Lieferung 106

Karl May

2. August 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 2521 //

»So darf ich es nicht hören?«

»Nur wenn Sie stumm wären.«

»Nun, so bin ich stumm.«

»Schwören Sie es mir zu!«

»Ich versichere Ihnen bei Gott und allen Heiligen, daß keines Menschen Ohr ein Wort von denen hören soll, welche wir jetzt sprechen werden!«

»Gut. Ich vertraue Ihnen. Beginnen wir mit der Betrachtung der Lage, in welcher sich der Kaiser befindet.«

»Er ist verloren.«

»Meinen Sie?«

»Ich bin überzeugt davon. Er hat sich mit dem Decrete sein eigenes Todesurtheil unterzeichnet und es wird auf alle Fälle an ihm vollstreckt werden.«

»Wenn das ist, so hilft ihm auch unsere Aufopferung nichts.«

»Sie nützt weder ihm noch uns das Geringste.«

»Sie schadet uns im Gegentheile. Könnten wir diese Aufopferung in das Gegentheil verwandeln, so würde auch aus dem Schaden ein Nutzen für uns werden.«

»Was soll das heißen?«

»Das müssen Sie verstehen, ohne es zu hören.«

»Ah! Sie meinen, anstatt den Kaiser zu vertheidigen, sei es gerathener - ihn seinem Schicksale zu überlassen?«

»Das wäre zu wenig; das hieße doch für uns, unthätig verbleiben. Und doch nur die That kann uns retten.«

»Jetzt verstehe ich,« meinte der Oberst in einem sehr entschlossenen Tone.

»Gut. Sind Sie bereit, mein Bote zu sein?«

»Ja.«

»Es ist noch nicht lange her, daß Ihnen diese Sennorita Emilia entkam. Ich vergab Ihnen diesen Streich, indem ich von Ihnen erwartete, daß Ihnen ein anderer Auftrag besser gelingen werde. Die Zeit, Ihnen diesen Auftrag zu ertheilen, ist jetzt gekommen.«

Lopez warf einen versteckt listigen Blick auf seinen Vorgesetzten und fragte:

»Sie haben also schon damals an unsere heutige Angelegenheit gedacht?«

»Schon längere Zeit.«

»Desto besser. Ich darf dann hoffen, daß Alles bereits reiflich überlegt sei.«

»Das ist es.«

»Die Hauptsache ist, wie überall, hier das Schwierigste.«

»Was verstehen Sie unter der Hauptsache?«

»Eine Person zu finden, an welche man sich gefahrlos wenden kann.«

»Sie ist gefunden.«

»Wirklich?«

»Ja, und auch so leidlich vorbereitet.«

»Wer ist es?«

»General Velez.«

»Der mir gegenüber in den Trancheen liegt? Eignet er sich für eine so schwierige Verhandlung?«


// 2522 //

»Ausgezeichnet. Er ist ein zweiter Trenk, rauh, verwegen und Herr seiner Soldaten, nicht aber seiner Gesinnungen. Er haßt den Kaiser, wie den Tod, und würde viel, sehr viel darum geben, Derjenige zu sein, von dem gesagt wird, daß er den Kaiser gefangen habe.«

»Wird er aber ermächtigt sein, einen Vertrag, wie den beabsichtigten abzuschließen?«

»Jedenfalls.«

»Also autorisirt von Eskobedo?«

»Es kann Eskobedo nur lieb sein, ohne weitere Opfer in den Besitz der Stadt zu gelangen.«

»Dann müßte vor allen Dingen Fort la Cruz übergeben werden.«

»Allerdings. Also wollen Sie diese Verhandlung übernehmen?«

»Ja. Ich bin entschlossen dazu.«

»So ist hier der Schlüssel zur Ausfallspforte. Heute, grad um Mitternacht, wird Velez sich bis zu derselben heranschleichen.«

»Er selbst?«

»Ja. Er verläßt sich auf mein Wort, daß ihm nichts geschieht.«

»Welche Bedingungen machen Sie?«

»Freien Abzug für mich und Sie.«

»Welche Garantieen fordern Sie?«

»Welche könnte ich fordern?«

»Etwa eine Unterschrift?«

»Die kann ich nicht verlangen. Kein General wird so unvorsichtig sein, über einen solchen Vertrag ein Schriftstück zu verfassen und dasselbe gar noch mit seiner Unterschrift zu versehen.«

»So müssen wir uns mit dem Ehrenworte begnügen?«

»Ja. Velez hat sein Wort noch niemals gebrochen.«

»So ist das meine ganze Instruction?«

»Ihre ganze. Nur habe ich noch hinzuzufügen, daß die Stunde genau angegeben werden muß.«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»So können wir uns jetzt trennen. Ich werde heute Abend nicht eher zur Ruhe gehen, als bis Sie bei mir gewesen sind, um mir das Resultat Ihrer Conferenz mitzutheilen.«

Lopez ging. Draußen aber wendete er sich um, ballte die Faust, drohte zurück und murmelte:

»Jeder seinen Lohn. Hast Du den Kaiser in's Unglück gestürzt, so wirst Du nun von mir betrogen. Du sollst sterben müssen, grad wie er.«

Er konnte kaum die Mitternacht erwarten. Der Tag und der Abend schienen ihm schneckenhaft zu schleichen. Endlich aber war doch die Zeit gekommen. Er schlich zur Ausfallspforte, öffnete sie leise und verschloß sie ebenso, nachdem er sich im Freien befand.

Nun blickte er sich um. Nicht weit von ihm lehnte eine dunkle Gestalt an der Mauer.

»Wer da?« flüsterte dieselbe.


// 2523 //

»Bote von Miramon,« antwortete er ebenso leise.

»Willkommen.«

Mit diesem Worte trat die Gestalt näher.

»General Velez?« fragte er.

»Ja. Und Sie?«

»Oberst Lopez.«

»Ah! Kenne Sie! Schickten mir da kürzlich ein allerliebstes Mädchen.«

Dabei kicherte der Offizier leise aber doch vernehmlich vor sich hin.

»Ich Ihnen ein Mädchen?« fragte Lopez sehr erstaunt. »Wüßte wirklich nicht.«

»Schon gut. Hatten sie sollen nach Tula bringen, um sie dort zu hängen.«

»Ah, diese, Sennor. Das war eine fatale Sache.«

»Will hoffen, daß es heute nicht ebenso fatal zugehen werde.«

»Ich bin überzeugt, daß wir uns einigen werden.«

»Kommt auf Ihre Vorschläge an. Was verlangt Miramon?«

»Freiheit für sich und mich.«

»Hm. Ist sie nicht werth. Lasse ihn nicht gern durchschlüpfen.«

»Das ist ja auch nicht nothwendig.«

»Ah! Wieso?« fragte der General betreten.

»Er ist nicht mein Freund.«

»Alle Teufel! Ich denke, Sie sind sein Bote, sein Bevollmächtigter.«

»Das ist wahr. Aber muß denn er das Thor aufschließen? Kann nicht auch ich dasselbe thun?«

»Sehr richtig. Sehr richtig. Aber wie wollen Sie sich dann gegen ihn verhalten?«

»Ich werde so thun, als ob ich abgeschlossen habe unter der Bedingung, daß er die Freiheit erhält.«

»Donnerwetter! So wird er mich für unehrlich halten, nicht aber Sie! Und das würde mir verteufelt unlieb sein.«

»Das läßt sich arrangiren. Wir müssen doch Tag und Stunde bestimmen?«

»Allerdings.«

»Ich gebe dem General einen späteren Tag an. Geschieht es einen Tag vorher, so wird er nicht annehmen, daß die Stadt in Folge unseres Vertrags in Ihre Hand gefallen sei.«

»Das ist richtig. Also lassen Sie uns machen und keine Zeit versäumen, sonst werde ich vermißt.«

»Ich lasse Ihnen die Initiative.«

»Gut. Also Sie wollen den Vertrag auf eigene Faust abschließen?«

»Ja.«

»Ohne einen einzigen anderen Menschen in das Geheimniß zu ziehen?«

»Das versteht sich ja ganz von selbst.«

»So sagen Sie mir, ob Sie ganz genau wissen, wo und wie der Kaiser wohnt.«

»Er wohnt im Kloster de la Cruz hier über uns, und seine Wohnung kenne ich.«

»Ich verlange zu einer gewissen Stunde hier eingelassen zu werden.«


// 2524 //

»Sie haben diese Stunde zu bestimmen.«

»Von hier aus führen Sie mich direct nach dem Schlafzimmer des Kaisers.«

»Zugestanden.«

»Weiter verlange ich nichts.«

»So viel kann ich leisten,« lachte Lopez leise.

»Welche Ansprüche machen nun Sie?«

»Ich verlange volle Freiheit für mich und mein Eigenthum, die Meinen sind natürlich eingeschlossen.«

»Ich stimme bei.«

»Und außerdem eine Summe in Münze oder guten Papieren. Die Gründe, wegen denen ich eine solche Forderung stelle, gehören entweder nicht hierher oder sind selbstverständlich.«

»Ich verstehe. Wie viel verlangen Sie?«

»Werden Sie handeln?«

»Ich schachere nie. Fordern Sie zuviel, so sehe ich ganz einfach von der Sache ab. Also -«

»Sind zehntausend Pesos Ihnen zu viel?«

»Fast, aber ich will sie Ihnen geben. Sagen wir also: In der Nacht vom 14. auf den 15. Mai öffnen Sie grad elf Uhr Abends dieses Pförtchen. Neben demselben liegt in einer Brieftasche die angegebene Summe in englischen Noten. Sie haben bis zwölf Uhr Zeit, die Noten zu prüfen. Genügen sie Ihnen nicht oder, was ja ganz dasselbe ist, halte ich mein Wort nicht, so schließen Sie einfach wieder zu. Um Mitternacht rücke ich herein, voran zweihundert Mann, mehr nicht. Mit diesen Leuten werde ich mich überzeugen, ob auch Sie ehrlich sind. Mehr Menschenleben darf ich nicht daran wagen. Bemerke ich, daß Sie Wort halten und verschwiegen gewesen sind, so schicke ich nach Verstärkung, und Sie führen mich zum Kaiser. Sobald Sie mir die Wohnung desselben gezeigt haben, sind Sie entlassen und können thun, was Ihnen beliebt. Jedenfalls werden Sie mit kriegsgefangen. Sie werden auch, um allen etwaigen Verdacht abzulenken, einige Zeit festgehalten werden; aber ich verbürge mich dafür, daß Sie innerhalb zweier Wochen mit Allem, was Ihnen gehört, freigelassen werden. Einverstanden?«

»Vollständig.«

»Ihr Ehrenwort.«

»Hier ist es.«

»Und hier das meinige.«

Die beiden Männer reichten sich die Hände und trennten sich dann. General Velez suchte sein Lager auf, und Lopez kehrte zu General Miramon zurück, welcher ihn sehnlichst erwartet hatte. Es wäre ihm unmöglich gewesen, zur Ruhe zu gehen, ehe Lopez zurückgekehrt war, denn er hätte wegen der erwartungsvollen Spannung, in welcher er sich befand, diese Ruhe doch nicht finden können.

»Nun, wie ist es gegangen?«

Mit diesen Worten empfing er den Eintretenden, noch ehe dieser Zeit gefunden hatte, zu grüßen.

»Sie werden zufrieden sein, General,« antwortete der Gefragte.


// 2525 //

»Gott sei Dank,« meinte Miramon unter einem Seufzer der Erleichterung. »Es war mir fast, als ob ich Sorge haben müsse.«

»Warum?«

»Nun, unsere Angelegenheit war doch immerhin eine precäre. Das Vorhaben, mit einem feindlichen Offiziere auf solchen Grundlagen in Verhandlungen zu treten, ist stets ein Wagniß, welches mißlingen kann, und dann hat man die unangenehmen Folgen zu tragen.«

Lopez zog die Brauen zusammen und antwortete in einem Tone, welcher jedenfalls ein wenig spitz zu nennen war:

»Ein Wagniß? Jedenfalls. Aber wer hat dieses Wagniß unternommen?«

»Wir Beide doch.«

»Wohl ich allein, Sennor!«

»Das möchte ich denn doch bestreiten.«

»Sie haben sich in dem Hintergrunde gehalten und mich vorgeschickt. Bei einem Mißlingen des Unternehmens würde also ich es sein, welchen man anpackt.«

»Aber ich bin Ihr Auftraggeber, und in Folge dessen hätten Sie sich wohl auf mich berufen. Sie sehen, daß wir Beide uns ganz der gleichen Gefahr ausgesetzt haben.«

»Mag sein,« meinte Lopez, welcher einsah, daß er wieder einlenken müsse. »Es ist ein Glück, daß ich unser gefährliches Vorhaben als ein gelungenes bezeichnen kann.«

»Nun, wie lautet das Uebereinkommen?«

»Wir öffnen ihm heimlich Fort und Kloster la Cruz, so daß der Kaiser in seine Hände fällt, und dafür erhalten wir die Freiheit.«

»Welche Garantie haben Sie erhalten?«

»Keine weiter als sein Ehrenwort.«

Der General schüttelte nachdenklich mit dem Kopfe und meinte:

»Hm! Wird das genügen?«

»Zweifeln Sie an der Rechtlichkeit des Generals Velez?«

»Ich habe allerdings noch nie gehört, daß er sein Wort gebrochen hätte, aber in diesem Falle - - hm!«

Er schwieg. Es fiel ihm augenscheinlich schwer, in der begonnenen Rede fortzufahren. Lopez errieth ihn und fragte lächelnd:

»Warum meinen Sie, daß er gerade in diesem Falle eine Ausnahme machen werde?«

»Weil - weil - er uns - für Verräther halten wird.«

»Dieses Wort ist kein gar zu schönes, aber trotzdem ist es das richtige. Es giebt Leute, welche den eigenthümlichen Grundsatz haben, daß man einem Ver- Donnerwetter, dieses verdammte Wort - daß man einem Verräther nicht Wort zu halten brauche.«

»Sollte Velez zu diesen Leuten gehören?«

»Ich hoffe es nicht, aber trotzdem wäre es gut, wenn Sie einige Gewährleistung hätten erhalten können.«

»Worin sollte diese bestehen?«

»Das ist allerdings das Schwierige.«


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»Und wenn es möglich gewesen wäre, irgend eine Bürgschaft zu erlangen, so hätte Velez auch von unserer Seite eine solche haben müssen. Was aber hätten wir ihm bieten können?«

»Hm! Nichts als unser Wort.«

»Sie sehen also, daß er uns gegenüber wenigstens nicht in irgend einem Vortheile steht.«

»O, doch. Die Lage, in welcher wir uns befinden, muß ihm Bürgschaft genug sein, daß wir unser Versprechen erfüllen werden.«

»Welches Schicksal erwartet uns, wenn wir kriegsgefangen werden?«

»Ein rosiges allerdings nicht.« Und mit eigenthümlicher Betonung fügte er hinzu: »Ein schlimmes kann ich es aber auch nicht nennen. Man pflegt doch Kriegsgefangene nach geschlossenem Frieden wieder freizulassen.«

»Darauf kann aber ich nicht rechnen.«

»Ah!«

Lopez machte zu diesem Ausrufe ein sehr erstauntes Gesicht. Es kam ihm darauf an, den General, welchem er keineswegs gewogen war, ein wenig zu peinigen.

»Nein,« fuhr dieser fort. »Freigelassen würden wir keinesfalls, aber wissen Sie, welches Schicksal den Kaiser erwartet, wenn er in die Hände der Republikaner geräth?«

»Er wird erschossen.«

»Jedenfalls. Und wir? Werden wir ein besseres Schicksal haben?«

»Meinen Sie etwa, daß Juarez uns alle erschießen lassen wird, vom Kaiser an bis auf den letzten Soldaten herab?«

»Das zu denken, wäre ja Wahnsinn.«

»Nun also! Man erschießt einfach die Führer, das heißt, den Kaiser und einige Generalitäten - weiter Keinen!«

Miramon zog die Stirn in Falten.

»Oberst,« sagte er, »es ist nicht sehr liebenswürdig, mich auf eine so aufrichtige Weise vor diese Perspective zu stellen.«

»Was nun meine Abmachung mit Velez anbelangt, so kommt derselbe mit zweihundert Mann. Sieht er aber, daß wir unser Wort halten, so zieht er die nothwendige größere Truppe zu sich heran.«

»Das ist allerdings sehr vorsichtig von ihm. Wann und um welche Zeit gedenkt er zu kommen?«

»In der Nacht vom sechzehnten auf den siebzehnten Mai.«

»Donnerwetter! So spät?«

Lopez hatte den mit Velez vereinbarten Zeitpunkt um zwei Tage hinausgeschoben. Er antwortete abermals lügend:

»Er konnte nicht eher, weil er bis dahin abwesend ist, sagte er mir.«

»So müssen wir uns fügen. Welche Stunde wurde bestimmt?«

»Mitternacht.«

»So wollen wir wünschen, daß diese Nacht nicht eine helle, sondern eine recht trübe sei. Ist das Alles, was zwischen Ihnen und dem General verhandelt wurde?«


// 2527 //

»Ja, Alles.«

»Nun, so wollen wir jetzt mit der Hoffnung auseinander gehen, daß unsere Entreprise gelingen werde. In diesem Falle dürfen Sie darauf rechnen, daß ich in den Stand gesetzt sein werde, Ihr Verdienst anzuerkennen und zu belohnen.«

Lopez zuckte unter einem halben Lächeln die Achsel und antwortete:

»Mit Illusionen ist nicht gut rechnen, Sennor.«

»Halten Sie meine Worte für den Ausfluß eines Hirngespinnstes?«

»Das nicht. Aber -«

»Was, aber -« fragte Miramon.

»Wir wollen bedenken, daß Juarez nicht blos Ihr Gegner sondern geradezu Ihr Feind ist. Er wird Präsident sein und Sie werden unter seiner Regierung keinerlei Einfluß erlangen.«

»Ich werde sogar des Landes verwiesen werden.«

»Wie also werden Sie mir nützlich sein können?«

»Hm! Denken Sie, daß ich mich seinen Anordnungen wirklich fügen werde? Ich werde rücksichtslos gegen ihn vorgehen. Noch ist mein Einfluß nicht erloschen, er reicht sogar weit über die See hinüber, und ich werde ihn aufbieten, um Juarez zu stürzen.«

»Eine schwere Aufgabe, welche nicht einmal Napoleon und Maximilian von Oesterreich zu lösen vermochten.«

»Die Schule, durch welche ich gegangen bin, hat mich gewitzigt. Bin ich einmal frei, so wird der Zapoteke nicht lange am Ruder bleiben. Ich bin dessen so sicher, daß ich darauf schwören kann.«

Er dachte dabei an die geheime Corporation. Vielleicht hatte er die Absicht, derselben eine solche Verfassung und Ausdehnung zu geben, daß sie Juarez gefährlich werden mußte. Natürlich aber hütete er sich, Lopez von diesem Plane etwas mitzutheilen. Er fuhr nur fort:

»Doch, noch ist es nicht Zeit, von diesen Dingen zu sprechen. Ist der Augenblick gekommen, so werden auch Sie etwas Näheres erfahren, und dann mit mir zufrieden sein. Jetzt aber wollen wir scheiden. Gute Nacht, Oberst.«

»Gute Nacht, General.«

Lopez entfernte sich. Miramon legte sich schlafen. Er dachte nicht daran, daß Lopez entschlossen sei, ebenso an ihm zu handeln, wie er selbst im Begriff stand, an seinem Kaiser zu handeln. Er hatte seine Maßregeln getroffen und, um auch jetzt noch Maximilian zu täuschen, einen Boten abgesendet, welcher einen seiner Anhänger, einen Bandenführer aufsuchen sollte, von dem er wußte, daß er sich in der Gegend zwischen Salamanca und Guanajuato aufhalte.

Dieser Bote hatte einen schriftlichen Befehl mit, welcher also lautete:

»Sie brechen nach Empfang Dieses mit Ihrer Truppe auf, um während der nächstfolgenden Nacht im Rücken von Eskobedo einen Angriff unter Ausrufungen u.s.w., durch welche sich die Ihrigen als Anhänger des Kaisers bezeichnen, zu unternehmen. Dieser Angriff wird allerdings für Sie nutzlos, für mich aber von großen Folgen sein. Sie kämpfen, so lange es geht, und ziehen sich dann zurück, um sich in ihr jetziges Lager zu verbergen.
          General Miramon.«


// 2528 //

Der Bote war angewiesen, im Falle es ihm nicht gelingen werde, sich durch den Feind zu schleichen und er also ergriffen werde, diesen Zettel zusammen zu ballen und zu verschlingen, damit nichts von dem Inhalte desselben verrathen werde.

Er war mit Anbruch der Nacht aufgebrochen und glücklich durch die Linien der Belagerten gekommen. Am Tage dann glückte es ihm, den Adressaten aufzufinden, und dieser machte sich sofort daran, den Befehl auszuführen.

Curt war bei demjenigen Truppentheile thätig, welcher unter dem Befehle des Generals Velez stand. Man hatte sich über einen neuen Plan geeinigt, welcher die Eroberung der Stadt erleichtern sollte. Velez hatte denselben zwar für unnütz erklärt, weil er wußte, daß die Festung ja durch Verrath in seine Hände fallen werde. Da er dies aber nicht sagen durfte, so war trotz seines Einspruches der Plan angenommen worden, und es bedurfte zur Ausführung desselben nur noch der Genehmigung des Generals Eskobedo.

Um dieselbe zu erlangen, mußte ein Bote zu dem Feldherrn geschickt werden, welcher im Stande war, demselben alle Vortheile des Planes in's Licht zu stellen. Man wählte Curt Helmers.

Eskobedo hatte sein Hauptquartier eine Stunde von Queretaro entfernt, und es war am Nachmittage, als Curt aufbrach. Er traf den General an und erlangte die Genehmigung desselben, allerdings nach einer so langen und eingehenden Besprechung, daß während dessen der Abend herangekommen war.

Es war dunkel, und um schneller fortzukommen, wich Curt von der geraden Richtung ab. Diese hätte ihn mitten durch das Belagerungsheer geführt, wo sein Ritt durch allerlei Aufenthalt verlangsamt worden wäre. Er hatte also beschlossen, einen Bogen zu schlagen und am äußersten Rande der Truppenaufstellung hinzureiten.

Da es finster war und hier keinen gebahnten Weg gab, so war es leicht möglich, die beabsichtigte Richtung zu versehen, und so kam es wirklich, daß Curt eine Strecke abseits in das Feld hinein gerieth. Er merkte es, und hielt an, um sich zu orientiren.

Indem er überlegend mitten im Grase hielt, war es ihm, als ob er das Schnauben eines Pferdes höre, grad vor sich, da, wo ein Streifen zu bemerken war, der noch dunkler als die nächtliche Finsterniß, sich ohne große Schwierigkeit erkennen ließ. Ein zweites und darauf ein drittes und viertes Schnaufen erfolgte.

Was war das? Dort waren jedenfalls mehrere, vielleicht viele Pferde beisammen. Und wo Pferde sind, da giebt es auch Reiter. Waren es Freunde oder Feinde? Jedenfalls das Letztere. Die Truppen Eskobedo's lagen weiter nach links hinüber und hätten auch nicht nothwendig gehabt, sich im Walde zu verbergen. Daß nämlich der dunkle Streifen einen Wald bedeute, verstand sich von selbst.

»Es sind Feinde. Ich muß sehen, was sie wollen,« flüsterte Curt sich selbst zu.

Er wendete sein Pferd und ritt so weit zurück, daß es, im Falle es schnauben sollte, außer Hörweite der zu belauschenden Reiter sei, pflockte es an und schritt dann wieder leise und vorsichtig auf den Wald zu.

Es verstand sich ganz von selbst, daß sein Vorhaben nicht ohne alle Gefahr


// 2529 //

sei. Daher legte er sich, in der Nähe des Waldes angekommen, im Grase nieder und schob sich nach Art der Prairiejäger vorwärts.

Nicht lange dauerte es, so hatte er den Waldesrand erreicht, und drang zwischen den Bäumen vor. Da hörte er zu seiner Linken ein halblaut geführtes Gespräch. Er schlich sich auf diese Gegend zu, mußte aber bald anhalten, denn er war bei einem Baume angelangt, in dessen Nähe zwei Männer saßen, welche mit einander sprachen. Er konnte jedes Wort genau verstehen.

»Wie viel Uhr haben wir?« fragte der Eine.

»Das weiß der Teufel,« antwortete der Andere. »Es läßt sich heute kein einziger Stern sehen, nach welchem man die Zeit bestimmen könnte. Und auf der Uhr wird man schwer etwas erkennen.«

»So fühle an das Zifferblatt.«

»Ah, wirklich. Daran habe ich nicht gedacht.«

Es trat eine Pause ein, dann hörte Curt:

»Wenn ich mich in den Zeigern nicht irre, so ist es jetzt dreiviertel auf Zehn.«

»Also noch fünf Viertelstunden.«

»Du denkst, daß wir um Mitternacht aufbrechen?«

»Ja. Um ein Uhr soll der Angriff unternommen werden.«

»Hm! Was hältst Du von diesem Angriffe?«

»Eigentlich eine verrückte Idee.«

»Ganz meine Ansicht.«

»Wir sind Vierhundert, und der Feind zählt Fünfundzwanzigtausend.«

»Unsinn! Wir haben es ja nur mit einem kleinen Theile desselben zu thun!«

»Aber trotzdem wird es nichts sein als ein Laufen in den Tod.«

»Ich stelle mir die Sache nicht so schlimm vor. Als ich heute Posten stand, kam der Colonel mit dem Boten des Generals Miramon an mir vorüber und da gelang es mir, einige Worte ihres Gespräches wegzuschnappen.«

»Was sagten sie?«

»Der Colonel war ungehalten darüber, daß er sich opfern solle.«

»Und der Bote?«

»Dieser beruhigte ihn, indem er ihm erklärte, daß es sich ja gar nicht um ein ernstliches Gefecht handle. Es sei nur darum zu thun, die Annahme zu erwecken, daß der Kaiser im Rücken seiner Feinde noch Anhänger habe, welche gesonnen sind, für ihn zu kämpfen.«

»Dummheit. Was könnte das ihm nützen?«

»Wer weiß es? Ich bin kein General und auch kein Minister. Wir greifen an und ziehen uns zurück, sobald die Kugeln des Feindes zu pfeifen beginnen.«

»Ja, und haben dabei nichts weiter zu thun, als uns todtschießen zulassen und »Vivat Max!« zurufen. Ich habe große Lust, zurückzubleiben und schreien zu lassen, wer da will.«

»Hast Du etwa Angst?«

»Angst? Vor wem?«

»Nun, vor den Waffen der Republikaner.«


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»Was fällt Dir ein. Hast Du jemals bemerkt, daß ich mich gefürchtet habe? Aber es ist ein großer Unterschied, ob ich für eine Sache kämpfe, welche eine Zukunft hat, oder für eine solche, welche ich im Vornherein verloren geben muß!«

»Verloren? Du meinst die Sache des Kaisers?«

»Natürlich!«

»Und erklärst sie für verloren? Das laß nur ja den Colonel nicht hören. Er würde Dir eine Kugel vor den Kopf geben lassen.«

»So wäre er dumm genug. Die Wahrheit belohnt man nicht mit einer Kugel.«

»Pah! Die Wahrheit. Du denkst, weil wir jetzt so schauderhaftes Pech gehabt haben, müsse das auch so bleiben. Aber Du irrst Dich da gewaltig. Miramon ist ein tüchtiger Kerl. Ist er nicht bereits Präsident gewesen? Er wird wohl wissen, was er thut. Und der Streich, welchen wir heute auszuführen haben, hat jedenfalls auch seine Berechnung. Vielleicht sollen wir die Aufmerksamkeit Eskobedo's auf uns lenken, damit den Unseren in der Stadt ein Ausfall gelingt, welcher den Belagerern verderblich wird.«

Während dieses Gespräches, am Schlusse desselben, hatte Curt nahende Schritte vernommen, welche aber den beiden Sprechenden entgangen waren. Jetzt fragte eine tiefe, befehlshaberische Stimme:

»Was fällt Euch ein, so laut hier zu sprechen?«

»Ah! Der Colonel!« riefen die Beiden, indem sie aufsprangen.

Curt hatte die Ansicht, daß die eigentliche Truppe im Innern des Wäldchens campire, während rund am Rande desselben Doppelposten gelegt waren. Einen solchen Posten bildeten jedenfalls auch die Beiden, welche er belauscht hatte. Daß seine Meinung die richtige sei, sollte er sogleich hören.

»Leise!« befahl der Colonel. »Ich habe doch den Befehl gegeben, daß auf Posten nicht gesprochen werden soll!«

Die Zwei fühlten sich schuldig und schwiegen in Folge dessen. Der Colonel fuhr fort:

»Ist etwas vorgekommen?«

»Nein,« antwortete der Eine.

»Auch nichts Verdächtiges gehört?«

»Gar nichts.«

»So verhaltet Euch ruhiger als bisher. Anstatt zu hören, werdet Ihr gehört, wenn Ihr laut sprecht. Ich will einmal rund recognosciren gehen. Fällt während dieser Zeit etwas vor, so meldet Ihr es dem Major.«

Curt konnte ihn nicht sehen, aber er hörte es an dem Geräusche seiner Schritte, daß der Colonel grad auf den Baum zukam, hinter welchem er sich niedergelegt hatte. In Folge dessen erhob er sich schnell und geräuschlos aus seiner liegenden in eine kauernde Stellung, duckte sich so eng und tief wie möglich zusammen und schmiegte sich fest an den Stamm des Baumes.

Um nicht anzustoßen, hielt der Oberst die Hände vor. Er fühlte den Stamm und wollte zur Seite vorüber. Dabei aber blieb er an Curt's Fuß hängen und stürzte zu Boden.


// 2531 //

»Verdammt!« rief er. »Das war grad, als ob ich an dem Stiefel eines Menschen hängen geblieben wäre. Schnell herbei, Ihr Beiden!«

Curt hatte kaum so viel Zeit, zur Seite zu schnellen und dann, an einigen Bäumen vorüberschleichend, sich hinter einen anderen Stamm zu verbergen, so rasch waren die zwei Männer da.

Der Oberst hatte sich natürlich wieder erhoben.

»Habt Ihr Zündhölzer?« fragte er.

»Ja,« antwortete Einer.

Curt zog sich rasch noch weiter zurück.

»Brennt an!« gebot der Offizier. »Aber nicht eins allein, sondern gleich mehrere zusammen. Das leuchtet besser.«

Curt vernahm das Anstreichen der Hölzer und einen Augenblick darauf beleuchtete das Flämmchen die Umgebung des Ortes, auf welchem die drei Personen standen, ziemlich deutlich. Ein Glück war es, daß der Schein nicht zu ihm dringen konnte.

»Seht Ihr etwas?« fragte der Colonel.

»Nein,« antworteten die Beiden zugleich.

»Leuchtet nieder, an den Boden.«

Sie gehorchten.

»Ah!« meinte er im Tone der Beruhigung. »Hier ist eine Wurzel. Freilich war das, worüber ich stolperte, weicher, als eine Wurzel zu sein pflegt, aber sie ist mit Moos bewachsen. Sie ist es gewesen, an der ich hängen geblieben bin.«

»Jedenfalls, Sennor,« bestärkte ihn der eine der beiden Posten in dieser irrigen, für Curt aber günstigen Ansicht.

»Man kann nicht vorsichtig genug sein,« meinte er, »besonders in der Lage, in welcher wir uns befinden. Haltet darum Eure Ohren offen, Leute!«

Nach dieser Warnung schritt er weiter, dem Ausgange zu. Es war kein Zweifel, daß Curt sich in Gefahr befunden hatte, doch schätzte er dieselbe nicht sehr groß. Er wußte, daß man ihn ganz sicher nicht zu ergreifen vermocht hätte. Freilich wäre der Oberst dann zu der Ueberzeugung gekommen, daß er belauscht worden sei und seine Absicht kaum noch ausgeführt werden könne.

Jetzt war diese Gefahr vorüber. Der Colonel hatte sich jedenfalls vorgenommen, außerhalb des Wäldchens, da, wo ebener Grasboden zu sein schien, rund um das Letztere herumzugehen. Bei diesem Gedanken durchzuckte ein Entschluß den jungen Mann. Wie, wenn er diesen Obersten gefangen nahm? Es war dies wohl kein leichtes Unternehmen, aber er fühlte sich gewandt genug dazu, dasselbe in Ausführung zu bringen.

Er folgte in geduckter Stellung dem Offiziere. Dieser war wirklich aus dem Walde heraus auf die offene Grasfläche getreten und patrouillirte nun langsam parallel des Waldrandes weiter. Curt schlich, nachdem er einige Zeit hatte vergehen lassen, um außer Hörweite der beiden Posten zu kommen, hinter ihm her. Er erreichte ihn und schlang ihm von hinten die Finger der beiden Hände fest um den Hals. Der Offizier stieß ein halblautes Stöhnen aus, griff mit den Händen in die Luft, um seinen Angreifer zu fassen, was ihm aber nicht gelang.


// 2532 //

Ein noch festerer Druck von Curt's Fingern, ein röchelndes, leise endendes Stöhnen und dann sank der Oberst zur Erde.

»So, den habe ich,« murmelte Curt befriedigt.

Er zog sein Taschentuch hervor und band es um den Mund des augenblicklich Besinnungslosen. Dann schlang er sich das Lasso von den Hüften und wickelte dasselbe so fest um die Arme und Beine des Gefangenen, daß dieser sich beim Erwachen nicht zu rühren vermochte.

Nun erst hatte er ihn vollständig in seiner Gewalt. Er warf sich den Mann über die Schulter und eilte zu seinem Pferde zurück, welches zu finden ihm trotz der Dunkelheit glücklicher Weise gelang. Er hob ihn empor, stieg auf, nahm ihn quer vor sich über und ritt davon, erst langsam und vorsichtig, dann aber so schnell, als es ihm die Dunkelheit und das Terrain gestattete.

Anstatt bei der vorher eingehaltenen Richtung zu verharren, die ihn längs der Vorpostenkette der Republikaner hingeführt hatte, hielt er jetzt in gerader Richtung auf dieselbe zu, bis er angerufen wurde und also halten mußte. Nachdem er sich durch Parole, Losung und Feldgeschrei legitimirt hatte, fragte er den befehlenden Offizier, welcher in der Nähe war:

»Wer ist Ihr Commandeur?«

»General Hernano,« antwortete der Gefragte.

»Bringen Sie mich schnell zu ihm.«

»Ist die Angelegenheit eilig?«

»Ja. Sie sollen um ein Uhr angegriffen werden.«

»Donner! Wen haben Sie denn da auf dem Pferde?«

»Einen Gefangenen. Aber ich habe keine Zeit zu Auseinandersetzungen. Bitte, lassen Sie uns eilen!«

Nachdem der Offizier den Seinen die größte Wachsamkeit eingeschärft hatte, ging er, Curt führend, nach seinem Posten zurück, wo sein Pferd stand. Nachdem er dasselbe bestiegen hatte, sprengten sie dem Quartiere des Generals zu.

Dasselbe befand sich in einer Art von Dörfchen, welches vielleicht eine halbe Stunde entfernt von Queretaro lag. Der Commandirende saß mit seinen Stabsoffizieren bei einem frugalen Nachtessen, als ihm Curt gemeldet wurde.

»Ein deutscher Name,« sagte er. »Wird nicht viel bringen. Der Mann mag eintreten.«

Curt hatte kurzen Proceß gemacht und seinen Gefangenen auf die Schulter geladen. Er trat mit demselben ein. Bei diesem außergewöhnlichen Anblicke sprangen die Offiziere auf.

»Valgame Dios! Was bringen Sie da?« fragte der erstaunte General.

»Einen Gefangenen, Sennor,« antwortete Curt, indem er den Colonel zur Erde legte und dann sein Honneur machte.

»Das scheint so. Wer ist der Mann?«

»Ein kaiserlicher Oberst.«

»Hm. Der Kerl sieht nicht darnach aus. Jedenfalls haben Sie da eine Maus gefangen, anstatt einen Elephanten.«

Bei diesen Worten umspielte ein ironisches Lächeln seine Lippen und seine Offiziere hielten es natürlich für ihre Pflicht, dasselbe Lächeln sehen zu lassen.


// 2533 //

»Ueberzeugen Sie sich,« meinte Curt in sehr ruhigem Tone.

»Er trägt ja nicht die kaiserliche Uniform!«

»Er ist dennoch ein Kaiserlicher. Ich trage auch nicht die Uniform Eskobedo's oder des Präsidenten, sondern grad wie dieser Gefangene die mexikanische Kleidung.«

»Und dennoch sind Sie Republikaner? Das wollen Sie doch sagen.«

»Nein.«

»Was sonst? Sie wurden mir als Premierlieutenant angemeldet.«

»Das bin ich allerdings. Ich diene in der Armee des Königs von Preußen, bin in Familienangelegenheiten nach Mexiko gekommen und habe mich gegenwärtig aus gewissen Gründen der Sache des Präsidenten angeschlossen.«

»Ah! Warum nicht der Sache des Kaisers?« fragte der General.

Es war ihm leicht anzusehen, daß er einiges Mißtrauen hegte.

»Es war nur so opportun,« antwortete Curt kurz und scharf.

»Sie haben sich bei den Vorposten legitimirt?«

»Ja. Hätte der Führer der Posten mich Ihnen sonst angemeldet?«

Der General erkannte, daß er im Begriffe gestanden hatte, zu weit zu gehen, und fragte:

»Woher kommen Sie?«

»Von Eskobedo.«

»Ah! Sie waren beim Oberstcommandirenden? In welcher Angelegenheit - wenn ich fragen darf?«

Der letzte Zusatz war doch wieder in einem ziemlich ironischen Tone gesprochen.

»Fragen dürfen Sie allerdings, Sennor,« antwortete Curt lächelnd, »aber antworten darf ich nicht.«

»Ah! Es handelt sich um eine discrete Angelegenheit?«

»Ja, um einen Plan, über welchen Sie das Nähere von einem Anderen als von mir zu erfahren haben.«

»Sie scheinen in Preußen an eine sehr strenge Disciplin gewöhnt zu sein.«

»Das ist allerdings wahr.«

»Auch an diese Verschlossenheit, Vorgesetzten gegenüber?«

»Auch an sie, wenn es nöthig ist. Nur fragt es sich, wen Sie einen Vorgesetzten nennen.«

»Sie meinen doch, daß ich der Ihrige bin.«

»Vielleicht nicht. Ich habe mich dem Präsidenten zur Verfügung gestellt, ohne einen militärischen Rang zu beanspruchen.«

»Sie meinen doch nicht etwa, daß Ihnen im anderen Falle der meinige angeboten worden wäre? Ich bin General.«

»Ich bin ebenso Offizier wie Sie, das ist Alles, was ich Ihnen antworten kann. Welcher Rang mir geworden wäre, kommt hier nicht in Betracht. Uebrigens denke ich, dem Präsidenten nicht weniger dienlich zu sein als jeder Andere.«'

General Hernano war als ein stolzer, hochfahrender, aber keineswegs als der befähigteste General bekannt. Seine Arroganz machte sich auch hier, Curt gegen-


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über geltend. Dieser aber war freilich nicht Derjenige, der so etwas in Devotion hinnahm. Er wußte, daß ein mexikanischer General in Beziehung auf militärische Kenntnisse nicht stets einem deutschen Lieutenant gleichstehe und beeilte sich daher, dem Tone des Generals in einem gleichen zu begegnen.

Er sah, daß dies von der Umgebung Hernano's beifällig bemerkt wurde und das befriedigte ihn. Der General dagegen ließ ein sehr finsteres Gesicht sehen.

»Ah!« sagte er. »In welcher Weise dienen Sie dem Präsidenten?«

»Als Ingenieur. Ich bin den Genietruppen zugetheilt.«

»Hm. Ich halte es mit der Reiterei. Der Ingenieur ist ein Bohrwurm, welcher das Tageslicht scheut. Sie wurden mir als Oberlieutenant Helbert angemeldet. Ich hörte den Namen zum allerersten Male.«

Curt verstand gar wohl, was das heißen solle, aber er antwortete dennoch in ruhiger Höflichkeit:

»So hat sich der betreffende Offizier verhört oder er besitzt nicht die Fertigkeit, einen deutschen Namen auszusprechen. Ich heiße nicht Helbert, sondern Helmers.«

Da blickte der General rasch empor.

»Helmers?« fragte er.

»Ja, Sennor.«

»Sie stehen bei der Truppe des Generals Velez?«

»Allerdings.«

»Ah! Das ist etwas Anderes. Entschuldigung! Wäre mir Ihr Name richtig genannt worden, so wäre Ihr Empfang ein anderer geworden. Sennores, ich stelle Ihnen hiermit die eigentliche Seele unserer Belagerungsarbeiten vor.«

So gerecht war Hernano also doch. Die Offiziere traten jetzt zu Curt und reichten ihm in freundlichster, kameradschaftlichster Weise ihre Hände. Dann fuhr der Oberst fort:

»Nun lassen Sie uns zur Ursache Ihrer Anwesenheit zurückkehren. Sie bezeichnen diesen Gefangenen wirklich als einen kaiserlichen Obersten?«

»Ja, obgleich ich der Ansicht bin, daß es sich nur um einen Guerilla- oder Bandenführer handelt. Er wurde von den Seinen in meiner Gegenwart Colonel, also Oberst genannt.«

»Wie viel Mann Begleitung haben Sie bei sich?«

»Niemand.«

»Wie aber sind Sie in den Besitz dieses Mannes gekommen?«

»Sehr einfach, ich habe ihn gefangen.«

»Sie allein?« fragte der General erstaunt.

»Nicht anders. Darf ich den Fall berichten?«

»Thun Sie es. Ich bin sehr gespannt.«

Curt erzählte und die Anwesenden hörten aufmerksam zu. Am Schlusse rief der General:

»Alle Wetter! Man will uns also überfallen?«

»Ja.«

»Und wir versäumen die Zeit mit unnützen Reden!«

»Nicht meine Schuld,« meinte Curt, indem er mit der Achsel zuckte.


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»Warum machten Sie mich nicht sogleich aufmerksam?«

»Sie sind General und ich nur Lieutenant,« antwortete Curt, nun seinerseits mit einem ironischen Lächeln. »Ich hatte also nichts Anderes zu thun, als Ihre Fragen zu beantworten.«

»Donner! Höflich scheinen diese Herren Preußen nicht zu sein. Ich werde sogleich eine Abtheilung gegen den Wald vorrücken lassen. Wollen Sie die Güte haben, derselben als Führer zu dienen?«

»Ich stelle mich gern zur Verfügung, bitte aber, sich vorher mit diesem Colonel einen Augenblick zu beschäftigen.«

»Warum? Die Zeit drängt.«

»Nicht so sehr, daß wir nicht vorher einige Fragen an ihn richten und seine Taschen untersuchen könnten.«

»Das ist wahr. Sie sagen, daß der Angriff um ein Uhr stattfinden solle?«

»Ja.«

»Und daß sie sich dazu um Mitternacht vorbereiten werden?«

»So ist es.«

»Es ist jetzt ziemlich elf Uhr und so bleibt uns also noch Zeit. Binden wir ihn los.«

Der Gefangene war unterdeß wieder zu sich gekommen, das sah man an seinen dunklen Augen, welche er geöffnet hatte und mit dem Ausdrucke der Wuth von Einem zum Anderen gleiten ließ. Man nahm ihm das Taschentuch und das Lasso ab und hieß ihm, aufzustehen. Er that es, indem er die schmerzenden Glieder streckte.

»Wie heißen Sie?« fragte ihn der General.

Er antwortete nicht und schwieg selbst dann, als die Frage wiederholt wurde. Da meinte Hernano:

»Wenn Sie nicht antworten, so betrachte ich Sie nicht als Offizier, sondern als einen gemeinen Verräther und lasse Sie auf der Stelle erschießen. Also, wie heißen Sie?«

Jetzt nannte der Mann seinen Namen.

»Haben Sie gehört, was dieser Sennor uns erzählt hat?«

»Ja.«

»Sie geben zu, daß es die Wahrheit ist?«

»Sie als General werden einsehen, daß ich diese Frage nicht beantworten darf.«

»Sie meinen, daß Ihre Pflicht Ihnen hier Schweigen auferlegt? Gut, ich will das zugeben. Aber fragen muß ich Sie doch, ob es sich hier wirklich um einen Angriff auf uns handelt.«

»Auch hier antworte ich nicht.«

»Von wem haben Sie den Befehl erhalten, heut -«

»Halt!« rief in diesem Augenblicke Curt, den General unterbrechend.

Der Gefangene war nämlich leise und, wie er meinte, unbeobachtet mit der Hand in die Tasche gefahren und stand im Begriff, diese Hand zum Munde zu führen. Curt aber hatte ihn scharf im Auge behalten und den bereits erhobenen Arm hart am Handgelenk ergriffen. Der Gefangene machte eine verzweifelte Kraftan-


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strengung, ihm den Arm zu entreißen, was ihm aber nicht gelang. Da bückte er sich schnell mit dem Kopfe herab. Ehe einer der Anwesenden herzutreten konnte, wäre es dem Colonel fast gelungen, das, was er in der Hand hielt, in den Mund zu bekommen, aber Curt, welcher seinen Arm mit der Linken gepackt hielt, stieß ihm die geballte rechte Faust in der Weise unter das Kinn, daß der Kopf emporflog. Ein zweiter Faustschlag gegen die Schläfe des Widerstrebenden warf denselben zu Boden, wobei Curt noch immer die Hand des jetzt Besinnungslosen fest hielt.

»Donnerwetter,« rief der General. »Was für einen famosen Hieb haben Sie!«

»Beweis, daß ich einen tüchtigen Lehrmeister hatte,« lächelte Curt.

»Sie haben den Mann erschlagen. Er ist todt.«

»Wohl nicht. Um ihn zu tödten, hätte ich ihn ein wenig mehr nach hinten treffen müssen.«

»Sie scheinen den Schädelbau Ihrer Gegner genau zu studiren, ehe Sie zuschlagen.«

»Das ist allerdings nothwendig.«

»Warum unterbrachen Sie mich?«

»Der Mann zog etwas aus der Tasche, was er zum Munde führen und jedenfalls verschlingen wollte.«

»Ah! Was ist es?«

»Wir werden sehen.«

Curt brach die Hand des Bewußtlosen auf und fand ein fest zusammengeknilltes Papier, welches er glättete und dann dem General überreichte. Dieser las es durch.

»Ein Befehl des Generals Miramon!« rief er aus.

Die Anwesenden gaben ihr Erstaunen theils still durch ihre Mienen und theils laut durch verschiedene Ausrufe zu erkennen.

»Daß dieses Billet in die Hände dieses Mannes kommen konnte,« meinte der General, »ist ein Beweis, daß entweder die Stadt noch nicht vollständig eingeschlossen ist oder daß unsere Posten nicht gehörig wachsam sind.«

Er las hierauf den Befehl des Generals Miramon laut vor und sagte dann:

»Er hat also doch eingesehen, daß dieser Angriff keinen directen Nutzen haben werde. Unsere Vorposten hätten Allarm gemacht. Aber er redet da von einem indirecten Vortheil. Was mag er meinen?«

Einer der anwesenden Offiziere antwortete:

»Das ist, meiner Ansicht nach, sehr leicht einzusehen.«

»Wieso?«

»Miramon beabsichtigt heut nach Mitternacht einen Ausfall und will unsere Aufmerksamkeit von demselben ablenken.«

»Hm. Das ist allerdings wahrscheinlich.«

»Ich bin anderer Meinung,« bemerkte Curt.

»Warum?« fragte der General.

»Miramon's Ausfälle sind alle siegreich zurückgeschlagen worden. Der letzte wurde am fünften Mai unternommen, wobei ich durch eine einzige Mine das


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ganze Vorhaben vereitelte. Miramon muß, wenn er nur ein mittelmäßiger Soldat ist, wissen, daß seine ganzen Befestigungen von unseren Minen umgeben sind. Er mag einen Ausfall versuchen, wo er will, so sprenge ich ihn in die Luft. Nein, seine Absicht ist eine andere!«

»Aber mir ein Räthsel. Wollen Sie sich erklären?«

»Er will den Kaiser verderben. Max soll denken, daß hinter unserem Rücken seine Anhänger in hinreichender Stärke stehen, um uns anzugreifen und von der Stadt abzuziehen.«

»Eine Spiegelfechterei also?«

»Die aber doch ihre Absicht erreichen kann. Halten Sie es für unmöglich, daß der Kaiser noch heimlich entkommen kann?«

»Ja.«

»Es ist dem Boten Miramon's gelungen, unbemerkt sich durchzuschleichen. Was diesem nicht unmöglich war, kann auch dem Kaiser recht wohl möglich werden.«

»Hm. Man wird wirklich wachsamer sein müssen.«

»Um nun Max von jedem solchen Gedanken abzubringen, spiegelt Miramon ihm die erwähnte Lüge vor.«

»Was aber kann es ihm nützen, wenn der Kaiser nicht entkommt, sondern gefangen wird?«

»Vielleicht giebt er sich mit der Hoffnung ab, daß man sich begnügen werde, das Haupt unschädlich zu machen.«

»Ah! Er gedenkt, dadurch sein Leben zu retten?«

»Ich habe Grund, dies zu glauben. Ich weiß ganz genau, daß von einer gewissen Seite Anstrengungen gemacht werden, den Kaiser zu täuschen.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe keine Anweisung, darüber zu sprechen. Ich darf Ihnen nur sagen, daß ich den Präsidenten darüber unterrichtet habe und daß dieser seine Maßregeln darnach zu ergreifen weiß. Auch mit General Eskobedo habe ich über diesen Punkt gesprochen.«

»Donner! Sie scheinen ja mit diesen Herren auf einem sehr vertrauten Fuß zu stehen.«

»Vielleicht. Jedenfalls aber ist es nothwendig, dem Oberstcommandirenden sofort diesen Befehl Miramon's zu schicken und ihn von dem beabsichtigten Ueberfall, sowie den dagegen ergriffenen Mitteln zu benachrichtigen.«

»Das soll geschehen. Wie stark sind diese Guerillas? Wie sagten Sie?«

»Vierhundert, wie ich erlauschte.«

»Reiter oder Fußtruppen?«

»Ich hörte die Pferde schnaufen und glaube, auch bemerkt zu haben, daß die beiden Posten großräderige Sporen trugen. Ich vernahm das Klirren derselben. Diese Banden sind ja meist beritten.«

»Meinen Sie, daß wir den Angriff erwarten?«

»Nein. Weil dann immer mehr oder weniger der Unsrigen fallen werden.«

»Also greifen wir sie an?«

»Auch nicht. Sie sind vom Walde gedeckt und wir geben uns ihren Kugeln


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preis, obgleich bei der Dunkelheit ein gutes Zielen nicht möglich ist. Wir zingeln sie ein.«

»Sie werden durchzubrechen versuchen.«

»Es wird ihnen nicht gelingen, denn Sie werden die Güte haben, eine hinreichende Anzahl zu detachiren.«

»Gewiß. Aber selbst der Versuch des Durchbruches wird uns Todte und Verwundete kosten, und das ist es ja grad, was Sie vermeiden zu wollen scheinen.«

»Wir werden es auch vermeiden, indem wir sie verhindern, den Durchbruch auch nur zu versuchen.«

»In welcher Weise scheint Ihnen das möglich?«

»Wir umschließen den Wald und benachrichtigen sie einfach hiervon durch einen Parlamentär.«

»Teufel! Das ist gefährlich!«

»Wieso?«

»Diese Kerls achten keinen Parlamentär. Sie stechen ihn nieder.«

»Ich befürchte dies nicht, sobald man einen Mann sendet, welcher mit ihnen zu sprechen versteht.«

»Sie vergessen, daß Sie es hier mit keiner regelrechten Truppe, sondern mit einer Bande zu thun haben. Keiner meiner Offiziere wird es wagen, sich als Parlamentär zu melden.«

»Sie haben zu befehlen.«

»Ich weiß, daß ich den Betreffenden in den Tod schicken werde.«

»Gut, so bin ich es, der sich meldet.«

Der General machte ein sehr erstauntes Gesicht.

»Sie? Sie wollen mit diesen Guerillas unterhandeln?« fragte er.

»Ja, ich,« antwortete Curt zuversichtlich.

»So sage ich Ihnen im Voraus, daß Sie ein todter Mann sind.«

Curt zuckte die Achsel und antwortete gleichmüthig:

»Ich fühle nicht die mindeste Lust, mich von diesen Leuten erschießen oder gar aufhängen zu lassen. Ich bin vielmehr überzeugt, daß es mir gelingen werde, sie zur Raison zu bringen. Allerdings sehe ich mich gezwungen, eine Bedingung zu stellen und zwar geben Sie mir den geschriebenen Befehl Miramon's mit.«

»Ich denke, daß ich denselben an Eskobedo schicken soll?«

»Der Obergeneral wird ihn noch früh genug erhalten. Aber ich sehe ein, daß auch eine Abschrift genügen werde.«

»Sie soll sofort ausgefertigt werden.«

Er gab einem seiner Offiziere den Zettel des feindlichen Generals hin, welcher im Augenblicke copirt wurde, während Hernano fortfuhr:

»Was meinen Sie, Sennor Helmers, werden zwei Bataillone genügen?«

»Sicher,« antwortete Curt, »wählen wir gute Schützen und vertheilen wir Fackeln und Raketen, denn jedenfalls werden wir in die Lage kommen, das Terrain zu erleuchten.«

Der General gab die nöthigen Befehle, und dann wurde der gefangene Colonel untersucht. Es fand sich nicht Bedeutungsvolles bei ihm; er wurde nach dem Depot transportirt.


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Kurze Zeit später befand Curt sich mit zwei Bataillonen auf dem Marsche, welcher ohne alles Geräusch ausgeführt wurde. Es war noch nicht zwölf Uhr, als sie in der Nähe des Wäldchens ankamen, welches in Zeit von kaum zehn Minuten vollständig umzingelt wurde.

Es war bestimmt worden, daß, wenn Curt eine Rakete steigen lasse, auch von Seiten der Republikaner rundum mehrere abgebrannt werden sollten, um den Leuten zu beweisen, daß sie wirklich umzingelt seien.

Nun machte sich Curt an das Werk. Er trat den von General Hernano so schwierig gehaltenen Gang an.

Er schritt grad auf das Wäldchen zu und gab sich natürlich keine Mühe, seine Schritte zu dämpfen.

»Halt. Werda?« tönte es ihm entgegen, als er den ersten Baum beinahe erreicht hatte.

»Parlamentär,« antwortete er.

»Steh, oder ich schieße!« wurde ihm die Warnung zugerufen. Er blieb stehen. Es trat eine Pause ein, während welcher er nichts vernahm als ein Rascheln von Zweigen und ein leises Knicken von an dem Boden liegenden Aestchen. Aber es dünkte ihm, trotz der Dunkelheit, einige Gewehrläufe auf den Ort gerichtet zu sehen, an welchem er sich befand. Erst nach einer längeren Weile wurde er wieder angerufen, und zwar dieses Mal von einer anderen Stimme:

»Wer ist da draußen?«

»Parlamentär von General Hernano.«

»Alle Teufel,« hörte er fluchen. »Wie kommt dieser dazu, uns einen Parlamentär zu senden?«

»Das werde ich Ihnen sagen, sobald Sie mir erlaubt haben werden, näher zu treten.«

»Wie viele Personen sind Sie?«

»Ich bin allein.«

»Warten Sie.«

Obgleich er sein Gesicht und Gehör anstrengte, hoben sich nach kaum einer Minute fünf bis sechs Gestalten grad vor ihm vom Boden empor, ohne daß er ihr Kommen bemerkt hätte. Der Eine fragte:

»Wer sind Sie?«

»Das werde ich dem Stellvertreter des Colonels sagen.«

»Ich bin Lieutenant!«

»So bitte ich, mich zu ihm zu führen, Sennor Lieutenant.«

»Kommen Sie!«

Er wurde von mehreren Händen gepackt und fortgezogen, was er sich auch gefallen ließ. Sie waren noch gar nicht weit in das Wäldchen eingedrungen, so stießen sie auf eine Gruppe von Männern, vor welcher sie halten blieben.

»Hier, Major, ist der Mann!« meldete der Lieutenant.

Eine schnarrende Stimme antwortete:

»Haltet ihn fest! Hat er Waffen bei sich?«


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»Ah, das ist uns gar nicht eingefallen, danach haben wir ihn noch nicht gefragt.«

»Dumme Kerls. Durchsucht ihn!«

»Ich führe als Parlamentär keine Waffen,« meinte Curt.

»Maul halten!« gebot der Major. »Durchsucht ihn.«

Dies geschah sehr sorgfältig, und da sie nichts als die Rakete fanden, so meldete der Lieutenant:

»Er ist wirklich unbewaffnet, aber da hatte er ein Ding in der Hand.«

»Was ist es?« fragte der Major.

»Ich weiß es nicht.«

»Es ist eine Rakete,« antwortete Curt.

»Donnerwetter! Eine Rakete? Wozu?«

»Ich werde Ihnen das erklären, nachdem Sie mich gehört haben.«

»O nein, mein Gutester! Wir werden die Rakete an uns nehmen, bevor wir Sie gehört haben. So ein Ding ist gefährlich. Bindet ihn.«

Man nahm ihm die Rakete und schickte sich an, ihn zu fesseln.

»Ich werde mich binden lassen,« erklärte Curt, »obgleich es nicht völkerrechtlich ist, einen Parlamentär in Banden zu legen.«

»Es ist auch nicht gebräuchlich, daß Parlamentärs Raketen bei sich führen,« schnarrte der Major.

»Das gebe ich zu. Ich habe das Feuerwerk in der besten Absicht mitgebracht, wie Sie später einsehen werden. Schon der Umstand, daß ich mitten in dunkler Nacht mich Ihnen im finsteren Walde überliefere, muß Sie überzeugen, daß ich eine ehrliche Absicht hege.«

»Das werden wir sehen. Seid Ihr fertig?«

»Ja,« antwortete Einer von Denen, welche Curt gefesselt hatten.

»So können wir beginnen. Also wer sendet Sie?«

»General Hernano, wie ich dem Sennor Lieutenant bereits sagte.«

»Hernano?« fragte der Major im Tone des Erstaunens. »Wie kommt dieser Mann dazu, Sie hierher zu schicken?«

»Sehr einfach, weil er wußte, daß Sie sich hier befinden.«

»Unmöglich! Wie hat er es erfahren?«

»Es ist heute von General Miramon ein Bote zu Ihnen gekommen, der Ihnen einen Befehl Miramons überbracht hat.«

»Donnerwetter! Woher haben Sie das erfahren?«

»Unsere Quelle darf ich nicht verrathen. Wir kennen diesen Befehl genau, ja, ich kann Ihnen eine Abschrift desselben zeigen, und zwar eine ganz genaue.«

»Dann wäre ja der grasseste Verrath im Spiele.«

»Darüber kann ich mich nicht äußern.«

»Sie haben die Abschrift bei sich?«

»Ja. Sie steckt in meiner rechten Hosentasche. Man hat bei meiner Durchsuchung den kleinen Zettel nicht beachtet.«

Curt fühlte, daß man ihm den Zettel aus der Tasche nahm. Er wurde dem Major übergeben.

»Das Licht her!« gebot dieser.


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Einen Augenblick später brannte eine kleine Blendlaterne, bei deren Scheine der Major die Zeilen las.

»Das ist Verrath. Das ist der größte, der unverzeihlichste Verrath,« rief er dann.

Ein Mann, welcher neben ihm stand, fragte:

»Stimmt es denn, Major?«

»Ganz genau. Was sagt Ihr dazu, Pater?«

»Daß es mir völlig unbegreiflich ist, denn ich weiß, daß Miramon allein von diesem Befehle weiß.«

»Ihr waret bei ihm, als er ihn schrieb?«

»Ja, und kein Mensch weiter, dann brach ich sofort auf.«

»Sollte Miramon dann davon gesprochen haben? Oder sollte er selbst - - Ah, das ist ja nicht zu denken.« Und sich wieder an Curt wendend, fragte er:

»Wissen Sie, wie dieser Befehl in die Hände der Ihrigen gefallen ist?«

»Ja, es ist mir aber natürlich verboten, darüber zu sprechen.«

Es war eine eigenthümliche Scene. Das Lämpchen der kleinen Laterne beleuchtete das Gesicht des ergrimmten Majors. Die anderen Gestalten, auch diejenige des gefesselten Curt, und die Bäume mit ihren im völligen Dunkel verschwindenden Wipfeln lagen in schwarzgrauer Dreiviertelsnacht.

»Sie sind umzingelt,« unterbrach Curt das Schweigen, »Entkommen ist unmöglich, also ergeben Sie sich und vermeiden so unnöthiges Blutvergießen.«

»Tod und Teufel!«

Der Major warf den Zettel, welchen ihm der Pater wiedergegeben hatte, zu Boden und stampfte mit den Füßen darauf. Auch die anderen Offiziere, welche bei ihm standen und Diejenigen der sich herandrängenden Mannschaft, welche Curts letzte Worte vernommen hatten, wurden von demselben Zorne ergriffen. Ein tiefes, grollendes Murmeln durchlief das Lager.

»Ruhe!« zischte der Major. »Man muß hier vorsichtig sein.« Und sich an Curt wendend, fragte er, während alle Anderen in größter Spannung lauschten: »Wer umzingelt uns?«

»Eine Abtheilung des Generals Hernano.«

»Wie stark ist sie?«

»Sennor,« antwortete Curt, »ich bin Offizier aber kein Wahnsinniger.«

»Ah. Sie haben recht! Verzeihen Sie!«

»Ich habe Ihnen zu sagen, daß Hernano, sobald er sich orientirt hatte, eine Abtheilung aussandte, welche stark genug ist, die fünffache Zahl der Ihrigen zu bewältigen. Wir sind von Allem genau unterrichtet, Sie haben nicht mehr und nicht weniger als 400 Mann.«

»Teufel! Abermals Verrath!«

»Sie werden zugeben, daß, wenn man Ihre Zahl kennt, man auch geschickt ist, gegen Sie eine Truppe zu detachiren, gegen welche Sie nichts machen können. Wir halten den Wald so umzingelt, daß kein einziger Mann entkommen kann. Ich ersuche Sie in Ihrem eigenen Interesse, nicht in den Fehler zu verfallen, welchen Ihr Colonel begangen hat.«

»Der Colonel? Ah! Der ist noch nicht wieder da.«


// 2542 //

»Das glaube ich gern, denn er fiel in unsere Hände.«

»Maria und Josef! Er ist Ihr Gefangener? Ah! Jetzt nun weiß ich auch, wie Sie unsere Stärke erfahren haben, denn nur der Colonel konnte Sie unterrichten. Nicht?«

»Ich bin auch hier nicht beauftragt, Auskunft zu ertheilen.«

»Aber es ist jedenfalls so. Wir sind von mehreren Seiten verrathen. Wissen Sie, Sennor, daß dies sehr sehr schlimm für Sie ist, denn Sie werden diesen Ort nicht lebend verlassen?«

»Hm! So bin ich todt!«

»Das nehmen Sie so ruhig hin?«

»Was soll ich sonst thun? Ich befinde mich ja in Ihrer Gewalt!«

»Sie scheinen den Tod nicht zu fürchten.«

»Nein, besonders dann nicht, wenn er unverschuldet ist und gerächt wird. Meine Leute haben den strengen Befehl, Sie alle bis auf den letzten Mann niederzumachen, falls ich binnen einer Stunde nicht wieder bei ihnen bin.«

»Das wird ihnen schwer werden. Wir vertheidigen uns!«

»Das ändert Ihr Schicksal nicht. Wir sind stark genug. Uebrigens kam ich in der Ueberzeugung zu Ihnen, mit dem Anführer einer achtbaren regulären Truppe, nicht aber mit einem Bandenhäuptling zu verhandeln.«

»Sehen Sie da einen Unterschied, dann bitte ich um eine Erklärung.«

»Diese ist sehr einfach. Wie Sie mich behandeln, so werden auch Sie behandelt. Tödten Sie mich, so schießt man Sie als Mörder zusammen. Beachten Sie aber gegen mich das Völkerrecht, so ist Ihr Schicksal höchstens, Kriegsgefangene zu sein, welche man nach Abschluß des Friedens frei giebt.«

»Sie fordern uns also auf, uns zu ergeben?«

»Ja. Jeder Widerstand würde unnütz sein, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich die Wahrheit sage.«

»Im Falle wir uns ergeben, sind wir nur kriegsgefangen?«

»Ja.«

»Man läßt uns also unser Eigenthum?«

»Das versteht sich. Sie werden allerdings entwaffnet, aber Juarez ist kein Tiger, welcher Kriegsgefangene für Mörder erklärt und tödten läßt.«

»Wie aber wollen Sie uns beweisen, daß Alles, was Sie gesagt haben, die Wahrheit ist, also daß wir von einer Macht umzingelt sind, gegen welche ein Widerstand nutzlos sein würde?«

»Dazu sollte eben die Rakete dienen.«

»Wieso?«

»Sobald ich sie steigen lasse, werden meine Leute den ganzen Kreis erleuchten, den sie um den Wald bilden. Das wird genügen, um Ihnen sehen zu lassen, daß ich wahr gesprochen habe.«

War es der Grimm darüber, daß er verrathen worden war, oder war der Major so einsichtsvoll, oder vielleicht auch so feig, kurz, er schien für einen Widerstand nicht sehr eingenommen zu sein. Er besann sich ein Weilchen und sagte dann:

»Gut, ich werde mich überzeugen. Sennor Gardenas, Ihr versteht es, mit Raketen umzugehen?«


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»Ja,« antwortete einer der anwesenden Offiziere.

»Die Sennores mögen sich rundum am Waldesrand vertheilen, damit der Ueberblick ein vollständiger werde. Dann läßt Gardenas die Rakete steigen, und Ihr kehrt hierher zurück, um mir Meldung zu machen. Vorwärts. Ihr, Pater, bleibt bei mir.«

Es trat nun eine Stille ein, welche vielleicht fünf Minuten währte, dann gab der Major dem betreffenden Gardenas ein Zeichen. Die Rakete zischte hoch empor, und zugleich war eine dunkle Linie zu bemerken, welche in nicht gar zu großer Entfernung den nächtlichen Horizont abschloß.

»Sind das Ihre Leute?« fragte der Major, auf diese Linie zeigend.

»Ja,« antwortete Curt.

»Man konnte nur höchst undeutlich sehen.«

»Warten Sie. Da, da.«

In diesem Augenblicke hörte man draußen auf der Ebene einen lauten Befehl erschallen, welcher rund im Kreise weiter gegeben wurde, und einen Augenblick später stiegen Flammen, Funken und Kugeln empor, welche die ganze Umgebung des Wäldchens fast tageshell erleuchteten.

»Alle Teufel! Es ist wahr!« rief der Major.

Er hatte einen Kreistheil von Truppen gesehen, welche mit angelegtem Gewehre postirt waren, ganz wie zum Schusse bereit.

»Nun, sind Sie überzeugt?« fragte Curt, als es wieder dunkel geworden war.

»Warten Sie noch.«

Es dauerte nicht lange, so kehrten die anderen Offiziere zurück. Sie hatten ganz dasselbe gesehen, und auf Alle hatte die von den grellen, farbigen Lichtern bestrahlte Truppenabtheilung einen höchst imponirenden Eindruck gemacht.

»Nun, was meint Ihr, Sennores?« fragte der Major.

»Widerstand ist unnütz,« wagte Einer zu sagen.

»Ich bin nicht unsinnig genug, dies zu bestreiten,« meinte der Major. »Auch ich hege nicht den Wahnsinn, mich, Euch und alle unsere Leute ohne Nutzen niederschießen zu lassen, zumal wir verrathen worden sind, mag es nun sein, von wem es wolle. Nehmt diesem Parlamentär die Fesseln ab. Er hat die Wahrheit gesagt.«

Als dies geschehen war und Curt nun wieder Herr seiner Glieder war, fragte er:

»Nun, Sennor, was beschließt Ihr, zu thun?«

»Das ist bald gesagt. Also Sie versichern uns, daß wir nur als Kriegsgefangene behandelt werden, wenn wir uns ergeben?«

»Ja.«

»Dann sind Sie von jetzt an frei.«

»Das habe ich nicht anders erwartet. Ich gehe also jetzt, um den Commandirenden zu benachrichtigen. Halten Sie sich bereit, in zehn Minuten eine Rakete von dem Punkte aufsteigen zu sehen, an welchem Sie uns treffen werden.«

Er wollte gehen, da aber faßte ihn Der am Arme, welcher Pater genannt worden war.

»Halt, Sennor,« sagte dieser. »Zuvor noch einige Worte.«


// 2544 //

»Sprechen Sie!« meinte Curt.

»Werde auch ich in den Vertrag eingeschlossen sein?«

»Sie gehören nicht zu dieser Truppe?«

»Nein.«

»Ah! Ich hörte, daß Sie der Bote sind, welcher den Befehl des Generales Miramon überbracht hat?«

»Der bin ich allerdings.«

»Hm! Das ist nun freilich eine heikle Angelegenheit! Wissen Sie vielleicht, mit welchem Worte man einen Menschen bezeichnet, welcher geheime Befehle und Botschaften aus einer Festung schmuggelt?«

»Ich hoffe doch nicht, daß Sie mich als - als - - als Spion bezeichnen werden!«

»Grad das meine ich leider.«

»Ich bin nicht Spion.«

»Ah, hören Sie! Sind Sie Adjutant Miramons?«

»Nein.«

»Sind Sie Offizier? - Wenn nicht ein solcher, so frage ich Sie: Sind Sie überhaupt Militär?«

»Nein.«

»Und dennoch colportiren Sie militärische Befehle!«

Es erfolgte keine Antwort.

»Sie antworten nicht, Sie richten sich also selbst.«

»Sennor, ich kannte die Tragweite meiner Botschaft nicht.«

»Sie sagten vorhin selbst, daß Sie den Befehl unterwegs gelesen haben. Wer lesen kann, hat auch gelernt zu denken, zu begreifen und zu verstehen. Ihre Ausrede ist hinfällig!«

Da ergriff der Major das Wort, indem er bemerkte:

»Sennor, ich mache Ihnen bemerklich, daß ich nicht capituliren werde, wenn Einer von Denjenigen, welche jetzt bei mir sind, ausgeschlossen wird.«

»Nun, so will ich Ihnen versprechen, meinen Commandeur zur Nachsicht zu bestimmen.«

»Das genügt nicht. Ich muß eine bündige Erklärung, ich muß Ihr Versprechen, Ihr Wort haben.«

Curt sann nach, dann erklärte er:

»Nun, ich will nicht hart sein, ich glaube vielmehr im Sinne des Präsidenten zu handeln, wenn ich den Sennor mit in den Vertrag aufnehme.«

Er ging. Er ahnte ganz und gar nicht, wer Derjenige sei, dem er das Leben geschenkt hatte.

Man hatte von Seiten der Republikaner Curt gleich von vorn herein aufgegeben. Als man aber seine Rakete steigen sah, begann man zu hoffen, und jetzt wurde er mit Freude empfangen. Der Commandirende gab seine Zustimmung zu Allem, was er ge- und versprochen hatte, er sah ein, daß man, um Blutvergießen zu verhüten, doch einige Concessionen machen könne.

Eine Viertelstunde später fand er und Curt sich mit dem Major und dessen Begleiter zusammen, um die nothwendigen Einzelheiten zu vereinbaren. Das


Ende der einhundertsechsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk