Lieferung 109

Karl May

16. August 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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weit auf dem Rücken hinunterhingen. Dazu trug der Mann einen riesigen Sombrero, welcher zehn Köpfen Schutz gegen die Sonne hätte geben können, und in der rechten Hand einen grauen Regenschirm, während die Linke das Rohr einer langen Tabakspfeife hielt, aus welcher er mächtige Rauchwolken blies. Dazu hatte er einen mächtigen, mit einer breiten Hornfassung versehenen Klemmer auf der Nase und an den feinen Lackstiefeln Sporen, deren Räder so groß waren, daß man sie allenfalls als Deckel eines Kaffeetopfes hätte benutzen können.

Dieser Mann war mit seiner Dame aus einem Coupé erster Classe gestiegen. Er blickte sich auf dem Perron um und winkte dann mit der Pfeife einen Kofferträger herbei.

»Heda, Mann, sind Sie ein Sachse?« fragte er ihn.

»Ja, mein Herr,« antwortete der Gefragte, indem er seine Mütze höflich vom Kopfe riß.

»Kennen Sie Pirna?«

»Ja, mein Herr.«

»Waren Sie schon dort?«

»O, sehr oft.«

»Das freut mich. Da sollen Sie uns bedienen dürfen. Wo ist das Wartezimmer erster Classe?«

»Ich bitte, nur durch diese Thür zu treten.«

»Schön! Bringen Sie uns das Gepäck nach, welches sich noch im Coupé befindet, und dann versorgen Sie uns eine Droschke bester Classe. Das Passagiergut lasse ich vom Hausknechte des Hotels holen.«

Er hatte diese Worte mit der Miene und dem Tone eines Oberfeldherrn gesprochen, welcher seiner Generalität die Schlachtbefehle ertheilt. Dann trat er in das Wartezimmer, wo er gravitätisch Platz nahm. Aller Augen ruhten mit halb erstaunten und halb lustigen Blicken auf ihm.

Als der Kofferträger eintrat, brachte er zwei Gewehre in Mahagonifutteralen, ein Gebauer mit drei Papageien, einen mexikanischen Reitsattel, den er sich der Schwere wegen mit dem Bügelriemen auf den Rücken gehängt hatte, einen Säbel, ein riesiges Fernrohr und ein Dutzend Bauernhasen.

Letzteres ist ein der Stadt Freiberg eigenthümliches Gebäck, welches Reisende oft auf dem dortigen Bahnhofe einkaufen, um es als Curiosität mit in die Heimath zu nehmen.

Nachdem der Kofferträger diese Sachen abgelegt hatte, ging er, um nach einer Droschke zu sehen. Ein Kellner eilte herbei und fragte unter einer tiefen Verneigung, ob die Herrschaften etwas zu trinken wünschten. Der Fremde musterte ihn vornehm und antwortete dann:

»Ja! Natürlich trinken wir etwas. Aber, hm, kennen Sie Pirna?«

»Ja, mein Herr.«

»Waren Sie einmal dort?«

»Nein, mein Herr.«

»Nicht? Ah, dann packen Sie sich. Wir trinken nichts!«

Man sah, daß die Dame ihm eine leise bedenkliche Bemerkung zuflüsterte, er aber nahm gar keine Notiz davon.


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Jetzt kehrte der Dienstmann mit dem Lenker der Droschke zurück. Letzterer fragte:

»Wohin wünschen Sie, mein Herr?«

»In's feinste Hotel, in's allerfeinste.«

»Wünschen Sie Hotel de Saxe, de Rom, Bellevue oder Union?«

»Bellevue, Bellevue! Aber gleich.«

Die beiden dienstbaren Geister nahmen die Effecten auf, um sie nach der Droschke zu tragen, und er folgte ihnen mit der Dame.

»Donnerwetter!« flüsterte er ihr in spanischer Sprache zu. »Siehst Du, welches Aufsehen wir erregen, Resedilla?«

Sie antwortete nicht.

Draußen am Ausgange stand ein Stadtgensdarm. Als er den Fremden kommen sah, machte er ein höchst erstauntes Gesicht, fixirte ihn einige Augenblicke lang, trat dann schnell zu ihm heran und fragte in höflichem Tone:

»Entschuldigung, mein Herr! Sie befinden sich wohl jedenfalls im Besitze eines Waffenpasses?«

Der Fremde nahm den Klemmer ab, blies eine dichte Rauchwolke von sich, maß den Polizisten vom Kopfe bis zur Sohle herab und antwortete dann:

»Waffenpaß? Warum denn?«

»Weil Sie Waffen tragen.«

»Darf ich das nicht?«

»Nein.«

»Sie sind ja mein Eigenthum!«

»Das ist noch kein Grund, eine solche Menge von Waffen in einem Lande zu tragen, dessen Zustände sehr gesicherte sind. Sind diese Pistolen und Büchsen geladen?«

»Nein.«

»Sie sind jedenfalls fremd. Darf ich um Ihre Legitimation bitten?«

»Legitimation? Donnerwetter! Halten Sie mich etwa für Schinderhans und Consorten?«

»Das nicht,« antwortete lächelnd der Polizist. »Aber wir verursachen hier eine zu große Aufmerksamkeit des Publikums. Bitte, folgen Sie mir hier herein.«

Er öffnete eine Thür, an welcher das ominöse Wort »Polizei« zu lesen war, und die Beiden sahen sich gezwungen, einzutreten. Als sie nach einer Weile wieder erschienen, trug der Fremde seinen Shawl so breit, daß man die darin steckenden Waffen nicht mehr sehen konnte. Sein Gesicht zeigte eine höchst ärgerliche Miene, und im grimmigen Tone sagte er zu seiner Begleiterin:

»Das will Dresden sein? Donnerwetter, man arretirt mich hier. Hätten sie nur ein einziges Pulverkörnchen in den Läufen gefunden, so wäre ich gar noch eingesperrt worden, ich, Du und die Papageien. Kein Mensch sieht mich auf diesem Bahnhofe wieder.«

Er stieg mit Resedilla, welche sich unter ihrem Schleier ganz und gar schweigsam verhielt, in die Droschke, welche ihn in kurzer Zeit vor das erwähnte Hotel brachte. Ein an der Thür stehender Kellner sprang herbei und öffnete


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unter einer höchst devoten Verbeugung den Schlag des Wagens. Er mochte den Insassen für einen egyptischen General oder so etwas Aehnliches halten.

»Kennen Sie Pirna?« fragte ihn Pirnero.

»Jawohl, mein Herr,« antwortete der Gefragte mit einem ausdrucksvollen, vielsagenden Lächeln.

»Was lachen Sie denn? Ist denn mit Pirna etwas los?«

»O nein, ganz und gar nicht! Pirna ist ja das sächsische Buxtehude oder Schöppenstedt!«

Da wurde das Gesicht des Mexikaners um das Doppelte grimmiger.

»Was? Wie?« rief er aus. »Schöppenstedt? Buxtehude? Und dieses Nest hier soll das Hotel Bellevue, ersten Ranges sein? Kutscher, giebt es an der Elbe Dampfschiffe?«

»Natürlich, mein Herr!«

»Die nach Pirna fahren?«

»Ja. Ich glaube, in fünf Minuten geht eins ab.«

»Rasch hin. Dieses Dresden ist mir ein schönes Dorf. Arretur und Buxtehude. Ich fahre nach Pirna. Dort wird es wohl noch Menschen geben, mit denen sich noch reden läßt.«

Die Droschke setzte sich abermals in Bewegung, um ihre Insassen nebst deren Inventar nach dem Dampfschiffe zu bringen. Es war grad die höchste Zeit.

Auch hier erregte Pirnero bei den Fahrgästen ein solches Aufsehen, daß er es vorzog, in der Cajüte zu verschwinden. Er kam nicht eher wieder zum Vorschein, als bis das Schiff in Pirna anlegte, wo er sein Gepäck nach dem Rathskeller tragen ließ, der ihm von früher her noch bekannt war. Er folgte mit Resedilla dorthin.

Sein Gesicht war wieder hell geworden. Er blickte sich nach allen Seiten um und sagte zu Resedilla:

»Fürchterlich verändert, das gute Nestchen. Ich kenne es gar nicht wieder. Jetzt nun wirst Du sehen, daß es hier ein ganz anderes Ding ist als mit diesem Loche, dem Dresden. Dort wohnt jetzt nur Plebs, das haben wir ja gesehen. Aber hier in Pirna ist der eigentliche Sammelpunkt der sächsischen Aristokratie. Du wirst das sofort merken.«

In der Restauration des Rathskellers war kein Gast vorhanden. Der Wirth und seine Bedienung waren nicht wenig verwundert über die fremdartige Erscheinung der Eingetretenen. Doch war leicht einzusehen, daß dieselben nichts Gewöhnliches seien, und so wurden sie in feinster Manier empfangen.

Um zu imponiren, sprach Pirnero nur das Allernöthigste und bestellte sich ein Mittagsmahl, welches er bereits nach kurzer Zeit erhielt. Während er mit seiner Tochter speiste, trat ein Mann ein, welcher sich an einen nahestehenden Tisch setzte und ein Glas Bier verlangte. Pirnero beobachtete ihn von der Seite. Er sah, wie er angestaunt wurde, und glaubte nun den richtigen Augenblick gekommen, dem lauschenden Wirthe wissen zu lassen, was für einen außerordentlichen Gast zu bedienen er die Ehre habe.

»Schönes Wetter!« meinte er, eine Viertelwendung nach dem neu Angekommenen machend.


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Dieser wußte nicht, ob er gemeint sei oder nicht, und schwieg.

»Nun?«

Dabei drehte er sich vollständig um, so daß der Mann nun nicht mehr im Zweifel sein konnte, daß der Herr mit ihm rede.

»Ja, sehr schön!« antwortete er darum.

»Der reine Sonnenschein!«

»Können ihn auch gebrauchen.«

»Wieso?«

»Weil Sonnenschein gutes Obst giebt. Ich handle nämlich mit Obst.«

»Ah!« fuhr Pirnero auf. »Vielleicht auch mit Meerrettig?«

»Auch.«

»Geht das Geschäft?«

»Riesig grad nicht.«

»Hat es hier in Pirna nicht schon früher Meerrettighändler gegeben?«

»Jawohl.«

»Wie hießen sie denn?«

»Hm! Es waren ihrer Viele.«

»Ich meine Einen, der sehr berühmt war. Er starb in der Ausübung seines Amtes und Berufes.«

»Wieso denn?«

»Er ertrank im Garten. Hieß er nicht Matzke?«

»Ah, Sie meinen den alten Matzke, den Trunkenbold, den Schnapsbruder? Der ist auch nur ersoffen, weil er besoffen war.«

»Donnerwetter! Da irren Sie sich wohl! Ich meine den Matzke, dessen Sohn Essenkehrer war!«

»Jawohl ist der's!«

»Der Sohn starb auch in der Ausübung seines Berufes!«

»Freilich. Er erstickte in der Feueresse, aber auch nur in der Trunkenheit. Die ganze Familie hat es von jeher mit dem Spiritus und Kornschnaps gehalten.«

Pirnero machte ein ganz eigenthümliches Gesicht. Er schielte bedenklich zu Resedilla hinüber und antwortete dann:

»Sie sind wirklich im Irrthume! Ich meine den Essenkehrer, dessen Sohn nachher in die Fremde ging.«

»Ganz recht, ganz recht,« nickte der Mann eifrig. »Und das war erst der richtige Urian. Ich weiß ein Wort davon zu erzählen.«

»Wieso?«

»Nun, der Kerl hat mich um vier Thaler angepumpt und ist nachher fortgelaufen. Er ist mir das Geld heute noch schuldig. Der sollte mir wiederkommen!

»Sapperment! Wie heißen Sie denn?«

»Ebersbach. Wir waren Schulkameraden und liefen immer mit einander. Aber an diesem Menschen war eben nichts Gutes. Vogel hat er gestellt, daß ihm die Polizei aufpaßte. Dann hatte er eine Liebste, die er nicht kriegen sollte. Zu der ist er auf der Leiter zum Hausbodenfenster hineingeklettert, und als ihr Vater dazugekommen ist, sind sie einander in die Haare gefahren im Stockfinstern.


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Der Alte ist dabei zur Treppe hinuntergestürzt und hat das Bein gebrochen, der Schlingel aber ist zum Fenster hinaus und auf der Leiter hinunter entkommen, und am anderen Morgen ist er über alle Berge gewesen. Seitdem hat man nichts wieder von ihm gehört. Er sollte nur wiederkommen. Der Beinbruch kann ihn noch heute in's Gefängniß bringen. Haben Sie ihn etwa irgendwo getroffen?«

Pirnero würgte ein Stück Schweinscarbonade hinunter, schluckte und druckte und antwortete erst nach einer ganzen Weile:

»Fällt mir ganz und gar nicht ein!«

»Aber wie kommen Sie als Fremder denn auf diese Familie Matzke zu sprechen?«

»Es wurde auf dem Schiffe von ihr geredet.«

»Hm! Woher sind Sie denn eigentlich?«

»Aus - aus - - aus Rheinswalden!« platzte es ihm heraus.

»Wo liegt denn das?«

»Bei Mainz.«

»Und was sind Sie denn?«

»Großherzoglich hessischer Hauptmann und Oberförster.«

»Ach so! Tragen die Hessen denn solche Uniform?«

»Ja, seit drei Wochen. Wirth, was habe ich zu bezahlen?«

Der Wirth machte ihm die Rechnung. Pirnero bezahlte und fragte dann seine Tochter leise:

»Gefällt es Dir hier in Pirna, Resedilla?«

»Bei Deiner sächsischen Aristokratie?« lachte sie. »Ganz und gar nicht. Aber, Vater, was höre ich da für Sachen!«

»Pst! Pst! Sprich leise!« bat er ängstlich. »Wenn Die hier hören, daß ich früher Matzke geheißen habe, so geht es mir traurig. Ich mache mich zum zweiten Male aus dem Staube und komme niemals wieder. Der Teufel hole Pirna. Ich habe gar nicht gedacht, daß so ein blutdürstiges Volk hier wohnt. Wir fahren nach Dresden zurück, lassen uns das Passagiergut holen und fahren von einem anderen Bahnhof ab nach Leipzig. Auf dem böhmischen Bahnhof soll mich kein Mensch wieder erblicken. In Leipzig kaufe ich mir andere Kleider, und dann können wir es einrichten, daß wir zur verabredeten Zeit in Mainz und Rheinswalden eintreffen. Die Anderen werden dann aus Spanien angekommen sein, Gérard mit ihnen.«

»Und was thun wir dann?«

»Erst sehen wir uns das Wiedersehen an, und dann geht es nach Mexiko zurück.«

»Wirklich?« fragte sie, sichtlich erfreut, »Du wolltest doch in Pirna wohnen bleiben!«

»Sei still! Dieses Pirna kann mir gestohlen werden. Drüben in Mexiko ist Gérards Schwester und Schwager, André geht auch wieder hinüber zu seiner Emilia. Warum denn wir nicht auch? Von unserem Gelde können wir dort ebenso gut und noch besser leben als hier. Ich habe verteufelt wenig Lust, mich


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hier als ehemaligen Hausbodeneinsteiger und Beinbrecher arretiren zu lassen, sondern werde schleunigst verschwinden.«

Mit dem nächsten Schiffe dampften sie wieder stromabwärts. Die Stadt Pirna ahnte nicht, welchen Besuch sie heute bei sich gesehen hatte.

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Auf dem alten Polsterstuhle seines Arbeitszimmers saß der alte Hauptmann von Rodenstein und starrte verdrießlich vor sich nieder. Seine Beine steckten bis zu den Knieen herauf in dicken, unförmlichen Filzstiefeln, über welche noch eine wollene Pferdedecke doppelt gebreitet war. Vor ihm stand sein treuer Ludewig, ebenso finster und rathlos auf den Boden niederblickend.

»Ja,« sagte dieser Letztere, »ich weiß auch kein Mittel, Herr Hauptmann.«

»Da bist Du grad ebenso gescheidt wie die Aerzte, oder ebenso dumm. Die Allopathen haben mich hingerichtet; die Hydropathen haben gar den Zapfen hinausgestoßen, und die Homöopathie bringt mich nun gar noch um den Verstand. Da soll ich gegen den acuten Rheumatismus nehmen Aconit, Arnica, Belladonna, Loryonia, Chinin, Chamomilla, Mercur, Nux Vomica, Pulsatilla, gegen den chronischen Arsenic, Sulphur, Rhododendron, Phytolaca und Stillingia, gegen den herumziehenden Arnica, Pulsatilla, Belladonna, Moschus, Sabina, Sulphur, Kalmia und Kapsica. Nun sage mir ein Mensch, was für ein Kräuter-, Pulver-, und Pillensack aus mir würde, wenn ich das Zeug alles verschlingen soll. Hol's der Teufel. Wenn nur wieder einmal eine so famos gute Nachricht käme wie damals von unserem Sternau. Ich bin vor Freude aufgesprungen und war plötzlich so gesund wie ein Fisch im Wasser. Aber jetzt, da - - ah, hatte es nicht geklopft, Ludewig?«

»Ja, Herr Hauptmann!«

»Sieh nach!«

Ludewig öffnete die Thür. Draußen stand ein gespornter, uniformirter, junger Mensch.

»Wer sind Sie?« fragte Ludewig.

»Courier seiner Durchlaucht des Herrn Großherzogs an den Herrn Hauptmann von Rodenstein.«

»An mich?« rief der Alte. »Vom Großherzog? Herein! Der Courier trat ein und überreichte ein wappengesiegeltes Schreiben.

"Soll Antwort erfolgen?"

»Soll Antwort erfolgen?« fragte der Oberförster.

»Nein.«

»Gut. Lassen Sie Ihr Pferd ausruhen und sich Essen geben. Sie wissen ja schon.«

Als der Mann abgetreten war, öffnete der Alte das Couvert und las das Schreiben. Er war aber noch nicht zur Hälfte fertig, so warf er wie ein Knabe die beiden Arme empor.

»Juck! Juchhei! Juchheirassassa! Ludewig! Esel! Dummkopf! Alter Knabe! Herunter mit den Stiefeln!«

Er war aufgesprungen und bemühte sich, die Stiefel von den Füßen zu schlenkern, was ihm bei der großen Weite der Ersteren auch gelang. Ludewig war ganz perplex.


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»Aber, Herr Hauptmann! Die Stiefel - - die Schmerzen!«

»Schmerzen? Unsinn! Ich habe keine Schmerzen. Ich bin geheilt; ich bin curirt; der Rheumatismus ist zum Teufel. Der Großherzog hat mich geheilt. Weißt Du, was in dem Briefe steht?«

»Nein.«

»Nun, auch von Dir steht etwas darin. Darum werde ich Dir den Prachtwisch vorlesen. Du hast während der Schmerzen bei mir ausgehalten und nicht gemuxt, nun sollst Du auch die Freudenbotschaft hören, aber dann tüchtig muxen.«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann. Ich werde muxen, wenn es verlangt wird dahier!«

»Gut! So höre!«

Er stand aufrecht ohne das mindeste Gefühl von Schmerzen da und las:

          »Unserem lieben Hauptmann von Rodenstein.
Es naht der Jahrestag des Festes, an welchem Wir die Freude hatten, in der Verbindung der Gräfin Rosa de Rodriganda mit dem Herrn Doctor Sternau der Vereinigung zweier Herzen mit beizuwohnen, welche Gottes Liebe und Güte für einander bestimmt und prädestinirt hatte. Da wir anzunehmen geneigt sind, daß dieser Tag auf Rheinswalden und Rodriganda ein festlicher sein wird, so laden Wir uns für den Abend desselben zu Gaste und werden eine Anzahl Unserer Herren und Damen des Hofes mitbringen, um zu beweisen, daß die Theilnahme für die Genannten eine allgemeine sei.
   Nachdenkend über die Art und Weise, wie dieser Feier am besten eine äußere Gestaltung zu geben sei, ist Uns der Gedanke gekommen, eine kleine Maskerade zu veranstalten. Die Damen und Herren, welche sich in Unserer Begleitung befinden, werden vollständig maskirt Abends präcis acht Uhr ankommen. Was nun die Maskirung der Bewohner Rheinswaldens betrifft, so haben Wir Unserem Ceremonienmeister das Arrangement überlassen. Es ist dasselbe auf dem beiliegenden Zeugnisse enthalten und übersenden Wir dieses in der Ueberzeugung, daß Wir bei Unserer Ankunft alle genannten Personen bereits maskirt finden.
   Wir thun Ihnen dieses mit dem Befehle kund, es allen Bewohnern der beiden Besitzungen schleunigst wissen zu lassen und verbleiben bis zum Wiedersehen Ihr wohlgewogener
          Ludwig.«

Ludewig Straubenberger sperrte den Mund auf, so weit er konnte.

»Donnerwetter!« rief er. »Ein Maskenball!«

»Ja, ein Maskenball mit dem Großherzoge und der Großherzogin, mit dem ganzen anderen großherzoglichen Menageriegerümpel! Juchheirassassa! Heidideldumdeirassa! Vivat, mein Podagra, meine Gicht, meinen Rheumadiskus habe ich in den Filzstiefeln stecken gelassen! Schau, wie ich springen kann!«

Wahrhaftig, er stieg mit großen Schritten in der Stube umher und rief dabei:

»Und hier ist der Zettel, wie wir uns maskiren sollen. Horch: Frau Rosa Sternau und Frau Flora von Rodenstein (das ist meine Schwiegertochter) nebst Frau Herzogin von Olsunna und Fräulein Waldröschen als Mexikanerinnen.


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Herr Herzog von Olsunna, Herr Otto von Rodenstein als Mexikaner. Frau Helmers als Schifferin, Ludewig Straubenberger als Prairiejäger und Herr Hauptmann von Rodenstein als -«

Er hielt im Lesen inne und starrte auf das Papier.

»Alle Graupelwetter! Was steht denn da?« rief er.

»Also ich als Prairiejäger?« fragte Ludewig.

»Ja.«

»Das gefällt mir! Das ist allerliebst!«

»Ja, ja. Aber meins ist nicht allerliebst. Da steht - Donner und Doria! Da steht mit wirklichen Buchstaben geschrieben: »Herr Hauptmann von Rodenstein als Wilddieb, hat eine Larve mit einer möglichst langen Nase vorzustecken.« Ist das nicht impertinent?«

»Sehr. Aber man hat zu gehorchen.«

»Werde sehen. Ich, der Hauptmann und Oberförster von Rodenstein als langnäsiger Wilddieb! So eine Malitiosität ist mir all mein Lebtage noch nicht vorgekommen! Die lange Nase ginge noch, aber der Wilddieb wurmt mich. Was nur dem Herzog eingefallen ist! Na, ich werde mir das Ding doch erst einmal überlegen. Jetzt aber muß ich hinüber nach Rodriganda, um Denen da drüben den Brief und das Verzeichniß zu übergeben. Es stehen noch mehr Personen drauf, ich habe aber keine Zeit, es zu lesen.«

»Werden der Herr Hauptmann denn auch hinüber laufen können?« fragte Ludewig besorgt.

»Warum denn nicht? Ich möchte den Rheumatismus sehen, der mich verhindern könnte, einen großherzoglichen Maskenball mitzumachen! Ein Wildspitzbube muß laufen können. Siehe Dich nach dem Courier um, daß er gehörig zu essen und zu trinken bekommt. Der Kerl hat es verdient.«

Er humpelte wirklich die Treppe hinab und durch den Wald nach Rodriganda, wo seine Botschaft großes Aufsehen hervorbrachte.

Die Bewohner dieses schönen Landsitzes waren bereits von Allem unterrichtet, was in Mexiko geschehen sei, und erst vor einigen Tagen war aus Spanien durch Sternau's Hand die Nachricht gekommen, daß Alles gut gehe und der falsche Alfonzo nebst der Schwester Clarissa sich bereits in sehr strenger Haft befinde. Zarba, die Zigeunerin, hatte man nebst ihrer Bande nicht aufzufinden vermocht, was um so auffälliger war, da auch Tombi, der Waldhüter, seit kurzer Zeit aus Rheinswalden verschwunden war. Dafür aber hatte man den alten Pater Dominikaner aufgefunden, welcher Mariano's Jugendlehrer gewesen war, seine Abstammung aus der Beichte des Bettlers Petro kannte und einst Sternau aus dem Gefängnisse zu Barcelona befreit hatte. Daran hatte Sternau die Bemerkung geschlossen, daß es ihm und seinen Gefährten vielleicht möglich sei, nach Verlauf von vierzehn Tagen nach Rheinswalden aufzubrechen.

Diese Nachricht hatte Alle mit hoher Freude und Wonne erfüllt. Endlich, endlich stand das so heiß ersehnte Wiedersehen bevor. Der Seelenzustand der Bewohner von Rheinswalden und Rodriganda läßt sich gar nicht beschreiben, er war ein fast fieberhafter zu nennen.

Zu dieser gehobenen, freudigen Stimmung paßte ganz der Vorschlag, welchen


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der Großherzog in seinem Schreiben machte. Er war von dem Herzoge von Olsunna in einer Audienz von dem Stande der Dinge unterrichtet worden und es lag klar, daß er mit der Maskerade bezweckte, ein Bild des Volkes zu geben, indessen Mitte die Zurückerwarteten so viele Freunde, aber auch ebenso viele Feinde gefunden hatten.

Die Anweisung des Ceremonienmeisters war eine sehr ausführliche. Der Hauptmann hatte sie seinem Ludewig nicht vollständig vorgelesen. Sie enthielt genaue Angaben über die Kleidung jeder einzelnen Person. Daß Jedermann das Gesicht mit einer Larve zu verhüllen hatte, konnte nicht auffallen.

Die Vorbereitungen zudem Feste begannen auf der Stelle und am Tage vor dem Feste waren alle Garderobestücke fertig gestellt.

Waldröschen befand sich wie in einem glücklichen, wonnigen Traume. Sie sollte den Vater sehen, den ihre Augen noch niemals erblickt hatten, den Vater und den - Geliebten. Die Erwartung trieb sie hin und her und auf und ab. Gegen Abend des erwähnten Tages konnte sie es im Schlosse nicht aushalten, sie mußte hinaus in ihren lieben Wald, um sich die Scene des frohen Wiedersehens zum tausendsten Male in einsamer Stille auszumalen.

Grad zu derselben Stunde saßen in einem Dickichte zwei Männer beisammen, welche leise mit einander sprachen.

»Ob Sie sich nicht irren werden, lieber Geierschnabel,« flüsterte der Eine.

»Sicherlich nicht, Master Sternau,« antwortete der Andere. »An jedem der vier Tage, welche ich hier auf der Lauer gelegen bin, ist der alte Graf im Walde herumspaziert. Er spricht leise vor sich hin und findet sich kurz vor der Dämmerung nach dem Schlosse zurück. Er scheint die Wege ganz genau zu kennen.«

»Gott gebe, daß es mir gelingt. Wie gern hätte ich meinem Herzen gefolgt, aber es galt, den Willen des Großherzogs zu berücksichtigen. Ah, da höre ich Schritte.«

Sie lauschten. Es nahte Jemand leise, langsam, fast schleichend. Graf Emanuel war es, welcher wie ein Nachtwandler geistesabwesend vorüberging. Sternau huschte hervor, ging ihm nach und holte ihn ein.

Der Graf erschrak nicht, als er ihn bemerkte, sondern er setzte theilnahmslos seinen Weg fort, als ob Niemand vorhanden sei. Sternau grüßte ihn und versuchte, mit ihm zu sprechen, erhielt aber keine Antwort als ein monotones: »Ich bin der gute, treue Alimpo.« Er ergriff die Hand des Grafen, sie wurde ihm ohne Widerstand gelassen. Er blieb stehen, um die halb geschlossenen Lider des Geisteskranken emporzuziehen. Dieser ließ es ruhig geschehen und machte auch nicht den leisesten Widerstand, als Sternau eine eingehende Untersuchung seines Körpers vornahm.

Schließlich zog der Letztere ein Fläschchen und ein Löffelchen aus der Tasche, ließ aus dem ersteren in das zweite einige Tropfen fließen und reichte sie dem Grafen, welcher sie wie ein Kind nahm und hinunterschluckte.

»Pst! Man kommt!« warnte Geierschnabel, welcher den Wächter machte und nach dieser Mahnung sofort verschwand.

Auch Sternau wollte sich zurückziehen, aber es war bereits zu spät. Er hatte nur noch Zeit, Flasche und Löffel zu verbergen, dann stand - Waldröschen vor ihm.


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Sie blickte den hohen Mann mit dem langen, prachtvollen Barte ein wenig befremdet an, aber nach diesem ersten Blicke wurde ihr Auge mild und freundlich. Es war ihr, als ob sie diese Gestalt und dieses ernste, bedeutende Gesicht bereits schon längst gekannt habe, eine Regung, die sie an sich noch niemals beobachtet hatte.

»Wer sind Sie, mein Herr?« fragte sie in freundlichem Tone, welcher keine Spur von Zudringlichkeit hatte.

Er hatte sie sofort erkannt. Das war nicht nur das Original jener Photographie, welche er in der Cajüte von Lindsay's Dampfer gesehen hatte, sondern das war das Ebenbild seiner Rosa, aber verjüngt und verschönt durch ein seelisches Etwas, welches sich nicht in Worten beschreiben läßt. Er hätte die Arme fest, fest, fest um sein Kind schlingen mögen, aber er beherrschte sich und antwortete im Tone eines höflichen Unbekannten:

»Ich bin Landschaftsmaler, mein Fräulein, und durchstrich den Wald in der Hoffnung, ein Sujet zu einer kleinen Skizze zu finden. Dabei traf ich diesen Herrn, welcher mir des Schutzes bedürftig zu sein schien; daher begleitete ich ihn.«

»Ich danke Ihnen. Er ist mein Großpapa. Er ist sehr krank, doch kennt er den Weg so genau, daß er sich nie verirrt. Wollen Sie nicht weiter mitkommen? Vielleicht finden sich in der Nähe des Schlosses Punkte, welche Ihrem Künstlerauge genügen.«

»Sie sind gütig, mein Fräulein, aber leider ist meine Zeit so kurz bemessen, daß ich heimkehren muß.«

»Wo wohnen Sie?«

»In Mainz. Darf ich fragen, wem dieses Schloß gehört?«

»Meinem Großpapa, dem Herzog von Olsunna.«

»Ah, Verzeihung, gnädiges Fräulein, daß ich das nicht ahnte!«

Er zog den Hut abermals, aber viel tiefer als vorher und machte dazu eine höchst respectvolle Verbeugung.

»O bitte, bitte,« meinte sie, indem sie ein reizendes, goldenes Lachen hören ließ. »Man beansprucht hier auf dem Lande keine solche Anbetung. Ich habe Sie noch nie gesehen. Durchstreifen Sie öfters unseren Wald?«

»Ich war noch niemals hier, fürchte auch, Ihr Mißfallen -«

»O nein, nein,« unterbrach sie ihn schnell. »Die Natur ist ja Jedermanns Eigenthum und Jedermann hat das Recht, ihre Schönheit zu bewundern. Vielleicht treffen wir uns noch einmal hier.«

»Ich würde ganz glücklich darüber sein.«

»O, ich liebe die Kunst, welche es sich zur Aufgabe stellt, uns Gott in seinen Werken erkennen zu lassen. Sehen wir uns wieder, so können wir dieses Thema fest halten. Heut aber sagen Sie, daß Ihre Muse zu Ende sei. Adieu, mein Herr. Komm, lieber Großpapa.«

Sie verbeugte sich in entzückender Anmuth, ergriff die Hand des Grafen und schritt mit diesem davon. Sternau blickte ihr nach, so lange er konnte, dann lehnte er sich wie trunken an den Stamm des nächsten Baumes, faltete die Hände, hob die Augen zum Himmel empor und betete halblaut:


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»Gott, mein Gott, wie reich hast Du mich mit Deiner Güte begnadigt! Jeder Augenblick meines Lebens soll ein Dankgebet für Dich sein!«

Der nächste Tag brach hell und goldig an und reges, frohes Leben herrschte in dem Schlosse. In Küche und Keller legte man die letzte Hand an. Alles sah dem Abende mit erwartungsvoller Spannung entgegen. Niemand ahnte, was er in Wirklichkeit bringen werde. Aller Stirnen zeigten ungetrübte Heiterkeit, doch wurde diese letztere gestört, als man gegen Mittag die Entdeckung machte, daß Graf Emanuel noch nicht von seinem Schlafe erwacht sei. Man versuchte, ihn zu wecken, doch vergebens. Nun wurde sofort ein Bote nach dem Arzte geschickt. Dieser kam, untersuchte den Kranken und beruhigte dessen Verwandte durch die Versicherung, daß es sich hier nicht um einen Besorgniß erregenden Zustand, sondern um einen ungewöhnlich festen Schlaf handle, wie er bei solchen Patienten nicht sehr selten zu beobachten sei. Da er sich bereit erklärte, bei dem Schläfer bis zu dessen Erwachen zu bleiben, so kehrte nach dieser Unterbrechung die gute Stimmung bald zurück.

Um die von dem Herzoge angegebene Zeit strahlten alle Gesellschaftsräume im Glanze der Lichter. Alle fanden sich ein, Alle trugen Masken, nur die Herzogin, Sternau's Mutter noch nicht, da sie die Gäste empfangen wollte.

Die mexikanische Nationaltracht kleidete die Herren und ganz besonders die Damen außerordentlich gut. Gräfin Rosa glich einer Königin des Sonnenreiches von Anahuac, wurde aber doch noch überstrahlt von dem Liebreize Röschen's, welcher in dieser Verkleidung sich zum Bezaubern geltend machte.

Der kleine Alimpo stolzirte an der Seite seiner dicken Elvira einher. Er als Indianerhäuptling und sie als Indianerin, waren trotz dieser lustigen Umwandlung sofort zu erkennen. Auch der alte Hauptmann war eingetroffen mit seiner riesigen Nase, in deren Schatten Ludewig als Prairiejäger sich bewegte.

Da hörte man Carossen rollen und einige Augenblicke später drangen zahlreiche Gestalten in den Saal, männliche und weibliche, große und kleine, glänzende und bescheidene. Es erfolgte zunächst ein wirres Durcheinander, ein Suchen, Prüfen, Finden, Zweifeln und wieder Verlieren, bis endlich einige Ordnung in die Bewegung zu kommen schien.

Kein einziges Gesicht war zu erkennen, alle waren durch Larven unkenntlich gemacht. Sogar Sternau's Mutter hatte die ihrige sofort wieder vorgenommen, als sie erkannt hatte, daß es bei dem schnellen Eintritte der Gäste unmöglich sei, dieselben nach den gegebenen Regeln zu empfangen.

Von den Masken, welche jetzt Paare bildeten, hatten zwei sich sofort und zu allererst zusammengefunden; der Oberförster hatte unweit des Einganges gestanden, als die Gäste kamen; da war einer derselben auf ihn zugesprungen und hatte ihm unter einem Schlage auf die Achsel zugerufen:

»Spitzbube! Wilddieb! Wollen wir Compagnie machen?«

Der Sprecher trug bis in's Einzelnste genau dieselbe Kleidung wie der Alte und hatte eine ebenso lange Nase.

»Halt's Maul, Kerl!« schimpfte der Hauptmann. »Es ist ja nur Verkleidung!«

»Das wollen wir untersuchen. Komm, Bursche!«


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Er faßte den Alten an und riß ihn mit sich fort. Als dieses Paar ein entferntes Zimmer erreicht hatte, wo sie unbelauscht waren, meinte die andere Maske:

»Sie sind der Herr Hauptmann von Rodenstein?«

»Ja, aber ich darf es nicht verrathen, so lange ich diese verteufelte Maske trage. Wer sind denn Sie?«

»Rathen Sie!«

»Unsinn, rathen! Nehmen Sie die Nase herunter, damit ich mir Ihre Visage betrachten kann.«

»Das geht nicht, mein Lieber. Diese Nase ist leider angewachsen.«

»Donnerwetter! Das macht mir Niemand weiß. Eine solche Gesichtsturbine kann's in Wirklichkeit gar nicht geben.«

»Ueberzeugen Sie sich.«

Der Sprecher zog ein Tuch aus der Tasche und wischte sich mit demselben die rothen und schwarzen Farben aus dem Gesichte. Der Alte starrte ihn wie abwesend an und rief dann:

»Alle guten Geister loben - - Das ist ja -«

»Nun, wer denn?«

»Storch- ja Storchschnabel!«

»Falsch.«

»Kreuzschnabel.«

»Falsch.«

»Grünschnabel.«

»Noch falscher.«

»Löffelgans.«

»Hurrjeh, sind Sie denn verrückt? Ist das Wort Geierschnabel denn so schwer zu merken?«

»Geierschnabel! Ah, ja, Geierschnabel! Aber, Kerl, auf welche Weise bringt denn der Geier Seinen Schnabel wieder hierher?«

»Das werden Sie sehr bald erfahren. Aber, sagen Sie einmal, ob Sie wissen, in welchem Zimmer sich Graf Emanuel befindet.«

»Natürlich weiß ich es.«

»Zeigen Sie mir die Thür.«

»Warum, Sie Teufelsschnabel?«

»Fragen Sie nicht, sondern halten Sie den Hauptmannsschnabel!«

Dabei faßte er ihn an und zog ihn aus dem Zimmer.

Alimpo und Elvira waren zwei Indianern nebst einer Indianerin in die Hände gerathen, welche dem dicken Ehepaar nicht wenig zu schaffen machten. Auf Frau Helmers war ein Schiffer zugeeilt, hatte ihren Arm in den seinigen genommen und sie auch mit sich fortgeführt. Sie traten in ein kleines Zimmerchen, der Riegel desselben wurde verschlossen und dann ließ sich ein lauter Jubelschrei im Innern vernehmen. Curt's Vater hatte sich seiner Frau zu erkennen gegeben.

Ein kleiner Kerl, als Prairiejäger gekleidet, trat auf Ludewig zu und faßte diesen beim Arme.

»Glück gehabt auf der Jagd, Kamerad?« fragte er.


// 2605 //

»Das ist Neugierde!« meinte Ludewig. »Aber heut Abend wird es gemüthlich. Wollen wir in Gemeinschaft einen Bock schießen dahier?«

»Meinetwegen. Komm, Kumpan! Ich kenne einen Wechsel, wo Du ganz sicher zum Schusse kommst.«

Auch diese Beiden verließen den Saal. Es gab im Schlosse Zimmer genug zu allerlei Scenen unter vier Augen. Der brave Ludewig folgte dem Kameraden in eins derselben. Dort angekommen, nahm der Letztere seine Larve ab.

»Ludewig Straubenberger, kennst Du mich?« fragte er.

Der Gefragte starrte ihn an, schüttelte den Kopf und antwortete:

»Diese Gegend muß ich schon einmal gesehen haben. Aber wo denn dahier? Ich kann mich nicht besinnen.«

»So will ich es kurz machen und es Dir sagen. Ich bin der Brauer Andreas Straubenberger, Dein ehemaliger Nebenbuhler und jetziger Bruder nebst glücklicher Bräutigam einer ganz famosen Heißgeliebten.«

Da erbleichte Ludewig. Er griff in die Luft, als ob er fallen wolle.

»Ist's wa- wa- wahr?« stotterte er.

»Natürlich, ja. Herunter mit Deiner Larve, damit ich Dein gutes, liebes Gesicht zu sehen kriege!«

Jetzt hätte ein Lauscher in diesem Zimmer ein lautes, zweistimmiges Schluchzen hören können, welches von unarticulirten Freudenrufen interpunctirt wurde.

Waldröschen hatte an der Seite der Mutter gestanden. Da war ein geschmeidiger, reich gekleideter Mexikaner auf sie hinzugetreten, hatte sich tief verneigt und dann ihren Arm in den seinigen genommen, um langsamen Schrittes mit ihr im Saale auf und ab zu spazieren.

»Darf ich um Ihren Namen bitten, Sennorita?« fragte er.

Die Larve war Schutz genug, die Stimme nicht erkennen zu lassen.

»Wozu? Sie würden meinen mexikanischen Namen doch nicht auszusprechen vermögen,« antwortete sie.

»Den Ihrigen jedenfalls. Im Falle der Noth aber würde ich ihn deutsch aussprechen.«

»Da klingt er häßlich.«

»Wie? Ist »Waldröschen« ein so häßliches Wort?«

»Ah, Sie erkennen und verrathen mich! Das ist nicht chevaleresk von Ihnen. Es muß bestraft werden.«

Sie entzog ihm rasch ihren Arm und entfloh. Sie wollte ihre Mutter aufsuchen, fand dieselbe aber auch bereits schon engagirt.

Ein hoch und breit gebauter Mexikaner, unter dessen Larve ein mächtiger Bart hervorwallte, hatte von Geierschnabel einen Wink erhalten und war ihm hinaus auf den Corridor gefolgt.

»Da hinten, die vorletzte Thür, Master Sternau.«

»Schön. Ich danke.«

Sternau schritt auf diese Thür zu, klopfte an und trat ein. Der Arzt saß am Bette des Schläfers. Sternau bog sich wortlos über den Letzteren, schob seine Augenlider empor, prüfte die Pupille und beobachtete sodann den Schlag des Pulses.


// 2606 //

»Ein krampfhafter Schlaf, nicht gefährlich,« erklärte der Arzt, welcher glaubte, einen Herrn des großherzoglichen Hofes vor sich zu haben.

Sternau zuckte wie mitleidig die Achsel und antwortete:

»Dieser Kranke wird in fünf Minuten erwachen und dann gesund sein.«

Nach diesen Worten verließ er das Zimmer und kehrte nach dem Saale zurück. Dort ging er auf Rosa zu und nahm ihre Hand auf seinen Arm. Es war ihr ganz so, als ob die Hand dieses großen, kräftigen Mannes zittere. Sie mußte bei dem Anblicke dieser Gestalt an ihren Gatten denken.

Er führte sie in eine Fensternische und sagte:

»Ich möchte Ihnen zu dem heutigen Tage gratuliren, gnädige Frau. Werden Sie mir das erlauben?«

Seine Stimme hatte einen vibrirenden, belegten Ton, dessen Ursache nicht allein die Maske sein konnte.

»Ich danke Ihnen, Sennor,« antwortete sie. »Dieser Tag ist für mich leider mehr ein Tag der Trauer als der Freude.«

»Ich halte ihn aber dennoch nur für einen Tag der Freude.«

»So sind Ihnen die Verhältnisse meiner Familie unbekannt.«

»Nicht doch, ich kenne sie sehr genau und weiß, daß Ihrer eine große Freude wartet.«

»Wo?«

»Vertrauen Sie sich mir an, so werde ich es Ihnen zeigen.«

Er führte sie aus dem Saale hinaus und nach dem Krankenzimmer, wo er auf den ersten Blick bemerkte, daß sich die Wangen des Grafen zu röthen begannen.

»Verlassen Sie uns!« gebot er dem Arzte.

»Verzeihung. Mein Platz ist hier,« antwortete dieser.

Da nahm Sternau ohne Umstände Rosa die Maske ab.

»Sie erkennen die Tochter dieses Patienten,« sagte er. »Das wird genügen, uns allein zu lassen.«

Der Arzt zog sich zurück. Rosa blickte auf den Maskirten und fragte:

»Was bezwecken Sie, Sennor?«

»Bitte, setzen Sie sich so zu Ihrem Papa, daß sein Blick sofort auf Sie fällt.«

»Wird er erwachen?«

»In einer halben Minute.«

»Wie gut. Ich glaubte ihn in Gefahr. Sind Sie Arzt?«

»Ein wenig. Bitte, jetzt zu schweigen.«

Er ergriff die Hand des Patienten und behielt sie in der seinigen, bis er plötzlich sie los ließ und hinter das Kopfende des Bettes trat. Der Graf regte sich, öffnete die Augen, ließ sie langsam durch das Zimmer gleiten, wie Einer, der vom Schlafe erwacht, bis sie auf Rosa trafen. Er blickte sie lange und forschend an und sagte dann mit leiser Stimme:

»Mein Gott! Wo bin ich? Was habe ich geträumt? Das ist ihr Gesicht und doch auch nicht. Rosa, meine liebe Rosa, bist Du es? Wo ist Sennor Sternau, der mich gerettet hat?«


// 2607 //

Rosa war todtesbleich geworden. Sie saß starr, als hätte sie der Schlag getroffen. Dann aber fuhr sie mit einem lauten Schrei empor und rief:

»Vater, mein Vater. Kennst Du mich? Kennst Du mich wirklich?«

Da zog ein wonniges Lächeln über sein Gesicht, und er antwortete:

»Ja, ich kenne Dich. Du bist meine Rosa, mein Kind. Du bist heute anders als sonst, aber Du bist es doch. Laß Cortejo und Clarissa und Alfonzo nicht zu mir. Sternau mag wachen. Ich bin so müde, so müde, ich muß schlafen. Komm, gieb mir den Abendkuß, mein Kind, und sei morgen recht bald bei mir.«

Da hob sich ihre Brust, als ob sie von innen heraus gesprengt werden solle, ihre Lippen und Zähne preßten sich zusammen; aber sie vermochte nicht, das was sich in ihr aufbäumte, zurückzudrängen. Ein abermaliger, fast unmenschlicher Schrei aus ihrem Munde, eine ganze Fluth von Thränen aus ihren Augen, und dann lagen ihre Lippen auf denen des Vaters. Sie drückte das theure Haupt an ihre Brust, sie küßte und küßte wieder und wieder, bis sie endlich merkte, daß der Vater entschlummert sei. Da erhob sie sich. Ihr Auge traf Sternau; es blieb forschend, flammend auf ihm haften. Ihr Busen wogte, ihre Pulse glühten, und ihre Lippen, ihre Arme und Beine zitterten.

»Sennor,« stieß sie in fliegender Hast hervor, »ist mein Vater erwacht, ganz erwacht?«

»Ja, Sennora,« antwortete er mühsam.

»Erwacht zu neuem, geistigen Leben?«

»Ja, Sennora, der Wahnsinn ist - ist be- - ist bes- -«

»Besiegt,« wollte er sagen, aber der Sturm der Gefühle, welche er nicht länger zu beherrschen vermochte, machte es ihm unmöglich auszureden. Sie begann zu wanken, aber sie nahm alle vorhandene Kraft zusammen.

»Das vermag nur Einer, ein Einziger,« rief sie, die Arme gegen ihn ausbreitend. »Sternau! Carlos! Karl, mein Karl!«

»Rosa, Gott, Gott, meine Rosa!« antwortete er, die Maske vom Gesicht reißend.

Im nächsten Augenblicke lag sie ohnmächtig an seinem Herzen.

Die folgenden Minuten gehören hinter den Vorhang des Allerheiligsten. Kein profanes Auge darf bis zum Throne der göttlichen Liebe dringen, welche sich in der menschlichen offenbart. Nachdem über eine halbe Stunde vergangen war, verließen sie Arm in Arm und wieder maskirt das Gemach, in welchem der Graf in Frieden seinem völligen Erwachen entgegenschlief.

»Nun zu Rosita, meinem süßen Kinde!« sagte er.

Sie suchten im Saale nach ihr, ohne sie zu finden. Da trafen sie auf Geierschnabel, welcher die vorhin fort gewischten Striche und Punkte in seinem Gesichte wieder erneuert hatte.

»Suchen Sie Waldröschen?« fragte er, ihre Absicht errathend.

»Ja,« antwortete Sternau.

»Kommen Sie!« -

Curt war es doch geglückt, sich Röschens noch einmal zu bemächtigen. Ihre


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Flucht war nur ein Scherz gewesen, und jetzt lauschte sie ganz aufmerksam Dem, was er sagte.

»Bitte, mir zu verrathen, welcher von den Herren der Großherzog ist,« bat sie ihn.

»Muß ich aufrichtig sein?« fragte er.

»Natürlich! Ich befehle es!«

»Nun, so muß ich gehorchen. Keiner ist er.«

»Wie? Er ist nicht hier?« meinte sie erstaunt.

»Nein, aber er wird noch eintreffen.«

»Warum so spät?«

»Um nicht bei gewissen Ueberraschungen zugegen zu sein, wo er nur stören würde.«

»Welche Geheimnisse wären das?«

»Es sind verschiedene, von denen ich nur ein einziges Ihnen enthüllen dürfte.«

»So sprechen Sie!«

»Hier nicht. Bitte, kommen Sie.«

Er zog sie mit sich fort, hinaus, den Corridor hinab, bis zu einer Thür, an deren Klinke er probirte.

»Was wollen Sie?« fragte sie, ein wenig ängstlich. »Hier kann Niemand herein. Das ist das Stübchen, welches Lieutenant Curt Helmers zu bewohnen pflegte. Er ist abwesend.«

»Hat er den Schlüssel mitgenommen?«

»Es scheint so. Alimpo hat einen zweiten.«

»Und ich einen dritten.«

Er brachte einen Schlüssel aus der Tasche hervor, öffnete die Thür und trat ein, ohne Röschen loszulassen.

»Mein Gott, ich verstehe Sie nicht,« wehrte sie.

Sein Blick durchflog das Zimmerchen, welches durch eine der Thür gegenüber hängende Lampe Licht erhielt.

»Sie verstehen mich nicht?« rief er beinahe jubelnd aus. »O, ich will Ihnen sagen, daß während der Abwesenheit dieses garstigen Helmers ein allerliebstes Waldröschen, jedenfalls mit Hilfe von Alimpo's Schlüssel, zuweilen hier geblüht und geduftet hat. Dieser Stickrahmen, diese Albums, diese Bouquets verrathen es mir.«

In diesem Augenblicke flammte ein Hölzchen in seiner Hand. Er zündete die auf dem Tische stehende Kerze an und schloß dann die Thür. Sie war von diesem sicheren Gebahren so überrascht, daß sie es ganz vergaß, ihm hindernd entgegen zu treten.

»Ja, ja,« fuhr er fort, »so ist es, wenn zu einem Zimmer drei Schlüssel vorhanden sind.«

Jetzt gewann sie die Sprache wieder.

»Von wem haben Sie den Ihrigen, mein Herr?« fragte sie.

»Von Dem da!«

Bei diesen Worten nahm er die Maske ab. Sie fuhr einen Schritt


// 2609 //

zurück, dann aber warf sie sich ohne Rückhalt mit einem lauten Jubelruf in seine Arme.

»Curt! Mein Curt, mein lieber, lieber Curt. Du bist es, Du? O, Du schlimmer, Du gefährlicher, hinterlistiger Intriguant. Dich muß ich streng, sehr streng bestrafen.«

»Mit einem Kuß, meine Rosita, nicht wahr?«

»Nein, sondern mit dreien oder gar noch mehr!«

»Auf diese Wachsmaske?« fragte er, glücklich lächelnd.

»Ah, wahrhaftig, ich habe das häßliche Ding noch dran. Komm, Du Retter meines Vaters, Du darfst mich küssen ohne Maske.«

Sie riß die Maske vom Gesichte und warf sie zu Boden; dann lagen sie sich am Herzen und tauschen Kuß um Kuß in seliger Vergessenheit. Sie merkten nicht, daß draußen Schritte erklangen; sie bemerkten ebenso wenig, daß die Thür geöffnet wurde, und daß zwei Personen unter derselben erschienen und dort stehen blieben.

»O, wie un-, un-, unendlich glücklich bin ich, Dein liebes, liebes Gesichtchen wiederzusehen!« sagte Curt.

»Ich bin nicht minder glücklich!« gestand sie ihm. »Aber, nicht wahr, Du bringst mir den Vater mit?«

»Jawohl, jawohl, Du herziges Röschen. Ich bringe Dir ihn mit und werde ihn bitten, Dir all' mein Geschmeide aus der Höhle des Königsschatzes schenken zu dürfen, obgleich der garstige Hauptmann einst sagte, daß ich mir keine so großen Rosinen in den Kopf setzen solle.«

»Ich nehme es an, ich nehme es an. Ich habe Dir das ja versprochen unter der Bedingung, daß Du meinen lieben, guten, armen Vater rettest. Aber, wo hast Du ihn? Wo befindet er sich?«

»Hier!«

Dieses Wort ertönte von der Thür her. Rosa hatte es ausgesprochen. Die Beiden fuhren auseinander.

»Mama!« rief Röschen bestürzt.

»Gnädige Frau!« secundirte Curt erschrocken.

Da nahmen die Eltern ihre Masken ab und traten näher.

»Fürchte Dich nicht, mein lieber Curt!« sagte Sternau. »Glaubst Du, ich könnte den Augenblick vergessen, an welchem Du in unser Gefängniß tratest und den Kerkermeister niederwarfst, um uns zu retten? Wollte ich daran nicht denken, so würde Gott, der ein gerechter Vergelter aller Thaten ist, meiner auch vergessen.«

Röschen erkannte den Mann, mit dem sie bereits gestern gesprochen hatte. Es wurde ihr hell und sonnenklar, im Köpfchen und im Herzen.

"Vater!"

»Vater, mein Vater!« rief sie aus, und im nächsten Augenblicke hing sie an seinem Halse. »Vater, mein armer, mein schöner, mein stolzer Vater. Ich bin Deine Rosita, Dein Kind, Deine Tochter, Dein Röschen, welches gestorben wäre, wenn Du noch länger gezögert hättest, zu kommen!«

Da legte er die starken Arme um sie, hob sie hoch empor und betrachtete sie unter Wonnethränen hervor so, wie ein Kind die geliebte Puppe vor sich hin hält, um sie mit liebenden Blicken zu umfassen.


// 2610 //

»Röschen! Rosita! Mein Leben, meine Seele, mein Abgott! O, wie ist mir, wie wird mir. Ich muß mich setzen!«

Der starke Mann ließ sie wieder nieder und sank langsam auf einen Stuhl. Rechts von Rosa und links von Röschen umschlungen, weinten alle Drei Thränen des Schmerzes, der innigsten Rührung und des Entzückens zugleich. Curt fühlte, daß diese Herzen mehr Rechte an einander hatten als er an sie. Er schlich sich leise an ihnen vorüber und zur Thüre hinaus, wo er stehen blieb, um die Thränen zu trocknen, welche auch in seinem Auge standen. Dann kehrte er still nach dem Saale zurück.

Er hatte ganz vergessen, daß er jetzt ohne Maske sei. Als er eintrat, fielen die Blicke der Anwesenden auf ihn.

»Curt! Curt!« rief es vor und neben ihm, von rechts und von links. Erst jetzt dachte er an sein unverhülltes Gesicht.

Der Herzog und die Herzogin, Otto von Rodenstein nebst Flora, seiner Frau, Sternaus Schwester, sie Alle eilten auf ihn zu, ihre Masken entfernend, um von ihm erkannt zu werden. Sie glaubten, daß er nichts von ihrer Verkleidung wisse. Zu ihnen gesellte sich ein Prairiejäger und ein Wilddieb mit einer ungeheuren Nase, Ludewig und sein Herr, der Rodensteiner.

Er wurde von ihnen mit hundert Fragen bestürmt, welche so durcheinander geschleudert wurden, daß er auf keine einzige mit Bedacht zu antworten vermochte, bis endlich Rettung erschien. Sternau mit Frau und Tochter, welche eintraten, auch ohne Hülle vor ihren Gesichtern. Auch sie hatten vergessen sie wieder anzulegen. Kaum wurden sie bemerkt, so eilte Flora von Rodenstein auf den Herzog, ihren Vater zu.

»Papa! Vater!« rief sie. »Schau hin, wer da kommt. Erkennst Du ihn? Kennst Du ihn noch?«

Zugleich flog sie auf Sternau zu, warf ihm die Arme um den Nacken und schluchzte unter Thränen:

»Carlos, mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder!«

Sternau wollte erstaunt zurückweichen, da wurde er noch von vier Armen umschlungen.

»Mein Sohn! Mein Karl! Ist es wahr?« schluchzte seine Mutter.

»Mein Arzt und Retter! Mein Wohlthäter! Mein Sohn!« so klang es aus dem Munde des Herzogs.

Sternaus einfache, anspruchslose Schwester fand gar keinen Raum, zu ihrem Bruder zu gelangen. Es dauerte eine lange, lange Zeit, ehe der Sturm sich legte, den das Erscheinen Curts und Sternaus hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde eigentlich erst durch das Erscheinen des Großherzogs besiegt, welcher mit seiner Gemahlin und einigen bevorzugten Herren kam, um zu gratuliren.

Jetzt erst kam es zu einem geordneten Reden und zu einem wirklich zusammenhängenden Berichte. Es ist leicht erklärlich, daß man bis zur frühen Morgenstunde beisammenblieb, und da kamen nun auch diejenigen Personen zur Geltung, welche bisher in zweiter Reihe gestanden hatten: Resedilla und Pirnero, welche sich glücklich von Pirna hierhergefunden hatten, der schwarze Gérard, der kleine André, die beiden Häuptlinge und Karja. Außer Geierschnabel war auch Grande-


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prise zugegen, welcher mit nach Spanien gegangen war, um gegen Landola, seinem teuflischen Stiefbruder, zu zeugen.

Was aber war aus diesem Landola, aus Gasparino Cortejo und Clarissa, was war aus dem falschen Alfonzo, ihrem Sohne, geworden? Sternau, im Verein nach allen diesen Personen gefragt, antwortete:

»Die Entscheidung ist gefallen, und die Beweise sind geführt: Unser Mariano ist Graf Alfonzo de Rodriganda. Er mußte, um das Allernöthigste zu ordnen, in Rodriganda zurückbleiben, wird aber in einigen Tagen mit Amy Lindsay, seiner Braut, und ihrem Vater, dem Lord, hier eintreffen. Ich sehe zu meinem Erstaunen, daß aus dem einfachen Doctor Sternau ein Herzogssohn geworden ist. Unsere Schicksale haben uns gelehrt, daß der Mensch nur so viel werth ist, als er selbst wiegt, und daß Rang, Stand und Besitz nur eine sehr nebensächliche, decorative Bedeutung besitzen. Daher wird es Keinen von uns überraschen, daß Curt, der Steuermannssohn, mein und unser Aller Retter, durch das, was er für uns that, sich uns Allen gleich und ebenbürtig gestellt hat. Unserer Feinde wollen wir nur kurz gedenken. Clarissa spinnt für lebenslang Flachs im engen Kerker, Landola und Cortejo sind unter der Hand des Henkers gefallen, und Alfonzo, der falsche Graf, büßt seine Thaten als Sträfling ohne eine jede Aussicht auf spätere Begnadigung. Sie haben ihren Lohn; darum soll auch unser Curt den Lohn empfangen, welcher ihm verheißen worden ist. Eine herzogliche Prinzeß von Olsunna muß Wort halten. Röschen, stehe auf und sage unserem Retter, daß er von uns die Erlaubniß empfängt, Dir sein Andenken an die Höhle des Königsschatzes an Eurem Ehrentage als Brautgeschmeide anzulegen. Gott segne Euch so wie er uns Alle fortan beschützen möge.«

Die Wirkung dieser Worte läßt sich unmöglich beschreiben. Alles rief, staunte, fragte, frohlockte, gratulirte, weinte und lachte durcheinander. Aber Zwei standen in der Ecke des Saales, in Liebe umschlungen, und weinten heiße Zähren der Herzenswonne und des Dankes gegen Gott: die einfachen Eltern Curt's, deren Glück nur dadurch gesteigert werden konnte, daß Waldröschen herbeikam, sie Beide herzlich umarmte und küßte und dann zu dem Kreise der Anderen zog.

Die Sonne ging auf. Ihre ersten Strahlen fielen in goldigem Purpur zum Fenster herein auf die so seltsame Versammlung von Personen, welche, so lang, hart und schwer geprüft, nun endlich sich die Garantieen eines reinen, ungetrübten und dauernden Glückes errungen hatten. Da öffnete sich die Thür, und die hohe, ernste Greisengestalt des Grafen Emanuel trat ein. Alle außer Sternau und Rosa erwarteten, ihm sein »Ich bin der brave, treue Alimpo«, aussprechen zu hören. Aber ehe er noch zu Worte kam, stand bereits Einer vor ihm, welcher die Arme zur Begrüßung ausbreitete:

»Emanuel! Bruder! O Gott, wäre er doch nicht krank.«

Der Angeredete warf einen langen, forschenden Blick in das Gesicht des Andern und antwortete dann:

»Ferdinando! Bruder! Du lebst? Man sagte mir doch wohl vor einigen Tagen, daß Du gestorben und begraben seiest.«

»Er redet! Er spricht. Er kann denken. Gott, Gott, Allmächtiger, wir danken Dir.«


// 2612 //

Bei diesem Ausrufe Ferdinando's lagen sich die beiden Brüder in den Armen. Sternau aber trat hinzu und führte sie in ein anderes Gemach. Die zurückgekehrte Denkkraft Emanuels war noch viel zu schwach, um das verwickelte Material, welches vor ihm lag, zu überwinden und zu entwirren.

Er wurde wieder hergestellt. Ferdinando kehrte nicht wieder nach Mexiko zurück, er verkaufte seine dortigen Güter und blieb mit Emanuel auf dem deutschen Rodriganda. Mariano, der junge Graf, residirte mit seiner glücklichen Amy auf dem spanischen Rodriganda, war und ist aber sehr oft Gast bei seinen deutschen Verwandten. Sternau, der einstige Arzt, weiß die Traditionen seines herzoglichen Hauses in Spanien an der Seite seiner noch immer schönen Rosa würdig zu vertreten. Otto von Rodenstein mit Flora befinden sich sehr oft bei ihm. Alimpo lebt mit Elvira bei Graf Emanuel. Der Rodensteiner zankt sich auch jetzt noch täglich mit Ludewig und mit seinem Podagra. Der kleine André wohnt mit Frau Emilia bei Anton Helmers und dessen Emma auf der Hazienda del Erina, während der alte Petro Arbellez sich zur Ruhe gesetzt hat. Der schwarze Gérard lebt mit Frau und Schwiegervater in der Hauptstadt Mexiko. Büffelstirn jagt noch immer die Bisons und Bären und kehrt zuweilen auf der Hazienda ein. Bärenherz hat Karja als seine Squaw mit nach den Jagd- und Weidegründen der Apachen genommen, um mit seinem Bruder Bärenauge sich in die Herrschaft der tapferen Stämme zu theilen.

Waldröschen ist die glücklichste der jungen Frauen. Ihr Mann ist bereits Oberst in norddeutschen Diensten, wenn man hier auch nicht verrathen darf, in welcher Garnison. Beide wiegen abwechselnd auf ihren Knieen ein kleines, niedliches Waldknösplein, welches verspricht, einst ein prachtvolles Röschen zu werden.

Und die Anderen, welche noch zu erwähnen wären? Zarba, die Zigeunerin, nebst ihren Leuten, Pepi und Zilli, die schönen Mexikanerinnen, nebst Berthold und Willmann, den beiden österreichischen Aerzten, wo sind sie geblieben? Was ist ferner aus dem Gärtner Bernardo geworden, welcher mit Don Ferdinando aus Härrär entfloh, und aus Wagner, dem braven, deutschen Seecapitän? Nun, diese beiden Letzteren sind reichlich belohnt worden und jetzt wohlhabende Herren. Ueber die Anderen aber bereitet sich noch heut ein ebenso mystisches wie hochinteressantes Dunkel, welches sich erst dann lichten kann, wenn der geneigte Leser so freundlich ist, einen Blick in den Roman »Der verlorene Sohn« zu werfen, welcher von demselben Verfasser geschrieben ist und bei demselben Verleger zur Ausgabe gelangt wie das gegenwärtig von allen lieben Freunden herzlichen Abschied nehmende »Waldröschen


Ende der einhundertneunten Lieferung.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk