Lieferung 102

Karl May

19. Juli 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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»Ich soll dorthin reiten?«

»Ja.«

»Von wo keiner von ihnen Allen wiedergekommen ist?«

»Leider. Doch wir Alle sind überzeugt, daß Ihr pfiffig und tapfer genug seid, um wiederzukommen.«

»Das ist ja über allem Zweifel erhaben. Aber, wenn ich nun doch nicht wiederkäme?«

»So würden wir Euch suchen.«

»Was würde das mir nützen? Wißt Ihr denn nicht, daß ein Feldherr sich stets um der Seinen willen zu schonen hat?«

»Das ist allerdings sehr richtig. Ihr betrachtet Euch hier also als den Feldherrn?«

»Natürlich. Ich gebe meine Einwilligung zu Eurem Vorschlag und schicke einige Vaqueros nach Santa Jaga.«

»Pah. Das sind die Kerls nicht dazu. Wenn Ihr nicht selbst reitet, so reite ich.«

»Ihr? Du? Nein. Mein Schwiegersohn soll sich nicht abermals in eine solche Gefahr begeben.«

»So halte ich alle Die, welche wir suchen und die wir so lieb haben, für verloren.«

»Donnerwetter! Wirklich?«

»Ja.«

»Das ist ja eine ganz verfluchte Geschichte. Sie sollen und müssen gefunden werden; aber ich bin so froh, endlich einmal einen Schwiegersohn zu haben, und nun soll ich gezwungen sein, ihn aufs Spiel zu setzen. Was sagst Du dazu, Resedilla?«

Sie Alle blickten auf das schöne Mädchen.

»Meine Braut ist gut und tapfer,« warf Gérard ein.

Da reichte sie ihm die Hand entgegen und antwortete:

»Ich lasse Dich nicht gern fort, Gérard, aber ich weiß, daß Du es bist, der das vielleicht zu Stande bringt. Gehe in Gottes Namen, aber versprich mir, vorsichtig zu sein und Dich zu schonen.«

»Habe keine Sorge, mein liebes Kind. Ich gehöre nicht mehr mir allein. Ich habe andere, heilige Verpflichtungen und werde mich sehr bedenken, etwas zu thun, was mir Schaden bringen kann.«

»Das nenne ich reden, als ob es in einem Buche geschrieben wäre,« meinte Pirnero. »Ist Resedilla tapfer, so will ich es auch sein. Gérard mag gehen, aber er darf nicht vergessen, daß er einen Schwiegervater hat, der ihn mit nach New-York, Kopenhagen oder Pirna nehmen will. Wann geht es fort?«

»Für heute ist es zu spät,« antwortete Gérard. »Der Abend bricht bald herein. Aber morgen mit dem Frühesten steige ich in den Sattel.«

»Doch aber nicht allein?«

»Hm. Allein ist es mir am Liebsten. Aber um Euch zu beruhigen, will ich einen Vaquero mitnehmen, der Euch Nachricht von mir bringen kann.«


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Somit war diese Angelegenheit geordnet und der Rest des Tages verlief weniger aufgeregt als die vorherige Zeit.

Natürlich widmete Gérard der Geliebten den größten Theil des Abends und noch ehe er sich zur Ruhe begab, mußte er ihr versprechen, nicht eher fortzureiten, als bis er Abschied von ihr genommen habe.

In seinem Zimmer angekommen, schritt er noch lange in demselben auf und ab, um nachzudenken, ob es nicht doch vielleicht noch irgend etwas gebe, was bei der Lösung seiner Aufgabe zu berücksichtigen sei. Er hatte sein Licht ausgelöscht und das Fenster geöffnet. Die Sterne blickten herab und spendeten so viel Helle, daß er ihren Strahl dem Talggeruche des Lichtes vorgezogen hatte.

Da war es ihm, als ob er unter sich ein Geräusch vernehme. Dies konnte eine ganz gewöhnliche Ursache haben, aber als Savannenläufer war er gewöhnt, nichts unberücksichtigt zu lassen. Er trat also an das Fenster und blickte hinab.

Aus dem Fenster, welches unter dem seinigen lag, stieg ein Mann. Das konnte ein Vaquero sein, der irgend einer Magd seine Huldigungen dargebracht hatte; aber in diesem Hause war schon zu viel geschehen, als daß Gérard sich mit einer solchen Vermuthung hätte begnügen können.

»Halt! Wer ist da unten?« fragte er hinab.

Der Mann antwortete nicht und sprang eilig über den Hof hinüber nach dem Palissadenzaune zu.

»Halt, oder ich schieße!«

Da der Mann auch auf diesen Zuruf nicht hörte, so trat Gérard eilig vom Fenster zurück, um sein stets geladenes Gewehr zu ergreifen.

Der Sternenschein reichte nicht hin, ihm die Gestalt des Verdächtigen noch sehen zu lassen, aber er kannte ja die Richtung, welche derselbe nach den Palissaden zu eingeschlagen hatte. Er drückte alle beide Läufe nach einander ab, doch antwortete kein Schrei. Hätte er Schrot geladen gehabt, so hätte er wohl keinen Fehlschuß gethan. Ein tüchtiger Jäger aber schießt nur mit Kugeln und da ist es nicht möglich, ein Ziel zu treffen, welches man des Nachts gar nicht sehen kann.

Seine Schüsse hallten im ganzen Gebäude wider. Aber damit begnügte er sich nicht. Im Nu hatte er die beiden Revolver und das Messer zu sich gesteckt, im Nu war das eine Ende des Lasso an dem Beine des feststehenden Bettes befestigt, ebenso schnell ließ er sich aus dem Fenster hinab in den Hof, und noch war seit seinem zweiten Schusse nicht eine halbe Minute vergangen, so hatte er sich bereits über die Palissaden geschwungen und horchte in die Nacht hinaus, ob irgend ein Geräusch zu vernehmen sei.

Da, links von ihm und in gar nicht zu weiter Entfernung, ertönte das Schnauben eines Pferdes. Er zog den Revolver und eilte der Richtung zu. Aber noch ehe er den Platz erreichte, ertönte lautes Pferdegetrappel. Der Mann, den er fangen wollte, galoppirte davon.

Er blieb sofort stehen. Jetzt den Ort aufzusuchen, an welchem das Pferd gestanden hatte, wäre ein großer Fehler gewesen, denn er hätte mit seinen Füßen die Spuren verwischt, welche ihm später von Nutzen sein konnten. Auch kehrte er nicht an derselben Stelle, an welcher er über die Palissaden gesprungen war,


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sondern an einer anderen nach dem Hofe zurück. Auch hier galt es, die Spuren des unbekannten Mannes zu schonen.

Die Bewohner der Hazienda waren von den Schüssen natürlich alarmirt worden. Er eilte um das Gebäude herum, um den vorderen Eingang zu gewinnen. Dort hatte man bereits Lichter angebrannt. Ein Vaquero kam ihm entgegen.

»Ah, Sennor Gérard,« sagte er, »man sucht Euch, man hat Euch vermißt.«

»Wo sind sie?«

»Ueberall. Man läuft hin und her und weiß nicht, was die Schüsse bedeuten.«

»Wie ruft man die Leute am schnellsten zusammen?«

»An der Thür des Speisesaales hängt eine Glocke. Läutet sie, so werden Alle sich dort einstellen.«

Gérard befolgte den Rath und sah einen Bewohner der Hazienda nach dem anderen dort im Saale erscheinen. Die Meisten waren mit Lichtern versehen. Auch Resedilla kam. Als sie ihn erblickte, eilte sie mit einem Freudenrufe auf ihn zu und sagte:

"Gott sei Dank!"

»Gott sei Dank, daß ich Dich sehe! Ich hatte große Angst um Dich!«

»Warum?« fragte er sie liebevoll.

»Wir hörten die Schüsse, wir suchten, ich kam in Dein Zimmer und fand Dein Gewehr. Die Läufe waren leer und Du warst fort. Bist Du es, der geschossen hat?«

»Ja.«

»Warum?«

»Sogleich. Warte, bis Alle beisammen sind.«

Dies dauerte nicht lange und dann erzählte Gérard das Ereigniß.

»Was für ein Raum liegt unter meinem Zimmer?« fragte er den Haziendero.

»Die Küche,« antwortete dieser.

»Wohnen alle Eure Vaqueros im Hause?«

»O nein. Die Meisten campiren des Nachts bei den Heerden.«

»Bleibt eine Magd des Nachts in der Küche?«

»Nein,« antwortete Maria Hermoyes. »Die Küche ist leer und verschlossen. Ich habe den Schlüssel bei mir.«

»War das Fenster geöffnet?«

»Ja, damit die Hitze abziehen könne.«

»Glaubt Ihr, daß irgend ein Vaquero des Nachts einsteigen werde, um sich irgend etwas zu holen?«

»Ganz gewiß nicht. Unsere Vaqueros haben Alles, was sie wünschen. Sie brauchen nicht zu stehlen, und ich kenne keinen, den ich für fähig halte, es zu thun.«

»Ich frage nur, um ganz sicher zu gehen und nichts aus dem Auge zu lassen. Es gilt zunächst, zu sehen, ob die Küche noch verschlossen ist.«

Man begab sich in das Parterre und da ergab sich, daß die Thür nicht geöffnet worden war. Maria Hermoyes wollte öffnen und eintreten, aber Gérard hielt sie zurück.


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»Halt!« sagte er. »Wir müssen vorsichtig sein. Wartet hier, Sennora Maria. Wir werden erst nach dem Hofe gehen, um zu sehen, was dort zu bemerken ist.«

Es wurden Laternen angebrannt. Da durch das Küchenfenster zuweilen Wasser auf den Hof geschüttet wurde, so war unter demselben die Erde erweicht. Als Gérard hinleuchtete, fand er die ganz deutlichen Tapfen eines Mannes, welcher hier aus- und eingestiegen war.

»Es stimmt,« sagte er. »Dieser Mensch ist nicht durch die Thüre in die Küche gekommen. Er ist kein Vaquero, denn ein solcher trägt anderes Schuhwerk. Der Mann, von welchem diese Spur stammt, hat einen kleinen Fuß und trägt feine Stiefel. Ich werde mir nachher diese Spur auf Papier aufzeichnen. Man kann nicht wissen, wozu ein solches Modell nützlich ist. Jetzt aber wollen wir in die Küche gehen.«

An der Küchenthür angekommen, ließ er öffnen, gebot aber, daß Alle gleich an der Thür stehen bleiben sollten. Es galt, zu erfahren, was der Mann hier gewollt hatte.

Er trat ein, den Anderen voran, und untersuchte jeden Zollbreit des steinernen Bodens, ohne ein Wort zu sagen. Dann leuchtete er in allen Winkeln und auf den Tischen umher und gebot endlich Maria Hermoyes, nachzusehen, ob irgend etwas entwendet sei.

Sie fand Alles in der größten Ordnung und sagte:

»Ich begreife nicht, was der Mensch hier gewollt hat. Wir werden das wohl auch nicht erfahren.«

»O,« meinte Gérard, »ich hoffe, daß wir es binnen zwei Minuten wissen. Wer ist zuletzt in der Küche gewesen, Sennora?«

»Ich.«

»Habt Ihr da vielleicht ein kleines Fläschchen in der Hand gehabt?«

»Nein.«

»Hm. Ist Euch nicht ein Fläschchen bekannt, auf welches dieser Stöpsel passen würde?«

Er bückte sich nieder und hob einen kleinen Kork empor, welcher in der unmittelbarsten Nähe des großen Wasserkessels am Boden lag. Maria wollte ihn in die Hand nehmen, um ihn genauer betrachten zu können, er aber sagte:

»Halt! Vorsicht! Man kann in solchen Dingen nie zu vorsichtig sein. Ihr könnt den Stöpsel so auch sehen.«

»Wir haben gar kein so kleines Fläschchen,« entschied Maria.

»Hm!« brummte er nachdenklich vor sich hin, indem er den Kork noch einmal in das Auge faßte. »Dieser Stöpsel ist noch feucht und der Theil, welcher durch den Hals des Fläschchens zusammengedrückt wurde, ist trotzdem noch nicht im Geringsten aufgeschwollen. Ich wette meinen Kopf, daß dieser Kork noch vor einer halben Stunde in dem Fläschchen gesteckt hat. Der Fremde hat ihn verloren und entweder gar nicht gesucht, oder in der Finsterniß nicht gefunden.«

»Was sollte er mit dem Fläschchen gemacht haben? Höchst sonderbar,« meinte Arbellez.

»Auch das werden wir hoffentlich erfahren,« antwortete der Jäger im zuversichtlichsten Tone.

Er trat an das Fenster und betrachtete dasselbe.

»Hier ist er eingestiegen;« erklärte er. »Sein Stiefel war mit nasser Erde beschmutzt, wovon ein Theil hier hängen blieb. Ein anderer Theil aber liegt hier.«

Er leuchtete dabei am Wasserkessel nieder, wo allerdings ein ziemlicher Brocken niedergetretener, nasser Erde lag.

»Was folgt daraus, daß diese Erde hier am Kessel liegt, Sennor Arbellez?« fragte er.

»Wohl, daß der Mann am Kessel gestanden hat?« antwortete der Haziendero.

»Richtig. Auch der Kork lag hier; er hat also hier das Fläschchen geöffnet. Aber wozu? Könnt Ihr Euch das vielleicht denken?«

»O, nicht im Geringsten.«

»Nun, es sind hier nur zwei sehr einfache Fälle möglich.

Erstens, ein fremder Mensch steigt mit einem winzigen, leeren Fläschchen in eine fremde Küche nächtlich ein, um sich am Kessel dasselbe mit Wasser zu füllen. Was sagt Ihr dazu?«

»Das wird Niemand einfallen. Draußen fließt Wasser genug.«

»Gut und sehr richtig. Zweitens, ein fremder Kerl steigt während der Nacht heimlich mit einem vollen Fläschchen in eine fremde Küche ein, um dasselbe in den Kessel zu leeren oder auszuschütten. Was sagt Ihr dazu?«

»Bei Gott, das ist das Wahrscheinlichere,« antwortete Arbellez.

»O, das ist nicht nur wahrscheinlich, sondern wohl sicher.«

»Aber was mag er in dem Fläschchen gehabt haben?«

»Vielleicht erfahren wir es.«

»Und wozu hat er es in den Kessel ausgeschüttet?«

»Auch das erfahren wir wohl. Aber kann er etwa einen guten Zweck verfolgt haben?«

»Gewiß nicht.«

»Nun, ich habe das Wasser des Kessels bereits genau betrachtet. Sennora Maria, ist etwas Fettiges gestern gekocht worden?«

»Nein,« antwortete die Gefragte. »In diesem Kessel wird nie eine Speise gekocht; er dient nur zur Erwärmung des Wassers, welches wir anderweit brauchen. Und gestern gegen Abend ist er gar mit Sand ausgescheuert worden. Dann haben wir ihn mit gutem, frischen Quellwasser gefüllt. Das Wasser muß ganz rein sein.«

»Kann es nicht ein wenig fettig sein?«

»Unmöglich.«

»Nun, an einigen Stellen des Randes haben sich Gruppen von winzigen, wasserhellen Fettaugen angesammelt. Die Sennores Doctoren mögen näher treten, um sich dies zu betrachten.«

Willmann und Berthold waren zugegen. Sie traten zum Kessel und unterwarfen die Fettaugen einer genauen Betrachtung. Sie schüttelten die Köpfe, tauschten leise ihre Ansicht aus, und dann fragte Berthold:

»Ist nicht ein werthloser Hund oder eine solche Katze zu haben?«

»Alle Teufel! Gift?« fragte Arbellez, welcher sogleich begriff, um was es sich handelte. »Holt die alte, taube Hündin und zwei Kaninchen herbei.«


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Die verlangten Thiere wurden zur Stelle geschafft. Die beiden Aerzte ließen die Fettaugen des Wassers durch ein Stück Brod aufsaugen und gaben dieses den Thieren zu fressen. Bereits nach zwei Minuten starben die beiden Kaninchen, ohne ein Zeichen des Schmerzes von sich zu geben, und nach abermals zwei Minuten fiel auch der Hund ganz plötzlich um, grad so, als ob er umgeworfen worden sei. Er streckte die alten Glieder und war todt, ohne den leisesten Laut des Schmerzes von sich gegeben zu haben.

»Gift! Wirklich Gift,« rief es rundum.

»Ja,« meinte Doctor Berthold. »Aber dieses Gift ist mir unbekannt.«

»Mir auch,« fügte sein College Willmann bei.

»Aber ich kenne es,« antwortete Gérard. »Es ist das Oel der fürchterlichen Pflanze, welche von den Diggerindianern Klama-bale genannt wird, das heißt, Blatt des Todes. Ich habe die Wirkung dieses Giftes bereits einige Male beobachtet.«

»Herrgott, welch eine Schlechtigkeit,« rief die alte Hermoyes. »Man steigt hier ein, um Jemand unter uns zu vergiften.«

Der Jäger schüttelte sehr ernst den Kopf.

»Jemand unter uns?« sagte er. »Irrt Euch nicht, Sennora. Wer Gift in den Kessel schüttet, aus welchem für Alle Wasser genommen wird, der will nicht einen Einzelnen, sondern der will Alle zugleich vergiften und ermorden.«

Man kann sich denken, welchen Eindruck diese Worte machten, zumal sich ein Jeder sagen mußte, daß Gérard recht habe.

»Wie sehr, wie sehr haben wir Gott zu danken, daß Ihr zu uns gekommen seid,« sagte Arbellez, vor Schreck fast zitternd. »Ohne Euren Scharfsinn wären wir Alle morgen todt gewesen.«

Gérard antwortete trocken, ja beinahe vorwurfsvoll:

»Ein wenig von diesem Scharfsinne hätte Don Ferdinando retten können. Ihr aber habt seine Räuber entkommen lassen.«

»Ihr mögt recht haben, Sennor. Aber, bleiben wir zunächst bei der Gegenwart. Wer mag dieser Mensch gewesen sein? Wem mag daran liegen, daß sämmtliche Bewohner dieses Hauses während eines einzigen Tages zu Grunde gehen?«

Gérard zuckte fast mitleidig die Achseln und fragte ihn:

»Das ahnt Ihr nicht, Sennor?«

»Nein,« lautete die Antwort.

»So denkt doch nur einmal darüber nach. Mir scheint es ganz und gar nicht schwer, das Richtige zu treffen. Seht Ihr denn nicht ein, daß es auf die Angehörigen der Familie de Rodriganda abgesehen ist?«

»Mein Gott, ja,« rief Petro Arbellez. »Wie war es doch nur möglich, auf diesen Gedanken nicht zu kommen. Aber, keins von uns Allen gehört zu dieser Familie.«

»Aber Ihr Alle seid in ihre Geheimnisse eingeweiht.«

»Das ist allerdings richtig.«

»Sternau, die beiden Helmers und nach ihnen Alle sind verschwunden, welche um dieses Geheimniß wissen. Nun sind nur noch die Bewohner der Hazienda übrig. Und sie Alle hat man auf einen Schlag mit Hilfe dieses Klama-bale, dieses Todtenblattes, beseitigen wollen.«


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»Das leuchtet ein. Aber wer mag der Thäter sein?«

»Wer anders als Cortejo,« meinte die alte Maria Hermoyes.

»Cortejo,« nickte der schwarze Gérard. »Cortejo oder eines seiner Werkzeuge. Es ist jedoch auch möglich, daß es nicht ein Verbündeter, sondern grad ein Feind von ihm ist.«

»Wie wäre das möglich?«

»Hm! Man muß an Alles denken. Cortejo scheint viele Werkzeuge zu haben. Um später ihrer Verschwiegenheit sicher zu sein, ist er gezwungen, sie auch zu opfern. Sind sie nicht ganz dumm, so müssen sie das einsehen; sie müssen vorsichtig sein, sie dürfen ihm nicht trauen. Landola ist sein Hauptverbündeter. Er ist Cortejo überlegen, wie es scheint. Sollte er sich Alles das, was er weiß, nicht auf die eine oder die andere Weise zu Nutze machen? Kann es nicht noch einen Andern, einen Zweiten oder Dritten geben, von dem sich ganz dasselbe sagen läßt? Ist es unmöglich, auf irgend eine Weise einen Anderen als Grafen Rodriganda unterzuschieben, wenn Mariano verschwunden ist und wenn man dafür sorgt, daß auch der jetzige Graf Alfonzo vom Schauplatz tritt?«

»Dieser Gedanke ist ungeheuerlich,« sagte Arbellez.

»Ich will das gar nicht bestreiten,« antwortete Gérard. »Aber für einen Mann, der so viel erlebt hat wie ich, giebt es überhaupt nichts Ungeheuerliches mehr. Ich halte mich jetzt zunächst an die Thatsache, daß man die Bewohner der Hazienda vergiften wollte. Den Thäter werde ich ergreifen, und dann wird er beichten müssen.«

»Aber wenn er nichts gesteht?«

»Pah!« antwortete der Jäger unter einer verächtlichen Handbewegung. »Ich möchte den Menschen sehen, der mir etwas verschweigt, wenn ich ihn in das Gebet nehme. Wir Savannenleute haben unsere unfehlbaren Mittel, einen Jeden zum Sprechen zu bringen.«

»Und Ihr glaubt also, daß Ihr diesen Menschen in Wirklichkeit ergreifen werdet?«

»Ich bin überzeugt davon.«

»Aber er hat einen großen Vorsprung.«

»Dieser wird ihm nichts nützen. Er bedient sich jetzt desselben Pferdes, mit welchem er nach der Hazienda gekommen ist. Es wird ermüdet sein, und ich hoffe doch, daß Ihr mir und den beiden Vaqueros, welche mich begleiten werden, frische und schnelle Thiere zur Verfügung stellen könnt.«

»Ihr sollt die besten Pferde erhalten, welche ich besitze. Aber vielleicht hilft Euch das gar nichts.«

»Wieso?«

»Wenn der Mann aus der Umgegend ist, so hat er seine Heimath erreicht, ehe Ihr in den Sattel kommt. Was nützt Euch dann die Schnelligkeit Eurer Pferde?«

Gérard schüttelte lächelnd den Kopf.

»Ihr seid so viel mit Prairiejägern zusammengekommen,« antwortete er, »daß Ihr endlich einmal wissen könntet, daß kein solcher Mann Einen entkommen läßt, dessen Spur er einmal festhält. Von einem Schlafe ist nun doch keine Rede.


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Ich will mich zum Ritte vorbereiten. Denn, wenn der Tag anbricht, suche ich die Fährte.«

Dies geschah. So lange es noch dunkel war, konnte man das Geschehene nur besprechen und sich in allerlei Vermuthungen ergehen, aber sobald der Tag zu grauen begann, begab man sich zunächst nach dem Hofe unter das Küchenfenster, wo Gérard sich mit Hilfe eines Papierblattes eine ganz genaue Zeichnung der Fußspur nahm, welche dort zu finden war.

Sodann führte er sie hinaus in das Freie nach dem Orte, an welchem er das Schnauben des Pferdes und sodann das Hufgetrappel vernommen hatte. Er brauchte nicht lange zu suchen. Er deutete auf ein Loch im grasigen Erdboden und fragte:

»Was hat dieses Loch zu bedeuten, Sennor Arbellez?«

»Es ist hier ein Pferd angepflockt gewesen,« antwortete der alte Haziendero.

»Richtig. Der Mann hat sein Thier angepflockt und nicht angebunden. Er trägt also einen Lassopflock bei sich. Das ist auch ein Erkennungszeichen. Und nun seht Euch einmal diesen Cactus an.«

Die erwähnte Pflanze stand in unmittelbarer Nähe des Loches, in welchem der Pflock gesteckt hatte. Arbellez betrachtete sie mit großer Aufmerksamkeit und sagte dann:

»Hm! Ich bemerke gar nichts Außergewöhnliches.«

»Wirklich nicht?«

»Nein.«

»Und die Anderen?«

Auch die Anderen untersuchten den Cactus, konnten jedoch auch nichts Auffälliges finden.

»Ja,« lachte Gérard. »Ein Jäger ist doch etwas mehr als ein Haziendero oder ein Vaquero. Was ist denn das, Sennores?«

Er zog etwas von den Stacheln des Cactus weg.

»Ein Pferdehaar,« meinte Arbellez.

»Ja, aber von welchem Theile des Pferdes?«

»Es ist ein Schwanzhaar.«

»Welche Farbe hat es?«

Arbellez betrachtete es genau und antwortete dann:

»Schwarz, aber von einem Rappen scheint es dennoch nicht zu sein.«

»Da habt Ihr recht,« meinte Gérard. »Es ist weder von einem Rappen noch von einem Braunen. Es hat ganz die eigenthümliche Melirung, welche man nur bei dunklen Rothschimmeln trifft. Das Pferd hat mit dem Schwanze um sich geschlagen, und dabei ist dieses Haar an den Cactusstacheln hängen geblieben. Das Pferd ist ein Rothschimmel. Es hat hier das Gras niedergetreten; aber eine deutliche Spur ist leider nicht zu sehen.«

»Das ist freilich schade,« meinte Arbellez im Tone des Bedauerns.

»Warum?«

»Rothschimmel giebt es viele, ein Irrthum ist also möglich. Hättet Ihr aber ein so genaues Bild von der Hufspur wie Ihr sie vom Stiefel des Reiters habt, so wäre ein Erkennen um Vieles leichter.«


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Gérard lächelte in seiner ruhigen und doch überlegenen Weise und antwortete:

»So glaubt Ihr, daß ein solches Bild nicht zu bekommen sei?«

»Woher denn?«

»Am Bache dort. Seht, daß er hier links hinübergeritten ist. Er hat über den Bach gemußt, und dort wird sich wohl ein deutlicher Eindruck der Hufe finden lassen.«

Er hatte recht. Sie folgten ihm nach dem Wasser, und als sie dort ankamen, zeigte der weiche Uferboden ganz deutliche Eindrücke, welche eine Papierzeichnung gestatteten.

»So!« meinte Gérard. »Jetzt habe ich Alles beisammen, und nun darf ich auch nicht säumen, aufzubrechen.«

Er begab sich in sein Zimmer zurück, um seine Waffen zu sich zu nehmen. Dort suchte ihn Resedilla auf, um ihm ihr Lebewohl zu sagen. Sie umschlang und küßte ihn, als ob es gelte, auf ewig von ihm zu scheiden.

»Tröste Dich, mein Herz!« bat er sie in beruhigendem Tone. »Wir werden uns ja sehr bald wiedersehen.«

»Kannst Du das wirklich behaupten, mein Gérard?« fragte sie.

»Ja, Kind,« antwortete er.

»O nein. Weißt Du nicht, daß die Anderen nicht wiedergekommen sind, obgleich sie ganz dasselbe glaubten wie Du?«

»Sie konnten nicht wissen, was ich weiß. Sie suchten Verlorene, ich aber verfolge Verbrecher.«

Es gelang ihm wirklich, sie zu beruhigen, und auch die Anderen hatten ihn so gut kennen gelernt, daß ihn ihr ganzes Vertrauen geleitete, als er endlich mit den zwei Vaquero's aus dem Thore ritt.

Er nahm die Spur da auf, wo sie über den Bach führte, und ließ sie keinen Augenblick lang aus den Augen. Selbst da, wo seine Begleiter nicht das Mindeste von ihr merkten, zeigte er eine Sicherheit, welche sie in Erstaunen setzte.

So ging es in höchster Eile den ganzen Tag hindurch, bis die Nacht hereinbrach und von einer Fährte nichts zu erkennen war.

»Hier werden wir absitzen und übernachten,« sagte er, auf ein kleines Gebüsch deutend, welches am Wege lag.

»Wird das kein Fehler sein?« fragte der eine Vaquero.

»Warum ein Fehler?«

»Hier ganz in der Nähe liegt die Estanzia des Sennor Marqueso. Da ist der Mann ganz sicher eingekehrt.«

»Meint Ihr? Hm! Ein Mörder kehrt nicht ein, wenn er von dem Schauplatze seines Verbrechens kommt. Es liegt in seinem Interesse, sich von keinem Menschen sehen zu lassen. Uebrigens sind wir ihm sehr nahe gekommen.«

»Wie weit?«

»Ich sah vorhin aus der Spur, daß er kaum noch eine Stunde weit vor uns ist. Sein Pferd ist müde. Morgen früh haben wir ihn sicher und fest.«

In dieser Ueberzeugung streckte er sich in das Gras, um zu schlafen. Am anderen Morgen, bereits bei Tagesgrauen, wurde der Weg fortgesetzt. Ihre Pferde


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hatten ausgeruht und flogen munter über die Ebene hin. Da plötzlich hielt Gérard das seinige an.

»Hier hat er angehalten,« sagte er, auf eine vielfach zertretene Rasenstelle deutend. »Wollen sehen.«

Er sprang ab und untersuchte den Boden im Umkreise.

»Donnerwetter!« rief er dann. »Wo liegt die Estanzia, von welcher Ihr gestern Abend redetet?«

»Da rechts drüben hinter den Büschen.«

»Wie weit hat man hin?«

»Zehn Minuten.«

»Er ist zu Fuße hinüber und zu Pferde wieder retour. Seht, hier hat er seinen Rothschimmel angepflockt gehabt. Ich will doch nicht hoffen, daß er sich von der Estanzia ein Pferd geholt hat.«

»Das wäre verteufelt!«

»Und doch wird es so sein. Er ist zurückgekehrt, um den Rothschimmel vom Lasso zu befreien und ihn laufen zu lassen. Hier habt Ihr die Spur dieses Thieres. Sie führt retour. Der Schimmel ist ledig. Und hier haben wir die Fährte des anderen Pferdes, welche nach Süden geht, also in der Richtung, welche er ursprünglich eingeschlagen hatte. Reitet auf dieser Fährte langsam weiter. Ich muß nach der Estanzia.«

Sie gehorchten. In zehn Minuten sah er das Haus vor sich liegen. Er sprang vom Pferde und trat in das Zimmer. Ein älterer Mann lag in der Hängematte und rauchte eine Cigarrette.

»Seid Ihr der Estanziero, Sennor Marqueso?« fragte Gérard.

»Ja,« antwortete der Mann.

»Habt Ihr gestern Abend ein Pferd verkauft?«

Da fuhr der Mann aus der Hängematte empor und rief:

»Verkauft? Nein, das ist mir nicht eingefallen. Aber mein Fuchs muß sich verlaufen haben. Er war heute Morgen fort.«

»Verlaufen? Hm! Könnte er nicht gestohlen worden sein?«

»Das ist allerdings möglich. Ihr seht mich allein, weil alle meine Leute ausgeritten sind, ihn zu suchen.«

»War dieser Fuchs ein schnelles Pferd?«

»Es war mein bester Läufer.«

»Verdammt.«

»Warum?«

»Ich verfolge einen Mörder von der Hazienda del Erina her. Er ritt einen müden Rothschimmel, und ich glaubte, ihn heute Vormittag zu erreichen. Nun aber hat er Euch den Fuchs genommen, und ich kann - -«

»Donnerwetter! Also doch gestohlen?« unterbrach ihn der Mann.

»Ja. Hatte Euer Fuchs irgend ein Zeichen?«

»Ein sehr häßliches. Die rechte Hälfte des Maules ist weiß und die linke schwarz.«

»Danke!«

Damit drehte Gérard sich um.


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»Halt!« rief der Mexikaner hinter ihm her. »Wollt Ihr mir nicht wenigstens sagen, wo der Rothschimmel zu suchen ist? Dann hätte ich doch einigermaßen Ersatz.«

»Da drüben bei den Büschen findet Ihr die Spur,« antwortete Gérard, die Richtung mit der Hand bezeichnend.

Zugleich sprang er in den Sattel und galoppirte davon.

Er brauchte gar nicht weit zu reiten, so erblickte er seine beiden Gefährten, welche er schnell einholte. Er theilte ihnen mit, was er erfahren hatte, und machte sie darauf aufmerksam, daß es jetzt gelte, die größte Schnelligkeit zu entfalten. In Folge dessen flogen ihre drei Pferde förmlich dahin; aber die Züge Gérards, welcher die Spur immer fest im Auge behielt, blieben finster. Es war ihm anzusehen, daß ihre Schnelligkeit seinen Erwartungen nicht entsprach.

»Dieser Mensch ist klüger, als ich vermuthete,« sagte er.

»Er hat wohl gar nicht geschlafen?« fragte einer der Vaqueros.

»Nein. Er hat den Fuchs gestohlen und ist unverzüglich weiter. Heute früh hatte er einen Vorsprung von vier Stunden. Wir sind ihm näher gekommen, aber das genügt doch nicht, um ihn noch vor Einbruch der Nacht einzuholen.«

Es zeigte sich, daß seine Berechnung richtig war. Der Mittag ging vorüber und der Nachmittag verflog auch. Gegen Abend, als es bereits dämmerte, näherten sie sich Santa Jaga.

»Ich hoffe nicht, daß der Kerl durch die Stadt reitet,« meinte der Vaquero.

»Warum nicht?« fragte Gérard.

»Weil wir in der Stadt seine Spur nicht sehen können.«

»Pah. Wir können dann desto besser nach ihm fragen. Uebrigens glaube ich nicht, daß er durch die Stadt reitet.«

»Sondern um dieselbe herum?«

»Nein.«

»Wie sonst?«

»Er wird blos hinein reiten, aber nicht hinaus. Ich ahne vielmehr, daß er ein Bewohner der Stadt ist.«

»Ah, das ist möglich.«

»War nicht jene Dame, welche Juarez die Schriften schickte, aus Santa Jaga gekommen?«

»Ja.«

»Hatten nicht Sternau und die Anderen die Richtung nach Santa Jaga eingeschlagen?«

»Allerdings.«

»Nun, so ist es sehr leicht möglich, ja sogar sehr wahrscheinlich, daß wir hier die Lösung des Räthsels finden.«

Sie jagten weiter. Ungefähr zehn Minuten vor der Stadt trafen sie auf einen Mann, welcher langsam neben einem schweren Ochsenkarren einherschritt. Gérard grüßte und fragte:

»Wie weit ist es noch bis zur Stadt?«

»Ihr reitet keine Viertelstunde mehr,« antwortete der Mann.

»Seid Ihr dort bekannt?«


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»Das will ich meinen. Ich bin dort geboren und wohne dort.«

Gérard hatte die Spur des Wagens fast schon während des ganzen Nachmittags gesehen. Er fragte daher:

»Ihr kommt aus dem Norden?«

»Ja.«

»Sind Euch heute viel Leute begegnet?«

»Kein einziger Mensch.«

»Aber überholt hat Euch ein Reiter?«

»Ein einziger.«

»Kanntet Ihr ihn vielleicht?«

»Hm,« antwortete der Mann, indem er pfiffig mit den Augen blinzelte. »Ja, vielleicht kenne ich ihn.«

»Ihr betont das Wort vielleicht. Weshalb?«

»Nun, weil der Sennor jedenfalls nicht wollte, daß ich ihn erkennen sollte.«

»Wirklich? Weshalb denkt Ihr das?«

»Weil er einen Bogen schlug, um aus meiner Nähe zu kommen.«

»Ah! Was für ein Pferd ritt er?«

»Einen Fuchs.«

»Ihr erkanntet ihn also doch?«

»Ja, an seiner Haltung. So wie er auf dem Pferde saß, so sitzt nur ein Einziger im Sattel.«

»Und wer ist das?«

Der Karrenführer blinzelte abermals sehr listig mit den Augen und fragte:

»Habt Ihr ein so großes Interesse, dieses zu erfahren?«

»Gar zu groß ist es allerdings nicht.«

»So. Na, Sennor, ich bin ein armer Mann und jeder Dienst ist doch seines Lohnes werth.«

»Da,« antwortete Gérard, indem er in die Tasche griff und ihm eine Silbermünze zuwarf.

»Danke. Nun sollt Ihr auch erfahren, wer es ist.«

»Aber schnell!«

»Schön. Es war kein Anderer, als Pater Hilario.«

»Wer ist das?«

»Ein Arzt im Kloster della Barbara hier in der Stadt.«

»Ein Arzt? Ah!« nickte Gérard. »Ritt er sehr weit an Euch vorüber?«

»Nicht gar sehr. Das Terrain erlaubte nicht mehr.«

»Habt Ihr an dem Fuchs nichts bemerkt, woran man ihn wieder erkennen könnte?«

»Ah, Ihr meint nicht den Mann, sondern den Fuchs! Nun, da kann ich Euch die allerbeste Auskunft geben.«

»Wirklich?«

»Ja. Ich kenne das Thier sehr genau. Der Pater muß es erst in den letzten Tagen gekauft haben.«

»Von wem?«

»Von einem Estanziero da draußen.«


// 2437 //

»Ihr meint wohl Sennor Marqueso?«

»Freilich. Der Fuchs hat eine Blesse, welche ihm über die rechte Hälfte des Maules geht.«

»Danke. Gute Nacht!«

Er ritt mit seinen Begleitern weiter, in tiefe Gedanken versunken. Ein Pater - ein Arzt - der im Kloster wohnte? Hm. Tausend Gedanken stiegen in ihm auf und nieder. Endlich wendete er sich an seine Begleiter:

»Was ich erfahren habe, ist sehr wichtig. Es bestätigt meine Ansicht, daß der Mörder hier in der Stadt wohnt. Wir werden in einer Venta absteigen und hier bleiben. Das Weitere wird sich finden.« -

Pater Hilario befand sich in der Ueberzeugung, daß sein mörderischer Anschlag geglückt sei. Er ahnte nicht im Geringsten, daß er einen Verfolger hinter sich habe, und stieg, von dem Ergebnisse seines weiten Rittes befriedigt, vor dem Klosterthore ab, als das Abenddunkel hereinbrach.

Daß er sich eines fremden Pferdes bemächtigt hatte, machte ihm keine Sorge. Es gab hundert Ausreden für ihn. Und in den Savannen Mexikos kommt es sehr häufig vor, daß Einer sich des Pferdes eines Anderen bedient, ohne Diesen erst um Erlaubniß zu bitten.

Da er einige Tage länger geblieben war, als er vorher bestimmt hatte, so war er von seinem Neffen mit Ungeduld erwartet worden.

»Endlich!« rief dieser, als er zu ihm in das Zimmer trat. »So sage mir doch um aller Welt willen, wo Du so lange bleibst!«

»Ja,« antwortete er. »Ich konnte nicht wissen, daß ich drei Nächte um die Hazienda schleichen mußte, ehe es mir gelang.«

»Wie ging es denn?«

Er erzählte nun, was er gethan hatte. Der Neffe war an Blut und Tod gewöhnt, aber er schüttelte sich doch.

»Brrr!« sagte er. »Das ist fürchterlich!«

»Was denn?« fragte der Alte im gleichmüthigsten Tone.

»Ein so vielfacher Mord!«

»Pah! Jeder Mensch muß sterben!«

»Aber auf welche Weise!«

»Unsinn! Diese Leute haben den schönsten Tod, den es geben kann. Sie legen sich hin und schlafen schmerzlos ein.«

»Bist Du auch sicher, daß Keiner übrig bleibt?«

»Von der Familie sicher Keiner.«

»Und die Anderen, welche um das Geheimniß wissen, haben wir ja unten.«

»Einige noch nicht. Wir bekommen sie aber auch.«

»Wann?«

»Baldigst. Die Gelegenheit dazu wird sich mir in Mexiko bieten.«

»Wann reisest Du ab?«

»Sogleich, wenn ich gegessen habe.«

Der Neffe machte ein sehr erstauntes Gesicht.

»Sogleich?« fragte er. »Bist Du denn nicht müde?«


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»Außerordentlich. Aber ich habe drei Tage verloren. Ich muß fort. Reiten kann ich nicht. Ich würde vor Schlaf vom Pferde fallen.«

»So nimmst Du wohl die alte Klostercarosse?«

»Ja. Mache sie bereit und spanne vor dem hinteren Thore an. Es braucht nicht ein Jeder zu wissen, daß ich sofort wieder verreise.«

Er aß, kleidete sich um und gab dann dem Neffen die Verhaltungsmaßregeln, welche er für nöthig hielt. Darüber vergingen doch noch einige Stunden und dann fuhr er heimlich ab.

Sein Neffe horchte dem Wagen nach, so lange er die Räder desselben knarren hören konnte, dann begab er sich in die Stube des Onkels zurück, um sich die Schlüssel zu holen, da er ja die geheimnißvollen Gefangenen bedienen mußte. Auf dem Wege nach dem Studirzimmer des Paters mußte er durch den vorderen Hof. Das Thor desselben stand noch offen. Soeben trat ein Mann herein, der auf ihn zukam.

»Ist der Pater Hilario zu Hause?« fragte er.

»Nein. Ah, Sennor, Ihr seid es?«

Als der Mann hörte, daß er erkannt sei, sah er sich auch den Neffen an und sagte dann:

»Ah, Du bist es selbst, Manfredo?«

»Ja, Sennor.«

»Also Dein Oheim ist fort?«

»Ja.«

»Wann?«

»Soeben.«

»Donnerwetter! Warum so spät?«

»Er konnte nicht eher, doch meinte er, daß er noch zur rechten Zeit kommen werde.«

»Das mag sein. Kannst Du in sein Zimmer?«

»Ja. Ich wohne ja dort, wenn er verreist ist.«

»Laß uns hingehen, aber so, daß uns Niemand sieht. Ich habe sehr Wichtiges mit Dir zu reden.« -

Unterdessen hatte der schwarze Gérard mit seinen beiden Vaquero's die Stadt erreicht und sich dort nach der besten Venta erkundigt. Sie wurde ihm gezeigt. Er stieg dort ab und fragte den Wirth, ob er hier einen Raum zum Uebernachten bekommen könne. Dies wurde ihm bejaht und er bekam ein Zimmerchen angewiesen, welches das beste des Hauses sein sollte, aber schon mehr einem Ziegenstalle oder Taubenschlage glich.

Er aß da einige Bissen und machte sich dann auf, nach dem Kloster recognosciren zu gehen. Er löschte also sein Talglicht aus und öffnete die Thür. Sie traf einen Menschen, der soeben im Dunkeln draußen vorüber wollte.

»Himmeldonnerwetter!« rief es draußen.

»Kann nicht dafür,« antwortete er. »Nehmt Euch in Acht!«

»Was? Ich in Acht? Alle Teufel! Da, hast Du es!«

Bei diesen Worten erhielt Gérard eine Ohrfeige, daß er meinte, das Feuer springe ihm aus den Augen.


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»Hölle und Tod!« rief er. »Mensch, das wagst Du?«

Er packte den Anderen mit der Linken und gab ihm mit der Rechten eine Ohrfeige, welche wenigstens ebenso kräftig war wie diejenige, welche er erhalten hatte.

»Was? Mir eine Schelle?« rief der Andere. »Da!«

Zugleich erhielt Gérard eine zweite Ohrfeige.

»Und da!« rief auch er.

Sein Gegner erhielt ebenso die zweite. Sie hielten sich fest gepackt. Keiner vermochte, den Anderen niederzuringen oder sich von ihm loszumachen; aber Keiner vermochte auch, des Dunkels wegen, sich des rechten Armes seines Gegners zu bemächtigen. Und da sie Beide zu stolz waren, um nach Hilfe zu rufen, so hörte man nur die Ausrufe: »Da! Hier! So! Noch eine! Da ist sie!« und dabei klatschte es herüber und hinüber, daß es eine Art hatte.

Das mochte aber doch aufgefallen sein, denn es öffnete sich in der Nähe eine Thür und es trat ein junger, wie es schien, vornehmer Mann heraus, welcher in ein reiches mexikanisches Costüm gekleidet war und ein Licht in der Hand hielt.

»Was geht hier vor?« fragte er erstaunt, als er die beiden Männer erblickte, welche sich mit den linken Fäusten gepackt hielten und mit ihren Rechten in diesem Augenblicke zu gleicher Zeit zur Ohrfeige ausholten.

»O,« antwortete der Andere, »ich will diesem Kerl nur noch seine neunte Maulschelle geben!«

»Und ich diesem Menschen seine zwölfte!« antwortete Gérard.

»Warum denn, Geierschnabel?« fragte der junge Mann erstaunt.

Sein Licht war nicht hell genug, darum hatten sich die beiden Kampfhähne nicht sogleich erkannt. Jetzt aber ließ Gérard sofort los und rief:

»Geierschnabel? Was? Ist das möglich?«

Und Geierschnabel drehte seinen Gegner nach dem Lichte herum und rief:

»Heiliges Bombenwetter! Da geschehen ja Zeichen und Wunder! Ist's denn möglich, daß ich Dich haue!«

»Und daß ich Dich beohrfeige!«

»Zwölfe habe ich bekommen!«

»Und ich acht!«

»So habe ich nur elf. Ja, nun weiß ich, warum ich gar nichts machen konnte! Wer so einen Kerl gegen sich hat, der muß froh sein, daß er nicht gleich bei der ersten durch die Mauer fliegt!«

»Du hast Dich ebenso tapfer gehalten. Aber wenn ich nicht so lange krank darniedergelegen hätte, wäre es doch noch anders gekommen.«

»Woher kommst Du denn?«

»Von del Erina.«

»Ah, von daher!«

»Und Du?«

»Aus der Hauptstadt.«

Jetzt mischte sich auch der junge Mann in das Gespräch.

»Wie? Diese Sennores kennen sich?« fragte er lachend.

»Ja,« antwortete Geierschnabel.


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»Und sind Freunde, trotzdem sie sich ohrfeigen?«

»Dicke Freunde sogar!«

»So darf ich wohl fragen, wer dieser Sennor ist und wie Ihr Beide dazu kommt, Euch in dieser Weise zu begrüßen?«

»Hölle und Teufel, das ging sehr einfach zu. Er wollte aus seiner Stube treten, eben als ich vorüberging. Da schmiß er mir die Thüre grad an die Nase. Ich gab ihm eine Ohrfeige und er mir eine Maulschelle. Nun wechselten wir ab: er bekam eine Maulschelle und ich eine Ohrfeige. So haben wir uns amüsirt, bis Sie Licht in die Sache brachten, Sennor Curt. Aber wer es ist, das wollen wir drinnen sagen und nicht hier auf dem Gange, wo ein jeder Lump die Ohren herhalten kann. Komm, Alter!«

Er fußte Gérard an und schob ihn in die Stube, aus welcher Curt getreten war. Nachdem er die Thür sorgfältig verschlossen hatte, zeigte er auf die riesige Gestalt Gérards und fragte den Andern:

»Sennor Lieutenant, werden Sie vielleicht errathen können, wer dieser famose Kerl da ist?«

Curt betrachtete sich den Jäger lächelnd und antwortete:

»Mit einiger Unterstützung wird es mir vielleicht möglich sein. Kenne ich den Namen dieses Herrn?«

»Sogar sehr gut.«

»Er sagte, daß er lange krank gelegen habe. Wohl auf Fort Guadeloupe?«

»Ja.«

»Nun, so darf ich mir nur diese Gestalt betrachten, so weiß ich sofort, wer er ist: der schwarze Gérard. Nicht?«

»Errathen! Ja, errathen! Und nun, Gérard, mache es nach und errathe, wer dieser Sennor ist.«

»Das bringe ich nicht fertig,« meinte der Jäger.

»O doch.«

»Kenne ich seinen Namen?«

»Ja. Du hast ihn sogar schon gesehen.«

»Wo?

»Seinen Namen kennst Du von Sennor Sternau und gesehen hast Du ihn in Rheinswalden, als er noch ein Knabe war.«

»Ah! Ihr Name ist Helmers?«

»Ja,« nickte der junge Mann. »Curt Helmers.«

»Himmel, welch ein Zufall!«

»Zufall? Vielleicht nicht.«

»Was thun Sie hier?«

»Wir suchen unsere Verschollenen.«

»Ich ebenso.«

»Nun, so ist es also kein Zufall, daß wir uns hier treffen. Aber schnell, schnell! Haben Sie eine Spur von ihnen?«

»Ich hoffe es.«

»Wir vielleicht auch. Setzen Sie sich und erzählen Sie.«

So wunderbar eigentlich dieses Zusammentreffen war, es wurde doch kein


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Wort darüber verloren. Die drei Männer sahen ein, wie kostbar die Zeit sei und daß man keine Minute mit überflüssigen Worten verlieren dürfe. Darum erzählte Gérard sofort in kurzen, schlichten Worten, was er seit seiner Trennung von den Anderen bis auf den gegenwärtigen Augenblick erlebt hatte.

Weit mehr hatten natürlich Curt und Geierschnabel zu erzählen. Sie thaten es in einer Weise, daß durch kein überflüssiges Wort die Zeit verloren ging.

»Wo ist Grandeprise und der Seemann?« fragte Gérard.

»Sie haben unten einen Raum für sich,« antwortete Curt.

»Eigenthümlich. Ich ziele auf diesen Pater Hilarius und Sie ebenso. Kennen Sie das Kloster?«

»Nein, aber Grandeprise war da.«

»Ich stand soeben im Begriff, zu recognosciren.«

»Und ich ebenso; da stießest Du mir die Thür an die Nase,« antwortete Geierschnabel.

Da öffnete sich die Thür und Grandeprise trat ein. Er kam, um Geierschnabel zur Recognition abzuholen, was dieser vorhin auch mit ihm hatte thun wollen, und staunte nicht wenig, den schwarzen Gérard hier zu sehen. Nachdem ihm das Nöthige erläutert worden war, meinte er:

»Das ist ein sehr glückliches Zusammentreffen. Ein tüchtiger Jäger ist mehr werth, als zehn Andere, und es sollte mich sehr wundern, wenn Cortejo und Landola uns zum zweiten Male entgehen sollten.«

»Wart Ihr einmal in dem Zimmer des Paters?« fragte Gérard. »Einige Male.«

»Was steht darin?«

»Ein Sopha, einige Stühle, ein Tisch, ein Schreibtisch und mehrere Bücherstellagen. An den Wänden hängen Bilder und viele alte Schlüssel.«

»Wozu diese Schlüssel?«

»Wer weiß es!«

»Hm. Klöster haben immer verborgene Räume und Gänge. Was für eine Form haben die Schlüssel?«

»Eine ganz und gar alterthümliche.«

»So bin ich beinahe überzeugt, daß wir unter dem Kloster finden, was wir suchen.«

»Sie meinen, unsere Verschollenen?« fragte Curt rasch.

»Ja, wenn er sie nicht getödtet hat. Aber Cortejo und Landola finden wir jedenfalls dort.«

»Mein Gott! Wenn das wahr wäre!«

»Ich möchte darauf schwören!«

»So dürfen wir keine Zeit versäumen, nicht eine Minute. Warum dieser Pater sich in die Angelegenheiten der Rodriganda mischt, das wollen wir jetzt gar nicht fragen, wir werden es schon noch erfahren. Zunächst müssen wir um jeden Preis erfahren, ob die Gesuchten sich im Kloster befinden.«

»Aber wie?« fragte Grandeprise. »Der Pater wird es uns nicht freiwillig sagen.«

»Er wird es uns sagen,« antwortete Curt, indem seine Augen entschlossen


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aufblitzten; »ob freiwillig oder nicht, das ist Nebensache. Wer bewohnt das Kloster?«

Grandeprise konnte Auskunft geben. Er sagte:

»Es sind mehrere Aerzte da, deren Oberer eben der Pater ist. Ein Gebäude ist für körperlich Kranke und ein zweites für Geisteskranke eingerichtet. Ein drittes wurde von Pensionärinnen bewohnt, steht aber jetzt leer. Die übrigen Gebäude dienen als Wirthschaftsräume. Einige Diener und so weiter bilden die ganze Bewohnerschaft, außer den Kranken natürlich.«

»So haben wir ganz und gar nichts zu befürchten. Wir werden sehen, ob der Pater daheim ist.«

»Auf jeden Fall ist er da,« meinte Gérard. »Er ist kurze Zeit vor mir hier angekommen.«

»Dennoch ist es nothwendig, zunächst sich zu überzeugen. Einer von uns muß zu ihm gehen.«

»Das ist richtig,« meinte Gérard. »Ich aber kann es nicht thun.«

»Warum nicht?«

»Er ist auf der Hazienda gewesen, wenn auch heimlich, aber er kann mich dort gesehen haben.«

»Auch ich kann nicht hin,« meinte Grandeprise, »denn er kennt mich.«

»Und ich ebenso wenig,« meinte Geierschnabel. »Meine Nase ist zu bekannt im Lande.«

»So mag Peters gehen,« entschied Grandeprise.

»Warum Peters?« fragte Curt. »Eine so wichtige Sache mag ich ihm nicht anvertrauen. Mich kennt der Pater nicht. Ich gehe selbst.«

»Um Gotteswillen,« rief Geierschnabel. »In eine solche Gefahr dürfen Sie sich nicht begeben.«

»Ein Anderer aber doch? Halten Sie mich für feig?«

»Nein, aber ich will nicht haben, daß wir uns um Sie zu sorgen haben.«

»Um wen wir uns sorgen, das bleibt sich gleich. Ich verlasse mich lieber auf mich selbst als auf Peters. Er hat uns als Bote des Kapitäns begleitet. Wichtigeres mag ich ihm nicht anvertrauen.«

Der schwarze Gérard blickte den jungen Mann wohlgefällig an. Er gab ihm die Hand und sagte:

»Sie haben recht, Monsieur. Ich sehe es Ihnen an, daß Sie ebenso bedächtig und vorsichtig wie muthig sind. Und auf alle Fälle sind ja wir Anderen da. Geschehen kann Ihnen nichts. Grandeprise, wie gelangt man in das Zimmer des Paters?«

»Durch das Thor, über den Hof hinüber und zur Treppe hinauf, liegt Einem die Thür gleich entgegen. Sämmtliche Zimmer des Klosters sind nummerirt. Es hat die Nummer 25.«

»Wohin gehen die Fenster?«

»Zwei nach einem Seitenhofe, eins aber am Giebel heraus, wo wir stehen können.«

»So sind wir ja sicher, daß Sennor Helmers nichts passiren kann. Es gilt, den Pater zu überraschen. Man darf im Hofe gar nicht nach ihm fragen.


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Man tritt unangemeldet bei ihm ein. Das Uebrige ergiebt sich dann aus den Umständen. Unter dem Fenster stehen wir. Sollte Monsieur Helmers ja in irgend eine Gefahr oder Verlegenheit kommen, so braucht er uns ja nur zu rufen.«

»Das ist ganz meine Ansicht,« sagte Curt. »Wollen wir jetzt auf brechen?

»Ja, vorwärts,« meinte der schwarze Gérard. »Zwar habe ich noch zwei Vaqueros mit, welche uns helfen könnten, aber ich bin der Ansicht, daß solche Leute uns eher hinderlich als förderlich sein könnten. Wir Vier sind Manns genug. Gehen wir.«

Sie verließen wohl bewaffnet die Venta und stiegen den Klosterweg empor. Als sie oben angekommen waren, hörten sie das Rollen eines Wagens, welcher um eine Mauerecke bog. Sie traten zur Seite, um nicht bemerkt zu werden, und ahnten nicht, daß in diesem Wagen Derjenige saß, welchen sie suchten, Pater Hilario nämlich.

Dann zeigte Grandeprise ihnen das Fenster, welches zum Zimmer des Paters gehörte. Das Thor war offen, und Curt trat ein. Das betreffende Fenster war erleuchtet, und die drei Jäger blickten unverwandt empor, um beim kleinsten Zeichen bereit zu sein. Da hörten sie nahende Schritte. Sie traten zurück und duckten sich nieder, um nicht gesehen zu werden. Eine Gestalt schritt an ihnen vorüber und huschte in das Thor.

Es war der kleine, dicke Verschwörer, welcher im Vorderhofe den Neffen des Paters traf und mit demselben nach dem Zimmer des Paters ging, wie wir bereits wissen.

Vorher aber war Curt über den Hof geschritten und die Treppe emporgestiegen, ohne von Jemand bemerkt zu werden. Er sah die ihm gleich gegenüberliegende Thür, auf welcher die Nummer 25 stand, und trat ein, ohne anzuklopfen. Es brannte eine Lampe da, aber kein Mensch war zu sehen.

Eine zweite Thür führte nach dem Schlafzimmer des Paters. Curt vermuthete ihn in diesem Raume und öffnete die Thür. Auch hier befand sich Niemand. Eben wollte er in das vordere Zimmer zurücktreten, als er draußen die Schritte zweier Personen hörte. Mehr aus plötzlicher Eingebung als aus Berechnung wich er in das Schlafzimmer zurück und zog die Thür desselben an, aber nicht ganz zu. Er war der Meinung, daß der Pater mit irgend Jemand komme. Vielleicht gestattete ihm das Glück, etwas zu belauschen, was ihm von Nutzen sein konnte.

Durch die dünne Spalte, welche er gelassen hatte, sah er ein kleines, dickes Männchen eintreten und hinter demselben einen jüngeren Mann, welcher das Aussehen eines Bediensteten hatte. Nach der Beschreibung, welche er sich von der Person des Paters hatte geben lassen, konnte dieser nicht dabei sein.

Der Dicke setzte sich behäbig auf einen Stuhl und fragte:

»Also Dein Oheim ist erst kürzlich fort?«

»Ja,« antwortete Manfredo.

»Weißt Du nicht, was ihn so lange aufgehalten hat?«

»Nein.«

Der Kleine warf einen blitzschnellen, stechenden Blick auf den Neffen und fuhr fort:


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»Du bist doch der nächste oder einzige Verwandte des Paters, nicht wahr?«

»Ja, der einzige.«

»Hm! Da sollte man doch meinen, daß er Vertrauen zu Dir habe.«

»Das hat er auch.«

»Warum sagt er Dir da nicht, was ihn abgehalten hat, meinem Befehle schneller nachzukommen?«

»Weil ich ihn nicht gefragt habe.«

»So! Hm! Weißt Du noch, wann ich zum letzten Male hier war?«

»Ja.«

»Da waren auch zwei Männer aus der Hauptstadt hier?«

»Ja,« antwortete der Neffe, welcher ja eingeweiht war.

»Was wollten sie?«

»Sie suchten Euch, sie wollten Euch arretiren.«

»Verdammt. Also doch! Welch ein Glück, daß ich ihnen entgangen bin. Es waren zwei ganz und gar dumme Kerls. Sind sie wieder hier gewesen?«

»Nein.«

»Das ist ihr Glück. Ich werde dafür sorgen, daß sie gut empfangen werden, falls sie wiederkommen. Und das ist eben, weshalb ich mit Dir reden will. Sind wir allein?«

»Ihr seht es ja.«

»Und Niemand kann uns belauschen?«

»Kein Mensch.«

»Nun gut, so sage mir, ob Du weißt, weshalb Dein Oheim heute nach der Hauptstadt abgereist ist.«

»Er hat es mir gesagt.«

»Alle Wetter! So scheint er also doch Vertrauen zu Dir zu haben. Und da sehe ich, daß auch ich aufrichtig mit Dir reden kann. Sage mir also, welchen Zweck der Pater in Mexiko verfolgt.«

»Er soll dahin wirken, daß der Kaiser nicht mit den Franzosen abzieht.«

»Und zwar warum?«

»Damit Max von Juarez gerichtet und verurtheilt werde.«

»Gut. Juarez steht dann als Mörder da und wird allen Credit verlieren. Auf diese Weise werden wir den Kaiser und auch den Präsidenten los und bekommen die Macht in unsere Hände. Dein Oheim hat die ausführlichsten Verhaltungsvorschriften. Er wird diesen Max gar nicht in Mexiko, sondern bereits in Queretaro treffen. So weit scheint Alles gelungen. Aber der Teufel könnte doch sein Spiel haben. Irgend ein Zufall kann den Kaiser bestimmen, das Land schleunigst zu verlassen. Man kann ihm sagen, daß er keinen Rückhalt, keinen Beistand und keine Anhänger hier mehr habe. Da gilt es dann, ihm glauben zu machen, daß man noch in Massen zu ihm hält.«

»Das wird nicht leicht sein.«

»Leicht und schwer, wie man es nimmt. Ich habe die Veranstaltung getroffen, daß der Kaiser erfährt, seine Anhänger hätten sich im Rücken seines ärgsten Feindes, dieses Juarez, erhoben, um die kaiserliche Fahne zum Siege zu führen. Hört Max dies, so bleibt er ganz sicher im Lande und ist ebenso sicher


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verloren. Es werden morgen an einigen Orten Krawalle vorkommen, den Hauptputsch aber soll es hier in Santa Jaga geben.«

»Hier?« fragte der Neffe überrascht. »Wieso? Hier giebt es ja nur Anhänger des Juarez.«

»Pah! Laß nur mich machen,« meinte der Dicke in überlegenem Tone. »Wir haben eine Schaar von zweihundert tapferen Kerls angeworben, welche noch in dieser Nacht nach Santa Jaga kommen werden, um die kaiserliche Fahne zu entfalten.«

»Die Einwohnerschaft wird sie fortjagen.«

»Das wird nicht gelingen. Das Kloster ist zu einer Zeit gebaut worden, in welcher ein jedes Haus zugleich Festung sein mußte. Es hat starke, hohe Mauern und gleicht einem Fort. Unsere Leute werden sich im Kloster festsetzen. Was wollen da die Bürger thun?«

»Hm! Dann allerdings möchte es gehen,« meinte Manfredo nachdenklich.

»Grad der Umstand, daß diese Schilderhebung hier stattfindet, wird Deinem Oheim beim Kaiser die allerbeste Empfehlung sein.«

»Weiß mein Oheim davon?«

»Nein.«

»Warum?«

»Weil ich selbst noch nichts wußte, als ich zum letzten Male mit ihm sprach. Und heute ist er ja nicht da, so daß ich es ihm sagen könnte. Aber wenn er es in Queretaro hört, hat er bereits meine Instructionen in den Händen und weiß, was er zu thun hat.«

»Sind es Soldaten, welche kommen?«

»Hm! Man könnte sie so nennen. Es sind bewaffnete Leute, denen es ganz gleich ist, wem sie dienen.«

»Wann kommen sie?«

»Heute Nacht punkt vier Uhr werden sie unten am Klosterwege eintreffen, und Du wirst sie in das Kloster führen, aber so, daß unten im Orte kein Mensch etwas merkt. Wenn der Tag anbricht, weht die kaiserliche Fahne von den Mauern herab, und die Bürger dürfen nicht muxen.«

»Wird der Anführer mir folgen?«

»Ja. Du sagst ihm das Wort »Miramare«, dann weiß er, daß Du der Richtige bist.«

»Werdet Ihr nicht dabei sein?«

»Nein. Ich habe heute Nacht noch einen weiten Ritt in einer ganz ähnlichen Gelegenheit. Du hast doch Alles ganz genau verstanden?«

»Ganz genau.«

»Gut. Sei so treu wie Dein Oheim, dann wird die Belohnung nicht ausbleiben. Jetzt will ich gehen. Hier die schriftliche Instruction für den Anführer der Truppen. Du giebst sie ihm, sobald Du ihn triffst. Gute Nacht.«

»Ich werde Euch herunter begleiten,« meinte der Neffe, indem er die empfangenen Papiere zu sich steckte.

»Warum?«

»Das Thor könnte unterdessen verschlossen worden sein.«


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Kaum hatten sie das Zimmer verlassen, so trat Curt in dasselbe. Er eilte an das Fenster, öffnete es und fragte halblaut hinab:

»Seid Ihr hier?«

»Ja,« antwortete Gérard. »Was giebt es?«

»Der Pater ist verreist. Alles geht gut. Haltet Euch ruhig, bis Ihr mich wiederseht. Jetzt aber tretet zurück, denn es wird Jemand kommen.«

Er schloß das Fenster wieder und kehrte in die Schlafstube zurück. Er war überzeugt, diesem Neffen des Paters gewachsen zu sein; jedenfalls hatte er es nur mit diesem allein zu thun, und er beschloß, kurzen Prozeß mit ihm zu machen.

Nach nur wenigen Minuten kehrte Manfredo zurück. Er schien nachdenklich geworden zu sein und schritt ein Weilchen sinnend im Zimmer auf und ab.

»Hm!« hörte Curt ihn brummen. »Sonderbar. Kaiserliche in Santa Jaga. Räuber und Mörder werden es sein, aber ich muß gehorchen. Zuvor aber will ich zu meinen Gefangenen. Ah! Bin ich nur erst Graf Alfonzo de Rodriganda, so mögen sie sich in Mexiko einander erwürgen, wie es ihnen beliebt. Mir ist Alles gleich.«

Curt erstaunte gewaltig über den Inhalt dieses Selbstgespräches. Er stand schon im Begriff, aus der Thür zu treten, um den Kerl zu packen und zum Geständnisse zu bringen; da sah er, daß er einige Schlüssel ergriff, und das brachte ihn auf andere Gedanken.

Der Neffe steckte die Schlüssel ein, brannte eine Blendlaterne an und verließ das Zimmer, ohne die Thür desselben zuzuschieben. Sofort trat Curt ein, riß ein Licht von einem Leuchter, steckte es ein und zog dann sein Messer. Er öffnete so leise wie möglich die Thür und sah Manfredo eine zweite Treppe hinabsteigen. Er drückte die Thür zu und folgte ihm.

Das Licht der Blendlaterne fiel nur vorwärts, darum ging Curt im dunkelsten Schatten. Aus diesem Grunde konnte er sehr leicht an etwas stoßen und dadurch ein verrätherisches Geräusch verursachen. Deshalb blieb er einen Augenblick stehen, um seine Stiefel auszuziehen, deren Sporen ihn ohnedies verrathen konnten. Dann ging es wieder weiter.

Da Curt von Dunkel eingehüllt war, so konnte er sich nahe genug an seinen Vordermann halten, um diesen nicht aus den Augen zu verlieren. Weil es aber doch möglich war, daß der Mexikaner einmal stehen bleiben und sich umdrehen konnte, so hielt Curt sich für diesen Fall bereit, sich augenblicklich nieder zu werfen, um nicht bemerkt zu werden.

So ging es durch einige Thüren, welche Manfredo offen ließ. Sie schritten durch mehrere feuchte Felsengänge, ohne daß es dem Mexikaner ein einziges Mal eingefallen wäre, sich umzudrehen. Der Gang, in welchem sie sich jetzt befanden, hatte mehrere Thüren. Vor einer derselben blieb Manfredo stehen. Er schob zwei starke, eiserne Riegel zurück und öffnete das Schloß mit einem seiner Schlüssel. Dann trat er ein.

War dort ein neuer Gang, oder gab es hinter dieser Thür ein Gefängniß? So fragte sich Curt. Im ersteren Falle mußte er rasch folgen, im letzteren aber zurückbleiben.

Er horchte. Ah, er hörte sprechen. Diese Thür hatte also einen Kerker


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verschlossen. Leise, leise schlich er näher. Niemand hörte ihn. Er wagte es, den Kopf ein wenig vorzustrecken und blickte in ein viereckiges Gefängniß, an dessen Mauern mehrere Personen angefesselt waren. Manfredo stand in der Mitte des Raumes und hatte seine Laterne in eine Ecke gestellt. Sie erhellte das Gefängniß so ungenügend, daß es ganz unmöglich war, die Züge der Gefangenen zu erkennen. Manfredo sprach mit einem derselben.

»Es giebt allerdings einen Weg, Euch zu retten,« hörte Curt ihn sagen.

»Welchen?« fragte eine Stimme aus dem Hintergrunde.

»Könnt Ihr das nicht errathen?«

»Nein.«

»Ich will ihn Euch sagen. Ihr wißt, daß dieser Mariano hier Euer wirklicher Neffe ist?«

»Ja.«

»Und daß der jetzige Graf Alfonzo nur der Sohn von Gasparino Cortejo ist?«

»Ja.«

»Nun, so stelle ich zwei Bedingungen. Erfüllt Ihr diese, so seid Ihr Alle frei.«

»Wir wollen sie hören.«

Der alte Graf Ferdinando war es, welcher sprach. Der Neffe des Paters fuhr fort:

»Zunächst erklärt Ihr diesen Alfonzo für einen Betrüger und laßt ihn und seine Verwandten bestrafen.«

»Dazu bin ich natürlich bereit.«

»Sodann aber muß Mariano entsagen, und Ihr erkennt mich als den Knaben an, welcher geraubt oder verwechselt wurde.«

Ein Schweigen des Erstaunens folgte.

»Nun, Antwort!« gebot der Mexikaner.

»Ah,« sagte Don Ferdinando, »so wollt wohl gar Ihr Graf von Rodriganda werden?«

»Ja,« antwortete der Gefragte im Tone der unverschämtesten Offenheit. »Das ist meine Bedingung.«

»Ich gehe sie niemals ein.«

»So bleibt Ihr gefangen bis an Euer Ende.«

»Gott wird uns erretten!«

»Pah, das kann er nicht. Ich gebe Euch eine halbe Stunde Bedenkzeit, bis ich Euch Brod und Wasser bringe. Sagt Ihr dann nicht »ja«, so erhaltet Ihr weder Trank noch Speise und müßt elend verschmachten!«

»Gott wird uns rächen!«

»Don Ferdinando, sprecht nicht mit diesem Buben!« klang eine tiefe Stimme von der Seite her.

Es war, als ob Curt augenblicklich vorstürzen solle. Diese Stimme kannte er. Er hätte sie an jedem Orte, in jedem Verhältnisse wiedererkannt. Es war die Stimme seines einstigen Lehrers, die Stimme Sternau's.


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»Was?« rief Manfredo. »Einen Buben nennst Du mich? Hier hast Du Deinen Lohn!«

Er trat zu dem Gefesselten und holte zum Schlage aus, kam aber nicht dazu, denn sein erhobener Arm wurde ergriffen. Er drehte sich im höchsten Grade erschrocken um und sah zwei blitzende, zornsprühende Augen und die Mündung eines Revolvers auf sich gerichtet. Die Blässe eines tödtlichen Schreckes bedeckte sein Gesicht.

»Wer ist das? Was wollt Ihr hier?« fragte er, vor Angst stammelnd.

»Das wirst Du sogleich hören!« antwortete Curt. »Nieder mit Dir auf die Kniee!«

»Wer - wer - was -« wiederholte der Erschrockene.

»Nieder auf die Kniee!« wiederholte Curt.

Und als Manfredo nicht sogleich gehorchte, riß er ihn an dem Arme, den er noch gefaßt hielt, zum Boden nieder.

»Komm, mein Bursche, wir wollen Dich sicher nehmen!«

Bei diesen Worten nahm er sich das Lasso von den Hüften und schlang es um den Leib und die Arme des Kerkermeisters. Dieser war mit keiner Waffe versehen; aber selbst wenn er eine solche bei sich gehabt hätte, wäre er doch vor Erstarrung momentan unvermögend gewesen, sie zu gebrauchen. Als er so gebunden war, daß er sich nicht rühren konnte, gab er ihm einen Fußtritt, daß er vollends umstürzte.

Nun aber konnte Curt sich nicht länger halten. Er holte tief, tief Athem, stieß einen überlauten Jubelruf aus, von welchem draußen die Gänge widerhallten, und frohlockte:

»Gott sei Dank! Endlich, endlich ist es mir gelungen! Ihr seid frei!«

»Frei?« rief es rundum. »Ist das wahr?«

»Ja und ja, und tausendmal ja!«

»Sennor, wer seid Ihr?« fragte der alte Ferdinando, welcher an dieses plötzliche Glück nicht zu glauben vermochte.

»Das werdet Ihr noch erfahren. Für jetzt nur hinaus, hinaus aus diesem Loche, aus diesem pestilenzialischen Gestanke! Das ist das Allernöthigste. Könnt Ihr gehen?«

»Ja,« antwortete Sternau.

Curt, so jung er war, vermochte es doch über sich, seinem Herzen einstweilen zu gebieten und das zu thun, was der Verstand ihm vorschrieb.

»Wie öffnet man Eure Ketten?« fragte er.

»Dieser Mann hat den kleinen Schlüssel dazu in der Tasche.«

Curt griff in Manfredo's Taschen und fand ein kleines Schlüsselchen. Er eilte von Mann zu Mann mit einer unbeschreiblichen Hast und öffnete die Fesseln, welche niederklirrten. Jetzt wollten Alle sich auf ihn stürzen, er aber wehrte, obgleich ihm die Freudenthränen aus den Augen liefen, sie ab und rief:

»Jetzt nicht, jetzt nicht! Zunächst das Allernöthigste. Seid Ihr Alle beisammen, oder giebt es anderswo noch Leidensgefährten?«

»Wir sind es Alle,« antwortete Sternau, welcher die meiste Kraft besaß, kaltblütig zu bleiben.


Ende der einhundertzweiten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk