Lieferung 93

Karl May

5. Juni 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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Drittes Capitel

Ende gut, Alles gut!

 
Der Frühling war in's Feld gegangen und hatte dem Sommer Platz gemacht. Es waren längst die duftenden Blüthenflocken von den Bäumen gefallen, und an den Zweigen begannen die Früchte sich zu färben und zu runden.

In der Residenz gab es davon freilich nicht viel zu sehen. Da reiften jetzt andere Früchte, und zwar die Früchte, auf welche die Erwartung der ganzen Bevölkerung des Landes gerichtet war: die Früchte des Monstreprozesses gegen den Baron Franz von Helfenstein.

Es war an einem Vormittage, als Edmund von Randau eine Treppe emporstieg und an eine Thür klopfte, an welcher der Name 'Oberlieutenant von Hagenau' zu lesen war. Es dauerte eine Weile, ehe sich drin ein schnarrendes »Herein!« vernehmen ließ.

Als Randau eintrat, lag der lange Offizier quer über dem Sopha und hatte beide Beine auf dem Tische liegen.

»Randau! Sapperment!« rief er erfreut, indem er die langen Beine herunternahm und dann aufsprang. »Das ist einmal eine Ueberraschung. Ich will Dich herzlich willkommen heißen, obgleich ich das eigentlich wohl nicht thun sollte.«

»Warum nicht?«

»Weil Du fahnenflüchtig geworden bist.«

»Ich flüchtete ungern, lieber Freund, und gestehe Dir, daß es erst nach innerem Kampfe geschah.«

»Weiß, weiß, Alter! Wolltest heirathen!«

»O nein. Mein Bruder ging zur Marine, und so mußte ich den Dienst quittiren, um nun die Bewirthschaftung unserer Güter übernehmen zu können.«

»Und nebenbei die interessanteste Frau, die es geben kann, heimzuführen! Mensch, was bist Du glücklich! Na, setze Dich. Da stehen Cigarren, und draußen habe ich eine Flasche Extrafeinen, den ich gleich hereinholen will. Entschuldige!«

Er ging in die Nebenstube und bemerkte nicht, daß ihm zwischen Rock und Weste etwas entfiel, was er vorher, als es klopfte, schleunigst dort versteckt hatte. Es war eine Photographie. Randau bückte sich, um sie aufzuheben. Als sein Blick auf das Bild fiel, nahm sein Gesicht den Ausdruck


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größten Erstaunens an. Er erkannte das Porträt von Hilda Holm, der Schwester des einstigen Reporters.

»Ah!« dachte er. »Er hat das Bild vor mir versteckt; das hat mehr als Gewöhnliches zu bedeuten. Wollen einmal sehen!«

Er zog seine Brieftasche heraus, legte die Photographie hinein und hatte Beides kaum eingesteckt, als Hagenau wieder eintrat.

»So, hier ist sie. Es ahnte mir, daß in diesen Tagen etwas Außergewöhnliches passiren werde. Für diesen Fall hob ich mir die Flasche auf. Jetzt wollen wir sie leer machen.«

»Ist mein Besuch etwas so Außergewöhnliches?«

»Jetzt, ja. Da, prosit! Die Melitta soll leben - Deinetwegen! Und der Teufel soll sie holen - meinetwegen!«

»Hast Du gar so einen Pick auf sie?« fragte Randau, indem er mit ihm anstieß.

»Natürlich! Du freilich hast ihr viel zu verdanken. Mensch, Du bist ein Glückspilz!«

»O bitte!«

»Ja, gewiß, gewiß! Mein damaliger Vorschlag, die Melitta zu besuchen, war famos. Er stammte von mir, war meine eigene Erfindung.«

»Ich bin Dir höchst dankbar dafür!«

»Das glaube ich. Mir aber hat er nichts als Unheil gebracht. Ich wollte Euch die größte Schönheit zeigen, welche ich jemals gesehen hatte. Wer hätte es ahnen können, daß dieses Mädchen später eine Baronesse von Scharfenberg und dann sogar Deine Frau werden könne! Wann ist die Hochzeit?«

»In einigen Wochen. Der Tag ist noch unbestimmt. Natürlich bist Du geladen.«

»Unsinn.«

»Du, der Gründer unseres Glückes! Das versteht sich ja ganz von selbst, Langer!«

»Danke! Danke sehr!«

Er spreizte alle zehn Finger abwehrend aus.

»Aber warum denn?«

»Ich habe damals eine verdammt unrühmliche Rolle gespielt.«

»Deshalb willst Du absagen? Deshalb nur?«

»Natürlich!«

»Ah pah! Du glaubst gar nicht, wie gut meine Braut gegen Dich gesinnt ist. Sie nennt Dich ihren Retter. Ohne Deinen Einfall wäre ich nicht zur Melitta gekommen.«

»Verfluchter Einfall! Ich wollte, ich hätte an alles Andere gedacht, nur nicht an dieses!«

Er machte ein so ernstes Gesicht, daß Randau fragte:

»Ist's denn noch nicht verwunden?«

»Das kann ich wohl niemals verwinden. Es scheint, als ob es gar kein


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Ende nehmen sollte. Man nimmt diese Geschichte weiß Gott viel zu streng. Ich muß jämmerlich bluten.«

»Wieso?«

»Na, Du warst ja auch dabei. Hast Du noch keine Vorladung wieder bekommen?«

»Nein.«

»Also nur ich und immer ich. Die dort im Gerichtsamte sind nahe dabei, die Geschichte spruchreif zu machen, und denke Dir, daß man auf den Gedanken gekommen ist, auch mich in Anklage zu setzen.«

»Unmöglich!«

»Ah, Du glaubst gar nicht, was heutzutage Alles möglich ist! Ich habe gewettet; ich bin dieser Dame, nämlich Deiner jetzigen Braut, unanständig begegnet - und so weiter! Es hat mir Mühe gemacht, mich heraus zu winden. Und nun erst die Versetzung in die andere Truppe, und vorgestern erhalte ich unter der Hand den Fingerzeig, womöglich um meinen Abschied einzukommen. Urlaub hat man mir unbeschränkten ertheilt.«

»Das ist freilich schlimm, lieber Freund.«

»Schlimm? Pah, schlimm! Was ist schlimm? Nichts, gar nichts! Es ist teuflisch, satanisch, höllisch! Es giebt gar kein Wort, welches hinreichend wäre, meinen Grimm zu beschreiben, meine Wuth zu schildern.«

»Du mußt Dich eben beruhigen.«

»Na, schließlich bleibt mir nichts Anderes übrig; aber das Unheil ist doch zu stark und zu dick. Man läßt sich wohl gefallen, daß es Tropfen regnet, aber klumpenweise braucht das Wasser doch nicht vom Himmel zu fallen. Den Abschied nehmen! Verflucht!«

»Was sagt Dein Onkel dazu?«

»Der Kommandirende in Rollenburg? Von dem kommt ja eben jener Fingerzeig! Und dabei bemerkt er, daß es ihn freuen werde, mich nach fünf oder zehn Jahren zum ersten Male wiederzusehen! Und heute erhalte ich von meinem Vater einen Brief oder vielmehr einen Wisch, der mir auch zu denken giebt.«

»Kennt er die Prozeßgeschichte?«

»Weiß nicht. Geschrieben habe ich ihm natürlich kein Wort. Es handelt sich um etwas Anderes, um den leidigen Mammon. Mein Banquier kam auf einmal auf den Gedanken, nicht zu Hause zu sein, wenn ich ihn besuchte.«

»Was? Er verweigert Dir den Credit?«

»Ja, denke Dir!«

»Das ist doch kaum glaublich!«

»Es ist so. Natürlich beschwerte ich mich darüber bei meinem Vater. Als Antwort erhielt ich die Aufforderung, ohne Versäumniß zu ihm zu kommen. Heute Nachmittag dampfe ich ab.«

»Du befindest Dich doch nicht etwa in Verlegenheit?«

Randau machte mit den Fingern die Bewegung des Geldaufzählens.


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Hagenau zog beide Schultern empor, machte eine Grimasse dazu und antwortete:

»Meine Passionen haben Geld gekostet.«

»Passionen? Die habe ich doch gar nicht an Dir bemerkt!«

»Ja. Damals hatte ich nur die eine; die andere ist erst später dazugekommen.«

»Darf man sie erfahren?«

»Na, ja. Ich habe ein verdammt weiches Gemüth, ein altes, gutes, dummes Herz. Ich habe viel wohlgethan, im Stillen, ohne daß Jemand es so recht erfahren hat, an Kameraden und an Anderen. Das hat Geld gekostet, viel Geld. Später kam ich gar in's Spielen. Ich hatte Glück, dann Unglück, viel Unglück.«

»Hm! Ich hörte allerdings davon. Hatte nicht Scharfenberg Dich mit falschen Banknoten bezahlt?«

»Freilich, freilich!«

»Da hattest Du allerdings Verlust!«

»Gar nicht. Der Schurke erschoß sich, und ich mußte vor den Untersuchungsrichter. Du kannst Dir denken, daß dies weder nach meinem Geschmacke, noch zu meinem Vortheile war. Sein Onkel, der Zuchthausdirector, löste zwar sämmtliche Falsificate, welche sein Neffe ausgegeben hatte, ein, und ich kam also zu meinem Gelde, allein es lag kein Segen darauf. Ich verlor und verlor. Ich machte Schulden und verlor immer und immer wieder. Ich spielte, um zu gewinnen und meine Schulden zu bezahlen und dann dieser unseligen Passion für immer zu entsagen; aber ich blieb im Verluste. Mein Bankier gab mir nichts mehr, und mein Vater schickte nichts mehr. Ich schrieb ihm; ich sagte zwar nichts Genaues, aber ich ließ es ihm vermuthen, daß ich in Noth sei. Statt mir Geld zu schicken, ruft er mich zu sich. Ich vermuthe, daß es einige Scenen geben wird.«

»Und dann aber Geld!«

»Hm!« brummte Hagenau nachdenklich. »Ich möchte beinahe befürchten, daß mein Vater plötzlich Ursache erhalten hat, sparsam zu sein. Ein Bankier schickt einen Kunden, wie ich war, nicht ohne Ursache heim.«

»Bitte, sind Deine Gläubiger verständig?«

»Donnerwetter! Verständig! Ja, wenn sie das wären! Diese Blutsauger aber hetzen mich außer Athem. Uebermorgen kommt ein Wechsel - na, ich bat um Verlängerung der Frist, fand den Kerl aber so obstinat, wie ein altes Maulthier. Was nun thun?«

Er schritt zornig im Zimmer auf und ab. Randau folgte lächelnd seinen Bewegungen und sagte:

»Aber, Mensch, hast Du denn keine Freunde?«

»Freunde? Unsinn! Welcher Mensch hat wahre Freunde! Früher pumpte das ganze Regiment von mir jetzt hat keiner einen einzigen Kreuzer für mich.«

»Du siehst zu schwarz.«


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»Nein, ich sehe richtig.«

»Denkst aber wenigstens nicht an mich.«

»An Dich? Mann, Edmund, soll ich etwa Dich anpumpen, der niemals von mir gepumpt hat!«

»Ja, das wünsche ich! Grad mich sollst Du anpumpen! Du bist der beste, liebenswürdigste Kamerad gewesen; ich nenne mich Deinen Freund; das thue ich nicht nur aus Lust zur Phrase, sondern in aller Aufrichtigkeit. Kannst Du mir vielleicht sagen, wieviel Du brauchst?«

Da stellte Hagenau sich breitbeinig vor ihn hin und sagte:

»Mensch, bist Du toll?«

»Nein. Ist es eine Tollheit, Dein Freund zu sein?«

»Fast, wenigstens in dieser Beziehung.«

»Nun, so will ich es einmal mit dieser Tollheit versuchen.«

Es legte sich wie eine tiefe Rührung über Hagenau's unschönes Gesicht. Er streckte ihm beide Hände entgegen und meinte:

»Edmund, das werde ich Dir nie vergessen, nie, obgleich es wohl nur bei dem bloßen Versuche bleiben wird.«

»Warum beim Versuche?«

»Ich brauche zu viel.«

»Das wollen wir erst sehen. Welche Summe ist nöthig, um Dich von den Manichäern zu befreien«

»Höre und erschrecke: Ich brauche volle zwölftausend Gulden.«

»Hm! Das ist freilich nicht unbedeutend.«

»Da hast Du es!«

»Bist Du dann wirklich alle Sorgen los?«

»Alle nicht, aber die meisten und größten.«

»So erlaube einmal!«

Er stand auf und zog die Brieftasche hervor. Er öffnete sie, schob die auf dem Tische befindlichen Gegenstände zurück und begann aufzuzählen, Banknote an Banknote, eine neben die andere.

»So,« sagte er endlich, als er aufhörte. »Das sind fünfzehntausend Gulden. Schaffe Dir die Raben vom Halse und gieb Dich nicht wieder mit ihnen ab.«

Hagenau's Augen wanderten vom Freunde auf die Noten, und wieder hin und her. Nach und nach füllten sie sich mit Thränen. Er wischte sie fort und sagte dann:

»Ja, das ist Freundschaft! Das ist eine Freundschaft, wie ich sie nicht für möglich gehalten hätte. Ich werde es Dir, wie ich bereits sagte, nie vergessen, obgleich es bei dem Versuche bleiben wird.«

»Ich hoffe, daß Du das Geld annimmst.«

»Nein, das thue ich nicht.«

»Warum aber nicht?«

»Weil ich kein Schuft sein will, der da borgt, ohne überzeugt zu sein, daß er auch bezahlen kann.«


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»Du kannst bezahlen.«

»Nein. Laß mich aufrichtig sein! Ich habe -«

»Pah! Rede nicht, sondern stecke das Geld ein!«

»Das thue ich nicht, wenigstens nicht, bevor Du mich angehört hast.«

»Na, so rede meinetwegen!«

»Ich habe meinen Vater stets für sehr reich gehalten. Aber ich habe in Erfahrung gebracht, daß er ebenso wie ich zwei Passionen hatte. Er ist ein großer Freund von Gemälden, ohne aber Kenner zu sein. Er hat für Gemälde, von denen er überzeugt war, daß sie echt seien, Unsummen ausgegeben. Sodann hat er, ebenso wie ich, hoch gespielt, nicht mit Karten, sondern an der Börse. Er hat viel, sehr viel verloren. Als mein Bankier mir Zahlung verweigerte, machte er mich darauf aufmerksam. Er rieth mir, mit dem Vater einmal genau Bilanz zu ziehen; dann soll ich wiederkommen. Das ist genug gesagt. Ich weiß, woran ich bin, und Du wirst es nun auch wissen.«

»Ich habe es eher gewußt als Du.«

»Ah! Wirklich?«

»Ja. Die theueren Gemälde Deines Vaters sind fast werthlos. Er ist betrogen worden.«

»Alle Wetter!«

»Er hat ferner sich sehr verspeculirt. Er hat Chilenen in Masse gekauft und -«

»Chilenen?« fiel Hagenau ein. »Das sind doch wohl jene unglücklichen Papiere, mit denen Scharfenberg so hereingeflogen ist, wie die Untersuchung ergeben hat?«

»Ja, dieselben. Dein Vater hat fürchterlich verloren. Euer Bankier ist auch der unserige. Ich ging zu ihm, um diese fünfzehntausend Gulden zu deponiren. Wir hatten die entbehrliche Frucht verkauft und erhielten vorgestern Zahlung. Beim Bankier kam die Rede auch auf Deinen Vater. Der Mann machte mir zwar keine Mittheilung; das verbot ihm ja die Discretion; aber ich merkte doch Einiges. Ich erfuhr, daß Du wiederholt bei ihm gewesen seiest, schloß weiter und gab mein Geld nicht hin, sondern habe es lieber Dir gebracht.«

»Mensch, Du bist des Teufels!«

»Das will ich doch nicht befürchten!«

»Du weißt, daß es schlecht mit uns steht, und kommst gerade darum, um mir so einen Haufen Geldes anzubieten!«

»Ja, gerade darum. Ich kenne Dich. Du bist ein halber Sonderling, aber ein Ehrenmann. Du wirst keinen Menschen in Verlust bringen. Ich leihe Dir das Geld gegen vier Procent bei jährlicher Kündigung. Deine Verhältnisse werden sich bessern, dann bezahlst Du mich.«

Hagenau holte tief, tief Athem.

»Bedenke, daß ich meinen Abschied nehmen muß!«

»Das eben bedenke ich. Bliebst Du bei der Fahne, so wäre es Dir


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unmöglich, auch nur die Zinsen zu bezahlen. Nun Du aber ausscheidest, wirst Du Deinem Vater helfen, Eure Verhältnisse aufzubessern. Auf diese Weise kann ich überzeugt sein, viel eher zu meinem Gelde zu kommen. Ich hoffe, Du nimmst es!«

»Ah! Du bringst mich wirklich in eine Versuchung, der ich kaum zu widerstehen vermag. Was wird Dein Vater sagen, wenn er es erfährt?«

»Da sorge Dich nicht! Er wird es billigen.«

»Meinst Du?«

»Ich versichere es Dir mit meinem Ehrenworte. Also streiche nur getrost ein!«

Da drückte Hagenau ihn an sich und rief:

»Edmund, der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht alles Mögliche thue, um Dir dankbar zu sein! Ja, ich will das Geld nehmen. Ich habe zu leicht gelebt, weil ich mich für reich hielt; aber lüderlich bin ich nicht. Wenn es gilt, so kann ich arbeiten, und das werde ich thun, und sollte mir das Blut von den Fingern laufen. Um Dein Geld kommst Du nicht, darauf verlasse Dich!«

»Diese Ueberzeugung habe ich auch ohne Deine Versicherung. Greif also zu; ich mag das Geld nicht mehr sehen.«

»Gut. Das Document stelle ich Dir gleich aus.«

Er strich das Geld zusammen und verschloß es; dann stellte er ihm die Schuldverschreibung aus, welche Randau mit jener Behaglichkeit einsteckte, welche die natürliche Folge einer guten, ehrenhaften That ist.

»Jetzt trink weiter!« sagte Hagenau, indem er einschänkte. »Ich will Dir mittheilen, daß ich grad noch so eine Flasche habe. Ich kaufte ein Dutzend dieser Sorte, als ich noch nicht wußte, daß bei mir einmal das Geld alle werden könne. Jetzt freilich werde ich es mit einer billigeren Marke halten müssen.«

»Doch nur für kurze Zeit, hoffe ich.«

»O, das Geld fliegt viel schneller fort, als es zurückkehrt.«

»Na,« lachte Randau, »es giebt Wege, welche schnell zum Wohlstand führen!«

»Schnell? Meinst Du etwa Arbeit?«

»Nein. Die führt zwar sicher zum Ziele, aber langsam.«

»Was dann?«

»Zum Beispiel eine reiche Heirath.«

Hagenau lachte laut auf und antwortete:

»Heirath? Ich?«

»Nun ja!«

»Jetzt möchte ich abermals fragen, ob Du toll bist.«

»Ich bin sehr bei Sinnen.«

»Siehe meine Figur an!«

»Die ist etwas in die Länge gezogen, aber doch proportionirt.«

»Ja. Ihr habt mich ja stets nur den Kranich genannt. Dieses Wort


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bezeichnet den ganzen Inbegriff meiner Schönheit! Schaue ferner meine Nase an!«

»Auch ein Wenig lang, aber nicht unmäßig.«

»Ja, sie paßt grad so zu mir, wie der Schnabel des Kranichs zu dem ganzen Vogel.«

»Deshalb brauchst Du nicht zu verzagen. Du trägst einen alten, berühmten Namen.«

»Da kann ich eine ebenso alte Jungfer heirathen, deren Schnabel ebenso lang ist, wie der meinige.«

»Heirathe bürgerlich, aber reich!«

Das Gesicht Hagenau's nahm einen außergewöhnlichen Ernst an. Er antwortete:

»Höre, Freund, ich wäre der letzte, welcher mit den Gefühlen seines Herzens Speculation treibt. Wenn ich ja einmal heirathen sollte, dann sicherlich nur Eine, welche mich trotz meiner Häßlichkeit lieb hat. Und da dies ein Wunder sein würde und also wohl nicht gut möglich ist, so bleibe ich ledig. Mein alter Name wird trotzdem nicht auf den Aussterbeetat kommen, da der liebenswürdige Onkel Oberstkommandirender ja zwei Jungens hat, die hübscher sind als ich, und also wohl auch Frauen bekommen werden. Es hat jeder Mensch ein Herz, ich also auch; aber es ist eben nicht Jeder so glücklich, auf die Stimme des Herzens hören zu dürfen.«

Sein Ton klang klagend und resignirt, gar nicht so schnarrend wie gewöhnlich. Randau sagte:

»Du wirst ja beinahe schwermüthig! Fast scheint es, als ob Dein Herz schon einmal gesprochen hätte!«

»Hm! Möglich.«

»Ah, Alter, ertappe ich Dich!«

»Na, gegen einen Anderen würde ich nichts sagen; Du aber hast mir heute einen solchen Beweis wahrer Freundschaft gegeben, daß ich mich einmal lächerlich machen will. Denke Dir also, die Stunde des Kranichs hat geschlagen.«

»Das ist freilich wundersam!«

»Nicht wahr?«

»Du und verliebt! Der kalte, sarkastische, prosaische Kranich, der sich bisher nur über die Liebe und überhaupt über die Damenwelt lustig machte, ist verliebt!«

»Ja; aber er ist nur deshalb verliebt, weil es nicht eine von Euren sogenannten Damen ist.«

»Also wohl bürgerlich?«

»Hm, vielleicht noch weniger!«

»Soll ich erschrecken?«

»Thue es! Es ist freilich schauderhaft, aber dieser gefühllose Hagenau hat sich in eine - Schusterstochter verliebt.«

»Rede kein Blech!«


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»Es ist die Wahrheit.«

»Oho!« sagte Randau ungläubig. »Das machst Du Allen weiß, aber nur mir nicht!«

Er hatte das Bild, und Hilda Holm war doch keine Schuhmacherstochter.

»Ja, man sollte es eigentlich für unmöglich halten,« meinte Hagenau; »aber es ist dennoch so. Darum kann ich mich auch selbst gar nicht begreifen. Ich bin seit kurzer Zeit ein ganz anderer Mensch geworden. Ich esse nicht, ich trinke nicht, ich spiele nicht, ich rauche nicht - -«

»Was thust Du denn?«

»Sapperment, ich rede mit dem Mond und rasire mich täglich fünfmal, um so glatt wie möglich zu sein. Schau, dort steckt die Puderquaste, und da liegt der Liebesbriefsteller. So verrückt macht Einen ein hübsches Gesicht.«

»Darf man neugierig sein?«

»Warum nicht? Ich mache regelmäßig meinen Spaziergang. Da begegnete sie mir eines schönen Tages. Als sie an mir vorüber wollte, stockte ihr kleines Füßchen; sie sah mir neugierig und allerliebst freundlich in das Gesicht, erröthete, schlug die Augen nieder und ging dann weiter. Das frappirte mich natürlich.«

»Ist sie hübsch?«

»Wie eine - - hm! Wenn ich Maler wäre, sie müßte mir zur Psyche sitzen.«

Randau lächelte. Er wußte ja, daß Hilda bei dem Balletmeister einmal fast gezwungen worden wäre, als Psyche Modell zu sitzen. Er sagte nichts und fragte weiter:

»Wie alt?«

»Leider sehr jung. Vielleicht achtzehn.«

»Blond?«

»So mittelblond, schlank aber voll. Sie läßt ahnen, daß sie sich in einigen Jahren zu einer wirklichen Schönheit entwickelt haben wird.«

»Du hast sie natürlich wieder gesehen?«

»Wie kannst Du nur fragen! Ich war sofort weg, und wer weg ist, der rennt ja nur immer hinter Derjenigen her, welche Diejenige ist. Du hast das jedenfalls auch an Dir erlebt?«

»So ziemlich.«

»Na also! Kurz und gut, als sie vor mir stehen blieb und mich so eigenthümlich und erröthend anblickte, da war es mir wie - wie - Donnerwetter, wie doch nur gleich?«

»Als hättest Du Klöse mit Sauerbraten gegessen?«

»Unsinn! Es gab mir so einen Stich - einen Stich - - hm, ja, einen Stich gab es mir.«

»Wo denn?«

»Das kann ich eigentlich nicht sagen; er schien durch und durch zu gehen, that aber keineswegs wehe.«

»Das war Amors Pfeil.«


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»Amors Pfeil? Du, ja! Sapperment, das ist der richtige Ausdruck! Und der Pfeil sitzt tief und fest.«

»Trotz der Schusterstochter?«

»Trotzdem. Natürlich machte ich Kehrt und folgte ihr.«

»Richtig! Ganz wie Schiller sagt: Erröthend folgt er ihren Spuren.«

»Nun, erröthend zwar nicht, sondern recht neugierig. Ich mußte wissen, wer sie war.«

»Du hast es erfahren?«

»Hols der Teufel, nein.«

»Na, na, na, na! Wer soll das glauben!«

»Es ist wahr. Ich sah, daß sie in das Hotel Union ging. Ich will Dir gestehen, daß ich dann drei Viertelstunden lang Pflaster gestampft habe; aber sie kam nicht wieder heraus.«

»O weh!«

»Ja, ich habe auch das Blaue vom Himmel herunter geflucht, ohne daß es etwas half. Länger konnte ich nicht da vor der Thür auf- und ablaufen; das wäre ja aufgefallen. Ich mußte also leider fort.«

»Da hieß es: Meine Ruhe ist hin, mein Herz ist so schwer, ich finde sie nimmer und nimmermehr.«

»So war es allerdings. Sie hatte es mir angethan. Ich sage Dir, ich war wie verhext. Ich hätte singen und zwitschern können wie eine Haidelerche, aber auch raisoniren wie ein Rohrspatz, daß sie nicht wieder herausgekommen war. Es war mir, ab ob ich das große Loos gewonnen habe, und im nächsten Augenblicke hätte ich wetten können, als ob die größte Niete gerade nur auf mich gefallen sei. Die Liebe ist ein verrücktes, aber auch ein höchst angenehmes Ding. Ich bin hier auf der Stube auf- und abgelaufen wie ein Bieresel und habe nur immer mit mir selbst gesprochen. Im Schlafe habe ich dann natürlich von ihr geträumt, und als ich am anderen Morgen aufstand, habe ich die Hosen als Unterjacke angezogen und bin mit dem rechten Fuße in den linken Stiefel gefahren. Hältst Du so etwas für möglich?«

»O, sehr,« lachte Randau.

»Dann ist es Dir also auch so gegangen?«

»Genau so!«

»Gott sei Dank! Ich dachte schon, ich sei eine außerordentliche anthropologische Abnormität und hatte schon Angst, daß der erste beste Raritätensammler auf den Gedanken kommen könne, mich in Spiritus zu setzen und für Geld sehen zu lassen. Denn, denke Dir, was weiter passirte! Du wirst es kaum glauben!«

»O, ich glaube es! Ich errathe es sogar.«

»Nun, was denn?«

»Du befandest Dich natürlich am nächsten Tage zu derselben Secunde auf derselben Straße ganz und auf derselben Stelle.«

»Bei Gott, der Mensch hat es errathen!«


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»Hm! Ich kenne das!«

»Ist es nicht verrückt?«

»Nein. Was glücklich macht, kann nicht verrückt sein. Doch sage: Kam sie denn?«

»Freilich.«

»Dachte es mir!«

»Ich war so neugierig, ob sie kommen werde, wie ich es in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen bin. Ich glaube gar, daß ich ein gelindes Fieber hatte.«

»Einer Schusterstochter wegen!«

»Ja, es ist eigentlich himmelschreiend. Aber wer kann es ändern? Ich nicht!«

»Was thatet Ihr denn?«

»Sie erröthete schon von Weitem, ging aber an mir vorüber, ohne mich dieses Mal anzusehen.«

»Und Du?«

»Ich schwenkte natürlich wieder um, lief ihr bis in's Hotel Union nach, stampfte da über eine Stunde lang Pflaster und ging nach Hause. Da kam es wie gestern. Ich sprach mit ihr und träumte von ihr; nur den einen Unterschied gab es, daß ich am anderen Morgen, als ich die Wäsche wechselte, mit den beiden Beinen in die Hemdärmel fuhr. Als ich dann ausgehen wollte - ich war in Civil -, sahen mich unten die Hausleute lachend an und machten mich darauf aufmerksam, daß ich die Hutschachtel auf dem Kopfe hatte. In den Hut hatte ich das schmutzige Waschwasser gegossen. Wenn das keine Liebe ist, so giebt es überhaupt keine Liebe.«

Er lachte ironisch vor sich hin, und Randau stimmte munter ein. Der Letztere fragte:

»Wie und wo aber hast Du erfahren, daß dieses Mädchen eine Schusterstochter ist?«

»Im Hotel.«

»Ah, da hast Du gefragt?«

»Ja; aber auch erst, nachdem ich sechs- oder achtmal vergebens gewartet hatte, ob sie wieder aus dem Hause kommen werde.«

»Mensch, das ist ja höchst auffällig gewesen!«

»Das vermuthe ich auch, denn der Portier machte mir ein Gesicht wie ein Nußknacker, und die Kellner standen an den Fenstern und visirten auf mich los, als ob ich eine Meßstange sei.«

»Deine Figur ist schuld.«

»Freilich! Also ich ging in's Hotel und trat in das Restaurationszimmer. Dort ließ ich mir etwas zu trinken geben. Was es war, weiß ich nicht mehr. Ein Verliebter schluckt Alles hinunter, und wenn es Terpentinöl sein sollte. Ich erkundigte mich, ob man wisse, wer das junge Mädchen sei, die so pünktlich komme und nicht wieder gehe. Da sagte man mir, sie sei eine Schuhmachers-


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tochter und komme um diese Zeit in die Hotelküche, um das Kochen zu lernen. Sie gehe erst Abends elf Uhr zu Hause.«

»Hm! Ihr Name?«

»Den wußte der Kellner nicht, daß heißt ihren Familiennamen; der Taufname aber war ihm bekannt, denn er sagte, sie werde Jette genannt.«

»Wo wohnt sie?«

»Ja, wer das wüßte!«

»Du nicht!«

»Nein.«

»Mensch, wie dumm!«

»Dumm? Wo denkst Du hin! Volle drei Wochen lang habe ich alle Abende von zehn bis zwölf Uhr vor dem Hotel gestanden und auf sie gewartet. Aber sie kam nicht.«

»O weh! Welch' eine Ausdauer!«

»Ja. Der Portier sah mich natürlich. Er hat mich angegrinst wie der Affenpinscher die Speckschwarte; aber ich habe mir einfach nichts daraus gemacht.«

»Hast Du denn nicht mit ihr gesprochen?«

»Kein Wort.«

»Obgleich Du sie täglich sahst?«

»Ja. Ich habe gehört, daß die wahre Liebe bescheiden und sogar muthlos sein soll.«

»Kranich! Du und muthlos!«

»Na, was willst Du denn? Mein ganzes Wesen war wie Butter geworden. Meine Seele zerfloß wie Provenzeröl, und mein Herz schwamm wie ein Pfannkuchen in amerikanischem Schweinefett. Ich war und bin das reine Kind. Ich verstehe mich selbst nicht mehr.«

Randau blickte lächelnd vor sich hin. Er hatte durch Petermann, dem Vater seiner Braut, die Bekanntschaft Holms gemacht. Er war in der Wohnung des Letzteren gewesen und hatte Hilda dort kennen gelernt. Er wußte, daß Hilda täglich zur bestimmten Zeit in das Hotel Union zu Ellen Starton ging, um sich einige Stunden lang mit derselben wissenschaftlich zu beschäftigen. Wenn Hagenau des Abends dort auf sie wartete, konnte er sie natürlich niemals treffen, da sie eher zurückkehrte. Randau ging mit sich zu Rathe, ob er dem Freunde Aufschluß geben solle oder nicht. Er fragte:

»Hast Du sie denn nicht wenigstens gegrüßt?«

»Ei freilich! Und wie! Ich habe den Hut so tief herab gerissen, als ob sie eine Königin sei.«

»Und sie dankte?«

»Ja. Zuletzt lächelte sie mir schon von Weitem entgegen. So ein Lächeln! Edmund, ich sage Dir, dieses Lächeln könnte mich zu Vielem bringen. Ich könnte die größten Dummheiten begehen, um es immer zu sehen. Leider habe ich bereits seit vierzehn Tagen verzichten müssen.«

»Wieso?«


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»Gerade so lange Zeit habe ich sie nicht gesehen. Das hat mir zu Denken gegeben. Ob sie vielleicht mit ihrem Kochcursus schon zu Ende ist?«

»Möglich,« lachte Randau, der es viel besser wußte. »Der Herr Oberlieutenant von Hagenau hält es für eine Lebensfrage, ob eine Schusterstochter das Kochen bereits völlig gelernt habe oder nicht! Es ist eigentlich toll!«

»Ja, es ist toll; aber Du machst es nicht anders. Wenn ich nur wüßte, woran ich bin. Leider muß ich heute verreisen, wie ich Dir bereits sagte, und da ist es möglich, daß ich viel, sehr viel, wo nicht gar Alles versäume.«

»Wo befindet sich Dein Vater jetzt?«

»Auf Schloß Reitzenhain.«

»Dorthin also fährst Du?«

»Ja, natürlich.«

»Sage, giebt es dort nicht ein Bad?«

»Gewiß. Warum fragst Du?«

»Weil ich zufällig von diesem Bade sprechen hörte.«

»Pah! Es hat einen anderen Grund. Du machst ein so geheimnißvolles Gesicht, daß Dich eine ganz besondere Absicht zu dieser Frage veranlaßt haben muß.«

»Du täuschest Dich. Aber sage mir einmal, was soll aus dieser Neigung werden?«

»Das wissen die lieben Engel.«

»Du nicht?«

»Nein. Ich lasse Gottes Wasser über Gottes Land laufen. Es muß sich dann finden, welch' ein Hühnchen aus diesem Eie schlüpft.«

»Du spielst mit dem Feuer!«

»Thut nichts. Ich bin ja bereits verbrannt. Vielleicht finde ich die richtige Stelle, und dann - - -«

Er hielt inne. Draußen hörte man den Glockenschlag von den Thürmen hallen. Er zog seine Uhr und sagte erschrocken:

»Alle Wetter! Du, verzeihe! Ich muß fort!«

»Wohin?«

»Nach der Schillerstraße.«

»Besuch machen?«

»Unsinn.«

»Wozu denn?«

»Das kannst Du Dir doch denken! Es ist jetzt die Zeit, in der sie gewöhnlich kommt. Willst Du hier warten?«

»Nein. Ich gehe mit.«

»So mach schnell! In anderthalb Minuten muß ich dort sein.«

»So laß' uns laufen!«

Sie stürmten fort, Hagenau mit größtem Eifer voran und Randau heimlich lachend hinterdrein.

Der Letztere wußte, daß sich Hilda Holm mit ihrem Vater und der alten Nachbarin jetzt in Reitzenhain befand, wo der Vater auf Anordnung Doctor


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Zander's Moorbäder zu nehmen hatte. Als sie die Schillerstraße erreichten, ging Hagenau ein wenig langsamer, so daß Randau wieder mit ihm sprechen konnte. Darum sagte der Letztere:

»Würdest Du mir vielleicht einen Gefallen thun?«

»Gern! Lieber hundert als einen.«

»Einen Gruß mitnehmen.«

»An wen?«

»An ein Fräulein Holm, welches sich mit ihrem kranken Vater dort befindet.«

»Also bürgerlich?«

»Ja. Ihr Bruder ist Doctor der Philosophie und ein guter Bekannter von mir. Ich glaube, daß sie sich freuen wird, wenn Du ihr meinen Gruß bringst.«

»Schön! Ist sie zu ertragen?«

»Ich denke es.«

»Vielleicht alte Jungfer?«

»Ja, ich schätze sie so über dreißig.«

»O wehe! Aber da Du es wünscht, so will ich es thun. Was ist Ihr Vater?«

»Musikdirector gewesen. Sein Sohn, der Doctor, ist auch musikalisch, so etwas wie Geigenvirtuos.«

»Vortrefflich! Ich werde also - - alle Himmel! Sie ist wieder da! Dort biegt sie um die Ecke!«

Randau erkannte Hilda, welche jedenfalls nur für kurze Zeit nach der Residenz zurückgekehrt war.

»Soll ich sie auch grüßen?« fragte er lächelnd.

»Natürlich! Das gehört sich ja.«

»Rede sie doch endlich einmal an! Sonst verschwindet sie Dir wieder, und zwar auf Nimmerwiedersehen.«

»Meinst Du? Gut, Deine Gegenwart giebt mir Muth. Ich werde sie anreden. Aber daß Du nicht etwa lachst!«

»Gott bewahre!«

»Schön! Donnerwetter, aber wie spreche ich denn?«

»Närrischer Mensch! Du sagst, was Dir gerade einfällt. Da ist sie! Muth, Alter!«

Sie waren langsam vorwärts gegangen, und Hilda war ihnen nun ganz nahe. Randau griff an den Hut, und auch Hagenau zog den seinigen. Der sonst so sichere, selbstbewußte Offizier war über das ganze Gesicht weg tief roth. Er verbeugte sich und sagte:

"Entschuldigung, Fräulein."

»Entschuldigung, Fräulein! Darf ich mir vielleicht eine Frage gestatten?«

»Gern,« antwortete sie, ebenso erröthend.

»Wo hat Ihr Herr Vater seinen Laden?«

Sie blickte erstaunt zu ihm auf.

»Seinen Laden?« fragte sie.


// 2223 //

»Ja. Ich meine natürlich seinen Verkaufsladen.«

»Er hat keinen; er braucht ja keinen,« antwortete sie ganz verlegen.

»Also keinen Laden? Ich hätte mir gern ein Paar Stiefel bei ihm gekauft. So aber bessert er wohl nur aus? Darf ich erfahren, wo seine Werkstatt ist?«

Sie blickte erst den Sprecher, dann auch Randau ganz verwirrt an; dann aber zuckte es ganz plötzlich über ihr Gesichtchen wie ein unwiderstehlicher Reiz zum Lachen.

»Adieu!« brachte sie noch hervor; dann riß sie ihr Taschentuch heraus und hielt es vor den Mund, indem sie sich eiligst entfernte.

Die Beiden blickten ihr nach, Hagenau mit weit aufgerissenen Augen. Ebenso weit stand sein Mund offen. Randau gab sich Mühe, ernst zu bleiben. Er fragte möglichst unbefangen:

»Also das war sie?«

»Ja, das war sie.«

»Scheint ein kleiner Kobold zu sein!«

»Habe vom Kobold noch nichts bemerkt.«

»Aber dieses Lachen?«

»Kann es auch nicht begreifen. Verflucht! Also ihr Vater hat keinen Laden, ist vermuthlich nur Flickschuster!«

»Das kühlt, nicht wahr?«

»Hm, ja! Aber wenn man es recht nimmt, so ist es ganz egal, ob er nur flickt oder auch neues Schuhwerk macht. Schuster ist Schuster. Warum aber hat sie gelacht?«

»Wer weiß es!«

»Das möchte ich erfahren.«

»So mußt Du ihr nach.«

»Jetzt freilich nicht. Das war ja gerade, als ob sie mich auslache! Aber dennoch muß ich wissen, ob sie wieder nach dem Hotel geht. Kommst Du mit?«

»Ja.«

Während sie ihr nachschritten, nahm Randau seine Brieftasche hervor und die Photographie heraus. Er blieb einen halben Schritt zurück, ließ sie fallen und bückte sich dann, um sie aufzuheben. Die Brieftasche hatte er schon wieder eingesteckt.

»Etwas gefunden?« fragte Hagenau.

»Eine Photo - - ah! Kennst Du diese hier.«

»Natürlich!« sagte Hagenau rasch. »Her damit!«

Er langte zu.

»Oho! Sie hat sie verloren, und ich bin der Finder.«

»Nein, nein! Ich habe sie verloren.«

»Das ist doch wohl nicht denkbar.«

»O, gewiß. Ich hatte sie da unter die Weste gesteckt, und da ist sie mir herabgerutscht.«


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»Unter die Weste? Ich glaube gar, Du trägst diese Photographie auf Deinem treuen Herzen!«

»Für gewöhnlich nicht. Ich will Dir aufrichtig sagen, daß ich das Bild in der Hand hielt, als Du klopftest. Ich wußte nicht, wer Einlaß begehrte und wollte es nicht sehen lassen. Darum schob ich es unter die Weste.«

»Und dachtest nicht wieder daran!«

»Leider! Ich konnte es hier verlieren. Wie gut, daß Du bei mir gewesen bist.«

»Wie aber kommst Du zu ihrer Photographie, da Du sie noch so wenig kennst?«

»Hm! Auf eine sehr schlaue Weise. Ist meine eigene Erfindung, habe es mir selbst ausgedacht.«

»Nun, wie denn?«

»Es ist ein Augenblicksbild.«

»Ah, ich verstehe. Du hast einen Photographen da postirt, wo sie vorüber mußte?«

»Ja. Habe ein einfenstriges Zimmer gemiethet, kostet für diese fünf Minuten fünf Gulden, der Photograph dreißig Gulden, macht fünfunddreißig.«

»Theure Photographie!«

»Schadet nichts! Ich wollte sie haben, und ich habe sie; das ist genug. Schau, da tritt sie in's Hotel!«

»Ja. Was nun?«

»Hm! Weiß nicht.«

»Etwa patroulliren?«

»Ich möchte doch abwarten, ob sie vielleicht bald herauskommt. Nicht?«

»Ich verzichte. Du wirst es mir verzeihen, da ich doch kein Interesse dabei habe.«

»Natürlich! Wo sehen wir uns wieder?«

»Für heute wohl nicht. Du verreisest und ich habe noch verschiedene Besuche zu machen.«

»So willst Du Dich verabschieden? Na, also, wenn Du nicht anders willst. Nochmals herzlichen Dank für - -«

»Pah! Schweig davon! Wenn Du glaubst, mir Dank schuldig zu sein, so grüße mir Fräulein Holm. Mehr verlange ich nicht.«

Sie schieden.

Hagenau schritt noch eine ganze Weile auf der Straße hin und her, verlor aber dann doch die Geduld und entfernte sich.

Es war ihm sehr unlieb, jetzt verreisen zu müssen, da er die Geliebte nach vierzehntägigem Warten zum ersten Male wieder gesehen hatte; doch ließ sich dies leider nicht ändern. Er nahm sich vor, schleunigst zurückzukehren.

Am Nachmittage fuhr er zum Bahnhofe und nahm in einem Copee zweiter Classe Platz. Kurz bevor der Zug abgehen sollte, hörte er eine männliche Stimme rufen:

»Station Mildau! Damencoupee!«


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»Damencoupee ist bereits voll!« antwortete der Schaffner.

»Dann Coupee für Nichtraucher.«

»Hier! Bitte!«

Der Conducteur machte Hagenau's Thür auf und dieser Letztere erblickte zu seinem freudigen Schreck - die Geliebte. Ihr Bruder hatte sie zur Bahn begleitet. Schon hob sie das Füßchen, um einzusteigen, da fiel ihr Auge auf den Offizier. Sofort wich sie wieder zurück.

»Nein, nein! Hier herein nicht!« rief sie.

»Warum denn nicht?« fragte der Doctor.

»Später davon! Ein anderes Coupee.«

»Dann giebt es aber keins für Nichtraucher!«

»Mag sein. Bitte, weiter!«

Sie verschwanden. Die Thür wurde wieder geschlossen und der Zug setzte sich nach kurzer Zeit in Bewegung.

Hagenau legte sich höchst verstimmt in die Ecke zurück.

»Verflucht!« brummte er. »Wohin fährt sie? Warum wollte sie nicht zu mir? Wegen der Scene heute am Vormittage? Jedenfalls. Ich werde aufpassen.«

Er blickte an jeder Station zum Fenster hinaus, sah sie aber nicht. Endlich mußte er selbst in Wildau aussteigen, und nun erinnerte er sich, daß sie diese Station ja angegeben hatte. Sie stieg auch wirklich aus und eilte, ohne ihn anzublicken, in das Stationsgebäude.

Er folgte langsam nach. Sie saß im Wartezimmer und er nahm ebenda Platz, wagte aber nicht, sie anzureden.

Von hier aus gab es Postverbindung bis Reitzenhain. Er nahm sich Fahrschein und bemerkte zu seiner großen Freude, daß sie das Gleiche that. Man hatte zu warten. Trotzdem gab es keinen zweiten Passagier, und als dann das Zeichen zur Abfahrt gegeben wurde, nahmen sie ganz allein im Wagen Platz.

Sie hatte den Schleier vor das Gesicht gezogen, und er legte sich möglichst weit in seine Ecke hinein, um ihr ja nicht prätentiös zu erscheinen. Es herrschte tiefe Stille. Sie schien zu schlafen, denn sie bewegte sich nicht. Er sah die kleinen behandschuhten Händchen und dachte im Stillen:

»Daß die Tochter eines Flickschusters so zart gebaut sein kann, ist doch sonderbar! Und das Füßchen dort! Himmelsakkerment! Ob sie wohl schläft? Ich werde sie anreden!«

Er nahm sich fest vor, dies zu thun, aber es wollte ihm nicht so leicht werden. Er sann und sann, was er sagen werde, brachte es aber zu keinem Resultat.

Sie kamen durch ein Dorf. Der Postillon hielt vor dem Gasthause an und fragte:

»Wollen die Herrschaften vielleicht einmal aussteigen?«

»Haben wir denn Zeit?« fragte Hagenau.

»Zu einem Glase Bier allemal.«


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»Schön! Trinken Sie auch eins!«

Und jetzt nahm er seinen ganzen Muth zusammen, um Hilda zu fragen:

»Wünscht Fräulein vielleicht auch etwas?«

»Ich danke,« antwortete sie.

Somit waren sie wieder fertig, und als das Bier getrunken war, ging es so schweigsam weiter wie vorher.

Hagenau kannte die Gegend und den Weg. Bei jedem Dorfe und Orte, durch welches sie kamen, besorgte er, daß die Reisende aussteigen werde. Die Tour war bereits über die Hälfte zurückgelegt, und noch hatte er nicht den Versuch gemacht, sie zu einem Gespräch zu bringen. Eine bessere Gelegenheit als heute konnte es gar nicht geben. Darum nahm er sich endlich vor, anzufangen.

»Fräulein!« sagte er.

Sie antwortete nicht.

»Fräulein!«

Jetzt drehte sie ihm das Köpfchen zu.

»Darf ich fragen, wohin Sie fahren?«

»Nach Reitzenhain,« antwortete sie.

»Ich auch!«

Jetzt fiel ihm nichts weiter ein. Er gab sich die größte Mühe, etwas ausfindig zu machen, vergebens. Sollte er etwa vom Wetter anfangen? Damit hätte er sich blamirt. Endlich kam ihm ein Gedanke. Er freute sich darüber, als ob er Amerika entdeckt habe. Einer Anderen gegenüber hätte er diesen Gedanken für ganz selbstverständlich befunden.

»Bleiben Sie lange dort?« fragte er.

»Einige Wochen.«

»Ah, das ist herrlich!«

Er sagte das mit Begeisterung, zog sich aber sofort in sich selbst zurück, da er befürchtete, bereits zu viel gesagt zu haben. Erst als er bemerkte, daß in zehn Minuten das Ziel erreicht sein werde, nahm er sich zu einer weiteren Frage zusammen:

»Sie haben also ausgelernt?«

»Ausgelernt?« klang es ihm entgegen. »Bitte, in welcher Beziehung meinen Sie, mein Herr?«

»Die Küche meine ich, die Küche.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Nun, Sie konnten bisher nicht kochen?«

»Nicht kochen? Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Ich erfuhr es so nebenbei.«

»Von wem?«

»Von dem Kellner im Hotel Union.«

»Der sagte, ich könnte nicht kochen?«

»Er sagte das nicht direct, sondern er theilte mir mit, daß Sie das Kochen im Hotel lernten.«


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Er konnte das Gesicht durch den Schleier nicht deutlich sehen, aber es klang ihm ein helles, lustiges Lachen entgegen.

»Sie haben sich also nach mir erkundigt?« fragte sie.

»Ja,« sagte er verlegen. »Ich habe mir erlaubt!«

»Weshalb?«

Das klang ganz wie neckischer Backfisch.

»Weil - weil - wegen - hm, in der Absicht, von wegen des Grundes, daß die Veranlassung - eigentlich war die Ursache - hm, ich sah Sie zuweilen.«

»Ach so! Sie wünschten zu wissen, wer ich bin?«

»Ja,« antwortete er, erleichtert aufathmend.

»Sagte man es Ihnen?«

»Gewiß.«

»Daß ich dort kochen lerne?«

»Und daß Sie Abends elf Uhr nach Hause gehen.«

»O.«

»Leider habe ich Sie aber gerade zu dieser Zeit niemals gesehen. Ich wartete da - wollte sagen, ich befand mich zufällig einige Male in der Nähe.«

Sie lachte wieder halblaut auf und sagte:

»Und welchen Namen hat man Ihnen gesagt?«

»Je - Jet - Jette.«

Jetzt legte sie schnell beide Hände auf den Mund. Ihr Körper zuckte zusammen, doch ließ sie keinen Laut hören; erst nach einer Weile fragte sie:

»Einen weiteren Namen hat man Ihnen wohl nicht genannt?«

»Leider nicht.«

»Warum nicht?«

»Der Kellner wußte ihn selbst nicht. Ihm war nur bekannt, daß Sie in der Küche Jette genannt werden.«

Sie hatte Mühe, ein lautes Lachen zu unterdrücken.

»Ja. Dieser Name ist sehr wohlklingend.«

»Meinen Sie?«

»Ja. Er hat so etwas Schnelles, Rasches an sich.«

»Das finde ich freilich auch.«

»So etwas Saloppes, Gewandtes. Ich habe gerade diesen Namen stets sehr gern gehabt.«

»Ich nicht.«

»Es soll freilich vorkommen, daß es Personen giebt, welche ihren eigenen Namen für unschön erklären. Vielleicht gefällt Ihnen Ihr Familienname besser?«

»Der klingt allerdings hübscher als Jette.«

»Vielleicht höre ich ihn auch einmal?«

»Das ist möglich, da ich ja einige Zeit hier bleibe.«

»Ich hoffe, mich auch länger zu verweilen.«


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»Dann ist es möglich, daß wir uns wiedersehen. Aber bitte, haben Sie noch mehr über mich erfahren?«

»Ueber Sie selbst eigentlich nicht, aber über Ihren Vater.«

»Was ist es, das Sie erfahren haben?«

»Seine Profession.«

»Ah! O, jetzt, jetzt geht mir - Welche Profession hat man Ihnen genannt?«

»Er ist Schuhmacher.«

Er ging wieder wie vorhin ein Zittern über ihren Körper, aber zum Ausbruch ließ sie ihre Lustigkeit doch nicht kommen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie diesen Anfall überwältigt hatte, dann sagte sie:

»Darum also fragten Sie heute Vormittag nach dem Laden meines Vaters, Herr von Hagenau?«

»Ja. Wie? Sie kennen mich?«

»Ja, man hat mir Ihren Namen genannt. Auch habe ich Sie einige Male gesehen.«

»Das ist mir sehr interessant!«

»Es war im Winter. Eine alte Frau war gestürzt, eine Bettlerin. Niemand bot ihr Hilfe. Da gingen Sie vorüber, oder vielmehr nicht vorüber, denn Sie halfen ihr auf, führten Sie durch zwei Gassen nach ihrer Wohnung und drückten ihr dort fünf Gulden in die Hand.«

»Woher wissen Sie das?« fragte er erröthend.

»Die arme Frau hat Ihr Lob verkündet.«

»Meinerseits ganz unverdient.«

»Dann im vorigen Sommer kamen Sie zufälliger Weise in ein Haus des Altmarktes. Im Hofe saß ein gelähmter Mann. Er konnte sich nicht bewegen. Man hatte ihn dahin gesetzt, damit er einmal reine Luft athme. Sie blieben bei ihm stehen, betrachteten ihn mitleidig und drückten ihm zehn Gulden in die gelähmte Hand.«

»Ah, woher wissen Sie das?«

»Der Mann war - und ein anderes Mal begegnete Ihnen eine Frau mit fast ganz verhülltem Gesicht. Sie dachten, daß sie krank war. Sie blieben stehen und fragten nach ihrem Leiden. Sie hatte geglaubt, unheilbar krebskrank zu sein; glücklicher Weise aber handelte es sich nur um eine Flechte. Sie befand sich auf dem Wege der Besserung, so daß sie bereits ausgehen konnte. Sie gaben auch ihr zehn Gulden, ohne von ihr um eine Gabe gebeten zu sein.«

Er war wirklich schamroth geworden. Sie schob jetzt den Schleier empor. Er blickte in ein rosig schönes, liebes Angesicht, aus welchem zwei milde Augensterne ihm freundlich entgegenstrahlten. Er wußte gar nicht, wie es kam, aber er fühlte plötzlich einen Muth, als ob er jetzt Alles thun und sagen könne.

»Wie haben Sie auch das erfahren?« fragte er.

»Ich kenne diese Frau; sie heißt Werner. Und jener gelähmte Mann ist mein Vater.«


// 2229 //

»Ah - O - tausendmal Verzeihung!« stammelte er.

»Warum Verzeihung?«

»Weil ich es wagte, ihm ein - ein - ein -«

»Ein Almosen zu geben, wollen Sie sagen?«

»Nein, nein! Ein Almosen möchte ich es keinesfalls nennen. Das wäre eine Beleidigung für sie.«

»Und doch war's ein Almosen, und beleidigt hat es uns nicht. Sie gaben es freiwillig, Sie waren reich und wir waren arm. Wir hatten nichts zu essen, wir hungerten, und nun konnten wir uns so unerwartet sättigen. Es ist Ihnen noch nicht dafür gedankt worden. Ich muß Ihnen jetzt die Hand geben. Gott mag Ihnen vergelten!«

Sie streckte ihm das kleine Händchen entgegen; er ergriff es und hielt es fest. Er wußte nicht, was er thun und sagen sollte. Es wurde ihm so warm und so weich um das Herz. Am allerliebsten hätte er dieses Händchen geküßt und das Mädchen dazu. Aber, ob sie das wohl gelitten hätte? Und zudem fiel ihm ein, daß ein Oberlieutenant und Cavalier doch nicht einem Schustermädchen die Hand küßt. Infolge dieses Gedankenvorganges entfuhr ihm der Ausruf:

»Sapperment! Ich wollte, ich wäre auch Schuster!«

»Warum?« fragte sie lächelnd.

»Weil - weil ein Schuster viel eher und viel leichter glücklich sein kann als Unsereiner.«

»Sie mögen in gewisser Beziehung Recht haben.«

»Ganz gewiß habe ich Recht. Nur müßte auch noch Eins viel anders sein.«

»Was?«

»Ich selbst.«

»Sie anders sein? Warum denn wohl?«

»Sehen Sie mich doch an! Mein Gesicht!«

Es war ein aufrichtiges Erstaunen, mit welchem sie ihn anblickte. Sie sagte kopfschüttelnd:

»Ihr Gesicht? Was ist mit demselben?«

»Es ist so häßlich.«

Da lachte sie lustig auf und fragte:

»Sind Sie eitel?«

»Ganz und gar nicht. Auf was oder weswegen sollte ich auch wohl eitel sein! Es ist doch ganz naturgemäß und ganz menschlich, wenn man nicht gern häßlich sein will.«

»Und Sie meinen wirklich, häßlich zu sein?«

»Ja, natürlich.«

»Sie sind es aber nicht.«

»Oho! Wollen Sie mich auslachen, Fräulein?«

»Das fällt mir nicht ein. Ja, ich weiß, daß andere Leute Sie für häßlich halten -«


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»Ah, wissen Sie das? Woher denn wohl?«

»Sie haben uns wohlgethan, darum beschäftige ich mich mit Ihnen. Wenn von Ihnen gesprochen wurde, merkte ich auf. So weiß ich Manches, was - was - was ich doch nicht sagen kann.«

»So, so! Auch mir können Sie es nicht sagen?«

»Nein.«

»Wenn ich es nun aber wünsche?«

Sie blickte ihm nachdenklich in das Gesicht. Ihr Blick nahm einen eigenthümlichen, undefinirbaren, übermächtigen Ausdruck an. Dann antwortete sie wie unter einem schnellen Entschlusse:

»Dann würde ich es Ihnen freilich sagen.«

»So bitte! Was wissen Sie?«

»Daß man Sie den Kranich nennt,« antwortete sie, ihm vertraulich entgegenlachend.

»Auch das wissen Sie? Wunderbar! Weiter!«

»Daß Sie gern spielen.«

»Ah! Sapperment!«

»Daß Sie noch lieber wohlthun, meist ohne zu fragen, ob der Empfänger der Gabe werth ist.«

»Das ist freilich wahr. Weiter!«

»Daß Sie in neuerer Zeit im Dienste mehrfach Verdruß gehabt haben.«

»Fräulein, sind Sie allwissend?«

»Nein. Ich merke mir aber das, was ich höre, wenn es sich nämlich auf Personen bezieht, für welche ich mich interessire.«

Er blickte rasch auf. War das Berechnung? Nein. Ihr Auge blickte ihm so aufrichtig, so wahr und so ruhig entgegen. Hier gab es weder Koketterie noch Verstellung.

»So interessiren Sie sich also für mich?« fragte er.

»Natürlich! Sie sind ja unser Wohlthäter. Und wenn das nicht wäre, müßte ich Ihnen doch meine Aufmerksamkeit schenken, da Sie sich für mich interessiren.«

Auch jetzt sprach sie voller Unbefangenheit. Er konnte dies gar nicht begreifen; er fragte:

»Ich mich für Sie? Woher wissen Sie das?«

»Erstens sagt man es mir und zweitens habe ich es ja täglich selbst gesehen. Sie waren nur meinetwegen zur bestimmten Zeit auf der Schillerstraße?«

»Ja,« antwortete er aufrichtig.

»Und folgten mir nur meinetwegen nach dem Hotel?«

»Nur Ihretwegen.«

»Warum das?«

»Weil - weil - Donnerwetter! Wenn ich ein Schuster wäre, so würde ich sagen: Weil ich Sie liebe.«

»Aber da Sie kein Schuster sind, können Sie das nicht sagen. Die Liebe existirt also nicht und gerade darum darf ich so aufrichtig mit Ihnen


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sprechen. Die Schusterstochter steht so unter Ihnen, daß einer Liebe, selbst wenn sie existirte, gar nicht Erwähnung zu geschehen brauchte. Darum sagte ich Ihnen auch so ehrlich, daß Sie nicht häßlich sind.«

»Da spotten Sie natürlich!«

»Nein, ich sage die Wahrheit.«

»Das kann ich nicht glauben.«

»Glauben Sie es nur getrost. Es denkt und fühlt ja nicht der Eine wie der Andere. Ueber den Begriff des Schönen läßt sich streiten. Das Wort schön darf doch nicht blos auf körperliche Vorzüge oder Eigenschaften Anwendung finden.«

»Das sagen Sie?« fragte er erstaunt. »Um über den Begriff der Schönheit zu discutiren zu können, muß man mehr als Schuhmacherstochter sein.«

»Ach so! Nun, ich habe hier und da etwas gehört und es mir gemerkt. Das ist Alles. Ich wollte nur sagen, daß ich Sie nicht häßlich finde, weil Sie großmüthig und barmherzig sind. Und sodann ist ja auch die Seelenrichtung des Weibes eine ganz andere, als diejenige des Mannes.«

»Seelenrichtung?« fragte er erstaunt.

»Worüber wundern Sie sich?«

»Ueber Ihre Art, sich auszudrücken.«

»Es ist meine gewöhnliche.«

»Wo haben Sie das gelernt?«

»Von meinem Bruder.«

»Was ist er?«

»Musikant,« antwortete sie mit einem kleinen Anfluge von Ironie.

»Ah! Er muß ein belesener Musikant sein.«

»Das ist er freilich.«

»Wo hat er musicirt?«

»Auf dem Saale des Tivoli, zweite Geige.«

»So, so. Was meinten Sie vorhin, als Sie von der Verschiedenheit der Seelenrichtung sprachen?«

»Ich meinte, daß der Mann, wenn er liebt, mehr oder weniger durch die Schönheit der Formen beeinflußt wird. Das Weib liebt weniger die Form als vielmehr den Inhalt. Ich könnte einen schönen Mann hassen und einen häßlichen lieben, beides um ihrer Herzenseigenschaften willen.«

»Wären Sie dessen wirklich fähig?«

»Ja.«

Da bog er sich weiter vor und fragte gespannt:

»Könnten Sie zum Beispiel mir gut sein?«

Er glaubte, sie in Verlegenheit zu bringen, sie aber antwortete in aller Seelenruhe:

»Ja, nämlich wenn Sie Schuster wären.«

»So aber nicht?«

»Nein. Oder könnten Sie mich, die Schusterstochter, lieben, obgleich Sie der Sohn eines hocharistokratischen Hauses sind?«


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Ihre Art und Weise der Beweisführung frappirte ihn.

»Vielleicht dennoch,« antwortete er.

»Nun dann auch ich Sie vielleicht dennoch,« lächelte sie, indem sie ihm die Hand entzog, welche er bisher festgehalten hatte.

In diesem Augenblicke stieß der Postillion in's Horn. Die Beiden hatten in letzter Zeit nicht auf die Gegend geachtet. Jetzt bemerkten sie, daß sie in Reitzenhain angekommen waren.

Jetzt ging's an's Scheiden. Er fragte noch schnell:

»Wo waren Sie in letzter Zeit?«

»Hier,« antwortete sie.

»Jedenfalls in dienender Stellung?«

»Gewiß,« nickte sie ihm zu.

»Kennen Sie eine Familie Holm?«

»Sehr genau.«

»Es soll eine Tochter da sein?«

»So viel ich weiß, ja.«

»O bitte! Sie blicken mich so forschend an. Sie scheinen etwas vorauszusetzen, nicht?«

»Hätte ich dazu etwa ein Recht?«

»Nein. Dennoch aber sage ich Ihnen, daß ich diese Dame noch gar nicht kenne.«

»Noch nicht? Sie wollen sie aber kennen lernen?«

»Ja. Ich muß nämlich.«

»Warum?«

»Ich habe sie zu grüßen. Das ist Alles.«

»Von wem?«

»Von einem Freunde, nämlich von dem Herrn, welchen Sie heute am Vormittag bei mir gesehen haben.«

Es glitt ein höchst schalkhaftes Lächeln über ihre fein ausgearbeiteten Züge, als sie fragte:

»Hat dieser Herr auch von mir gesprochen?«

»Natürlich, da er Sie ja gesehen hat.«

»Was sagte er?«

»Daß Sie sehr, sehr - hübsch seien.«

»Das ist nicht viel. Weiter nichts?«

»Nein.«

»So, so! Ah, aussteigen! Sie fahren jedenfalls bis zum Schlosse weiter?«

Der Kutscher hatte gehalten und war abgestiegen, um den Schlag zu öffnen, damit sie aussteige.

»Bitte,« sagte Hagenau noch in Eile, »darf ich erfahren, bei wem Sie in Condition sind?«

»Schweigen wir,« antwortete sie. »Was würde man sagen, wenn man bemerkte, daß Sie mit einer Schusterstochter sprechen!«


Ende der dreiundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk