Lieferung 71

Karl May

2. Januar 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1681 //

mit Anton sprechen; dann werde ich wissen, was zu thun ist. Jedenfalls haben die Schmiede ihr Absteigequartier, wo wir sie fassen können.«

Er begab sich nach der vorderen Seite des Palais, wo er Anton fand.

»Ist der Baron daheim?« fragte er.

»Ja. Er wird sich soeben zum Essen begeben.«

»Hat er Gäste?«

»Nein.«

»Ist etwas Ungewöhnliches geschehen?«

»Nein. Ich habe mit meiner Heißgeliebten geplaudert. Das ist Alles.«

Das war eine kleine Vertraulichkeit, welche sich der Fürst gern gefallen ließ, weil er ganz genau wußte, daß diesen Worten eine weit werthvollere Mittheilung folgen werde.

»Gönne Dir das Vergnügen. Doch nicht blos von Liebe?«

»Ich hatte mir kürzlich den Schlüssel zur Hinterpforte bei ihr bestellt, den wir außerordentlich gut gebrauchen können. Hier ist er, Durchlaucht.«

»Das ist prächtig, prächtig! Ob's aber der richtige ist!«

»Sie versicherte es.«

»So werde ich gleich einmal probiren. Also, Du sagtest, daß der Baron jetzt speise?«

»Er hatte für jetzt das Souper bestellt.«

»Gut. So kann ich in Gemüthlichkeit recognosciren. Punkt zehn Uhr kommen die Schmiede. Bleibst Du hier?«

»Eigentlich wollte die Zofe mich hinaufhaben.«

»So gehe. Es ist vielleicht vortheilhafter für uns. Da aber fällt mir ein: Du warst ja wohl bereits in den Gemächern des Barons?«

»Ja, damals, als ich die Gnädige wegen der Juwelen belauschte.«

»Wie sind die Räumlichkeiten?«

»Ich bin nur bis in die Garderobe gekommen.«

Er beschrieb die Zimmer, soweit er sie gesehen hatte, und sodann begab der Fürst sich zu Leonhardt.

»Ich habe den Schlüssel zu dieser Pforte,« sagte er. »Du wirst jetzt mitkommen, um zu recognosciren.«

Er öffnete. Der Schlüssel that seine Pflicht ohne eine Spur von Geräusch. Als sie die Thür hinter sich wieder verschlossen hatten, zog der Fürst sein chemisches Glaslaternchen hervor. Es entfaltete ein so helles phosphorisches Licht, daß man sich ganz gut zu orientiren vermochte. Sie standen vor einer schmalen, steilen Holztreppe.

»Wir müssen hinauf.«

Bei diesen Worten schritt der Fürst voran, und Adolf folgte. Die Treppe führte zu einem langen, aber nicht breitem Zimmer, in welchem eine Menge von Kleidungsstücken, Perrücken und Bärten hingen.

»Ah, seine Garderobe, in welcher er sich verkleidet!« flüsterte Adolf. »Jedenfalls. Von hier aus tritt er seine heimlichen Ausflüge an. Sehen wir weiter.«


// 1682 //

Sie gelangten in das Schlafgemach, welches nicht erleuchtet war, und von hier aus führte eine Portiere in ein Arbeitscabinet, in welchem eine Studierlampe brannte.

»Hier wird er sie wahrscheinlich empfangen,« bemerkte der Diener. »Denn in den Salon wird er sie wohl nicht bringen lassen.«

»Ganz gewiß nicht. Ah! Schau, dort liegt eine offene Depesche! Sehen wir, ob es die richtige ist.«

Er trat hinzu und las.

»Ja, sie ist's. Und da - ein Extrablatt. Hier steht:

'Wir lassen am heutigen Nachmittage ein Extrablatt erscheinen, um unsere Leser mit einer Tragödie bekanntzumachen, deren Helden die beiden bekannten und berüchtigten Schmiede Wolf aus Tannenstein sind -'«

Der Fürst las den kurzen, aber bombastisch gehaltenen Bericht bis zu Ende und sagte dann:

»Er weiß also genau, vom wem er die Depesche erhalten hat. Und siehe - dort auf dem Schreibtische steht Wein und dabei liegen Eßwaaren. Ja, er erwartet die Wolfs. Er will ihnen zu essen und zu trinken geben. Hier an der Uhr ist es halb Zehn.«

»Was thun wir?«

»Du gehst zurück, sorgst dafür, daß eine Droschke auf uns wartet und hältst unten an der Thür, welche Du nur anlehnst, Wacht.«

»Und Sie?«

»Ich bleibe hier.«

»Wie gefährlich!«

»O nein. Ich habe diese Menschen auf keinen Fall zu fürchten. Sorge nur dafür, daß die Thür nicht verschlossen ist. Du stellst Dich innerhalb derselben auf, damit ich schnell hinauskomme, falls ich zum eiligen Rückzug gezwungen bin.«

»Wo aber stecken Sie sich hin?«

»Da hinter das Bett. Hier ist der Schlüssel. Gehe jetzt!«

Adolf wollte noch einen Einwand machen. Er wollte den Fürsten nicht in einer so gefährlichen Lage allein lassen, zog sich aber auf einen gebieterischen Wink desselben zurück.

Jetzt nun untersuchte der Fürst das Bett. Es stand zwischen vier Säulen, welche einen blauseidenen Wolkenhimmel trugen. Reiche Gardinen von eben solcher Seide wallten hernieder. Zwischen diesen letzteren und dem eigentlichen Bette war so viel Raum, daß der Fürst ganz gut Platz fand. Er machte es sich bequem, indem er sich auf den Teppich niedersetzte und nun das Commando erwartete.

Es dauerte nicht lange, so kam der Baron in sein Arbeitscabinet. Ein Diener schien ihm zu folgen.

»Höre, Jean,« sagte der Baron. »Gegen zehn Uhr wird eine Person oder werden zwei Personen nach mir fragen, welche zum Arbeiterstand gehören.


// 1683 //

Der Grund ihrer Anwesenheit bezieht sich auf die Verwaltung eines meiner Güter. Sie werden vorgelassen, und Du bringst sie mir hierher.«

»Sehr wohl, gnädiger Herr.«

»Jetzt ist's gut!«

Der Diener entfernte sich und der Baron begann, in seinem Zimmer ruhelos auf und ab zu gehen.

So verging über eine Viertelstunde. Da hörte der Fürst harte Schritte; es öffnete sich eine Thür und die Stimme des Dieners erklang:

»Hier, gnädigster Herr, ist der Mann.«

»Gut. Kannst abtreten.«

Als der Diener die Thür hinter sich zugemacht hatte, hörte der Fürst den Eingetretenen sagen:

»Herr Baron, Sie werden -«

»Pst! Schweigen Sie!«

Der Baron trat an die Thür und lauschte. Dann öffnete er dieselbe leise und blickte hinaus, bevor er sie wieder verschloß. Dann sagte er.

»So; der Diener ist wirklich fort. Diese Menschen sind oft im höchsten Grade neugierig. Jetzt können wir reden.«

»Haben Sie meine Depesche erhalten?«

»Ja. Dort liegt sie. Aber, Mensch, was ist Euch denn eingefallen, he!«

»Na, sollen wir noch länger stecken bleiben!«

»Nein. Aber zu morden braucht Ihr doch nicht!«

»Es ging nicht anders.«

»Da liegt ein Extrablatt, welches nach dem telegraphischen Berichte Alles bringt. Es herrscht eine fürchterliche Aufregung. Die Polizei des ganzen Landes ist auf den Beinen.«

»Wir auch.«

»Spotten Sie nicht, Wolf! Ihre Lage ist gefährlich genug!«

»Ganz und gar nicht. Ich bin bei Ihnen.«

»Sie denken, daß ich mich Ihrer abermals annehmen werde?«

»Ich denke es nicht blos, sondern ich weiß es.«

»Sie sind es gar nicht werth.«

»Oho!«

»Nein. Als ich Sie aus Tannenstein fortschaffte, da hatten Sie nichts Eiligeres zu thun, als die Dummheit zu machen, sich in dem Kohlenwerk zu verstecken. Dort hat man Sie ganz einfach bei der Parabel genommen. Und wenn ich Ihnen heute forthelfe, wer weiß, welche Dummheit Sie dann wieder begehen!«

»Es wird nichts, gar nichts begangen. Es kann nur eins geschehen: Wir wandern aus.«

»Wohin?«

»Ueber das Meer.«

»Das geht nicht so leicht.«

»Es wird schon gehen. Wir verlassen uns auf Sie.«


// 1684 //

»Erzählen Sie erst, wie es Ihnen in der Gefangenschaft gegangen ist!«

»Schlecht genug. Ich will gar keine lange Rede halten. Wir gestanden eben nichts und damit basta! Heute früh wurden wir zum ersten Male zusammen vorgeführt; da drückte ich dem Actuar die Gurgel zusammen und mein Sohn machte ihn mit der Papierscheere vollends stumm. Wir sprangen zum Fenster hinaus. Das ist Alles, was ich zu erzählen habe.«

»Wie kamt Ihr so schnell nach der Residenz?«

»Der Bergwirth hat uns hergefahren.«

»Ah, Der! Der thut's aus alter Kameradschaft. Aber, weiß er, bei wem Sie jetzt sind?«

»Nein.«

»Er darf es nie erfahren. Wo haben Sie ausgespannt?«

»Im goldenen Ring.«

»Da steckt auch Ihr Sohn?«

»Ja.«

»Aber, Mensch, wenn man Euch nun erwischt.«

»Das thut man eben nicht. Wir lassen uns gar nicht sehen.«

»Wie ist das möglich?«

»Nun, der Bergwirth ist in den Hof gefahren. Wir steckten im Wagen unter dem Stroh. Dort steckt mein Sohn noch; ich aber habe mich heimlich davongemacht. Nun aber fragt es sich, was Sie uns rathen.«

»Das ist freilich schwierig. Wie wollt Ihr denn über das Wasser kommen?«

»Mit Ihrer Hilfe. Ich bin überzeugt, daß Sie uns Alles geben, was wir brauchen.«

»So, so! Und was braucht Ihr denn?«

»Geld, eine Verkleidung und falsche Pässe. Sie haben das Alles, Herr Baron!«

»Hm! Wieviel Geld werdet Ihr wohl brauchen?«

»Pro Mann zehntausend Gulden.«

»Mensch, sind Sie verrückt?«

»Nein.«

»Zwanzigtausend Gulden!«

»Ja, nicht mehr und nicht weniger.«

»Glauben Sie, daß mir das Geld zur Feueresse hereinfällt?«

»Nein; aber der Hauptmann und die vielen Waldkönige haben doch mit der Zeit sehr schöne Summen eingenommen!«

»Ihr seid auch gut bezahlt worden!«

»Was nutzt uns das jetzt? Was wir hatten, ist hin. Haus und Hof sind verloren! Kaufen Sie es uns ab.«

»Werde mich hüten!«

»Na, also! So wird wohl von den Hunderttausenden, welche Sie an und mit uns verdient haben, soviel abfallen, daß die beiden flüchtigen Schmiede fort können.«


// 1685 //

»Aber zwanzigtausend Gulden nicht!«

»Billiger können wir es nicht machen.«

»Und wenn ich das nicht bezahle?«

»So sind wir geschiedene Leute.«

»Ihr aber seid verloren!«

Die Augen des Alten flammten zornig.

»Noch lange nicht,« sagte er.

»Ah! Was wolltet Ihr machen?«

»Ich habe gepascht, und mein Gewissen war nicht dagegen. Ich habe heut gemordet, und ich fühle keine Vorwürfe, denn es geschah aus Nothwendigkeit. Ich werde mich auch gar nicht bedenken, für einige Wochen den Räuberhauptmann zu machen. Dann aber bin ich reich genug.«

»Pah! Stellen Sie es sich nicht so leicht vor, ein Schinderhannes zu sein. Die Polizei ist aufmerksam.«

»Ich würde ihre Aufmerksamkeit von mir ablenken.«

»Auf wen?«

»Auf Sie.«

»Das lassen Sie sich vergehen!«

»Oho! Erinnern Sie sich Ihres Schusses im Walde, welcher den Hauptmann von Hellenbach traf? Wir haben es gesehen. Brandt war unschuldig. Ich würde Sie anzeigen als Mörder, als Pascherkönig und als Diebesbandenhauptmann.«

»Das sagen Sie nur, um mir zu drohen!«

»Glauben Sie das nicht! Wir machen Ernst. Das Messer steht uns an der Kehle, und wenn wir verloren gehen sollen, so gehen Sie mit. Sie haben die Seidelmann's ins Unglück gestürzt, ohne sich zu verletzen. Bei mir und meinem Sohne gelingt Ihnen das nicht. Also, ich habe keine Zeit. Machen wir es also kurz! Zwanzigtausend Gulden!«

»Nein. Zehntausend will ich geben.«

»Gute Nacht!«

Er drehte sich um und schritt nach der Thür.

»Halt!« sagte der Baron. »Nehmen Sie doch Verstand an.«

»Haben erst Sie welchen!«

»Ich besitze jetzt nicht zwanzigtausend.«

»So schaffen Sie es sich an!«

»Können Sie mir Zeit geben?«

»Ja.«

»Wie lange?«

»Einen vollen Tag.«

»Zum Teufel! Ein Tag genügt nicht, um eine solche Summe zu beschaffen.«

»Der Baron von Helfenstein hat Credit!«

»So denken Sie! Wo wollt Ihr überhaupt während dieses Tages Euch aufhalten?«


// 1686 //

»Wir werden schon ein Versteck finden.«

Der Baron schien sich zu bedenken. Er schritt wortlos im Zimmer auf und ab. Nach einer Weile fragte er:

»Haben Sie Hunger oder Durst?«

»Nein.«

»Hier ist Wein und verschiedenes Eßwerk.«

»Danke! Der Bergwirth hat für uns gesorgt. Ihm muß ich hundert Gulden geben. Die müssen Sie schaffen, und zwar jetzt gleich, sofort.«

»Warum so schnell?«

»Weil er mit dem Frühesten wieder zurückfährt.«

Der Baron begann seine Zimmerwanderung von Neuem. Endlich blieb er vor Wolf stehen und sagte:

»Ich habe es mir überlegt. Ich will zwanzigtausend Gulden geben, morgen um diese Zeit. Aber ich stelle an diese Zahlung zwei Bedingungen.«

»Welche?«

»Erstens müssen Sie mir sagen, wie es mit dem kleinen Robert von Helfenstein steht.«

»Das wissen Sie ja bereits.«

»Ich weiß nur, daß Sie damals die Dummheit begangen haben, ihn nicht mit verbrennen zu lassen. Wollen Sie aufrichtig sein?«

»Wenn Sie das Geld geben, ja.«

»Sie erhalten es!«

»Gut! Wie es jetzt um mich steht, kann es mir sehr gleichgültig sein, ob Sie wissen, wer der Sohn des ermordeten Barons ist, oder nicht.«

»Also! Wer ist es?«

»Erst das Geld!«

»Donnerwetter! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es bezahle. Aber ich bezahle nicht eher, als bis Sie gesprochen haben.«

»Na, meinetwegen! Ich habe den Jungen der Botenfrau in das Bett des kleinen Bertram gethan, diesen aber nach der Hauptstadt in das Findelhaus geschafft.«

»Wissen Sie, was aus dem Kinde geworden ist?«

»Jawohl. Ich hatte einmal einige grillige Wochen. Es ließ mir keine Ruhe; ich ging, um mich nach dem Jungen zu erkundigen. Ein gewisser Bertram, ein Schneider und Musikant, hatte ihn an Kindesstatt angenommen.«

»Alle Teufel! Der Junge hieß also nun - - -«

»Robert Bertram!«

»Wissen Sie, wo sein Vater wohnte, sein Pflegevater?«

»In späterer Zeit Wasserstraße Nummer Elf.«

»Verdammt und abermals verdammt! Hatte der Junge irgend ein Kennzeichen bei sich?«

»Eine Kette mit einem goldenen Herzchen.«

»Die haben Sie mit in das Findelhaus gegeben?«


// 1687 //

»Ja.«

»Sie dreifacher Esel und zehnfacher Dummkopf!«

»Hm! Ich wollte, ich wäre damals noch hundertmal dümmer gewesen und hätte mich mit der ganzen Geschichte gar nicht eingelassen. Sie sind mein Teufel gewesen.«

»Dieser Robert Bertram kann mir noch heute die ganze Baronie abnehmen.«

»Das kann er allerdings, wenn ich auftrete!«

»Das werden Sie aber wohl bleiben lassen!«

»Wenn Sie morgen zahlen, schweige ich!«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich bezahlen werde.«

»Sie machten zwei Bedingungen. Die erste habe ich jetzt erfüllt; nun sagen Sie mir die zweite!«

»Die läuft auf Ihre Sicherheit hinaus.«

»Wirklich? Das wäre sehr schön von Ihnen!«

Das klang geradezu höhnisch. Der Baron kehrte sich nicht daran. Er fuhr fort:

»Wo wollen Sie bleiben bis morgen?«

»Jetzt weiß ich es noch nicht.«

»Sie befinden sich überall in Gefahr.«

»Allerdings, doch hoffe ich schon, für so kurze Zeit ein heimliches Plätzchen zu finden.«

»Es ist schon gefunden.«

»Ah! Wo denn?«

»Bei mir.«

»Danke sehr, Herr Baron!«

»Wie? Sie schlagen es aus?«

»Wie Sie hören.«

»Warum?«

»Ich habe meine guten Gründe.«

»Aber gerade das ist die zweite Bedingung, die ich stelle. Sie holen jetzt Ihren Sohn hierher!«

Der Schmied stieß ein eigenthümlich höhnisches Kichern aus, daß der Fürst im Stillen wünschte, sein Gesicht zu sehen.

»Und ich erwarte Sie unten an einer geheimen Thür,« fuhr der Baron fort.

»Schön! Befehlen Sie weiter!«

»Ich beherberge Sie bis morgen Nacht. Da zahle ich Ihnen das Geld aus, gebe Ihnen gute Pässe und eine ebenso vortreffliche Verkleidung und bringe Sie dann mit meinem eigenen Geschirr nach einem entlegenen Bahnhofe, von welchem aus Sie Ihre Reise mit größter Sicherheit antreten können.«

»Das alles wollen Sie thun?«

»Ja.«

»Welch' ein gutes Herz Sie haben!«


// 1688 //

»Sie haben mir treu gedient!«

»Dafür wollen Sie uns erkenntlich sein!«

»Ja, gewiß!«

»Und wir sind doch so undankbar!«

»Wieso?«

»Wir nehmen Ihren menschenfreundlichen Vorschlag leider Gottes nicht an, Herr Baron.«

»Nicht? Warum nicht?«

»Aus keinem als dem einzigen Grunde, daß wir zwei verteufelt vorsichtige Kerle sind.«

»Was soll das heißen? Ich hoffe doch nicht - - -«

»Was hoffen Sie nicht?«

»Das Sie mir mißtrauen.«

»Ja, gerade das thun wir.«

»Alle Teufel!«

»Hm, und doch! Da helfen selbst alle Teufel nichts. Wir bekämen bei Ihnen ein Asyl, welches unser letztes, unser allerletztes sein würde. Davon bin ich überzeugt.«

»Wolf!« brauste der Baron auf.

»Pah! Sie haben für Ihren Cousin ein Rasirmesser und für den Hauptmann von Hellenbach eine Kugel gehabt. Den kleinen Robert sollte ich in Ihrem Auftrage ermorden - - das Alles, weil Ihnen diese Personen im Wege waren. Jetzt sind wir Beide Ihnen im Wege, ganz sackermentisch im Wege. Ich danke für das Asyl, welches Sie uns bieten. Sie haben als Waldkönig und als Hauptmann kein Gewissen gehabt; jetzt ist Ihre Frau verschwunden, wie ich gehört habe. - Donnerwetter! Ich will auswandern, aber verschwinden will ich nicht.«

Da trat der Baron einen Schritt auf ihn zu und sagte mit vor Zorn zischender Stimme:

»Mensch, das wagst Du mir zu sagen, mir, Deinem Herrn und Meister?«

»Oh, mit der Herr- und Meisterschaft hat es ein Ende!«

»Ich kann Dich zermalmen!«

»Das geht nicht so schnell! Hier stehe ich. Fassen Sie mich einmal an! Noch sind meine Schmiedefäuste von Eisen. Und wenn Sie zu anderen Waffen greifen, so habe ich hier diesen geladenen Revolver. Er hat seinem Besitzer, dem erstochenen Actuar, keinen Nutzen gebracht, zu meinem Schutze aber würde er mehr als ausreichen!«

»Pah! Es giebt andere Mittel!«

»Etwa Gift, Säure oder Gas? Ich sage Ihnen: Jetzt ist es an Ihrer Uhr dreiviertel auf Elf. Bin ich um Elf noch nicht bei meinem Sohne, so geht er auf die Polizei und läßt Sie arretiren. So haben wir es besprochen, und so wird es gemacht. Darauf verlassen Sie sich!«

»O, er wird sich hüten, sich selbst in's unvermeidliche Verderben zu stürzen.«

»Sie wären so ein Feigling; er aber ist ein Wolf; er ist mein Sohn.


// 1689 //

Er fürchtet den Tod nicht. Ich warne Sie! Lassen Sie keine Minute zuviel verstreichen!«

Der Baron mußte es dem Schmiede ansehen und anhören, daß dieser in unerschütterlichstem Ernste spreche. Er warf einen besorgten Blick auf die Uhr und sagte:

»Aber anderwärts als bei mir befinden Sie sich in augenscheinlichster Gefahr, ergriffen zu werden.«

»Wir werden uns zu wahren wissen!«

»Nun gut! Kommen Sie morgen Abend zehn Uhr.«

»Wird das Geld bereit liegen?«

»Ja.«

»Die Pässe und das Andere?«

»Ja. Bringen Sie Ihren Sohn mit, damit ich ihn doch noch einmal zu sehen bekomme.«

»Der kommt nicht mit.«

»Warum nicht?«

»Kommen wir Beide, so sind wir verloren. Einer von uns muß fortbleiben; dann sind wir sicher.«

»Hartkopf verteufelter.«

»Mag ich hartköpfig sein! Das ist jedenfalls besser, als wenn ich wie ein dummer Staar in die Schlinge fliege, welche ich offen sehe.«

»Ich sehe, daß es am Besten ist, Sie schwatzen zu lassen. Aber Eins bitte ich mir aus. Kommen Sie morgen nicht wieder so wie heute durch den öffentlichen Eingang.«

»Warum nicht?«

»Die Polizei sucht Sie. Ich werde ihr doch nicht merken lassen, daß Sie bei mir verkehren.«

»Gut, meinetwegen! Giebt es denn einen anderen Weg?«

»Ja. Wenn Sie um die obere Ecke meines Palais biegen, so kommen Sie an ein kleines Pförtchen. Dieses wird volle fünf Minuten vor der angegebenen Zeit für Sie offen stehen.«

»Soll ich diesen Ausgang auch jetzt benutzen?«

»Nein. Meine Leute haben Sie kommen sehen; sie müssen auch bemerken, daß Sie wieder gehen.«

»Schön! Haben Sie noch einen Befehl?«

»Nein. Aber wissen möchte ich doch, wo Sie bis morgen Abend ein Versteck suchen werden.«

»Dies zu wissen, kann Ihnen keinen Nutzen, uns aber nur Schaden bringen. Gute Nacht!«

Er ging. Der Baron ballte hinter ihm die Fäuste gegen die Thür und knirschte voller Grimm:

»Alter Teufel, ich überliste Dich doch! Das Geld sollst Du erhalten; aber wenige Minuten später nehme ich es Euch wieder ab. Ich werde meine Leute so postiren, daß Ihr uns unmöglich entgehen könnt!«


// 1690 //

Diese Worte waren so laut gesprochen, daß der Fürst, welcher sich leise hinter dem Bette hervorschlich, sie noch zu hören vermochte. Dann huschte er vorsichtig nach der Garderobe und von da zu der Treppe hinunter.

Unten stand Adolf im Finstern.

»Fertig?« fragte er.

»Ja. Schnell fort! Wo steht die Droschke?«

»Drüben an der Ecke.«

»Den Schlüssel her!«

Er schloß die Pforte zu und eilte mit Adolf nach der Droschke, welche schon längst da gewartet hatte.

»Gasthof zum goldenen Ring!« sagte er. »Wo liegt er?«

»In der Marienvorstadt,« antwortete der Kutscher.

»Kommen wir da an einer Polizeiwache vorüber?«

»Ja. Sie liegt nicht weit von dem Gasthofe.«

»Halten Sie dort!«

Das Pferd setzte sich in Bewegung. Bald kamen sie an einem hoch und stark gebauten Mann vorüber, welcher langsam die Straße hinabschritt.

»Das ist der Schmied,« sagte der Fürst. »Er geht langsam. Wir haben also Zeit.«

Als sie die Polizeiwache erreichten, stieg er ab und ging hinein. Es war wohl gegen ein Dutzend Polizeier beisammen. Nach seinem Wunsche gefragt, antwortete er:

»Meine Herren, ich bin Der, den man den Fürsten des Elends zu nennen pflegt. Haben Sie Ihre Instructionen bezüglich der beiden Schmiede Wolf erhalten?«

»Ja,« ertönte die Antwort.

Sie Alle standen in Achtung vor dem Manne, welcher den so berühmten und doch so geheimnißvollen Namen genannt hatte. In seiner gegenwärtigen Verkleidung konnten sie in ihm den Fürsten von Befour nicht erkennen.

»Wollen Sie ihn fangen?« fragte er weiter.

»Ja, ja! Ist er da? Ist er in der Residenz?«

»Nicht nur er, nicht nur Einer von ihnen, sondern sie alle Beide befinden sich hier.«

»Wo?«

»Im Gasthofe zum goldenen Ring. Bitte, nehmen Sie Hand- und Fußschellen mit und folgen Sie mir.«

Diesem Gebote wurde sofort Folge geleistet. Er stieg gar nicht wieder in die Droschke. Er ließ Adolf aussteigen und lohnte den Kutscher ab. Sie begaben sich zu Fuß nach dem Gasthofe. Unterwegs erklärte er ihnen:

»Im Hofe des Gasthauses wird ein Wagen stehen. Unter dem darin befindlichen Stroh steckt der Sohn. Der Vater ist ausgegangen, wird aber in wenigen Minuten zurückkehren. Es wird gut sein, wenn der Sohn bis dahin bereits gebändigt ist. Die Beiden sind stark.«

»O, wir fürchten uns nicht.«


// 1691 //

»Warten Sie es ab!«

Sie schritten hinter ihm her und musterten ihn mit scheuen, ehrfurchtsvollen Blicken.

Der Gasthof lag, wie der Kutscher bemerkt hatte, nicht weit entfernt. Vor der Thür stand der Hausknecht, welcher sich nicht wenig wunderte, eine solche Anzahl von Polizisten auf sich zukommen zu sehen.

»Haben Sie heute viel Wagenverkehr gehabt?« fragte der Fürst.

»Ziemlich viel.«

»Behalten Sie davon über Nacht?«

»Nur zwei.«

»Ist ein Wagen aus dem Oberlande dabei?«

»Ja. Er war zweispännig.«

»Wo ist der Fuhrmann?«

»Er sitzt in der Stube und spielt Schafkopf.«

»Zeigen Sie uns den Wagen, aber vermeiden Sie dabei alles Aufsehen.«

Der Hausknecht führte sie in den Hof.

»Dort steht er,« sagte er, auf den Rollwagen deutend.

»Suchen Sie, meine Herren!«

Auf diese leise gesprochenen Worte des Fürsten traten die Polizisten an den Wagen, stiegen von allen Seiten auf und griffen unter das Stroh.

»Ah, hier steckt ein Mensch!« sagte Einer.

»Heraus mit ihm!«

Der junge Schmied wurde gepackt und emporgezogen. Er erblickte die Uniformen und wußte, woran er war.

»Alle Teufel!« schrie er auf. »Mich sollt Ihr aber doch nicht haben, Ihr Hallunken!«

Sie wußten gar nicht, wie das kam - einige Armstöße Wolf's und die Polizisten flogen nach allen Seiten vom Wagen herunter. Ein Sprung, und er stand mitten unter ihnen. Er schlug sie auseinander, wie ein Löwe eine Hundemeute zertheilt. Dann sprang er dem Ausgange zu. Aber er sollte nicht weit kommen. Dort stand der Fürst. Die Polizisten, welche sich schnell wieder emporgerafft hatten, sahen beim Scheine der Laterne in seiner Hand Etwas metallisch hell aufblitzen, und in demselben Augenblicke lag der Schmied langgestreckt am Boden.

»Fesseln Sie ihn rasch, ehe sein Vater kommt, und legen Sie ihn einstweilen in den Stall. Wir haben keine Minute Zeit zu verlieren.«

Dieser Befehl wurde sofort befolgt. Einer sagte:

»Geben wir ihm einen Knebel, damit er nicht schreien kann.«

»Das ist nicht nothwendig,« meinte der Fürst. »Er wird unter zwei Stunden nicht erwachen.«

Sie trugen den Gefesselten in den Stall und legten ihn auf das Stroh; dann wurden sie vom Fürsten in einen finsteren Winkel beordert, wo sie nicht sogleich gesehen werden konnten.

Auch der Hausknecht mußte sich zu ihnen stellen, damit er dem Alten


// 1692 //

nicht im Wege stand, da dieser jedenfalls nur dann in den Hof kommen würde, wenn er sich unbemerkt glaubte.

Bereits nach ganz kurzer Zeit sah der Fürst ihn draußen auf der Straße langsam vorübergehen und dabei mit scharfen Blicken den Flur und den Hof mustern. Als er keinen Menschen bemerkte, kam er schnell herein, trat an den Wagen und sagte halblaut:

»Pst! Ich bin wieder da!«

Und als weder eine Antwort noch irgend eine Bewegung innerhalb des Wagens erfolgte, wiederholte er:

»Hörst Du? Ich bin da!«

Da erklang es in freundlichem Tone hinter ihm:

»Er ist nicht mehr d'rin!«

Auf das heftigste erschrocken, drehte er sich um. Der Fürst stand so, daß der Schein der Lampe auf sein Gesicht fiel. Dieses Gesicht hatte der Schmied gesehen; er kannte es sehr genau, sich zum Unglücke.

»Der Fürst des Elends!« sagte er bestürzt.

»Ja, ich bin es. Sie suchen Ihren Sohn? Er ist fort.«

»Donnerwetter! Wohin denn?«

Wäre er nicht gar so sehr überrascht gewesen, so hätte er sicherlich gehandelt, ohne erst zu fragen.

»Der arme Kerl ist arretirt,« sagte der Fürst.

»Arretirt?« wiederholte der Alte, der nun erst wieder zum Begreifen der Situation gelangte. »Arretirt? Aber bei allen Teufeln, mich sollt Ihr nicht bekommen!«

Er drehte sich um, in der Absicht, zu entspringen, sah sich aber sofort von den Polizisten umringt.

Nun entstand ein fürchterliches Ringen. Der Alte schlug um sich wie ein rasender Roland und brüllte vor Wut wie ein wildes Thier. Die Polizisten flogen nur so zu Boden. Der Fürst stand von fern und sah lächelnd zu.

Aber gerade das Brüllen wurde dem Alten verderblich. Die Gäste hörten es und kamen herbeigeeilt.

»Was giebt es hier? Wer ist das?«

»Der alte Schmied Wolf, der Mörder!« keuchte einer der Beamten. »Greift mit zu! Der Kerl ist wüthend.«

Da half ihm nun alle seine Kraft nichts. Dreißig, vierzig Hände streckten sich nach ihm aus. Er ward zusammengedrückt, daß er keiner Bewegung mehr fähig war, und in kurzer Zeit hatte man ihm Hand- und Fußschellen angelegt, so daß an eine Flucht nicht zu denken war.

»Den müssen wir uns ansehen!« rief es von allen Seiten. »Schafft ihn in die Stube.«

»Seinen Sohn auch!« meinte der Hausknecht. »Er liegt hier im Stalle.«

Der Alte wurde in die Stube gestoßen, sein Sohn aber hineingeschleppt. Dort wurde ein vorläufiges Legitimationsverhör angestellt.

Nur Zwei waren nicht mit in das Gastzimmer gegangen: nämlich der


// 1693 //

ganz erschrockene Bergwirth, welcher nichts Eiligeres zu thun hatte, als seine Pferde aus dem Stalle zu ziehen und anzuspannen, und der Fürst, welcher ihm lächelnd zuschaute. Der Bergwirth stieg auf und fuhr zum Thore hinaus. Da hielt der Fürst die Pferde am Zügel fest und sagte:

»Bergwirth, wenn Sie auch jetzt entkommen, fassen wird man Sie doch. Sie haben zwei Mördern zur Flucht verholfen. Und damit Sie nicht auch noch wegen Zechprellerei bestraft werden, so machen Sie wenigstens, bevor Sie aufbrechen, Ihre Zeche ab. Ich bin der Fürst des Elendes und will Ihrer Flucht nichts in den Weg legen.«

Er ging. Der erschrockene Wirth aber stieg vom Wagen und trat in die Stube. Dort gab er der Kellnerin zwei Guldenstücke und sagte:

»Hier geht mir's zu laut zu. Da ist meine Zeche!«

Sie wußte nicht, daß man die beiden Schmiede in und an seinem Wagen gefangen hatte, und da alle anderen Anwesenden ihre Aufmerksamkeit einzig auf die Gefangenen richteten, so konnte er die Stube verlassen, ohne daran gehindert zu werden.

Der alte Wolf saß ingrimmig neben seinem Sohne, welchen man auf die Diele gelegt hatte, und gab auf keine der an ihn gerichteten Fragen eine Antwort.

»Verstockter Kerl!« sagte einer der Polizisten. »Wir bringen kein Wort aus ihm. Aber holt doch den Fürsten des Elendes herbei; dem wird er schon antworten.«

»Den Fürsten des Elendes? Wo ist er? War er hier?« erklang es rundum.

»Natürlich! Er kam ja zu uns und führte uns hierher. Er wird noch draußen im Hofe sein.«

Man ging hinaus. Man suchte und rief. Niemand sah ihn. Er war gegangen, so wie er gekommen: räthselhaft.

Nachdem er dem Bergwirthe seine Verwarnung gesagt hatte, war er nach dem Palais des Barons von Helfenstein zurückgekehrt. Da oben, in dem Arbeitszimmer des Barons, brannte noch Licht, und ein Schatten ging hin und her.

Auch das hohe, breite Portal war noch offen.

»Ah, ich werde zu ihm gehen,« flüsterte er. »Ich werde ihm jetzt die letzte Schlinge um den Hals legen.«

Er trat ein und stieg die Freitreppe hinauf. Droben im Corridor stand der Diener mit der Köchin scherzend beisammen. Beide wunderten sich, zu so später Zeit noch einen Fremden zu sehen.

»Was wünschen Sie?« fragte der Diener.

»Der Herr Baron ist daheim?«

»Nein.«

»Das ist nicht wahr. Er ist in seinem Arbeitszimmer!«

»Aber für so späte Visite doch nicht daheim.«

»Für mich ist er zu sprechen. Gehen Sie!«


// 1694 //

»Wen soll ich anmelden?«

»Er kennt meinen Namen. Sagen Sie, ein Bekannter wünsche ihn in einer dringenden Angelegenheit noch zu sprechen.«

Der Diener ging. Es währte eine ziemliche Weile, ehe er wiederkehrte. Er fragte:

»Ist die Sache wirklich so dringlich?«

»Wünschen Sie das zu wissen oder Ihr Herr?«

»Der Herr Baron. Er hat mir befohlen, noch einmal zu fragen. Wenn die Angelegenheit nicht nothwendig ist, bin ich es, der den Verweis erhält!«

»Sie ist unaufschiebbar.«

»So kommen Sie.«

Er führte ihn nach der betreffenden Thür, öffnete, ließ ihn eintreten und machte sie hinter ihm zu.

Der Baron saß am Schreibtische, den Kopf in die Hand gestemmt, und hielt das mehr als unmuthige Gesicht finsteren Blickes auf den Eintretenden gerichtet. Kaum aber war der Schein des Lichtes auf diesen gefallen, so sprang er von seinem Sitze auf und rief:

»Hölle und Teufel! Wer ist das?«

»Hoffentlich kennen Sie mich noch, Herr Baron?« sagte der Fürst, indem er eine halbe Verbeugung machte.

»Sie sind - Sie sind -«

Er brachte vor Schreck das Weitere nicht hervor.

»Ich hatte die Ehre, mich eines Frühmorgens mit Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin zu unterhalten!«

»Ja, ja! Weiß schon! Sie sind der Fürst des Elends!«

»Ich sehe, daß Sie mich nicht vergessen haben!«

»Nein. Sie haben schon dafür gesorgt, daß ich jenen Morgen nicht vergessen kann. Aber, zum Donnerwetter! Herr, Sie scheinen verdammt wenig Uebung in den Regeln des Anstandes zu besitzen!«

»Wieso?«

»Habe ich Sie rufen lassen oder eingeladen?«

»Nein. Ich komme aus eigener Intention.«

»Dann kommen Sie doch nicht morgens fünf Uhr oder Abends kurz vor Mitternacht! Und sagen Sie Ihren Namen, wenn Sie sich anmelden lassen!«

Der Baron bebte vor Zorn. Der Fürst aber lächelte ihm ruhig in's Gesicht und sagte:

»Ich komme gerade dann, wenn Ihnen meine Gegenwart am Dienlichsten ist; ich muß dabei Ihr Heil berücksichtigen, nicht aber die frühe oder späte Tagesstunde.«

»Mein Heil? Spotten Sie etwa?«

»Ganz und gar nicht.«

»War etwa Ihr letzter Besuch zu meinem Heile?«


// 1695 //

»Ganz gewiß, zumal Sie auf meinen Vorschlag, Ihre Frau zu entfernen, so bereitwillig eingegangen sind.«

»Der Teufel hole diesen Vorschlag! Die Frau ist fort!«

»Sie werden sie zu Ihrem Entzücken wiedersehen.«

»Danke für das Entzücken! Was aber wünschen Sie heute wieder bei mir?«

»Ich komme, um Ihnen eine freundschaftliche Mittheilung zu machen, Herr Baron.«

»Welche denn?«

»Daß Sie morgen Abend Ihre Leute nicht so postiren können, wie Sie es sich vorgenommen haben.«

»Meine Leute? Postiren? Ich verstehe Sie nicht.«

»So postiren, daß Sie Ihr Geld zurück erhalten.«

»Welches Geld denn?«

»Die zwanzigtausend Gulden.«

Der Baron wurde bleich wie eine Kalkwand. Er mußte seine ganze Kraft zusammen nehmen, um nicht in ein angstvolles Zittern zu verfallen.

»Ich weiß nichts von zwanzigtausend Gulden!« sagte er.

»Hm! Sollten Sie das vergessen haben? Es ist ja kaum eine halbe Stunde vergangen!«

»Herr! Reden Sie keinen Blödsinn!«

»Blödsinn?«

»Sie sprachen: 'Alter Teufel, ich überliste Dich doch! Das Geld sollst Du erhalten; aber wenige Minuten später nehme ich es Euch wieder ab. Ich werde meine Leute so postiren, daß Ihr uns unmöglich entgehen könnt!' Sind das nicht ganz genau dieselben Worte, welche Sie vorhin zu sich selbst sagten?«

Der Baron starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. War dieser geheimnißvolle Mann denn allwissend?

»Wann soll ich es gesagt haben?« fragte er fast stöhnend.

»Als der alte Schmied von Ihnen fortgegangen war.«

»Welcher Schmied?«

»Wolf aus Tannenstein.«

»Kenne ich nicht! Herr, leiden Sie an Hallucinationen?«

»Nein, aber Sie leiden an einer geradezu ungeheuren und unbegreiflichen Vergeßlichkeit. Ich werde mir gestatten, Ihrem Gedächtnisse ein wenig zu Hilfe zu kommen.«

»Das haben Sie nicht nöthig. Ich brauche Sie nicht. Ich habe keine Minute für Sie übrig. Gehen Sie!«

»Nun, ich kam, um Sie zu warnen. Wenn Sie meines Rathes nicht bedürfen, so werde ich gehen. Leider aber werden Sie dann in fünf Minuten arretirt sein.«

Er wendete sich zum Gehen um.

»Arretirt!« fuhr da der Baron auf. »Wer will es wagen, mich zu arretiren?«


// 1696 //

»Die Polizei,« antwortete der Fürst, indem er sich achselzuckend wieder zu ihm zurückwendete.

»Mich, den Baron von Helfenstein!«

»Das sind Sie ja nicht!«

»Was! Nicht?«

»Nein. Sie heißen Franz, während der echte Erbe der Baronie Robert heißt. Das wissen Sie wohl.«

»Mensch! Mann! Ich weiß nicht, was Sie meinen!«

»Und sodann arretirt man in Ihnen nicht den Helfenstein, sondern den sogenannten Hauptmann!«

»Herr!«

»Ferner den Waldkönig!«

»Herrrr! Solche Worte verbitte ich mir!«

»Den Mörder des eigenen Cousins und des Hauptmannes von Hellenbach!«

»Sie sind wirklich verrückt!«

»Den Mann ferner, welcher den Knaben Robert von Helfenstein und erst kürzlich sein eigenes Weib ermorden lassen wollte.«

»Mein Gott! Warum werfe ich Sie nicht hinaus!«

»Weil Sie nicht können, weil Ihnen der Muth des guten Gewissens dazu fehlt!«

»Was sagen Sie? Was? Mir fehlte der Muth? Ich will Ihnen zeigen, ob mir der Muth fehlt!«

"Er drang auf den Fürsten ein."

Er drang auf den Fürsten ein, um ihn bei der Brust zu packen. Dieser aber faßte ihn bei beiden Oberarmen, hob ihn empor und schmetterte ihn mit solcher Wucht gegen die Wand, daß er ganz zusammengebrochen zu Boden sank und kein Wort hervorzubringen vermochte.

Jetzt setzte sich der Fürst auf einen Sessel und sagte:

»Hören Sie mir zu. Ihre Frau befindet sich in meinen Händen. Sie ist gesund. Sie hat während ihrer Starrsucht Höllenqualen erlitten und alle Ihre Anschläge hören müssen. Sie glüht vor Begierde, sich an Ihnen zu rächen. Sie ist bereit, als Zeugin gegen Sie aufzutreten. Vor einigen Minuten habe ich die beiden Schmiede Wolf im Gasthofe zum goldenen Ring arretirt. Diese Männer werden gegen Sie zeugen. Ich werde die Pascher des Gebirges und die hiesigen Mitglieder Ihrer Bande gegen Sie hetzen. Ich werde bringen den Riesen Bormann und seinen Bruder, den Juden Salomon Levi, den Apotheker, welcher Ihnen die Gifte lieferte, den frommen Seidelmann und viele, viele Andere. Und auch Ihr Hauptfeind ist anwesend: Gustav Brandt, der Försterssohn. Ihr Verderben ist beschlossen. Es bleibt Ihnen nur die Wahl zwischen dem Schafot und einem freiwilligen Tode. Ich gebe Ihnen den Rath, diesen Letzteren zu wählen und vorher Ihr Herz und Gewissen zu erleichtern, damit Sie die Fehler Ihres Lebens möglichst wieder zum Besten kehren!«

Der Baron lag an der Erde. Es war ihm nicht anzusehen, ob er die Worte des Fürsten höre oder nicht. Dieser Letztere trat zu ihm, berührte leise seine Achsel und sagte dann in drohendem Tone:


// 1697 //

»So wie ich Sie jetzt hier niedergeschmettert habe, wird die Hand des Richters Sie zu Boden werfen, wenn Sie meinen Rath nicht befolgen. Ich gebe Ihnen drei Tage Frist. Gehen Sie während dieser Zeit zu Ihrer Cousine Alma von Helfenstein und gestehen Sie ihr die Geheimnisse der vergangenen Tage. Ist der dritte Tag verronnen, ohne daß Sie dies gethan haben, so wird die Faust der rächenden und öffentlichen Justiz über Sie kommen, und Ihr Ende wird ein Ende mit Schrecken sein!«

Er wendete sich und ging.

Der Baron lauschte den verhallenden Schritten; dann raffte er sich vom Boden auf. Seine Augen glühten, seine Wangen brannten, seine Lippen zitterten und seine Kniee schlotterten. Doch von Secunde zu Secunde wurde seine Haltung fester; sein Gang gewann an Kraft, aber die Stimme versagte ihm.

Da endlich, nachdem seine Brust lange gearbeitet hatte, machte sie sich in einem lauten, fast thierischen Schreie Luft.

»Himmeldonnerwetter! Ah! Oh! Wie ein Schulbube bin ich abgekanzelt worden! Was sagte er? Ich soll beichten und dann sterben, wenn ich nicht das Schafot besteigen will?«

Er schlug sich mit der Faust vor den Kopf und fuhr fort:

»Ja, das sagte er, so sagte er! Das hat er gewagt, und ich mußte es anhören. Er warf mich gegen die Wand, und ich mußte es mir gefallen lassen. Wer bin ich denn? Bin ich wirklich der Hauptmann, der Waldkönig, oder bin ich ein Schmachtlappen, den man nach allen Winden blasen kann? Hölle, Tod und Teufel!«

Er schlürfte im Zimmer auf und ab und blickte dabei in die Ecken, als ob er Gespenster suche.

»Aber sie kennen mich noch nicht!« knirschte er. »Ich weiß nun, woran ich bin! Ich sehe Alles klar, was mir bisher dunkel war. Drei Tage Zeit! Gut! In diesen drei Tagen werde ich aufräumen, fürchterlich aufräumen unter Euch, Ihr Hallunken!«

Er streckte die geballten Fäuste nach der Thüre hin, als ob dort Diejenigen ständen, denen diese Drohung galt.

»Tod über sie! Tod, Tod, Tod! Also bei diesem Fürsten des Elendes ist mein Weib. Sie war beim Fürsten von Befour gesehen worden. Beide sind also identisch. Dieser Befour stirbt, und mein Weib mit. Robert Bertram stirbt. Ich vernichte binnen dieser drei Tage jede Creatur, welche mir widerstrebt. Dann bin ich Sieger - Sieger - Sieger!«

__________
 


// 1698 //
 

Fünfte Abtheilung.

Die Sclaven der Ehre.

 
Krachende Stammbäume.

Es war am nächsten Morgen, da saßen in der bekannten Kellerrestauration wieder der emeritirte Cantor und Organist mit dem Agenten an ihrem gewöhnlichen Tische. In der Nähe hatten Andere gesessen, so daß es den Beiden unmöglich gewesen war, ein Wort über ihre Angelegenheiten zu sprechen. Jetzt nun waren diese Anderen gegangen, und so sagte der Agent:

»Das war eine ganz und gar verdammte Geschichte gestern. Kommen wir hin, und die Vögel sind ausgeflogen! Sie haben es doch wohl auch gehört!«

»Freilich. Die ganze Welt ist ja voll dieses Scandals!«

»Die Schmiede haben jedenfalls zu Ihnen gewollt?«

»Leider ja. Sie waren auch bei mir, wenigstens der Eine, der Alte.«

»Also doch! Und dann ließen sie sich fangen!«

»Fürchterliche Dummköpfe!«

»Was ist zu thun? Werden sie gegen uns aussagen?«

»Ich befürchte fast.«

»So müssen wir sie befreien.«

»Hm!«

Er wiegte dabei den Kopf hin und her, legte die Stirn in Falten und stemmte die Fäuste gegen den Tisch.

»Es kann uns nicht viel nützen. Sie lassen sich doch wieder fangen. Am besten wäre es - hm!«

Er zuckte die Achsel und knirschte mit den Zähnen.

»Ich verstehe!« meinte der Agent schlau.

»Was?«

»Soll ich es sagen?«

»Nur immer heraus!«

»Es wäre am Besten, die lieben Englein hätten die albernen Kerls droben bei sich!«

»Das ist's, was ich meine.«

»Nun, könnte man da nicht nachhelfen?«

»Ich würde für eine solche Nachhilfe tausend Gulden pro Kopf bezahlen!«

»Tausend Gulden! Ist's wahr?«

»Ja.«

»Das wären zweitausend Gulden. Ein schönes Geld!«


// 1699 //

»Ich gebe es aber.«

»Wann?«

»Sofort nach der sicheren Nachricht, daß die lieben Englein ihren Besuch bekommen haben.«

»Die Hand darauf!«

»Hier!«

Sie schlugen ein. Ueber das Leben der beiden Wolfs war also abgeurtheilt.

»Aber wie?« fragte der Hauptmann.

»Pah! Ein Schuß durch das Gitterfenster der Zelle.«

»Den hört man!«

»Nein. Ich habe Windbüchse und auch ein Tesching, welches keinen Knall hervorbringt.«

»Wie will man die betreffenden Zellen erfahren?«

»Das überlassen Sie nur mir! Ich bin kein solcher Dummkopf wie die beiden alten Knaben. Hätten Sie vielleicht noch einen ähnlichen Auftrag?«

»Noch zwei.«

»Sapperment! Wenn ich einmal am Geldverdienen bin, so höre ich nicht gern gleich wieder auf. Also?«

»Es giebt da in der Siegesstraße Nummer Zehn ein kleines Häuschen, welches dem Fürsten von Befour gehört. Es ist das Hinterhaus seines in der Palaststraße liegenden Grundstückes. Dort wohnt ein junger Mensch namens Robert Bertram, ein Student.«

»Wieviel geben Sie für diesen?«

»Auch tausend Gulden.«

»Sapperment! Dieser Jüngling ist gar sehr leicht weggeputzt!«

»Kinderleicht!«

»Soll ich es übernehmen?«

»Ja.«

»Bis wann soll er weggeblasen sein?«

»Ich gebe nur drei Tage Zeit.«

»Das ist mehr als hinreichend. Und nun weiter!«

»Weiter sind mir Zwei im Wege, die im Palaste des Fürsten selbst wohnen.«

»Also vornehme Leute? Und wer sind diese?«

»Der Fürst selbst.«

»Das ist schwerer!«

»Und die Baronin Ella von Helfenstein, welche der Fürst als Concubine bei sich versteckt hält.«

»Alle Teufel! Ist das so ein Kerl! Was sagt denn der Baron zu diesem Concubinate?«

»Er weiß gar nicht, wo sich seine davongelaufene Frau gegenwärtig befindet.«

»Wieviel zahlen Sie für diese Beiden?«

»Vielleicht noch mehr als für die Vorigen.«


// 1700 //

»Das läßt sich hören. Aber eine Summe müssen Sie doch wohl angeben können. Nicht?«

»Das kommt auf die Beute an, welche wir dort machen.«

»Sie wollen - -«

»Ja,« nickte der Hauptmann.

»Das erste Mal aber mißlang es ganz niederträchtig.«

»Desto besser wird es das zweite Mal glücken. Wir arbeiten mit allen uns zu Gebote stehenden Armen.«

»Recht so! Aber wann?«

»Ich werde heute recognosciren und dann in der Versammlung meine Befehle ertheilen.«

»So soll ich heute Abend die beiden Lichter aufstecken?«

»Natürlich! Wir werden volle drei Tage lang eine anstrengende aber auch einträgliche Arbeit haben.«

In diesem Augenblicke trat der Diener Leonhardt herein. Er setzte sich zu ihnen.

»Nun, haben Sie Antwort auf Ihr gestriges Schreiben erhalten?« fragte der Hauptmann.

»Nein, ich habe auch keine erwartet.«

»Es handelte sich wirklich um eine Anstellung?«

»Ja. Ich brauche aber keine; ich bin versorgt.«

»So sind Sie mit Ihrer Herrin zufrieden?«

»Sehr. Sie wird überhaupt am Längsten in der Residenz gewesen sein, wie es scheint.«

»Das wäre schade! So eine große Künstlerin. Hat sie vielleicht gesagt, daß sie abreisen will?«

»Ja, heute früh. Ich habe bereits verschiedenes einpacken müssen, besonders die Juwelen. Ist das eine Pracht und Herrlichkeit! Die Augen gehen Einem über!«

»Ich habe auch davon gehört. Hat sie den Tag bestimmt, an welchem sie abreisen wird?«

»Noch nicht.«

»Wenn ich ihn doch erfahren könnte!«

»Warum?«

»Hm! So ein alter Knaster, wie ich bin, sollte eigentlich an ganz andere Dinge denken, als an so Etwas; aber man hat seine Freude doch immer auch daran. Sie soll von einer wunderbaren Schönheit sein. Nicht?«

»Der Geschmack ist zwar verschieden, aber ich denke, daß sie das schönste Mädchen ist, welches ich jemals gesehen habe.«

»Das ist es ja! Ich habe sie noch nie gesehen.«

»Schade, jammerschade!«

»Darum möchte ich sie wenigstens bei ihrer Abreise sehen, auf dem Bahnhofe. Und darum wäre es mir sehr lieb, wenn ich den Tag von Ihnen erfahren könnte, Herr Leonhardt.«


// 1701 //

»Diesen Gefallen kann ich Ihnen ja gerne thun.«

»Aber ob Sie es genau erfahren?«

»Sehr leicht! Ich frage sie. Es ist immer am Besten, wenn man gleich vor die richtige Schmiede geht.«

»Natürlich. Kommen Sie vielleicht heute Abend ein bißchen hierher, wenn auch nur auf ein Viertelstündchen.«

»Nein. Ich habe einen nothwendigen Ausgang. Und auch jetzt ist meine Zeit abgelaufen. Leben Sie wohl!«

Er ging, und als er fort war, sagte der Agent:

»Haben Sie es gehört? Er hat einen nothwendigen Ausgang. Ich habe ihn nämlich gestern für heute Abend bestellt.«

»Wohin?«

»Wieder an denselben Ort.«

»Weshalb?«

»Wegen der Kleinodien der Tänzerin.«

»O, da wird mit ihm nichts zu machen sein.«

»Doch. Er hat nämlich einen gefälschtem Wechsel laufen und braucht in ganz Kurzem Geld.«

»Ah, da werde ich ihn zu bearbeiten wissen. Jetzt aber muß ich fort, zu Jacob Simeon, dem ich einen Auftrag zu ertheilen habe.«

»Aber ich werde diesen Diener Leonhardt doch nicht etwa umsonst bestellt haben?«

»Nein. Ich werde mit ihm sprechen.«

»Wieder durch so viele Führer wie das letzte Mal?«

»Nein, jetzt bin ich seiner sicher. Ich werde ihn also selbst auf dem betreffenden Platze erwarten. Sie aber können heute die beiden Lichter früher anbrennen als gewöhnlich. Bei der letzten Versammlung fehlten Mehrere, und heut ist es nothwendig, daß Alle ohne Ausnahme anwesend sind.«

Er ging und begab sich, wie er gesagt hatte, zu dem Goldarbeiter Jacob Simeon, welcher so weit in die Geheimnisse des Hauptmannes eingeweiht war, daß er diesen Letzteren in dem emeritirten Cantor und Organisten, wenn auch nicht erkannte, aber doch sofort vermuthete.

»Wissen Sie, wer ich bin?« fragte der Baron.

»Ich errathe es,« sagte der Jude mit einem feinen Lächeln.

»Nun, wer?«

»Hm! Den Namen möchte ich doch lieber vorsichtiger Weise gar nicht nennen.«

»So sagen Sie etwas Anderes.«

»Gut! Wir waren mit einander kürzlich auf der Veranda eines gewissen Fürsten.«

»Ja, ich bin der Hauptmann.«

»Dachte es mir. Sie bringen mir einen Befehl?«

»Zunächst nur eine Frage. Sie betrifft den Fürsten, den Sie soeben genannt haben.«


// 1702 //

»Beziehentlich der Baronin Ella von Helfenstein?«

»Ja. Sind Sie wirklich sicher, daß sie sich im Palais des Fürsten befindet?«

»Ich könnte es beschwören.«

»Haben Sie vielleicht eine neue Beobachtung gemacht?«

»Nein. Ich war nicht wieder dort.«

»Schade! Es ist mir von Nöthen, ganz genau zu wissen, ob sie sich dort befindet. Am Allerliebsten möchte ich erfahren, in welchen Räumlichkeiten sie wohnt.«

»Natürlich da, wo sie schläft!«

»Da lag eine Andere.«

»Das ist wahr. Vielleicht hat man Verdacht gefaßt und sie ausquartirt.«

»Weshalb sollte man Verdacht gefaßt haben? Man müßte dahinter gekommen sein, daß sie spioniren.«

»Möglich! Sie meinen also, daß ich von Neuem forschen soll?«

»Ja.«

»Das ist schwierig.«

»Ich denke, Sie sind klug genug, solche Schwierigkeiten zu überwinden.«

»Wollen sehen! Haben Sie vielleicht einen Vorschlag?«

»Nein. Ich denke nur das Eine, daß Sie die unmittelbare Nähe des Hauses vermeiden müssen.«

»So wird es fast unmöglich sein, Etwas zu erfahren.«

»Hm! Könnten Sie sich nicht an einen der Diener machen?«

»Danke sehr! Denen ist auf alle Fälle die größte Verschwiegenheit anbefohlen worden. Wenn ich mich also nach der Baronin erkundige, mache ich die Dienerschaft erst auf mich aufmerksam.«

»Das ist allerdings wahr! Wissen Sie, wer das gegenüber liegende Palais bewohnt?«

»Der russische Gesandte, wenn ich mich nicht irre!«

»Ja. Wenn es Ihnen gelänge, sich dort einzuschleichen!«

»Dort? Wozu?«

»Sie könnten von einem oberen Stockwerke aus, vielleicht vom Dachraume, mit einem Fernrohre sämmtliche Frontfenster des Befour'schen Palais absuchen.«

»Das ist bald gesagt, aber nicht so leicht gethan!«

»O, Gefahr hat es gar nicht!«

»Wenn man mich erwischt, bin ich geliefert.«

»O nein. Sie legitimiren sich.«

»Womit?«

»Mit einem Ringe zum Beispiel.«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, es ist ein Herr bei Ihnen gewesen, um sich einen goldenen Ring repariren zu lassen. Er hat gesagt, daß er Palaststraße Nummer so und so


// 1703 //

viel wohne, drei Treppen hoch. Natürlich haben Sie den Namen vergessen und, falls Sie erwischt werden, die Hausnummer verwechselt.«

»Aber immerhin unangenehm!«

»Jedoch ungefährlich. Wenn man Sie aussucht, findet man ja nichts als den Ring und das Fernrohr. Mit dem Letzteren bricht man nicht ein. Sie müßten es außerordentlich dumm anfangen, wenn man Ihnen Ungelegenheiten bereitete.«

»Na, Sie befehlen es, und so will ich es versuchen.«

»Schön! Geben Sie sich Mühe! Und noch Eins: Zum Palais des Fürsten gehört ein Hinterhaus, welches an der Siegesstraße liegt -«

»Ich kenne es. Ich habe es gesehen, als ich im Garten meine Beobachtungen anstellte.«

»In dem Hause wohnen zwei alte Leute, Brandt mit Namen. Er ist Förster gewesen. Er hatte einen Sohn, welcher wegen einer Mordthat in Untersuchung gerieth und während des Transportes nach dem Zuchthause entwich. Man munkelt davon, daß er jetzt wieder hier ist und heimlich bei seinen Eltern wohnt.«

»Soll ich nach ihm forschen?«

»Ja. Ich möchte baldigst wissen, ob an diesem Gerüchte etwas Wahres ist. Lieb wäre es mir, außerordentlich lieb, wenn ich noch heute Etwas erfahren könnte.«

»Wo und wann würde ich Sie treffen?«

»Wir haben wieder Versammlung. Nach derselben bleiben Sie zurück und machen mir Meldung.«

»Schön! Ich werde sofort an die Lösung der beiden Aufgaben gehen, welche Sie mir gegeben haben.«

»Bringen Sie mir erwünschte Nachricht, so werde ich Sie so belohnen, daß Sie zufrieden sind.«

»O, ich bin überzeugt davon!«

Der Baron entfernte sich, und der Goldarbeiter legte eben seinen Ausgehrock an, als er hörte, daß wieder Jemand in seinen kleinen Laden trat. Als er hinausging, erkannte er zu seinem Erstaunen den Fürsten von Befour.

Was wollte dieser bei ihm? Er nahm sich vor, sich jedenfalls diese Gelegenheit nützlich zu machen.

»Sind Sie selbst der Besitzer dieses Ladens?« fragte der Fürst.

»Ja, mein Herr!«

»Kennen Sie mich vielleicht?«

»Nein; ich habe nicht die Ehre.«

»Ich bin der Fürst von Befour -«

Der Jude verbeugte sich tief, und der Fürst fuhr fort:

»Ich komme nicht, um einen Einkauf zu machen, sondern um Ihnen eine Frage vorzulegen.«

»Ich stehe ergebenst zu Diensten, Durchlaucht!«

"Ist Ihnen vielleicht diese Kette bekannt?"

»Ist Ihnen vielleicht hier diese Kette bekannt?«


// 1704 //

Er legte ihm die echte Kette Robert Bertram's vor. Jacob Simeon ahnte eine Falle und antwortete:

»Nein.«

»Wirklich? Sie kennen sie nicht?«

»Wirklich nicht.«

»Ich vermuthe aber, daß Sie sie vor nicht gar langer Zeit in den Händen gehabt haben.«

»Das ist auf alle Fälle ein Irrthum, gnädiger Herr.«

»Besinnen Sie sich!«

»Ich würde dadurch zu keinem anderen Ergebnisse gelangen.«

»Nun, vielleicht überzeuge ich Sie doch. Es handelt sich bei den Arbeiten, welche Sie in Auftrag bekommen, immerhin um gewisse Werthe, so daß ich vermuthen darf, Sie führen Buch über Ihre Arbeiten?«

»Allerdings.«

»Wollen Sie nicht einmal nachschlagen?«

Jetzt befand sich der Jude in keiner geringen Verlegenheit; er zog sich aber aus derselben durch die Ausrede:

»Grad heute ist mir das Nachschlagen unmöglich.«

»Warum?«

»Ich habe das Buch zum Buchbinder geschafft, um mir neue Blätter anheften zu lassen.«

»Ah, das klingt doch nicht sehr wahrscheinlich! Man kauft sich ein neues Buch, aber man läßt sich an das alte nicht anheften. Das ist erstens unbequem, und zweitens würde dadurch der Buchbinder Einsicht in Ihr Geschäft erhalten.«

Jacob Simeon sah recht wohl ein, daß seine Ausrede eigentlich eine dumme sei. Er dachte zugleich an den Auftrag, welchen er vor wenigen Minuten von dem Hauptmann erhalten hatte, und so antwortete er:

»Warum sollte ich Euer Durchlaucht die Unwahrheit sagen? Ich bin bereit, zum Buchbinder zu gehen, um nachzuschlagen und Ihnen dann das Ergebniß mitzutheilen.«

»Das halte ich keineswegs für nöthig. Diese Kette ist ein Stück, dessen man sich wohl noch nach langen Jahren erinnert, wenn man es einmal in der Hand gehabt hat.«

»Das ist aber bei mir nicht der Fall gewesen.«

»Nun, ich will Ihrem Gedächtnisse zu Hilfe kommen. Haben Sie die Buchstaben gelesen, welche dem Medaillon eingravirt sind.«

»Ja. R.v.H.«

»Sind Ihnen auch diese nicht erinnerlich?«

»Ganz und gar nicht!«

»Sonderbar!«

Er schüttelte den Kopf, betrachtete unter einem schalkhaften Lächeln den Goldarbeiter und fuhr fort:

»Sie machen es mir wirklich schwer, von Ihnen zu hören, was ich er-


Ende der einundsiebzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk