Lieferung 51

Karl May

15. August 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1201 //

Der Hausmann blickte von dem Buche auf und sah sich den Eingetretenen an.

»Guten Tag -« erwiderte er in gedehntem Tone. »Wer ist - was wollen - - hm!«

Er nahm die Brille von der Nase, wischte sie am Tischtuche ab, setzte sie wieder auf und sagte dann:

»Man wird so alt, und das Augenlicht nimmt ab. Ich weiß gar nicht. - -«

Sie kennen mich nicht?

»Sie kennen mich wohl gar nicht mehr?«

Da erhob sich der Alte vom Stuhle und sagte:

»Sollte es also doch wahr sein, was ich denke? Sind Sie wirklich Der, den ich vermuthe?«

»Nun, wen vermuthen Sie denn?«

»Herr - hm - Herr Petermann, ja?«

»Ja, ich bin es.«

»Also doch, doch, doch!«

»Ich bin Ihnen wohl unwillkommen?«

»Nein, nein! Im Gegentheile habe ich eine große Freude, Sie zu sehen! Willkommen, herzlich willkommen!«

Er reichte ihm die Hand, und Petermann sah es ihm deutlich an, daß er mit seinen Worten die Wahrheit gesagt habe.

»Setzen Sie sich nieder!« fuhr der Hausmann fort. »Sie glauben gar nicht, wie ich mich freute, als ich las -«

»Was?«

»Daß Sie begnadigt worden sind.«

»Im Blatte hat es gestanden?«

»Freilich, freilich! Meine gute Alte hat vor Freude geweint. Schade, daß sie nicht da ist!«

»Wo befindet sie sich?«

»Bei meinem Ältesten, der Kindtaufe gehabt hat. Na, es schadet nichts! Desto ungestörter können wir uns unterhalten. Warten Sie! Ich hole Etwas!«

»Bitte, keine Umstände!«

»O nein! Sie wissen, ich setze ihn selbst auf: Kalmuswurzel mit Zimmtrinde. Der beste Schnaps, den es giebt!«

Er nahm eine Flasche und zwei Gläser aus einem kleinen Wandschränkchen und schänkte ein.

»So, da, prosit! Trinken Sie! Thun Sie immer einen herzhaften Schluck! Und nun erzählen Sie mir, wie es Ihnen unterdessen ergangen ist!«

Er machte es sich im Stuhle bequem, und Petermann that ebenso. Dann antwortete Letzterer:

»Von meinen letzten Jahren kann ich Ihnen später erzählen. Jetzt möchte ich gern Anderes wissen.«

»Was denn?«

»Wohnt der gnädige Herr vielleicht jetzt hier?«

»Der alte Herr? Nein.«


// 1202 //

»Oder der Herr Lieutenant?«

»Der wohnt jetzt freilich hier, ist aber verreist.«

»Ist Ihr Jüngster noch Diener bei ihm?«

»Der Heinrich? Freilich ist der noch bei ihm.«

»Wenn die beiden Herren nicht anwesend sind, so brauche ich mich nicht zu geniren, und -«

»Na,« fiel der Hausmann ein, »was den jungen Herrn Lieutenant betrifft, so hat es nichts auf sich; aber der Alte, sein Vater, ist höllisch schlimm auf Sie zu sprechen. Gott, der Mensch begeht einmal einen Fehler! Und Sie haben ja Alles wieder ersetzt! Es war nicht richtig von ihm, einen Petermann so hart zu behandeln!«

Petermann schüttelte traurig, fast ab- oder zurückweisend den ergrauten Kopf. Dann fragte er:

»Können Sie sich noch genau an jene Zeit erinnern?«

»Sehr genau.«

»Ich möchte Sie Einiges fragen?«

»Thun Sie das, lieber Herr Petermann. Ich gebe ihnen sehr gern Auskunft. Mein Heinrich hat sich oft Gedanken gemacht, wenn er - na, das ist nun vorbei!«

»Was denn?«

»Nichts! Es ist besser, nicht davon zu sprechen!«

»Aber wenn ich Sie nun herzlich darum bitte? Sie glauben gar nicht, wie wichtig für mich die geringste Bemerkung werden kann.«

»Na, meinetwegen! Der Heinrich hat mir oft, wenn wir allein waren, gesagt, daß er gar nicht glaube, daß Sie das Geld unterschlagen haben.«

»Ah, wirklich? Hat er das gesagt?«

»Sehr oft sogar.«

»Hatte er Gründe dazu?«

»Mag wohl sein.«

»Und Ihnen hat er davon mitgetheilt?«

»Einiges wohl.«

»Dürfte ich das vielleicht erfahren? Bitte, bitte!«

»Na, was ich mir davon gemerkt habe, das können Sie ja erfahren. Aber wir wollen leise sprechen. Man könnte sonst draußen im Vorübergehen doch ein Wort aufschnappen!«

Was nun von den Beiden gesprochen wurde, das blieb für die nächste Zeit noch Geheimniß. - -

Als Ellen Starton vorhin mit Hilda die Wohnung des Balletmeisters verlassen hatte, sagte die Erstere zu der jungen Nähterin:

»Sie werden mir erzählen, was Ihnen da oben geschehen ist. Zunächst aber bitte ich um Ihren Namen.«

»Ich heiße Hilda Holm.«

»Holm?«


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Sie senkte ihren Blick in eigenthümlich forschender Weise auf das Angesicht ihrer Begleiterin. Dann fragte sie:

»Haben Sie Eltern?«

»Nur den Vater.«

»Und Geschwister?«

»Einen Bruder.«

»Was ist er?«

»Er ist jetzt Reporter.«

»Jetzt, sagen Sie? War er vorher etwas Anderes?«

»Ach, ja wohl! Er war Musikus.«

In den Augen der Amerikanerin leuchtete es auf. Sie fragte:

»Welches war sein Lieblingsinstrument?«

»Die Violine. Er hat Concerte gegeben, sogar in Amerika.«

»Dachte es mir!« klang es durch Ellen's Herz. »Diese große Ähnlichkeit fiel mir sofort auf.«

Laut aber sagte sie.

»Haben Sie Zeit, mich auf einige Augenblicke nach meiner Wohnung zu begleiten?«

»Ist es weit?«

»O, gar nicht! Nur unterwegs werde ich mich einige Augenblicke zu verweilen haben.«

»Dann kann ich mit.«

»So kommen Sie. Wir nehmen eine Droschke.«

Sie stiegen ein, sehr bald aber wieder aus, denn die Sängerin ließ vor der Wohnung des Capellmeisters, welche sie erfragt hatte, halten. Der Kutscher erhielt Befehl, zu warten. Hilda blieb sitzen. Ellen aber begab sich zu dem Orchesterdirigenten.

Er saß so bei der Arbeit wie vorher, als die Leda ihn besucht hatte. Er that zunächst, als ob er die Dame gar nicht bemerke. Dann erhob er sich langsam von seinem Stuhle und fragte:

»Was wünschen Sie?«

»Ich hoffe, daß man Ihnen meine Karte gegeben hat!«

»Allerdings!«

»Dann nehme ich an, daß Sie wissen, weshalb ich zu Ihnen komme.«

»Keine Ahnung!«

Ein beinahe nachsichtiges Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie fragte:

»Mein Name ist Ihnen hoffentlich nicht unbekannt, Herr Capellmeister?«

»Man hat ihn mir genannt.«

»Doch wohl in Beziehung zur hiesigen Bühne?«

»Allerdings!«

»Sie wissen, daß ich Probe tanzen werde.«

»Ich habe davon gehört.«

»Davon gehört? Herr Capellmeister, das klingt, als sei von einem


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Gegenstand die Rede, welcher gar nicht in Ihre Sphäre gehöre und auch nicht im Bereiche der allernächsten Tage liege!«

»O, ich mache nicht viel Aufhebens von solchen Sachen.«

»Ach so! Dann kann ich auch nicht wünschen, daß Sie meinetwegen eine Arbeit unterbrechen, welche jedenfalls werthvoller ist, als der Besuch einer Tänzerin.«

Sie machte eine Verbeugung, um zu gehen.

»Bitte, Miß!« sagte er rasch. »Vorher erst einige Worte. Kennen Sie die Leda?«

»Nein.«

»Aber gehört und gelesen haben Sie von ihr?«

»Sehr wenig.«

»Sie ist eine außerordentliche Kraft.«

»Möglich.«

»Ah, Sie unterschätzen sie!«

»Ich schätze sie gar nicht, weder über noch unter.«

»So, so! Wie gedenken Sie, Ihre Vorstellungen hier zu arrangiren?«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, Ihr Abkommen mit mir?«

»Welches Abkommen habe ich mit Ihnen zu treffen?«

»Das wissen Sie nicht?«

»Ich denke, ich tanze, und Sie begleiten. Was weiter?«

»Ah! Weiter nichts?«

»Nicht, daß ich wüßte!«

»Hm! Sind Sie bereits diesseits des Oceans aufgetreten?«

»Nein.«

»Giebt es da drüben die sogenannten Orchestertantièmen?«

»Was habe ich darunter zu verstehen?«

»Das wissen Sie nicht? Nun, so giebt es sie da drüben auch nicht. Adieu, Miß.«

Er setzte sich schnell nieder, um sich gar nicht mehr um sie zu bekümmern. Ueber ihr schönes Gesicht glitt ein Zug des Verständnisses. Sie fragte unter einem leisen Lächeln:

»Darf ich vielleicht errathen, was Sie unter diesen Orchestertantièmen meinen?«

»Das werden Sie nicht errathen,« warf er kalt hin.

»O, ich weiß sehr genau, was ich unter Orchester und unter Tantièmen zu verstehen habe. So wird es wohl auch nicht gar zu schwer sein, das ganze zusammengesetzte Wort zu definiren. Es ist eine Tantième gemeint, welche sich auf das Orchester bezieht.«

Er erhob sich sofort wieder von seinem Platze. Er begann die Hoffnung zu hegen, daß diese Tänzerin ihm vielleicht mehr bieten werde, als die Leda.

»Gewiß,« antwortete er.


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»So kann sowohl eine Tantième gemeint sein, welche das Orchester zu zahlen hat, als auch eine, welche an dasselbe ausgezahlt werden muß.«

»Es versteht sich ganz von selbst, daß immer nur das Letztere der Fall sein kann.«

»Also, das Orchester empfängt die Tantième. Von wem?«

»Vom Künstler oder der Künstlerin.«

»Und wer nimmt sie in Empfang?«

»Der Dirigent natürlich.«

»Also Sie? Wird sie an die Mitglieder vertheilt?«

»Ja nach dem getroffenen Uebereinkommen.«

»Ich vermuthe, daß Mademoiselle Leda auf Zahlung einer solchen Tantième eingegangen ist?«

»Allerdings!«

»Wie hoch ist sie?«

»Das wird erst stipulirt.«

»Das heißt also, Mademoiselle hat Ihnen eine Extrasteuer versprochen, falls sie engagirt wird!«

»Bezeichnen Sie es ganz nach Belieben.«

»Und Sie erwarten von mir ein ähnliches Gebot?«

Sein Gesicht erheiterte sich zusehends. Er nickte lächelnd und sprach im Tone des Nachdruckes:

»Sie sehen doch ein, in welchem Grade das Gelingen Ihrer Productionen von dem tragenden und stützenden Einflusse des Orchesters abhängig ist.«

»Das sehe ich freilich ein.«

»So werden Sie ebenso einsehen, wie sehr es gerathen ist, für sich diesen Einfluß des Orchesters zu gewinnen.«

»Nein, das sehe ich nicht ein.«

»Ach! Nicht?«

»Nein. Ich thue meine Pflicht und werde dafür bezahlt. Sie bekommen Ihren Gehalt, um Ihre Pflicht zu thun. Andere Rechte und Pflichten giebt es nicht. Eine Orchestertantième ist ganz derselbe Consens, wie auch eine Balletprämie sein würde, welche der Dirigent an das Corps de Ballet oder an den Balletmeister zu entrichten hätte.«

Da zog sich sein Gesicht rasch wieder finster zusammen.

»Wozu dieser eigenthümliche Vergleich, Miß?« fragte er.

»Um Ihnen erklärlich zu machen, daß Sie, falls ich engagirt werde, keine Tantième von mir zu erwarten haben.«

Er nickte ihr hönisch zu und antwortete unter einer Geberde der Geringschätzung:

»Habe ich auch gar nicht erwartet, da der Fall, daß Sie engagirt werden, gar nicht eintreten kann. Verlassen Sie mich; ich bin beschäftigt! Adieu.«

»Adieu!«

Er warf ihr einen Blick zu, welcher möglichst niederschmetternd wirken sollte; sie aber bemerkte ihn gar nicht. So gleichmüthig, als ob nicht das


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Geringste vorgefallen sei, und sie sich nicht mit Allen, außer dem Director, verfeindet habe, stieg sie die Treppe hinab und dann in den Wagen.

»Hotel Union!« befahl sie dem Kutscher.

Als die Droschke am angegebenen Orte hielt und die Kellner herbeisprangen, um den Schlag aufzureißen, als dann der Portier mit seinem großen Stocke präsentirte und Ellen vorüberrauschte, ohne den Droschkenkutscher weiter zu beachten, war es Hilda, als ob sie sich an der Seite einer Königin befinde. Dennoch aber wagte sie, um an eine vermeinte Vergeßlichkeit zu erinnern, die leise Bemerkung:

»Gnädiges Fräulein, die Droschke -«

»O bitte,« lächelte die Amerikanerin, »der Kutscher wird vom Portier bezahlt. Das kommt dann auf die Rechnung zu stehen. Kommen Sie nur, liebes Kind!«

Die Nähterin erröthete theils über ihre Unwissenheit und noch mehr darüber, daß sie es gewagt hatte, dieser vornehmen Dame eine Gedankenlosigkeit vorzuwerfen.

Droben wurde eine Wohnung geöffnet, welche aus mehreren prachtvoll ausgestatteten Gemächern bestand. In einem derselben saß eine junge, vielleicht vierzehnjährige Negerin, beschäftigt, zu ihrer Unterhaltung einen Strauß der herrlichsten Treibhausblüthen zu zerpflücken.

»Was thust Du hier, Sammy?« sagte Ellen verweisend.

Die Kleine zeigte den zahngefüllten Mund, lachte von einem Ohre zum andern und antwortete:

»O, Missis! Blumen zu groß sein! Blumen klein machen! Sammy dann Blumen besser riechen können, besser in Nase stecken!«

»Kleiner Tollkopf! Gehe, den Thee zu bestellen!«

»O, Missis, Thee! Thee und viel Zucker für Sammy!«

Bei diesen Worten sprang sie davon.

Hilda stand an der Thür. Sie getraute sich nicht, weiter zu gehen. Sie hatte noch kein solches Zimmer gesehen.

»Bitte, Fräulein Holm,« antwortete die Amerikanerin. »Nehmen Sie hier neben mir Platz, damit wir bequemer plaudern können.«

Sie nahm sie bei der Hand und führte sie nach dem blausammetnen Sessel, in welchen sich die arme Nähterin niederlassen mußte. Ellen ließ nun zum ersten Male einen etwas schärferen, genau forschenden Blick über sie gleiten und sagte dann, von ihrer Beobachtung sichtlich recht befriedigt:

»Wir werden den Thee bald bekommen, können uns aber bis dahin immer Einiges erzählen. Also, Ihr Vater lebt noch? Was ist er?«

»Er war Musikdirector, ist aber jetzt erwerbslos, weil er vom Schlage gelähmt worden ist.«

Ellen fragte weiter und erfuhr bald Alles, was sich auf Hilda's Familie und deren Verhältnisse bezog.

»Warum ist Ihr Bruder jetzt Reporter?« fragte sie.

»Seine linke Hand ist beschädigt.«


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Hierauf fußte Ellen weiter, und bald hatte sie das Geheimniß von der Tänzerin erfahren. Sie machte auf das arme Mädchen den Eindruck einer Göttin, einer Fee, von der bereits ein einziger Blick genügt, um unendlich glücklich zu machen.

»Kennen Sie den Namen dieser Tänzerin?« lautete die Erkundigung weiter.

»Nein. Ich habe ihn in dem Tagebuche nicht gefunden.«

»Und Ihr Bruder hat nicht von ihr gesprochen?«

»Nie!«

»So hat er sie nie wirklich geliebt, oder er hat sie längst wieder vergessen.«

»O nein! Max vergißt nie einen Menschen, dem er einmal sein Interesse gewidmet hat. Er hält diese Liebe für unglücklich; darum schweigt er.«

»So ist er wohl stets traurig?«

»Er ist ernst und mild; lustig war er früher; jetzt ist er es nie mehr. Heute habe ich ihn seit langer, langer Zeit zum ersten Male wieder glücklich lächeln sehen.«

»Worüber? Wissen Sie das?«

»Ueber das Wiedersehen eines Freundes, den er in Amerika kennen gelernt und nie wieder zu treffen erwartet hatte.«

»Hat er Ihnen den Namen dieses Freundes genannt?«

»Nein, aber in seinen Augen glänzte es wirklich wie lauter goldener Sonnenschein.«

Es wurde Ellen nicht gar zu schwer, das rege Interesse, welches sie zu diesen Erkundigungen drängte, dem befangenen Mädchen gegenüber zu verbergen.

Da riß die Negerin die Thür auf und brachte den Kellner geschleppt, welcher den Thee zu serviren hatte.

»Sammy Kuchen!« rief sie dabei. »Missis, viel Kuchen für Sammy!«

»Schon gut! Nimm Dir, und gehe an's Fenster, um die Leute zu zählen, welche vorübergehen.«

Die Schwarze beeilte sich, die zwei größten Stücke zu erwischen und sprang damit nach dem Fenster.

»Und nun zu unserem heutigen Erlebnisse,« sagte Ellen, als der Kellner sich entfernt hatte. »Wie kam es denn eigentlich, daß Sie als Modell sitzen sollten?«

Hilda hätte sich am Liebsten vor Scham verkriechen mögen; aber der klugen Tänzerin gelang es, Alles aus ihr herauszulocken.

»Ihr Bruder weiß nichts davon?« fragte sie dann.

»O, wenn der es wüßte, gnädiges Fräulein! Ich würde vor - - o, ich würde sterben!«

»Nun, so ist es besser, Sie lassen ihm gar nichts erfahren. Ist denn die Summe hoch, welche Sie diesem habsüchtigen Juden zu entrichten haben?«

Die Gefragte gab die Höhe an.


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»Und für eine solche Bagatelle wären Sie beinahe gezwungen gewesen, ein solches Opfer zu bringen! Armes Kind!«

»Gnädiges Fräulein, eine Bagatelle ist das für uns ganz und gar nicht.«

»Ich weiß das. Gott wird helfen, daß Sie nie wieder in so peinliche Sorge gerathen. Sie sind Nähterin. Fertigen Sie auch Damengarderobe?«

»Die meinige, ja. Muthiger bin ich noch nicht gewesen. Ich bin nur Weißnähterin.«

»Das kommt mir vortrefflich zu Statten. Dürfte ich Ihnen vielleicht einen Auftrag ertheilen?«

»O Gott, wie gern möchte ich für Sie arbeiten. Aber, werde ich es bringen!«

»Gewiß!«

»Ich habe noch nie so Kostbares, wie Sie tragen, genäht.«

»Nun, so arbeiten wir mit einander. Sie kommen, mich zu fragen, und vielleicht suche ich Sie auch einmal in Ihrer Wohnung auf. Haben Sie es jetzt nothwendig?«

»Nein. Der Auftrag der Balletmeisterin war der letzte.«

»Schön! So engagire ich Sie für mich - Sammy, was weinst Du denn?«

Die kleine Negerin begann nämlich gerade jetzt, am Fenster stehend, in ein bitteres Schluchzen auszubrechen. Sie antwortete:

»Sammy unglücklich sein, sehr unglücklich!«

»Warum denn?«

»Sammy Leute zählen soll - aber Leute so viel! Sammy kann nur zählen eins, zwei; aber Leute kommen so viel und so schnell, daß Sammy stecken bleiben. Nun Leute fort, und Sammy nicht hat kann zählen!«

Dabei biß sie in den Kuchen und fand in diesem Genusse eine schnelle Beruhigung.

»Also, ich engagire Sie für mich,« wiederholte Ellen. »Nehmen Sie einstweilen nicht andere Anerbietungen an. Morgen werden wir gehen und Stoffe einkaufen. Darf ich Ihnen einen Theil Ihrer Rechnung, welche Sie mir machen werden, vorausbezahlen.«

»O bitte, gnädiges Fräulein! Das geht doch nicht!«

»Sehr gut sogar. Ich bin dies gewöhnt. Ich pflege nur in langen Zwischenräumen nach der Rechnung zu fragen, und da ist es wirklich nur gerecht, wenn ich einen Theil pränumerando entrichte. Haben Sie Ihr Portemonnaie mit?«

»Hier.«

Ellen nahm ohne Umstände das Geldtäschchen aus der Hand des Mädchens und ging mit demselben nach dem anstoßenden Zimmer. Als sie zurückkehrte, sagte sie:

»Hier nehmen Sie, liebes Kind! Der Inhalt gehört Ihnen. Ich habe auch meine Karte beigelegt, damit Sie erfahren, wie ich heiße. Nun aber wollen wir den Thee in seine Rechte treten lassen.«


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Als Hilda nach Verlauf von etwa einer Stunde sich auf dem Heimwege befand, fühlte sie sich in einer so glücklichen Stimmung wie noch nie in ihrem ganzen Leben. Sie konnte es doch nicht über's Herz gewinnen - an einer Stelle, wo sie augenblicklich nicht beobachtet wurde, das Portemonnaie aus der Tasche zu nehmen, um es zu öffnen. Neben der Visitenkarte blitzte ihr lauter Gold entgegen.

Sie traute ihren Augen nicht. Sie zählte und fand, daß es gerade hundert Gulden seien. Und diese Summe war ihr als Vorschuß für zu liefernde Näharbeiten ausgehändigt worden! War so etwas überhaupt möglich?

»Welch ein Glück! Welch ein großes, großes Glück!« flüsterte sie erregt. »O, nun ist uns geholfen! Was wird der Bruder sagen! Und wie wird sich der Vater freuen und auch die gute Frau Nachbarin! Sie ist noch bei ihm. Sie wartet noch. Ich bin so lange fortgewesen, viel, viel länger, als ich dachte! Ich muß mich sputen, um endlich nach Hause zu kommen!« -

Max Holm, ihr Bruder, war, nachdem er sie in der Wohnung verlassen hatte, in der Stadt herumgestrichen, um, seinem Berufe als Reporter gemäß, zu sehen, ob er nicht irgendein neues Ereigniß ausfindig machen könne. Diese seine Bemühung zeigte sich jedoch als vergeblich. Das stimmte ihn trübe, da er ja auf die erbärmliche Einnahme - fünfzig Kreuzer für eine sensationelle Neuigkeit - mit angewiesen war.

Er begab sich dann nach dem Local, in welchem er, sozusagen incognito, zum Tanze aufspielte, holte seine Geige und stellte sich dann zur angegebenen Zeit bei der Herrschaft ein, die ihn für heute Abend engagirt hatte.

Er sollte mit der Tochter des Hauses einige Trio's für Pianoforte mit Violine spielen. Sein Vortrag erregte die Zufriedenheit der Gäste. Besonders fiel es auf, daß er verkehrt spielte, die Geige in der rechten und den Bogen in der linken Hand haltend.

Als die Gäste zur Tafel gingen, fand er in einem kleinen Nebencabinet auch für sich servirt. Er aß und trat dann, als er fertig war, an das Fenster und blickte gedankenvoll durch dasselbe hinab in die beschneite Straße.

Welch ein mühevolles und doch befriedigungsloses Leben er jetzt führte! Noch volle achtzehn Monate unausgesetzter und anstrengender Uebung, ehe er hoffen durfte, soweit zu sein, daß er seine unterbrochene Künstlerlaufbahn wieder aufnehmen könne! Das lag ihm bei der Nothlage, in welcher er sich mit den Seinigen befand, schwer, sehr schwer auf dem Herzen.

In diese unerquicklichen Gedanken versunken, bemerkte er gar nicht, daß ein Herr bei ihm eingetreten war, bis dieser, zu ihm kommend, ihm die Hand auf die Achsel legte.

»Herr Holm!«

Der Angeredete fuhr herum. Als er den Herrn erkannte, erröthete er, wie es schien, vor Verlegenheit. Doch verbeugte er sich tief.

»Herr Commissionsrath!«

»Habe ich Sie gestört oder gar erschreckt? Das sollte mir leid thun. Man hat drin die Tafel aufgehoben und ich benutze die Gelegenheit, einige


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Worte mit Ihnen zu sprechen, bevor Sie gezwungen sind, wieder zu Ihrem Instrumente zu greifen.«

»Ich stehe zur Disposition.«

Der Commissionsrath leitete die Herausgabe des Regierungsjournales, des bedeutendsten Blattes der Residenz und des ganzen Landes. Er war als eine wissenschaftliche Größe berühmt, und als Beamter und Mensch ungemein geachtet und von seinen Untergebenen geliebt.

»Setzen wir uns für einige Augenblicke!« sagte er.

Er nahm auf einem Stuhle Platz und Holm that, seiner Aufforderung gehorchend, desgleichen.

»Wissen Sie, daß Sie mich heute sehr überrascht haben, Herr Holm?« begann der Rath.

»Darf ich fragen, in wiefern?«

»Ich wußte nicht, daß Sie musikalisch sind.«

»Ich spiele seit frühester Jugend.«

»Das hört man. Sie haben Ihr Instrument in seltener Weise in der Gewalt.«

Holm lächelte trübe und bemerkte:

»Das ist ein sehr nachsichtiges Urtheil, Herr Commissionsrath. Ich spiele wie ein Stümper.«

»Nein, o nein!«

»Gewiß!«

»Dann stellen Sie aber ja die höchsten Anforderungen an sich?«

»Das thue ich allerdings.«

»Sie dürfen jedoch nicht vergessen, daß nicht ein jeder Violinist auch Virtuose werden kann.«

»Ich aber will es werden.«

Er sagte nicht, daß er es bereits gewesen sei. Der Commissionsrath kniff das eine Auge ein Wenig zusammen, betrachtete ihn mit halbem, theilnehmend prüfendem Blicke und meinte in freundlichem Tone:

»Fast möchte ich glauben, daß Sie das Zeug dazu haben.«

»Ich habe es.«

Das klang einigermaßen selbstbewußt, fast selbstgefällig. Offenbar fühlte der Rath sich nicht angenehm berührt davon, denn er schüttelte leise den Kopf und sagte:

»Dann setzen Sie ein großes Vertrauen in sich, mein bester Herr. Sie spielen für einen Dilettanten, auch für den ersten Violinisten eines Musikkorps ganz befriedigend, aber hätten Sie wirklich Anlagen zur Virtuosität, so müßten Sie jetzt wohl bereits weiter sein.«

»Wenn ich nicht weiter bin, so ist diese Hand daran schuld.«

Er zeigte die Linke hin. Der Rath bemerkte auf der Mitte des Handtellers eine ganz eigenthümlich geformte, hochrothe Narbe.

»Was ist das?« fragte er.

»Ich verwundete mich vor einiger Zeit.«


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»Ah! Also darum geigen Sie verkehrt?«

»Ja. Ich habe von vorn anfangen müssen.«

»Dann haben Sie es allerdings bereits weit, sehr weit gebracht. Verzeihen Sie mir meine vorige Bemerkung! Spielen Sie nur bei Gelegenheiten, wie die heutige ist, oder geigen Sie auch öffentlich?«

Holm antwortete erröthend:

»Ich geige zum Tanze.«

»Wo?«

»Im Tivoli.«

»O wehe!«

»Ich muß leben, Herr Commissionsrath.«

»Sie sind ja Reporter.«

»In dieser Stellung vermag wohl Keiner sich Reichthümer zu sammeln.«

»Ich weiß das. Wie werden Sie bezahlt?«

»Verzeihung, Herr Rath! Ich weiß nicht, ob ich befugt bin, über derartige Geschäftsangelegenheiten Mittheilungen zu machen.«

»Ah, schön! Ich bin Ihr Concurrent, oder wenigstens derjenige Ihres Residenzblattes, und es freut mich, Sie so zurückhaltend zu sehen. Das ist achtenswerth. Aber, da denke ich soeben daran: Ist Ihnen nicht von einem meiner Redacteurs einmal eine Offerte gemacht worden?«

»Ja. Man wollte mich als Reporter engagiren.«

»Sie sagten aber ab.«

»Weil ich einige Tage vorher gerade meine gegenwärtige Stellung angetreten hatte.«

»Ich hörte von Ihnen als von einer sehr beachtenswerthen Kraft. Man soll die Beamten eines Andern nicht abspenstig machen; das ist gegen Luthers Auslegung des zehnten Gebotes; aber man ist vor allen Dingen Geschäftsmann, und befindet man sich in der Lage, die Existenz eines braven Mannes verbessern zu können, so mag es wohl keine unverzeihliche Sünde sein, ein offenes Wort zu sprechen. Sind Sie mit Ihrem Chefredacteur zufrieden, Herr Holm?«

Holm zuckte die Achsel.

»Nicht? Nun, haben Sie nicht vielleicht Lust, zu uns überzutreten?«

»Sie sind außerordentlich freundlich, Herr Commissionsrath; aber ich weiß wirklich nicht, ob ich vor dem Forum meines Gewissens einen solchen Uebertritt zu verantworten vermöchte.«

»Pah! Ein Jeder hat das Recht, für sich zu sorgen.«

»Auch in dieser Weise?«

»Ja. Mein Blatt und dasjenige, für welches Sie jetzt thätig sind, stehen sich ja wohl nicht gegnerisch gegenüber.«

»Ich weiß das. Ihr Journal steht in jeder Beziehung hoch über unserem Residenzblatte; dennoch aber möchte ich mich nicht gern der Untreue zeihen lassen!«

»Das heißt, Sie werden aus Ihrem gegenwärtigen Verhältnisse erst dann treten, wenn man Ihrer überdrüssig ist?«


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Holm zuckte abermals statt der Antwort mit der Achsel.

»Das ist aber denn doch wohl zu viel des Zartgefühles, obgleich ich Sie inFolge dessen nur höher achten kann. Wenn Sie so sehr gewissenhaft sind, so wird mir wohl auch der andere Wunsch, welchen ich hatte, nicht in Erfüllung gehen!«

»Ich möchte gern jeden Ihrer Wünsche erfüllen, wenn es mir überhaupt möglich ist.«

»Nun, wollen sehen. Erinnern Sie sich noch der vor einigen Monaten unter dem Titel 'Künstlerbriefe aus Amerika' in Ihrem Blatte erschienenen Aufsätze?«

»Gewiß.«

»Sie erregten ein berechtigtes Aufsehen, nicht nur in Beziehung auf den Stoff, welchen sie behandelten, sondern meist betreffs der Art und Weise, in welcher der Verfasser diesen Stoff beherrschte und zu bearbeiten verstanden hatte. Haben Sie diese Briefe gelesen?«

Ueber die Wangen Holms hatte sich eine Röthe ausgebreitet. Er antwortete:

»Ich habe sie gelesen.«

»Wissen Sie, wer der Autor ist?«

»Ja.«

»Er war nicht genannt, und doch möchte ich seinen Namen gern kennen lernen.«

»Vielleicht ist er auf der Redaction zu erfahren.«

»Von Ihnen nicht?«

»Nein.«

»Warum nicht, da Sie ihn doch kennen?«

»Die Anonymität hat jedenfalls ihre Gründe gehabt. Entweder hat der Autor oder die Redaction gewünscht, daß der Verfasser unbekannt bleibe, und so steht es wohl nicht in meiner Macht, eine darauf bezügliche Frage zu beantworten. Doch gestehe ich sehr gern, daß es mir unendlich leid thut, Sie nicht befriedigen zu können, Herr Commissionsrath!«

»Ich dachte es mir! Sie sind von einer fast mehr als anerkennenswerthen Gewissenhaftigkeit. Solche Leute hat man gern. Sollte es Ihnen gelingen, sich frei zu machen, so kommen Sie zu mir. Ich bin stets bereit, Sie für mein Journal zu engagiren. Wollen Sie?«

»Sobald es mir möglich ist, werde ich nicht zögern, mich Ihnen zur Disposition zu stellen.«

»Gut, Herr Holm! Ah, sehen Sie, wer jetzt eintritt?«

Er deutete durch die offene Thür hinaus in den Salon.

»Ich kenne diesen Herrn nicht,« antwortete der Violinist.

»Nicht? Wirklich nicht? Und doch ist er der jetzt berühmteste Mann der Residenz!«

»Ich habe ihn noch nie gesehen!«


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»Und doch sind Sie Reporter! Das ist kaum glaublich! Der am Meisten im Munde der Leute lebende Mann!«

»Dann ist er entweder -«

»Nun?«

»Es giebt Zwei, von denen man sagen kann, daß Sie jetzt im Munde Aller leben. Erstens der Hauptmann -«

»Der ist es natürlich nicht.«

»Und zweitens der Fürst des Elendes.«

»Auch dieser ist eine mystische Persönlichkeit. Es giebt außer den beiden Genannten noch einen Dritten, von welchem sich alle Welt erzählt.«

»Sie meinen den Fürsten von Befour?«

»Ja.«

»Ist er es?«

»Er ist es.«

»Das wundert mich.«

»Warum?«

»Man sagt doch, daß der Fürst keine Gesellschaften besuche.«

»Seit einiger Zeit läßt er sich doch zuweilen sehen.«

»Aber nur in hohen, exquisiten Kreisen.«

»Nun, unser Gastgeber ist ein hoher, königlicher Beamter. Ich habe gehört, daß er im Begriffe stehe, ein Rittergut an den Fürsten zu verkaufen. Das mag ihm wohl Gelegenheit und Veranlassung gegeben haben, sich mit einer Einladung an die Durchlaucht zu wagen. Apropos, tragen Sie noch einige Pieçen vor?«

»Ja, Herr Commissionrath.«

»Nun, so nehmen Sie sich zusammen. Der Fürst soll ein Kenner sein, und nicht nur das, sondern auch ein Beschützer bedrängter Künstler, ein - Mäcen.«

Er ging.

Max Holm fühlte sich eigenthümlich berührt von dem Inhalte des gehabten Gespräches. Er nahm keine Notiz von der Gesellschaft, welche sich im Salon bewegte, bis der Wirth erschien und ihn aufforderte, an das Piano zu kommen, an welchem seine Tochter Platz zu nehmen im Begriffe stand.

Während des Vortrages bemerkte Holm die Augen des Fürsten auf sich gerichtet. Dem Blicke dieser dunklen Augen war ein reges Interesse anzumerken, ja, vielleicht mehr als Interesse. Holm glaubte sogar in den Zügen des Fürsten ein kaum verhehltes Erstaunen zu erkennen.

Und als der Vortrag beendet und mit regem Beifall belohnt worden war, sah der junge Mann, daß der Fürst mit dem Commissionsrathe sprach und dabei den Blick öfters auf ihn gerichtet hielt.

Nach einiger Zeit kam der Wirth zu ihm. Er fragte:

»Herr Holm, können Sie phantasiren?«

»Hm! Wenn ich allein bin, thue ich es zuweilen!«

»Nun, denken Sie nicht, daß Sie es auch hier einmal wagen können?«


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»Ein Wagniß ist es jedenfalls.«

»Die Durchlaucht von Befour scheint sich für Sie zu interessiren und hat eine freie Phantasie gewünscht.«

»Dann muß ich gehorchen!«

»Schön! Darf man Ihnen ein Thema geben?«

»Gewiß!«

»Der Fürst bittet, das Yankee-doodle zu Grunde zu legen. Wollen Sie?«

Holm erröthete. Drüben, jenseits des Oceans, war das Yankee-doodle sein Lieblingsthema gewesen, mit dem er seine Zuhörer stets in ungeheure Begeisterung versetzt hatte. Wie kam der Fürst gerade auf dieses Lied?

»Gern!« antwortete der Geiger. »Doch bitte um Nachsicht. Ich bin nicht Virtuos.«

Der Gastgeber kündigte mit lauter Stimme den Vortrag an. Holm griff zur Violine, trat an das Clavier, verbeugte sich und begann dann die Phantasie mit dem einfachen Vortrage des amerikanischen Nationalliedes.

Wie weit, wie himmelweit war sein heutiges Spiel verschieden von der Virtuosität, mit welcher er früher dieses Thema behandelt hatte, und doch riß er die Zuhörer zur Bewunderung hin. Als er geendet hatte, brach ein allgemeiner Beifallssturm los.

Nur Einer sagte kein Wort - der Fürst von Befour. Er hatte sich in eine Fensternische zurückgezogen und von da aus dem Vortrage zugehört. Alle bemerkten, daß er ruhig blieb. Das mußte um so mehr auffallen, als ja er es war, der das Thema gegeben hatte. Bald aber sah man, daß er den jungen Musiker durch einen Wink zu sich beorderte.

Holm gehorchte dieser Aufforderung und schritt zu ihm hin. Sich tief verbeugend, erwartete er die Anrede des Fürsten. Dieser streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Nachdem Ihnen die anderen Gäste den schuldigen Beifall gezollt haben, fühle ich mich gedrungen, Ihnen auch meinen Dank auszusprechen. Bitte, reichen Sie mir Ihre Hand! So! Sie haben Ihre Sache mehr als brav gemacht!«

»Durchlaucht beschämen mich durch diese Nachsicht.«

»O nein. Das innere Zeug haben Sie, die Fertigkeit wird sich wohl auch noch einstellen.«

»Ich hoffe es.«

»Man sagt mir, Sie heißen Holm?«

»Das ist mein Name.«

»Hm! Befinden Sie sich incognito hier?«

»Ich wohne für stets hier.«

»Sonderbar! Aber ich glaube nicht, daß ich mich irre. Oder haben Sie vielleicht einen Bruder, einen Verwandten, welcher Ihnen sehr ähnlich und Violinist ist?«

»Nein.«

»Bitte, zeigen Sie mir Ihre linke Hand!«


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Er ergriff dieselbe, warf einen Blick darauf und fuhr dann fort:

»Richtig! Sie sind es!«

Holm befand sich in Verlegenheit. Er sagte zögernd:

»Durchlaucht scheinen mich zu verkennen!«

»Wohl schwerlich! Ich habe nämlich ein sehr gutes Gedächtniß für Physiognomieen. Ist ihnen vielleicht der Name Holmers bekannt, Max Holmers?«

»Ja,« gestand der Gefragte.

»Ein deutscher Violinvirtuos, welcher sich in den Vereinigten Staaten producirte?«

»Ja.«

»Nun, ich habe ihn in New-Orleans gesehen und gehört. Er war ein Künstler von Gottes Gnaden. Es gab damals zwei Größen, für welche sich das dortige Publicum begeisterte, nämlich diesen Holmers und dann Miß Ellen Starton, die berühmte Tänzerin. Haben Sie vielleicht auch von dieser gehört?«

Diese Frage wurde lächelnd ausgesprochen. Holm nickte nur. Er wußte nicht, was er sagen sollte.

»Der Name Holmers war doch nur eine Amerikanisierung Ihres deutschen Namens Holm?«

»Durchlaucht!«

»Warum wollen Sie nicht aufrichtig sein? Ich meine es gut mit Ihnen. Ich habe mit Vorbedacht dafür gesorgt, daß wir nur unter vier Augen sprechen. Also, bitte, Sie sind jener Virtuos Holmers?«

»Nun, meinetwegen, ja.«

»Ich danke! Warum aber verbergen Sie sich?«

»Weil ich jetzt übe. Ich zähle leider noch zu den Stümpern.«

»Ihrer Hand wegen. Ich habe von dem Duell gehört. War Ihre Hand denn unheilbar verletzt?«

»Ich weiß es nicht. Ich mußte flüchten und hatte keine Zeit, mich einem tüchtigen Chirurgen anzuvertrauen.«

»Ist es Ihnen unmöglich, mit der linken Hand zu greifen?«

»Ja.«

»Haben Sie Schmerzen?«

»Nein. Es fehlt dem Zeige- und dem kleinen Finger die nothwendige Beweglichkeit.«

»Vielleicht ist das eine Folge der unrichtigen Behandlung.«

»Möglich, Durchlaucht.«

»Sie haben sich vermuthlich hier an einen Arzt gewendet?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Es ist nun doch zu spät, und sodann -«

Er hielt inne, wohl aus Verlegenheit.

»Bitte, sprechen Sie weiter!«


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»Nun, ich brauche mich dessen ja nicht zu schämen: Ich bin arm, sehr arm.«

»Wirklich? Ihre Einnahmen waren ja ganz bedeutend!«

»Man hat mich um diese Summe betrogen! Ich war mehr Künstler, als Geschäftsmann.«

»O weh!«

»Ich kam als Bettler und Krüppel, das heißt, ohne Subsistenzmittel und mit verletzter Hand, in die Heimath zurück, wo ich sofort für die Meinen zu sorgen hatte.«

»In welcher Weise thaten Sie das?«

»Ich bin Reporter.«

»Da giebt es freilich keine Schätze zu sammeln. Doch, sagen Sie, Sie haben doch die Starton gekannt?«

Es spielte während dieser Frage ein feines Lächeln um seine Lippen.

»Ja,« antwortete Holm erröthend.

»Wissen Sie, daß Sie hier tanzen wird?«

»Ich habe davon gehört.«

»Es steht zu erwarten, daß sie Begeisterung erntet. Bitte, zeigen Sie mir noch einmal Ihre Hand!«

Holm that es. Der Fürst betrachtete und befühlte dieselbe sehr genau; dann sagte er:

»Erlauben Sie mir, Ihnen einen Rath zu geben?«

»Durchlaucht sind Chirurg?« scherzte Holm.

»Nein; aber ich kenne einen jungen, tüchtigen Arzt, welcher zwar vorzugsweise die Krankheiten des Geistes studirt hat, aber doch auch als Chirurg sehr lobenswerthe Erfolge gehabt hat. Möchten Sie sich ihm nicht einmal anvertrauen?«

»Wohnt er hier in der Residenz?«

»Nein, sondern in Rollenburg. Doch befindet er sich für kurze Zeit hier auf Besuch.«

»Wenn Durchlaucht den Herrn empfehlen, so werde ich ihn auch aufsuchen.«

»Gut. Wissen Sie, wo ich wohne?«

»Palaststraße, wie ich gehört habe.«

»Ja. Haben Sie morgen Vormittag neun Uhr Zeit?«

»Ja.«

»Kommen Sie um diese Zeit zu mir. Der Arzt wird da anwesend sein und mag Ihre Hand einmal genau untersuchen. Kann ich mich Ihnen vielleicht noch anderweit zur Verfügung stellen?«

»Durchlaucht sind zu gnädig! Ich bin höchst glücklich, Ihre Theilnahme errungen zu haben.«

»Die besitzen Sie allerdings. Ich interessirte mich bereits in New-Orleans für Sie als Deutschen und als Künstler. Ich hatte den Wunsch, Sie näher kennen zu lernen; da aber kam die Catastrophe, in Folge deren Sie verschwanden.


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Ich freue mich, meinen damaligen Wunsch jetzt in Erfüllung gehen zu sehen. Also, Sie werden morgen kommen?«

»Ganz gewiß.«

»Ihre Vergangenheit ist den Herrschaften hier wohl nicht bekannt?«

»Nein.«

»Darf man davon sprechen?«

»Ich möchte bitten, dies nicht zu thun.«

»Ganz wie Sie wollen. Es sollte mich herzlich freuen, wenn Doctor Zander morgen Grund fände, Sie in Beziehung auf Ihre Hand mit einer Hoffnung zu erfreuen. Ich habe nicht die Absicht, heute Abend länger hier zu bleiben. Leben Sie wohl, Herr Holm!«

Er reichte ihm die Hand und suchte dann den Gastgeber auf, um sich zu verabschieden.

Holm merkte bald, daß er durch diese sichtlich intimere Unterhaltung mit dem Fürsten bei den Gästen an Ansehen gewonnen habe. Und als er später sich bei dem Hausherrn empfahl, fragte dieser ihn:

»Hat der Fürst von Befour Sie vielleicht seiner Protection versichert?«

»Ja.«

»Nun, dann gratulire ich! Ueberhaupt muß ich sagen, daß ich mit Ihren Leistungen sehr zufrieden bin. Das Honorar, welches Sie bereits erhielten, war doch wohl ein Wenig zu karg bemessen. Hier, nehmen Sie noch!«

Er drückte ihm noch eine Gratification in die Hand. Es war ein Goldstück, wie Holm unten beim Scheine der Laterne bemerkte.

So viel wie heute hatte er seit langer Zeit nicht eingenommen. Er ging erfreuten Herzens nach dem Tanzetablissement, in dessen Garderobenraum er seine Violine aufzubewahren pflegte. Es kam vor, daß er hier ganze Nächte lang übte. Zu Hause litt ja der Wirth das Tönen der Violine nicht. Dem Vater und der Schwester fiel es nicht auf, wenn er des Nachts nicht heim kam. Bei dem residenzlichen Leben, welches ja auch während der Nacht nicht ganz zur Ruhe kam, hatte er als Reporter oft Gelegenheit, gerade in der Zeit, während welcher Andere schliefen, für sein Blatt eine Ernte zu halten.

Er beschloß, auch heute nicht nach Hause zu gehen. Er ahnte ja nicht, mit welcher Sehnsucht die Schwester ihn erwartete, um ihm ihr freudiges Erlebniß mitzutheilen.

Er brannte sich eine Laterne an und begann in der Garderobe zu üben. Dies that er, bis die halbe Nacht vergangen war und draußen sich der Frühverkehr zu entwickeln begann. Da legte er die Violine fort, um die Straßen und Frühkaffeestuben nach Neuigkeiten zu durchstreifen.

In einer der Letzteren sah er dann die kaum ausgegebene Nummer des Residenzblattes liegen. Er nahm sie zur Hand und las zu seinem Erstaunen das die Tänzerin Miß Ellen Starton betreffende Referat.

Diese Lectüre versetzte ihn in die höchste Aufregung, und er konnte kaum den Augenblick erwarten, an welchem sein Chefredacteur in dem Arbeitslocale


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zu erscheinen pflegte. Dann ging er zu ihm, um ihn über seinen Irrthum aufzuklären, fand aber leider die erwähnte feindselige Abfertigung - er wurde entlassen, fast konnte man es nennen - fortgejagt.

Noch war es nicht neun Uhr. Dennoch schritt er dem Stadttheile zu, in welchem die Palaststraße lag. Auf diesem Wege kam er an dem Locale vorüber, in welchem das Regierungsjournal das Licht der Welt erblickte. Er dachte an seine gestrige Unterredung mit dem Commissionsrath; er wußte, daß dieser bereits um acht Uhr zu erscheinen pflegte, um seine Dispositionen zu treffen, und so kam er auf den Gedanken, sich bei ihm anmelden zu lassen.

Er wurde empfangen. Der Rath saß vor seinem Schreibtische und hatte die heutige Nummer des Residenzblattes in der Hand. Auf Holms höflichen Gruß antwortete er leutselig:

»Guten Morgen! Aber, Herr Holm, was seid Ihr Leute vom Residenzblatte denn für verblendete Menschen? Haben Sie diesen unbegreiflichen Aufsatz über die Amerikanerin bereits gelesen?«

»Leider, Herr Commissionsrath.«

»Er enthält die reine Lüge.«

»O, nicht blos Lüge. Er enthält eine teuflische Machination, eine armselige, gewissenlose Verleumdung, darauf berechnet, die Künstlerin lächerlich zu machen.«

»Wer mag der Verfasser sein?«

»Jedenfalls der Chefredacteur selbst.«

»Hm! Ich kenne diesen Herrn. Die Gründe, welche ihm oder vielmehr seiner schmutzigen Feder dieses Machwerk entlockt haben, kann man sich denken. Und solchen Leuten dienen Sie in so gewissenhafter Weise?«

»Das ist aus und vorüber!«

»Wie? Sie haben abgesagt?«

»Er mir.«

»Ah! Aus welchem Grunde!«

»Eben wegen dieses Referates.«

»Sie waren deshalb bei ihm?«

»Ja. Ich bat ihn, eine Berichtigung folgen zu lassen; er aber verweigerte es.«

»Hatten Sie denn Unterlagen zu dieser Berichtigung?«

»Mehr als genug. Ich kenne Miß Ellen Starton von früher her.«

Da sprang der Commissionsrath von seinem Stuhle auf.

»Was? Sie kennen sie?«

»Ja.«

»Woher?«

»Ich habe in den Vereinigten Staaten ihre Triumphe mit angesehen. Ich habe die begeisterten Referate aller dortigen Zeitungen gesammelt. Ich wollte sie dem Chefredacteur zur Einsicht vorlegen. Er wies mich damit zurück!«


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»Welch eine Dummheit! Diese Referate sind jetzt ja ein wahrer Schatz für jede Redaction.«

»Das bin ich überzeugt. Aber anstatt mir zu danken, warf er mir die gröbsten Flegeleien an den Kopf.«

»Sie ließen es sich gefallen?«

»Ich forderte ihn.«

»Wirklich? Interessant, höchst interessant! Was antwortete er?«

»Daß er sich mit einem Reporter nicht schlage.«

»Das sieht ihm ähnlich. Was haben Sie beschlossen?«

»Ich habe ihm gesagt, daß ich, da er sich vor der stählernen Genugthuung zu fürchten scheine, ihn auf eine andere Waffe fordern werde.«

»Ah, die Feder! Nicht wahr, die Feder?«

»Ja.«

»Aber dann brauchen Sie einen Kampfplatz, Herr Holm!«

»Ich hoffe, daß Sie mir das Journal zur Verfügung stellen werden, Herr Commissionsrath.«

»Sie wollen als Reporter zu mir übertreten?«

»Gern, sehr gern, wenn Sie mich engagiren.«

»Natürlich, natürlich! Also, eröffnen wir den Kampf gegen diese gewissenlosen Subjecte. Dazu aber bedarf es Ihrer Unterlagen.«

»Ich stelle sie Ihnen zur Verfügung. Ich habe sie bei mir. Hier sind sie.«

»Schön! Ich selbst schreibe nicht für das Journal; ich habe nur die Direction. Aber ich werde Einsicht nehmen und diese Arbeit dann einer geeigneten Kraft übergeben.«

»Ich hatte die Ehre, bereits zu bemerken, daß ich dem Chefredacteur diesen Kampf angeboten habe.«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie selbst diese Artikel schreiben wollen?«

»Ja.«

»Hm! Mein bester Herr Holm, es ist ein Unterschied zwischen Schreiben und Schreiben.«

»Ich weiß es.«

»Sie sind Reporter. Ein solcher kann seine kleinen Berichte über Arreturen, Droschkenmalheurs und Ähnliches vielleicht ganz prächtig in Façon zu bringen wissen, aber größere Einlagen verfassen, streitbare Artikel, wie die von uns beabsichtigten, aus der Feder schütteln, dazu gehört mehr, viel mehr; dazu gehört Erfahrung, Routine, Geist und vor allen Dingen die richtige - Mache!«

»Und das Alles trauen Sie mir nicht zu?«

»Aufrichtig gestanden, nein.«

»Ich bitte dennoch, es mit mir zu versuchen!«

»Später, später werde ich Sie vielleicht zu solchen Arbeiten verwenden, jetzt aber kenne ich Sie noch nicht. Es ist mir gänzlich unbekannt, welchen


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Bildungsweg Sie zurückgelegt haben. Ihr Chefredacteur hat Sie ja wohl deshalb für nicht satisfactionsfähig gehalten.«

»Nun, da hat er sich freilich sehr geirrt! Ich bitte den Herrn Commissionsrath zum Beispiel, diesen kurzen Bericht zu lesen, welcher in Cincinnati über Fräulein Starton erschien!«

Er zog aus den Zeitungsausschnitten, welche er vorhin dem Rathe gegeben hatte, einen hervor. Dieser las ihn und sagte dann:

»Sehr gut, sehr gut! Ich verstehe genug Englisch, um beurtheilen zu können, daß der Verfasser dieser Zeilen eine tüchtige, ja, eine seltene Kraft ist. So kann nur ein Yankee schreiben, so scharf, schneidig, treffend und dabei kenntnißvoll.«

»Nun, der Verfasser würde wenigstens ebenso gut in deutscher Sprache schreiben!«

»Dann wäre er der richtige Mann für unsere Angelegenheit, und ich wollte, ich hätte ihn hier.«

»Sie haben ihn ja!«

»Ich? Hier?«

»Ja. Bitte, wollen Sie bemerken, wie er sich unterzeichnet?«

»Doctor H. Also academisch gebildet. Das konnte ich mir denken. Aber wo steckt der Mann?«

»Gegenwärtig bei Ihnen.«

»Was, Wie? Mit H fängt sein Name an, und Sie heißen Holm?«

»So ist es, Herr Commissionsrath.«

»Wollen Sie etwa sagen, daß Sie der Verfasser sind?«

»Nichts Anderes?«

»Sie scherzen! Sind Sie denn im Besitze dieses academischen Grades?«

»Ich bitte, davon überzeugt zu sein!«

»Aber, Mann, Mensch! Und Sie reportern?«

»Ich hatte meine Gründe.«

»Da geht mir ein Licht auf! Sind Sie etwa auch der Verfasser jener Künstlerbriefe aus Amerika, nach denen ich Sie gestern fragte?«

»Ja. Heute nun kann ich es eingestehen.«

»Und können Sie mir für das Journal vielleicht Ähnliches schreiben?«

»Sehr gern.«

»Da sehen Sie mich allerdings freudigst überrascht. Wie viel Honorar hat man Ihnen für die Briefe gezahlt?«

»Dreißig Gulden.«

»Welch ein Lumpengeld! Ich engagire Sie; ich engagire Sie, und Sie sollen sich nicht schlecht dabei stehen. Unter diesen Verhältnissen werden Sie allerdings diese interessante Arbeit selbst übernehmen.«

Er nahm dabei die amerikanischen Zeitungsberichte in die Hand. Sein Auge fiel auf einige Zeilen und blieb darauf haften.

»Erschossen - Violinvirtuose - ein Deutscher -« sagte er dabei.


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Ah, jene Geschichte, welche damals die Runde durch alle Zeitungen machte! Ob Etwas daran ist?«

»Gewiß!«

»Nun, Sie sind ja drüben gewesen; Sie wissen das vielleicht; Sie haben davon gehört?«

»Nicht nur gehört. Ich war dabei.«

»Was Sie sagen! Sie Glückskind! Sie haben es mit angesehen?«

»Vom Anfang bis zum Ende.«

»Prächtig! Prächtig! Die Starton ist jetzt hier. Getrauen Sie sich, eine kleine Novelle zu schreiben?«

»Warum nicht?«

»Nun, so schreiben Sie! Das Sujet ist ein prächtiges! Ein deutscher Virtuos schießt sich wegen der Starton mit einem Yankee und jagt ihm eine Kugel durch den Kopf, so daß er flüchten muß. Die Tänzerin ist hier; sie sucht Engagement. Denken Sie, welches Aufsehen diese Novelle machen muß! Das Publikum wird über unser Journal förmlich herfallen.«

»Ich gebe zu, dieses Sujet ein höchst interessantes ist, möchte aber doch auf die Bearbeitung verzichten.«

»Warum? Sie als Augenzeuge sind ja ganz der richtige Mann dazu.«

»Ich weiß aber nicht, ob Miß Starton es gut heißen würde, diese Episode veröffentlicht zu sehen.«

»Warum nicht? Sie ist Amerikanerin; die Amerikaner lieben die Reclame. Und könnte es eine bessere Reclame für die Starton geben, als diese Novelle?«

»Aber jener Virtuos! Was würde er dazu sagen?«

»Pah! Der wird gar nicht gefragt.«

»Ich meine, daß er doch wohl zu berücksichtigen wäre, da sein Name ebenso wie sein Erlebniß der Oeffentlichkeit übergeben wird.«

»Man weiß ja gar nicht, wo er steckt!«

»Das dürfte doch zu erfahren sein.«

»Haben Sie denn keine Ahnung davon, da Sie ja Augenzeuge gewesen sind? Waren Sie nahe dabei?«

»So nahe, daß mir die Kugel des Amerikaners hier durch die Hand gegangen ist.«

Er hielt dem Rathe seine Hand hin. Dieser wich einige Schritte zurück, riß die Augen weit auf, machte eine Miene höchster Ueberraschung und sagte:

»Wetter noch einmal! Ich beginne, zu ahnen.«

»Das sollte mir lieb sein!«

»Sie waren in Amerika - -«

»Ja.«

»Sie kennen die Tänzerin -«

»Genau.«

»Sie waren bei dem Duell zugegen -«

»Persönlich.«


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»Sie spielen Violine -«

»So leidlich.«

»Mit der verkehrten Hand -«

»Nothgedrungen.«

»Die Kugel hat Sie getroffen - Mensch, Sie selbst sind jener Virtuos! Habe ich es errathen?«

»Ich muß es zugegeben.«

»Das ist ja eine förmliche Entdeckung! Violinvirtuos, Doctortitel, und macht den Reporter! Herr Holm, ich engagire Sie! Schlagen Sie ein!«

»Das kann ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Wenigstens nicht so unbedingt. Reporter bin ich nur nothgedrungen gewesen, da ich doch leben mußte. Inzwischen habe ich mich auf der Violine fortgeübt. Sobald ich technisch das mir gesteckte Ziel erreiche, concertire ich wieder. Höchstens bis dahin könnte ich ein festes Engagement eingehen.«

»Gut! Auch das wird angenommen. Wie stehen Sie sich augenblicklich pecuniär?«

»Nicht gut, aufrichtig gestanden.«

»Ich werde ihnen unter die Arme greifen. Nehmen Sie eine Abschlagszahlung auf Späteres von mir an?«

»Oh, nur zu gern, Herr Commissionsrath.«

»Schön! Sollen Sie haben!«

Er zog ein Blanquet hervor und füllte es aus.

»Hier, haben Sie!« sagte er. »Gehen Sie dann an die Casse.«

Es war eine Anweisung auf hundert Gulden. Holm war tief gerührt. Er streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Herr Commissionsrath, Sie machen mich zu Ihrem großen Schuldner. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!«

»Pah! Hundert Gulden sind kein Reichthum! Aber nun sagen Sie, wie steht es mit der Novelle?«

»Möchten wir da nicht erst Miß Starton fragen?«

»Thun Sie es, wenn Sie es für nöthig halten.«

»Ich halte es allerdings für gerathen.«

»Handeln Sie nach Belieben. Und den Angriff auf dieses noble Residenzblatt -?«

»Werde ich sofort beginnen.«

»Wann kann ich das Manuscript erwarten?«

»Baldigst.«

»Gut. Dann erlauben Sie, daß ich Sie jetzt entlasse. Ich bin sehr beschäftigt. Doch, apropos, wollen wir von unserer gegenwärtigen Unterhaltung Anderen sagen?«

»Kein Wort!«

»Das ist auch meine Meinung.«

»Der Streich, den wir führen, muß ganz urplötzlich kommen.«


// 1223 //

»Sie haben Recht; dann trifft er desto sicherer. Also, für jetzt adieu, Herr Doctor! Baldiges Wiedersehen!«

Hundert Gulden in der Tasche, verließ Holm einige Minuten später die Kasse des Journales. Dazu das Goldstück, welches er gestern erhalten hatte; seit langer Zeit war er nicht so reich gewesen.

Er wäre am Liebsten nach Hause gegangen, um den Seinen die gute Botschaft möglichst bald zu bringen; aber es war fast neun Uhr, er mußte zum Fürsten von Befour.

Dort angekommen, wurde er sofort vorgelassen und in das Arbeitscabinet des Fürsten geführt. Bei dem Letzteren befand sich Doctor Zander, welcher bereits von Allem unterrichtet war.

Dieser Letztere untersuchte die Hand des Violinisten außerordentlich sorgfältig, erkundigte sich nach den während und nach der Verwundung stattgehabten Umständen und ließ dann jedes einzelne Glied und Gelenk der Hand in Bewegung gehen.

Holm hatte das Gefühl, als ob er einen äußerst folgenreichen Richterspruch erwarte. Auch dem Fürsten war es anzusehen, daß er sich in hoher Spannung befand. Endlich hatte der Arzt sich seine Ansicht gebildet. Er sagte:

»Haben Sie vielleicht eine Idee von dem anatomischen Bau der Hand, Herr Holm?«

»So ziemlich.«

»Nun, der Zeigefinger hat einen besonderen Streckmuskel, und der Daumen und der kleine Finger besitzen außer den am Vorderarme entspringenden Streckern und Beugern noch mehrere in dem Handballen gelegene Muskeln. In den Letzteren und dem vorher erwähnten Streckmuskel liegt der Grund Ihres Leidens.«

»Ist es heilbar?«

»Gewiß. Ich unterlasse es, zu erklären, in welcher Weise die durch die Kugel theilweise zerrissenen Muskeln sich falsch verbunden haben, weil die Heilung sich selbst überlassen blieb. Wollen Sie mir die Behandlung anvertrauen?«

»Gern.«

»Sind Sie für Schmerzgefühle sehr empfindlich?«

»Ich bin kein Kind, Herr Doctor. Halten Sie eine Operation für nöthig.«

»Ja.«

»Ist sie bedeutend?«

»Nein. Die Muskeln haben sich verkürzt. Drei kleine, nicht zu tiefe Einschnitte genügen.«

»Und wie lange Zeit ungefähr wird die Heilung auf sich warten lassen?«

»Vielleicht drei Wochen.«

»Dann kann ich die Hand wieder gebrauchen?«

»Wie vor dem Schusse. Ich garantire Ihnen, daß Sie dann die Violine wie vorher beherrschen werden.«


// 1224 //

»O, könnte ich Ihnen glauben!«

»Sie können es!«

»Wann wollen Sie die Operation vornehmen?«

»Jetzt gleich, wenn es Ihnen recht ist.«

»Hier?«

»Ich reise nachher ab.«

»Aber Durchlaucht werden incommodirt -«

»O nein!« sagte der Fürst. »Ich interessire mich für diese Operation so sehr, daß es mir höchst willkommen ist, wenn sie hier vorgenommen wird. Wir sind auf diesen Fall vorbereitet. Alles Nöthige ist beschafft.«

Holm wollte Einwendungen machen, doch sagte Doctor Zander lachend:

»Bitte keine Ueberflüssigkeiten! Entweder jetzt oder nie. Da steht der Waschtisch, und daneben liegt alles Nöthige. Bitte, kommen Sie!«

Er zog sein Besteck aus der Tasche und schob Holm an den Waschtisch. Der Fürst selbst hielt den Arm des Letzteren. Der Arzt nahm das Messer in die Rechte, die verletzte Hand in die Linke und that, als ob er die Wunde nochmals untersuchen müsse. Drei höchst rasche, unerwartete Schnitte, nicht tief und fast gar nicht schmerzhaft, dann ließ er die Hand wieder los.

»Halten Sie sie in das Wasser!« sagte er.

»Sind Sie denn schon fertig?« fragte Holm erstaunt.

»Ja. Oder denken Sie, daß ich Sie abschlachten wollte? Ein Wenig Eisenchlorid, einige Tropfen Carbol, etwas Verbandzeug, dann können Sie wieder gehen.«

Aber so schnell wurde er doch nicht entlassen. Als er verbunden war und die Hand ihre Befestigung erhalten hatte, wurde er noch zum Bleiben genöthigt. Es währte nicht lange, so war der Fürst in die Erlebnisse des Virtuosen voll eingeweiht.

Als Holm später entlassen wurde, ahnte er nicht, wie folgenschwer diese Audienz beim Fürsten später für ihn noch sein werde. Seine Hand schmerzte nicht im Geringsten, und der Arzt hatte ihm gesagt, daß er auch das Wundfieber keineswegs zu fürchten habe.

Er lenkte seine Schritte seiner Wohnung zu. Dabei kam er in die Gegend, in welcher der Intendant des Residenztheaters wohnte. Eine Strecke vor ihm trippelte ein kleines Männchen die Straße entlang.

»Der Redactionsdiener,« dachte er. »Den muß ich einholen. Ob er wohl weiß, was zwischen mir und seinem Herrn vorgefallen ist?«

Aber er war nicht weit gekommen, so trat der Kleine in ein Haus, in dessen Parterre sich ein Caffée befand.

»Er wird dort einkehren,« dachte er. »Ich folge ihm. Komme ich etwas später heim, so kann ich ja nun auch zu Hause bleiben. Mit dem Reportern ist es aus.«

Als er in das Café trat, hatte sich der Kleine soeben erst gesetzt. Es waren nur wenige Gäste vorhanden.

»Herr Holm,« sagte der Diener erfreut. »Verkehren Sie auch hier?«


Ende der einundfünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk