Lieferung 77

Karl May

13. Februar 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1825 //

»So, so! Leider kann ich Ihnen die Sachen nicht geben. Ich habe sie zwar in meinem Bette, aber der Polizist sitzt im Corridor und beobachtet Alles. Sie müssen wieder kommen.«

»Wann?«

»Heute nicht mehr; aber morgen Abend, vielleicht zehn Uhr, wenn es bis dahin nicht zu spät ist.«

»Vielleicht läßt es sich bis dahin verheimlichen. Aber, wo kann ich den Herrn finden?«

»Nirgends.«

»Donnerwetter! Ich habe ihm wichtige Nachrichten zu bringen.«

»Von wem?«

»Ueber die Baronin.«

»Das muß jetzt Zeit haben. Ich hoffe, seine Adresse recht bald zu bekommen. Sprechen Sie dann wieder vor.«

Der Kopf zog sich zurück und das Fenster wurde zugemacht. Der Fürst begab sich wieder zu seinen Begleitern, welche ihn neugierig erwarteten.

»Ich habe nicht viel erreicht, aber doch etwas,« sagte er. »Anton, gehe Du zum Staatsanwalt zurück und melde ihm, daß die Mütze und der Capot des ermordeten Schließers sich im Bette des Dieners befinden.«

»Ah, schön! Das wird ein Glied in der Beweiskette.«

»Allerdings! Wir Beiden gehen nach Hause. Sobald eine Spur des Barons gefunden ist, reisen wir ihm nach. Ich muß ihn wieder haben. Er gleicht jetzt dem wilden Thiere, welches würgen muß, um nicht erwürgt zu werden.« - -

Als der Baron vorhin am Seile herabgeklettert war, hatte er sich in höchster Eile entfernt. Er glaubte, daß man nicht blos ihn oben abgelauert, sondern auch sich hier in der Nähe versteckt habe, damit er ja nicht entkommen könne. Er konnte zwar nicht begreifen, wie seine Absicht verrathen worden sein könne; aber verrathen worden war sie; das sah er ein, und so galt es nur, schleunigst zu entfliehen.

Es war ihm, als ob er bereits die Verfolger hinter sich höre, und so fiel er vor Angst in eine sich immer vergrößernde Eile. Er war im Begriff, um eine Ecke zu biegen. Da stieß er mit einem Manne zusammen, welcher von der anderen Seite kam. Er erkannte in ihm einen Nachtwächter. Diesem wieder mußte die Eile des Barons auffallen. Daß dieser eine Tasche oder ein Paquet bei sich trug, verdoppelte den Verdacht.

»Halt! Warten Sie einmal!«

Mit diesen Worten hielt der Beamte den Baron fest. Dieser aber riß sich los und eilte nun im vollen Rennen weiter.

»Halt!« rief der Wächter abermals, ihm nachlaufend.

Als dies nicht half, zog er seine Pfeife und gab das Signal. Von dem anderen Ende der Gasse ertönte Antwort. Der Baron hörte, daß er sich zwischen zwei Feinden befinde, lief aber weiter, fest entschlossen, den zweiten Wächter, falls dieser ihn anhalten würde, entweder über den Haufen zu rennen


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oder gar nieder zu schießen. Zum Glücke aber öffnete sich rechts abermals eine Gasse. Er bog in dieselbe ein, war aber noch nicht weit gekommen, so ertönte hinter ihm ein Doppelsignal.

Die beiden Wächter waren zusammengetroffen und wußten nun, welche Richtung er eingeschlagen habe. Vorn, weit vor ihm, wurde geantwortet.

Wieder zwei Nebengassen, rechts eine und links eine. Rechts ertönte auch ein Pfiff; er bog also links ab, kam in eine Hauptstraße, hörte aber vor und hinter sich das verteufelte Pfeifen. Es war, als ob alle Nachtwächter ihm auf den Fersen seien.

Da sah er beim trüben Scheine einer Laterne abermals eine Gassenöffnung, in welche er schlüpfte, freilich abermals verfolgt von den Signalen. So wurde er weiter und immer weiter gehetzt, vorwärts, rückwärts, seitwärts, bald rechts und bald links.

Zuletzt war man ihm so nahe, daß er die eilenden Schritte seiner Verfolger hörte. Er befand sich eben in einem engen Verbindungsgäßchen.

»Haltet auf, haltet auf,« rief man hinter ihm.

»Wo? Wo?« hörte er vor sich rufen.

Was thun. Zu seiner rechten Hand gab es eine Gartenmauer, welche nicht sehr hoch war. Schnell entschlossen warf er die Koffertasche hinüber und folgte nach.

Hierher fiel kein Licht. Er mußte sich erst orientiren. Das aufgeregte Blut stürmte durch seine Adern und die Lungen arbeiteten so gewaltig, daß er stehen blieb, um zu Athem zu kommen. Da kamen von der einen Seite zwei Männer gerannt, wie er an den Doppelschritten hörte, und von der anderen auch einer. Draußen an der Mauer trafen sie zusammen.

»Halt! Wohin?« fragte einer der Beiden.

»Vorwärts, es hat gepfiffen.«

»Das waren wir.«

»Ach so! Du bist ein College! Hier brennt keine Laterne und das Wetter schlägt einem die Augen zu. Ist Dir Niemand begegnet?«

»Nein.«

»Wir dachten, er sei hier herein.«

»Wer?«

»Ein Spitzbube. Der Bezirkswächter hat ihn draußen auf der Johannstraße laufen sehen. Regenmantel mit Caputze und ein Packet in der Hand.«

»Himmelelement! Wäre es möglich?«

»Was?«

»Wir suchen grad so Einen.«

»Dann ist's derselbe. Warum sucht ihr ihn?«

»Er hat im Hotel Union die Amerikanerin ermorden wollen. Sein Cumpan ist gefangen; er aber ist durch das Fenster entwischt. Alles ist auf den Beinen. Die sämmtlichen Ausgänge der Stadt sind besetzt.«

»Ah! Da entkommt er nicht!«

»Man munkelt davon, daß es gar der Hauptmann sei.«


// 1827 //

»Unsinn! Der ist gefangen!«

»Nein; er soll vorhin entsprungen sein.«

»Unglaublich!«

»O, was ist Dem nicht möglich! Also, hier herein ist der Mann nicht?«

»Wir müssen uns geirrt haben, wollen aber die Gegend im Auge behalten. Hier kann man sich einmal auszeichnen und eine Gratification bekommen. Kehre Du wieder um, mache aber die Augen auf!«

Der Baron hatte jedes Wort gehört. Hier in der engen Gasse war es ruhiger, so daß der Sturm nicht die Worte augenblicklich verwehte. Es wurde ihm himmelangst. Was nun thun? Hinaus konnte er nicht, wenigstens jetzt noch nicht. Er mußte eine tüchtige Weile warten.

Aber hier im Regen? Er bemerkte, daß er sich in einem Hofe befand. Vielleicht gab es da irgend ein Gelaß, wo er ein Wenig untertreten konnte. Er suchte. Er fand einen Schuppen und einen Keller; aber die Thüren waren verschlossen. Er ahnte nicht, daß gestern sein letzter Kamerad, nämlich Bormann, grad in diesem Hofe auch eine Zuflucht gesucht und gefunden hatte. Der Hof gehörte zu dem Hause Neumarkt Nummer zwölf. In der ersten Etage wohnte der Falschmünzer Wunderlich.

Der Baron trat an die Hinterthür. Das Dach hing ein wenig über. Wenn er sich an die Thüre lehnte, so konnte ihn wenigstens nicht die volle Fluth des Regens treffen.

Bei dieser Gelegenheit ergriff er die Klinke. Sie bewegte sich. Er drückte sie nieder und - die Thür ging auf. Sie war nicht verschlossen gewesen.

Er trat sofort ein. Das gab doch einen trockenen Ort. Entdeckt zu werden, hatte er hier für's Erste nicht zu befürchten. Zu so später Stunde befand sich wohl kein Bewohner mehr außerhalb des Hauses, zumal bei diesem fürchterlichen Wetter.

Es fiel ihm ein, daß ihm sein Diener ein Päcktchen Zündhölzer mitgegeben hatte. Er brannte eines der Hölzer an und leuchtete um sich.

Er stand an der Hinterthür; vorn war die Hausthür; rechts gingen einige Stufen in die Wohnung des erhöhten Parterres und links die Treppe zum Stock empor. Unter dieser Treppe gab es eine Thür. Es gab weder Riegel noch Schloß daran. Er öffnete und leuchtete mit einem zweiten Hölzchen hinein. Der kleine Raum war halb mit Pappen angefüllt. Vielleicht wohnte ein Buchbinder oder Cartonnagenarbeiter in dem Hause.

War es nicht besser, sich da hinein zu setzen? In dem Flur konnte doch vielleicht Jemand kommen, da hinein aber wohl Niemand. Auf den Pappen war es übrigens wärmer als auf den kalten Steinen. Er schob also den Riegel vor die Hinterthür und kroch dann mit seiner Tasche in den Treppenvorschlag. Dort machte er es sich möglichst gemüthlich. Er beschloß, ein Stündchen hier zu warten und dann sein Glück weiter zu versuchen.

Hätte ihn die Sorge um die Fortsetzung seiner Flucht nicht gefoltert, so wäre ihm sein jetziger Schlupfwinkel als ganz gemüthlich vorgekommen.


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Er mochte ungefähr eine halbe Stunde hier gesessen haben, als sich oben eine Thür öffnete. Er hörte leise Schritte zur Treppe herabkommen, und zugleich bemerkte er durch eine ziemlich breite Spalte seiner Thür, daß die betreffende Person ein Licht bei sich hatte.

Es war ein Mann in Schlafrock und Hausschuhen. Er setzte das Licht auf eine der Treppenstufen und ging dann zur Hausthür, wo er eine horchende, wartende Stellung einnahm. Nach einiger Zeit begann er unruhig im Hause auf- und abzugehen.

Da ließ sich ein halblautes Klopfen vernehmen. Der Mann ging, um zu öffnen. Es klang wie ein Sporen oder das leise Aufstreichen einer Säbelscheide.

»Guten Abend, Herr Wunderlich,« grüßte eine gedämpfte Stimme.

»Guten Abend, Herr Lieutenant, oder vielmehr guten Morgen. Denn Mitternacht ist längst vorüber.«

»Freilich. Schließen Sie die Thür und kommen Sie weiter in den Flur hinein. Es könnte mich doch vielleicht ein Neugieriger bemerken.«

Der Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht, und dann kamen die Beiden bis an die Treppe heran, so daß der Baron trotz den Stimmen des Windes alle ihre Worte hören konnte. Der Lieutenant sagte:

»Sie haben also meine eiligen Zeilen erhalten?«

»Ja, ganz unerwartet.«

»Ich schrieb sie im Kavalierskasino. Haben Sie meinetwegen Schlaf versäumt?«

»Allerdings freilich. Doch nahm ich an, daß der Grund Ihres Kommens ein wichtiger sein werde.«

»Für mich, ja. Uebrigens ist es gar nicht gut, draußen zu gehen, wenigstens wenn man Absichten verfolgt, welche Niemand zu wissen braucht.«

»Warum nicht gut? Dieses Wetter paßt grad zu stillen, unbemerkten Besuchen und Zusammenkünften.«

»Haben Sie nicht die Wächtersignale gehört?«

»Zuweilen, ja.«

»Die ganze Polizei ist auf den Beinen.«

»Giebt es Feuer?«

»Nein, sondern etwas wohl noch Aufregenderes. Der Hauptmann ist nämlich wieder ausgebrochen.«

»Was der Teufel!« sagte Wunderlich erstaunt.

»Ja, ausgebrochen, aber auch eingebrochen.«

»Wo?«

»Im Hotel Union, wo sie die Juwelen der amerikanischen Tänzerin rauben wollten.«

»Welche Kühnheit!«

»Es ist auch nicht gelungen. Die Polizei hatte vorher Wind bekommen, nämlich durch den Fürsten von Befour, und dieser hatte sich mit einigen Leuten in das Logis der Tänzerin gesteckt, um sie zu erwarten.«

»Sie sprechen 'sie'. War der Hauptmann nicht allein?«

»Nein. Er hatte einen gewissen Bormann mit, einen Bruder des so-


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genannten Riesen Bormann. Diesen hat man denn nun auch festgenommen, während hingegen der Hauptmann wieder entkommen ist.«

»Fürchterlich, fürchterlich! Wie hat denn der Hauptmann seine Flucht aus dem Gefängnisse bewerkstelligt?«

»Eben dieser Bormann hat ihn befreit. Nun wimmelt es an allen Ecken und Enden von Polizisten. Das ist mir höchst unangenehm. Aber der Gang war nicht aufzuschieben. Ich habe nämlich meinen ganzen Vorrath verthan.«

»Also verkauft?«

»Ja. Gleich morgen früh habe ich Gelegenheit, eine neue Summe an den Mann zu bringen; deshalb komme ich noch während der Nacht zu Ihnen, und deshalb schrieb ich Ihnen, bis um die jetzige Minute wach zu bleiben. Haben Sie noch zwanzigtausend Gulden?«

»Ja, allerdings nur gegen baar.«

»Natürlich. Diese Fünfzigguldenscheine sind so famos nachgemacht, daß kein Mensch die Fälschung entdecken kann. Ich habe mich überzeugt, daß meine erstmalige Unruhe ganz überflüssig war.«

»Ich sagte es Ihnen ja.«

»Halten Sie nur auf Vorrath.«

»Für sechzigtausend ist noch da; dann werden wir wieder zu fabriciren beginnen.«

»Warum machen Sie nicht Noten zu hundert Gulden? Das würde doppelt lohnen als jetzt.«

»Es fehlen uns die Platten, doch steht zu erwarten, daß wir baldigst im Besitze derselben sein werden.«

»Ich hoffe, daß ich auch dann Ihr Agent bleibe!«

»Natürlich! Also für zwanzigtausend Gulden brauchen Sie jetzt noch?«

»Ja. Soll ich mit heraufgehen?«

»Um Gottes willen, nein! Meine Frau!«

»Schön! So warte ich hier.«

»Ich werde Ihnen das Licht lassen und gleich wieder bei Ihnen sein, Herr Lieutenant!«

Er stieg die Treppe hinan; der Lieutenant lehnte sich wartend an die Wand.

Der Baron hatte seinen Augen und Ohren nicht trauen wollen. Er hatte den Offizier sofort an der Stimme erkannt. Jetzt konnte er ihm durch die erwähnte Spalte grad in das Gesicht blicken. Also dieser Wunderlich machte falsche Noten und der Lieutenant von Scharfenberg vertrieb dieselben. Es kam dem im Verstecke Sitzenden ein Gedanke, den er auszuführen beschloß. Er wartete, bis Wunderlich zurückkehrte, dann erhob er sich und machte sich bereit.

»Hier ist das Packet, Herr Lieutenant. Zwanzigtausend gute Gulden.«

»Und hier sind gute dafür.«

Er gab ihm ein Packet.

»Sie erlauben natürlich, daß ich sie prüfe?«

»Gewiß. Ächte prüft man, falsche aber nicht.«

Wunderlich kauerte sich zu der Lampe auf die Treppenstufen nieder und


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begann, die Scheine durchzusehen. Der Offizier hatte die seinigen eingesteckt und stand wartend dabei. Endlich sagte Wunderlich:

»Es stimmt. Gold wäre mir aber lieber.«

»Das nimmt zu viel Platz weg. Seien Sie zufrieden. Ich habe in dieser kurzen Zeit fast für achtzigtausend Gulden an den Mann gebracht.«

»Das erkenne ich an. Aber bedenken Sie auch, welchen Profit Sie dabei haben.«

Da erklang es hinter ihnen:

»Wie hoch beziffert sich dieser Profit?«

Ein furchtbarer Schreck ließ ihre Glieder zusammenzucken. Sie fuhren herum und sahen einen unbekannten Menschen vor sich stehen, dessen Gesicht einen geradezu schauderhaften Anblick bot.

Der Regen hatte trotz der das Gesicht beschirmenden Caputze Haar, Bart und Schminke vollständig aufgeweicht. Es sah aus, als sei es mit Tinte und Milch beschmiert und dann mit Haaren eingerieben worden. Der Lieutenant faßte sich zuerst.

»Mensch, Sie spioniren hier?« sagte er.

»Ja, mein Herr von Scharfenberg.«

»Wohnen Sie in diesem Hause?«

»Nein.«

»Wie kommen Sie da herein?«

»Durch die Hinterthür.«

»Ich habe es ja gar nicht bemerkt.«

»Das war auch unmöglich, denn ich befand mich bereits hier, als Sie kamen.«

»Das ist nicht möglich. Wir hätten Sie sehen müssen.«

»Wenn Sie in diesen Verschlag geblickt hätten, ja; aber das haben Sie leider unterlassen.«

»Verdammt! So haben Sie unser Gespräch gehört?«

»Jedes Wort!«

»Aber jedenfalls falsch verstanden.«

»Schwerlich!«

»Nun, um was hat es sich gehandelt?«

»Um falsches Papiergeld, welches von Herrn Wunderlich gemacht, von Ihnen aber vertrieben wird.«

»Also doch! Sie haben uns vollständig mißverstanden. Es handelt sich vielmehr um die - -«

»O bitte, Herr Lieutenant, geben Sie sich keine Mühe! Ich bin ein alter Knabe, der sich nichts vormachen läßt!«

Jetzt nun hatte auch Wunderlich sich von seinem Schrecke erholt. Er nahm eine zornige Miene an und sagte:

»Also Sie wohnen nicht in diesem Hause?«

»Nein.«

»Aber hier in der Stadt?«

»Auch nicht mehr.«

»Sie strolchen wahrscheinlich herum?«


// 1831 //

»Ja. Grade das ist's, was ich thue.«

»So haben Sie sich jedenfalls hier ein Nachtlogis gesucht.«

»Natürlich. Der Regen gefiel mir nicht mehr.«

»Eigentlich müßte ich Sie der Polizei überliefern. Ich will aber Nachsicht haben, wenn Sie augenblicklich das Haus verlassen.«

»Und wenn ich das nun nicht thue?«

»So rufe ich die Polizei.«

»Und wenn ich ihr von dem Geschäft erzähle, welches hier geschlossen worden ist?«

»Sie sind verrückt. Wir haben ein einfaches Discontogeschäft geregelt. Was ich und der Herr Lieutenant von Scharfenberg vor Gericht sagen würden, hätte jedenfalls größeres Gewicht als Ihre Hallucinationen.«

»Nun, das müßte man abwarten. Ich will gehen, ja; vorher aber bitte ich Sie, mir auch für zehntausend Gulden von diesen Noten abzulassen.«

»Sind Sie verrückt?«

»Nein. Ich verdiene mir auch gern etwas!«

»Gehen Sie! Ich kann Sie nicht länger anhören.«

»Herr Lieutenant, wollen Sie nicht ein gutes Wort für mich einlegen?«

»Ich? Wieso? Sie haben eine ganz verrückte Idee, und ich kenne Sie nicht.«

»Ich habe im Gegentheile eine sehr gute Idee, und Sie kennen mich ganz genau.«

»Habe nicht die Ehre!« höhnte er.

»O doch! Ich bin sogar einer Ihrer besten Freunde.«

»Sie treiben es zu bunt! Gehen Sie; gehen Sie!«

»Auch Herr Wunderlich kennt mich. Jedermann hier kennt mich. Ich bin sogar der Mann, welcher jetzt am Allerberühmtesten ist.«

»Jetzt werfe ich Sie hinaus, wenn sie nicht gehen!«

»Bitte, überzeugen Sie sich zuvor!«

Er warf die Caputze zurück, nahm Perrücke und Bart ab und wischte sich mit dem Taschentuche die zerronnene und zerweichte Farbe aus dem Gesicht.

»Hölle, Tod und Teufel!« sagte der Offizier, vor Schreck zurückfahrend und nur mühsam seine Stimme dämpfend. »Sie, Herr Baron!«

»Ja, ich!«

»Der Hauptmann!« stieß Wunderlich hervor.

»Allerdings!«

»Der draußen gesucht wird!«

»Aber nicht gefunden!«

»Hier in meinem Hause.«

»Was thut das? Fürchten Sie sich?«

»Um Gottes willen, leise, leise. Wenn man Sie hört!«

»Ja, sprechen wir leiser. Nun aber, da ich mich Ihnen vorgestellt habe, werden Sie mir nicht mehr sagen, daß es sich nur um ein einfaches Discontogeschäft handelt.«

Er blickte sie lächelnd an, und als keiner von Beiden antwortete, fuhr er fort:


// 1832 //

»Jetzt wiederhole ich meinen Wunsch: Ich will Ihnen für zehntausend Gulden abkaufen.«

»Das geht nicht,« sagte Wunderlich, welcher jetzt einsah, daß Leugnen Dummheit sein würde.

»Warum nicht?«

»Ich verkaufe nur gegen baar.«

»Ich bezahle baar. Herr Lieutenant, bitte, zeigen Sie mir einige dieser Noten.«

Scharfenberg sagte nichts, weigerte sich aber auch nicht. Vor dem Hauptmanne brauchte er sich wohl nicht zu schämen. Er zog ein paar Scheine hervor und gab sie ihm. Der Baron prüfte sie bei dem Lichte und sagte dann im Tone der Bewunderung:

»Das ist wirklich ein Meisterstück! Wieviel Provision geben Sie?«

»Dreißig Procent,« antwortete Wunderlich, welcher aber dem Lieutenant mehr bewilligt hatte.

»Schön! Ich befinde mich auf der Flucht. Ich kann bei dieser Gelegenheit mein Reisegeld vergrößern. Ich habe für zehntausend Gulden gute Noten. Wollen Sie dieselben haben?«

»Hm! Ich muß auch auf meine Sicherheit sehen!«

»Glauben Sie, daß ich Sie verrathe?«

»Nein. Aber es ist möglich, daß man Sie ergreift, und dann findet man meine Noten.«

»Weiß man es, von wem sie sind?«

»Der geringste Umstand kann es verrathen.«

»Bedenken Sie, daß ich gezwungen bin, mich hier nie wieder sehen zu lassen.«

»Noch sind Sie nicht fort!«

»Aber ich komme fort.«

»Die Straßen wimmeln von Militär und Polizei!«

»Pah! Das geht mich gar nichts an! Der Herr Lieutenant wird dafür sorgen, daß man mich ohne Beanstandung passiren läßt.«

»Ich?« fragte Scharfenberg verwundert.

»Ja.«

»Wieso?«

»Sie werden die Güte haben, Ihre Uniform mit meiner Kleidung zu vertauschen!«

»Ah! Fällt mir nicht ein!«

»Bedenken Sie, daß wir fast einerlei Statur sind!«

»Mir gleich!«

»Daß wir gute Freunde sind.«

»Nur passabel!«

»Und daß ich Ihren Anzug brauche!«

»Aber nicht ich den Ihrigen.«

»Sie werden ihn als Andenken behalten.«

»Danke! Es gelüstet mich gar nicht darnach.«

»Dennoch werden Sie es thun, freiwillig oder - -«

Er hielt inne. Des Lieutenants Augen blitzten auf.


// 1833 //

»Was oder - -?« fragte er.

»Freiwillig oder gezwungen.«

»Ah, Sie wollen mich zwingen?«

»Ja.«

»Wodurch oder womit?«

»Ich theile der Polizei Ihren Banknotenhandel mit.«

»Pah! Man glaubt es Ihnen nicht. Bringen Sie Beweise! Uebrigens dürfen Sie sich nicht sehen lassen. Sie können also nur brieflich denunciren. Welchen Eindruck soll das machen?«

»Doch einen. Man wird sämtliche Noten untersuchen, welche von Ihnen ausgegeben worden sind!«

Der Offizier schien doch verlegen zu werden, dennoch sagte er achselzuckend:

»Man versuche es!«

»Ja, man würde es versuchen, und Sie wären verloren, Sie und der alte Ruhm der Scharfenbergs. Aber es giebt noch Eins, was ich thun würde.«

»Was?«

»Sie kennen doch die Leda!«

Jetzt erbleichte der Lieutenant.

»Nun, was sagen Sie dazu, Herr von Scharfenberg?«

»Ich bin mir keiner Schuld bewußt.«

»Es giebt Dinge, welche einem Offizier nie verziehen werden, obgleich sie zu dem Strafgesetzbuch gar nicht in Beziehung stehen. Ich würde Ihr Verhältniß zur Leda unbedingt der Oeffentlichkeit preisgeben, natürlich ebenso auch Ihr Verhalten gegen den unschuldig verurtheilten Petermann. Sie müßten den Dienst quittiren und dürften sich niemals wieder vor einem Cavalier sehen lassen.«

»Sie sind ein Teufel!«

»Nein. Ich verlange nur Ihren Anzug und gebe Ihnen dafür den meinigen.«

»Des Königs Rock! Wenn es ruchbar wird!«

»Werde ich es sagen? Von der Grenze her sende ich Ihnen die Sachen wieder zu.«

»Wollen Sie auch den Mantel?«

»Ja.«

»Degen?«

»Natürlich. Alles, Alles, sogar die Stiefel.«

»Hm! Sie geben mir Ihr Wort, mich nicht zu verrathen?«

»Mein Ehrenwort als Baron und Hauptmann!« lächelte er.

»Und mir die Sachen von der Grenze her wieder zusenden?«

»Haben Sie so wenig Kleidung?«

»Pah! Es handelt sich nicht darum, sondern vielmehr um den Umstand, daß mir kein Anzug fehlt. Man erfährt, daß Sie in Uniform entwichen sind. Man fragt bei den Schneidern oder sonstwo. Ich will beweisen können, daß ich mich im Besitze meiner Kleider befinde.«


// 1834 //

»Gut! Ich werde sie schicken. Wir sind also einig. Sie, Herr Wunderlich, lassen mir für zehntausend Gulden Noten ab, und Sie, Herr Lieutenant, tauschen mit mir die Anzüge. Giebt es ein Zimmer, wo wir wechseln können?«

»Dann nur oben bei mir.«

»So lassen Sie uns heraufgehen.«

Er nahm seine Tasche aus dem Treppenverschlage hervor und dann stiegen die drei Männer nach oben. Nach Verlauf von einer Viertelstunde brachte Wunderlich einen Officier herabgeführt. Er öffnete vorsichtig die Thür, blickte hinaus, und als er keinen Menschen bemerkte, ließ er ihn heraus.

Der Baron schritt langsam über den Markt hinüber. Er bemerkte nicht, daß sich von des Nachbars Thür eine Gestalt lößte und bis zur nächsten Ecke rannte, wo ein Wächter stand.

»Erkennen Sie diesen Officier dort?« fragte er ihn.

»Ja.«

»Folgen Sie ihm nach, und kommen Sie dann wieder an diese Ecke, um es mir zu melden.«

Der Wächter eilte dem Baron nach. Der Andere aber kehrte nach der Thür zurück. Es war kein Anderer als Doctor Holm. Er stand wohl über eine Viertelstunde da, als er bemerkte, daß der Wächter wieder zurückgekehrt sei. Er ging zu ihm hin.

»Nun?« fragte er.

»Dieser Officier ging in kein Haus. Er machte einen ganz eigenthümlichen Spaziergang.«

»Welchen?«

»An dem Petrikirchhofe vorüber und dann über die Wiesen nach dem Flusse hin.«

»Weiter?«

»Weiter konnte ich ihm nicht folgen. Es gab keine Deckung mehr für mich. Er hätte mich bemerkt.«

»Danke! Hier ein Trinkgeld.«

Holm stand im Begriff, wieder nach der Thür zurückzukehren, als er bemerkte, daß sich diejenige Wunderlichs abermals öffnete. Dieser Letztere spähte wieder hervor, und dann trat der Lieutenant heraus, in dem Regenmantel des Barons und, unvorsichtiger, gedankenloser Weise, auch dessen Tasche in der Hand.

Holm sah ihn kommen, kehrte zu dem Wächter zurück und sagte:

»Halten Sie den Mann an, er ist genau so gekleidet.«

»Wenn er es aber nicht ist?«

»So lassen Sie ihn natürlich wieder fort.«

Der Lieutenant wollte vorüber, da aber trat ihm der Wächter in den Weg.

"Halt! Bitte, woher kommen Sie?"

»Halt! Bitte, woher kommen Sie?« fragte er.

»Haben Sie mich darnach zu fragen?«

»Ja.«

»Weshalb?«


// 1835 //

»Das brauche ich eigentlich nicht zu sagen, aber wir suchen Einen, der ganz genau so wie sie gekleidet ist.«

»Ich bin es nicht.«

»Wer sind Sie!«

»Das ist nur meine Sache.«

»Wenn Sie sich nicht ausweisen, muß ich Sie zur Wache bringen. Es ist besser, Sie antworten.«

»Entsetzlich! Ich bin der Lieutenant von Scharfenberg.«

»Den kenne ich nicht. Bitte um Legitimation!«

»Donnerwetter! Ich werde mich doch nicht hier in meiner Garnison vor jedem Nachtwächter zu legitimiren haben. Ich werde mein Recht suchen.«

»Das kann mich nicht in Verlegenheit bringen. Sie gehen mit der Reisetasche spazieren?«

»Ja, wenn es mir beliebt. Was noch?«

Da trat Holm herzu und sagte zu dem Wächter:

»Wie nennt sich dieser Herr?«

»Lieutenant von Scharfenberg.«

»Er ist es auch. Lassen Sie ihn gehen.«

»Das will ich Euch gerathen haben,« räsonnirte der Officier. »Dieses Mal will ich es noch hingehen lassen. Laßt es Euch zur Lehre dienen.«

Als er fort war, meinte der Wächter:

»Da haben wir es. Warum beauftragen Sie mich?«

»Um eine Spur des Hauptmannes zu entdecken.«

»Haben Sie sie denn nun?«

»Ja. Ich werde dafür sorgen, daß es auch Ihnen angerechnet wird.«

Er ging trotz der späten Stunde nicht nach Hause, sondern er begab sich nach dem Palast Befour. Der Fürst war nicht schlafen gegangen. Es befand sich sogar der Assessor von Schubert bei ihm. Sie zogen es vor, das Ereigniß des heutigen Abends nach allen Seiten hin zu beleuchten.

»Sie kommen noch?« fragte der Fürst. »Da steht zu vermuthen, daß Sie eine Botschaft bringen?«

»Allerdings, Durchlaucht.«

»Wegen des Hauptmannes?«

»Möglich.«

»Bitte erzählen Sie!«

»Ich begab mich von Ihnen hinweg nach Hotel Union, um Miß Starton Bericht zu erstatten - -«

»Und - -« fiel ihm der Fürst in die Rede, »auch um die Dame zu beruhigen?«

»Nebenbei!« antwortete Holm erröthend.

Der Fürst blickte ihn scharf an, lächelte überlegen, drohte mit dem Finger und sagte:

»Solche Nebensachen werden oft zum Hauptgegenstande. Darf man Glück wünschen?«


// 1836 //

»Nein, Durchlaucht. Tausend Wünsche können mir keinen Hauch des Glückes bringen, welches ich wirklich empfinde.«

»Recht so! Ich gönne es Ihnen von ganzem Herzen. Nun bitte, fahren Sie fort!«

»Als ich mich verabschiedete, war ich geistig so engagirt, daß ich nicht an Schlaf zu denken vermochte; ich strich also mit den Wächtern und Polizisten durch die Gassen und Straßen. Sie hatten erfahren, daß ich heute mit dabei gewesen war und räumten mir in Folge dessen einmal gleiche Rechte ein. Vom Neumarkte geht ein kleines, enges Gäßchen nach der Tiefenstraße. Das Eckhaus gehört einem Herrn Wunderlich. Der Flur dieses Hauses war erleuchtet. Bei Veranlassungen wie heute ist man doppelt argwöhnisch. Ich schlich zur Thür und sah durch das Schlüsselloch, daß Wunderlich im Flur auf und ab ging, als ob er Jemanden erwarte. Das konnte eigentlich nicht auffallen; ich stellte mich aber doch an die andere Seite des Gäßchens und wartete.«

»Da kam der Hauptmann?« fragte der Assessor in scherzhaftem Tone.

»Wenigstens sein Anzug.«

»Was Sie sagen! Der Regenmantel mit Caputze?«

»Nein, sondern es kam ein Officier, langsam, vorsichtig, als ob er ein böses Gewissen habe.«

»Officier? Böses Gewissen? Wollen Sie den Rock des Königs blamiren?«

»Nein, denn der Rock kann nichts dafür.«

»Aber der Träger dieses Rocks? Bin neugierig, was wir da erfahren werden! Weiter!«

»Der Officier klopfte an, und Wunderlich öffnete. Beim Scheine des Lichtes, welches auf der Treppe stand, erkannte ich den Lieutenant von Scharfenberg.«

»Ah, den!«

Der Assessor war dem Lieutenant nicht gewogen, und wäre es auch nur wegen der letzten Unterredung gewesen, welche er mit ihm gehabt hatte.

»Was ist dieser Wunderlich?« fragte er.

»Er schreibt sich Rentier.«

»Man kennt das. Vielleicht heimlicher Geldverleiher. Der Lieutenant soll sich zuweilen in Verlegenheit befinden. Darum vielleicht dieser späte, heimliche Besuch.«

»Ich dachte zunächst auch daran. Doch fiel mir auf, daß dieser Besuch nur in dem Hausflur abgethan wurde.«

»Seltsam zwar, aber doch nicht verdächtig.«

»Bitte, weiter zu hören! Ich sah wieder durch das Schlüsselloch. Ich konnte hindurchsehen, obgleich der Schlüssel steckte; stak nämlich mit dem Barte nach oben gedreht. Sie verhandelten eine kleine Weile mit einander; dann ging Wunderlich nach oben und kehrte mit Banknoten zurück, welche er dem Lieutenant gab.«

»Ah, also doch!«

»Sie meinen Darlehn?«


// 1837 //

»Ja.«

»Hm! Der Lieutenant gab aber auch Banknoten dafür.«

»Das wäre allerdings sonderbar!«

»Tausch oder Wechsel, wer weiß das!«

»Hm! Man spricht in neuerer Zeit davon, daß außerordentlich viele neue Fünfzigguldennoten coursiren. Die Zahl dieser Noten soll geradezu auffallend sein. Es scheint ein Räthsel hier zu geben!«

»Das Räthsel kam noch, nämlich es stand ein Dritter bei ihnen, mit Regenmantel und Caputze.«

»Ah! Sahen Sie das Gesicht?«

»Nein; aber ich beschloß, aufzupassen. Ich lief zur nächsten Ecke und instruirte den Wächter.«

»Bravo! Was nun?«

»Die Drei verschwanden nach oben. Nach einer Viertelstunde wohl öffnete Wunderlich die Hausthür, spähte vorsichtig umher und ließ den Officier heraus.«

»Scharfenberg!«

»Ich dachte es.«

»Ah! War er es denn nicht?«

»Bitte, hören Sie! Ich war natürlich überzeugt, daß es Scharfenberg sei. Doch schien mir der Gang jetzt ein anderer zu sein; zudem hatte ich einmal Interesse gefaßt und so bat ich den Wächter, dem Officier zu folgen, um zu erfahren, wohin er gehe.«

»Natürlich nach seiner Wohnung!«

»O nein!«

»Wohin denn?«

»Er ist zur Stadt hinaus und hinter dem Petrikirchhofe über die Wiesen nach dem Flusse gegangen. Dem Wächter ist es nicht möglich gewesen, ihm weiter zu folgen.«

»Das ist freilich sehr auffallend! Was hat Scharfenberg zu dieser Stunde dort zu suchen, nach einem so geheimnißvollen Aufenthalte bei Wunderlich? Hinter diesem Kirchhofe liegt ja auch die Scheune, unter welche die Leda, seine Geliebte, ihr ermordetes Kind versteckte. Ich bin höchst gespannt. Fahren Sie fort. Vielleicht haben Sie eine höchst interessante, werthvolle Beobachtung gemacht.«

»O, sie ist noch viel, viel interessanter, als Sie meinen. Natürlich erwartete ich nun den Mann mit dem Regenmantel und gab dem Wächter einen Wink, ihn anzuhalten. War es der Gesuchte nicht, so schadete es ja nichts.«

»Richtig. Aber er kam nicht!«

»O, er kam.«

»Wirklich? Jetzt kommt die Hauptsache!«

»Es ist auch die Hauptsache. Also er kam, mit Regenmantel, Caputze und Koffertasche, ganz so, wie der Hauptmann beschrieben wurde.«

»Sapperment! Sie hielten ihn doch fest?«

»Natürlich!«


// 1838 //

»Nun weiter! War's der Hauptmann?«

»Nein.«

»Ah! Wer denn?«

»Der Herr Lieutenant von Scharfenberg.«

Der Assessor blickte den Erzähler sprachlos an. Er war ganz verblüfft. Dann aber brach er los:

»Donnerwetter! Wollen Sie mich utzen?«

»Kann mir nicht einfallen!«

»Also wirklich der Scharfenberg?«

»Ja, wirklich.«

»Sie haben sich nicht geirrt?«

»Ich habe sogar mit ihm gesprochen. Er drohte mit einer Beschwerde, daß man ihn angehalten habe.«

»Was soll man dazu sagen?«

Der Fürst hatte bisher still zugehört. Jetzt meinte er:

»Es ist hier nur ein Fall möglich.«

»Welcher, Durchlaucht?«

»Baron von Helfenstein und Lieutenant von Scharfenberg haben sich bei Wunderlich getroffen, vorsätzlich oder zufällig; das wird sich finden. Um fliehen zu können, hat der Baron den Officier vermocht, den Anzug mit ihm zu wechseln. Das ist sehr einfach.«

»Dann müßte der Baron eine große Gewalt über Scharfenberg besitzen.«

»Warum nicht? Er hat manchen Anderen auch beherrscht. Wer kann solche Verhältnisse durchschauen.«

»Ah! Wenn Sie richtig vermutheten. Aber noch ist nicht erwiesen, daß jener Mann mit der Caputze auch wirklich der Hauptmann gewesen sei. Herr Doctor Holm hat ja sein Gesicht nicht sehen können.«

»Was mich betrifft,« erklärte Holm, »so bin ich überzeugt, daß er es gewesen ist.«

»Ich werde mir Klarheit holen,« sagte der Fürst, indem er von seinem Sitze aufstand.

»Wie?«

»Ich gehe sofort zu Scharfenberg.«

»Wäre das nicht vielmehr meine Sache, als Amtsanwalt?«

»Vielleicht, doch bitte es mir zu überlassen. Sie können ja mitgehen und in der Nähe warten.«

»Gut, brechen wir auf!«

»Erst eine kleine Veränderung meiner Person. Ich möchte mich so tragen, wie mich der alte Hausmann bei Scharfenbergs bereits einmal gesehen hat.«

Bereits nach zehn Minuten schritt er, seine beiden Begleiter zurücklassend, auf das alte Patrizierhaus der Familie Scharfenberg zu. Das obere Stockwerk desselben zeigte kein erleuchtetes Fenster; aber durch einige Ladenritzen des Parterres blickte Licht.


// 1839 //

Der Fürst klopfte leise. Dann wurde ein Fenster geöffnet, und eine männliche Stimme fragte:

»Wer ist's?«

»Sind Sie der Hausmann Kreller?«

»Ja.«

»Ich bin der Fürst des Elendes. Lassen Sie mich heimlich ein!«

Nach kurzer Zeit wurde die Hausthür sehr vorsichtig geöffnet und der Hausmann, welcher ein Licht in der Hand hatte, begrüßte auf's Unterthänigste den Fürsten.

»Der Herr Lieutenant schläft bereits?« fragte dieser.

»Nein.«

»Ich sehe doch kein Licht!«

»Er ist noch ausgegangen.«

»Wann?«

»Um - um - - um -« stotterte der Alte.

»Sagen Sie die Wahrheit! Ich meine es gut!«

»Vor einer Viertelstunde.«

»Warum öffnen Sie da so vorsichtig?«

»Ich denke, meine Frau, welche schläft, braucht nicht zu wissen, was geschieht.«

»Sehr gut! Pst!«

Auf diesen letzten Laut kamen der Assessor und Doctor Holm herbei. In ihrer Gegenwart fragte der Fürst:

»Der Lieutenant ist vor einer Viertelstunde wieder fort. Wann kam er vorher nach Hause?«

»Zehn Minuten vorher.«

»In Uniform?«

»In Civil.«

»War er denn in Civil ausgegangen?«

»Nein, sondern in Uniform.«

»Wo hat er den anderen Anzug her?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ging er in Civil wieder fort?«

»Nein.«

»Ich errathe. Er wird in das Cavaliercasino gegangen sein, um ein Spielchen noch zu machen.«

»Leider, leider.«

»Hatte er eine Tasche mit?«

»Ja. Sie liegt oben in seinem Zimmer.«

»Ist dies verschlossen?«

»Nein.«

»Führen Sie uns hinauf!«

Der Alte gehorchte. Droben lag auf den Stühlen der Anzug des Barons. Die Taschen wurden untersucht. Es fand sich ein goldener Bleistifthalter,


// 1840 //

welcher vergessen war und die Buchstaben F. v. H. zeigte. In der Tasche gab es Toilettemittel, falsche Bärte und eine Perrücke. Auf dem Bügel waren dieselben drei Buchstaben eingravirt. Es war kein Zweifel zu hegen, daß diese Gegenstände dem Baron Franz von Helfenstein gehört hatten.

»Ich verbiete Ihnen, Ihrem Herrn ein Wort von unserer Anwesenheit zu sagen,« meinte der Fürst. »Es würde zu Ihrem Unglücke sein.«

Sie gingen. Auf der Straße angekommen, fragte er Doctor Holm:

»Wissen Sie nicht, ob der Officier, welcher aus Wunderlich's Haus kam, Sporen trug?«

»Ganz gewiß. Sporen und Degen.«

»So hat er sicher eine genaue Fährte in dem vom Regen aufgeweichten Boden zurückgelassen. Wir wollen Befehl geben, daß bis Tagesanbruch kein Mensch jene Gegend betreten darf.«

»Soll ich das thun?« fragte der Gerichtsbeamte.

»Das würde mir lieb sein, da ich noch anderweit beschäftigt bin.«

»Auch in dieser Angelegenheit?«

»Ja. Ich werde Ihnen das Nöthige später mittheilen.«

Sie trennten sich. Doctor Holm ging nach Hause, nachdem er von dem Fürsten die Weisung erhalten hatte, sich reisefertig zu machen und mit Tagesanbruch bereit zu sein. Der Beamte beeilte sich, den erwähnten Befehl zu geben, und der Fürst schlenderte langsam dem Cavalierscasino zu.

Als er dort ankam, war man nicht gleich bereit, ihn einzulassen, sondern es wurde erst eine Art von Verhör angestellt. Als er klopfte, öffnete das Mädchen die Thür nur ein wenig und fragte:

»Was wollen Sie?«

»Bedient sein,« antwortete er kurz.

Bei diesen Worten ergriff er die Thür, um sie ganz zu öffnen, wurde aber durch eine innerhalb vorhängende Sicherheitskette verhindert.

»Wer sind Sie?« fragte das Mädchen weiter.

»Auch ein Cavalier.«

»Ihr Name?«

»Den werde ich dem Wirthe selbst sagen.«

»Warten Sie!«

Sie machte wieder zu, und er stand nun allein auf dem Vorplatze. Er mußte eine ganze Weile warten, bis die Thür wieder aufging und der Wirth zu ihm heraustrat.

»Mein Herr, es ist hier nicht eine öffentliche Restauration, sondern ein geschlossenes Casino.«

»Das weiß ich. Und grad aus diesem Grunde erscheint es mir seltsam, daß man es Ihnen, als dem Wirthe, überlassen hat, die Erlaubniß zum Eintritte zu ertheilen.«

»Es verkehren hier nur Cavaliers.«

»Können Sie bestimmen oder entscheiden, ob ich einer bin oder nicht? Das können doch nur die anwesenden Herren, und sie hätten mich also un-


// 1841 //

gehindert eintreten zu lassen. Aber ich will nicht mit Ihnen rechten. Ich bin der Fürst des Elendes.«

»Ah!«

»Darf ich also hinein?«

»Sehr gern; bitte, bitte!«

Er riß die Thüre weit auf und machte eine sehr tiefe, einladende Verbeugung. Dann, als der Fürst eingetreten war, fragte er diesen in demüthiger Haltung:

»Darf ich den Herren sagen, wer uns die Ehre erweist?«

»Wenn sie fragen, ja, sonst aber nicht. Ich beabsichtige, hier in Ruhe eine Flasche Wein zu trinken. Geben Sie mir die Karte!«

Er erhielt die Weinkarte, wählte aus und wurde bedient. Dann griff er zu einer Zeitung und gab sich den Anschein, als ob er ganz in die Lectüre vertieft sei.

In diesem Zimmer befand sich jetzt außer ihm und der einen Kellnerin kein Mensch, da der Wirth sich zurückgezogen hatte. Es herrschte tiefe Stille. Desto deutlicher war der Lärm zu hören, welcher aus dem Nebenzimmer drang. Pausen des tiefsten Schweigens wechselten mit lauten, jubelnden oder ärgerlichen Ausrufungen. Grimmige Flüche erklangen zuweilen, begleitet von höhnischem Gelächter.

So verging fast über eine Stunde, da rief eine laute, zornige Stimme:

»Verloren! Die letzten tausend Gulden jetzt!«

Wieder war es still. Eine Stimme sagte:

»Sechzehn geworfen! Jetzt, Scharfenberg!«

Nach einer kurzen Pause erklangen abermals laute Rufe. Der Fürst hörte sagen:

»Zwölf geworfen, Scharfenberg: zwei, vier und sechs. Die tausend Gulden sind futsch!«

»Hole Euch der Teufel! Ich gehe nach Hause.«

Der Lieutenant riß die Thür auf und trat heraus. Sein hochrothes Gesicht und der glühende Blick verriethen die Aufregung, in welcher er sich befand. Niemand folgte ihm. Er machte die Thür wieder hinter sich zu. Als er den Fürsten erblickte, stutzte er und wendete sich fragend an die Kellnerin:

»Ein Fremder! Wer hat ihn hereingelassen?«

Da erhob sich der Fürst und antwortete an ihrer Stelle:

»Gestatten Sie mir, Ihnen das selbst zu sagen. Bleiben Sie hier oder gehen Sie nach Hause?«

»Das Letztere.«

»Dann bitte ich um die Erlaubniß, Sie zu begleiten.«

»Warum?«

»Ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

»In dieser Stunde? Worüber?«

»Ich werde Ihnen diese Auskunft unter vier Augen geben.«


// 1842 //

»Gut! Hoffentlich ist der Gegenstand so wichtig, daß er Ihre so ungewöhnliche Maßregel entschuldigt!«

»Ganz gewiß.«

»So kommen Sie!«

Der Fürst bezahlte, und die Beiden gingen. Unten an der Thür des erleuchteten Flures blieb Scharfenberg stehen und fragte:

»Nun? Was haben Sie mir zu sagen?«

Er schien keine Lust zu haben, mit dem Fürsten, der ihm wegen der Verkleidung unbekannt war, weiter zu gehen.

»Bitte, gehen wir! Sie dürfen sich mir getrost anvertrauen. Ich bin ein Cavalier wie Sie.«

Bei diesen Worten schritt er langsam weiter, und der Officier folgte ihm nothgedrungen, fragte aber:

»Ihr Name?«

»Man nennt mich den Fürsten des Elendes.«

»Alle Teufel!«

»Sie erschrecken?«

»Nein. Ich wüßte nicht, warum! Ich nehme natürlich an, daß Sie mir nur Angenehmes zu sagen haben?«

»Allerdings, denn eine Warnung hat stets ihre Annehmlichkeiten, Herr Lieutenant.«

»Wie? Sie beabsichtigen, mich zu warnen?«

»Ja.«

»Vor wen oder was?«

»Vor der Polizei.«

»Ach! Ich wüßte nicht, was ich mit ihr zu schaffen hätte! Und wenn Sie mich warnen, scheinen Sie der Ansicht zu sein, daß mir etwas Unangenehmes drohe?«

»Das ist allerdings der Fall.«

»Daß ich also mit der Polizei in Conflict stehe?«

»Leider.«

»Hm! Ich will Ihnen sagen, daß ich Ihrer Warnung nicht bedarf. Ich habe die Polizei nicht zu fürchten.«

»Desto besser für Sie!«

»So weiß ich allerdings nicht, wie Sie auf den Gedanken kommen, mich zu warnen, noch dazu in nächtlicher Zeit. Ich kenne Sie nicht, Sie tragen einen romantischen, theatralischen Titel; dies giebt Ihnen aber kein Recht, mich zu incommodiren.«

»So verzeihen Sie, Herr Lieutenant! Ich bitte um Entschuldigung und werde Sie keinen Augenblick länger belästigen. Meine Warnung betraf einen gewissen Wunderlich. Da Sie ihrer aber nicht bedürfen, so sage ich Ihnen höflichst gute Nacht!«

Er drehte sich ab, scheinbar um sich zu entfernen. Aber da hatte ihn der Lieutenant auch bereits am Arme ergriffen und fragte in eifrigem Tone:


// 1843 //

»Halt! Bitte! Wunderlich sagten Sie? Wer ist das?«

»Sie kennen ihn nicht?«

»Nein. Was ist er?«

»Rentier.«

»Wo wohnt er?«

»Neumarkt Nummer Zwölf.«

»Habe keine Ahnung von diesem Manne!«

»Man sagt aber, daß Sie ihn kennen.«

»Ganz und gar nicht.«

»Daß Sie ihn besuchen.«

»Fällt mir nicht ein.«

»Daß Sie sogar in Geschäftsverbindung mit ihm stehen.«

»Man lügt.«

»Wirklich?«

»Ja. Ich bin Officier und kein Geschäftsmann. Sie verstehen mich hoffentlich!«

»Aber er scheint Geschäftsmann zu sein!«

»Sie widersprechen sich!«

»In wiefern?«

»Sie nannten ihn vorhin Rentier. Rentiers aber pflegen nicht Geschäfte zu treiben, sondern sich vielmehr ganz im Gegentheile von ihnen zurückgezogen zu haben.«

»Im Allgemeinen, ja. Aber kleine Geschäftchens giebt es doch, zu welchen sich selbst Rentiers noch zu verstehen pflegen.«

»Das geht mich nichts an.«

»So zum Beispiel Vorschuß- und Discontogeschäfte.«

»Bringen Sie damit etwa mich in Beziehung?«

»Nein. Ich bin überzeugt, daß Sie keines Vorschusses bedürfen. Höchstens würden Sie sich auf ein kleines Tauschgeschäft einlassen, wenn es nämlich etwas einbringt.«

»Tauschgeschäft? Was meinen Sie? Was sollte ich vertauschen oder eintauschen?«

»Da giebt es gar vielerlei, zum Beispiel Staatspapiere, Fünfzigguldenscheine - -«

»Donnerwetter!«

»Nicht, Herr Lieutenant?«

»Was soll das heißen, Fünfzigguldenscheine?«

Er war vor Schreck stehen geblieben. Die Laterne, bei der sie hielten, beleuchtete sein todtesbleiches Gesicht, aus welchem die dunklen Augen angstvoll den Fürsten anstarrten.

»Sie pflegen jetzt sehr gern zu spielen?« sagte dieser.

»Wem geht das etwas an!«

»Und mit Fünfzigguldennoten zu bezahlen.«

»Ich thue, was mir beliebt!«


// 1844 //

»Ganz recht! Aber diese Noten sind außerordentlich neu und ungebraucht.«

»Wie ich sie aus der Bank bekomme!«

»Aus welcher Bank?«

»Bei allen Teufeln! Habe ich Ihnen etwa Rechenschaft über das, was ich thue, abzulegen?«

»Nein. Ich will Sie ja auch nur warnen. Wie nun, wenn die Nummern dieser Noten mit anderen übereinstimmten!«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Das heißt, wenn diese Kassenscheine unecht wären!«

»Das ist unmöglich. Das zu denken wäre Wahnsinn. Und wenn es so wäre, was geht es mich an?«

»O, sehr viel!«

»Nein, gar nichts!«

»Man würde Sie fragen, woher Sie die Scheine haben.«

»Von der Bank.«

»So, so! Es giebt Leute, welche dies verneinen.«

»Wer sind diese Leute?«

»Zunächst dieser Herr Wunderlich.«

»Den ich gar nicht kenne?«

»Ja, wie Sie behaupten.«

»Was kann er sagen?«

»Daß Sie mit ihm Kassenscheine tauschen.«

»Alle Teufel! Wann?«

»Zum Beispiel heute Abend. In seinem Hausflur, an der Treppe.«

»Der Mensch ist wahnsinnig!«

»So müssen Sie dazu thun, daß man ihn in eine Irrenanstalt steckt.«

»Das werde ich allerdings sofort betreiben. Wie aber will ich es ihm beweisen, daß er solche Behauptungen aufstellt?«

»Durch mich.«

»Ah! Würden Sie sich als Zeuge stellen? Ich denke, der Fürst des Elendes bemüht sich, unerkannt zu bleiben!«

»O, ich kann auch einmal an den Verhörstisch treten. Doch ist dies keineswegs unbedingt nöthig. Es giebt auch Andere, welche Ihnen beweisen können, daß Wunderlich solche Reden führt.«

»Wer?«

»Zum Beispiel Der, dem Sie heute Ihre Uniform geborgt haben.«

Der Lieutenant war für einige Augenblicke nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen. Dann raffte er sich mit Gewalt zusammen und sagte:

»Ich, meine Uniform vertauscht? Wo soll dies geschehen sein?«

»Eben bei diesem Wunderlich.«

»Mit wem denn?«

»Mit dem entflohenen Hauptmann; das heißt also mit dem Baron Franz von Helfenstein.«

»Mann, Sie schnappen wohl über?«


// 1845 //

»Nein. Sie haben dafür den Anzug von ihm bekommen, den er trug; Regenmantel mit Caputze. Sogar seine Koffertasche hat er Ihnen gegeben.«

»Ich glaube, Sie phantasiren!«

»Hm! Wie nun, wenn die Polizei jetzt in Ihre Wohnung ginge, um nach diesen Gegenständen zu suchen?«

»Man würde nichts finden, gar nichts. Es muß irgend ein hirnverbrannter Thor sich ein Ammenmärchen ausgesonnen haben. Ich kann nachweisen, daß ich im Casino war und dann - -«

»Zu diesem Wunderlich ging,« fiel ihm der Fürst in die Rede.

»Ist mir nicht eingefallen. Ich ging aus dem Casino nach Hause, um mir Geld zu einem kleinen Spiel zu holen.«

»Aber wie kamen Sie denn an die Ecke des Neumarktes, wo Sie dem Wächter, der Sie anhielt, mit Beschwerdeführung drohten?«

»Dort bin ich nicht gewesen.«

»Man hat Sie erkannt. Sie haben sogar Ihren Namen genannt.«

»Das kann nur ein Anderer gewesen sein.«

»Dann muß der Wächter vernommen werden. Ich gebe Ihnen den Rath, dies zu beantragen und auch diesen Herrn Rentier Wunderlich bei der Parabel zu nehmen!«

»Danke! Ich weiß schon selbst, was ich zu thun habe. Ich brauche Ihren Rath keineswegs.«

»So bitte ich, mir zu verzeihen. Meine Absicht war gut.«

»Das mag sein. Haben Sie mir noch etwas zu sagen?«

»Nein.«

»So ist's vollständig genug. Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Der Lieutenant ging mit eiligen Schritten seiner Wohnung zu und dachte dabei:

»Das ist entsetzlich! Wie ist man dahinter gekommen? Ich muß schleunigst den Anzug und den Koffer des Barons verbrennen und dann zu Wunderlich, um ihn zu warnen, damit er sich nicht verschnappt, falls er gefragt wird.«

Und der Fürst sagte zu sich:

»Jetzt eilt er heim, um die Sachen zu vernichten, und dann sucht er ganz sicherlich Wunderlich auf. Wollen sehen!«

Er begab sich nach dem Neumarkt und trat in das dortige Polizeilocal. Da alle Polizisten wegen der Flucht des Hauptmannes auf den Beinen waren, so fand er eine ansehnliche Anzahl derselben beisammen. Er legitimirte sich und bat sich dann einen gewandten Beamten zum Begleiter aus.

Mit diesem begab er sich nach der Seite des Marktes, an welcher das Haus Wunderlichs lag. Dort hielt der Nachtwächter, mit dem Holm gesprochen hatte. Der Fürst trat mit dem Polizisten zu ihm und fragte:

»Sie haben sämmtliche Nachschlüssel bei sich?«

»Ja, mein Herr.«

»Geben Sie mir den von Nummer 12


// 1846 //

»Darf ich das?«

»Sie sehen, daß mein Begleiter Polizist ist. Wir werden in das Haus treten; von da behalten Sie es scharf im Auge, hindern aber Niemand, hineinzugehen.«

Der Wächter machte den Schlüssel von dem eisernen Ringe los und gab ihn dem Fürsten, welcher sich der Thür mit dem Polizisten vorsichtig näherte. Er schloß auf und, als sie eingetreten waren, wieder zu. Dann zog er sein kleines mit Oel und Phosphor gefülltes Fläschchen aus der Tasche.

Es warf einen ganz genügenden Schein umher. Der Polizist bemerkte dies mit Verwunderung und sagte:

»Das ist praktischer als eine Blendlaterne.«

»Unter Verhältnissen, ja. Wir brauchen kein helleres Licht.«

»Darf ich fragen, was wir hier beabsichtigen?«

»Natürlich. Wir verstecken uns hier. In kurzer Zeit wird, wenn ich mich nicht täusche, Jemand kommen, um mit dem Wirthe dieses Hauses eine Unterredung zu haben. Diese müssen wir auf alle Fälle belauschen.«

»Warum?«

»Man wird von dem Hauptmanne sprechen, dessen Flucht hier Unterstützung fand.«

»Sapperment!«

»Man wird ferner vielleicht von falschen Fünfzigguldennoten reden, welche in diesem Hause fabrizirt werden.«

»Ist das möglich!«

»Fast gewiß.«

»Wo aber werden die Beiden ihre Unterredung abhalten?«

»Ich glaube nicht, daß sie nach der Etage gehen. Wir wären in diesem Falle gezwungen, ihnen zu folgen. Hoffentlich machen sie ihre Sache hier im Flur ab, und so wollen wir sehen, ob sich hier ein Versteck für uns bietet.«

»Vielleicht unter der Treppe.«

»Ja. Ah, da ist ein Verschlag!«

»Verschlossen?«

»Nein. Sehen wir einmal, was er enthält.«

Er leuchtete hinein.

»Pappen,« meinte der Polizist. »Das giebt ein gutes Versteck.«

»Glücklicher Weise! Aber, sehen Sie, was ist das?«

»Ein runder, nasser Fleck auf den Pappen.«

»Und hier unten?«

»Hier sieht es aus, als ob Stiefelabsätze ihre Spuren zurückgelassen hätten. Sollte hier Jemand gesessen haben?«

»Ganz sicher. Sehen wir einmal nach der Hinterthür.«

Er leuchtete hin. Beide betrachteten aufmerksam die Steinplatten. Dann meinte der Fürst:

»Kein Zweifel! Es ist Jemand zur Hinterthür hereingekommen. Hier


// 1847 //

hat er eine kurze Weile gestanden und das Regenwasser ist von seinem Mantel herabgetropft oder vielmehr geradezu herabgelaufen. Wissen Sie, wer das war?«

»Wie kann ich das wissen!«

»Der, den Sie suchen.«

»Sie meinen doch nicht etwa den Hauptmann?«

»Grad ihn und keinen Anderen. Sie werden noch davon hören. Treten Sie in den Verschlag. Es ist leidlich Platz für Zwei. Ich denke, wir werden nicht sehr lange zu warten haben.«

Sie krochen hinein und setzten sich neben einander auf die Pappen. Der Fürst zog die Thür zu und steckte sein kleines Phosphorlaternchen wieder in die Tasche.

Nun war es ganz dunkel um sie her. Der Regen hatte nachgelassen, und auch der Wind hatte sich gelegt. Es war draußen und im Hausflur so still, daß den beiden Lauschern nicht das geringste Geräusch entgehen konnte. Da sagte nach einer kleinen Weile der Polizist:

»Wäre es nicht besser, wenn ich eine deutliche Instruction empfangen könnte?«

»Vielleicht. Was wollen Sie wissen?«

»Handelt es sich um eine Arretur?«

»Unter Umständen. Ich werde es Ihnen sagen.«

»Wer ist Der, den Sie erwarten?«

»Ein Officier.«

»Wetter noch einmal!«

»Der Lieutenant von Scharfenberg.«

»Ah, Der. Aber dürfen wir uns seiner bemächtigen?«

»Warum nicht?«

»Er gehört dem Militärgerichte an. Wir dürfen uns nicht an dem Rocke des Königs vergreifen.«

»Ich vermuthe, daß er jetzt Civil anlegen wird.«

»Voraussichtlich wird er sich gegen die Arretur wehren.«

»Fürchten Sie ihn?«

»Nein. Da wir heute den entflohenen Hauptmann suchen, sind wir besser bewaffnet als gewöhnlich.«

»So haben Sie Revolver?«

»Und auch Todtschläger.«

»Uebrigens werden wir es nur mit dem Officier zu thun haben. Ich denke, daß Wunderlich vor Schreck ganz unfähig sein wird, Widerstand zu leisten. Horch!«

»Draußen kam Jemand.«

»Ja. Er steht noch da. Hören Sie?«

»Er drückt an der Thür. Sie ist zu.«

»Jetzt wird er den Wirth wecken.«

»Wie wird er das anfangen?«

»Vielleicht wirft er etwas hinauf. Sie werden sich schon besprochen haben. Hören Sie! Er geht fort, mitten auf die Straße, wie es scheint.«


// 1848 //

Sie lauschten.

»Jetzt!« sagte der Polizist.

»Ja, man hört auch hier den Sand fallen, den er an das Fenster geworfen hat. Hören wir.«

Die Sandkörnchen fielen noch einige Male, dann hörte man draußen eine halblaute Stimme sprechen, ohne aber die Worte deutlich verstehen zu können.

»Jetzt hat Wunderlich aus dem Fenster gesehen,« sagte der Fürst. »Nun wird er herabkommen.«

Natürlich sprachen die beiden Lauscher nur im leisesten Flüstertone mit einander. Nach kurzer Zeit hörte man oben eine Thür vorsichtig öffnen und mit leisen Schritten kam Jemand die Treppe herab.

Wunderlich war es, im Schlafrock und Filzpantoffeln. Er trug ein Licht, welches er auf die Treppenstufe setzte. Dann ging er zur Thür, um sie zu öffnen. Das geschah, ohne ein Geräusch zu verursachen. Als der Lieutenant eintrat, knirschten seine Sohlen auf den Steinplatten. Da hörten die Beiden Wunderlich flüstern:

»Leise, leise! Es ist schon spät. Die im Parterre pflegen früh aufzustehen.«

»Schließen Sie zu,« sagte Scharfenberg, »und stellen Sie das Licht so, daß man es von draußen nicht bemerkt.«

»So kommen Sie weiter hinter!«

Sie kamen an die Treppe. Wunderlich stellte den Leuchter in die Ecke der Treppenbiegung und fragte:

»Aber, was ist's, daß Sie schon wiederkommen? Ich will nicht hoffen, daß etwas geschehen ist!«

»Viel, sehr viel sogar!«

»Sapperment!«

»Man weiß, daß Sie falsches Geld machen.«

»Gott stehe mir bei.«

»Daß ich es vertreibe.«

»Doch nicht möglich!«

»Daß der Hauptmann bei uns war.«

»Dann gnade uns Gott!«

»Und daß ich den Anzug mit ihm gewechselt habe.«

»Ist man denn allwissend!«

»Es scheint so. Ich befinde mich natürlich in einer ganz entsetzlichen Aufregung. Wir müssen berathen, und doch haben wir vielleicht gar nicht die Zeit dazu.«

»Warum nicht?«

»Die Polizei kann jeden Augenblick hier sein. Wenn man mich erwischt, ist der Beweis halb erbracht.«

»Man wird Sie nicht erwischen.«

»Hätten Sie für den Nothfall ein Versteck?«


Ende der siebenundsiebzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk