Lieferung 2

Karl May

2. Dezember 1882

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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ist kein Chirurg; er konnte nicht wissen, was mit ihm vorgenommen werden sollte. Aber ein jeder Anfänger, ein jeder chirurgischer Dummkopf wußte, ja mußte hier wissen, daß der Patient die Operation unmöglich überleben konnte. Meine Herren, was hat man Ihnen für den Mord an dem Grafen Rodriganda geboten?«

Die Wirkung dieser Frage war eine fürchterliche. Der Graf sank erschrocken in einen Sessel; Francas aber ergriff eines der Messer, um auf Sternau einzudringen; die anderen Beiden machten Miene, ihn zu unterstützen.

»Bube! Schurke!« brüllte Francas. »Du willst uns Mörder nennen!«

»Ja, feige, ehrlose gedungene Meuchelmörder!« antwortete der Deutsche furchtlos. »Wenigstens Einer von Euch ist es; dann aber sind die anderen Beiden leichtsinnige Dummköpfe, welche nicht wußten, was sie thaten. Legen Sie dies Messer weg, Sennor, ich bin Ihnen überlegen! Wenn ich Sie anzeige und den Fall untersuchen lasse, werden Sie wegen versuchten Todtschlages zur Verantwortung gezogen!«

Trotz dieser Drohung gelang es Francas, sich zu beherrschen.

»Ah,« schnarrte er voller Hohn, »Sie, ein Fremder, wollen uns drohen? Beim heiligen Petrillo, das ist lächerlich! Dieser Mann spielt Theater, um vielleicht Leibarzt des Grafen zu werden; aber Seine Altezza kennen uns. Unsere Namen sind rein von allem Makel und in der Wissenschaft hoch geachtet. Hören wir doch einmal, wie der Schwärmer den Stein entfernen will!«

»Das sollen Sie hören!« antwortete Sternau gelassen. »Er ist nur durch Lithothrypsis zu entfernen, und zwar vollständig gefahrlos.«

»Lithothrypsis?« frug der Arzt aus Manresa. »Was ist das? Was soll das sein?«

Sternau horchte erstaunt auf. Dann wendete er sich zu dem Grafen:

»Erlaucht, hören Sie, welchen Leuten Sie Ihr Leben und das Glück Ihres Kindes anvertrauten? Dieser Mann hat noch nichts von Lithothrypsis gehört, von der Zermalmung und Entfernung des Steines durch den Katheterbohrer! Wahrhaftig, ich beginne zu glauben, daß diese Ignoranten Ihnen nicht aus Vorbedacht, sondern aus Unwissenheit das Leben genommen hätten!«

Francas stieß ein verächtliches Lachen aus und antwortete:

»Sie irren, Sennor! Das Märchen von der Katheterzange kannten wir wohl bereits vor Ihnen; aber es ist eben nur ein Märchen, an welches nur ein vollständig Unfähiger zu glauben vermag. Mit einem Unfähigen aber streitet man sich nicht. Der Graf mag entscheiden, wer dieses Zimmer augenblicklich zu verlassen hat, er oder wir!«

»So lange ich zu handeln vermag, werde ich mich nur der Entscheidung meines Gewissens fügen,« meinte Sternau. »Ich bemerkte bereits, daß Seine Erlaucht kein Chirurg sind. Vielleicht entscheidet er sich für den Weg, der ihm das Leben kostet, und das werde ich nicht dulden, selbst wenn ich für meine Ueberzeugung mein eigenes Leben einsetzen müßte!«

Da erhob sich der Graf. Er winkte gebieterisch mit der Hand und sprach:

»Sennores, es ist hier nicht der Ort zu einem solchen Streit; Sie können sich also entfernen, um später meine Entscheidung zu vernehmen. Ihre Ansichten kenne ich; ich habe nun auch noch diejenigen von Sennor Sternau zu prüfen. Er wird


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also hier bleiben, um mir dieselben darzustellen. Gehen Sie jetzt, Sie werden das Weitere bald erfahren!«

»Das heißt, wir sind verabschiedet?« grollte Francas zornig. »Wir sind entlassen? Gut, wir gehen; aber dieser Fremde wird uns Genugthuung geben, und Sie, Erlaucht, bitten wir, sich vorher sehr wohl zu bedenken, ehe Sie sich entscheiden!«

Sie packten ihre Instrumente zusammen und verließen das Zimmer. Sofort trat Rosa ein. Sie warf sich ungestüm an den Hals des Grafen und jubelte:

»Gerettet! Mein Vater, ich danke Dir!«

Er wehrte sie leise von sich ab, doch ohne ganz aus den Armen zu lassen, und meinte:

»Nicht so sanguinisch, mein Kind! Noch ist die Entscheidung nicht gefallen. Ich habe erst noch die Ansicht von Sennor Sternau zu prüfen.«

»O, sie wird die einzig richtige sein!« rief sie. »Du darfst ihm all Dein Vertrauen schenken.«

Ihre Augen strahlten dem Deutschen so voll und warm entgegen, daß ihm dieser Blick wie ein Sonnenlicht bis in das tiefste Herz drang, und er bat mit bewegter Stimme:

»Erlaucht, haben Sie Vertrauen zu mir! Gott weiß es, wie wahr und ehrlich ich es mit Ihnen meine. Verzeihen Sie aber zugleich auch die Härte, mit welcher ich zu diesen Männern sprach! Ich war vollständig empört über den Leichtsinn, der Ihr theures Leben gefährdete. Wäre die Operation wirklich vorgenommen worden, so lebten Sie nicht mehr; das schwöre ich Ihnen bei Gott, dem Allwissenden, zu!«

Jetzt öffnete sich die Thür und Graf Alfonzo kam hereingestürmt. Er hatte bis jetzt draußen noch mit den Aerzten verhandelt und kam nun, voller Aerger und Enttäuschung, um womöglich seinen finsteren Zweck noch zu verfolgen.

»Sie gehen? Du jagst sie fort, Vater?« frug er. »Ist das möglich?«

»Ich jagte sie nicht fort, mein Sohn,« antwortete der Graf. »Ich habe sie gebeten, mir Zeit zur Prüfung zu lassen.«

»Ich hoffe, daß Deine Entscheidung diese verdienten Männer berücksichtigen wird!«

»Meine Entscheidung wird eine gerechte sein. Für jetzt aber bitte ich, diesen unerquicklichen Gegenstand vollständig fallen zu lassen.«

Alfonzo mußte gehorchen, und der Graf wandte sich an seine Tochter:

»Denke Dir, dieser Sennor hat auch meine Augen untersucht!«

Sie blickte in schneller, freudiger Ueberraschung empor.

»Wirklich?« frug sie. »Hatten Sie Grund zur Hoffnung? Hielten Sie die Erblindung noch einer Untersuchung für werth, Sennor?«

»Allerdings, Sennora. Ich habe ungemein viele Blinde behandelt, und die Uebung schärft das Auge so, daß man beinahe auf den ersten Blick ein vollständig hoffnungsloses Auge von einem solchen, welches einer Besserung noch fähig ist, zu unterscheiden vermag.«

»Und was haben Sie hier bemerkt?«

»Daß auch hier die Aerzte Unrecht hatten.«

Sie sprang auf. Auch der Blinde erhob mit einer freudig überraschten Bewegung den Kopf, während Graf Alfonzo einen giftigen Blick kaum zu verbergen vermochte.


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»Wie meinen Sie das?« frug der Graf. »O bitte, bitte, sagen Sie es!«

»Erlaucht, hat man Sie für unheilbar erklärt?«

»Allerdings. Und zwar waren es ganz entschiedene Männer der Wissenschaft, welche dieses Urtheil fällten.«

»Welches ist das Uebel, an dem Sie nach diesem Urtheile leiden sollten?«

»Man schrieb die Krankheit dem Staphylion (einem, dem Weinbeerkernchen ähnlichen Geschwür an der Augenhornhaut) zu.«

»Hm, man hatte Unrecht! Ihre Krankheit besteht in dem grauen Staare, in einer allerdings außerordentlich seltenen Verbindung mit derjenigen perlmutterartig glänzenden Trübung der Hornhaut, welche wir Aerzte Leucoma nennen.«

»Und ist dieser Zustand heilbar?« frug der Graf fast athemlos.

»Bis vor Kurzem wurde er allerdings für unheilbar gehalten; mir ist aber die Herstellung mehrerer Patienten bereits geglückt. Ich entfernte das Leucoma mittelst fortgesetzter Punctation mit der Staarnadel und operirte dann den darunter befindlichen grauen Staar. Wollen Sie sich mir vertrauen, Erlaucht, so gebe ich Ihnen mit dem besten Gewissen die Hoffnung, das Licht Ihrer Augen, zwar nicht in seiner ganzen früheren Schärfe und Stärke, aber doch so weit wieder zu gewinnen, daß Sie mittelst der Brille sehen können.«

Der Graf streckte seine Arme zum Himmel empor und rief:

»O, mein Gott, wenn dies möglich wäre!«

Und Rosa sank vor Entzücken weinend an seine Brust und bat mit Schluchzen:

»Vater, vertraue ihm! Es kann Dir Keiner helfen, als nur er allein!«

»Ja, ich will Deiner Stimme gehorchen; ich will mich ihm mit allem Vertrauen übergeben, meine Tochter!« entschied der Graf. »Hier, Sennor, haben Sie meine Hand! Sie haben Ihr Werk heut so fromm mit Gott angefangen und werden es auch mit Gottes Hilfe vollenden. Alfonzo, mein Sohn, willst Du Dich nicht mit uns freuen?«

Der junge Graf versuchte, sein Gesicht zu beherrschen, und antwortete:

»Ich wäre ganz glücklich, Dich wieder gesund und sehend zu wissen; aber ich bedenke auch, wie äußerst leichtsinnig und gefährlich es ist, Hoffnungen zu erwecken, welche dann nicht in Erfüllung gehen. Der Kranke muß sich dann zehnfach unglücklich fühlen.«

»Gott wird gnädig sein! Wie lange Zeit wird die Behandlung in Anspruch nehmen, Sennor?«

»Der Stein ist, da Sie erst an den Bohrer gewöhnt werden müssen, unter zwei Wochen nicht zu entfernen,« antwortete Sternau. »Erst dann, wenn Sie von dieser Operation vollständig gekräftigt sind und Ihr Allgemeinbefinden nichts befürchten läßt, können wir an die Behandlung des Auges gehen, welche allerdings eine bedeutend längere Zeit in Anspruch nehmen wird.«

»Aber können Sie so lange hier verweilen, Sennor?«

»Ich müßte mich von Professor Letourbier für längere Zeit beurlauben, oder gar verabschieden lassen.«

»Verabschieden Sie sich! ja, verabschieden Sie sich,« bat der Graf. »Sie sollen bei mir eine Heimath finden und reichlichen Ersatz für Alles, was Sie in Paris verlassen!«


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»Mein bester Lohn soll das Bewußtsein sein, Ihnen die Gesundheit Ihres Körpers und das Licht Ihrer Augen wiedergebracht zu haben, Erlaucht. Ich werde also noch heute dem Professor schreiben.«

»Thun Sie das! Sie wohnen natürlich bei mir, Sennor. Rosa mag Ihnen Ihre Zimmer sogleich anweisen.«

»Dazu haben wir ja den Castellan,« bemerkte Alfonzo hämisch.

»Ja, richtig,« meinte der Graf. »Ich dachte in meiner Freude nicht daran.«

»Auch ich bin Sennor Alfonzo für seine Erinnerung dankbar,« sagte Sternau stolz, »da es nicht im Mindesten meine Absicht ist, in den hiesigen Verhältnissen um meinetwillen eine Revolution hervorzubringen.«

»Und doch hat sie bereits begonnen,« entgegnete der junge Graf wegwerfend. »Unsere Aerzte können diese Wohnung nicht verlassen, weil es Ihnen beliebte, den Schlüssel zu sich zu nehmen.«

»Ah, wahrhaftig, das habe ich vergessen, ich werde sofort öffnen!«

Er verabschiedete sich von dem Grafen und eilte hinaus, wo er allerdings die drei Spanier fand, die ihn mit finsteren, haßerfüllten Blicken maßen.

»Sennor,« raunte ihm Francas zu, »Sie haben den Kampf mit uns begonnen! Wir werden ihn fortsetzen, und zwar so kräftig und so lange, bis Sie unterliegen und uns um Gnade bitten. Sie werden kein Erbarmen finden!«

»Bah!«

Nur dieses eine Wort gab er zurück, dann schob er den Sprecher bei Seite und öffnete die Thür. Er selbst schritt voran, um sich direkt nach seiner bisherigen Wohnung zu begeben. Bei seiner späteren Rückkehr nach dem Schlosse fand er dann jedenfalls seine Zimmer bereit.

Nur kurze Zeit später saßen in dem Gemache der frommen Schwester Clarissa wieder drei Männer hinter verschlossenen Thüren: Graf Alfonzo, Doctor Francas und der Notar Gasparino. Die beiden Ersteren bemühten sich, das außerordentliche Ereigniß zu berichten.

»O, heilige Madonna von Segovia, ist das möglich!« rief Schwester Clarissa, als die Erzählung beendet war. »Wir waren so sicher; wir erwarteten das Gelingen unseres Planes so gewiß, und da kommt dieser fremde Antichrist dazwischen, um uns das gottgefällige Werk vollständig zu verderben!«

»Verderben?« frug Alfonzo höhnisch. »Wer spricht davon! Hier kann es sich doch höchstens nur um einen kurzen Aufschub handeln.«

»Wird es mit dem Bohrer gelingen, Sennor?« raunte der Notar zu dem Arzte.

»Ganz sicher,« antwortete dieser. »Aber wir werden diesen Doctor Sternau selbst so scharf anbohren, daß er zermalmt wird, ehe er es denkt.«

»Und diese Augenoperation?«

»Kann auch gelingen, wenn keine verderbliche Entzündung dazu kommt. Ich traue diesem deutschen Riesen Alles zu.«

»So sorgt man eben dafür, daß eine solche Entzündung eintritt,« bemerkte die fromme Schwester, »Gott hat dem Grafen das Licht der Augen genommen, um ihn zu prüfen, und es ist eine himmelschreiende Sünde, in diese Prüfung Gottes einzugreifen.«

»Ja, wir können Dieses thun und jenes, und auch noch vieles Andere,« sagte der Notar, »aber wir müssen dabei vorsichtig sein. Wir dürfen Nichts überstürzen; wir müssen jeden Verdacht vermeiden und außerordentlich vorsichtig sein. Man darf uns so wenig wie möglich beisammen sehen, und darum müssen wir auch die jetzige Unterredung bald beendigen. So viel steht fest: Der Graf darf nicht wieder gesund, am allerwenigsten aber wieder sehend werden, denn er darf das Gesicht Alfonzo's niemals erblicken; und dieser Deutsche muß unschädlich gemacht werden; er muß sterben, oder doch für immer verschwinden.«

»Aber wie?« fragte die fromme Dame.

»Das laß nur meine Sorge sein! Ich habe da oben in den Bergen einige sehr gute Bekannte; von dummen Menschen werden sie Räuber genannt, gegen mich aber sind es die treuesten und ehrlichsten Verbündeten, welche ich mir nur wünschen kann. Ich werde sie recht bald einmal besuchen und dabei anfragen, ob sie geneigt sind, uns von der Gesellschaft dieses Deutschen zu befreien.«

Derjenige, von welchem hier die Rede war, ruhte unterdessen in seiner kleinen Wohnung von der durchwachten Nacht aus, und als er am Nachmittag zum Schlosse kam, war Gräfin Rosa die erste, welche ihm begegnete.

»Willkommen, Sennor!« begrüßte sie ihn. »Mag uns Ihr Eintritt Heil und Segen bringen!«

»Zunächst wird er nur Kampf bringen, Sennora,« antwortete er. »Das hat mir dieser Doctor Francas heilig und theuer versprochen.«

»Er mag Recht haben, Sennor,« entgegnete sie mit leuchtenden Augen, »aber der Kampf, mit welchem wir uns verbinden, wird nicht nur ein Kampf gegen die Falschheit, die Lüge und das Verbrechen, sondern es wird auch ein Kampf um die Liebe sein, welche uns verboten ist. Sie sollen in mir eine treue und tapfere Kameradin finden!« - - -

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Zweites Kapitel.

Das Geheimniß des Bettlers.

»So liegt, die Qualen stolz verachtend,
   Mit denen man ihn zwingen will,
Der Löwe, nach der Wüste schmachtend,
   In seinem Käfig stumm und still.
Erstaunend ob den mächt'gen Gliedern
   Umstehet scheu die Menge ihn;
Mit tief gesenkten Augenlidern
   Träumt er von der Oase Grün.« -

Hoch oben in den Bergen der Pyrenäen, da wo westlich von Andorra der gewaltige Maladetta, »der Verfluchte«, seine Spitzen in die Wolken reckt und seine finsteren Schluchten tief in die Erde gräbt, schlich ein Wanderer den wilden Pfad hinab.

Keine Quelle ließ ihre erfrischenden Wellen abwärts murmeln; kein Busch oder Strauch bot einige Quadratfuß Schatten. Heiß, glühend heiß brannte die südliche Sonne auf den nackten Felsen, auf die öden Hänge und die kahlen Berg-


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stürze, und doch hätte der einsame Wandersmann gar sehr eines kühlen Trunkes, oder eines Ortes bedurft, an welchem er seine müden Glieder vor den verzehrenden Strahlen verbergen konnte.

Er schien alt, sehr alt zu sein. Sein Haar war ergraut und sein Gesicht eingefallen. Die Haut des Letzteren und auch die seiner Hände war von Wind und Wetter lederhart gegerbt; die Kleidung hing ihm beinahe nur noch in Fetzen um den Leib, und die alten Sandalen, welche er trug, waren so sehr zerrissen, daß seine nackten Füße den glutgesättigten Boden berührten. Dabei schien er sehr krank zu sein. Ein immerwährendes Hüsteln ließ seine eingefallene Brust erbeben, und zuweilen, wenn er ausspuckte, bildete sich auf dem Steine ein dunkler, blutrother Punkt, der diese Farbe von dem ausgestoßenen Lebenssafte des Bettlers erhalten hatte.

So schlich er sich weiter und weiter, immer tiefer in die Schluchten hinein. Er konnte vor Erschöpfung kaum fort, aber immer wieder zwang er die brennenden Füße weiter, als werde er von einem mitleidslosen Verhängnisse, oder einem grausen Fluche über diese Einöden getrieben.

Endlich, endlich blieb er halten und warf den Blick forschend umher.

»Hier muß es sein,« murmelte er. »Hier ist es gewesen! Hier wurden die Knaben umgetauscht; von hier ging ich hinüber nach Mexiko, und von hier beginnt die Qual, welche mir das Mark aus den Knochen, und das Leben aus dem Herzen fraß. Hier werde ich ausruhen.«

Er ließ sich auf dem glühend heißen Stein nieder und senkte den Kopf in die beiden Hände. Es war kein Laut umher zu vernehmen. Nur das Keuchen und Husten seiner kranken Brust unterbrach die ringsum herrschende Stille.

»O, santa mater dolorosa,« ließ er sich endlich wieder vernehmen, »was habe ich gesündigt; wie wurde ich belohnt, und was hatte ich von dem Verbrechen! Jetzt habe ich mich über Länder und Meere gebettelt, um den Himmel zu versöhnen und meinen armen Kopf in das Grab zu legen. Herrgott im Himmel, vergieb mir! Laß mich nicht umsonst suchen! Laß mich finden, damit ich nicht zur Hölle fahre! Hu, die Hölle! Fühle ich sie nicht schon jetzt in meinen Adern, in meinem Hirn, in allen meinen Gliedern?«

Wieder schwieg er, um eine geraume Weile hustend nachzugrübeln. Dann begann er abermals:

»Aber, ob er noch lebt? Hätten sie ihn getödtet, den schönen Knaben, der schlafend in meinem Schoße lag, wie das Heilandskind in den Armen der heiligen Madonna gloriosa! Es wäre schrecklich! Nein, ich halte diese Ungewißheit nicht aus! Ich muß auf und fort, da links hinüber, wo die Gegend ist, in welcher die Räuber ihren Versteck hatten. Aber Keiner darf mich erkennen; Keiner darf ahnen, wer ich bin und was ich hier bei ihnen will. Sie werden mich nicht von sich stoßen, sie werden mich, den Kranken, den Sterbenden, bei sich aufnehmen und ich werde bald erforscht haben, ob er noch lebt, den ich suche. Vorwärts, ihr müden Füße! Noch einen Weg nur sollt ihr thun und dann werdet ihr ausruhen für immerdar!«

Er erhob sich mühsam und setzte seine Wanderung weiter fort. Während er sich bisher möglichst grad nach Süden gehalten hatte, wandte er sich jetzt einer


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mehr östlichen Richtung zu. Die Längsthäler verloren sich; er hatte jetzt tiefe Seitenthäler und kurze, schroffe Felsenmauern zu überwinden; er hustete und keuchte, er ächzte und stöhnte, aber er gönnte sich keinen Augenblick Ruhe, bis er einen Streifen erfrischendes Grün vor sich erblickte. Er hatte die Grenzen der Oede hinter sich und gelangte nun zu Bergen, welche zunächst von niederem Gestrüpp, bald aber auch von Büschen und endlich gar von einem dichten Baumwuchse bestanden waren.

Zwischen diesen Büschen und Bäumen kletterte er empor, bis er einen freien, rings von hohen Sträuchern eingefaßten Platz erreichte, auf welchen er sich niederließ. Kaum aber hatte er dies gethan, so vernahm er Schritte hinter sich, und noch ehe er Zeit gehabt hatte, sich umzudrehen, fühlte er eine feste Hand auf seiner Achsel und eine barsche Stimme fragte:

»Was willst Du hier, Alter?«

»Sterben!«

Nur dieses eine Wort antwortete er; dann ließ er den Kopf, welchen er erhoben hatte, wieder niedersinken.

»Sterben? Warum?«

Der Frager war ein junger, kräftiger Mann, der, infolge der Waffen, welche er trug, nicht gut für den friedlichen Bewohner einer Stadt oder eines Dorfes gehalten werden konnte.

»Weil ich nicht weiter kann,« antwortete der Kranke.

»Warum kommst Du hierher? Was suchst Du hier?«

»Ich suche schon viele, viele Tage lang in den Bergen nach einer Wurzel, die mein Leiden heilen kann, aber ich habe sie noch nicht gefunden.«

»Wo bist Du daheim?«

»Weit von hier, bei Orense, nicht weit von Portugal.«

»So weit wagtest Du Dich fort mit Deiner Krankheit? Hast Du Brod bei Dir?«

»Nein.«

»Nichts, gar nichts? Heilige Mutter Gottes, da wirst Du ja verhungern, ehe Du an der Auszehrung stirbst! Wart', ich werde fragen, ob ich Dich bringen darf!«

Er verschwand hinter den Büschen, kehrte aber bald wieder zurück.

»Wenn Du Dir die Augen verbinden lassen willst, so werde ich Dich an einen Ort bringen, an dem Du ausruhen und Dich pflegen kannst, so lange Du willst,« sagte er.

»Die Augen verbinden? Warum?«

»Es ist nothwendig. Du darfst den Eingang zu uns nicht sehen.«

»Ah, wer seid Ihr?«

»Wir sind Briganden, sonst aber ganz ehrliche Leute, Alter.«

»Briganden? Also Räuber? Ach, ich bin müde, und ich bin arm; ich brauche mich vor Euch nicht zu fürchten. Verbinde mir die Augen und führe mich, wohin Du willst!«

Der Räuber nahm sein Tuch vom Halse und band es dem Alten um die Augen, dann ergriff er ihn bei der Hand, um ihn zu leiten. Es ging eine


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Strecke lang durch Büsche hin, dann, dem Klange der Schritte nach, in einen Gang hinein, bis sie halten blieben, und dem Alten das Tuch wieder abgenommen wurde. Er befand sich in dem Innern eines oben offenen Felsenkessels. Rund herum saßen gegen zwanzig wilde, bewaffnete Gestalten, welche entweder aßen, tranken, rauchten und spielten, oder sich mit ihren Gewehren zu thun machten. Man führte ihn vor einen starken, vollbärtigen Mann, welcher etwas abseits auf einer wollenen Decke lag und damit beschäftigt war, Geld in einen großen, ledernen Beutel zu zählen.

»Wie heißt Du?« fragte dieser den Neuangekommenen ziemlich barsch.

»Mein Name ist Petro, Sennor.«

Der Frager, es war der Anführer dieser Leute, richtete einen scharfen Blick auf ihn und meinte dann, wie sich besinnend:

»Mir ist, als hätte ich Dich schon einmal gesehen!«

»Ich weiß nichts davon.«

»Man sagt, daß Du aus der Gegend von Orense bist?«

»So ist es.«

»Warum bleibst Du nicht daheim, wenn Du krank bist?«

»Gerade meine Krankheit trieb mich fort, Sennor. Ich suche auf den Bergen eine Wurzel, welche alle Krankheiten heilt.«

»Oho, die giebt es nicht!«

»Die gibt es, Herr; eine kluge Gitana (Zigeunerin) hat es mir gesagt.«

»Hast Du keinen Sohn, der an Deiner Stelle gehen konnte?«

»Ich habe weder Sohn noch Tochter, ich habe keinen einzigen Menschen auf der Erde.«

»So bleibe hier und ruhe Dich aus. Du wirst es nicht mehr lange treiben, Mann. Brauchst Du einen Pater zum Beichten, so sage es. Wir haben einen Pater Dominikaner unter uns. Hinaus aber darfst Du ohne meine Erlaubniß nicht wieder. Und wenn Du ein Verräther bist, so nimm Dich wohl in Acht! Ich scherze mit solchen Leuten nicht.«

Es wurde ihm ein abgelegener Platz angewiesen, wo er Speise und Trank erhielt; dann schien sich kein Mensch weiter um ihn zu bekümmern.

Nach einer geraumen Weile trat der Mann wieder ein, welcher draußen Wache hielt, und meldete dem Hauptmanne, daß ihn ein Fremder zu sprechen begehrte.

»Wer ist es?« lautete die Frage.

»Er will es nicht sagen. Er hat eine schwarze Larve auf, damit man ihn nicht erkennen soll.«

»Ah, ich komme gleich!«

Der Hauptmann erhob sich, steckte noch ein Pistol zu sich und verließ das Felsenversteck. Draußen angekommen, erblickte er den Fremden. jedenfalls kannte er ihn, denn er eilte auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und begrüßte ihn mit den Worten:

»Willkommen, Sennor Gasparino, willkommen! Es sind ja Jahre vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben!«

»Pst!« warnte die lange, hagere Gestalt des Verhüllten. »Wer wird hier Namen nennen! Sind wir sicher und unbelauscht?«


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»Vollständig! Die Wache ist dort rechts auf ihrem Posten; sie kann uns nicht hören, und sonst ist kein Mensch zugegen.«

»Wißt Ihr das genau?«

»Sehr genau, Sennor. Ich hoffe, Ihr bringt mir eine gute Arbeit.«

»Möglich, wenn Ihr nicht zu viel verlangt.«

»Laßt hören.«

»Was kostet es, zwei Menschen verschwinden zu lassen?«

»Das richtet sich ganz darnach, wer sie sind.«

»Es ist ein Graf und ein Arzt.«

»Welcher Graf?«

»Der alte Emanuel de Rodriganda-Sevilla.«

»Euer Herr? Beim heiligen Sebastian, Ihr seid ein treuer Diener! Leider aber kann ich Euch Euren Wunsch nicht erfüllen!«

»Nicht? Warum nicht?« -

»Der Graf steht unter dem Schutze eines meiner Freunde. Ich darf ihm kein Haar krümmen.«

»Pah, ich bezahle gut!«

»Das ändert nichts. Wir Briganden sind ehrlich gegen unsere Freunde.«

»Nennt die Summe!«

»Hilft nichts, Sennor! Ihr könntet mir zehntausend Dublonen geben, so würde ich Euch abweisen müssen. Betrachtet das als abgemacht!«

»Unangenehm, sehr.«

»Ich kann nicht anders. Wer ist der Zweite?«

»Ein Arzt aus Deutschland.«

»Das wird besser gehen.«

»Und billiger?«

»Allerdings. Wo wohnt er?«

»Bei dem Grafen.«

»Ah, so wird es nicht sehr billig sein. Wenn er bei einem Beschützten wohnt, wird man sich nicht leicht an ihm vergreifen dürfen.«

»Dürfen, sagt Ihr? Wer will Euch, dem Hauptmanne, etwas verbieten?«

»Ich selbst. Ich kann die Gesetze nicht selbst übertreten, welche ich gegeben habe. Warum soll dieser Mann verschwinden?«

»Er ist mir im Wege; das muß Euch genügen.«

»Gut. Wieviel bietet Ihr?«

»Wieviel verlangt Ihr?«

»Soll er sterben oder nur verschwinden?«

»Das Erstere ist sicherer.«

»So zahlt Ihr gerade tausend Dublonen.«

»Tausend Dublonen? Seid Ihr des Teufels, Capitano?«

Der Hauptmann erhob sich und meinte sehr einfach:

»So könnt Ihr es lassen. Addio, Sennor!«

»Halt! Wieviel geht Ihr herab?«

»Nichts, gar nichts. Ihr kennt mich!«

»Nun gut! Also tausend Dublonen. Wann zahlbar?«


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»Die Hälfte jetzt und das Andere darnach.«

»Und wenn es nicht gelingt?«

»Es muß gelingen! Wie ist ihm beizukommen?«

»Das läßt sich jetzt noch nicht sagen. Es mögen sechs bis acht Männer nöthig sein. Diese laßt Ihr nach Rodriganda gehen, wo ich sie im Parke treffen und ihnen meine Instruktionen ertheilen werde. Hier habt Ihr Eure fünfhundert Dublonen, Capitano.«

Er zählte dem Hauptmanne das Geld vor und erkundigte sich dann noch:

»Habt Ihr den kleinen Burschen von damals noch?«

»Ja. Er ist unter dieser Zeit ein großer Bursche geworden.«

»Warum stirbt er nicht?«

»Ihr bezahltet mich damals nur dafür, daß er verschwinden sollte. Aber sagt mir doch nun einmal, wer er denn eigentlich ist!«

»Das erfahrt Ihr später. Wofür hält er sich?«

»Für den Sohn eines verstorbenen Räubers.«

»Fast bin ich begierig, ihn einmal zu sehen.«

»Das laßt Euch vergehen, Sennor! Ihr seid kein Mitglied. Ihr bezahlt mich für meine Arbeit und könnt gehen. Weiter als hierher kommt Ihr nicht.«

»So muß ich mich zufrieden geben. Wann werden Eure Leute in Rodriganda sein?«

»Morgen Abend. Addio, Sennor!«

»Addio!«

Sie gaben einander die Hände und trennten sich dann. Es war hier über das Leben eines Menschen verhandelt worden, wie über einen ganz zufälligen und geringfügigen Gegenstand. Doch es fragt sich, wer von den Beiden der Schlimmere, der Gefährlichere war, der Räuberhauptmann, oder der schleichende Notar, der zu seinen Thaten die Kunst der Verstellung und die Maske des Geheimnisses zur Hilfe nahm.

Als der Hauptmann in seine Höhle zurückgekehrt war, verhandelte er, in eine abgelegene Ecke zurückgezogen, sehr eifrig mit dreien seiner Leute, welche den Auftrag erhielten, sich nach Rodriganda zu begeben, um die von dem Notar in Auftrag gegebene That auszuführen.

Als der Abend hereinbrach, nahte sich einer der Briganden dem kranken Bettler und gebot ihm, ihm zu folgen. Er führte ihn in einen dunklen Gang, welcher sich tief in das Innere des Berges hineinzog. Zu beiden Seiten dieses Ganges waren kleine Zellen in den Felsen eingehauen, welche den Bewohnern der Höhle als Schlafraum dienten. Einige derselben waren mit schweren, eisenbeschlagenen Thüren versehen, so daß es schien, als ob sie den Zweck hätten, als Gefängnisse zu dienen.

Der Räuber war ein junger Mann, welcher vielleicht zweiundzwanzig Jahre zählen mochte. Er trug die malerische Kleidung der Provinz Catalonien, und bei dem Scheine der kleinen Lampe, welche er trug, konnte man sehen, daß die edlen Züge seines Gesichtes nichts weniger als geeignet waren, in ihm einen Räuber vermuthen zu lassen. Er war schlank, aber sehr kräftig gebaut, und seine Be-


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wegungen zeigten eine Eleganz und Gewandtheit, welche jeden Beschauer für den jungen Mann einnehmen mußte.

»Hier ist Deine Kammer, mein guter Alter,« sagte er, auf eine der offenen Zellen zeigend. »Du findest da ein gutes Lager. Soll ich Dir das Licht hier lassen?«

»Ja,« antwortete der Bettler. »Wer weiß, ob ich diese Kammer jemals wieder verlasse!«

»Warum nicht? Der Mensch soll sich nicht von Ahnungen beherrschen lassen. Du bist wohl sehr krank, aber Gott kann auch die böseste Krankheit heilen. Du kannst also hoffen!«

»Ja, ich hoffe,« antwortete der Bettler unter einem qualvollen Hustenanfalle, »aber nur auf den Tod. Er soll mir der Erlöser sein von allen meinen Leiden.«

»Hast Du große Schmerzen?« fragte der Räuber, indem er sich mitleidig bückte, um dem Greise das Lager aufzuschütteln.

»Das Leben darf nicht schmerzlos fliehen; der Körper wehrt sich gegen den Tod. Aber was sind die Leiden des Körpers gegen die Qualen des Geistes. Diese sind fürchterlich, mein Sohn. Hüte Dich, sie jemals kennen zu lernen.«

»Du leidest an der Seele? Wende Dich an unseren guten Dominikaner. Er wird Deine Beichte hören und Dir die heilige Absolution ertheilen.«

»Glaubst Du wirklich, daß die Sünde vergeben werden kann? Durch einen Menschen? Durch einen Priester, der selbst sündhaft ist und sich unter Briganden und Mördern befindet? Das ist unmöglich, mein Sohn!«

»Höre, Alter, der Pater Dominikaner ist nicht zu uns gekommen, um Theil zu nehmen an dem, was wir thun, sondern damit auch die Briganden die Gnade Gottes finden sollen, wenn sie sich darnach sehnen. Er ist ein sehr guter und frommer Mann. Er ist mein Lehrer, dem ich Alles, was ich weiß, zu verdanken habe.«

Der Bettler horchte auf.

»Dein Lehrer? So hat er Dich unterrichtet?«

»Ja.«

»Unterrichtet? Ein Räuber erhält Unterricht?«

»Allerdings. Du mußt nämlich wissen, daß der Hauptmann mich nur zu solchen Unternehmungen verwendet, bei denen er eines Mannes bedarf, der es versteht, mit hochgestellten Sennors zu verkehren. Darum habe ich Alles lernen müssen, was ein Sennor können und wissen muß.«

»Wie heißt Du?«

»Mariano.«

»Und weiter?«

»Weiter nicht.«

»Du mußt doch den Namen Deiner Familie tragen, mein Sohn.«

»Ich kenne sie nicht.«

»Ah! Wie bist Du unter die Briganden gekommen?«

»Der Hauptmann hat mich in den Bergen gefunden. Ich bin ein Findling. Er hat mich mit zu sich genommen, aber all' sein Forschen nach Dem, der mich ausgesetzt hat, ist vergeblich gewesen.«


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»Wie alt bist Du?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wie lange bist Du bei den Briganden?«

»Es sind nun achtzehn Jahre gewesen.«

»Achtzehn Jahre?« frug der Alte nachdenklich. »O, das ist dieselbe Zeit. Hast Du keine Erinnerungen aus Deiner Jugend mehr? Kannst Du Dich auf nichts, auf gar nichts mehr besinnen, mein lieber Sohn?«

»Nein. Ich weiß nichts mehr aus jener Zeit, obgleich ich oft von ihr geträumt habe.«

Vielleicht hältst Du für Traum, was Wirklichkeit gewesen ist. Was hat Dir denn geträumt?«

»Ich träumte viel von einem kleinen Püppchen. Es lag in einem schönen, weißen Bettchen, an dessen Ecken eine goldene Krone zu sehen war, und war lebendig.«

»Weißt Du vielleicht noch, wie sie hieß?«

»Ja,« antwortete er. »Ich weiß noch ganz genau, daß ich sie Rosita, Röschen genannt habe. Auch hat mir immer geträumt, von einem großen, hohen Manne, der mich Alfonzo nannte. Er nahm mich immer auf seinen Schooß und trug stets eine schöne, goldene Uniform. Bei uns war immer eine schöne, stolze Frau, die mich sehr lieb hatte und mich und die kleine Rosita immer herzte und küßte. Ich war klein, aber es gab viele Diener da, die mir gehorchten. Auch ich lag in einem Bette, welches Kronen trug. Einmal kam ein fremder Mann, als ich schlief. Ich erwachte, und der Mund war mir verbunden. Aber ich hatte nicht auf unserem Schlosse geschlafen, sondern in einer Stadt, wohin ich mit dem Papa und der Mama gefahren war. Ich wollte schreien, denn ich fürchtete mich vor dem Manne, aber er band das Tuch fester, und ich schlief vor Angst wieder ein. Als ich erwachte, lag ich im Walde. Das ist es, was mir immer geträumt hat.«

»Weiter nichts, weiter gar nichts?«

»Nein.«

»Weißt Du nicht, wie der Mann hieß, der die Uniform trug?«

»Die Diener nannten ihn Graf oder auch wohl Excellenz.«

»Ah! Nannten sie nicht zuweilen einen Namen?«

»Nein.«

»Höre, mein Sohn, das hat Dir nicht geträumt, sondern das ist Wirklichkeit!«

»Ich habe es auch zuweilen gedacht; aber wenn ich es dem Kapitano sagte, so wurde er sehr zornig und gebot mir zu schweigen. Von der Krone durfte ich gar nicht sprechen, obgleich ich mich ganz genau auf sie besinnen konnte. Er wollte mich schlagen, wenn ich sie beschrieb, und so habe ich immer darüber geschwiegen.«

»Kannst Du Dich noch jetzt auf sie besinnen?«

»Sehr genau. Sie hatte goldene Zacken mit Perlen und darunter standen zwei silberne Zeichen.«

»Welche Zeichen waren dies?«

»Ich wußte es erst nicht, aber als mich der Pater Dominikaner das Lesen


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lehrte, da lernte ich diese beiden Zeichen kennen. Es waren zwei Buchstaben, nämlich ein S. und ein R.«

»Mein Sohn, das war eine Grafenkrone. Vergiß diese Zeichen niemals!«

»Ich werde dies Alles nie vergessen, obgleich der gute Pater Dominikaner der Einzige ist, mit dem ich darüber sprechen kann.«

»Du sagst, daß dieser Pater ein guter Mann ist?«

»Ja. Er ist kein Brigand; er thut niemals etwas Böses, obgleich er treu zu den Briganden hält und sie nicht verräth. Man kann ihm alles Vertrauen schenken.«

»Und Du sagst, daß er auch zur Beichte sitzt, und die Absolution ertheilt?«

»Ja.«

»Würde er dies bei mir auch thun?«

»Sicher.«

»Willst Du mir ihn rufen?«

»Gern! Soll er gleich kommen?«

»Ich wünsche, daß Du auch zugegen bist.«

Ach? O, ich darf doch keine Beichte hören!«

»Doch, mein Sohn! Was ich zu beichten habe, wird Dich vielleicht mehr angehen, als Du denkst. Es ist ein glücklicher Umstand, daß grad Du es bist, der mir diese Kammer anweist. Doch wünsche ich, daß kein Mensch erfahre, daß Du bei meiner Beichte zugegen bist. Darum soll der Pater erst dann kommen, wenn man Dich nicht vermissen wird.«

»Das wird sein, wenn die Andern alle schlafen.«

»Und noch Eins, mein Sohn. Weißt Du nicht, ob sich unter Euch vielleicht noch Einer befindet, der seine Abkunft nicht weiß?«

»Kein Einziger. Es sind lauter Flüchtlinge oder arme Teufel, die genau wissen, wer sie sind.«

»Und es hat auch niemals außer Dir hier unter den Briganden ein Findelkind gegeben?«

»Niemals!«

»So bist Du es, den ich suche.«

Mariano erstaunte und fragte:

»Gesucht hast Du mich also? Warum?«

»Mein Sohn, wenn es Gottes Wille ist, so wirst Du vielleicht einmal erfahren, wer Du bist. Das, was Du heute von mir hören wirst, soll Dir den Weg zeigen, auf dem Du es erfahren kannst.«

Das Gesicht des jungen Mannes nahm einen freudigen, glücklichen Ausdruck an. Er rief:

»Ist es wahr? Ist es möglich? Gelobt sei Gott für diese große Barmherzigkeit.«

»Still, mein Sohn,« warnte der Bettler. »Es darf kein Mensch wissen, daß ich über diese Sache mit Dir reden will. Wenn es der Hauptmann erführe, würdest Du verloren sein. Eigentlich solltest Du getödtet werden, aber der Capitano that es nicht; sollte er es jedoch merken, was ich Dir mittheilen will, so müßte er Dir das Leben nehmen, damit das Geheimniß nicht verrathen wird. Also sei klug und schweige!«


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»Ich werde schweigen,« versicherte Mariano. »Und wenn sie Alle schlafen, so bringe ich Dir den Pater.«

»Sage ihm, er solle Papier, Feder und Tinte mitbringen, denn er wird etwas zu schreiben haben. Auch mehr Licht wirst Du versorgen müssen, da das Schreiben eine lange Zeit erfordert.«

Mariano ging und der Alte blieb allein zurück.

»Habe Dank, Madonna,« murmelte er, »daß Du mir Kraft gegeben hast, diesen Ort noch zu erreichen! Vielleicht wird Gott mir vergeben, wenn ich gut zu machen suche, was ich im Leichtsinne verbrochen habe.«

Ein neuer Hustenanfall raubte ihm den Athem und ein Strom rothen Blutes brach aus seinem Munde; es war klar, daß dieser Mann hart am Rande des Grabes stand und vielleicht nur noch Minuten zu leben hatte.

Nach und nach zog sich einer der Räuber nach dem anderen zum Schlafe zurück; Einige blieben auch gleich in dem offenen Felsenkessel liegen, und es war noch nicht um Mitternacht, als auch der Letzte sich in seine Decke hüllte, um die Ruhe zu suchen.

Bald schlief Alles und nur der Posten draußen am Berge war munter und lauschte in die Nacht hinaus, um die Kameraden vor jedem Un- und Ueberfall zu bewahren.

Da verließ Mariano seine kleine Zelle. Er hatte seine Aufregung kaum zu beherrschen gewußt. Endlich, endlich sollte der Schleier gelüftet werden, der seine Vergangenheit bedeckte! Seine Träume sollten nicht Träume, sondern Wirklichkeit gewesen sein! War dies möglich? Seine Pulse gingen unruhig und er fühlte das schnelle Klopfen seines Herzens, als er sich nach dem Seitengange schlich, in welchem die Zelle des Paters lag. Dieser saß noch beim Lichte über seinen Büchern und war überrascht, als er den Eintretenden erkannte.

»Du, Mariano?« fragte er. »Was führt Dich zu so ungewöhnlicher Stunde zu mir, mein Sohn?«

»Sprich leise, frommer Vater!« bat der Jüngling. »Es darf Niemand wissen, was ich Dir zu sagen habe.«

»So ist es ein Geheimniß?«

»Ja, Du sollst zu dem alten Bettler kommen, den wir heute bei uns aufgenommen haben. Er will beichten.«

»Zu diesem? Ich sah es ihm an, daß der Engel des Todes bereits die kalte Hand nach ihm ausstreckt. Aber warum thust Du dabei so geheimnißvoll? Ist es mir denn hier verboten, die Beichte eines Sterbenden zu hören?«

»Nein; aber ich soll bei dieser Beichte zugegen sein, was Niemand wissen darf, frommer Vater.«

»Du? Warum?«

»Weil es sich dabei um meine Herkunft handelt,« bemerkte Mariano mit leuchtenden Augen.

Der Pater erhob sich von seinem Sitze und fragte mit der Miene des allergrößten Erstaunens:

»Um Deine Herkunft? Mein Gott, dann müssen wir allerdings sehr heimlich thun, denn was ich vermuthe, das bringt mich zu der Ueberzeugung, daß der


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Capitano nicht will, daß Du erfährst, wer Du eigentlich bist. In welcher Zelle befindet sich der Kranke?«

»In der letzten. Ich habe sie ihm angewiesen, damit er durch seinen Husten die Anderen nicht störe.«

»So komm!«

Sie schlichen sich im Dunkeln zu dem Bettler, dessen Husten sie bereits von Weitem hörten. Der Priester bat Mariano, außen zu warten, und trat zuerst allein zu dem Kranken. Nach einiger Zeit kam er wieder und sagte, daß sie sich eine Zelle nehmen müßten, welche verschlossen sei, weil hier in diesem offenen Gemache nichts zu sprechen sei, was nicht im dunklen Gange belauscht werden könne. Sie begaben sich also alle Drei in eine der Gefängnißzellen, deren Thüre den Schall des Gespräches dämpfte, obgleich sie von innen nicht verschlossen werden konnte. Dort nahm der Bettler auf dem Lager Platz und begann, nachdem sich die beiden Anderen in seine Nähe gesetzt hatten:

»Mein frommer Vater, ich fühle, daß ich sterben muß, und möchte vorher so gern mein Herz von einer Schuld erleichtern, welche bereits über achtzehn Jahre lang mit mir durch das Leben gegangen ist.«

»Dem Reuigen giebt Gott Gnade,« bemerkte der Pater. »Erzähle mir, was Dein Herz bedrückt!«

Spätauflage

»Es sind zwei schwere Sünden, die ich begangen habe, ein Meineid und eine Kindesverwechselung.«

»Das sind allerdings zwei sehr schwere Sünden! An wem hast Du sie begangen?«

»Die erste habe ich an dem Capitano begangen.«

»An welchem Capitano? An dem unsrigen?«

»Ja. Ihr müßt nämlich wissen, ehrwürdiger Vater, daß ich einst Mitglied der Briganden war.«

»Du? Ah! Der hiesigen Briganden?«

»Ja. Der Capitano war mein Hauptmann. Ich war ein armer Schiffer und schaffte zuweilen einige Ellen seidenes Zeug von Frankreich über die Grenze herein. Ich wurde einst ertappt. Man konfiszirte mir mein Boot und die Waare und steckte mich in's Gefängniß. Ich aber entfloh, und da ich nun nirgends sicher war, so ging ich unter die Briganden. Meine erste That, welche ich verrichten mußte, war die Umwechselung eines Kindes. Ein kleiner Schmuggel hatte mein Gewissen nicht beschwert, diese That aber machte mich bange; ich konnte des Nachts nicht mehr schlafen, und als dann der Capitano gar von mir verlangte, einen Menschen zu tödten, so brach ich den Eid der Treue, den ich ihm geleistet hatte, und ging davon.«

»Erzähle mir die Geschichte von der Verwechselung des Kindes,« sagte der Pater Dominikaner.

»Es war, wie ich bereits bemerkte, meine erste That. Der Hauptmann ging, um ganz sicher zu sein, selbst mit. Er führte mich in einen Gasthof der Stadt Barcelona, wo wir einkehrten und über Nacht blieben. Um Mitternacht trat ein Mann zu uns herein, welcher ein Packet auf den Tisch legte. Als er das Tuch auseinander schlug, enthielt es einen etwa vier Jahre alten Knaben. Das Tuch


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roch sehr nach Aether, und daraus schloß ich, daß man das Kind besinnungslos gemacht hatte. Ich mußte diesen Knaben mit einem anderen verwechseln, welcher in einem zweiten Gastzimmer lag und schlief. Das Zimmer war nicht verschlossen, und ich bekam ein Aetherfläschchen mit, um erst die Wärterin und dann auch den Knaben bewußtlos zu machen. Nachdem ich die Kleidung der beiden Kinder verwechselt hatte, kehrte ich mit dem fremden Kinde zurück, welches der Hauptmann dann mit hierher nach der Höhle nahm.«

»Weißt Du dies genau?«

»Ja. Ich ging ja mit und mußte den Knaben tragen. Es ist kein Anderer als dieser Jüngling hier.«

»Auch das weißt Du genau?«

»Ich möchte es beschwören! Dieser Jüngling glaubt, geträumt zu haben, aber er irrt sich, denn es ist Alles Wahrheit gewesen. Als ich die Kleider verwechselte, sah ich auf den Kleidern des fremden Knaben die Grafenkrone mit den beiden Buchstaben S. und R. Ich kann mich noch ganz genau besinnen, daß es am ersten Oktober des Jahres 18* * gewesen ist, nämlich in der Nacht vom ersten auf den zweiten Oktober.«

»Die Wege des Herrn sind unerforschlich, aber er führt Alles herrlich hinaus,« meinte der Pater. »Vielleicht bist Du das Werkzeug eines göttlichen Rathschlusses gewesen, mein Sohn. Hast Du den Mann nicht erkannt, welcher Euch den Knaben brachte? Dies zu erfahren, muß uns von der allergrößten Bedeutung sein.«

»Ich kannte ihn nicht, aber seinen Namen habe ich gehört.«

»Wie lautete er?«

»Der Hauptmann vergaß sich einmal und nannte ihn Sennor Gasparino, und beim Abschiede draußen an der Treppe, als sie sich unbeobachtet glaubten, nannte er diesen Namen abermals. Aber die Thüre stand offen, und so hörte ich ihn deutlich. Ich würde den Mann sofort wieder erkennen, wenn ich ihn noch einmal zu sehen bekäme.«

»Wie war seine Gestalt?«

»Lang und hager. Er hatte eine schnarrende Stimme und sprach in sehr frommen Worten und Ausdrücken.«

»Also Ihr habt den fremden Knaben in fremden Kleidern hierher gebracht. Was wurde dann mit ihm?«

»Er blieb in der Höhle und wurde gut gepflegt. Er sprach immer von seiner Mama, von seinem Papa, von der kleinen Rosita, von dem guten Alimpo und von der guten Elvira. Endlich verbot ihm der Capitano, diese Namen zu nennen, und dann mag er sie wohl ganz und gar vergessen haben.«

»Nein,« fiel Mariano ein. »Ich habe sie nicht vergessen! Die beiden letzten Namen waren mir allerdings entfallen, aber jetzt besinne ich mich ihrer genau. Der kleine Alimpo trug mich viel auf seinen Armen. Was er im Schlosse war, das weiß ich nicht. Er hatte ein wunderbares Bärtchen unter der Nase. Die Spitzen dieses Schnurrbärtchens waren fortrasirt und nur gerade unter der Nase hingen ihm zwei lange Haarflocken weit über den Mund herab. Ich litt es deshalb nicht, daß er mich küßte. Die Elvira war seine Frau. Sie war sehr dick und sagte immer, wenn sie etwas behauptete: »Das sagt mein Alimpo auch!«


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Sie steht so lebhaft vor meinem Gedächtnisse, daß ich sie sofort erkennen würde, wenn ich ihr einmal begegnete.«

»Das ist wunderbar, mein Sohn,« meinte der Pater. »Nun bin ich allerdings vollständig überzeugt, daß Du der Knabe bist, den dieser Mann verwechselt hat. Wir wollen in unserer Erzählung fortfahren,« und sich zu dem Kranken wendend, fragte er ihn: »Wie ist Dein wirklicher Name und wo bist Du her?«

»Ich heiße eigentlich Manuel Sertano, wurde aber hier nur Manuel genannt. Ich bin aus Mataro.«

»Das wird für uns doch vielleicht von einiger Bedeutung sein. Erzähle jetzt weiter, mein Freund.«

Nachdem der Kranke einen erneuten Hustenanfall überwunden hatte, fuhr er fort:

»Einige Wochen nach der Umwechselung des Kindes sollte ich einen Reisenden tödten. Ich weigerte mich. Der Capitano drang darauf und drohte mir mit der Todesstrafe, wenn ich seine Befehle nicht erfüllen würde. Ich that, als ob ich gehorchen wolle, und ging; aber ich bin nicht wiedergekommen.«

»Das ist also der Meineid, den Du begangen hast?«

»Ja. Ich hatte geschworen, alle Befehle des Capitano zu erfüllen. Ich habe also meinen Eid gebrochen.«

»Mein Sohn, wenn Dir nur das Dein Gewissen beschwerte, so könntest Du ruhig sein. Ich bin hier unter den Briganden, denn diese verlorenen Schafe sollen nicht ohne Trost und Gottes Hilfe sein, und niemals werde ich einen dieser Männer in Schaden bringen; aber dennoch sage ich Dir, daß Du ganz recht gehandelt hast, indem Du den Reisenden nicht tödtetest. Kraft meines Amtes als Diener der heiligen Kirche entbinde ich Dich Deines Schwures und bringe Dir Verzeihung dafür, daß Du ihn nicht gehalten hast!«

»O, mein frommer Vater, wie danke ich Euch!« meinte der Kranke. »Ihr nehmt mir eine große Last vom Herzen. Könnte die andere Sünde mir doch auch noch so vergeben werden, damit ich ruhig sterben kann!«

»Laß mich erst Deine Erzählung vollständig hören.«

»Als ich von hier floh, ging ich nach Sankt Jean de Luz in Frankreich und kam als Matrose auf ein Schiff. Wir fuhren nach den Antillen, und von da an diente ich auf verschiedenen amerikanischen Küstenfahrern, bis ich einst in Sankt Juan de Callao erkrankte. Ich genaß und trat in den Dienst eines reichen Mexicaners, der mich mit in die Hauptstadt Mexiko nahm. Bei ihm diente ich viele Jahre, bis er starb. Von da an ist es mir sehr traurig ergangen. Meine kleinen Ersparnisse wurden alle und die Auszehrung ergriff meine Brust. Ich fühlte, daß ich dem Tode nicht entgehen könne, und da ergriff mich die Sehnsucht nach Vergebung meiner Sünden, und ich fühlte das Verlangen, den geraubten Knaben aufzusuchen und ihn um Gnade und Verzeihung zu bitten. Ich bettelte mir die Ueberfahrtsgelder zusammen und kehrte nach Spanien zurück. Die Krankheit hat meinen Körper verheert und Niemand kann mich erkennen. So konnte ich es wagen, die Höhle aufzusuchen, um mich nach dem Knaben zu erkundigen. Gott hat es gefügt, daß ich ihn gleich am ersten Tage treffe, und das ist gut, denn ich weiß nicht, ob ich den morgenden Tag noch erleben werde. Meine Brust ist leer und der Tod steht keinen Schritt entfernt von mir!«


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Ein fürchterlicher Hustenanfall ergriff den Alten, und eben, als derselbe ausgetobt hatte, hörten sie leise Schritte sich der Zelle nähern. Mariano trat sofort in den vorderen dunklen Winkel des Raumes und der Pater stellte sich so, daß ihn das Licht der Lampe nicht bescheinen konnte.

Die Thüre wurde geöffnet und - der Hauptmann stand vor derselben.

»Was geht hier vor?« fragte er.

»Tritt nicht ein, Capitano,« bat der Pater. »Du unterbrichst die Beichte dieses sterbenden Mannes!«

»Ach so! Warum blieb er nicht in derjenigen Zelle, welche ich ihm durch Mariano anweisen ließ?«

»Darf die Beichte eines Sterbenden von Unberufenen gehört werden, Hauptmann? Hier sichert uns die Thüre davor, daß wir belauscht werden.«

»Ihr seid sehr vorsichtig, frommer Pater! Ich hoffe, daß diese Beichte nichts enthält, was unserer Gesellschaft Schaden bringt.«

»Die Beichte eines Bettlers? Geh, Capitano, ich glaube, Du treibst mit dem Sakramente Scherz!«

Der Hauptmann entfernte sich, ohne Mariano bemerkt zu haben. So war eine große Gefahr glücklich vorübergegangen. Der Pater horchte, bis die Schritte des Capitanos vollständig verklungen waren und sagte dann:

»Mein Sohn, Du hast eine sehr große Sünde begangen. Du hast ein Kind seinen Eltern geraubt und bist schuld, daß es ein Räuber geworden ist. Diese Sünde ist viel größer, als Du denkst, aber noch größer ist Gottes Gnade; er wird Dir verzeihen, wenn Dir Derjenige vergiebt, an dem Du gesündigt hast.«

Der Kranke erhob die Hände und den bittenden Blick zu Mariano. Dieser trat näher und streckte ihm die Hand entgegen.

»Manuel Sertano, ich vergebe Dir,« sagte er. »Ich ersehe die ganze Größe Deines Vergehens, aber auch ich bin ein Sünder, und Gott mag mir so vergeben, wie ich Dir vergeben habe.«

Der Bettler legte sein Haupt rückwärts; seine eingesunkenen Augen schlossen sich und über seine Züge breitete sich der Ausdruck eines tiefen Friedens.

»O, wie leicht und wohl wird es mir!« flüsterte er. »Mein Gott, ich danke Dir, denn nun kann ich ruhig sterben!«

»Ja,« sagte der Pater. »Nun entbinde ich Dich, Kraft meines Amtes, nochmals von Deinen Sünden. Du hast sie bereut und sie sind Dir vergeben!«

»Ich dachte nicht, daß sie mir vergeben würden, denn ich habe das Glück einer jedenfalls sehr vornehmen Familie zerstört. Nun aber soll auch das Nothwendige gethan werden, um das gut zu machen. Ich sehe, daß Ihr Papier und Feder bei Euch führt, frommer Vater. Schreibt Alles auf und ich will Euch meine Unterschrift geben, um diesen Jüngling als Denjenigen anzuerkennen, welcher geraubt wurde.«

»Ja, das werden wir thun,« sagte der Pater, indem er die Schreibutensilien hervorzog. »Zwar ist das, was wir von Dir erfahren, nicht vollständig, aber Gott wird helfen, daß wir auch noch erfahren, wer jener fremde Mann ist, welcher Sennor Gasparino genannt wurde, und diejenigen Leute, denen ihr Kind umgewechselt wurde.«


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»Der Capitano weiß sicherlich Alles,« meinte Mariano. »Ich werde ihn zwingen, es mir zu sagen!«

»Um Gott, das thue nicht!« warnte der Pater. »Er wird sich niemals zwingen lassen, sondern Dich ganz sicher tödten, sobald er sein Geheimniß in Gefahr sieht. Wir müssen ohne Falsch sein, wie die Tauben, aber auch klug, wie die Schlangen, mein Sohn. Die List wird uns viel leichter zum Ziele führen als die Gewalt. Wie hieß das Gasthaus, in welchem die Verwechselung geschah?«

»Es war der Gasthof, »L'Hombre grand«, (»zum großen Mann«),« antwortete der Bettler.

»Und in welchem Zimmer geschah es?«

»Ich holte den Knaben aus dem hintersten Zimmer, eine Treppe hoch. Wir aber befanden uns im zweiten Zimmer, von der Treppe an gerechnet.«

»Haben die Fremden von der Verwechselung etwas gemerkt?«

»Ich weiß es nicht, denn wir verließen das Haus noch vor Anbruch des Morgens, während man noch schlief.«

Jetzt begann der Pater die Anfertigung des wichtigen Dokumentes, welches Alles enthielt, was wichtig war. Als er es beendet hatte, wurde es von dem Bettler unterzeichnet und dann setzte der Dominikaner zur Beglaubigung seine Signatur darunter.

»So,« sagte er, »diese Schrift werde ich auf das Sorgfältigste aufbewahren, denn bei mir ist sie sicherer als an jedem anderen Orte. Wir gehen jetzt, ich aber werde gleich wieder zurückkehren, um Dich zu pflegen und Dir in Deinen schweren Anfällen beizustehen. Das ist die Pflicht eines Mannes, welcher der Religion angehört.«

Dies geschah. Mariano kehrte zwar in seine Zelle zurück, aber er fand während der ganzen Nacht keine Ruhe. Was er erfahren hatte, war so unendlich wichtig für ihn und lag gerade in der Hauptsache noch so tief im Geheimnisse verborgen, daß es sein ganzes Nachdenken in Anspruch nahm.

Er hatte bisher den Hauptmann als seinen Wohlthäter betrachtet, nun aber hatte er ihn als die Ursache eines Verbrechens kennen gelernt, welches ihn, den unschuldigen Knaben, aus den Armen liebevoller und vornehmer Eltern gerissen und unter eine Bande geächteter Menschen gebracht hatte. Die Zuneigung für den Capitano verwandelte sich in einem Augenblicke in Haß; auf ihn fiel der ganze Zorn des jungen Mannes, denn der Bettler war ja nur ein Werkzeug gewesen; er hatte gehorchen müssen und dann gebüßt; er stand am Rande des Grabes, und dies machte auf den weichherzigen Mariano einen solchen Eindruck, daß er dem alten Manne nicht zu zürnen vermochte. Er beschloß, seine Abneigung dem Hauptmanne nicht merken zu lassen, im Verlangen sich aber alle Mühe zu geben, das Geheimniß seiner Geburt und Abstammung aufzuklären.

Es gab in der Brigandenhöhle noch Einen, welcher erst spät zur Ruhe kam, und das war der Hauptmann.

Er saß in seiner Zelle, deren Wände von kostbaren Waffen behangen waren. Den Kopf schwer in die Hand gestützt, war er in ein tiefes, grübelndes Nachdenken versunken, aus welchem er zuweilen auffuhr, um einige halblaute Worte zu murmeln.


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»Dieser Gasparino Cortejo ist ein großer Schurke, viel schlimmer, als der schlechteste Brigand!« brummte er. »Warum will er diesen Doktor tödten lassen? Hm, ich habe eigentlich gar nichts danach zu fragen; aber ich möchte es doch wissen. Er zahlt gut, aber ein Dummkopf ist, wer eine Citrone nicht so sehr quetscht, daß auch der letzte Safttropfen herauskommt.«

Wieder sann er nach. Sein Gedankengang schien ein sehr unruhiger zu sein, wie an dem Spiele seiner Mienen zu ersehen war. Er erhob sich sogar, ging einige Schritte auf und ab, und murmelte dann weiter:

»Auch die Geschichte mit dem Mariano soll mir noch manches Sümmchen einbringen. Ich sollte den Jungen tödten, aber ich wäre doch ganz ohne Verstand gewesen, wenn ich es gethan hätte. Er bleibt mir eine immerwährende Geisel für den Advokaten. Jetzt habe ich den jungen sogar lieb gewonnen, und es sollte mir leid thun, wenn ich noch gezwungen wäre, ihn ganz verschwinden zu lassen. Vielleicht brächte ich das nun gar nicht fertig!«

Er schritt abermals eine Weile in dem kleinen Raume auf und ab. Dann stieß er ein kurzes, höhnisches Lachen aus und trat an die Felsenwand seines Gemaches. Er drückte an einer Stelle derselben; ein kleines, viereckiges Stück des Steines gab nach und es kam ein Raum zum Vorscheine, in welchen der Hauptmann hineinlangte. Er brachte ein sichtlich sehr altes und zusammengelegtes Papier hervor.

»Wie sich der Alte weigerte; wie er sich wand und krümmte, als ich diesen Schein von ihm verlangte,« murmelte er vergnügt. »Aber er mußte, denn ich hatte ihn in der Hand! Und ich durfte nicht genannt werden, sondern dieser Schurke, dieser Manuel, hatte den Jungen geholt, und darum war er es, dessen Name niedergeschrieben wurde.«

Er schlug das Papier auseinander, trat näher an das Licht der Lampe heran und las:

»Ich erkläre hiermit der Wahrheit gemäß, daß der Fischer Manuel Sertano aus Mataro am ersten Oktober 18** in dem Gasthofe »L'Hombre grand« in Barcelona auf meine Veranlassung und gegen Bezahlung von tausend Silberpiastern einen Knaben gegen einen anderen umgetauscht hat. Der umgetauschte Knabe lebt unter dem Namen Mariano unter sicherem Schutze in einer Höhle des Gebirges.
     Manresa, den 15. November 18**.
                    Gasparino Cortejo.
                    Notar.«

Der Capitano legte das Papier wieder zusammen und verbarg es in das Versteck zurück. Dann strich er sich mit sehr zufriedener Miene den Bart und meinte:

»So habe ich den Alten fest in der Hand und sein Beutel wird bluten müssen. Schade nur, daß er sich so hartnäckig weigert, mir zu sagen, wer die beiden umgetauschten Knaben gewesen sind. Hin, es läßt sich doch ein Weniges vermuthen! Er ist Geschäftsführer des Grafen Emanuel de Rodriganda. Ich werde nachforschen! Der junge Graf soll zurückkehren, oder ist vielleicht gar schon da. Soll ich ihn beobachten lassen? Soll ich die Familienverhältnisse des Grafen ausforschen lassen? Ja, das wäre das sicherste Mittel. Aber durch wen?«


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Seine nachdenkliche Miene erheiterte sich plötzlich; er stieß ein kurzes Lachen aus und meinte:

»Das ist allerdings ein lustiger Gedanke! Soll ich Mariano schicken, um das Nöthige zu erfahren? Er ist der Einzige, der dazu fähig ist. Er ist der Einzige unter uns, der sich unter solchen Leuten fehlerlos bewegen kann. Ich habe ihm Alles lehren lassen, was ein vornehmer Sennor wissen muß; er reitet wie ein Engel, kann fechten, schießen, schwimmen wie ein Teufel, ist stark und tapfer, treu und anhänglich, dabei klug und listig - ja, ich werde es thun! Der Notar hat ihn nie gesehen; er wird ihn also nicht erkennen, er wird gar nicht ahnen, daß dieser junge, liebenswürdige und gewandte Mann der Knabe ist, den er einst tödten lassen wollte. Per Dios, das ist ein wirkliches Abenteuer! Das ist ein Coup, der meinem Kopfe die größte Ehre macht!«

Er schritt noch einige Zeit in der Zelle auf und ab und trat dann in den Nebenraum, um sich schlafen zu legen.

Als er am Morgen kaum erwacht war, trat der Pater Dominikaner bei ihm ein und meldete:

»Capitano, der fremde Mann, dessen Beichte ich heute in der Nacht hörte, ist soeben gestorben.«

»Gut, so sind wir ihn los. Man werfe ihn in die Schlucht!«

»Das werde ich nicht zugeben, Capitano! Er ist als ein reuiger Christ gestorben und soll als ein solcher auch begraben werden.«

»Mir gleich. Thut, was Ihr wollt, nur laßt mich dabei aus dem Spiele! Ist Mariano schon wach?«

»Ja.«

»Er soll gleich zu mir kommen!«

Der Pater entfernte sich und kurze Zeit später trat Mariano ein. Er grüßte freundlich und zwar mit der vertraulichen Unterthänigkeit, welche er sich für den Umgang mit dem Hauptmarine angeeignet hatte, und ließ sich nichts von der Gesinnung merken, die zu verbergen er sich vorgenommen hatte.

Der Capitano bot ihm einen Sitz an und begann:

»Mariano, wie befindet sich Dein Rappenhengst?«

In den Zügen des Jünglings ward es hell und in sein Gesicht stieg eine leichte Röthe. Es war augenscheinlich, daß die Erwähnung des Pferdes ihm angenehm war.

»Er wird kaum zu bändigen sein,« antwortete er. »Er steht nun über einen Monat drüben in der Pferdehöhle und ich habe ihn von den anderen Thieren fortnehmen müssen, weil er sie sonst zu schanden schlägt.«

»So nimm Dich heute in acht, daß es kein Unglück giebt. Wenn so ein edles und muthiges Pferd vier Wochen lang den Reiter nicht getragen hat, so ist es schwer zu bändigen.«

»Ah! Soll ich ausreiten, Capitano?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Weit. Nach Manresa und Schloß Rodriganda.«

»Das ist sehr weit, Hauptmann!«


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»Du hast viel Zeit zu diesem Ausfluge. Es ist möglich, daß Du wochenlang dort verweilen wirst.«

Das Gesicht des Jünglings hellte sich immer mehr auf. Der Gedanke, auf eine so lange Zeit von seiner jetzigen düsteren Umgebung erlöst zu sein, war ihm der angenehmste, den er haben konnte.

»In einem Auftrage?« fragte er.

»In einem sehr schwierigen noch dazu,« antwortete der Capitano. »Ist Deine Garderobe im Stande?«

»Vollständig.«

»Auch die Uniformen?«

»Ja. Soll ich mich als Offizier verkleiden?«

»Als französischer Offizier. Du bist ja des Französischen vollständig mächtig. Ich werde Dir einen Urlaubspaß geben, der auf den Husarenlieutenant Alfred de Lautreville lautet.«

»Und was ist meine Aufgabe, Capitano?«

»Du hast auf irgend eine Weise auf Schloß Rodriganda Zutritt zu suchen und Dich dabei so zu verhalten, daß man Dich veranlaßt, eine längere Zeit als Gast zu bleiben. Während dieser Zeit studirst Du die Verhältnisse der Bewohnerschaft auf das Sorgfältigste und Speziellste. Ich werde Dir darüber einen eingehenden Bericht abverlangen. Du bist klug genug zur Lösung einer solchen Aufgabe.«

»Willst Du mir vielleicht einzelne Anhaltspunkte mittheilen, Hauptmann? Es wäre mir das lieb.«

»Ich kann Dir gar nicht viel sagen. Aber da ist besonders ein Notar, ein gewisser Cortejo, welcher der Geschäftsführer des Grafen ist, und den Du am aufmerksamsten beobachten sollst. Ich möchte gern genau wissen, wie er zu den Gliedern der gräflichen Familie steht. Dann ist da der junge Graf Alfonzo, der in Mexiko gewesen ist. Siehe einmal zu, wie er sich gegen den Grafen und dessen Geschäftsführer verhält. Es ist mir besonders angelegen, zu wissen, ob er diesem Letzteren vielleicht ähnlich sieht. Gehe und mache Dich fertig. Das Geld, welches Du brauchst, werde ich Dir mit dem Passe einhändigen. Du mußt fein auftreten und als ein wohlhabender Offizier gelten; darum wird die Summe nicht unbedeutend sein. Ich werde dafür sorgen, daß Du einen tüchtigen Mann als Diener erhältst, den Du als Bote verwendest, wenn Du mir etwas wissen lassen mußt.«

Mariano ging. Es war ihm noch niemals ein Auftrag so willkommen gewesen, wie der gegenwärtige, und er hatte ganz das Gefühl, als ob er sich an dem Eingange neuer und wichtiger Ereignisse befinde.

_____

An dem Orte, von welchem hier die Rede war, nämlich in Schloß Rodriganda, herrschte heut eine tiefe Stille. Der Graf hatte befohlen, daß sich jedermann der möglichsten Ruhe befleißigen solle, da er sich sehr angegriffen fühle.

Niemand befolgte diesen Befehl so genau, wie der alte Kastellan Juan Alimpo. Er schlich auf den Fußzehen wie eine Katze die Treppen auf und ab; er huschte unhörbar wie ein Schatten über die Korridore, und selbst in seiner eigenen Wohnung, welche von der des Grafen so entfernt lag, daß selbst der größte Lärm nicht zu


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dem Gebieter hätte dringen können, schwebte er so lautlos hin und her, als verstehe er die Kunst, den Boden nicht zu berühren.

Dieser großen Kunst befleißigte sich auch seine Gattin Elvira, aber mit nicht so großem Erfolge. Denn während der Kastellan ein sehr kleines und dürres Männlein war, besaß Frau Elvira eine Körperfülle, die geradezu erstaunlich war. Ihr Umfang war wohl ebenso groß wie ihre Höhe, und sie, allein auf eine Wagschaale, hätte sicher fünf Alimpo's in die Höhe geschnellt. Ihr Vollmondgesicht glänzte von Zufriedenheit; ihr Auge lachte vor Güte; ihr Mund war stets zu einem guten Worte bereit, und da ihr theurer Juan trotz aller körperlichen Verschiedenheit ganz dieselben Eigenschaften besaß, so lebten sie wie Tauber und Täubchen, und es hatte noch kein Mensch ein einziges schroffes Wort gehört, welches zwischen ihnen gefallen wäre.

Jetzt eben war der Kastellan mit der Zusammensetzung eines kostbaren Schreibzeuges beschäftigt, und seine Ehefrau besserte die aufgedrehte Trottel eines prächtigen Teppichs aus. Dabei unterhielten sie sich so leise, als ob der kranke Graf sich in ihrer unmittelbaren Nähe befinde.

»Was meinst Du wohl, Elvira, ob dieses Schreibzeug ihm gefallen wird?« fragte der Kastellan.

»Sehr gut! Und was meinst Du wohl, Alimpo, was er zu diesem Teppich sagen wird?«

»Sehr schön, wird er sagen!«

»Ja, wir suchen für ihn das Beste hervor!«

»Er ist's auch werth, meine Elvira!«

»Natürlich! Er ist so gut!«

»So bescheiden! So klug und gelehrt!«

»Und so schön, Alimpo!«

»Das mag wohl sein. Euch Frauen fällt das gleich auf, ich aber verstehe mich darauf nicht. Aber das weiß ich, daß ich ihn lieb habe und doch zugleich einen gewaltigen Respekt vor ihm empfinde. Nicht, Elvira?«

»Ja. Mir geht es ebenso. Ich möchte ihm Alles an den Augen absehen, und doch kommt er mir so hoch, so stolz und vornehm vor, als ob er ein Graf, ein Prinz, oder gar ein Herzog sei.«

»Der gnädige Herr hat ihn auch gar lieb.«

»Ebenso die gnädige Contezza. Aber die Andern, diese Aerzte, o, Alimpo, die gefallen mir gar nicht!«

»Mir noch weniger. Ich wünsche keinem Menschen, daß ihn der Teufel holen möge, diese drei Kerls aber könnte er immer einmal holen. Meinst Du nicht auch, Elvira?«

»Ja, er könnte sie immer holen! Sie hätten den gnädigen Herrn todt gemacht, wenn unser Signor nicht dazugekommen wäre; darauf kannst Du Dich verlassen, Alimpo!«

»Und was meinst Du zu dem jungen Herrn, Elvira?«

»Hm, da muß man vorsichtig sein! Was meinst denn Du?«

»Ja, da muß man allerdings sehr vorsichtig sein. Ich meine - hm, ich


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meine - - -«

»Nun, Du meinst - - -?«

»Ich meine, daß ihn - daß ihn - - daß ihn der - - -«

»Nun, was denn? Daß ihn der - - -«

»Daß ihn - daß ihn der - - daß ihn der Teu - - -«

»Nun, Alimpo, rathe doch! Warum stockst Du denn? Fürchtest Du Dich vor mir?«

»Nein, gar nicht. Aber man muß da sehr vorsichtig sein, und ich meine', daß - - daß ihn der - - daß ihn der Teufel - - hm ja, daß ihn der Teufel schon auch so einmal holen könne, gerad wie die Aerzte!«

»Ei, ei, Alimpo!« drohte die Kastellanin. »So darf man nicht von dem jungen Herrn Grafen sprechen! Das ist sehr respektlos, obgleich auch ich nicht das Mindeste dagegen hätte, ja, nicht das Mindeste, daß ihn - - -«

»Nun, daß ihn - - -?«

»Ja, daß ihn der Teufel holt!«

»Siehst Du!« rief Alimpo mit unterdrückter Stimme; »Du bist ganz meiner Meinung, meine Elvira!«

»Dieser junge Graf Alfonzo gefällt mir ganz und gar nicht! Er sieht gar nicht aus wie ein richtiger Graf!«

»Nein. Er sieht seinem Vater, unserm gnädigen Herrn nicht ähnlich. Hast Du das nicht auch schon bereits bemerkt?«

»O ja! Und weißt Du, wem er ähnlich sieht?«

»Nun?«

»Diesem alten Sennor Cortejo, dem Notar.«

»Ich dachte, Du würdest sagen, daß er der alten Schwester Clarissa ähnlich sieht.«

Die gute Elvira machte zuerst ein sehr erstauntes Gesicht; dann sann sie ein Wenig nach und entschied nachher:

»Wahrhaftig, Du hast Recht, Alimpo! Auch dieser frommen Schwester Clarissa sieht er ähnlich. Es ist grad, als wenn der Notar und die Schwester seine Eltern wären! Ist das nicht ganz und gar merkwürdig, mein lieber Alimpo?«

»Ja, allerdings,« stimmte er bei. »Aber ich bin mit meinem Schreibzeuge nun fertig geworden.«

»Und ich mit dem Teppich auch. Wollen wir die Sachen nun in das Zimmer unseres Doktor's tragen?«

»Ich denke, ja.«

»Nun, so komm!«

Sie traten hinaus auf den Korridor und kamen gerade zur rechten Zeit, um die drei spanischen Aerzte zu sehen, welche den Weg nach den Gemächern des Grafen Emanuel eingeschlagen hatten.

Diese drei Herren zeigten sehr ernste und feierliche Mienen. Als sie das Vorzimmer erreichten, fragte Doktor Francas den daselbst anwesenden Diener:

»Wir hören, daß seine Erlaucht, der gnädige Graf unwohl sind?«

»Allerdings,« antwortete der Gefragte.

»Wir wünschen, ihn zu sprechen.«

»Der gnädige Herr haben jeden Besuch streng untersagt.«

»Auch den unserigen?«


Ende der zweiten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk