Lieferung 79

Karl May

27. Februar 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1873 //

»Hier steht es groß und breit, hier, hier!«

»Bitte, darf ich es lesen?«

»Ja, lesen Sie! Ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll.«

Der Baron trat hinzu, beugte sich auf die Zeitung herab und las unter der Rubrik der Telegramme:

»Heute nacht wurde der sogenannte Hauptmann während eines Einbruches bei dem Fürsten von Befour mit seiner ganzen Bande gefangen genommen. Als man seine Verkleidung entfernt hatte, erkannt man in dem berüchtigten Banditen den - Baron Franz von Helfenstein.«

»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte der Major.

»Ah, was soll ich zu einer Mystification sagen?« fragte der Baron leichthin.

»Mystification?«

»Ja. Was sonst?«

»Das ist stark! Das ist wirklich stark! Haben Sie wohl das heutige Morgenblatt gelesen?«

»Nein.«

»Nun, so sehen Sie sich dieses neueste Telegramm an!«

Er hielt dem Baron die fettgedruckten Zeilen entgegen:

»Heute nacht gelang es dem Baron Franz von Helfenstein, unter Ermordung eines Gefängnißschließers und tödtlicher Verletzung eines Militärpikets zu entfliehen. Er trägt die Uniform eines Infanterielieutenants, und alle Militär- und Polizeikräfte des Landes sind zu seiner Ergreifung aufgeboten. Die Grenze ist so eng besetzt, daß ein Entkommen unmöglich ist.«

Der Baron zuckte nur die Achsel.

»Weiter haben Sie nichts zu sagen?« fragte der Major.

»Ja.«

»Das ist Ihre ganze Antwort?«

»Meine ganze und einzige.«

»Hat man etwa Lügen gedruckt?«

»Nein.«

»Es ist also wahr, was hier steht?«

»Ja.«

»Sie befinden sich also auf der Flucht?«

Bei jeder neuen Frage erhob sich der Ton des Majors zu größerer Stärke.

»Ja, ich bin Flüchtling.«

»Und Sie kommen zu mir?«

»Wie Sie sehen!«

»Zu mir, zu mir! Mensch, Sie sind geradezu wahnsinnig!«

»O, ich glaube vielmehr, sehr überlegt zu handeln!«

»Ich werde Sie ergreifen, binden, fesseln lassen!«

»Das werden Sie nicht!«

Die beiden Männer standen sich glühenden Blickes gegenüber. Der Major stieß hervor:


// 1874 //

»Erwarten Sie etwa von mir Schonung?«

»Schonung und - Unterstützung.«

»Das ist wirklich frech, über alle Maßen frech!«

»O, meine Ansprüche gehen nicht weit.«

»Ah! So will ich wenigstens, der Lächerlichkeit halber, diese Ansprüche einmal kennen lernen!«

»Wir sind ziemlich gleicher Gestalt. Ich erbitte mir einen Anzug von Ihnen und lasse Ihnen diesen hier zurück. Man verfolgt mich, man ist hart hinter mir her. Sie lesen, daß man die Uniform kennt, welche ich trage. Nur ein Civilanzug kann mich retten.«

»Und den soll ich Ihnen verschaffen, ich, ich!«

»Ja, Herr Major.«

»Ihnen, dem Verführer meines Sohnes!«

»Pah! Was Ihr Sohn ist, das ist er ohne mich geworden. Ich habe mit ihm gespielt, als er bereits Spieler war.«

»Sie sind der Verführer! Ich werde meiner Dienerschaft klingeln und Sie festnehmen lassen!«

Er wollte nach der Thür gehen, an welcher sich der Klingelzug befand; aber der Baron trat ihm in den Weg und sagte kalt:

»Das werden Sie unterbleiben lassen!«

»Wer will mich hindern?«

»Ich!«

»Wieso? Wollen Sie sich etwa an mir vergreifen?«

»Nein; aber ich werde, falls ich ergriffen werden sollte, sagen, wer mir diese Uniform zur Flucht geliehen hat.«

»Wer soll das sein?«

»Ihr Sohn, der Lieutenant von Scharfenberg.«

Da fuhr der Major zurück und rief:

»Sie lügen!«

»Keine Beleidigung! Ich kann wohl tödten und auch Anderes, hier aber sage ich die Wahrheit!«

»Es ist unmöglich!«

»O, er hat sie mir sehr gern gegeben!«

»Ich glaube es nicht.«

»Er gab sie mir, um sich zu retten.«

»Vor was?«

»Vor Vielem. Zunächst ist er des Kindesmordes angeklagt, der Herr Lieutenant.«

»Erfindung!«

»Wissen Sie nicht, daß jene Editha von Wartensleben wieder aufgetaucht ist? Sie hat ihr Kind ermordet.«

»Mein Gott! Was höre ich!«

»Ihr Sohn ist verloren. Sie allein können ihn retten, wenn Sie meinen Rath hören und befolgen. Man beschuldigt ihn noch ganz anderer Sachen.«


// 1875 //

»Wessen?«

»Zunächst sagen Sie mir, ob Sie mir einen Anzug geben werden, Herr Major?«

»Ich verspreche nichts. Ich will vorher wissen, was mein Sohn sich vorzuwerfen hat.«

»Er hat seinen Ehrenschein wiederholt nicht eingelöst.«

Der Major stemmte die beiden Hände auf die Tischplatte, um festen Halt zu haben.

»Das soll wahr sein?« fragte er.

»Ja. Er ist in Folge dessen mit dem Oberlieutenant von Hagenau ein amerikanisches Duell eingegangen. Die Würfel haben gegen Ihren Sohn entschieden. Binnen zweier oder dreier Tage muß er sich das Leben nehmen, wenn er nicht angespuckt sein will.«

»Mein Gott! Mein Gott!«

»Und ferner ist er Falschmünzer.«

»Das ist Lüge, Lüge, Lüge!«

»Oho! Ein Jude Salomon Levi und ein gewisser Wunderlich haben Fünzigguldennoten fabricirt und Ihr Sohn hat sie verbreitet, weil Sie ihm die Casse nicht so voll halten, wie er es wünscht. Vielleicht wird er bereits heute noch arretirt.«

Da richtete sich der Major stolz auf. Er sagte:

»Ich durchschaue Sie! Sie wollen sich meine Hilfe durch diese Märchen erkaufen. Aber Sie sollen keinen Erfolg haben. Mein Sohn ist gedankenlos, meinetwegen auch leichtsinnig, ein Verbrecher aber ist er nicht!«

»Ganz wie Sie wollen! Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich die Wahrheit rede. Nur weil ich Alles von ihm weiß, hat er mir diese Uniform geborgt.«

»Ah! Sollte es doch möglich sein?«

»Es ist so! Ich gebe Ihnen den Rath, sofort nach der Residenz zu fahren. Vielleicht können Sie ihn noch retten. Lösen Sie die Falsificate ein.«

»Also doch, doch, doch!«

Der alte, brave Kriegsmann griff sich nach dem Kopfe. Es wurde ihm roth, blau, schwarz vor den Augen. Es war ihm, als ob er in ein Meer versinke, als ob hohe Wogenberge auf ihn einstürmten. Er gab noch einen leisen, ersterbenden Laut von sich und sank dann auf dem Boden nieder. Er war ohnmächtig.

Da erklang Hufschlag vom Schloßhofe herauf. Der Baron trat an das Fenster und blickte hinab. Er sah den Fürsten und Holm vom Pferde springen.

»Sie kommen! Sie sind da!« sagte er. »Ich muß schnell machen, ich muß fort! Dieser alte Mann wird mich nicht stören. Der Diener sagte, die Gemächer seines Herrn lägen hinter der Bibliothek. Dort muß sich also auch die Garderobe befinden. Also da hinein!«

Er sprang zum Eingang zurück und schob den Riegel vor, um seine Verfolger aufzuhalten. Dann eilte er durch die entgegengesetzte Thür hinaus.

Er kam in das Wohnzimmer. Weiter! In das Schlafzimmer. Und


// 1876 //

noch weiter. In ein Zimmer mit mehreren Schränken. Er öffnete. Uniformen in dem einen Schrank, Civilanzüge in dem anderen.

In fliegender Eile zog er seine Uniform aus und warf die Stücke von sich. Er wählte schnell Rock, Hose und Weste aus schwarzem Tuche und einen hohen Cylinderhut dazu. Eine Cravatte lag auf dem Tische. Es dauerte doch länger, als er dachte. Da hörte er von der Bibliothek her ein Geräusch wie von Schlägen gegen die Thür. Es war die höchste Zeit.

»Jetzt zum Fenster hinaus, und sollte ich Hals und Beine brechen!« entschied er. »Vorher aber die Uniform unter das Sopha, damit sie nicht bemerken, daß ich die Kleider gewechselt habe.«

Er versteckte die Sachen und öffnete das Fenster. Es war tief bis zur Erde hinab, aber er hätte laut aufjubeln mögen, als er bemerkte, daß der aus starkem Eisen bestehende Blitzableiter gleich neben dem Fenster hinabführte. Er stieg hinaus, zog den Fensterflügel wieder zu und stieg hinab in den Garten.

Holm war, wie bereits gesagt, dem Flüchtlinge sehr nahe gewesen. Er folgte ihm an ganz derselben Stelle in das Dorf. Er blickte auf- und auch abwärts, aber der Baron war verschwunden. Es war ihm unmöglich, sein Pferd anzuhalten oder ihm mit dem Halfter eine kurze Wendung zu geben. Es stürmte links hinab, anstatt rechts hinauf.

Da langte auch der Fürst an. Er sah Holm, dachte, daß dieser den Verfolgten vor sich habe und galoppirte hinter ihm her. Erst am Ende des Dorfes gelang es Holm, den Rothschimmel anzuhalten. Der Fürst erreichte ihn.

»Wo ist der Baron?« fragte er.

»Fort! Ich sehe ihn nicht!« antwortete Holm, dessen Brust fast athemlos arbeitete.

»Ich denke, Sie haben ihn vor sich!«

»Nein. Ich konnte mein Pferd nicht lenken. Er muß aufwärts geritten sein.«

»Dann schnell zurück!«

Der Fürst jagte das Dorf hinauf, Holm brachte nur mit Mühe sein Pferd herum; dann aber rannte es freiwillig dem anderen nach.

Sie erreichten jetzt das obere Ende des Ortes, erblickten aber auch da keinen Reiter.

»Er muß da hinüber sein,« meinte Holm, »da, wo das große Gebäude steht.«

»Oder hat er eine Finte gemacht?«

»Wieso?«

»Er ist in das Dorf geritten, hat uns herankommen lassen und ist dann einfach auf demselben Wege wieder umgekehrt. Es ist ihm zuzutrauen.«

»Unmöglich ist es allerdings nicht. Wenn er den Wald zwischen sich und uns bringt, hat er gewonnen. Aber, halt, dort am Gebüsch arbeiten Leute. Wollen wir sie fragen?«

»Ja. Ist er nach jener Richtung geritten, so müssen sie ihn unbedingt gesehen haben.«


// 1877 //

Sie kamen bis an die Arbeiter und Holm fragte:

»Haben Sie vielleicht einen Reiter gesehen?«

»Ja, Herr.«

»Beschreiben Sie ihn!«

»Ein Offizier, Lieutenant, auf braunem Pferde.«

»Jawohl. Wo ist er hin?«

»Da nach dem Schlosse. Er fragte nach dem Herrn.«

»Wie heißt dieser?«

»Der Herr Major von Scharfenberg.«

»Ah, der Vater des Lieutenants gleichen Namens?«

»Ja.«

»Ist er auf dem Schlosse anwesend?«

»Er ist daheim!«

»Schön! Vorwärts!«

Sie hatten wohl eine Viertelstunde verloren; diese Zeit war nun nicht wieder einzubringen.

Als sie in den Schloßhof gelangten, kam ihnen derselbe Diener entgegen, welcher dem Baron das Pferd abgenommen hatte.

»Ist ein Offizier zu Pferde hier angekommen?« fragte der Fürst.

»Nein, meine Herren.«

»Ah, so ist er also vorübergeritten!«

Er drehte bereits sein Pferd herum, um den Schloßhof wieder zu verlassen, da meinte der Diener unter einem listigen Lächeln:

»Da haben die Herren nun wohl die Wette verloren?«

Sofort kehrte der Fürst sich ihm wieder zu und fragte:

»Welche Wette?«

»Nun, mit dem Braunen?«

»Haben Sie denn ein braunes Pferd gesehen?«

»Hm!«

Der Fürst ahnte eine Teufelei und sagte dringlich:

»Mann, sagen Sie um Gotteswillen die Wahrheit! Es handelt sich nicht um eine Wette. Man scheint Ihnen eine Lüge gesagt zu haben. Wir verfolgen einen großen Verbrecher, der aus der Gefangenschaft entwichen ist. Er trägt Lieutenantsuniform und reitet einen Braunen.«

Da erschrak der Mann.

»Herrgott! Einen Verbrecher?« fragte er.

»Ja, den berüchtigten Hauptmann, den Pascherkönig, welcher aus dem Gefängnisse gebrochen ist.«

»Mein Heiland, was habe ich gethan!«

»Was denn? War er hier?«

»Ja freilich! Er fragte nach dem Herrn und ich habe ihn auch wirklich zum Herrn Major gewiesen.«

»Wo befindet sich dieser?«

»Eine Treppe hoch in der Bibliothek.«


// 1878 //

»Wo ist das Pferd des Offiziers?«

»Dort im Stalle.«

»Geben Sie es ihm auf keinen Fall wieder! Es gehört mir; er hat es mir gestohlen. Rufen Sie schnell alle vorhandenen Leute zusammen!«

Die Beiden sprangen von den Pferden und eilten zur Treppe empor. Droben saß der Lakai.

»Wo ist der fremde Lieutenant?« fragte Holm.

»Beim Herrn, da drin.«

»Führen Sie uns! Schnell!«

Der Diener wußte noch nicht, um was es sich handelte, aber er sah die ängstlichen Züge der beiden Herren, riß die Thür auf, eilte auf die gegenüberliegende zu und wollte auch sie öffnen, konnte aber nicht. Nach einigen vergeblichen Bemühungen sagte er:

»Es ist von innen zugeriegelt.«

»Klopfen Sie! Laut! Immer lauter!«

Niemand antwortete.

»Da ist etwas geschehen!« sagte der Fürst. »Der Offizier, welchen Sie zu Ihrem Herrn gelassen haben, ist ein verkleideter Mörder.«

»Herr, mein Heiland!« schrie der Diener auf.

»Ein Beil herbei, eine Axt! Eilen Sie! Wir müssen die Thür aufbrechen!«

Der Mann sprang behende fort und brachte nach wenigen Augenblicken eine Axt. Der Fürst wuchtete mit derselben die Thür auf. Da sahen sie den Major liegen.

»Mein Herr, mein lieber, guter Herr Major!« rief der Diener und warf sich vor demselben nieder.

Die beiden Anderen aber bekümmerten sich jetzt nicht um den Schloßherrn. Sie eilten nach den nebenan liegenden Räumen, ohne aber Jemand zu sehen. Holm machte die Garderobenfenster auf und blickte hinab.

»Da ist der Garten,« sagte er.

»Sollte er da hinab sein?« fragte der Fürst.

»Möglich. Hier ist der Blitzableiter.«

»Dann zurück und höher hinauf, wo man eine bessere Aussicht hat!«

Als sie in die Bibliothek zurückkehrten, kniete der Diener noch immer vor seinem Herrn.

»Todt todt, todt!« stöhnte er.

»Ist er wirklich todt?« fragte der Fürst.

»Ja, ach ja!«

»Wie denn? Erstochen? Erschlagen?«

»Ich sehe nichts.«

»Zeigen Sie!«

Er ließ sich bei dem Major nieder und untersuchte ihn.

»Beruhigen Sie sich!« sagte er dann. »Herr von Scharfenberg ist nicht todt. Er ist nur ohnmächtig.«


// 1879 //

»Gott sei Lob und Dank!«

»Lassen Sie ihn für den Augenblick so liegen. Es ist das Beste. Führen Sie uns so hoch wie möglich im Schlosse empor, zu irgend einem Fenster, von welchem aus man die ganze Umgegend überblicken kann.«

»Nach allen Seiten?«

»Ja.«

»Da müssen wir in den Thurm. Kommen Sie!«

Es ging eine Anzahl von Treppen empor, bis in ein enges Thürmchen, welches die Dachfirste überragte und vier Fensterchen besaß, welche nach den vier Haupthimmelsrichtungen schauten. Dort hinaus forschten die Drei.

»Sehen Sie einen Offizier?« fragte Holm.

»Nein.«

»Ich auch nicht.«

»Da drüben sind die Arbeiter, mit denen wir gesprochen haben und dort geht zwischen den Feldern ein Herr spazieren. Er trägt schwarzen Anzug und Cylinderhut.«

»Das ist unser Herr Pastor,« meinte der Diener.

»Kein weiterer Mensch weit und breit.«

»Sollte er bereits das Dorf erreicht haben?«

»Das ist unmöglich, gradezu unmöglich. Er muß sich also noch im Schlosse befinden. Bleiben Sie hier oben, Herr Doctor, und halten Sie Umschau. Ich werde unterdessen unten nachsuchen lassen. Sobald Sie ihn sehen, melden Sie es schleunigst. Es kann Ihrem Auge hier ja gar nicht entgehen.«

Er stieg mit dem Diener wieder hinab. Es hatte sich mittlerweile das ganze Schloßpersonal versammelt; es war eine immerhin bedeutende Anzahl von Leuten. Der Fürst gab ihnen Befehl, alle Räume des Schlosses nach dem Lieutenant zu durchsuchen. Er selbst ging zu dem Major, um sich nach seinem Zustande zu erkundigen.

Herr von Scharfenberg hatte die Besinnung wieder erlangt, schien aber sehr angegriffen zu sein. Er blickte den Eintretenden starr an und sagte:

»Ein amerikanisches?«

»Was meinen Sie, Herr Major?« fragte der Fürst in höflichem Tone.

»Ich meine ein amerikanisches Duell.«

»Wer?«

»Mein Sohn, mit dem Oberlieutenant.«

»Ah, davon ist ja keine Rede!«

»Nicht? Also nicht?«

»Nein.«

Der Major fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sann einige Minuten nach und fragte dann:

»Aber Kindesmörder ist er?«

»Von wem sprechen Sie?«

»Nun, von ihm, von meinem Sohne.«

»Nein, Kindesmörder ist er nicht; er ist unschuldig.«


// 1880 //

»Aber diese Wartensleben!«

»Ihr Kind ist ja gar nicht das seinige gewesen.«

»Wissen Sie das?«

»Sehr genau.«

»Geben Sie mir doch die Hand darauf!«

Dies sagte er nicht mit voller, klarer Ueberlegung. Er sprach wie im Traume, wie im somnambulen Zustande. Der Fürst gab ihm die Hand und versicherte:

»Vertrauen Sie mir. Ich weiß es ganz gewiß.«

»Das ist gut, sehr gut! Aber wer sind Sie denn?«

»Ich bin der Fürst von Befour. Man nennt mich auch zuweilen den Fürsten des Elendes.«

»Des Elendes? O, da kenne ich Sie! Sie sind gut, sehr gut. Aber vorhin waren Sie schlimm.«

»Ich?«

»Ja. Sehr schlimm und grausam.«

»Wieso?«

»Da waren Sie der Hauptmann und sprachen sehr bös von meinem Sohne.«

»So war der Hauptmann bei Ihnen?«

»Ja.«

»Wo ist er hin?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was wollte er von Ihnen?«

»Er verlangte, ich sollte falsche Banknoten anfertigen und mein Sohn solle sie ausgeben. Aber ich habe nicht eingewilligt. Falsche Banknoten sind verboten.«

»Befindet sich Ihr Herr öfters in einem solchen Zustande?« flüsterte der Fürst dem Lakaien zu.

»Niemals.«

»So war er stets geistig frisch?«

»Immer.«

»Dann ist der Hauptmann bei ihm gewesen und hat ihm Mittheilungen gemacht, welche ihn in dieser Weise verstörten. Man muß ihn schonen. Sehen Sie, daß Sie ihn zur Ruhe bringen können.«

Er entfernte sich, um die Nachforschungen zu überwachen. Es fand sich keine Spur. Man sendete Boten in das Dorf; auch dort war er von keinem Menschen gesehen worden. Sein Verschwinden war vollständig unbegreiflich. Sein Pferd stand im Stalle, das heißt, das Pferd des Fürsten, welches der Baron geritten hatte. War auch er noch irgendwo versteckt?

Die Nachforschungen begannen von Neuem, führten aber zu keinem Resultate. Und doch hatte Holm den Thurm keinen Augenblick verlassen. Er hätte den sich Entfernenden sehen müssen.

Am Spätnachmittage befand sich der Major, nachdem er einige Stunden


// 1881 //

im Bette geruht hatte, wieder in der Bibliothek. Der Fürst hatte die Hoffnung aufgegeben, den Gesuchten noch zu finden und kam, um sich zu verabschieden.

»Haben Sie ihn?« fragte der Schloßherr.

»Leider nein.«

»Er wohnt in meinem Hause in der Residenz.«

»Ach, Sie sprachen von Ihrem Herrn Sohne?«

»Ja. Vom wen soll ich sonst sprechen. Wissen Sie, wie es ihm geht?«

»Er befindet sich wohl.«

»Ja, ich denke es mir. Wenn er auch zu viel brauchte, so habe ich ja stets für ihn gesorgt. Ich werde ihn besuchen; ich muß mit ihm sprechen.«

Der Fürst hielt es für das Beste, von dem Lieutenant zu schweigen, um den Zustand des Kranken nicht zu verschlimmern. Da trat der Lakai aus dem Wohnraume in die Bibliothek und winkte ihm. Er folgte dem Winke, ganz unbeachtet von dem Major.

»Was giebt es?« fragte er.

»Bitte, kommen Sie zur Garderobe!«

»Haben Sie etwas gefunden?«

Er führte ihn nach dem Garderobenzimmer und deutete auf das Sopha. Dort lag die Uniform, weiche der Baron abgelegt hatte.

»Eine Lieutenantsuniform!« sagte der Fürst. »Wem gehört sie?«

»Meinem jungen Herrn. Ich kenne sie. Ich habe sie einmal gereinigt und sehe auch die Firma des Schneiders am Rockhänkel.«

»Ist sie hier aufbewahrt worden?«

»Nein.«

»Ah! So ist es gar wohl die, welche der Hauptmann trug, als er hier ankam!«

»Natürlich!«

»Er hat sie also abgelegt?«

»Ja. Sie steckte hier unter dem Sopha.«

»Dort haben wir gar nicht gesucht. Das Sopha ist ja so niedrig, daß sich ein Mensch unmöglich darunter verstecken konnte.«

»Ich vermißte eine Kravatte, welche hier gelegen hatte, und suchte sie. Bei dieser Gelegenheit blickte ich unter das Sopha und fand die Uniform.«

»Wenn er sie abgelegt hat, muß er doch etwas Anderes angelegt haben!«

»Gewiß. Ich dachte dies auch, und darum suchte ich hier in den Schränken. Ich vermisse die erwähnte Kravatte, einen schwarzen Tuchanzug und einen Cylinderhut.«

»Alle Wetter! Da geht mir ein Licht auf!«

»Es wird gewiß das meinige sein.«

»Was denken Sie?«

»Jener Mann auf dem Felde, den ich für unsern Herrn Pastor hielt -«

»Nun?«


// 1882 //

»Ist der Flüchtling gewesen.«

»So ist es und nicht anders. Ah, wir haben ihn entschlüpfen lassen, weil er so klug war, den langsamen Schritt eines Spaziergängers anzunehmen. Ich muß augenblicklich aufbrechen. Ich kenne sein neues Signalement. Man muß schleunigst nach allen Richtungen telegraphiren.«

Nach Zeit von kaum zehn Minuten ritt der Fürst mit Doctor Holm von dannen, den Rothschimmel am Leitzügel. Er mußte natürlich seinem Herrn zurückgebracht werden.

Der Major stand am Fenster und blickte ihnen nach.

»Joseph,« sagte er zu seinem Diener. »Das war also der Fürst des Elendes?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Und doch dachte ich, der Hauptmann sei es gewesen! Hast Du diesen Letzteren nicht gesehen?«

»O doch!«

»Nicht wahr, er kam zu mir?«

»Ja.«

»Ah, so habe ich doch nicht geträumt. So hat er mir also doch von meinem Sohne erzählt. Joseph, wir werden jetzt schleunigst abreisen.«

»Wohin, gnädiger Herr?«

»Nach der Residenz. Ich muß mit meinem Sohne sprechen.«

»Aber Sie sind unwohl, Herr Major.«

»O nein; ich befinde mich wohl. Aber mein Sohn muß sich wegen eines amerikanischen Duells erschießen, und das darf ich nicht dulden.«

»Ist das wahr, gnädiger Herr?« fragte der treue Diener, auf das Tiefste erschrocken.

»Ja, der Hauptmann hat es mir erzählt. Laß' anspannen. Wir fahren nach der Bahn.«

Der Diener widersprach jetzt nicht mehr. Er hatte keine Ahnung, in welch' gefährlichem Zustande sich sein Herr befand. Die Angst vor dem amerikanischen Duell ließ ihn jede Rücksicht für den alten Herrn vergessen. Er bestellte den Wagen, kleidete den Major zur Reise an, und dann fuhren sie ab, um den nächsten Zug zu erreichen. - -

Die Kunde, daß der Lieutenant von Scharfenberg arretirt worden sei, hatte sich bereits am Morgen in der Residenz verbreitet. Am Vormittage war der Adjutant des Gouverneurs bei dem Untersuchungsrichter erschienen, um auf die Auslieferung des Offiziers zu dringen, hatte aber, als er über die Gründe von dessen Arretur unterrichtet worden war, sein Verlangen zurückgenommen und sich in tiefer Niedergeschlagenheit entfernt.

Am Nachmittage hatte der Lieutenant sein erstes Verhör zu bestehen gehabt, doch war er zu keinem Geständnisse zu bewegen gewesen. Gegen Abend nun schickte er den Schließer zu dem Staatsanwalt und ließ diesen um eine Unterredung ersuchen. Der Beamte begab sich augenblicklich zu ihm.

Scharfenberg erwartete ihn, inmitten seiner Zelle stehend.


// 1883 //

Verzeihung, Herr Staatsanwalt, daß ich Sie belästige,« sagte er. »Ich habe über meine Lage nachgedacht und bin zu der Ansicht gekommen, daß es Unsinn ist, den Unschuldigen zu spielen. Ich bin bereit, ein offenes Geständniß abzulegen, wenn Sie mir eine kleine Concession machen.«

»Welche meinen Sie?«

»Ich möchte noch einmal in meine Wohnung zurück.«

»Warum?«

»Es giebt dort Einiges verwahrt, was ich dem Richter zu übergeben habe.«

»Sagen Sie mir den Ort, so werde ich die Gegenstände holen lassen.«

»Der Aufbewahrungsort ist der Art, daß nur ich ihn öffnen kann.«

»Hm! Ich habe eigentlich nicht die Macht, Ihnen diese Bitte zu erfüllen. Ich habe alle Folgen, welche daraus entspringen, zu verantworten.«

»Die Folgen werden nur in meinem offenen Geständnisse und in meiner Verurtheilung bestehen.«

»Gewiß? In weiter Nichts?«

»Gewiß in weiter nichts.«

»Sie werden keinen Fluchtversuch machen?«

»Nein.«

»Es widerstrebt mir natürlich, Sie gefesselt oder unter auffälliger Bedeckung gehen zu lassen. Doch haben Sie bei Ihrer Gefangennahme zur Waffe gegriffen!«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nicht den mindesten Versuch, mich der Bestrafung zu entziehen, beabsichtige oder machen werde.«

»Ich glaube Ihnen, kann aber diese Sache nicht allein auf mich nehmen. Ich werde mit dem Herrn Gerichtsrathe sprechen.«

»Ah, das ist mir unlieb.«

»Warum?«

»Es steht zu erwarten, daß die Entscheidung dieses Herren sich in die Länge ziehen wird.«

»O nein. Ich gehe augenblicklich zu ihm und hole mir die Antwort. Stimmt er bei, so sollen Sie sich in kurzer Zeit in Ihrer Wohnung befinden.«

»Ich danke Ihnen.«

Der Staatsanwalt verließ ihn, und der Gefangene schritt in düsterer Erwartung in seiner engen Zelle hin und her. Bereits nach einer Viertelstunde kam der Wachtmeister und brachte ihm seinen Hut und Ueberrock.

»Ah, man erfüllt mir also meine Bitte?« fragte der Lieutenant.

»Ich weiß von nichts. Ich habe Sie mit Hut und Ueberrock zum Herrn Staatsanwalt zu bringen.«

Er folgte dem Beamten. Im Zimmer des Anwaltes fand er diesen Letzteren und den Assessor von Schubert, Beide zum Ausgehen bereit.

»Herr Lieutenant, Ihr Wunsch ist erfüllt worden,« sagte der Staatsanwalt. »Man will auch davon absehen, Sie mit niederen Polizeiorganen zu be-


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lästigen, und so sind wir Beide im Begriff, Ihnen unsere Begleitung anzutragen.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar und stehe zur Verfügung.«

»Ich werde sogleich nach einem Wagen schicken.«

Der Lieutenant schüttelte traurig den Kopf und sagte:

»Wer weiß, wann ich meinen Pfad wieder einmal auf freie Erde zu setzen vermag. Bitte, erlauben Sie mir, diesen Weg gehen zu dürfen, anstatt zu fahren!«

»Hm! Darf ich Sie an Ihr Ehrenwort erinnern?«

»Keine Sorge! Ich halte es. Sie haben nichts Derartiges zu befürchten.«

»Ich vertraue Ihnen. Gehen wir also.«

Als sie das Gerichtsgebäude im Rücken hatten, bot der Assessor dem Gefangenen eine Cigarre an, welche dieser auch acceptirte und in Brand steckte.

Der alte Hausmann Kreller empfing, als sie das Patricierhaus der Scharfenbergs betraten, seinen jungen Herrn mit Thränen in den Augen.

»Weine nicht,« sagte der Lieutenant. »Unser ganzes Leben ist ja keine Thräne werth. Bringe Licht herauf, Wein und Cigarren!«

Als das Licht das Wohnzimmer Scharfenberg's erhellte, füllte er die Gläser, präsentirte die Zigarren und sagte:

»Bitte, verschmähen Sie es nicht! Es ist das letzte Mal, daß ich Jemandem etwas anbieten darf.«

Sie wollten ihn nicht kränken und erfüllten also seine Bitte. Dann fuhr er fort:

»Geben Sie mir einige Minuten Zeit! Ich werde hier an meinem Schreibtische einige Zeilen schreiben, die ich Ihnen dann zur Prüfung vorlege.«

Er setzte sich hin, nahm Papier und Feder zur Hand und begann zu schreiben. Das Geräusch, welches die Feder auf dem Papier hervorbrachte, war das Einzige, was gehört wurde. Er schrieb nur einige Zeilen; dann schob er das Papier von sich ab, öffnete ein Schubfach und nahm ein Miniaturportrait aus demselben. Er betrachtete es lange, lange Zeit. Dann sagte er:

»Das war meine Mutter? O, Mutter, meine Mutter!«

Die Thränen rannen ihm über die Wangen; er trocknete sie, schob das Portrait in der Gegend des Herzens unter die Weste und gab dann den Beiden die geschriebenen Zeilen hin.

»Bitte, meine Herren! Dies ist es, was ich hier noch schreiben wollte.«

Sie blickten Beide zugleich auf das Papier und lasen:

»Ich bekenne meine Schuld und bereue sie. Vater und Oheim mögen mir verzeihen! Gott sei mir gnädig! Fluch aber dem Baron Franz von Helfenstein! Er war der Teufel, der mich in die Hölle des Spieles entführte. Ich war zu schwach zum Widerstehen. Gute Nacht!«

Seine Hand zuckte in das Schubfach, aus welchem er das Bild genommen hatte - ein stählernes Glänzen - ein dünnes, gar nicht sehr lautes Krachen - den kleinen Revolver in der Rechten, legte er den Kopf nach hinten. Mitten


// 1885 //

auf seiner Stirn befand sich ein kleines, kaum erbsengroßes Loch. Er war - - todt!

Die beiden Anwesenden hatten keine Bewegung gemacht; sie blickten einander nur kurz und verständnißvoll an. Dann ergriff der Staatsanwalt die Hand des Lieutenants, lauschte eine Minute und sagte:

»Vorüber!«

»Ich ahnte es,« meinte der Assessor.

»Konnten wir es hindern?«

»Es ging zu schnell.«

»Und war das Allerbeste!«

»Jetzt kann sein Name möglichst geschont werden.«

Sie hatten nicht das Rollen eines Wagens gehört. Auf der Treppe wurden Schritte laut. Die Thür öffnete sich, und herein trat der alte Major, gefolgt von Joseph und Kreller.

»Guten Abend, meine Herren!« sagte der Alte. »Sie sind wohl auch da des amerikanischen Duells wegen? Es darf nicht stattfinden. Warum soll der Stamm der Scharfenberger erlöschen? Was haben Sie da? Zeigen Sie das Papier!«

Er nahm es aus der Hand des Assessors und las. Als er fertig war, blickte er sie verständnißlos an, sah wieder auf die Zeilen und wiederholte:

»Gott sei mir gnädig! Gute Nacht!«

Erst jetzt schien er den Sohn zu erblicken. Er trat zu ihm, ergriff seine Hand und beugte sich nieder zu seinen Lippen, um sie zu küssen. Kaum aber hatte sein Mund denjenigen des Sohnes berührt, so fuhr er empor, heftete den tödtlich erschrockenen Blick auf das Angesicht des Sohnes, berührte mit den Fingern das Loch in der Stirn und sank dann langsam, ohne einen Laut von sich zu geben, auf den Boden nieder. Der Schlag hatte ihn getödtet.

Die beiden Diener erhoben laute Klagen. Die beiden Beamten aber entfernten sich. Sie konnten hier nichts thun. Unten auf der Straße sagte der Staatsanwalt:

»Zwei Stammbäume ersterben - die Scharfenbergs und die Helfensteiner verschwinden.«

»Die Scharfenbergs, ja; aber vielleicht besitzt der Stamm der Helfensteiner noch eine verborgene Knospe, die neue Zweige und Blüthen treibt!«

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Zweites Capitel.

Gottes Strafgericht.

Ganz droben im wilden Gebirge, nahe an der Grenze, stand auf einer kleinen Lichtung eine Hütte - Haus war es ja nicht zu nennen. Rohe, ungetünchte Mauern, kleine, enge Fenster, eine niedrige Thür, das Dach von Schindeln, dem Allem sah man es an, daß es keinen übermäßigen Reichthum berge.


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Dennoch sah es nicht etwa gar zu ärmlich aus. Daran mochte vielleicht der dichte, undurchdringliche Buchenzaun schuld sein, welcher den anstoßenden Garten mehrere Ellen hoch einrahmte. Und dem Erbauer hatte es wohl auch nicht an einem gottesfürchtig heiteren Gemüth gefehlt, denn in dem oberen Querbalken der Thür waren die Worte eingegraben:

»Dies Häuschen steht in Gottes Hand,
D'rum ist's auch noch nicht abgebrannt.«

Jetzt wohnte der Kohlenbrenner Hendschel mit seiner Frau darin - ganz allein, wie man in der Umgegend meinte; wer aber Gesicht und Gehör besaß, so scharf, daß es durch den Buchenzaun zu dringen vermochte, der hätte bald erfahren, daß es hier auch noch andere Leute gebe.

Die Sonne war untergegangen. Im freien Felde war es gewiß noch leidlich hell; hier aber unter den riesigen Tannen und Fichten lag bereits das Dunkel der Nacht ausgebreitet. In dem Stübchen erklangen blecherne Löffel - die Abendsuppe wurde verzehrt.

Drei Männer und eine Frau saßen am Tische. Der eine der Männer war der Köhler; die beiden anderen wohnten zu Gaste bei ihm.

Als die Suppe zu Ende war, griff der Köhler über die Thür, langte ein altes, abgegriffenes Buch herab und sagte:

»Ist der Leib satt geworden, so soll auch die Seele nicht hungern. Mutter, lies den Abendsegen!«

Die Alte begann zu beten.

Die Alte setzte die Hornbrille auf die Nase, schlug das Buch auf und begann:

»Der lieben Sonne Licht und Pracht
   Hat nun den Lauf vollführet;
Die Welt hat sich zur Ruh gemacht;
   Thu', Seel', was Dir gebühret!
Tritt an die Himmelsthür,
   Und bring' ein Lied herfür;
Laß Deine Augen, Herz und Sinn
   Auf Jesum sein gerichtet hin!«

Der eine der beiden Gäste ließ ein Räuspern vernehmen, welches nicht zu der Stimmung der Alten paßte. Sie sah ihn forschend an und fragte:

»Gefällt Ihnen das Lied nicht?«

»O, es ist sehr gut, sehr gut!« beeilte er sich zu antworten. Aber seine Stimme klang kalt, vielleicht sogar ein wenig spöttisch. Glücklicherweise bemerkte die Leserin dies nicht. Sie fuhr fort:

»Ihr Höllengeister, packet Euch!
   Hier habt ihr nichts zu schaffen,
Dies Haus gehört in Jesu Reich;
   Laßt es nur sicher schlafen!
Der Engel starke Wacht
   Hat es in guter Acht;
Ihr Heer und Lager hält's in Schutz;
   Drum sei auch allen Teufeln Trutz!«


// 1887 //

Da erklang das Räuspern abermals. Mutter Hendschel blickte den Gast über die Brille hinweg an und fragte:

»Sie glauben wohl nicht an den Teufel?«

»Ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht,« antwortete er. »Aber so schlimm, wie es hier im Buche gemacht wird, ist es mit den Höllengeistern doch nicht!«

»Gott behüte uns vor ihnen, mögen sie nun zu uns kommen als Geister oder in Menschengestalt!«

Sie las weiter:

»So will ich denn nun schlafen ein,
     Jesu, in Deinen Armen.
Dein Ang'sicht soll mein Bette sein,
     Mein Lager Dein Erbarmen,
Mein Kissen Deine Brust,
     Mein Traum die süße Lust,
Die aus der Seiten Wunde fleußt,
     Und Dein' Geist in mein Herze geußt!«

Jetzt erhob er sich von seinem harten Stuhle, hustete laut und sagte:

»Ihr habt wohl noch nie ein anderes Gedichtbuch in Euren Händen gehabt?«

»Nein,« antwortete die Alte aufrichtig.

»So ist es Euch auch nicht übel zu nehmen, daß Ihr an solchem Unsinn Geschmack findet. Wer keine Ananas gegessen hat, dem mögen die Erdäpfel schmecken; mir aber bekommen sie nicht.«

»Ich weiß nicht, was eine Ananas ist; aber wer weiß, ob sie so sättigt wie unsere Erdäpfel.«

»Ja, Ihr wißt es eben nicht anders. Ihr seid Christen und führt doch ein wahres Heidenleben. Gute Nacht!«

Er ging hinaus und schlug die Thür ziemlich laut zu. Dann hörte man ihn durch die Hausthür in das Freie gehen. Mutter Hendschel sah die beiden Männer einen nach dem andern an, dann unterbrach sie die eingetretene, unangenehme Stille:

»Vater, soll es so länger fortgehen? Willst Du mit dem Vetter reden, oder soll ich es thun?«

Der Köhler nickte nachdenklich mit dem Kopfe und antwortete:

»Ich werde es wohl thun müssen, denn diese Sache ist Männersache.«

Und sich zu dem Andern wendend, fragte er:

»Kannst Du mir wohl sagen, Vetter, wer hier Herr in diesem Hause ist?«

»Doch Du!«

»Das habe ich immer gedacht; jetzt aber scheint es anders geworden zu sein. Schau, ich habe mit meiner Frau einsam gewohnt und einsam gelebt, so lang als wir uns haben. Im Stillen ist der liebe Gott bei uns gewesen, und es hat bei uns stets Eintracht und Zufriedenheit gegeben. Da kamst Du. Du sagtest, Du hättest ein bischen über die Grenze hinüber gehantiert und müßtest für kurze Zeit aus Deinem Neste fort; ob ich Dich so einige Wochen


// 1888 //

lang bei mir haben wollte. Du bist mein Vetter, und so sagte ich gern und willig Ja.«

»Dafür bin ich Euch ja herzlich dankbar!«

»Schön! Ich will es glauben. Aber als Du dann wirklich kamst, so kamst Du nicht allein, sondern Du brachtest diesen Menschen mit. Wir sollten ihn auch mit aufnehmen, weil er Dein Freund sei und sich auch für kurze Zeit nicht sehen zu lassen brauche. Ich bin nie ein Schmuggler gewesen, aber wie Alle, hier an der Grenze, denken nicht schlimm über dieses Geschäft, und so habe ich gedacht, keine Sünde zu thun, wenn ich Dir aus der Verlegenheit helfe. Was aber geht mich die Verlegenheit eines so fremden Menschen an?«

»Er ist mein Freund und wird es Euch vergelten!«

»Das klingt sehr schön; aber ich sehe nichts. Ihr eßt nun bereits acht Wochen lang von meiner Armuth; ich weiß fast nicht mehr, woher ich es nehmen soll, und bekomme nicht einmal Habdank dafür. Das möchte nun noch sein. Aber daß er mir Unfrieden säet, daß er unsern Glauben verachtet, daß er die alten Lieder verspottet, die uns getröstet haben in Trübsal, Hunger und Noth, das kann und mag ich nicht länger leiden. Er nennt sich Hirsch. In unserer Gegenwart sagt Ihr Du zueinander; seid Ihr aber allein, so nennst Du ihn Sie. Wer ist dieser Mann?«

»Du irrst. Ich sage nie Sie zu ihm. Er heißt Hirsch, ist mein Geschäftsfreund, und seine Heimath liegt jenseits über der Grenze drüben.«

»Warum trägt er falsches Haar?«

Der Gefragte erschrak, faßte sich aber und antwortete:

»Er trägt Perrücke, weil er nur spärliches Haar hat.«

»Nein; er hat ein schönes, schwarzes Haar und legt sich doch eine helle Perrücke darüber.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Du sagst die Unwahrheit!«

»Fällt mir nicht ein!«

»So? Ihr schlaft in einer Kammer. Ich sehe durch die Astlöcher, daß er im Schlafe die Perrücke verliert. Du selbst hast sie ihm wieder aufgesetzt, und jetzt leugnest Du?«

»Vetter!«

»Schon gut! Aber ich will Dir einmal eine kleine Geschichte erzählen, wenn es Dir recht ist.«

»Erzähle sie!«

»Schön! Ich komme jährlich nur einmal aus dem Wald hinaus. Das letzte Mal war es vor zwei Wochen, als ich auf dem Jahrmarkt in Waltersgrün war. Ich saß in der Schenke und hörte zu, was die Leute erzählten. Auf einmal redete Einer von dem Wagner Hendschel in Obersberg. Kennst Du den?«

»Spaßvogel! Das bin ich ja selbst!«

»Schön! Also von Dir erzählte er. Er sagte, Du seiest Pascherkönig gewesen und aus Angst ausgerissen. Bis jetzt könne Dir nichts bewiesen werden,


// 1889 //

und so wäre es besser, wenn Du zurückkehrtest und Dein gutes Gewerbe wieder in die Hand nähmst. Hatte er recht?«

»Hm!«

»Bist Du einmal erwischt worden?«

»Nie.«

»So gehe heim und arbeite von jetzt an treu und ehrlich! Und wenn Jemand sagt, Du seist ausgerissen, so antworte ihm, daß Du bei mir auf Besuch gewesen bist, so muß er still sein.«

»Ja, wenn man nur wüßte!«

»Was?«

»Ob es wirklich so ist, wie man sagt!«

»Es ist so. Der Schmied Wolf und die Seidelmanns sind erwischt worden; darum ist's aus mit ihnen. Dich aber hat noch Keiner ertappt. Du brauchst Dich gar nicht zu fürchten. Und willst Du Dich ganz sicher stellen, so will ich nach Obersberg gehen und einmal hinhorchen, wie die Spatzen pfeifen.«

»Vetter, wenn Du das thun wolltest!«

»Ganz gern! Ich weiß, Du bist kein schlechter Kerl und wirst nicht wieder solche Dummheiten machen. Es ist vortheilhafter, Du änderst Dich freiwillig, als daß Du durch das Zuchthaus gebessert werden sollst.«

»Das ist nicht nöthig. Ich bin durch die Seidelmanns hinein gerathen. Wenn ich ruhig heim könnte zu den Meinen, so wäre Alles gut!«

»Gehe in Gottes Namen! Es thut Dir kein Mensch etwas. Also das war das Eine, was ich hörte. Das Andere war ebenso wichtig, vielleicht noch wichtiger.«

»Du machst mich neugierig. Was war es denn?«

»Die Geschichte von einem Erzspitzbuben, von einem Hallunken, wie es keinen zweiten gegeben hat oder jemals geben wird.«

»Wie heißt er denn?«

»Hast Du einmal von einem gewissen Hauptmanne gehört?«

»Nein, nie.«

Das wetterharte Gesicht des alten Köhlers nahm einen außerordentlich pfiffigen Ausdruck an. Er sagte:

»Das wundert mich sehr.«

»Warum?«

»Erstens, weil alle Welt von diesem Menschen spricht, und weil ihn ganz besonders die Pascherkönige kennen sollen. Und Du bist ja ein solcher gewesen.«

»Du sagst, alle Welt spräche von diesem Manne. Hast denn Du ihn gekannt?«

»Nein. Bei mir ist das anders. Ich komme nicht in die Welt hinaus, ich lese keine Zeitungen. Ich lebe in meinem Walde und halte es mit meinem Haussegen. Das genügt mir vollständig. Eure Spitzbübereien gehen mich nichts an. Dieser Hauptmann ist also endlich erwischt worden, aber unter Mord und


// 1890 //

Todtschlag wieder ausgerissen. Nun wird an allen Orten nach ihm gesucht. Er kann nicht über die Grenze hinüber, und da man ihn im Walde vermuthet, so soll nächstens über das ganze Gebirge eine großartige Suche nach ihm angestellt werden. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.«

»Ich auch nicht.«

»So warne ihn!«

»Du meinst etwa, daß ich das könnte?«

»Warum nicht?«

»So müßte ich ihn doch kennen!«

»Freilich.«

»Und auch wissen, wo er ist!«

»Auch das natürlich.«

»Wie kommst Du mir denn vor?«

»Na, ich bin kein Klugfuchser und Härchenspalter; aber meine Gedanken habe ich doch. Dieser Hauptmann ist nämlich der eigentliche Baron von Helfenstein.«

»So so!«

»Auf Schloß Hirschenau.«

»Hm!« meinte der Wagner verlegen.

»Da ist mir denn eingefallen, daß Dein Freund sich hier Hirsch nennt.«

»Er heißt ja so!«

»Papperlapapp! Sein Name ist so falsch wie sein blondes Haar. Und da habe ich noch von dem Jahrmarkte etwas. Das ist auch wunderbar.«

»Was?«

»Diese Zeitung.«

Er öffnete die Schublade des Tisches und zog ein zusammengelegtes Zeitungsblatt hervor! Dann fuhr er fort:

»Ich weiß nicht, ob oder wann einmal eine Zeitung in dieses Haus gekommen ist; aber das Blatt hier war mir doch so interessant, daß ich es mir mitgenommen habe.«

»Was steht da drin?«

»Der Steckbrief und das Signalement des Hauptmanns.«

»Ah! Zeige einmal her.«

Er nahm das Blatt und las die betreffende Stelle durch.

»Was denkst Du dabei?«

»Was soll ich mir denn denken?«

»Fällt Dir nichts auf?«

»Nein. Was meinst Du denn?«

»Verstelle Dich nicht! Da paßt ein jedes Wort ganz genau auf Deinen guten Freund Hirsch.«

»Vetter, wo denkst Du hin!«

»Ich denke immer nur gerade Das, was mir in den Sinn kommt. Aber, hast Du auch die großen, dicken Zeilen gelesen, welche unter dem Signalement stehen?«


// 1891 //

»Nein.«

»So thue es!«

Das Gesicht des Wagners nahm einen geradezu angstvollen Ausdruck an, als er weiterlas.

»Vetter, Du willst doch nicht -!« sagte er.

»Ach, was ich will, das ist Nebensache! Also, was steht denn dort, Vetter?«

»Zehntausend Gulden, wer ihn todt, und fünfzehntausend Gulden, wer ihn lebendig bringt, oder seine Arretur überhaupt ermöglicht.«

»Na, ist das nicht großartig?«

»Ein ganzes Vermögen!«

»Denke Dir, wie arm ich bin!«

»Um Gottes willen, Vetter!«

»Wenn dieser Mann bei mir wäre, so könnte ich auf einen Schlag reich sein!«

»Freilich wohl!«

»Und zwar nicht durch eine Schlechtigkeit, sondern gerade dadurch, daß ich meine Pflicht thue. Und so werden viele tausend Menschen denken. Der Hauptmann ist wirklich keinen Augenblick sicher.«

»O, er wird sich schon gut versteckt haben!«

»Ja, das hat er! Ich meine, daß von einem Verräther kein Hund einen Bissen Brod frißt, und die Gastfreundschaft ist das Heiligste mit, was es giebt. Aber ich bin ein armer Teufel und habe nichts zu verschenken, und ich will mir meine höchsten Güter, meinen Glauben und meinen Seelenfrieden nicht rauben und verspotten lassen. Darum kannst Du mir einen großen Gefallen thun!«

»Welchen?«

»Wenn Du Einem begegnen solltest, welcher der Hauptmann sein könnte, so sage ihm, daß ich ein ehrlicher Kerl bin und mit den Gerichten nichts zu thun haben will. Er mag sich fern von mir halten, je weiter fort von hier, desto besser für ihn und für mich. Morgen setze ich den neuen Meiler auf. Wenn ich übermorgen nach Hause komme, so will ich ein reines Haus vorfinden.«

»Vetter!«

»Schon gut! Ich halte viel auf Dich. Wir sind verwandt; Du bist und bleibst mir willkommen zu aller Zeit, aber was darüber ist, das ist von Uebel. Jetzt gehe ich schlafen. Komm, Mutter! Gute Nacht, Vetter!«

Die beiden Alten begaben sich nach ihrem Kämmerlein. Dort, als sie mit einander allein waren, fragte die Frau:

»Du glaubst also, daß er es wirklich ist?«

»Er ist's. Ich beschwöre es.«

»Herrgott! Fünfzehntausend Gulden!«

»Mutter, er ist unser Gast!«


// 1892 //

»Wir könnten dann anstatt der Erdäpfel Das essen, wovon er sprach. Wie hieß das Zeug?«

»Farinas.«

»Nein; das ist doch Tabak.«

»So war es Canevas.«

»Auch nicht. Canevas nehmen die feinen Damen zum Sticken.«

»Nun, so war's ein Heringsfaß - as oder aß war hinten dran. Amma, Anna, Ananas, jetzt habe ich es, ja, so war es.«

»Das muß etwas sehr Gutes sein. Vielleicht wie Hagebuttenbrühe und junger Ziegenbraten!«

»Ganz egal! Ein Verräther werde ich wegen Ziegenbraten doch nicht. Führe uns nicht in Versuchung!«

»Sondern erlöse uns von dem Uebel. Nicht?«

»Ja. Er ist das Uebel, und wir werden erlöst.«

»Meinst Du wirklich? Denkst Du, daß er geht?«

»Sicher und gewiß. Er hat sich uns anvertraut, weil er dachte, wir kennen ihn nicht und wissen auch nichts von dem Preis, der auf ihn gesetzt ist. Nun er aber das Gegentheil erfährt, wird er sich schleunigst auf die Strumpfsocken machen.«

»Du denkst also, daß der Vetter es ihm sagt?«

»Ja. Ich bin überzeugt, daß sie jetzt mit einander unten auf der Gartenbank sitzen und von meiner Zeitung reden. Mir wird der Abschied nicht wehe thun. Jetzt aber wollen wir das Ding beschlafen. Gute Nacht, Mutter.«

»Gute Nacht, Vater!«

Sie schwiegen, aber sie schliefen doch nicht. Sie sannen und sannen. Sie wollten nicht zum Verräther werden, aber fünfzehntausend Gulden - als der Köhler eingeschlafen war, träumte ihm von einem Geldsacke, welcher höher als die höchste Tanne war, und seiner Ehefrau träumte von einer Frucht, die aus lauter Zuckerhüten, Rosinen und jungen Ziegenkeulen bestand, und darunter waren in riesenhaften Buchstaben die beiden Worte Canevas und Varinas zu lesen.

Der Köhler hatte übrigens Recht gehabt: Zunächst war der Vetter eine Zeit lang in tiefen Gedanken sitzen geblieben; dann aber war er hinaus in das Gärtchen gegangen, wo eine aus rohen Steinen errichtete Bank stand. Auf ihr saß - Baron Franz von Helfenstein, denn dieser war es wirklich.

Der Wagner setzte sich zu ihm, wenn auch in so respectvoller Entfernung, als es die Länge der Bank zuließ. Sie saßen einige Zeit schweigsam; dann endlich unterbrach Hendschel die Stille:

»Gnädiger Herr, ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen. Darf ich?«

»Es wird nicht viel Gescheidtes sein.«

»Allerdings nicht.«

»So behalte es für Dich!«

»Das geht nicht. Ich muß es sagen.«

»Pah! Ich weiß es schon.«


// 1893 //

»Wirklich?«

»Ja. Ich soll fort.«

»Woher wissen Sie es denn?«

»Das hat in den letzten Tagen so in der Luft gelegen. Und als ich heute mit meinem Ärger über diese dumme Reimerei losbrach, da wußte ich, daß es nun sicher zur Sprache kommen werde. Ich ging also hinaus, that, als ob ich mich entfernte, kehrte aber leise an den Laden zurück.«

»So haben Sie gehorcht?«

»Ja.«

»Und Alles gehört?«

»Alles.«

»Was sagen Sie dazu?«

»Diese alten Leute sind noch dümmer, als sie ehrlich sind. Ich lasse jetzt eine Zeit vorübergehen, bis sich der Lärm gelegt hat. Dann darf ich mich wieder nach der Hauptstadt wagen. Ich weiß dort Perlen und Edelsteine für mehrere Millionen Gulden. Die hole ich mir, und dann könnte ich die Alten überreichlich belohnen! Jetzt aber stoßen sie mich hinaus, und ich weiß nicht, wohin. Dieser entlegene Winkel ist die einzige Stelle des Gebirges, an der ich sicher sein konnte. Nun geht die Gefahr von Neuem an.«

»Wohin werden Sie sich wenden?«

»Weiß ich es? Uebrigens will ich Dich warnen! Es ist sehr wahr, daß Du ruhig nach Obersberg zurückkehren kannst. Niemand kann Dir etwas beweisen. Aber wenn Dein Vetter hier mich verrathen würde oder wenn Du selbst ein einziges Wort fallen ließest, so wäre Dir Dein Brod gebacken. Merke Dir das!«

»Herr Baron, Sie werden doch nicht glauben, daß es mir möglich sei, so an Ihnen zu handeln!«

»Schon gut! Ich habe die Menschen kennen gelernt. Ich habe mit Haufen Goldes um mich geworfen. Da hatte ich tausend Freunde. Seit ich aber auf jenem verdammten Schlosse mein Geld in der Uniformtasche stecken ließ, seit ich also keinen Heller mehr habe, giebt es für mich keinen einzigen Freund mehr.«

»Nur mich.«

»Schweig! Hättest Du nicht Angst, daß ich Dich verrathen würde, so wäre ich längst von Dir für die fünfzehntausend Gulden verschachert worden. Ich mag nichts wissen. Gute Nacht, Hendschel!«

Er erhob sich und verschwand im Dunkel der Nacht. Hendschel blieb sitzen. Er ballte ergrimmt die Fäuste und dachte, natürlich bei sich im Stillen:

»Recht hast Du, Hallunke! Du hast mich zum Pascher gemacht und mich ausgenutzt für ein Lumpengeld! Fünfzehntausend Gulden! Ah! Zehntausend, wenn er todt ist! Man sollte den Kerl einfach erschlagen!«

So saß er noch lange da, in Gedanken versunken, welche ebenso dunkel waren, wie die nächtlichen Schatten, die unter dem dichten Dache des Waldes brüteten. Er ging erst spät schlafen. Was nun auch das Ergebniß seines


// 1894 //

Sinnens gewesen war - als er erwachte, war Hirsch, der einstige Hauptmann, nicht zu sehen. Hatte er Verdacht geschöpft? Hatte er dieselben Gedanken gehabt wie Hendschel: Todt abgeliefert zehntausend Gulden?

Hendschel suchte überall nach ihm, vermochte ihn aber nicht zu finden und war nun überzeugt, daß er das Weite gesucht habe.

Und so war es auch.

Der Hauptmann traute den Köhlerleuten nicht mehr. Ihr gestriges Verhalten hatte ihn zur Vorsicht gemahnt. Und ebenso hatte ihn die Unterredung mit Hendschel zu der Ueberzeugung gebracht, daß er sich auch vor diesem in Acht zu nehmen habe. Er hatte sich also entschlossen, sein jetziges Asyl ganz im Stillen zu verlassen.

Früh, als die beiden Anderen noch schliefen, war er aufgestanden, hatte sich von dem auf dem Tische liegenden schwarzen Haferbrote ein Stück abgeschnitten, um während des Tages nicht hungern zu müssen, und war dann gegangen.

Draußen an dem dichten, grünen Gartenzaune war er stehen geblieben, und sein Auge musterte das Häuschen, dessen stillen Schutz er von jetzt an nun zu entbehren haben sollte. Er wischte sich mit der Hand über die Stirn und murmelte:

»Nun ist's auch hier vorüber! Vogelfrei! Ein Jeder kann mich ermorden, ohne Strafe befürchten zu müssen. Ja, er wird sogar noch dafür belohnt. Ich bin ausgestoßen wie ein wildes Thier. Aber ein wildes Thier will fressen und saufen, will leben. Was es braucht, das raubt es sich also. Ich muß es auch so machen!«

Daß er es bereits so gemacht hatte, als er noch nicht vogelfrei war, daran wollte er nicht denken.

Er ging fort, nicht den breiten Weg, denn auf demselben konnte er Jemandem begegnen, und das mußte er gezwungenermaßen vermeiden - sondern er bog in einen schmalen, kaum gangbaren Waldweg ein. Noch wußte er nicht, wohin er sich wenden werde. Er wollte zunächst in die Tiefe des Waldes tauchen und dort überlegen, was für ihn am Gerathensten sei.

So schritt er tief in Gedanken versunken weiter, bog mehrere Male zur Seite ab, ohne es eigentlich zu wollen, blieb sinnend stehen, ging wieder weiter, bis er zu seiner nicht sehr freudigen Ueberraschung bemerkte, daß er sich wieder in der Nähe der Köhlerwohnung befinde.

Jetzt nahm er sich eine bestimmte Richtung vor. Er wendete sich gegen Norden mitten in den Wald hinein, da, wo eine enge, kaum gangbare Schlucht steil empor zu einer Höhe führte, von welcher aus man weit in das Land hineinzuschauen vermochte.

Diese Aussicht war von außerordentlicher Schönheit, aber auch ebenso gefährlich. Der Aussichtspunkt lag hart am Rande des Felsens, welcher tief in den dunklen Grund abfiel. Eine Barrière gab es nicht. Wer schwindelte, der konnte sich höchstens an einer der Tannen festhalten, welche ihre spärliche Nahrung aus den Felsenritzen sogen.


// 1895 //

So schritt und kletterte er weiter und weiter, immer höher und höher. Fast hatte er den oberen Rand des Felsens erreicht, so stand er erschrocken still. Er hatte über sich, auf der Felsenplatte, eine menschliche Stimme vernommen, nicht etwa sprechend, sondern räuspernd, wie wenn Einer zu singen anheben will.

Der Baron stand und horchte. Er hörte ein leises Hüsteln, und dann begann eine volle, kräftige Baritonstimme die Verse:

»Land meiner Väter, länger nicht das meine,
So heilig ist kein Boden, wie der Deine.
     Nie wird Dein Bild aus meiner Seele schwinden,
Und knüpfte mich an Dich kein lebend Band,
     Es würden mich die Todten an Dich binden,
Die Deine Erde birgt, mein Vaterland.«

Dann wurde es still. Der Baron hörte nichts, keinen Laut, keine Bewegung mehr.

»Hm!« dachte er. »Das ist ja ein deutsch-amerikanisches Lied, von Conrad Krez gedichtet! Wie kommt ein Gebirgler dazu, die Melodie desselben zu kennen? Oder ist der Sänger vielleicht ein Fremder? Ich muß doch einmal sehen.«

Er kletterte vollends empor, leise und vorsichtig. Als er den Rand der Felsenplatte erreichte, schob er zunächst nur den Kopf empor. Da lehnte der Sänger an einer der Tannen, welche er mit beiden Armen umfangen hielt, und blickte über die Berge und Thäler weit in das Land hinein.

Er war ein Mann in dem Alter des Barons, auch von derselben Figur. Sein Teint war braun. Der Fremde mußte sich wohl viel in der Sonne aufgehalten haben. Ein kräftiger Knotenstock lag neben ihm auf der Erde; auf dem Rücken trug er einen sehr breitkrämpigen Hut. Seine Kleidung war nicht diejenige eines reisenden Handwerkers. Sie bestand vielmehr aus theurem Stoffe, und war nach dem neuesten Schnitt gefertigt.

»Von diesem Manne habe ich nichts zu befürchten, sondern eher noch etwas zu erwarten,« dachte der Baron.

Er stieg also vollends empor. Dabei verursachte er mit Absicht mehr Geräusch, als gerade nöthig gewesen wäre. Der Fremde hörte es und drehte sich herum zu ihm.

»Guten Morgen,« grüßte der Baron.

»Guten Morgen,« antwortete der Andere.

»Störe ich?«

»O nein.«

»Ich hörte hier oben singen -?«

»Das war ich.«

»Ich glaube das Lied zu kennen. Es ist von einem deutsch-amerikanischen Verfasser in Shewoygan. Nicht?«

»Allerdings.«

»Ich wunderte mich, dieses amerikanische Lied hier an diesem Orte zu hören.«


// 1896 //

Der Andere lachte fröhlich auf und sagte:

»Das lassen Sie sich nicht wundern. Ich habe es nämlich nicht hier gelernt.«

»Ah! Wo sonst?«

»Drüben.«

»Sie meinen, in Amerika?«

»Ja.«

»So haben Sie drüben gereist?«

»Ja und nein, wie man es nimmt.«

»Wie verstehe ich das?«

»Nun, ich bin allerdings da drüben sehr weit herumgekommen, von Canada im Norden bis an den Amazonenstrom in Brasilien im Süden; gereist bin ich also viel, aber von hier hinüber nicht.«

»So sind Sie also geborener Amerikaner?«

»Auch nicht. Meine Heimath liegt hier im Lande.«

»Also ausgewandert?«

»Ja. Meine Eltern gingen nach Amerika, als ich ein halbes Jahr alt war. Sie sind von hier?«

»Ja.«

Der Fremde hatte den Baron scharf betrachtet. Er schien von dieser Beobachtung befriedigt zu sein, denn er sagte:

»Sind Sie beschäftigt?«

»Nein.«

»Also Spaziergänger?«

»So ähnlich.«

»Nun, so haben Sie Zeit. Wollen Sie ein Bischen neben mir Platz nehmen? Der Felsen ist bemoost, man sitzt weich. Wir können uns unterhalten und dabei die herrliche Aussicht aus erster Hand genießen.«

Er legte den Ranzen ab und setzte sich am Stamme der Tanne nieder. Der Baron zögerte ein wenig. Für ihn war es wohl nicht ohne Wagniß, sich hier an einem so offenen Punkte gemüthlich zu einem lauten Gespräch niederzusetzen. Man konnte sie hören und dann herkommen. Wurde er erkannt, so war er verloren. Es gab ja nur den einen Ausweg nach der Seite, von welcher er heraufgestiegen war. Nach den drei anderen Seiten fiel der Fels wie bereits erwähnt, so steil ab, daß eine Flucht in dieser Richtung mit der äußersten Lebensgefahr verbunden war.

Aus diesem Grunde zögerte der Baron. Er lauschte ganz unwillkürlich zurück, in den Wald hinein, ob er vielleicht etwas Verdächtiges zu hören vermöge.

»Nun?« fragte der Fremde. »Sie horchen?«

»O, nur so,« antwortete der Baron, einigermaßen verlegen.

»Haben Sie noch Jemand mit?«

»Nein.«

»Ich dachte, weil Sie zurücklauschten.«


Ende der neunundsiebzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk