Lieferung 84

Karl May

3. April 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 1993 //

»Das ist unmöglich. Wir brauchen zum Ankleiden wenigstens eine halbe Stunde, und zu Fuß ist die Station dann nicht mehr rechtzeitig zu erreichen.«

»So müssen Sie fahren!«

»Oho! Mit wem denn?«

»Mit mir.«

»Sapperment! Sie wollten uns mitnehmen?«

»Ja. Ich setze mich auf den Bock und kutschire Sie.«

»Das können wir gar nicht annehmen!«

»Warum denn nicht?«

»Sie, ein feiner, studirter Herr und wir - o jemineh!«

»Dummes Zeug! Leute, die zum Fürsten von Befour bestellt worden sind, kann ich recht gut kutschiren, ohne daß ich mir den Respect vergebe. Also, wollen Sie?«

»Warum denn nicht, wenn Sie uns die Ehre anthun wollen! Aber Sie müßten eben eine halbe Stunde warten.«

»Das werde ich. Beeilen Sie sich nur nach Möglichkeit!«

Die beiden alten Leute verschwanden. Der Arzt instruirte den Holzschnitzer Weber, wie er den Patienten zu behandeln habe. Unterdessen erhob sich über ihnen ein Lärm, als ob die Stubendecke eingetreten werden solle.

»Die da oben scheinen sich freilich zu beeilen,« lächelte der Arzt.

»O gewiß,« antwortete Weber. »Sie werden Ihr blaues Wunder sehen, Herr Doctor?«

»Wieso?«

»Sie legen ihren Hochzeitsstaat an, der fünfzig Jahre lang in der Truhe gelegen hat, ein einziges Mal ausgenommen, als sie vor achtzehn Jahren bei mir Gevatter standen.«

»Da bin ich freilich neugierig.«

»Passen Sie besonders auf den Cylinderhut auf! Er war damals schon unaussprechlich: hoch wie eine Feueresse und rauh wie ein Pudelfell. Die Beiden werden Furore machen in der Hauptstadt!«

Endlich kam es zur Treppe herab und zur Thüre herein. Die Beiden alten Gesichter glänzten vor Wonne. Der Köhler trat sofort zum Spiegel - denn droben gab es keinen - zupfte sich sein Vorhemdchen zurecht und sagte in dem selbstbewußtesten Tone, der ihm möglich war:

»Man ist doch gleich ein ganz anderer Mensch, wenn man einmal die guten Sachen anthut.«

Sie aber schob ihn kräftig zur Seite und schmunzelte:

»Geh' auf die Seite! Wer wird so eitel sein!«

»Aber Du darfst wohl in den Spiegel gucken, he?«

»Ich muß nach den Haubenschleifen sehen. Das hast Du ja nicht nöthig!«

Während sie sich vor dem Spiegel nach rechts und links drehte, trat der Arzt zu dem Handkorb und blickte hinein.

»Sapperment!« sagte er. »Was haben Sie denn da eingepackt?«


// 1994 //

»Brod und Käse und Backäpfel.«

»Wozu denn?«

»Zur Fourage.«

»Was? Diesen harten Käse wollen Sie essen?«

»Herr, es ist der feinste Reibekäse!«

»Wie alt denn?«

»Na, er liegt schon einige Jahre droben auf dem Balken. Je älter, desto besser.«

»Gott, sind Sie um Ihre Zähne zu beneiden! Aber diese Äpfel. Sind das nicht Holzäpfel?«

»Ja. Die haben mir Mühe gemacht damals.«

»Wann war denn dieses damals?«

»Vor ungefähr ein Jahrer zwanzig.«

»Dann schmeckt das Zeug ja doch wie Galläpfel!«

»Ja, es wickelt Einem die Zunge ein bischen zusammen; aber das schadet nichts; das ist gesund. Sauer macht lustig!«

»Gott erhalte Ihnen Ihren Magen! Aber wo denken Sie denn, diese Nahrungsmittel zu verkaufen?«

»Na, in der Hauptstadt!«

»Das kann ich mir denken! Aber bei wem? Im Hotel?«

»Hotel? O nein. Wir wohnen bei Verwandten. Und weil wir denen doch nicht Alles wegessen wollen, so haben wir uns selbst etwas mitgenommen.«

Ueber das Gesicht des Arztes zuckte es eigenthümlich.

»Schade!« sagte er. »Jammerschade!«

»Was denn? Was ist jammerschade?«

»Mit diesem Käse könnten Sie Ehre einlegen.«

»Bei wem denn?«

»Beim Fürsten von Befour.«

»Was Sie sagen! Ist's wahr?«

»Ja. Er ist als der größte Freund von sehr altem, hartem Reibekäse weit und breit bekannt. Wer weiß, ob er schon einmal so alten gesehen hat wie diesen hier!«

»Meinen Sie? Du, Alter, denkst Du, daß wir da den Käse dem Fürsten anbieten wollen?«

»Natürlich! Wir setzen uns da einen Stein in's Brett!«

»Und was für einen,« meinte der Arzt. »Aber Eins müssen Sie mir hoch und theuer versprechen.«

»Was denn?«

»Daß Sie mich nicht verrathen wollen.«

»Ah! Warum denn nicht?«

»Weil er es mir im Vertrauen mitgetheilt hat, daß er solchen alten Stänker am liebsten ißt. Ich als Arzt will mir doch nicht nachsagen lassen, daß ich solche Sachen ausplaudere.«


// 1995 //

»Das ist richtig. Aber wenn er uns nun fragt, woher wir es wissen? Was sagen wir dann?«

»Sie brauchen doch blos zu sagen, daß es im ganzen Lande bekannt ist. Das genügt.«

»Gut, ganz wie Sie wollen.«

»Sie werden, wie gesagt, Ehre bei ihm einlegen. Und was die Backäpfel betrifft - na, es wird aber zu viel.«

»Was denn zu viel?«

»Ich möchte Sie nicht um Ihre Sachen bringen.«

»Was das betrifft, so sind wir gar nicht etwa so geizig.«

»Das wäre sehr gut. Zudem könnten Sie sich auch diesen vornehmen Herrn zum Freunde machen. Es trifft sich aber auch gerade so gut und schön.«

»Bitte, geniren Sie sich nicht, Herr Doctor! Herunter mit Dem, was Sie auf dem Herzen haben!«

»Nun, gerade weil Sie auch zu dem Herrn Oberlandesgerichtsrath von Eichendörffer müssen, wollte ich Ihnen einen kleinen Wink geben, der Ihnen von großem Nutzen sein kann.«

»Winken Sie; winken Sie nur!«

»Nämlich der Herr von Eichendörffer hat ein eigenthümliches Leiden, eine unheilbare Krankheit!«

»Der arme Teufel!«

»Er leidet nämlich an einer unterirdischen Hasenscharte.«

»Davon habe ich noch nie etwas gehört, nämlich von einer unterirdischen Hasenscharte.«

»Eine unterirdische Hasenscharte, oder, wie wir Ärzte uns ausdrücken, ein verborgener Wolfsrachen liegt nämlich so unter der Haut, daß man gar nichts davon sehen kann.«

»Ach so!«

»Um so schlimmer ist aber das Leiden.«

»Kann es denn nicht geheilt werden?«

»Nein. Man kann doch etwas Unterirdisches nicht operiren. Wer eine solche Hasenscharte hat, der kann nicht gut sprechen. Er muß also immer etwas Zusamenziehendes essen, damit die Scharte sich schließt. Da giebt es nun nichts Besseres und Kostbareres als recht uralte, abgebackene Holzäpfel. Verstanden?«

»Sapperment!« entfuhr es der Köhlerfrau.

»Dieser Herr nun kauft heimlich alle solche Äpfel zusammen. Aber weil er täglich wenigstens zwei Pfund gebraucht, so sind fast gar keine mehr zu bekommen.«

»Na, Holzäpfel giebt's doch genug?«

»Aber keine wilden und so alten.«

»Hier im Gebirge aber doch!«

»Sie müssen bedenken, daß Herr von Eichendörffer sein Leiden geheim


// 1996 //

hält. Der Backäpfelhandel bleibt also auch geheim. Daher kommt es, daß er nicht alle Orte erfährt, an denen er welche bekommen könnte.«

»Und Sie meinen, je älter desto besser?«

»Natürlich!«

»Na, die meinigen sind, wie gesagt, zwanzig und mehrere Jahre alt.«

»Er würde sie theuer bezahlen.«

»O, ich schenke sie ihm!«

»Sie wollen sie ihm also anbieten?«

»Warum nicht, wenn er sie nimmt!«

»Mit geküßten Händen! Er wird es Ihnen nicht vergessen.«

»Da werde ich ihm sagen, daß ich daheim noch meinen Mann seinen ganzen Hut voll habe. Mein Mann ist dabei; da sieht er also den Hut und kann so ungefähr taxiren, wie viele es sind.«

»Er wird sofort bitten, sie ihm zu schicken.«

»Er soll sie haben. Wir sind Ihnen sehr dankbar für diesen Wink, Herr Doctor.«

»O bitte, bitte! Wo ich einem Mitmenschen einen Dienst erweisen kann, thue ich es gern. Die Freundschaft dieses hohen Herrn kann Ihnen von großem Nutzen sein.«

»Das läßt sich denken. Was aber antworten wir denn, wenn er uns fragt, wie wir auf den Gedanken gekommen sind, ihm die Äpfel zu schenken.«

»Na, zunächst können Sie sich ein bischen zieren.«

»Ja, das schickt sich. Herausplatzen darf man nicht gleich.«

»Dann können Sie so etwas von einer Hasenscharte murmeln, verstanden, nur murmeln.«

»Ja, ja.«

»Versteht er Sie noch nicht, so reden Sie deutlich von einem verborgenen Wolfsrachen, von einer unterirdischen Hasenscharte. Dann weiß er ganz gewiß warum und wozu.«

»Ja, aber wenn er fragt, woher wir es wissen?«

»So machen Sie zunächst eine Ausrede. Sie sagen, daß es im ganzen Lande bekannt sei.«

»Und wenn das nicht zieht?«

»Na, dann können Sie meinetwegen die Wahrheit sagen.«

»Daß Sie davon gesprochen haben?«

»Ja.«

»Es wird Ihnen doch nichts schaden?«

»O nein; gar nicht. Ich bin - aber das wissen Sie vielleicht noch nicht. Kennen Sie meinen Namen?«

»Nein. Ich komme wenig unter die Leute. Sie sind mir eben nur als der Herr Bezirksarzt bekannt.«

»Nun, ich heiße auch von Eichendörffer.«

»Ah! So! Sie sind mit ihm verwandt?«

»Er ist mein Onkel!«


// 1997 //

»Das trifft sich gut. Sollen wir ihn vielleicht von Ihnen grüßen, Herr Doctor?«

»Gleich nicht, sondern erst zuletzt. Sind Sie nun bereit?«

»Ja. Oder hast Du noch etwas zu besorgen?«

»Hm, ja.«

»Was denn?«

»Wenn ich es mir so recht überlege, so ist es vielleicht besser, wir nehmen gleich die ganzen Äpfel mit.«

»Nein,« fiel der Arzt ein. »Das ist nicht nothwendig. Wenn Sie alle mitnehmen, so müssen Sie ihm auch alle schenken.«

»Das ist wahr.«

»Und Sie sind arm. Einen Theil können Sie ihm verehren; die Anderen aber mag er Ihnen abkaufen. Sie schicken sie ihm dann sehr einfach mit der Post. Also wenn Sie fertig sind, so wollen wir nun einsteigen.«

Es gab noch eine umständliche Verabschiedung von den Zurückbleibenden, dann rollte die Kalesche der nächsten Station entgegen. Unterwegs lächelte der Arzt immer heimlich in sich hinein; als er dann aber die Beiden am Bahnhofe abgeladen hatte und dann davonfuhr, lachte er laut auf.

»Prächtige Leute, die beiden Alten! Sie werden in der Residenz Aufsehen erregen. Und der Onkel! Sapperment, wird der lachen! Unterirdische Hasenscharte! Ich möchte dabei sein. Ich gäbe gleich zehn Gulden darum!«

Der Köhler, der noch nie in einem Bahnwagen gesessen hatte, erkundigte sich sehr vorsichtig nach der Art und Weise, wie er sich zu verhalten habe. Ihr Äußeres fiel bereits hier auf, und so kam es, daß der Schaffner sie ganz allein in ein Coupé placirte.

»Siehst Du nun, wie gut es ist, daß ich die Äpfel aufgehoben habe?« meinte die Alte in selbstbewußtem Tone.

»Ja, aber für meinen Hut ist's nicht gut gewesen!«

»Na, er ist ein bischen nachgiebig geworden. Das wird sich aber wieder verlieren. Wenn wir nach Hause kommen, setzen wir ihn ein paar Tage auf den Ofen. Und der Käse! Wer denkt auch so Etwas!«

»Von dem Fürsten?«

»Ja. Daß der gerade solchen alten haben will. Siehst Du, nun hast Du auch Angst gehabt vor diesen beiden Herren. Sie werden so freundlich sein, daß wir sie um den Finger wickeln können. Ein Glück, daß der Doctor kam!«

»Nun aber haben wir für die Verwandten nichts.«

»Das wird sich finden. Wir bringen ein Brod mit. Das ist eine Rarität für so eine Stadt. Echtes Köhlerbrod.«

»Wenn wir sie nur finden!«

»Na, dafür haben wir den Mund. Wir fragen.«

»Und wenn sie nicht mehr leben?«

»So - so - - hm, da fällt mir ja ein, daß wir auch noch ganz andere Verwandte haben.«


// 1998 //

»Ich aber weiß nichts davon.«

»Ja, das ist ein Elend mit Dir! Du kennst nicht einmal Deine allernächsten Verwandten. Es ist eigentlich eine Schande!«

»Wie heißen sie denn?«

»Der Name ist Elias.«

»Habe nie etwas davon gehört.«

»Nie? Was?«

»Nein.«

»Ich habe Dir's damals vor unserer Hochzeit ganz deutlich und ausführlich erklärt.«

»Ja, damals! Das ist möglich. Seit jener Zeit aber habe ich es natürlich wieder vergessen.«

»Natürlich? So Etwas könnte ich nun doch nicht vergessen. Ich muß wissen, wer meine Verwandten sind. Wie leicht kann man einmal in eine Erbschaft fliegen, von der man gar nichts bekommen hätte, wenn man nicht aufpaßt.«

»Na, Erbschaft! Alte, wir und erben!«

»Das weiß man nicht.«

»So erkläre mir die Geschichte. Also Elias ist der Name?«

»Ja. Du hast doch den Viehdoctor Ebert gekannt?«

»Ja, das war ein entfernter Vetter von Dir, so aus zehn Wiesen ein Grashalm.«

»Oho! Ein entfernter? Na, ich will mich nicht über Dich ärgern.«

»Ist auch nicht nöthig. Aber Du willst von Eliassens reden und fängst von dem Ebert an!«

»Das ist ganz richtig. Dem Ebert seine Frau hatte doch einen Stiefbruder, wenn Du Dich noch besinnen kannst?«

»Es ist mir so.«

»Der Stiefbruder heirathete eine geborene Barthel; sie hatte ein schiefes Bein. Ich weiß nicht mehr, war es das rechte oder das linke. Weißt Du es vielleicht?«

»Es werden wohl alle beide schief gewesen sein.«

»So genau weiß ich das nicht mehr. Aber dieser Bartheln ihr Bruder hatte zur zweiten Frau eine gewisse Eliassen, deren Bruder also Elias hieß. Er war Schneider und zugleich gab er im Winter Tanzunterricht.«

»Ich habe ihn nie gekannt.«

»Aber erklärt habe ich es Dir. Dieser Eliasschneider hatte einen Jungen, der hieß Arthur. Er war ein kleiner Kerl, aber nicht dumm. Er konnte gut zeichnen und half seinem Vater beim Tanzunterricht. Später ist er nach der Hauptstadt gekommen und Tanzmeister geworden.«

»Und den meinst Du?«

»Ja.«

»Daß wir ihn aufsuchen wollen?«

»Denkst Du etwa, daß wir ihm nicht willkommen wären?«


// 1999 //

»Warum denn nicht? Wir haben ihm ja nichts gethan.«

»Ja, und nobel kommen wir auch. Wir sehen nicht etwa abgerissen und fadenscheinig aus, und ich will es Dir nur sagen: Ich habe nämlich nicht nur zehn Gulden eingesteckt, sondern gleich alle vierzehn. Wir brauchen sie zwar nicht zu verthun, aber es klimpert doch gleich ganz anders, wenn man mehr im Beutel hat. Na, wir werden schon sehen, wohin wir gerathen.«

Jetzt schwieg das Gespräch. Die Beiden blickten durch die Fenster, um sich an der Gegend zu erlaben. Später erhielten sie Gesellschaft, und die Alte war förmlich stolz, als sie bemerkte, wie sie betrachtet wurde. Sie stieß ihren Mann mit dem Fuße; sagen aber wollte sie nichts; ihre Worte könnten ja verstanden werden.

Aber als sie endlich angekommen und ausgestiegen waren, fragte sie ihn:

»Hast Du diese Augen gesehen?«

»Was denn für Augen?«

»Welche die Leute alle machten.«

»Na, und ob!«

»Wir sind eben noch ein Paar, das sich sehen lassen kann. Und freundlich waren sie ja Alle. Sie lächelten einen förmlich an!«

»Wo aber nun hin?«

»Na, ich werde gleich fragen. Da steht einer mit einem goldenen Streifen um die Mütze. Der ist gewiß etwas Vornehmes. Solche Leute wissen gewöhnlich Alles.«

Der, welchen sie meinten, war der Vorsteher des Bahnhofes. Als er die beiden eigenthümlichen Gestalten bemerkte, zuckte es verrätherisch über sein ernstes Gesicht. Sie steuerte gerade auf ihn zu, nickte ihn freundlich an und sagte:

»Guten Tag! Sind Sie hier vielleicht bekannt?«

»So leidlich, meine Liebe.«

»Wissen Sie, wo Landrocks wohnen?«

»Landrock? Was ist der Mann?«

»Amtswachtmeister.«

»Nein, den kenne ich leider nicht.«

»Er ist aus dem Gebirge!«

»Ah, da werden Sie sich wohl irren, meine Liebe!«

»O, nein!«

»Und doch! Ich kenne einen Amtswachtmeister Uhlig; der ist aus dem Gebirge, nämlich aus Tannenstein.«

»Den meine ich nicht.«

»So thut es mir leid, meine Liebe.«

»Schadet nichts; ich frage weiter.«

»Hm! Die Stadt ist groß. Hier kennt nicht ein Jeder den Andern. Sie werden am Klügsten thun, wenn Sie das Adreßbuch fragen, meine Liebe.«

Sie sah ihn erstaunt an und meinte:

»Das Adreßbuch fragen? Wie fragt man es denn?«


// 2000 //

»Man sieht hinein.«

»Ach so! Was ist das denn für ein Buch?«

»Es ist ein Buch, in welchem die Namen Aller stehen, welche hier in der Residenz wohnen. Dabei ist zu lesen, was sie sind und wo sie wohnen.«

»Ach so! Wer das erfunden hat, der ist kein dummer Kerl gewesen. Wo ist das Buch?«

»Da drinnen in der Restauration. Sie brauchen nur den Kellner darum zu bitten.«

»Danke schön, lieber Herr!«

Sie nahm ihren Alten beim Arme und zog ihn mit sich fort.

»Hast Du es gehört?« fragte sie stolz.

»Vom Adreßbuch?«

»Nein. Die Höflichkeit.«

»Welche Höflichkeit?«

»Mann, Du dauerst mich! Er hat mich viermal 'meine Liebe' genannt. Man merkt es doch gleich, daß man in der Hauptstadt ist, wo der König wohnt. Komm jetzt herein!«

Sie zog ihn in die Restauration. Daß sie dabei in das Wartezimmer erster Klasse gerieth, das war ihr gleichgiltig. Diese Unterscheidung war ihr unbekannt.

Sie bemerkte mit süßer Genugthuung, daß sich Aller Augen auf sie und ihren Alten richteten. Das gab ihr eine innere Festigkeit, wie sie sich noch niemals gefühlt hatte.

»Setz Dich!« raunte sie dem Köhler gebieterisch zu.

Er zögerte aber doch und flüsterte:

»Du, das ist Sammet!«

»Sammet oder nicht; Andere sitzen auch darauf.«

Sie zog ihn neben sich auf das Plüschsopha nieder, und da kam auch schon der Kellner und sagte:

»Entschuldigen die Herrschaften! Sie sind hier am unrechten Orte?«

»Nein. Wir sind sogar hierher gewiesen worden.«

»Von wem?«

»Von dem mit der goldenen Mütze.«

»Ah, Verzeihung! Das ist etwas Anderes! Was befehlen Sie?«

»Das Buch mit den vielen Namen.«

»Sie meinen das Adreßbuch?«

»Ja, so war es.«

»Wollen Sie auch etwas genießen?«

»Genießen? Wie?«

»Ich meine essen oder trinken?«

»Ach so! Muß man denn bei dem Buche etwas trinken?«

»Gewöhnlich, ja.«

»Na, was haben Sie denn zu trinken?«

»Lieben Sie warm?«


// 2001 //

»Allemal!«

»Vielleicht einen Eierpunsch?«

»Meinetwegen! Ist er groß?«

»Ein Gläschen.«

»Na, da bringen Sie zwei!«

Der dienstbare Jüngling machte eine heldenmüthige Schwenkung. Er freute sich im Vollgefühle seines Sieges über diese Eindringlinge. Die Alte aber wisperte ihrem Manne zu:

»Hast Du es gehört, wie er uns nannte?«

»Herrschaften? Nicht?«

»Ja. Und um Verzeihung bat er. Hast Du's gehört?«

»Freilich.«

»Du, ich denke, daß wir heute so einen vornehmen Eindruck machen. Es ist die Hauptstadt. Es liegt hier so in der Luft! Da kommt er schon wieder!«

»Hier, meine Gnädige!«

Er verbeugte sich in ironischer Höflichkeit und legte ihr das Buch hin. Als er sich dann wieder entfernte, blickte sie ihm befriedigt nach, ließ das Auge über die Anwesenden schweifen und sagte:

»Alle staunen uns an. Ich glaube, daran ist meine seidene Flattusenhaube schuld. So ein Prachtstück wird eben jetzt gar nicht mehr gemacht. Die Schneiderinnen haben kein Geschick mehr dazu. Früher gab es gescheidtere Leute.«

Jetzt öffnete sie das Buch. Ihr Gesicht nahm einen Ausdruck an, welcher der Grund war, daß sich rundum ein unterdrücktes Lachen hören ließ.

»Du,« sagte sie. »Das ist nicht meine Art von Schrift. Die ist mir viel zu klein, und ich habe meine Nasenquetsche nicht mit.«

»Gieb her!«

Er nahm das Buch und begann zu blättern.

»Na,« meinte sie. »Wann geht's denn los?«

»Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Mir sind die Buchstaben viel zu klein.«

»Ja, Deine Augen sind auch nicht mehr wie früher. Schadet aber auch nichts. Der Kellner muß vorlesen.«

Sie warteten, bis er das Getränk brachte. Da schob sie ihm ganz einfach das Buch hin und sagte:

»Da, fangen Sie an!«

»Anfangen?« fragte er erstaunt.

»Ja!« antwortete sie resolut.

»Sie meinen - -?«

»Vorlesen!«

»Ah so! Ich soll Ihnen den Inhalt dieses Buches vorlesen?«

»Ja.«

»Hören Sie, dazu habe ich freilich keine Zeit!«

»Aber dazu sind Sie da?«

»Nein.«


// 2002 //

»Der mit der goldenen Mütze sagte es aber doch!«

»Er wird gemeint haben, Sie sollen sich von mir dieses Adreßbuch geben lassen?«

»Na freilich!«

»Aber nicht, daß ich es Ihnen vorlesen soll. Da würden wir heute wohl nicht fertig.«

»Aber wie will ich denn da erfahren, wo sie wohnen!«

»Das ist mir freilich neu!« lachte er. »Sie wollen sich den Inhalt vorlesen lassen, bis der betreffende Name kommt?«

»Ja.«

»Das ist ja gar nicht nöthig. Sie brauchen den Namen nur aufzuschlagen, weiter nichts.«

»Aber ich weiß doch nicht, wo er steht!«

»Es geht nach dem Alphabet, meine Gnädige!«

Da begann es in ihrem Kopfe zu dämmern. Sie machte als Zeichen ihres Erstaunens den Mund auf und fragte:

»Ach so! Das ist kein Buch, sondern ein Register?«

»Ja,« lachte er. »Ein Register ist es. Welchen Namen wollen Sie wohl finden?«

»Landrock.«

»So schlägt man das L auf. Hier! Was ist der Mann?«

»Wachtmeister.«

Der Kellner suchte und sagte dann:

»Einen Wachtmeister Landrock giebt es nicht.«

»Siehst Du!« meinte der Köhler. »Ich hatte doch recht. Die Leute sind todt.«

»Na, das schadet nichts. Da suchen wir Eliassens auf.«

»Elias?« fragte der Kellner. »Was ist er?«

»Tanzmeister.«

»Ah! Hier, das scheint er zu sein: Arthur Elias, Maler und Balletmeister.«

»Was ist Ballet?«

»Tanz, nämlich Tanz auf dem Theater.«

»Dann ist er es. Maler auch? Ja, er ist es. Wo wohnt er?«

»Ich werde es Ihnen aufschreiben.«

Er notirte die Adresse auf einen Zettel. Unterdessen kosteten die Beiden von dem Eierpunsch, und dann fragte die Alte:

»Wie heißt das Zeug?«

»Eierpunsch.«

»Was kosten die beiden Gläser?«

»Einen Gulden.«

Als sie ihn ganz fassungslos anblickte, wiederholte er es.

»Einen Gulden?« fragte sie trotzdem.

»Ja.«


// 2003 //

»Das machen Sie mir aber nicht weiß!«

»Bitte sehr! Das ist hier fester Preis.«

»Wie? Was? Sie wollen wirklich einen Gulden?«

»Ich muß ihn verlangen, denn ich muß ihn ja bezahlen.«

»Da wollen wir uns doch gleich einmal erkundigen. Schicken Sie uns Ihren Herrn her. So rasch gehen wir doch nicht auf den Leim. Ich bin die Frau Hendschel. Verstanden?«

Der Kellner zuckte die Achsel und entfernte sich. Der Wirth kam und bestätigte, daß der Preis der genannte sei.

»Na, da hört aber Alles auf!« sagte die gute Frau. »Ich habe auch meine Zunge und meinen Geschmack. Ich weiß jetzt, was dazu ist: Ein Ei für zwei Kreuzer. Und dafür verlangen Sie einen Gulden. Hören Sie, da werden wir wohl nicht ewig Ihre Stammgäste sein.«

»Dann muß ich leider verzichten!« lächelte er.

»Geht denn gar nichts ab?«

»Hier wird nicht gehandelt.«

»Na, da haben Sie das Sündengeld! Jetzt aber komm, Alter, sonst läuft mir die Galle vollends über, und dann ist nicht gut mit mir zu reden. Für so ein Geld lassen wir uns wohl nicht gleich wieder 'meine Herrschaften' nennen!«

Sie ergriff den Handkorb und den rothen Regenschirm, stülpte ihrem Alten den Hut auf den Kopf und zog ihn mit sich fort. Draußen aber blieb sie stehen und machte ihrem Herzen so kräftig Luft, daß endlich ein Schutzmann herbeikam und sie fragte:

»Hören Sie, meine Beste, ist dieser Herr Ihr Mann?«

»Ja, wer denn sonst?«

»Bitte, wenn Sie ihn auszanken wollen, so wählen Sie dazu eine andere Zeit und einen anderen Ort.«

»Auszanken?«

»Ja. Ich sehe und höre es ja. Alle Leute bleiben stehen.«

»Wer sind Sie denn?«

»Ich bin Polizist.«

Dieses Wort übte sofort eine heilsame Wirkung.

»Herjesses!« sagte sie. »Soll ich etwa wegen dieser Prellerei noch mit der Polizei zu thun bekommen! Das fällt mir nicht ein.«

»Wer hat Sie geprellt?«

»Die Leute da drin. Wir haben für zwei Glas Eierpunsch einen Gulden bezahlen müssen.«

»In erster Classe? Das wird da bezahlt.«

»Na, aber wir sind das nicht gewöhnt.«

»Sie sind natürlich nicht von hier?«

»Nein. Wir sind mit dem letzten Zuge gekommen.«

»Zu wem wollen Sie denn? Vielleicht kann ich Ihnen Auskunft geben.«

Sie nannte ihm Namen und Straße, und er meinte:


// 2004 //

»Das ist weit von hier. Sie werden eine Droschke nehmen müssen, wenn Sie sich nicht verirren wollen.«

»Na, nur sachte! Ich verirre mich im Walde nicht, viel weniger aber hier!«

»O, man geht hier viel leichter irre als im Walde. Sie wissen ja gar nicht, wie die Straßen heißen.«

»Kostet aber etwa die Droschke auch einen Gulden?«

»Bis dahin, wohin Sie wollen, nur einen halben.«

»Na, den können wir noch riskiren. Haben wir für einen ganzen Gulden Punsch getrunken, so können wir nun auch für einen halben Gulden spazieren fahren. Ich habe ja noch dreizehn. Komm Alter!«

Und indem er sich von ihr nach der Droschke ziehen ließ, sagte er:

»Noch dreizehn hast Du?«

»Ja, doch!«

»Da hast Du wohl die Bahnbillets umsonst bekommen?«

»Die Billets? Herr Jesses! An die habe ich gar nicht gedacht. Da wollen wir doch lieber laufen!«

»Das geht nicht. Der Kutscher sperrt ja schon den Wagen auf. Er hat uns kommen sehen.«

»Laß ihn sperren. Mein Geld geht vor!«

»Aber wir finden die Straße nicht!«

»Hm! Das ist eine dumme Geschichte. Daheim ist daheim!«

Sie nannten dem Droschkenführer die Straße und Nummer und stiegen nach einer allerdings ziemlichen Weile an der betreffenden Hausthür ab. Frau Hendschel bezahlte den halben Gulden ohne Ahnung, daß es auf Erden Trinkgelder gebe, und stieg dann mit ihrem Manne die Treppe empor.

Dort stand an einer Thür »Arthur Elias, Kunstmaler und Balletmeister.«

»Hier wohnt er,« sagte sie. »Hoffentlich ist er daheim.«

Sie klingelte. Erst nach einiger Zeit wurde die Thür ein Wenig geöffnet, und die Kunstmalerin fragte:

»Was wollen Sie?«

»Ist der Arthur zu Hause?«

»Der - - Arthur - -?«

»Ja.«

»Wen meinen Sie denn?«

»Na, Eliassens Arthur!«

Da näherte sich die spitze Nase der Thürspalte noch mehr, und die scharfe Stimme fragte:

»Wer sind Sie denn eigentlich?«

»Ich bin seine Muhme.«

»Seine Muhme? Verwandt wollen Sie mit uns sein?«

»Uns? Wer sind denn Sie?«

»Ich bin die Frau des Kunstmalers und Balletmeisters Arthur Elias.«

»Na, da sind Sie ja meine Muhme! Machen Sie auf!«


// 2005 //

»So schnell geht das nicht!«

»Ach was da! Unter Verwandten macht man keine solchen Sperenzien! Platz gemacht!«

Sie zwang ihren Handkorb in die Thürlücke und schob sich nach. Ihr »Alter« folgte ihr und zog dann die Thür hinter sich zu.

Die Gemahlin des Kunstmalers war außer sich. Ihr Gesicht glühte vor Ärger.

»Was fällt Ihnen ein!« sagte sie. »Sich mit Gewalt hier einzudrängen! Wissen Sie, was Hausfriedensbruch ist?«

»Machen Sie sich nicht lächerlich! Ich fürchte mich nicht! Ich werde doch als Muhme meinen Vetter besuchen dürfen!«

»Sie sehen allerdings ganz aus wie Muhme!«

»Schimpfen Sie nicht! Wo ist denn der Arthur?«

»Für Sie ist er nicht zu Hause.«

»Oho! Ich werde ihn schon finden!«

»Versuchen Sie es! Wenn Sie in meiner Wohnung weiter vordringen, schicke ich nach Polizei!«

»Das wäre allerdings sehr verwandtschaftlich gehandelt!«

»Wie heißen Sie denn?«

»Hendschel, geborene Landrock.«

»Dieser hier ist wohl Ihr Mann?«

»Ja.«

»Was ist er denn?«

»Kohlenbrenner.«

»O Himmel! Kohlenbrenner! Und mein Mann, der Herr Kunstmaler und Balletmeister, soll Ihr Verwandter sein?«

»Freilich!«

»Das ist unmöglich, ganz unmöglich!«

»Warum denn, he?«

»Ein Kohlenbrenner und ein Kunstmaler!«

»Ach so! Sie meinen, daß ein Kohlenbrenner nicht vornehm genug für Sie sei?«

»Welche Frage! Eine solche Verwandtschaft wäre ja eine Beleidigung, eine raffinirte Beleidigung!«

»Herr Jesses! Was sind denn Sie für eine Geborene?«

»Mein Name war Aurora Wendelin.«

»Und was war Ihr Vater?«

»Ein Künstler. Er malte Puppenköpfe.«

»Drum sind Sie so eine Zierpuppe geworden. Bilden Sie sich nur nichts ein! Ihr Mann war ein Schneiderjunge, und seine Tante, die geborene Bartheln, hatte ein schiefes Bein oder gar zwei. Was giebt es da für eine Veranlassung, stolz zu sein. Uebrigens komme ich nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem Manne. Und den werde ich schon finden. Vorwärts!«

Sie wollte die Aurora bei Seite schieben; diese aber rief ihr drohend zu:


// 2006 //

»Keinen Schritt weiter, oder ich hole die Polizei!«

»Meinetwegen! Ich aber hole Ihren Mann!?«

Sie avancirte, und so sah sich die Balletmeistersfrau gezwungen, noch schneller vorwärts zu gehen.

»Ich werde es meinem Manne sagen, sofort, sofort!« drohte sie. »Er mag Sie hinauswerfen lassen.«

»Da sind wir dabei!«

Der Maler stand an seiner Staffelei. Da wurde die Thür ganz ungewöhnlich heftig aufgerissen, und er hörte seine Frau:

»Arthur, lieber Arthur!«

»Aurora, mein Liebling?«

»Komme zu Hilfe.«

»Zu Hilfe? Ich kann nicht.«

»Du mußt, Du mußt!«

»Es geht nicht. Du weißt, daß ich soeben der Venus die Wangen anhauche.«

»Aber ich bedarf Deiner Hilfe ganz dringend!«

»Mach mich nicht nervös!«

»Komm nur, komm!«

»Was ist geschehen? Hast Du eine Maus gesehen?«

»Nein, sondern etwas noch viel Entsetzlicheres.«

»Was denn?«

»Eine Muhme von Dir.«

»Eine Muhme?«

Er ließ die Palette sinken und trat von der Staffelei zurück. Sie antwortete ihm:

»Ja, eine Muhme mit dem Vetter.«

»Sie mag einen Vetter haben; ich habe keinen, auch keine Muhme. Jage sie fort.«

»Sie geht nicht.«

»Hm! Ist sie hübsch?«

»Nein.«

»O weh! Aber jung?«

»Sehr alt.«

»Sage ihr, daß ich keine Zeit habe!«

Bis jetzt hatte die Köhlerin geduldig zugehört, nun aber schob sie die Malerin zur Seite und trat ein.

»Was?« sagte sie. »Keine Zeit hättest Du? Keine Zeit für Deine Verwandte, die Deinetwegen stundenweit herkommt? Schäme Dich!«

Da trat er auf sie zu, deutete mit dem Pinsel nach ihrem Gesicht und fragte:

»Aurora, mein Liebling, ist das die Muhme?«

»Ja, lieber Arthur.«

»Und dort ist der Vetter?«


// 2007 //

»So sagt sie.«

»Ich kenne Beide nicht.«

»Was! Mich willst Du nicht kennen? Mich, eine geborene Landrock?«

»Nein. Wollen Sie vielleicht Modell sitzen?«

»Modell?« fragte sie. »Was ist das?«

»Ich könnte Sie als Furie verwerthen, oder als Xanthippe, oder als Hexe, welche in der Fabel Kinder frißt.«

Sie blickte ihn einige Augenblicke wortlos an; dann sagte sie, sich zur Ruhe zwingend:

»Gut, ich will nicht Du sagen, sondern Sie. Aber Sie müssen sich doch meiner erinnern. Sie haben doch den Thierarzt Ebert gekannt, den sie nur den Viehdoctor nannten?«

»Pfui! Welch ein Wort! Aurora, mein Liebling, sei so gut und schaffe dieses Frauenzimmer fort!«

»Sogleich!«

»Nein, nicht sogleich,« fiel die Köhlerin ein. »Erst will ich diesen Schneiderssohn einmal fragen, welchen Grund er hat, so stolz zu sein. Kunstmaler nennt er sich? Ich verstehe davon gar nichts; aber das Herz hat er nicht auf dem rechten Flecke. Er hält sich für einen vornehmen Kerl und ist doch nicht werth, daß ich mit ihm rede. Mein Mann hier ist ein einfacher, armer Kohlenbrenner; aber auf ihn kann ich stolzer sein, als diese Lieblingsaurora auf ihren Arthur. Das ist es, was ich den Beiden noch sagen will. Und nun adieu und Gott befohlen.«

Sie wollte gehen; da aber stellte sich ihr der Maler schnell in den Weg und sagte zornig:

»Was meint dieses Frauenzimmer? Was wäre ich etwa nicht werth, he?«

Er fuchtelte mit dem langen Pinsel vor ihrem Gesicht herum. Sie lachte ihn an und antwortete:

»Thun Sie sich nicht so groß, Sie Farbenkleckser! Gehen Sie mir aus dem Wege. Ich will gehen!«

Das war ihm doch zu stark. Er trat ihr noch einen Schritt näher und rief voller Grimm:

»Sie unverschämte Person! Ich werde - - -«

»Gehen Sie zur Seite!« unterbrach sie ihn.

Und da er in seinem Zorne die Distanz nicht beachtete und ihr mit dem Pinsel in das Gesicht kam, zog sie ihm denselben aus der Hand und warf ihn zur Seite, traf aber damit die Venus, welche einen großen Klex in das Gesicht bekam. Das verdoppelte seinen Zorn.

»Was wagen Sie!« brüllte er. »Sie vergreifen sich an mir! Sie verschimpfiren mir meine Kunstwerke! Ich werde Sie bestrafen, ich werde Sie züchtigen so, wie Sie es verdienen!«

Er faßte sie am Arme. Aber in demselben Augenblicke setzte sie ihren Korb nieder, ergriff den Maler mit beiden Händen und schleuderte ihn über die Stube hinüber. Dort lehnte ein Bild in der Ecke, an welchem vor Kurzem der letzte


// 2008 //

Pinselstrich gethan worden war. In dieses Bild kam er so unglücklich zu sitzen, daß er hindurchfuhr.

Da bemächtigte sich seiner ein namenloser Grimm. Er raffte sich auf, sprang auf sie zu und holte zum Schlage aus. Da aber hatte ihn auch bereits der Köhler gepackt.

»Hören Sie, Herr Kunstmaler,« sagte er, »ich bin bis jetzt ruhig gewesen. Meine Frau lasse ich mir nicht schlagen. Verstanden? Machen Sie Platz, daß wir gehen können. Warum stellen Sie sich uns in den Weg!«

»Gehen?« schäumte der Balletmeister. »Nein. Sie müssen bleiben, bis die Polizei kommt. Aurora, eile, laufe!«

Dieser Befehl war gar nicht nöthig, denn seine Frau war längst fort, um Polizei zu holen. Der Maler wollte den Köhler fest halten. Dieser meinte lachend:

"Was! Sie wollen mich halten?"

»Was? Sie wollen mich halten, Sie Schuljunge Sie? Da, fliegen Sie fort!«

Er gab ihm einen Stoß, daß er sich auf eine große Terpentinflasche setzte, mit welcher er hinstürzte. Der Maler aber kannte sich selbst nicht mehr. Er brüllte, so laut er konnte und faßte den Köhler wieder an, sich fest an ihn hängend, damit er nicht fort könne.

»Polizei! Hilfe! Hilfe! Aurora! Aurora!«

»Gleich, Arthur, gleich!« erscholl es.

Die Thüren wurden heftig aufgerissen und die Malerin kam mit einem Schutzmann herbei.

»Was geht hier vor?« fragte dieser.

»Hausfriedensbruch! Hausfriedensbruch!« rief der Maler.

»Wieso?«

»Sehen Sie jenes Bild? Das Weib hat mich hineingestürzt. Sehen Sie den Klex auf meiner Venus? Das Weib hat den Pinsel darauf geworfen. Sehen Sie die umgestürzte Terpentinflasche? Dieser Mensch hat mich auf sie geworfen. Ich verlange, daß Beide arretirt werden!«

»Warum vergreifen Sie sich an dem Herrn Balletmeister?« fragte der Polizist die Beiden.

»Wir uns an ihm?« antwortete der Köhler. »Das ist wohl anders. Er hat sich an uns vergriffen.«

»Lüge!«

»Wir wollten gehen; er aber wollte meine Frau festhalten. Darum wehrte sie sich.«

»Warum wollte er sie halten?«

»Um ihr Grobheiten sagen zu können.«

»Das ist mir unverständlich. Wer sind Sie?«

Der Köhler erzählte ihm den Hergang nach seiner Weise. Der Maler und dessen Frau gaben ihre Commentare nach ihrer Weise und verlangten die Arretur. Der Polizist zuckte die Achsel und meinte:

»Mir scheint, daß hier die Schuld des Einen so groß ist wie diejenige


// 2009 //

des Andern. Aber Sie sind fremd, Herr Hendschel. Ich muß Sie bitten, mir zu folgen.«

»Wohin denn?« fragte der Köhler.

»Nach dem Polizeibüro.«

»Was? Meine Frau wohl auch mit?«

»Ja.«

»Sie wollen uns also arretiren?«

»So will ich es nicht nennen. Ich will sagen, sistiren. Sie sollen Gelegenheit finden, Ihre Aussage an competenter Stelle abzugeben.«

»Das ist gleich; es ist arretirt.«

»Ich hoffe, daß Sie keinen Widerstand leisten!«

»Das fällt mir gar nicht ein. Ich bin ein ruhiger Bürger und habe hier nichts gethan, als meine Frau aus den Händen dieses Mannes frei gemacht.«

»Mein zerbrochenes Bild!« jammerte Arthur.

»Sie müssen Schadenersatz leisten,« sagte seine Aurora.

»Meine Venus!«

»Waschen Sie sie ab!« meinte der Köhler.

»Mein Terpentinöl!«

»Lecken Sie es auf!«

Da legte ihm der Schutzmann die Hand auf den Arm und warnte ihn:

»Regen Sie ihn nicht noch mehr auf. Folgen Sie mir, sonst wird die Sache noch schlimmer.«

Mann und Frau folgten ihm, begleitet von den Verwünschungen des künstlerischen Ehepaares. Unten im Hausflur blieb der Schutzmann stehen, betrachtete die Beiden kopfschüttelnd und sagte:

»Wir können aber nicht gehen.«

»Warum nicht?«

»Ihre Tracht ist so auffällig, daß uns die Jungens nachlaufen würden, wenn Sie als Arrestant die Straße beträten.«

»Sie wollen fahren?«

»Ja.«

»Na, die Droschke bezahlen wir aber nicht!«

»Zunächst allerdings werde ich sie bezahlen.«

Sie hatten nicht lange im Flur zu warten, bis ein Fiaker vorüberkam, dessen sie sich bedienten.

Auf dem Büro machten die Beamten große Augen, als sie die Beiden erblickten. Der Schutzmann machte seinem Vorgesetzten Meldung, und dieser nahm das Ehepaar in Verhör. Sie erzählten den Vorgang der Wahrheit gemäß. Als sie geendet hatten, fragte er lächelnd:

»Sie sind zum ersten Male in der Hauptstadt?«

»Ja.«

»Haben Sie denn früher mit Herrn Arthur Elias irgend welchen Umgang gepflogen?«


// 2010 //

»Nein.«

»Dachte es mir! Ihr Gebirgsleute haltet so fürchterlich auf Freundschaft, daß Ihr den hundertsten Vetter des tausendsten Schwagers noch umarmen möchtet. Das ist übertrieben und führt zu Unzuträglichkeiten wie die gegenwärtige ist. Der Maler wird auf Hausfriedensbruch und Schadenersatz klagen.«

»Von Hausfriedensbruch ist keine Rede. Wir wollten gehen, er aber hat uns gehalten.«

»Trotzdem möchte ich Sie hier behalten.«

»Was! Als Gefangene etwa?«

»Ja.«

»Herrgott!«

»Ja, ja! Es thut mir leid. Sind Sie bereits einmal bestraft worden?«

»Niemals!«

»Sie sind jedenfalls sehr brave Leute. Ich möchte Ihnen nicht gerne wehe thun. Können Sie sich denn genügend legitimiren?«

»Was ist da nöthig?«

»Ein Paß!«

»Haben wir nicht.«

»Auch nicht vielleicht etwas Anderes? Einen Brief?«

»O, da haben wir sogar zwei.«

»Die an Sie gerichtet gewesen sind?«

»Ja. Wegen diesen Briefen sind wir ja eben nach der Hauptstadt gekommen.«

»Zeigen Sie einmal her!«

Hendschel zog die beiden Schreiben hervor und gab sie dem Beamten. Das Gesicht desselben nahm während des Lesens einen ganz anderen Ausdruck an. War es vorher wohlwollend gewesen, so wurde es jetzt freundlich. Er winkte seinen Untergebenen zu und sagte zu dem Köhler:

»Das giebt der Angelegenheit freilich eine ganz andere Wendung. Einen Mann, dem wir so viel zu verdanken haben, können wir unmöglich einstecken.«

»Zu verdanken?« fragte der Köhler verwundert.

»Ja doch.«

»Ich weiß nichts.«

»Sie kennen doch einen Polizeiagent Anton?«

»Den kenne ich.«

»Sie waren mit ihm in Langenstadt?«

»Ja.«

»Sie haben ihn veranlaßt, dorthin zu gehen?«

»Das ist wahr.«

»Nun, so haben wir es also Ihnen zu verdanken, daß der Hauptmann gefangen worden ist.«

»Na, das scheint mir allerdings so,« lachte der Alte.

»Wissen Sie, was Sie beim Fürsten sollen?«

»Nein.«


// 2011 //

»Oder beim Herrn Oberlandesgerichtsrath?«

»Auch nicht. Vielleicht will man mich fragen, wie ich auf den Gedanken gekommen bin, daß der Hauptmann gerade in diesem Langenstadt stecken soll.«

»Das ist möglich.«

»Na, ich weiß wirklich selber nicht genau, wer zuerst darauf gekommen ist, ich oder hier meine Alte.«

»Ihre Frau hat den Gedanken auch gehabt? Ja, die Damen sind oft viel scharfsinniger, als die Männer.«

»Das will ich meinen,« fiel die Alte schnell und kräftig ein. »Das ist eine alte Weste!«

»Na,« lachte der Beamte, »dafür sind Sie wieder heute etwas weniger klug gewesen.«

»Wieso?«

»Der Gedanke, den Maler aufzusuchen, war kein glücklicher.«

»Er ist ja doch unser Verwandter!«

»Ich sagte Ihnen bereits, daß man auf so entfernte Verwandtschaft grade nicht viel geben darf. Warum kehren Sie nicht lieber im Gasthofe ein?«

»Herr, wir sind arm!«

»Hm! Na! Ja! Warum haben Sie da den Fürsten nicht aufgesucht?«

»Meinen Sie, daß er uns beherbergt hätte?«

»Vielleicht. Er ist ein sehr gütiger, gastfreundlicher Herr.«

»Von uns wäre das zu bettelig herausgekommen. Bei Verwandten aber kann man vorsprechen, ohne daß es einen solchen Anschein bekommt.«

»War denn der Maler der einzige Verwandte?«

»Eigentlich nicht; aber der Andere existirt nicht mehr.«

»Wer war das?«

»Der Wachtmeister Landrock.«

»Landrock? Der existirt nicht mehr? Wieso?«

»Er muß gestorben sein.«

»Weshalb vermuthen Sie das?«

»Er steht ja nicht im Register.«

»Im Register? Ach so! Sie meinen im Adreßbuche?«

»Ja.«

»Er steht darin, aber nicht als Amtswachtmeister.«

»So lebt er noch?«

»Jawohl.«

»Wo denn?«

»Er wohnt in der Wasserstraße Nummer Zehn.«

»So gehen wir zu ihm.«

»Hm! Er ist wirklich mit Ihnen verwandt?«

»Ja.«

»Auch so entfernt wie der Maler?«

»O nein, sondern viel näher.«


// 2012 //

»Na, ich will nicht dagegen sein. Versuchen Sie Ihr Heil bei ihm. Sollten Sie aber bemerken, daß Sie ihm nicht willkommen sind, so gehen Sie lieber gleich zum Fürsten. Ihr Reisekamerad Anton wird Sie auf alle Fälle freundlich aufnehmen. Ueberhaupt will ich Sie darauf aufmerksam machen, daß es für Sie am Besten ist, heute noch zu dem Fürsten zu gehen. Er rechnet jedenfalls darauf, Sie sehr bald zu sehen.«

»Ich danke! Also bleibe ich nicht hier gefangen?«

»Nein. Mit dem Maler werde ich ein Wörtchen sprechen. Er wird nicht auf Ihrer Bestrafung beharren.«

»Sie sind sehr gütig. Darf ich nun fragen, wo sich diese Wasserstraße befindet?«

»Sie werden lieber fahren als gehen. Wir besorgen Ihnen eine Droschke. Sie brauchen sie nicht zu bezahlen.«

Die Beiden verließen das Polizeigebäude mit sehr erleichtertem Herzen. Als sie mit einander im Wagen saßen, sagte der Alte nachdenklich:

»Du, ich werde an der Hauptstadt ganz irre.«

»Wieso?«

»Ueberall ist die Polizei grob und Andere sind höflich. Hier aber ist das gerade Gegentheil: Die Leute sind grob, aber die Polizisten sind höflich. Dieser Mann war geradezu liebenswürdig. Der könnte mir gefallen.«

»Mir nun auch. Erst aber hatte ich Manchetten vor ihm. Eingesteckt zu werden, ist nicht sehr angenehm.«

»Na, wir hatten Pech. Hoffentlich wird es jetzt besser.«

Sie stiegen vor Nummer Zehn der Wasserstraße ab. In diesem Hause hatte der einstige Amtswachtmeister vorher ein höchst armseliges Logis gehabt. Jetzt aber wohnte er in der ersten Etage.

Als die beiden Ankömmlinge die Klingel zogen, öffnete ihnen Anna, die Tochter Landrocks. Sie hatte ein ganz anderes Aussehen als vor Weihnachten. Sie blühte wie eine Rose, und ihre damals kranken Augen waren vollständig gesund und hergestellt.

»Was wünschen Sie?« fragte sie freundlich.

»Wir wollen den Herrn Wachtmeister besuchen,« antwortete die Alte, jetzt freilich in einem nicht sehr außerordentlich zuversichtlichen Tone.

»Bitte kommen Sie herein!«

Sie wurden in ein helles, einfach, aber hübsch ausgestattetes Zimmer geführt. Dort saß der alte Wachtmeister am Fenster, die Zeitung lesend und dabei seine Pfeife rauchend. Der blödsinnige Sohn hockte mit einem Bilderbuche auf dem Sopha. Auch er hatte ein viel menschlicheres Aussehen gewonnen, als vor den wenigen Monaten.

»Lieber Vater,« sagte Anna, »diese guten Leute wollen Dich besuchen.«

Das klang ganz anders als beim Maler. Der Wachtmeister schob die Brille zurück, legte die Zeitung fort und betrachtete die Beiden. Er konnte sich eines Lächelns nicht erwehren und sagte, freundlich nickend:

»Sie kommen aus dem Gebirge?«


// 2013 //

»Ja,« antwortete Frau Hendschel. »Sie werden uns wohl nicht kennen, Herr Wachtmeister.«

»Allerdings nicht.«

»Ich bin eine geborene Landrock.«

»Ach, sehen Sie an! Da sind wir wohl verwandt?«

»Ja, wenn Sie erlauben.«

»Na, meine Erlaubniß kann ich da gar nicht versagen. Legen Sie ab und setzen Sie sich!«

Die Tochter half den beiden Alten. Sie nahmen Platz, und nun wurde natürlich zunächst der Stammbaum besprochen. Der Wachtmeister hörte aufmerksam zu und sagte dann:

»Ja, wir sind verwandt, wenn auch etwas weit entfernt. Aber es ist doch hübsch, daß Sie zu uns kommen. Wir leben hier so einsam, gerade wie Sie im Walde. Da freut es Einen, einmal eine Abwechslung zu haben. Herzlich willkommen also! Sie sind doch in keinem Gasthofe gewesen?«

»Noch nicht.«

»Recht so. Sie wohnen bei uns. Wollen Sie?«

»Na und ob!« rief die Alte. »Das ist doch etwas Anderes als bei diesem Maler Elias.«

»Bei welchem Elias?«

Sie erzählte ihr Abenteuer und dann auch ihre Unterhaltung auf der Polizei. Der Wachtmeister hörte mit großer Spannung zu und fragte dann:

»Was Sie sagen! Sie sind jener Kohlenbrenner, welcher den Polizeiagenten nach Langenstadt geführt hat?«

»Ja, ich.«

»Dann freut es mich doppelt, daß wir verwandt sind und daß Sie mich besuchen. Sie werden mir dieses Abenteuer sehr ausführlich erzählen müssen. Vorher aber muß ich Sie doch fragen, ob Sie mir auch einmal die beiden Briefe lesen lassen wollen, die Sie auf der Polizei hingegeben haben.«

»Natürlich, gern, hier sind sie.«

Der Wachtmeister las die beiden Schreiben und sagte dann:

»Das ist also der Grund Ihrer Anwesenheit?«

»Kein anderer.«

»So will ich Ihnen nur rathen, den Fürsten baldigst aufzusuchen. Warum aber sind Sie denn zu dem Maler eher gegangen als zu mir?«

»Wir fanden Sie nicht im Adreßbuch.«

»Ach, Sie haben nach dem Worte Amtswachtmeister wohl vergeblich gesucht?«

»Ja.«

»Das darf Sie nicht wundern. Ich will Ihnen ehrlich sagen, daß ich nicht pensionirt bin. Ich bin abgesetzt worden und darf meinen früheren Titel nicht führen.«

»O weh! Wie ist das gekommen?«

»Es war Einer wegen Doppelmords zu lebenslänglichem Zuchthaus ver-


// 2014 //

urtheilt. Ich hatte ihn zu transportiren, und er entkam mir. Deshalb wurde ich abgesetzt.«

»Das ist hart.«

»Ja, es ist mir lange, lange Jahre schlecht ergangen. Endlich aber erbarmte sich der Fürst des Elendes unser.«

»Den kennen Sie auch?«

»Sehr gut. Er zahlt mir sogar eine Pension. Wie ich dazu komme, weiß ich freilich nicht.«

»Er wird es wohl wissen.«

»Höchstwahrscheinlich nur aus Mitleid.«

»Haben Sie schon gehört, wer dieser Fürst des Elendes sein soll, Herr Vetter?«

»Das weiß jetzt alle Welt.«

»Der Fürst von Befour?«

»Ja, dieser ist es. Haben Sie ihn schon gesehen?«

»Er ist bei uns gewesen.«

»Zu uns kommt er auch. Er bringt mir die Pension persönlich. Das verdoppelt den Werth des Geschenkes. Jetzt aber nun rathe ich Ihnen, den Fürsten aufzusuchen. Das ist das Erste, was Sie thun müssen.«

»Wo ist denn diese Palaststraße?«

»Nehmen Sie doch lieber gleich eine Droschke!«

»O weh! Das kostet Geld.«

»Lassen Sie es sich getrost diese wenigen Kreuzer kosten. Ich bin überzeugt, daß er es Ihnen vergüten wird.«

»Na, da wollen wir es wagen. Komm, Alte!«

»Wie? Sie wollen Ihre Frau mitnehmen?«

»Natürlich.«

»Die ist doch nicht mit bestellt.«

»O, die kennen Sie nicht! Ob bestellt oder nicht, das ist ihr sehr egal. Sie muß wissen, was ich bei diesen Herren soll.«

Und als die Kohlenbrennerin jetzt nach ihrem Handkoffer griff, meinte der Wachtmeister:

»Aber den Korb lassen Sie doch da.«

»Nein. Es sind Geschenke drin.«

»Für wen?«

»Für den Fürsten und den Oberlandesgerichtsrath.«

»Sie sind des Teufels!«

»Ja. Kostbare Geschenke!«

»Da machen Sie mich neugierig.«

»Jetzt dürfen wir nichts sagen; vielleicht später.«

Sie gingen und stiegen mit ihrem Handkorbe abermals in eine Droschke. Als sie beim Fürsten ausstiegen und durch das hohe Portal traten, stieß die Alte ihren Alten an und sagte staunend:

»Du, aber das ist fein!«


// 2015 //

»Piquefein!«

»Wisch Dir nur die Stiefeln richtig ab!«

»Und Du Dir die Schuhe!«

»Sitzt meine Haube richtig?«

»Ja, und mein Halstuch?«

»Alles in Ordnung! Aber, Du, mach nur gehörig einen sehr feinen Diener! So einen richtigen Kratzfuß, mit dem linken Bein hinten hinaus. Ich mache so einen Knix wie gerade in der Kirche, wenn der Pastor den Segen spricht. Der Fürst muß gleich sehen, daß wir Lebensart besitzen.«

»Hab nur keine Sorge! Meine Verbeugung wird gut. Knix Du nur tief genug. Besser drei Zoll zu tief als einen Zoll zu hoch. Solche Leute geben viel auf Höflichkeit.«

Sie wurden von einem der Diener nach dem Namen gefragt und dann nach dem Vorzimmer geführt. Dort hatte Köhler die Freude, Anton zu sehen.

»Willkommen!« sagte dieser, ihm freundlich die Hand gebend. »Recht, daß Sie so rasch kommen!«

»Wußten Sie denn, daß ich kommen soll?«

»Jawohl.«

»Was soll ich denn eigentlich?«

»Das werden Sie schon noch erfahren. Diese Dame ist Ihre Frau Gemahlin?«

»Ja.«

»Sie mag doch ablegen!«

»Das geht nicht. Sie muß den Korb mit hineinnehmen.«

»Ah, sie will auch zu Durchlaucht?«

»Na, die doch erst recht!«

»Aber ja mit dem Korbe nicht.«

»Gerade aber mit ihm!«

»Warum denn?«

»Sie bringt ihm Etwas.«

»So, so! Wohl ein Geschenk?«

»Ein Douceur, über welches er sich freuen wird. Sagen Sie einmal, ist der Herr leutselig?«

»Sehr!«

»Ist er auch heute bei guter Laune?«

»Er ist nie übel gelaunt.«

»Hörst Du, Alte! Nimm Dir ein Beispiel dran! Nun aber sagen Sie mir noch: Nehme ich den Hut und den Regenschirm mit hinein in die Stube?«

»Bei Leibe nicht!«

»Aber ich muß doch Etwas in den Händen haben!«

»Warum denn?«

»Na, wozu sind denn die Hände da?«

»Zum Gesticuliren.«


// 2016 //

»Ach so! Man muß damit um sich schlagen, um daß die Leute verstehen, was man spricht?«

»Ja, freilich.«

»Ist das fein?«

»Sehr. Eigentlich hätten Sie Handschuhe anziehen sollen.«

»Es ist doch nicht mehr kalt!«

»Wenn man so hohe Herren besucht, muß man welche anziehen.«

»Sapperlot! Das habe ich nicht gewußt! Ich habe ein Paar ganz gute, neue Pelzfäustlinge.«

»O weh! Die gehen nicht an!«

»Was denn für welche?«

»Ganz feine, von Seide oder Glacéleder.«

»Das wirft es bei uns nicht ab. Geht es denn wirklich nicht ohne Handschuhe?«

»Na, dieses eine Mal wird er ein Auge zudrücken.«

»Ich stecke die Hände in die Hosentaschen. Meine Alte kann sie unter die Schürze thun.«

»Das ist auch nicht erlaubt.«

»Ach so! Wegen dem mit den Armen Umherwerfen. Wir werden ja sehen, wie es sich macht! Was war das? Das war eine Klingel. Haben Sie eine Ziege oder sonst so Etwas da drin?«

»Nein. Das war der Fürst. Er giebt mit der Glocke das Zeichen, daß er von jetzt an zu sprechen ist. Ich werde Sie anmelden. Warten Sie.«

Er machte die Thür auf und meldete:

»Herr Kohlenbrenner Hendschel nebst Frau Gemahlin!«

Sie gab ihm einen Rippenstoß.

»Frau Gemahlin!« raunte sie ihm zu. »Wie nobel!«

»Eintreten!« erklang es von innen.

»Rasch Alter! Du bist der Mann, Du mußt voran!«

Damit schob sie ihn vorwärts. Er machte eine tiefe Verbeugung, mit dem linken Beine hinten hinaus, wie sie es gewollt hatte, und traf sie in Folge dessen mit dem Stiefelabsatz an den Unterleib, denn sie hatte hinter ihm einen so tiefen Knix gemacht, daß sie fast auf den Teppich zum Sitzen kam.

»Esel!« wisperte sie ihm zu.

Sie schob sich an seine Seite und wiederholte den Knix. Der Fürst konnte unmöglich ernsthaft bleiben; er zeigte vor Lachen fast sämmtliche Zähne und sagte:

»Sie bringen Ihre Gemahlin mit? Recht so! Da bitte, setzen Sie sich nieder!«

Das war wirklich zu leutselig! Er wollte gehorchen und krümmte bereits die Kniekehlen, um sich mit einem sammetnen Sessel zu vereinigen. Da aber zog sie ihn an den langen Rockschößen zur Seite und sagte:


Ende der vierundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk