Lieferung 99

Karl May

17. Juli 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


// 2353 //

»Wieso?«

»Ich belausche ein Gespräch.«

»Oh! Ich auch.«

»Zwischen einem Manne und einem Mädchen.«

»Ganz wie ich.«

»Sie schienen Vater und Tochter zu sein.«

»Wunderbar! Das ist ja ganz mein Fall!«

»Wirklich? Wir werden doch nicht ein und dasselbe Paar belauscht haben?«

»Ich glaube kaum.«

»Stecken Sie vielleicht in einer Bude?«

»Bude? Nein. Ich weiß von keiner Bude.«

»Dachte es mir! Aber desto sonderbarer ist es mir, daß wir Beide Vater und Tochter belauscht haben und da auf den Gedanken gekommen sind, droben in Grünbach ein Geheimniß zu entdecken. Nun fehlt nur noch, daß sich Ihr Geheimniß auf dieselbe Person bezieht wie das meinige.«

»Welche Person meinen Sie?«

»Einen gewissen Robert von Helfenstein.«

»Herrgott, den meine auch ich!«

»Alle Teufel! Es handelt sich dabei um eine Kette?«

»Freilich!«

»Um Kinderwäsche?«

»So scheint es.«

»Mir bleibt der Verstand still stehen! Es scheinen hier Zeichen und Wunder zu geschehen. Sie müssen mir erzählen, was Sie erlauscht haben.«

»Und Sie mir auch.«

»Natürlich. Aber da kommt eine leere Droschke. Steigen wir ein, damit wir nicht zu gehen brauchen. Im Wartesaale können wir uns dann aussprechen.«

Mit Hilfe einer Droschke gelangten sie sehr schnell nach dem Bahnhofe. Dort setzten sie sich in eine ungestörte Ecke des Wartesaales, und Doctor Holm erklärte:

»Ich habe freilich nicht dieses Geheimnisses wegen die Reise unternommen. Mein Vater befindet sich mit der Schwester in Bad Reitzenhain; meine Braut ist gestern hinauf, um Beide zu besuchen, und ich fahre heute nach, um einen Tag oder zwei bei ihnen zuzubringen. Ich komme da über den Wilhelmsplatz, als mir ein Kofferhenkel zerreißt. Ich nahm den Plaidriemen aus der Tasche, um den Koffer damit zu schnüren. Ich trat an eine der auf dem Platze stehenden Verkaufsbuden, weil sich auf dem Auslegebrete derselben die Sache bequemer machen ließ. Ich war beinahe fertig, als ich Schritte hörte, von rechts und von links. Ich lausche nicht gern; aber was ich da hörte, das bewog mich, meine Anwesenheit auf keinen Fall merken zu lassen.«

»War es wichtig?«


// 2354 //

»Vielleicht. Die Beiden waren ein Mann und ein Frauenzimmer, Vater und Tochter, wie ich bald hörte. Die Letztere dient bei irgend einem Staatsanwalte und hatte dem Ersteren Schlüssel geborgt. Warum, das konnte ich nicht erfahren. Sie fragte, ob das Abenteuer gelungen sei; er antwortete bejahend. Dann war die Rede von viel Geld, ich glaube von fünfundzwanzigtausend Gulden, die für eine Kette bezahlt worden seien, und von einer ebenso großen Summe, welche heute Abend ausgezahlt werden solle, vielleicht auch morgen. Die Beiden sprachen für mich in halben Räthseln. Ich konnte nur so viel entnehmen, daß es sich darum handelte, nachzuweisen, daß irgend Jemand der echte Robert von Helfenstein sei. Dabei war von einem Freiherrn von Tannenstein und seiner Tochter die Rede. Kurz und gut, es handelte sich um ein Geheimniß, welches ich ergründen muß. Der Mann sagte, er werde von dem Freiherrn an der Linde erwartet, welche am Schloßwege stehe, heute punkt Mitternacht.«

»Konnten Sie die Beiden nicht festhalten?«

»Nein.«

»Warum nicht? Sie brauchten ja nur die Hände auszustrecken!«

»Werde mich hüten.«

»Auf Ihren lauten Ruf wären Ihnen genug Wächter zur Hilfe gekommen.«

»Das weiß ich sehr wohl. Ich hatte auch wirklich zunächst den Gedanken, das saubere Paar zu ergreifen, dann aber sah ich ein, daß dies die größte Dummheit sei, welche ich machen könne.«

»Warum eine Dummheit?«

»Die Beiden hätten sicherlich nichts eingestanden. Am Besten ist es, sie ihren Plan ausführen zu lassen und sie dabei zu ergreifen. Freilich kenne ich den Plan noch gar nicht, hoffe aber das Nöthige zu erfahren. Auf jeden Fall finde ich mich um Mitternacht bei der Linde ein.«

»Und ich bin dabei.«

»Wirklich? So handelt es sich also in der That um eine und dieselbe Geschichte?«

»Ja. Ich bin auch noch nicht klar, kann Ihnen aber doch noch einiges Weitere mittheilen. Der Mann, welchen Sie mit seiner Tochter belauscht haben, heißt Simeon.«

»Sapperment! Doch nicht etwa der jüdische Goldarbeiter Jacob Simeon, der steckbrieflich verfolgt wird?«

»Derselbe.«

»Ah! Dann hätte ich ihn freilich fassen sollen!«

»Vielleicht ist es doch besser, daß Sie es nicht gethan haben. Lassen Sie es sich erzählen, was ich belauscht habe!«

Er theilte es ihm mit. Als er geendet hatte, sagte Holm:

»Jetzt beginnt es in meinem Kopfe klar zu werden. Aber das mit dem Robert von Helfenstein kann ich nicht begreifen.«

»Bedenken Sie, bei wem ich gewesen war!«


// 2355 //

»Nun, bei der Baronesse von Helf - - Sapperment, das ist derselbe Name! Betrifft es die Familie dieser Dame?«

»Ja, ihren Bruder.«

»Sie hat einen Bruder? Davon habe ich noch nichts gehört.«

»Es ist noch Geheimniß. Dieser Bruder ist vor langer Zeit verloren gegangen und erst vor Kurzem wieder gefunden worden. Wäre er verschwunden geblieben, so würde der Freiherr von Tannenstein sämmtliche Helfensteiner Besitzungen erben, nun aber - -«

»Alle Teufel! Ich verstehe! Er will den Wiedergefundenen zur Seite schaffen?«

»Möglich.«

»So muß man ihn warnen. Kennen Sie ihn?«

»Ja.«

»So sollten Sie nicht nach Reitzenhain fahren, ehe Sie ihn benachrichtigt haben.«

»Ich habe es gethan.«

»So? Das ist gut. Wie haben Sie ihn kennen gelernt?«

»Durch meinen Gönner, den Fürsten von Befour, welcher mir mittheilte, daß der Betreffende der verschwundene Robert von Helfenstein sei.«

»Höchst interessant! Ich möchte ihn auch kennen lernen.«

»Sie kennen ihn bereits.«

»Ah, er gehört in den Kreis, in welchem ich verkehre?«

»Ja. Natürlich aber trägt er jetzt noch nicht den Namen von Helfenstein.«

»Welchen denn?«

»Hm!« antwortete Robert lächelnd. »Ich sagte Ihnen vorhin, daß ich bei Baronesse Alma gewesen sei - -?«

»Allerdings.«

»Bis wie lange wohl?«

»Nun, seit Sie die BEiden belauschten, kann eine Stunde vergangen sein. Es ist also sehr spät gewesen, weit über Mitternacht, als Sie die Baronesse verließen.«

»Was folgt daraus?«

»Daß Sie sehr gern gesehen sind, daß Sie höchst intim - - Wetter noch einmal! Da kommt mir ein Gedanke!«

Er blickte Bertram mit weit aufgerissenen Augen an.

»Welcher Gedanke?«

»Sollte es möglich sein? Nicht wahr, Ihr Vorname ist Robert?«

»Ja.«

»Sind etwa gar Sie selbst jener verloren gegangene und wiedergefundene Robert von Helfenstein?«

»Würden Sie es mir gönnen?«

»Von ganzem, ganzem Herzen.«

»Nun, so will ich Ihnen gestehen, daß ich es bin.«

»Wirklich? Sie flunkern doch nicht etwa?«


// 2356 //

»Kennen Sie mich als einen Flunkerer?«

»Nein. Ich glaube also Ihren Worten. Nehmen Sie meine herzlichste, innigste Gratulation und - -«

»Pst! Still!« meinte Robert, nach dem Eingange winkend, in welchem ein Herr und eine Dame erschienen.

»Wer ist das?« fragte Holm.

»Das ist der Freiherr von Tannenstein mit seiner Tochter. Ich habe den Mann allerdings nur von hinten gesehen und bei trügerischem Lampenschein, aber ich glaube nicht, daß ich mich irre.«

»Er fährt also mit demselben Zuge wie wir?«

»Ja.«

»Wollen wir in ein Coupé mit ihm?«

»Das will überlegt sein.«

»Kennt er Sie?«

»Er hat mich noch nie gesehen; so glaube ich nämlich.«

»Weiß er, daß Robert Bertram Robert von Helfenstein ist?«

»Darüber kann ich leider keine Auskunft geben.«

»Hm! Es wäre vielleicht gut, sich ihm vorzustellen. Vielleicht aber ist es auch besser, wenn er von uns gar nichts weiß und erfährt. Das Erstere können wir allemal noch thun, darum wollen wir das Letztere wählen.«

»Also ein anderes Coupé?«

»Ja. Am besten wird es sein, wir nehmen auch eine andere Wagenclasse. Fahren wir dritter!«

»Gut! Je ferner wir uns von ihm halten, desto weniger kann er vermuthen, daß wir uns in dieser Weise mit ihm beschäftigen.«

»Wir kommen jedenfalls noch früh genug mit ihm zusammen. Wir müssen nämlich mit ihm per Postwagen nach Reitzenhain fahren.«

»Ah, da bin ich neugierig!«

»Ich gar nicht. Neugierig bin ich nur auf die Linde heute Abend. In zehn Minuten geht der Zug ab. Es ist Zeit für Sie, die Ihrigen zu benachrichtigen.«

»Ich schicke ganz einfach einen Dienstmann zu Papa Brandt und lasse ihm sagen, daß ich mit Doctor Holm nach Reitzenhain gedampft sei, man solle keine Sorge um mich haben.«

»Ja; in dieser Weise laden Sie Alles auf mich. Aber es mag so am Besten sein. Wollen uns also die Fahrkarten besorgen. Später können wir ja weiter sprechen.«

Während der Eisenbahnfahrt war, wie sich sehr leicht denken läßt, meist die Rede von Bertrams Verwandlung in einen Baron. In Wildau stiegen sie aus und lösten sich sofort ihre Fahrscheine für die Post. Da sie die Ersten waren, welche dies thaten, erhielten sie die Plätze Nummer Eins und Zwei, also die Plätze im Fond des Wagens, welche die Besseren sind.


// 2357 //

Holm übergab seinen Reisekoffer dem Postillion, welcher ihn zu besorgen hatte, und dann setzten sie sich in die Postrestauration, um den Abgang des Wagens zu erwarten.

Nach einiger Zeit kam der Freiherr mit seiner Tochter dazu. Sie würdigten die beiden Anderen keines Grußes, und während Theodolinde in hochmüthiger Haltung Platz nahm, ging der Freiherr, um die Fahrscheine zu besorgen.

»Die besten Plätze sind bereits weg,« meldete er, als er zurückkehrte. »Das ist unangenehm.«

»Wieso unangenehm?« fragte sie.

»Nun, wirst Du etwa mit einem schlechten Platze zufrieden sein?«

»Das nicht. Ich nehme mir eben den besten; das ist genug und versteht sich ganz von selbst.«

»Man wird ihn Dir nicht lassen.«

»Oho! Ich will Den sehen, welcher es wagt, gegen Theodolinde von Tannenstein unhöflich zu sein.«

Holm und Robert thaten, als ob die Worte sie gar nicht berührten. Sie wurden von den beiden Anderen auch gar nicht für Reisende gehalten.

Als das erste Zeichen gegeben wurde, entfernten sich Vater und Tochter. Holm und Robert folgten später und fanden allerdings ihre beiden Plätze besetzt. Sie grüßten sehr höflich, doch wurde ihnen nicht gedankt.

Sie hatten beschlossen, mit den zwei rückwärts liegenden Sitzen fürlieb zu nehmen; da aber lagen die Schirme, Hüte und andere Effecten der Tannensteins.

»Bitte, meine Herrschaften, dürften wir Sie um ein Wenig Platz ersuchen?« meinte der Doctor.

Er erhielt keine Antwort. Er wiederholte seine Worte, bekam aber auch jetzt keine Silbe zu hören. Da nahm er ganz einfach die unbequemen Gegenstände, legte sie den beiden Schweigenden in den Schooß und setzte sich.

»Rohheit!« stieß Theodolinde hervor.

»Hatten Sie etwas zu bemerken, Fräulein?« fragte der Doctor Holm.

Sie zuckte geringschätzend die Achsel, antwortete aber nicht. Darum fuhr er fort:

»Ich dachte, Sie hätten sprechen wollen. Ich liebe es, wenn dies so deutlich geschieht, daß man es verstehen kann, denn dann ist es wenigstens möglich, eine Antwort zu geben.«

»Eine Antwort wird von Ihnen gar nicht erwartet,« stieß der Freiherr hervor.

»Ach, dann hat man also gar nicht mit uns gesprochen, und wenn es richtig ist, wie ich vermuthe, nämlich das Wort 'Rohheit' gehört zu haben, so kann dasselbe also nur Ihnen gegolten haben. Bitte um Entschuldigung.«

Er verneigte sich sehr höflich und lächelte in sich hinein. Der Freiherr ärgerte sich außerordentlich, den ausgetheilten Stich in dieser Weise zurückerhalten zu haben, und wartete nur auf eine Gelegenheit, sich zu rächen.


// 2358 //

Sie wollte aber nicht kommen; darum zog er sie später, als man bereits die erste Station passirt hatte, mit den Haaren herbei. Der Weg war schlecht geworden, der Wagen wurde hin und her geworfen, und so war es gar nicht zu vermeiden, daß sich die Passagiere zuweilen berührten. Bei einer solchen Gelegenheit fuhr der Freiherr Robert an:

»Herr, was stoßen Sie? Sie scheinen es geradezu auf mich abgesehen zu haben.«

»Das ist wahr,« antwortete Robert ruhig.

»Unverschämtheit!«

»Nur in anderer Weise, als Sie meinen, sehe ich es auf Sie ab.«

»Was wollen Sie damit sagen? Halten Sie ihr Maul, und sitzen Sie ruhig!«

Und nach kurzer Pause meinte Theodolinde:

»Vater, ich bitte Dich! Befindet man sich hier denn in einem Mörser, um zu Mehl zerstoßen zu werden!«

»Nehmen auch Sie sich in Acht!« schnauzte in Folge dessen der Freiherr Holm an. »Sie befinden sich nicht in der Schnapspenne, wo sie zu verkehren scheinen!«

»Haben Sie mich jemals dort gesehen?« fragte Holm, indem er ihm in dieser Weise die Beleidigung zurückgab.

»Flegel!« war die Antwort.

Das war dem Doctor denn doch zu viel. Er klopfte an das Vorderfenster, ließ halten und stieg aus.

»Was giebt es?« fragte der Postillion.

»Man hat die Plätze verwechselt.«

»Wieso?«

»Lassen Sie sich die Fahrscheine zeigen.«

Dabei schob er ihm ein Trinkgeld in die Hand. Der Mann stieg sofort vom Bocke, nahm den Hut ab und sagte zum Freiherrn:

»Darf ich die Herrschaften um die Fahrscheine bitten?«

»Wozu?«

»Es ist der Plätze wegen.«

»Pah! Wir Beide haben Plätze!«

»Aber vielleicht die falschen Plätze.«

»Geht uns nichts an. Wir sind zuerst eingestiegen.«

Da sagte Holm:

»Diese beiden Personen scheinen noch nie mit der Post gefahren zu sein, da sie nicht wissen, in welcher Weise die Plätze vergeben werden.«

»Schweigen Sie, Unverschämter!« antwortete Tannenstein. »Sie haben uns während der ganzen Fahrt belästigt.«

»Das ist freilich wahr. Wir haben sie gegrüßt. Das ist eine Belästigung, die Sie gar nicht zu verdienen scheinen.«

»Das ist stark! Postillion, befreien Sie uns von diesen beiden Personen.«


// 2359 //

Der Genannte kratzte sich verlegen in den Haaren und antwortete:

»Was das betrifft, so mag es auf der nächsten Station ausgemacht werden. Ob Jemand unwürdig ist, mitzufahren, darüber habe nicht ich zu entscheiden. Aber ob jeder Passagier seinen richtigen Platz hat, darauf habe ich zu sehen. Bitte also die Fahrscheine.«

»Ist nicht nöthig.«

»Ganz richtig,« nickte Holm. »Es ist nicht nöthig, daß Sie die Fahrscheine der Anderen betrachten. Hier ist der meinige - Nummer Eins, sehen Sie? Und mein Freund hier hat Nummer Zwei.«

»Hm! Das ist dumm!« brummte der Rosselenker.

»Warum dumm? Die anderen Passagiere haben also Nummer Drei und Vier. Wir hätten uns schweigend verhalten. Da man uns aber unsere Höflichkeit mit Rohheit vergilt, so verlangen wir die uns gebührenden Plätze.«

»Verflucht!« brummte der Postillon in den Bart.

»Sie haben nicht zu fluchen, sondern Ihre Pflicht zu thun!«

»Das ist freilich wahr. Also Sie bestehen darauf?«

»Ja.«

Der Kutscher kannte den Freiherrn und dessen Tochter. Er meinte jetzt möglichst demüthig zu ihnen:

»Ja, meine Herrschaften, da kann ich nicht helfen. Sie müssen sich eben hier herüber setzen.«

»Sie phantasiren wohl?« fragte Tannenstein.

»Nein, das Nervenfieber habe ich noch nicht; aber ich kann es leicht bekommen, wenn es so fortgeht. Bitte, geben Sie Nummer Eins und Zwei frei!«

»Niemals! Fällt uns nicht ein. Fahren Sie weiter! Auf der nächsten Station werde ich mich übrigens beschweren. Wer mit seinem Platze nicht zufrieden ist, mag aussteigen und auf Schusters Rappen fahren.«

»Na, was soll man da thun!« meinte der Postillon, indem er Holm rathlos anblickte.

»Ihre Pflicht,« antwortete dieser.

»Die thue ich ja.«

»Nein. Sie bitten nur, aber Sie befehlen nicht.«

»Na, man gehorcht mir doch nicht!«

»So sind wir Beide also auf uns selbst angewiesen. Wir haben unsere Plätze gelöst und bezahlt; wir wollen sie haben. Wer uns dabei im Wege ist, der mag sehen, wo er bleibt. Ich bitte also zum letzten Male, unsere Sitze freizugeben.«

»Lassen Sie sich nicht auslachen!« sagte der Freiherr.

»Allerdings nicht. Wenigstens glaube ich nicht, daß Sie der Manne sind, uns auszulachen.«

»Keine Beleidigung weiter! Sie wissen nicht, wer und was ich bin!«

»Das weiß ich sehr genau.«

»Nun, was bin ich?«


// 2360 //

»Ein Flegel!«

»Mensch! Ich werde Sie auf der nächsten Station arretiren lassen! Ich bin der Freiherr von Tannenstein.«

Da fiel Robert schnell ein:

»Das ist nicht wahr, das ist eine Lüge!«

»Ah! Sie Grünschnabel wollen auch mit reden?«

»Ja, und zwar nicht nur mit Worten, sondern mit Thaten. Hier meine Antwort auf den Grünschnabel!«

Er holte aus und gab ihm eine so mächtige Ohrfeige, daß dem Getroffenen Hören und Sehen verging.

»Sehr gut, so!« lachte Doctor Holm. »Wenn er damit nicht zufrieden ist, stehe auch ich zur Verfügung.«

Der Freiherr wußte gar nicht, ob er lachen oder weinen solle. Dann bemächtigte sich seiner eine entsetzliche Wuth, aber trotz derselben wagte er keine thätliche Erwiderung. Er schimpfte und tobte und drohte mit allem Möglichen. Seine Tochter stimmte ein. Beide befahlen dem Postillon, die Fahrt fortzusetzen, dieser aber, im Innern sehr erfreut über die Lection, welche der Freiherr erhalten hatte, antwortete:

»Das geht nicht so rasch. Erst muß die Platzgeschichte in Ordnung gebracht werden.«

»Aber ich gebiete Ihnen, weiter zu fahren. Ich verantworte Alles, Alles, ich, der Freiherr von Tannenstein.«

»Es geht aber nicht.«

Da sagte Robert zu dem Postillon:

»Lassen Sie sich nicht etwa durch irgendeinen Titel einschüchtern. Dieser Mensch nennt sich zwar Freiherr, ist aber keiner. Ein Herr vom Adel kann niemals ein so gemeines Betragen haben.«

Da hielt es der Postillon nun freilich für seine Pflicht, die aufklärende Antwort zugeben:

»Da sind Sie aber falsch berichtet; er ist freilich ein wirklicher Freiherr. Ich kenne ihn.«

»Ich kenne ihn auch.«

»Na, da möchte ich wissen, für wen Sie ihn halten!«

»Er ist ein Kaufmann aus dem kleinen Orte Kirchenbach und heißt Moosberg.«

Da zuckte der Freiherr zusammen; der Postillion aber meinte zweifelnd:

»Wissen Sie das genau?«

»Ja. Er hat sich selbst so in das Fremdenbuch eingetragen. Fragen Sie ihn, ob er es leugnet!«

»Fremdenbuch? Das verstehe ich nicht; das geht über meinen Horizont. Aber da giebt es hier freilich eine Ähnlichkeit, welche ihres Gleichen sucht. Darf man denn vielleicht auch erfahren, wer und was Sie sind?«

»Ja. Mein Freund ist ein Baron, und ich bin ein Doctor der Philosophie; die Namen sind ja wohl hier gleichgültig. Nun aber ist des Schwatzens


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genug. Ich verlange meinen Platz; erhalte ich ihn nicht freiwillig, so nehme ich ihn mir. Auf hier und hinüber!«

Er faßte den Freiherrn mit unwiderstehlicher Stärke, zog ihn halb empor und schleuderte ihn auf den gegenüberliegenden Sitz. Theodolinde folgte ihrem Vater jetzt freiwillig. Der Kutscher stieg auf und setzte die Fahrt fort.

Es wurde kein Wort gesprochen; aber die Augen der beiden Tannenstein's waren um so beredter. An der nächsten Station stiegen Beide aus.

»Jetzt macht er Anzeige,« meinte Robert.

»Ich gräme mich nicht darüber. Wir sind gekommen, eine Fehde mit ihm auszufechten und haben uns ihm einstweilen vorgestellt. Nun weiß er, was er von uns zu erwarten hat.«

Anstatt des Stationschefs kam der Postillon. Er sagte:

»Ich soll die Sachen hinein bringen.«

»Uns nicht auch?«

»Nein. Sie haben drin gar nichts erzählt, sich aber ein Extrageschirr bestellt. Nun fahren wir allein.«

»Recht so!«

»Verfluchte Geschichte! Ich hielt ihn wirklich für den Freiherrn; da er aber diese horrible Maulschelle so gemüthlich einsteckte, so kann er es nicht sein. Ein wirklicher Freiherr hätte den jungen Herrn dafür massacrirt.«

Die Fahrt wurde fortgesetzt und verlief von jetzt an ohne alle Störung. In Reitzenhain angekommen, wurde Holm von seiner Schwester und seiner Braut von der Post abgeholt. Es versteht sich von selbst, daß auch Robert Bertram willkommen geheißen wurde.

Dieser Letztere behielt den Zweck seines Hierseins im Auge. Er erwartete die Ankunft des Freiherrn. Als dieser anlangte, beobachtete er ihn unbemerkt. Er erfuhr, daß Tannenstein in die Apotheke gegangen war und sich dann mit seiner Tochter nach dem Schlosse zu Graf Hagenau begeben hatte. Hier waren die Beiden etwa eine Stunde lang geblieben und dann nach Grünbach weitergefahren.

Als Bertram dann in der Apotheke nachfragte, erfuhr er, daß der Freiherr sich einige Schlafpulver gekauft habe, da er seit Kurzem an Schlaflosigkeit leide.

Er theilte dies Doctor Holm mit.

»Das Schlafpulver geht uns jedenfalls nichts an,« meinte dieser. »Das ist Zufälligkeit.«

»Wahrscheinlich. Aber in einer Lage wie die unsrige gewinnt Alles eine erhöhte Bedeutung.«

»Wann brechen wir auf nach Grünbach?«

»Ich möchte keine Zeit versäumen. Man muß recognosciren, um das Schloß und die Umgegend kennen zu lernen. Das muß natürlich am Tage geschehen.«

»Versteht sich. Vielleicht treffen wir dabei auf den Kerl, den wir suchen.«


// 2362 //

»Schwerlich.«

»O, er muß doch auch wahrscheinlich recognosciren.«

»Wenn er nicht bereits dort gewesen ist. Brechen wir nach Tische auf?«

»Mir ist es recht.«

So geschah es. Am Schlusse des Mittagessens verabschiedeten sich die Beiden, ohne aber zu sagen, was sie eigentlich vorhatten. Sie gingen spazierend nach Grünbach, schlugen einen Bogen um das Dorf und hielten dann auf die Linde zu, welche zwischen demselben und dem Schlosse lag. Doch nahmen sie sich in acht, und führten dies so unauffällig wie möglich aus. Darum gingen sie an dem Baume vorüber, ohne bei ihm stehen zu bleiben, und verschwanden dann in einem Gebüsch, welches sich nach dem Walde hin zog.

»Der Baum ist ganz passabel,« sagte der Doctor.

»Zum Lauschen, meinen Sie?«

»Ja.«

»Der Stamm ist so stark, daß man sich leicht hinter ihm verstecken kann.«

»Das werden wir freilich bleiben lassen.«

»Warum?«

»Weil man uns da erwischen würde. Dieser Simeon kommt und wartet da. Es versteht sich ganz von selbst, daß er sich genau umblickt. Nein. Wir dürfen uns nicht hinter dem Stamme verstecken, sondern wir müssen hinauf.«

»Hinauf? Das wäre zu schwer.«

»Ja, zum Erklettern ist der Baum viel zu stark. Er muß über tausend Jahre alt sein. Aber mit Hilfe eines Strickes, den wir über einen Ast werfen, wird es gehen. Und ein Strick wird wohl zu haben sein.«

»Ja. Und dann sitzen wir hoch da oben und hören kein Wort von dem, was unten gesprochen wird.«

»Das müssen wir freilich gewärtig sein. Der unterste Ast befindet sich wenigstens zwölf Ellen über der Erde.«

»Warum hinaufklettern? Das ist ja gar nicht nöthig. Die Linde ist hohl.«

»Wirklich? Das habe ich gar nicht bemerkt.«

»Weil Sie an der anderen Seite vorübergingen. An der meinigen sah ich den Spalt, der so breit ist, daß ich ganz gut hineinkriechen kann.«

»Da werden wir sehen, ob sich diese Gelegenheit für uns benutzen lassen wird. Jetzt nun wollen wir uns einmal das Schloß ansehen.«

Sie umstrichen dasselbe von allen Seiten, bis sie ganz genau orientirt waren. Dabei erblickten sie auch den Thurm, den der Einsiedler Winter bewohnte. Sie näherten sich ihm, um ihn zu betrachten. Dabei kamen sie über eine Erhöhung, von welcher aus man einen ziemlich weiten Rundblick hatte. Da blieb Bertram stehen und sagte:

»Drehen Sie sich nicht um, sondern thun Sie so, als ob Sie den alten Thurm studirten!«

»Schön! Aber warum?«


// 2363 //

»Schielen Sie einmal da rechts hinüber. Sehen Sie die drei neben einander stehenden Kirschbäume?«

»Ja. Ah, dort kauert Einer an der Erde.«

»Ja.«

»Finden Sie dabei etwas Auffälliges?«

»An der Gegenwart dieses Mannes an und für sich nicht, aber die Art und Weise, wie er sich niederduckte, war höchst merkwürdig. Es sah ganz so aus, als ob er sich verbergen wolle.«

»Ach so! Er hat ein böses Gewissen?«

»Er kam dort den Feldrain herauf, gebückt und schleichend. Da bemerkte er uns Beide. Sofort machte er einige rasche Sprünge, um die Bäume zu erreichen, und kauerte sich hinter dieselben nieder.«

»Das ist freilich auffällig. Jetzt hat er sich ganz niedergelegt, so daß wir ihn gar nicht sehen können. Wollen wir ihn uns aus der Nähe betrachten?«

»Sie meinen, daß wir hingehen?«

»Nein. In diesem Falle würde er ausreißen, falls er Grund hat, die Menschen zu fliehen. Nein. Wir umgehen die Stelle im weiten Bogen, so daß er auch unsere Gesichter nicht erkennen kann, und treten dann in den Wald, dort wo der schmale Weg in denselben führt. Anstatt aber diesem Weg zu folgen, kehren wir rasch hinter den Bäumen nach der Stelle um, an welcher der Feldrain an den Waldesrand stößt. Dort kommt der Mann ganz sicher vorüber. Sind Sie einverstanden?«

»Ganz natürlich.«

»So kommen Sie!«

Sie bewegten sich in der angegebenen Weise vorwärts, bis sie den Wald erreichten, hinter dessen ersten Bäumen sie dann schnell zurückeilten. An der Stelle angekommen, wo der Rain auf die Büsche stieß und sich unter denselben verlor, kam ihnen wieder der Mann zu Gesicht.

»Sehen Sie, daß ich Recht hatte,« sagte Holm. »Eben jetzt steht er von der Erde auf.«

»Aber wie! Wie ein Spion, den jeder Blick tödten kann. Dieser Mann hat wirklich ein böses Gewissen.«

»Wir werden uns ein wenig um ihn bekümmern. Sehen Sie, daß er gerade auf dem Rain auf uns zukommt? Legen wir uns hier hinter das Haselgebüsch; da können wir ihn genau sehen und ihm doch so bequem nach rechts oder links ausweichen, daß er uns gar nicht zu bemerken vermag.«

Sie thaten das. Der Mann kam langsam näher. Es war der Goldarbeiter Jacob Simeon. Am Waldesrande angekommen, blieb er überlegend stehen. Er bewegte die Lippen, er schien mit sich selbst zu sprechen. Langsam und sinnend schritt er weiter. Im Vorübergehen hörten ihn die Beiden sagen:

»Nein, mich fängt er nicht. Ich vergrabe Alles, Alles, bis ich weiß, woran ich mit ihm bin. Dann -«


// 2364 //

Mehr war nicht zu hören.

»Haben Sie verstanden?« fragte Holm.

»Ja. Er will etwas vergraben.«

»Vielleicht etwas für uns Wichtiges. Wir müssen ihm unbedingt folgen.«

»Ja, aber vorsichtig! Warten wir. Dort ist er stehen geblieben. Er beobachtet das Schloß. Er kommt mir außerordentlich bekannt vor. Den muß ich in der Residenz gesehen haben.«

»Und mir kommt er nicht nur bekannt vor, sondern ich kenne ihn wirklich. Erst jetzt fällt es mir ein. Ich weiß, daß er ein jüdischer Goldarbeiter ist, nur seinen Namen wußte ich nicht. Jedenfalls ist es sicher, daß er der gesuchte Jacob Simeon ist.«

»Da machen wir einen guten Fang. Wir sollten ihn gleich jetzt festhalten.«

»O nein. Wir müssen wissen, was der Freiherr mit ihm beabsichtigt. Jetzt geht er weiter. Kommen Sie, immer hinter mir. Nur nicht sehen lassen!«

Sie folgten ihm unter den Bäumen, die den Rand des Waldes bildeten. Er schien nach etwas zu suchen.

»Was mag er wollen?« meinte Robert.

»Einen Ort, der sich gut eignet, etwas zu vergraben. Er muß sicher, aber doch auch leicht wiederzufinden sein.«

»Halt! Dort bleibt er stehen!«

»Ja, er scheint einen Entschluß gefaßt zu haben.«

»Wie vorsichtig und mißtrauisch er sich umsieht! Ah, er durchsucht die ganze Umgebung, ob Jemand da ist. Gehen wir noch ein wenig zurück.«

»Nicht nöthig. Jetzt kniet er nieder, dort bei jener Birke. Er nimmt das Messer heraus. Wahrhaftig, er sticht den Rasen aus und beginnt zu graben.«

Die Beiden hatten sich niedergekauert, um ihn besser beobachten zu können. Er arbeitete wohl eine volle Viertelstunde lang; die Einzelnheiten konnten sie nicht sehen. Dann erhob er sich. Er nahm zwei schwache, eng neben einander stehende Äste der Birke und flocht sie zusammen.

»Da macht er sich ein Zeichen, um den Ort leicht wieder zu finden,« sagte Robert Bertram. »Ich brenne förmlich vor Begierde, zu wissen, was er da versteckt hat.«

»Das werden wir sehr bald erfahren. Lassen wir uns nur ja nicht sehen. Treten wir lieber weiter in die Büsche hinein, wo wir schwerer zu bemerken sind!«

»Ja, schnell, da kommt er zurück.«

Sie versteckten sich. Er kam langsam vorüber und blieb dann für einige Secunden stehen, um sich den Ort einzuprägen, an welchem er seinen Schatz vergraben hatte. Dann schritt er weiter.

Die Beiden warteten eine ganze Weile, dann meinte Robert Bertram: »Jetzt wird er wohl fort sein!«


// 2365 //

»Hoffentlich. Sehen wir einmal nach. Warten Sie hier!«

Er schlich sich in der Richtung fort, in welcher Simeon verschwunden war, und kehrte erst nach längerer Zeit zurück, sich entschuldigend:

»Ich wollte ganz sicher gehen. Er konnte ja sehr leicht auf den Gedanken kommen, wieder umzukehren. Ich sah ihn über die Felder gehen, jenseits des Dorfes hinauf. Wir sind jetzt ungestört.«

Sie begaben sich nach der Birke. Es war nicht die mindeste Spur zu bemerken, daß Jemand hier gegraben habe. Er hatte seine Sache sehr gut gemacht. Da sie ihn aber so genau beobachtet hatten, war die Stelle sehr bald gefunden.

Es gab unter der Birke einen dünn bewachsenen Waldrasen, aus welchem Simeon ein viereckiges Stückchen ausgeschnitten hatte. Sie hoben dasselbe empor und kamen auf lockere Erde, welche sie vorsichtig entfernten, indem sie sie in ihre Taschentücher sammelten. Dann - stieß Holm einen Ruf der Freude aus.

»Hier!« sagte er. »Sehen Sie! Eine Brieftasche.«

»Ja. Ah! Was ist drin?«

Holm öffnete.

»Donner und Doria!« meinte er. »Banknoten! Und zwar zu tausend Gulden das Stück.«

»Echte?«

»Ich denke es.«

Er hob eine der Noten prüfend gegen das Licht und sagte dann:

»Ich möchte mit wetten, daß diese Noten echt sind. Wollen zählen - ah, Sapperment! Fünfundzwanzig Stück, also fünfundzwanzigtausend Gulden. Das ist ja ein ganzes Vermögen!«

»Und auch gerade die Summe, welche wir erlauscht haben. Heute will er sich abermals so viel holen.«

»Für was aber? Wofür?«

»Für die Kette natürlich und so weiter.«

»Wahrscheinlich. Sollte sich im Portefeuille hier nicht ein Fingerzeig finden?«

Holm suchte nach. Er fand mehrere Papiere; sie waren aber werthlos. Endlich, als er bereits die Geduld zu verlieren begann, fand er in einem ziemlich gut verborgenen Fache einen zusammengefalteten Bogen, welcher augenscheinlich neu war.

»Das ist vielleicht das Richtige!« meinte er.

»Bitte, öffnen!«

»Gleich! Das ist gutes, starkes Actenpapier. Wie kommt der Mann dazu? Sehen Sie, da ist auch der Wasserstempel, mit welchem das in den Gerichtsämtern gebrauchte Papier gezeichnet ist.«

»Aber der Inhalt! Bitte, bitte!« drängte Robert.

»Gleich, gleich! Hier sind die Zeilen und darunter befindet sich das


// 2366 //

Siegel des Freiherrn, ja, bei Gott, Freiherrn. Man sieht, daß er hier den Siegelring in Gebrauch genommen hat.«

»Lesen, lesen!«

»Gleich, gleich! Hören Sie!«

          »Ich Endesunterzeichneter bekenne hiermit, daß ich Herrn Goldarbeiter Jacob Simeon 25.000 Fl., sage fünfundzwanzigtausend Gulden schulde. Ich mache mich nach Wechselrecht verbindlich, diese Summe bis spätestens übermorgen, den zwölften Juni a.c., Nachmittag sechs Uhr, an ihn zu entrichten und entsage hiermit ausdrücklich aller Weigerung und Ausrede.
          (L.S.)          Ernst, Freiherr von Tannenstein
                                        auf Grünbach.«

»Also eine Schuldverschreibung,« sagte Robert.

»Eine Schuldverschreibung in Wechselform. Was meinen Sie, behalten wir das Geld?«

»Natürlich.«

»Und diese Verschreibung?«

»Auch. Wir behalten überhaupt die Tasche nebst Inhalt, um sie der Behörde zu übergeben.«

»So wollen wir hier das Loch wieder schließen, aber so behutsam und sauber, wie er es gethan hatte.«

»Er wird fürchterlich erschrecken, wenn er zurückkehrt und das Nest leer findet.«

»Natürlich, denn dann sind ihm volle fünfzigtausend Gulden verloren. Da müssen wir nun vorsichtig sein. Es ist möglich, daß er schon heute wiederkommt. Findet er das Loch leer, so schöpft er natürlich Verdacht und unser Lauschen heute am Abend ist umsonst.«

»Sie meinen, wir legen die Brieftasche wieder hinein?«

»Gott bewahre! Das wäre das Allerdümmste, was wir thun könnten. Nein, die Brieftasche behalten wir.«

»Aber wenn er zurückkehrt, merkt er ihren Verlust!«

»Wenn wir es richtig machen, merkt er nichts. Wir müssen es nämlich so einrichten, daß er diesen Ort gar nicht wiederfindet.«

»Ah, dieser Gedanke ist allerdings sehr gut. Wir machen also das Loch sorgfältig zu.«

»Nicht blos das, sondern wir haben es auch mit übergestreutem Laub zu verdecken.«

»Warum das?«

»Weil da, wo er mit dem Messer den Rasen zerschnitten hat, das Gras welken wird. Das Viereck würde also sofort in die Augen fallen, wenn wir es nicht durch Laub unsichtbar machten. Nur muß das Laub das Aussehen haben, als ob es hergeweht worden sei.«

»Aber die Zweige, welche er hier verflochten hat?«

»Machen wir auseinander.«

»Schön; dann findet er den Baum nicht leicht.«


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»O, er hat sich noch einmal umgesehen. Ich fürchte, er fände diesen Baum trotz alledem, wenn wir nicht noch etwas Anderes thun. Wir flechten nämlich die Zweige eines anderen Baumes zusammen.«

»Oder die Zweige zweier Bäume. Das wird ihn ganz bestürzt machen. Er wird gar nicht wissen, woran er ist. Er wird unter diesen Bäumen suchen und doch nur den unverletzten Boden finden. Das wird ihn dermaßen verblüffen, daß er gar nicht auf den Gedanken kommt, der Schatz sei ihm geraubt worden. Kommen Sie. Hier sind wir fertig. Suchen wir uns in einiger Entfernung einen passenden Ort.«

Der Plan Holm's wurde sofort ausgeführt. Eben waren sie damit fertig, und wollten sich entfernen, als sie Jemand husten hörten. Sie nahmen rasch eine möglichst unbefangene Haltung an und bewegten sich, wie suchend, unter den Bäumen hin.

»Halt!« tönte es ihnen entgegen. »Was giebt es hier in meinem Walde zu suchen?«

Der Freiherr stand vor ihnen. Er trug eine Doppelbüchse auf der Schulter. Diese Waffe mochte ihm eine ungewöhnliche Sicherheit geben, denn er blickte die beiden jungen Männer wie triumphirend an und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort:

»Zweifeln Sie nun noch, daß ich der Freiherr von Tannenstein bin?«

»Ja,« antwortete Holm. »Sie haben sich in der Residenz Moosberg genannt; das wird Ihr richtiger Name sein.«

»O, es war ein Pseudonym; ich befand mich incognito in der Hauptstadt. Was haben Sie hier auf meinem Reviere zu thun?«

»Ihr Revier? Ich will einmal annehmen, daß es wirklich so ist; aber hier läuft ein Fußpfad. Wer will mir verbieten, ihn zu benutzen?«

»Ich,« sagte er stolz. »Ich lege meine Privatwege nicht für Jedermann an. Uebrigens haben Sie diesen Pfad gar nicht benutzt. Sie kamen da links zwischen den Bäumen hervor. Ich frage nun zum dritten Male, was Sie hier zu suchen haben?«

»Pflanzen.«

»Wozu? Sind Sie etwa Pflasterfabrikanten?«

»Wir botanisiren.«

»Und das thun Sie so ohne Weiteres da, wo es Ihnen beliebt!«

»Da, wo der Herrgott die Pflanzen wachsen läßt, welche Interesse erregen.«

»Schön! So werde auch ich jetzt einmal botanisiren.«

»Dagegen haben wir nichts.«

»Sie sind die Pflanzen, für welche ich mich interessire.«

»Ah, so! Weiter, Herr - Moosberg!«

»Ich werde Sie also mit nach Hause nehmen.«

»Wir danken.«

»Das hilft nichts, Sie haben sich heute thätlich gegen mich vergangen. Ich attrapire Sie hier auf meinem Jagdgebiet -«


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»Etwa als Wilderer?«

»Wer kann das wissen. Sei dem, wie ihm sei. Ich bin hier Grund- und Polizeiherr. Ich arretire Sie und Sie haben mir zu folgen. Vorwärts!«

Er rückte martialisch an der Flinte und deutete ihnen durch eine gebieterische Handbewegung an, daß sie vor ihm hergehen sollten.

»Bei Gott, er macht Ernst!« sagte Holm.

»Ah, Sie denken etwa, daß ich mit solchem Volke scherze? Wenn Sie nicht gutwillig folgen, werde ich Sie an einander fesseln!«

Robert hatte ihn jetzt in ruhiger Verwunderung betrachtet. Jetzt lachte er laut auf und antwortete:

»Mann, Sie sind wirklich verrückt! Denken Sie an die Ohrfeige, welche Sie bereits erhalten haben!«

»Eben weil ich an sie denke, habe ich Sie arretirt. Ich werden mit Ihnen abrechnen.«

»Wir haben mit Ihnen nichts zu thun. Kommen Sie, Doctor!«

Er ergriff Holm's Arm, um sich mit ihm zu entfernen. Da aber stellte sich der Freiherr ihnen in den Weg und sagte:

»Halt! Sie entfernen sich ohne meine Erlaubniß keinen Schritt von hier. Solche naseweisen Jungens entläßt man erst dann, wenn man ihnen Mores gelehrt hat. Ich befehle Ihnen - au, Donnerwetter!«

Er unterbrach sich und fuhr mit beiden Händen nach dem Gesicht, denn kaum war das beleidigende Wort gefallen, so klatschte Robert's Hand ihm blitzschnell erst auf die eine und dann auf die andere Wange.

»Da, Dummkopf! So machen es die naseweisen Jungens. Du wärst der Kerl dazu, uns zu arretiren!«

Da besann er sich auf sein Gewehr. Er riß es von der Schulter, legte an und rief wütend:

»Canaille, kniee nieder und bitte um Verzeihung, sonst jage ich Dir augenblicklich eine Kugel an den Kopf! Ich verstehe keinen Spaß!«

»Und dennoch machst Du Spaß, alter Esel! Siehst Du denn nicht, daß das Gewehrschloß verbunden ist! Schieß zu! Das wird Deinem Ruhme die Krone aufsetzen!«

Er zog lachend Holm mit sich fort. Der Freiherr machte keine Miene, sie festzuhalten. Er war ganz perplex. Daß er mit verbundenem Schlosse hatte schießen wollen, das kam auch ihm so albern vor, daß er gar keine Worte fand, seinem Zorne Luft zu machen.

Die beiden Anderen aber brauchten lange, um ihre Heiterkeit zu bewältigen.

»Wenn er wüßte, was wir eigentlich gegen ihn vorhaben, würde er noch ganz anders sein,« sagte Holm. »In einer halben Stunde wird es Nacht. Suchen wir noch einmal die Linde auf, um beurtheilen zu können, ob wir in ihrem Inneren Platz finden.«

»Das könnte auffallen. Gehen Sie allein. Wenn nur eine Person sich


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in der Nähe des Baumes befindet, erregt es die Aufmerksamkeit Anderer nicht so sehr.«

»Sie sind ja der reine Criminalpolizist! Aber Sie haben sehr Recht. Gehen Sie nach dem Dorfwirthshaus, um mich dort zu erwarten. Ich komme nach.«

Sie trennten sich. Robert fand das Wirthshaus, in welchem er nicht sehr lange Zeit zu warten brauchte. Nachdem Holm gekommen und sich zu ihm gesetzt hatte, sagte er:

»Es wird sich machen. Ich glaube sogar, daß in der Höhlung Platz für zwei Personen ist. Aber wie nun, wenn man auf den Gedanken kommt, zu untersuchen, ob sich Jemand im Baume befindet?«

»Das wäre dumm.«

»Ja; aber da es dagegen kein Mittel giebt, so müssen wir es eben darauf ankommen lassen. Um Mitternacht soll es vor sich gehen. Wie bringen wir die Zeit bis dahin zu?«

»Dort steht ein Billard.«

»Hm, ja. Aber unsere Gegenwart kann hier auffallen.«

»Wir brauchen ja nicht bis Mitternacht hier zu bleiben. Es ist heute im Freien so schön, daß wir uns draußen irgendwo hinlegen können.«

»Ganz recht. Also spielen wir eine Weile und dann gehen wir.«

Das geschah. Als es zehn Uhr geschlagen hatte, entfernten sie sich und zwar begaben sie sich in die Nähe der Linde.

Es war still und einsam da. Sie konnten im Dunkel des Abends nicht gesehen werden. Jetzt probirten sie, ob sie im Inneren des Baumes Platz fanden. Es ging; aber die Stellung, welche sie dabei einzunehmen hatten, war so unbequem, daß sie in derselben nicht bis zur Ankunft des Erwarteten verharren konnten. Sie setzten sich darum auf den Rasen, welcher den Stamm umgab, und horchten lautlos auf jedes in ihr Ohr dringendes Geräusch.

Endlich, kurz vor Mitternacht, hörten sie von der Straße her nahende Schritte und sofort krochen sie in die Höhlung. Ein Mann kam und setzte sich gerade dahin, wo sie vorher gesessen hatten. Einige Minuten vergingen; dann hörte man abermals Schritte. Ein zweiter kam. Er trat herbei und grüßte.

»Sind Sie schon lange hier?« fragte er.

»Nein; kaum fünf Minuten.«

»Sind Sie vielleicht in der Umgegend gesehen worden?«

»Gott bewahre. Ich bin zwar bereits am Nachmittage hier angekommen, denn ich habe einen wirklichen Parforcemarsch gemacht, aber ich bin auf Schleichwegen gegangen und habe mich stets im Walde gehalten.«

»Das ist sehr gut. Man braucht Sie natürlich nicht zu sehen.«

»Wie steht es mit dem Gelde? Haben Sie es erhalten?«

»Noch nicht; aber der Bankier telegraphirte mir, daß ich es morgen am Vormittage bekommen werde. Sie brauchen keine Sorge zu haben. Sie bleiben ja bei mir und werden es also sofort erhalten.«


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»Das hoffe ich. Gehen wir jetzt?«

Sie entfernten sich. Die beiden Lauscher krochen aus dem Baume und folgten ihnen.

»Das war verteufelt wenig, was sie sprachen,« meinte Holm leise. »Ich hatte geglaubt, Wichtigeres zu hören.«

»Ich auch; aber vielleicht sind wir so glücklich, noch mehr zu erfahren.«

»Wohl kaum. Sie begeben sich in das Schloß. Da können wir nicht horchen. Jedenfalls aber wissen wir das Eine, daß dieser Freiherr einen polizeilich verfolgten Verbrecher bei sich aufnimmt. Das ist genug, ihn zur Anzeige zu bringen. Lassen wir sie nicht aus den Augen.«

Es war zwar dunkel, aber doch nicht so sehr, daß man die beiden Voranschreitenden nicht hätte bemerken können. Sie gingen nicht auf der harten Straße, sondern auf einem weichen Wiesengrunde dem Schlosse zu. Das dämpfte die Schritte, und so war es Holm und Robert möglich, nahe hinter ihnen zu bleiben.

Der Freiherr ging mit seinem heimlichen Gaste am Haupteingange des Schlosses vorüber, bis an den dahinter liegenden Ausläufer des Waldes, so daß sie sich dem Gebäude von der Giebelseite desselben näherten.

Zwischen Schloß und Wald standen hier eine Anzahl alter Obstbäume, unter deren dichten Kronen es vollständig dunkel war. Das machte es den Verfolgenden möglich, sich ganz hart hinter den Beiden zu halten. Diese Letzteren blieben für einen Augenblick stehen und der Freiherr sagte:

»Es schläft Alles und nur meine Tochter wacht.«

»Wohl da droben hinter dem einzigen erleuchteten Fenster?«

»Ja. Das ist die Stube, welche für Sie bestimmt ist. Da werden Sie wohnen, bis sie die Gegend in Sicherheit mit den Ihrigen verlassen können. Kommen Sie!«

Er führte ihn nach einem der hinteren Eingänge, den sie hinter sich verschlossen. Holm und Bertram waren ihnen bis hierher gefolgt.

»Da stehen wir nun,« sagte der Erstere. »Es ist unmöglich, etwas Weiteres zu hören.«

»Hm! Vielleicht doch! An einem der Obstbäume lehnte eine Leiter. Könnten wir diese nicht benutzen? Sie werden sich jedenfalls nach dem Zimmer begeben, von welchem sie sprachen. Dort ist auch die Tochter des Freiherrn. Wir legen die Leiter an das Fenster und werden vielleicht hören, was sie sprechen.«

»Wollen es wenigstens versuchen.«

Sie kehrten nach dem Obstplatze zurück und trugen die Leiter an die Giebelmauer, wo sie sie leise anlegten. Holm stieg voran, kam aber sogleich wieder zurück. Er sagte:

»Ich bemerke da etwas für uns sehr Vortheilhaftes. Nur müßten wir ein wenig verwegen dabei sein. Haben Sie Muth?«

»Ich denke! Aber wozu?«

»Neben dem erleuchteten Zimmer befindet sich ein zweites, finsteres, dessen


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Fenster geöffnet ist. Wenn wir da hineinstiegen, könnten wir wohl Alles hören.«

»Das wäre prächtig; aber wenn man uns ertappt?«

»Die Hauptsache ist, geräuschlos und unbemerkt hineinzukommen. Vielleicht können wir den Riegel vorschieben, so daß man uns nicht zu überraschen vermag.«

»Gut! Versuchen wir es.«

»Uebrigens haben wir diese beiden Männer und dieses Mädchen selbst dann, wenn sie uns erwischen, nicht zu fürchten. Wir wissen bereits so viel von ihnen, daß sie sich wohl vor uns in Acht zu nehmen haben, nicht aber wir vor ihnen. Steigen wir hinauf, aber leise!«

Sie legten die Leiter an das offene, dunkle Fenster. Eben als Holm dasselbe erreichte, ertönten im Nebenzimmer laute Stimmen und Stühle wurden gerückt. Das gab so viel Geräusch, daß die Beiden ungehört zum Fenster hineinsteigen konnten.

Die Stube, in welcher sie sich befanden, war klein. Es standen nur wenige Möbel da. Es gab nur eine einzige Thür und diese führte nach dem Zimmer, in welchem gesprochen wurde. Holm untersuchte tastend diese Thür.

»Giebt es einen Riegel?« fragte Bertram flüsternd.

»Ja, Schlüssel und Riegel. Ich habe den Letzteren vorgeschoben. Nun können sie uns nicht ertappen.«

»Aber Sie können Verdacht schöpfen, wenn sie merken, daß man zugeriegelt hat.«

»Ist mir dann egal. Horchen wir! Da steht ein Stuhl und hier noch einer. Setzen wir uns ganz nahe an die Thür, so werden wir jedes Wort verstehen.«

Sie nahmen in aller Gemüthlichkeit Platz und lauschten. Es wurde so laut gesprochen, daß ihnen keine Sylbe entging. Soeben fragte der Goldarbeiter:

»Haben Sie sich denn überlegt, wie es anzufangen ist? Die Kette und die Kinderwäsche dieses kleinen Robert von Helfenstein haben wir glücklich umgetauscht. Der Staatsanwalt hat keine Ahnung, daß meine Tochter ihm die Schlüssel zum Gerichtsgebäude und zu den Actenschränken zweimal entführt hat. Nun gilt es nur noch, eine Fabel zu erfinden, durch welche Sie beweisen, daß der wirkliche Robert von Helfenstein Ihnen und keinem Anderen anvertraut worden ist.«

»Das lassen Sie unsere Sorge sein, Herr Simeon! Sie haben zunächst für sich zu sorgen.«

»Aber ich könnte Ihnen ja doch behilflich sein.«

»Sie nicht. Als Zeuge können Sie uns nicht dienen, da Sie sich ja nicht sehen lassen dürfen. Sie müssen froh sein, wenn Ihr hiesiges Versteck unentdeckt bleibt, so daß sie mit Frau und Tochter das Land verlassen können, sobald Ihre Tochter ihren Dienst beim Staatsanwalt verlassen hat. Wir werden


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schon für uns selbst sorgen. Doch, da steht Essen. Sie haben einen so weiten Marsch gehabt und werden Hunger haben.«

»Ich danke. Appetit habe ich nicht. Ich hatte mich mit Mundvorrath versehen.«

»So trinken Sie wenigstens ein Glas Wein. Theodolinde, da drüben steht die Flasche und dabei sind die Gläser. Bitte, schenke ein!«

Man hörte Gläser klingen. Dann sagte der Freiherr:

»So! Greifen Sie zu! Prosit!«

Es entstand eine Pause. Der Goldarbeiter antwortete nicht sogleich. Die Lauscher konnten nicht sehen, daß er sein Glas, welches er von der Dame erhalten hatte, mißtrauisch prüfend gegen das Licht hielt.

»Was haben Sie?« fragte der Freiherr.

»Verdacht,« antwortete der Gefragte mit Betonung.

»Verdacht? Ich verstehe Sie nicht.«

»Dieser Wein kommt mir sehr eigenthümlich vor.«

»Wieso?«

»Es ist Etwas drin.«

»Vielleicht ein Stückchen vom Korke?«

»O nein. Das ist etwas Anderes!«

»Was soll es sein?«

»Irgendein Pulver.«

»Was fällt Ihnen ein! Ich werde doch meinen guten Wein nicht etwa mit einem Zuckerpulver verbessern suchen!«

»Das nicht. Aber, hm! Wollen wir nicht die Gläser vertauschen? Trinken Sie aus dem meinigen!«

»Ich begreife Sie nicht.«

»Aber ich Sie. Warum drehte sich das Fräulein so eigenthümlich um, als es einschenkte? Kommen Sie, tauschen wir um!«

»Fällt mir nicht ein! Das ist mein Glas, aus welchem ich zu trinken gewohnt bin.«

»Nun, so trinke ich gar nicht!«

»Aber ich verstehe gar nicht, was Sie meinen!«

»Soll ich es Ihnen erklären?«

»Ich muß Sie allerdings sehr darum bitten!«

Jetzt raunte Bertram Holm zu:

»Sollte das der Schlaftrunk sein, welchen der Freiherr von Reitzenhain mitgenommen hat?«

»Möglich. Aber dann ist dieser Goldarbeiter wirklich ein sehr schlauer Kerl. Horchen wir!«

Jacob Simeon sagte:

»Da, vergleichen Sie einmal die beiden Gläser! Das meinige ist viel trüber als das Ihrige. Es ist irgend etwas im Weine, was nicht hinein gehört.«

»Das will ich Ihnen erklären,« versuchte Theodolinde seinen Argwohn


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zu zerstreuen. »Es ist unser gewöhnlicher Hauswein. Wir Beide sind ihn gewöhnt, für Fremde aber ist er ein wenig zu sauer. Darum habe ich Ihnen Zucker hinein gethan.«

»Zucker? Nun, bitte, zeigen Sie mir einmal das Gefäß, in welchem sich der Zucker befunden hat!«

»Es steht in der Küche.«

»Ah, so haben Sie den Zucker bereits in der Küche in das Glas gethan?«

»Ja.«

»So sind Sie also der Ansicht, daß ich überhaupt nur dieses eine Glas trinke. Das ist auffällig. Ueberhaupt pflegt man den Zucker, wenn er so nöthig sein sollte, dem Gaste vorzusetzen, damit dieser nach Belieben nehmen kann. Ich danke!«

Da sagte der Freiherr in zornigem Tone:

»Herr Simeon, was Sie da vorbringen, ist höchst beleidigend für mich!«

»Und was Sie mir da vorsetzen, ist höchst gefährlich für mich. Ein Schluck wird mich nicht gleich umbringen. Ich will einmal kosten.«

Er nahm das Glas an die Lippen und probirte.

»Ah!« meinte er, »das ist Zucker?«

»Ja, natürlich!«

»Seit wann schmeckt Zucker bitter? Diesen Geschmack kenne ich. Er schmeckt ganz wie ein Schlafpulver, wie ein Schlaftrunk. Ich möchte behaupten, daß sich eine ziemliche Dosis Opium oder Morphium in dem Weine befindet.«

»Herr, sind Sie des Teufels?«

»Nein, mein werther Herr; aber vorsichtig bin ich.«

»Was könnte uns veranlassen, Ihnen Morphium in dem Wein zu thun?«

»Die Absicht, mich einschlafen zu lassen.«

»Donnerwetter! Warum das?«

»Um mir die Taschen zu leeren!«

»Da hört Alles auf! Halten Sie mich etwa für einen Spitzbuben, Herr Simeon?«

»Ja.«

»Wie? Das sagen Sie in solcher Ungenirtheit?«

»Warum nicht? Sie wollen die Helfenstein'schen Besitzungen an sich bringen; Sie sind lange Jahre hindurch an dem Paschergeschäfte des Hauptmannes betheiligt gewesen; Ihre Tochter hat nicht nur die Bücher geführt, sondern sie ist geradezu die Seele Ihrer Unternehmungen gewesen. Wie nennen Sie das? Etwa Ehrlichkeit?«

»Das haben aber Sie mir nicht vorzuwerfen, Sie, der selbst ein Mitglied der Bande war und ist und dem ich ein Obdach und Asyl gewähre.«

»Pah! Ich danke für ein Asyl, in welchem ich beraubt werden soll.«

»Beraubt! Sie müssen geradezu wahnsinnig sein!«

»Ein Wahnsinniger pflegt nicht so scharf zu beobachten und zu calculiren


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wie ich. Streiten wir uns nicht! Ihr Schlaftrunk ist überhaupt unnütz. Ich werde mich sehr hüten, mein Geld hier bei mir zu tragen.«

Die Beiden erschraken, ließen sich aber nichts merken. Der Freiherr meinte in möglichst gleichgiltigem Tone:

»Was geht mich Ihr Geld an!«

»Viel! Ich traue Ihnen die Absicht zu, es mir wieder abzunehmen, Herr von Tannenstein.«

»Da sind Sie sehr auf dem Holzwege!«

»Gut für Sie. Aber auch Ihre Schuldverschreibung habe ich nicht einstecken.«

»Nicht? Zum Donnerwetter! Sie haben sie doch nicht etwa unrechten Händen anvertraut!«

»Fällt mir gar nicht ein. Sie befindet sich überhaupt gegenwärtig in gar keinen Händen.«

»Aber Sie müssen sie doch zurückgeben, wenn ich Sie morgen bezahle!«

»Sie werden sie bekommen. Ich will Ihnen aufrichtig sagen, daß ich Geld und Verschreibung einstweilen beseitigt habe, um Sie nicht in Versuchung zu führen. Beides ist im Walde vergraben.«

»Das ist stark, sehr stark, wenn Sie die Wahrheit sagen.«

»Ich sage sie.«

»Wissen Sie, was ich da thun sollte?«

»Was?«

»Ich sollte Sie sofort hinauswerfen.«

»O, das werden Sie bleiben lassen!«

»Was wollten Sie dagegen machen? Sie können keine Hilfe anrufen.«

»Meinen Sie? Ich würde fünfundzwanzigtausend Gulden haben, genug, um vorwärts zu kommen. Ihre Verschreibung aber würde ich an den Staatsanwalt senden und brieflich dabei erklären, auf welche Weise ich zu ihr gekommen bin. Mit der reichen Erbschaft, die Sie haben wollen, wäre es also zu Ende. Auch würde ich sagen, daß Sie den Musikus Hauck niedergeschlagen haben, obgleich ich selbst es gewesen bin. Wer sich selbst zu vertheidigen hat, der muß zu jedem Mittel greifen, welches er findet.«

»So habe ich mir mit Ihnen allerdings eine schöne, eine prachtvolle Einquartirung in das Haus gebracht!«

»Klagen Sie nicht! Wir passen recht gut zu einander. Aber, horch! Klopfte das nicht hier an die Thür?«

»Wahrhaftig!« antwortete der Freiherr. »Wer mag das sein? Ich denke, es sind Alle schlafen gegangen.«

Er öffnete die zugeriegelte Thür und trat hinaus in die dunkle Bibliothek.

»Wer ist da?« fragte er.

»Ich, gnädiger Herr!«

Er erkannte die Stimme seines Dieners Daniel.

»Was willst Du? Warum störst Du?« fragte er ungehalten. »Ich denke, Du bist zu Bett!«


// 2375 //

»Ich war es auch, aber ich bin geweckt worden.«

»Von wem?«

»Von Jemand, an den Sie nicht denken werden, nämlich von dem Einsiedler Winter.«

»Von dem? Was will er?«

»Er sagt, ich solle sofort zu Ihnen gehen; es sei nicht eine Secunde Zeit zu verlieren, er habe Ihnen etwas ganz außerordentlich Wichtiges mitzutheilen.«

»Unsinn! Er mag morgen wiederkommen.«

»Er sagte, Sie würden großen Schaden erleiden, wenn Sie ihn nicht vorließen. Ich solle Ihnen nur sagen, daß Sie jetzt belauscht worden sind.«

»Donnerwetter? Das wäre! Wo ist er?«

»Im Vorsaale. Ich habe da die Lampen angebrannt.«

»Ich gehe mit.«

Im Vorsaale angekommen, fand er den Genannten seiner wartend. Er fragte ihn zornig:

»Was fällt Ihnen ein, mich nach Mitternacht um eine Audienz zu bitten?«

Der Gefragte zeigte keine Spur von Bestürzung. Er fixirte den Freiherrn mit überlegenem Blicke und antwortete:

»Was ich thue, das thue ich zu Ihrem Nutzen.«

»Was haben Sie sich um mich zu bekümmern?«

»Mehr, als Sie zu denken scheinen. Wissen Sie, daß Ihre Tochter kürzlich bei mir gewesen ist?«

»Nein.«

»So, so! Heute habe ich erfahren, daß sie mit dem Lieutenant von Hagenau vermählt werden soll.«

»Wer sagte das?«

»Das ist meine Sache!«

»Geht Ihnen aber gar nichts an!«

»Sogar sehr viel! Ihre Tochter ist meine Verlobte.«

»Unsinn!«

»O, doch! Sie brauchte Geld. Ich schenkte ihr dreißigtausend Gulden. Dafür hat sie mir eine schriftliche Erklärung gegeben, daß sie meine Braut ist.«

»Die Unvorsichtige!« entfuhr es dem Freiherrn.

Der Einsiedler stieß ein höhnisches Lachen aus und meinte:

»Sollten Sie wirklich nichts davon gewußt haben, so wissen Sie es wenigstens jetzt. Ich habe das Recht, mich um meine Braut zu bekümmern. Zwar hat sie mir verboten, sie zu besuchen, aber da ich hörte, daß sie einen Anderen heirathen will, so bin ich ein wenig auf Spionage gegangen. Ich habe das Schloß beobachtet. Ich sah ein Fenster erleuchtet. Theodolinde stand an demselben. Dann kamen Sie mit einem Manne und traten heimlich durch die hintere Thür -«

»Donnerwetter! Sie haben den Teufel zu lauschen!«


// 2376 //

»Danken Sie Gott, daß ich es gethan habe! Ich habe dabei bemerkt, daß Sie sich in Gefahr befinden.«

»Daniel sagte, Sie hätten vom Belauschen gesprochen?«

»Allerdings.«

»Sie haben natürlich sich selbst gemeint!«

»Nein. Hinter Ihnen kamen noch zwei andere Männer. Ich stak hinter einem Baume. Ich hatte gehört, was Sie mit Ihrem Begleiter sprachen, ich hörte auch, was diese Beiden zu einander sagten. Sie wollten erfahren, was da oben in dem erleuchteten Zimmer gesprochen werde.«

»Meinen Sie wirklich, daß ich an dieses Ihr Hirngespinst glauben soll?«

»Thun Sie das oder nicht, mir ist es sehr gleichgiltig. Sie werden mein Schwiegervater, und darum ist es meine Pflicht, Sie zu warnen. Die beiden Kerls nahmen eine Leiter, legten sie an und befinden sich jetzt in dem Zimmer neben demjenigen, in welchem Sie sich jetzt unterhalten haben.«

»Alle Teufel!« stieß der Freiherr hervor.

»Es ist so!«

»So sind es Diebe!«

»Nein, es sind nur Lauscher. Ich hörte ja ihre Worte. Uebrigens habe ich sie bereits am Nachmittage gesehen. Sie befanden sich in der Nähe meines Thurmes und belauschten den Mann, welcher vorhin mit Ihnen gekommen ist.«

»Wie? Wie? Ist das wahr?«

»Ja. Ich habe trotz der Dunkelheit sie Beide und auch ihn sofort erkannt. Meine Augen sind sehr gut.«

»Beschreiben Sie mir diese beiden Menschen!«

Winter that es, und der Freiherr erkannte nun, von wem die Rede war. Jetzt hatte er nun auch die Ueberzeugung, daß er nur belauscht, nicht aber bestohlen werden solle. Ein Baron und ein Doctor der Philosophie? Er glaubte das nicht. Er war ganz geneigt, sie für verkappte Polizisten zu halten. Es bemächtigte sich seiner eine außerordentliche Angst. Sie hatten jedenfalls Alles gehört. Sie kannten die Anwesenheit Simeons, sie wußten auch, weshalb dieser da war. Es war nothwendig, sie unschädlich zu machen. Dabei konnte ihm der Einsiedler von Nutzen sein. Darum sagte er zu diesem:

»Ist das wahr, was Sie von meiner Tochter sagten?«

»Ja, wirklich.«

»Hm! Vielleicht bin ich nicht abgeneigt, Ihren Wunsch zu erfüllen; aber Sie müssen mir beweisen, daß Ihnen wirklich an meinem Wohle liegt!«

»Das thue ich doch, indem ich Sie warne!«

»Das ist nicht genügend. Wollen Sie mir gegen diese beiden Lauscher helfen?«

»Sehr gern. Was soll ich thun?«

»Sie haben etwas, gehört, was kein Mensch hören darf. Ich muß sie zu ewigem Schweigen bringen. Aber wie soll ich das anfangen?«

»Ah, das ist doch sehr leicht.«


Ende der neunundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk