Lieferung 89

Karl May

8. Mai 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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gleich des anderen Morgens mich nach einer anderen Wohnung umsehen werde. So also kam es, daß ich nicht mehr am Fenster stand.«

Es wurde Emilie ganz eigenthümlich um das Herz.

»Deshalb also sind Sie so plötzlich ausgezogen?« fragte sie.

»Ja. Dachten Sie sich einen anderen Grund?«

»Ja,« entfuhr es ihr.

»Darf ich ihn erfahren?«

»O bitte, nein! Ich kann nicht davon sprechen.«

»Wie Sie wünschen, Fräulein. Ich hätte Sie trotz des Wohnungswechsels wiedersehen können. Es ist ja Alles möglich zu machen, was man sich wünscht, aber -«

»Aber Sie wünschten es nicht!« fiel sie ein.

»Wie? Sie meinen, ich hätte nicht gewünscht, Sie wieder zu sehen?«

»Ja.«

»Da irren Sie allerdings. Ich war so glücklich darüber gewesen, daß ich Sie an jenem Abende begleiten durfte; ich hatte gedacht, daß dies vielleicht noch öfters geschehen könne; aber es sollte anders kommen. Als ich nämlich einige Zeit später in's Bureau kam, wurde mir eröffnet, daß sich ein Fremder hier niedergelassen habe, der Fürst von Befour. Er hatte um zwei Polizisten nachgesucht und man hatte sich für mich und Anton entschieden. Ich mußte also zu ihm in die Palaststraße ziehen. Ich darf nicht sagen, zu welchen Zwecken wir engagirt worden waren; aber es galt, eine wahrhaft fieberhafte Thätigkeit zu entwickeln. Wir hatten Tag und Nacht zu thun, und unsere persönlichen Wünsche mußten zurück treten. Jetzt nun sind wir wieder zu Athem gekommen, und da ich von Anton hörte, daß Sie zuweilen bei Wachtmeisters seien, so unterließ ich es nicht, mich dort auch einzufinden.«

Er machte eine Pause. Sie sagte kein Wort; sie ging still neben ihm her. Darum fragte er:

»Sie werden mir zürnen, daß ich Sie mit dieser Angelegenheit, die Ihnen ja so gleichgiltig ist, langweile?«

»O nein.«

»Hätten Sie sich gefreut, wenn ich nicht ausgezogen wäre?«

»Ihr schnelles Verschwinden überraschte mich.«

»Aber es betrübte Sie nicht?«

»Herr Adolf!«

»Verzeihen Sie! Ich möchte Ihnen nicht weh thun und Sie um Alles in der Welt nicht erzürnen; aber ich sah heute den Freund so glücklich, daß ich wünschte, ebenso glücklich zu sein. Ich habe, gleich als ich Sie zum ersten Male sah, an dieses Glück gedacht, und dieser Gedanke ist mir auch nicht wieder aus dem Sinn gekommen. Erinnern Sie sich wohl noch der Worte, welche ich sagte, als ich von Ihnen an Ihrer Thüre Abschied nahm?«

»Ja.«

»Ah, Sie haben sie nicht vergessen? Ich danke Ihnen.«

»Es war ein Scherz.«


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»Ein Scherz? Sie glauben, daß es mir mit jenen Worten nicht ernst gewesen ist?«

»Ja, das glaube ich.«

»Und warum glauben Sie es?«

»Weil - weil - -«

Sie stockte. Sie wußte nicht, was sie antworten sollte. Die Wahrheit konnte sie ja unmöglich sagen.

»Weil - weil - -? Ich möchte so gerne Ihre Antwort hören; sie hätte so großen Werth für mich!«

»O, jetzt höre ich, daß Sie nicht nur scherzen. Jetzt spotten Sie sogar.«

»Spotten? Ist es möglich, daß Sie das denken?«

»Ich denke es, und es ist auch wahr. Wie kann eine Antwort von mir für Sie einen Werth haben!«

»Einen großen, sehr großen sogar! Sie wissen, Fräulein Werner, daß ich kein Grünschnabel bin und einem sehr ernsten Beruf angehöre. Ich spreche und denke nicht wie ein achtzehnjähriger junger Mensch, der heute so fühlt und morgen anders. Ich habe Ihnen damals gesagt, daß ich mit Ihnen durch das Leben gehen möchte, und es ist mir dabei ernst, sehr ernst gewesen. Wollen Sie mir das glauben?«

»Es ist mir nicht möglich, es zu glauben.«

»Warum nicht? Bitte, sagen Sie mir es!«

»O nein, nein! Da ist meine Wohnung. Bitte, lassen Sie uns scheiden. Es ist schon so spät!«

»Ja, es ist schon so spät,« sagte er traurig. »und für mich ist es schon zu spät!«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich habe, um meine Berufspflichten zu erfüllen, mein persönliches, mein privates Glück versäumt.«

»Sie werden es finden.«

»Wenn ich es finden soll, dann nur allein bei Ihnen!«

»Gott, ich weiß nicht, was ich denken soll! Sie kennen mich ja!«

»O, sehr genau.«

»Und Sie wissen, was mit mir geschehen ist!«

»Auch das weiß ich.«

»Dann können Ihre Worte nur Spott enthalten, und den, den habe ich nicht verdient. Gute Nacht!«

Sie zog ihren Arm aus dem seinigen und wollte fort. Aber er war schneller als sie. Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest.

»Fräulein Werner, sagen Sie mir Eins, ehe Sie gehen, nur das Eine: Hassen Sie mich?«

»Nein.«

»Dann darf ich Sie auch nicht so von mir lassen. Bitte, gehen wir noch ein Stück weiter!«


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»Nein. Hier wohne ich, und es ist so spät. Wenn Jemand uns sieht und mich erkennt!«

»So erkennt er wohl auch mich, und ich will Keinem rathen, schlecht von Ihnen oder mir zu denken oder gar zu sprechen. Nein, ich errathe, was Sie jetzt denken, und das ist nicht das Richtige. Ich will aufrichtig mit Ihnen sprechen, recht aufrichtig, so wie man nur ein einziges Mal im Leben aufrichtig ist. Doch darf ich Sie nicht zwingen, mit mir zu gehen; ich werde Ihren Willen achten. Also sagen Sie, wollen Sie noch einige Minuten bei mir bleiben, trotzdem es so spät ist?«

Sie zögerte mit der Antwort und sagte endlich:

»Der Vater wartet; ich muß heim.«

Da ließ er ihre Hand los und meinte:

»Das ist Ihr Wille und mein Urtheil. Leben Sie wohl, Fräulein Werner! Wir werden uns wohl so bald nicht wiedersehen. Es können eben nicht alle Menschen glücklich sein. Ich wäre es so gern gewesen. Gute Nacht!«

Er wendete sich um und ging.

Seine Stimme hatte so traurig geklungen. Sie fühlte, daß ihm seine Worte aus dem Herzen gekommen waren. Sie überlegte jetzt nicht, und sie dachte jetzt nicht; sie folgte jetzt nur der Eingebung ihres Herzens, als sie jetzt schnell ihm nacheilte und, ihre Hand an seinen Arm legend, sagte:

»Bleiben Sie! Wir wollen nicht auseinander gehen, ohne uns wenigstens gehört zu haben.«

»Das ist recht! Ich danke Ihnen!«

Er drehte sich wieder um, und nun schritten sie langsam neben einander her. Er machte keinen Versuch, sich wieder ihres Armes zu bemächtigen; er trug seine Hände auf dem Rücken und sagte in künstlich kaltem Tone:

»Ich wollte aufrichtig mit Ihnen sein, und ich will Wort halten auch auf die Gefahr hin, daß Sie mir es übel nehmen können. Ich besitze nämlich ein wenig Talent zum Zeichnen und beschäftige mich in den Musestunden, die mir bleiben, mit der Palette. Ich habe stets ein ausgesprochenes Gefühl für Harmonie, für Schönheit besessen, und - Sie sind schön.«

Er hielt inne. Vielleicht dachte er; daß sie etwas sagen werde; sie aber schwieg.

»Als ich Sie zum ersten Male am Fenster sah, konnte ich nur Ihr Gesicht und Ihren Kopf betrachten. Ihr Antlitz besitzt ein ganz eigenthümliches Gepräge. Ich finde kein passendes Wort dafür, ich möchte sagen, weltlich-madonnenhaft, aber das ist auch nicht das Richtige. Und als ich dann später Ihre ganze Gestalt sah, diese vollen, reizenden Formen, dann verdoppelte sich mein Interesse. Sie sind ein Bild reiner, keuscher Jungfräulichkeit und vermögen dennoch Gedanken zu erwecken, welche ganz gegentheilig sind. Sie hatten zunächst nur dieses eine Interesse erregt. Dann sah ich Sie in ihrem häuslichen Walten; ich beobachtete Ihren Fleiß, Ihre Aufopferung für die Ihrigen, und je mehr und je länger ich beobachtete, desto tiefer stieg mir das Interesse


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in das Herz hinab, bis es dieses ganz und gar erfüllte. Aus dem einfachen Interesse, aus der äußerlichen Theilnahme war eine tiefe, innige und treue Liebe geworden. Sie sind so still. Hören Sie mich?«

»Ja,« antwortete sie halblaut.

»Sie können sich denken, wie glücklich ich war, als ich Sie zum ersten Male nach Hause begleitete. Ich wollte zu Ihnen von meiner Liebe sprechen; das Wort lag und lag mir auf der Zunge, aber jenes Madonnenhafte in Ihrem Wesen ließ mich nicht dazu kommen. Ich wollte, ich hätte doch gesprochen, denn nun kam eine Zeit der Trauer. Glücklicher Weise war sie kurz.«

»Jener Abend im Theater?« fragte sie.

»Ja.«

»Ich war unschuldig!«

»Das wußte ich nicht, und darum wurde ich irre an Ihnen. Zudem war das gerade die Zeit, in welcher ich auszog und vom Fürsten engagirt wurde. Aber ich dachte doch an Sie und zog Erkundigungen ein. Da erfuhr ich, daß Sie gezwungen worden seien.«

»Ja, Gott weiß es!«

»Daß Ihr Vater sein Brod verloren hätte, wenn Sie ungehorsam gewesen wären.«

»Nur dieses Eine konnte mich dazu veranlassen.«

»Ich erfuhr, daß Sie bitterlich geweint hatten, und nun that es mir so unendlich leid, Ihnen in Gedanken so unrecht gethan zu haben. Dies verdoppelte meine Liebe, und als ich dann das Andere hörte, so - so - ja, bei Gott, ich hätte nach Rollenburg gehen können, um diesen Unmenschen zu ermorden, wenn ich noch zur Zeit hätte kommen können.«

»Ich war auch da unschuldig. Ich hatte keine Ahnung von der Absicht dieses Mannes. Er hatte mich als Cassirerin engagirt, und ich nahm diese Stelle an, weil er gleich Gehalt zahlte und der Vater entlassen worden war.«

»Ich weiß das. Ich habe Alles von Holm und Zander erfahren. Der Letztere hat Sie ja gerettet.«

»Ich werde es ihm nie vergessen. Er hat Ihnen Alles erzählt, Alles! Mein Gott!«

»Das thut Ihnen wehe; ich begreife das. Aber es mag Ihnen auch ein Beweis dafür sein, daß Sie in Ihrer Schönheit ein Gut besitzen, welches einen Mann, der es ehrlich mit Ihnen meint, unendlich glücklich machen kann.«

»Wenn ich wirklich nicht häßlich bin, so habe ich bisher davon nur Herzeleid gehabt.«

»So mag es jetzt anders werden! Sie haben gehört, daß ich Sie liebe; Sie werden mir glauben, daß ich es ehrlich meine. Ich lege mein Schicksal in Ihre Hand. Wenn ich glücklich sein soll, so kann ich es nur mit Ihnen sein. Sprechen Sie Ihr Urtheil aus!«

Er war stehen geblieben, so daß auch sie den Schritt anhielt. Sie standen eine ganze Weile schweigend von einander. Sie kämpfte mit sich selbst.


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Er konnte nicht sehen, wie ihr Busen sich hob und senkte, wie leichenblaß ihr Angesicht geworden war. Es dauerte ihm zu lange.

»Wird es Ihnen so sehr schwer?« fragte er.

»Ja.«

»Und doch ist es so sehr leicht.«

»O nein, nein!«

»Sie haben ja nur zwischen den beiden Wörtchen Ja und Nein zu wählen. Bitte, sprechen Sie!«

»Dann - nein!« stieß sie hervor.

Er wendete sich halb ab und sagte:

»Also nein! Wenn ich nur wüßte, weshalb!«

»Sie wissen es.«

»Bei Gott, ich weiß es nicht!«

»Sie haben mich auf der Bühne gesehen - -«

»Aber Sie waren ja gezwungen worden! Haben Sie übrigens noch nicht gehört, daß Sängerinnen, Tänzerinnen zuweilen Baroninnen und so weiter werden, trotzdem sie ihre Reize Jedem, der das Entree bezahlte, preisgegeben haben?«

»Aber ich bin keine Tänzerin!«

»Desto besser!«

»Und sodann - die Tau-ma!«

»Sie waren es ja nicht.«

»Jene Scene in Rollenburg! Ich bin unschuldig daran, aber es kann dennoch nicht vergessen werden.«

»Nein, es kann nicht vergessen werden, was Sie gelitten haben, Fräulein Werner. Ihre ganze Familie ist so lange, lange Zeit für das Leiden bestimmt gewesen. Es wird Zeit, daß Sie auch einmal ein wenig Sonnenschein empfinden. Ich will meine Frage wiederholen: Hassen Sie mich?«

»O nein!«

»Aber ich bin Ihnen gleichgiltig?«

Sie antwortete nicht; aber er hörte, daß ihr Athem laut ging. Da nahm er ihre Hand, beugte sich tief zu ihr herab und wiederholte:

»Bin ich Ihnen gleichgiltig?«

»Nein,« hauchte sie.

»Gott! So lieben Sie mich?«

»Ja.«

Da nahm er sie leise und langsam an sich, legte ihr seine beiden Hände auf den Kopf und sagte:

»Dieses Wort werde ich Dir nie, nie vergessen. Bitte, sage es noch einmal, Emilie! Du liebst mich?«

»Ja, sehr!«

»So sollst Du von jetzt an glücklich sein, so glücklich wie es in der Macht eines Mannes steht, der sein Weib auf den Händen tragen will!«

Er küßte sie auf das Haar, nicht auf Mund oder Wange. Gerade jenes


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Madonnenhafte ihres Wesens übte auch jetzt den hervorragenden Eindruck auf ihn aus. Sie weinte leise vor sich hin.

»Warum weinst Du?« fragte er.

Und erst nachdem er seine Frage wiederholt hatte, antwortete sie:

»Vor Glück.«

»Bist Du wirklich glücklich?«

»So sehr, wie es mein Wunsch gewesen ist.«

»So wollen sie dieses Glück festhalten und es uns nicht untreu werden lassen! Komm!«

Jetzt nahm er ihren Arm wieder und führte sie zurück. An ihrer Hausthür angekommen, fragte er:

»Hast Du den Schlüssel?«

»Ja.«

»Bitte, gieb ihn mir!«

Er schloß auf, trat ein und öffnete auch das Thor des Hofes.

»Nicht wahr, da oben im dritten Stockwerke, wo die zwei Fenster noch erleuchtet sind, wohnt Ihr jetzt?«

»Ja.«

»Denkst Du, daß Dein Vater noch wach ist?«

»Ganz gewiß, und die Anderen auch. Sie gehen nicht schlafen, bevor ich komme.«

»So laß' uns hinauf gehen!«

»Du auch mit?« fragte sie überrascht.

»Ja. Oder denkst Du nicht?«

»Es ist doch wohl zu spät dazu. Wenn Du mit Vater sprechen willst, so komme morgen, bitte!«

»O, um ein Glück zu erfahren, dazu ist es niemals zu spät. Es ist die erste Bitte, die ich an Dich richte, und die darfst Du mir nicht abschlagen! Darf ich mit hinauf?«

»Aber man ist auf Besuch nicht mehr gefaßt!«

»Doch, komm!«

Sie hatte recht gehabt. Werner war noch mit seiner ganzen Familie munter. Der heutige Besuch des Arztes und des Fürsten hatte diesem Tage eine ganz besondere Weihe gegeben. Sie hatten immer und immer wieder von diesen beiden Männern gesprochen, und so war ihnen die Zeit vergangen, ohne daß sie es beobachtet hatten. Jetzt nun hörten sie Schritte auf der Treppe.

»Da kommt Emilie,« sagte Laura, welche unschuldig im Zuchthause gewesen war.

»Das sind Zwei, die da kommen,« meinte Werner. »Wohl gar Männerschritt! Wer mag das sein?«

Jetzt trat Emilie ein und hinter ihr Adolf. Der frühere Theaterdiener kannte ihn. Er wußte, daß er Geheimpolizist sei, und darum erschrak er jetzt. Dieser Polizist brachte Emilie geführt. Was war geschehen?


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»Guten Abend,« erwiderte er den höflichen Gruß Adolf's. »Sie kommen zu so später Stunde. Was ist geschehen?«

»Etwas sehr Wichtiges, Herr Werner, sonst käme ich nicht so spät, es Ihnen mitzutheilen.«

»Fast hat es den Anschein, als ob Sie meine Tochter gar arretirt hätten!«

»Sie brauchen zwar gar nicht zu erschrecken, aber es ist wirklich so: Ich habe sie arretirt.«

»Herrgott!«

»Ja, und zwar nicht für kurze, sondern für sehr lange Zeit.«

»Warum denn, warum?«

»Weil ich ihr so recht von Herzen gut bin und sie mir auch.«

Werner blickte ihn zunächst fassungslos an.

»Sie scherzen,« sagte er dann.

»Ich spreche im Ernste, bester Herr.«

»Sie sagten, daß Sie Emilie lieben?«

»Ja, doch vorerst wollen wir noch von etwas Anderem sprechen. Meine Liebe zu Ihrer Tochter ist ja kein Grund, Sie um Mitternacht noch zu belästigen. Ich habe Ihnen aber einige Mittheilungen zu machen, die so erfreulich sind, daß ich sie nicht bis morgen aufschieben wollte. Sie wissen, daß ich Polizist bin und als solcher Manches weiß, was Andere nicht erfahren. Also zunächst: die Leda hat eingestanden.«

»Wirklich?« rief Laura aus.

»Ja. Sie hat von dem Tode des Lieutenants von Scharfenberg erfahren. Dies hat solchen Eindruck auf sie gemacht, daß sie ein offenes Geständniß abgelegt hat.«

»Gott sei Dank!« meinte Werner. »Das vereinfacht jedenfalls das Verfahren, so daß die Untersuchung gegen die Tänzerin schneller beendet ist.«

»Natürlich.«

»Und an der Unschuld meiner Tochter kann nicht mehr gezweifelt werden. Nicht wahr?«

»Die ist nun vollständig erwiesen.«

»Ich danke Ihnen! Das ist allerdings eine Botschaft, mit der Sie nicht aus Rücksicht auf die späte Stunde bis morgen zu warten brauchten.«

»O, ich bringe nicht diese Botschaft allein.«

»Noch mehr?«

»Ja. Nämlich der Herr Circusdirector Baumgarten ist heute mit seinem ganzen Personal hier angekommen.«

»Giebt es hier Vorstellung?«

»Das nicht. Sie sind nämlich als Gefangene hier eingeliefert worden.«

»Sapperment!«

»Sie sollen hier abgeurtheilt werden, weil Sie hier Mitschuldige haben. So zum Beispiel den Herrn Intendanten.«

»Der wird als Mitschuldiger betrachtet?«

»Ja, er ist arretirt.«


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»Ist das möglich?«

»Ich selbst habe ihn arretirt und in die Zelle gebracht.«

»Ah, das ist ihm recht!«

»Sie wissen ja, wie er an Ihrer Tochter gehandelt hat.«

»Wird er sein Amt behalten?«

»Auf keinen Fall. Es wird überhaupt in Beziehung auf das Oberbeamten-Personal des Residenztheaters eine bedeutende Änderung eintreten. Vielleicht ist es möglich, daß Sie Ihre Stelle wieder bekommen.«

»Das wäre herrlich!«

»Oder gar eine andere.«

»Welche denn?«

»Hm! Haben Sie gehört, was mit dem Kassirer los ist?«

»Ja.«

»Das, ja das wäre eine Stelle für Sie!«

»Herrgott, ja! Aber so wohl wird es Unsereinem nicht.«

»Warum nicht?«

»Dazu gehört Protection.«

»Die haben Sie.«

»Und Geld zur Caution.«

»Das haben Sie.«

»O weh! Ich und Protection und Caution!«

»Natürlich haben Sie Beides!«

»Wo denn?«

»Hier in meiner Tasche.«

»Da verstehe ich Sie freilich nicht.«

»Ich will verständlich werden. Hier haben Sie es Schwarz auf Weiß!«

Er gab ihm das Decret hin. Werner las es, ließ in freudigem Schreck die Arme sinken und fragte:

»Das ist Wahrheit?«

»Ja.«

»Wem habe ich das zu verdanken?«

»Dem Fürsten von Befour.«

»Dem! Herr mein Gott, welch' eine Ueberraschung und welch' ein großes Glück! Frau, Kinder, ich bin zum Theatercassirer ernannt, und der Fürst zahlt die Caution für mich! Nun ist es aus mit aller Noth und Sorge!«

Diese Nachricht brachte natürlich einen unbeschreiblich freudigen Eindruck hervor. Es erhob sich ein lauter Jubel. Emilie aber reichte dem Geliebten thränenden Auges die Hand und sagte:

»Also deshalb wolltest Du partout mit herauf. Heimlichthuer! Aber ich danke Dir doch von ganzem Herzen!« - -

Gegen Abend war der Amtsbote in die Wohnung des gefangenen Apotheker Horn gekommen und hatte den Angehörigen desselben gemeldet, daß


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er gestorben sei. Seine Nachricht schien weder Schrecken noch Trauer zu erregen. Es ertönte vielmehr die eilige Frage:

»Wann ist er gestorben?«

»Um zwei Uhr Nachmittags.«

»Er war aber gar ja nicht krank!«

»Er hat einen Blutsturz gehabt.«

»Wann wird er begraben?«

»Zur gesetzlichen Zeit natürlich.«

»Und wo?«

»Auf dem Gottesacker. Nicht?«

»Das versteht sich von selbst. Aber wer hat ihn denn zu begraben. Wir oder das Gericht?«

»Das wird sich erst noch finden. Zunächst habe ich Ihnen nur zu melden, daß er gestorben ist.«

»Man hat seine Leiche doch nach dem Gottesacker in das Leichenhaus geschafft?«

»Nein. Sie liegt im Gefängnisse.«

»Warum denn das? Man wird doch keine Leiche d'rin behalten.«

»Jedenfalls nicht. Aber zunächst wollen wir sehen, ob wir wirklich eine Leiche haben.«

»Wieso? Wenn er todt ist, ist er doch Leiche.«

»Ja, wenn er todt ist. Adieu.«

»O bitte, dürfen wir ihn besuchen?«

»Wozu?«

»Sie sehen doch ein, daß wir unsern Vater noch einmal sehen wollen!«

»Ja, das sieht man ein. Jedenfalls dürfen Sie mit beim Begräbnisse sein. Wenden Sie sich in dieser Beziehung an den Herrn Assessor von Schubert. Der ist Untersuchungsrichter und hat zu bestimmen.«

»Wir werden den Todten aber wohl auch noch eher als beim Begräbniß sehen dürfen?«

»Das bezweifle ich. Fragen Sie den Herrn Assessor!«

Er ging. Sie horchten, ob er sich wirklich entferne, und dann sagte die Alte:

»Endlich! Also Mittags zwei Uhr! Da wird er morgen um dieselbe Zeit wieder lebendig. Aber er ist nicht in die Leichenhalle geschafft worden. Wie können wir ihm denn da helfen? Mir ist angst um ihn.«

»Man scheint Verdacht zu hegen,« meinte Jette.

»Ja, das hörte man dem Boten deutlich an.«

»Wenn er sich noch im Gefängniß befindet, wenn er wieder lebendig wird, so ist der Plan zu Schanden gemacht. Mutter, es ist am Besten, Du gehst gleich jetzt zu diesem Assessor von Schubert. Wir müssen wissen, wann und wo wir den Vater zu sehen bekommen.«

»Wenn ich ihn nun sogleich sehen darf; soll ich das Pulver mitnehmen, welches er braucht?«


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»Nein. Man könnte Dich aussuchen. Jetzt wollen wir nur erst erfahren, wann wir ihn sehen können.«

Die Alte machte sich auf den Weg. Später kehrte sie niedergeschlagen zurück. Sie war zwar vorgelassen worden, hatte aber erfahren, daß man sie und ihre Kinder benachrichtigen werde, wann Horn begraben werde. Eher aber sei er nicht zu sehen.

Und um dieselbe Zeit kam Doctor Zander zu dem Staatsanwalte und theilte ihm mit, daß er das Blutwasser nun mikroskopisch untersucht habe.

»Und was ist das Resultat?«

»Daß ich meinen Verdacht nicht fallen lassen kann. Ein absolutes Ergebniß liegt nicht vor, das wird uns erst die chemische Analyse bieten; aber mir scheint, als sei das Blutwasser von einer ungewöhnlichen mechanischen Zusammensetzung. Ich bitte, die beiden Leichen ja nicht aus Verschluß zu geben.«

»Das werden wir nicht thun, bis Sie mit Ihrer chemischen Untersuchung zu Ende sind. Wann wird das sein?«

»Einen vollen Tag brauche ich dazu.«

»O weh! Also bis morgen um diese Zeit?«

»Ja. Ich werde da selbst wiederkommen.«

Die beiden in der Krankenstation befindlichen Leichen waren also eingeschlossen, und außerdem kam der Schließer allstündlich, um zu inspiziren.

Am Nachmittage waren aus Rollenburg Untersuchungsgefangene eingetroffen. Die Zellen reichten kaum zu. Unglücklicher Weise erkrankte einer dieser Leute während der Nacht in ernstlicher Weise. Als der Bezirksgerichtsarzt ihn am Morgen untersuchte, erklärte er, daß ein nervöses Fieber im Anzuge sei, und daß der Patient nicht in der Zelle behandelt werden könne, sondern nach der Krankenstation geschafft werden müsse.

»Dort aber sind die beiden Leichen,« meinte der Wachtmeister.

»Die müssen eben heraus.«

»Doch wohin?«

»Nach dem Kirchhofe, in's Todtenhaus.«

»Das hat der Herr Staatsanwalt verboten.«

»Ach, Unsinn! Ich bin Arzt, und hier handelt es sich um Krankheit und Tod. Ich muß wissen, ob Einer todt ist oder nicht. Und wenn ich bestimme, daß ein Kranker nach der Station geschafft werden soll, so hat das zu gelten, und man hat zu gehorchen!«

»Thut mir leid, Herr Doctor! Ich habe mich allerdings nach dem Herrn Staatsanwalt zu richten.«

»Schön! Ich werde gleich selbst zu ihm laufen. Ich will doch sehen, wer hier gilt, dieser Doctor Zander oder ich!«

Als er nach einiger Zeit wiederkam, war der Staatsanwalt bei ihm. Beide begaben sich mit dem Wachtmeister nach der Krankenstation, wo der Arzt die beiden Leichen noch einmal untersuchte.

»Es ist lächerlich, hier an dem Tode zu zweifeln,« sagte der. »Wer da glaubt, daß in diesen beiden Körpern noch Leben sei, der ist geradezu wahnsinnig.«


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»Hm!« meinte der Anwalt. »Muß denn der Neuerkrankte wirklich hierher?«

»Ja. Ich kann ihn nicht in der Zelle lassen.«

»So müssen allerdings diese Leichen fort.«

»Ich muß sehr darauf bestehen!«

»Aber wohin?«

»Nach dem Gottesacker natürlich!«

»Das auf keinen Fall. Aus unserem Gewahrsam gebe ich sie doch noch nicht.«

»Sie glauben also diesem Doctor Zander?«

»Ich glaube nichts, hier handelt es sich nicht um Glauben oder Nichtglauben, sondern hier handelt es sich um meine Pflicht, und diese muß ich erfüllen. Sie besteht in diesem Falle in der Anwendung der äußersten Vorsicht, die ich nicht versäumen werde.«

»So machen Sie, was Sie wollen! Ich aber muß auf die Entfernung dieser Leichen bestehen.«

»Dazu bin ich ja bereit. Herr Wachtmeister, ist im Kohlengewölbe Platz?«

»Ja.«

»Wie steht es da mit dem Verschlusse?«

»O, der ist sicher. Eine starke Thür, eine dicke Eisenstange davor und ein Hängeschloß, welches mir sicher Niemand ohne meine Erlaubniß öffnet.«

»Und Fenster?«

»Die giebt es dort gar nicht, sondern nur zwei Luftlöcher, die ein nothdürftiges Licht einlassen.«

»Schön! Uebrigens liegt das Kohlengewölbe im Gefängsnißhofe, innerhalb der Mauer. Die Leichen sind also dort ganz ebenso untergebracht wie hier.«

»Und,« fügte der Arzt in ironischem Tone bei, »Sie können ja dort ganz auch so stündlich nachsehen lassen, ob sie vielleicht davongelaufen sind!«

»Das werde ich allerdings thun lassen. Herr Wachtmeister, besorgen Sie das Alles.«

Nach kurzer Zeit waren die Leichen in dem Kohlengewölbe untergebracht. Dieses Letztere war nicht sehr groß und hatte dicke Steinmauern.

Man hatte zwei einfache Holzbänke hineingestellt und die Todten darauf gelegt. Als nach einiger Zeit der Staatsanwalt nachsah, erklärte er sich zufriedengestellt, befahl aber trotzdem, daß einer der beiden Schließer alle Stunden nachzusehen habe, ob vielleicht eine Veränderung eingetreten sei.

Dies geschah denn auch. Bei jedem Stundenschlag wurde die Thür geöffnet und einer der Genannten trat herein, um sich zu überzeugen, daß Alles in Ordnung sei.

Es war kurz nach ein Uhr Mittags, da gab es in dem Kohlengewölbe ein Geräusch. Hatte eine herabfallende Kohle geraschelt, oder war das ein rasselnder Athemzug gewesen? Es war einige Zeit lang ruhig, dann gab es ein halblautes Räuspern, dem ein kräftiges Gähnen folgte, und nun begann sich die Leiche des frommen Schusters zu bewegen.

Er schob das Tuch von sich, in welches er eingewickelt war, und richtete sich in sitzende Stellung empor.


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»Donnerwetter,« murmelte er, um sich blickend. »Wo bin ich denn eigentlich? Brrr! Hier eine Leiche! Und ich - ach, ich auch als Leiche! Was ist denn das?«

Er sann und sann. Endlich wurde die Erinnerung wach. Er konnte sich besinnen.

»Richtig, richtig! Ich habe ja Gift genommen, und ich bin gestorben! Ah! Das war ein Wagniß! Aber dieser alte Apotheker ist nicht nur ein tüchtiger Giftmischer, sondern auch ein wahrheitsliebender Mann. Ich bin in Wirklichkeit wieder lebendig geworden. Da liegt auch er. Will doch einmal nachsehen.«

Er zog dem Apotheker das Tuch vom Gesichte und betastete das Letztere.

»Kalt, eiskalt. Er ist noch todt. Hu! Das ist eigentlich schaurig. Wenn er nicht erwachte! Wenn er todt bliebe! Aber nein, er hat ja das Gift später genommen als ich. Er wird also auch später aufwachen. Wo aber bin ich? Im Kohlenkeller, wie es scheint. Und wo liegt dieser Keller? Etwa innerhalb des Gefängnisses? Das wäre fatal! Ich will doch einmal durch das Loch - -«

Er stand auf. Er warf jetzt das Tuch vollständig ab und bemerkte nun erst, daß er völlig nackt war.

»Tod und Teufel!« brummte er. »Das ist ja eine ganz verfluchte Geschichte! Wenn es uns auch gelingt, hinauszukommen, nackt können wir doch nicht fort. Na, sehen wir zunächst, wo wir uns befinden.«

Er trat an eins der Löcher und blickte hindurch. Nun sah er allerdings, daß er sich innerhalb der Gefängnißmauer befand. Zunächst bemerkte er einen Schließer, welcher drüben aus der Thür trat und in schnurgerader Richtung über den Hof herüberkam.

»Der kommt grad auf diese Thür zu,« murmelte er. »Sapperment! Wenn er hereinkäme! Rasch wieder hin auf die Bank und in das Tuch gewickelt.«

Er deckte das Gesicht Horns zu, wickelte sich ein und streckte sich aus, so wie er vorhin dagelegen hatte.

Nun hörte er das Hängeschloß öffnen; die eiserne Stange klirrte, die Thür ging auf, und der Schließer trat ein. Er warf einen forschenden Blick herein und verschloß dann wieder. Erst nach einer längeren Weile getraute sich Seidelmann sich wieder zu erheben.

Er gab seinen Gedanken, seinen Hoffnung und Befürchtungen Audienz, sah aber ein, daß er zunächst das Erwachen seines Gefährten erwarten müsse.

Es verging eine Stunde, welche ihm zur Ewigkeit wurde, und dann kam der Schließer wieder. Glücklicher Weise hatte der Schuster ihn abermals bemerkt und sich in Folge dessen wieder lang auf die Bank ausgestreckt.

Als sich der Aufsichtsbeamte wieder entfernt hatte und Seidelmann sich wieder aufrichtete, sagte er zu sich selbst:

»Wie es scheint, revidirt man uns alle Stunden. Das ist ja zum - horch! Was war das?«

Der Laut, den er gehört hatte, war von Horn gekommen. Dieser be-


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gann, sich zu bewegen. Seidelmann nahm das Tuch von dessen Gesicht hinweg und blickte in zwei traumhaft zu ihm aufblickende Augen.

»Horn!« sagte er.

Der Apotheker antwortete noch nicht.

»Horn!«

»Wa - wa - - was?«

»Besinnen Sie sich! Wissen Sie, wer Sie sind?«

»Nein - nei - - nein!«

»Kennen Sie mich?«

Der Gefragte betrachtete ihn längere Zeit und antwortete:

»Nein - ja - - Sei - Seidelmann.«

»Endlich! Wir sind ja gefangen.«

»Ja.«

»Und waren todt, haben Gift genommen.«

»Todt - Gift!«

Mit einem Rucke war er von der Bank empor. Diese beiden Worte hatten ihm sofort die Situation klar gemacht. Er sah sich um und sagte:

»Wie lange sind Sie schon munter?«

»Fast zwei Stunden.«

»Sehen Sie! Ganz wie ich es Ihnen vohersagte! Meine Präparate wirken mit göttlicher Pünktlichkeit. Aber wissen Sie bereits, wo wir sind?«

»Im Kohlengewölbe des Gefängnisses.«

»Nicht außerhalb desselben?«

»Nein.«

»Verflucht!«

»Und jede Stunde ist Revision.«

»Von wem?«

»Der Schließer kommt.«

»So hat man Verdacht gefaßt.«

»Wie es scheint!«

»Und nackt! Alle Teufel, ist man vorsichtig gewesen! Es ist sicher, daß man uns nicht traut. Wie können wir entfliehen, wenn wir keine Kleider haben.«

»Ach, ich würde gar zu gern splitternackt fortlaufen, wenn ich nur hinaus könnte!«

»Um draußen sogleich festgenommen zu werden. Nein, Kleider müssen wir haben.«

»Woher aber nehmen?«

»Das wird sich finden. Zunächst wollen wir sehen, ob es überhaupt möglich ist, zu entkommen.«

Er trat an das Loch und sah hinaus.

»Man sieht sehr wenig Tröstliches,« bemerkte Seidelmann.

»Das ist freilich wahr. Dieses Kohlengewölbe liegt an der einen Seite des Gefängnißhofes. Dort die Mauer ist über fünf Ellen hoch. Man kann nicht drüber weg. Ein Thor ist da, aber die Schlüssels - - ah!«


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»Was ist's?«

»Ich habe einen Gedanken.«

»Welchen?«

»Sagten Sie nicht, daß jede Stunde ein Schließer komme, um zu revidiren?«

»Ja.«

»Hat er seine Schlüssel mit?«

»Ich bemerkte allerdings einen Schlüsselbund in seiner Hand.«

»Gut, sehr gut!«

»Wieso?«

»Er wird uns den Schlüssel borgen, das Thor zu öffnen.«

»Wird er? Hm!«

»Und Kleider borgt er uns auch.«

»Wieso?«

»Das errathen Sie nicht?«

»Wollen Sie ihn bestechen?«

»Dieser Versuch würde wohl sehr schlecht ausfallen. Nein, ich werde nicht mit ihm reden; ich bin ja todt.«

»Was wollen Sie denn thun?«

»Wir lassen ihn herein und machen ihn kalt.«

»Hm! Man wird ihn vermissen.«

»Dann sind wir fort.«

»Am hellen Tag?«

»Unsinn! Wir warten natürlich, bis es dunkel ist.«

»Ach so! Das leuchtet mir eher ein.«

»Der Schließer wird hereinkommen, um uns anzugaffen. Wir überwältigen ihn und nehmen ihm die Schlüssel und seine Kleider ab.«

»Diese Letzteren reichen nicht für Zwei.«

»Das ist freilich wahr; aber sehen Sie da drüben auf der Stange den langen Radmantel?«

»Ja.«

»Es wird der Mantel der Frau Wachtmeisterin sein. Läßt sie ihn bis über die Dämmerung hängen, so ist uns geholfen. Sie sind der Längere und ziehen den Anzug des Schließers an. Ich bin kleiner und lege den Mantel um. Wir verlassen als Herr und Dame diesen Ort, und zwar durch das Thor, welches Sie dort sehen.«

»Und wohin dann?«

»Ich muß zunächst zu mir nach Hause.«

»Unsinn! Wollen Sie sich gleich wieder fangen lassen?«

»Nein. So schnell wird unsere Flucht nicht entdeckt werden. Die Meinigen sind nur auf den Fall instruirt, daß ich in die Leichenhalle des Gottesackers geschafft werde. Da man mich aber hier eingeschlossen hat, befinden sie sich in Ungewißheit, was zu thun ist.«

»Werden sie von Ihrem Tode wissen?«


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»Natürlich! Man muß sie ja benachrichtigen! Sie warten. Ich muß hin, um mich mit Kleidern zu versehen. Wohin gedenken Sie?«

»Hm! Das ist eine böse Sache. Meine Vertrauten wird man eingezogen haben - -«

»Das ist sicher.«

»An Andere kann ich mich nicht wenden.«

»Unmöglich!«

»Eigentlich wollte ich zu diesem Fürsten von Befour, um mit ihm abzurechnen.«

»Das wäre die größte Dummheit, die sich nur denken läßt. Rechnen Sie später mit ihm ab. Heute aber gilt es vor allen Dingen, die Stadt in den Rücken zu bekommen. Dazu müssen wir Kleidung haben und Geld.«

»Schlimm, sehr schlimm!« brummte Seidelmann.

»Was?«

»Ich weiß da wirklich nicht, wohin. Morgen, übermorgen werde ich Geld haben, so viel ich brauche, aber nur heute nicht, weil ich mich keinem Menschen anvertrauen darf. Und grad heute ist es am nothwendigsten.«

»Na, vielleicht läßt sich Rath schaffen. Vor allen Dingen, was meinen Sie, bleiben wir beisammen oder nicht?«

»Natürlich.«

»Woher bekommen Sie Geld?«

»Von einem guten Freunde!«

»Wer ist er?«

»Hm! Das bleibt sich wohl ziemlich gleich!«

»Nein. Da wir beisammenbleiben wollen, muß ich auch Alles wissen. Ich habe es Ihnen ermöglicht, zu entkommen, so fordere ich nun auch Vertrauen.«

»Gut! Ich meine den Verwalter von Hirschenau.«

»Das Schloß des Barons von Helfenstein?«

»Ja.«

»Ist der Mann wirklich sicher?«

»Ueber allen Zweifel erhaben. Er war der Vertraute des Barons und auch der meinige. Bei ihm finden wir ein sicheres Versteck, bis Gras über die Geschichte gewachsen ist.«

»Und Geld?«

»Geld werden wir genug haben. Ich kenne nämlich einen Ort, an welchem der Waldkönig eine Art von Sparbüchse angelegt hat, droben in den Bergen.«

»Mit Geld?«

»Waaren und Geld. Es ist das in einem alten, verlassenen Schachte, wo - da kommt der Schließer!«

Sie hüllten sich eiligst in die Betttücher und streckten sich auf die Bänke aus. Der Schließer öffnete, warf einen Blick herein und ging dann wieder.

»Macht er es allemal so?«

»Ja.«

»So tritt er gar nicht herein?«


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»Nein. Wir werden ihn schwerlich fassen können.«

»O, er wird schon hereinkommen; dafür werden wir sorgen, mein Bester.«

»Wie denn?«

»Na, wir legen die Tücher lang auf die Bänke. Er wird bemerken, daß eine Veränderung stattgefunden hat, und in Folge dessen hereinkommen. Wir stehen rechts und links von der Thür und packen ihn sofort.«

»Er wird um Hilfe rufen!«

»Pah! Er wird vor Schreck sprachlos sein. Lassen Sie sich von zwei Leichen anfassen und verlieren Sie dabei die Contenance nicht?«

»Das ist freilich wahr.«

»Damit Alles glatt geht, wollen wir gleich die Rollen vertheilen. Ich bin zwar kleiner als Sie, aber ich will dennoch den Schließer zunächst auf mich nehmen. Ich fasse ihn mit beiden Händen am Halse, den ich ihm so zusammendrücke, daß er gar nicht rufen kann. Sie aber greifen mit der einen Hand nach seiner Laterne, die er jedenfalls mitbringt, und mit der anderen Hand ziehen Sie die Thüre zu, welche er wohl auflassen wird, wenn er hereinkommt.«

»Gut! Ich will hoffen, daß es gelingt.«

»Wir ziehen ihm die Kleider aus, die Sie anlegen. Dann gehen Sie über den Hof hinüber, um den Mantel zu holen und mir zu bringen, und sodann geht es zum Thore hinaus, ich halb nackt allerdings, aber das soll Niemand bemerken. Haben Sie es schlagen hören?«

»Wenn es wieder schlägt, ist es fünf Uhr.«

»Da müssen wir uns noch ziemlich lange Zeit gedulden, fatal! Und kalt ist es hier!«

»Sagten Sie nicht vorhin, daß wir wohl Geld bekommen würden?«

»Ja. Wenn Sie für später sorgen, will ich für heute sorgen. Wir gehen von hier aus direct zu mir. Dort ziehen wir uns schnell an, und ich nehme zu mir, was meine Leute an Geld bei sich haben. Bis Hirschenau kommen wir da ganz gewiß.«

»Man wird uns doch nicht auf dem Wege nach Ihrer Wohnung aufhalten?«

»O nein. Es wird ja kein Mensch ahnen, wer wir sind. Das macht mir keine Sorge. Die Hauptsache ist, hier zum Thore hinaus. Sind wir draußen, so haben wir gewonnen. Ergreift man uns aber doch, na, so ist unser Schicksal eben auch nicht verschlimmert. Zu hoffen haben wir nichts mehr.« - -

Die Zeit verging; der Tag neigte sich zu Ende, und es wurde dunkel. Gar nicht lange nach der Dämmerung kam eine Droschke am Gerichtsamte vorgefahren, aus welcher der Fürst mit Doctor Zander stieg. Beide begaben sich in die Expedition des Staatsanwaltes. Als dieser sie erblickte, sprang er auf und sagte:

»Sie scheinen echauffirt. Ist etwas geschehen?«

»Hoffentlich noch nicht,« antwortete der Fürst. »Soeben kommt Herr


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Doctor Zander zu mir und sagt, daß das Blutwasser, welches er untersucht habe, ein Alkaloid enthalte, dessen Namen er zwar noch nicht bestimmen könne, welches aber nie im Blute des Menschen vorkomme und sein ganzes Bedenken errege. Wir haben uns sogleich zu Ihnen begeben. Hoffentlich ist alles in Ordnung, Herr Staatsanwalt!«

»Alles, Alles.«

»Die Todten befinden sich in der Krankenstation?«

»Nein, sondern im Kohlengewölbe.«

»Ah! Warum das?«

Der Anwalt erzählte ihnen wie es gekommen war, daß er die Leichen hatte translociren lassen.

»Liegen sie da sicher?« fragte der Fürst.

»So sicher wie in der Station.«

»Dürfen wir sie einmal sehen?«

»Gewiß. Ich gehe mit.«

Als sie durch den Zellengang schritten, trafen sie auf den Gerichtsarzt, welcher sich ironisch verbeugte und dabei fragte:

»Begeben sich die Herren vielleicht zur Leichenschau?«

»Ja,« antwortete der Anwalt. »Wollen Sie mit?«

»Gewiß. Ich möchte gern dabei sein, wenn Todte auferstehen. Hat der Herr College vielleicht den Tropfen des ewigen Lebens im Blute entdeckt?«

Er erhielt keine Antwort; sie schritten weiter. Sie trafen auf den Wachtmeister, welcher sich ihnen anschloß. Von ihm erfuhren sie, daß die Revision stündlich stattgefunden habe.

»Es ist mir stets gemeldet worden, daß Alles in Ordnung sei,« sagte er.

»Ich begreife auch gar nicht, von welcher Unordnung die Rede sein könnte,« bemerkte der Gerichtsarzt. »Lassen Sie eine Laterne anbrennen. Es ist finster im Hofe.«

Der Wachtmeister schellte den beiden Schließern. Es kam nur der Eine. Auf die Frage an ihn, wo sich sein College befinde, antwortete er:

»Bei den Leichen.«

»Das ist unmöglich,« sagte der Wachtmeister. »Ich habe befohlen, daß die Revision mit jedem Stundenschlage stattfinden soll, jetzt ist es aber schon wieder halb vorüber.«

»Er ging, als es schlug, ist aber noch nicht wieder da.«

»So ist wohl gar etwas los?«

»Lassen Sie uns eilen,« sagte der Fürst, dem die Sache nicht recht geheuer vorkam. »Vorwärts, meine Herren!«

Als sie in den Hof kamen, sagte der Wachtmeister:

»Er ist nicht drüben bei den Leichen.«

»Woher erkennen Sie das?«

»Er hat jedenfalls die Laterne mit. Man würde das Licht derselben durch die Luftlöcher bemerken.«


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Er verdoppelte seine Schritte und war also der Erste, der das Kohlengewölbe erreichte.

»Es ist auf,« rief er bestürzt.

»So ist er drin,« meinte der Gerichtsarzt ruhig.

Einer drängte den Anderen hinein. Der Wachtmeister hob die Laterne empor und leuchtete nach den Bänken hin.

»Herrgott! Es ist nur noch eine Leiche da!« sagte er.

»Wo ist die andere?« fragte der Fürst.

»Fort - -«

»Das sieht man. Welche ist fort?«

Er trat an die Bank, auf welcher der unbewegliche Körper lag, eingewickelt in - zwei Betttücher, wie sich zeigte. Der Zipfel des einen Tuches war dem Manne als Knebel in den Mund gewürgt; mit den drei anderen Zipfeln aber hatte man ihm Hände und Füße zusammengebunden. Der Wachtmeister leuchtete ihm in's Gesicht.

»Der Schließer!« rief er entsetzt. »Und todt!«

»Doctor Zander, sehen Sie nach, ob noch Leben in ihm ist,« sagte der Fürst. »Ich komme gleich wieder.«

Er eilte hinaus und an das Thor. Es war nicht zu; es lehnte nur an, und im Schlosse steckte der Hauptschlüssel mit dem ganzen Schlüsselbunde. Er kehrte zurück und sah, daß der Gerichtsarzt sich mit dem Schließer zu schaffen machte; er war Doctor Zander zuvorgekommen. Er war ja Gerichtsarzt.

»Wie steht es,« fragte der Fürst.

»Weiß noch nicht.«

Da faßte der Fürst ihn kräftig an und zog ihn weg.

»Gehen Sie fort! Sie verstehen nichts!« sagte er. »Ich habe Herrn Doctor Zander gesagt, daß er ihn untersuchen soll. Bei Ihnen wüßte man ihn zehn Jahren noch nicht, ob noch Leben in ihm ist.«

»Herr - Durchlaucht!«

»Schon gut! Sie haben es so weit gebracht, daß die beiden Menschen fliehen konnten.«

»Sind sie denn lebendig?«

»Natürlich!«

»Und fort?«

»Ja. Hier ist der Schlüsselbund, mit welchem sie sich geöffnet haben.«

»Aber sie waren ja nackt!«

»Sehen Sie nicht, daß der Schließer nackt ist! Sie haben seine Kleider benutzt. Wie steht es mit ihm?«

Zander hatte sich zu dem Schließer niedergebeugt. Jetzt erhob er sich und antwortete:

»Er lebt noch, doch wäre er erstickt, wenn wir nur eine Minute später gekommen wären. Sie haben ihn erwürgen wollen, aber es ist ihnen doch nicht ganz gelungen.«

»Sorgen Sie für ihn. Wir aber, Herr Staatsanwalt, wollen versuchen, die Flüchtlinge noch zu erreichen. Bitte, kommen Sie!«


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»Wohin?«

»Nach der Wohnung des Apothekers. Sie sind dorthin.«

»Glauben Sie?«

»Ich bin davon überzeugt. Seidelmann hat hier keinen Rückhalt; er weiß weder aus noch ein. Sie haben die Flucht nicht direct von hier antreten können; sie besitzen ja weder Geld, noch sind sie mit genügenden Kleidern versehen. Wohin haben sie sich wenden können, um Beides zu bekommen? Nirgends hin als in die Wohnung des Apothekers. Kommen sie schnell!«

Er zog ihn mit sich fort, gleich zum offenen Thore hinaus. Sie stiegen in die erste Droschke, welche sie fanden und jagten davon. Als sie am Hauptpolizeiamte vorüberkamen, ließ der Fürst für einen Augenblick halten, um die Flucht zu melden und sofort alle Telegraphendrähte spielen zu lassen. Es theilten sich eiligst alle anwesenden Polizeier in die verschiedenen Straßen, um von den Ausgängen derselben, nachdem sie besetzt worden waren, nach der Umgebung auszuschwärmen.

Der Fürst aber war sofort wieder eingestiegen, und bald hielt die Droschke vor dem Hause des Apothekers, welches Befour sehr gut kannte. Er klopfte an, und es wurde geöffnet. Die Alte blickte heraus.

»Wer ist da?« fragte sie.

»Polizei,« antwortete er, indem er sie bei Seite schob und eintrat. »Besetzen Sie die Thür,« bat er den Staatsanwalt, »damit Niemand entschlüpfen kann.«

Er begab sich in die Wohnstube, wo die Töchter bei ihrer Cigarrenarbeit saßen.

»Wo ist Horn?« fragte er.

»Der ist jedenfalls im Himmel.«

»Machen Sie keinen Unsinn!«

»Na, er ist ja todt.«

»Aber wieder lebendig geworden. Er ist hier, mit noch einem Anderen, oder wenigstens hier gewesen.«

»Suchen Sie ihn doch! Vorher aber beweisen Sie uns, daß Sie wirklich Polizist sind.«

Da ließ sich draußen eine laute Stimme hören; die Thüre ging auf und Adolf trat ein.

»Ah gut, daß Du kommst!« sagte der Fürst. »Wie aber findest Du Dich hierher?«

»Ich traf am Flusse einen Collegen und erfuhr von ihm, was geschehen ist. Ich eilte sofort hierher, weil ich mir sage, daß er zunächst nur hierher hat gehen können. Zu meiner Freude finde ich Sie und den Herrn Staatsanwalt. Haben Sie Spur?«

»Noch nicht.«

»Werden sie schon finden.«

»Kennst Du die näheren Umstände der Flucht?«

»Hörte es von dem Collegen. Die Beiden sind in der Uniform des


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Schließers entkommen. Wenn sie hier gewesen sind, so haben sie vor allen Dingen die Kleider gewechselt. Die Uniform muß also da sein. Suchen wir!«

Da stand die kleine Jette vom Stuhle auf. Ihr Auge war zornig auf Adolf gerichtet. Sie sagte:

Schlechter Kerl!

»Schlechter Kerl! Willst Du nun abermals den Verräther spielen? Mich hast Du betrogen, mir Liebe vorgelogen, um den Vater auszuforschen und uns zu verderben. Aber Du sollst nicht triumphiren. Der Vater hat uns gesagt, daß Niemand, der einen nahen Anverwandten unterstützt, bestraft werden kann, ich - -«

»Ah,« fiel er ein, »das hat er gesagt? So ist er also hier gewesen!«

»Ja, er war da.«

»Und er ist wieder fort?«

»Ja. Ihr werdet ihn nicht fangen!«

»Ihr wißt, wohin er ist?«

»Er hat es uns gesagt,« gestand sie in höhnischem Tone. »Aber wir verrathen ihn nicht.«

»Wo ist die Uniform?«

»Hier im Deckblattkorbe unter den Tabaksblättern habe ich sie versteckt. Da hast Du sie!«

Sie zog die Kleidungsstücke hervor und gab sie ihm.

»Schön!« sagte er ruhig. »Wenn Ihr glaubt, nicht in Strafe fallen zu können, so wollen wir wenigstens versuchen, ob ein Geständniß von Euch zu erlangen ist. Ich erkläre im Namen des Gesetzes, daß Ihr arretirt seid. Ich werde Euch sofort abführen lassen.«

Das hatten sie nicht erwartet. Sie erhoben ein großes Gejammer, er aber ging hinaus vor die Thür, zog das Pfeifchen hervor und stieß einige scharfe Pfiffe aus. Im Nu waren zwei Polizisten da, welche die Frauen in die Droschke steckten und mit ihnen davonfuhren.

Jetzt wurde das Haus untersucht. Das Ergebniß war ein negatives. Die Flüchtlinge waren bereits fort.

Die Polizei entwickelte eine bis auf das Äußerste angespannte Thätigkeit, doch leider vergebens. Es war nicht die geringste Spur aufzufinden, obgleich die Morgenblätter bereits die Nachricht brachten. Sie waren von der Polizeidirection inspirirt worden und machten bekannt, daß auf die Ergreifung jedes der beiden Flüchtlinge ein Preis von tausend Gulden gesetzt sei. Doch schien es ganz so, als ob es Niemandem gelingen werde, sich diesen Preis zu verdienen.

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Es war am nächsten Sonntage und zwar nicht in der Residenz, sondern droben in den Bergen bei dem alten, braven Förster Wunderlich.

Die gute Frau Barbara stand vor dem Spiegel und beschäftigte sich sehr angelegentlich mit dem behäbigen Bilde, welches er ihr entgegenwarf. Sie hatte den größten Staat angelegt, denn heute feierte Eduard Hauser seine Hochzeit mit Hofmanns Engelchen, und Försters waren ganz natürlich dazu eingeladen.

An einem solchen Tage befindet man sich in glücklicher Laune. Und


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doch lag ein schwerer, besorgter Ausdruck auf dem sonst so freundlichen Gesichte der alten Frau.

Der Förstersbursche trat ein und ging zum Ofen, um sich die Pfeife anzubrennen.

»Ist mein Mann nun angezogen?« fragte sie.

»Na freilich! Bereits seit Stunden!«

»Wo ist er denn?«

»Droben in der Gaststube, da hat er sich eingeschlossen.«

»Was treibt er dort?«

»Ich hörte ihn laut sprechen, so, was man declamiren nennt.«

»Haben Sie verstanden, was er sprach?«

»Nein! Es war mir, als ob er an Jemanden eine Rede halte.«

»Ah! Ich ahne, was er in dem Zimmer treibt -«

»Er studiert vielleicht -«

»Was?! Mein Alter noch studieren? Mag er sich lieber beeilen, daß er mit seinem Anzug fertig wird und das Studiren Andern überlassen. Wie leicht kann er dabei überschnappen! Ist mir es doch schon seit einiger Zeit mit ihm nicht so recht richtig vorgekommen, und um meinen eigenen Verstand angst und bange. Das hat sich angefangen, seit der Schulmeister zum letzten Male bei uns war. Ich habe nur Sorge für heute. Man hat sich auf diese Hochzeit gefreut, und vielleicht fängt er auch da an zu brüllen und verdirbt Einem das Vergnügen. Ich - -«

»Pst!« unterbrach sie der Gehilfe. »Er kommt!«

Man hörte die Stiege knarren, und der Förster trat ein. Er trug seine allerbeste Uniform und machte ein so glückliches Gesicht, als ob er selbst der Bräutigam sei.

»Bist Du fertig, Bärbchen?« fragte er.

»Bald. Und Du?«

»Na, was den Anzug betrifft, ja. Aber das Andre - hm!«

»Was denn?«

»Na, das will doch nicht so recht klappen.«

»Was ist es denn, das Andere?«

»Das geht Dich nichts an, Alte.«

»Herrgott! Man wird doch fragen können!«

»Ja, aber nur darnach nicht!«

»Warum denn nicht?«

»Das ist Geheimniß.«

Da schlug sie die Hände zusammen und sagte:

»Da hat man es! Wir haben so lange glücklich zusammen gelebt und Freud und Leid mit einander getheilt und getragen; wir sind stets aufrichtig gewesen, haben uns nichts verschwiegen, und nun in unsern alten Tagen fängt der Mann an Geheimnisse zu haben. Daß Gott erbarme!«

»Ja, ja, Du bist die Neunzehnte, die schnattert gern mit alten Schicksen!«


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»Ich die Neunzehnte? Was heißt das?«

»Hm. Das ist eben das Geheimniß.«

»Ich schnattere gern?«

»Ja. Grad jetzt hast Du geschnattert.«

»Und mit alten Schicksen? Was heißt denn das eigentlich?«

»Na, das weißt Du doch! Ein altes Frauenzimmer, welches gern brummt, keift und schnattert, nennt man eine alte Schickse.«

»Und so eine soll ich sein?«

»Ach, so gar schlimm war's doch nicht gemeint.«

»Versuche nur nicht, wieder einzulenken! Was gesagt ist, das ist gesagt! So wie jetzt, bist Du noch gar nie gewesen. Da sind Andere doch viel, viel anders!«

»Wohl besser?«

»Ja, tausendmal besser!«

»Da bist Du grad wie die Achzehnte.«

»Die Achtzehnte? Was soll denn das nun wieder heißen?«

»Na, die Achzehnte ist allen Männern gut.«

»Wer ist denn eigentlich die Achtzehnte?«

»Das darf ich nicht verrathen.«

»Herr Jemine! Mit dem Manne wird es noch ganz aus und alle. Der schnappt noch über! Wäre es bei diesem Ärger ein Wunder, wenn ich einmal losbräche? Wenn ich aus Wuth und Grimm da zum Beispiel das Fenster aufmachte und alles auf die Straße würfe?«

»Da wärst Du grad wie die Dreizehnte.«

»Auch eine Dreizehnte hat er! Was ist's denn mit der?«

»Die zertöppert alle Flaschen.«

Da drehte sie sich ganz verzweifelt von ihm weg und sagte:

»Ich möchte nur eigentlich wissen, was er hat und was er meinte. Wenn ich nur diesmal aus ihm klug würde!«

»Ja. Du wirst nicht klug. Dir geht es wie der Siebzehnten.«

»Was ist's denn mit der?«

»Die ist ein altes, gutes Schaf.«

»Jetzt wird mir es doch zu toll! Eine Siebzehnte hat er, eine Dreizehnte, eine Neunzehnte! Wieviel hast Du ihrer denn eigentlich?«

»Sechsundzwanzig. Die Sechsundzwanzigste hat einen großen Kopf. Das ist die Letzte, und nachher geht erst der wahre Jacob los, nämlich das 'Dreimal vivat hoch!' Ich freue mich königlich darauf!«

»Das soll nun ein Mensch verstehen! Wo hast Du denn diese Sechsundzwanzig alle stecken?«

»Geheimniß!«

»Sind es denn etwa gar Kebsweiber von Dir?«

»Fällt mir ja gar nicht ein. Sie sind zu schlecht dazu.«

Da trat sie auf ihn zum, legte ihm die Hände auf die Achseln und sagte:


// 2135 //

»Alter, jetzt thu mir nur das einzige Mal den Gefallen, und sage mir aufrichtig, wer diese Sechsundzwanzig sind!«

»Na, Weiber sind es.«

»Wo denn?«

»Ueberall.«

Da trat sie wieder zurück und rief ganz verzweifelt aus:

»Es ist richtig! Er wird verrückt, und auch ich verliere dabei noch den Verstand. Ich muß ganz sicher noch zum Doctor schicken! Gott, Gott, was soll aus dieser Hochzeit werden!«

»Eine flotte Kindtaufe!«

»Was diesem Manne einfällt! Lauter dumme Gedanken hat er. Wie soll das enden!«

»Gut, außerordentlich gut!« antwortete er schmunzelnd. »Ich werde heute Ruhm ernten, Ruhm und Lorbeerblätter. Weißt Du, Alte, daß die Dichter Lorbeerblätter ernten?«

»Was gehn mich denn die Dichter an!«

»O, heute gehen sie Dich sehr viel an! Ich habe einmal gehört, was die Dichter bekommen. Sie bekommen auf ihren Kopf und auf ihren Leichenstein einen Kranz von Lorbeerblättern, vielleicht auch von Pfefferkörnern, denn die gehören ja wohl dazu, wie Du als Köchin wissen wirst.«

Sie wandte sich zu dem Försterburschen, deutete auf ihren Mann und dann mit dem Zeigefinger nach ihrer Stirn. Der Förster aber lachte darüber und sagte:

»Jetzt mach, daß Du fertig wirst! Wir haben nur noch zehn Minuten Zeit.«

»Gleich, gleich! Ich will nur noch die Haube aufsetzen. Die ist auch zu altmodisch. Zu einer Hochzeit braucht man eigentlich einen Hut, wenn man nobel sein will. Aber den wirft es für mich ja gar nicht ab.«

»Da bist Du grad so wie die Zwanzigste.«

»Was ist's denn mit der?«

»Die braucht stets einen neuen Hut.«

»Du lieber Gott! Da hat man es wieder! Es hört bei ihm gar nicht auf! Die Dummheiten haben kein Ende! Wir wollen nur machen, daß wir fortkommen. Vielleicht kommt er dann auf andere Gedanken!«

Sie band die Haube fest und nahm die gelbe, roth geblümelte Saloppe um. Dann brachen sie nach dem Dorfe auf.

Die gute Frau Barbara machte, indem sie so neben einander herschritten, ein gar bedenkliches, sorgenvolles Gesicht und schielte zuweilen forschend zu ihm hinüber. Er aber guckte gar lustig und wohlgemuth in die Welt hinein und brummte dabei Allerlei leise vor sich hin. Sie horchte scharf auf und dabei vernahm sie allerlei dummes Zeug, wie:

»Trittst die Schuhe alle schief - Hosenknopf anflicken - zerrissne Strümpfe - Stiefel wichsen!«

Sie hatte große, große Sorgen; aber sie hielt es für das Beste, nichts mehr zu sagen.


// 2136 //

So erreichten Sie das Haus, in welchem früher Seidelmanns gewohnt hatten. Es gehörte jetzt dem braven Eduard Hauser, welchem der Fürst das nöthige Geld, es zu kaufen, gegen mäßige Zinsen vorgeschossen hatten. Eduard hatte das Geschäft der Seidelmanns an sich gezogen und fortgesetzt. Auch die dazu nöthigen Mittel hatte er vom Fürsten erhalten. Das Glück war ihm hold gewesen. Er bekam Aufträge und immer wieder Aufträge. Er bezahlte seine Arbeiter gut und war ehrlich gegen sie, indem er wohl wußte, wie es ihm selbst gegangen war. Deshalb arbeiteten sie mit Lust und Liebe für ihn, und die Waare, welche sie lieferten, war stets tadellos. So kam er in einen guten Ruf und konnte kaum genug schaffen; die Weber aber, welche noch vor wenigen Monaten am Hungertuche genagt hatten, erfreuten sich eines guten Verdienstes und blickten einer ganz anderen Zukunft entgegen, als die Vergangenheit gewesen war. Sogar das Äußere der kleinen Häuschen hatten bereits ein anderes Aussehen gewonnen; es zeugte von dem beginnenden Wohlstande seiner Bewohner.

Hofmann, der Vater Angelica's, hatte längst eingesehen, wie unrecht er früher gehabt hatte. Er erkannte, daß er seine Tochter förmlich an den Rand des Verderbens gebracht hatte, und daß sie von Eduard Hauser gerettet worden war. Er fühlte sich ganz glücklich, ihn zum Schwiegersohn zu haben, zumal der junge Mann alle Hoffnungen gab, einst ein reicher Mann zu werden.

Heute also war die Hochzeit, und alle Bekannten waren geladen. Da Hausers Wohnung sie nicht fassen konnte, so wurde das Festmahl im Saale der Schänke abgehalten, wo gleich nach der Mittagskirche sich alle Gäste versammelten.

Als die beiden Förstersleute eintraten, wurde Frau Barbara gleich von den anwesenden Frauen in Beschlag genommen. An ihren Mann aber schlich sich der auch anwesende Lehrer heran und fragte:

»Nun, Herr Förster, geht es?«

»Hm! So leidlich. Aber meine Alte hält mich für verrückt.«

»Sie haben es ihr gesagt?«

»Gott bewahre! Aber da ich den Toast auswendig lernen mußte, so habe ich mich eingeschlossen und tüchtig laut memorirt. Da denkt sie nun, ich bin übergeschnappt.«

»Das schadet nichts. In kurzer Zeit wird es sich zeigen, daß Sie bei vollen Sinnen sind.«

»Ja. Aber ich habe doch eine gewisse Angst.«

»Warum?«

»Daheim in meiner Stube bringe ich es ganz gut fertig, aber hier, das ist ein ganz anderes Ding.«

»Pah! Es ist auch nichts Anderes.«

»Das denken Sie. Sie sind solche Sachen gewöhnt. Aber ich! Sapperment! Wenn ich nun stecken bleibe?«

»Dagegen wollen wir schon sorgen. Haben Sie den Zettel mit?«

»Ja.«


Ende der neunundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk