Lieferung 83

Karl May

27. März 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1969 //

»Was sage ich denn, wenn ich nach Dir gefragt werde?«

»Das weiß ich nicht. Du mußt Dich nach den Umständen richten. Ich kann doch nicht vorher wissen, was geschehen wird.«

Sie besprachen die Angelegenheit noch eine kurze Zeit; dann war der Alte fest entschlossen, nach Langenstadt zu gehen.

Es mochte wenig über Mitternacht sein, als er aus seiner Hausthüre trat.

»Halt! Werda!« ertönte ihm eine Stimme entgegen.

»Der Köhler.«

»Stehen bleiben.«

Der Posten kam näher und überzeugte sich, daß er nur den Köhler vor sich habe. Größerer Sicherheit halber trat er an den Laden und blickte durch die Ritze desselben in die Stube, wo er den Kranken liegen sah.

»Ich denke, Sie schlafen,« sagte er.

»Das geht heute nicht. Ich muß den Meiler anbrennen.«

»Sie müssen in den Wald?«

»Ja. Oder darf ich etwa nicht?«

»Warum nicht? Wir haben nur den Kranken festzuhalten.«

»Der läuft Ihnen nicht davon. Gute Nacht.«

»Gute Nacht!«

Der Posten lauschte, bis er die Schritte des sich Entfernenden nicht mehr hörte, und setzte dann seinen Rundgang fort.

Es waren zehn Mann Soldaten unter einem Unteroffizier eingetroffen. Sie hatten ihr Quartier hinter dem Hause in einem Waldstreuschuppen und mußten sich Zwei zu Zwei ablösen. Der Gerichtsarzt, welcher gegen Abend hier gewesen war, hatte diese Vorsichtsmaßregel für vollständig genügend erklärt, da der Kranke ja nicht im Stande sei, sein Lager zu verlassen.

Die Nacht verging, und der Tag brach an. Als der Staatsanwalt in der Stube erschien und hörte, daß der Köhler abwesend sei, hatte er nicht das Mindeste einzuwenden. Auch der Arzt, welcher im nächsten Dorfe übernachtet hatte, kam. Er fand in dem Zustande des Kranken nichts verändert. Polizisten und Gerichtsbeamte kamen und gingen. Kurz nach Mittag kam ein Reiter. Als der Staatsanwalt ihn erblickte, ging er ihm entgegen, um ihn in großer Ehrerbietung zu begrüßen. Es war der Fürst von Befour.

»Ist mein Diener hier?« fragte er.

»Welcher, Durchlaucht?«

»Anton.«

»Nein.«

»Ist er hier gewesen?«

»Auch nicht.«

»Sonderbar. Ich war gestern verreist, erhielt aber die telegraphische Mittheilung, daß der Hauptmann gefangen sei. Als ich heimkehrte, hörte ich, daß Anton mit dem letzten Zuge abgefahren sei, um sich diesen Hauptmann anzusehen. Ich habe geglaubt, ihn ganz sicher hier zu finden.«


// 1970 //

»So kommt er noch. Er hat die letzte Station zwei Uhr Nachts erreicht und dann nicht weiter gekonnt, da es Nacht war und er die Wege nicht kannte.«

»Wie befindet sich der Gefangene?«

»In vollständiger Lethargie.«

»Ist es nicht vielleicht Verstellung?«

»Ganz gewiß nicht. Bitte, wollen Sie sich überzeugen!«

»Ja, gehen wir herein.«

In der ärmlichen Stube angekommen, trat der Fürst an das Bette und betrachtete den Kranken.

»Sein Gesicht ist entsetzlich zugerichtet,« meinte der Anwalt.

»Ja, es ist kein Zug zu erkennen. Woran aber hat man denn den Hauptmann erkannt?«

»An der Kleidung. Es ist diejenige, welche er bei dem Herrn von Scharfenberg mitgenommen hatte.«

»Ist sie genau als dieselbe recognoscirt worden?«

»Mit voller Sicherheit.«

»Hm!«

Der Fürst nahm die Hand des Kranken in die seinige und betrachtete sie. Er schob die Lippen des Bewußtlosen aus einander, betrachtete die Zähne und sagte dann:

»Sie haben nicht den Hauptmann gefangen.«

»Nicht? Was!« rief der Anwalt.

»Ich kann es beschwören.«

»Sie erschrecken mich, Durchlaucht!«

»Das sind nicht die feinen, gelblichen Hände des Barons von Helfenstein; das sind auch nicht seine schmalen, matt schimmernden Zähne. Hier diese Zähne sind breit und kräftig, wie diejenigen eines Mannes, welcher gewöhnt ist, harte Rinden zu beißen.«

»Durchlaucht, dürften Sie sich nicht irren?«

»Nein, ich bin meiner Sache gewiß.«

»Aber er hat falsche Perrücke getragen.«

»Das ist freilich auffällig, dennoch aber ist er ein Anderer. Hat er nicht gesprochen?«

»In der Nacht.«

»Was?«

»Einige abgerissene Worte.«

»Die Sie sich natürlich notirt haben?«

»Nein. Sie waren ohne alle Bedeutung.«

»Ich glaube nicht, daß in einem solchen Falle ein Wort ohne alle Bedeutung sein kann. Wer hat gewacht?«

»Diese Dame hier.«

Er deutete auf die Pflegerin. Der Fürst fragte diese:

»Können Sie sich der Worte erinnern?«

»So ziemlich. Er stieß einen lauten Angstschrei aus. Dann sprach er


// 1971 //

von Herabgeworfenwerden, von einem Tornister, von Geld darin und nannte einige Namen.«

»Welche?«

»Das weiß ich nicht so genau. Er sprach, glaube ich, auch von Amerika und von einem - na, wie war es doch - von einem Holzschnitzer.«

Der Fürst blickte schnell auf.

»Amerika? Holzschnitzer?« fragte er. »Hat er den Namen dieses Holzschnitzers genannt?«

»Ich habe den Namen vergessen.«

»Etwa Weber?«

»Ja, ach ja, Weber in - - in - - -«

»In Langenstadt etwa?«

»Ja, so war es, in Langenstadt.«

»Alle tausend Teufel! Da kommt mir eine Ahnung! Aber wie hat man diesen Mann hier eigentlich gefunden? Wie ist man auf ihn aufmerksam geworden?«

»Durch einen Amerikaner, welcher der militärischen Patrouille begegnet ist,« antwortete der Anwalt.

»Dieser Amerikaner hat auf ihn aufmerksam gemacht?«

»Ja. Er hat erzählt, daß er ihm begegnet sei und sogleich Verdacht habe hegen müssen.«

»Wie war der Amerikaner gekleidet? Gab es an ihm irgend etwas Auffälliges?«

»Er war von dem commandirenden Offizier einer Ähnlichkeit wegen angehalten worden, hatte aber in Folge seiner ausgezeichneten Legitimationen seinen Weg dann fortsetzen dürfen.«

»Herr Staatsanwalt, man hat den Hauptmann entkommen lassen, dafür aber einen Unschuldigen festgenommen, an welchem der Erstere ein Verbrechen begangen hat.«

»Das wäre ja entsetzlich!«

»Ist es auch wirklich. Diesen armen Teufel hier brauchen Sie nicht so sorgfältig bewachen zu lassen. Er entgeht Ihnen nicht. Wir müssen sein Leben zu retten suchen, weil er ein wichtiger Zeuge gegen den Hauptmann sein wird. Daß uns aber der Letztere nicht entkommen möge, dazu will ich wenigstens den Versuch machen. Ich werde Ihnen nach hier Nachricht senden.«

Er eilte hinaus und bestieg sein Pferd. Der Anwalt kam ihm schnell aus dem Hause nach und sagte:

»Darf ich nicht Näheres erfahren, Durchlaucht?«

»Die Zeit ist zu kurz. Ich ahne, wo der Hauptmann sich befindet, und will telegraphisch Befehl zur Arretur geben. Darum muß ich schleunigst nach dem nächsten Orte, an welchem sich ein Telegraphenamt befindet.«

Er jagte davon. Im nächsten Städtchen gab es Post und Telegraph. Von da aus ließ er folgende Depesche abgehen:


// 1972 //

          »Dem Bürgermeister von Langenstadt.
Sofort Amerikaner bei Holzschnitzer Weber arretiren. Ja nicht entkommen lassen. Umgehend Rückantwort an
                    Fürst von Befour.«

Er ging in den Gasthof, um diese Antwort zu erwarten. Sie kam nach Verlauf von einer Viertelstunde und lautete zu seinem größten Erstaunen:

          »Hat ihn schon! Mit nächstem Zuge ab nach der Residenz.
                    Anton.«

Das war folgendermaßen zugegangen:

Der alte, brave Köhler hatte, ohne sich im Wege zu irren, den Gebirgswald hinter sich gelegt. Es wurde Tag, als er den nächsten Eisenbahnort vor sich sah. Da kam ihm ein junger Mann entgegen, welcher ihn forschend betrachtete und dann, ihn grüßend, fragte:

»Sie wohnen im Walde? Nicht?«

»Ja. Sie sehen das wohl an meinem Habitus?«

»Ja. Sie sind da zwischen den Bergen gut bekannt.«

»Ich kenne jeden Weg und Steg.«

»So ist es Ihnen vielleicht möglich, mich zurecht zu weisen. Ich suche nämlich einen Köhler, weicher Hendschel heißt.«

»So, so! Was wollen Sie bei ihm?«

»Kennen Sie ihn?«

»Ja.«

»Also, wie komme ich zu ihm?«

»Zunächst, was wollen Sie bei ihm?«

»Sie sind sehr neugierig! Aber ich kann es Ihnen ja doch sagen. Ich bin nämlich verwandt mit ihm.«

»Das ist wohl eine sehr nahe Verwandtschaft?«

»Ja.«

»Aber so nahe, daß er Sie gar nicht kennt!«

»Wie kommen Sie zu dieser Ansicht? Er wird doch seine Verwandten kennen, der gute Vetter Hendschel!«

»Er scheint Sie aber doch nicht zu kennen; denn Sie zum Beispiel hat er noch gar nicht gesehen.«

»Meinen Sie?«

»Ja, meine ich, Sie Lügenpeter, Sie!«

»Donnerwetter!« lachte Anton. »Da scheine ich ja ganz gewaltig angeflogen zu sein!«

»Ja, das sind Sie allerdings, Sie Schwindelmeier!«

»Sie sind wohl gar der Vetter Hendschel selbst?«

»Ja, aber nicht Ihr Vetter! Verstanden?«

»Sehr gut, sehr gut! Na, warum kommen Sie auch auf die Idee, mich auszufragen!«

»Und Sie mich!«

»Ich habe mich nur nach Ihrer Wohnung erkundigt. Sie aber wollten


// 1973 //

von mir noch viel mehr wissen! Also Sie sind Hendschel selbst! Hat man Sie denn fortgelassen?«

»Warum nicht?«

»Ich denke, bei Ihnen giebt es Belagerungszustand!«

»Aber ich werde nicht selbst belagert!«

»Das ist nicht so sehr sicher, wie Sie es glaublich machen. Sie werden wohl so gut sein, mich zurück zu begleiten.«

»Zurück? Wohin denn?«

»Genau bis dahin, wo Sie wohnen.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Es wird Ihnen nicht viel Anderes übrig bleiben!«

»Was mir übrigbleibt oder nicht, das ist wohl meine Sache, aber nicht die Ihrige. Guten Morgen und guten Weg.«

Er wollte weitergehen, aber Anton nahm ihn beim Arme und sagte mit höflich impertinentem Lächeln:

»Halt, Vetter! Vorher noch ein Wort in Liebe!«

»Nun, was denn?«

»Bei Ihnen liegt ein Gefangener?«

»Ja.«

»Und Sie reißen aus?«

»Wer sagt das?«

»Ich!«

Jetzt wurde der Alte wirklich zornig. Er antwortete:

»Hören Sie, Sie Vetter und Schwindelmeier, machen Sie sich schleunigst aus dem Staube, sonst können Sie sich nur getrost Ihre Knochen und Knöchelchen nummeriren! Ich bin Kohlenbrenner und verstehe, mit Dem da umzugehen.«

Bei diesen Worten schwang er den eichenen Spazierknüttel, den er in der Hand hatte. Anton aber ließ sich keineswegs irre machen. Er griff in die Tasche, zog seine Medaille hervor, zeigte sie ihm und fragte:

»Kennen Sie das Dings da?«

»Nein.«

»Nun, so lesen Sie einmal die Schrift!«

»Wozu denn?«

»Damit Sie sehen, wer und was ich bin.«

»Wer und was Sie sind, das ist mir Schnuppe!«

»Sie aber sind mir nicht Schnuppe. Ich bin Criminalpolizist. Diese Medaille enthält meine Legitimation.«

»Was Sie sagen!«

»Lesen Sie also!«

Jetzt nahm der Köhler die Münze und buchstabirte sich mit vieler Mühe die Worte zusammen.

»Sapperment!« meinte er dann. »Das habe ich noch nicht gewußt. So eine Medaille habe ich noch nicht gesehen. Diese Bedeutung habe ich noch nicht gekannt.«


// 1974 //

»O, ich kann mich auch noch anders legitimiren. Zum Beispiel hier, so. Sehen Sie diesen sechsschüssigen Revolver? Ihn darf ich gebrauchen, wenn ich auf Widerstand stoße!«

Da lachte der Alte lustig auf und sagte:

»Na, verlieren Sie nur die Courage nicht. Ich thue Ihnen nichts. Ich bin froh, wenn man mich in Ruhe läßt.«

»Da werden Sie meiner freilich nicht froh werden; denn ich habe keineswegs die Absicht, Sie in Ruhe zu lassen.«

»Guter Freund, wir werden schon einig werden. Was wollen Sie denn eigentlich bei mir?«

»Ich will mir Ihren Gefangenen ein Wenig betrachten. Ich hoffe, daß er noch zu finden ist.«

»O, der läuft nicht davon. Der kann kein Glied bewegen.«

»Aber Sie laufen davon!«

»In ganz guter Absicht.«

»Darf ich diese Absicht kennen lernen?«

Der Alte betrachtete ihn noch immer mit mißtrauischem Blicke. Er sagte:

»Jetzt sagen Sie mir einmal aufrichtig: Sind Sie wirklich ein Criminalpolizist?«

»Ja. Sie haben ja die Medaille gesehen!«

»Das verstehe ich nicht. Wie ein Spitzbube sehen Sie mir allerdings nicht aus. Und ich will Ihnen sehr offen sagen, daß vielleicht viel davon abhängt, daß wir uns verstehen.«

»Ich habe da hinten in dem Orte, wo ich übernachtete, gehört, daß der alte Kohlenbrenner Hendschel ein braver Mann sei. Wenn Sie wirklich Hendschel sind, so sagen Sie mir, warum Sie in so auffälliger Weise Ihre Wohnung verlassen?«

»Also Sie sind wirklich Polizist?«

»Ja doch! Ich stehe speciell im Dienste des Fürsten des Elendes. Von dem werden Sie wohl gehört haben.«

»Na und ob! Wenn das so ist, so kann ich aufrichtig gegen Sie sein. Ich bin unterwegs, um den Hauptmann zu fangen.«

»Den haben Sie ja schon!«

»Das glaube ich aber nicht.«

»Nicht? Warum nicht?«

»Ich habe einige Gründe, zu vermuthen, daß unser Gefangener ein ganz braver, unschuldiger Mensch ist. Der Hauptmann steckt jetzt wohl in Langenstadt.«

»Dort? Was Sie sagen! Der Fürst war gestern dort!«

»Ah, der hätte es wissen sollen! Ich vermuthe, daß sich der Hauptmann bei einem gewissen Holzschnitzer Weber einnisten will, der dort wohnt.«

»Holzschnitzer Weber? Ah, der hat eine Tochter in der Hauptstadt, wenn nämlich kein Anderer gemeint ist.«

»Kennen Sie etwa diese Tochter?«

»Heißt sie Magda?«

»Sapperment, ja. Sie ist mein Patenkind, die Aelteste von Webers.


// 1975 //

Ich habe nämlich früher in der Gegend von Langenstadt gewohnt. Weber ist mein Spezial.«

»Wenn das so ist, so will ich Ihnen Vertrauen schenken. Aber ich verlange ganz dasselbe von Ihnen.«

»Das versteht sich! Vielleicht ist es grad gut, daß ich Ihnen begegnet bin. Ich will Ihnen erzählen.«

Er theilte jetzt Anton seinen Verdacht und die Gründe desselben mit, ohne aber doch zu verrathen, daß der Hauptmann bei ihm sich aufgehalten hatte. Der Polizist hörte ihm sehr aufmerksam zu, überlegte eine Weile und sagte dann:

»Vater Hendschel, was Sie da sagen, das klingt nicht ganz ohne. Es ist möglich, daß Sie recht haben. Der Gefangene kann uns nicht entkommen; der Andere aber, den Sie für den Hauptmann halten, ist leicht entwischt. Es ist auf alle Fälle besser, wir eilen nach Langenstadt.«

»Sie mit?«

»Ja, natürlich.«

»Gut, gut! Ah, wenn wir die Prämie verdienten!«

»Ich würde nichts zu beanspruchen haben. Sie sind es ja, der den Gedanken gehabt hat. Auf welche Weise aber wollten Sie denn nach Langenstadt kommen?«

»Nun, zu Fuße. Anders nicht.«

»Da vergeht zu viel Zeit. Wir müssen fahren.«

»Haben Sie Pferde?«

»Die miethen wir uns.«

»Das können Sie sagen, aber ich nicht. Ein halber Gulden ist mein ganzes Vermögen.«

»Damit wollten Sie diesen weiten Weg machen!«

»Warum nicht? In der einen Tasche ein Stück Schwarzbrot und in der anderen einen halben Gulden, mehr braucht man doch wohl nicht. Unsereiner ist nicht auf Kibitzeier, Hummern, Austern und Caviar dressirt!«

»Desto besser! Kommen Sie also! Ich kehre wieder um. Da in der Stadt wird es wohl einen Lohnkutscher geben. Wir könnten zwar die Bahn benutzen, müßten aber einen großen Umweg machen und würden dabei sehr viel Zeit verlieren. Wie aber haben Sie sich denn eigentlich Ihr Auftreten in Langenstadt gedacht?«

»Wie? Nun ich wollte zu Weber gehen.«

»Frei und offen?«

»Wie denn sonst?«

»So, daß Derjenige, den Sie suchen, Sie hätte kommen sehen können?«

»Warum denn nicht?«

»Das ist doch klar! Wenn Ihre Vermuthung richtig ist, so hat der Hauptmann den Amerikaner von der Platte gestürzt?«

»Das meine ich.«

»Er hat sich also in jener Gegend aufgehalten.«

»Das ist freilich möglich.«


// 1976 //

»Sogar sehr wahrscheinlich. Ich nehme sogar an, daß er Ihr Haus kennt und auch Sie selbst.«

»Ich glaube gar.«

Er hütete sich wohl, zu sagen, daß er es nicht nur glaube, sondern sogar sehr genau wisse. Anton fuhr fort:

»Wenn er Sie kommen sähe, würde er sofort wissen, was seiner wartet und schleunigst die Flucht ergreifen. Das darf nicht geschehen.«

»Ich muß aber doch sehen, ob er es ist.«

»Das lassen Sie nur mir über!«

»Kennen Sie ihn denn auch?«

»Sehr genau.«

»Er wohl auch Sie?«

»Ja.«

»Nun, so dürfen Sie sich ja auch nicht sehen lassen!«

»Ich werde dafür sorgen, daß er mich nicht kennt. Zunächst müßten wir uns heimlich bei Weber nach ihm erkundigen. Das aber hat seine Schwierigkeiten.«

»Wäre es nicht gut, der dortigen Polizei zu telegraphiren?«

»Gut wäre es, wenn man sich auf ihre Schlauheit und Umsicht verlassen könnte. Da ich aber nicht weiß, ob dies der Fall ist, so wollen wir es lieber unterlassen.«

Sie fanden in dem Bahnstädtchen einen Lohnkutscher, der sie kurz vor der Mittagszeit nach Langenstadt brachte. Anton ließ das Geschirr vor dem Rathhause halten und erfuhr, daß der Bürgermeister sich in seiner Expedition befinde.

Das Oberhaupt der Stadt empfing die beiden Männer nicht eben in sehr zuvorkommender Weise, zeigte aber sofort ein anderes Wesen, als Anton sich ihm als Criminalgensdarm legitimirte. Er bot ihnen Sessel an und fragte:

»Sie kommen vielleicht in einer amtlichen Angelegenheit?«

»Ja. Ich möchte mir eine Erkundigung gestatten. Ist gestern ein Fremder hier im Orte angekommen?«

»Einige Herren, welche sich nach dem Schlosse begaben, am Abende aber wieder abreisten.«

»Weiter Niemand?«

»Nein.«

»Dann merke ich, daß unsere Reise nach hier zwecklos war. Wir vermutheten nämlich, daß der Holzschnitzer Weber gestern Besuch bekommen habe.«

»Weber? Ah! Das ist ja auch der Fall.«

»Wirklich! Sie verneinten doch die Ankunft eines weiteren Fremden, Herr Bürgermeister.«

»Der Betreffende ist nicht wohl als Fremder zu betrachten.«

»Warum?«

»Er ist Verwandter Webers.«

»Woher?«

»Aus Amerika.«


// 1977 //

»Ich pflege Amerika zur Fremde zu rechnen. Haben Sie diesen Herrn vielleicht gesehen?«

»Nein.«

»Aber von ihm gehört?«

»Sogar in höchst amüsanter Weise. Gestern am Abende war ein Mann hier, welcher behauptete, daß dieser Amerikaner der entflohene Baron von Helfenstein sei.«

»Sie untersuchten natürlich die Sache sofort?«

»Das konnte mir nicht einfallen. Ich war benachrichtigt worden, daß der Flüchtling ergriffen worden sei. Die wahnsinnige Idee dieses Doctor Zander konnte mich nicht irre machen.«

»Doctor Zander? Giebt es hier einen Herrn dieses Namens?«

»Nein. Er war aus der Residenz und nur auf Besuch anwesend.«

»Ah! Ich sage Ihnen, daß ich diesen Herrn gut kenne, und daß er nicht die Gewohnheit hat, wahnsinnige Ideen zu besitzen. Hoffentlich befindet sich der betreffende Amerikaner noch bei seinen Verwandten?«

»Auf alle Fälle.«

»Ich werde ein Wort mit ihm zu sprechen haben und ersuche Sie höflichst, mir Ihre Polizeiorgane zur Verfügung zu stellen.«

»Wie? Was? Sie denken doch nicht etwa - - -«

»Daß dieser Doctor Zander Recht gehabt habe? Das ist sehr leicht möglich. Wie wäre es wohl anzufangen, um den Holzschnitzer Weber einmal unbemerkt zu sprechen?«

»Wenn Sie es wünschen, lasse ich ihn citiren.«

»Ist dies möglich, ohne daß es seinem Gaste auffällt?«

»Ich lasse ihm sagen, daß es sich um eine Holzschnitzerei für den Rathhaussaal handelt.«

»Das mag passiren. Versuchen wir es!«

Der Amerikaner hatte ein kleines Oberstübchen als Aufenthalt bekommen. Dort befand er sich, als Weber geholt wurde. Er erfuhr also gar nicht, daß dieser sich nach dem Rathhause zu verfügen hatte.

Weber erwartete wirklich, einen Arbeitsauftrag von dem Bürgermeister zu erhalten. Daher war er nicht wenig erstaunt, bei seinem Eintritte seinen Gevatter Hendschel zu sehen.

Dieser kam sogleich auf ihn zu, begrüßte ihn und sagte:

»Ich bringe Dir diesen Herrn, welcher einmal mit Dir sprechen möchte. Er ist ein Criminalpolizist aus der Residenz.«

Weber erschrak.

»Criminalpolizist?« sagte er. »Ich wüßte nicht, was mich zur Criminalpolizei in Beziehung bringen könnte.«

»Beruhigen Sie sich!« meinte Anton. »Ich komme keineswegs in feindseliger Absicht zu Ihnen. Ich möchte Sie vielmehr vor großem Schaden bewahren. Sie haben gestern Besuch erhalten, wie ich höre?«

»Ja.«


// 1978 //

»Wer ist dieser Herr?«

»Mein Neffe aus Amerika.«

»Hm! Haben Sie ihn früher gesehen?«

»Nein.«

»Ist er in alle Ihre Familiengeheimnisse eingeweiht?«

»Ja. Es giebt da übrigens nichts Besonderes zu wissen.«

»Wo befindet er sich jetzt?«

»In seinem Stübchen, eine Treppe hoch.«

»Wird er bei Ihnen mit zu Mittag essen?«

»Ja.«

»Wann wird das sein?«

»Halb ein Uhr.«

»Schön. Können Sie verschwiegen sein?«

»O gewiß.«

»Nun, so haben Sie die Güte, Ihrem Neffen nicht zu sagen, daß Sie hier gewesen sind und daß von ihm die Rede gewesen ist. Es handelt sich nämlich um eine Ueberraschung für ihn, die Sie ihm verderben würden, wenn Sie plauderten. Er soll nämlich mit einem guten Bekannten zusammentreffen, ohne daß er es vermuthet.«

»Ich werde schweigen.«

»Auch den Ihrigen sagen Sie nichts, überhaupt soll kein Mensch vorher Etwas erfahren. Während Sie zu Mittag essen, wird ein Handwerksbursche anklopfen und um ein Wenig Essen bitten. Sie laden ihn ein, sich mit an den Tisch zu setzen; das ist Alles, was Sie zu thun haben. Jetzt können Sie sich wieder entfernen.«

Der Holzschnitzer gab dem Köhler die Hand und fragte:

»Du kommst doch einmal hin zu mir, Gevatter?«

»Jedenfalls. Vielleicht gleich nach dem Mittagessen.«

Weber ging. Anton erkundigte sich beim Bürgermeister, ob es hier einen leidlichen Friseur gäbe und bat ihn, den Gensd'arm und die zwei Stadtpolizisten kommen zu lassen. Der Kohlenbrenner wurde in einem Zimmerchen untergebracht, wo ihn Niemand sehen konnte.

Weber war recht nachdenklich geworden, während er nach Hause ging. Ein Criminalpolizist mit einer Ueberraschung für seinen Neffen, das klang nicht sehr entzückend. Dennoch ließ er sich Daheim nichts merken. Und als seine Frau fragte, um was es sich gehandelt habe, erklärte er, daß er von dem Rathe mit einer Arbeit betraut werden solle.

Die Zeit des Mittagsmahles kam, und der Amerikaner wurde gerufen. Er erschien in der Wohnstube und nahm mit am Tische Platz. Die Unterhaltung war ebenso lebhaft wie bisher. Man erwartete natürlich, daß der Neffe sehr viel zu erzählen habe und auch sehr viel erfahren wolle, und so reihten sich Fragen und Antworten in schneller Folge aneinander, bis es an die Thür klopfte.

»Herein!« sagte Weber.


// 1979 //

Da trat ein Handwerksbursche herein, ärmlich zwar, aber reinlich gekleidet und fragte, ob nicht vielleicht ein Wenigkeit vom Essen übrig bleiben werde.

»Wohl kaum,« antwortete der Hausherr.

Seine Frau sah den Burschen forschend an; er schien ihr zu gefallen, denn sie sagte:

»Aber Mann, vielleicht essen wir doch nicht Alles auf.«

»Das wollen wir nicht erst abwarten. Wenn dieser Mann Hunger hat, so mag er sich mit hersetzen. Zureichen wird es für Alle, wenn auch nichts übrig bleiben dürfte.«

Die Frau warf ihrem Manne einen dankbaren Blick zu, und man machte für den Fremden Platz. Er setzte sich in der Weise eines höflichen, gesitteten Menschen auf seinen Stuhl und bekam vorgelegt. Der Amerikaner war ärgerlich, einen Handwerksgesellen zum Tischgenossen zu bekommen. Er machte seiner Unzufriedenheit dadurch Luft, daß er sich an ihm zu reiben versuchte. Er fragte:

»Ist denn hier zu Lande das Betteln nicht verboten?«

»Freilich wohl, lieber Herr. Aber wenn man es nicht zur Profession macht, so ist es wohl keine Schande.«

»Es ist auf jeden Fall eine!«

»Der Mensch will leben!«

»Und soll arbeiten!«

»Wenn er keine Arbeit bekommt und nicht verhungern will, so ist er gezwungen, sich an die Güte seiner Mitmenschen zu wenden. Ob sich ein Reicher bei einem Bekannten vornehm zu Gaste bittet, oder ein armer Teufel in Demuth und Bescheidenheit bei einem Unbekannten, das ist ganz dasselbe. Beide sind Gäste.«

»Ja, Beide sind Gäste, der Eine von ihnen aber ist ein Lump.«

»Neffe!« bat die Hausfrau.

»Vielleicht ist der Reiche der Lump,« sagte der Handwerksbursche in ruhigem Tone. »Sie können Recht haben.«

»So ist's nicht gemeint. Man muß doch wenigstens wissen, mit wem man zu thun hat. Was sind Sie denn eigentlich?«

»Tischler.«

»Können Sie sich legitimiren?«

»Ja.«

»Zeigen Sie doch einmal.«

Der Fremde zog sein Wanderbuch aus der Tasche und gab es dem Amerikaner, ohne ein Zeichen des Zornes merken zu lassen. Er hatte sich das Buch eben erst in der Herberge geholt, wo ein Tischler gesessen hatte.

»Von drüben,« sagte der Baron. »Wann sind Sie zugereist?«

»Heut.«

»Etwa durch den Wald?«

»Ja, Herr.«

»Was giebt es da Neues?«


// 1980 //

»Nicht viel Gescheidtes. Ich wäre fast arretirt worden.«

»Ah! Warum?«

»Weil man mich für einen Verbrecher hielt, welchen man suchte.«

»Wer ist das?«

»Der Hauptmann.«

»Der ist doch bereits gefangen?«

»Und dennoch ist er es nicht. Man hat ein Opfer von ihm für ihn selber gehalten.«

»Das müssen Sie mir erklären.«

»Nun, er hat einen Anderen vom Felsen gestürzt und mit dem Todten die Anzüge gewechselt.«

»Das ist doch wohl nur Vermuthung!«

»Mir hat man es als Wahrheit erzählt.«

»So ist der Andere wirklich todt?«

»Man hielt ihn für todt; aber es hat sich herausgestellt, daß Leben in ihm ist.«

»So hat er wohl erzählt, daß er von dem Hauptmann von dem Felsen gestürzt worden ist?«

»Nein. Er kann gar nicht sprechen. Er liegt in tiefster Bewußtlosigkeit.«

»So ist es eben eine grundlose Behauptung. Der Verunglückte ist der Hauptmann selbst.«

»Wohl kaum. Er ist von Leuten untersucht worden, welche den Hauptmann genau kennen und also wissen müssen, daß sie es mit einem andern zu thun haben.«

»Dumm genug von der Polizei, daß sie sich diesen sogenannten Hauptmann abermals entgehen läßt.«

»Bester Herr, Sie scheinen sich in einem großen Irrthume zu befinden, da Sie dies sagen.«

»Wieso?«

»Die hiesige Polizei ist nicht so dumm, wie Sie denken.«

»Aber entkommen hat sie ihn wieder lassen!«

»Eben nicht, denn sie wissen ganz genau, wo er steckt!«

»Was sagen Sie? So mag sie ihn doch ergreifen!«

»Das wird sie jedenfalls auch thun.«

»Sie scheinen ja außerordentlich unterrichtet zu sein!«

»Ich habe nur so nebenbei erfahren, was Andere wissen.«

»So wissen Sie vielleicht, wo er steckt?«

»Ja.«

»Ah, das ist stark! Wollen Sie es uns wohl sagen?«

»Er soll hier in Langenstadt stecken.«

»Ah so! Wohl gar in diesem Hause in dieser Stube?«

»So hörte ich.«


// 1981 //

»Gewiß soll ich es sein?«

»So heißt es.«

»Da sagen Sie mir freilich keine Neuigkeit, denn ich wurde gestern einige Male für den Gesuchten gehalten.«

»Zuletzt von dem Herrn Doctor Zander?«

»Ja. Das ist eine zufällige Ähnlichkeit.«

»Ist der Ring, den Sie da am Finger tragen, auch zufällige Ähnlichkeit?«

»Was ficht Sie der Ring an!«

»Ich kenne ihn und zwar sehr gut.«

»Woher denn, wenn ich fragen darf?«

»Ich bin ein alter guter Bekannter des Barons Franz von Helfenstein. Als er arretirt wurde, ließ man ihm diesen Ring einstweilen am Finger, weil er so eng geworden war, daß man ihn nicht herunterbrachte.«

Der Baron erbleichte.

»Das ist ein guter Roman!« hohnlachte er. »Also Sie sind ein Bekannter von ihm? Er kennt Sie also?«

»Ja. Ich wohnte bereits beim Fürsten von Befour und hatte das Vergnügen, Sie mit gefangen zu nehmen. Man nennt mich kurzweg Anton.«

»Anton! Hallunke!« entfuhr es dem Baron.

Er fuhr von seinem Sitze auf; Anton erhob sich auch. Sie standen sich drohend gegenüber.

»Pah!« sagte der Baron, sich fassend. »Das ist ja Puppenspiel. Meine Ähnlichkeit verführt Sie nur.«

»Diese Ähnlichkeit kennt man. Sie sind mein Gefangener!«

»Was! Ich! Arretirt etwa?«

»Ja.«

»Einen freien Amerikaner arretiren!«

»Ich arretire einen entsprungenen Räuber und Mörder.«

»Das versuchen Sie?«

»Sogleich. Hier sind die Handschellen. Bitte, Ihre Hände!«

Er zog die Handschellen aus der Tasche hervor. Jetzt sah der Baron, daß es wirklich Ernst war.

»Hund, so kommst Du mir nicht! Das soll Dir nicht gelingen!«

Er drang mit gezücktem Tischmesser auf Anton ein. Dieser that einen blitzschnellen Griff in die Tasche. Es krachte dreimal hintereinander auf - der Baron ließ Hand und Messer sinken.

»So,« lachte Anton. »Drei Revolverkugeln. Die Hand ist zerschmettert. Sie wird Niemandem wieder gefährlich werden. Binden Sie ihn.«

Auf den Schall der Schüsse hin nämlich hatte sich die Thür geöffnet, und der Gensd'arm war mit den beiden Polizisten eingetreten. Sie waren im Flur postirt gewesen.

Der Baron hatte einige Augenblicke lang ganz entsetzt auf seine blutige Hand geblickt. Jetzt brüllte er auf:


// 1982 //

»Und noch habt Ihr mich nicht! Blut gegen Blut!«

Er riß das Messer mit der Linken an sich und stürzte sich auf den Gensd'arm, welcher der Thür am nächsten stand. Da aber sprang Anton blitzschnell herbei, faßte mit seiner Linken die bewaffnete Hand des Barons, richtete den Lauf des Revolvers dagegen und drückte dreimal ab.

Der Baron stieß einen Schrei aus, ähnlich demjenigen eines wilden Thieres und wurde dann zu Boden geschleudert. Man fesselte ihm die Arme und die Beine so, daß er nur kleine Schritte zu machen vermochte.

»Dem sind die Flügel für immer gestützt,« sagte der Gensd'arm, auf die beiden zerschmetterten Hände deutend. »Es war allen Ernstes auf mein Leben abgesehen.«

»Ich bin nicht gern grausam,« antwortete Anton, »aber diesem Teufel mußte ich die Macht nehmen. Es wird mich wohl Niemand darum tadeln.«

Weber war, wie sämmtliche Angehörige seiner Familie, vor Bestürzung ganz wortlos gewesen. Jetzt endlich vermochte er wieder zu reden. Er sagte:

»Aber, meine Herren, mein Neffe ist ja unschuldig!«

»Ihr Neffe?« lachte Anton. »Es ist der Hauptmann, der Baron von Helfenstein, den wir suchen.«

»Aber er hat ja Legitimationen, Geld und Alles; Alles, was meinem Neffen gehört!«

»Das hat er ihm gestern früh abgenommen, als er ihn von der Felsenplatte stürzte.«

»Herr, mein Heiland! So ist mein Neffe todt?«

»Nein, glücklicher Weise nicht, wie ich bereits bemerkte. Er wird sich vielleicht wieder erholen. Er befindet sich im Hause des Köhlers Hendschel in Pflege.«

»Da muß ich hin, sofort hin!«

»Thun Sie das; vorher aber werden Sie hier zu vernehmen sein. Welche Menschenmenge da draußen! Man hat die Schüsse gehört. Da kommt auch der Herr Bürgermeister. Er mag das Protokoll verfassen.«

Der Bürgermeister mußte sich seinen Weg durch die versammelten Menschen förmlich bahnen. Er war nun allerdings in hohem Grade betroffen, als er bewiesen sah, daß Doctor Zander gestern Abend Recht gehabt hatte.

Der Gefangene wurde ausgesucht. Man nahm ihm Alles ab, was er mitgebracht hatte, und fertigte ein Zeugniß davon an. Dann wurde er auf das Rathhaus transportirt, wo die Depesche des Fürsten anlangte, welche Anton sofort beantwortete.

Hier, auf dem Rathhause, wusch sich Anton auch die Bartwolle ab, welche seinem Kopfe und Gesichte ein so verändertes Aussehen gegeben hatte.

Es dauerte bis gegen Abend, ehe der nächste Zug abging. Bis dahin wurde der Gefangene sogar in der Zelle von einem Beamten bewacht. Ein herbeigerufener Arzt hatte seine Hände in den ersten Verband gebracht.

Sobald der Fürst die Antwort Antons gelesen hatte, war er im Carrière zum Köhlerhause zurückgekehrt, um dem Staatsanwalte die Botschaft selbst zu


// 1983 //

bringen. Beide brachen natürlich schleunigst nach der Residenz auf, nachdem sie in Beziehung des verunglückten Amerikaners ihre Bestimmungen getroffen hatten. -

Selbst in der großen Residenz sprach es sich mit der Schnelligkeit des Blitzes herum, daß der gestrige Gefangene ein Unschuldiger sei, daß man aber den Hauptmann dafür heute in Langenstadt ergriffen habe und ihn mit dem nächsten Zuge bringen werde.

Als dann dieser Zug anlangte, standen die Menschen zu vielen Tausenden auf dem Bahnhofe und in den angrenzenden Straßen. Man durfte gar nicht riskiren, den Bahnhof mit ihm zu verlassen. Man hielt ihn dort versteckt und verbreitete das Gerücht, daß er erst mit dem letzten Tageszuge gebracht werde. Erst als sich in Folge dessen die Menge nach und nach verlaufen hatte, wurde er in eine Droschke gethan und in das Gefängniß gebracht.

Sein Empfang war so, wie es zu erwarten stand. Er wurde in das schwerste Eisen gelegt, erhielt einen Wächter in die Zelle und außerdem zwei Posten vor Thüre und Fenster derselben. Er mußte einsehen, daß er von jetzt an alle Hoffnung aufzugeben habe. Er war rettungslos verloren.

Als der Fürst den Gefangenen so sicher untergebracht sah, begab er sich vor allen Dingen zu Alma von Helfenstein, die ihm in großer Erregung entgegengeeilt kam.

"Höre ich recht? Sagt man die Wahrheit?"

»Höre ich recht? Sagt man die Wahrheit?« fragte sie. »Er ist wieder gefangengenommen worden?«

»Ja, mein Herz, jetzt entkommt er nicht wieder; jetzt endlich werden sich wohl alle Knoten lösen lassen.«

»Auch der betreffs meines Bruders?«

»Ja.«

»Wann soll er es erfahren?«

»Hoffentlich in den nächsten Tagen, nachdem der Baron auch in dieser Angelegenheit vernommen worden ist.«

»Wieder und immer wieder Aufschub!« klagte sie.

»Auch mir wird es schwer, mich in Geduld zu fassen. Ich glaubte, daß das Zeugniß der beiden Schmiede hinreichend sei.«

»Ist es das nicht?«

»Leider nicht. Sie scheinen sich verständigt zu haben. Der Alte nimmt Alles auf sich, und der Junge sagt, daß er von gar nichts wisse. Das erschwert die Sache.«

»Warum aber thun sie das?«

»Der Vater will den Sohn retten. Ich ahne sogar, daß er, nachdem er sicher ist, den Sohn straffrei ausgehen zu sehen, die Hand an sich selbst legen wird.«

»Selbstmord? Mein Gott.«

»Ja, sicher. Der alte Wolf ist nicht der Mann, der sich in das Zuchthaus schaffen läßt. Er zieht den Tod vor.«

»Kann man dies nicht verhüten?«


// 1984 //

»Nein. Wer sich tödten will, der tödtet sich trotz der gespanntesten Wachsamkeit. Uebrigens kann ich ihm nicht Unrecht geben. Auch ich würde den Tod vorziehen.« - - -

Einige Tage später saß der Köhler Hendschel mit seiner Frau und dem Holzschnitzer Weber an dem Lager seines Patienten, der natürlich nun nicht mehr militärisch bewacht wurde, aber noch immer in einem Zustande mangelnden Bewußtseins lag.

Da sah der Alte eine Uniform unter den Bäumen schimmern.

»Der Postbote!« rief er aus.

»Will der denn zu uns?« fragte die Köhlerin verwundert.

»Zu wem denn sonst? Wir sind die Letzten hier am Ende der Welt. Wer sich hier sehen läßt, der will zu uns.«

»Aber wer kann uns denn schreiben?«

»Das werden wir sogleich erfahren.«

Der Briefträger kam herein, hob einen großen Brief empor und las die Adresse:

»Herrn Kohlenbrenner Andreas Hendschel. Eichengrund bei Dorf Wettersheim.«

»Der bin ich!« constatirte der Alte.

»Das will ich meinen! Ihnen einen Brief zu bringen, das ist eine Arbeit. Ich habe fast zwei Stunden zu gehen.«

»Dafür gebe ich einen Schnaps.«

Er zog die alte, nur sehr selten angerührte Flasche aus dem Wandschränkchen und schenkte ein. Dann hielt er, während der Briefträger trank, den Brief gegen das Licht, schüttelte den Kopf und sagte:

»Das sieht gerade wie ein Amtsbrief aus!«

»Natürlich,« sagte der kundige Postbeamte. »Er kommt aus dem Oberlandesgericht.«

»Was! Aus der Hauptstadt?«

»Freilich.«

»Was wird man von mir wollen?«

»Das werden Sie im Briefe lesen.«

»Ich kann ihn nicht lesen. Der Schreck ist mir in alle Glieder gefahren. Machen Sie ihn auf. Lesen Sie ihn vor!«

Der Briefträger öffnete das Schreiben unter vieler Umständlichkeit und las Folgendes:

»Der Kohlenbrenner Andreas Hendschel in Eichengrund wird hiermit veranlaßt, sich binnen heute und zehn Tagen an Amtsstelle hier einzufinden. Anmeldung bei dem Herrn Oberlandesgerichtsrath von Eichendörffer.«

»Herrgott! Sie wollen mir den Proceß machen!« rief er aus.

»Weshalb denn den Proceß?« fragte Weber.

»Weil - weil - ich weiß es selbst nicht.«

Im Stillen aber dachte er an den Hauptmann, den er ja bei sich beherbergt hatte.


// 1985 //

»Na, Gevatter, wenn Du nichts weißt, so hast Du ja nichts begangen,« meinte Weber. »Und wer nichts begangen hat, dem kann man nichts thun. Sei also unbesorgt!«

»Aber gerade in das Oberlandesgericht!«

»Desto besser! Je höher, desto hübscher!«

Dann meinte der Briefträger, indem er einen kleineren Brief zum Vorschein brachte:

»Hier ist noch ein Schreiben, auch mit einem großen Wappen. Vielleicht giebt es da Aufklärung.«

»Lesen Sie auch diesen vor!« meinte der Köhler, indem er sich ganz matt niedersetzte.

Der Briefträger gehorchte. Der Inhalt lautete:

          »Dem Kohlenbrenner Andreas Hendschel!
Sie werden eine Vorladung an das Oberlandesgericht hier erhalten. Kommen Sie möglichst bald, und melden Sie sich bei mir, Palaststraße. Ich be absichtige, Sie selbst dem Herrn Oberlandesgerichtsrath von Eichendörffer vorzustellen.
                    Fürst von Befour.«

»Da bin ich so klug wie zuvor!« jammerte der Alte. »Nun soll ich nicht nur zu einem Oberlandesgerichtsrath, sondern gar zu einem Fürsten. Was wird das zu bedeuten haben!«

»Vielleicht doch etwas Gutes,« meinte der Briefträger.

»Gutes? Prosit die Mahlzeit! Mit solchen Herren ist niemals gut Kirschenessen. Wenn diese Leute Unsereinen zu sich bestellen, dann ist ganz gewiß der Teufel los. Das weiß man ja.«

»Na, so schlimm ist es doch wohl nicht. Oder haben Sie vielleicht ein böses Gewissen, he?«

»Ich?« fragte der Alte verlegen. »Was sollte ich denn für Böses auf meinem Gewissen haben?«

»So brauchen Sie sich doch auch nicht zu fürchten!«

»Wenn man nur wüßte, was diese Herren eigentlich wollen!«

»Das werden Sie schon hören.«

»Hören? Ja. Vielleicht auch fühlen!«

Da sagte sein Frau, indem sie ihm die Hand beruhigend auf die Achsel legte:

»Höre, Alter, wurde nicht der vornehme Herr, welcher hier bei dem Staatsanwalte war, Durchlaucht genannt?«

»Ja, freilich.«

»Hm! Wie mag er wohl geheißen haben?«

»Na, das war ja eben dieser Fürst von Befour, der mir das Leder über den Kopf weg ziehen will!«

»Aber der sah mir gar nicht so böse aus.«

»O, diese Herren sehen alle so aus, als ob sie kein Wässerchen trüben


// 1986 //

könnten. Aber wenn es dann einmal losgeht, dann geht es mit Pauken und Trompeten los.«

»Der Fürst war also auch hier?« fragte Weber.

»Ja. Er wollte den Kranken hier ansehen.«

»Bei uns in Langenstadt war er auch. Gevatter, vor dem brauchst Du keine Angst zu haben. Der ist berühmt, der bringt keinen armen Teufel in das Unglück.«

»Kennst Du ihn denn?«

»Na, und ob!«

»Woher denn?«

»Nun, zunächst von daher, daß er aus der Tochter eines gewöhnlichen Beamten eine Baronesse von Scharfenberg gemacht hat. Wenigstens ist er mit dabei gewesen. Sodann kennt ihn meine Magda, sehr genau. Er hat sie mit gerettet, als sie - na, das gehört nicht hierher. Und übrigens soll er ja auch der berühmte Fürst des Elendes sein, der allen Armen hilft.«

»Der Fürst des Elendes? Wenn das wahr wäre?«

»Man munkelt davon, und ich glaube es auch.«

»Dann hätte ich freilich keine Angst vor ihm.«

»Gevatter, es wird am Besten sein, Du machst Dich so bald wie möglich auf die Beine. Da bekommst Du Gewißheit und bist die große Sorge los. Habe ich recht?«

»Hm, ja! Der Gedanke ist nicht so übel. Am Liebsten würde ich gleich heute noch gehen. Aber, Alte, wie viel hast Du noch Geld?«

»Meinst Du in der Tasche? Vier Kreuzer.«

»Nein, ich meine unser ganzes Vermögen.«

»Du lieber Gott, das ist bedeutend mehr. Wenn man so lange spart, so kommt schon etwas zusammen. Weshalb fragst Du?«

»Ich muß doch Reisegeld haben, wenn ich nach der Hauptstadt gehe.«

»Ach ja, das ist richtig! Na, wir haben über vierzehn Gulden.«

»Gut. Ich ziehe den neuen Rock an und die guten Stiefel.«

Weber kannte seinen Mann. Er fragte lachend:

»Wann hast Du Dir denn den neuen Rock gekauft?«

»Hm, als ich damals getraut wurde.«

»Also so vor etwa fünfzig Jahren?«

»Neunundvierzig.«

»Und wann hast Du ihn zum letzten Male angehabt?«

»Als ich bei Dir Gevatter stand.«

»Also vor achtzehn Jahren. Und die guten Stiefel?«

»Sind auch die Bräutigamsstiefel - kalblederne; sie sind sakrisch eng und nobel. Sonst trage ich ja rindslederne. Habe ich denn überhaupt ein Vorhemdchen, Alte?«

Da stemmte die Gefragte die Arme in die Seiten und sagte in sehr beleidigtem Tone:

»Vorhemdchen? Denkst Du denn, daß ich so eine lüderliche Zippe bin,


// 1987 //

die ihre Sachen nicht schont? Ich habe das Vorhemdchen damals gleich wieder gewaschen und heilig aufgehoben. Es liegt droben bei meinen Brautstrümpfen, das rothe Halstuch mit den schönen gelben Punkten auch dabei.«

»Gleich wieder gewaschen und aufgehoben?« fragte Weber. »Wann war denn das?«

»Eben bei der Gevatterschaft damals.«

»Vor achtzehn Jahren? Na, da wird es schön gelb geworden sein!«

»Oho! Ich habe es jedes Frühjahr einmal an die Luft gelegt. Verderben lasse ich mir nichts. Willst Du noch etwas, Alter?«

»Das blaue Schnupftuch mit dem grünen Rande. In der Hauptstadt muß man Staat machen.«

»Mann, wie kommst Du mir vor! Du willst doch geradezu den Stutzer machen!«

»Und den rothen Regenschirm.«

»Auch noch! Wie viel denn Geld?«

»Wie viel sagtest Du, daß Du hast?«

»Ueber vierzehn Gulden.«

»Na, zehne wirst Du da wohl schaffen müssen.«

Da schlug sie die Hände über den Kopf zusammen und rief:

»Zehn Gulden! Zehne?«

»Ja.«

»Bist Du denn gescheidt?«

»Ich brauche es ja!«

»Na, da wirst Du schön losgehen! Das Geld zum Fenster hinauswerfen? Wozu brauchst Du es denn eigentlich?«

»Für die Eisenbahn.«

»Das macht doch nicht zehn Gulden!«

»Und im Gasthofe.«

»Das hast Du nicht nothwendig. Wir haben Verwandte dort. Aber ich kann es mir denken! Du willst auf den Ball!«

»Oho! Ich!«

»In's Theater.«

»Hm! Uebel wäre das nicht.«

»Oder gar - na, ich kenne das nicht, aber ich habe einen Hahn davon krähen hören!«

»Wovon denn?«

»Von den Mädchen dort. Es ist eine Schande!«

»Alte, bist Du denn bei Troste! Was gehen mich denn die dortigen Mädchen an!«

»Brenne Dich nur nicht weiß! Euch Männer kennt man! Wenn Ihr aus unseren Augen seid, dann geht Ihr aus Rand und Band. Zehn Gulden! Nein, das ist himmelschreiend! Das öffnet mir die Augen. Aber ich weiß, was ich mache!«

»Na, was denn?«


// 1988 //

»Ich mache mit!«

Der Köhler machte ein sehr erstauntes Gesicht.

»Du? Du willst mit?« fragte er.

»Ja! Natürlich!«

»Davon steht doch hier in den Briefen gar kein Wort!«

»Da ist auch gar nicht nöthig!«

»Aber was willst Du denn dort? Etwa mit zu diesem Herrn Oberlandesgerichtsrath?«

»Ja.«

»Und zum Fürsten von Befour.«

»Auch.«

»Na, die würden schöne Augen machen!«

»Oho! Größere Augen nicht als bei Dir! Eine vorsichtige Frau läßt ihren Mann nicht in Versuchung gerathen. Ich kann mich wohl nicht sehen lassen, he?«

»O, freilich!«

»Meine grüne Schneppenjacke und die gelbe Flattusenhaube, rothe Zwickelstrümpfe und ein weißes - hörst Du, Alter! - ein weißes Schnupftuch, kein blaues. Der rothe Regenschirm ist groß genug für uns Beide. So sind wir damals in die Kirche gegangen, als wir uns trauen ließen, und so können wir auch nach der Hauptstadt gehen.«

Der Köhler schmunzelte freundlich vor sich hin und sagte:

»Hm! Der Gedanke ist so sehr übel nicht!«

»Nicht wahr, Alter?« fragte sie schmeichelnd.

»Ja. Aber es geht doch nicht.«

»Warum denn nicht?«

»Wir können doch nicht unsere Wirthschaft so stehen und liegen lassen.«

»Geh! Du thust ja, als ob wir ein Rittergut hätten!«

»Und der Verwundete hier.«

»Na, da haben wir den Gevatter Weber da.«

»Ja,« sagte dieser. »Mir könnt Ihr Euer Heimwesen schon anvertrauen, bis Ihr wiederkommt. Nimm sie mit, Gevatter. Es ist um des guten Wetters willen.«

Der Köhler kratzte sich in den Haaren, dann sagte er:

»Na es ginge schon, aber -«

»Was denn, aber -?« fragte sie.

»Zehn Gulden -!«

»Was giebt's denn mit den zehn Gulden?«

»Für Zwei reichen die nicht aus.«

»Oho! Du wirst doch nicht alle vierzehn verthun wollen!«

»Sechs Gulden kostet allein die Eisenbahn!«

»Weiter brauchen wir nichts. Ein Schwarzbrod nehmen wir uns mit. Wozu habe ich denn den Handkorb! Du hast doch auch Deinen Quersack.«

»Na, den kann ich nicht mitnehmen.«


// 1989 //

»Warum denn nicht, he?«

»Ich setze doch den Cylinderhut auf. Dazu paßt der Quersack nicht. Wenn ich einmal den Hochzeitsstaat anthue, dann muß auch Alles nobel sein.«

»Na gut, so stecke ich das Brod in den Handkorb. Einen Käse haben wir auch, und wenn alle Stränge reißen, so nehmen wir noch unsere Backäpfel mit.«

»Backäpfel? Haben wir denn welche?«

»Ja freilich! Eben Deinen ganzen Cylinderhut voll.«

»Davon weiß ich doch gar nichts!«

»Was, Du hättest den wilden Apfelbaum nicht gekannt, draußen auf der Waldwiese?«

»Der ist doch schon vorüber zwanzig Jahren vom Blitze umgerissen worden.«

»Was thut das? Als er noch stand, habe ich mir die Äpfel gesammelt und nach und nach abgebacken. Du weißt eben noch gar nicht, was für eine haushälterische Frau Du hast.«

»Potz Sapperment! Das weiß ich allerdings nicht. Backäpfel seit über zwanzig Jahren her!«

»Na, die können wir eben jetzt gebrauchen. In einen Gasthof gehen wir nicht. Das haben wir bei unserer nahen Verwandtschaft in der Hauptstadt nicht nöthig.«

»Nahe - Verwandtschaft?« fragte er erstaunt.

»Weißt Du das etwa nicht?«

»Nein. Kann mich nicht besinnen,« antwortete er kopfschüttelnd.

»Was das für ein Mann ist! Kennt seine Verwandtschaft nicht einmal! Was bin ich denn eigentlich für eine Geborene?«

»Na, Landrock.«

»Gut. Wie hieß also mein Vater?«

»Landrock.«

»Mein Großvater?«

»Landrock.«

»Dessen Bruder?«

»Abermals Landrock.«

»Der hatte einen Vetter von seiten seiner Frau, die aber zufälligerweise auch eine geborene Landrock war. Wie aber hat nun dessen Oheims Sohn geheißen?«

»Auch Landrock.«

»Ja. Und dem sein Sohn wieder?«

»Landrock. Das sind ja eine ganze Menge Landrocks!«

»Ja, die Verwandtschaft ist ganz bedeutend. Ich stamme eben aus einer Familie, die sich sehen lassen kann. Die Hauptsache aber ist, daß dieser Sohn jenes Oheims in der Hauptstadt angestellt worden ist, und zwar bei Gericht.«

»Als was denn?«


// 1990 //

»Als was zuerst, das weiß ich nicht; später aber ist er Amtswachtmeister geworden. Bei dem bleiben wir.«

»Kennt er Dich denn?«

»Er wird doch seine Muhme kennen!«

»Habt Ihr Euch schon einmal gesehen?«

»Nein. Das ist auch gar nicht nöthig.«

»Wie lange ist es denn her, daß er damals in der Hauptstadt die Anstellung bekam?«

»Vielleicht so einige vierzig Jahre.«

»Sapperment! Am Ende lebt er gar nicht mehr.«

»O, der ist nicht todt. Die Landrocks sind eine gar langlebige Familie. Er wird Freude haben, wenn er uns sieht, denn bei uns hat man immer auf Verwandtschaft gehalten.«

»Aber wenn er dennoch todt ist!«

»Na, in diesem Falle müssen wir eben im Wirthshause bleiben. Das kostet uns auch nicht gar so viel. Wir legen uns auf die Streu für drei Kreuzer. Kamm, Bürste und Seife nehmen wir uns mit. Ich will nur gleich hinaufgehen und nach den Sachen sehen!«

»Wann denkst Du denn, daß wir fortmachen?«

»Etwa gleich heute schon?«

»Besser ist besser. Je eher wir gehen, desto eher sind wir wieder zu Hause. Du, dort kommt ein Wagen.«

Es kam eine einspännige Kalesche langsam und vorsichtig den schmalen Waldweg daher. Ein Herr saß darin.

»Das ist der Gerichtsarzt!« meinte der Köhler.

»Gut, da werden wir gleich hören, ob wir wegen des Kranken verreisen können oder nicht.«

Die Kalesche hielt an; der Arzt stieg aus und kam herein.

»Wie geht es ihm?« fragte er die Frau.

»Noch wie erst.«

»Sie haben ihm die Charpie im Gesicht doch immer feucht gehalten?«

»Ja, sie ist nicht trocken geworden.«

»Das ist die Hauptsache. Die Tropfen, welche ich Ihnen zu diesem Zwecke gegeben habe, heilen die Verwundung schnell. Es kommt uns natürlich sehr darauf an, die Gesichtszüge möglichst schnell wieder kenntlich zu machen, damit wir erfahren, mit wem wir es eigentlich zu thun haben.«

»Es könnte wohl doch noch der Hauptmann sein?«

»Nein, der ist es nicht; den haben wir sicher und fest!«

Der Kranke lag bewegungslos und ruhig athmend in dem Bett, das zerschundene Gesicht mit Charpie belegt. Der Arzt entfernte diese vorsichtig und sagte dann unter einem befriedigten Nicken des Kopfes:

»Es wirkt ganz nach Wunsch. Das Blutrünstige hat sich bereits gesetzt, die Weiße der Haut tritt wieder zum Vorscheine. Noch zwei Tage, dann sind die Züge zu erkennen.«


// 1991 //

»O, ich sehe es schon jetzt,« meinte der Köhler unvorsichtig.

»Was?«

»Daß er der Hauptmann nicht ist!«

»Ah! Kennen Sie denn den Hauptmann?«

Erst jetzt bemerkte der Köhler, daß er sich ganz unnöthig in Gefahr begeben hatte. Seine Frau war resoluter, als er. Während er nicht wußte, was er sagen sollte, antwortete sie schnell:

»Kennen? Nein, Herr Doctor. Aber wir vermuthen, daß wir ihn gesehen haben.«

»Wo denn?«

»Hier im Walde. Es trieb sich einige Tage lang ein Mensch in der Nähe des Hauses herum, der uns ziemlich verdächtig vorkam. Wir haben dann gedacht, daß es der Hauptmann ist.«

»Ach so! Hat der Kranke gesprochen?«

»Ja, aber undeutlich.«

»Wollen einmal sehen, wo er Schmerzen hat.«

Der Arzt betastete den ganzen Körper, ohne daß der Patient sich bewegte; als aber der Erstere die Hirnschale berührte, fuhr der Letztere mit den Armen empor und rief:

»Fort! Mörder - Forstschreiber!«

»Ah,« nickte der Arzt. »Sollte sich der Hauptmann ihm gegenüber für einen Forstschreiber ausgegeben haben? Wissen Sie vielleicht, ob der Kranke hört?«

»Nein.«

»Sie haben noch nicht auf ihn gesprochen?«

»Einige Male, aber er antwortete nicht. Er schläft fortwährend.«

»Das ist kein Schlaf, sondern Betäubung. Wollen einmal sehen, ob er antwortet.«

Er fragte den Kranken Verschiedenes, ohne aber Antwort zu erhalten. Jetzt legte er ihm die Hand, aber nur leise, auf die Hirnschale, und sofort bewegte sich der Kranke.

»Wie heißen Sie?« rief er ihm jetzt in's Ohr.

Der Verunglückte horchte und antwortete dann:

»We - we - eber.«

Er brachte es nur stammelnd hervor.

»Woher sind Sie?«

»A - a - me - rika.«

»Wohin wollen Sie?«

»La - langen - stadt.«

»Zu wem?«

»O - o - oheim.«

Dann aber brach er in ein schmerzliches Wimmern aus.

»Ich darf nicht weiter in ihn dringen,« sagte der Arzt. »Der Hinterkopf ist geschwollen; vielleicht ist ein Schädelbruch vorhanden. Wir müssen


// 1992 //

darauf hinarbeiten, daß die Geschwulst sich setzt. Nun aber wissen wir wenigstens, wie er heißt.«

»Er ist mein Neffe,« sagte Weber.

»Wie, Ihr Neffe?«

»Ja; er hat zu mir gewollt und ist unterwegs von dem Hauptmanne vom Felsen gestürzt worden. Dieser ist dann zu mir gekommen, um bei mir versteckt zu sein.«

»Ah, so sind Sie jener Weber aus Langenstadt?«

»Ja.«

»Dann weiß ich den Patienten in guten Händen. Sie werden Alles thun, um ihn am Leben zu erhalten.«

»Natürlich! Ich werde Tag und Nacht nicht von seinem Lager weichen. Bitte nur, mir nur zu sagen, was ich thun soll.«

»Kalte Umschläge, weiter nichts.«

»Das kann ich allein besorgen, und so werden Sie wohl nichts dagegen haben, daß mein Gevatter hier mit seiner Frau nach der Residenz fährt?«

»Besser wäre es freilich, sie blieben da. Man weiß nicht, was passiren kann. Der Zustand des Kranken ist nicht ungefährlich.«

»Der Gevatter muß aber fort.«

»Muß? Warum?«

»Er ist in's Gericht verlangt worden.«

»Ah, um wegen des Kranken hier vernommen zu werden?«

»Nein. Der Herr Staatsanwalt hat ihn bereits verhört. Aber es sind zwei Briefe gekommen. Vielleicht hätten Sie die Güte, sie einmal durchzulesen.«

»Zeigen Sie her!«

Der Arzt las die Briefe durch und fragte dann den Köhler lächelnd:

»Sie wissen nicht, was Sie sollen?«

»Nein. Ich habe überhaupt mit solchen Leuten nicht gern zu thun.«

»So haben Sie wohl gar Angst?«

»Ziemlich, Herr Doctor.«

»Das ist nicht nöthig.«

»Meinen Sie?«

»Ja. Ich ahne, um was es sich handelt, fühle mich aber nicht berechtigt, darüber zu sprechen. Nur das will ich Ihnen sagen, daß Sie nichts Unangenehmes erfahren werden.«

»Gott sei Dank! Na, Alte, so hole die beiden Staatsanzüge aus der Kammer herunter.«

»Sie wollen also heute noch fort?«

»Ja. Es ist besser, wir erfahren, ob wir geköpft oder gehängt werden sollen!«

»Jedenfalls keins von Beiden,« meinte der Arzt, indem er nach seiner Uhr sah. »Sie könnten mit dem Zuge fahren, welcher in dritthalber Stunde von der nächsten Station abgeht.«


Ende der dreiundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk