Lieferung 68

Karl May

12. Dezember 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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ganz haben konnte, so wollte er wenigstens die Hälfte für sich erobern. Er ging daher zu dem Juden Salomon Levi und veranlaßte diesen, Ihnen das Loos schleunigst abzukaufen. Sie wollen den Gewinn theilen, Jeder fünfzigtausend Gulden.«

Die sonst so ruhige und besonnene Frau zeterte laut auf und fuhr sich mit den Händen in die Haare. Zander beruhigte sie, indem er sagte:

»Verzagen Sie nicht. Es ist noch nichts verloren. Ich bin Zeuge dieses betrügerischen Handels und kam zu Ihnen, um Ihnen meine Dienste anzubieten.«

»Wie gut, wie freundlich von Ihnen! Sie denken also, daß noch nichts verloren ist?«

»Nein. Der Handel ist verbrecherisch; er muß rückgängig gemacht werden.«

»Wie aber ist das anzufangen?«

»Ihr Mann begleitet mich sofort zum Staatsanwalt. Wir machen Anzeige.«

»Ja, ja; die muß gemacht werden. Franz, Franz, schnell! Ziehe den Rock an, damit Du mitgehen kannst!«

Der Graveur lehnte noch immer bleich wie der Tod an der Wand. Jetzt fragte er:

»Herr Doctor, ich bin wie im Traume! Meine Ohren summen und brummen, und vor den Augen zuckt und flimmert es wie lauter Blitze. Ist es wahr, was Sie sagten?«

»Glauben Sie, daß ich mit so braven, armen Leuten meinen Scherz und Spott treiben möchte?«

»Unser Loos hat den großen Gewinn?«

»Ja.«

»O Gott, mein Gott! Das bin ich nicht werth, ganz und gar nicht werth! Das habe ich nicht verdient!«

»Es ist eine Schickung Gottes und kein Verdienst; das ist wahr, mein bester Herr Herold.«

»O nein. Ich hätte eigentlich etwas ganz Anderes verdient! O Gott, o Gott! Wenn ich es doch nur ändern könnte! Ach, könnte ich es nur noch ändern!«

»Was?«

Er warf einen verzweifelten Blick auf seine Frau, schüttelte den Kopf und antwortete:

»Nicht jetzt. Später vielleicht!«

»So kommen Sie jetzt mit zum Staatsanwalte, damit wir nichts versäumen.«

»Ja, Franz, geh, geh, beeile Dich!« rief die Frau.

Er zog den Rock an und entfernte sich mit dem Arzte. Als sie fort waren, zog die Mutter die Kinder an den Sarg, hieß sie vor demselben niederknieen und sagte.

»Betet, betet das Vaterunser. Ihr könnt noch nichts Anderes. Der liebe Gott weiß, wie es gemeint ist.«


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Und sie selbst ergriff die Hand der Todten, lege die Stirn in den Schooß derselben und betete leise und innig. Aber mitten aus diesem stillen Gebete heraus ertönten zuweilen die halblauten, unwillkürlichen Worte:

»Großer Gewinn - unser Loos - hunderttausend Gulden - reich - alle Noth zu Ende - -«

Die beiden Männer hatten kaum die Wasserstraße hinter sich, da blieb Herold stehen.

»Herr, ich kann nicht weiter,« sagte er; »es liegt zu schwer, zu schwer auf mir!«

»Sie haben ein Geheimniß?«

»Ja.«

»Werfen Sie es von sich! Theilen Sie es mir mit!«

»Ja, das will ich. Sie werden mich nicht unglücklich machen. Sie sind ein so gütiger Herr. Sie werden mir einen guten Rath ertheilen.«

»Sehr gern, wenn ich nur weiß, um was es sich handelt.«

»Sie sollen es erfahren. Wenn wir jetzt Anzeige machen, denken Sie da, daß der Collecteur arretirt wird?«

»Sofort.«

»Und der Jude auch?«

»Ja, auch.«

»Ach, da muß ich erst vorher zu ihm.«

»Warum?«

»Das kann ich Ihnen hier auf offener Straße nicht sagen. Die Leute würden es mir am Munde ablesen. Hier ist eine kleine, stille einsame Schänkwirthschaft. Gehen wir für einige Minuten da hinein, Herr Doctor.«

Zander stimmte gern bei. Die Gaststube war ganz leer. Nachdem Sie sich zwei Gläser Bier hatten geben lassen, konnten sie mit einander sprechen, ohne von Jemandem belauscht und beobachtet zu werden.

Und nun begann Herold sein Geständniß: seine Armuth, die Furcht, die entsetzliche Furcht vor der Erblindung, die Angst um die Zukunft, die Abhängigkeit von dem Juden, die Verlockung desselben und das endliche Gerathen in die Falle. Am Schlusse sagte er:

»So, jetzt wissen Sie Alles! Nicht wahr, ich bin verloren; ich muß mich anzeigen?«

»Nein,« antwortete Zander, welcher die Erzählung mit ernster Theilnahme angehört hatte. »Niemand ist verpflichtet, sich selbst anzuzeigen. Es genügt, daß Sie Ihr Vergehen bereuen und es möglichst ungeschehen machen.«

»Wie kann ich das? Wenn ich mich nicht selbst anzeige, so wird der Jude falsches Geld machen oder machen lassen!«

»Das wird er nicht; dafür lassen Sie mich sorgen.«

»Und wenn man einst die Platten bei ihm findet, so wird er gestehen müssen, von wem sie sind. Dann bin ich trotz alledem verloren.«

»Nein. Die Noth und die Angst haben Sie dem Juden in die Hände


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getrieben; aber ich glaube nicht, daß Gott will, Sie sollen daran zu Grunde gehen. Lassen Sie sich Ihre Platten wiedergeben.«

»Wann?«

»Jetzt, sofort, ehe Salomon Levi arretirt wird. Denn dann würde es zu spät sein.«

»Sie denken, er giebt sie mir zurück? O nein; das wird ihm gar nicht einfallen!«

»Mit Gewalt gelingt es Ihnen allerdings nicht; aber mit List werden Sie ihn so weit bringen. Wie viel Platten haben Sie gefertigt?«

»Nur eine vollständig; die andere ist noch in Arbeit. Beide sollten zur Fabrikation von Guldenscheinen verwendet werden.«

Die Platten zu den Fünfzigguldenscheinen, welche Scharfenberg an den Mann bringen sollte, waren nämlich nicht von Herold, sondern von einem Anderen angefertigt worden.

»Gehen Sie jetzt zu ihm. Ich warte hier. Machen Sie ihm Etwas weiß, daß Sie die fertige Platte für einen Augenblick zurückbrauchen. Es wird sich doch eine glaubhafte Ausrede finden lassen.«

»O, diese finde ich schon!«

»Nun, so säumen Sie auch nicht. Wie gesagt, ich erwarte Sie hier. Aber verrathen Sie ja nicht, daß Sie von der Lotterieangelegenheit Etwas erfahren haben.«

Der Graveur entfernte sich. Er kam zu dem Juden, als eben Scharfenberg zum zweiten Male von demselben fortgegangen war. Salomon Levi wunderte sich, Herold wieder bei sich zu sehen. Er wollte bereits einige Besorgniß hegen in Beziehung auf das Lotterieloos; daher beruhigte es ihn, als Herold nach der Platte fragte.

»Sie ist nicht bei mir. Es hat sie ein Anderer, um die Arbeit zu beurtheilen.«

»Wie schade! Ich wollte, Sie hätten sie noch da!«

»Warum?«

»Mir ist soeben eingefallen, daß sich ein großer Fehler darin befindet, ein sehr großer Fehler.«

»Welcher Fehler?«

»Ich habe ein e stehen lassen anstatt einem e, und in der fertigen Platte ist es ebenso.«

»Das ist doch kaum möglich!«

»O, ich kannte den Fehler, habe aber vergessen, ihn zu entfernen. Erst vorhin fiel mir diese Vergeßlichkeit ein.«

»Geht es denn zu ändern?«

»Jetzt läßt es sich noch ätzen, später nicht.«

»Verdammt unangenehm! So ist es am Ende am Besten, man nimmt die Änderung sogleich vor?«

»Das meine ich auch. Und jetzt habe ich Zeit.«


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»Warten Sie hier. Ich gehe für zehn Minuten fort. Meine Frau wird Ihnen Gesellschaft leisten.«

Er eilte nach dem Neumarkte zu dem Rentier Wunderlich, dem er die Sache von dem Fehler mittheilte. Beide suchten nach demselben, fanden ihn aber nicht.

»Er wird es schon wissen, wo er steckt,« sagte Wunderlich. »Er mag sich sputen, fertig zu werden.«

Als der Jude mit den beiden Platten nach Hause kam, gab er seiner Frau einen Wink, sich zu entfernen, gab dann dem Graveur die Platten und fragte:

»Wir haben vergebens nach dem Fehler gesucht. Wo ist er?«

Herold hatte die Platten schnell in seine Taschen gesteckt.

»Da ist er!« antwortete er, auf den Juden deutend.

»Da? Bei mir?« fragte dieser erstaunt.

»Ja. Der Fehler ist nicht ein e oder e, sondern der Fehler sind Sie selbst!«

»Sie wollen doch nicht etwa mit mir spaßen?«

»O nein, nein! Es ist mir ganz im Gegentheile sehr ernst zu Muthe, Herr Levi!«

»Aber ich verstehe Sie ganz und gar nicht!«

»So muß ich mich Ihnen erklären. Sie selbst sind es, der den Fehler gemacht hat; die Platten sind gut.«

»Aber Sie sagten doch - -«

»Was ich vorhin sagte, hatte einen bestimmten Zweck. Geltung hat nur das, was ich jetzt sage.«

»Welchen Fehler soll ich denn begangen haben?«

»Den, daß Sie mich nicht bezahlen?«

»Ich kann Sie nicht bezahlen; die Arbeit ist nicht für mich, sondern für einen Anderen gemacht worden.«

»Das geht mich nichts an. Sie haben die Platten bestellt, und ich halte mich also an Sie. Sie wissen ganz genau, daß ich arm bin. Um Ihren Auftrag auszuführen, muß ich mit meinen kranken Augen mich Monate lang anstrengen. Während dieser Zeit will ich mit den Meinen leben. Wenn Sie mir nichts geben, muß ich verhungern. Ich verlange kein Geschenk, kein Almosen, sondern ich verlange Bezahlung. Ich will nur Das erhalten, was ich mit meiner sauren Arbeit verdient habe.«

»Gut! Ich werde mit dem Manne sprechen.«

»Besser wird es sein, ich selbst spreche mit ihm.«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Er will nicht, daß sein Name genannt werde.«

»Nun, so habe ich es auch in Beziehung der Bezahlung nicht mit ihm, sondern mit Ihnen zu thun.«

»Sie empfangen sie von ihm, aber durch mich.«


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»Das geht mich nichts an. Man arbeitet für keinen Menschen, den man nicht kennt. Und die Art unserer Arbeit ist eine sehr gefährliche. Ich weiß nicht, was passiren kann, und so muß ich wissen, an wen ich mich gegebenen Falles zu wenden habe.«

»Das bin ich.«

»So habe ich mich auch in Beziehung meines Lohnes an Sie zu hallten. Ich brauche Geld.«

»Ich habe Ihnen ja vorhin dreißig Gulden bezahlt!«

»Für das Loos, aber nicht für die Arbeit.«

»Ist das Geld denn schon alle?«

»Ja.«

»Das ist höchst unvorsichtig von Ihnen. Das Geld fällt nicht nur so aus den Wolken herab.«

»Es fallen auch keine Platten für Hundertguldenscheine vom Himmel herunter.«

»Streiten wir uns nicht! Es bleibt bei Dem, was ich Ihnen gesagt habe: Ich will mit dem Manne sprechen. Giebt er mir Geld für Sie, so sollen Sie es bekommen. Natürlich ziehe ich zuvor die Miethe ab, welche Sie mir schuldig sind.«

»Sie haben gar nichts abzuziehen!«

»Oho!«

»Sie haben mir das Geld zu geben, welches Sie für mich erhalten. Dann steht es bei mir, was ich mit demselben thue.«

Der Jude sah ihn starr an und sagte:

»Wie kommen Sie mir vor! Sie sprechen in einem Tone zu mir, den ich nicht gewohnt bin, am Allerwenigsten aber von einem Manne, der mir die Miethe schuldet!«

Da ging über das bleiche Gesicht des Graveurs ein Zug von versteckter Pfiffigkeit. Er sagte:

»Nun, so wollen wir diese Miethsangelegenheit zur Austragung bringen. Wieviel wird das, was ich für meine Arbeit jetzt zu bekommen habe, ungefähr betragen?«

»Das weiß ich nicht genau.«

»Nun, ungefähr! Ist es vielleicht so viel, wie der schuldige Hauszins beträgt?«

»Vielleicht.«

»So will ich Ihnen den Vorschlag machen: Lassen Sie sich das Geld geben, und quittiren Sie mir dafür den Zins.«

»Dann erhalten Sie ja nichts!«

»Das ist freilich wahr.«

»Aber ich denke, Sie brauchen Geld!«

»Auch das ist wahr. Aber ich will lieber jetzt nichts haben, mir aber die schuldige Miethe nicht länger vorwerfen lassen.«

Das war Wasser auf Salomon Levi's Mühle. Er wußte, daß er bei


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diesem Handel einen guten Profit machen werde. Darum ging er auf den Vorschlag ein, indem er sagte:

»Also, Sie treten mir Ihre ganze Lohnforderung für den Miethzins ab?«

»Ja.«

»Gut; ich mache mit.«

»Schön! Aber bitte, die Quittung.«

»Die werde ich Ihnen gelegentlich geben.«

»Das kann mir nicht passen. Ich will sie jetzt haben. Sie haben Zeit, die zwei oder drei Zeilen zu schreiben.«

»Sie sind ja außerordentlich dringlich. Na, ich werde Ihnen die Quittung schreiben.«

Er quittirte und gab Herold das Papier.

»Ich danke,« sagte dieser und schickte sich zum Gehen an.

»Halt!« meinte der Jude. »Was wird mit den Platten?«

Der Graveur sah ein, daß es besser sei, List anzuwenden; er konnte sonst leicht Gewaltthätigkeiten erfahren. Darum antwortete er:

»Die nehme ich natürlich mit.«

»Wozu mitnehmen?«

»Um die Fehler herauszumachen.«

»Sie sagten doch, daß keine vorhanden seien!«

»Das war Redensart.«

»Aus Ihnen werde der Teufel klug. Wann bringen Sie die Platten wieder?«

»Sobald ich fertig bin.«

»Nun, so beeilen Sie sich. Es liegt in Ihrem eigenen Interesse, baldigst fertig zu werden.«

»Hm, ich denke, daß wir noch viel eher fertig werden, als Sie vielleicht denken. Adieu, Herr Levi!«

Er ging. Draußen auf der Straße holte er tief Athem und sagte zu sich selbst:

»Gott sei Dank! Das ist geglückt! Es lag die Möglichkeit vorhanden, daß er mir die Platten mit Gewalt wieder abnehmen werde. Jetzt nun vernichte ich sie und kann nicht bestraft werden. Mein Herz ist wieder leicht.«

Er kehrte zu Zander in die Schänke zurück und erzählte ihm, wie es gegangen war.

»Sehen Sie,« meinte der Arzt, »nun sind Sie frei von diesem Schurken. Ich bin überzeugt, daß Sie niemals wieder in die Lage kommen werden, den Versuchungen solcher Menschen zum Opfer zu fallen. Vernichten Sie dann die Platten!«

»Dies wird geschehen, sobald ich nach Hause komme.«

»Aber wie steht es mit Ihrem Geldbeutel? Haben Sie Arbeit?«

»Jetzt leider nicht!«

»Und auch keine Mittel, zu leben?«


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»Vielleicht bleibt mir ein Weniges übrig, wenn ich die Begräbnißkosten bezahlt habe.«

»Später werden Sie reich sein. Wenn Sie bis dahin Geld brauchen, so wenden Sie sich an mich. Jetzt nun wollen wir den Staatsanwalt aufsuchen.«

»Ja, aber bitte, vorher eine Frage!«

»Welche?«

»Sie sagten, daß der Jude auch arretirt werde?«

»Ich denke es.«

»Er wird sich an mir rächen wollen und das von den Platten sagen. Nicht?«

»Das glaube ich nicht. Es wäre eine große Dummheit von ihm. Erstens müßte er da ja eingestehen, daß er der Mitschuldige ist. Und zweitens weiß er ja gar nicht, daß Sie mit der Anzeige Etwas zu thun haben.«

»Er wird es erfahren.«

»Er wird denken, daß ich der Anzeigende bin, und das ist ja auch ganz das Richtige.«

»Aber - darf ich denn die Platten vernichten?«

»Warum nicht?«

»Eigentlich hätte ich sie auf die Polizei zu tragen.«

»Das ist richtig; aber Sie haben keineswegs die Verpflichtung, sich selbst anzuzeigen. Sie würden jedenfalls auch mit in Untersuchung kommen, wenn auch nur wegen Versuchs der Falschmünzerei. Uebrigens wird diesen Leuten auch noch auf andere Weise beizukommen sein. Also vernichten Sie getrost die Platten.«

Sie gingen nach dem Gerichtsgebäude, wo sie sich bei dem Staatsanwalt melden ließen. Sie wurden vorgelassen und erzählten ihm alles auf das Loos Bezügliche. Er hörte sie ruhig an, machte sich dabei einige Notizen und fragte dann:

»Wie viel Uhr war es, als Sie sich bei dem Collecteur befanden, Herr Doctor?«

»Zehn Uhr.«

»Und um welche Zeit haben Sie Ihr Loos verkauft, Herr Herold?«

»Eine halbe Stunde später.«

»Das dürfte stimmen. Der Vater des Collecteurs weiß also auch von der Sache?«

»Gewiß,« antwortete Doctor Zander.

»Hat der Jude noch Mitschuldige?«

»Das weiß ich nicht.«

»War seine Frau oder sonst noch Wer dabei, als er Ihnen das Loos abkaufte?«

»Nein,« antwortete Herold.

»Sie wünschen also, daß dieser Kauf rückgängig gemacht werde?«

»Natürlich! Es handelt sich um hunderttausend Gulden!«


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»Sie wünschen ferner die Bestrafung Beider, des Collecteurs und des Juden?«

»Das versteht sich!«

»Gut! Ich werde die Sache selbst in die Hand nehmen. Herr Herold, Sie können nach Hause gehen; Sie aber, Herr Doctor, werden mich begleiten. Bitte, warten Sie im Vorzimmer, bis ich meine Maßregeln getroffen habe!«

Der Graveur ging nach Hause, und bereits fünf Minuten später begab der Staatsanwalt sich mit Zander zu dem Collecteur. Der Doctor merkte gar wohl, daß mehrere Polizisten ihnen in einiger Entfernung folgten.

Als sie bei dem Collecteur eintraten, erkannte dieser den Doctor natürlich wieder.

»Was wollen Sie?« fuhr er ihn an. »Ich habe Sie ja fortgewiesen; gehen Sie!«

»Und ich habe Ihnen gesagt, daß ich wieder kommen werde. Ich habe Wort gehalten, wie Sie sehen!«

»Ich brauche Sie nicht. Wenn Sie sich nicht augenblicklich entfernen, werde ich Sie wegen Hausfriedensbruch anzeigen.«

Da sagte der Staatsanwalt:

»Gemach, gemach, mein Herr! Sie scheinen ganz meine Anwesenheit zu übersehen!«

»Was wollen Sie? Gehören Sie etwa zu diesem Manne da?«

»Ja.«

»Nun, so machen auch Sie, daß Sie fortkommen!«

»Das werde ich thun; vorher aber habe ich Ihnen einige Fragen vorzulegen, die Sie mir beantworten werden.«

»Oho! Was ich thun werde und thun will, das ist ganz nur meine Sache, mein Herr!«

»Nein, das ist ganz die meinige! Sie kennen mich wohl nicht?«

»Nein; ist auch nicht nöthig!«

»Da haben Sie Recht; es wäre für Sie gar nicht nöthig, mich kennen zu lernen; da Sie es aber gewollt haben, so mußte ich Ihnen wohl oder übel meinen Besuch machen.«

»Was? Ich hätte es gewollt?«

»Ja.«

»Ist mir nicht eingefallen! Sie träumen wohl, oder fehlt es Ihnen vielleicht hier?«

Er deutete bei diesen Worten nach der Stirn.

»Unterlassen Sie solche albernen Fragen! Sie selbst sind schuld, daß ich hier bin, und damit basta! Ich bin Staatsanwalt und gehe nur dann zu irgend Jemand, wenn er selbst Etwas gethan hat, was mich zu diesem Besuche zwingt.«

»Staatsanwalt?« fragte der erschrockene Collecteur.

»Ja.«

»Ah, ich errathe! Dieser Herr hat mich angezeigt.«


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»Allerdings.«

»Wegen eines Looses, eines Gewinnes?«

»Ja.«

»Er wird da wohl von Procenten gefaselt haben, welche ich ihm hätte anrechnen wollen?«

»Nein.«

»Nun so wüßte ich nicht, weshalb er in Begleitung des Staatsanwaltes wiederkommt.«

»Es handelt sich nicht um Procente, sondern um den ganzen Gewinn.«

»Das begreife ich nicht!«

»Ist auch für jetzt gar nicht nothwendig. Sagen Sie mir, ob Sie zuweilen Depeschen erhalten?«

»Nur selten.«

»Wann haben Sie die letzte erhalten?«

Er kam in Verlegenheit, antwortete aber ziemlich schnell:

»Vor einigen Wochen.«

»Haben Sie nicht heute eine erhalten?«

»Nein.«

»Hm! Wie nun, wenn ich nach dem Telegraphenamte gehe, um mich zu erkundigen?«

Der Collecteur sah ein, daß er nicht leugnen könne. Darum that er, als ob er sich besinne, und antwortete:

»Ah, da fällt mir ein: Ja, ich erhielt heute wieder eine.«

»Von wem?«

»Von der Lotteriedirection.«

»Was enthielt sie?«

»Eine geschäftliche Neuigkeit.«

»Was wurde Ihnen mitgetheilt?«

»Das ist ein Geschäftsgeheimniß, Herr Staatsanwalt!«

»Vor der Polizei giebt es kein Geschäftsgeheimniß. Sie haben mir zu antworten! Also?«

»Man telegraphirte mir, daß das große Loos soeben gezogen worden und in meine Collecte gefallen sei.«

»Das ist allerdings ein sehr erfreuliches Ereigniß für Sie, und zwar so erfreulich und wichtig, daß es mich außerordentlich wundert, zu sehen, daß Sie sich gerade auf diese Depesche so spät besinnen. Wer hat das betreffende Loos?«

»Salomon Levi in der Wasserstraße.«

»Ah, dieser! Er ist wohlhabend. Sonderbar, daß die großen Gewinne so selten Leuten zufallen, welche das Geld nothwendig brauchen. Wann erhielten Sie die Depesche?«

»Ungefähr neun Uhr.«

»Bitte, sie mir einmal zu zeigen!«

»Haben Sie eine gewisse Absicht dabei?«


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»Natürlich! Ein Staatsanwalt pflegt nicht leicht irgend etwas ohne Absicht zu thun.«

Der Collecteur öffnete ein Kästchen und nahm das Telegramm heraus, um es dem Beamten zu zeigen.

»Hier ist es,« sagte er.

Man hörte es dem Tone seiner Stimme an, daß er sich einigermaßen beklommen fühlte. Der Staatsanwalt betrachtete die Depesche, nickte mit dem Kopfe und sagte:

»Es stimmt. Ausgefertigt acht Uhr fünfzig Minuten. Sie pflegen doch ein Verzeichniß Ihrer Kunden zu führen?«

»Natürlich.«

»Zeigen Sie es mir!«

»Muß ich das?«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»Und wenn ich mich weigere?«

»So arretire ich Sie und fordere es amtlich von Ihnen.«

»Hier ist es.«

Seine Hand bebte sichtlich, als er das Papierheft hingab.

»Sehr ordentlich angelegt,« meinte der Beamte. »Die Nummern alle hübsch nach der Reihe. Hier ist die betreffende 45332. Sehen wir einmal nach! Ah, da steht doch nicht der Jude, sondern ein Anderer.«

»Wie denn?« meinte der Collecteur, indem er, Verwunderung heuchelnd, näher trat, um in das Heft zu blicken.

»Hier steht: Franz Herold, Graveur, Wasserstraße!«

»Ah, ich habe den Namen nicht ausgestrichen?«

»Warum war er zu streichen?«

»Er hat das Loos an Salomon Levi verkauft.«

»Wann?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Wann haben Sie dies erfahren?«

»Das weiß ich nicht genau.«

»Vor kürzerer oder längerer Zeit?«

»Es mögen einige Wochen sein.«

»Wie haben Sie von dem Verkaufe erfahren?«

»Der Jude theilte es mir mit.«

»Verkehren Sie mit ihm, geschäftlich oder privatim?«

»In keiner genannten Weise.«

»Sie sind also nicht bei ihm gewesen?«

"Sie sind bei ihm gewesen?"

»Nein.«

»Sonderbar! Ich glaubte, heute gesehen zu haben, daß Sie in sein Haus traten.«

»Da haben Sie mich verkannt, Herr Staatsanwalt.«

»Oder verkehrt Ihr Vater mit ihm?«

»Niemals.«


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»Haben Sie nicht einmal Zahlung von ihm erhalten?«

»Ich wüßte nicht, wofür.«

»Nun, für ein Loos.«

»Nein.«

»Hm! Und doch spricht man davon, daß er Ihnen einen Wechsel in Zahlung gegeben habe.«

»Ich würde ihn gar nicht angenommen haben. Ich nehme nur baares Geld und verstehe mich überhaupt auf Wechsel nicht.«

»Es soll sogar ein bedeutender Betrag gewesen sein!«

»Dann erst recht nicht!«

»Man munkelt von fünfzigtausend Gulden!«

»Das ist ganz gewiß eine Lüge.«

»So, so! Wo ist Ihr Vater?«

»Er ging, bevor Sie kamen, in seine Kammer.«

»Führen Sie uns hin!«

Der Collecteur wankte. Man sah es ihm an, daß ihm der Schreck in die Beine gefallen war. Er mußte alle seine Kräfte zusammennehmen, um den Befehl auszuführen.

Als sie in die Kammer traten, kramte sein Vater in alten Wäschestücken herum.

»Dies ist er?« fragte der Beamte.

»Ja.«

»Wer sind diese Leute? Was wollen sie?« fragte der Alte. »Diesem da hast Du doch vorhin die Thür gewiesen!«

»Ich bin Staatsanwalt,« bekam er zur Antwort. »Ich komme, um mir Ihr Eigenthum anzusehen.«

Der Alte öffnete vor Erstaunen den Mund.

»Mein Eigenthum? Warum?«

»Weil es mich interessirt, zu wissen, was Sie besitzen. Gehört Ihnen Alles, was sich hier befindet?«

»Ja.«

»Wer hat den Schlüssel zu dieser Lade?«

»Ich natürlich.«

»Oeffnen Sie einmal!«

»Wozu?«

»Sie ist alt. Ich möchte gern wissen, ob vielleicht schon der Wurm hineingekommen ist.«

»Aber - oh - Herr Staatsanwalt!«

»Reden Sie nicht, sondern öffnen Sie!«

Das war so gebieterisch gesprochen, daß er sofort gehorchte.

»Ah, Kleider darin,« meinte der Beamte. »Und hier dieses kleine Behältniß - wie pflegt man es doch gleich zu nennen?«

»Es ist das Beikästchen.«

»Was haben Sie drin?«


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»Verschiedene alte Schreibereien, Gevatterbriefe, Zeugnisse und ähnliche Sachen.«

»Machen Sie einmal auf!«

Der Alte gehorchte. Sein Sohn mußte sich auf den Rand des Bettes stützen, so schwach wurde ihm. Der Staatsanwalt nahm die Schreibereien heraus. Ganz unten lag der Wechsel. Er schlug ihn auseinander, las ihn, warf einen Blick des Erstaunens auf den Collecteur und sagte:

»Sie wissen wohl von diesem Wechsel nichts?«

»Nein,« stammelte der Gefragte.

»Und auch Sie nicht?« wendete er sich an den Vater.

»Nein. Was ist das?«

»Ein Wechsel, lautend auf fünfzigtausend Gulden, acceptirt von Salomon Levi.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Aber er lag ja hier in Ihrer Lade.«

»Das kann ich nicht begreifen. Es muß ihn Jemand heimlich hineingelegt haben, Herr Staatsanwalt.«

»Er ist aber von Ihrem Sohn ausgestellt worden!«

»Das geht mich nichts an!«

Der Beamte wendete sich in strengem Tone an den Collecteur:

»Wollen Sie wirklich behaupten, daß Sie von diesem Documente gar nichts wissen?«

»Ich weiß wirklich nichts!«

»Machen Sie sich nicht lächerlich! Ich bin kein Kind, dem man das Unglaubliche glaublich machen kann. Gestehen Sie!«

»Ich kann nichts gestehen; ich weiß von nichts!«

»Also, Sie bleiben alle Beide dabei, nichts zu wissen?«

Auch der Alte leugnete.

»Nun, so verschlimmern Sie sich Ihre Lage. Mit dem geständigen Verbrecher pflegt man Rücksicht zu nehmen, halsstarrige Leugner aber haben auf Nachsicht keine Berechtigung!«

»Verbrecher?« stieß der Collecteur hervor.

»Ja.«

»Ich bin mir keines Verbrechens bewußt!«

»Ich werde Ihnen beweisen, daß Sie es sind. Wenn Sie sich jetzt sehen könnten, würden Sie anders sprechen. Sie bilden eine Jammergestalt, der das Schuldbewußtsein deutlich auf der Stirn zu lesen ist.«

»Ich bin aber wirklich unschuldig.«

»Das werden Sie zu beweisen haben. Ich erkläre Sie Beide für verhaftet. Sie folgen mir jetzt nach dem Wohnzimmer!«

Das Wort 'Jammergestalt' trieb dem Collecteur das Blut nach den Schläfen. Er raffte sich auf, machte ein erzürntes Gesicht und sagte im Tone des Zornes:


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»Was? Sie wollen uns arretiren? Was fällt Ihnen ein! Wir haben nichts begangen, was dieses rechtfertigen könnte!«

»Machen Sie sich nicht lächerlich! Der Beweis Ihrer Schuld liegt in Gestalt dieses Wechsels hier in meinen Händen.«

»Was geht Sie dieser Wechsel an!«

»O, sehr viel!«

»Selbst wenn ich ihn ausgestellt hätte, haben Sie nicht das mindeste Recht daran. Legen Sie ihn in die Lade!«

»Nicht so vorlaut! Ich möchte denn doch gern wissen, wie der Jude Salomon Levi dazu kommt, einen Wechsel über eine so bedeutende Summe zu acceptiren.«

»Er ist mir nichts schuldig; ich habe mit ihm gar nichts zu thun; ich kenne diesen Wechsel nicht; er hat keinen Werth.«

»Das werde ich untersuchen. Kommen Sie!«

»Nein; ich bleibe. Ich kenne auch Sie nicht. Ich weiß nicht, mit welchem Rechte Sie hier ein Verhör anfangen und in unseren Möbels herumstöbern!«

»Ich habe Ihnen gesagt, wer ich bin!«

»Das kann Jeder! Beweisen Sie es!«

»Schön! Diesen Gefallen kann ich Ihnen thun, obgleich ich dabei bemerke, daß diese Renitenz nur zu Ihrem Schaden ausfallen wird. Hier, sehen Sie!«

Er zeigte ihm seine Legitimation. Der Collecteur aber machte eine abwehrende Handbewegung und sagte:

»Das gilt nichts. Es hat Fälle gegeben, daß die größten Spitzbuben solche Legitimationen besaßen.«

»Ob es gilt oder nicht, das habe ich zu bestimmen, nicht aber Sie. Ich hatte mir vorgenommen, mit möglichster Schonung zu verfahren; da Sie aber in dieser Weise auftreten, sehe ich davon ab. Ich lasse Sie also offen und unter gehöriger Polizeibedeckung nach dem Gefängnisse bringen.«

Er öffnete die Thür, zog ein kleines Pfeifchen hervor und gab das Signal. Sofort kamen eine ganze Anzahl in Civil gekleidete Polizisten zur Treppe herauf.

»Diese beiden Männer werden sich, weil Sie nicht uniformirt sind, weigern, Ihnen zu folgen. Bewachen Sie sie und holen Sie einige uniformirte Stadtgensd'armen herbei. Man lasse die Zwei nicht mit einander sprechen und schaffe sie fort, so wie sie hier sind. Sie haben diese Strenge nur sich selbst zuzuschreiben.«

Er kehrte in das Wohnzimmer zurück, um auch das Verzeichniß der Loosinhaber an sich zu nehmen.

Die Frau des Collecteurs hatte keine Ahnung von Dem, was ihr Mann begangen habe. Als sie hörte, daß ihr Mann und ihr Schwiegervater arretirt seien, brach sie in ein lautes Jammergeschrei aus. Der Beamte konnte darauf


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keine Rücksicht nehmen. Er entfernte sich mit Zander, um nun zu dem Juden zu gehen. Auch jetzt folgten ihnen mehrere Polizisten.

Bei Salomon Levi wurden sie, wie das hier gebräuchlich war, von der alten Rebecca empfangen.

»Was wünschen die Herren?« fragte sie.

»Ist Ihr Mann zu Hause?« erkundigte sich der Staatsanwalt.

»Ich weiß es nicht.«

»Sie werden doch das wissen!«

»Nein. Er geht oft fort, ohne es mir zu sagen. Was wollen Sie von ihm?«

»Wir haben uns nach etwas zu erkundigen.«

»Nach was?«

»Das geht Sie nichts an. Also, wo ist Ihr Mann?«

»Für Sie ist er auf keinen Fall daheim. Solche groben Menschen werden fortgeschickt!«

»Es fragt sich, ob wir uns fortschicken lassen. Gehen Sie auf die Seite, wir brauchen Platz!«

Er schob sie ohne Weiteres von der Thüre weg und öffnete diese. Sie aber drängte sich schnell hinein und rief laut:

»Zu Hilfe! Zu Hilfe, Salomon Levi!«

Da öffnete sich die Thüre des zweiten Raumes, und der alte Jude trat herein.

»Was ist's? Was giebt's, Rebeccchen? Wer thut Dir etwas?«

»Diese Männer drängen sich mit Gewalt herein! Sie sind grob gewesen. Sie gehen nicht, obgleich ich sie fortgewiesen habe!«

»Das ist unverschämt! Soll ich nicht einmal sein Herr in meinem eigenen Hause? Soll ich schicken nach Polizei?«

»Ist nicht nöthig. Sie ist bereits da!«

»Wer? Die Polizei?«

»Ja. Ich bin Staatsanwalt!«

»Staats -! Gott Abrahams! Was hat zu suchen der Anwalt vom Staate bei Salomon Levi?«

»Das werden Sie erfahren. Gehen Sie hinaus, Frau Levi, und sorgen Sie dafür, daß wir nicht gestört werden!«

»Soll ich, Levi?«

»Ja, gehe hinaus! Diese Herren von der Polizei werden vielleicht fragen, ob Jemand bei mir hat verkauft einen gestohlenen Gegenstand. Das ist Geheimniß des Amtes, welches Niemand hören darf. Lasse keinen Menschen herein, bis wir sind geworden fertig mit unserer Unterredung.«

Die Alte gehorchte, und ihr Mann complimentirte die Beiden in seine Stube, wo er sie zum Niedersetzen nöthigte.

»So,« sagte er. »Nun bin ich neugierig, zu erfahren, was Sie sind gekommen zu fragen!«


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»Ich hoffe, daß Sie uns eine wahrheitsgetreue Auskunft ertheilen!« meinte der Staatsanwalt.

»Ich werde Ihnen sagen Alles, was Sie wissen wollen.«

»Gut! Machen Sie Wechselgeschäfte?«

»Wechselgeschäfte? Was meinen Sie mit diesem Worte?«

»Ob Sie Wechsel in Zahlung nehmen?«

»Ja, nämlich wenn der Akcceptant ist ein sicherer Mann.«

»Und zahlen Sie selbst auch zuweilen in Wechseln?«

»Ja, denn ich muß doch wieder ausgeben die Papierchens, welche ich habe eingenommen.«

»Wann haben Sie das zum letzten Male gethan?«

»Werde ich nachschlagen im Buche.«

Er öffnete ein Geschäftsbuch, schlug nach und sagte dann:

»Habe ich ausgegeben vor fünf Tagen ein Acceptchen des Kaufmanns Wolkenberg, lautend auf hundert Gulden.«

»Nach dieser Zeit haben Sie keinen Wechsel ausgegeben?«

»Nein.«

»Zum Beispiel heute? Besinnen Sie sich.«

»Ich brauche nicht zu sinnen in meinem Gedächtnisse. Ich müßte es doch wissen, wenn ich ausgegeben hätte heute ein Papier.«

»Und doch behauptet man, daß Sie heute einen Wechsel acceptirt haben, Herr Levi!«

»Acceptirt? Ich selbst?«

»Ja.«

»Das ist nicht wahr.«

»Ich hoffe, daß Sie sich doch noch erinnern.«

»Herr Staatsanwalt, ich bin nicht ein reicher Mann, aber meine Arbeit hat doch wenigstens gehabt so viel Erfolg, daß ich nicht brauche zu bezahlen in Papieren, welche ich habe selbst acceptirt. Meine Casse ist immer in Ordnung.«

»Das mag sein. Aber zuweilen handelt es sich um Summen, welche man nicht sofort baar in der Casse hat«

»Mit so hohen Beträgen arbeite ich nicht.«

»Hm! Spielen Sie an der Börse?«

»Nein. Ich hasse die Speculation.«

»Sie spielen wohl überhaupt nicht?«

»Nein. Das Spiel ist ein großmächtiges Laster! Es bringt die Menschen in's Verderben, in Armuth und Schande.«

»Es giebt Spiele, welche man nicht unter die Laster zu zählen pflegt, zum Beispiel das Lotteriespiel.«

»Nein, das ist kein Laster, da hat es die Erlaubniß und Genehmigung der Regierung des Staates.«

»Spielen Sie zuweilen?«

»Noch nie.«


// 1624 //

»Auch jetzt nicht?«

Jetzt wurde er doch bedenklich. Hatte die Anwesenheit des Staatsanwaltes etwas mit dem gekauften Loose zu schaffen? Am Liebsten hätte er geleugnet; aber es mußte ja bekannt werden, daß ihm das große Loos zugefallen sei; darum war ein Leugnen nicht recht am Platze. Er antwortete:

»Ich habe es jetzt versucht zum ersten Male.«

»So? Welche Nummer haben Sie?«

»Fünfundvierzigtausenddreihundertzweiunddreißig.«

»Natürlich haben Sie das Loos in Ihrem Besitze?«

»Ja.«

»Seit wann haben Sie es?«

»Seit längerer Zeit.«

»Vom Collecteur?«

»Nein. Ich habe es gekauft von Einem, welcher brauchte Geld.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Der Graveur Herold.«

»Sie kennen ihn also?«

»Ja. Wohnt er doch in meinem Hause.«

»Wieviel haben Sie für das Loos bezahlt?«

»Dreißig Gulden.«

»Das ist viel. Es kostet doch nur fünf!«

»Aber es ist die letzte Ziehung, wo leicht kann darauf fallen ein großer Gewinn.«

»Haben Sie nicht noch mehr dafür bezahlt?«

»Nein.«

»Nicht noch fünfzigtausend Gulden?«

Jetzt erschrak er; aber er faßte sich schnell und antwortete:. »Hält mich der Herr Staatsanwalt für verrückt?«

»Nein; ich halte Sie sogar für einen Mann, welcher sehr gut, ja außerordentlich gut zu rechnen versteht.«

»So werde ich doch nicht bezahlen ein halbes Hunderttausend für ein kleines Stück Papier!«

»Es kann ja die Hunderttausend darauf fallen!«

»Das aber weiß man nicht.«

»Allerdings. Kennen Sie den Collecteur?«

»Nein, da ich nicht von ihm selbst habe das Loos.«

»So waren Sie nicht bei ihm?«

»Niemals.«

»Aber er war bei Ihnen?«

»Auch nie!«

»Man hat ihn aber doch heute aus Ihrem Hause kommen sehen?«

»Ich weiß nichts davon!«

»Wunderbar! Kennen Sie vielleicht dieses Papier?«


// 1625 //

Er zog den Wechsel hervor und zeigte ihn dem Juden. Dieser fuhr entsetzt zurück und rief:

»Gott der Gerechte! Wie kommt der Wechsel in Ihre Hand?«

»Ich habe ihn von dem Collecteur. Sie geben doch zu, ihn acceptirt zu haben?«

»Nein, nein! Ich weiß von Nichts, von gar Nichts!«

Er streckte die Hände mit weit aufgespreizten Fingern weit von sich ab.

»Aber es ist doch Ihre Handschrift?«

»Nein; es ist nicht meine Schrift! Wie können Sie sagen, daß es sei meine Schrift! Haben Sie gesehen meine Schrift?«

»Ja, oben hier auf diesem Accepte.«

»Ich habe es nicht geschrieben.«

»So hätte ein Anderer den Wechsel gefälscht?«

»Ja, ja, er ist gefälscht. Man wird müssen suchen nach dem Fälscher, um ihn zu bestrafen mit Gefangenschaft und Zuchthaus!«

»Na, wir werden ja sehen! Wollen Sie so gut sein, mir einmal das Loos zu zeigen, Herr Levi?«

»Warum? Aus welchem Grunde wollen Sie sehen das Loos?«

»Vielleicht ist es auch gefälscht!«

»Gott Abrahams! Kann auch werden gefälscht ein Loos?«

»Warum nicht?«

»So hätte mich betrogen dieser Herold!«

»Davon wollen wir uns jetzt einmal überzeugen!«

»Ja, ja! Wenn er hat nachgemacht das Loos, um mich zu betrügen um dreißig Gulden, so muß er werden arretirt und kommen vor die öffentliche Verhandlung!«

Er öffnete sein Pult und drückte an einer Feder, worauf ein verborgenes Fach aufsprang, aus welchem er das Loos nahm, um es dem Staatsanwalt zu zeigen. Vorher aber schob er das Fach wieder in den Verschluß zurück.

Der Beamte ließ ein befriedigtes Lächeln sehen. Er hatte genau aufgemerkt und wußte nun, wie das Fach zu öffnen sei. Diese Kenntniß war ihm nothwendig, wie er vermuthet hatte. Er betrachtete das Loos und sagte:

»Es ist echt! Herold ist also kein Betrüger. Was aber werden Sie thun, wenn der Collecteur kommt, um Ihnen diesen Wechsel zu präsentiren?«

»Ich werde ihn werfen aus dem Hause.«

»Das wird er sich nicht gefallen lassen.«

»Was will er dagegen thun?«

»Er wird schwören, daß Sie diesen Wechsel wirklich acceptirt haben, Herr Levi.«

»Sein Schwur wird sein ein Meineid!«

»Aber Sie werden viele Scherereien haben. Ich an Ihrer Stelle würde ihn nicht hinauswerfen. Ich wüßte ein anderes Mittel, den Wechsel ohne Zahlung zurück zu erhalten.«

»Welches Mittel wäre das?«


// 1626 //

»Ich würde ihm seinen Revers präsentiren.«

Salomon Levi that vor Schreck einen Sprung.

»Revers?« rief er aus.

»Ja.«

»Weiß ich doch nicht, was Sie meinen!«

»Nun, den Revers, welchen er Ihnen ausgestellt hat.«

»Er hat mir nichts ausgestellt, keinen Revers, kein Papier, keine Zeile, kein einziges Wort!«

»Ich glaube, Sie sagen die Unwahrheit!«

»Ich sage Wahrheit! Wie soll ich haben einen Revers? Was soll denn stehen auf dem Revers?«

»Das werden Sie wissen!«

»Ich weiß nichts, gar nichts!«

»Wenn ich nun nach dem Revers suche?«

»So werden Sie nichts finden.«

»Ich bin überzeugt, ihn zu finden. Besser aber ist es doch, wenn Sie mir ihn freiwillig geben.«

»Wie kann ich geben, was ich gar nicht habe?«

»Gut, so werde ich suchen.«

»Ja, suchen Sie! Hier ist das Pult, in welchem ich habe alle Schreibereien. Es steht offen. Hier, suchen Sie!«

Der Staatsanwalt trat an das Pult und sagte:

»Sie scheinen Ordnung zu lieben; das sehe ich aus der Art und Weise, wie Sie Ihre Sachen hier aufbewahren.«

»Ordnung ist die erste Hauptsache des Geschäftes.«

»Ja, man darf nichts zerstreuen, nichts zusammenlegen, was nicht zusammengehört, nicht wahr?«

»Ja. Und was zusammengehört, das muß bei einander liegen?«

»Ganz recht! Sie denken also, daß ich den Revers wirklich nicht finden werde?«

»Wie könnten Sie ihn finden, da er nicht ist vorhanden!«

»Nun, was zusammengehört, das muß beisammen liegen. Der Revers müßte also da liegen, wo das Loos lag. Meinen Sie nicht auch, Herr Levi?«

Der Gefragte vermochte nicht zu antworten. Es würgte ihn im Halse. Er konnte nur nicken.

»Gut, so wollen wir einmal dort nachsehen.«

Er drückte an der Feder, und das verborgene Fach sprang hervor. Salomon Levi stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Er faßte den Beamten am Arme und rief:

»Halt, halt! Was thun Sie hier? Was haben Sie nachzusuchen in dem geheimen Kästchen?«

»Beruhigen Sie sich! Ich will Ihnen nur beweisen, daß ich den Revers wirklich finde.«

»Nein, nein! Niemand darf greifen in dieses Fach!«


// 1627 //

»Also selbst der Staatsanwalt nicht?«

»Nein. Dieses Fach ist da nur für mich, aber für keinen Anderen!«

Er wollte den Beamten vom Pulte fortziehen; dieser aber schüttelte ihn ab und sagte:

»Lassen Sie die Hand von mir, sonst rufe ich meine Leute und lasse Ihnen Handschellen anlegen!«

»Leute? Handschellen?«

»Ja.«

»Gott der Gerechte! Haben Sie denn bei sich Polizisten?«

»Natürlich! Sie stehen draußen und warten nur auf meinen Befehl, herein zu kommen!«

»Und Handschellen? Ist denn Salomon Levi ein Räuberhauptmann, daß man ihm stecken will die Hände in Eisen!«

»Sie haben sich nicht an mir zu vergreifen; das ist Alles. Hier liegt ein Papier. Es hat ein sehr frisches Aussehen. Wollen es doch einmal betrachten!«

Er nahm das oberste Papier aus dem geheimen Fache, entfaltete es und las:

»Ah, da ist ja der Revers! Nun, Herr Levi, was sagen Sie nun? Leugnen Sie immer noch?«

»Der Revers? Zeigen Sie?«

Er griff mit der Hand nach dem Papiere; aber der Anwalt zog es zurück und sagte:

»Nicht anfassen! Hier, sehen Sie!«

Er hielt es ihm von Weitem hin. Der Jude schüttelte den Kopf, machte eine Miene größter Verwunderung und sagte:

»Ich kenne nicht dieses Papier. Ich habe es nie gesehen.«

»Das ist doch wunderbar! Wie sollte es in Ihr Pult gekommen sein, und noch dazu in das geheime Fach desselben?«

»Weiß ich es?«

»Kennt Jemand außer Ihnen dieses Fach?«

»Nur meine Frau und meine Tochter Judith.«

»Hat Ihre Frau oder Tochter vielleicht das Papier hineingeIegt?«

»Nein. Wie sollten sie kommen zu dem Revers!«

»Aber sie wissen, daß Sie das Loos gekauft haben?«

»Nein.«

»So ist eben ein Wunder geschehen, welches wir untersuchen müssen, Herr Levi.«

»Ja, untersuchen Sie es, damit ich erfahre, wer mir kann legen fremde Papiere in mein Pult.«

»Dazu habe ich aber Mehrerlei nöthig. Ich muß zunächst das Loos behalten. Vertrauen Sie es mir an?«

»Behalten Sie es. Wenn darauf fällt ein Gewinn, werde ich ihn ausgezahlt erhalten trotzdem.«


// 1628 //

»Auch den Revers muß ich confisciren.«

»Nehmen Sie ihn; er gehört nicht mir.«

»Und sodann muß ich Sie ersuchen, sich mit mir zu dem Collecteur zu verfügen.«

»Zum Collecteur? Was soll ich bei ihm?«

»Hier steht seine Unterschrift. Er hat den Revers ausgestellt und wird uns also sagen können, wie dieser auf so geheimnißvolle Weise in dieses Pult gekommen ist.«

»So werden wir ihn fragen. Ja, ich werde mitgehen.«

»Aber leider werden wir ihn nicht zu Hause finden!«

»Wir werden nach ihm senden, um ihn holen zu lassen.«

»Nein, wir werden ihn dort aufsuchen, wo er ist.«

»Weiß denn der Herr Staatsanwalt, wo er ist?«

»Ja. Wir wollen keine Zeit verlieren. Bitte, holen Sie Ihren Hut!«

»Ich werde schnell holen Rock und Hut. Erlauben Sie, und warten Sie eine Minute!«

Er wollte sich entfernen; aber der Anwalt sagte:

»Sie brauchen sich nicht selbst zu bemühen. Ihre Frau mag Ihnen holen, was Sie brauchen.«

»Ja, Rebeccchen mag es holen.«

Er rief seiner Frau durch die Thür, welche er öffnete, den Befehl zu, und als sie Rock und Hut brachte, sagte er ihr, daß er mit dem Herrn Staatsanwalt einen Besuch zu machen habe. Dann gingen sie fort.

Draußen patrouillirten mehrere Personen so unauffällig wie möglich auf und ab. Als sie die Drei aus dem Hause treten sahen, zogen sie sich weiter zurück. Zander wußte, daß sie Polizisten seien und daß sie dem Anwalte und dem Juden in gemessener Entfernung folgen würden. Er selbst aber fragte den Ersteren:

»Ist Ihnen meine Gegenwart noch länger nöthig, oder darf ich mich nun verabschieden?«

»Sie können gehen, Herr Doctor. Ich danke! Wenn man Sie braucht, werden Sie Nachricht erhalten.«

Zander ging, und zwar direct wieder zu dem Graveur, um ihm zu erzählen, was geschehen war. Bei dieser Gelegenheit bot er ihm eine Summe Geldes an, welche der arme Mann auch mit Freuden als Vorschuß in Empfang nahm.

Salomon Levi schritt in höchst gedrückter Stimmung neben dem Staatsanwalt dahin. Was und wie würde der Collecteur antworten? Würde er leugnen?

Zu seiner großen Beunruhigung bemerkte er, daß ihn der Beamte nach dem Gerichtsgebäude führte.

»Wohin gehen wir, Herr Anwalt?« fragte er. »Ich denke, daß wir wollen gehen zum Collecteur?«

»Allerdings!«


// 1629 //

»Aber hier ist doch das Gericht?«

»Gewiß!«

»Aber nicht der Collecteur?«

»O doch! Er befindet sich hier.«

»Was will er hier? Was hat er zu suchen im Gerichte?«

»Das werden Sie baldigst erfahren.«

Sie traten ein, stiegen eine Treppe empor, durchschritten einen Corridor und gelangten an eine starke, eisenbeschlagene Thüre, welche der Anwalt mit einem Schlüssel öffnete und dann sorgfältig wieder verschloß.

Salomon Levi sah sich nun in einem langen Gange, welcher an einem vergitterten Fenster endete. Rechts und links gab es Reihen starker Thüren, über denen je ein Täfelchen hing, auf welchem ein Name stand. Die Thüren waren mit eisernen Doppelriegeln versehen. Hinten am Fenster stand ein Beamter, welcher ein großes Schlüsselbund in der Hand trug.

»Gott der Gnädige!« stieß der Jude hervor. »Wohin haben Sie mich geführt, Herr Staatsanwalt?«

»Bemerken Sie das nicht?«

»Es ist ein Gefängniß.«

»Sehr richtig!«

»Was soll ich hier? Befindet sich hier der Collecteur?«

»Hoffentlich! Wollen einmal fragen!«

Der Schließer war, als er sie bemerkte, sofort näher gekommen. Der Anwalt fragte ihn:

»Zwei Zugänge gekommen?«

»Ja, Herr Staatsanwalt. Lotteriecollecteur Naumann nebst Vater.«

»Bereits internirt?«

»Noch nicht. Man ist noch bei der Einkleidung.«

»Ah, so können wir jetzt nicht mit ihnen sprechen. Wir müssen also noch ein Wenig warten, Herr Levi. Bitte, treten Sie einstweilen hier ein!«

Er zeigte auf eine Thür, über welcher kein Name hing. Der Schließer verstand ihn sofort und öffnete.

»Hier eintreten?« fragte der Jude entsetzt.

»Ja, bitte.«

»Herr Zebaoth! Ein Loch mit einer Pritsche, einem Kübel, zwei Ketten und eisernen Stangen am Fenster!«

»Das ist hier so gebräuchlich.«

»Eine Gefängnißzelle!«

»Allerdings.«

»Gott der Gerechte! Da hinein soll ich?«

"Gott der Gerechte! Da hinein soll ich?"

»Ja wohl, Herr Levi!«

»Um auf den Collecteur zu warten?«

»Ja. Ich hoffe, daß Ihnen die Zeit nicht lang werden wird.«

Jetzt erst begann dem Juden ein Licht aufzugehen.


// 1630 //

»Herr des Himmels und der Erde!« rief er. »Ich hoffe doch, daß man mich nicht warten läßt gar zu lange!«

»Man wird diese Angelegenheit so schnell wie möglich erledigen. Haben Sie keine Sorge!«

»Kann ich nicht einstweilen warten wo anders?«

»Es ist hier für uns am Bequemsten. Also, treten Sie ein!«

»Oder, soll ich etwa sein ein Gefangener?«

»Sie sind sistirt!«

»Sistirt? Welch ein Wort ist das? Was hat es zu bedeuten?«

»Denken Sie darüber hier in der Zelle nach!«

Er wurde hineingeschoben, und dann klirrten die Riegel vor. Er stieß einen lauten, unartikulirten Schrei aus und sank auf die Pritsche, um sich mit beiden Händen das Haar zu raufen.

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Es war nachts, kurz vor zwölf Uhr. Es schneite, und die Flocken fielen so dicht hernieder, daß der Schein der Gaslaternen nicht sehr weit zu dringen vermochte. Zwei Männer kamen die Straße, in welcher der Agent Bauer wohnte, heraufgeschritten. An der hinteren Seite des Helfenstein'schen Palais blieben sie stehen und blickten nach der Wohnung des Agenten empor.

»Was ist das?« fragte der Eine, welcher kein Anderer war als Adolf, der Geheimpolizist. »Zwei Lichte!«

»Das ist wohl noch nicht dagewesen?« fragte der Andere.

»Nein, Durchlaucht.«

»Natürlich hat es etwas zu bedeuten.«

»Aber was?«

»Das müssen wir zu erfahren suchen. Also ein Spiegel des Tages oder ein Licht des Abends ist für den Hauptmann das Zeichen, daß der Agent ihn sprechen will. Was wird -«

Er hielt inne. Ein Mann war näher gekommen, passirte an ihnen vorüber, hielt den Blick empor zu den beiden am Fenster brennenden Lichtern gerichtet und sagte halblaut:

»Auch Einer!«

Dann ging er, ohne sich umzusehen, weiter.

»Was wollte dieser?« meinte Adolf.

»Hm! Sonderbar! Sollte das etwa gar zu bedeuten haben: Ich bin auch Einer?«

»Möglich.«

»Dann gehörte er zur Bande des Hauptmanns.«

»Und das Wort ist vielleicht ein Erkennungszeichen.«

»Wäre dies der Fall, so hätten wir eine recht gute Entdeckung gemacht. Ah, da kommt wieder Jemand.«

Eine zweite Gestalt tauchte aus dem bewegten Schleier des Schneegestöbers auf, kam näher und sagte im Vorüberschreiten und auch mit halblauter Stimme:


// 1631 //

»Auch Einer.«

»Es ist so!« flüsterte der Fürst. »Die zwei Lichter sind wohl das Versammlungszeichen. Ich muß diesem Kerl nach. Du hast Deine Instruction. Mach keine Fehler!«

»Keine Sorge, Durchlaucht!«

Der Fürst eilte fort, und Adolf schritt in der entgegengesetzten Richtung dahin. Als er die ihm von dem emeritirten Cantor angegebene Stelle erreichte, begann er langsam auf und ab zu patrouilliren.

Da schlug es Zwölf. Er strich mit dem Stocke, welchen er bis jetzt hoch getragen hatte, laut über das Pflaster hin und pfiff die Melodie des Gaudeamus igitur so laut, daß es auf ziemliche Entfernung hin zu hören war.

Sofort bemerkte sein scharfes Auge, daß sich eine Gestalt von der nächsten Ecke löste und auf ihn zukam. Er schritt in der nachlässigen Haltung eines Müßiggängers dahin. Der Andere that, als ob er an ihm vorüber wolle, blieb aber halten und sagte:

»Wallner, Du hier? Ah, fast wäre ich an Dir vorübergeschritten, ohne Dich zu kennen. Ist's denn heute mit dem Billard bereits zu Ende? Ich wollte eben kommen.«

Adolf wußte, daß dies nur fingirt war. Er antwortete:

»Verzeihung! Sie scheinen mich zu verkennen!«

»Verkennen? Unsinn!«

»O doch! Ich bin nicht Der, den Sie meinen.«

»Nicht Wallner?«

Der Andere trat ganz nahe an ihn heran, blickte ihm in das Gesicht und sagte dann:

»Donnerwetter! Wirklich, Sie sind es nicht. Verzeihen Sie, aber Sie haben wirklich eine außerordentliche Ähnlichkeit mit meinem Freunde. Ganz seine Gestalt und ganz sein Lieblingslied, welches er für gewöhnlich pfeift. Darf ich vielleicht erfahren, wer es ist, der eine solche Ähnlichkeit mit ihm besitzt?«

»Warum nicht? Ich heiße Leonhardt und bin Diener.«

»Bei wem?«

»Bei der Tänzerin Miß Ellen Starton.«

»Bei der Amerikanerin? Ah, das ist interessant, höchst interessant. Ich bin nämlich auch Balletist. Ich muß mich für Ihre Herrin also sehr interessiren. Darf ich fragen, in welcher Absicht Sie jetzt ausgehen?«

»Ich habe die Absicht, ein wenig zu kneipen.«

»Wo gedenken Sie einzukehren?«

»Irgendwo. Ich bin hier noch fremd.«

»Ah, schön! Darf ich mich Ihnen anschließen?«

»Warum nicht, da Sie Tänzer sind.«

»Ich weiß ein hübsches Restaurant, wo man sich um diese Zeit verteufelt behaglich fühlen kann. Ich empfehle es Ihnen.«

»Danke. Wollen wir hin?«


// 1632 //

»Wenn es Ihnen recht ist?«

»Warum nicht. Ich überlasse mich Ihrer Führung.«

»So bitte, kommen Sie!«

Er nahm Adolfs Arm in den seinigen und zog ihn fort, durch mehrere Straßen, immer fort, bis er endlich auf einem freien Platze halten blieb und nun sagte:

»Erwarten Sie wirklich, daß ich mit Ihnen kneipe?«

»Ganz nach Belieben.«

»Sie haben das Zeichen gegeben. Es war möglich, daß Sie Verrath beabsichtigten. Wie leicht konnten Sie Polizisten in die Hände fallen. Darum brachte ich Sie hierher, wo Sie keine Vorbereitungen treffen konnten. Jetzt bin ich überzeugt, sicher zu sein. Sie wollen also mit dem Hauptmanne reden?«

»Ja.«

»Nun, der Hauptmann ist nicht so dumm, sich dorthin zu stellen, wo ihn Einer erwartet, dessen er nicht sicher ist. Ich hatte Sie abzuholen. Sie werden nur durch Vermittelung zu ihm kommen. Ich übergebe Sie jetzt einem Anderen.«

Er zog ihn noch eine kurze Strecke weiter fort. Dort stand ein Mann.

»Das ist er,« sagte er zu ihm und entfernte sich dann.

»Kommen Sie!« sagte der Andere und schritt mit ihm weiter.

So wurde Adolf noch zweimal anderen Führern übergeben, bis ihn der Letzte endlich mit den Worten: »Hier warten Sie,« mitten auf der Straße stehen ließ und sich dann schnell entfernte.

Er wartete. Da hörte er den Schnee hinter sich knirschen. Er drehte sich langsam um und stand nun vor einem Manne, dessen Gesicht nur aus Bart zu bestehen schien.

»Ich bin der Hauptmann, mit dem Sie reden wollen,« sagte er.

»Das ist mir lieb um meiner beiden Freunde willen.«

»Wen meinen Sie?«

»Die beiden Schmiede Wolf aus Tannenstein.«

»Die sind Ihre Freunde? Seit wann?«

»Seit nicht sehr langer Zeit.«

»Das müßte eigenthümlich zugehen; sie sind ja gefangen.«

»Ich war es auch.«

»Ach so! Sie haben sie wohl im Gefängnisse kennen gelernt.«

»Ja. Ich war in demselben Gefängnisse eingesperrt und wurde zu allerlei Dienstleistungen mit verwendet. Da konnte ich mit den Gefangenen sprechen, und so habe ich auch mit den beiden Wolfs verkehrt.«

»Sie wurden also zum Vertrauten gemacht?«

»Das nicht gerade, denn die beiden Männer sind außerordentlich vorsichtig und verschwiegen. Aber es gelang mir, den Botschafter zwischen ihnen zu machen.«

»Ah, sie befinden sich also nicht beisammen?«


Ende der achtundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

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