Lieferung 65

Karl May

21. November 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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»Sapperment!« fiel der Oberst ein.

»Und daß ich mir Mühe gegeben habe, etwas mehr Licht in diese dunkle Angelegenheit zu bringen.«

»Ist Ihnen das gelungen?«

»Ich denke, daß der heutige Abend wenigstens einen kleinen Erfolg bringen werde. Ich habe nämlich Einladungen ergehen lassen und Sie werden alle diejenigen Herren bei mir finden, welche damals Brandt verurtheilten, natürlich diejenigen ausgenommen, welche unterdessen gestorben sind.«

»Mein Gott!« sagte Alma. »Welche Veranstaltung! Ich ersehe daraus, daß wir Wichtiges erfahren werden!«

»Gewiß, gnädige Comtesse. Sie werden Wichtiges erfahren und auch Unerwartetes sehen.«

Da fuhr sie rasch empor:

»Mein Heiland! Doch nicht etwa ihn, ihn, ihn!«

Er wußte, wen sie meinte. Er bat:

»Bitte, Fräulein, fassen Sie sich! Sie werden eine Dame sehen, welche Sie auf keinen Fall bei mir erwarten. Das ist es, was ich meine. Wollen wir aufbrechen?«

»Ja, ja!« rief der Oberst. »Ich will nur vorher ein wenig Toilette machen!«

Er eilte fort. Alma trat zu dem Fürsten und fragte:

»Durchlaucht, werde ich stark genug sein?«

»Ich hoffe es.«

»O, ich habe immer geglaubt, daß meine Kräfte jeder neuen Kunde gewachsen seien, und nun Sie mir sagen, daß ich Wichtiges erfahren werde, fühle ich mich schwach.«

»So will ich Ihnen vorher mittheilen, daß das, was Sie erfahren werden, nichts Schlimmes ist.«

»O, ich danke! Haben Sie vielleicht Nachricht von - ihm?«

»Ja.«

»Schreibt er von mir? Denkt er an mich?«

»Er hat sein lebensgroßes Portrait anfertigen lassen und sendet es mir, es Ihnen zu zeigen. Ich soll fragen, ob es vielleicht einen Platz in Ihrer Wohnung finden darf.«

»Gern, ach, zu gern. Darf ich seinen Brief sehen?«

»Ja. Ich werde Ihnen denselben dann zeigen.«

Bald kehrte der Oberst zurück und nun fuhren sie in einer Schlittendroschke nach dem Palaste des Fürsten. Als sie dort eintraten, ließ der Oberst seine Augen fleißig umherschweifen. Alma aber hatte kaum einen Blick für den Glanz und den Reichthum, der hier zu sehen war. Sie hatte nur den einen Gedanken - an den Geliebten.

Es war noch keiner der Eingeladenen angekommen. Der Fürst führte die Beiden in ein Salonzimmer, wohin er auch Doctor Zander kommen ließ, welchen er der Baronesse und dem Obersten vorstellte. Dann fragte er den Arzt:


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»Haben Sie Alles so gefunden, wie ich es Ihnen während der Fahrt im Coupee sagte?«

»Ganz so.«

»Die Patientin?«

»Nach Wunsch.«

»Den Schlüssel zur Arznei und das Fläschchen selbst?«

»Ich habe das letztere bereits in Anwendung gebracht.«

»Wann wird sie erwachen?«

»In zwei Stunden, wenn die Wirkung nämlich diejenige ist, welche Sie mir angegeben haben.«

»Sie ist so. Beobachten Sie die Sache jetzt noch als Geheimniß und sagen Sie auch keinem der Geladenen, der vielleicht während meiner kurzen Abwesenheit kommen sollte, weshalb er geladen ist. Ich lasse Sie jetzt auf eine Viertelstunde zu Zweien und bitte um die Erlaubniß, mich für diese Zeit unserer Dame widmen zu dürfen.«

Er gab Alma den Arm und entfernte sich mit ihr. Draußen auf dem Corridore, welcher tageshell erleuchtet war, sagte er zu ihr:

»Rathen Sie, Fräulein, wohin wir gehen!«

»Nach dem Bilde!« antwortete sie.

»Ja, aber vorher nach - nun - nach Tannenstein.«

»Wie ist das möglich?«

»Sehr leicht. Eigentlich bin ich nicht genau gewesen; denn wir gehen nicht in das Dorf Tannenstein, sondern in den Wald, zu Förster Brandts, wo Sie so oft gewesen sind.«

»Sie sprechen in Räthseln. Daß Brandts Eltern in dem Hause jenseits Ihres Gartens wohnen, haben Sie mir gesagt, und ich war ja auch bei ihnen: aber wie ich hier in den Wald, in das Forsthaus, kommen soll - -«

»So, in dieser Art und Weise.«

Er öffnete eine Thür, und Alma stieß einen Ruf der Ueberraschung aus. Sie befand sich im Hausflur des kleinen Forsthauses. Alles, Alles war hier genau so wie dort, und als sie links die niedere Stubenthüre öffnete, befand sie sich in der Wohnstube. Hinten der grüne Kachelofen, das alte Kanapee, dann der Tisch, die hölzernen Stühle, das Tellerbret, die Bibel über der Thür, die alte Lampe, welche von der niedrigen Decke herabhing. In der Ecke stand der Spinnrocken, und dort zwischen den Beinen des Ofens saß die schwarze Katze, und wahrhaftig, bei ihr im Korbe lagen drei, vier junge Kätzchens, welche die beiden Eingetretenen mit munteren Äuglein anblinzelten.

Alma sagte kein Wort. Sie hielt die Hände gefaltet und betrachtete jeden einzelnen Gegenstand genau und lange, lange Zeit. Dann trocknete sie sich eine Thräne und fragte:

»Das haben Papa und Mama Brandt angegeben?«

»Ja. Sie hatten die Möbels mitgebracht.«

»Und das Bild?«

»Befindet sich auf Schloß Hirschenau.«


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»Wie?« fragte sie verwundert.

»Bitte, kommen Sie!«

Er führte sie wieder in den Corridor zurück und von da in eine Art Vorzimmer. Als er dann eine weitere Thür öffnete, schlug sie die Hände zusammen und rief:

»Mein Gott, ja! Das ist das Zimmer, welches er bei uns auf dem Schlosse bewohnte!«

Auch hier stimmte Alles, selbst das Kleinste mit der Vergangenheit. Sie war tief, tief bewegt. Sie bemerkte hier Etwas und da Etwas, was sie einst Gustav Brandt geschenkt hatte, Kleinigkeiten; aber sie waren vorhanden, und ihr Anblick trieb ihr die bittersten Thränen in die Augen.

»O mein Gott,« weinte sie, »könnte er nicht selbst auch hier sein? Er ist unschuldig. Kann das denn nicht entdeckt werden? Wenn Gott mein Leben als Preis dafür forderte, so würde ich es mit Freuden hingeben.«

»Er ist da, gnädiges Fräulein, wenn auch nur im Bilde.«

Die Stimme des Fürsten zitterte, als er diese Worte sprach.

»Wo?«

»Hier.«

Das, was ein Fenster zu sein schien, war nur eine Art Thür. Er öffnete und trat dann zurück. Hinter der Thür hatte sich das Gemälde befunden.

»Gustav, o Gustav! Das bist Du, ja das bist Du!« schrie sie auf.

Sie wankte näher und sank auf ihre Kniee nieder. Er zog sich durch die Thür in das Vorzimmer zurück und wartete. Er hörte betende, dann leidenschaftlich klagende Worte, unterbrochen von Schluchzen und Weinen. Endlich wurde es still, und die Thür ging auf. Sie streckte ihm dankend die Hand entgegen und sagte:

»Auch Sie weinen. Was Sie mich hier sehen lassen, das rührt alte und doch heiße Schmerzen auf, aber ich habe es verdient. Ich habe damals nicht an ihn geglaubt; ich verzweifelte an ihm, und daher mußte er schuldig sein und in die Fremde gehen. Geben Sie mir den Trost, seinen Brief, seine Handschrift zu sehen!«

»Er liegt drinnen auf dem Tische.«

Sie trat wieder ein, und er folgte ihr. Sie sah das zusammengefaltete Papier auf dem Tische liegen. Sie fragte nicht, warum das Couvert fehle; sie griff darnach und öffnete es, um zu lesen. Noch viel weniger aber hatte sie acht auf Das, was hinter ihr vorging. Sie bemerkte nicht, daß er hastig den Ueberrock ablegte, daß das falsche Haar, der Bart und auch die Narbe aus seinem Gesicht verschwand.

Der Brief enthielt nur folgende Zeilen:

          »Mein lieber, angebeteter Sonnenstrahl, Du fragst nach mir; Du willst mich sehen? Willst Du Dich nicht umdrehen zu
                    Deinem Gustav!«

Im ersten Augenblicke wußte sie nicht, was sie denken, was Das bedeuten


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solle. Nicht in Folge dieser Zeilen, sondern mehr instinctiv machte sie eine Wendung zurück und - -

»Gustav!« schrie sie auf, laut, überlaut, wie man schreien würde, wenn man plötzlich ein Gespenst, einen Geist erblickt.

Ihr Mund blieb geöffnet; ihre Augen starrten groß, unnatürlich groß auf ihn, und ihre erhobenen Arme blieben ausgestreckt, als ob sie alle Macht der Bewegung verloren habe.

»Alma, meine Alma!« antwortete er.

Sie blieb stumm und unbeweglich.

»Alma, um Gotteswillen! Was ist mit Dir!«

Er trat den einen Schritt auf sie zu und legte den Arm um ihre Taille. Bei dieser Berührung zuckte sie zusammen. Aus ihrem Munde tönte ein zweiter, unarticulirter Schrei. Sie zuckte zusammen; ihre Arme sanken nieder; ihr Mund schloß sich, und ihre Wimpern legten sich auf die Augen.

Die Erstarrung war vorüber. Sie brach so schnell zusammen, daß er kaum Zeit fand, sie fest zu halten.

Er trug sie nach dem Sopha und öffnete ihr das dunkle Kleid, damit ihre Brust zu athmen vermöge. Er tauchte sein Taschentuch in Wasser und kühlte ihr Stirn und Schläfe.

Dabei nannte er sie bei den süßen Worten, welche ihm die Angst der Liebe eingab. Endlich, endlich öffnete sie die langen, seidenen Wimpern. Ein beinahe irrer, zweifelsvoller Blick stahl sich hervor, und dann hauchte sie kaum hörbar:

»Gustav!«

»Meine Alma!«

»Ist's wahr? Du bist's, Du?«

»Ja, ich bin es, mein Engel, meine Seele, mein Leben!«

»Ich täusche mich nicht?«

»Nein.«

»Es ist nicht das Bild, welches der Fürst mir zeigte?«

»Nein. Bitte, fühle mich an!«

Er ergriff ihre Alabasterhändchen und drückte sie an seine Lippen, an seine Wangen. Ihrer Brust entrang sich ein tiefer, schwerer Athemzug; sie hauchte:

»Du mein lieber, lieber Gott, ich danke Dir!«

Er nahm sie in seine Arme und legte ihr liebes Köpfchen an sein Herz.

»Fast wäre es zu viel gewesen,« klagte er.

»Ja. Fast hätte mich der freudige Schreck getödtet!«

»Nun aber ist's doch vorbei? Nicht? Bitte, bitte!«

Seine Stimme hatte jenen einzigen, unbeschreiblichen Ton angenommen, dessen die menschliche Sprache nur im Augenblicke des Entzückens, des größten Glückes, der höchsten Liebe fähig ist. Sie lauschte diesem Tone. Sie bemerkte nicht, daß er ihr Kleid geöffnet hatte, und daß sein Auge einzudringen


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vermochte in ein Heiligthum, welches noch von keinem Blicke entweiht worden war. Sie antwortete:

»Ja, nun ist's vorbei. Ich werde nicht vor Freude sterben.«

»Nein, leben sollst Du, leben! Glücklich sollst Du sein nach diesen langen Jahren der Trauer und des Unglückes.«

Er küßte sie auf den Mund, und sie erwiderte seinen Kuß.

»Das ist das erste, erste Mal,« flüsterte sie.

»Daß Du mich küssest?«

»Ja - ich meine, nicht als Bruder.«

»Und doch hast Du mich bereits auch anders geküßt.«

»Dich? Und wo war das?«

»Bei Dir, in Deinem Zimmer.«

Sie blickte ihn mit großen Augen an und sagte:

»Wie wäre das möglich? Du warst ja nie bei mir!«

»Nie? Ach so! Denke an den Fürsten!«

Da fuhr sie in seinen Armen empor und sagte:

»Ja, der Fürst! Wo ist er hin?«

Jetzt bemerkte sie die geöffnete Taille, und unter einem tiefen Erglühen verhüllte sie sich wieder.

»Willst Du ihn sehen?«

»Ja,« antwortete sie. »Er darf uns nicht überraschen.«

»So meinst Du, er habe mich zu Dir gebracht?«

»Wie sonst?«

»Nun, paß auf!«

Er nahm seine Arme von ihr und drehte sich ab. Dann hob er die weggeworfenen Gegenstände von der Diele auf, legte sie an und drehte sich um:

»Hier ist er, gnädiges Fräulein!«

Er sagte dies auch mit anderer, mit derjenigen Stimme, in welcher der Fürst stets gesprochen hatte.

»Durchlaucht! Gustav! Du bist es? Du bist Beides?«

»Ja, mein Leben.«

»Du konntest so lange, so lange Zeit hier in der Residenz sein, ohne daß Du Dich mir zu erkennen gabst?«

Er legte die Verhüllung schnell wieder ab, schlang die Arme um sie, zog sie mit sich auf den Sitz nieder und sagte:

»Bist Du mir vielleicht bös darüber?«

Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und antwortete:

»Ich weiß es nicht; ich weiß überhaupt gar nichts; ich weiß nicht, was ich denken und sagen soll. Diese Ueberraschung ist so groß; sie kommt so plötzlich, daß es mir ist, als ob meine Sinne sich verwirren sollten. Halte mich, halte mich fest, lieber Gustav, sonst falle ich.«

Es wurde ihr drehend. Die Farbe kam und ging in ihrem Gesicht; er fühlte das rasche Wogen ihres Busens und das stürmische Klopfen ihres Pulses und machte sich im Stillen die bittersten Vorwürfe. Diese zu plötzliche und


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zu große Ueberraschung hätte ihren Tod herbeiführen können. Er drückte sie fest, fest an sich und wartete, bis sie Etwas sagen werde.

Aber sie sagte nichts; er merkte nur, daß sie leise aber herzbrechend vor sich hinweinte; sie zuckte unter dem verhaltenen Schluchzen wieder und immer wieder zusammen. Da begann er, ihr zuzusprechen, leise und innig, lange, lange Zeit. Ihre Thränen ließen nach; sie wurde still. Und da, endlich legten sich ihre Arme fest, fest um ihn; ihr Gesicht, welches an seiner Brust verborgen gelegen hatte, kehrte sich ihm zu und mit leiser aber eindringlicher Stimme fragte sie:

»Hast Du mir vergeben?«

»Ja, mein Sonnenstrahl.«

»Ganz? Ganz?«

»Vollständig. Ich habe Dir nie, nie gezürnt.«

»Und - und - - Du bist mir noch gut?«

»Wie sehr, o wie sehr! Alma, mein größtes Weh lag in dem Muß, von Dir so entfernt zu sein.«

»Aber nun, nun bist Du da, da bei mir! Und nun soll jeder Augenblick zu einer Ewigkeit des Glückes werden. Ich habe gut zu machen, so viel, so sehr viel!«

Sie küßte ihn wieder und immer wieder; sie versenkten sich in jenes süße, gegenstandslose Geplauder, dessen nur die Liebe fähig ist; sie vergaßen die Gegenwart und Alles, Alles Wichtigere, um sich nur in die Augen blicken und gegenseitig zuhören zu können.

So verging eine sehr geraume Zeit, bis sich Alma erinnerte, daß sie eigentlich nicht hierher gekommen sei, um den verlorenen Geliebten zu finden.

»Man wartet auf uns,« sagte sie in ängstlichem Tone. »Laß uns gehen, lieber Gustav!«

»Warte noch einige Minuten. Bis jetzt war's nur das Wiedersehen; nun aber muß doch auch Einiges erwähnt und erklärt werden. Mein Sonnenstrahl weiß ja noch gar nicht, weshalb er heute zu mir herein glänzen sollte.«

»Ich denke, daß ich es in Gegenwart der Anderen erfahren soll.«

»Einiges muß doch vorher und unter uns besprochen werden, mein süßes Leben. Du fragtest mich vorhin bei Hellenbachs, ob Du für heute abend stark genug sein werdest, und ich antwortete mit Ja. Nun aber Dich unsere Unterredung hier bereits so sehr ergriffen hat, möchte ich doch vorsichtig sein. Darfst Du heute von Deinem Vater hören?«

»Gilt es, Deine Unschuld zu beweisen?«

»Ja.«

»Und wirst Du sie beweisen können?«

»Ich hoffe es.«

»So mußt Du thun, was Du für nöthig hältst, lieber Gustav. In diesem Falle werde ich stark sein, stärker, viel stärker als damals, wo ich an Dir zweifelte. Gott, mein Gott, wie hat meine damalige Schwachheit auf mir gelastet, während der vielen, vielen Jahre. Ich habe von meinen Thränen


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gezehrt und von meiner Reue gelebt. Gustav, glaube mir, ich habe bitter, sehr bitter gebüßt.«

»Sprich nicht davon! Ich habe Dich, und nun ist Alles, Alles gut. Ich habe Dir bereits, als ich unter der Maske des Fürsten von Befour in Deiner Wohnung war, angedeutet, wer der Mörder war.«

»Ja. Baron Franz.«

»Wäre die Anklage auf ihn gefallen, so hätte er verurtheilt werden müssen. Die Umstände sprachen zwar gegen mich, aber man war förmlich darauf passionirt, mich zum Mörder zu machen. Jetzt nun habe ich eine Mitschuldige in meinen Händen, welche ihn anklagen, ihn verrathen und gegen ihn zeugen wird.«

»Wer ist das?«

»Seine Frau.«

»Ella! Also sie ist wirklich seine Mitschuldige?«

»Ja. Sie wußte wenigstens von dem Morde, den er an Deinem Vater beging.«

»Warum aber trachtete sie, Dich zu verderben?«

»Sie hatte zwei Gründe. Erstens - verzeihe mir - war es mir ganz unmöglich, ihre mir förmlich entgegengetragene Zuneigung zu erwidern -«

»Ah, sie hat Dich geliebt?«

»Ja, dann aber im Gegentheile desto mehr gehaßt. Und zweitens bekam sie dadurch den Baron Franz in ihre Gewalt und konnte ihn zwingen, sie zur Baronin zu machen, was ja auch geschehen ist.«

»Dieses Weib! Dieses Weib! Sie ist eine Teufelin!«

»Sie wird jetzt die Folgen ihrer Mitschuld zu tragen haben. Uebrigens ist sie bereits gestraft genug. Sie ist lebendig todt gewesen.«

»In wiefern? Ich weiß nur, daß sie als geisteskrank nach Rollenburg kam und dann plötzlich verschwunden war.«

»Der Baron hat ihr ein Gift beigebracht, welches die Bewegungsnerven lähmt, das Leben selbst aber, das Gefühl, die Sinne nicht beschädigt. So hat sie monatelang gelegen und alle Schrecken des Todes durchkosten müssen.«

»Fürchterlich! Kann es in Wahrheit solche Menschen geben?«

»Eine Sünde bringt die andere, und die nächste ist stets größer und schwerer als die vorhergehende. Ich ließ die Baronin heimlich entführen, um sie in meine Gewalt zu bekommen. Ich besitze ein Gegengift, mit welchem ich sie nachher erwecken werde. Ich hoffe, sie wird Alles gestehen.«

»Wie? Sie ist bei Dir?«

»Ja. Es steht den Gästen, welche ich geladen habe, eine sehr große Ueberraschung bevor.«

»Was Du Alles thust und wagst!«

»Als Fürst von Befour darf ich es.«

Da legte sie ihr Händchen auf seinen Arm und sagte:


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»Darf ich einmal recht neugierig sein, lieber Gustav?«

»Frage nur immer zu!«

»Ist Befour ein stingirter Name?«

»Nein.«

»Es giebt also wirklich ein Befour?«

»Ja.«

»Wo liegt es?«

»Es ist eine Landschaft auf der Insel Madagaskar.«

»Ah, dort! Und giebt es auch einen Fürsten dort?«

»Ja freilich.«

»Aber Du, Du bist er nicht?«

»Wer sonst, meine liebe Alma?«

»Wirklich, wirklich?«

»Ja. Ich richtete nämlich meine Flucht nicht nach Amerika, wie die meisten mit dem Gesetze Zerfallenen es thun, sondern nach dem indischen Archipel. Ich war drei Jahre lang auf der Insel Borneo - -«

»Mein Gott! Unter den Wilden! Es soll dort sogar Menschenfresser geben!«

»Das ist allerdings wahr; aber ich bin mit ihnen gut verkommen. Ich war Diamantengräber und freute mich einer so reichen Ausbeute, daß ich sehr bald reich wurde. Da aber kamen die Engländer, und nun konnte ich mich nicht mehr wohl fühlen. Dieses Krämervolk besitzt kein Herz, sondern an dessen Stelle einen Klumpen Egoismus. Es gründet Colonieen, nur um sie auszubeuten. Es achtet keine Menschenrechte. Es schafft die Sclaverei der Neger ab, um desto besser die Bewohner seiner Colonieen in Fesseln zu schmieden. Ein unheilbares Zerwürfniß mit diesen Krämern trieb mich fort.«

»Wohin?«

»Ich hatte mir im Diamantensuchen eine wirkliche Geschicklichkeit angeeignet; dabei besaß ich vieles Glück. Ich beschloß also, dahin zu gehen, wo es Diamanten gab. Das Cap der Guten Hoffnung? Brasilien? An diesen Orten waren die dortigen Diamantenfelder mehr als gut bevölkert. Ich ging also nach Madagaskar, wo ich keine Concurrenz hatte, obgleich die edelsten der Steine in unvergleichlicher Größe und Schönheit gefunden wurden.«

»Und Du warst wieder glücklich?«

»Ja. Nach abermals einigen Jahren hatte ich mir unter den Eingeborenen eine solche Achtung und Sympathie erworben, daß ich es wagen konnte, die Landschaft von Befour für mich zu erwerben. Dort residirte ich. Mein Name drang nach Indien. Ich war zuweilen dort, um meine Steine den dortigen Großhändlern zu verkaufen. Es wurde mir bald zur anderen Heimath. Ich war ein Gegner der Engländer; aus diesem Grunde sympathisirte ich mit den Franzosen, obgleich sie mir sonst nicht sympathisch sind. Ihre Gouverneurs achteten meinen Rath, meine Ansichten. Sie befolgten dieselben zum Besten ihrer Colonieen. Die Kunde davon drang in's Mutterland. Der


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Kaiser ließ mich auffordern, Druckschriften über meine indischen Besitzungen einzureichen. Ich that es; er zog Nutzen daraus und belohnte mich - allerdings in einer Weise, die ihm nichts kostete. Eines Tages erhielt ich meine Erhebung zum Prince de Befour. Ich war Fürst von Befour.«

»Und dieser Titel, dieser Rang ist nicht anzufechten?«

»Nein.«

»Ah! Ein Polizist, ein Försterssohn und - Fürst!«

»Sogar unser König erkennt diesen Titel an.«

»Du verkehrst am Hofe?«

»Sehr viel, aber nicht öffentlich.«

»Der König hat keine Ahnung, wer Du bist?«

»Sagen dürfte ich es nicht; aber er weiß es.«

»So ist er überzeugt, daß Du unschuldig bist?«

»Ja. Er war zur Zeit meiner Verurtheilung Kronprinz und hat ganz die Ansicht seines Vaters, des damaligen Königs, gehegt - Justizmord.«

»Ich erinnere mich noch sehr genau der Art und Weise, in welcher ich damals von der Majestät behandelt wurde, als ich -«

Sie stockte.

»Nun, als Du -«

»Als ich zu dem Könige ging und um Gnade für Dich bat.«

»Ich habe davon gehört. Es ist das gleich nach der Verhandlung und der Fällung des Urtheils gewesen.«

»Ja. Der König machte mir die bittersten Vorwürfe. Mein Gott, was waren sie gegen diejenigen, welche ich nur selbst dann machte. Aber, lieber Gustav, ich denke, man wartet auf uns.«

»So werden wir wohl gehen müssen.«

»Läßt Du Dich so sehen, wie jetzt hier.?«

»Nein. Die Maske wird wieder angelegt.«

»Sie ist vortrefflich. Ich habe nicht geglaubt, daß man sich so verändern kann.«

»Ich lernte diese Kunst von indischen Gauklern. Hoffentlich, mein süßer Sonnenstrahl, werde ich Dich nun öfters hier sehen, da Du einmal weißt, wer ich bin.«

»Gewiß, ganz gewiß! Und Du mußt auch zu mir kommen! Aber weißt Du, Gustav, das Wort Sonnenstrahl ist ein schönes helles, lichtes, und doch schmerzt es mich, wenn Du mich so nennst.«

»Warum?«

»Es erinnert mich an meine schweren Versäumnisse. Ja, das Weib soll der Sonnenstrahl sein, welcher das Leben des Mannes erhellt und erwärmt. Du hast so lange, lange Jahre Deine Sonne entbehren müssen.«

»Desto heller und goldiger strahlt sie mir jetzt.«

Sie nickte ihm dankbar lächelnd zu, erhob aber dann den drohenden Finger und sagte:

»Oder giebt es dort im Osten andere Sonnen!«


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»Es giebt allüberall, auf der ganzen Welt nur eine einzige und das bist Du!«

»Und wenn ich das nicht glaubte?«

»O, Du glaubst es doch!«

»Wenn ich zweifelte, so wärst Du allein nur schuld.«

»Wieso?«

»Es war einmal Einer bei mir, welcher mir sagte, daß Dein Herz schon längst entschieden hätte.«

»Ah! Wer war das? Er war ein Lügner!«

»Das war ein sonst sehr wahrheitsliebender Herr, nämlich Seine Durchlaucht der Fürst von Befour.«

»Ich?« fragte er erstaunt.

»Ja gewiß! Erinnerst Du Dich nicht?«

»Nein.«

»Du sagtest, Gustav Brandt sei verheirathet.«

Da schlug er ein herzliches Lachen auf und fragte:

»Kannst Du Dir denken, weshalb ich dies sagte?«

»Nein.«

»Ich wollte beobachten, welchen Eindruck diese Kunde auf Dich hervorbrachte.«

»Also ein bloßes Experiment?«

»Ja.«

»Nun, wie war der Eindruck?«

Da nahm er sie in seine Arme, küßte sie innig und antwortete strahlenden Angesichtes:

»Es war ein für mich sehr beglückender. Ich erkannte, daß ich Dir nicht gleichgiltig geworden war.«

»Gleichgiltig? Mein Gott! Gleichgiltig!«

Sie legte ihm ihre beiden Hände auf die Wangen, zog seinen Kopf zu sich heran und küßte ihn viele, viele Male auf den Mund. Dann fuhr sie fort:

»Siehst Du nun, ob Du mir gleichgiltig bist?«

»Ich sehe, daß Du mich liebst, und daß ich einen Himmel finden werde. Welch' ein Unterschied zwischen jenem Tag meiner Flucht, an welchem ich Dich traf.«

»Du hättest mich getroffen?«

»Ja.«

»Und wo war das?«

»Im Walde. Kurz vor dem Forsthause.«

»Ich besinne mich nicht.«

»Du warst zu Wagen und ich zu Pferde.«

»Ach, ja, jetzt entsinne ich mich. Aber noch Eins. Wie gelang es Dir, zu entkommen?«

»Ich wurde von zwei Tannensteinern gerettet.«

»Unmöglich!«


// 1547 //

»Ich hätte es auch für unmöglich gehalten.«

»Wer waren sie?«

»Wolf, der Schmied, mit seinem Sohn.«

»Ah, diese! Gott vergelte es ihnen!«

»Ja, auch ich möchte ihnen dankbar sein; aber sie machen es mir leider zu schwer. Gerade jetzt wieder befinden sie sich in Untersuchungshaft.«

»Weshalb?«

»Wegen Pascherei. Ich habe sie bereits einmal gerettet. Zum zweiten Male aber wird es mir unmöglich sein. Uebrigens aber habe ich ihnen gar nicht sehr großen Dank zu zollen dafür, daß sie mich retteten.«

»Wie? Wolltest Du nicht gerettet sein?«

Sein Gesicht nahm einen ernsten, ja trüben Ausdruck an, als er antwortete:

»Ich dachte nicht an Rettung, nicht an Flucht. Ich war zum Tode verurtheilt. Vater hatte mir, ganz meiner eigenen Ansicht angemessen, verboten, um Gnade anzurufen. Ich wollte sterben. Anstatt des Todes aber gab man mir lebenslängliches, entehrendes Zuchthaus. Ich hätte es nicht überlebt. Die beiden Schmiede erschienen als rettende Gewalten, welche ich nicht herbeigesehnt hatte. Sie befreiten mich, weil sie es mir schuldig waren.«

»Schuldig? Wieso?«

»Sie wußten, daß ich unschuldig war. Sie kannten den Mörder.«

»Woher?«

»Sie müssen sich, während der Hauptmann von Hellenbach ermordet wurde, im Walde befunden haben. Sie schwiegen, jedenfalls um ihr Schweigen sich gut bezahlen zu lassen. Sie sind ja auch zu Vermögen gekommen. Und um sich nun mit ihrem Gewissen abzufinden, gaben Sie mir die Freiheit. Laß uns davon schweigen. Denken wir jetzt an die Herren, welche unterdessen eingetroffen sein werden.«

Er verwandelte sich wieder in den Fürsten, gab ihr den Arm und kehrte in den Salon zurück.

Dort befand sich bereits die Mehrzahl der Geladenen. Sie begrüßten die Beiden auf das Respectvollste. Und soeben wurde ein Justizrath gemeldet.

»Der Vorsitzende von damals!« flüsterte Alma.

»Ja. Er hatte es ganz besonders auf meine Verurtheilung abgesehen. Er stellt mir die Fragen zu meinen Ungunsten. Das ist schon die halbe Verurtheilung.«

Der erwähnte Herr trat ein. Er war pensionirt, trug und gab sich aber als ein Mann, welcher seinen Selbstwerth gehörig zu schätzen weiß. Er näherte sich in würdevoller Haltung dem Fürsten, verbeugte sich, aber ja nicht zu tief, und sagte nur:

»Ausgezeichnete Ehre, Durchlaucht!«

Das klang so albern, daß der Fürst fragte:

»Was?«

»Mein Erscheinen hier.«

»Für wen? Für mich?«


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»O nein, sondern für mich.«

»Sehr verbunden!«

Er stellte den emeritirten Beamten der Baronesse vor und wendete sich dann von ihm ab.

Es war den Anwesenden anzusehen, daß sie sich über den Grund der Einladung sehr im Unklaren waren. Sie flüsterten mit einander, zuckten die Achseln und trugen sehr gespannte Gesichter zur Schau.

Als Alle versammelt waren, deutete der Fürst nach dem gefüllten Büffete und sagte:

»Meine Herren, ich habe Ihre Anwesenheit gewünscht, nicht um Ihnen ein Souper zu geben, sondern um eine alte, nicht mehr beachtete Erinnerung in Ihnen aufzufrischen. Die meisten von Ihnen sind Juristen. Es handelt sich nämlich um einen ausgezeichneten Criminalfall, in Beziehung dessen ich Ihr Urtheil kennen lernen möchte. Zur beliebigen Erfrischung dabei ist Ihnen das Büffet empfohlen.«

Der Justizrath verbeugte sich und sagte:

»Sehr gütig, Durchlaucht. Werde mich Ihrem Wunsche gern acommodiren!«

Er trat an das Büffet, goß sich ein Glas Wein ein, nippte mit Kennermiene und sagte:

»Exquisit! Alter, schwerer, dicker, schwarzer Tintio aus Portugal. Liebe diese Sorte! Ist aber selten! Bitte, Durchlaucht: Welchen Criminalfall?«

»Ein Fall, den Sie Alle kennen. Der Angeklagte wurde unschuldig verurtheilt.«

»Unschuldig? Unmöglich!«

»Warum unmöglich?«

»Absolut unmöglich! Bedenken Durchlaucht, daß nur helle Köpfe und scharfe Denker das Amt eines Richters bekleiden. Die Logik eines richterlichen Urtheiles ist infallibel wie der Papst in Rom.«

»Und doch haben wir Fälle, daß ein Verdammungsurtheil einen Unschuldigen traf.«

»Könnte mir nicht passiren.«

Der Justizrath schien für alle Anderen das Wort ergriffen zu haben, weil er sich für den Höchststehenden hielt.

»Und dennoch halte ich auch Sie für fehlbar!«

»Was? Mich?«

Seine Brauen zogen sich finster zusammen.

»Ja, Herr Rath. Alle Menschen sind dem Irrthum unterworfen, und auch Sie sind ein Mensch.«

»O bitte, Durchlaucht! Erlauben Sie, meine Herren! Ich habe mich stets eines solchen Scharfsinnes, einer so gediegenen Divination befleißigt, daß ich mir sagen darf, keinem Menschen zu viel oder zu wenig gethan zu haben.«

»Hm!« ließ sich eine Stimme hören.

»Wie? Was?« fragte er schnell, indem er sich im Kreise umblickte.


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»Sagte einer der Herren Etwas? Nein? Scharfsinn, Gediegenheit, Sorgfalt! Ist auch anerkannt worden.«

Er deutete dabei mit stolzer Geberde auf das in seinem Knopfloche befindliche Band.

Da sagte der Fürst:

»Sie müssen sich ja selbst kennen, Herr Gerichtsrath, und wir zweifeln ja auch gar nicht daran, daß die Ihnen gewordene Auszeichnung eine wohlverdiente ist. Aber, hm, da kam mir heute eine alte Zeitung in die Hand, in welcher der Bericht einer Gerichtsverhandlung stand, der mich sehr interessiren mußte. Es handelte sich nämlich um einen Doppelmord. Der Mörder wurde zum Tode verurtheilt und wunderbarer Weise erkannte ich an den angegebenen Namen, daß die Eltern dieses Mörders in meinen Diensten stehen.«

»Fatal! Höchst fatal!« sagte der Justizrath.

»Wieso?«

»Hm! Man kann doch nicht die Eltern eines Mörders gern in seiner unmittelbaren Nähe haben!«

»Was können die dafür?«

»Durchlaucht, die Krankheiten der Moral sind ebenso ansteckend wie diejenigen des Leibes.«

»Sie halten also den Mord für ansteckend?«

»Unter Umständen, ja. Zum Beispiel bei Aufruhr oder bei bigott religiösen Aufregungen.«

»Das war aber hier nicht der Fall. Die Eltern sind alte, ruhige, stille, ehrbare Leute. Der Vater, ein gewisser Brandt, war früher Förster in Tannenstein.«

Da machte der Justizrath eine hastige Bewegung und sagte:

»Brandt? Ah, Durchlaucht meinen den exquisiten Fall Gustav Brandt gegen Helfenstein und Hellenbach?«

»Ja.«

»Das ist allerdings der bedeutendste Fall, der mir in meiner Praxis vorgekommen ist. Und dieser Mensch, der Brandt, hatte wirklich die Stirn, zu leugnen.«

»Seine Eltern behaupten noch heute, daß er unschuldig gewesen sei.«

»Natürlich! Eltern vertheidigen ja stets ihre Kinder.«

»Es soll aber auch bereits damals Stimmen des Zweifels gegeben haben, Herr Justizrath!«

»Stimmen des Zweifels? O, die giebt es stets. Aber in dieser Bewegung logischer Ungewißheit sitzt der Richter fest, wie ein Fels im Meere. Er läßt sich nicht verlocken und verleiten und spricht sein endliches Wort so groß und gelassen aus wie jenes biblische: Es werde Licht!«

»Hm!« ließ sich Einer vernehmen.

Der Justizrath wendete sich sofort nach der betreffenden Seite, schnupperte mit der Nase in der Luft und fragte:

»Wie? Was? Sagte einer der Herren Etwas?«


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Der Fürst machte mit der Hand eine beruhigende Bewegung und fuhr fort:

»Ich sprach sodann mit einem alten, wohlverdienten Polizisten über diese Angelegenheit, und auch dieser zuckte mit der Achsel und meinte, er hätte nicht klug werden können.«

»Polizist! Ah, untergeordnete Beamte! Können überaus niemals klug werden. Sie müssen geleitet werden von dem studirten und erfahrenen Kriminalisten. Uebrigens, Durchlaucht, trifft es sich sehr glücklich, daß gerade wir, die wir hier versammelt sind, über den Fall Brandt die beste Auskunft zu ertheilen vermögen.«

»Wirklich? In wiefern?«

»Nun, es sind zufälliger Weise mehrere Herren hier, welche als Beamte dabei thätig waren. Ich zum Beispiel war während der Session Vorsitzender; das heißt, ich leitete die ganze Verhandlung.«

»Das ist mir interessant.«

»Ja, allerdings. Und hier haben Sie noch zwei, drei, fünf Herren, welche unter mir betheiligt waren. Ich darf wohl sagen, daß wir damals in treuester und scharfsinnigster Pflichterfüllung geleistet haben, was zu leisten war. Es war nicht leicht, einem so verstockten lügnerischen Bösewicht gegenüber gerecht und unpartheiisch zu bleiben. Er wußte alle Saiten anzuschlagen, wir aber hielten uns tapfer und blieben ungerührt.«

»Hm!« erklang es abermals.

Dieses Mal war es der Gerichtsrath gewesen. Der Justizrath fuhr schnell zu ihm herum und fragte:

»Wie? Was? Sagten Sie vielleicht Etwas, Herr Bezirksgerichtsdirector?«

»Nein. Ich räusperte mich.«

»Ah, Sie räusperten sich! Aus altem Interesse! Ja, Sie führten ja damals das Protocoll. Schade aber um die schöne Verhandlung.«

»Schade?« fragte der Fürst.

»Ja, gewiß.«

»Warum?«

»Der verruchte Doppelmörder wurde nicht geköpft.«

»Wohl begnadigt?«

»Nein. Er entfloh; er entkam. Denken Sie sich, er wollte einen vollständig Unschuldigen mit dem Morde belasten, nämlich den Baron von Helfenstein. Das war geradezu teuflisch. Ich aber ließ mich nicht irre machen. Durchlaucht sind jedenfalls nicht Jurist?«

»Nein.«

»Nun, so muß ich Ihnen sagen, daß der Vorsitzende das Verhör zu leiten und die Fragen zu stellen hat. Und auf die Fragestellung kommt sehr, sehr viel an. Ob man dem Angeklagten wohl will oder nicht, das hat sehr großen Einfluß auf die Folgen. Man kann den Angeklagten durch schonendes Verhör in ein sehr mildes Licht stellen; man kann aber auch durch unbeugsames und verwickeltes Fragen ihn zu Antworten zwingen, welche belastend auf ihn zurückwirken. Ja, dies ist die Kunst des Vorsitzenden. Und ich habe ihn


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damals so gerecht, so unbeugsam und schonungslos inquirirt, daß er sich verfangen mußte.«

»Das heißt, Sie waren von seiner Schuld überzeugt?«

»Natürlich, vollständig.«

»Und behandelten ihn also als Mörder?«

»Das versteht sich.«

»Und doch habe ich gehört, daß nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch die Vorschrift gebietet, den Angeklagten erst nach vollzogenem Urtheilsspruche als Verbrecher zu betrachten und zu behandeln.«

»Menschlichkeit! Humanität! Laxe Begriffe! Der Richter hat mit Strenge zu verfahren, denn die Macht des Gesetzes liegt eben in der Strenge. Der Richter hat niemals zu belohnen, meist aber zu bestrafen. Und damals - ah, da fällt mir ja ein, daß die gnädige Baronesse hier ja auch dabei war. Auch sie zeugte gegen ihn, Durchlaucht. Wer kann da von Unschuld reden! Kein Mensch, kein Einziger.«

»Sie sind Ihrer Sache so gewiß, daß ich mir keinen Zweifel gestatten kann. Hier behauptet man, daß ein Unschuldiger für schuldig erklärt worden sei. Ich kenne einen strict entgegengesetzten Fall, nämlich daß Einer, der ein Verbrechen begangen hat und dasselbe auch freimüthig eingesteht, doch für unschuldig erklärt wird.«

»Unmöglich!«

»O, es ist ein positiver Fall; er ist wirklich geschehen.«

»So ist der Thäter unzurechnungsfähig!«

»Auch nicht; man rühmt ihm im Gegentheile sehr gute Geisteseigenschaften nach.«

»Um welches Verbrechen handelt es sich?«

»Menschenraub.«

»Alle Wetter! Das ist gefährlich und wird streng bestraft!«

»Er hat die Frau eines Anderen nächtlicher Weile aus ihrer Behausung geraubt und sie in seine eigene Wohnung geschafft und dort heimlich hinter Schloß und Riegel gehalten.«

»Mit ihrer Erlaubniß?«

»Nein; da wäre es ja nicht Raub, sondern nur Entführung, Herr Justizrath.«

»Und er ist geständig?«

»Ja.«

»Und nicht bestraft worden«

»Nein. Das heißt, er wird nicht bestraft werden, denn der Fall ist noch ein schwebender.«

»Also erst kürzlich geschehen?«

»Ja.«

»Höchst interessant. Beschäftigt er bereits den Richter?«

»Noch nicht. Es ist noch keine Anzeige erstattet worden.«

»Wie ist das möglich? Man kennt das Verbrechen und zeigt es nicht an?«


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»Sie alle kennen das Verbrechen; es handelt sich nämlich um die Baronin Ella von Helfenstein.«

Ein allgemeines Erstaunen ließ sich bemerken; aber der Justizrath beabsichtigte nicht, einen Anderen zu Worte kommen zu lassen; er sagte:

»Die ist aus der Irrenanstalt geraubt worden. Und Durchlaucht sagen, daß der Thäter nicht bestraft werden könne, sondern für unschuldig erklärt werden müsse?«

»Ja, das behaupte ich.«

»Nun, Durchlaucht haben ja selbst die Güte gehabt, zu gestehen, daß Sie kein Jurist sind!«

»Hm!« brummte es.

Der Justizrath drehte sich um und sagte in rügendem Tone:

»Wie? Was? Sagte schon wieder Jemand Etwas. Man scheint sich hier sehr gern zu räuspern; aber ein jeder Jurist muß überzeugt sein, daß diese That bestraft werden muß. Ist der Thäter bereits bekannt, Durchlaucht?«

»Nicht allgemein.«

»Sie aber kennen ihn?«

»Sehr genau.«

»So ist es Ihre Pflicht, ihn schleunigst zur Anzeige zu bringen.«

»Schleunigst heißt doch möglichst schnell?«

»Allerdings.«

»Nun, so will ich ihn sofort anzeigen.«

»Recht so! Wir werden also seinen Namen erfahren.«

»Gewiß, wenn Sie es wünschen.«

»Natürlich! Bitte, wer ist es?«

»Ich selbst bin es.«

Diese vier kleinen Worte brachten ein allgemeines Erstaunen hervor. Der Justizrath aber trat einen Schritt zurück, zog die Stirn in Falten und meinte sehr ernst:

»Durchlaucht kennen meine Stellung?«

»Ja. Pensionirter Justizrath.«

»Und decorirt! Ich bin nicht gewöhnt, Scherz mit mir treiben zu lassen, selbst nicht von einem Vertreter der höchsten Aristokratie!«

»Das ist sehr anerkennenswerth von Ihnen. Ein Jeder muß wissen, was ihm der Andere schuldig ist!«

»Natürlich! Und so hoffe ich, daß auch Sie mir diejenige Achtung zollen, welche zu empfangen ich gewöhnt bin!«

»Hm!« brummte der Gerichtsrath.

Der Justizrath blitzte ihn mit zornigen Augen an und fragte:

»Wie? Was? Sagten Sie etwas?«

»Nein. Ich brummte nur ein Wenig.«

»Ah, so! Durchlaucht, wird bei Ihnen gebrummt?«

»Je nach Belieben. Ich pflege meinen Gästen keine Gesetze vorzuschreiben; behagt mir aber Einer nicht, so wird er eben nicht mehr eingeladen. Uebrigens


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haben Sie sich geirrt. Ich habe nicht gescherzt. Ich bin wirklich der Thäter des Verbrechens, von welchem wir sprechen.«

»Was? Sie hätten -?« fragte er erstarrt.

»Ja,« nickte der Fürst.

»Wirklich - -«

Abermaliges Nicken.

»Die Baronin geraubt?«

»Wie ich Ihnen sage.«

»Durchlaucht sehen mich ganz fassungslos!«

»Bitte, behalten Sie immerhin Ihre Fassung, wie Sie es als Richter gewöhnt sind! Ich werde Ihnen die Gründe angeben, welche mich zu der betreffenden That veranlaßten.«

»Ich bin begierig, sie zu hören.«

»Vorher aber bitte ich alle die Anwesenden, mir ihr Ehrenwort zu geben, daß Sie über Das, was hier gesprochen und geschehen wird, bis auf Weiteres das tiefste Schweigen bewahren werden.«

»Nein, das kann ich nicht geben! Auf keinen Fall!«

»Warum nicht?«

»Wenn es sich um ein Verbrechen handelt, so ist es meine Pflicht, Anzeige zu machen.«

»Sie haben ein sehr zartes und zugleich strenges Gewissen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es sich nicht um etwas Strafbares handelt. Und so können Sie mir auch durch Ihr Ehrenwort Schweigen geloben.«

»Wenn das ist, gut! Ich gebe mein Wort.«

»Und die anderen Herren?«

Alle stimmten bei. Der Fürst fuhr nun fort:

»Also, ich theile Ihnen mit, daß ich die Baronin aus Rollenburg geraubt und hierher gebracht habe. Ich habe dabei einen Helfershelfer gehabt, nämlich hier den Herrn Doctor Zander.«

»Ah!« sagte der Justizrath, indem sich aller Augen auf Zander richteten. »Man sagt, daß der Herr Doctor die Baronin in Behandlung gehabt habe.«

»Allerdings! Nämlich der Baron hat die Absicht gehabt, seine Frau zu tödten.«

»Unmöglich!«

»Sogar wirklich. Er hat ihr ein Gift eingegeben, in Folge dessen sie in ihren gegenwärtigen Zustand gefallen ist. Er hat sie nach Rollenburg zu Doctor Mars geschafft und diesem eine hohe Gratification geboten, falls sie sterben sollte. Um sie zu retten, haben wir sie entführt.«

»Romantisch! Höchst romantisch!« meinte der Justizrath. »In diesem Falle werden Sie allerdings nicht bestraft, denn es fehlt der dolus, die Absicht, ein Verbrechen zu begehen. Sie hatten vielmehr die Absicht, ein solches zu verhüten. Und diese arme Baronin befindet sich bei Ihnen?«

»Ja. Sie liegt in einem Zustande der Erstarrung. Ich habe ihr durch


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Herrn Doctor Zander ein Gegengift geben lassen, und Sie Alle sollen nachher Zeuge ihres Erwachens sein, meine Herren.«

Diese Worte brachten eine bedeutende Wirkung hervor. Ausrufe der Verwunderung, der Befriedigung, der Erwartung wurden laut. Der Justizrath aber kehrte auch hier den juristischen Examinator heraus. Er fragte:

»Sie verfolgen dabei, wie es scheint, eine bestimmte Absicht?«

»Ja, das gestehe ich.«

»Dürfen wir erfahren, welche?«

»Wenn Sie mir versprechen, mir nicht zu zürnen.«

»O, ich bin über jeden Zorn erhaben!«

»Sie glücklicher Mensch! Meine Absicht steht nämlich in inniger Beziehung zu dem Gegenstande unseres vorigen Gespräches. Das Erwachen der Baronin soll den Beweis liefern, daß Brandt unschuldig gewesen ist.«

Der Justizrath fuhr zurück, als hätte ihn eine Natter angezischt. Er sagte in fast drohendem Tone:

»Durchlaucht!«

»Schön! Ich denke, Sie sind über jeden Zorn erhaben?«

»Sie wissen ja wohl, was Sie sagten?«

»Gewiß!«

»Wenn eine Möglichkeit von Brandt's Unschuld vorhanden wäre, so läge ja auch die Möglichkeit vor, daß wir uns damals geirrt haben!«

»Sehr folgerichtig!«

»Gegen diese Möglichkeit aber muß ich mich streng verwahren, Durchlaucht! Ich war Vorsitzender!«

»Das kann an meiner Absicht gar nichts ändern. Ich vermuthe nicht nur, sondern ich behaupte sogar, daß Brandt unschuldig ist.«

Da machte der Justizrath eine Verbeugung und sagte:

»Meine Zeit ist abgelaufen. Durchlaucht gestatten, daß ich mich jetzt zurückziehe.«

»Bitte, bleiben Sie dennoch!«

»Nein, danke!«

Er drehte sich um und schritt dem Eingange zu. Seine Haltung war so stolz, wie die eines Löwen, welcher an einem Rattenneste vorübergeht und keinen Appetit fühlt, diese niedrigen Thiere zu verschlingen.

»Herr Justizrath!« sagte der Fürst, als der pensionirte Gerichtsbeamte bereits an der Thür war.

»Durchlaucht?«

»Sie gehen wirklich?«

»Unbedingt! Ich kann mich nicht beleidigen lassen.«

»Ich ersuche Sie doch, zu bleiben!«

»Danke! Habe die Ehre, meine Herren!«

Er öffnete die Thür Da rief der Fürst:

»Halt! Sie bleiben!«

Diese Worte waren in einem solchen Tone gesprochen, daß der Justizrath herumfuhr und den Fürsten anstarrte.


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»Wie? Was?« fragte er.

»Sie bleiben!«

»Nein, ich gehe! Selbst ein Fürst kann auf meine freie Selbstbestimmung keinen Einfluß äußern!«

»Und dennoch befehle ich Ihnen, zu bleiben!«

»Befehlen?« fragte der Pensionirte zornig.

»Ja. Kommen Sie her, und sehen Sie!«

Das klang so bestimmt, so allen Widerspruch ausschließend, daß der Justizrath wieder näher kam.

»Lesen Sie diese Karte!«

Er warf einen Blick auf dieselbe und sagte erschrocken:

»Ah, von Seiner Exzellenz!«

»Ja. Werden Sie nun bleiben?«

Der einstige Vorsitzende verbeugte sich tief und antwortete:

»Unter diesen Verhältnissen, ja!«

»Auch unter den erst vorwaltenden Verhältnissen wäre jeder Andere außer Ihnen geblieben. Glücklicher Weise hat man mich über Ihre Eigenthümlichkeiten unterrichtet. Ein braver Beamte, zumal Justizbeamte, verdient die höchste Achtung und möglichste Rücksichtnahme. Sie sind ein verdienstvoller Beamter gewesen, aber seit Sie dieses Band in das Knopfloch erhalten haben, leiden Sie am Größenwahn. Sie haben sich hier bei mir heute Abend eines Verhaltens befleißigt, als ob es für mich die höchste Ehre sei, Sie bei mir zu sehen. Gewöhnen Sie sich das ab! Sie machen sich doch nur lächerlich! Jetzt aber bitte, nehmen Sie Platz! Ich werde Sie überzeugen, daß Sie keineswegs so unfehlbar sind, wie Sie denken!«

Der Angeredete gehorchte, ohne ein Wort zu entgegnen. Er war leichenblaß geworden. Es kochte in ihm. Er sagte sich keineswegs, daß er diese Zurechtweisung verdient habe; aber der Respect vor der Unterschrift des Ministers legte ihm schweigenden Gehorsam auf.

»Meine Herren,« fuhr der Fürst fort. »Wir werden uns jetzt in das Nebenzimmer begeben. Es ist dunkel, damit sie unbemerkt Zeugen dessen sein können, was geschehen wird. Ich ersuche Sie, Ihre Anwesenheit durch kein Geräusch, durch keinen Laut zu verrathen.«

Er ergriff einen mehrarmigen Leuchter und schritt voran in das erwähnte Zimmer. Sie folgten.

Der Raum war mit dicken Teppichen belegt, und die schweren, weichen Polstermöbels waren ganz geeignet, jedes Geräusch zu ersticken. Sie nahmen Platz, einer dunklen Wand gegenüber, auf welche der Fürst sie aufmerksam machte, indem er sagte:

»Dies scheint eine Zwischenwand, eine Mauer zu sein, ist aber nichts, als ein dünner, durchsichtiger, aber straff angezogener Schleier, durch dessen Maschen Sie blicken können, ohne bemerkt zu werden, weil Sie sich im Dunkeln befinden werden. Also bitte, so still wie im Grabe selbst!«

Er ging mit dem Lichte hinaus, und nun sahen sie allerdings, daß sie


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sich vor einem Schleier befanden, durch welchen sie den dahinter liegenden Raum als ein fein ausgestattetes Damenboudoir erkannten. Die Gaze war so fein, daß sie sogar die feinsten Striche der dahinter an der Wand hängenden Malereien zu unterscheiden vermochten. Es brannte drüben eine Ampel, welche ein mildes, aber durchdringendes Licht verbreitete.

Sie warteten in höchster Spannung der Dinge, die da kommen würden. Sie wagten nicht, auch nur ganz, ganz leise miteinander zu flüstern.

Jetzt wurde drüben eine Portière geöffnet, und zwei Diener brachten ein höchst elegantes Ruhebett hereingetragen, welches sie in die Mitte des Raumes setzten. Dann zogen sie sich zurück.

In den Kissen lag eine bleiche, aber wunderschöne Frauengestalt. Diejenigen von den verborgenen Zuschauern, welche die Baronin Ella von Helfenstein gesehen hatten, erkannten diese sofort.

Nach einer kurzen Pause trat der Fürst ein, mit ihm Doctor Zander. Sie benahmen sich so unbefangen, als ob sie gar nicht wüßten, daß sie belauscht würden.

»Warum ordneten Sie an, daß die Dame in dieses Zimmer geschafft werde?« fragte der Fürst laut.

»Dieses Zimmer hat eine abgesonderte Lage. Es steht zu befürchten, daß die Baronin bei ihrem Erwachen sich höchst aufgeregt benimmt, vielleicht laut weint und schreit, und da ist es besser, sie befindet sich in einem Zimmer, wo sie von Unberufenen nicht gehört werden kann.«

»Das genügt. Fühlen Sie den Puls?«

»Er ist bereits da. Es ist ganz genau so, wie Durchlaucht vorher bestimmt haben. In fünf Minuten wird die Allerärmste die Macht zurückerhalten, sich bewegen zu können.«

»So will ich bleiben. Sie darf bei ihrem Erwachen nicht allein sein.«

»Und ich? Wie befehlen, Durchlaucht?«

»Gehen Sie! Ich will mit ihr ganz allein sein. Kein Mensch soll hören oder sehen, was sie thut, außer mir.«

Zander ging.

Der Fürst setzte sich auf einen Stuhl, welchen er neben das Bett zog, und beobachtete sie.

Es vergingen mehrere Minuten; die fünf waren vorüber. Wie würde ihr Erwachen sein? Langsam, allmählich, von einem Gliede auf das andere übergehend?

Nein. Sie lag noch vollständig starr; aber einen einzigen Augenblick darauf ertönte ein überlauter, gräßlicher Schrei, und da saß sie aufrecht im Bette, mit weit von sich abgestreckten Händen und übernatürlich aufgerissenen Augen.

Der Fürst sprang auf.

»Gnädige Frau! Endlich, endlich!« sagte er.

Ihre blassen Wangen rötheten sich; sie zog die Hände wieder an sich,


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ballte sie aber zu Fäusten, streckte sie drohend wieder aus und knirschte mit der Stimme eines Teufels, eines höllischen Wesens:

»Fluch ihm! Verderben! Rache! Rache!«

»Wem?« fragte der Fürst.

»Ihm, ihm! Dem Baron!«

Ihre Zähne knirschten so laut aufeinander, daß den Lauschern das Gehör wehe that.

»Er ist ein Satan! Ein tausendfacher Satan! Sie aber sind mein Retter! Er gab mir Gift, und ich konnte mich nicht regen; aber ich fühlte, ich hörte Alles, Alles! Die Minuten wurden zu Wochen, die Stunden zu Jahren und die Tage zu Ewigkeiten! Er stand vor mir mit Doctor Mars und besprach mit ihm, daß er mich ermorden solle. Und als Mars sagte, daß ich jedes Wort verstände, da hatte er noch höllische Freude darüber!«

Sie schüttelte die Arme drohend vor sich hin.

»Baronin, fassen Sie sich!« bat der Fürst.

»Fassen? Ich bin gefaßt; ich bin nicht aufgeregt. Oh, Fürst, Sie wissen nicht, welche Qualen ich erduldet habe! Hätte ich tausend Menschen umgebracht, ich wäre jetzt quitt mit dem Richter, denn eine jede Secunde ist mir zum letzten Augenblick, zur Hinrichtung geworden. Welch ein fürchterliches Gift! Mein Herz stand still, und meine Lungen waren wie Stein. Es war todteskalt in meinem Körper, und dennoch lebte ich. Ich wollte mich bewegen, und ich konnte nicht. Ich wollte die Fäuste ballen, und ich vermochte es nicht. Ich wollte schreien, ich wollte fluchen, beten; es ging nicht. Ich war wie eine Erzfigur im weichen, warmen Daunenbette. Da wurde jede Secunde zur Geburtsstunde eines Fluches für ihn. Meine Zunge lag in meinem Munde wie Eisen, und doch fühlte ich jeden Lufthauch, und doch hörte ich die Fliegen draußen am Fenster mit einander sprechen. Der Hunger, der Durst, sie wollten mich verzehren; aber sie konnten es nicht, denn ich war ja ein Stück Metall. Nun aber ist es vorüber, und nun soll die Reihe an ihn kommen, an ihn, an ihn, an ihn!«

»Gnädige Frau, verzeihen Sie ihm. Er ist Ihr Mann, Ihr Gemahl!«

»Was sagen Sie? Was wollen Sie? Mein Gemahl! Gerade aus diesem Grunde ist sein Verbrechen tausendfach größer und strafbarer. Sie sind ein weiches Gemüth, und Sie haben nicht einen einzigen solchen Augenblick erlebt, wie ich ihrer Millionen. Als ich Ihre Stimme zum ersten Mal wieder hörte, da tropfte ein Atom Himmelstrost in meine Höllenqual. Und als Sie dann mit Doctor Zander kamen, um mich zu entführen, mich zu retten, als Sie mich auf Ihren Armen in das Coupee trugen und heimlich nach hier brachten, da wollte ich vor Wonne laut aufbrüllen, da wollte ich meine Arme um Sie legen, um Sie todt zu drücken vor Seligkeit; aber, ich war ja noch todt. Doch ich wurde ruhig, ich wartete. Und als soeben Doctor Zander sagte, daß es nur noch fünf Minuten währen könne, da wußte ich, daß mein Erwachen kein wahnsinniges sein werde. Desto wahnsinniger aber wird meine Rache sein, meine Rache, Rache, Rache!«


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»Bitte, legen Sie sich! Soll ich Ihnen eine Erquickung reichen lassen?«

»Legen soll ich mich? Erquickung soll ich genießen? Hölle und Tod! Ich werde mich nicht legen; ich werde nicht ruhen, bis ich ihn verdorben habe! Ich habe weder Hunger noch Durst nach Speise und Trank mehr. Ich hungere und dürste aber nach seiner Seele. Meine größte Erquickung wird sein, wenn sein Todesschrei in meine Ohren gellt. Durchlaucht, Sie haben mich gerettet! Sie dürfen dabei nicht stehen bleiben. Sie müssen auch ferner für mich handeln!«

»Was soll ich thun?«

»Wollen Sie? Wollen Sie?«

»Sagen Sie, was!«

»Sie sollen der Träger, der Schildknappe meiner Rache sein. Sie sollen der Dolch sein, den ich ihm in's Leben stoße, und der Hammer, mit dem ich ihn zerschmettere!«

»Fassen Sie sich!«

»Fassen! Fassen! Fassen! Herrgott, wie kann ein Mensch so ruhig sprechen! Fassen! Ich wollte, ich könnte zur Flamme werden, in welcher er bis auf die Knochen verbrennt, und sollte ich mich dabei selbst auch verzehren. Verderben soll er, verderben! Er soll ausgestoßen werden, wie ein räudiger Hund. Er soll als Merkzeichen der Schande und der Gefährlichkeit dienen, wie die Eule, welche man an das Scheunentor nagelt. Und ich ruhe nicht eher, als bis Sie mir versprechen, mich dabei zu unterstützen.«

»Rache ist unchristlich!«

»Unchristlich! Ist er ein Christ? Oh, Sie kennen ihn ja nicht. Sie haben keine Ahnung, was er ist. Er ist der Auswurf der Menschheit, der größte Verbrecher. Er muß zertreten werden wie der Scorpion, der von seinem eigenem Gifte lebt.«

»Beste Baronin, Sie haben Fürchterliches ausgestanden; aber dennoch kann ich Sie nicht begreifen. Ein Verbrecher soll er sein?«

»Ja, ja und tausendmal ja!«

»Sie sprechen doch von Ihrem Gemahl?«

»Von wem sonst?«

»Vom Baron Franz von Helfenstein?«

»Bei allen Göttern und Teufeln, ja; ihn meine ich, ihn, ihn und keinen Anderen!«

»Und ein Verbrecher soll er sein? Hm!«

»Ihre Worte klingen wie kaltes Wasserplätschern, während in mir ein glühender Lavastrom wühlt. Ich werde Ihnen Alles sagen, Alles. Und dann sollen Sie hingehen, um ihn zu verderben. Sie allein sind der Mann dazu; Einen Anderen würde er verderben. Selbst den Minister, den König würde er morden, um sich zu retten. Sie aber sind ihm überlegen. Sie werden ihm den Stoß geben, ohne daß er ahnt, von wem er kommt!«

»Das klingt so, als ob er der größte Bösewicht sei.«


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»Das ist er auch. Ich werde Ihnen alle seine Verbrechen entdecken. Dann handeln Sie!«

»Sie verderben sich ja selbst dabei!«

»Das will ich ja! Ach, ich hatte auch ein Herz; ich fühlte, ich liebte, ich hoffte. Sein Gift hat mir das Herz erstarrt. Ich war todt, und ich will wieder sterben. Vorher aber will ich ihn verderben!«

»Wüthen Sie nicht gegen sich selbst.«

»Schweigen Sie! Ich sage Ihnen ja, daß ich sterben will. Mir gilt das Leben nichts; denn, wissen Sie, ich habe sie gesehen, sie, sie, sie -«

Ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab.

»Wen?« fragte er.

Da verzerrten sich ihre Züge, und sie antwortete.

»Die Verdammten, ja, die Verdammten im ewigen Feuer! Ich lag jetzt Monate lang, aber ich konnte nicht schlafen - o, wissen Sie, was das heißt, nicht schlafen können! Das machte meine Seele glühend wie flüssiges Blei, und in dieser Gluth tauchte meine Vergangenheit auf, voller Haß, Rache, Lüge, Verrath, Meineid und Blut, ja, Blut, Blut, Blut! Es klebt hier an diesen meinen Händen, so weiß und schön sie auch zu sein scheinen. Ich wollte Baronin sein, und ich bin es auch geworden; aber ich gab mein Gewissen und meine Seligkeit dafür hin. Jetzt nun will ich beichten; vielleicht hat Gott dann Erbarmen!«

Sie legte das Gesicht in die Hände, als ob sie weinen wolle; aber ihrem glühenden Innern konnte keine lindernde Thräne entfließen.

»Jetzt hören Sie!« sagte sie dann. »Merken Sie wohl, daß ich jetzt ruhig und leidenschaftslos reden werde. Ich spreche von Thatsachen, nicht von Hirngespinsten, und da fließen die Worte unerregt dahin. Wollen Sie mich anhören?«

»Wenn es Sie erleichtern kann, ja.«

»Gut! Also zunächst ist der Baron ein Mörder.«

»Unmöglich!«

»O, sogar ein Doppelmörder. Er hat seinen Cousin, den Grafen Otto von Helfenstein und sodann den Hauptmann von Hellenbach während einer Nacht und des darauf folgenden Morgens ermordet!«

»Gnädige Frau, bedenken Sie wohl, was Sie sagen!«

»Ich sage die Wahrheit, Durchlaucht! Sie wissen wohl, daß ich einst die Zofe der Baronesse Alma von Helfenstein war?«

»Man sprach davon.«

»Sie glaubten es wohl nicht?«

»Ich achtete gar nicht darauf.«

»Nun, es verkehrte auf dem Schlosse ein Försterssohn namens Gustav Brandt. Ich liebte ihn, er aber stieß mich von sich. Ich liebe ihn noch heute, aber ich beschloß, mich zu rächen. Und die Gelegenheit kam.«

Sie erzählte nun Alles, was an jenem fürchterlichen Abende geschehen war. Und sie erzählte es in so ruhiger, monotoner Weise, als ob sie es aus


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einem Buche ablese. Dann berichtete sie auch von dem Morde des Hauptmanns von Hellenbach.

»Aber,« fragte er, »wie wollen Sie denn hier beweisen, daß der Baron und nicht Brandt der Mörder gewesen ist? Sie waren nicht dabei.«

»Erstens hat er es mir selbst gestehen müssen, und zweitens giebt es zwei Zeugen, welche es gesehen haben.«

»Wer sind diese?«

»Der Schmied Wolf und sein Sohn. Sie haben hinter den Bäumen gesteckt. Sie waren Pascher, und Brandt war ja gekommen, der Schmuggelei ein Ende zu machen. Darum verriethen sie den wahren Mörder nicht?«

»Und Sie schworen vor Gericht falsch?«

»Ja. Ich ging vor der Verhandlung zum Baron und drohte ihn zu verrathen. Da ging er mit mir zum Pfarrer und verlobte sich mit mir.«

»Entsetzlich!«

»O, es kommt noch mehr!«

»Was noch?«

»Baron Franz war arm und hatte Schulden. Sein Cousin war nun todt; aber der kleine Robert lebte noch. Er ließ ihn tödten.«

»Durch wen?«

»Durch die beiden Schmiede, welche das Schloß wegbrannten.«

»Und der Knabe verbrannte mit?«

»Ja.«

»Er lebt also nicht mehr?«

»Nein.«

»Wissen Sie das genau?«

»Ganz genau, obgleich ich seit jener Zeit nicht wieder darüber gesprochen habe.«

»Mein Gott! Fürchterlich!«

»Nun erbte mein Mann die Baronie. Er konnte seinem Stande gemäß leben; aber er war nie sparsam gewesen und verschuldete sehr bald. Was thun, um Geld zu haben?«

»Er wurde Schmuggler?«

»Ah! Sie wissen es?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Davon später. Ihr Mann ist der eigentliche Pascherkönig, obgleich er mehrere Untergebene besitzt, welche sich ganz ebenso nennen.«

»Gerade das wollte ich Ihnen sagen«

»Weiter, Baronin!«

»Was weiter?«

»Was treibt er hier in der Stadt?«

»Teufel! Sollten Sie auch davon wissen?«

»Vielleicht!«

»Sagen Sie es! Bitte!«


Ende der fünfundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk