Lieferung 81

Karl May

13. März 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1921 //

»Nun?«

»Ich hoffe, daß wir ihn erhalten.«

»Ah! Das wäre höchst erwünscht.«

»Ja. Das Herz ist in Thätigkeit, die Lunge auch. Lägen da Verletzungen vor, so hätte längst eine innerliche Verblutung stattgefunden.«

»Meinen Sie?«

»Ein Gliederbruch liegt auch nicht vor. Nur das Gehirn scheint bedenklich erschüttert zu sein, sonst wäre er während des Transportes erwacht. Er ist die Felsen hinaufgeschafft worden und wieder hinab, das hätte Einem, der nicht in dieser Weise betäubt ist, die entsetzlichsten Schmerzen verursacht. Die Zunge werde ich sogleich in Behandlung nehmen. Sie wird umso eher heilen, je länger er in Unbeweglichkeit und Betäubung verbleibt.«

»Wann kann er erwachen?«

»Heute oder auch erst nach Wochen.«

»O weh! Im letzteren Falle müssen wir ihn von hier fortschaffen.«

»Das kann ich nicht gestatten.«

»Ah! Warum?«

»Es muß uns daran liegen, sein Leben zu erhalten. Leider ist das Leben eines solchen Verbrechers - möchte man sagen - viel mehr werth, als dasjenige jedes ehrlichen Menschen. Wenigstens muß der Criminalist so denken.«

»Natürlich denke ich ebenso.«

»Jede Ortsveränderung aber kann tödtlich sein.«

»Aber wie ist es möglich, ihn hier zu lassen?«

»Für's Erste wird er nicht entfliehen. Darauf können Sie tausend Eide schwören.«

»Und dennoch muß er in strengste und unausgesetzte Bewachung genommen werden!«

»Dagegen habe ich nicht nur nichts einzuwenden, sondern ich empfehle es sogar angelegentlichst an.«

»Wie aber ihn hier bewachen?«

»Das ist Ihre Sache, oder vielmehr diejenige des betreffenden Staatsanwaltes.«

»Sollen wir ihn mit Ketten schließen?«

»In diesem Zustande? Unmöglich!«

»Einen Gefängnißwärter an sein Bett setzen?«

»Meinetwegen!«

»Oder Militärposten um das Haus legen?«

»Das wäre das Beste. Jedenfalls ist ärztliche Behandlung jetzt das Allernothwendigste. Meine anderweiten Pflichten erlauben mir nicht, hier auszuharren; aber ich bin der Ansicht, daß ein tüchtiger Arzt nur allein für ihn beschafft werden muß. Derselbe hat hier zu bleiben und hier zu wachen, bis das Leben des Kranken außer aller Gefahr ist. Ich aber muß heute noch fort.«


// 1922 //

»So wird es gerathen sein, zu telegraphiren.«

»Ja. Telegraphiren Sie nach der Residenz, meinetwegen direct an den Justizminister, nach Verhaltungsvorschriften. Bitten Sie um einen Criminalbeamten und um einen tüchtigen Arzt. Beide aber müssen noch am heutigen Tage hier eintreffen.«

»So werde ich schleunigst abreisen. Vorher aber wollen wir thun, was wir bisher noch unterlassen haben, nämlich seine Taschen durchsuchen.«

Er nahm die Kleider her und visitirte die Taschen. Es fand sich nichts, gar nichts als das Stück Brod, welches der Baron sich in der Frühe abgeschnitten hatte.

»Hm!« brummte der Obergensd'arm. »Auch kein Leckerbissen für einen Baron. Aber woher mag er dieses Brod wohl haben?«

Der Arzt nahm es aus seiner Hand, betrachtete es und meinte dann:

»Das ist nicht alt; das ist erst heute von einem Laibe abgeschnitten worden.«

Die alte Köhlersfrau stieß ihren Mann an und flüsterte:

»Um Gotteswillen! Sie werden es doch nicht merken!«

»Warte es ab!«

Der Blick des Gensd'armen fiel wirklich auf den Tisch, auf welchem das Brod noch immer lag, doch war von demselben bereits mehr abgeschnitten und gegessen worden.

»Das ist ja auch ganz solches Haferbrot,« sagte er. »Zeigen Sie doch einmal her!«

Er paßte die Schnitte an den Laib an und meinte dann:

»Ja, ganz dasselbe. Haben Sie heute Brod verschenkt oder ein Stückchen verkauft, Herr Hendschel?«

»Nein.«

»Es ist auch kein Fremder heute hier eingekehrt?«

»Nein.«

»Dachte es mir, doch muß man nach Allem fragen. Der Hauptmann kann ja gar nicht aus dieser Richtung gekommen sein, sondern von jenseits.«

»Wieso?« fragte der Arzt.

»Der Herr Lieutenant von Willmers hat im Walde einen Touristen getroffen, dem der Hauptmann begegnet ist. Dieser Tourist war ein Amerikaner. Ihm haben wir es eigentlich zu verdanken, daß wir diesen Fang gemacht haben, denn er hat die Aufmerksamkeit des Lieutenants auf ihn gelenkt. Der Hauptmann, oder vielmehr der Baron hier ist am Felsen emporgestiegen, von unten nach oben, also kann er doch nicht aus der Richtung dieses Hauses gekommen sein.«

»Gott sei Dank!« flüsterte die Köhlerin.

»Hoffentlich geht Alles gut!« antwortete ihr Mann ebenso leise. »Wie steht es mit Dir, Vetter?«

»Ah, habe ich Angst ausgestanden!«

»Es hat doch noch kein Mensch etwas gesagt!«


// 1923 //

»O, ja, doch! Als Ihr droben in der Kammer wart, um das Bett herabzuholen.«

»Wer denn?«

»Der Obergensd'arm.«

»Was sagte er denn?«

»Er fragte, wer ich sei, wie ich heiße, woher ich bin und was ich hier bei Euch will.«

»Du hast ihm die Wahrheit gesagt?«

»Ja.«

»Und was meinte er dazu?«

»Gar nichts. Er blieb ganz freundlich.«

»Na, siehst Du, daß ich Recht hatte! Es ist für Dich gar keine Gefahr vorhanden. Du kannst ganz ruhig zu den Deinen zurückkehren. Am Besten ist es, wenn Du das heute noch thätest.«

»Soll ich Euch allein lassen bei der Last, die nun jetzt auf Euch liegt?«

»Du kannst uns auch nichts helfen und wirst daheim viel nöthiger gebraucht als hierbei uns.«

Jetzt erhob sich der Obergensd'arm von seinem Stuhle, trat herbei und sagte in freundlicher Weise:

»Es thut mir leid, daß Sie eine solche Belästigung erfahren müssen, aber Sie sehen doch wohl ein, daß wir den Verunglückten nicht weiter schaffen konnten?«

»Er mag hier bleiben, wenn es Ihnen recht ist.«

»Gut! Man wird Sie entschädigen; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß der Kranke ein schwerer Verbrecher ist. Er ist unser Gefangener. Sie würden einer strengen Strafe verfallen, wenn Sie sich nicht nach meiner Bemerkung richten wollten.«

»Ich habe keine Veranlassung dazu.«

»Es ist sogar möglich, daß man Ihnen heimlich Geld bietet, viel Geld, um den Gefangenen zu befreien. So etwas haben Sie uns unverzüglich zu melden. Ich gehe jetzt fort. Es wird noch heute ein Gerichtsbeamter kommen, welcher Ihnen bis in's Einzelnste sagen wird, wie Sie sich zu verhalten haben. Adieu!«

Er verabschiedete sich auch vom Arzte und ging. - -

Das kleine, freundliche Städtchen Langenstadt, nach welchem sich der jetzt als Amerikaner verkleidete Flüchtling begeben wollte, liegt zwischen den Ausläufern des Gebirges an einer Secundärbahn. Sich vom Fuße eines von Gärten umfaßten Berges zur Höhe ziehend, führt seine letzte Straße nach dem Schlosse der Scharfenbergs, welches hell und stolz die Gegend überschaut.

Nur ein Wenig über eine halbe Wegstunde von Langenstadt entfernt, liegt, auch am Fuße eines Berges, der Ort Randau, und oben auf der Höhe erhebt sich das Schloß gleichen Namens, zu welchem viele und große Ländereien der Umgegend gehören.

Schloß Langenstadt und Schloß Randau beherrschen die ganze Gegend,


// 1924 //

geben ihr ein eigenthümliches, vornehmes Gepräge und haben seit alten Zeiten mit einander in sehr freundlicher Beziehung gestanden, da die Scharfenberg's und die Randau's stets gute und fröhliche Nachbarschaft gehalten hatten.

Nur in allerneuster Zeit war darin eine Änderung eingetreten. Lieutenant Edmund von Randau, welcher bei der Artillerie in Rollenburg stand, nahm es mit seinem Berufe ernst, während Lieutenant von Scharfenberg zum Spieler herabsank und endlich gar als Falschmünzer in die Hände der Criminalpolizei fiel.

Heute nun herrschte ein etwas regeres Leben als gewöhnlich auf Schloß Randau. Es war nämlich der Geburtstag des Schloßherrn, und sein Sohn, der Lieutenant, war gekommen, um diesen Tag bei den Eltern zu verleben. Es gab noch einen zweiten, jüngeren Sohn, welcher sich aber in großer Entfernung in einer Erziehungsanstalt für adelige Söhne befand und nicht kommen konnte, weil er sich eben jetzt auf sein Examen vorbereitete.

Es war am Vormittage. Die Frühlingssonne lachte zu den Fenstern herein, und Vater, Mutter und Sohn saßen in guter Stimmung bei einander, in einem eifrigen Gespräch begriffen. Jedes erzählte die Neuigkeiten, welche es für die anderen aufgespeichert hatte.

»Also gab es jetzt in der Residenz ganz Außerordentliches zu erleben,« sagte der Freiherr von Randau.

»Ja, wie wohl niemals, lieber Vater.«

»Und diese Ereignisse haben sogar bis nach Rollenburg ihre Wellen geworfen?«

»Und mich auch mit getroffen.«

»Dich? Wieso?«

»Davon nachher, lieber Vater. Sind doch diese Wogen selbst bis nach Schloß Langenstadt gekommen.«

»Leider, leider! Wer hätte das gedacht! Wäre der Lieutenant von Scharfenberg denn wirklich für schuldig befunden worden?«

»Kein Mensch zweifelt daran. Die Herren vom Gericht schonen den alten Namen und den Director von Scharfenberg, sonst würde noch von anderen Dingen gesprochen. Ich bin zufällig unterrichtet. Ich habe die Ehre, mit einem Herrn zu verkehren, welcher seit einiger Zeit in der Residenz, ja im ganzen Lande eine geradezu erstaunliche Rolle spielt.«

»Wen meinst Du da?«

»Den Fürsten von Befour.«

»Ah, den kennst Du? Mit ihm verkehrst Du?«

»Seit ich in der Residenz wohne.«

»Wie? Was? Wohne?«

»Ja, lieber Vater.«

»Du wohnst in der Residenz?«

»Ja.«

»Aber, Edmund! Davon weiß ich kein Wort!«

»Ich wollte es Dir eben heute mittheilen.«


// 1925 //

»So bist Du aus Rollenburg fort?«

»Ja.«

»Warum?«

»Es sind da Sachen geschehen, welche mit den Ereignissen in der Residenz in enger Beziehung stehen: Mädchenverführungen, Menschenhandel und Anderes. Kameraden von mir waren mit verwickelt. Es war das ein Schmutz und ein moralisches Elend. Ich mochte es nicht mehr mit ansehen und bat um Versetzung.«

»Sie wurde Dir gewährt?«

»So schnell nicht. Ich wollte aber keine Woche länger bleiben, nahm daher Urlaub auf unbestimmte Zeit, schnürte mein Bündel und wanderte nach der Residenz.«

»Ohne Deinen Eltern ein Wort davon zu sagen! Für diese geradezu verbrecherische Insubordination verdienst Du eine ganz außerordentliche Strafe!«

Aber der Freiherr machte gar kein Gesicht wie ein strafender Vater. Er blinzelte vielmehr seiner Gemahlin verstohlen zu, als ob er sich über das, was er tadelte, eigentlich ganz herzlich freue.

»Du wirst mir Deine Verzeihung und nachdrückliche Erlaubniß nicht vorenthalten,« sagte der Lieutenant, »wenn ich Dir das Alles recht ausführlich erzähle.«

»Möglich! Für jetzt aber bin ich ganz grimmig zornig.«

»Du? Ah! Zornig!«

»Glaubst Du etwa das Gegentheil?«

»Gewiß.«

»Oho!«

»Meinst Du, ich sehe die Blicke nicht, welche Du der Mutter so verstohlen zuwirfst?«

»Spitzbube!«

»Ja, ich habe Dir nicht sofort geschrieben; Du aber scheinst auch gewisse Heimlichkeiten zu haben.«

»Ich? Gegen wen?«

»Gegen mich.«

»Siehe keine Gespenster!«

»Gespenster wohl nicht. Aber Du hast ganz und gar das Aussehen einer geladenen Kanone, welche so gern losdonnern möchte und es sich doch nicht getraut.«

»Nicht getraut? Mensch, meinst Du, daß ich, Dein Vater, mich vor Dir fürchte?«

»Ja.«

»Sapperment! Das ist stark!«

»Aber sehr wahr!«

»Abermals oho!«

»Da kann kein Oho helfen! Du und Mutter, Ihr habt uns zwei Buben ganz gehörig verzogen. Ihr habt nur darnach getrachtet, uns das Leben leicht,


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hell und angenehm zu machen. Giebt es nun einmal etwas Unangenehmes, so getraut Ihr Euch nicht heraus, Ihr bekommt Angst, Ihr zittert vor Euren eigenen Kindern.«

Er hatte das natürlich im Scherze gesprochen. Auch die Eltern lachten. Der Vater drohte ihm erst nur mit dem Finger, machte dann gar eine Faust und sagte:

»Bursche, der Du bist! Wart, wenn wir Euch bisher verzogen haben, so wollen wir umkehren, weil es noch Zeit zu sein scheint. Wir werden Rabeneltern werden.«

»Ah! Fürchte mich nicht! Aber, um nun auch ernst zu sein: Du hast wirklich etwas auf dem Herzen. Nicht?«

»Na ja, ich will es gestehen.«

»Für mich?«

»Für Dich persönlich.«

»Etwas Unangenehmes?«

»Eigentlich ja, aber es ist sehr leicht angenehm zu machen.«

»Werden sehen! Bitte, schieß los!«

»Hm! Ja! Ich sehe, daß Du Recht hast: Ich habe wirklich das rechte Herze nicht.«

Auch die Freifrau war ernst geworden. Sie nickte ihm aufmunternd zu und bat:

»Fasse Dir Muth! Heraus muß es doch. Er mag dann entscheiden. Was er wählt, soll gut sein.«

»Entscheiden?« fragte der Lieutenant. »Wollt Ihr mich vielleicht als einen Hercules auf den Scheideweg stellen?«

»Ja, das ist es,« sagte der alte Freiherr. »Nämlich Du weißt doch, daß Curt, Dein Bruder, jetzt im Begriffe steht, das Examen zu machen?«

»Natürlich weiß ich das.«

»Weißt Du auch, welch ein Examen?«

»Freilich. Er will zur Universität.«

»Das haben auch wir geglaubt. Aber er hat, ohne uns zu fragen, auf etwas ganz anderes hingearbeitet.«

»Worauf denn?«

»Er will zur Marine.«

Mit diesem Worte war das Geheimniß ausgesprochen. Ging der jüngere Sohn zur Marine, so mußte der ältere den Dienst quittiren und auf alle Carrière verzichten, um die Bewirthschaftung der Güter zu übernehmen.

Vater und Mutter ließen ihre Blicke forschend auf dem Sohne ruhen, um in seinem Gesichte den Eindruck zu lesen, den die Worte des Ersteren hervorgebracht hatten. Edmund aber erhob sich langsam von seinem Sitze, schritt einigemale in dem Zimmer auf und ab, trat dann an das Fenster und blickte lange Zeit schweigsam hinaus.

Als er sich dann endlich wieder in das Zimmer zurückwendete, sah seine Mutter, daß er eine Thräne in dem Auge stehen hatte.


// 1927 //

»Edmund!« rief sie, aufspringend und den Arm um ihn legend. »Du sollst nicht weinen. Es fällt Dir zu schwer.«

»Ja. Gut,« sagte sein Vater. »Es mag also Alles beim Alten bleiben!«

Der Lieutenant führte die Mutter wieder zu ihrem Platz zurück, setzte sich auf den seinen und sagte:

»Ich habe mich entschieden, und dabei bleibt es!«

Es lag eine feste, unumstößliche Entschlossenheit in seinem männlich schönen Angesicht.

»Entschieden? So schnell?« fragte seine Mutter.

»Ja. Ihr kennt mich ja. Es ist übrigens bei uns nicht wie in so vielen anderen Häusern. Wir lieben uns; es hat noch niemals eine Wolke zwischen uns gegeben. Wir brauchen uns keine langen Reden zu halten, sondern was das Eine wünscht und sagen möchte, das ahnt und weiß das Andere ohne viele Einladungen und Begründungen. Curt wird, das ist sicher, nie ein Landwirth werden.«

Diese letzten Worte sagten dem Vater, was der Sohn für eine Entscheidung getroffen habe. Dennoch aber fragte er in unbestimmter Weise:

»Meinst Du?«

»Ja, und Ihr meint es auch.«

»Er ist allerdings viel zu unruhig.«

»Gewiß. Ihr wißt zwar, daß ich für den Officier schwärmte, von Avancement träumte. Ich wollte General werden und was Alles. Ich kann auch sagen, daß ich die Zufriedenheit und die Achtung meiner Vorgesetzten besitze, aber - aber -«

Er zögerte, darum meinte sein Vater:

»Was aber?«

»Denkt an den Kranich, den Hagenau! Hohler Kopf, Geld und Adelsstolz und mehr als fragliche Conduite. Denkt an den Scharfenberg! Ein Falschmünzer! So kenne ich noch Mehrere, noch Viele. Es hat Stunden gegeben, in denen ich mich vor den Kameraden ekelte. Curt mag also zur Marine gehen.«

»Wie? Du willst also resigniren?«

»Ja.«

»Wirklich?«

»Gewiß. Mein jetziger Urlaub mag der Uebergang zu dem Abschiede sein, um den ich einkommen werde.«

»Lieber, lieber Edmund!« sagte seine Mutter, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte. »Du bringst uns ein großes Opfer, aber Du nimmst uns auch eine große Sorge vom Herzen, das glaube mir.«

Auch der Freiherr drückte ihm gerührt die Hand und sagte:

»Bedenke, daß ich nicht mehr der Jüngste bin! Ehe Curt das Alter hätte, für mich einzutreten, würde ich mir die Knochen hohl gearbeitet haben. Ich bedarf viel eher der Ablösung. Du bist zwar an die Geselligkeit der


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Garnison gewöhnt, das wirst Du vermissen; aber wer verbietet Dir denn, Dich zu erheitern, wenn es Dir überhaupt beliebt, lustig zu sein.«

»Vater, ich habe diese Geselligkeit weniger genossen, als Du vielleicht denkst. Der Dienst und meine Bücher standen mir viel höher, als solche Zerstreuungen.«

»Und doch,« bemerkte die Mutter. »bedenke, wie spät Du als Officier an eine Selbständigkeit, an einen eigenen Heerd denken kannst?«

»Aha,« lachte er fröhlich auf. »Jetzt kommt es!«

»Was?«

»Das Lieblingswerk der Mütter, überhaupt aller Frauen. Soll ich heirathen, Mutter?«

»Warum nicht?«

»Hast Du 'Eine' für mich?«

»Sogar Viele,« stimmte sie lustig ein.

»Zähle sie auf!«

»Das ist nicht nöthig. Siehe Dich nur um! Du kannst ja wählen, lieber Edmund.«

»Das kann ich nicht.«

»Ah! Warum nicht?«

»Weil mein Schicksal bereits entschieden ist: Ich werde mich niemals verheirathen!«

»Du scherzest.«

»Es ist mein Ernst.«

»Papperlapapp!« sagte der Freiherr. »So sagt ein Jeder, der noch nicht angebissen hat. Ich war auch so. Jetzt aber meine ich, daß es die allergrößte Dummheit auf Erden ist, ohne Weib zu bleiben.«

Edmund war ernst geworden. Er blickte still vor sich nieder, sah Vater und Mutter mit einem Blicke an, den sie noch nie bei ihm bemerkt hatten, und sagte:

»Ich spreche im vollen Ernste. Ich bleibe ledig.«

»Mein Gott, lieber Edmund, hast Du denn einen stichhaltigen Grund dazu?«

»Ja.«

»Darf man ihn erfahren?«

Er kämpfte mit sich selbst. Man sah, es wurde ihm sehr schwer; endlich sagte er:

»Ja, Ihr sollt ihn erfahren. Heute ist nicht nur Vaters Geburtstag, sondern es ist überhaupt ein wichtiger Tag, welcher über Curt's Zukunft und auch über die meinige entschieden hat. Da will ich einmal von dieser Angelegenheit sprechen, die ich nie erwähnen wollte, heute, das erste aber auch das letzte Mal.«

Die Mutter blickte angstvoll zu ihm herüber. Sie legte wie betend die Hände zusammen und fragte:

»Edmund, Du liebst?«


// 1929 //

»Ja, Mutter.«

»Eine Unwürdige?«

»Nein.«

»Das Weib eines Andern?«

»Auch nicht. So ein Wahnsinn wäre bei mir ja überhaupt eine absolute Unmöglichkeit.«

»Also ein Mädchen doch?«

»Ja.«

»Und sie liebt Dich nicht wieder?«

»Vielleicht doch, liebe Mutter.«

»Aber dann begreife ich nicht, warum diese Liebe eine unglückliche sein soll!«

»Sie ist eine unglückliche, weil Ihr niemals Eure Einwilligung geben würdet.«

»So denkst Du von uns!«

»Ja.«

»Wie wir Dich aber kennen, würdest Du uns nur eine Dame bringen, welche wir mit Freuden als Tochter begrüßen könnten.«

»Das ist wahr. Aber weil Ihr dies in diesem Falle nicht thun würdet, werde ich sie Euch eben nicht bringen.«

»So sage uns den Grund! Wir sind Dir dankbar für Deine Offenheit. Nicht einmal Eltern haben das Recht, in solche Geheimnisse ihrer Kinder einzudringen. Da Du uns aber selbst Dein Herz öffnest, so bitte ich Dich, uns lieber ganz klar sehen zu lassen.«

»Das sollt Ihr, obgleich es mir unendlich schwer fällt, mir diese Wunde noch tiefer in das Herz zu treiben.«

»Also bitte, welcher unglückliche Umstand herrscht hier vor?«

»Sie ist bürgerlich.«

»Sapperment!« meinte der Freiherr.

Er liebte seinen Stammbaum, obgleich er nicht etwa einen starren Ahnenstolz besaß. Seine Frau machte eine abwehrende, begütigende Handbewegung und sagte:

»Man schreitet allerdings lieber eine Stufe hinauf als hinab, aber Beispiele, daß die Tochter eines bürgerlichen Hauses sich gern und gut mit den Ahnen des Mannes in die Reihe stellen konnte, sind jetzt gar nicht mehr selten!«

»Ich danke, liebe Mutter! Wäre es nur das Eine, so würde ich keine Sorgen haben.«

»Also giebt es noch etwas?«

»Ja. Sie ist die Tochter eines Zuchthäuslers.«

»Herr, mein Gott!«

Die Freifrau war vor Schreck leichenblaß geworden. Sie kannte ihren Sohn. Sie wußte, daß er nur ein einziges Mal lieben werde. Jetzt nun war es mit seinem Lebensglück zu Ende; das sah sie ein. Während nun sie


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nur daran dachte, daß ihr Sohn elend und unglücklich sei, dachte der Freiherr nur an die Schande. Er fuhr auf:

»Mensch, bist Du toll!«

Edmund zuckte wortlos die Achsel.

»Die Tochter eines Zuchthäuslers zu lieben!«

»Sie kann nichts dafür!«

»Ah! Was hat er gethan?«

»Unterschlagung.«

»Pfui Teufel! Seinen Prinzipal betrogen?«

»Ja.«

»Nun schweig, schweig! Ich mag nichts mehr wissen.«

»Und doch muß ich Euch noch eins mittheilen.«

»Was denn noch?«

»Etwas noch Schlimmeres.«

»Als Zuchthaus?«

»Ja.«

»Das könnte doch nur -«

Er hielt inne, indem er einen Blick auf die Freifrau warf.

»Sprich es aus!« bat sein Sohn, indem er ihm kalt und ruhig in das Auge blickte.

»Schlimmer als das Zuchthaus giebt es nur eins.«

»Nenne es!«

»Das Haus der verlorenen Schamhaftigkeit, der für einen Jeden käuflichen Zärtlichkeit.«

»Das meine ich.«

»Kerl, was willst Du sagen? Ich verstehe Dich nicht.«

»Ich will sagen, daß sie in einem solchen Hause gewesen ist.«

Da fuhren Beide, Vater und Mutter, von ihren Stühlen auf. Die Letztere stieß einen Weheruf aus, der Erstere aber sagte:

»Jetzt muß ich annehmen, daß Du verrückt geworden bist.«

»Sehe ich etwa wie ein Verrückter aus?«

»Beinahe!«

Der Freiherr war kein hervorragender Menschenkenner, aber doch merkte er, daß sich hinter der scheinbaren Ruhe seines Sohnes etwas ganz Anderes verbarg. Auch die Mutter blickte bestürzt und mit sichtlicher, ängstlicher Besorgniß in das bleiche Gesicht ihres Sohnes. Sie legte ihm die Hand auf die mit Schweißperlen bedeckte Stirn und fuhr erschrocken zurück.

»Edmund!« fuhr sie auf. »Du bist krank!«

»Nein, Mutter, nein.«

»Aber Deine Stirn ist wie Eis!«

»Nur für diesen Augenblick. Sei ruhig. Es geht vorüber. Aber Ihr werdet nun glauben, daß ich einsam bleiben und niemals an eine Verbindung denken werde.«


// 1931 //

Der Freiherr wußte nicht, ob er fluchen, zanken, lachen oder weinen sollte. Er rannte erregt hin und her und sagte dabei:

»So ein Geburtstag! Ich bin an dem Jungen vollständig irre geworden? Mensch, mußt Du Dich denn gerade in die Tochter eines Zuchthäuslers verlieben?«

»Ich trage keine Schuld.«

»In ein Mädchen, welches gar in einem solchen Hause gewesen ist! Das ist doch mehr als stark!«

»Und dennoch kann ich es nicht ändern. Ich bin nicht allmächtig. Wenn die Sonne scheint, kann kein Mensch ihrem Strahl gebieten, daß er wegbleibe!«

»Aber einen Sonnenschirm kann man aufspannen! Wie hast Du dieses Frauenzimmer denn kennen gelernt?«

»Eben in jenem Hause.«

»Mensch, sage nein, sage nein!«

»Ja.«

»So bist Du dort gewesen?«

»Ja.«

»Alle tausend Teufel! In solchen Häusern läufst Du herum, Du mein Sohn, ein Randau!«

»Es ist ein allereinziges Mal geschehen, und da wurde ich von meinen Kameraden dazu gezwungen. Ich hatte mein Wort gegeben, mit ihnen zu gehen, ohne daß ich wußte, wohin sie gehen wollten. Der Hagenau hatte es entrirt.«

»Der? Hole ihn der Teufel! Aber wenn Du Dein Wort gegeben hattest, so mußtest Du es halten, das ist wahr. Doch hoffe ich, daß ich Dich nicht verachten muß!«

»Nein. Ich habe da ganz im Gegentheile Gelegenheit gefunden, drei arme, unschuldige Kinder, welche man mit Gewalt unglücklich machen wollte, zu befreien und den Ihrigen zurückzugeben.«

»Ah, brav! Und da war sie dabei?«

»Ja.«

»Hm! Wie im Roman. Man rettet ein Mädchen und verliebt sich in sie. War sie schön?«

»Wie ein Engel.«

»Redensart!«

»Vater, ich wette mein Leben, daß Du an meiner Stelle auch nicht anders gefühlt und gehandelt hättest!«

»Danke für gütige Beurtheilung! Der Zuchthäusler hat also seine Tochter wieder?«

»Ja. Der Vollständigkeit wegen will ich Dir sagen, daß er unschuldig verurtheilt worden ist.«

»Ah, was Du nicht Alles weißt!«


// 1932 //

»Er ist vor Kurzem freigesprochen und dabei für unschuldig erklärt worden!«

»Nachdem er seine Strafe abgesessen hat?«

»Ja. Nur während seiner Gefangenschaft war es möglich, daß ein Menschenhändler sich seiner Tochter bemächtigen konnte. Sie glaubte, eine ehrenvolle Stellung zu erhalten und merkte erst, als die Riegel hinter ihr klirrten, daß sie betrogen worden sei.«

»Satan! Solche Sachen passiren?«

»Ja. Ich will Dir Namen nennen. Kennst Du vielleicht den armen, aber braven Holzschnitzer Weber drüben in Langenstadt?«

»Natürlich. Er kauft mir mein Obst ab, um sich damit seinen Unterhalt zu verdienen. Schnitzen kann er nicht mehr.«

»Nun, dessen Tochter war unter den Dreien.«

»Etwa gar die Magda?«

»Ja.«

»Die sich nach der Residenz vermiethet hat?«

»Ja. Man hat sie halb mit Gewalt und halb mit List nach Rollenburg geschleppt. Ich kam gerade zur rechten Zeit!«

»Frau, hörst Du es? Die Magda, die wir immer so gern gehabt haben. Ist das möglich!«

Die Freifrau schüttelte den Kopf und fragte:

»Weiß ihr Vater davon?«

»Nein. Ich gab ihr den Rath, es ihm zu verschweigen, da er sich ja ungeheuer kränken würde.«

»Recht so! Aber die Schuldigen werden doch bestraft?«

»Natürlich! Sie befinden sich längst in Gefangenschaft.«

Da legte ihm der Freiherr die Hand auf die Achsel und sagte:

»Höre, Edmund, Deine Offenbarungen haben mich überrascht, und so kam es, daß ich heftig wurde. Aber Du darfst die Sache nicht so romantisch nehmen. Du hast ein schönes und unschuldiges Mädchen gerettet - gut! Du hast ein gewisses Wohlgefallen an ihr gefunden - auch gut. Sie hat unschuldig gelitten und ihr Vater auch, und das hat Dein gutes Gemüth in Aufregung gebracht - auch gut, auch! Aber was nun weiter? Warum solche vorübergehende Sachen zu einer Tragik ausarbeiten, welche Dir später komisch erscheinen wird?«

»Es ist jetzt ebenso wenig tragisch, wie es mir später komisch vorkommen wird, lieber Vater. Ich nehme es, wie es in Wirklichkeit ist, nicht anders.«

»Das denkst Du jetzt. In der Jugend pulsirt das Blut rascher durch die Adern, als in späteren Jahren. Darum erscheint Alles vergrößert, das Glück sowohl wie auch das Unglück. Es mag sein, daß Du ein eigenartiger Character bist. Du bist ernst, stolz, streng mit Dir und tief gegründet. Du hast niemals oberflächliche Gefühle und Regungen gekannt. In diesem Falle wirst Du sehen, daß Du Dich geirrt hast. Ich sehe die Zeit kommen, in


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der Du es einsiehst und an dieses Mädchen nur so denkst wie an jede andere Gleichgiltige.«

»Nie!«

»Ah, es darf nur die Richtige kommen!«

»Sie war bereits da!«

Der Freiherr hatte erkannt, daß er seinem Sohne nichts vorzuwerfen habe; dies gab ihm seine gute Laune zurück. Er lachte fröhlich auf und meinte:

»O, es dürfte nur so ein Püppchen kommen wie die Mutter in ihren jungen Tagen war, oder, ah, Sapperment!«

Er schnippste mit den Fingern.

Auch die Freifrau lächelte. Sie fragte:

»Was ist das für ein Geschnippse mit den Fingern? Hast Du denn gar so etwas Delicates gesehen?«

»O, delicat ist gar kein Wort für sie. Sie war ein Engel, eine Göttin, eine Königin!«

»Sie? Also handelt es sich um eine Dame?«

»Ja.«

»Schäme Dich! in Deinen Jahren noch so begeistert zu sein!«

»Das darf ich mir bieten, denn durch Dich bin ich sicher vor Verführung, Ich wollte nur sagen: Wenn hier unser Edmund diese Dame gesehen hätte - ah!«

»Was wäre dann?« fragte der Lieutenant.

»Dann wärst Du - kurirt, ja, kurirt mit einem Worte!«

»Das ist viel behauptet!«

»Aber ich weiß, was ich sage. Sie war schön, schwarz wie die Nacht, stolz, edel, und doch lag in ihrem Gesichte ein Weh, ein unterdrücktes Leiden, ich weiß nicht, was. Sie ging ja auch in Trauer.«

»Hast Du mit ihr gesprochen?«

»Ja, natürlich. Auch mit ihren beiden Begleitern.«

»Ah, sie hatte Begleiter? Hm!«

»Da giebt es nichts zu hm! Der eine schien der Ähnlichkeit nach ihr Vater zu sein und der Andere - - -«

»Ihr Mann,« fiel Edmund schnell ein.

»Vorwitz! Großer Vorwitz, mein Junge. Du kannst über solche Sachen gar kein Urtheil haben.«

Er war ganz in Begeisterung gerathen. Die Freifrau sah ihn lächelnd an und sagte:

»Höre, mir wird angst um Dich!«

»Warum?«

»Und sogar auch um mich! Der Anblick dieser Dame hat Dich ja ganz aus dem Häuschen gebracht!«

»Beinahe, ganz richtig! Uebrigens fuhren sie erster Classe.«

Da wurde der Lieutenant aufmerksam. Er fragte:

»Wann war das?«


// 1934 //

»Nun, heute.«

»Ah, so!«

»Ja. Als ich in Grünthal in's Coupé stieg, saßen sie bereits drin. Ich war in Grünthal bei Barons geblieben und in diesen Zug gestiegen, um zeitig bei Euch zu sein. Zwei Herren und eine Dame. Famose Gesellschaft und famose Unterhaltung. Man stellt sich natürlich bei so kurzer Reisestrecke nicht vor; ich weiß also gar nicht, wer sie sind; aber ich bleibe dabei: hättest Du die Dame gesehen, so wäre es um Dich geschehen gewesen.«

Das Gesicht des Lieutenants hatte sich mit einem Male geröthet, und seine Augen glänzten fast entzückt.

»Darum konntest Du Dich, als Du hier in Randau ausstiegst, auch gar nicht trennen,« sagte er. »Du machtest diesem Coupé immer und immer wieder Complimente.«

»Dem Coupé nicht, aber den Insassen. Sie nickten ja immer wieder!«

»Dir?«

»Wem sonst?«

»Hm! Vielleicht zunächst Dir, dann aber jedenfalls einem Andern, der in Deiner Nähe stand.«

»Wer soll das gewesen sein?«

»Denke nach!«

»Du holtest mich ab; Du standest hinter mir. Dich kennen sie gar nicht. Und neben mir standen einige Bauern, denen die Grüße sicher nicht gegolten haben. Wüßte ich nur, wohin sie reisten! Ich wollte nicht fragen.«

»Was das betrifft, so kann ich Dir dienen: Sie sind in Langenstadt ausgestiegen.«

Da sah ihn der Freiherr ganz erstaunt an und fragte:

»Das willst Du wissen?«

»Ganz genau sogar.«

»Was wollen sie dort?«

»Der Beisetzung der beiden Scharfenbergs beiwohnen.«

»Sind es denn Verwandte der Familie?«

»Nein, doch Bekannte.«

»Kennst Du sie?«

»Sehr gut.«

»Sapperment! So haben etwa Dir ihre Verbeugungen gegolten und gar nicht mir?«

»Möglich. Ich verbeugte mich auch, nämlich hinter Dir, gerade so wie Du. Wir müssen von dem Coupé aus ein höchst effectvolles Ensemble gebildet haben.«

»Superfein! Ah, da bin also ich der Blamirte! Darum also lächelten sie so eigenthümlich! Ich dachte, sie lächelten aus Wohlgefallen und Höflichkeit!«

»So hast Du Dich allerdings schauderhaft exponirt.«


// 1935 //

»Na, wir sind doch auch zur Beisetzung geladen. Da wird es also Gelegenheit geben, ihnen eine bessere Meinung über mich beizubringen.«

»Schön! Aber die Hauptsache vergissest Du!«

»Was?«

»Ihre Namen.«

»Ah, Du weißt gar ihre Namen?«

»Natürlich! Ich werde doch die Namen von Personen kennen, welche mich mit so ostensibler Freundlichkeit grüßen.«

»Dann schnell! Wer waren die Herrschaften?«

»Der Jüngere der Herren, mit dem goldenen Klemmer, war der Fürst von Befour.«

Der Freiherr machte den Mund auf und sagte:

»Von Be - - - -«

Weiter brachte er nichts heraus.

»Ja, von Befour, welcher auch unter dem Namen des Fürsten des Elendes bekannt ist.«

»Himmel! Beide sind eine Person?«

»Ja.«

»Hätte ich das gewußt! Ah! Mir wird vor Erstaunen die Cravatte zu enge! Du irrst Dich doch nicht?«

»Nein.«

»Du könntest ihn verkannt haben.«

»Ich kenne ihn wie Dich! Uebrigens erfuhr ich vorgestern von ihm, daß er eine Einladung nach Langenstadt erhalten habe.«

»Gut, gut! Diese Scharte wird sich auswetzen lassen. Wer aber war der andere Herr?«

»Der Secretair des Fürsten.«

»Ah! Wie heißt er?«

»Petermann.«

»Nur Petermann oder 'von' Petermann?«

»Nur.«

»Also nicht von Adel?«

»Leider nein.«

»Na, schadet nichts. Er war ein feiner und kenntnißvoller Mann und machte einen bedeutenden Eindruck. Ich habe wohl kaum jemals eine so hohe und breite Stirn gesehen, wie dieser Petermann hat. Und die Dame?«

»Ist seine Tochter.«

»Dachte es! Und Du kennst sie?«

»Bereits längst.«

»Wunderbar!«

»Ja, Du siehst also, daß ihr Anblick mich nicht kuriren kann. Uebrigens würde es Dir jedenfalls auch nicht erwünscht sein, mich von ihr kuriren zu lassen.«

»Hm! Ich weiß wirklich nicht, was ich thun würde! Sie hat mich


// 1936 //

wirklich geblendet; sie könnte auch ganz und gar für sich gewinnen. Er ist bürgerlich, wohl auch arm?«

»Freilich.«

»Ja, aber trotzdem sind die Persönlichkeiten von Vater und Tochter wirklich frappant aristokratische Erscheinungen. Deine Mutter ist zwar gegenwärtig, und ich sollte also schweigen; aber ich sage Dir trotzdem in aller Aufrichtigkeit, daß ich mich sehr wundere, daß Dich diese junge Dame so kalt gelassen hat.«

»Du an meiner Stelle hättest Dich wohl erwärmt gefühlt?«

»Ich glaube, ja.«

»Vielleicht noch mehr als erwärmt?«

»Hm! Ich will als vorsichtiger Gatte und Vater lieber schweigen.«

»Das möchte ich mir allerdings erbitten,« lachte die Freifrau. »Du bringst mich wahrhaftig im Spätherbst meines Lebens noch zur Eifersucht!«

»So ist es nicht gemeint! Ich will nur sagen, daß ich einer solchen Herrin auf Schloß Randau es wohl verzeihen könnte, daß sie kein Von vor ihrem väterlichen Namen hat.«

So scherzten sie weiter. Die Bedrückung war ganz von dem Lieutenant gewichen; er war mit einem Male wieder lustig, ja sogar ausgelassen lustig geworden, und seine Mutter fühlte sich ganz selig, daß der eigenthümliche Anfall von Tiefsinn so plötzlich vorübergegangen war.

Aber der Instinkt einer liebenden Mutter blickt tiefer als der Scharfsinn eines denkenden Mannes. Bei der ersten Gelegenheit, als sie sich mit dem Lieutenant allein befand, ergriff sie seine Hand und sagte:

»Darf ich wohl eine Frage an Dich richten, lieber Edmund?«

»Thue es, liebe Mutter!«

»Woher kam es, daß Du vorhin so plötzlich Deine Traurigkeit vergessen konntest?«

Er antwortete erröthend:

»Muß ich Dir das mittheilen?«

»Nun, ich will nicht gewaltsam in Dich dringen. Ich gestehe Dir, daß mich eine plötzliche Angst um Dich überkommen war. Ich hatte Dich noch niemals so gesehen.«

»Es ist überwunden.«

»Aber hoffnungslos vorüber?«

»Weißt Du, Gott ist die Liebe. Wenn er eine solche Welt von Liebe in ein Menschenherz legt, so kann er nicht wollen, daß dieses Herz daran zu Grunde geht.«

»So hast Du also noch Hoffnung?«

»Ich wage es, sie noch zu hegen.«

»Aber vorhin hegtest Du sie nicht. Erst als Vater von den drei Passagieren sprach, wurde eine andere Stimmung Herr über Dich. Errathe ich recht?«

»Vielleicht. Doch lassen wir das jetzt! Es wird und mag so kommen, wie Gott es will.«


// 1937 //

Sie drückte einen Kuß auf seine Stirn und sagte andächtig:

»Er wird es zum Besten lenken. Amen!« -

Nicht nur der Lieutenant von Randau und die erwähnten drei Passagiere befanden sich am heutigen Tage in dieser Gegend, sondern zwei Andere wurden auch ganz unerwartet nach dem kleinen Städtchen geführt.

Nämlich Doctor Zander hatte sich bald in der Residenz bekannt und gesucht gemacht. Einige glückliche Kuren und sein Umgang mit dem Fürsten von Befour und dessen Freunden waren ihm außerordentlich förderlich gewesen. Er besaß eine schöne Wohnung und trug sich sogar mit dem Gedanken, sich eine Equipage anzuschaffen.

Heute war er ungewöhnlich früh ausgegangen, und da es zufälliger Weise keinen schweren Fall zu behandeln gab, so war er mit seiner Runde viel eher als gewöhnlich zu Ende, und er schlenderte gemächlich über die Anlagen dahin, welche den Bahnhof von der Stadt trennten. Da sah er eine Person daherkommen, bei deren Anblick sein bisher nachdenklich nach innen gerichteter Blick schnell äußeres Leben bekam - Magda Weber war es.

Sie hatte eine Reisetasche in der Hand und grüßte erröthend, als sie ihn erblickte. Er trat auf sie zu, reichte ihr die Hand und fragte:

»Sieht das nicht gerade aus, als ob Sie verreisen wollen?«

»Ja, Herr Doctor.«

»Wohin?«

»Nach Langenstadt.«

»Ist da oben Etwas passirt? Ich hoffe, nichts Unangenehmes!«

»Nein. Ich erhielt heute eine Depesche - - -«

»Eine Depesche? Sie?« fragte er überrascht.

»Ja.«

»So ist es am Ende doch etwas Ungutes. Wer telegraphirte?«

»Der Vater. Die Worte lauten: 'Komm sofort zu Besuch, sobald Du dies empfängst.' Das klingt doch nicht wie ein Unglück?«

»Allerdings nicht. Uebrigens trifft es sich recht glücklich, daß auch ich verreise.«

Sie blickte ihn fragend und ungewiß an; darum fuhr er, ihr freundlich zunickend, fort:

»Und zwar auch nach Langenstadt.«

»O, wie schön!«

Aber sofort färbten sich ihre Wangen purpurn. Sie fühlte, daß sie das nicht hätte sagen sollen.

"Wirklich? Finden Sie das schön?"

»Wirklich? Finden Sie das schön?« fragte er.

Sie erglühte noch tiefer, antwortete aber nicht. -

Er hatte nicht die geringste Absicht gehabt, zu verreisen. Der Entschluß war ihm wie eine Eingebung gekommen. Das liebliche Mädchen stand nicht nur vor ihm, sondern sie wohnte auch tief, tief in seinem Herzen.


// 1938 //

»Hoffentlich erlauben Sie mir, Ihr Billett mit dem meinigen zu lösen, Fräulein Weber?« fragte er.

Ein leises, schüchternes Ja war die Antwort.

Dann, als es Zeit zum Einsteigen war, führte er sie in ein Coupé erster Classe. Ein Trinkgeld sagte dem Schaffner, daß er dieses Coupé möglichst mit anderen Passagieren verschonen möge; dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Eine kurze Zeitlang saßen sie schweigend neben einander, sie mit niedergeschlagenen Wimpern und er das Auge voll und warm auf ihr schönes, rosiges Gesichtchen gerichtet. Er hätte sie gleich küssen mögen.

»Fürchten Sie sich vor mir?« fragte er endlich.

Da schlug sie die Augen auf, lächelte ihm warm entgegen und antwortete:

»Wie sollte ich! Sie haben mir ja nichts gethan.«

»Aber dennoch fliehen Sie mich?«

»Ich?«

Diese Frage klang doch ein Wenig verlegen.

»Ja, Sie! Wissen Sie vielleicht, daß ich jetzt sehr oft die Baronesse Alma von Helfenstein besuche?«

»Ja.«

»Sie hat die Güte gehabt, mich zu ihrem Hausarzt zu ernennen. Ich habe geglaubt, daß Sie sich bei ihr befinden.«

»Das ist auch der Fall.«

»Und doch sehe ich Sie nicht!«

Sie senkte erröthend das Köpfchen. Er fuhr fort:

»Muß ich da nicht denken, daß Sie mich fürchten?«

»Nein.«

»Oder gar mich hassen?«

»O Gott, was denken Sie!«

»Dann bitte, legen Sie doch einmal Ihr liebes, kleines Händchen in meine Hand! Ich will sehen, ob Sie das wagen.«

Sie gab ihm ohne Zögern die Hand und schlug dabei die Augen mit einem Blicke zu ihm auf, welcher schalkhaft sagte: Siehst Du, daß ich es wage!

»Ich danke Ihnen, Fräulein Weber - oder wir sind ja Bekannte und haben uns die Kirschen durch den Gartenzaun zugesteckt - darf ich nicht lieber sagen Magda?«

»Ja, sagen Sie so!«

»Aber dann müssen Sie auch mich bei meinem Vornamen rufen!«

»O nein!«

»O doch! Kennen Sie ihn?«

»Nein.«

Das war eine kleine Lüge. Sie kannte ihn nur zu gut. Sie hatte ihn hundert- und tausendmal im Stillen vor sich hin gesagt, und es war ihr immer dabei gewesen, als ob dies der schönste aller Männernamen sei.


// 1939 //

Da legte er seinen Finger unter ihr Kinn, hob ihr Gesicht empor und sagte:

»O weh, Sie verleugnen mich! Bitte, bitte, sagen Sie mir aufrichtig, ob Sie meinen Namen wissen!«

»Ja,« gestand sie zögernd.

»Wie heißt er?«

»Alfred.«

»Endlich, endlich! Und jetzt meine liebe Magda, bitte, sagen Sie doch einmal nicht Alfred, sondern: lieber Alfred!«

»Das - das kann ich nicht.«

»Aber wenn ich Sie recht innig darum bitte?«

»Ich - - kann nicht; es - - geht nicht, nein!« stammelte sie.

Und dabei erglühte ihr Gesicht wie eine Wolke, hinter welcher die Sonne in all ihrer Pracht und Herrlichkeit steht.

»Es geht nicht!« wiederholte er. »Also gar nicht?«

»Nein.«

»O das ist bös; das ist schlimm, sehr schlimm!«

Und als sie ihn erschrocken ansah, fuhr er fort:

»Ich habe Sie so lieb, so herzlich, so innig lieb. Ich habe an Sie gedacht immer und immerfort. Und nun wird es Ihnen so schwer, sogar unmöglich, dieses kleine Wörtchen zu sagen! Wissen Sie noch, daß ich Ihnen meinen Pelz in das Coupé gab, damit Sie nicht frieren sollten?«

»Ja,« hauchte sie.

»So, gerade so möchte ich Sie behüten und beschützen fort und immerfort. So möchte ich Sie umhüllen und umfangen und durch das ganze Leben tragen, damit Ihr kleines Füßchen nicht an einen Stein stoße. So möchte ich Ihr Hut und Ihr Schutz sein für jetzt und alle Zeit. Und dafür, dachte ich, solle mir das Licht Ihres Auges leuchten in Liebe, Milde und Freundlichkeit, denn mein Herz verlangt nach Liebe, aber nur nach der Ihrigen, ganz allein nach dieser!«

Er hatte den Arm um sie gelegt und sie an sich gezogen. Sie litt es ohne Widerstreben; sie hielt ihr Köpfchen an seine Brust geborgen, und er hörte ein kleines, leises Klingen, als ob ein Kindchen weine.

Da hob er ihr Gesicht empor, blickte ihr tief in die thränenden Augen, und als sie diese schloß, legte er seine Lippen leise, leise auf ihren Mund. Sie bewegte sich nicht; sie ließ ihm den Mund ohne Gegendruck, und er sah, daß ihr Gesicht leichenblaß war. Das erschreckte ihn. Er fragte:

»Magda, was ist Ihnen? Zürnen Sie mir?«

Sie schüttelte leise mit dem Kopfe.

»Warum erbleichen Sie? Sind Sie krank?«

Da kehrte die Röthe in ihre Wangen zurück. Sie sah mit einem Blicke unaussprechlichen Entzückens zu ihm auf und antwortete:

»O nein. Mir ist so wohl!«

»Gott sei Dank!«


// 1940 //

»Nun möchte ich sterben!«

»Sterben? Weg, fort mit diesem Worte! Leben sollst Du, leben, mit mir und für mich, denn ohne Dich kann und mag ich doch nicht sein!«

»Wie schön! Wie herrlich!« flüsterte sie, die kleinen Händchen faltend. »Aber das geht nicht, das kann nicht sein.«

»Warum nicht?«

»Was sind Sie, und - was, ach was bin ich!«

»Du? Was Du bist? Mein Leben bist Du, mein Glück, meine Seligkeit! Ist das nicht genug?«

Und jetzt zog er sie kräftig an sich; jetzt küßte er sie innig, wieder und immer wieder. Und als er ihre Arme hob und sie sich auf die Schulter legte, da fühlte er deutlich, daß sie diese Arme fest um seinen Hals schlang. Dann aber fragte sie bebend:

»Ist das Wirklichkeit? Ist das kein Traum?«

»Nein, es ist keine Täuschung, meine Magda.«

»Ich soll es glauben? Es darf so sein und bleiben?«

»Immer, immer und ohne Ende!«

»Alfred, mein lieber, lieber Alfred!«

Das rief sie laut und jubelnd aus. Jetzt warf sie die Arme um ihn, schmiegte sich an seine Brust und küßte ihn warm und innig, als ob das stets und immer so gewesen sei.

Wie kam es doch nur, daß der Schaffner so plötzlich die Thür öffnete und sein »Station Langenstadt, drei Minuten Aufenthalt!« rief? Es war ja ganz unmöglich, schon Langenstadt erreicht zu haben. Aber als die Beiden herausblickten, erkannten sie die alten, guten Häuser des Städtchens.

Und dort stand Vater Weber und sah sich nach seiner Tochter um. Er hatte freilich nur die Waggons vierter und höchstens dritter Classe im Auge. Da hörte er sich rufen, und als er nach der Stelle hinblickte, stand ein junger, vornehmer Herr an der Coupéthür und winkte ihm. Er ging hin und fragte:

»Was befehlen Sie, gnädiger Herr?«

»Wen suchen Sie?«

»Meine Tochter.«

»Kennen Sie mich?«

Jetzt sah er ihn schärfer an, dann riß er die Mütze herunter und sagte:

»Herr Doctor Zander! Ist's möglich! Wie freue ich mich! Ach, wenn doch nur meine Tochter auch gekommen wäre!«

»Die konnte nicht kommen; dafür aber habe ich Ihnen meine Verlobte mitgebracht.«

»Ihre Verlobte?«

Dabei machte er ein Gesicht, in welchem tausend Verwunderungen zu lesen waren.

»Ja,« sagte Zander. »Da, sehen Sie herein!«

Er trat zur Seite, und da erglühte dem Vater das glück- und wonnestrahlende Gesicht seines Kindes entgegen.


// 1941 //

»Magda! Du! Erster Classe!«

»O, Alfred ist das so gewohnt. Er fährt nicht anderer Classe.«

Jetzt kam der Name so geläufig heraus, als hätte sie es seit Jahrzehnten nicht anders gewußt.

»Alfred? Wer ist das?«

»Nun, hier Alfred, mein Gelieb - mein Verlobter.«

»Ach so! Kinder, mir wird ganz dumm zu Muthe. Mir brummt der Kopf. Magda - erster Classe - Alfred - Verlobter -«

»Bitte, heraus, meine Herrschaften!« rief der Schaffner.

Die Thüren flogen zu, ein schrilles Pfeifen, ein dröhnendes Rasseln - der Zug eilte weiter. Aber der gute Papa Weber stand noch immer da und staunte die Beiden an.

»Sie machen doch blos Spaß. Herr Doctor?« fragte er.

»Da sei Gott für! Es ist mein heiligster Ernst.«

»Auf Ehre?«

»Auf Ehre!« wiederholte Zander lächelnd.

»Dann glaube ich es; dann ist es wahr. Herrgott von Mannheim! Meine Magda eine Frau Doctorin! Na, Kinder, kommt mit nach Hause! Ich wollte gerade Kartoffelbrei kochen, mit Rindstalggriefen dran, da aber die Sachen so glanzvoll stehen, so kommen eben Speckgriefen dran. Ich kann auch nobel sein, wenn es nöthig ist!«

Und als nun Zander der Geliebten seinen Arm bot, da häkelte sie ein und ging so sicher und stolz an seiner Seite, als ob sie schon zehn Jahre lang in dieser Weise mit ihrem Doctor gegangen sei. -

Gegen Abend fuhr der Freiherr von Randau mit Frau und Sohn nach Schloß Langenstadt. Die Beisetzung der beiden Todten sollte nach Einbruch der Dunkelheit stattfinden. Als sie im Schloßhofe, von einem Diener empfangen, ausstiegen, eilte der Hausverwalter herbei und sagte in entschuldigendem Tone:

»Verzeihung, meine Herrschaften, daß der Herr Anstaltsdirector, Hauptmann von Scharfenberg, noch nicht zu sprechen ist. Er wird vom Notar festgehalten und läßt bitten, sich nach den gewohnten Zimmern zu verfügen!«

Die Familie Randau wurde hier stets nachbarlich behandelt. Jedes Glied derselben hatte für den eventuellen Aufenthalt hier sein bestimmtes Zimmer. Der Freiherr gab also seiner Frau den Arm und sagte:

»Du kommst vielleicht mit zu mir. Edmund mag über sich nach eigenem Gefallen verfügen.«

Der Lieutenant schritt also an der Hauptfront entlang, bog um die Ecke und trat dort in ein Vestibul, von welchem aus eine Steintreppe nach oben führte. Dort lag das Zimmer nebst Cabinet, welches ihm für gewöhnlich angewiesen war.

Der Schlüssel steckte bereits. Er trat ein. Es war ihm, als ob ihm ein feiner, äußerst lieblicher Duft entgegenströme. Er blickte sich um.


// 1942 //

»Ganz wie Treibhausblumen, ah! Aber wo? Vielleicht draußen im Cabinet!«

Er sog den Duft ein. Es war wie Veilchen und Reseda. Er öffnete die Thür zum Cabinet und trat da hinaus, die Thür hinter sich schließend. Da erblickte er zu seinem Erstaunen mehrere Damengarderobestücke auf dem Bette liegen und - ein Knack, die Vorhangstange fiel herab, und vor ihm, fest an die Wand gedrückt, stand Fräulein Petermann.

Sie hatte seine Schritte gehört und sich hinter die Gardine gesteckt, denn sie hatte im Begriffe gestanden, ihre Toilette zu wechseln. Sie befand sich im bloßen Mieder und streckte ihm abwehrend die Hände entgegen, konnte aber vor Schreck und Scham kein Wort hervorbringen.

Auch Edmund war für den Augenblick bewegungslos. Er dachte gar nicht daran, daß es seine Pflicht sei, sich schleunigst zu entfernen. Er sah das schöne Mädchen vor sich, mit lang herabwallender Robe; die herrliche Büste hob sich wie Alabaster aus dem dunklen Leibchen, und die vollen, prächtigen Arme schienen ihn anzulocken, anstatt ihn fortzustoßen.

»Valeska!«

»Gott! Gehen Sie!« stammelte sie.

Da holte er tief, tief Athem, schüttelte langsam den Kopf und antwortete:

»Das kann ich nicht und das darf ich nicht!«

»Sie müssen! Sie müssen!«

»Nein, und abermals nein!«

Er trat auf sie zu und faßte ihre Hände. Sie schloß die Augen und lehnte den Kopf an die Wand, bleich wie eine Leiche.

»Gott, o Gott!« flüsterte sie. »Auch er, auch er!«

Er verstand sie augenblicklich. Er antwortete:

»Nein, beurtheilen Sie mich nicht nach dem Maaßstabe Anderer. Valeska, ich habe Sie nun doch gesehen. Was würde durch meine Entfernung daran geändert. Es ist besser, ich bleibe und gebe Ihnen die beste und einzige Genugthuung, welche möglich ist.«

»O nein, o nein!«

»Sie bangen noch immer? Ah, Sie haben mich zwar in jenem Hause gesehen, aber ich kam gezwungen hin. Lassen Sie diesen Schatten nicht auf mir ruhen bleiben. Valeska, hören Sie! Seit jenem Abende habe ich an Sie denken müssen ohne Unterlaß. Ich habe mit meinem Herzen gekämpft, tapfer und unverdrossen; doch das Herz ist stärker gewesen, als ich selbst. Es will Ihnen gehören für jetzt und immerdar. Ich kann nicht widerstreben und will auch nicht länger widerstreben! Sagen Sie mir, ob ich an dieser Liebe, welche wie eine übermächtige Lohe über mir zusammengeschlagen ist, zu Grunde gehen soll oder nicht.«

Da öffnete sie die Augen, blickte ihm starr in das erregte Angesicht, riß ihre Hände aus den seinigen, zeigte nach der Thür und rief:

»Hinaus! Sofort!«


// 1943 //

Da ließ er langsam die Arme sinken und sagte:

»Ich gehorche Ihnen. Leben Sie wohl!«

Er drehte sich um und schritt nach der Thür. Er hatte sie geöffnet und bereits den Fuß erhoben, da erklang hinter ihm ein eigenthümlicher, unarticulirter Laut. Er sah sie wanken. Im Nu stand er bei ihr und fing sie in seinen Armen auf.

Sie lag regungslos, wie ohnmächtig an seiner Brust. Er fühlte die Wärme ihres entzückenden Busens, den langsamen Hauch ihres Mundes, aber er bewegte sich nicht. Es trieb ihn, sie emporzuheben und auf das Bett zu legen, aber er verschmähte es, sie weiter zu berühren, als unumgänglich nothwendig war, ihr einen Halt zu bieten.

So stand er lange, still und mit keinem Finger zuckend. Da stieß sie einen tiefen, tiefen Seufzer aus, hob das Auge wie irre zu ihm empor, schlang den einen Arm um seinen Leib, ergriff mit der Linken seine Hand, zog sie an ihre Lippen und küßte sie zwei-, dreimal, ehe er es hindern konnte. Dann floh sie dorthin, wo ihr Mantel lag, warf ihn über sich und sagte in flehendem Tone:

»Herr von Randau, Sie haben mich gerettet aus schwerer Schmach und Schande; nie werde ich es Ihnen vergessen, jetzt aber habe ich Ihnen Alles, Alles gegeben, was ich Ihnen geben darf. Bitte, lassen Sie mich allein! Ich hatte keine Ahnung von Ihrer Anwesenheit und daß Ihnen mein Zimmer bekannt ist!«

»Gut, ich gehe; vorher aber muß ich Ihnen den Irrthum, als ob ich Sie aufgesucht hätte, benehmen. Dieses Zimmer pflege ich zu bewohnen. Soeben erst bin ich hier angekommen und wurde, wie ich nun merke, irrthümlicher Weise hierhergewiesen. Ich kann Ihnen nicht verbieten, dankbar zu sein; aber Ihr Dank macht mich ärmer, als ich vorher gewesen bin. Ich habe Sie geliebt, wie man ein Idol verehrt; ich habe geträumt von Seligkeiten, eines Himmels werth; ich dachte mir kein größeres Glück, als Ihnen mein Fühlen, Denken und Wollen, mein ganzes Leben widmen und weihen zu dürfen. Ich wollte mich in Sie versenken mit Seele und Gemüth; ich wollte in meiner Liebe aufgehen, wie das Himmelsblau in Äther aufgeht. Meine Liebe war rein und heilig. Sie wären mein Ein und mein Alles, mein Anfang und mein Ende gewesen, jeder Pulsschlag, jeder Athemzug hätte Ihnen, Ihnen und immer allein nur Ihnen gegolten - es ist nun aus! Jetzt bricht mein Himmel zusammen; für mich giebt's keine Freude, kein Glück, keine Hoffnung mehr! Wann werde ich wieder lächeln können? Wohl niemals, niemals wieder. Valeska, mein Leben und mein Verderben, gute Nacht!«

Er wollte sich entfernen, aber in demselben Augenblicke stand sie bei ihm, mit wallendem Busen und fliegendem Athem. Sie faßte ihn beim Arme und stieß hervor:

»Herr von Randau, ist das Wahnsinn, was Sie hier sprechen?«

»Wahnsinn? O, ich möchte allerdings irre werden. Nein, ich habe


// 1944  //

aus der Tiefe meines Herzens und mit vollster Ueberlegung und Ueberzeugung gesprochen.«

»Sie haben mich wirklich nicht hier vermuthet?«

»Bei Gott, nein!«

»Und als Sie mich doch hier fanden, da sahen Sie nicht in mir jene - jene Wally - welche - welche -«

Sie stockte. Ihre Wangen waren jetzt nicht leichen-, sondern geisterblaß; ihre dunklen Augen blitzten erregt aus dem vollendet schönen Angesichte, und es war ihm, als ob er in dem Arme, den sie mit der Hand ergriffen hatte, ihren stürmenden Puls klopfen fühlte.

»Nein, und abermals nein, und tausendmal nein!« antwortete er. »Als ich Sie in jener Lasterhöhle traf, in welche Sie von jenen menschlichen Bestien mit Gewalt geschleppt worden waren, da erkannte ich auf den ersten Blick, daß Sie ein Diamant seien, geschleudert in den Kloakenschlamm. Ich brachte den köstlichen, unschätzbaren Stein an das Licht der Sonne, um mich an seiner Reinheit zu entzücken. Ich hätte mein Leben freudig hergegeben, um ihn vor neuer Berührung mit dem Staube zu bewahren. Ich weiß, wie schön Sie sind, wie himmlisch schön; aber als mein Auge vorhin diese Schönheit schauen durfte, da war es nur die reinste, an Anbetung grenzende Liebe, welche mir gebot, zu bleiben. Für diesen einen Blick auf das Ideal all meiner Wünsche und Träume wollte ich mich Ihnen geben, mich selbst mit meinem ganzen Leben, mit Allem, was ich habe und bin.«

»O Gott! O mein Heiland! Das Alles, Alles sollte ich besitzen? Ist's wahr? Ist's wahr?«

»Gott ist mein Zeuge!«

»Auch Ihren Namen? Auch ihn sollte ich besitzen?«

»Ja.«

»Edmund, Edmund, Du liebst mich? Du liebst mich?«

Das klang laut und jubilirend aus voller Brust hervor.

»Mehr als Vater und Mutter, mehr als mein Leben!« antwortete er.

»Mich, die Tochter des Gefangenen?«

»Des unschuldig Gefangenen!«

»Mich, die Prügelmagd der Melitta!«

»Die sich gegen die Schande gewehrt hat, wie kein Mann sich vertheidigen würde!«

Da legte sie die Arme um ihn, da schmiegte sie den warmen, weichen, herrlichen Leib fest und innig an ihn, da zog sie seinen Kopf zu sich herab und bedeckte seinen Mund mit heißen, glühenden Küssen.

Dann plötzlich ließ sie von ihm ab, trat zurück, faltete die Hände und sagte:

»Gott, Allgütiger und Allerbarmender, wie danke ich Dir! Diese wenigen Secunden machen Alles, Alles gut und geben mir die Kraft und den Muth zu den Jahren der Entsagung, welche ich vor mir habe!«

»Valeska!«


Ende der einundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

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