Lieferung 15

Karl May

3. März 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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Jetzt führte Cortejo die Gouvernante durch die weiteren Räume und endlich auch in die für sie bestimmte Wohnung, welche aus drei Zimmern bestand. Die Gouvernante musterte die Einrichtung mit Erstaunen; es hätte eine Herzogin hier wohnen können. Sie fühlte sich von der hier überall hervortretenden Ueppigkeit sehr unangenehm berührt, gab aber diesem Gefühle keinen Ausdruck.

»Nun sind wir mit unserem Rundgange zu Ende, Sennora,« sagte der Haushofmeister, »und wollen, wenn Sie erlauben, unsere Entscheidung treffen.«

»Ich stehe Ihnen zur Verfügung.«

Sie setzten sich Beide nieder.

Die Deutsche ahnte nicht, daß von hier aus eine Tapetenwand nach der Wohnung des Herzogs führte, und daß dieser hinter der Wand stand, um sie durch ein in der Tapetenzeichnung gut verborgenes Loch zu beobachten.

»Ich will Ihnen offen gestehen,« begann Cortejo, »daß ich Ihnen mein volles Vertrauen schenke. Besonders hat mich die Art und Weise, wie Sie sich sofort zur Prinzeß Flora stellten, angenehm berührt.«

»Die Prinzeß ist zu steif und gemüthlos behandelt worden. So ein Kind will von Herz zu Herz genommen werden,« schaltete die Gouvernante ein.

»Sie werden das besser verstehen als Ihre Vorgängerinnen. Ich bin bereit Sie zu engagiren, Sennora. Darf ich auch Ihre Meinung vernehmen?«

Sie erröthete vor Glück und antwortete:

»Auch ich sage »Ja« und bitte Gott, daß er mir Kräfte gebe, diesem guten Kinde die Mutter möglichst zu ersetzen.«

Bei diesen Worten trat ihr eine Thräne in das Auge. Auch Cortejo that, als ob er sich gerührt fühle, und fragte:

»Welche pekuniären Ansprüche machen Sie?«

»Ich bitte, mir dasselbe zu gewähren, was meine Vorgängerinnen hatten.«

»Sie erhielten vierhundert Duros. Ich werde für Sie jedoch fünfhundert notiren, Sennorita.«

Da schlug sie vor Glück die Hände zusammen.

»Mein Gott, so viel! O, nun kann ich auch meine Mutter und Geschwister besser bedenken!«

Cortejo nickte ihr anerkennend zu. Er sah, daß sich das vordere Glied eines Fingers durch das Loch in der Tapete steckte. Er verstand dieses Zeichen und erklärte:

»Ich freue mich über die Anwendung, die Sie von Ihrem Gehalte zu machen gedenken. Ich begreife, daß die Veränderung, welche Ihre Verhältnisse heute erleiden, Sie zu mancher unvorhergesehenen Ausgabe veranlassen wird und bitte Sie daher um die Erlaubniß, aus der Privatschatulle des Herzogs eine Extraremuneration von zweihundert Duros anzunehmen. Ein Vierteljahrgehalt wird Ihnen außerdem pränumerando ausgehändigt werden.«

Sie fuhr empor und stand sprachlos vor Erstaunen da.

»O, mein Gott, ist das möglich!« rief sie endlich. »Das ist ja eine Seligkeit, wie ich sie noch nie empfunden habe. Sennor, Sie wissen wohl nicht, was es heißt, arm zu sein; Sie machen nicht blos mich, Sie machen auch die Meinen glücklich, durch diese unverdiente Gnade. Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen!«


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»Nicht mir danken Sie; thun Sie das morgen, wenn Sie dem Herzog vorgestellt werden. Wann werden Sie antreten können?«

»Sobald Sie es wünschen, Sennor.«

»Also morgen. Ich werde früh Ihre Effekten abholen lassen.«

»Und noch eine Frage!« sagte sie. »Welches ist hier meine Stellung zur Dienerschaft?«

»Serenissimus sind Wittwer, und darnach richtet sich Alles Andere. Der Herzog speist stets auf seinem Zimmer, und wir Anderen, auch Sie mit inbegriffen, thun dasselbe. Sie sind Erzieherin, aber nicht Dienerin; die Domestiken haben Ihnen zu gehorchen.«

»Ich danke Ihnen.«

»Haben Sie sonst noch eine Frage?«

»Für jetzt nicht. Sollte ich mich später in einer Ungewißheit befinden, so bitte ich Sie um die Erlaubniß, mich an Sie wenden zu dürfen.«

»Ich stehe Ihnen stets und gern zur Verfügung.«

Sie ging, und Cortejo führte sie bis zum Portale des Palais, wo er sie mit einer höflichen Verbeugung entließ. Sie schwebte mehr als sie ging nach Hause. Sie hatte einen Punkt, einen Halt im Leben gewonnen, von dem sie vorher nicht einmal geträumt hatte.

Als sie im Hause des Bankiers nach ihrem Zimmer schritt, traf sie auf Sternau, der zufällig aus seiner Wohnung kam. Er blieb überrascht über den glücklichen Ausdruck ihres Angesichtes stehen.

»Bitte, kommen Sie einmal!« bat sie.

Er folgte ihr, verwundert über diese Einladung.

In ihrem Zimmer angekommen, warf sie die Mantille, welche sie nach spanischer Sitte trug, auf einen Stuhl, athmete tief auf und fragte ihn:

»Rathen Sie einmal, woher ich komme!«

»Geradewegs vom Himmel herab,« antwortete er.

»Weshalb sagen Sie das?«

»Weil Sie so verklärt aussehen.«

»Ja, ich bin glücklich, unendlich glücklich! Ich habe eine Stellung!«

»Ah!«

»Rathen Sie, wo!«

»Wo? Das ist nicht zu errathen. Vielleicht ist es Diejenige, welche gestern im Blatte stand.«

»Ja, sie ist's!«

»Hm!« machte er mit zweifelhaftem Gesichtsausdrucke.

»Warum dieses Gesicht und diese Interjection?«

»Weil ich mir nicht denken kann, daß eine Stellung, welche in allen drei Blättern dieser Stadt ausgeboten ist, eine so excellente ist, daß man sich wie im Himmel fühlen muß.«

»Und doch ist's so! O, wenn Sie wüßten!«

»Vielleicht erfahre ich es,« sagte er, lächelnd über ihre Begeisterung.

»Welch' ein Gehalt!«

»Wie viel?« fragte er.


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»Fünfhundert Duros.«

»Das ist allerdings bedeutend, ja, das ist sogar Bedenken erregend!«

»Und zweihundert Duros Extraremuneration!«

»Der Tausend! Ist's wahr?«

»Natürlich!« jubelte sie.

Er hätte sie am Liebsten umarmen mögen, so schön stand sie in ihrem Glücke vor ihm; aber er zwang sich, kalt zu bleiben; er wollte für sie denken und vorsichtig sein.

»Das ist ja überraschend; das ist ganz außerordentlich! Bei wem ist die Stelle?«

»Bei einem Herzoge!«

»Ah! Das ist etwas Anderes! Das wäre allerdings ein ungeahntes Glück für Sie. Welcher Herzog ist es, Fräulein Wilhelmi?«

»Der Herzog von Olsunna.«

»Der sein Palais hier in der Stadt hat?«

»Ja.«

Der Erzieher hatte auf einmal seine Miene vollständig geändert.

»Waren Sie dort?« fragte er.

»Ja.« »Haben Sie den Herzog selbst gesprochen?«

»Nein.«

»Wen sonst?

»Seinen Haushofmeister.«

»Hm!«

»Was haben Sie? Warum sind Sie auf einmal so ernst?«

»Fräulein Wilhelmi, es giebt Dinge, über welche man am Liebsten schweigt, die man aber doch zur Sprache bringen muß, wenn die Lage dazu zwingt.«

»Was haben Sie? Wozu diese ernste Einleitung?«

»Glauben Sie, daß ich es gut mit Ihnen meine?«

»Ich bin davon überzeugt!«

»Nun wohl, so werde ich aufrichtig mit Ihnen sprechen. Haben Sie den Herzog einmal gesehen?«

»Nein.«

»Ich sah ihn einige Male. Er ist von langer, starker, kraftstrotzender Gestalt.«

»Nun?« fragte sie.

Sie konnte sich nicht denken, wozu diese Personalbeschreibung dienen solle. Sternau fuhr fort:

»Er trägt einen starken, blonden Vollbart.«

»Aber, Herr Sternau, warum sagen Sie mir das? Ich werde das Alles ja selbst sehen!«

Der Deutsche fuhr unbeirrt fort:

»Ich war kürzlich bei einem Juwelier, um mir eine kleine Reparatur zu bestellen. Dort sah ich eine wundervolle Garnitur von Steinen. Ihr hoher Werth fiel mir auf, und ich fragte nach dem Besitzer.«


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»Sie gehörten wohl dem Herzoge, wie ich errathe?«

»Allerdings.«

»Aber was hat dies mit meiner Anstellung zu thun?«

»Unter Umständen sehr viel. Die Steine waren neu gefaßt worden, und diese Fassung war eine so eigenthümliche und fremdartige, daß man sie später auf alle Fälle wieder erkennen mußte. Ich habe diese Steine auch bald darauf wiedergesehen.«

»Wo?« fragte die Gouvernante.

»In Ihrem Zimmer.«

»Sie scherzen!«

»Ich spreche sehr im Ernste!«

»Wie soll eine kostbare Garnitur von edlen Steinen in mein armes Zimmer kommen?«

»Ich sah sie an dem Gewande des Persers, den ich zur Treppe hinab warf.«

Da erschrak die Gouvernante. Es wurde ihr klar, welchen Zweck diese Erzählung hatte.

»Sie irren sich wohl?«

»Nein. Auch der Perser war hoch und stark gebaut. Er hatte die Larve bis zum Mund emporgeschoben, und so bemerkte ich, daß er einen starken, blonden Vollbart trug.«

Jetzt erschrak sie wirklich, denn sie hatte diesen Bart ja deutlich genug gesehen und gefühlt, als der Perser sie küßte.

»Und Sie denken -?« stotterte sie.

»Daß jener unverschämte Eindringling kein Anderer war, als der Herzog von Olsunna.«

»Unmöglich!«

»Bei mir steht es außer allem Zweifel.«

»Aber warum mich dann als Erzieherin engagiren?«

»Ich überlasse es Ihnen, darüber nachzudenken. Am ersten Tage lernt man eine Dame kennen; am zweiten überlegt man es sich, wie sie zu gewinnen ist, und trägt die Annonce in die Zeitungsexpedition; am dritten wird sie von ihr gelesen und beantwortet; am vierten wird sie unter Bedingungen engagirt, die so glänzend sind, daß sie Verdacht erregen müssen, und am fünften tritt die Dame ihre Stellung an. Oder sollte ich mich hierin irren?«

»Nein. Sie rathen richtig.«

»Sie treten morgen an?«

»Ja.«

»Nun, da haben Sie den rapiden Verlauf des Abenteuers vor Augen. Ich habe nicht das Recht, Ihnen einen Rath zu ertheilen, aber ich habe die Pflicht, zu warnen, und das thue ich hiermit.«

»Der Herzog ist ja gar nicht da. Er ist verreist!«

»So!«

»Ich kann unmöglich glauben, daß eine fürstliche Persönlichkeit das einzige Kind einer Person anvertraut, die man nur engagirt, um - -«

Sie stockte erröthend und fuhr nicht weiter fort. Da klopfte es an die Thür,


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und es trat der Diener herein, welchen sie bereits zwei Mal gesehen hatte. Er verbeugte sich vor den Beiden mit ausgesuchter Höflichkeit und meldete:

»Sennora, ich werde von Sennor Cortejo, dem Haushofmeister des Herzogs von Olsunna, gesendet, Ihnen dieses Couvert zu übergeben.«

»Sollen Sie auf Antwort warten«

»Nein. Leben Sie wohl!«

Er ging. Die Gouvernante erwartete, daß das Couvert eine schriftliche Mittheilung enthalte, als sie jedoch öffnete, fiel ihr eine Anzahl Banknoten in die Hand.

»Ah, sehen Sie, wie rücksichtsvoll man ist!« rief sie erfreut.

Sie zählte.

»Vierhundert Duros!« sagte Sternau, welcher mit den Augen auch gezählt hatte.

»Dreihundertfünfundzwanzig erwartete ich blos,« meinte sie.

»Ja, man ist rücksichtsvoll; man sendet Ihnen die runde Summe,« sagte er bitter.

»Aber, Herr Sternau, ein Herzog rechnet anders, als -«

»Aber ein Haushofmeister nicht!«

»Nun, so wird man mir den Ueberschuß beim nächsten Quartal in Abrechnung bringen! Ich bin ja unendlich glücklich, meiner Mutter eine Summe schicken zu können!«

Er preßte die Lippen zusammen.

»Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie so glücklich bleiben. Hätte ich ein Recht dazu, so würde ich Sie bitten, dieses Geld einfach zurückzusenden.«

»Nein, das geht nicht. Denken Sie doch, was man von mir sagen würde! Man bietet mir eine so ausgezeichnete Stellung an; ich sage zu; man bezahlt mich sofort, und zum Dank dafür, sage ich wieder ab. Nein, nein, das geht nicht! Sie sehen zu schwarz; ich fürchte nichts!«

»So werden Sie also morgen dieses Haus verlassen?«

»Ja.«

»Und Ihren Ansprüchen an Salmonno entsagen?«

»Ja.«

»Sie haben noch Gehalt bei ihm stehen?

»Gerade fünfzig Duros, außer Dem, was ich für das angetretene Vierteljahr zu erhalten habe.«

»Wollen Sie mir erlauben, an Ihrer Stelle mit ihm zu sprechen?«

»Ich bitte Sie darum, Herr Sternau! Ich scheue mich vor dieser Art Verhandlungen.«

»Ich werde sogleich zu ihm gehen.«

Er verließ das Zimmer. Draußen blieb er stehen und legte die Hand auf das Herz; er fühlte das erregte Klopfen desselben durch die Kleidung hindurch.

»Mein Gott, sie geht; sie ist verloren!« murmelte er. »Das Geld hat sie verblendet, und ich habe nicht genug Einfluß auf sie, um sie zu retten! Welch' ein Jammer, welch' eine Qual!«

Er stieg die Treppe hinab und trat in das Comptoir. Die freundlichen Blicke,


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welche ihm von allen Seiten zugeworfen wurden, bewiesen, wie sehr man ihn hier achtete. Er klopfte an die eisenbeschlagene Thür des Prinzipals, mußte wieder auf das »Entrada« warten, und trat, als er es endlich hörte, hinein.

Was wollt Ihr?

»Was wollt Ihr?« fuhr der Bankier auf. »Doch nicht schon wieder Geld?«

»Jawohl, Geld!« antwortete Sternau trocken.

Salmonno sprang auf und öffnete vor Schreck den Mund übermäßig weit.

»Seid Ihr bei Troste!«

»Ja.«

»Ihr habt ja Euer Geld erhalten!«

»Das ist richtig, Don Salmonno. Ich will es a auch nicht für mich.«

»Für wen denn?«

»Welche Frage! Ihr habt wohl vergessen, daß Ihr mich batet, Sennora Wilhelmi zu sagen, daß sie Euer Haus verlassen solle?«

»Ach so! Hm! Ihr wolltet aber doch von der Sache ganz und gar nichts wissen!«

»Ja, man ist eben zu gut, zu gefügig, zu gefällig und zu rücksichtsvoll. Ich überlegte es mir doch noch, daß ich mir Euern Dank verdienen würde, wenn ich mich an Eurer Stelle in das Feuer stürzte. Darum habe ich noch nachträglich mit ihr gesprochen.«

»Was sagte sie?«

»Sie will nicht.«

»Ah, sie muß!«

»Wer will sie zwingen?«

»Ich jage sie aus dem Hause!«

»So geht sie zur Polizei, meldet Euer Verhalten an und läßt sich auf Eure Kosten die betreffenden einundzwanzig Wochen lang im feinsten Hotel verpflegen.«

Der Mund des Bankiers öffnete sich noch weiter als vorher.

»Kann sie das?«

»Freilich! Das Gesetz lautet ja so.«

»O Gott, was seid Ihr Deutschen doch für schlechte Menschen!«

»Und Ihr Spanier für Geizhälse! Welches Gehalt bezieht Sennora Wilhelmi bei Euch?«

»Zweihundert Duros.«

»Also vierteljährlich fünfzig?«

»Ja.«

»Auf das laufende Vierteljahr habt Ihr ihr noch nichts gegeben?«

»Nein; es ist ja noch gar nicht vergangen!«

»Und Ihr habt vierteljährliche Kündigung?«

»Ja.«

»Nun gut, so wollen wir einmal summiren, was sie zu beanspruchen hat, wenn sie Euer Haus augenblicklich verlassen soll.«

»Nun?«

»Die fünfzig Duros, welche sie bei Euch stehen hat. Stimmt dies?«

»Ja.«


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»Sodann die fünfzig Duros für das laufende und wieder fünfzig für das kommende Quartal, macht zusammen hundertundfünfzig.«

»Der Teufel wird es ihr auszahlen!«

»Redet nicht! Ihr kommt doch nicht frei! Ferner habt ihr fünf Monate lang für ihre Beköstigung, für Beleuchtung, Feuerung und Anderes, was Alles zur freien Station gehört, zu sorgen.«

»Sennor,« schrie der Bankier, »wollt Ihr mich todt ärgern?«

»Nein, ich will Euch blos behilflich sein, diesen theuren Gast schnell los zu werden.«

»Ach so! Was rathet Ihr mir?«

»Wie hoch rechnet Ihr die Station für eine Dame?«

»Zwei Duros für die Woche.«

»Das möchte eine schöne Dame sein! Wenn sie auf Eure Kosten in ein Hotel zieht, müßt Ihr wenigstens acht bis zehn Duros bezahlen. Sagen wir also fünf. Das macht in einundzwanzig Wochen hundertundfünf Duros.«

»Sennor, ich werfe Euch hinaus!«

»Ich habe nichts dawider, aber dann werdet Ihr die Gouvernante nicht los. Ich werde jetzt zu ihr gehen und sie zu beschwatzen suchen, daß sie auf die freie Station verzichtet und sich mit dem Gehalte begnügt.«

»Mit hundertfünfzig?«

»Ja.«

»Die gebe ich nicht!«

»Gut, so zahlt noch hundert mehr! Mich geht die Sache nichts an. Macht, was Ihr wollt!«

Er drehte sich um, ging zur Thür und öffnete dieselbe.

»Halt!« rief der Bankier. »Kommt nochmals her! Ich habe mich über dieses Frauenzimmer genug geärgert; ich mag nichts mehr von ihr wissen. Denkt Ihr wirklich, daß sie es nicht anders thut?«

»Nein. Ich an Ihrer Stelle würde Euch keinen einzigen Duro erlassen, das seid versichert.«

»Ja, Ihr seid ein gewaltthätiger und gefühlloser Mensch. Ich sollte Euch die Erziehung meines Jungen gar nicht anvertrauen. Also geht hinauf und sagt ihr, daß sie die hundertfünfzig haben soll, wenn sie auf alles Andere verzichtet.«

»Gebt mir das Geld mit!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Warum nicht? Der Anblick des Geldes lockt. Wenn sie es sieht, wird sie sich bereden lassen!«

»Nein. Sie wird es nehmen und das Andere doch noch verlangen.«

»In diesem Falle werde ich es gar nicht geben.«

»Steht Ihr mir gut dafür?«

»Ich verbürge mich!«

»Gut, so sollt Ihr das Geld haben, in Wechseln.«

»Daraus wird nichts. Da macht sie nicht mit.«

»Sie wird!«

»Nein. Ein Frauenzimmer nimmt keine Wechsel, weil es nicht damit umzugehen versteht.«


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»So erhaltet Ihr Banknoten.«

»Ich will Gold oder Silber!«

»Habe ich nicht!«

»So sind wir fertig. Adieu, Don Salmonno!«

Er schritt nach der Thür.

»Halt! Ihr sollt Münze haben! Ihr seid ein ganz schrecklicher Mensch. Es ist nicht zum Aushalten!«

Er suchte die Summe in den schlechtesten Münzen hervor. Sternau nahm das Geld und sagte noch:

»Nun noch Eins! Sie mag einen Revers unterschreiben, daß Ihr beiderseits keine Ansprüche von einander zu erheben habt. Ihr seht also, daß ich sehr auf Euer Vortheil sehe!«

»Ja, vorsichtig seid Ihr, das gebe ich zu. Hier habt Ihr Papier. Schreibt den Revers!«

»Zwei müssen es sein.«

»Warum?«

»Einer für Euch und einer für sie.«

»Meinetwegen!«

Sternau fertigte zwei Exemplare aus, welche Salmonno unterschrieb, dann begab er sich wieder nach oben, wo er die Gouvernante eben beschäftigt fand, an ihre Mutter zu schreiben.

»Nun, was haben Sie erreicht?« fragte sie.

»Mehr, als ich dachte. Hier haben Sie!«

Er legte ihr das Geld vor.

»Hundertfünfzig Duros!« rief sie staunend. »Wie haben Sie ihn dazu bringen können?«

»Er hat sich überlisten lassen,« lächelte er. »Bitte, unterzeichnen Sie diese beiden Reverse!«

»Wozu?«

»Wenn er hört, daß Sie sofort in eine neue Stellung gegangen sind, ist er im Stande, das voraus bezahlte Gehalt wieder zurück zu verlangen. Hier aber erklärt er, daß er keinerlei Forderung an Sie zu machen hat.«

Sie unterschrieb.

»Den einen Revers behalten Sie, und den andern bekommt Salmonno. Ihn habe ich überlistet, gegen Sie jedoch will ich ehrlich sein. Wollen Sie mir eine sehr große Bitte erfüllen?«

»Wenn ich kann, herzlich gern.«

»Sie haben vorhin eine Summe erhalten, welche für Ihre gegenwärtigen Bedürfnisse ausreicht?«

»Allerdings, Herr Sternau.«

»Geben Sie mir diese hundertfünfzig Duros! Ich brauche sie sehr nöthig und zahle sie Ihnen zurück, sobald es mir möglich ist oder sobald Sie diese Summe nothwendig brauchen!«

Sie blickte ihn überrascht an. Er war der Mann nicht, der von ihr Geld borgen kam.


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»Herr Sternau, brauchen Sie es wirklich?«

»Ja.«

»Ich will nicht fragen, wozu. Hier ist es. Fast ahne ich, warum Sie diese Bitte aussprechen!«

»Was wollen Sie, Fräulein Wilhelmi. Wir sind Landsleute und müssen einander aushelfen!«

Er gab sich alle Mühe, diese Worte in einem leichten Tone zu sprechen, aber es gelang ihm nicht; seine Stimme bebte, und in seinem Auge stieg ein dunkler feuchter Schimmer auf. Sie fühlte sich doch ergriffen und streckte ihm die Hand entgegen.

»Ich weiß, daß Sie es gut meinen. Ich werde stets mit Achtung an Sie denken!« sagte sie.

»Wollen Sie sich meiner zuweilen erinnern?«

»Gern.«

»Und zu mir kommen, wenn Sie eines Freundes bedürfen?«

»Ich verspreche es Ihnen.«

»So lassen Sie uns gleich jetzt einander Abschied sagen!«

»Warum schon jetzt? Warum nicht erst morgen, wenn ich gehe, Herr Sternau?«

»Ich glaube nicht, daß ich morgen zu Hause sein werde. Nehmen Sie meine innigsten Wünsche mit in ihr neues Wirken. Gott behüte Sie vor jeder Enttäuschung und wende das, was Sie mit so großem Vertrauen unternommen haben, zu Ihrem Besten. Leben Sie wohl!«

Er ergriff ihre Hände, zog dieselben an sein Herz und an seine Lippen und eilte dann hinaus. Sie blieb zurück. Es war ein eigenthümliches, banges Gefühl, welches sie ergriff, fast wie Reue, daß sie erst ohne seinen Rath gehandelt und dann auch gegen seine Ansicht das viele Geld behalten hatte. Sie suchte dieses Gefühl zu beherrschen, aber es gelang ihr nicht, und der Abend, den sie als den letzten im Hause des Bankiers verlebte, war ein einsamer. Selbst die Nacht brachte ihr weder Schlaf noch Ruhe, und als sie sich am Morgen erhob, war es ihr, als ob ein großer Theil ihres Lebensmuthes und Selbstvertrauens verloren gegangen sei.

Bereits am Vormittage kamen einige Bedienstete des Herzogs, um die Effekten der Gouvernante abzuholen, und kurze Zeit später hielt sogar ein Wagen vor der Thür, welcher für sie selbst bestimmt war. Sie hatte bereits vorher von Salmonno Abschied genommen und stieg ein. Dabei warf sie einen Blick nach oben, konnte aber von Sternau nichts bemerken. Aber als sie später sich noch einmal umdrehte, da sah sie ihn in gebrochener Haltung oben auf seinem Balkon stehen, auf demselben Balkon, von welchem aus er gesehen hatte, daß sie dem Perser die Busenschleife zuwarf. Dieser Wagen mit dem herzoglichen Wappen entführte ihm sein Lebensglück.

Als sie vor dem Palais ausstieg, wurde sie von dem Haushofmeister empfangen, der sie nach ihrer Wohnung geleitete und ihr eine weibliche Bedienung zuwies. Sie packte nun zunächst ihre Koffer aus und begab sich sodann in das Zimmer der kleinen Prinzessin.

Die Bonne war da. Sie reichte ihr die Hand entgegen und bat:


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»Lassen Sie uns Freunde sein, Sennorita! Das Schicksal hat uns zusammengeführt, und nun gilt es, in Frieden und Eintracht neben einander zu wirken.«

Die Bonne war eine kleine, höchst erregbare Südfranzösin, Sie machte ein grimmiges Gesicht und that, als ob sie die dargestreckte Hand gar nicht bemerke.

»Aber bitte, was habe ich Ihnen gethan?« fragte die Gouvernante.

»Ich mag Sie nicht!« lautete die trotzige Antwort.

»Warum nicht?«

»Ich soll es nicht sagen, aber ich sage es doch! Sie haben meine Freundin verdrängt.«

»Wer ist diese Freundin?«

»Mademoiselle Charoy, die vorige Gouvernante.«

»Aber die habe ich ja nicht verdrängt!«

»Doch! Sie hat Ihnen weichen müssen!«

»Das ist nicht wahr. Sie ist eines plötzlichen Todesfalles wegen auf ihre eigene Bitte entlassen worden.«

»Ah, wer sagte das?«

»Der Herr Haushofmeister.«

»Dieser Lügner und Gleißner, dieser Cortejo? Hahaha! Und mir hat er streng verboten, Ihnen zu sagen, wie es eigentlich ist.«

»Nun, wie ist es eigentlich?«

»Er kam zu Mademoiselle Charoy und sagte ihr, daß man für eine kurze Zeit eine andere Dame als Gouvernante hier plaziren werde; sie solle ihr Gehalt fort beziehen und einstweilen zu ihren Eltern auf Urlaub gehen. Dann kamen Sie und erhielten sofort den intimsten Theil derjenigen Gemächer, welche die verstorbene Herzogin bewohnt hat. Ihre Zimmer stoßen direkt an diejenigen des Herzogs. Warum quartierte man Sie nicht in die Gouvernantenwohnung ein? O, man weiß, was dies zu bedeuten hat!«

Die Gouvernante erbleichte. Es war ihr, als ob sie mit eiskaltem Wasser begossen werde. Sollte Sternau das Richtige geahnt haben! Sie nahm sich möglichst zusammen und antwortete

»Bitte, sagen Sie mir Ihren Namen?«

»Man nennt mich hier Jeanette. Sagen Sie nicht Sennora zu mir. Ich bin eine Französin.«

»Nun wohl, Mademoiselle Jeanette, ich bitte Sie, mich einen Augenblick lang ruhig und ohne Bitterkeit anzuhören. Es thut mir leid, daß ich Ihr freundschaftliches Zusammensein mit Mademoiselle Charoy gestört habe, aber ich trage wirklich die Schuld nicht daran. Ich las im Blatte, daß eine Gouvernante gesucht werde; ich meldete mich und wurde engagirt, das ist Alles.«

»Sie wußten nicht, wo die Stelle war?«

»Nein. Seien Sie aufrichtig gegen mich, damit ich mich so verhalten kann, daß ich mir Ihre Zufriedenheit und Freundschaft erwerbe. Können Sie mir sagen, wann der Herzog von seiner Reise zurückgekehrt ist?«

»Der Herzog? Von seiner Reise? Er war ja gar nicht verreist.«

»Nicht gestern, als ich hier war?«

»Nein, um diese Zeit hatte er sich auf seine Gemächer zurückgezogen.«


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»Mein Gott, so hat man mich belogen! Und diese Gemächer stoßen wirklich an meine Wohnung?«

»Unmittelbar.«

»Und noch eine Frage: Wo ist der Herzog am ersten Tage des Karnevals gewesen?«

»Das wissen wir nicht. Er ging als Maske fort.«

»Welche Maske trug er?«

»Er war als Perser gekleidet.«

»Ich danke Ihnen, Mademoiselle! Ich bin überzeugt, daß wir noch recht gute Freundinnen werden, denn Sie werden bald einsehen, daß Sie mich falsch beurtheilt haben. Wo befindet sich unsere Prinzeß?«

»Sie ist um diese Zeit stets bei ihrem Papa.«

»Wann wird man sie sehen können?«

»In kurzer Zeit bereits.«

»So werde ich wieder kommen.«

Sie begab sich in ihre Wohnung zurück. Alle ihre Begeisterung war verschwunden; von der Höhe des geträumten Glückes war sie gleich am ersten Tage herunter gestürzt. Was sollte sie thun? Das Palais verlassen? Das Geld zurückgeben, dessen größter Theil bereits unterwegs nach Deutschland war? Zu Sternau gehen und ihm eingestehen, daß er Recht gehabt habe? Nein, und abermals nein. Noch konnte sie Nichts beweisen. Sie wollte ihre Vorkehrungen treffen und dann das Weitere abwarten.

Zunächst untersuchte sie ihr Schlafzimmer. Durch Klopfen überzeugte sie sich, daß es durch eine Tapetenthür mit der Wohnung des Herzogs verbunden sei, daß die eine Seite desjenigen Zimmers, in welchem sie gestern mit Cortejo gesessen hatte, aus einer dünnen Bretterwand bestand, welche mit Tapete überkleidet war. Wie leicht war es, sie durch irgend eine Oeffnung zu beobachten oder gar zu überfallen. Ihr Entschluß stand fest.

Noch in dieses Grübeln versunken, wurde sie von einem der Diener gestört, welcher ihr meldete, daß der Herzog Sennorita Wilhelmi zu sprechen wünsche. Sie wurde von ihm nach dem Vorzimmer geleitet und trat dann in den eigentlichen Empfangsraum.

Dort saß der Herzog in einem kostbar geschnitzten Sessel, ein offenes Zeitungsblatt in der Hand.

Ja, das war die ganze Gestalt des Persers; das war der blonde Vollbart, der sich gewaltsam auf ihre Lippen gelegt und ihre Wange gestreift hatte, nur jetzt ein wenig verschnitten, wohl aus Vorsicht, um ja nicht erkannt zu werden.

Die Gouvernante verbeugte sich. Die Befangenheit, welche man sonst wohl in Gegenwart so hoch gestellter Persönlichkeiten empfindet, gab es bei ihr nicht. Sie sah in dem Herzoge nur die Maske, welche Sternau zur Treppe hinabgeworfen hatte. Sie fühlte, daß ein fester Muth ihr Herz erfüllte.

»Sennorita Wilhelmi?« fragte der Herzog.

Sie verneigte sich bejahend.

Ja, das war auch dieselbe Stimme, welche in ihrem Zimmer so gleißnerisch gesprochen hatte.


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»Mein Haushofmeister sagte mir bei meiner Rückkehr von einer Reise, daß er Sie als Erzieherin meiner Tochter engagirt habe - -«

Er hielt inne, als erwartete er von ihr eine unterthänige Bemerkung. Er sollte eine Bemerkung hören, aber keine Unterthänigkeit.

»Darf ich fragen, wohin Serenissimus verreist waren?«

Er blickte im höchsten Grade überrascht empor. Das hatte noch kein Mensch gewagt!

»Warum?« fragte er scharf.

»Weil ich annehme, daß diese Reise nur bis in Ihre Gemächer gegangen ist.«

»Ah mira! - ah, siehe!« rief er. »Was soll das heißen?«

»Daß ich in Serenissimus jetzt jenen Perser wieder erkenne, welcher mir einen so unwillkommenen Besuch abstattete.«

Er war ganz starr vor Erstaunen. Er, ein Herzog, und sie, eine kleine, arme Gouvernante! Wie schrecklich, wie horribel, wie geradezu unmöglich! Sollte er leugnen? Nein!

»Sennorita,« sagte er mit einem Blick, so hoheitsvoll, als ob er aus dem Himmel herabkomme, »haben Sie einmal gehört, daß Harun al Raschid durch Bagdad gegangen ist?«

»Ja.«

»Daß Friedrich der Große dasselbe gethan hat?«

»Ja, aber nicht in Bagdad.«

Er überhörte die Berichtigung und fuhr fort:

»Ebenso Joseph der Zweite, Napoleon und alle bedeutenden Fürsten. Auch ich that es am Tage des Karnevals. An einem solchen Tage fallen die Schranken, und wenn ich Sie da als Privatmann beleidigte, so wollte ich Sie als Fürst entschädigen. Sie sollten Erzieherin meines Kindes werden. Verstehen Sie mich nun?«

Sie verneigte sich. Ihr Gesicht war kalt und ruhig; es verrieth nicht im Geringsten den Gedanken, den sie hegte.

»Sie haben,« fuhr er fort, »die Ihnen angebotene Stellung angenommen, und ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen werden. Den Lehr- und Stundenplan besprechen wir später. Für jetzt wollte ich Ihnen nur meine Vokation ertheilen und Sie fragen, ob Sie mir vielleicht einen Wunsch vorzutragen haben.«

»Es giebt allerdings eine Bitte, welche ich mir gestatten möchte.«

»Sprechen Sie!«

»Ich ersuche Durchlaucht um die Erlaubniß, die Zimmer, welche Mademoiselle Charoy bewohnt hat, beziehen zu können.«

»Warum?«

»Ich glaube, daß sowohl die Lage, als auch die Ausstattung dieser Wohnung meiner Stellung angemessener ist.«

»So gefallen Ihnen Ihre jetzigen Zimmer nicht?«

»Ich bin solchen Glanz nicht gewöhnt. Die Eleganz dieser Wohnung blendet und ihre Lage beängstigt mich.«


// 349 //

Der Herzog nagte an der Unterlippe und seine Augen funkelten, aber er bezwang sich und sagte :

»Das ist Sache des Haushofmeisters. Wenden Sie sich an ihn! Haben Sie ein Weiteres?«

»Ich fühle mich gedrungen, Durchlaucht meinen Dank abzustatten dafür, daß ich in den Stand gesetzt worden bin, den Meinen eine Unterstützung in die Heimath zu senden. Ich werde mich eifrig bemühen, durch Treue im Amte und strenge Ausführung meines Wollens und Handelns mich dieser Gnade würdig zu machen.«

Seine Faust knitterte die Zeitung zu einem Ball zusammen, aber er beherrschte sich abermals und sagte möglichst gleichmüthig:

»Ich hoffe es. Sie sind entlassen!«

Sie verbeugte sich und ging. Kaum aber hatte sie das Zimmer verlassen, so sprang der Herzog mit wuthverzerrten Zügen empor und ballte beide Fäuste.

»Cortejo!« rief er.

Die Thür zu dem Nebengemache war nur angelehnt gewesen; sie ließ jetzt den Haushofmeister ein, den der Herzog dort postirt hatte, um Zeuge seines Triumphes zu sein.

»Was sagst Du dazu?« fragte der Letztere.

»Excellenz, ich bin ganz fassungslos!«

»Ich auch, bei allen Teufeln, ich auch!«

»So eine kleine Person!«

»Eine wahre Katze!«

»Ein kleiner Teufel!«

»Eine richtige Hexe! Noch nie, nie, nie ist mir so etwas Tolles geboten worden!«

Er ging mit weiten, dröhnenden Schritten im Gemache hin und her.

»Das war ja eine förmliche Blamage! Diese Frage, wohin ich verreist gewesen sei!«

»Und dann gar die strenge Ausführung des Wollens und Handelns!« bemerkte Cortejo.

»Bei Gott, dieses Mädchen hat Gift!«

»Sie ist eine richtige Kröte!«

»Also diese Gouvernante fühlt sich durch die Lage ihrer Wohnung beängstigt. Deutlicher konnte sie allerdings nicht sein.«

»Man sollte sie hängen!«

»Unsinn! Sie ist prächtig, sie ist einzig! Das ist's ja eben, daß sie nun zehnfach so viel werth ist als erst! Ich muß sie haben, Cortejo, hörst Du? Ich muß sie haben!«

»Wir haben sie ja schon!«

»Schweig! Was verstehst Du von der Liebe. Was ist Dein Fleischklumpen von Clarissa gegen diesen teuflischen Engel! Woher aber muß sie das Alles wissen!«

»Daß Durchlaucht nicht verreist waren!«

»Daß ich der Perser bin!«


// 350 //

»Daß ihre Wohnung nicht ganz fest ist!«

»Sie muß es mir gestehen! O, diese Deutschen scheinen Haare auf den Zähnen zu haben! Cortejo, Du wirst sie auf keinen Fall ausquartieren. Ich gebe meine Zustimmung nicht.«

Da kratzte es draußen an der Thür.

»Herein!« befahl der Herzog.

Ein Diener trat ein.

»Verzeihung! Sennorita Wilhelmi wünscht den Herrn Haushofmeister sofort zu sehen.«

Cortejo blickte den Herzog fragend an, und als dieser zustimmend nickte, sagte er:

»Führen Sie die Dame nach meiner Wohnung!«

»Sie läßt den Herrn Haushofmeister zu sich bitten,« bemerkte der Diener.

»Ah! Hm! Gut, ich komme!«

Der Diener ging.

Als er sich entfernt hatte, lachte der Herzog laut auf.

»Köstlich! Der Herr Haushofmeister ist gezwungen, zu ihr zu gehen, anstatt sie zu ihm!«

»Ein Gouvernantchen!« meinte Cortejo ärgerlich.

»Ja, aber dieses Gouvernantchen ist ein ganzes Weib. O, diese Deutschen! Eine Spanierin, und selbst wenn sie eine Fürstin wäre, würde ganz glücklich sein, das Wohlgefallen des Herzogs von Olsunna zu besitzen, und diese kleine Deutsche wehrt sich wie eine Fischotter. Das hat Geist, das hat Charakter und Energie! Gehe und siehe, was sie will. Ich erwarte Dich wieder.«

Als Cortejo zu der Deutschen kam, war sie beschäftigt, ihre Sachen wieder in die Koffer zu verpacken. Sie erhob sich aus ihrer gebückten Stellung und bat höflich:

»Entschuldigung, Herr Haushofmeister, daß ich nicht zu Ihnen kam! Aber Das, was ich mit Ihnen zu reden habe, muß unbedingt hier gesprochen werden.«

»Warum?«

»Weil es sich auf diese Zimmer bezieht.«

»Ich höre, Sie waren bei Serenissimus?«

»Ja, und er hat mich an Sie gewiesen, Sennor.«

»In welcher Angelegenheit?«

»Ich bat, diese Zimmer mit der früheren Wohnung der Gouvernante vertauschen zu dürfen.«

»Das wird wohl nicht gehen, Sennorita.«

»Darf ich den Grund erfahren?«

»Es ist bereits anderweit darüber verfügt.«

»So wird sich wohl an einem anderen Orte Raum für mich finden. Hier kann ich unmöglich wohnen!«

»Aber der Grund, der Grund?« fragte er ärgerlich.

»Der Grund ist sehr einfach. Hören Sie diese Bretterwand, an welche ich klopfe? Sehen Sie dieses kleine Loch in der Rosette? Und da draußen giebt es


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gar eine Tapetenthür! Hier kann unmöglich eine Dame wohnen. Ich weiß jetzt genau, daß wir Beide gestern hier durch dieses Loch beobachtet worden sind.«

»Aber da drüben wohnt ja doch nur Serenissimus, kein Mensch weiter!«

»Das ist gleich. Eine Dame wird sich selbst von einem Herzoge nicht beobachten lassen. Ich bitte wirklich mit aller Energie um eine andere Wohnung, Herr Haushofmeister!«

»Es ist keine da!«

»So thut es mir leid, auf meine Stellung verzichten zu müssen!«

Sie ließ ihn stehen, wo er war, drehte sich um und fuhr fort, ihre Sachen einzupacken.

»Aber, Sennorita, Sie werden doch nicht Ernst machen?« fragte er ganz bestürzt.

»Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich in einer halben Stunde das Palais verlassen habe.«

»Sind Sie toll? Sie zwingen mich wahrhaftig, Ihretwegen Serenissimus um Rath zu fragen!«

»Thun Sie das, Sennor! Aber wie gesagt, in einer halben Stunde würden Sie mich nicht mehr hier treffen.«

»Ich eile; ich werde Sie nicht so lange warten lassen.«

Er rannte fort. So energisch hatte er sich die Gouvernante denn doch nicht gedacht.

»Nun?« fragte der Herzog.

»Sie packt ein!« lautete die eilige Antwort.

»Sie packt ein? Was denn?«

»Ihre Sachen. Wenn sie keine andere Wohnung bekommt, hat sie in einer halben Stunde das Palais verlassen.«

»Ist das ihr Ernst?«

»Ihr völliger Ernst. Als ich ihr den Wunsch abschlug, guckte sie mich gar nicht mehr an. Sie hat die Tapetenthür bemerkt und auch das Loch in der Rosette; sie wird auf keinen Fall bleiben.«

»Was ist da zu thun?«

»Ich getraue mir da kaum einen Vorschlag zu machen, denn sie ist unberechenbar, wie es scheint.«

»Es wird doch gerathen sein, wir lassen ihr die gewöhnliche Wohnung der Gouvernanten.«

»Soll ich es ihr sagen?«

»Ja. Gehe schnell, denn sie ist wirklich im Stande, das Palais zu verlassen, ehe Du kommst.«

Der Haushofmeister kehrte zu ihr zurück; er fand sie beschäftigt, einen der Koffer zu schließen.

»Sennora,« meldete er, »Serenissimus haben auf meine Vorstellung hin geruht, Ihren Wunsch zu erfüllen. Sie werden also die Zimmer haben, welche Demoiselle Charoy bewohnt hat.«

»Ich danke. Kann ich sie sehen?«

»In fünf Minuten. Ich eile, den Schlüssel zu holen!«


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In der angegebenen Zeit holte er sie ab, um ihr die Wohnung zu zeigen. Sie bestand aus drei kleinen Zimmern, welche nach dem Garten hinaus lagen und zwar nicht fein, aber doch recht wohnlich eingerichtet waren, und gefiel ihr weit besser als die Prachträume, in denen man sie hatte einquartieren wollen.

»Ist Ihnen das gut genug?« fragte er.

»Ich bin vollkommen zufrieden gestellt,« antwortete sie. »Darf ich erfahren, wer nebenan wohnt, Sennor?«

»Rechts die Bonne, und links habe ich meine Räumlichkeiten.«

Er bemerkte, daß ihr Blick die betreffende Wandseite musterte, und fuhr mit einem halben Lächeln fort:

»Haben Sie keine Sorge, Sennora; es giebt hier weder indiskrete Löcher noch Tapetenwände!«

Sie hatte für diese Versicherung keine Beachtung und fragte nur:

»Also ich kann diese Zimmer beziehen?«

»Ja.«

»Sofort?«

»Sofort!«

»Haben Sie mir jetzt noch irgend Etwas zu bemerken?«

»Für jetzt glaube ich nicht.«

»Dann werde ich mich an Sie wenden, sobald ich Ihrer bedarf. Adieu, Herr Haushofmeister!«

Sie machte ihm eine Verbeugung, und er konnte nicht anders, er mußte sich verabschieden.

»Adieu, Sennora! Ich begreife in Ihrem Verhalten Einiges nicht, hoffe aber, daß ich Sie späterhin besser verstehen werde, als jetzt. Wir werden uns nach und nach wohl kennen lernen!«

Sie antwortete nicht. Er trat mit einer höflichen Verneigung seines Kopfes ab und begab sich wieder zum Herzog.

»Nun, ist sie zufrieden?« fragte dieser.

»Sie scheint es zu sein, Durchlaucht. Aber das ist ein ganz verteufeltes Frauenzimmer, Durchlaucht.«

»Inwiefern?«

»Nun, Sie haben es ja selbst erfahren, und auch mich behandelte sie jetzt so von oben herab, als ob sie eine Königin sei und ich ihr geringster Diener. Ich glaube nicht, daß sie die Ehre anerkennen wird, von dem Herzoge von Olsunna geliebt zu werden.«

»Das wird sich finden. Du wirst in dieser Beziehung zweierlei zu besorgen haben.«

»Was?«

»Zunächst ist das Schloß ihrer Thür zu verändern.«

»Ah!«

»Nämlich so, daß ich einen Schlüssel erhalte, der nicht nur das Schloß allein, sondern zugleich auch den Nachtriegel mit öffnet. Ich muß eintreten können, auch wenn sie sich eingeriegelt hat.«

»Das läßt sich herstellen.«


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»Aber so, daß sie nichts gewahr wird. Verstanden?«

»Vollständig!« antwortete Cortejo mit einem verschmitzten Lächeln. »Und das Zweite, was ich besorgen soll?«

»Glaubst Du an Liebestränke?«

»Nein.«

»Man sagt aber, daß es Leute gebe, welche Dergleichen anzufertigen verstehen!«

»Man sagt es, aber ich glaube nicht, daß es wahr ist. Es kommt allerdings ganz darauf an, was unter einem Liebestrank zu verstehen ist.«

»Nun, was verstehst Du darunter?«

»Ich verstehe darunter eine Medizin, welche bewirkt, daß Derjenige, der sie trinkt, diejenige Person lieben lernt, von welcher er die Arznei nimmt.«

»Das ist auch meine Ansicht. Also Du glaubst nicht, daß es ein solches Mittel giebt, Cortejo?«

»Nein.«

»Man spricht aber doch von Aerzten, Zigeunern, Hexen, Wahrsagern, welche dergleichen Zaubertränke gegeben haben. Etwas muß doch daran sein!«

»Allerdings. Diese Leute haben irgend etwas Berauschendes gegeben; doch diese Mittel sind nicht etwa geeignet, eine innige und dauernde Liebe zu erwecken, sondern sie regen für den Augenblick die Nerven fieberhaft, ja oft sogar wahnsinnig auf, worauf dann ein desto größerer Abscheu eintritt. Solche Tränke sind allerdings zu bekommen.«

»Bei wem?«

»Ich weiß es allerdings nicht. Soll ich mich vielleicht erkundigen?«

»Thue es; aber halte diese Angelegenheit geheim!«

»Werden Excellenz vielleicht vorerst von einem Verkehre mit der Gouvernante absehen?«

»Gewiß. Ihr Argwohn muß eingeschläfert werden.«

»Aber sie wird sich über ihre Obliegenheiten eingehend erkundigen wollen.«

»So giebst Du ihr Auskunft. Ich werde alle Deine Verordnungen sanctioniren.«

Mit diesem Gespräche hatten die beiden Ehrenmänner ihre Dispositionen getroffen. Die Gouvernante stand an einem Abgrunde, von welchem sie die liebende Hand Sternau's hatte zurückreißen wollen; sie aber hatte diese Hand zurückgestoßen.

Bereits am nächsten Tage trat sie ihren Beruf mit aller Energie an. Die Wünsche des Vaters wurden ihr durch den Haushofmeister übermittelt; die kleine Prinzessin fühlte eine innige, kindliche Zuneigung für sie, und auch die Bonne zeigte sich von Tag zu Tag freundlicher gestimmt.

So waren vierzehn Tage vergangen, als die den Befehl erhielt, sich einer Spazierfahrt anzuschließen, welche der Herzog mit der Prinzessin unternehmen wollte. Sie konnte nicht anders, als gehorchen. Die Fahrt ging nur ein wenig hinaus vor die Stadt; der Herzog saß im Fond des Wagens, während sie mit der Prinzeß den Rücksitz eingenommen hatte. Als sie jedoch die Stadt hinter sich hatten, forderte er sie auf, sich neben ihn zu setzen. Es geschah dies mit einer Miene, welche jeden Widerspruch abschnitt.

Als sie an seiner Seite saß, faßte er ihre Hand und sagte:


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»Sennora, ich ergreife die gegenwärtige Gelegenheit, Ihnen zu sagen, daß Sie sich meine vollständige Zufriedenheit erworben haben.«

»Das ist das Ziel, nach welchem ich strebe,« antwortete sie.

Sie wollte ihm ihre Hand entziehen, es gelang ihr aber nicht, da er dieselbe zu fest hielt.

»Sie haben es verstanden, sich das Herz Ihrer Schülerin zu erobern,« fuhr er fort; »das ist bereits sehr viel. Vielleicht erringen Sie sich noch mehr, indem Sie machen, daß auch noch andere Herzen für Sie schlagen.«

Er wollte bei diesen Worten ihre Hand an seine Lippen drücken, doch entriß sie ihm dieselbe mit einem kräftigen Rucke. Prinzeß Flora wurde bei diesen Gewaltthätigkeiten unruhig.

»Papa, Du wirst Sennora Wilhelmi nichts thun!« sagte sie mit einer sehr trotzigen Miene.

»Nein, wenigstens nichts Böses,« sagte er.

»Ich habe sie lieb!« versicherte das Kind.

»Ich auch,« antwortete er, indem er versuchte, die Hand der Gouvernante abermals zu ergreifen.

»Papa, Du wirst Sennora Wilhelmi nicht anfassen!« sagte das Kind.

»Warum?«

»Wir fürchten uns vor Dir!«

Er lachte.

»Dazu habt Ihr Beide keine Veranlassung,« sagte er.

Er wollte dabei den Arm um die Gouvernante legen.

»Juan!« rief diese dem Kutscher zu.

Der Angeredete drehte sich um.

»Sofort umkehren!« befahl sie.

Der Kutscher gehorchte, da er glaubte, daß die Gouvernante auf Befehl des Herzogs handele. Dieser Letztere jedoch zog die Stirn in Falten, strich sich zornig den dichten Bart und meinte streng:

»Sie vergessen, was Sie sind!«

Sie lächelte ruhig und überlegen und antwortete:

»Ich glaube grad im Gegentheile bewiesen zu haben, daß ich weiß, was ich bin!«

»Sie wollen es wirklich auf einen Kampf ankommen lassen, Sennora?«

»Auf einen Kampf? Wieso? Weshalb?«

»Wer erobern will, der kämpft, wenn sich ihm der Gegner nicht freiwillig ergiebt.«

»Der Gegner kann den Kampf vermeiden, ohne sich zu ergeben.«

»Das müßten Sie mir zunächst erklären!«

»Er hat nichts nöthig, als nur zu fliehen.«

»Und wenn er eingeschlossen ist? Er wird dann gezwungen sein zu kapituliren.«

»Ich glaube nicht; er kann ja noch auf Hilfe anderer Mächte rechnen. Aber, Excellenz, ich sehe nicht ein, daß wir einen Wortwechsel nöthig haben. Es ist mir die Erziehung von Prinzeß Flora übergeben worden, und ich werde meine Schuldig-


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keit thun, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Etwas Weiteres zu erwähnen, das verbietet mir die Gegenwart des Kindes.«

Sie schwieg, und auch er sagte kein Wort mehr. Aber als sie ausstiegen und dann auseinander gingen, traf sie aus seinem glühenden Auge ein Blick, der sie erbeben ließ.

Er war kaum auf seinem Zimmer angekommen, so ließ er den Haushofmeister rufen.

»Hast Du Dich erkundigt?« fragte er erregt.

»Wornach?«

»Ach so! Ich dachte gar nicht daran, daß Du nicht wissen kannst, woran ich denke. Ich meine den Zaubertrank.«

»Ich habe allerdings Erkundigungen angestellt -«

»Nun?«

»Es wird möglich sein, das Mittel herbei zu schaffen; aber -«

»Nun, was noch für ein Aber?«

»Es ist sehr theuer.«

»Wie viel?«

»Fünfzig Duros.«

»Spitzbube!«

»Ich bekomme es nicht anders.«

»Von wem?«

»Von einer alten Zigeunerin.«

»Hier?«

»Ja.«

»Kann ich es heut haben?«

»Nein, so schnell nicht.«

»Wann denn?«

»Morgen.«

»Wie viel Uhr? Ich muß es ihr noch geben können.«

»Eine Stunde nach Verlauf der Dämmerung.«

»Gut, so verlasse ich mich darauf. Die fünfzig Duros sollst Du haben, obgleich ich weiß, daß Du nicht fünf bezahlst. Diese Deutsche ist ein so geringes Opfer werth; ich würde noch mehr geben.« -

Zarba, das Zigeunermädchen, hatte in ihrer Verkleidung als Knabe fast jeden Abend den Haushofmeister besucht. Sie war ihm ganz und gar ergeben; sie erfüllte einen jeden seiner Wünsche, dessen Erfüllung überhaupt in ihrer Macht lag, und so hatte er mit ihr auch über den Liebestrank gesprochen. Als sie heut Abend wieder unter vier Augen in seinem Zimmer beisammen saßen, fragte er:

»Hast Du wegen des Liebestrankes mit Mutter Kaschima gesprochen?«

»Ja.«

»Kann sie einen brauen?«

»Sie kann Alles; sie kennt jede Blume und Pflanze, jeden Thee und jede Arznei; sie weiß Mittel gegen alle Krankheiten und Gebrechen; sie weiß auch, wie der Trank der Liebe zu machen ist.«

»Hat sie es Dir gesagt?«


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»Ja; sie hat kein Geheimniß vor mir.«

»Ah, so werde auch ich es erfahren?«

»Nein.«

»Nicht? Warum?«

»Ich darf es Dir nicht sagen. Die Geheimnisse der Gitanos gehen nur im Volke fort; die Zingarita darf sie nur Dem mittheilen, dessen Weib sie ist.«

»Närrchen!« sagte er, sie liebkosend. »Ich habe Dir ja gesagt, daß Du mein Weibchen werden sollst!«

»Aber ich bin es noch nicht!«

»Du wirst es. Warte nur noch ein Jahr. Aber den Trank brauche ich. Du wirst mir sagen, wie er zu machen ist.«

»Ich werde es Dir sagen, aber erst dann, wenn Du mein wirklicher Mann bist.«

»So hast Du mich nicht lieb!« schmollte er.

»Du glaubst ja selbst nicht, was Du jetzt sagtest! Was ich um Deinetwillen thue, das ist Beweis genug für meine Liebe.«

»So kann ich den Trank aber doch wohl erhalten, wenn Du mir das Recept auch nicht sagst?«

»Vielleicht.«

»Wie, vielleicht?«

»Ich muß wissen, für wen er ist.«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Ah, er ist für Dich!«

»Nein. Ich habe ja Dich, und Du bist nicht so grausam, daß ich einen Liebestrank brauche.«

»Also wirklich für einen Andern?«

»Ja.«

»Wer ist es?«

»Ich darf ihn nicht nennen.«

»So kannst Du den Trank nicht bekommen.«

»Du bist grausam!« zürnte er.

»Es ist die erste Bitte, welche ich Dir abschlage.«

»Aber, warum grad diese?«

»Weil ich nach den Gesetzen der Gitanos handeln muß.«

»Hm! Wenn ich Dir den Namen nenne, wirst Du schweigen?«

»Ganz sicher!«

»Gut. Es ist der Herzog selbst.«

»Der Herzog!« meinte sie verwundert. »Wer soll den Trank einnehmen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wirklich nicht?«

»Wirklich! Der Herzog wollte mir es nicht sagen, und einen so hohen Herrn kann man nicht zwingen.«

Das war natürlich eine Lüge, aber Zarba glaubte sie. Sie antwortete mit nachdenklicher Miene:

»Aber das Mittel ist nicht für immer.«

»Nicht? Wie lange wirkt es?«


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»Auf einige Stunden.«

»Wie muß man es nehmen?«

»Es sind Tropfen, welche keine Farbe haben, aber ein Wenig scharf schmecken. Man thut fünf davon in Wasser, Kaffee oder Thee, und in einer Stunde beginnt die Wirkung.«

»Also willst Du mir das Mittel verschaffen?«

»Ja.«

»Bis morgen?«

»Morgen schon?«

»Morgen schon. Ich brauche sie spätestens eine Stunde nach der Dämmerung. Wird es gehen?«

»Gut, Du sollst sie haben; aber wehe Dir, wenn Du sie für Dich selbst brauchen willst!«

Sie hielt Wort. Am Abende des nächsten Tages, kurz nach der Dämmerung, erschien sie auf ihrem gewöhnlichen Wege und händigte dem Haushofmeister ein kleines Fläschchen ein.

»Hier!« sagte sie. »Es ist stark und wird helfen.«

»Wie viel kostet es?«

»Nichts.«

»Erwarte mich. Ich will es dem Herzog bringen.«

Er ging. Der Herzog harrte seiner mit der allergrößten Spannung.

»Nun, hast Du Wort gehalten?«

»Ja. Hier ist es.«

»Gieb her!«

»Wird es gelingen, Durchlaucht?«

»Ja, wenn das Mittel wirklich gut ist. Die Gouvernante sitzt im Musikzimmer; ich werde jetzt selbst in ihre Stube gehen und es ihr in die Milch gießen, von welcher sie jeden Abend ein Gläschen trinkt. Du gehst mit und passest auf, daß ich nicht überrascht werde.«

Das treulose Vorhaben gelang. Als die Gouvernante nach einiger Zeit in ihr Zimmer zurückkehrte, fand sie es verschlossen. Sie trank die Milch und ging nach einiger Zeit schlafen.

Der Herzog war in den Garten gegangen, um sie zu beobachten. Als sie ihr Licht verlöscht und sich zur Ruhe gelegt hatte, wartete er noch ein kleines Stündchen, schlich sich dann an ihre Thür, welche er mit seinem Nachschlüssel unhörbar öffnete und von innen wieder verschloß. Er lauschte. Die Gouvernante bewegte sich im Nebenzimmer unruhig auf ihrem Lager; er hörte halblaute Seufzer erklingen und trat leise hinein zu ihr. -

Unterdessen befand sich Zarba noch immer bei ihrem Geliebten; sie war ja gewöhnt, ihn erst kurz vor der Zeit des Morgengrauens zu verlassen. Als diese Zeit gekommen war und sie sich eben anschickte, mittelst der Strickleiter in den Garten hinab zu steigen, klopfte es leise an die Thür des Wohnzimmers.

»Alle Teufel!« flüsterte Cortejo. »Wer mag das sein?«

»Vielleicht der Herzog?« fragte sie.

»Jedenfalls.«


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»Mußt Du öffnen?«

»Ja. Es muß etwas Dringendes vorliegen.«

»So gehe. Ich werde warten.«

Cortejo trat in den Wohnraum und öffnete leise die Thür desselben. Die Lampe brannte, und im Scheine derselben sah er den Herzog eintreten, welcher leichenblaß im Gesichte aussah.

»Ah, Du bist noch munter!« sagte er. »O, es ist schrecklich!«

»Was?« fragte der Haushofmeister bestürzt.

»Ja, schrecklich!« wiederholte der Herzog, der sich ganz fassungslos in einen Stuhl warf.

»Sie machen mir bange, Durchlaucht! Was ist geschehen?«

»Der Teufel hole diese Geschichte! Das wird einen fürchterlichen Spektakel geben!«

»Aber, mein Gott, was giebt es denn?«

»Cortejo, was mache ich?«

»Ja, weiß ich es! Ich weiß ja noch gar nicht, um was es sich handelt. Hat das Mittel gewirkt?«

»O, nur zu gut! Aber dann -«

»Dann?«

»Dann, als die Wirkung vorüber war, ist sie aufgestanden und hat sich ein Messer in die Brust gestoßen.«

Cortejo schlug entsetzt die Hände zusammen.

»Heilige Madonna! Ist sie todt?«

»Nein, noch nicht; aber das Zimmer schwimmt im Blute. Sie ist ohnmächtig. Ich habe ihr das Messer aus der Wunde gezogen. Es war zum Glück nur ein Federmesser.«

»So muß schnell ein Arzt geholt werden, Excellenz!«

»Wo denkst Du hin! Es würde damit ja Alles verrathen sein! Sinne auf etwas Anderes!«

»Ah, ich weiß Etwas!« rief Cortejo erfreut.

»Was?«

»Ich habe die Zigeunerin noch bei mir, welche den Trank gebracht hat. Sie versteht es, Wunden zu behandeln. Soll ich sie rufen?«

»Schnell, schnell!«

»Zarba!«

Zarba, welche vom Nebenzimmer aus die Unterredung mit angehört hatte, trat herein. Der Herzog hatte erwartet, ein altes, häßliches Weib zu sehen, und war daher nicht wenig überrascht, als er einen jungen, wunderhübschen Knaben erblickte.

»Wer - wer ist das?« fragte er betreten.

»Die Zigeunerin,« antwortete Cortejo.

»Es ist doch ein Junge!« sagte der Herzog. Dabei jedoch überflog sein Auge mit einem schärferen Blicke die Gestalt der vor ihm Stehenden, und nun erkannte er seinen Irrthum. »Ah, ist es möglich!« rief er. »Wahrhaftig ein Mädchen! Ist das die »alte« Zigeunerin, von der Du sprachst?«

»Ja,« antwortete der Haushofmeister verlegen.


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»Spitzbube! Aber wir haben keine Zeit.« Damit trat er näher an das Mädchen heran, faßte es beim Kinn und fragte:

»Wie heißest Du?«

»Zarba,« antwortete sie.

»Du bist es, die mir den Trank gebracht hat?«

»Ja.«

»Kannst Du Krankheiten heilen?«

»Alle.«

»Auch Wunden?«

»Ja, wenn sie nicht sofort tödtlich sind.«

»So folgt mir Beide, aber leise. Es darf uns kein Mensch hören.«

Als sie das Zimmer der Gouvernante erreichten, lag diese auf dem Sopha. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Gesicht sah bleich aus wie dasjenige einer Todten. Auf der Diele erblickte man mehrere große Blutpfützen.

Zarba trat sogleich zu ihr, um sie zu untersuchen. Dies dauerte nicht lange, dann wandte sie sich an den Herzog und fragte:

»Sie haben ihr von dem Tranke eingegeben?«

»Ja.«

»Wie viel?«

»Fünf Tropfen.«

»Was ist sie?«

»Gouvernante.«

Das Mädchen nickte sehr ernst und nachdenklich mit dem Kopfe und sagte dann:

»Sie ist nicht todt; aber sie will sterben. Einen Arzt dürft Ihr nicht holen. Ich bin Schuld daran und werde bei ihr bleiben. Darf ich?«

»Ja,« nickte der Herzog.

»So hört, was ich um Ihret, um meinet- und um Euretwillen verordne: jetzt verbinde ich sie einstweilen; sodann gehe ich, um Pflanzen zu suchen, welche die Wunde heilen. Von da an pflege ich sie, bis sie wieder gesund ist; aber kein Mensch darf hier eintreten. Sie wird das Wundfieber bekommen; sie wird phantasiren; sie wird Alles erzählen und uns verrathen. Deshalb darf nur ich allein zu ihr.«

»Ich nicht?« fragte der Herzog.

»Nein. Ihr Anblick könnte ihr tödtlich sein.«

»Teufel, so mag sie sterben!«

Zarba warf einen flammenden Blick auf ihn und sagte:

»Ich sehe erst jetzt ein, was ich begangen habe; es ist eine große, schwere Sünde, die ich gar nicht wieder gut machen kann. Sie sind ein Teufel! Aber vergessen Sie nicht, daß der Tod dieser Sennora Ihnen viele Sorge machen kann. Ihre Leiche müßte ärztlich untersucht werden, man fände den Messerstich und würde eine Untersuchung des Falles anstellen.«

Der Herzog sah die Zigeunerin, welche in diesem Tone mit ihm zu sprechen wagte, verwundert an und sagte dann:

»Gut, thue, was Du willst. Cortejo mag für Alles sorgen. Nur bitte ich,


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das Blut sorgfältig zu entfernen. Ihr habt den Trank verschafft, mich geht die Sache nichts mehr an!«

Er entfernte sich. Auch Zarba ging, nachdem sie die Verwundete verbunden hatte, und kehrte dann in ihrer Mädchenkleidung und mit den gesuchten Pflanzen zurück. Es hieß im Schlosse, die Gouvernante habe ganz plötzlich einen Blutsturz bekommen, und werde nun von der Zigeunerin, welche dergleichen Krankheiten besser als ein Arzt zu behandeln verstehe, gepflegt.

Was im Krankenzimmer vorging, davon erfuhr kein Mensch ein Wort, nicht einmal Cortejo. Die Gouvernante hatte bei ihrem ersten Erwachen die Binde wieder aufreißen wollen, war aber von ihrer Pflegerin daran verhindert worden. Es entwickelte sich zwischen den Beiden eine tiefe Zuneigung, welche einen großen, beruhigenden Einfluß auf die Gouvernante ausübte. Sie sprach kein Wort über jenen schrecklichen Abend, aber es kam auch kein Lächeln über ihre Lippen; das Leiden ihrer Seele war größer als dasjenige ihres Körpers, und so kam es, daß mehr als drei Monate vergingen, ehe sie zum ersten Male das Zimmer verlassen konnte.

Unterdessen hatte Zarba ihre Besuche bei Cortejo fortgesetzt. Sie liebte ihn mit aller Gluth ihres südländisch ausgestatteten Herzens; aber es kamen die Augenblicke immer öfterer, an denen es ihr schien, als ob seine Liebe nicht mehr so innig sei wie früher. Es schien ihr, als sei sie in dem Palais eine nur geduldete, von Allen verachtete, zurückgesetzte Person. Sie betrachtete nach und nach die Anwendung ihres Mittels in dem einzig richtigen Lichte; da lernte sie den Herzog verachten und dem Geliebten mißtrauen. Je größer ihre Zuneigung zu der Verwundeten wurde, desto höher schlug ihr das Gewissen, und eines Tages, als die Stimme desselben zu laut und mächtig ertönte, gestand sie der Gouvernante unter heißen Thränen den Sachverhalt und bat sie um Verzeihung. Bei dieser Gelegenheit erhielt sie über den Charakter Cortejo's Aufklärungen, welche ihr liebendes Herz mit Schrecken erfüllten.

Unterdessen hatte sich der brave Sternau in Gedanken viel mit der so innig Geliebten beschäftigt, welche seine Liebe so hart von sich gewiesen hatte. Er fühlte Sehnsucht, sie einmal zu sehen, drängte sie aber längere Zeit zurück, bis sein Verlangen fast einer ängstlichen Ahnung, daß der Gouvernante etwas zugestoßen sein könne, zu gleichen begann. Er begab sich nach dem Palais, um die Gouvernante zu besuchen und wurde zu dem Haushofmeister geführt. Er fühlte sich betroffen, als er diesen erblickte. Auch Cortejo erkannte ihn sofort wieder.

»Was wollt Ihr?« fragte er stolz, fast grob.

»Ich wollte fragen, ob ich nicht Sennora Wilhelmi einmal sehen kann.«

»Was wollt Ihr bei ihr?«

»Es ist das ein einfacher Höflichkeitsbesuch, Sennor.«

»O, Ihr scheint doch sonst nicht sehr höflich zu sein!«

»Man wird zuweilen zur Unhöflichkeit gezwungen,« antwortete Sternau fest und ruhig.

»Ah, Ihr erinnert Euch meiner?« fragte Cortejo verwundert.

»Sehr gut!«

»Es war -«


Ende der fünfzehnten Lieferung - Fortsetzung folgt.



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