Lieferung 90

Karl May

15. Mai 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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»Ich werde dafür sorgen, daß ich gerade neben Sie zu sitzen komme. Ehe Sie anfangen, geben Sie mir ihn, und dann mache ich den Souffleur. Sobald ich merke, daß Sie stocken, sage ich Ihnen leise, wie es weiter lautet.«

»Schön, sehr schön! Aber wenn nun ein Anderer vor mir so etwas Ähnliches bringt?«

»Das werden wir vermeiden. Der erste Toast muß sich auf das Brautpaar beziehen; den bringt natürlich der Herr Pastor. Der zweite bezieht sich selbstverständlich auf die Eltern des Brautpaares, und den bringe ich. Ein dritter Toast müßte der Höflichkeit wegen nun die Frauen im Allgemeinen zum Gegenstande haben; das ist der Ihrige. Ich werde aufpassen. Sobald ich merke, daß ein Anderer reden will, so klopfe ich gleich an das Glas und melde Sie an. Dann erheben Sie sich und declamiren das Gedicht recht ernsthaft und kräftig vor.«

»Ja, Donnerwetter, wird das Aufsehen machen! So Etwas hat man mir doch nicht zugetraut! Und meine Alte! Die werde ich auslachen, daß sie hat denken können, ich sei übergeschnappt. Na, es wird eine Heidenlust! Leider aber fehlt Einer, der hier sein sollte, weil er an dieser Hochzeit und an dem jetzigen Wohlstande unserer Bevölkerung den größten Antheil hat.«

»Wer ist das?«

»Der Fürst des Elendes.«

»Das ist wahr. Wenn man nur wüßte, wer er ist und wo er wohnt, so hätte man ihn einladen können.«

Der Förster lächelte verschmitzt; er wollte antworten, wurde aber dieser Antwort überhoben. Nämlich der Bräutigam, welcher gekommen war, um nachzusehen, ob alle Gäste versammelt seien, war herzugetreten und hatte die letzten Worte des Lehrers gehört. Er fragte:

»Wen hätte man einladen können? Ist vielleicht Jemand vergessen worden?«

»Ja. Der Fürst des Elendes.«

»Ach, der. Nun, beruhigen Sie sich, Herr Lehrer! Der ist eingeladen worden.«

»Wie? Was? Wirklich? Wissen Sie denn seine Adresse?«

»Natürlich!«

»Woher denn?«

»Von ihm selbst. Er hat mir so viel Geld geborgt, und ich, als sein Schuldner, muß ihm die Zinsen zahlen. Ich muß also wissen, wo er ist und wo er wohnt.«

»Und das halten Sie so geheim?«

»Er hat es gewünscht. Uebrigens bin ich nicht der Einzige, der dieses Geheimniß kennt. Hier der Herr Förster weiß es ebenso genau wie ich.«

»Der alte, schmauchende Heuchler!« sagte der Lehrer in komischem Zorne. »Wird man es wohl auch einmal erfahren?«

»Jedenfalls. Ich habe ihm bereits vor einigen Wochen geschrieben, daß heute meine Hochzeit ist.«


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»Wird er etwa kommen?«

»Wohl schwerlich. Er ist ein hoher, vornehmer Herr, der sich um ganz andere Dinge zu bekümmern hat. Doch war es ja meine Pflicht, ihn zu benachrichtigen. Jetzt nun, Herr Förster, habe ich eine Bitte. Wissen Sie wohl, wem ich eigentlich mein Glück zu verdanken habe?«

»Dem Fürsten.«

»Ja, aber ganz besonders auch Ihnen.«

»Mir? Sapperment, davon weiß ich gar nichts!«

»Aber Sie erinnern sich noch jenes Abends im Walde, wo Sie mich trafen? Ich hatte den Holzdieb machen wollen.«

»Na, na, so schlimm ist es denn doch nicht! Sie waren ja selbst schon davon abgekommen.«

»Ja; aber Sie nahmen mich mit zu sich und gaben mir Brod, Holz und Kohlen. Dadurch wurden wir gerettet.«

»Na, das verstand sich ja von selbst. Wir wollen davon gar kein Aufhebens machen.«

»Aber von jenem Zusammentreffen im Walde fing sich mein Glück an. Sie wissen doch, wen wir trafen, als wir in die Försterei kamen?«

»Ja, der Für - - ich meine den Vetter Arndt, der damals aus Amerika kam.«

»Er schenkte mir Geld und - na, ich brauche weiter gar nichts zu sagen, als daß Sie schuld an meinem Glücke sind, und da habe ich jetzt eine Bitte oder vielmehr gleich zwei, denn die zweite fällt mir auch mit ein.«

»So bitten Sie einmal zu!«

»Erstens haben Sie mich stets Du genannt, und jetzt, da es mir besser geht, sagen Sie 'Sie' zu mir. Lassen Sie es beim Alten. Sie thun mir damit einen großen Gefallen.«

»Hm! Das ist nun auch wieder ein Beweis, daß Sie ein braver Kerl sind. Ich will darauf eingehen, doch unter der Bedingung: Gleiche Narren, gleiche Kappen, das heißt, Sie müssen auch Du zu mir sagen, sonst sage ich lieber Sie zu Dir und Du Sie oder auch Sie Du zu mir, denn Du bist reicher als ich, und darum ist es das Richtige, daß Sie mich Du nennen, und ich Dich Sie; denn Ihr Du ist traulich und mein Sie ist höflich, und darum ist es ein großer Unterschied, ob ich Du zu Ihnen oder Sie zu Dir und hingegen Sie Du oder Du Sie zu mir sagen. Dein Sie also oder Ihr Du muß sich mit meinem Du oder Sie - nein, Sie oder Du - Du, Sie - Ihnen, mich - - Donnerwetter, ich finde mich aus diesem Quatsch gar nicht wieder heraus. Wollen es kurz machen. Her mit Deiner Patsche, mein Junge. Also Brüderschaft auf Leben und Sterben. Betrinken thun wir sie nachher!«

»Gut! Und nun die zweite Bitte! Da wir Dir unser Glück zu verdanken haben, so sollst Du heute an unserem Ehrentage mit Deiner guten Barbara die beiden Ehrenämter erhalten.«


// 2139 //

»Was denn? Du meinst doch nicht etwa, daß ich der Brautführer sein soll?«

»Gerade das meine ich.«

»Himmelelement! Der alte Förster Wunderlich Brautführer! Wie wird sich der Kerl dabei ausnehmen! Was für eine Figur wird er spielen!«

»Eine sehr ehrwürdige, das versichere ich Dir!«

»Und meine Barbara soll auch mit thun?«

»Natürlich!«

»Aber das geht ja gar nicht!«

»Warum denn nicht?«

»Da müßte man sich ganz anders in Wichs geworfen haben!«

»Du hast doch Deine beste Uniform an!«

»Ja, und den guten Hirschfänger; das ist wahr. Aber meine Alte müßte ein seidenes Kleid haben.«

»Das laß Dir nur nicht weiß machen. Die ist ja so aufgedonnert, daß es eine Art hat.«

Der Förster antwortete schmunzelnd, indem er wohlgefällig nach seiner Barbara hinüber schielte:

»Hm, ja, Sie geht noch! Die Alte hat sich außerordentlich gut erhalten. Sie hat Backen, so roth wie die Äpfel, und die Augen sind so schwarz und frisch wie die Herzkirschen. Das möchte sein; aber wir müßten da doch noch Anderes haben, nämlich bunte Bänder von der Achsel herunterhängen und ein paar mächtige Blumenbüsche in der Hand.«

»Dafür ist gesorgt. Ich habe jetzt keine Zeit mehr. Sage es Deinem Bärbchen. Ich hole jetzt das Engelchen, und da bringen wir die Bänder und Sträuße gleich mit.«

Als der Förster seiner Frau diese Nachricht brachte, schlug sie in freudigem Schreck die Hände zusammen und rief:

»Nein, so eine Ehre! Alter, wer hätte das gedacht!«

»Ja, ich nicht!«

»Ich auch nicht! Der Eduard ist doch ein herzensguter, braver Kerl. Aber ich habe doch Sorge!«

»Unsinn! Warum willst Du Sorge haben?«

»Dir ist jetzt gar nicht zu trauen! Wenn Du die Braut führst, bist Du im Stande, von Der anzufangen, welche kratzt und beißt, oder von Der, die alle Flaschen zertöppert.«

»Fällt mir nicht ein! Mache nur Du keine Dummheiten!«

»Wohl nicht. Wenn nur mein Staat besser wäre!«

»Na, der ist gut genug. Gott sieht das Herz an, und der Eduard hat auch gesagt, daß Alles gut ist.«

»Wird denn die Haube gehen?«

»Na und wie!«

»Und das Kleid?«

»Ganz gut.«


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»Und - und - - ich sollte doch ein Paar gute Zeugstiefeletten haben. Das wäre fein!«

»Das laß nur sein. Deine Knöchelschuhe sind gut. Du bist ja nicht die Achte.«

»Was ist denn nun wieder mit der Achten?«

»Die tritt die Schuhe alle schief.«

»Du meine Seele! Er fängt schon wieder an! Mann, Mensch! Wie soll das auf dem Kirchgange werden.«

»Ganz gut!«

Um ihren Klagen auszuweichen, entfernte er sich. Er hatte ja so viele Bekannte zu begrüßen.

Nach einiger Zeit kam das Brautpaar sammt den Eltern. Es erregte nicht geringes Aufsehen, als Försters mit Bändern und Blumen geschmückt wurden, aber Alle gönnten den braven Leuten diese Ehre von Herzen.

Wunderlich ging so stolz und stramm neben ihr.

Die Glocken begannen zu läuten, und der Zug setzte sich in feierliche Bewegung. Der alte Wunderlich ging so stolz und stramm neben Engelchen her, als ob er eine Gräfin am Arme habe. Nur einmal entfuhr es ihm:

»Die Fünfzehnte schnarcht viel zu laut im Schlafe.«

Engelchen blickte verwundert zu ihm auf. Er wurde verlegen und entschuldigte sich.

»Es hat nichts zu sagen. Ich sprach nur einige Worte, die der Brautführer unterwegs sagen muß, wenn die Braut später das Regiment im Hause bekommen soll.«

Es ging das Dorf hinauf und nach der Kirche zu. Ueberall standen die Leute, um den Hochzeitszug zu erwarten und auch in die Kirche zu gehen. Wunderlich achtete nicht auf sie, er hatte nur Sorge, seinen Toast nicht zu vergessen. Er sagte die Verse in Gedanken her, und so kam es, daß er kurz vor der Kirche ganz laut mit den Worten herausfuhr:

»Die Elf kann keinen Hosenknopf anflicken!«

Und als er sofort bemerkte, daß Engelchen ganz erstaunt darüber war, bemerkte er in großer Geistesgegenwart:

»Jetzt bin ich fertig! Nun bekommst Du das Regiment, und Eduard kommt unter den Pantoffel!«

Die Kirche war kaum jemals beim Gottesdienste so voll gewesen. Alle Welt wollte bei dieser Trauung zugegen sein. Sie verlief in höchst feierlicher Weise. Der Pfarrer ging tief auf die Schicksale des Brautpaares ein und hielt seine Rede, welche den Hörern zahlreiche Thränen der Rührung erpreßte. Und als er seinen priesterlichen Segen über das Paar gesprochen hatte, war man allgemein überzeugt, daß eine so schöne und ergreifende Trauung hier im Orte noch niemals stattgefunden habe.

Als sich nun der Zug heimwärts in Bewegung setzte, führte Eduard sein Engelchen und der Förster seine Barbara.

»Du,« sagte Wunderlich, »mir ist geradeso zu Muthe, als ob wir selber getraut worden wären.«


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»Mir auch,« antwortete sie.

»Es ist mir ganz so, als sei ich wieder zwanzig Jahre und käme zu Dir auf die Freite!«

»Geh, Alter!«

»Ja, es ist aber einmal so! Weißt Du noch, wie mich Dein Vater erwischte? Ich riß aus, und als ich über den Zaun sprang, blieb der linke Rockschooß an den Latten hängen. Es war eine verteufelte Geschichte, denn damals hatte ich ja nur diesen einen Rock.«

»Laß das jetzt sein.«

»Warum denn? Gerade bei einer Hochzeit muß man an solche Erlebnisse denken, bei einem Begräbnisse doch nicht etwa. Als sich dann Dein Vater zurückgezogen hatte, ging ich wieder hin, um den Schöößling zu holen. Aber prosit die Mahlzeit, der Alte hatte ihn confiscirt. Und weil ich doch nicht mit einem einzigen Rockschooße laufen konnte, so schnitt ich mir den rechten auch noch ab. So war aus dem Rocke eine Jacke geworden; aber Dich habe ich doch noch gekriegt. Du warst eben ganz weg in mich!«

»Geh'! Ich in Dich! Ist mir gar nicht eingefallen! Aber Du in mich! Verstanden?«

»Wollen uns nicht streiten! Eins von uns war in das Andere verschossen, und weil ich als Forstmann mich niemals verschieße, so bist Du es gewesen. Das ist klar.«

Als der Zug angekommen war und die Theilnehmer sich an die Tische geordnet hatten, brachten die Angehörigen derselben die Hochzeitsgaben.

Bei der Armuth der Bevölkerung konnte von reichen Geschenken nicht die Rede sein, aber ein Jeder gab von Herzen gern und nach seinen Kräften. Auch der Försterbursche kam und brachte das Geschenk seiner Herrschaft.

Diese hatten den Ehrenplatz neben Braut und Bräutigam. So sehr Wunderlich sich darüber freute, Sorge bereitete es ihm doch. Auf diese Weise war es nicht möglich gewesen, den Lehrer neben sich zu bekommen, und so war ihm der Souffleur verloren gegangen. Desto fleißiger memorirte er im Stillen, und so kam es, daß er mit Niemand sprach und immer die Lippen bewegte, als ob er im Stillen betete.

Das Mahl begann, und im Verlaufe desselben brachte der Pfarrer den vorausgesehenen Toast auf das Brautpaar. Nach kurzer Zeit toastete der Lehrer auf die Eltern.

Jetzt begann es dem alten Wunderlich eigenthümlich zu werden. Er bekam das Zittern in die Knie. Seine Zähne schlugen leise an einander. Es summte und brummte ihm um die Ohren, und im Magen war es ihm, als ob die Seekrankheit im Anzuge sei.

Da klopfte Einer an das Glas; er wollte einen Toast bringen. Schnell aber klopfte, seinem Versprechen gemäß, auch der Lehrer, stand auf und sagte:

»Geehrte Damen und Herren, nachdem wir das liebe Brautpaar und deren Eltern haben leben lassen, ist es an der Zeit, auch einen Toast auf unsere Frauen auszubringen. Schiller sagt ja, daß wir sie ehren sollen, weil


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sie uns himmlische Rosen in's irdische Leben weben. Sie verdienen es, daß wir jetzt gleich drittens ihrer gedenken, und ich kenne unter uns Keinen, der es so verstände, das Glück, welches wir ihnen verdanken, zu beschreiben, wie unser hochverehrter Herr Förster Wunderlich. Er hat mir zugesagt, diesen Toast auszubringen. Er wird jetzt sprechen, und ich bitte die Herrschaften um andächtiges Schweigen und ungetheilte Aufmerksamkeit!«

Es entstand eine Stille, wie in der Kirche. Aller Augen richteten sich auf Wunderlich, und bei diesem Schweigen vernahm man ganz deutlich die Frage seiner Frau:

»Du einen Toast, Alter?«

»Ja,« stieß er hervor.

»Na, das wird eine schöne Bescheerung!«

»Ja,« lamentirte er halblaut, »es flimmert mir schon vor den Augen. Die Zähne klappern wie bei fünfzig Grad Réaumur. Gott sei mir gnädig.«

»Laß es sein!«

»Das geht nicht. Ich habe einmal A gesagt!«

Er hatte recht, denn da er sich nicht gleich erhob, so rief es ringsum:

»Der Förster einen Toast! Vater Wunderlich will reden. Anfangen, anfangen! Wann geht es los?«

Da stand er vom Stuhle auf. Er war blaß wie ein Gestorbener. Er murmelte erst Etwas wie ein Stoßgebet, das ein Ertrinkender noch hervorgurgelt, dann begann er:

»Wie jede Rose ihre Dornen trägt,
     Hat auch die Ehe ihre stillen Leiden.
Die Eine kratzt und beißt; die And're schlägt;
     Die Dritte schmollt; die Vierte spricht vom Scheiden.«

Er wurde unterbrochen. Frau Barbara nämlich holte tief Athem und rief im Tone der Erleichterung:

»Kratzt und beißt! Ah! Also ein Toast Alter?«

»Ja,« antwortete er.

»Du warst nicht verrückt?«

»Gott bewahre!«

»Na, dem Himmel sei Lob und Dank! Nun ist Alles gut! Ich hatte jetzt vor dem Toaste Angst; das ist aber vorbei. Rede nur weiter. Wenn Du auch stecken bleibst! Das hat nichts zu sagen. Wir sind ja unter uns!«

Das machte ihm Muth. Er fand auf einmal seine ganze Fassung wieder und fing von vorn an:

»Also - wie jede Rose ihre Dornen trägt,
     Hat auch die Ehe ihre stillen Leiden.
Die Eine kratzt und beißt; die And're schlägt;
     Die Dritte schmollt; die Vierte spricht vom Scheiden.
Der Fünften brennt der Braten immer an;
     Die Sechste kann den Tabak nicht erriechen.«

»Aha!« fiel die Försterin ein. »Ich dachte, damit wäre ich gemeint, Alter!«


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»Unsinn! Unterbrich mich nicht! Ich komme sonst ganz aus der Schnurre!«

»Hat nichts zu sagen! Du fängst von vorne an!«

»Das geht nicht, denn da geht der ganze Eindruck eines so schönen Gedichtes verloren. Also weiter:

'Der Fünften brennt der Braten immer an;
     Die Sechste kann den Tabak nicht erriechen;
Die Sieben zankt und keift, daß sich der Mann
     Vor Angst möcht' unter's Kanapee verkriechen.
Die Achte tritt die Schuhe alle schief;
     Der Neunten macht das Scheuern nur Entzücken.
Die Zehnte greift in's Portemonnaie zu tief.
     Die Elf kann keinen Hosenknopf anflicken.'«

Da lachte Engelchen, die Braut, laut auf und sagte:

»Also das war es, was ich unterwegs zu hören bekam? Das hilft zum Pantoffelregiment?«

»Ja,« lachte auch er, und dann fuhr er fort:

»Die Zwölfte leidet an dem bösen Blick;
     Die Dreizehnte zertöppert alle Flaschen;
Die Vierzehnte hat niemals das Geschick,
     Wenn sie 'was beißt, geschwind den Floh zu haschen.«

»Na, na, na,« warnte lächelnd der Pastor.

»Ach was!« erklang es. »Wir sind ja unter uns. Nur immer weiter!«

Wunderlich fühlte von seiner Seekrankheit nicht das Geringste mehr. Er sprach weiter:

»Die Fünfzehnte schnarcht viel zu laut im Schlaf,
     Die Sechzehn macht dem Mann zu viele Lügen,
Die Siebzehn ist ein altes, gutes Schaf,
     Doch heimlich schnupft sie Tabak mit Vergnügen.
Die Achtzehnte ist allen Männern gut,
     Die Neunzehn schnattert gern mit alten Schicksen.«

»Jetzt kommt's! Jetzt ist's da!« rief Frau Barbara. »Das also war es! Weiter, Alter!«

Er flüsterte ihr leise zu.

»Nun halte endlich den Schnabel, sonst bringst Du mich noch aus der Reihe!«

Und laut fuhr er fort:

»Die Zwanzig braucht stets einen neuen Hut,
     Die Einundzwanzigste will nie die Stiefel wichsen.
Die Dreiundzwanzig putzt den Ofen niemals aus,
     Die Vierundzwanzigste thut sich mit Beersaft schminken,
Die Fünfundzwanzigste guckt gern zum Fenster 'naus,
     Die Sechsundzwanzigste scheint heimlich Schnaps zu trinken,
Die Sieben - - - -«

Er hielt inne. Sein Blick war auf den Eingang gefallen. Dort stand Einer, der unbemerkt eingetreten war und ihm längst zugehört hatte.

»Hollah!« rief er. »Mit meinem Toast ist es aus! Was gehen mich


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die Weiber an! Sie mögen leben, wie sie wollen, dreimal hoch oder sechzig mal hoch, mit oder ohne Vivat! Dort steht Einer, den ich hoch leben lasse, und zwar tausendmal hoch, nämlich der Vetter Arndt! Schaut hin!«

Es war wirklich der Vetter Arndt, welcher dort stand, seinen Blick über die Versammlung gleiten lassend. Alle standen auf. Der Bräutigam aber rief:

»Nicht Vetter Arndt! Ich will Euch sagen, wer dieser Herr ist. Er ist der Fürst des Elendes, dem wir Alles zu verdanken haben!«

Der Eindruck, den diese Worte machten, war ein großer. Alle traten auf den Fürsten zu. Jeder wollte ihm die Hand geben und getraute es sich doch nicht. Er aber streckte ihnen freundlich beide Hände entgegen und drückte alle Finger, die zwischen die seinigen kamen. Sein Gesicht glänzte vor Genugthuung. Er sah ja, welche aufrichtige Achtung, Liebe und Dankbarkeit ihm entgegengebracht wurde.

Es dauerte einige Zeit, bis die Aufregung, welche sein Erscheinen hervorgerufen hatte, sich legte, und nun konnte er mit Eduard sprechen.

»Ich habe Deinen Brief erhalten und bin gekommen, mich mit Euch zu freuen. Habt Ihr einen Platz für mich?«

»O, den ersten Platz, den besten Platz, den es giebt!«

Und eilig wurde ihm ein Stuhl ganz obenan zwischen das Brautpaar gesetzt. Eduard sagte einige leise Worte zu einem der Gäste, und diese Worte gingen heimlich in der ganzen Runde herum:

»Du, er ist ein wirklicher Fürst; er nennt sich nicht nur so. Er ist der Fürst von Befour, wohnt in der Residenz und hat viele, viele Millionen. Welche Ehre, daß er zu uns kommt und sich zu uns setzt!«

Als des Fürsten Blick auf einige Nebentische fiel, auf denen die Hochzeitsgeschenke lagen, sagte er:

»Ich sehe, daß die Gäste nicht ohne Gaben gekommen sind; da auch ich Gast bin, darf das Brautpaar auch ein Geschenk von mir erwarten. Hier gebe ich es Ihnen, liebe, junge Frau. Ihr Mann hat es redlich verdient.«

Er zog ein zusammengefaltetes Papier hervor und gab es ihr. Sie war verlegen. Durfte sie es lesen, oder mußte sie damit warten. Der alte Wunderlich, der selbst neugierig war, was das Papier enthalten werde, sagte zu ihr:

»Na, Engelchen, aufgemacht und gelesen! Wir Alle wollen auch hören, ob sich der einstige Vetter Arndt nobel gemacht hat!«

Jetzt faltete sie es auseinander und las. Ihre Hände begannen zu zittern. Konnte Sie es glauben? Sie reichte den Zettel ihrem Bräutigam hin. Als sein Auge auf die Zeilen fiel, erbleichte er, aber vor freudigem Schreck.

»Durchlaucht,« rief er, »das ist unmöglich!«

»Warum denn?«

»Es ist zu viel!«

»Pah! Ich sagte ja bereits, daß Du es verdient hast!«

»Aber wissen Sie denn wirklich, daß - - -«


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»Bitte keine Einrede! Es ist Dein.«

Da traten dem jungen Manne die Thränen in die Augen. Er streckte dem Fürsten beide Hände hin und sagte unter lautem Schluchzen:

»Nun ja, ich weiß, daß ich es nicht zurückweisen kann. Ich muß und will es also auch annehmen; aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es Allen zu Gute kommen soll, die bei mir Arbeit suchen. Ich will es betrachten als eine Casse, mir von Gott geschenkt, in welche ich nur greifen darf zum Wohle meiner Arbeiter und meiner Mitmenschen.«

Und sich dann an die Versammlung wendend, fuhr er fort:

»Ich kann es nicht verschweigen; ich muß es Euch Allen sagen, denn das Herz läuft mir über. Um das Geschäft Seidelmanns zu übernehmen, fortzuführen und zu erweitern, und um das Grundstück zu kaufen, war eine große Summe nöthig. Durchlaucht hat mir nach und nach über zwanzigtausend Gulden geborgt. Hier nun quittirt er mir, er schenkt mir also diese Summe, die ein wirkliches Vermögen ist. Ich nehme es an, weil ich nun im Stande bin, hier in unserer armen Gegend wohlzuthun und mitzutheilen, wo es nöthig ist. Euch Allen soll es zu Gute kommen; Ihr Alle schuldet ihm also Dank. Diesen Dank wollen wir ihm bringen, indem wir uns zu den Worten bekennen, welche Vater Wunderlich sprach, als er in seinem Toaste unterbrochen wurde. Seine Durchlaucht der Fürst von Befour soll leben, einmal hoch - zweimal hoch - zum dritten Male hoch!«

Da klangen die Gläser zusammen, und Alle stimmten von ganzem Herzen in das dreimalige Hoch ein. Es war nur Bier, was sich in den Gläsern befand, aber desto aufrichtiger war das Vivat gemeint.

Nach einiger Zeit freilich winkte der Fürst den Wirth zu sich und sprach einige leise Worte mit ihm. Der Wirth ging und kehrte bald zurück, gefolgt von seinem ganzen Personale - er brachte Wein.

Die Meisten der Anwesenden hatten noch niemals Wein getrunken, und als dann die Gläser gefüllt waren und zusammenklangen, bemächtigte sich der Versammlung bald eine Stimmung, wie sie eben nur vom Safte der Reben hervorgebracht werden kann.

Es wurden Toaste gebracht auf alles Nah- und Fernliegende, auf alles Mögliche und Unmögliche. Dabei erinnerte man sich auch an den unterbrochenen Toast des Försters. Der Lehrer meinte:

»Herr Förster, jetzt müssen Sie wieder anfangen!«

»Nein, nein!« meinte die Mutter des Bräutigams. »Er darf nicht; er hat uns getäuscht!«

»Wieso?« fragte Wunderlich.

»Sie wollten uns Frauen loben, aber Sie haben gerade das Gegentheil gethan!«

»Na, das war doch nur die Einleitung!«

»Wenn das die Einleitung ist, so danke ich. Wie soll es dann erst später werden!«

»Da bringe ich alle Tugenden der Frauen. Horcht nur!«


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Er erhob sich und wollte declamiren.

»Nein,« sagte auch Frau Barbara, »jetzt sind wir nicht mehr so allein wie vorher!«

»Aber,« antwortete er eifrig, »schütte doch das Kind nicht mit dem Bade aus! Höre doch wenigstens wie der eine Vers lautet:

So Eine ist des Mannes größter Schatz,
     Den hält er fest für's ganze Erdenleben.
An seinem Herzen ist ihr schönster Platz,
     Und ihre Liebe ist sein einzig Streben.

»Ist das etwa auch getadelt?«

»Ja, nachdem Du Sechsundzwanzig getadelt hast, bringst Du endlich einmal Eine, über die Du etwas Gutes sagst.«

»Nein, Alle bringe ich. Ihr kommt Alle daran. Ich habe einen Vers über jede Einzelne.«

»Auch über mich?«

»Ja, freilich.«

»Den möcht ich hören!«

»Na, gleich! Er lautet:

Die Barbara wohnt auf der Försterei,
     Die Straße führt ganz nahe dran vorbei;
Sie kocht dem Förster nur Kartoffelbrei
     Und ist auch stets recht wunderlich dabei.

Ist das nicht gut gesagt? Ist das nicht die reine Wahrheit?«

Alle lachten; sie auch mit; aber sie streckte doch beide Hände abwehrend gegen ihn aus und sagte:

»Wenn Du nichts Besseres von mir und von uns zu sagen hast, so schweige lieber! Wer hat denn das Gedicht gemacht?«

»Ich und der Herr Lehrer.«

»Ah, so! Darum also sprachst Du wohl von dem Kranze aus Lorbeerblättern und Pfefferkörnern?«

»Ja, darum.«

»Na, so mag sich der Herr Lehrer die Lorbeerblätter nehmen, Du aber wirst die Pfefferkörner bekommen, und zwar gleich, sobald wir nach Hause kommen!«

Alle lachte. Der Alte aber wendete sich in nachgemachter Traurigkeit an den Lehrer:

»Einmal gedichtet und nicht wieder! Ich bitte Sie, helfen Sie mir aus der Patsche. Ich will Ihnen den ganzen Ruhm lassen. Nehmen Sie die Lorbeerblätter und auch die Pfefferkörner dazu!«

So wurde gescherzt und gelacht, gesungen und endlich sogar getanzt. Der Fürst selbst eröffnete den Reigen mit der Braut; dann, als dieselbe den nächsten Reigen mit ihrem Eduard beendet hatte, schmiegte sie sich innig an ihn, blickte liebevoll zu ihm auf und sagte:

»Weißt Du, hier in demselben Saale war es.«

»Was?«


// 2147 //

»Zu Fastnacht!«

»Ach ja, die Maskerade. Du als Italienerin!«

»Damals war ich sehr unvorsichtig; ich werde es im ganzen Leben nicht vergessen. Hättest Du mich nicht gerettet, wer weiß, wie es heute mit mir stände!«

»Vergessen wir das, Engelchen! Er hat seine Strafe, und wir wollen uns das Glück nicht durch solche Erinnerungen trüben.«

Der Fürst war der Erste, der sich zurückzog. Er hatte die Gastfreundschaft Hausers acceptirt und wurde von diesem nach Hause begleitet, während Engelchen vorausgeeilt war, um eine Stube in Stand zu setzen.

Der alte Förster amüsirte sich so gewaltig, daß er sich nur schwer zu trennen vermochte. Es war weit nach Mitternacht, als seine Barbara ihn endlich überredete, mitzukommen, morgen sei ja auch noch ein Tag. Als sie das Dorf hinabgingen, sagte er:

»Schau, Bärbchen, wie hell der Mond scheint! Da brauchen wir den Umweg auf der Straße gar nicht zu machen. Wir gehen den Waldpfad, der gleich stracks zur Försterei führt.«

Sie war einverstanden. Sie fürchtete sich nicht. Sie hätte sich auch nicht gefürchtet, wenn sie diesen Weg jetzt bei Nacht hätte allein gehen müssen. Wer so lange Jahre im Walde wohnte, der wird vertraut mit allen Schatten desselben.

So schritten sie still hinter einander her. Sie hatten bereits drei Viertheile des Weges hinter sich und wollten eben über einen Querweg gehen, als der Alte plötzlich stehenblieb und aufmerksam horchte.

»Was ist's?« flüsterte sie.

Er faßte sie bei der Hand.

»Pst, leise, leise! Komm zurück, da hinter diese buschige Kiefer; aber schnell, schnell!«

Er drückte sie hinter den dichten Zweigen nieder und kauerte sich neben sie hin.

»Ich hörte da rechts drin einen Fuß über eine Wurzel stolpern,« raunte er ihr zu.

»Wer weiß, was es gewesen ist!«

»O, dieses Geräusch weiß Unsereiner von jedem Anderen zu unterscheiden. Horch!«

»Wahrhaftig, es kommt Einer!«

»Nein, es sind Zwei.«

Die Schritte näherten sich. Gerade vor der niedrigen, aber dichten Kiefer, hinter welcher das alte Ehepaar steckte, kreuzten sich die beiden Pfade. Dadurch entstand am Kreuzungspunkte ein offenes Plätzchen, in welches das Licht des Mondes zu dringen vermochte. Und gerade da blieben die beiden Kommenden stehen. Der Förster konnte ihre Gesichter sehen und auch ihre Worte hören, obgleich sie nicht laut, sondern mit gedämpfter Stimme sprachen.

»Hm!« sagte der Eine. »Ich glaube, ich bin irre.«


// 2148 //

»Das wäre dumm! Es wird bald Tag, und wir dürfen nur des Nachts hin. Wir verlieren dadurch einen Tag.«

»Leider! Ich muß mich besinnen.«

»Ich denke, Sie kennen die Gegend?«

»Freilich kenne ich sie; aber man irrt sich doch einmal. Hierher kommen wir. Grad aus geht es nach der Försterei, an welcher wir vorüber müssen, wenn wir nach dem Zechenhäuschen wollen.«

»Daß wir auch nicht eher mit dieser verteufelten Strickleiter fertig wurden! Wir konnten längst wenigstens das Geld aus dem Schachte geholt haben!«

»Na, dazu haben wir noch Zeit, ehe es Tage wird. Ich besinne mich. Wir sind auf dem richtigen Wege. Also hier weiter, immer gradaus!«

Sie gingen in derselben Richtung weiter.

»Wer war das?« fragte die Försterin.

»Komm schnell, schnell!« antwortete er, ihren Arm ergreifend und sich mit sich fortziehend.

»Herrgott, was giebt's denn? Warum diese Eile?«

»Das sage ich Dir unterwegs. Nur vorwärts, bis der Weg wieder breiter wird!«

Als sie diese Stelle erreicht hatten und nun neben einander gehen konnten, sagte er:

»Hast Du den Einen, den Langen, erkannt?«

»Nein.«

»Der fromme Seidelmann.«

»Gott stehe uns bei!«

»Ja. Er steht in den Blättern. Zweitausend Gulden für ihn, und ebensoviel für den Andern!«

»Willst Du ihn etwa fangen?«

»Natürlich!«

»Du, das wage ja nicht!«

»Warum denn nicht?«

»Die werden sich wehren!«

»Wollen sehen, ob sie etwas vermögen. Wollen sehen, ob die beiden Burschen zu Hause sind. Leider wollten sie nach dem Haingrunde, der Holzdiebe wegen, die jetzt dort ihr Wesen treiben. Lauf nur, lauf! Ich darf nicht zu spät kommen. Ich muß eher dort sein, wie sie.«

»Wo denn?« fragte sie, ganz athemlos neben ihm her eilend.

»Nach dem Zechenhäuschen natürlich. Es muß von der Pascherzeit her dort Geld und noch Anderes stecken, was sie holen wollen.«

»Da sind Sie aber doch auf falschem Wege!«

»Freilich! Und das ist gut. Der Seidelmann hat sich doch geirrt. Sie müssen an unserem Hause vorüber, sind aber auf dem falschen Pfade fortgegangen. Sie gerathen viel zu weit links in den Wald hinein, und ehe sie dies merken, bin ich bereits beim Schachte.«


// 2149 //

Jetzt mündete der Pfad auf die Straße, welche an der Försterei vorüberführte. Sie sahen das Haus liegen und hörten zugleich abermals Schritte und die Stimmen zweier Männer, welche laut mit einander sprachen.

»Wer mögen diese sein?« fragte Barbara.

»Jedenfalls ehrliche Leute! Sie gehen auf der Straße und sprechen laut. Das thun keine Spitzbuben. Komm!«

Sie gingen weiter, über die Straße hinüber, auf das Försterhaus zu. Sie sahen die beiden Männer, welche näher kamen und vorüber wollten.

»Wer kommt denn da?« fragte der Eine von ihnen. »Ich glaube gar, das ist unser Förster!«

»Ja, ich bin's,« antwortete der Genannte.

»So lange sind Sie geblieben? Wir haben meinen Bruder nach Hause geführt!«

»Ah, Sapperment, Sie sind es, Wilhelmi?« fragte der Alte. »Und Sie, Schulze? Sie kommen mir wie gerufen!«

Es war der Musterzeichner Wilhelmi, der Bruder des Müllers, bei dem damals die Pascher gefangen worden waren, und Schulze, welcher als Hundejunge im Kohlenschachte beschäftigt gewesen war. Beiden hatte der Fürst des Elendes damals Wohlthat erwiesen. Sie waren mit dem Müller auch zur Hochzeit Hausers und Engelchens gewesen, aber eher aufgebrochen als der Förster. Sie hatten den Müller, dessen Wohnung ja im Walde lag, nach Hause begleitet, und befanden sich jetzt auf dem Rückwege nach ihren Wohnungen.

»Wir kommen wie gerufen?« fragte Wilhelmi. »Wieso?«

»Wollen Sie sich Geld verdienen? Viel Geld?«

»Gern, wenn es in Ehren geschehen kann.«

»In allen Ehren. Wir haben soeben den frommen Seidelmann im Walde getroffen.«

»Ist's wahr? Ist's möglich?« fragten Beide zu gleicher Zeit.

»Und ich will sie fangen.«

»Geht das an?«

»Sehr leicht. Ich weiß, wohin sie wollen. Nämlich nach der alten Zeche. Meine Burschen werden leider nicht daheim sein, und allein möchte ich es doch nicht wagen. Leute zu holen, dazu ist es zu spät? Wollen Sie mitgehen?«

»Ja, gern! Das Geld kann man sich verdienen.«

»Gewiß. Ich werde sie bewaffnen.«

»Denken Sie, daß dies nöthig ist?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Man muß sich für alle Fälle vorsehen. Ich nehme überdies meinen großen Hund, den Saupacker mit. Da brauchen wir nichts zu fürchten.«

Sie eilten die wenigen Schritte zur Försterei. Die Thür war verschlossen und mußte mit dem Hausschlüssel geöffnet werden.

»Mache schnell Licht, Alte!« sagte der Förster. »Aber nur in einer Laterne, die wir mitnehmen.«


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»Warum nicht die große Lampe?«

»Wenn die beiden Kerls einsehen, daß sie den falschen Weg haben, werden sie umkehren und hier vorüberkommen. Sie dürfen hier kein Licht sehen. Sie müssen denken, daß hier Alles schlafe. Darum mußt Du im Dunkeln bleiben, wenn wir fort sind. Aber Du gehst nicht zu Bette. Wir werden sie hierher bringen, wenn wir sie ergriffen haben.«

Die Laterne wurde angebrannt. Wilhelmi und Schulze erhielten Jeder ein geladenes Gewehr und ein Messer; dann löschte der Alte, nachdem er sich auch bewaffnet hatte, die Laterne wieder aus. Es war eine kleine Blendlaterne, welche er an den Gurt seines Hirschfängers hing. Dann gingen die Drei fort, nachdem der Alte den Saupacker losgebunden hatte. Frau Barbara mahnte zur Vorsicht und schloß die Thür zu.

Unterwegs wurde kein Wort gesprochen. Die Beiden, welche den Weg nicht so Schritt für Schritt kannten, wie der Alte, hatten Mühe, ihm zu folgen.

Sie erreichten endlich eine große Lichtung, in welcher sich eine sehr hohe Schutthalde erhob. Auf derselben stand ein altes, morsches Zechenhäuschen über dem Mundloche des Schachtes, in welchem vor langer, langer Zeit auch Silber gegraben worden war. Der Schacht war nicht ganz zugefüllt worden, da ja das Häuschen darüber stand und also ein Unglück nicht geschehen konnte.

Die Halde trat an der hinteren Seite aus dem Berg heraus, fiel vorn und rechts nur langsam, links aber außerordentlich steil ab, so daß es da gefährlich war sie erklimmen zu wollen. Sie war nicht nackt, sondern es hatte im Laufe der Zeit allerlei Buschwerk hier Platz gefunden, und auch oben auf ihrem Scheitel stand das Strauchwerk bis nahe an das Zechenhäuschen heran.

Der Förster führte die Beiden nach der vorderen Seite der Halde.

»Hier kommt man am Leichtesten in die Höhe,« sagte er.

»Sind die Kerls schon oben?«

»Nein. Sie waren auf einem falschen Wege.«

»Wenn Sie das aber bemerkt und sogleich den richtigen eingeschlagen haben? Da können sie bereits hier sein.«

»Das könnten sie in diesem Falle allerdings. Aber wir haben keine Zeit versäumt und sind kaum zwei Minuten lang bei mir in der Stube gewesen. Wir sind ihnen sicher voraus. Uebrigens würde mein Hund es längst gemerkt haben, wenn irgend Jemand da vor uns gegangen wäre.«

Jetzt begann erst die Schwierigkeit. Es führte kein eigentlicher Weg hinauf. Ueber wildes, taubes Gestein hinweg und zwischen Busch und Dorn hindurch mußten sie aufwärts klettern, doch kamen sie glücklich und auch verhältnißmäßig schnell oben an.

Der Förster schritt gleich auf das Zechenhäuschen zu. Das Schloß der Thür war längst verrostet und intact geworden. Die Thür lehnte nur an. Er öffnete sie und lauschte hinein. Es ließ sich nichts hören.

»Leuchten Sie doch hinein!« meinte Schulze.

»Fällt mir nicht ein. Da drin sind sie noch nicht. Wenn ich Licht


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machte, würde ich doch nur unsere Anwesenheit verrathen. Und selbst wenn ich es nur einen Augenblick lang brennen ließe, würden sie es sehen können.«

»Wo aber bleiben wir?«

»Im Gebüsch da hinter dem Häuschen. Diese Kerls haben nämlich eine Strickleiter mit. Sie wollen in das Loch hinabsteigen und etwas holen. Da überraschen wir sie. Ich freue mich wie ein Schneesieber auf den Schreck, der ihnen in die Glieder fahren wird, wenn sie sehen, daß sie erwischt sind. Kommen Sie!«

Er führte sie hinter die Holzhütte. Dort gab es Sträucher genug, sich zu verstecken.

»Machen Sie es sich bequem, damit Sie später kein Geräusch verursachen,« warnte der Alte. »Die beiden Kerls könnten sonst auf den Gedanken kommen, sich zu überzeugen, ob sie auch wirklich allein sind.«

»Sie können uns in den Sträuchern nicht sehen.«

»O, sie haben eine Laterne mit.«

»Wenn nur Ihr Hund uns nicht verräth.«

»Der? Fällt ihm nicht ein!«

»Wenn er bellt oder knurrt.«

»Sie sind eben kein Förster. Ein dressirter Hund knurrt nur dann, wenn er soll. Wenn ich ihn aber mit der Schnauze auf den Erdboden lege, so würde er keinen Laut von sich geben, selbst wenn man auf ihm herumtrampelte. Also jetzt still! Horchen wir!«

Es verging eine ziemlich lange Weile voller Erwartung. Endlich flüsterte der Förster.

»Da vorn hörte ich Steine rollen. Man kommt!«

Der Hund hatte es auch gehört. Er schlug mit dem Schwanze auf den Erdboden.

»Still, Pluto!« gebot der Alte. »Keinen Laut!«

Das Geräusch von rollenden Steinen kam näher. Der Mond beleuchtete hell die vom Gebüsch freien Stellen der Haldenplatte. Daher sahen die drei Lauscher jetzt ganz deutlich am Rande derselben die beiden Kommenden auftauchen und dort, um sich zu verschnaufen, stehen bleiben.

»Verfluchte Kletterei!« sagte der alte Apotheker. »Unsereiner ist solche Spaziergänge gar nicht gewöhnt.«

»Ich auch nicht!« brummte Seidelmann.

»Ich denke, Sie sind sehr oft hier oben gewesen?«

»Sehr oft nicht, nur einige Male.«

»Gehen wir sogleich an's Werk?«

»Ja. Vorher aber wollen wir sehen, ob es hier oben auch recht geheuer ist.«

»Pah! Wer soll da sein! Niemand!«

»Man kann nie zu vorsichtig sein. Es giebt in dieser Gegend Pascher und Holzdiebe die schwere Menge; daher schweift das Aufsichtspersonal selbst bei Nacht im Walde herum. Es ist gar keine Unmöglichkeit, daß so ein Kerl


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auf den Gedanken kommt, sich einmal eine Extramotion zu machen und hier herauf zu steigen.«

»Danke sehr!«

»Gehen wir also einmal um das Häuschen herum.«

»Die Laterne anbrennen?«

»Unsinn! Von einer solchen Höhe leuchtet sie weithin. Das wäre doch gefährlich! Wir können sie erst anstecken, wenn wir uns im Innern dieser Bude befinden.«

»Es ist unheimlich hier!«

»Ja, ein Pläsir ist es nicht, hier herum zu kraxeln.«

»Wenn doch Jemand hier wäre!«

»Mit Einem nehmen wir es auf!«

»Aber wenn er ein Gewehr hätte? Wir haben nur die Messer. Horch! Was war das?«

»Nichts. Ein Stein, welcher rollte.«

»Sollte Jemand kommen?«

»Schwerlich! Es ist ein Stein von uns gelockert worden, und der ist dann hinabgerollt. Also vorwärts!«

Sie gingen um das Zechenhäuschen herum und kamen so hart an dem Förster vorüber, daß dieser sie an den Beinen hätte fassen können. Der Hund bewegte sich nicht und gab auch keinen Laut von sich. Als die beiden Flüchtlinge den Rundgang beendet hatten, blieben sie stehen, und Seidelmann sagte:

»Es ist Niemand hier. In einer Stunde graut der Morgen; da müssen wir fertig sein.«

»Wer klettert hinab? Sie?« fragte Horn.

»Alle Beide.«

»Ich denke, Einer muß die Strickleiter halten?«

»Sie hätten eben das Geschick und die Kraft, mich zu halten! Die Leiter wird am Balken befestigt. Wir müssen Beide hinab. Einer allein bringt den Stein nicht heraus.«

»Welcher Stein?«

»Das ist nämlich so: Der Schacht ist nur noch ungefähr gegen vierzig Fuß tief; bis so hoch aber ist er zugeschüttet. Mein Bruder, Gott habe ihn selig, ist mit seinem Sohne hinuntergeklettert und hat da unten einen kleinen Seitengang ausgegraben, ungefähr zehn Fuß lang. Der Eingang in denselben ist nur so groß, daß gerade ein Mensch hineinzukriechen vermag, und ist mit einem schweren Steine verschlossen. Dieser aber hat ein solches Gewicht, daß nur zwei Personen ihn zu entfernen vermögen. Also müssen Sie auch mit hinab.«

»Und in diesem kleinen Seitengange steckt das Geld, welches Sie suchen?«

»Ja. Geld und allerhand Waaren, welche keinen großen Raum einnehmen.«


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»Verdammte Geschichte! Da hinab! Es hat mich stets vor Bergwerken gegraust. Das Wort Schacht hat stets einen Beigeschmack von Hölle für mich gehabt. Da lobe ich mir doch das Licht des hellen Tages!«

»Aber gerade dieses müssen wir jetzt scheuen. Kommen Sie!«

»Gut! Wenn es sein muß. Dann aber, wenn wir hier fertig sind, gehen wir direct über die Grenze.«

»Wenn es möglich ist, ja.«

Sie traten in das Häuschen. Man hörte die Stimme Seidelmann's, welcher warnend sagte:

»Treten Sie ja nicht zu weit vor! Das Mundloch ist offen. Wenn Sie hinabstürzen, sind Sie verloren. Machen Sie die Thür zu, damit Niemand das Licht bemerken kann.«

Jetzt flüsterte der Förster seinem Gefährten zu:

»Kriechen wir jetzt zum Gebäude hin, aber leise, so daß sie es nicht hören. Wir müssen sehen, was sie machen. Die alten Bretter sind morsch. Es giebt Löcher und Ritzen genug, durch welche wir hineinsehen können. Sollten sie aber unerwartet wieder heraus kommen, dann müssen wir augenblicklich in das Gebüsch zurück.«

Indem sie also leise vorwärts krochen, hörten sie das Anstreichen eines Zündholzes und zwischen den von der Witterung auseinander getriebenen Brettern der Holzwand sah man den Lichtschein der angebrannten Laterne. Zugleich hörte man den Apotheker sagen:

»Das ist ein Schachtloch. Ein wirklicher Eingang in die Unterwelt. Wären wir nur erst wieder heraus!«

»Fürchten Sie sich wirklich?«

»Offen gestanden, ja.«

»Auch mir ist es unheimlich. Aber wir müssen eben doch hinab. Uebrigens ist es eigenthümlich, uns zu fürchten, nachdem wir bereits in der Unterwelt gewesen sind.«

»Wieso denn?«

»Na, waren wir denn nicht todt?«

»Ach so! Ja, das war ein Geniestreich, wie ihn so leicht Keiner wieder ausführt. Was mögen die Herren gesagt haben, als die Todten verschwunden waren!«

»Ihr Anblick muß köstlich gewesen sein. Geben Sie jetzt die Strickleiter her!«

Der Apotheker hatte die Leiter getragen. Sie war aus festen, starken, hanfenen Leinen gefertigt, haltbar, aber nicht kunstgerecht, so daß leicht zu erkennen war, daß die Beiden selbst die Verfertiger seien.

»Hier ist ein Balken,« meinte der fromme Schuster, »an welchem wir sie befestigen.«

Die Lauscher sahen, daß er die Leiter mit großer Sorgfalt festband und dann mit aller Kraft daran zog, um ihre Festigkeit zu prüfen; dann ließ er sie langsam in das Schachtloch hinabgleiten.


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»Jetzt hinab,« meinte er dann. »Ich steige voran.«

»Und ich warte, bis Sie unten sind, ehe ich nachkomme.«

»Da würden Sie nichts sehen können, weil ich die Laterne mitnehme. Sie müssen also gleich hinter mir her!«

»Hält die Leiter uns Beide?«

»Ganz sicher.«

»Alle Teufel! Wenn sie reißen sollte!«

»Das thut sie nicht.«

»Aber möglich ist es doch! Schrecklicher Gedanke! Wir stäken denn mit der Leiter unten und könnten nicht herauf. Wir müßten elend verhungern, verdursten und verschmachten, langsam zwar aber sicher.«

»Jammern Sie nicht! Jetzt heißt es, hinab. Wenn Sie oben bleiben wollen, so bleiben Sie; aber Sie können dann eben nichts bekommen!«

»Verfluchte Geschichte! Na, so steigen Sie; ich komme sogleich nach. Unkraut geht nicht so schnell zu Grunde!«

Sie verschwanden im Loche, erst Seidelmann und dann hinter ihm der Apotheker.

»Was thun nun wir?« flüsterte Wilhelmi dem Förster zu.

»Wir könnten Vielerlei thun,« antwortete dieser. »Denken Sie sich den Schreck für sie, wenn ich jetzt die Strickleiter oben durchschnitte!«

»Sapperment, ja!«

»Wir hätten sie ganz sicher und könnten sie zwingen, Alles zu gestehen, sonst ließen wir sie nicht heraus.«

»Wollen wir?«

»Nein, das ist unmenschlich. Sie würden Höllenqualen ausstehen. Ich bin ihr Richter nicht. Wir warten einfach, bis sie wieder oben sind.«

»Und sie sich aber wehren können.«

»Das haben wir nicht zu befürchten. Wir haben ja gehört, daß sie nur Messer besitzen. Sobald sie oben angekommen sind, halten wir ihnen unsere drei Gewehrläufe entgegen, so müssen sie sich ergeben. Uebrigens ist ja der Hund da.«

»Gut. Aber, Herr Förster, wollen wir nicht einmal hineingehen in die Hütte?«

»Wozu?«

»Es müßte doch interessant sein, so hübsch von oben hinunter zu sehen, was sie machen.«

»Na, das können wir ja thun. Aber wir müssen uns hüten, ein Geräusch zu verursachen. Kommen Sie!«

Sie begaben sich leise nach der Thür und traten ein. Es war vollständig finster im Häuschen.

»Nehmt Euch auch in Acht,« meinte der Förster. »Bücken wir uns nieder. Wir müssen uns bis zum Loche tappen, um ja nicht hinabzustürzen.«

Sie erreichten und fühlten dasselbe. Dort legten sie sich auf die Erde nieder und blickten hinab. Unten stand die Laterne. Ihr Licht drang natürlich


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nicht herauf. Beim Scheine desselben waren die beiden Verbrecher beschäftigt, den erwähnten Stein zu entfernen. Er wich ihren vereinten Anstrengungen und nun entstand ein mannestarkes Loch, in welches der fromme Schuster hineinleuchtete.

»Ist etwas drin?« fragte der Apotheker.

Seine Stimme drang nur dumpf herauf.

»Ja,« antwortete Seidelmann.

»Hoffentlich auch das Geld!«

»Wenn nicht, so wäre es unangenehm für uns.«

»Wer kriecht hinein?«

»Ich. Aber warten wir noch einige Augenblicke. Die Luft da drin ist zu schlecht. Lassen wir sie erst nach oben ziehen.«

Die Laterne brannte wirklich, seit die Oeffnung frei geworden war, nicht mehr so hell wie vorher, ein sicheres Zeichen, daß da unten schlechte Luft vorhanden sei.

Die Beiden unten warteten schweigsam und die Drei oben blickten ebenso schweigsam hinab. Endlich meinte der einstige Schuster:

»Jetzt wird es gehen. Sie bleiben kurze Zeit im Finstern, denn ich nehme die Laterne natürlich mit hinein.«

Er kauerte sich nieder, streckte die beiden Arme mit der Laterne in das Loch und schob Kopf, Körper und Beine langsam nach. Nun war es unten dunkel, so daß die Lauscher nichts mehr zu sehen vermochten.

Aber bereits nach ungefähr fünf Minuten wurde es wieder hell. Seidelmann kam zurückgekrochen, mit den Beinen voran. Als er heraus war, hustete er tief und ängstlich auf und sagte:

»Fast wäre ich erstickt. Mein Kopf ist so schwer, als ob er von Blei sei.«

»Haben Sie das Geld?«

»Ja. Ich mußte ewig suchen.«

»Wieviel ist es?«

»Ich habe natürlich da drin nicht nachgezählt; es hätte mich diese Neugierde das Leben gekostet.«

»Dann jetzt.«

»Warum? Muß das gleich sein?«

»Wir haben ja Zeit.«

»Später noch viel mehr.«

»Aber besser ist's, man weiß, woran man ist!«

»Mißtrauen Sie mir etwa? Denken Sie vielleicht, daß ich Sie betrüge?«

»Sie haben gesagt, daß wir theilen werden. Wie nun, wenn Sie nicht Alles haben, wenn noch ein Theil des Geldes da in dem Loche steckt?«

»Ich habe Alles. Wir können oben oder unterwegs, wenn es hell geworden ist, besser theilen als hier. Jetzt machen wir hier wieder zu.«

»Das ist nicht nöthig.«

»Oho! Warum nicht?«


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»Wir kommen doch nicht wieder hierher.«

»Das kann man gar nicht wissen. Es giebt da drin noch mancherlei Werthvolles, was man sich später holen kann. Und selbst wenn wir nicht wieder herkommen sollten, so gönne ich diese Sachen doch keinem Anderen. Man kann doch einmal auf die abenteuerliche Idee kommen, hier herabzuspringen; dann würde man Alles finden und das halte ich keineswegs für nöthig. Da, helfen Sie! Der Stein muß unbedingt wieder an seine Stelle.«

Sie schoben den Stein mit ziemlicher Anstrengung wieder in die Oeffnung; dann sagte der Schuster:

»Ich steige voran und Sie folgen nach!«

»Warum?«

»So sind wir ja auch herabgestiegen.«

»Ach so! Und Sie nehmen natürlich auch die Laterne mit sich nach oben?«

»Ja.«

»Danke sehr, mein bester Herr Seidelmann! Darauf gehe ich nun freilich nicht ein.«

»Aus welchem Grunde denn?«

»Ich bin klug genug, Ihre Absicht zu durchschauen!«

»Ich begreife nicht, was Sie meinen.«

»Verstellen Sie sich nicht und nehmen Sie die Hand aus der Tasche, in welcher Sie das Messer haben. Sehen Sie, ich halte das meinige schon in der Hand. Meine Klinge sitzt Ihnen zwischen den Rippen, noch ehe Sie die Ihrige gebrauchen können.«

»Sie sind des Teufels!«

»Heraus mit der Hand, sage ich!«

Der Apotheker sagte das so laut und in so drohendem Tone, daß Seidelmann, welcher überhaupt mehr Hinterlist als Muth besaß, gehorchte. Er sagte im Tone der Verwunderung:

»Aber was haben Sie denn eigentlich?«

»Was ich habe? Verdacht habe ich! Ich kenne Sie gut genug, um Sie zu durchschauen.«

»Ich glaube, Sie phantasiren! Steigen wir empor! Droben werden Sie mir erklären, welchen Grund Ihr so plötzlicher Verdacht hat.«

Er griff nach der Strickleiter; aber der Apotheker hielt ihn schnell am Arme zurück und sagte:

»Halt! Ich steige voran!«

»Aber, zum Donnerwetter, warum denn?«

»Wir haben bisher von meinem Gelde gelebt, nicht wahr, mein bester Herr Seidelmann?«

»Ja doch.«

»Auch bin ich es, mit dessen Hilfe Sie aus dem Gefängnisse zu entkommen vermochten.«

»Das gebe ich ja ganz gern zu.«


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»Schön! Jetzt nun wollen Sie mich belohnen. Bisher haben Sie mich gebraucht, nun aber nicht mehr, weil Sie selber Geld haben. Um nicht mit mir theilen zu müssen, wollen Sie voransteigen.«

»Ich will ja theilen!«

»Warum dann nicht hier?«

»Weil wir später mehr Zeit und bessere Gelegenheit haben.«

»Nein, sondern weil Sie später überhaupt gar nicht mit mir zu theilen brauchen.«

»Ich kann Ihnen doch nicht ausreißen!«

»Nicht? Sie werden jetzt, wenn ich so dumm bin, es zuzugeben, voransteigen. Oben angekommen, durchschneiden Sie im Nu die Strickleiter, und ich stürze herab und verschmachte elendiglich. Sie aber gehen mit dem Gelde fort und lachen sich ins Fäustchen.«

»Welche Idee!«

»Eine ganz richtige Idee. Passen Sie einmal auf!«

»Donnerwetter!« rief Seidelmann. »Was fällt Ihnen denn eigentlich ein!«

Der Apotheker war ihm nämlich blitzschnell mit der Hand in die Tasche gefahren und hatte dieselbe ebenso schnell wieder zurückgezogen. Er antwortete lachend:

»Ihr Messer habe ich Ihnen genommen. Nun habe ich zwei, Sie aber sind waffenlos. So vermeide ich einen Kampf, zu dem ich zwar entschlossen war, falls Sie mir nicht nachgeben wollten, aus dem ich auch jedenfalls als Sieger hervorgegangen wäre, der mich aber doch immerhin eine Wunde hätte kosten können. Jetzt nun wollen wir verständig mit einander reden. Ich verlange Zweierlei und das werden Sie thun, sonst ersteche ich Sie!«

»Sie sind ein Satan!«

»Ich bin Ihr Bruder. Es hat Keiner etwas voraus. Also ich verlange zunächst, daß ich voranzusteigen habe.«

Erst nach einer Pause antwortete Seidelmann:

»Na, wenn Sie wirklich solchen Unsinn von mir denken, dann steigen Sie in drei Teufels Namen voran!«

»Und sodann wird bereits hier unten getheilt.«

»Werde mich hüten!«

»Da sehen Sie, wie gut ich Sie durchschaut habe!«

»Zum Theilen ist allemal noch Zeit.«

»Es muß aber hier geschehen, ich wünsche es! Verstanden?«

»Und wenn ich es nicht thue?«

»So stoße ich Ihnen die beiden Klingen in den Leib und nehme mir Alles. Darauf verlassen Sie sich.«

»Das wagen Sie nicht!«

»O doch!«

»Bedenken Sie, daß ich stärker bin als Sie!«

»Sie mögen vielleicht ein kleines Theil mehr Körperkraft als ich besitzen;


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aber Sie sind ein Hase. Ich habe mehr Muth, und ich habe Waffen, die Sie nicht haben. Uebrigens ist es Unsinn, mich mit Ihnen herumzustreiten. Meine Zeit ist kostbar. Ehe der Tag anbricht, muß ich hier fort sein. Machen wir es also kurz! Was wählen Sie: sofort das Geld theilen oder zwei Messerstöße?«

»Keines von Beiden!«

»So sprechen Sie sich selbst das Urtheil. Ich zähle bis drei. Haben Sie sich dann noch nicht entschieden, so sind Sie ein verlorener Mann. Also eins - zwei - dr - -!«

»Halt!« rief Seidelmann angstvoll, denn er sah, daß es dem Apotheker Ernst war.

»Na, was?«

»Theilen wir! Aber Ihre Hälfte mag Ihnen zum immerwährenden Fluche werden!«

»Pah! Ich werde sie sehr gut anzuwenden wissen. Dann wird sie zum Segen. Heraus mit dem Gelde!«

Seidelmann zog einen gefüllten Beutel aus der Hosentasche und sagte:

»Zählen wir also!«

»Ist das Alles?«

»Ja, natürlich!«

»Machen Sie auf! Ah, Silbergulden! Zählen Sie ab! Jedem allemal fünf Gulden. Wir haben keinen Platz.«

Es erhielt jeder fünfundzwanzig Gulden.

»Und das ist wirklich der ganze Schatz, den Sie da drin gehoben haben?« fragte der Apotheker.

»Der ganze.«

»Das machen Sie mir nicht weiß!«

»Ich schwöre es!«

»Halten Sie mich nur nicht für dumm genug, Ihrem Schwur zu trauen! Zeigen Sie Ihre Taschen!«

»Alle Teufel! Sie behandeln mich wie einen Spitzbuben!«

»Der sind Sie auch, und zwar ein riesengroßer!«

»Ich lasse es mir aber nicht gefallen!«

»Ganz gut; aber ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie ersteche, wenn Sie nicht thun, was ich will.«

»Treiben Sie es nicht zu weit. Ich habe Ihnen zwar meine Freiheit zu verdanken, aber meine Dankbarkeit kann doch nicht so weit gehen, mich in dieser Weise von Ihnen tyrannisiren zu lassen. Das ist zu stark!«

»Fangen Sie ja nicht an, den Muthigen zu spielen. Ich lache Sie doch aus, Sie feige Memme, Sie!«

»Geben Sie mir mein Messer!«

»Sie sollen es haben, nämlich in den Leib! Ich werde Ihnen jetzt in alle Ihre Taschen greifen. Lassen Sie sich das nicht gefallen, so mache ich


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kurzen Proceß. Ich werde mich Ihrer Dummheit und Schlechtigkeit wegen doch nicht etwa gar hier ergreifen lassen. Also her mit der Tasche!«

Er griff nach der Brusttasche Seidelmann's.

»Oho!« rief dieser. »Daraus wird nichts!«

»Gut! So fahre hin, alter Sünder!«

Er faßte ihn mit der Linken beim Genick und holte mit der Rechten zum Stoße aus. Der feige Schuster streckte vor Angst die Arme von sich und rief:

»Halt ein! Ich lasse es mir gefallen!«

»Das war Ihr Glück! Einen Augenblick später wären Sie eine Leiche gewesen!«

Er untersuchte nun, ohne Widerstand zu finden, die Taschen des Schusters und brachte einen zweiten, größeren Beutel und eine Brieftasche zum Vorschein.

»Sapperment! Gold!« sagte er, als er den Beutel geöffnet hatte. »Sie hatten das gute Theil für sich erwählt; aber es wird leider von Ihnen genommen werden. Und was ist in der Brieftasche?«

Seidelmann bemerkte in sehr bescheidenem Tone:

»Sie steckte in einer Blechkapsel, damit sie nicht modern sollte.«

»Schön! Ah! Banknoten! Eins - zwei - fünf - acht - in dem Beutel und der Brieftasche zusammen können sich ungefähr sechstausend Gulden befinden. Nicht?«

»Es ist mehr.«

»Ah, da haben Sie also schon hier drin in dem Loch nachgezählt. Famos! Jetzt, mein bester Herr Seidelmann, will ich Ihnen zeigen, wie nachsichtig und rücksichtsvoll ich bin. Sie wollten vorhin gern zuerst hinaufsteigen und ich gab es nicht zu. Jetzt erlaube ich es Ihnen gern. Steigen Sie also voran.«

»Warum? Ich denke, wir wollen theilen.«

»Später! Wir haben ja noch Zeit! So sagten Sie vorhin, und ich sehe ein, daß Sie Recht haben.«

»Ich hoffe doch, daß Sie keine schlechte Absicht hegen.«

»O nein. Ich will nur mein Bestes.«

»Das Ihrige?«

»Ja. Nehmen Sie mir das übel?«

»Ich verlange, daß getheilt werde!«

»Und ich verlange, daß Sie jetzt augenblicklich voransteigen, sonst helfe ich mit dem Messer nach!«

»Hätte ich mich nur nicht mit Ihnen eingelassen!«

»So stäken Sie noch im Gefängnisse. Also vorwärts!«

Die Lauscher hatten jedes Wort verstanden. Jetzt flüsterte der alte Förster:

»Zwei schreckliche Schurken! Schnell hinaus!«

Sie zogen sich schleunigst hinter die Thür zurück, welche sie anlehnten. Es blieb dennoch eine Lücke, durch welche man blicken konnte.


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»Kusch Dich, Pluto! Still, ganz still!« gebot Wunderlich seinem Hunde, und das verständige Thier streckte sich gehorsam auf den Boden nieder.

Jetzt in diesem Augenblicke stieg Seidelmann aus dem Mundloche. Er blieb hart an demselben stehen, bis auch der Apotheker heraus war. Dann sagte er:

»Jetzt werden wir die Strickleiter wieder losbinden.«

»Warum?« lachte Horn.

»Wir brauchen sie doch nicht mehr.«

»Ich nicht, aber doch Sie!«

»Warum?«

»Sie können wieder hinabsteigen und sich von den noch unten befindlichen Gegenständen holen. Denn Sie dürfen nicht denken, daß Sie von den Banknoten oder von dem Golde auch nur das Geringste bekommen!«

»Was? Wie? Wir theilen doch!«

»Wir haben bereits getheilt!«

»Nein!«

»Ja. Das Geld ist mein, und Alles, was noch unten ist, gehört Ihnen. Das ist doch getheilt.«

»Mensch! Auf diese Weise wollen Sie mich betrügen?«

»Ich bezahle Sie nur mit gleicher Münze. Sie wollten mich um meine Hälfte bringen und mich noch obendrein da unten verschmachten lassen. Jetzt nun betrüge ich Sie um die Ihrige, lasse Ihnen aber das Leben. Ich handle also sehr mild gegen Sie.«

»Und Sie meinen im Ernst, daß ich mir das gefallen lasse?«

»Ganz im Ernst.«

»Nun, da täuschen Sie sich doch! Ich verlange meine Hälfte und werde nicht ruhen, bis ich sie habe.«

»Sie werden sehr bald ruhen, denn mein Messer wird Ihnen eine Ruhe verschaffen, welche länger währen wird, als Ihnen lieb sein kann.«

»Hundsfott! Schurke!«

»Ganz so wie Sie, nur nicht gar so schlecht! Wir sind fertig mit einander, wir haben nichts mehr mit einander zu schaffen, gar nichts mehr. Nur eins will ich Ihnen noch sagen: Nämlich, ich gehe jetzt und verbiete Ihnen, mir zu folgen! Laufen Sie mir dennoch nach, so mache ich von meinen zwei Messern Gebrauch. Merken Sie sich das!«

»Hund! Ich werde Dir nachlaufen bis an's Ende der Welt. Ich will mein Geld haben, mein Geld!«

»Wage es doch! Versuche es doch! Leb wohl, alter Sünder! In der Hölle sehen wir uns wieder.«

Er wendete sich zum Gehen, aber im Nu hatte ihn Seidelmann beim Arme.

»Halt!« rief er. »Nicht fort! Keinen Schritt weiter!«

Da drehte der Apotheker sich wieder um, erhob den Arm zum Stoße und drohte:


Ende der neunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk