Lieferung 53

Karl May

29. August 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1249 //

»Man muß aber doch ihren Knaben gefunden haben?«

»Nein. Man hat vergeblich gesucht und in Folge dessen ihre Angaben für erfunden halten müssen.«

»Aber das Zeugniß Ihrer Schwester?«

»Pah! Das hat gar nichts gegolten. Laura ist zu acht Jahren Zuchthaus verurtheilt worden. Dabei hat man ihr noch mildernde Umstände zuerkannt, sonst wäre die Strafe eine weit härtere geworden.«

»Und Emilie?«

»Die hat man entlassen, weil man nicht vermocht hat, ihr eine Mitschuld nachzuweisen.«

»Wann ist das gewesen?«

»Vor vier Jahren.«

»So ist also die Hälfte der Strafzeit vorüber. Wollen Sie nicht ein Gnadengesuch anfertigen lassen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich bin da ganz der Ansicht meiner Tochter. Der Director des Zuchthauses hat ihr denselben Rath gegeben; sie aber mag von einem Gesuche nichts wissen.«

»Das ist ebenso bedauerlich wie unbegreiflich. Wenn der Director selbst ihr diesen Rath ertheilt, so läßt sich mit Sicherheit annehmen, daß dieses Gesuch Erfolg haben werde. Er würde es befürworten.«

»Aber Laura würde damit ihre Schuld eingestehen.«

»Doch nicht.«

»O gewiß! Wer um Gnade fleht, der ist schuldig. Der Unschuldige braucht Gerechtigkeit, aber keine Gnade.«

»Ist denn nicht nach jenem Frauenzimmer geforscht worden, welches so gespensterähnlich auf dem Kirchhofe erschienen ist?«

»Man muß es wohl gethan haben, aber lässig genug, da man Das, was Laura erzählte, für eine Fabel gehalten hat. Das war eine traurige, traurige Zeit! Der liebe Herrgott behüte Jeden vor solchen Erfahrungen! Ich gönne selbst meinem ärgsten Feinde diese - ah, aber doch, Einen giebt es, dem ich Das und noch viel, viel Schlimmeres gönne!«

»Wem?«

»Dem Baron von Helfenstein. Ich erfuhr, wie ich bereits erzählte, erst später, daß er der Vater sei, und so ging ich zu ihm, um mit ihm darüber zu verhandeln.«

»Ich habe von diesem Manne gehört. Was sagte er?«

»Nichts, gar nichts.«

»Aber er muß doch einen Ausspruch gethan haben?«

»Ja, einen Ausspruch that er freilich!«

»Welchen?«

»Er gab den Befehl, mich hinaus zu werfen.«

»Doch wohl nicht?«


// 1250 //

»Ja freilich!«

»That man es denn?«

»Ja. Er ging zu der einen Thür hinaus, und ich wurde durch die andere mit Glanz und Ruhm abgeführt.«

»Schändlich! Hatte er sich denn vorher um Ihre Tochter bekümmert?«

»Er ist während meiner Abwesenheit einige Male heimlich bei Laura gewesen, um Sie zur Verschwiegenheit zu bereden. Sogar gerade als das Kind eben gestorben war, ist er gekommen.«

»Hat er das Kind gesehen?«

»Ja.«

»So muß er doch wissen, daß es ein Knabe war!«

»Natürlich.«

»Warum hat Ihre Tochter ihn nicht als Entlastungszeugen angegeben?«

»Weil sie ihm ihr Wort halten wollte.«

»Diese Gewissenhaftigkeit ist aber doch mehr als Unsinn gewesen. Sie hätte frei gesprochen werden müssen.«

»Meinen Sie? Ich denke, Sie irren sich.«

»Er hätte ja beeiden müssen, daß das Kind ein Knabe war!«

»Nein; er hätte Laura ausgelacht.«

»Unmöglich!«

»O doch! Das hat er übrigens bewiesen. Laura hat nämlich gedacht, daß er sich unserer annehmen werde. Sie erkundigte sich bei mir, als ich sie in der Strafanstalt besuchte. Und erst, als sie erfuhr, wie es stand, sagte sie mir, daß er der Vater sei. Sie erzählte mir Alles, und ich ging zum Director des Zuchthauses, um ihn um einen guten Rath zu bitten. Er erklärte die Sache zwar nicht geradezu für einen Schwindel, aber er ließ merken, daß er Zweifel hege. Doch versprach er mir, sich zu überlegen, was in der Sache zu thun sei.«

»Und was war der Erfolg?«

»Einige Zeit später wurde ich hier in das Gerichtsamt bestellt. Ich freute mich, denn ich war überzeugt, etwas Hoffnung Erweckendes zu hören - aber prosit die Mahlzeit!«

»Wohl das gerade Gegentheil?«

»Ja. Es wurde mir bedeutet, nie wieder eine solche wahnsinnige Anschuldigung zu wagen, widrigenfalls man nicht blos mich gefänglich einziehen, sondern auch meine Tochter exemplarisch bestrafen werde.«

»Und so haben sie geschwiegen?«

»Natürlich! Was kann ich sonst thun?«

»Leider nichts, gar nichts! Ich möchte behaupten, daß Laura - ah, wer ist denn das?«

Es war ein Kellner eingetreten, nicht derjenige, welcher sie bedient hatte, und als er Max Holm erblickte, auf diesen zugekommen.

»Herr Holm,« sagte er, ihm die Hand zum Gruße bietend. »Es freut mich, Sie einmal zu sehen!«


// 1251 //

»Serviren Sie denn jetzt hier im Kronprinzen?«

»Bereits seit einigen Wochen?«

»Aber wohl nicht hier in der Restauration?«

»Nein, sondern nur für die Fremden; ich bin Zimmerkellner.«

Dieser Mann war nämlich vorher in demjenigen Etablissement, in welchem Holm sich an der Tanzmusik betheiligte, Kellner gewesen. Daher kannten sich diese Beiden. Holm hatte, trotz seiner Armuth, ihm zuweilen ein Trinkgeld gegeben, und dies ist ein Umstand, welcher auf die Anhänglichkeit dienstbarer Geister einen sehr großen Einfluß äußert.

»Zimmerkellner für die Fremden?« fragte der Theaterdiener. »Da kennen Sie wohl auch die Leda?«

»Natürlich!«

»Wohnt die Leda etwa hier?« fragte Holm schnell.

»Ja,« antwortete der Kellner.

Augenblicklich schoß durch den Kopf des Reporters ein Gedanke, dem er sofort Folge gab, indem er fragte:

»Wer bedient sie?«

»Ich selbst,« antwortete der Kellner. »Natürlich steht ihr außerdem auch weibliche Hilfe zur Verfügung.«

»Hm! Würden Sie mir vielleicht einen Gefallen thun?«

»Gern, sehr gern, wie Sie wissen! Was wünschen Sie?«

»Nachher, nachher; jetzt noch nicht.«

Er wollte in Gegenwart des Theaterdieners lieber vorsichtig sein. Werner bemerkte, daß er an dieser Zurückhaltung schuld sei, und erhob sich von seinem Stuhle.

»Meine Zeit ist abgelaufen, Herr Holm,« sagte er. »Ich bitte also, mich verabschieden zu dürfen.«

»Nicht doch! Trinken wir noch ein Glas Grog!«

»Danke! Sie wissen, daß ich noch in's Archiv muß, und eigentlich habe ich mich bereits zu lange aufgehalten.«

Nach einigen Redensarten und nachdem er sich dann auf das Herzlichste bedankt hatte, entfernte er sich. Nun trat der Kellner, welcher sich einstweilen zurückgezogen hatte, wieder zu Holm und fragte:

»Er ist fort. Sie wollten in seiner Gegenwart nichts sagen?«

»Allerdings! Er ist zwar ein Ehrenmann, aber Das, um was ich Sie bitten möchte, muß unbedingt vor ihm Geheimniß bleiben.«

»Vor Anderen auch vielleicht?«

»Ja. Kann ich auf Sie rechnen?«

»Das versteht sich ganz von selbst. Sagen Sie nur, was ich für Sie thun kann!«

»Ob Sie es überhaupt thun können, das hängt noch von dem Umstande ab, wie die Wohnung der Leda beschaffen ist. Ich möchte sie nämlich einmal belauschen.«

»Sapperment! Das ist eine kitzliche Sache!«


// 1252 //

»Wohl zu gefährlich für Sie?«

»Hm! Weiß nicht!«

»Wenn ich Etwas verlange, was Sie mir nicht gewähren können, so sagen Sie es mir aufrichtig. Ich nehme es Ihnen gar nicht übel.«

»Ich möchte freilich wissen, um was es sich handelt.«

»Nun, Sie sagen nichts wieder, und da will ich aufrichtig sein. Die Leda soll morgen mit ihrer Rivalin in die Schranken treten, und da möchte ich sehr gern wissen, wie sie über dieselbe denkt.«

»Es wird am Besten sein, Sie fragen sie direct.«

»Das kann nicht in meinem Plane liegen. Wie sind die Zimmer beschaffen, welche sie bewohnt?«

Der Kellner beschrieb die Oertlichkeit.

»Ist das hintere Zimmer mit dem Nebenzimmer vielleicht durch eine Thür verbunden?«

»Ja. Diese Thür ist von beiden Seiten verriegelt.«

»Ist das Zimmer bewohnt?«

»Nein. Die Tänzerin erwartet natürlich, daß wir es leer lassen. Es wäre ja ein jedes Wort, welches sie mit ihrer Mutter spricht, zu vernehmen.«

»Das ist schön, sehr schön! Würden Sie mir dieses Nebenzimmer einmal öffnen, wenn ich Ihnen dafür ein gutes Trinkgeld gebe?«

»Es ist gegen meine Pflicht, mein bester Herr Holm!«

»Gut! Sprechen wir nicht weiter davon!«

Er lehnte sich mit einer Miene, als halte er die Angelegenheit für vollständig beseitigt, in seinen Stuhl zurück. Dem Kellner jedoch gingen die Worte »gutes Trinkgeld« im Kopfe herum. Er hatte sich nur scheinbar geweigert; daher sagte er.

»Zwar Ihnen möchte ich gern gefällig sein -«

»Ich möchte Sie nicht zu einer Pflichtverletzung verleiten.«

»Vielleicht ist es mit dieser Pflichtverletzung nicht so sehr schlimm. Sie wollen nur hören, was die Tänzerin von ihrer Rivalin denkt?«

»Ja.«

»Nun, das ist doch nichts Schlimmes. Wieviel würden Sie daran wenden, Herr Holm?«

»Ich denke, Sie wollen es aus Gefälligkeit thun?«

»Gewiß; aber sprachen Sie nicht von einem Trinkgelde?«

»Na, meinetwegen! Wieviel verlangen Sie?«

»Wie viel geben Sie?«

»Ich biete nichts. Sagen Sie, wieviel Sie verlangen!«

»Ist drei Gulden zuviel?«

»Ich gebe sie. Wann kann ich hinauf?«

»Sofort, wenn Sie es wünschen.«

»Ist die Leda daheim?«

»Ja.«

»Und ihre Mutter?«


// 1253 //

»Auch. Aber wie lange wollen Sie oben bleiben?«

»Bis ich erfahren habe, was ich wissen will.«

»O weh!«

Der Kellner kratzte sich verlegen hinter dem Ohre.

»Was bedauern Sie denn?« fragte Holm.

»Wenn Sie warten wollen, bis die Beiden von der amerikanischen Tänzerin zu sprechen anfangen, so können Sie vielleicht noch morgen oben stecken!«

»Das denke ich nicht.«

»Es kann doch der Fall sein, daß sie sich über diese Dame vollständig ausgesprochen haben und nun gar nicht wieder auf das Thema kommen.«

»Ich sorge dafür, daß sie darauf kommen.«

»Wie wollen Sie das anfangen?«

»Ich schreibe hier einige Zeilen, welche sie der Leda geben, sobald ich mich im Nebenzimmer befinde.«

»Darf ich lesen, was Sie schreiben?«

»Ja.«

»Und wenn die Leda mich fragt, von wem der Brief ist?«

»Von einem Herrn, den Sie nicht kennen. Er ist hier gewesen und natürlich wieder fort. Für die Besorgung des Briefes zahle ich Ihnen noch zwei Gulden.«

»Also fünf in Summa?«

»Ja. Wie komme ich unbemerkt hinauf.?«

»Das lassen Sie mich machen. Ich passe den Augenblick ab und bringe Sie hinauf. Bezahlen Sie Ihre Zeche, und lassen Sie sich Schreibmaterialien geben, daß Sie dann bereit sind, wenn ich Ihnen winke.«

Er ging. Holm ließ sich von dem ihn bedienenden Kellner Papier, Couvert, Tinte und Feder geben und schrieb folgende Zeilen:

          »Meine angebetete Venus.
     Wie ich höre, haben Sie eine kleine Verschwörung gegen die Amerikanerin Ellen Starton zu Stande gebracht. Man legt Ihnen im Geheimen Gegenminen. Nehmen Sie sich sehr in Acht, daß Sie nicht unterliegen, gerade dann, wenn Sie des Sieges sicher sind!
     Ein treuer Bewunderer.«

Er verschloß diesen Brief, bezahlte seine Zeche und wartete. Nach ungefähr einer Viertelstunde wurde die Thür heimlich um eine Lücke geöffnet. Er sah seinen Verbündeten, welcher ihm winkte und dann die Thür wieder zumachte.

Nun griff er zum Hute und grüßte in unbefangener Weise, ganz so, als ob er wirklich zu gehen beabsichtige. Draußen im Hausflur angekommen, sah er den Kellner auf der unteren Treppenstufe stehen. Er eilte hin.

»Ist der Weg frei?« fragte er.

»Ja.«

»Der Portier?«

»Den habe ich zum Hausknecht geschickt.«


// 1254 //

»Und oben?«

»Das Zimmermädchen habe ich in die Küche beordert. Kommen Sie; aber leise!«

Sie stiegen die Treppe empor. Der Corridor war mit einem dicken Läufer belegt, welcher die Schritte fast ganz unhörbar machte. Hinten erblickte Holm eine Thür, welche nur angelehnt war. Dorthin wurde er von dem Kellner geführt.

»Haben Sie den Brief?« fragte dieser.

»Ja. Hier ist er.«

»Schön. Ich werde ihn sogleich besorgen. Treten Sie hier ein!«

»Kreischt die Thür?«

»Nein. Aber geben auch Sie keinen Laut von sich! Die Thür schließen Sie natürlich zu.«

»Wo ist der Schlüssel?«

»Er steckt drin. Wenn Sie fertig sind, lassen Sie ihn da stecken. Sie gehen fort, als ob Sie das Recht gehabt hätten, hier oben zu sein. Gute Geschäfte!«

Dabei streckte er ihm die geöffnete Hand hin.

»Ah, richtig! Das hätte ich fast vergessen,« flüsterte Holm, leise lachend. »Hier!«

Er zog fünf Gulden hervor und gab sie dem Kellner.

»Danke!« sagte dieser und schlich sich davon.

Holm trat ein, zog die Thür leise hinter sich zu und verschloß sie von innen. Hart an der Thür, weiche in das Nebenzimmer führte, stand ein Stuhl, den jedenfalls der Kellner hingestellt hatte. Holm schlich sich unhörbar hin und setzte sich nieder.

Drüben war es so still, als ob kein Mensch anwesend sei; aber nach einer kleinen Weile hörte der Lauscher ein lautes Klopfen.

»Herein!« sagte eine weibliche Stimme.

Holm hörte eine Thür öffnen, und dann vernahm er die Stimme des Kellners:

»Erlauben Sie, gnädiges Fräulein, diesen Brief!«

»Von wem?«

»Von einem Herrn, welcher unten im Gastzimmer war.«

»Wer ist er?«

»Ich weiß es nicht. Ich kannte ihn nicht.«

»Ist er noch da?«

»Er ist bereits fort. Ergab mir den Brief im Fortgehen.«

»Warten Sie!«

Sie schien den Brief zu lesen. Dann hörte Holm sie fragen:

»Haben Sie diesen Herrn auch nicht vorher gesehen?«

»Nein, nie.«

»Beschreiben Sie ihn!«


// 1255 //

»Hoch und stark gewachsen, schwarzer Vollbart, dunkle Augen, langer Pelz und hoher Filzhut.«

»Hm! Daraus kann man sich nichts nehmen. Wie alt war er ungefähr?«

»Vierzig.«

»Hatte er ein distinguirtes Äußere?«

»Er schien vornehm zu sein.«

»Also kein Bedienter?«

»Auf keinen Fall.«

»Schön. Ich danke. Sie können gehen.«

Holm hörte, daß der Kellner sich entfernte. Dann vernahm er eine andere weibliche Stimme, welche fragte:

»Jedenfalls ein Liebesbrief?«

»Nein.«

»Aufforderung zu einem Rendez-vous?«

»Auch nicht, Mutter.«

»Was denn?«

»Eine Warnung.«

»Vor was denn?«

»Vor der Amerikanerin.«

»Das wäre doch höchst sonderbar!«

»Ja. Höre einmal!«

Sie las den Brief vor und fragte dann:

»Was sagst Du dazu?«

»Gar nichts.«

»Aber Du mußt Dir doch unter den Gegenminen, welche man mir legt, irgend Etwas denken?«

»Gar nichts denke ich.«

»Ja, so bist Du! Gar nichts sagst Du, und gar nichts denkst Du! Alles soll ich allein denken, sagen und thun!«

»Das kannst Du auch; das ist Deine Pflicht. Du bist jung, ich aber bin alt. Ich habe genug gethan und will nun meine Ruhe haben.«

»Ruhe!« erklang es in ärgerlichem Tone. »Ruhe, nur immer Ruhe! Ruhe und Geld, weiter verlangst Du nichts.«

»Weil ich auch weiter nichts brauche.«

»Das ist aber eben gerade genug. Habe denn ich Ruhe?«

»Eine Tänzerin braucht keine Ruhe!«

»Oder habe ich Geld?«

»Eine Tänzerin verdient Geld.«

»Du bringst mich noch zur Verzweiflung! Sogar diesen Petermann habe ich allein auf mich nehmen müssen.«

»Ich hatte nichts mit ihm zu schaffen. Uebrigens hast Du ihn so bedient, daß er sicherlich nicht wiederkommen wird.«


// 1256 //

»Ich hoffe das. Freilich entfernte er sich mit einer Drohung, welche ernstlich gemeint zu sein schien.«

»Pah! Er kommt aus dem Zuchthause. Die geringste Veranlassung genügt, ihn in den Rückfall zu werfen.«

»Wie aber kommt er dazu, zu behaupten, daß ich die Schuld an seinem Unglück trage?«

»Er hat auf den Busch geschlagen.«

»Hm! Da kommt mir ein Gedanke. Sollte das vielleicht die Mine sein, von welcher hier in diesem Briefe die Rede ist!«

»Was?«

»Eben dieser Petermann.«

»Der? Eine Mine? Lächerlich!«

»Warum nicht? Kann er nicht zufälliger Weise mit dieser Amerikanerin zusammengetroffen sein?«

»Dieser Zufall wäre doch sonderbar, und mehr als das; er wäre förmlich an den Haaren herbeigezogen.«

»Warum das nicht auch? Petermann kann leicht erfahren, daß diese Starton meine Gegnerin ist. Er kann sie aufgesucht haben, um ihr mitzutheilen, was er von mir weiß.«

»Was weiß er denn? Daß Du ein Kind gehabt hast und die Geliebte des Lieutenants von Scharfenberg gewesen bist. Was ist das weiter? Jede Tänzerin hat Liebhaber, und jede Tänzerin bekommt Kinder. Das mag er immer wissen.«

»Aber wenn er nun das Andere vermuthet?«

»Was denn?«

»Frage nicht so dumm! Die fünftausend Gulden, welche Bruno auf sich nehmen mußte!«

»Was weiter, wenn er es ahnt? Beweisen muß er es können.«

»Und dann der unglückselige Wurm -«

»Sei still! Wie kann er das wissen? Das sind vergangene Sachen, und an solchen Dingen darf man nicht rütteln. Sinne lieber nach, wer diesen Brief geschrieben haben mag.«

»Ich kenne nur Zwei, auf die ich da rathen könnte.«

»Wen?«

»Eben Bruno!«

»Ich denke, er ist verreist?«

»Er kann wieder zurück sein.«

»Du sagtest doch, daß er nichts mehr von Dir wissen mag. Wie käme er dazu, Dich zu warnen?«

»Es braucht doch nicht gerade sein Wunsch zu sein, daß ich besiegt werde.«

»Ist es seine Handschrift?«

»Nein.«

»Das konnte ich mir denken. Er kann es nicht sein.«

»Warum denn so absolut nicht?«


// 1257 //

»Er würde eher daran arbeiten, daß Du unterliegst.«

»Nein, nein. Alte Liebe rostet nicht.«

»Richtig, sie rostet nicht, sondern sie wird ganz und gar alle! Ueberlege es Dir! Es kann ihm nichts daran liegen, Dich als Tänzerin hier in Engagement zu sehen. Er würde Dich am Allerwenigsten warnen. Wer ist der Andere, den Du meinst?«

»Der Baron.«

»Das ist auch mir eher wahrscheinlich. Ist's seine Schrift?«

»Ziemlich. Es hat den Anschein, als ob er es mit verstellter Hand geschrieben habe.«

»Nun, so dürfen wir also annehmen, daß er es ist. Er ist von jeher ein feiner Intriguant gewesen. Er hat einen schlauen Kopf. Er ist ganz der Mann, zu erfahren, was gegen Dich im Werke ist, und aus alter Anhänglichkeit warnt er Dich.«

»Was nützt mir das?«

»Viel, sehr viel! Es ist immer besser, man weiß, daß man Feinde hat, als man ahnt es nicht.«

»Aber er konnte sich bestimmter ausdrücken.«

»Vielleicht thut er es noch. Er wird Dich überhaupt in nächster Zeit besuchen. Er hat die Pflegegelder zu bezahlen. Oder hat er es bereits gethan, und Du hast's verschwiegen?«

»Wo denkst Du hin? Ich selbst lauere mit Schmerzen auf dieses Geld. Das hiesige Pflaster ist theurer als ich dachte.«

»Nun, er ist stets pünctlich gewesen und wird es wohl auch dieses Mal sein. Eigentlich köstlich, köstlich!«

»Was?«

»Pflegegelder zahlen für ein Kind, welches gar nicht mehr vorhanden ist.«

»Ja, dieser Gedanke war wirklich einzig.«

»Er stammte von mir. Und zwar doppelte Ziehgelder. Von dem Baron und von diesem albernen Bruno. Kind, Du glaubst nicht, wie dumm diese Männer sind. Ein schönes Gesicht, ein üppiger Bau, ein Wenig geheuchelte Liebe - dann sind sie weg! Hätte dieser Bruno nachzurechnen vermocht, so hätte er einsehen müssen, daß das Mädchen nicht sein Kind sein könne. Er kannte Dich ja nicht ganz acht Monate. Ich möchte wirklich wissen, ob Petermann damals aus freiem Antriebe gehandelt hat.«

»Ich glaube es ihm. Er hielt große Stücke auf seinen jungen Herrn. Zeit aber war es, daß ich verschwand.«

»Und das Kind dazu. Es war überhaupt damals fast wunderbar, wie Alles so vortheilhaft in einander griff. Denke Dir nur die Kirchhofscene!«

»Die war allerdings einzig!« lachte Leda. »Ich war am Tage bei dem Begräbnisse gegenwärtig gewesen und hatte mir das Grab gemerkt.«

»Abends begleitete ich Dich bis an die Mauer. Brrr! Ich fürchtete mich doch. Kirchhof bleibt Kirchhof. Als ich Dich hinaufgehoben hatte, duckte


// 1258 //

ich mich nieder und zog den Mantel über mich weg. Ich wollte gar nichts sehen. Denke Dir dann meinen Schreck, als ich Dich sprechen hörte!«

»Auch ich erschrak nicht garstig, als ich, in der Nähe des Grabes angekommen, dort eine Gestalt sah, welche sich emsig zu schaffen machte.«

»Hahahaha! Du hieltest sie für ein Gespenst!«

»Beinahe. Ich bemerkte aber sehr bald, daß ich es mit einem Mädchen zu thun hatte. Ich legte den Wurm bei Seite und schlich mich hin.«

»Den Schreck, o, den Schreck hätte ich sehen mögen!«

»Sie brach förmlich zusammen. Und die guten Worte, welche sie dann geben konnte! Pah! Mir war es gerade recht, daß ich sie traf. Sie mußte es auf sich nehmen.«

»Ja, das war ein feiner Gedanke von Dir. Damals sah ich, daß ich an Dir keine schlechte Schülerin gehabt hatte.«

»Ich ließ sie fort, grub dann die Schachtel wieder aus und legte unseren Wurm hinein. Den ihrigen aber nahm ich mit. Es war kein Wurm, sondern ein Würmchen, ganz dürr, dünn und armselig. Heute frage ich mich oft, ob der Baron vielleicht gewußt hat, daß -«

»Was?«

»Daß dieses Mädchen auf dem Kirchhofe sein wird.«

»Wie soll er das gewußt haben?«

»Weil er mir den Rath gab, die Leiche nach dem Kirchhofe zu schaffen.«

»Wie, er war es, der Dich auf diesen Gedanken brachte?«

»Ja. Er machte mich auf das halb zugeworfene Grab aufmerksam.«

»Davon weiß ich doch gar nichts!«

»Es ist die Rede noch nicht darauf gekommen. Er sagte mir sogar die Zeit, zu welcher ich gehen sollte.«

»Sonderbar!«

»Und sodann fügte er hinzu, daß ich vielleicht etwas finden könne, was des Umtausches werth sei.«

»Sollte er jene Kindesleiche gemeint haben?«

»Ich weiß es nicht, möchte es aber fast vermuthen. Natürlich hat er da gedacht, daß das Mädchen fertig sei und sich nicht mehr auf dem Kirchhofe befinde.«

»Das ist ein Gedanke, der allerdings nicht aus der Luft gegriffen zu sein scheint. Aber, wenn Du das Richtige ahnst, konnte er dann auch das von der Scheune wissen?«

»Ja.«

»Wieso?«

»Er sagte mir ja, daß ich das, was ich umtausche, unter diese Scheune verbergen könne.«

»Wie? Das hat er gesagt?«

»Ja.«

»Und das erfahre ich erst jetzt!«

»Er verbot mir, Dir davon zu sagen.«


// 1259 //

»Warum?«

»Vielleicht traute er Dir nicht!«

»Hm! Getraut hat er mir stets. Jedenfalls hat er irgend eine Absicht gehabt. Er ist ein unergründlicher Mensch. Er weiß stets, was er thut, selbst wenn es Anderen ganz unerklärlich erscheint. Also deshalb mußte ich mit zu der Scheune! Aber dennoch wären wir fast in das Verderben gerannt. Wenn uns nun anstatt dieser riesigen Aurora ein anderer Mensch erwischt hätte!«

»Dann freilich wäre es um uns geschehen gewesen. Uebrigens war es doch gut, daß ich mich einschüchtern ließ und den Namen des Mädchens nannte, welchen ich kurz vorher auf dem Kirchhofe erfahren hatte. Sobald die Aurora diesen gehört hatte, stimmte sie augenblicklich um. Es schien fast, als ob sie auf diese Familie eine große Rache habe. Sie half das Kind verstecken, schob selbst die Steine vor und gab mir dann den Rath, am andern Tag den Brief an die Polizei zu schreiben.«

»Gut, daß es so abgelaufen ist! Dieser Rath war ein schlechter.«

»Wieso?«

»Wie leicht konnte entdeckt werden, wer den Brief geschrieben hatte. Du kannst Deine Hand nicht verstellen.«

»Wer aber kannte meine Schrift?«

»Niemand, das ist wahr. Aber Du hattest einige Male an Bruno geschrieben. Vielleicht hatte er die Briefe aufgehoben, und man kann nie wissen, wie der Teufel sein Spiel kartet.«

»Pah! Ich brauchte keine Angst zu haben.«

»Noch größer aber war die Unvorsichtigkeit mit der Gardinenschnur. Du hattest sie abgerissen. Wie nun, wenn man die Hälfte von dem Halse des Kindes nahm und sie mit der anderen Hälfte, welche noch in Deiner Stube hing, verglich?«

»Daran war nicht zu denken.«

»Es ist an Alles zu denken!«

»Um das zu thun, hätte man mich in Verdacht haben müssen!«

»Irgend ein Zufall konnte den Verdacht auf Dich lenken!«

»Man hätte auch wissen müssen, daß ich bei Petermann gewohnt habe. Man kannte mich überhaupt gar nicht. Lassen wir lieber diese alten Sachen. Die Andere sitzt im Zuchthause, und ich werde Primaballerina und werfe meine Netze nach irgend einem Geburts- oder Geldaristokraten aus.«

»Etwa wieder nach dem Barone?«

»Nein. Ich will nicht Geliebte sein; ich will Frau werden, und er ist verheirathet.«

»Seine Frau ist aber wahnsinnig. Er kann geschieden werden, und zwar sehr bald.«

»Hast Du nicht gehört, daß sie aus der Irrenanstalt verschwunden ist. Sie kann baldigst wieder auftauchen. Nein, der Baron geht mich nichts mehr an. Ich angle mir einen Andern und Besseren.«


// 1260 //

»Dann rathe ich Dir den Fürsten von Befour.«

»Der ist mir zu sauer, das heißt, er hängt mir viel zu hoch. Ehe ich an eine bestimmte Persönlichkeit denke, muß ich Engagement haben. Und um dies zu finden, muß ich Diejenigen poussiren, welche dabei maßgebend sind. Dabei fällt mir ein, daß ich noch einmal zum Capellmeister muß. Er wird die Partitur bekommen haben.«

»Du meinst, daß er seine Sache machen wird?«

»Jedenfalls. Er ist geizig, und ich habe ihm Orchestertantième versprochen. Ich habe sie Alle im Sacke, außer dem Director, der ein Dummkopf und Ignorant ist. Monsieur Léon Staudigel wird sein Möglichstes thun. Ich wollte, er hätte seinen Lohn bereits!«

»Fürchtest Du Dich vor ihm?«

»Fürchten? Unsinn! Aber er ist ein altes Gerippe, und es ist gewiß kein Vergnügen, nach der Vorstellung sich von ihm nach dem Bellevue entführen zu lassen, um in seinen Armen zu liegen. Damit will er sich bezahlt machen. Er hat es sehr eilig, daß er mir bereits jetzt mittheilt, wohin er mich führen will. Dieses eine Mal muß ich mich fügen. Später führe ich ihn an der Nase irre. Jetzt gehe ich. Adieu!«

»Adieu! Wirst Du lange fort bleiben?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Kürze die Liebenswürdigkeiten mit dem alten Capellmeister ab.«

»Liebenswürdigkeiten? Wo denkst Du hin! Geld will Der haben. Ein einziger Kreuzer ist ihm lieber, als tausend Küsse von den schönsten Lippen. Ich bin neugierig, wieviel Procent er verlangen wird, nachdem ich dem Oberclaqueur bereits für ein Jahr zehn vom Hundert versprechen mußte.«

»Ein reicher Liebhaber bringt das wieder ein!«

»So hilf mir suchen, daß ich baldigst einen finde, denn unsere Casse reicht nicht weit mehr aus!«

Holm hörte die Thür öffnen und schließen; dann wurde es drüben still.

Was hatte er Alles vernommen! Es war ihm, als ob er träume. Stand das, was er erlauscht hatte, vielleicht in Beziehung zu dem, was ihm von dem Theaterdiener erzählt worden war? Es kam dies als höchst wahrscheinlich vor. Wer war jener Petermann, jener Bruno, jener Baron und jene riesige Aurora? In Beziehung auf Petermann und den Baron gab es Anhaltspuncte: Der Erstere war auf dem Zuchthause gewesen, und der Letztere hatte eine Frau, welcher es gelungen war, aus der Irrenanstalt zu verschwinden. Daraufhin war es vielleicht möglich, diese beiden Personen zu erfragen.

Von Dem, was er eigentlich erlauschen wollte, hatte er nur wenig gehört, desto mehr aber Anderes. Und dieses Andere war im höchsten Grade wichtig. Gelang es ihm, den Faden zu finden, dann war es um diese Leda geschehen. Ein Lieutenant von Scharfenberg war genannt worden, dessen Geliebte sie gewesen war. Nun, man konnte sich ja nach diesem Namen erkundigen.

Jetzt nun war nichts mehr zu erlauschen. Holm hielt es für gerathen,


// 1261 //

sein Versteck zu verlassen. Er schlich sich hinaus, klinkte die Thür zu und verließ, ohne behelligt zu werden, das Hotel.

Natürlich ging er nun direct nach Hause. Als er die drei Treppen emporgestiegen war und die Thür leise öffnete, sah er den Vater schlafend in dem Polsterstuhle liegen. Auf dem Gesichte des Kranken lag ein Zug lächelnden Glückes, wie es lange, lange nicht mehr zu beobachten gewesen war. Hilda saß am Tisch und nähte. Sie war allein, da sich die Nachbarin nicht mehr hier befand.

Als sie den Bruder erblickte, sprang sie eilig auf und kam ihm freudig entgegen.

»Endlich, endlich!« flüsterte sie, ihm den Mund zum geschwisterlichen Kusse bietend. »Welch eine Angst habe ich um Dich ausgestanden!«

»Wirklich, Hilda?« fragte er leise.

»Jawohl! Du bist ja seit gestern gar nicht nach Hause gekommen!«

»Das geschieht nicht zum ersten Male.«

»Aber gerade dieses Mal habe ich so sehr auf Dich gewartet.«

»Warum?«

»Ich habe Dir viel zu erzählen.«

»Gutes?«

»Ja.«

Sie lächelte ihn so glücklich an, daß er den Kopf schüttelte und dann sich erkundigte:

»Es scheint allerdings hier ein freundlicher Engel eingezogen zu sein. Vater lächelt im Schlafe, und auch Du machst ein Gesicht, als ob Du einen großen Fund gethan hättest.«

»Das ist auch wirklich der Fall.«

»So erzähle!«

»Nicht jetzt. Erst mußt Du natürlich essen.«

»Ich habe bereits gegessen.«

»O, o, das glaube ich Dir nicht!« sagte sie, ihm mit dem Finger drohend.

»Warum nicht?«

»Weil Du stets behauptest, gegessen zu haben. Das thust Du aber nur, damit Vater und ich Alles bekommen sollen.«

»Dieses Mal aber ist es wirklich so.«

»Das wird sich zeigen. Riechst Du nichts?«

Erst diese Frage machte ihn auf den Bratengeruch aufmerksam, welcher die Stube durchduftete.

»Sauerbraten!« sagte er. »Hilda, welche Verschwendung!«

»O,« lächelte sie, »wir können fein leben, denn wir haben die Mittel dazu!«

»Du hast gestern Arbeit fortgetragen?«

»Ja.«


// 1262 //

»Nun, was Du da erhalten hast, wird nicht lange reichen. Aber ich habe Geld, ich! Hörst Du es?«

Sie machte ein scherzhaft überraschtes Gesicht und fragte:

»Du? Du hast Geld?«

»Ja, ich.«

»Das wird auch viel sein!«

»O, es ist wirklich viel, außerordentlich viel.«

»Multiplicire nicht! So viel Geld, wie ich habe, hast Du aber auf keinen Fall!«

Er hielt das für einen Scherz, daher antwortete er:

»Das will ich glauben. Zähle doch einmal auf!«

»Jetzt nicht. Erst mußt Du essen. Komm heraus, damit wir den Vater nicht stören!«

Sie öffnete die Schlafstube. Auch diese war geheizt. Und das kleine, dort stehende Tischchen war gedeckt.

»Hilda! Sapperlot! Ist denn Feiertag?« scherzte er.

»Ja, heute ist Feiertag,« antwortete sie. »Setze Dich! Ich hole das Essen!«

»Aber Kind, ich sage Dir, daß ich wirklich nicht essen kann. Ich habe bereits gegessen!«

Sein Gesicht war dabei so ernst, daß sie sich versucht fühlte, ihm für dieses Mal Glauben zu schenken.

»Wirklich?« fragte sie.

»Ja.«

»Wo denn?«

»Im Hotel zum Kronprinzen.«

»Aber dort soll es so theuer sein!«

»Ja. Ich habe vier Gulden bezahlt.«

»Herjesses!«

»Siehst Du, wie Du staunst. Und rathe einmal, was ich mir habe auftragen lassen!«

»Sage es lieber gleich!«

»Nun, Gänsebraten und Rehrücken.«

»Gänsebraten und Rehrücken? Fast hätte ich geglaubt, daß Du gegessen hast, nun aber ist es gewiß, daß Du wieder nur so sagst. Du denkst, wir haben nicht viel, und willst uns Alles lassen. Aber warte nur, Du sollst merken, daß Deine Rechnung falsch ist!«

»Sie ist richtig. Schau einmal her!«

Er öffnete das Portemonnai und legte sein Geld auf den Tisch. Als sie diese Summe erblickte, schlug sie die Hände zusammen und sagte:

»Welch ein Geld! Welch eine Summe! Ist das Dein, wirklich Dein!«

»Ja, freilich!«

»Das kann man ja kaum fassen und begreifen! Woher hast Du es denn erhalten?«


// 1263 //

»Von meinem neuen Chef.«

»Einen neuen Chef hast Du?«

»Ja.«

»Du sprichst in Räthseln!«

»Nun, ich bin nicht mehr bei dem Residenzblatte, sondern bei dem Regierungs-Journale angestellt.«

»O, das wäre ein Glück!«

»Es wäre nicht nur, sondern es ist ein Glück. Und zwar bin ich nicht Reporter, sondern wirklich Mitarbeiter. Ich habe Artikel zu schreiben.«

Sie legte in tiefer, freudiger Bewunderung die Hände zusammen und sagte zu ihm:

»Max, es wäre gar nicht hübsch von Dir, wenn Du Spaß machtest!«

»Hilda, es ist Ernst.«

»O Gott, dann haben wir das Glück ja in aller, aller Wirklichkeit!«

»Gewiß, meine liebe Schwester. Der Commissionsrath selbst hat mich engagirt und mir hundert Gulden vorausbezahlt.«

»Hundert Gulden!«

»Ja. Und mit dem Fürsten von Befour habe ich auch gesprochen. Denke Dir!«

»Mit diesem hohen, berühmten Herrn? Wo trafst Du ihn?«

»Gestern abend bei Geheimraths, wo ich zu spielen hatte. Man war so zufrieden, daß ich noch zehn Gulden erhielt, und der Fürst hat mich sogar erkannt!«

»Erkannt? Wieso?«

»Er hat mich drüben in den Vereinigten Staaten gesehen und gehört und sich sofort an mich erinnert. Ich konnte nicht leugnen, und wurde von ihm eingeladen.«

»Zu diesem Herrn eingeladen? Max, weißt Du, was das heißt?«

»O gewiß, Hilda.«

»Wann sollst Du kommen?«

»Heute früh neun Uhr.«

»Heute - früh! Das ist ja vorüber!«

»Freilich!«

»Warst Du denn dort?«

»Natürlich!«

»Das mußt Du mir erzählen! Was wollte er? Was hatte er mit Dir zu sprechen?«

»Ueber Dieses.«

Hatte er den Arm mit Absicht so gehalten, oder war sie mit ihren eigenen Gedanken so beschäftigt gewesen, daß sie nichts bemerkt hatte, kurz, als er ihr jetzt seine Hand zeigte, fuhr sie erschrocken zurück.

»Herrgott!« sagte sie. »Du bist verbunden! Sag, was ist's mit der Hand? Was ist geschehen?«

»Nichts Böses! Sei ohne Besorgniß, liebe Hilda! Ich bin operirt worden.«


// 1264 //

»Operirt! Und das sagst Du so lächelnd!«

»Ja. Ich werde nämlich in ganz kurzer Zeit diese Hand gerade so gebrauchen können wie vorher.«

»Du meinst, daß Du mit der linken Hand wieder die Saiten greifen kannst?«

»Ja.«

Er erzählte ihr Alles, was er seit gestern erlebt hatte, nur Ellen Starton erwähnte er nicht. Sie hörte ihm aufmerksam zu. Ihr schönes Gesichtchen wurde immer röther und röther, von seltener Freude gefärbt. Und als er endlich geendet hatte, glänzten die Thränen des Entzückens in ihren Augen.

»Welch ein Glück, welch ein großes, großes Glück!« sagte sie. »Max, bist Du auch dankbar gewesen?«

»Dankbar? O, wie sehr.«

»Du meinst, dem Fürsten und dem Commissionsrath?«

»Ja.«

»Ich meine einen Andern.«

»Wen?«

»Den lieben Gott. Hast Du bereits gebetet?«

Er senkte den Blick. Ueber seine Schläfen zog sich eine leise Röthe. Er antwortete nicht.

Da wendete sie sich gegen das Fenster, durch welches die Strahlen der winterlichen Sonne hereinbrachen, faltete die Hände und sagte mit halblauter Stimme:

»Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut,
     Dem Vater aller Güte,
Dem Gott, der alle Wunder thut,
     Dem Gott, der mein Gemüthe
Mit seinem reichen Trost erfüllt,
     Dem Gott, der allen Jammer stillt.
Gebt unserm Gott die Ehre!«

Und hingerissen von dem frommen Bilde, welches ihm die Schwester bot, trat er zu ihr, legte den linken Arm um sie, zog sie an sich, ergriff mit seiner Rechten ihre beiden Hände und sagte:

»Ich rief den Herrn in meiner Noth:
     Ach Gott, erhör' mein Schreien!
Da half mein Helfer mir vom Tod
     Und ließ mir Trost gedeihen.
Drum dank, ach Gott, drum dank ich Dir
     Ach danket, danket Gott mit mir;
Gebt unserm Gott die Ehre!«

Und beide vereint fuhren dann fort:

»So kommet vor sein Angesicht
     Mit jauchzenvollen Sprüngen.
Bezahlet die gelobte Pflicht,
     Und laßt uns fröhlich singen:


// 1265 //

Der Herr hat Alles wohl bedacht
     Und alles, alles recht gemacht;
Gebt unserm Gott die Ehre!«

Sie standen noch eine Weile in einander verschlungen, still und in Dankbarkeit versunken. Dann machte Hilda sich leise von dem Bruder los und zog ihr Portemonnai hervor. Ihr Gesichtchen erglühte, als sie stockend sagte:

»Lieber Max, blicke einmal da hinein!«

Er blickte sie erst forschend an; dann öffnete er das Geldtäschchen, um zu sehen, was es enthalte.

»Was ist das, Hilda?« fragte er erstaunt, fast bestürzt. »Gold! Wie kommt das zu Dir?«

»Soll ich es Dir erzählen?«

»Ja! Freilich!«

»Aber wenn es mir nun schwer fällt, sehr schwer?«

»So schaffe es so schnell wie möglich wieder fort. Das, wovon man nicht mit leichtem, ruhigem Herzen sprechen kann, das ist ein Unrecht oder gar Sünde!«

»Ich werde es doch wohl behalten müssen!«

»Erzähle!«

»Versprichst Du, mich nicht auszuzanken?«

»Komme erst einmal her!«

Er nahm ihre beiden Hände, zog sie näher an sich heran und blickte ihr ernst und forschend in die Augen. Sie war verlegen und ängstlich, das sah er; ihr Gesichtchen erglühte, aber sie hielt seinen Blick doch aus.

»Nein, Hilda,« sagte er. »Auszanken werde ich Dich nicht. Du kannst einen Irrthum begehen, ein Unrecht aber nimmermehr. Nicht wahr?«

»Ja, es war ein Irrthum; aber ich konnte doch nicht ahnen, daß Du soviel Geld bringen würdest. Und schwer ist es mir gefallen, unendlich schwer, das darfst Du mir getrost glauben.«

»Was? Was ist Dir schwer gefallen?«

»Das, was ich dann dennoch nicht that. Ich hatte es mir freilich sehr fest vorgenommen, denn der Bruder braucht fünfzehn Gulden, und dieser Jude Salomon Levi wird sehr bald kommen, um« - fügte sie stockend hinzu - »um den Wechsel zu präsentiren.«

Er erschrak auf das Heftigste.

»Einen Wechsel zu präsentiren? Habe ich recht gehört?«

»Ja, lieber Max.«

»Hat er denn ein Accept in der Hand?«

»Ja.«

»Aber ich weiß ja kein Wort davon!«

»Sei ruhig, mein lieber Bruder! Die Gefahr ist ja vorüber. Höre mir lieber zu!«

Sie erzählte, wie sie und der kranke Vater sich genöthigt gesehen hatten, sich dem Wucherer zu verschreiben. Als sie geendet hatte, sagte er:


// 1266 //

»Welch eine Unvorsichtigkeit! Um mich nicht zu beunruhigen, steckt Ihr euch in zehnfache Sorge. Ich -«

»Still!« bat sie, ihm die Hand auf den Mund legend. »Du weckst sonst den Vater auf. Und übrigens hast Du mir versprochen, mich nicht auszuzanken!«

»Nun gut, ich muß leider Wort halten! Aber noch weiß ich nicht, wie Du zu dem vielen Gelde kommst.«

»Das wirst Du hören. Ich wollte Geld verdienen, schnell und genug. Ich zermarterte mir den Kopf, auf welche Weise dies am Besten geschehen könnte, aber es kam mir kein erlösender Gedanke. Da sah mich der Balletmeister, als ich seiner Frau Arbeit brachte. Weißt Du, er ist auch Kunstmaler!«

»Ich weiß es.«

»Er sollte eine Psyche malen. Er brauchte ein Modell.«

Max horchte auf.

»Er hatte kein brauchbares gefunden. Als er mich sah, meinte er, daß es kein passenderes Modell geben könne, und bot mir einen Gulden für die Sitzung.«

Da fuhr der Bruder blitzschnell von seinem Sitze empor und rief, trotz des schlafenden Vaters mit überlauter Stimme:

»Hölle und Teufel! Hilda, Mädchen! Bist Du bei Sinnen?«

»Ich wollte nicht. Aber so oft ich kam,« fuhr die Schwester fort, »gab er sich Mühe, mich zu überreden. Und endlich, gestern, willigte ich ein.«

Da ließ er die Arme sinken; sein Auge verlor den Glanz, und seine Lippen wurden blaß.

»Du hast - Modell gesessen?« stieß er hervor.

»Nein.«

»Aber Du erzählst ja, daß Du eingewilligt hast!«

»Aber gethan habe ich es doch nicht. Höre weiter!«

Sie erzählte das Erlebniß wahrheitsgetreu. Als sie bis dahin gekommen war, wo sie angekleidet aus dem Cabinet getreten war, sagte er tief aufathmend:

»Dem Himmel sei Dank! Ich hätte diesen Balletmeister und Kunstmaler umgebracht! Was sagte er?«

Sie fuhr in ihrem Berichte fort. Jetzt, wo ihr das Herz wieder leicht geworden war, fand sie die geeigneten Ausdrücke, die komische Kampfesscene auf das Humoristischste zu schildern, so daß auch Max laut auflachen mußte. Dann erwähnte sie die fremde Dame, von welcher sie in Schutz genommen worden war.

»Wer war sie?« fragte er.

»Das wirst Du sogleich erfahren. Ich glaubte, es sei ein Engel oder eine Fee eingetreten. Ich habe nicht geahnt, daß eine Dame so schön, so unendlich schön sein kann. Könnte ich sie Dir doch nur beschreiben. Sie


// 1267 //

führte mich fort und nahm mich mit in ihre Wohnung, nämlich in das Hotel Union -«

»Dort wohnen nur Fremde.«

»Sie ist auch fremd. Sie hat eine Negerin bei sich.«

Er horchte auf.

»Wie alt ist diese Negerin?« fragte er rasch.

»Vielleicht vierzehn Jahre.«

»Hast Du ihren Namen gehört?«

»Ja.«

»Wie heißt sie?«

Sie sagte es ihm und hielt es für sehr verwunderlich, daß er dann mit einem raschen Schritte zum Fenster trat. Er wollte die Gluth verbergen, welche sein Gesicht bedeckte. Endlich drehte er sich um und fragte:

»Warum nahm sie Dich mit zu sich?«

»Um mir Arbeit zu geben.«

»Hast Du Aufträge erhalten?«

»Ich soll nur für sie arbeiten, und die hundert Gulden hat sie mir vorausbezahlt.«

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ob da etwas wegzuwischen sei. Dann fragte er:

»Wie heißt sie?«

»Hier ist ihre Karte, welche sie mir mitgab.«

Er warf einen Blick darauf und sah den Namen, der ihm der allertheuerste war. Dann sagte er im Tone tiefster Traurigkeit:

»Hilda, o Hilda, hättest Du das doch nicht gemacht!«

»Was denn? Sie nahm mich ja mit! Konnte ich anders?«

»Das Geld solltest Du nicht nehmen.«

»Warum nicht? Ich hatte solche Freude. Wir befanden uns in so tiefer Bedrängniß.«

»Und dennoch hättest Du es zurückweisen sollen!«

Sie blickte ihn mit stummem Vorwurfe an; dann versuchte sie sich zu entschuldigen:

»Ich wußte nicht, daß Du heute Geld erhalten würdest!«

»Aber, was sie nun von uns denkt!«

»Daß wir arm sind!«

»Das ist keine Schande; aber daß wir einen Vorschuß annehmen müssen! Hat sie denn nach unsern Verhältnissen gefragt?«

»Ja.«

»Auch nach den Personen?«

»Ja, nach Dir auch.«

»Hast Du gesagt, was ich bin und was ich war?«

»Gewiß. Hätte ich das nicht thun sollen?«

»Nein. Weißt Du, was diese Dame ist?«

»Nun, was?«


// 1268 //

»Eine amerikanische Tänzerin. Sie soll morgen Abend mit einer Rivalin in die Schranken treten.«

Erst jetzt begann es in Hilda zu dämmern. Warum war der Bruder gestern so glücklich gewesen? Warum war er heute so traurig darüber, daß sie den Vorschuß angenommen hatte? Sollte Miß Ellen Starton jene Tänzerin sein, von welcher sie in seinem Tagebuche gelesen hatte?

Wenn sie es war, so konnte Hilda begreifen, wie er es nicht vermocht hatte, ihr Bild aus seiner Seele zu reißen. Sie sah aber auch ein, wie der Vorschuß seinen Mannesstolz verletzen müsse. Sie wollte eben ein Wort der Entschuldigung sagen; da hörte man draußen an die Stubenthür klopfen. Hilda ging, um zu öffnen, und ließ die Verbindungsthür um eine Lücke offen.

»Grüß Gott, liebes Kind! Ich komme, um Wort zu halten!« sagte eine gedämpfte, aber außerordentlich wohlklingende Stimme.

»Willkommen, gnädiges Fräulein!« antwortete Hilda. »Wie beschämen Sie mich durch diesen Besuch!«

»Beschämen? O nein, o nein! Wer ist dieser alte, ehrwürdige Herr?«

»Mein armer Vater.«

»Von welchem Sie erzählten? Er schläft. Stören wir ihn ja nicht. Bitte, lassen Sie uns in das Nebenzimmer treten, damit er uns hier nicht sprechen hört!«

Sie öffnete die Thür. Da lag die kleine, ärmliche Stube; da standen die mit billigem, bunten Kattun überzogenen Betten, und - da lehnte Max an der Wand, bleich wie der Tod und mit gesenktem Auge.

Der Blick der Amerikanerin leuchtete auf. Doch in ruhigem Tone fragte sie:

»Ah, ich störe vielleicht. Wer ist dieser Herr?«

»Mein Bruder, Max Holm, Miß Starton.«

Ellen verbeugte sich. Max versuchte, diese Verbeugung zu erwidern, konnte aber nicht sagen, ob oder wie ihm dies gelungen sei. Ihr Auge fiel auf seine Hand. Es war, als ob sie zusammenzuckte. Ihrer Stimme aber war nichts anzumerken, als sie fragte:

»Sind Sie blessirt, Herr Holm?«

»Nein,« antwortete er.

Und an seiner Stelle fuhr Hilda, welche die ganze Situation begriffen hatte, fort:

»Eine frühere Wunde wurde falsch geheilt; jetzt ist die Stelle operirt worden.«

»Sagten Sie nicht, daß Ihr Herr Bruder Reporter sei?«

»Gestern sagte ich es.«

»Eine mühevolle Beschäftigung, nicht, Herr Holm?«

»Das darf ich wohl bestätigen,« antwortete er. »Auch jetzt ruft mich meine Pflicht, so daß ich mich gezwungen sehe, mich Ihnen zu empfehlen.«

Er griff nach seinem Hute. Hätte er gesehen, mit welcher Theilnahme


// 1269 //

ihr Blick ihm folgte, so wäre er wohl nicht mit der Bitterkeit fortgegangen, welche jetzt sein Herz vergällte.

»Verloren, verloren!« murmelte er, als er langsam die Treppe hinabstieg. »Hilda hat keine Ahnung, was für ein Herzeleid sie mir angethan hat.«

Er schritt hinaus auf die Straße, wohin, das war ihm gleich. Er hatte weder Acht auf rechts noch auf links, bis er fast mit einem Passanten zusammenrannte, welcher, ihn beim Arme packend, anredete:

"Träumen Sie?"

»Sapperlot, Herr Holm, träumen oder dichten Sie?«

Er blickte erschrocken auf.

»Herr Commissionsrath! Verzeihung!«

»Sie müssen denn doch, ganz gegen meine Meinung, ein schlechter Reporter gewesen sein. Suchen Sie die Neuigkeiten auf Ihren Fußspitzen?«

»Doch nicht. Ein jeder Mensch hat einmal einen Augenblick, an welchem er nicht zu Hause ist.«

»Und diesen Augenblick haben Sie jetzt? Schön! Worüber dachten Sie nach?«

»Ueber die Aufgabe, welche Sie mir gestellt haben.«

»Prächtig! Werden Sie sie lösen?«

»Zur Zufriedenheit.«

»Nicht zu sanguinisch, mein Lieber!«

»Ich überschätze mich nie, Herr Commissionsrath; aber der Stoff, den ich mir gesammelt habe, verbürgt mir den Erfolg.«

»Ist er interessant?«

»Noch viel mehr!«

»Also hochinteressant?«

»Selbst noch mehr als das. Er ist geradezu zündend. Mein Artikel wird in die Gesellschaft platzen wie eine Granate.«

»Halten Sie Wort! Ihr Schaden wird es nicht sein! Darf ich vielleicht bereits jetzt Etwas erfahren?«

»Ich möchte Sie ersuchen, mich von einer Mittheilung jetzt zu dispensiren.«

»Ganz wie Sie wollen. Aber wann erhalte ich die Arbeit?«

»Sobald sie beendet ist.«

»Hm! Das ist höchst unbestimmt. Ich hatte gerechnet, bereits für die morgige Nummer Etwas zu bekommen.«

»Unmöglich!«

»Warum?«

»Ich darf Ihnen nichts Unreifes geben, und ebenso müssen die Ereignisse erst zur Reife gelangen.«

»Vielleicht ist's dann zu spät, diesem Residenzblatte eine Schlappe zu bereiten.«

»O nein! Die Schlappe wird beispiellos sein.«

»Nun gut, so will ich Ihnen vertrauen. Sie besuchen doch morgen die Vorstellung?«


// 1270 //

»Ja. Ich werde mir bereits heute ein Billett besorgen.«

»Ist nicht nothwendig. Hier haben Sie ein Passepartout. Behalten sie es. Es öffnet Ihnen alle Thüren.«

Er ging weiter. Holm steckte das Billett ein und begann nun erst, sich zu orientiren. Er befand sich auf der Palaststraße.

»Ich habe wahrhaftig geträumt,« murmelte er. »Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin. Doch halt, es ist ja gut, daß ich mich in dieser Gegend befinde. Gehe ich immer geradeaus, so komme ich nach dem Bellevue, wo morgen der Oberstclaqueur mit der Leda Hochzeit hält. Ich werde mich doch einmal erkundigen, ob er sich bereits das Logis reservirt hat.«

Als er am Palais des Fürsten von Befour vorüberschritt, trat dieser soeben aus dem Portal. Holm zog ehrerbietig den Hut, und der Fürst dankte sehr leutselig.

»Wie steht es mit der Hand?« fragte der Letztere. »Haben sich Schmerzen eingestellt?«

»Nein, Durchlaucht. Es scheint Alles gut.«

»Wollen es wünschen. Gehen Sie spazieren oder in Geschäften?«

»Beides. Ich spaziere und denke dabei an das Geschäft.«

»Auch ich wollte ein wenig Schneeluft schöpfen. Wohin wenden sie sich jetzt?«

»Nach dem Bellevue.«

»Nehmen Sie mich mit?«

Holm war ganz entzückt, mit diesem Manne gehen zu können, und drückte das in Worten aus.

»Bitte, keine Ueberschwänglichkeiten,« sagte der Fürst. »Wir Menschen sind gleichwerthig, sobald ein Jeder seine Pflicht erfüllt. Wie ich hörte, hat Ihr Engagement eine Änderung erfahren?«

»Wie? Durchlaucht wissen das bereits?«

Der Fürst lächelte leise vor sich hin und antwortete:

»So Etwas spricht sich schnell herum. Ist Ihnen vielleicht eine Probeaufgabe geworden?«

»So etwas Ähnliches. Wenigstens möchte ich es so nennen.«

»Darf man es wissen?«

»Gewiß! Es betrifft den für morgen zu erwartenden Wettstreit zwischen den beiden Tänzerinnen. Durchlaucht haben, wie ich gestern zu hören die Ehre hatte, die Amerikanerin gesehen?«

»Einige Male. Sie wird siegen.«

»Ich möchte es bezweifeln.«

»Und ich behaupte es.«

»Sie hat es mit Gegnern zu thun, denen selbst das unehrlichste Mittel gut genug ist, wenn es nur dazu dient, den Zweck zu erreichen.«

»Sie wird dennoch siegen, wenn auch nicht morgen.«

»Ja, wenn Durchlaucht so meinen, dann bin ich freilich ganz derselben


// 1271 //

Meinung. Aber wehe diesen Intriguanten, wenn sie es zu toll treiben! Sie bekommen es mit mir zu thun!«

»Ah! Sind Sie so fürchterlich?«

»Wenigstens hoffe ich, meinen Mann zu stellen.«

»Sie werden Ihre Lanze der Amerikanerin zu Ehren einsetzen, wie ich vermuthe?«

»Sicher! Und wen diese Lanze trifft, der ist verloren.«

»Diese Worte lassen vermuthen, daß Sie sich bereits in den Besitz guter Waffen gesetzt haben?«

»Ja; ich bin so glücklich gewesen, Dinge zu erfahren, welche mich an meinem Siege nicht zweifeln lassen. Die Gegner unserer Miß Ellen haben sich Blößen gegeben, welche nicht mehr zu verhüllen sind.«

»Darf man vielleicht diese Blößen kennen lernen?«

»Da müßte man erst die Gegner kennen.«

»Nun, wer sind sie?«

»Zunächst dieser Herr Intendant des Residenztheaters.«

»Was ist er für ein Mann?«

»Dumm, stolz und eingebildet, und dabei ein großer Bewunderer der Schönheit.«

»Ah! Die Amerikanerin ist schön; also sollte er eigentlich nicht zu ihren Gegnern zählen.«

»Sie ist schön, sehr schön, das ist wahr. Aber ihre Schönheit ist eine dianenhafte; sie ist keusch, rein, unberührbar. Der Intendant hat einen vergeblichen Angriff unternommen und ist auf eine geradezu demüthigende Weise abgewiesen worden. Leda dagegen hat ihn erhört.«

»Dann läßt sich allerdings die Gegnerschaft begreifen. Die übrigen Widersacher? Wer sind sie?«

»Der Capellmeister, der Balletmeister, der Chef der Claqueurs und der Chefredacteur des Residenzblattes.«

»Wie hat sie sich diese Herren zu Feinden gemacht?«

»Ganz auf dieselbe Weise und aus demselben Grunde. Man hat ihr zugemuthet, sich ihr Engagement durch Opfer zu erkaufen, welche ein braves Weib unmöglich bringen kann. Sie hat diese Zumuthungen in ihrer vornehmen Weise abgewiesen, während Mademoiselle Leda sich hingegeben hat, wo, wie und wann es verlangt wurde. Alle die genannten Herren sind einig, die Leda zu engagiren.«

»Hm! Vielleicht verrechnen sie sich.«

»Ich möchte den Einfluß, welchen diese Männer besitzen, denn doch nicht unterschätzen.«

»Ich thue das auch nicht; aber ich habe Miß Starton gesehen und weiß, daß sie das Publicum hinreißen wird.«

»Vielleicht läßt man es gar nicht dazu kommen.«

»Wie wollte man dies anfangen?«

»Durch allerhand Intriguen. Es ist zu bedenken, daß fünf einflußreiche


// 1272 //

Theaterbeamte den Wunsch haben, sie durchfallen zu lassen. Diese Herren stehen an der Spitze der Theaterverwaltung und befinden sich im Besitze so vieler Mittel, ihren Zweck zu erreichen, daß es ihnen wohl gar nicht einfallen wird, an dem Erfolge ihrer Bemühungen zu zweifeln.«

»Ich kann Ihnen freilich nicht Unrecht geben. Mein Interesse für diese außerordentliche Dame ist ein sehr großes; ich möchte sie gern in meinen Schutz nehmen; aber während ich in den Kreisen des Hoftheaters en vogue bin, kenne ich die Verhältnisse und Persönlichkeiten des Residenztheaters leider zu wenig, als daß ich mir irgend einen Einfluß zutrauen dürfte.«

»Vielleicht gelingt es mir, diesen Herren ein Paroli zu bieten, obgleich ich nur ein armer Reporter bin.«

»Was wollen Sie thun? Wie wollen Sie in der Weise hinter ihre Machinationen kommen, daß Sie dieselben zu Schanden machen können? Sie haben ja nur bis morgen Zeit, ihre Intriguen zu hintertreiben?«

»Dies zu können, maße ich mir gar nicht an. Mein Wirken kann nicht ein präservatives sein; das heißt, ich kann nichts verhüten. Aber ich kann etwas noch viel Besseres: Nämlich ich kann mit Keulen drein schlagen, wenn ich erkenne, daß man sich morgen irgend einer Ungerechtigkeit schuldig macht.«

»Sie scheinen überzeugt, daß dies der Fall sein wird.«

»Allerdings. Man ist so sehr überzeugt, die Amerikanerin durchfallen lassen zu können, daß der Chef der Claqueurs sich bereits seine Prämie ausbedungen hat.«

»Von der Leda?«

»Ja.«

»Worin soll diese Prämie bestehen?«

»In einer Schäferstunde.«

»Ah! Wissen Sie das genau?«

»Ich habe es aus sicherem Munde.«

»Wann soll diese Schäferstunde gewährt werden?«

»Morgen Abend nach der Vorstellung.«

»So bald? Wo?«

»Auf dem Bellevue.«

»Sehr hübsch! Das könnte Ihnen Gelegenheit geben, sich einen Spaß zu machen.«

»Gewiß! Ich habe ganz dasselbe gedacht, und es fällt mir gar nicht ein, diese Gelegenheit zu versäumen.«

»Was haben Sie sich ausgesonnen?«

»Noch nichts.«

»Dann denken sie nach.«

»Ich will eben jetzt nach dem Bellevue. Der Wirth ist ein sehr guter Bekannter von mir, der mir den Spaß wohl nicht verderben wird.«

»Ich gehe mit.«

»Kennt der Wirth Sie, Durchlaucht?«


Ende der dreiundfünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk