Lieferung 69

Karl May

19. Dezember 1885

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1633 //

»Nein; man hat sie sogar in verschiedene Etagen gesperrt. Der Untersuchungsrichter hat ihnen sehr scharf zugesetzt; sie aber gestehen nichts, und ich mußte dem Einen immer von dem Anderen sagen, wie er sich beim nächsten Verhöre zu verhalten habe.«

»Das war sehr verdienstvoll von Ihnen, aber wohl auch ebenso gefährlich?«

»Na, ich war vorsichtig.«

»Wie aber kommt es, daß Sie von ihnen zu mir geschickt worden sind?«

»Hm, das ist freilich eine heikle Geschichte. Darf ich aufrichtig sein?«

»Reden Sie von der Leber weg.«

»Ich bin sehr arm und hatte, als ich entlassen wurde, keine Hoffnung, bald wieder in Stellung zu kommen. Das klagte ich dem alten Wolf, und da sagte er mir, daß ich mir ein hübsches Sümmchen verdienen könne, wenn ich nur wolle. Ich ging natürlich sofort darauf ein.«

»Was sollten Sie thun?«

»Die beiden möchten gern heraus!«

»Das glaube ich! Aber wie!«

»Ich versprach, ihnen behilflich zu sein. Ich habe ihnen meine Hand und mein Wort gegeben, und da sagten sie, ich solle nach meiner Entlassung in die Residenz gehen und zusehen, ob ich mit Dem sprechen könne, den man hier den Hauptmann nennt.«

»Hat man Ihnen Namen genannt?«

»Nein.«

»Das freut mich von den beiden Wolfs.«

»Mich aber nicht, denn dadurch ist es mir verteufelt schwierig geworden, Sie zu treffen.«

»Wer hat Ihnen denn endlich Auskunft gegeben?«

»Ein alter, pensionirter Cantor.«

»Ich kenne keinen.«

»Das glaube ich. Der Mann hatte einmal Zwei belauscht, welche von der Art und Weise, wie man Sie treffen kann, gesprochen hatten. Er theilte es mir mit, und ich habe es versucht. Es ist gelungen.«

»So richten Sie also aus, was Sie zu sagen haben!«

»Vorher möchte ich aber doch erst wissen, ob ich das umsonst thun soll oder nicht?«

»Ich werde Sie gut bezahlen.«

»Schön! Also die Wolf's lassen Ihnen sagen, daß sie auf alle Fälle verurtheilt würden. Sie gestehen zwar nichts, aber man hat so viel Beweismaterial gegen sie gesammelt, daß sie auf einen günstigen Ausgang der Untersuchung gar nicht rechnen können.«

»Sie sind selbst schuld daran. Warum lassen sie sich fangen!«

»Das geben sie freilich zu. Ich soll Ihnen vor allen Dingen sagen, daß auch Sie verloren sind, wenn Sie sich ihrer nicht annehmen. Es braut sich ein Wetter über sie zusammen, dessen Ausbruch Sie nur verhindern können,


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wenn Sie die Wolf's befreien. Sie könnten Ihnen dann sagen, was sie während ihrer Verhöre erfahren und gehört haben.«

»Hm! Also heraus wollen sie! Was wollen sie denn dann anfangen? Sie sind ja vogelfrei!«

»Sie wollen nach Amerika.«

»Das geht nicht so schnell. Die Hauptsache aber ist, ob überhaupt die Möglichkeit vorhanden ist, zu entkommen.«

»Die ist vorhanden.«

»Auf welche Weise denn?«

»Durch meine Hilfe.«

»So! Diese Hilfe haben Sie ihnen versprochen?«

»Ja.«

»Und Sie sind bereit, Ihr Versprechen zu halten?«

»Ja. Natürlich immer unter der Voraussetzung, daß es etwas für mich abwirft.«

»Ich wiederhole Ihnen, daß ich dankbar sein werde.«

»Das genügt.«

»Wie also denken Sie sich die Befreiung der Gefangenen? Vielleicht die Fenstergitter zerfeilen?«

»O nein. Das wäre zu gefährlich und auch zu zeitraubend. Man muß ganz einfach in's Gefängniß gehen und die Beiden herauslassen.«

»Donnerwetter! Das nennen Sie 'ganz einfach'! Mir scheint das ganz und gar nicht einfach zu sein!«

»Und doch ist es so. Man muß nur die Oertlichkeit kennen, und auch die Verhältnisse.«

»Die kennen Sie?«

»Ja. Es sind nämlich zwei Schließer da, welche in der Nachtwache abwechseln. Heute der Eine und morgen der Andere. Der Eine hat eine Geliebte, welche in der Nähe des Gefängnisses wohnt. Er hat während des ganzen Tages Dienst und nur aller vier Wochen einen halben Sonntag frei. Aus diesem Grunde kommt er eigentlich nur selten, also aller vier Wochen, zu ihr. Da ist er denn auf den Gedanken gekommen, sie zu besuchen, wenn er Wache hat.«

»Sapperlot! Das wäre gut«

»Er wartet, bis Alles schläft, und schleicht sich fort zu ihr. Bei dieser Gelegenheit ist das Gefängniß ohne alle Aufsicht. Man könnte hinein und die beiden Gefangenen ganz gemüthlich herausholen.«

»Ganz gemüthlich?«

»Ja, denn es gäbe ja Niemanden, der es zu verhindern vermöchte.«

»Aber, Sie wunderbarer Mann, Sie scheinen anzunehmen, daß der Schließer, wenn er zu seinem Mädchen geht, alle Thüren für uns öffnet und auch offen läßt.«

»Das nicht. Er schließt vielmehr Alles sehr sorgfältig zu.«

»Wie also könnte man hinein?«


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»Mit dem Hauptschlüssel.«

»Haben Sie den?«

»Nein.«

»So taugt also Ihr Rath den Teufel!«

»Er ist doch vielleicht besser, als Sie denken. Nämlich der Hauptschlüssel ist ganz gut zu bekommen.«

»Wie denn?«

»Auf zweierlei Weise. Zunächst muß der Schließer, wenn er fortgeht, durch den Gefängnißgarten. Zum vorderen Thore kann er nicht hinaus, weil er da recht gut bemerkt werden könnte. Natürlich trägt er seine Schlüssel bei sich. Man braucht ihn also nur im Garten abzulauern.«

»Hm! Ist er stark?«

»Nicht sehr. Ich getraue mir, es mit ihm aufzunehmen.«

»Er kann aber doch Lärm machen.«

»Da müßte man es sehr dumm anfangen.«

»Man müßte mehrere Leute bei sich haben.«

»Das ist nicht nöthig; das würde sogar das Gelingen sehr in Frage stellen. Zwei Personen sind genug. Wenn Mehrere kommen, werden sie leicht bemerkt.«

»Sie haben nicht ganz Unrecht. Aber schließt denn der Hauptschlüssel alle Thüren?«

»Natürlich. Ich weiß das sehr genau, denn ich habe aufgepaßt.«

»Sprachen Sie nicht von einer zweiten Art und Weise, zu dem Schlüssel zu kommen?«

»Ja. Und diese Weise ist kinderleicht. Nämlich vier Personen besitzen Hauptschlüssel: Die beiden Schließer, der Wachtmeister und der Gerichtsamtmann. Dieser Letztere nimmt seinen Schlüssel niemals mit nach Hause, sondern er läßt ihn in seiner Expedition zurück, wo er ihn an den Nagel hängt.«

»Da denken Sie, daß man ihn nur wegzunehmen brauche?«

»Ja.«

»Aber wie in die Expedition gelangen?«

»Sehr leicht. Durch das Fenster.«

»Ist es nicht vergittert?«

»Nein. Die Verhörzimmer liegen doch nicht im Gefängnisse.«

»Kennen Sie diese Expedition genau?«

»Ganz genau. Sie liegt im ersten Stockwerke. Man steigt hinauf, drückt mit einem Pflaster die Fensterscheibe ein, öffnet den Flügel, steigt hinein und nimmt den Schlüssel.«

»Wie kommen Sie hinauf an's Fenster?«

»Mittels einer Leiter natürlich.«

»Woher eine solche nehmen?«

»Es hängen wohl drei oder vier Stück an der Gartenseite des Gerichtsgebäudes, lange und kurze. Und glücklicher Weise befindet sich das betreffende Fenster noch auf dieser Seite.«


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»Das ist allerdings günstig.«

»Hat man den Schlüssel, so wartet man, bis der Schließer sich entfernt hat und geht dann hinein, um die Gefangenen in aller Gemüthlichkeit herauszuholen.«

»Wer aber weiß den Tag, an welchem dieser eine Schließer die Wache hat?«

»Ich. Ich brauche ja nur rückwärts nachzurechnen. Er kommt einen Tag um den anderen.«

»Sie wären also gewillt, sich an der Befreiung der beiden Wolfs zu betheiligen?«

»Falls ich es gut bezahlt bekomme. Ich riskire ja viel.«

»Wieviel fordern Sie?«

»Das ist schwer zu sagen. Ich weiß nicht, wieviel die Befreiung der Beiden für Sie werth ist.«

»Nun, so sagen Sie wenigstens annähernd, wie hoch Sie sich die Belohnung denken!«

»Unter fünfhundert Gulden nicht.«

»Das ist mir keineswegs zuviel.«

»Sapperment! Hätte ich doch tausend gesagt!«

»Lassen Sie sich Ihre Forderung nicht reuen. Wenn Alles klappt, erhalten Sie mehr als fünfhundert. Aber, haben Sie denn auch Zeit dazu?«

»Hm! Das ist nun freilich eine sehr dumme Geschichte!«

»Wieso? Ich weiß übrigens gar nicht, wer Sie sind, wie Sie heißen und was Sie treiben.«

»Ich heiße Leonhardt und bin Diener. Ich kam nach hier mit der Befürchtung, nicht so leicht eine Stelle zu erhalten, habe aber Glück gehabt. Die Tänzerin Miß Starton hat mich engagirt.«

»O weh! Da können Sie ja gar nicht fort!«

»Vielleicht giebt sie mir auf einen Tag oder zwei Urlaub. Ich müßte mir einen Grund, eine Ausrede zurecht machen.«

»Ja, das wäre allerdings nöthig. Wohnen Sie denn auch bei ihr, oder haben Sie Privatlogis?«

»Ich habe ein Zimmer bei ihr im Hotel.«

»Sie soll außerordentlich reich sein?«

»Fürchterlich! Ich war dabei, als sie ihre Cassette offen hatte. Welche Menge von Goldstücken und großen Cassenscheinen! Das waren viele, viele Tausende! Und nun gar noch ihre Schmucksachen! Die müssen Millionen werth sein!«

»Wo bewahrt sie diese auf?«

»Im Schlafzimmer, in einem eisernen Kasten, welcher sich im Reisekoffer befindet.«

»Haben Sie da nicht Appetit bekommen?«

»Nach diesen Kostbarkeiten, meinen Sie?«

»Ja.«


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»Nun, aufrichtig gestanden war es mir, als ob ich Fieber hätte. Unsereiner ist so arm!«

»Sie könnten so leicht reich sein.«

»Wieso?«

»Na, einen Griff in die Diamanten!«

»Danke sehr! Man würde mich sehr schnell gefaßt haben!«

»Wie nun, wenn man Ihnen nichts nachweisen könnte?«

»Wenn auch! Ich danke! Ich bin ein einziges Mal unvorsichtig gewesen und habe es büßen müssen. Ich bleibe ehrlich. Ich vergreife mich nie wieder an fremdem Eigenthume.«

»Und doch wollen Sie zwei Gefangene befreien helfen. Das ist gleich gefährlich. Wie stimmt das zusammen?«

»Ich habe den Schmieden mein Wort gegeben und werde es halten. Und sodann macht es mir Vergnügen, den Herren dort, die mich verurtheilten, einen Streich zu spielen.«

»So, so! Haben Sie mir sonst noch etwas mitzutheilen?«

»Nein. Ich habe Alles gesagt.«

»So will ich mir die Sache überlegen. Ich werde Sie benachrichtigen, sobald ich einen Entschluß gefaßt habe.«

»Wie erhalte ich diese Nachricht?«

»Hinschicken zu Ihnen kann ich nicht. Wenn ich wüßte - hm, da fällt mir ein Local ein, welches sich sehr gut eignen würde. Nicht wahr, Ihre Herrin logirt im Hotel Union?«

»Ja.«

»In derselben Straße giebt es ein kleines Kellerlocal. Der Wirth heißt Winkelmann und -«

»Ah, das kenne ich!«

»Waren Sie dort?«

»Ja. Dort sprach ich eben mit jenem emeritirten Cantor, von welchem ich erfuhr, wie Sie zu treffen sind.«

»Das ist gut. Sobald ich mit Ihnen zu sprechen habe, werde ich dem Wirthe einige Zeilen für Sie übergeben lassen.«

»Er wird sie doch nicht lesen?«

»Nein. Und wenn er es täte, so wäre es ungefährlich. Ich gebe Ihnen eine Zeit und einen Ort an; das ist Alles.«

»Es müßte aber eine späte Tageszeit sein, eine Zeit, in welcher meine Herrin bereits schläft, sonst könnte es sich ereignen, daß es mir unmöglich wäre, mich einzufinden.«

»Ich werde es so einrichten, daß es um die jetzige Zeit ist. Nun aber sind wir fertig. Also Sie werden in Beziehung der beiden Wolfs Ihr Wort halten?«

»Ja.«

»Ich verlasse mich darauf und werde Sie fein bezahlen. Gute Nacht für heute!«


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»Gute Nacht!«

Der Hauptmann huschte in das Schneegestöber hinein, und Adolf wollte den Platz auch verlassen, hatte aber kaum einige Schritte getan, so fuhr gerade vor ihm, wie aus dem Boden heraus, eine männliche Gestalt empor.

»Sapperment!« sagte er in der Ueberraschung.

»Pst, Adolf, keine Unvorsichtigkeit!«

»Ah! Durchlaucht!«

»Ja, ich bin es.«

»Wie kommen Sie hierher?«

»Ich bin jenem Menschen gefolgt bis hier in diese Gegend.«

»Und ich habe hier mit dem Hauptmanne gesprochen.«

»Ich weiß es.«

»Bitte, kommen Sie hier fort. Er könnte sich noch in der Nähe befinden und uns bemerken. Ich werde Ihnen unterwegs erzählen, wovon wir gesprochen haben.«

»Ist nicht nöthig. Bleibe nur! Erstens ist der Hauptmann fort, das weiß ich ganz genau, und zweitens weiß ich bereits, was Ihr gesprochen habt.«

»Wieso?«

»Ich habe fast jedes Wort gehört.«

»Kaum möglich.«

»O doch. Ich lag ganz in Eurer Nähe an der Erde.«

»Ohne bemerkt zu werden?«

»Natürlich. So ein weißes Betttuch ist im Winter doch zu herrlich zu gebrauchen.«

»Sie wissen also, daß es gelungen ist?«

»Ja. Aber ich weiß noch weit mehr. Ich kenne den Versammlungsort der Bande.«

»Das wäre famos! Wo ist er?«

»Nicht weit von hier. Ich bin jenem Kerl nachgeschlichen, eine lange Zeit, bis er hinter eine Ecke bog Ich kam gerade zur rechten Zeit, daß er an der anderen Seite der Mauer sagte: 'auch Einer'; dann war er fort.«

»Diese beiden Worte bilden also doch die Parole?«

»Allerdings. Komm, ich muß Dir den Ort zeigen.«

Er führte ihn die Straße weiter hinab, bis diese zu Ende ging. Dort gab es eine lange Mauer mit einer Oeffnung, in welcher früher einmal Thorflügel gehangen hatten; jetzt waren diese aber weg. Hinter dieser Mauer erhob sich ein langes, niedriges Gebäude, dessen rußige Mauern schwarz in die weiße Winternacht hineinstarrten.

»Ich bin hier nicht orientirt,« sagte der Fürst. »Bist Du vielleicht besser bekannt?«

»Ja.«

»Was ist das für ein Gebäude?«

»Die frühere Actienmaschinenbrauerei. Die Gesellschaft hat Bankerott gemacht, und das Grundstück hat bis jetzt keinen Käufer gefunden. Nun steht


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das Gebäude leer, und die Gläubiger haben Alles, was nicht niet- und nagelfest war, fortgeschafft und verwerthet.«

»Da hinein sind sie. Ich habe wohl gegen ein Dutzend hineingehen sehen. Einer kam heraus. Ich hörte ihn zur Schildwache sagen, daß er bald wiederkommen werde. Diese Stimme erkannte ich. Es war der Hauptmann. Ich schlich ihm nach und belauschte Euch. Nun aber wollen wir versuchen, ob wir noch mehr entdecken können.«

»Sie meinen, daß wir in das Gebäude wollen?«

»Ja.«

»Sie können uns sehr leicht bemerken.«

»Wir nehmen uns in Acht.«

»Steht der Posten noch dort am Thore?«

»Jedenfalls. Wir folgen der Mauer bis hinter die Ecke. Vielleicht finden wir da eine Stelle, wo wir sie übersteigen können. Dann wird sich das Uebrige finden.«

Die erwähnte Mauer umschloß ein ziemlich bedeutendes Viereck. Sie war stark und gewiß drei Ellen hoch. Indem die Beiden an ihr hinschritten, kamen sie an eine Stelle, wo sich aus irgend einem Grunde einige Steine losgelöst hatten.

»Hier?« fragte Adolf.

»Ja; es geht.«

Sie kletterten hinüber.

»Was aber nun?« meinte der Polizist. »Wollen wir hier über diese freie Stelle bis hin zum Gebäude, so riskiren wir es, bemerkt zu werden.«

»O nein. Hier ist mein Betttuch. Wir halten es vor uns hin, so wird man uns vom Schnee gar nicht unterscheiden können.«

Das wurde so ausgeführt, und auf diese Weise gelangten sie glücklich an das Gebäude heran. Dieses hatte breite Fensteröffnungen, welche vom Dache an bis fast herab auf den Boden reichten. Die Fensterscheiben fehlten.

»Sogar das Glas ist verkauft worden,« sagte Adolf. »Nun wettert es hinein. Wer soll das Ding kaufen!«

»Hast Du das Innere einmal gesehen?«

»Oft.«

»Aus wie vielen Abtheilungen besteht es?«

»Aus einer einzigen. Es giebt nur die vier Umfassungsmauern, welche ein Rechteck bilden, in welchem früher die Maschinen standen.«

»So mußte man, wenn es Tag wäre und man hier zu diesem Fenster hineinblickte, den ganzen Raum übersehen können?«

»Ja, vollständig.«

»Dann halten die Leute, welche ich eintreten sah, ihre Versammlung im Dunkeln. Hätten sie Licht, so müßten wir es unbedingt sehen.«

»Das ist wahr, aber - halt, Durchlaucht, bemerken Sie dort hinten nicht einen hellen Schein?«

»Fast ist es so!«


// 1640 //

»Es ist, als ob er aus der Erde käme.«

»Ich sehe es. Giebt es dort einen Keller?«

»Nein, aber die weite Vertiefung, in welcher sich die Dampfkessel befunden haben!«

»Ah, so stecken sie dort unten. Ich glaube nicht daß man auch hier Wachen aufgestellt hat. Die eine vorn an der Mauer genügt. Laß uns durch das Fenster steigen!«

Sie gelangten in das Innere des verwüsteten Gebäudes und schlichen sich an der Wand hin.

Der erwähnte Lichtschein wurde desto bemerkbarer, je weiter sie sich ihm näherten. Endlich standen sie vor der Grube, von welcher Adolf gesprochen hatte. Diese war mit starken Quadern eingemauert; eine aus demselben Materiale bestehende Treppe führte hinab. Man sah es, daß da unten die mächtigen Dampfkessel gestanden hatten. Jetzt aber war der Platz leer.

Zwei Blendlaternen brannten unten, und beim Scheine derselben gewahrten die Lauscher zahlreiche dunkle Gestalten, in deren Mitte Einer stand, welcher mit gedämpfter Stimme Befehle auszutheilen schien.

»Das ist der Hauptmann,« flüsterte Adolf.

»Jedenfalls. Schade, daß er leise spricht! Schleichen wir uns in die Nähe der Treppe. Vielleicht hören wir etwas, wenn sie dann gehen.«

Sie huschten am Rande der Grube hin, und wieder war es eine Gunst des Zufalles, daß gerade in der Nähe der Treppe eine Menge Sandsteinquader lagen, hinter denen sich die Beiden verstecken konnten.

So sehr sie sich auch anstrengten, sie konnten nichts verstehen. Endlich aber hörten sie ein lautes »Gute Nacht«. Die Männer kamen einzeln herauf und entfernten sich. Die beiden Laternen wurden verlöscht. Es war völlig grabesdunkel umher.

Trotz dieser Finsterniß bemerkten die beiden Lauscher, daß Jemand ganz in ihrer Nähe stehen geblieben sei. Sie hielten nun sogar den Athem an.

Schon glaubten sie, daß dieser der einzige noch Anwesende sei, da hörten sie abermals Schritte die Treppe heraufkommen, und dann sagte der in ihrer Nähe Befindliche:

»Hauptmann!«

»Was? Noch Jemand hier?« lautete die Frage.

»Ich bin es: Jacob Simeon.«

»Ah, der Goldarbeiter. Warum wartest Du noch?«

»Um Bericht zu erstatten. Es ist ja nicht für die Ohren der Anderen.«

Jetzt war der Hauptmann zu ihm getreten. Die Lauscher verstanden ein jedes der gesprochenen Worte.

»Nun, bist Du glücklich gewesen?«

»Ich denke.«

»Also, erzähle!«

»August Seidelmann wird nicht sterben.«

»Verdammt! Woher weißt Du es?«


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»Vom Dienstmädchen des Gerichtsarztes. Er ist bereits so weit hergestellt, daß er dislocirt werden soll.«

»Wohin?«

»Aus dem Krankenhaus in das Untersuchungsgefängniß.«

»Gefangen? Was, gefangen soll er werden?«

»Ja. Der Arzt hat mit seiner Frau davon gesprochen, und das Mädchen hat Alles gehört.«

»Aber hat sie auch gehört, warum man ihn festhalten will?«

»Ja. Es geschieht auf Veranlassung des Fürsten von Befour.«

»Alle Teufel! Was hat dieser mit dem Schuster zu schaffen?«

»Er ist ja da gewesen, als bei der Melitta die That geschah. Die Mädchen haben gegen den Schuster ausgesagt.«

»So mag der Fürst trotzdem davon bleiben, sonst klopfe ich ihm auf die Finger.«

»Hm! Er scheint auch anderweit sich mit Angelegenheiten zu beschäftigen, welche ihm nichts angehen.«

»In wiefern?«

»Es bezieht sich das auf die Aufgabe, die Sie mir gestellt haben, als wir zum letzten Male hier waren.«

»Du meinst die Angelegenheit mit der verschwundenen Baronin Ella von Helfenstein?«

»Ja.«

»Bist Du vielleicht glücklich gewesen?«

»Sehr glücklich!«

»Nun, was weißt Du?«

»Werde ich die Prämie bekommen?«

»Gewiß! Was ich verspreche, halte ich. Wenn Du entdeckst, wo sich die Baronin befindet, zahle ich die dreihundert Gulden.«

»So zahlen Sie!«

»Alle Wetter! Weißt Du sie wirklich?«

»Ja wohl. Sie ist beim Fürsten von Befour.«

»Bist Du toll?«

»Nein. Ich habe sie gesehen.«

»Und Du irrst Dich nicht? Du kennst sie genau?«

»Ja, ganz genau. Ich habe sie hundertmal gesehen.«

»Wie hast Du das entdeckt?«

»Nun, Sie kommandirten mich nach Rollenburg, um zu forschen. Ich bin zwar kein Polizist, aber ich habe die Anlagen, einer zu sein. Ich machte mich also an die Krankenwärter des Doctor Mars, besonders der Eine wurde beim Wein gesprächig. Er sagte mir, daß Keiner als nur Doctor Zander die Baronin fortgeschafft haben könne.«

»Ganz meine Ansicht. Wüßte man nur, wo er jetzt steckt!«

»Gerade so dachte auch ich. Da kam ich ganz zufällig auf dem Bahnhofe mit einem Kellner zu sprechen. Die Rede kam auf das dortige Zuchthaus.


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Er sagte, daß vielleicht Mancher der Züchtlinge unschuldig sei. Erst vor einigen Tagen sei eine Sträflingin entlassen worden, welche als Kindesmörderin ganz unschuldig gesessen habe. Sie sei aus der Residenz, die Tochter eines Theaterdieners. Drei Herren seien mit ihr gewesen, unter ihnen Doctor Zander.«

»Ah! Also eine Fährte.«

»Ja. Ich fuhr natürlich sofort hierher, um die Tochter des Theaterdieners aufzusuchen.«

»Kanntest Du ihren Vater?«

»Nein. Der Kellner hatte ja nicht einmal den Namen gewußt. Aber Theaterdiener giebt es wenige. Ich war also schnell orientirt. Der Mann heißt Werner und hat seine Stelle eingebüßt. Ich ging zu ihm und erfuhr, wer die drei Begleiter seiner Tochter gewesen sind: Doctor Zander, ein Doctor Max Holm und der Fürst von Befour.«

»Holm? Kenne ich nicht.«

»Dieser hat die Unschuld der Werner entdeckt und die Leda ist dafür eingesperrt worden.«

»Ah! Endlich! Daher also weht der Wind! Wartet, ihr Bursche, ich werde Euch das Spiel verderben!«

»Ich fragte, ob der Theaterdiener wisse, wo Doctor Zander sich jetzt befinde. Er wußte es.«

»Wo? Wo steckt er?«

»Er ist zu Werner gekommen, um dessen Frau, welche am Krebse leidet, zu untersuchen. Er hat Hoffnung auf Besserung gegeben und gesagt, wenn sie ihn plötzlich brauchen sollten, so müßten sie in das Befour'sche Palais schicken. Dort wohne er für die nächsten Tage.«

»Also dort!«

»Ja. Nun dachte ich: Zander hat die Baronin fortgeschafft; wo er ist, da ist wohl auch sie; er ist im Palais des Fürsten, folglich wohl auch sie. Ich spionirte also und es ist mir glänzend gelungen.«

»Wann?«

»Heute abend. Ich steckte im Garten. Ein Fenster war erleuchtet und zwar mit einem so eigenthümlichen Lichte, daß ich sofort an Arznei und Krankenstube dachte. Das Fenster befindet sich über der Veranda. Ich kletterte auf die Letztere hinauf, was sehr leicht ist, und blickte in das Zimmer. Da lag sie im Bette, still und regungslos. Sie schlief.«

»Wirklich, und Du hast sie nicht verkannt? Ich frage noch einmal, weil diese Angelegenheit wichtig ist.«

»Ich konnte sie unmöglich verkennen. Ich sah sie so deutlich, als ob ich an ihrem Bette stände.«

»So muß ich sie auch sehen. Ich gehe hin, nachher, und Du sollst mich begleiten. Sonst noch etwas Neues?«

»Ja. Salomon Levi ist arretirt.«

»Unmöglich! Du meinst doch den Juden in der Wasserstraße?«

»Ja. Es giebt keinen zweiten Salomon Levi.«


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»Weshalb ist er eingesteckt?«

»Das konnte ich nicht erfahren. Uebrigens ist dem Kerl diese Lection recht gut zu gönnen.«

»Pst! Er war ein Verbündeter von uns!«

»Aber ein Schinder! Ich habe wiederholt für ihn gearbeitet, aber nie den vollen Lohn erhalten. Vor einiger Zeit mußte ich ihm ein Medaillon fälschen. Ich verlangte fünf Gulden; er aber gab nur drei.«

»Fälschen? Ein Medaillon? Wie ist das möglich? Zu welchem Zwecke?«

»Das weiß ich nicht. Es war eine Kette mit Medaillon. Das Letztere hatte die Form eines Herzens und zeigte eine Freiherrnkrone mit den Buchstaben R.v.H. Ich mußte ein ähnliches Herz machen und die angegebenen Buchstaben in R.u.H. umändern. Das ist Alles, was ich weiß.«

»Da steckt nun freilich Etwas dahinter! Nun, jetzt aber wollen wir gehen. Wir trennen uns jetzt, treffen uns aber in einer halben Stunde an der niederen Ecke der Palaststraße. Von da aus suchen wir in den Garten des Fürsten zu gelangen. Wenn sie es wirklich ist, bekommst Du Deine dreihundert Gulden.«

»Sie ist es. Ich kann zehn Eide ablegen.«

»Desto besser für Dich.«

Sie entfernten sich.

»Sapperment, das ist nicht übel!« flüsterte Adolf.

»Höchst wichtig!«

»Wenigstens das von der Baronin.«

»Das Andere auch. Aber wir müssen uns beeilen. Wir müssen dafür sorgen, daß sie die Baronin nicht sehen. Wir nehmen die erste beste Droschke, um ihnen zuvor zu kommen.«

»Sie werden durch das Fenster gucken. Wollen wir sie festnehmen lassen?«

»Das hat keinen Zweck.«

»So schlage ich vor: Es legt sich eine Andere in das Bett.«

»Natürlich! Die Köchin mag sich hineinlegen. Besorge Du das. Ich werde den Hauptmann beobachten. Ich verstecke mich in der Veranda.«

Nach einer halben Stunde traf der Hauptmann mit Simeon zusammen. Sie stiegen über das eiserne Stacket in den Vorgarten und gelangten so hinter den Palast. Alle Fenster der hinteren Front waren dunkel. Nur eines war erleuchtet.

»Ist es das?« fragte der Hauptmann.

»Ja. Gerade über der Veranda.«

»Wollen erst recognosciren, ob Jemand da ist.«

Sie durchstrichen vorsichtig den Garten, und als sie nichts Besorgniß erregendes bemerkten, stiegen Beide an der Veranda empor.

Der Hauptmann befand sich in einer beinahe fieberhaften Spannung. Er blickte durch das Fenster. Ja, da lag eine schlafende Frauengestalt im


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Bette, in ein weißes Nachtgewand gehüllt. Im ersten Augenblicke ließ sich seine erregte Phantasie täuschen.

»Ja, ja, sie ist es!« flüsterte er. »Alle Teufel! Die soll nicht lange mehr hier liegen bleiben!«

»Wollen Sie es ihrem Manne sagen, dem Baron?«

»Natürlich! Und sodann - aber, hm! Was ist denn das! Ich glaube, ich war soeben halb blind!«

»Wieso!«

»Sie ist es doch gar nicht!«

»Das ist unmöglich!«

»Sie ist es nicht, wahrhaftig nicht!«

»Ich wette um mein Leben, daß sie es ist.«

»Du würdest verlieren!«

»Ich kann sie hier nicht sehen. Die Gardine verhüllt sie mir. Bitte, erlauben Sie!«

Der Hauptmann rückte ein Wenig zur Seite, und Simeon blickte hinein.

»Sapperment, was ist das denn?« stieß er hervor. »Das ist sie ja nicht! Das ist eine Andere!«

»Das habe ich auch gesehen.«

»Vorhin aber war es die Baronin.«

»Du hast Dich geirrt.«

»Nein. Man hat sie umgetauscht.«

»Dieser Gedanke ist lächerlich! Glaubst Du, daß der Fürst so wenig Betten hat, daß bei ihm Damen nach einander in einem und demselben Bette schlafen müssen?«

»Er mag genug Betten haben oder nicht. Die jetzt da drinnen liegt, ist nicht Diejenige, welche vorher drin lag.«

»Pah! Es ist Dir eben gerade so gegangen wie mir: Deine Phantasie hat Dir einen Streich gespielt.«

»Nein und nein! Was ich gesehen habe, das habe ich gesehen. Es ist gar kein Irrthum möglich.«

»Streiten wir uns nicht. Klettern wir lieber wieder hinab, sonst könnte man uns gar noch erwischen!«

Und als sie den Erdboden erreichten, fuhr er fort:

»Es thut mir leid: Du hast Dir die dreihundert Gulden also doch nicht verdient. Ich hätte sie Dir gern gegeben.«

»O, ich bekomme sie schon noch!«

»Du hältst die Hoffnung fest?«

»Ja. Ich lasse mir nichts einstreiten. Ich habe die Baronin gesehen und werde hier solange aufpassen und spioniren, bis ich Ihnen das beweisen kann.«

Sie gingen.

Im Innern der Veranda erhob sich der Fürst vom Boden. Die letzten Worte Simeon's sagten ihm, daß er vorsichtig zu sein habe. Er beschloß, die


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Baronin nach einem der vorderen Zimmer, welche man unmöglich belauschen konnte, zu bringen. - -

Am anderen Vormittage begab er sich nach dem Gerichtsgebäude, um sich nach den Aussagen Salomon Levi's zu erkundigen. Zander hatte ihm das Erlebniß erzählt.

Von da ging er dann nach der Wasserstraße in das Haus des Juden, wo die alte Rebecca ihn nach seinem Begehr fragte. Sie hatte ein sehr verweintes Gesicht.

»Ich möchte ein Geschenk machen,« antwortete er. »Haben Sie Schmuck- oder überhaupt Goldsachen?«

»Ja, genug zur Auswahl.«

»So zeigen Sie einmal.«

»Kommen Sie herein in das andere Zimmer!«

Sie zeigte sich außerordentlich freundlich, ganz gegen ihre Gewohnheit; aber dieser Herr hatte ein so nobles Aussehen, daß sie sofort geneigt war, ihn für einen vornehmen Mann zu halten. Diese Ansicht befestigte sich, als er einige der Goldsachen kaufte und sie, ohne einen Kreuzer abzuhandeln, bezahlte.

Ihre Neugierde war erregt. Sie mußte wissen, wer er sei, und darum sagte sie in ihrem freundlichsten Tone:

»Ich habe den Herrn noch nie gesehen. Sie sind wohl nicht aus der Residenz, sondern hier fremd?«

In diesem Augenblicke trat Judith ein. Sie erstaunte, denn sie kannte den Fürsten und begrüßte ihn mit einer tiefen Verneigung. Ihr Kommen war ihm lieb. Er dankte ihr in herablassender Weise und antwortete ihrer Mutter:

»O doch, ich wohne hier. Ich pflege zwar nie bei Althändlern zu kaufen; ich gehe zum Juwelier; aber ein junger Herr, welcher sich bei mir befindet, hat mir Ihr Geschäft warm empfohlen und mir gesagt, daß Sie auch wirklich gute Sachen haben. Er ist, glaube ich, ein guter Bekannter von Ihnen.«

»Ein Bekannter? Wer könnte das sein?«

»Er heißt Robert Bertram.«

»Robert Bertram? Gott Abrahams! Er hat uns empfohlen? Er hat unser Geschäft gelobt?«

»Ja. Er sprach sehr gut von Ihnen.«

»O, er ist ein hübscher junger Mann und ein großer Dichter. Aber, Sie sagten, daß er sich bei Ihnen befinde?«

»Ja.«

»Ich denke, er wohnt beim Fürsten von Befour.«

»Das ist allerdings der Fall. Ich bin nämlich der Fürst.«

Da war es, als ob die Alte vor lauter Glück und Respect in den Boden versinken wolle.

»Der Fürst! Der Fürst von Befour! Bei uns, in unserem Geschäfte! Hast Du gehört, Judith?«


// 1646 //

»Ja, ich kenne Durchlaucht!« antwortete das schöne Mädchen.

»Du kennst ihn! Und ich habe ihn nicht gekannt! O, wäre doch hier Dein Vater, mein Mann Salomon Levi! Wie würde er sich freuen, zu sehen bei sich einen so vornehmen Herrn!«

»Er ist nicht daheim?« fragte der Fürst.

»Nein, heute nicht.«

»Wohl verreist?«

»Verreist - auch nicht,« antwortete sie verlegen.

Da that er, als ob er sich besinne, und sagte:

»Ach ja, da fällt mir ein! Er ist allerdings nicht verreist.«

»Sie wissen das?«

»Ja. Ich habe mit den Herren vom Gerichte über diese Angelegenheit gesprochen.«

»Was sagen diese Herren? Werden sie recht bald wieder freilassen den unschuldigen Mann?«

»Unschuldig?« meinte er achselzuckend.

»Ja, er ist unschuldig. Er hat gekauft das Loos für dreißig Gulden. Das Andere ist nicht wahr.«

»Ich will nicht richten; aber ich wünschte um Ihretwillen, daß er nur dieser einen Sache wegen angezeigt sei.«

»Soll er auch noch Anderes getan haben?«

»Leider!«

»Was denn?«

»Er soll mit dem sogenannten Hauptmanne in Verbindung stehen oder doch gestanden haben.«

»Das ist nicht wahr, das ist Lüge!«

»Und auch noch Anderes soll er getan haben. Es ist sogar wahrscheinlich, daß auch Sie Beide noch eingezogen werden.«

»Wir? Eingezogen, das heißt arretirt?«

»Das ist's, was ich sagen will.«

»Gott der Gerechte! Hörst Du, Judithleben, meine Tochter, wir sollen werden auch arretirt!«

Die Tochter richtete sich stolz empor und sagte:

»Das wird man bleiben lassen!«

»Seien Sie nicht so sicher!« warnte der Fürst.

»Wir haben nichts Unrechtes getan.«

»Und doch ist man der Ansicht, daß Sie auch mit schuldig seien. Man glaubt, Ihre Schuld beweisen zu können.«

»Was wirft man uns vor?«

»Unterschlagung, Fälschung.«

»Herr Zebaoth!« schrie die Alte. »Welch eine schlechte und böse Menschheit ist dies.«

»Was sollen wir unterschlagen und gefälscht haben, Durchlaucht?« fragte Judith.


// 1647 //

»Eine goldene Kette nebst Medaillon.«

Sie erbleichte.

»Wer sagt das?« fragte sie.

»Der Staatsanwalt.«

»Wer kann es uns beweisen?«

»Der Richter.«

»Er weiß nichts; er kann nichts beweisen.«

»O, es sind Zeugen da!«

»Wer sind sie?«

»Robert Bertram.«

»Der hat seine Kette wieder zurück erhalten.«

»Auch sein Medaillon?«

»Ja.«

»Oder vielmehr ein gefälschtes, ein nachgemachtes.«

»Das ist eine Lüge!«

»Es giebt noch einen Zeugen.«

»Wer ist das?«

»Der Goldarbeiter Jacob Simeon, welcher in Ihrem Auftrage das Herz verändert hat.«

»Er lügt.«

»Er wird sein Geständniß beschwören, und Sie Beide wird man arretiren! Sie dauern mich; aber ich kann nichts ändern. Noch wäre es Zeit, sich zu retten!«

»Wieso retten?«

»Wenn Sie das Geschmeide freiwillig heraus geben, will Robert Bertram diese Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Sie haben das echte Medaillon; man weiß es ganz genau. Sie könnten zwar auf den Gedanken kommen, es zu vernichten, aber das würde Ihre Lage nur verschlimmern.«

Sie antworteten nicht. Er ließ einige Augenblicke verstreichen; dann fuhr er in wohlwollendem Tone fort:

»Bertram beschwört, daß er Ihnen das echte Medaillon gegeben und dafür ein falsches erhalten hat. Jacob Simeon beschwört, daß er von Ihnen das echte erhalten hat, um ein unechtes darnach anzufertigen; er beschwört ferner, daß er Ihnen das echte zurückgegeben hat und daß dasjenige, welches Bertram von Ihnen erhielt, das von ihm angefertigte, unechte ist. Nun mögen Sie gestehen oder nicht, das Zuchthaus ist Ihnen gewiß.«

»Zuchthaus!« kreischte die Alte.

»Zuchthaus!« murmelte auch Judith vor sich hin.

»Und nicht bloß das! Robert Bertram will Ihnen wohl. Er rühmt Ihre Freundlichkeit; er denkt gern an Sie und spricht gern von Ihnen. Er nimmt noch jetzt an, daß die Verwechslung der Medaillons nur eine ganz zufällige gewesen ist. Er hält Sie für brav und ehrlich. Aber wenn Sie beim Leugnen bleiben, dann ist er gezwungen, Sie allerdings für Betrügerinnen zu halten. Und das würde ihm leid, sehr leid thun.«


// 1648 //

»Leid, sehr leid!« flüsterte Judith.

In ihrem Gesichte sprach sich ein Kampf aus, den sie jetzt in ihrem Inneren durchmachte. Dann aber fuhr sie wie in einem raschen, kräftigen Entschlusse von ihrem Stuhle auf und fragte:

»Würde es ihm wirklich leid thun, Durchlaucht?«

»Ja, gewiß, herzlich leid.«

»Und er spricht gern von uns?«

»Sehr gern! Sie sind doch gut und freundlich gegen ihn gewesen, als er sich in Noth befand.«

»So soll er sein Medaillon haben!«

»Judith!« rief die Alte abmahnend.

»Schweig, Mutter! Es gehört uns nicht; es ist sein Eigenthum, und er hält uns für ehrlich! Ich hole es!«

Sie ging in ihr Zimmer und brachte das Medaillon.

»Hier, Durchlaucht, ist es,« sagte sie. »Geben Sie es ihm, und sagen Sie ihm, daß Judith Levi dieses Herz hat zurück behalten, nicht um ihm zu schaden.«

»Davon bin ich, und davon ist auch er überzeugt.«

Er betrachtete den für die Betreffenden so werthvollen Schmuck. Er hatte ihn früher hundertmal gesehen und erkannte ihn sofort wieder. Es jauchzte in seinem Inneren auf. Er konnte nun doch nicht an die Aussage der Baronin Ella, daß der kleine Robert mit verbrannt sei, glauben.

»Nun aber werden uns doch nicht die Gerichte arretiren und bestrafen?« fragte die alte Rebecca.

»Wegen diesem Medaillon nicht.«

»Nun, und Anderes haben wir uns nicht vorzuwerfen. Das falsche Medaillon erhalten wir wohl wieder zurück?«

»Ja. Ich werde es Ihnen senden.«

Da trat Judith einen Schritt näher und sagte:

»Wäre es nicht möglich, daß er - er - - er es uns selbst bringen könnte, Durchlaucht?«

»Vielleicht. Ich will es ihm sagen.«

»Und - und - - noch Eins!«

Sie senkte den Blick verlegen zu Boden.

»Was? Fragen Sie immerhin!«

»Geht er oft zu Hellenbach's?«

»Zuweilen.«

»Und Fräulein von Hellenbach zu ihm?«

»Wer behauptet das?«

»Ich bin ihnen auf der Straße begegnet. Sie ritten mit einander spazieren.«

Dem Fürsten that das verschmähte Mädchen leid. Es war ein Character, der durch Liebe zu allem Guten, Schönen und Erhabenen zu bringen war.

»Sie sehen sich zuweilen. Er hat damals den Riesen Bormann bei ihr


// 1649 //

überrascht, dadurch sind sie mit einander bekannt geworden. Sie ist ihm dankbar; das ist Alles.«

Er verabschiedete sich, nahm eine Droschke und fuhr sofort zu Alma von Helfenstein. Sie empfing ihn mit einer innigen Umarmung und zog ihn zu sich auf den Divan nieder.

»Bringst Du mir vielleicht eine Neuigkeit?« fragte sie.

»Sogar einige.«

»Bitte, laß mich sie hören!«

»Zunächst hat mir gestern der Hauptmann einen Besuch abgestattet.«

»Mein Gott! Er war bei Dir? Ihr seid doch nicht in Kampf gerathen?«

»Nein; habe keine Sorge! Er war nur auf meiner Veranda und weiß gar nicht, daß ich ihn gesehen und belauscht habe.«

»Was wollte er dort?«

»Er suchte seine Frau.«

»Weiß er denn etwa, daß sie sich bei Dir befindet?«

»Einer seiner Leute hat sie aufspionirt. Sie stiegen mit einander auf die Veranda und blickten in das Zimmer.«

»O weh! So ist Alles verrathen!«

»Noch nicht. Ich hatte die Baronin hinausbringen und die Köchin sich in das Bett legen lassen. Der Baron war allerdings sehr enttäuscht; er ist überzeugt, daß sein Untergebener sich geirrt hat.«

»Aber ein Verdacht wird dennoch sitzen bleiben.«

»Ganz gewiß. Darum habe ich die Baronin eine Etage höher und nach der Front herausplaciren lassen. Die zweite Neuigkeit ist weit wichtiger.«

»Laß sie hören!«

»Nicht eher, als bis Du mir Zweierlei versprochen hast.«

»Was?«

»Erstens einen Kuß zum Lohn und zweitens, daß Du nicht erschrecken willst darüber.«

»Ist es so schrecklich?«

»Nein; es giebt auch einen freudigen Schreck!«

»O, seit ich Dich wieder habe, bin ich stark. Den Kuß sollst Du recht gern pränumerando erhalten.«

Sie umschlang seinen Nacken und küßte ihn innig.

»So! Nun erzähle!« sagte sie dann.

»Zunächst werde ich Dir nichts erzählen, sondern Dir nur Etwas zeigen. Kennst Du vielleicht diesen Gegenstand?«

Er zog das Medaillon hervor und gab es ihr. Sie warf einen Blick darauf, stieß einen lauten Schrei aus und griff mit den Händen nach ihrem Herzen.

»Siehst Du, daß Du sehr erschrocken bist!« sagte er.

»Vor Freude, vor Freude! Vor Wonne, mein geliebter Gustav. Mein Gott und Herr! Das ist ja Robert's Medaillon!«

»Ja, gewiß!«


// 1650 //

»Es ist nicht mit verbrannt. Man hat es jedenfalls unter dem Schutte gefunden.«

»Ich denke anders. Nicht nur das Medaillon ist erhalten worden, sondern auch der kleine Robert.«

»Du meinst, daß er noch lebe?«

»Ja.«

»Aber Ella sagte das Gegentheil!«

»Das beweist noch nichts. Ich werde mit den beiden Schmieden sprechen. Vielleicht bringe ich sie zum Geständnisse. Erst dann können wir sagen, ob er todt sei oder nicht.«

»Wer aber ist jetzt Eigenthümer des Medaillons?«

»Robert Bertram.«

Sie blickte ihn mit großen, weitgeöffneten Augen an, dann schlug sie plötzlich vor Entzücken die schönen Händchen zusammen, sprang wie electrisirt vom Sitze auf und rief:

»Er ist's! Er ist's! Er und kein Anderer! Mein Herz sagt es mir, und das wird Recht behalten.«

»Auch ich stimme Dir bei.«

»Auch Du? Siehst Du! Siehst Du! Und was sagt Bertram dazu? Ich muß sofort hin, um ihn zu umarmen!«

»Warte, warte, liebes Kind! Er weiß kein Wort.«

»Kein Wort? Warum nicht?«

»Ich muß erst meiner Sache sicher sein, ehe ich die Gemüthsruhe des braven Jünglings so gewaltig störe. Komm, setze Dich; ich will Dir die Geschichte dieses Medaillons erzählen.«

Als er später die Geliebte verließ, war er mir ihr einig geworden, Robert Bertram noch nichts zu sagen, sondern erst mit den Schmieden zu sprechen und die erforderliche Erkundigung im Findel- und Waisenhause einzuziehen. -

Um vielleicht dieselbe Zeit saß in der betreffenden Kellerrestauration der Agent Bauer, welcher der Lieutenant des Hauptmannes war. Er wartete auf den Letzteren, welcher bekanntlich unter der Maske eines emeritirten Cantors und Organisten hier zu verkehren pflegte.

Dieser Letztere erschien auch baldigst und setzte sich zu ihm. Das Gespräch, welches sie führten, drehte sich um die Unterredung, welche der Hauptmann gestern nach Mitternacht mit dem Diener Leonhardt gehabt hatte.

»Dieser Mensch,« sagte der Agent, »scheint ein ehrlicher Kerl zu sein. Wenigstens ist er mir ganz so vorgekommen.«

»Mir auch. Er ist dummehrlich.«

»Hm! Vielleicht doch nicht so dumm, wie Sie meinen. Er scheint denn doch ein gut Theil Verschlagenheit zu besitzen. Er kommt mir ganz so vor, wie ein dummer Bauer!«

»Mir allerdings nicht. Und wie reimt sich das zusammen, daß Sie ihn


// 1651 //

einen dummen Bauer und doch einen Menschen nennen, welcher ein gut Theil Verschlagenheit besitzt?«

»O, das reimt sich sehr gut zusammen. Früher sprach man nur von den 'dummen Bauern'. Man erzählte sich tausend der lächerlichsten Anecdoten von ihnen. Wo aber sind diese Bauern jetzt hin? Der Bauer ist klug geworden. Er weiß zu rechnen; er ist pfiffig. Er ist jetzt klüger als mancher Advocat und haut Den, von dem er sich früher betrügen ließ, nun seinerseits über die Ohren, daß es eine Art hat. Der Bauer ist dumm pfiffig. Und gerade so kommt mir auch dieser Diener der amerikanischen Tänzerin vor.«

»Sie glauben also, daß man mit ihm Etwas machen kann?«

»Ganz gewiß!«

»Und daß man ihm vertrauen darf.«

»Er ist ehrlich. Er wird nicht stehlen und nicht betrügen. Er wird aber sein den Schmieden gegebenes Wort halten, obgleich er da Etwas thun muß, was von den Gesetzen verboten ist.«

»So rathen Sie mir also, mit ihm zu gehen?«

»Natürlich! Wie er es zu arrangiren gedenkt, ist ja nicht die mindeste Gefahr vorhanden.«

Der Hauptmann warf dem Agenten einen langen, prüfenden Blick zu und fragte dann:

»Haben Sie wirklich diese Ueberzeugung?«

»Ja; ich vertraue ihm unbedingt. Uebrigens ist ja keinerlei Gefahr für Sie bei der Sache.«

»Oho!«

»Nun, welche denn?«

»Man kann mich sehr leicht wegfangen.«

»Das ist nicht gut möglich.«

»Und doch! Wie nun, wenn er die Polizei benachrichtigt und ich dann von ihr festgenommen werde?«

»Wie will er das anfangen?«

»Er braucht ja nur hinzugehen.«

»Sie brauchen ihn ja gar nicht aus den Augen zu lassen.«

»Das ist wahr.«

»Sie werden von hier aus in einem Coupee mit ihm sitzen und stets an seiner Seite bleiben. Er selbst wird die Leiter holen; er selbst wird auch den Schlüssel stehlen. Sie müssen das so einzurichten suchen. Das ist genug. Er ist dann der Mitschuldige und würde im Falle der Ergreifung bestraft werden, während Sie Zeit haben, zu entkommen.«

»Wie will ich zum Beispiel entkommen, wenn ich mit ihm im Gefängnisse ergriffen werde?«

»Sie können da gar nicht ergriffen werden. Sie brauchen ja nicht mit hinein zu gehen.«

»O doch!«

»Nein. Einer muß doch außen wachen. Das werden Sie sein. Er


// 1652 //

kennt das Innere des Gefängnisses, also muß er es sein, der da hineingeht und die beiden Gefangenen herausholt.«

»Hm! Das klingt allerdings sehr ungefährlich!«

»Es klingt nicht so, sondern es ist wirklich so!«

»So finden Sie also keine Gefahr dabei?«

»Nicht die mindeste.«

»Nun, so übernehmen Sie doch die Expedition!«

»Ich?«

Er that diese Frage doch mit dem Ausdrucke der Betroffenheit.

»Ja, Sie! Ich denke, Sie glauben so fest an die Ungefährlichkeit und das Gelingen derselben.«

»Allerdings. Aber Ihre Gegenwart ist doch unbedingt nothwendig bei der Geschichte.«

»Ganz und gar nicht. Es genügt, wenn Sie mir die beiden Schmiede bringen.«

Da ließ der Agent ein kurzes Lachen hören und sagte:

»Ich verstehe! Sie wittern doch immer noch einige Gefahr und wünschen, daß es nicht Ihr Kopf sei, der in einer etwaigen Schlinge stecken bleibt.«

»Nun, ich will das nicht ableugnen.«

»Das ist sehr aufrichtig. Also ich soll meinen Kopf in diese gefürchtete Schlinge stecken?«

»Hm! Sie glauben ja eben an keine Gefahr!«

»Das habe ich gesagt, und das ist auch richtig. Aber allwissend bin ich nicht, und bei Gott ist Alles und beim Teufel ist sehr Vieles möglich. Ein Zufall kann das Spiel verderben.«

»Das ist's ja, was ich meine! Und darum muß ich handeln wie der Feldherr handelt.«

»Der zurück bleibt und seine Soldaten vorschickt!«

»Sie werden ironisch!«

»Habe ich nicht die Veranlassung dazu?«

»Nein. Wenn der Feldherr verunglückt, ist Alles verloren. Er hat nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Untergebenen gegenüber die Pflicht, sich zu schonen.«

»Aber was nützt es dem Soldaten, wenn er an Stelle des Feldherrn erschossen wird?«

»Hier ist ja weder von einer Schlacht noch von Erschießen die Rede. Hier ist nur das Eine möglich, daß Sie gefangen werden.«

»Schlimm genug!«

»O, nicht so schlimm, als wenn man mich ergreift. Verunglücke ich, so ist Alles verloren. Hält man aber Sie zurück, so bin ich da, um Sie heraus zu holen.«

»Würden Sie das wirklich thun?«

»Muß ich nicht?«

»Hm!« brummte der Agent.


// 1653 //

»Ich darf Sie ja nicht verlassen. Man könnte Sie zu Geständnissen zwingen, und das muß ich doch auf alle Fälle verhüten. Sie sehen ja, daß ich ganz aus demselben Grunde jetzt bemüht bin, die Schmiede zu befreien!«

»Das ist wahr. Sie haben noch Keinen verlassen!«

»Weil dies in meinem eigenen Interesse liegt. Also, wollen Sie die Expedition unternehmen?«

»Hm! Darf ich mir eine Bedenkzeit ausbitten?«

»Wozu?«

»Man muß sich doch seine Haut betrachten, ehe man sich entschließt, sie zu Markte zu tragen.«

»Ich wiederhole, daß Sie ja an keine Gefahr glauben!«

»Und ich wiederhole meine Bemerkung, daß doch die Möglichkeit des Mißlingens nicht ausgeschlossen ist!«

Die Beiden verhielten sich als echte Spitzbuben zu einander. Der Hauptmann wollte sich in keine Gefahr begeben, und der Andere war zwar vom Gelingen des Streiches überzeugt, er war auch im Innern schon bereit, denselben zu übernehmen, wollte aber möglichst viel Nutzen für sich herausschlagen. Da glaubte der Hauptmann, seinen Vorschlag mit einem triftigen Argument unterstützen zu müssen. Er sagte:

»Sie müssen sich übrigens an unsere Abmachungen erinnern. Es hat mir ein Jeder unbedingt zu gehorchen?«

»Wenn Sie einen wirklichen Befehl aussprechen, ja. Das aber haben Sie bis jetzt noch nicht getan.«

»Ich dachte, daß es nicht nöthig sein werde. Ich wünsche, daß Sie Das, was ich verlange, für einen Gefallen ansehen, den Sie mir erweisen.«

»Etwas Anderes könnte es auch nicht sein.«

»O doch!«

»Nun, was denn?«

»Ich brauche keinen Gefallen, sondern nur Gehorsam zu verlangen. Ich habe nicht zu bitten, sondern nur zu befehlen.«

Der Agent zwinkerte ihn mit halb zusammengekniffenen Augen von der Seite an und antwortete:

»In dieser Angelegenheit wohl nicht!«

»Oho!«

»Ganz gewiß nicht!«

»Sie meinen etwa, daß Sie mir nicht zu gehorchen brauchen?«

Seine Stimme klang fast drohend; der Andere aber zuckte gleichmüthig die Achsel und antwortete:

»Wir haben geschworen, Ihnen zu gehorchen. Aber der Gehorsam, den wir gelobt haben, hat seine Grenzen.«

»Wo und wie?«

»Ich habe Ihnen nur innerhalb der Residenz zur Verfügung zu stehen. An einem Unternehmen, welches sich nach außerhalb erstreckt, brauche ich mich nicht zu betheiligen.«


// 1654 //

»Aber dennoch müssen Sie wissen, daß es nur gut für einen Jeden ist, auch in diesem Falle meine Wünsche zu berücksichtigen.«

»Ihre Wünsche! Da haben wir es! Aber nicht Ihre Befehle! Ich bin ja auch bereit, über den Kreis meiner Verpflichtungen hinaus zu gehen. Aber umsonst ist nicht einmal der Tod, denn auch dieser muß mit dem Leben bezahlt werden. Wenn ich mehr thue als ich verpflichtet bin, zu thun, möchte ich auch einen Erfolg für meine Person sehen.«

»Ich bin ja bereit, Sie zu belohnen!«

»Ach! Wirklich« fragte Bauer, indem seine Mienen einen offenbaren Zweifel ausdrückten.

»Ja, gewiß!«

»Das möchte ich denn doch bezweifeln.«

»Warum?«

»Ich kenne Sie genau. Sie zahlen nicht schlecht; aber zweimal bezahlen Sie doch nicht gerne.«

»Zweimal? Thue ich das hier?«

»Ja. Sie bezahlen doch den Diener und auch mich.«

Dabei machte er ein so pfiffiges Gesicht, daß der Hauptmann lachen mußte. Dieser Letztere meinte:

»Ich sehe, daß Sie mich doch ein Wenig studirt haben.«

»Nicht wahr? Ja, ich kenne meine Pappenheimer!«

»Und Sie vermuthen, daß ich auch hier nicht gegen meine Gewohnheit handeln werde?«

»Ich vermuthe es nicht nur, sondern ich bin wirklich überzeugt davon: Sie werden nur einmal bezahlen.«

»Aber Sie sind es nicht, welcher schlecht dabei fahren wird.«

»Das erwarte ich allerdings!«

»Na, ja! Sie werden Das erhalten, was ich diesem Diener hätte zahlen müssen.«

»Das vermuthe ich. Er wird sich ärgern!«

»Das geht mich nichts an. Wenn er die Schmiede befreit, ist er vor dem Gesetze straffällig; er kann nichts machen, wenn ich ihm nichts gebe.«

»Und selbst wenn er seine Forderung gesetzlich geltend machen könnte; er kennt Sie ja gar nicht.«

»Richtig! Also, machen Sie mit?«

»Hm! Zahlen Sie einen Theil an?«

»Meinetwegen.«

»Gut, so will ich es riskiren. Wann soll es geschehen?«

»Möglichst bald. Am liebsten wäre es mir heute.«

»Aber ob es dem Diener paßt?«

»Wollen sehen. Er kommt jedenfalls noch während des Vormittags. Ich werden dem Wirthe einige Zeilen für ihn geben; da werden wir ja gleich sehen, ob er es möglich machen kann.«

»Und wie arrangiren wir uns?«


// 1655 //

»Sehr einfach. Sie fahren mit ihm nach der Kreisstadt; er holt die Schmiede heraus. Sie verkleiden diese - - -«

»Womit?«

»Ich sorge für Anzüge, Bärte und Perrücken. Ich schicke oder bringe selbst diese Sachen in einem kleinen Koffer hierher. Dann fahren Sie per Bahn zurück.«

»Ist das nicht gefährlich?«

»Nein. Sie brauchen ja nicht an Ort und Stelle einzusteigen. Sie gehen bis zur ersten oder zweiten Station.«

»Und wo bringe ich die Schmiede hin, nachdem ich mit ihnen hier angekommen bin?«

»Sie lassen sie einfach an der letzten Station aussteigen. Die beiden Wolfs wissen mich zu finden.«

»Ah!« meinte der Agent erstaunt. »Also diese zwei Männer wissen genau, wer Sie sind?«

»Ja.«

»Und hier weiß es Niemand!«

»Kein Mensch.«

»Selbst ich nicht!«

Seine Stimme klang vorwurfsvoll und beleidigt. Darum beeilte sich der Hauptmann mit der Erklärung:

»Sie wissen, wie vorsichtig ich hier sein muß!«

»Aber gegen die Schmiede sind Sie es nicht!«

»Die haben mich bereits gekannt, ehe ich hier unsere geheime Gesellschaft gründete. Ein Mißtrauen, besonders gegen Sie, ist also keinesfalls vorhanden.«

»Das hätte mir auch leid getan.«

»Ich will also hoffen, daß Sie die Schmiede nicht nach mir ausfragen; sie würden Ihnen nicht antworten.«

»Fällt mir gar nicht ein! Aber, zum Teufel, da denke ich erst jetzt daran, daß ich die Reise doch nicht unternehmen kann!«

»Warum denn nicht?«

»Dieser Diener Leonhardt kennt mich ja!«

»Das ist kein Hinderniß.«

»O doch! Er darf auf keinen Fall erfahren, daß ich zu der Gesellschaft des Hauptmannes gehöre.«

»Das soll er auch nicht. Sie verkleiden sich. Unser Friseur wird Ihnen einen famosen Bart und eine Glatze machen, die ihres Gleichen sucht. Sie steigen mit ihm in ein Coupé, um ihn beobachten zu können. Wir geben ihm ein Zeichen, an welchem er seinen Helfershelfer erst beim Aussteigen erkennt.«

»Er wird denken, Sie sind es.«

»Das soll er auch. Sie müssen also ganz so thun, als ob Sie der Hauptmann wären. Haben Sie noch eine Frage?«

»Nein, aber einen Wunsch.«

»Welchen?«

»Das Draufgeld!«


// 1656 //

»Sie haben es verteufelt eilig.«

»Die Reise kostet eben Geld.«

»Nun, hier haben Sie!«

Er öffnete die Börse und gab ihm einen Betrag, mit welchem der Agent sichtlich zufrieden war. Dann zog er ein Blatt Papier und ein Couvert hervor und schrieb auf das Erstere:

»Mir ist daran gelegen, die Reise so bald wie möglich zu machen. Paßt es Ihnen nicht bereits heute? Wenn dies der Fall ist, so kommen Sie drei Uhr nach dem Bahnhofe und lösen Sie sich ein Billett dritter Klasse. Beim Aussteigen an dem betreffenden Orte werde ich Sie mit den Worten empfangen: 'Willkommen zur That!' Das ist das Erkennungszeichen. Also, wenn es Ihnen paßt, so geben Sie dem Wirthe hier in einem Couverte einen Zettel, auf den Sie ein einfaches 'Ja' schreiben. Ist dies aber nicht der Fall, so schreiben Sie mir die Zeit auf, in welcher es Ihnen möglich ist. Das muß aber dann ganz bestimmt sein. Ich liebe die Pünktlichkeit.«

Er steckte diesen Zettel in das Couvert und ging damit zum Wirthe, bei dem er sich erkundigte:

»Haben Sie den Menschen bemerkt, welcher mit uns Sechsundsechzig spielte? Er ist ein Diener?«

»Ja; ich habe gehört, daß er Ihnen sagte, er diene bei der amerikanischen Tänzerin.«

»Schön! Er wird wohl bald kommen und soll dieses Couvert erhalten, darf aber nicht wissen, daß es von mir ist. Es handelt sich nämlich um einen Geburtstagsscherz.«

»Ich will es besorgen. Soll ich es ihm erst geben, wenn Sie sich dann entfernt haben?«

»Nein, sondern sobald er sich gesetzt hat.«

Und als ob er gerufen worden sei, trat, als der Hauptmann sich kaum wieder niedergesetzt hatte, der Diener ein. Er grüßte höflich und that so, als ob er sich einen anderen Tisch wählen wolle, aber der Agent meinte:

»Warum dorthin? Wollen Sie nicht auch heute wieder ein Spielchen mit uns machen?«

»Heute bin ich sehr beschäftigt. Ich gehe gleich wieder. Aber, wenn Sie erlauben, werde ich für diese kurze Zeit bei Ihnen Platz nehmen.«

Er setzte sich an ihren Tisch, und der Agent fragte im Tone, als ob er eben nur das Gespräch fortsetzen wolle:

»Was haben Sie denn heute so Eiliges zu thun?«

»Eine Reise.«

»Ah, Ihre Herrin verreist?«

»Nein. Ich habe mir Urlaub geben lassen.«

»Wohin?«

Der schlaue Polizist heuchelte eine verlegene Miene, wartete ein Wenig und antwortete dann:


Ende der neunundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk