefragte.

»Verstehen Sie mich recht! Ich meine nämlich, ob Sie auch gut bei Casse sind?«

»Das bin ich allerdings.«

»Das freut mich. Damen Ihresgleichen leiden an der Ungezogenheit, die Bemühungen, denen sich mein Gemahl zu ihrem Besten unterwirft, immer mit anderer als mit klingender Münze bezahlen zu wollen. Das verringert die Einnahmen, beeinträchtigt unser eheliches Glück und darf also nicht geduldet werden.«

»Aber, meine Liebe!« sagte in vorwurfsvollem Tone der Chef der Claqueurs.

»Was denn?« antwortete sie. »Ich habe ein Recht, diese Damen auf


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die engen Schranken aufmerksam zu machen, in denen sie sich zu halten haben. Lebe wohl!«

Sie ging. Ihr Mann erhob sich und trat an das Fenster. Dort blickte er so lange wortlos auf die Straße hinab, bis sich das Rollen eines Wagens vernehmen ließ. Dann drehte er sich wieder um.

»Gott Lob! Sie ist fort!« seufzte er. »Entschuldigung, Mademoiselle, daß Sie sich durch diese kleine Scene unterbrechen lassen mußten!«

»O bitte! Es war ein allerliebstes Genrebildchen!«

Ihre Miene hatte dabei einen solchen zweifelhaften Ausdruck angenommen, daß er nicht im Unklaren darüber sein konnte, was sie sich davon dachte.

»Sie liebt mich so!« bemerkte er, als ob er sich zu entschuldigen habe, die Liebe eines solchen Wesens zu besitzen.

»Das ist leicht begreiflich!«

»Na, lassen wir es sein. Fahren wir lieber in unserer unterbrochenen Unterhaltung fort!«

»Ich stehe zu Diensten!«

Dabei trat sie so ostentativ um einen Schritt zurück, daß er sofort einfiel:

»Nein, nicht so! Nicht aus solcher Entfernung!«

»Aber der Herr Baron haben mir doch vorhin diese ganz achtungsvolle Entfernung anbefohlen!«

»Das war vorhin. Meine Frau! Wissen Sie! Oder muß ich etwa deutlicher sein?«

»Nein. Ich verstehe!« lachte sie munter.

»Nun also! Kommen Sie wieder her!«

»Aber Ihr Diener?«

»Was ist mit ihm?«

»Er scheint die sehr unangenehme Gepflogenheit zu haben, zur ungelegensten Zeit hereinzuplatzen.«

»Keine Sorge! Das wird jetzt nicht wieder geschehen. Uebrigens ist er treu und verschwiegen. Also bitte!«

Er trat zu ihr hin, ergriff sie bei der Hand und führte sie zu der Chaiselongue, wo er sie neben sich niederzog.

»Also, wo waren wir stehen geblieben?« fragte er dann.

»Bei meinen Lippen.«

»Richtig! Fangen wir da also wieder an!«

Er küßte sie von Neuem. Sie duldete es einige Augenblicke lang und entwand sich dann seiner Umarmung, indem sie erklärte:

»Jetzt nun genug. Sie wissen nun vielleicht, ob ich liebenswürdig bin oder nicht.«

»Sie sind es. Aber, werden Sie es auch bleiben?«

»Das wird allein auf den Herrn Baron ankommen.«

»Nun, was an mir liegt, wird sicher nicht unterlassen werden. Bei wem haben Sie sich nach meiner Wohnung erkundigt, Mademoiselle?«

»Beim Balletmeister.«


// 1191 //

»Schön! Dieser besitzt gedruckte Formulare von mir. Hat er Ihnen eins derselben gezeigt?«

»Ja. Ich habe es gelesen.«

»Finden Sie nicht, daß ich sehr billig bin?«

»Mit den ständigen Mitgliedern der hiesigen Bühnen, ja.«

»Sie meinen, mit den Fremden nicht?«

»Dies zu beurtheilen entgeht mir jede Unterlage.«

»Nun, fremde Künstler haben sich mit mir in separates Einvernehmen zu setzen.«

»Schön! Thun wir das also, Herr Baron!«

»Ich bin bereit. Stellen wir also fest, was Sie eigentlich von mir fordern.«

»Ich möchte gern als ständiges Mitglied von Ihnen betrachtet und behandelt werden.«

»Das ist jetzt unmöglich.«

»So sorgen Sie, daß ich engagirt werde!«

»Was bieten Sie dafür?«

»Wieviel fordern Sie?«

Er machte ein nachdenkliches Gesicht, that, als ob er nachrechne, und meinte dann:

»Ihr Fall ist ein sehr exceptioneller. Es ist da schwer, etwas Bestimmtes zu sagen. Ueberdies kenne ich Ihre Kräfte gar nicht.«

»Ich denke, daß mir ein guter Ruf vorausgegangen ist, daß ich also empfohlen bin.«

»O, Ihre künstlerischen Kräfte meine ich nicht, sondern Ihre pecuniären. Sie erklärten zwar meiner Frau, daß sie bei Mitteln seien -«

»Nur, um Ihre Frau Gemahlin zu beruhigen!«

»Ich dachte es mir. Wie aber ist es in Wahrheit?«

»Ich bin nicht reich.«

»Das giebt wenigstens einen Punkt, den man festzuhalten vermag. Sie geben vielleicht zu, daß es schwierig ist, das Publikum für eine Künstlerin so zu enthusiasmiren, daß sie sofort engagirt wird?«

»Das mag sein.«

»Zumal Sie eine solche Gegnerin haben!«

»Ich fürchte sie nicht.«

»Aber diese Amerikanerin soll eine ganz bedeutende Künstlerin sein!«

»Imponirt mir aber nicht!«

»Schön! Streiten wir uns nicht. Der Erfolg Ihrer ersten Production muß ein durchschlagender sein; ich muß also alle meine Untergebenen an ihre Plätze commandiren. Das verursacht mir nicht nur allein viel Arbeit, sondern vor allen Dingen auch eine bedeutende Ausgabe.«

»Wie hoch berechnen Sie dieselben?«

»Auf wenigstens fünfhundert Gulden.«

Sie erschrak, das war ihr deutlich anzusehen.


// 1192 //

»Fünfhun- -«

Das Wort blieb ihr im Munde stecken.

»Ja wohl, fünfhundert Gulden.«

»Da läßt sich nichts abändern?«

»Eigentlich nicht!«

»Aber uneigentlich -?«

»Nun, ich habe kein hartes Herz und hoffe, Sie werden mir dankbar sein. Könnten Sie sofort vierhundert bezahlen?«

»Augenblicklich nicht.«

»O weh! Billiger kann ich es nicht thun.«

»Aber Sie dürfen doch Credit geben?«

»Ich würde es gern thun, aber mein Cassirer duldet das auf keinen Fall.«

»Sind Sie in dieser Weise von diesem Mann abhängig?«

»Mann?« lachte er. »Meine Frau ist mein Cassirer.«

»O weh!«

»Ja, o weh! Sie sehen also, daß ich einer milden Regung meines Herzens leider nicht zu folgen vermag.«

»Dann bin ich freilich gezwungen, auf Ihren Beistand zu verzichten, Herr Baron!«

»Aber es ist das zu Ihrem Schaden!«

»Ich weiß das. Aber ich habe nicht diese bösen vierhundert Gulden. Ich kann sie nicht zahlen.«

Er lehnte sich zurück und schien nachzudenken. Dann sagte er:

»Hm! Vielleicht giebt es doch einen Ausweg.«

»Welchen?«

»Einen, auf welchen ich nur unter einer ganz besonderen Bedingung eingehen kann.«

»Nennen Sie diese Bedingung!«

»Ich will sie aufrichtig aussprechen: Sie sind reizend; Sie gefallen mir. Ich möchte einmal ein Stündchen allein mit Ihnen sein.«

»Das sind wir jetzt.«

»O, nicht so allein, wie ich es meine.«

»Wie denn?«

»Das bedarf wohl keiner besonderen Auseinandersetzung. Uebermorgen treten Sie auf. Sind Sie nach Schluß des Ballets bereits irgendwie engagirt?«

»Nein.«

»Nun gut. Ich stelle die Bedingung, daß Sie nach dem Ballet im Costüm der Königin der Nacht bleiben -«

»Gar nicht ankleiden?«

»Nein. Sie werfen nur einen Mantel über.«

»Wozu? Weshalb?«

»Weil ich Sie in diesem reizenden Costüm eine Stunde allein betrachten will.«

»Wo soll ich Sie sehen oder treffen?«


// 1193 //

»Ich hole Sie per Droschke ab.«

»Wohin?«

»Das weiß ich jetzt noch nicht. Jedenfalls aber suchen wir einen Ort, an welchem wir ungestört sind.«

»Meine Mutter erlaubt mir Derartiges nie!«

»Es ist Ihre Sache, sich mit Ihrer Mutter in's Einvernehmen zu setzen. Dies ist die Bedingung, von welcher ich sprach. Wird sie von Ihnen erfüllt, so stelle ich Ihnen meine ganze Unterstützung zur Verfügung und werde auch den pecuniären Ausweg bezeichnen, von welchem wir vorhin sprachen. Also sind Sie bereit?«

»Erst bezeichnen Sie mir den pecuniären Ausweg!«

»Eigentlich sollte ich das nicht thun, doch will ich bei Ihnen eine Ausnahme machen. Sie sollen mir die vierhundert Gulden nicht zahlen; ich will warten -«

»Aber Ihr Cassirer? Ihre Frau Gemahlin!«

»Bitte, lassen Sie mich aussprechen! An Stelle dieser vierhundert Gulden, welche Sie pränumerando zu bezahlen hätten, ohne sicher zu sein, wirklich auch engagirt zu werden, zahlen Sie fünf Procent Ihres Gehaltes, und zwar an jedem Gagentage die betreffende Rate.«

»Aber das würde in Summa mehr als vierhundert Gulden sein!«

»Ich verpflichte mich aber auch, Ihnen ein ganzes Jahr lang alle meine Untergebenen zur Verfügung zu stellen!«

»Das ist freilich etwas Anderes!«

»Nicht wahr, meine Forderung ist billig?«

»Sie läßt sich wenigstens anhören.«

»Wenigstens anhören? Glauben Sie nicht, daß ich mir einen einzigen Kreuzer abdingen lasse!«

»Hm, ich bin keine große Rechenmeisterin. Zahlen sind mir höchst unbequem. Zanken wir uns also nicht!«

»Das ist sehr verständig gedacht! Also, fünf Procent?«

»Ja, meinetwegen!«

Sie reichte ihm die Hand, und er schlug ein.

»Natürlich fertigen wir einen Contract aus?«

»Contract - hu!«

»Es ist das durchaus nothwendig. Es dauert ja gar nicht lange. Ich werde sofort schreiben.«

»Thun Sie das. Ich werde Sie unterdessen um eine Ihrer Cigaretten bitten!«

»Da stehen sie. Langen Sie zu!«

Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb. Sie rauchte unterdessen in aller Gemüthsruhe. Die eingegangenen Verpflichtungen machten ihr nicht die mindeste Sorge.

»Fertig!« sagte er nach einiger Zeit. »Ich werde Ihnen vorlesen. Hören Sie!«


// 1194 //

»O bitte, bitte,« wehrte Sie ab. »Verschonen Sie mich damit! Ich habe noch niemals einen Contract anhören können.«

»Aber Sie müssen ja unterzeichnen!«

»Das thue ich ohnedies. Geben Sie die Feder!«

Sie setzte ihren Namen auf das Papier und wendete sich dann in liebenswürdiger Nonchalance an ihn:

»Jetzt sind wir zu Ende. Ein Jeder kennt seine Rechte und Pflichten. Nun aber ersuche ich Sie um eine recht aufrichtige, wahrheitstreue Antwort.«

»Auf welche Frage?«

»Kennen Sie die Starton?«

»Persönlich nicht.«

»So war sie nicht bei Ihnen?«

»Nein.«

»Aber es steht zu erwarten, daß sie sich Ihnen vorstellen wird.«

»Ich bezweifle das.«

»Haben Sie Ursache zu diesem Zweifel?«

»Hm!« räusperte er sich einigermaßen verlegen. »Man sollte nicht darüber sprechen.«

»Warum nicht? Ich bat Sie um Aufrichtigkeit.«

»Allerdings. Na, Mademoiselle, wir sind freilich jetzt nun Verbündete, und da denke ich, nicht zurückhaltend sein zu müssen. Ich will Ihnen also mittheilen, daß ich einige Zeilen aus der Hand der Amerikanerin besitze.«

»Ah! Hat sie Sie um Ihre Unterstützung gebeten?«

»Nein.«

»Warum hat sie sonst geschrieben?«

Er konnte und wollte ihr die Wahrheit nicht sagen. Er hatte so viel von den Erfolgen Ellen Startons gehört, daß er geglaubt hatte, im Vortheile zu sein, wenn er ihr selbst seine Dienste anbiete. Kaum hatte er Kenntniß erhalten, daß sie in der Residenz eingetroffen sei, so hatte er folgende Offerte an sie gerichtet:

          »Mein Fräulein!
Eine Künstlerin von Ihrer Routine weiß sehr genau, welchen Werth der organisirte Beifall bei dem Wunsche eines neuen Engagements hat. Dieses Letztere ist ja abhängig von dem Erfolge des ersten Auftretens, und dieser Erfolg resultirt ja ganz gewiß zumeist aus den vereinten Bemühungen derjenigen Kräfte, welche zu befehligen ich seit Langem die Ehre habe.
     Ich stelle ihnen hiermit mein Corps von über sechszig männlichen und weiblichen Claqueurs zur Verfügung und bin überzeugt, daß es Ihnen mit dieser Hilfe gelingen wird, Ihre Gegnerin glanzvoll aus dem Felde zuschlagen.
         Mit vorzüglicher Hochachtung und Ehrerbietung
         Léon Staudigel, Chef des claqueurs.«

Es fiel ihm jedoch gar nicht ein, der Leda von diesem Schreiben ein Wort zu sagen, vielmehr erklärte er ihr:


// 1195 //

»Ich war verreist, und da hat mein Stellvertreter die Dummheit begangen, dieser Amerikanerin eine Offerte zu machen. Ich war ganz wüthend darüber.«

»Das glaube ich! Nun läßt es sich denken, warum sie geschrieben hat. Sie wollte diese Offerte beantworten?«

»Ja.«

»Darf ich vielleicht erfahren, was Sie geschrieben hat?«

»Nur unter strengster Discretion!«

»Gewiß«

»Hier, lesen Sie!«

Er holte den Brief vom Schreibtische und gab ihn ihr in die Hand. Es waren folgende Zeilen:

          »Mein Herr!
Ich kann mich nicht rühmen, diejenige Art der Routine zu besitzen, deren Sie Erwähnung thun. Darum ist es wohl nicht zu verwundern, daß auch im Uebrigen meine Ansicht von der Ihrigen abweicht.
     Ich glaube kaum, daß der bezahlte, also betrügerische Beifall einem wirklichen Künstler ein Hinderniß zu bereiten vermag. Ich hasse alles Falsche, und darum sehe ich mich veranlaßt, auf Ihre Hilfe zu verzichten.
          Ellen Starton.«

»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte der einstige Schneider, als die Tänzerin den Brief gelesen hatte.

Sie zuckte verächtlich die Achseln und antwortete:

»Dumm, zu dumm!«

»Nicht wahr! Was bildet sich dieses Frauenzimmer ein!«

»Sie ist verrückt!«

»Sie ist nicht nur verrückt, sondern sie ist sogar geradezu unmöglich!«

»Natürlich werden Sie klatschen lassen, daß das ganze Haus einfällt!«

»Ein solches Zischen und Pfeifen soll noch niemals gehört worden sein. Verlassen Sie sich darauf, Mademoiselle! Das Engagement ist Ihnen sicher.«

»Ich sagte Ihnen ja bereits, daß ich diese Gans nicht fürchte. Hier, nehmen Sie den Brief zurück. Lassen Sie ihn einrahmen als Souvenir einer geradezu grandiosen Bornirtheit!«

»Das sollte man thun. Ich werde ihr diese Zeilen in die Hand spielen, wenn sie sich gezwungen sieht, die Stadt zu verlassen. Dann wird sie einsehen, wer den Künstler macht - das Genie oder die Claque!«

»Thun Sie das. Jetzt aber möchte ich Sie ersuchen, mich zu entlassen!«

»So früh?«

»Ich denke, daß unsere Angelegenheit geordnet ist?«

»Aber diese wohl noch nicht?«

Er umarmte und küßte sie.

»O, ginge es nach Ihnen, so käme sie wohl niemals in Ordnung, wie es scheint. Leben Sie wohl, Herr Baron!«

»Adieu, Mademoiselle! Betrachten Sie mich als Ihren Alliirten!«


// 1196 //

»Mit dessen Hilfe ich die Schlacht gewinnen werde.«

»Wir werden einen Sieg davontragen, einen ganz und gar entscheidenden Sieg.«

»Um so ehrlicher werden wir uns in die Beute theilen. Ich halte mein Versprechen!«

Sie hatte vorhin den Droschkenkutscher abgelohnt. Sie wollte den Weg in's Hotel zu Fuße zurücklegen. Als sie jetzt ging und eben aus der Hausthür trat, stand ein Herr im Begriff, vorüber zu gehen. Sie erblickten sich und blieben überrascht stehen.

»Gnädiges Fräulein,« sagte er.

»Herr Verwalter,« stieß sie hervor.

»Oder wohl nun gnädige Frau?«

»Herr Petermann!«

Er fand sich zuerst wieder, zog den Hut und meinte in höchst gemessenem Tone:

»Bitte, mich dem Herrn Gemahl zu empfehlen!«

Dies gab ihr die Herrschaft über sich zurück. Sie lachte höhnisch auf und sagte:

»Gemahl? Sie sind des Teufels!«

»Ich vermuthe, daß Sie verehelicht sind.«

»Fällt mir nicht ein!«

»So ist dieses innige Herzensbündniß dennoch zerrissen worden, gnädiges Fräulein?«

»Zerrissen? Pah! Es war ja niemals auf eine Vermählung abgesehen gewesen.«

Seine Miene zeigte eine außerordentliche Bestürzung.

»Höre ich recht? So können Sie sagen?«

»Warum nicht? Die Freiheit des Menschen ist mehr werth, als alles Andere. Ich habe niemals Lust gehabt, die Sclavin irgend eines Eheherrn zu sein.«

»Aber, gnädiges Fräulein - -«

»Gnädiges Fräulein? Das ist wirklich spaßhaft! Wissen Sie denn nicht -«

»Was denn?« fragte er beinahe angstvoll.

»Sie haben es wirklich nicht erfahren?«

»Kein Wort. Ich weiß ja gar nicht, was Sie meinen?«

»Nun, Sie hielten mich für ein Fräulein Editha von Wartensleben?«

»Natürlich.«

»Wohl auch jetzt noch?«

»Gewiß. Was denn sonst?«

»Nun, das ist allerdings mehr als spaßhaft.«

»Aber, sind Sie es denn nicht?«

»Nein. Ich bin es nie gewesen.«

»Wer oder was waren Sie denn?«


// 1197 //

»Das ist Ihnen gleich. Sehen Sie, wir erregen die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden. Adieu!«

Sie wollte gehen. Er aber hielt sie fest und sagte:

»Bitte, Fräulein, geben Sie Antwort! Wer sind Sie?«

»Das geht Sie nichts an.«

»Sagen Sie mir Ihre Wohnung.«

»Ich wüßte nicht, wozu.«

»Ich muß mit Ihnen sprechen.«

»Und ich habe nichts mit Ihnen zu sprechen.«

Sie schüttelte seine Hand von sich ab und ging. Er wollte schnell hinter ihr her, bemerkte nun aber auch, daß die Augen der Passanten auf ihn gerichtet waren.

»Welch eine Begegnung!« flüsterte er. »Das ist ein Räthsel. Und sie will es nicht lösen! Ah, da kommt eine Droschke! Ich werde erfahren, wo sie wohnt!«

Er stieg in die Droschke und befahl dem Kutscher, der Dame, welche er ihm bezeichnete, heimlich zu folgen.

Der Weg ging nur durch zwei Straßen, dann trat die Leda in das Hotel zum Kronprinzen.

»Die Dame logirt jedenfalls im Hotel,« meinte der Kutscher.

»Wieso?«

»Der Portier grüßte sie so, wie man ansehnliche Gäste zu becomplimentiren pflegt.«

»Hier, Ihr Geld!«

Er stieg aus und schritt langsam dem Eingange des Hotels zu, unter welchem der Portier stand.

»Bitte, kannten Sie die Dame, welche soeben hier eingetreten ist?« fragte er diesen.

»Ja.«

»Wer war sie?«

»Wozu wünschen Sie, es zu erfahren?«

Petermann verstand diese Zurückhaltung und zog ein Geldstück hervor, um den verschlossenen Mund dieses Mannes zu öffnen.

»Ich interessire mich für sie,« antwortete er. »Hier, bitte, nehmen Sie! Also, der Name der Dame?«

»Es ist die Leda.«

»Die Leda?« sagte er erstaunt.

»Kennen Sie diese nicht?«

»Nein.«

»Aber gehört haben Sie doch von ihr?«

»Kein Wort!«

»Das ist kaum zu glauben.«

»Es ist aber doch so! Wer ist diese Leda, oder was ist sie?«

»Eine berühmte Tänzerin.«


// 1198 //

»Tänz - Tänzerin?«

Er wurde leichenblaß. Es war ihm, als ob er nahe daran sei, in Ohnmacht zu fallen.

»Ja, eine sehr berühmte Tänzerin. Sie will sich hier engagiren lassen und tanzt daher übermorgen die Königin der Nacht. Es steht ja in allen Zeitungen.«

»Wohnt sie allein hier?«

»Sie hat ihre Mutter bei sich.«

»Sonst Niemand?«

»Nein.«

»Kein - keine anderen Verwandten - kein - Kind?«

»Kind? Wo denken Sie hin? Sie ist unverheirathet!«

»Ach so! Welche Zimmer hat sie?«

»Erste Etage, Nummer zehn und elf.«

»Danke!«

Er trat ein und stieg die Treppe empor. Er klopfte, ohne sich anmelden zu lassen, an die Thür von Nummer Zehn.

»Herein!« erklang es von innen.

Er trat ein und erblickte die Leda, die, als sie ihn bemerkte, in zornigem Tone sagte:

»Was wollen Sie hier? Warum laufen Sie mir nach?«

»Weil ich mit Ihnen zu sprechen habe.«

»Aber ich mag nichts von Ihnen wissen! Das habe ich Ihnen ja bereits angedeutet!«

»Ich kann mich mit dieser Andeutung nicht beruhigen. Ich bin Ihnen gefolgt, weil ich Sie sprechen muß, und ich werde nicht eher gehen, als bis Sie mir Rede und Antwort gestanden haben.«

»Und wenn ich mich weigere?«

»Nun, so werde ich anderwärts erfahren, was Sie mir vorenthalten.«

»Ich wüßte nicht, was ich Ihnen vorzuenthalten hätte.«

»Nun, Sie sind doch wohl Diejenige, welche sich eines Tages Editha von Wartensleben nennen ließ?«

»Ich leugne es nicht.«

»Sie waren die Geliebte des Herrn Lieutenants Bruno von Scharfenberg?«

»Ja.«

»Sie haben einige Zeit in Zurückgezogenheit bei mir gewohnt?«

»Auch dies ist der Fall.«

»Und dann waren Sie plötzlich verschwunden?«

»Es gefiel mir nicht mehr bei Ihnen.«

»Sie haben den Herrn Lieutenant verlassen?«

»Ja.«

»Vielleicht betrogen?«

»Herr, soll ich den Hausknecht rufen lassen, um Ihnen Ihr Fortkommen zu erleichtern?«


// 1199 //

»Danke! Wenn die Zeit gekommen ist, gehe ich freiwillig.«

»Ich fordere Sie aber auf, jetzt zu gehen!«

»Nicht, bevor ich Auskunft erhalten habe!«

»Ich befehle Ihnen zum letzten Male, zu gehen!«

»Und ich gehe nicht eher, als bis Sie mir Rede gestanden haben.«

»So mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich gegenwärtig die Herrin dieses Zimmers bin. Bedenken Sie, was eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch für Sie zu bedeuten hat!«

»In wiefern gerade für mich?«

»Ich erfuhr, daß man Sie arretirte und bestrafte. Sie können erst seit Kurzem entlassen worden sein.«

Da trat er ihr einen Schritt näher. Seine Augen blitzten und seine Stimme zitterte.

»Das werfen Sie mir vor, Sie?« fragte er.

»Ja. Ein Jeder weiß es, und ein Jeder kann es Ihnen sagen und vorwerfen.«

»Sie, Sie!« fuhr er knirschend fort. »Die Schuld hat an Dem, was mir zur Last gelegt wurde!«

»Ich?« fragte sie zornig.

»Sie!« bestätigte er.

»Ah! Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, rufe ich wirklich den Hausknecht und lasse Sie wegen Hausfriedensbruch anzeigen oder arretiren.«

Sie griff nach dem Glockenzuge.

»Ah!« sagte er im Tone der Ueberzeugung. »Das werden Sie wohl nicht thun!«

»Warum sollte ich nicht?«

»Sie wissen gar wohl, welchen Dank Sie mir schulden!«

»Dank? Ich? Ihnen?«

»Ja, gewiß!«

»Davon weiß ich kein Wort.«

»Ich habe Sie als Kind bei mir aufgenommen, als Sie verfolgt wurden. Ich habe Sie beschützt, verwahrt und gepflegt, als Ihr Zustand Ihnen nicht erlaubte, sich sehen zu lassen. Und nach Ihrer Entbindung bin ich -«

»Genug!« wehrte sie ihn mit einer gebieterischen Handbewegung ab. »Das wollen Sie gethan haben? Sie?«

»Wollen oder können Sie es bestreiten?«

»Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Sie das Alles aus eigenem Antriebe gethan haben?«

»Ganz gewiß!«

»Nicht auf Befehl des Herrn Lieutenants von Scharfenberg?«

»Nein.«

»Ach so! Ich verstehe Sie! Sie kommen jetzt, um sich den Lohn zu holen! Ein Zuchthäusler erhält von mir nichts!«

»Fräulein!«


// 1200 //

»Brausen Sie nicht auf. Wollen Sie mir etwa drohen?«

»Nein, aber ich will Auskunft haben.«

»Suchen Sie sich diese anderwärts, aber nur ja bei mir nicht! Ich befehle Ihnen zum letzten Male, zu gehen!«

Er wollte Etwas entgegnen; aber als sie bereits wieder nach dem Glockenzuge griff, sagte er:

»Gut, ich gehe! Mögen Sie nie bereuen, mich heute fortgeschickt zu haben!«

»Redensart! Das verfängt bei mir nicht!«

Er ging. Er wußte kaum, wie er zur Treppe hinab kam.

»Nun?« fragte der Portier freundlich. »Haben Sie mit ihr sprechen können?«

»Ja,« antwortete er, fast wie im Traume.

»Nicht wahr, ein prächtiges Geschöpf?«

»Ja. Wo ist sie vorher gewesen?«

»Das weiß ich leider nicht.«

»Sie wird hier bleiben?«

»Wenn sie das Engagement erhält. Freilich hat sie eine tüchtige Gegnerin zu besiegen.«

»Und sie ist wirklich unverheirathet?«

»Ganz gewiß!«

»Ich danke!«

Der Portier schüttelte den Kopf über den Mann, der so ein verstörtes, bestürztes Aussehen hatte. Dieser aber wanderte langsam die Straße hinab, tief in die traurigsten Gedanken versunken. Er kam durch mehrere Straßen und Gassen, augenscheinlich, ohne es zu beachten und ohne sich bewußt zu sein, wo er eigentlich gehe oder sich befinde. Endlich aber blieb er stehen und sah sich um.

»Hier bin ich?« fragte er sich verwundert. »Es ist mir, als hätte mich Einer mit einer Keule auf den Kopf geschlagen. Aber ich muß Klarheit haben. Ich gehe nach meiner früheren Wohnung. Mag man mich immerhin abweisen oder gar hinauswerfen! Ist der alte Kreller noch da, der wird mich wohl aufnehmen.«

Er hatte früher, vor seiner Verurtheilung, im Palais der Scharfenberg's gewohnt. Dieses war eigentlich nicht gerade ein Palais zu nennen, sondern es hatte einer Patrizierfamilie gehört und war dann in die Hände der erwähnten Familie übergegangen.

Als er es erreichte, stand der Eingang offen. Links im Flur stand an einer Thür das Wort »Hausmann« zu lesen. Er klopfte an.

»Wer da?« fragte es von innen.

Er trat ein. Der Raum war klein und einfach möblirt. An einem Tische saß der einzige Anwesende, ein hochbetagter Greis, und las mit Hilfe einer großen Brille in einem alten Buche.

»Guten Tag, Herr Kreller!«


Ende der fünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk