Lieferung 25

Karl May

12. Mai 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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»Ich bin es, Sennora!«

»Beweisen Sie es!«

»Ich will diesen Himmel nicht geschenkt haben; ich will mir ihn nicht erbetteln, sondern ich will ihn mir erringen und erkaufen.«

»Wodurch?«

»Dadurch, daß ich Ihnen Alles zu Füßen lege, was ich bin und was ich habe.«

»Auch die Grafenkrone?« fragte sie mit ungläubiger Miene, indem aber ihr Herz im Geheimen vor Erwartung bebte.

»Auch die Grafenkrone!«

Da entzog sie ihm ihre Hände und machte eine Bewegung, als ob sie ihn von sich stoßen wolle.

»Gehen Sie, Graf!«

»Wie, Sie glauben mir nicht?« fragte er erregt.

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich glaube keinem Manne.«

»So lernten Sie noch niemals einen Mann kennen, Sennora!«

Da erhob sie sich aus der liegenden in die sitzende Stellung empor. Ihre Augen blickten ihn blitzend an, nahmen aber nach und nach einen schwärmerischen und dann einen begeisterten Ausdruck an, während ihre Arme in hinreißenden Bewegungen dem Sinne ihrer Worte folgten.

»Ja,« sagte sie, »Sie haben Recht, Graf; ich lernte noch nie einen Mann kennen. Und warum? Weil es keinen giebt! O, auch ich habe geträumt und geschwärmt von dem alten Bilde des Epheus um der Eiche; auch ich habe mich nach einem Starken, Treuen gesehnt, an dessen Brust mein Herz seine Pulse klopfen lassen dürfe; auch ich habe nicht nach Reichthum, nach Schönheit, nach Stellung geblickt; auch ich wollte nur einen Mann, nichts als nur einen Mann, dessen Haupt ich bewahren könnte vor Sorge und Kummer. Pah, was habe ich gefunden!«

»Sennora, suchen Sie noch!«

»Nein!«

»Und dennoch sage ich, suchen Sie noch, wenigstens heute noch, jetzt noch! Sie werden einen Mann finden!«

»Sie meinen sich?«

»Ja.«

»Und wie wollen Sie beweisen, daß Sie wirklich Der sind, den ich suche?«

»Indem ich Sie an mein Herz nehme und nimmer davon lasse; indem ich Sie im Triumphe mit mir nach Rodriganda nehme und den hehrsten meiner Vorfahren anreihe; indem ich Sie von der Bühne hinweg bis hinauf zu den höchsten Stufen des Thrones führe; indem ich für Sie wage, opfere und vollbringe, Alles, was ein Großer der Erde für das Weib seiner Wahl und Liebe nur zu thun vermag.«

»Weib sagen Sie?«

»Ja.«

»Und Ihre beiden Söhne?«

»Diese werden Sie anbeten ganz so wie ich.«

»Fast möchte ich Vertrauen fassen. In meinem Herzen wohnt ein ganzes


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Meer von Glück und Liebe; fast möchte ich es wagen gegen Das, was Sie mir versprachen.«

»Thun Sie es, Sennora!« bat er.

»Nun wohl, Sie sind kein Knabe mehr, sondern ein Mann, der mit dem Leben gerungen hat. Ich will mich prüfen, ob ich Ihnen vertrauen kann. Gehen Sie jetzt und kommen Sie heute Abend wieder. Fällt meine Entscheidung nach Ihrem Wunsche aus, so bringe ich Ihnen eine Seligkeit, um welche uns die Seligen beneiden werden.«

Sie erhob sich und schob ihn nach der Thür zu; dabei aber kam es, daß sie einen Augenblick lang an seine Brust zu liegen kam. Schnell legte er die Arme um sie. Er fühlte die weichen, electrischen Formen in seinen Armen erbeben und drückte seine Lippen auf ihren Mund mit einer Wonne, um deretwillen er für dieses herrliche Wesen sofort hätte in den Tod gehen mögen. Dann aber schob sie ihn sanft zur Thüre hinaus.

Hatte schon der Sturz der Ballerina gestern bedeutendes Aufsehen erregt, so wurde dieses Aufsehen geradezu verzehnfacht durch die Nachricht, daß Graf Manfredo Rodriganda, der Vicekönig von Indien, die Tänzerin in seiner eigenen Equipage habe nach Hause fahren lassen. Heute früh nun verbreitete sich gar die Kunde, daß er die ganze Nacht bei ihr zugebracht habe, und so war es ja gar nicht zu verwundern, daß bereits vor der gewöhnlichen Visitenstunde ein Mann vor ihrer Wohnung aus dem Wagen sprang, dem diese Gerüchte nicht gleichgiltig sein konnten - der Herzog von Olsunna.

Er sprang in förmlicher Hast die Treppe hinan, und als Elvira hineinging, um ihn anzumelden, wartete er gar nicht, bis das Mädchen wieder zurückkehrte, sondern trat eher ein.

Er fand die Ballerina angekleidet auf der Ottomane sitzen.

»Hanetta!« rief er, die Arme ausbreitend.

»Eusebio!« antwortete sie, ziemlich kalt, beinahe ironisch.

»Was, Du fliegst mir nicht entgegen?« fragte er.

»Nein,« antwortete sie sehr ernsthaft.

»Nicht? Was habe ich Dir gethan?«

»Nichts, mein Lieber.«

»Aber einen Grund muß es doch haben!«

»Allerdings!«

»Darf man ihn erfahren?«

»Gewiß. Ich fliege Dir heut nicht entgegen, weil ich gestern während der Vorstellung erfahren habe, wie gefährlich das Fliegen ist.«

»Gut, so werde ich mir erlauben, an Dein Herz zu fliegen!«

»O bitte, lassen wir lieber alles Fliegen!« wehrte sie ihn ab.

»Aber weshalb auf einmal so kalt, Hanetta? Tod und Teufel, so ist es vielleicht wirklich wahr, was die Leute reden!«

»Was reden sie?«

»Daß Du nach dem Grafen Rodriganda angelst!«

»Hm! Oder er nach mir. Du weißt, mein lieber Eusebio, daß ich nie nöthig habe, die Angel auszuwerfen!«

»Ja, eine verdammte Hexe bist Du,« lachte er gepreßt. »Also Du giebst zu, daß etwas Wahres an dem Gerücht ist?«

»Ja, ich gebe es zu.«

»Donnerwetter! So hole der Teufel den Rodriganda!«

»Ich wünsche ihm im Gegentheil alles Gute, weil er es ehrlich mit mir meint.«

»So! Meine ich es etwa nicht ehrlich und gut mit Dir? Ich liebe Dich zum Rasendwerden und bin zu jedem Opfer bereit.«

»Nun gut, so heirathe mich!«

Er blickte sie groß an und rief dann:

»Dummheit!«

»Ah, Du hältst also eine Heirath zwischen uns für eine Dummheit?«

»Natürlich! Verlange was Du willst von mir, nur das nicht! Uebrigens weißt Du ja selbst ebenso gut wie ich, daß eine Tänzerin in unseren Kreisen eine Unmöglichkeit ist.«

»Ich werde Dir das Gegentheil beweisen. - Graf Rodriganda würde mich heirathen.«

»Unsinn!«

»Ich versichere es Dir! Er, der Vicekönig!«

»Abermals Unsinn!«

»Und wenn ich Dir nun sage, daß er mir bereits den Antrag ausgesprochen hat?«

»Ich glaube es nicht!«

»Er hat sich für heute Abend meine Antwort erbeten.«

»So ist er einfach ein Thor!«

»Nein; er ist sehr bei Sinnen. Er trägt eine große, wirkliche Liebe im Herzen, deren Gegenstand ich bin. Leider aber möchte ich um seinetwillen wünschen, daß ich einer solchen Liebe würdiger wäre.«

»Na, siehst Du!«

»Ich will aufrichtig sein: Er ist ein alter Mann; Keiner kommt aus Indien zurück, ohne durch Beulen und dergleichen Schaden an seinem Körper gelitten zu haben; er ist kein Mann für ein schönes, junges Weib. Wolltest auch Du mich heirathen, so hätte ich die Wahl zwischen Euch beiden, und ich würde Dich wählen.«

»Sehr schmeichelhaft,« nickte der Herzog zornig. »So aber wählst Du ihn?«

»Höchst wahrscheinlich. Kannst Du es mir verdenken, Eusebio?«

»Hm, eigentlich nicht, wenn ich gerecht sein will. Aber was wird aus mir?«

Sie lachte und meinte dann:

»Was aus Dir wird? Du bleibst natürlich Herzog von Olsunna.«

»Das ist ein schlechter Witz, an dem mir nichts liegt. Du bist das schönste Weib, welches ich je gesehen habe; jeder Augenblick bei Dir ist eine Wonne; wir sind gute Kameraden gewesen bisher, und das soll nun auf einmal aufhören!«

»Wer sagt denn, daß es aufhören soll?«

»Na, wenn Du den Rodriganda nimmst?«

»So kommst Du nach Rodriganda, wenn Du Dich einmal nach mir sehnst.«

Er sprang auf und holte tief Athem.


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»Ah, ist das Dein Ernst, Hanetta?« fragte er. »Das versteht sich!«

»Gieb mir einen Kuß darauf!«

»Zehn anstatt nur einen!«

»Und ich darf Dich auch dort - nicht blos sehen, sondern küssen?«

»So viel Du willst und als es paßt.«

»Hurrah, nun ist Alles wieder gut,« jubelte er. »Du warst ein Prachtmädchen und wirst nun auch ein Prachtweib sein!«

»Also sind wir einig, nun so geh jetzt, Eusebio!«

»Gehen? Donnerwetter! Warum?«

»Weil ich jetzt sehr ehrbar sein muß. Verstehst Du?«

»Hm, ja. Ich will Dir also gehorchen, da ich hoffe, daß Du mich dann desto reichlicher belohnst. Lebewohl, Hanetta!«

»Lebe wohl, mein Eusebio!«

Sie hingen in lebenswarmer Gluth einander in den Armen und küßten sich immer wieder, bis sie sich endlich doch losriß und ihn fortstieß.

Auch Henrico Cortejo wäre gern bereits am Vormittage zu der Ballerina gekommen, um sie zur Rede zu stellen. Er hatte gestern nicht zu ihr hinter die Scene gedurft, was stets auch das Zeichen war, daß er sie nicht in ihrer Wohnung besuchen solle. Dann hatte er erfahren, daß Graf Rodriganda mit ihr gefahren sei, und als er nun heute erfuhr, daß der Graf während der ganzen Nacht bei ihr gewesen sei, da dachte er an seine Unterredung mit ihr, deren Gegenstand der Graf gewesen war, und nun erwachte in ihm die Eifersucht in ihrer ganzen Gewalt.

Aber er hatte heute eine sehr dringende Conferenz mit Don Manfredo, und so mußte er warten, bis diese vorüber war, zumal er unter den gegenwärtigen Verhältnissen sich sehr in Acht nehmen mußte, den Grafen nicht bei ihr zu treffen.

Endlich war er frei, und als er sich dann noch genau überzeugt hatte, daß der Graf noch für einige Stunden beschäftigt sei, machte er sich auf den Weg.

Hanetta empfing ihn mit großer Zärtlichkeit. Wie schon angegeben, war er zwar kein Jüngling mehr, aber ein sehr schöner Mann, und die Ballerina liebte ihn wirklich.

»Ich habe Dich erwartet,« sagte sie, indem sie sich auf seinen Schooß setzte und sich warm und innig an ihn schmiegte.

»Wie kommt das?« fragte er ernst, beinahe finster.

»Weil ich Dich liebe, wie sonst?«

»Und gestern wiesest Du mich fort!«

»Ich mußte, weil mich die Klugheit zwang.«

»So habe ich also recht gehört? So ist es also aus mit der Treue, welche Du mir tausendmal zugeschworen hast?«

»Nein, Henrico, auf meine Treue kannst Du stets bauen,« sagte sie, indem sie ihn wiederholt und innig auf den Mund küßte.

»Das reime sich der Teufel zusammen. Mir schwörst Du Treue, und diesem alten Rodriganda giebst Du ganze Nächte lang Audienz.«

»Ah, Du bist eifersüchtig?« lachte sie.

»Ja, allerdings.«


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»Wirklich? Ah, das ist köstlich!«

Jetzt lachte sie so herzlich und ausgelassen, daß er fast Miene machte, mit einzustimmen, aber er beherrschte sich und zürnte:

»Ich denke doch nicht, daß ich es bin, über den Du Dich lustig machst, Hanetta?«

»Das fällt mir gar nicht ein.«

»Ueber wen sonst?«

»Ueber keinen Menschen. Aber ich sage Dir, daß dieser Rodriganda während der ganzen Nacht an meinem Lager gesessen hat wie eine barmherzige Schwester. Er hat keinen Blick von mir verwandt; er hielt mich für todtkrank und hat mich nicht angerührt.«

»Ist das wahr? Sonst hätte ich ihm den Kopf eingeschlagen!«

»Pah, sei nicht unverständig! Heute Morgen hat er mich doch noch umarmt und geküßt.«

»Der Schurke!« braust Cortejo auf.

»Warum ein Schurke?«

»Weil Du mein bist!«

»Beweise es!«

»Hast Du es mir nicht viele hundertmale zugeschworen?«

»Ja, und ich werde mein Wort auch halten. Aber wer sagt denn, daß ich ganz ausschließlich Dein sein kann?«

»Ah, das heißt, Du liebst Andere neben mir?«

»So meine ich das nicht. Aber erlaube mir eine Frage: Willst Du mich zur Frau nehmen?«

»O verdammt, wenn ich nur könnte!« knirschte er. »So ein entzückendes Wesen und solche Einkünfte als Ballerina. Ich würfe mein Amt sofort unter die Lumpen.«

»Nun, so sei also ruhig und unparteiisch, Henrico.«

»Der Teufel mag das sein,« zürnte er.

»Aber anhören mußt Du mich doch! Du hast ein Weib, eine kranke, elende Frau, die vielleicht nicht lange mehr leben wird, aber Du hast sie doch. Es ist also ungerecht, mich an Dich zu binden.«

»So willst Du wohl gar los von mir?«

»Nein. Ich liebe Dich wie vorher; aber ich denke, wenn ich mir einen alten, schwächlichen Mann nehmen würde, so könntest Du nichts sagen, denn dann wären unsere Chancen gleich. Rechne dazu noch, daß dieser alte Mann der Graf de Rodriganda ist, so wirst Du sofort erkennen, wie viele und große Vortheile für Dich daraus entspringen können.«

»Ah, es soll also aus dem damaligen Spaße wirklich Ernst werden?«

»Wahrscheinlich!«

»Hattest Du denn damals bereits eine Ahnung?«

»Er schickte mir an jenem Abend einen kostbaren Schmuck.«

»Donner und Doria, ist das möglich!«

»Ja. Er war zum ersten Male im Ballet gewesen, und ich hatte ihn da gleich so hingerissen, daß er direkt vom Theater zum Juwelier gegangen ist, um mir den Schmuck zu kaufen.«


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»Ist das Geschenk bedeutend?«

»Fünfzehntausend Duros; ich habe es taxiren lassen.«

»Alle Wetter! So ist es ihm Ernst?«

»Gewiß.«

»Und Dir?«

»Henrico, könntest Du mich zum Weibe nehmen, o wie gern! Da dies aber nicht der Fall ist, so wäre ich die größte Thörin, wollte ich den Mann abweisen, der Graf, Vicekönig, hundertfacher Millionär und - - ein alter Mann ist, der wohl nicht lange mehr zu leben hat.«

»Ah, Du rechnest gut!«

»Je leidenschaftlicher Du bist, desto nüchterner muß ich handeln.«

Er schritt einige Male in dem Zimmer hin und her; dann blieb er vor ihr stehen und fragte sie:

»Du liebst mich wirklich, Hanetta?«

»Von ganzem Herzen,« versicherte sie, ihn küssend. »Wahr und treu.«

»Diesen Grafen aber liebst Du nicht?«

»Nicht im Mindesten!«

»Es ist nur der Reichthum und die Machtstellung, welche Dich veranlaßt, ihm Deine Hand zu geben?«

»Nur das allein ist es!«

»Du wirst auch als Gräfin mich lieben und mir treu sein?«

»Gerade so wie jetzt!«

»Gut, so will ich Dich nicht halten. Nimm ihn! Ich weiß, daß von Deiner Macht und von Deinem Besitze auch einige Körner auf mich herabfallen. Wann wirst Du ihm Dein Jawort geben?«

»Heute Abend.«

»So nimm ihn fest, daß er nicht weichen kann.«

»Sorge Dich nicht um mich! Aber Dich muß ich warnen. Der Graf weiß, daß Du bei mir verkehrtest. Sein Diener verrieth es mir.«

»Alimpo?«

»Ja. Rodriganda ahnt natürlich, daß uns ein inniges Verhältniß verbindet; dieser Meinung aber müssen wir entgegentreten.«

»Wie?«

»Du bist nur zweimal bei mir gewesen, und zwar in Gesellschaft, wo man bei mir eine kleine Bank zu legen pflegte.«

»Gut!«

»Uebrigens versteht es sich ganz von selbst, daß wir uns weiter nicht kennen.«

»Einverstanden.«

»Später werden wir uns in den neuen Verhältnissen orientirt haben, und dann kann es nicht schwer sein, Zeit und Ort zu treffen, wo wir sicher sind. Jetzt nun geh, Henrico, man könnte uns beobachten.«

Auch er gehorchte. Sie nahmen einen innigen Abschied, und dann ging er, um dieses Zimmer nicht wieder zu betreten.

Jetzt nun war das schöne Weib entschlossen, für ihre Reize eine Grafschaft einzutauschen. - Als Don Manfredo des Abends kam, lag sie zwar nicht mehr


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nieder, aber sie sah noch immer sehr angegriffen von dem gestrigen Sturze aus; aber diese feine, leidende Blässe, durch welche doch das Roth des Lebens schimmerte, machte sie so reizend, daß der Graf fast seine vorgenommene Zurückhaltung vergessen und sie geküßt hätte.

Sie begrüßte ihn mit einem matten aber freundlichen Lächeln.

Spätauflage

Sie begrüßte ihn mit einem matten aber freundlichen Lächeln und bot ihm einen Sitz ganz neben sich an.

»Sie haben sich noch nicht völlig erholt?« fragte er.

»Nicht ganz. Ich werde einige Zeit der Zurückgezogenheit bedürfen.«

»So säumen Sie nicht, Sennora. Die Gesundheit ist ein köstliches Gut, und es giebt Leute, denen die Ihrige doppelt theuer ist.«

Da richtete sie einen ihrer unbeschreiblichen Blicke auf ihn und fragte:

»Welchen Ort halten Sie für vortheilhaft zur körperlichen Erholung für eine einfache und einsame Dame, mein lieber Don Manfredo?«

Bei diesen in einem liebevollen Tone ausgesprochenen Worten zog es wie ein heller Sonnenschein über sein Gesicht, und er sagte:

»O, meine theure Sennora, welcher Ort könnte da wohl besser gelegen sein, als mein Stammschloß Rodriganda."

»Ich kenne es nicht.«

»Es liegt bei Manresa, am Walde, und doch wieder in solcher Nähe von mehreren Städten, daß man Land- und Stadtleben zu gleicher Zeit genießt.«

»Und diesen schönen Ort stellen Sie mir zur Verfügung?«

»O, wenn Sie dieses Anerbieten annehmen wollten!«

»Ich will!« sagte sie mit strahlendem Lächeln.

Sie streckte ihm die Hand entgegen, und er nahm sie und drückte seine Lippen darauf.

»Ist das genug?« fragte sie.

»Sennora, mit der Erhörung steigt der Muth. Soll ich Sie nur als Gast nach Rodriganda bringen, oder - - -«

Er stockte doch; dieses Glück schien ihm zu groß zu sein.

»Nun, oder - - -?« fragte sie in ermunterndem Tone.

»Oder als meine Braut, welche dann mein angebetetes Weib werden will?«

Er blickte ihr erwartungsvoll in die Augen; sie hielt diesen Blick aus und sagte:

»Manfredo, ich will Dir vertrauen. Nimm mich hin, aber mache mich nicht unglücklich!«

»Unglücklich!« rief er. »Lieber will ich tausend Tode sterben, ehe ich Dir das geringste Weh bereite, Du Herrliche! Aber, ist es wahr, ist es wirklich wahr?«

»Ja,« flüsterte sie verschämt, indem sie ihren Kopf an seiner Schulter barg.

»So habe Dank viel tausend, tausend mal. Du sollst diese Stunde nie bereuen, sondern den Himmel auf Erden haben, so weit Menschenhände ihn bereiten können. Aber ich fühle mich durch Dich so unendlich glücklich, daß ich unbedingt auch Andere glücklich machen muß. Erlaubst Du mir es, meine Hanetta?«

»Gern,« lächelte sie. »Aber wen?«

»Meinen Diener und Dein Mädchen.«


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»Ah,« fragte sie verwundert, »diese kennen einander?«

»Sie sind Beide in Rodriganda geboren und haben sich zufälliger Weise hier wieder gefunden. Darf ich sie holen?«

»Sind sie da?«

»Ich wette, sie stecken mit einander in dem kleinen Zimmerchen da drüben.«

»Ich sehe, daß Du hier bei mir ebenso gut Bescheid weißt, als ich. Komm', laß uns einmal nachsehen.«

»Leise!« bat der glückliche Mann. »Vielleicht überraschen wir sie.«

Sie schlichen sich hinaus auf den Corridor und öffneten dann plötzlich die Thür zu dem Stübchen. Richtig, da saß Alimpo mit seiner Elvira eng umschlungen, Seite an Seite, und es schien, als seien sie gerade bei einem herzhaften Kusse gestört worden. Sie erschraken fürchterlich und sprangen empor.

»Hallo, was treibt ihr denn hier für Allotria!« sagte der Graf in einem scheinbar sehr ernsten Tone.

»O, Excellenz, Sie wissen ja« stotterte Juan Alimpo.

»Was weiß ich denn?«

»Nun, daß diese hier - daß - daß sie -«

»Na, was denn?«

»Daß sie die Elvira ist.«

»Aber was geht denn Dich das an?«

»Excellenz, ich meine, daß - daß dies - - daß dies meine Elvira ist!«

»Aber was sagt denn nun die Elvira dazu?«

Diese war schnell entschlossen. Sie machte einen sehr resoluten Knix und sagte:

»Excellenz, Herr Graf, dieser hier ist mein Juan Alimpo.«

»So seid Ihr also einig?«

»Ganz und gar.«

»Und Eure Eltern?«

»Wir haben keine, ich nicht und er nicht.«

»So habt Ihr also Niemand zu fragen. Aber, was werdet Ihr denn nun mit einander beginnen?«

Das brave Mädchen lachte am ganzen Gesicht und sagte:

»Das lassen wir dem Herrn Grafen über.«

»Mir?« fragte er verwundert.

»Ja. Weil Excellenz meinem Alimpo versprochen haben, für uns zu sorgen, wenn - wenn - wenn - ich Ihnen gefalle.«

»Ach so! Und Du meinst nun, daß Du mir gefällst?«

Sie blickte verschämt zu Boden und antwortete nicht.

»Nun, so antworte doch!« drängte der jetzt zu einem Scherz aufgelegte Graf.

Sie bemerkte, daß er guter Laune sei und faßte sich ein Herz. »Meinem Alimpo gefalle ich,« sagte sie; »und da denke ich, daß ich - hm!«

»Nur weiter, weiter!«

»Daß ich Excellenz auch gefalle!«

»Endlich! Und weil Du dies so hübsch sagst, so will ich Dir auch gestehen, daß Du mir gefällst.«


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»Nicht wahr, sie ist nicht übel, Excellenz?« rief da der glückliche Alimpo.

»Ja, sie ist ganz gut, und darum will ich für Euch sorgen. Was meinst Du denn, Alimpo, was Dir lieber ist: Feldhüter mit fünfzig Duros Gehalt oder Kastellan auf Schloß Rodriganda mit freier Station und dreihundert Duros Gehalt?«

»Excellenz, der Kastellan ist mir lieber!« rief da Alimpo rasch.

»So nimm ihn!«

»Tausend Dank, Excellenz! Komm', meine gute Elvira, mache einen Knix und bedanke Dich bei dem Herrn Grafen!«

»Das kann ich schon ganz von selber!«

Mit diesen ernst gemeinten Worten produzirte sie ihre schönste Verbeugung.

»Und bei der zukünftigen gnädigen Frau Gräfin auch!« bemerkte Alimpo.

»Was?« fragte der Graf. »Wer hat Dir denn davon gesagt?«

»Excellenz, das habe ich gleich das erste Mal im Theater gedacht! Sie machten es gerade so wie ich: Sie guckten immer nur die Eine an. Nun haben wir Beide die Unserige.«

Der Graf lachte und ging mit der Ballerina wieder hinaus. Die beiden jungen Leute standen da und sahen einander an.

»Nun, da hast Du es!« sagte Alimpo. »Unser Hochzeitsgeschenk! Freut es Dich?«

»Das versteht sich! Herr Kastellan kann nicht Jeder sein!«

»Und Frau Kastellanin auch nicht eine Jede. Nur Eines freut mich dabei nicht.«

»Was?«

»Die Schloßherrin.«

»Ja. Sahst Du, daß sie nur gezwungen freundlich war? Sie wird uns niemals lieb haben. Er nimmt sie ihres Gesichtes und ihrer schönen Glieder wegen, und doch wie bald kann das Alles vergangen sein! So ein vornehmer Mann ist zuweilen viel weniger klug, als man denken sollte.«

Während dieser kurzen Unterredung zwischen den Dienern saß das Brautpaar wieder drüben, scheinbar in der innigsten Liebe bei einander. Der Graf war so glücklich, daß er seiner Verlobten die höchsten Wünsche erfüllt hätte. Er setzte ganz dieselbe Stimmung auch bei ihr voraus, und darum sagte er:

»Glaubst Du, daß ich eine Bitte an Dich habe?«

»Sprich sie aus, Manfredo,« sagte sie freundlich.

»Sie betrifft meinen Sachwalter.«

Er blickte sie dabei scharf an; sie aber ließ sich nicht das Mindeste merken und fragte nur:

»Deinen Sachwalter? Wer ist das?«

»Es ist Henrico Cortejo.«

»Cortejo? Hm, diesen Namen muß ich bereits gehört haben!«

»Ich denke,« lächelte er.

»Ah, ist es ein Mann in den mittleren Jahren; ich besinne mich auf ihn.«

Er wurde wirklich irre an ihr; sie hatte die Unschuldsmienen meisterhaft einstudirt.


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»Nicht wahr, Du kennst ihn?« fragte er.

»Nicht so, was man eigentlich kennen nennt. Er war drei oder vier Mal bei mir, und das war an den Abenden, an denen ich Collegen bei mir sah. Diese pflegen gewöhnlich eine kleine Bank aufzulegen, und da schienen sie diesen Cortejo gern dabei zu sehen. Er wurde mir zu diesem Zwecke mit gebracht und vorgestellt.«

Er war beruhigt, konnte aber, wenn er sich nicht verrathen wollte, hierbei nicht gut abbrechen; darum sagte er:

»Ich hörte das, und da ich es nicht liebe, daß meine Beamten Spieler sind, so wollte ich mich bei Dir nach der Höhe seiner Verluste erkundigen.«

»Das ist nicht bedeutend, mein Lieber,« sagte sie mit ruhigem Lächeln, während sie ihn im Innern verachtete, daß er sich von ihr hatte täuschen lassen. »Man spielte nicht hoch, und so konnte Verlust oder Gewinn nur wenige Duros betragen.«

»Sahst Du den Herzog von Olsunna auch in diesen Kreisen?«

»Ja. Zweimal nur. Dieser Sennor schien sich bald unheimlich zu fühlen, weil die Künstler selten oder nie gewillt sind, Standesvorurtheilen Weihrauch zu streuen.«

»Sie mögen in mancher Beziehung Recht haben. Auch die Kunst adelt, allerdings nur den Einzelnen, nicht aber ganze Geschlechter.«

Auch in diesem Punkte war er abgeschlagen worden von der gewandten Fechterin. Er ging nun zu dem Näheren über:

»Du wirst zweifelsohne nicht mehr auftreten?«

»Nein.«

»Wann gedenkst Du nach Rodriganda zu gehen, meine Hanetta? Ich werde leider eigentlich noch einige Zeit hier gehalten.«

»Das läßt sich arrangiren, mein Lieber.«

»Ganz nach Deinem Willen.«

»Ich muß für einige Tage nach Madrid, und während dieser Zeit kannst Du Deine Arbeiten hier beenden.«

»Ah, Du willst allein in die Hauptstadt?« fragte er mehr besorgt als verwundert.

»Allerdings.«

»Trotz Deiner gegenwärtigen Schwäche?«

»Diese hat nicht viel zu bedeuten. Das ruhige Sitzen im Coupee oder in der Diligence kann mir nicht schaden, wohl aber das Tanzen auf der Bühne.«

»Möchtest Du nicht lieber warten, bis ich Dich begleiten kann?«

»Dies geht nicht, mein Lieber. Erstens ginge eine kostbare Zeit verloren und zweitens müßtest Du Dich da mit einem Gegenstande beschäftigen, den ich gern so fern wie möglich von Dir halten möchte.«

»Welcher ist es?«

»Das Theater. Ich konnte natürlich nicht ahnen, daß mein Schicksal eine so plötzliche und ungeahnte Aenderung erfahren werde, und so habe ich einen Contract mit Madrid unterzeichnet und bereits auch abgesendet. Dieser muß gelöst werden, und deshalb will ich nach der Hauptstadt reisen.«


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»Und doch wäre es vielleicht vortheilhafter, wenn ich diese Sache in die Hand nähme, mein liebes Kind. Man wird Dir Schwierigkeiten machen, während mich die Lösung des Contractes wohl nur ein Wort kostet.«

»Ich sagte Dir bereits, daß es mir geradezu eine Ehrensache ist, Dich nicht mit Bühnenverhältnissen zu belästigen. Du sollst mich erst dann bekommen, wenn ich frei von diesem Staube bin, mein lieber Manfredo.«

»Eigentlich muß ich Dir für diese zarte Rücksichtsnahme dankbar sein,« gestand er zu. »Aber wirst Du die Reise gewiß aushalten können?«

»Ohne Zweifel!«

»So wirst Du mir wenigstens erlauben, für das Pecuniäre Sorge zu tragen.«

»Nur, um Dir ein Vergnügen zu machen, mein Lieber! Ich bin nicht arm.«

»So nimmst Du eine Anweisung an meinen Madrider Bankier an?«

»Ja.«

»Und wann reisest Du?«

»Morgen. Je eher ich aufbreche, desto eher kehre ich zu Dir zurück, mein Geliebter.«

Sie umschlang ihn zärtlich und küßte ihn innig auf den ergrauten Bart. Er war so glücklich und hatte keine Ahnung davon, daß sie gar keinen Contract mit Madrid abgeschlossen hatte, sondern nur deshalb die Residenz besuchte, um vor ihrer Vermählung noch eine kurze Zeit mit ihren früheren Freundinnen in Lust und Schwelgerei zu verbringen. Gerade in Madrid hatte sie die wildeste Zeit ihres Lebens verbracht. In den dunklen und verrufenen Gäßchen dieser Hauptstadt hatte sie auch Henrico Cortejo und den Herzog von Olsunna kennen gelernt.

»Soll ich Dich in der Hauptstadt abholen?« fragte der Graf.

»Nein, mein Lieber. Ich werde nur kurze Zeit dort verweilen.«

»Ich werde Dich bitten, meine Söhne mit zu sehen.«

»O nein, das werde ich nicht thun. Jetzt bin ich noch im Engagement. Sie sollen mich sehen, sobald ich nichts Anderes mehr bin, als nur die Eurige.«

»So wirst Du mich hier abholen?«

»Ja.«

»So verweile nicht gar zu lange, meine Geliebte, denn ich werde Dich mit großer Sehnsucht erwarten. In einer Woche sind meine Arbeiten beendet.«

»Dann bin ich bereits wieder bei Dir.« - -

Fast ganz zu derselben Zeit wurde im Palais des Herzogs von Olsunna auch von Madrid gesprochen. Der Herzog saß in seinem Sessel, und vor ihm stand Gasparino Cortejo, sein Haushofmeister.

»Ja,« sagte der Erstere, »wir haben jetzt verdammtes Pech.«

»Es muß ertragen werden!«

»Da letzthin der Skandal wegen der deutschen Hauslehrerin und wegen Deiner Zarba, oder wie diese kleine Zigeunerin hieß.«

»Ich denke nicht mehr an sie!

»Das glaube ich Dir! Und jetzt wird mir wieder diese grandiose Ballerina weggekapert.«

»Das ist freilich unangenehm. Dieser Rodriganda konnte Besseres thun, als sich auf diese Weise an seinem grauen Haare zu versündigen!«


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»Na, für Hirschgeweihe wird man wohl sorgen! Und Dein Adonis-Vater vielleicht auch mit.«

»Fällt ihm nicht ein!«

»Leugne nicht! Ich habe mir sagen lassen, daß er um die Ballerina herumgelaufen ist, leider aber, ohne erhört zu werden. Hahahaha! Ein Sachwalter, der mit dem Herzog von Olsunna in die Schranken tritt! Ich hätte ihn für gescheidter gehalten.«

»Ich nicht!« sagte der Sohn, welcher recht wohl wußte, daß sein Vater dem Herzog den Rang abgelaufen hatte.

Der Letztere fuhr fort:

»Nun ist eine todte Zeit eingetreten. Wie bringt man diese am Besten hin? Magst Du nicht Einiges vorschlagen?«

»Wenn es auf mich ankäme, so reiste ich nach Madrid. Der König von Portugal kommt auf Besuch; da giebt es Festlichkeiten und manches Schaugepränge, mit dem man sich die Zeit vertreibt.«

»Nicht übel! Wann kommt der König?«

»Sonnabend.«

»So reisen wir, und zwar zusammen schon morgen!«

So war mit leichtem Sinne eine Disposition getroffen worden, welche für die Betreffenden nur verhängnißvoll werden sollte.

Als die Ballerina Madrid erreichte, stieg sie zwar in einem der ersten Hotels ab, denn sie besaß die Mittel dazu, vertiefte sich aber bald in die engen Gassen und Gäßchen des südwestlichen Stadttheiles, in denen man des Abends kein ehrbares Frauenzimmer zu treffen vermag. Hier suchte sie sich frühere Bekannte zusammen, um die Dispositionen zu ihren zweifelhaften Belustigungen zu entwerfen.

Am Tage des Königsempfanges blickten aus einem Palaste der herrlichen Straße de la Amudena Platerias zwei hübsche, frische Jünglingsgesichter auf das Menschengewühl herab. Es waren die beiden Brüder Emanuel und Ferdinando de Rodriganda, welche nicht die geringste Ahnung davon hatten, daß ihr Vater im Begriff stehe, ihnen eine Tänzerin als Stiefmutter zu geben, und daß diese Tänzerin heute im Lorettenviertel von Madrid umherschweife.

»Was thun wir? Werfen wir uns mit in das Gewühl?« fragte Emanuel.

»Ja,« antwortete sein Bruder Ferdinando, »aber jetzt noch nicht.«

»Warum?«

»Ich will meine Karte von Mexiko vollends fertig machen.«

»Wie Du Dich für Mexiko begeistern kannst!«

»Zürne nicht, mein Bruder! Es ist das mehr als eine bloße Schrulle. Ich fühle eine ganz besondere Zuneigung für dieses ebenso eigenartige wie reiche Land, und da ich der zweitgeborene Sohn bin, so ist es sehr leicht möglich, daß ich den Fuß einmal in das alte Land der Inkas und Tolteken setze.«

»Wann wird die Karte fertig sein?«

»Beim Sonnenuntergang.«

»Ah, noch volle zwei Stunden! Dieß dauert mir viel zu lange.«

»So gehe einstweilen und hole mich dann zur Dämmerung ab, wenn man die Larven hervorzusuchen beginnt.«


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»Vielleicht hätte ich da zu weit zu gehen. Willst Du nicht lieber zur angegebenen Zeit an den Palast Panadaria kommen?«

»Gut.«

»Aber vergiß nicht, Dein Messer oder Deinen Revolver einzustecken; Du weißt, daß bei solchen Gelegenheiten ein Jeder selbst Polizist sein muß.«

»Keine Sorge, Emanuel!«

»Also Adieu, Ferdinando!«

»Adieu!«

Der fleißige Jüngling trat vom Fenster zurück und bückte sich über seine Arbeit. Das bunte Festgetriebe existirte nicht mehr für ihn, und er legte Stift und Pinsel nicht eher wieder weg, als bis er die Karte gefertigt hatte.

Nun kleidete auch er sich an, und da er bemerkte, daß nach der eigenthümlichen spanischen Sitte das Publikum bereits mit Halbmasken versehen war, so steckte er eine solche vor und trat dann zum Waffenschrank.

»Was nehme ich? Eine Kugel tödtet leicht, ein Messer ebenso. Ich nehme meine Boxringe, die sind Schutz genug für einen Boxer von meiner Uebung.«

Er steckte die mit eisernen Stacheln versehenen Ringe zu sich und begab sich der Verabredung gemäß zunächst nach dem Palast Panadaria, um den Bruder zu finden. Er suchte vergebens und stand schon im Begriff, den Ort zu verlassen, als Emanuel, den er sofort an den Kleidern erkannte, sich durch die Menge Bahn brach.

»Gut, daß ich Dich finde,« sagte er. »Um eines Abenteuers willen konnte ich Dich nicht hier erwarten. Komme schnell mit; ich erzähle Dir unterdessen.«

Er zog ihn mit sich fort, bis das Gewühl ein wenig lichter geworden war; dann begann er.

»Ich stand also dort am Palazzo und wartete auf Dich. Da schwebten vier Sylphiden vorüber, eine von einem immer reizenderem Baue als die andere. Ich folgte ihnen mit dem Auge; sie bemerkten dies und blieben stehen. Nach einer kurzen Rücksprache untereinander kam die Eine von ihnen auf mich zu und fragte:

»Sennor, erwarten Sie hier Jemand? Vielleicht ein Liebchen?«

»Nein, vielmehr einen Freund.«

»Lassen Sie den Freund, und kommen Sie mit uns, wohin es Ihnen beliebt.«

»Sie suchen sich also Caballeros? Von welchem Range?«

»Vom höchsten.«

»Ah, dann schließe ich mich Ihnen an, mache aber die Bedingung, daß wir uns zunächst in der Nähe halten, bis mein Freund kommt.«

Darauf wurde sogleich eingegangen, und so promenirte ich mit den vier Damen, bis nach und nach weitere zwei Herren dazu kamen. Nun ist nur noch eine der Damen übrig, nämlich die wählerischeste, wie mir scheint. Sie wollte bei Keinem anbeißen. Versuche Du Dein Heil; Du bist ein hübscher Junge.«

»Vielleicht sind es Grisetten!«

»Nein, sie sind von Familie und machen sich unter der Halbmaske einen Scherz. Komm! Dort an der improvisirten Pulqueschänke stehen sie.«


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»Du hast doch keinen Namen genannt? Auch nicht gesagt, daß wir Brüder sind?«

»Nein. Ich habe nur von einem Freunde gesprochen.«

»So werden wir »Sie« zu einander sagen, um auch den letzten Faden zu durchschneiden.«

Da, wo die Straße breiter wurde, hatte sich eine imitirte Pulqueschänke etablirt. An derselben standen vier Damen und zwei Herren, welche den beiden Brüdern entgegensahen.

»Sennoritas und Sennores, dies ist mein Freund, den ich erwartete,« sagte Emanuel. »Er verspätete sich, weil er beim russischen Gesandten aufgehalten wurde.«

Diese wohl berechneten Worte gaben dem Angekommenen einen Nimbus, welcher nicht ohne Wirkung blieb. Man verbeugte sich ungewöhnlich tief vor ihm.

Ferdinando hatte die Gestalt der vierten Dame mit Kenneraugen überflogen. Sie trug einen langen, fledermausartigen Mantel, der von ihrer Gestalt nichts sehen ließ, aber das Haar war prachtvoll, das Ohr klein, die Lippen zum Küssen schön und das Kinn von jener schönen Rundung, welche auf einen vollen, weichen Körperbau schließen läßt, und eben jetzt, als sie sich verbeugte und ihre Lippen sich ein wenig öffneten, erblickte Ferdinando zwei Reihen kleiner Zähne, die gar nicht prächtiger gedacht werden konnten. Sein Entschluß war gefaßt; er wendete sich ausschließlich nur an sie:

»Sennora, bitte, Ihren Arm!«

Er sprach nur die vier Worte, ohne alle Phrase, aber es lag in seiner Stimme ein eigenartiger Wehklang, den man nicht gut verletzen konnte.

»Sie sollen ihn haben, Sennor.«

Auch ihre Stimme hatte etwas unendlich Weiches und Sympathisches an sich. Sie legte ihren Arm in den seinigen, und nun brachen die vier Paare auf.

Es wurde zunächst wacker umhergetollt, zuweilen eine Tasse Chocolade oder ein Glas Wein getrunken. Die vier Paare hielten sich einzeln, aber doch immer in einer Gruppe, so daß man sich sah, aber gegenseitig keines der Zwiegespräche verstehen konnte.

Ferdinando hatte jetzt längst erkannt, daß er es mit einer ausgezeichneten Schönheit zu thun habe. Schon als sie ihm den Arm gab und er die electrische Fülle und Rundung desselben fühlte, war es wie eine glückliche Ahnung über ihn gekommen. Sodann war ihm der unendlich leichte, schwebende Gang sehr bald aufgefallen, und endlich hatte er an dem Faltenwurfe des Mantels bemerkt, daß dieser eine Venus verhüllen müsse.

Jetzt schritten sie hinter den andern drei Paaren langsam dahin, leise, trauliche, abgebrochene Worte flüsternd.

»Werden Sie mir sagen, wer Sie sind?« bat sie.

»Jetzt nicht, erst dann, wenn Sie mir auch Ihren Namen nennen.«

»Vielleicht werde ich es thun. Darf ich rathen?«

»Ja, bitte, Sennora!«

»Sie sind adelig. Dies vermuthe ich an Ihrem Benehmen. Ferner sind Sie sehr reich.«


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»Hm! Woraus ziehen Sie diesen Schluß?«

»Aus dem Brillantring, den ich hier fühle und immer funkeln sehe.«

Ferdinando hatte nämlich seinen rechten und ihren linken Handschuh ausgezogen, so daß sie sich jetzt baarhändig führten. Dabei hatte er das kleine und doch so kräftige Händchen bewundert, welches sie ihm so widerstandslos überlassen hatte.

»Wollen Sie nicht auch rathen, was ich bin?« fragte sie.

»Nein.«

»Ah! So bin ich also ganz ohne Interesse für Sie?«

»Nicht so, Sennorita! Es ist nur, als wandele eine Fee, ein lichter Engel neben mir; das will ich glauben und diesen Traum nicht durch triviale Fragen zerstören.«

So träumen Sie also?« fragte sie in einem Tone, welcher beinahe innig genannt werden konnte.

»Ja.«

»Ich hätte Sie eher für einen Mann der That gehalten.«

»Das bin ich auch ganz gewiß; aber sobald ein sympathisches Wesen sich an meiner Seite befindet, dann spreche ich nicht viel, dann fühle und empfinde, dann denke und träume ich lieber.«

»Gut, auch ich bin so. Kommen Sie also, und lassen Sie uns träumen.«

Sie gab sich und ihm eine plötzliche Schwenkung, so daß sie, ungesehen von den Anderen, in ein Seitengäßchen einbogen.

»Aber, Sennorita, wir verlieren die Freunde.«

»Freunde? Pah! Kommen Sie nur!«

Ihre Stimme klang halb traurig und halb hart; es lag etwas Magisches in dem Klange derselben. Sie führte ihn durch viele Straßen und Gassen langsam auf den Manzanares zu, dessen Wellen im Mondesstrahle wie Silber funkelten. Dort blieb sie stehen.

»Wir wollten träumen,« sagte sie. »Das geht auf dem Wasser am Besten. Können Sie rudern?«

»Ja, aber wir nehmen uns trotzdem einen Schiffer.«

»Warum?«

»Ich will heute nur Ihnen gehören, nicht aber meine Zeit dem Fahrzeuge widmen.«

»Dann werden wir aber nicht allein sein.«

»Diese Leute sind aus Gewohnheit taub. Kommen Sie!«

Er führte sie zu einem der Kähne und half ihr hinein. Sofort kam der Bootsmann herbei und griff nach den Rudern.

»Wohin?« fragte er.

»Spazieren.«

Nun wußte er, daß er ganz nach eigenem Belieben rudern und fahren konnte. Er kannte diese Art von Leuten, welche mit jeder eingeschlagenen Richtung zufrieden sind, sobald man nur nicht sieht und nicht hört, was sie thun und sprechen.

Ferdinando setzte sich neben seine Dame, und sie sagte nichts dagegen, daß er noch näher an sie heranrückte, als es eigentlich nothwendig war. Der Kahn stieß vom Ufer.


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Ja, nun träumten sie! Sie sprachen kein Wort. Er hatte ihre Hände ergriffen und bedeckte sie mit Küssen. Dann lehnte er den Kopf an ihre Schulter und träumte hinaus in die stille, helle Nacht.

Spätauflage

Als er wieder zu ihr heraufblickte, erschrak er beinahe, und doch war es eine große, große Seligkeit, die ihn durchzuckte: sie hatte die Maske abgenommen, und nun blickten ihm aus einem zauberisch schönen Angesichte zwei herrliche, beinahe phosphorescirende Augen entgegen. Er holte ein, zwei, drei Male tief Athem.

»Wie schön, o wie schön!« flüsterte er.

»Bin ich wirklich so schön?« fragte sie ihn leise.

»Ja, sinnbethörend schön.«

»Und Ihr Antlitz, darf ich es nicht auch sehen?«

»Was sind meine Züge gegen Ihr Bild. Aber dennoch will ich es thun.«

Auch er nahm die Maske ab, und nun schauten sie sich einander in die Augen, und diese Blicke drangen in die Herzen.

»Der Mantel, der leise, neidische Mantel,« bat er.

»Thu ihn herab,« lispelte sie.

Er nestelte die Hülle herab, und nun sah er erst voll und ganz, was er vorher nur geahnt hatte. Er zog sie an sich, ohne zu fragen. Er drückte sie an sein Herz; sie ließ es sich gefallen; ihr voller, herrlicher Busen wogte stürmisch an seinem Herzen; ihre weichen Glieder schmiegten sich zärtlich an die seinigen; ihre Blicke versenkten sich verlangend in seine Augen, und ihre Lippen schwellten ihm halb geöffnet und feucht entgegen, um die Küsse zu empfangen und zu vergelten, welche jetzt zwischen ihnen die einzige Sprache bildeten.

»Du bist herrlich; Du bist unvergleichlich,« gestand er endlich im Liebesrausche.

»Auch Du bist schön,« flüsterte sie.

»Laß uns nicht zum letzten Male beisammen sein.«

»Und doch müssen wir scheiden,« klagte sie, »denn ich bin die Braut eines Andern.«

»Ich kämpfe mit ihm, ich tödte ihn!«

»Nein.«

Dieses Nein klang so fest, so schroff und bestimmt, daß er aufblickte.

»Du liebst ihn?« fragte er.

»Nein, ich liebe ihn nicht.«

»So opferst Du Dich.«

»Auch nicht.«

»So weiß ich nicht, was ich denken soll.«

»Denke, wie Du vorhin sagtest, daß ich eine Fee bin, welche heute hernieder gestiegen ist, um Dir die Seligkeit aller Himmel zu zeigen, und dann wieder gehen muß.«

»So wollte ich, ich verschwände mit Dir.«

»Du würdest Dich auf einem einsamen Schlosse wiederfinden, wo weder Glück noch Liebe wohnt. Suche nie, niemals nach mir.«

Sie befahl dem Ruderer, wieder umzulenken und stromaufwärts zu fahren.


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Er that es, und sie saßen neben einander, innig umschlungen und süße Worte neben noch süßeren Küssen austauschend. Da kam ihnen ein anderes Boot entgegen.

Es saßen in demselben zwei Herren und zwei Damen nebst den Bootsführern.

Der Mond schien Ferdinando und seiner Dame hell und voll in das Gesicht.

»Lege die Maske an,« bat er sie.

Er legte die seinige vor; sie aber schüttelte verächtlich mit dem Kopfe. Sie dachte nur der süßen Regungen, welche sie jetzt durchflutheten, sie dachte aber nicht daran, daß ihr ein Bekannter hier, gerade in diesem einsamen Boote begegnen könne.

Die Anderen kamen schnell näher; jetzt waren sie da, und da rief eine Stimme:

»Donnerwetter, Hanetta, ist's wahr!«

Und eine zweite fiel sogleich ein:

»Ja, sie ist's! Sie ist in Madrid.«

»Halt, halt!« riefen dann beide Stimmen zu gleicher Zeit.

Und in demselben Augenblicke ließen sie auch den Kahn umlenken.

»Um Gotteswillen, fort!« bat die Ballerina.

»Es ist Herzog Olsunna und sein Wicht. Kennst Du sie?« fragte Ferdinando.

»Ja. Sie haben mich gesucht, um mich zu belästigen.«

»Sie sollen es nicht thun,« sagte er.

»Heilige Madonna, nur keinen Kampf!«

»Nein, sondern eine Zurechtweisung. Habe keine Angst. Nimm die Maske vor!«

Er stand aufrecht im Boote und gebot, direkt an das Ufer zu steuern. Es geschah, und während dessen schlug die Ballerina die Mantille um und legte die Maske vor.

Aber das andere Boot hatte zwei Ruderer; es erreichte das Ufer eher, und dort warteten der Herzog und Gasparino Cortejo auf die Nahenden. Ferdinando bewehrte seine Fäuste mit den Schlageisen.

»Halt!« rief jetzt der Herzog. »Ausgestiegen!«

Ferdinando bezahlte seinen Bootsmann und stieg dann mit Hanetta aus. Der Herzog und Gasparino thaten desgleichen.

»Ich bitte, die Masken abzunehmen,« sagte Olsunna.

»Mit welchem Rechte?« fragte Ferdinando.

»Mit dem Rechte der Freundschaft.«

»Mit Zudringlichen hege ich keine Freundschaft. Geht, Sennores!«

»Ah! Wir verlangen diese Dame!«

Da stellte sich Ferdinando vor die Ballerina hin.

»Holt sie Euch!« sagte er.

»Gut!«

Olsunna streckte seine Rechte aus, erhielt aber sogleich einen so vehementen Hieb auf den Kopf, daß er zusammenbrach.

»Der Eine ist abgethan,« sagte der muthige Jüngling. »Und nun der Andere.«

Ehe Gasparino Cortejo es sich versah, hatte er einen ähnlichen Hieb, und auch er stürzte zu Boden.

»Nun kommt, Sennora, die Bahn ist frei.«


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Er gab Hanetta seinen Arm und führte sie davon. Keiner der Zurückbleibenden wagte es, ihn noch zu belästigen.

Zunächst beeilten sie ihre Schritte, als sie aber einige Gassen hinter sich hatten, schritten sie langsamer.

»O heilige Madonna,« sagte Hanetta tief aufathmend, »welche Angst hatte ich.«

»Um wen?« fragte er.

Da schlang sie die Arme um ihn und drückte ihn heiß und fest an sich.

»Um Dich! Aber Du warst ein Held!«

»An Deiner Seite wird ein Jeder zum Helden.«

»Aber, Geliebter, die Zwei hast Du erschlagen.«

»Nein, sie sind nur ohne Besinnung. Ich kenne meinen Hieb.«

»So laß uns nach meinem Hotel eilen, obwohl ich nicht fremd hier bin, so wohne ich aber jetzt in einem solchen.«

»So komm!«

Sie nahmen sich wieder beim Arme und erreichten in so kurzer Zeit das Hotel, daß Ferdinando wünschte, der Weg wäre länger gewesen.

»Wirst Du nun befehlen, daß ich mich verabschiede?« fragte Ferdinando, als sie vor dem Portale standen.

»Willst Du denn fort?« fragte sie leise.

»Fort! Ich? Ich möchte jede Viertelstunde bei Dir mit meinem Leben erkaufen.«

»So komm!«

Sie führte ihn eine breite Treppe empor, sodann einen Corridor hinab bis an eine Thür, welche sie öffnete.

»Tritt ein. Hier wohne ich.«

Er sah ein fein ausgestattetes Zimmer, neben welchem ein Schlafkabinet lag.

»Gehe einstweilen in das Kabinet; ich werde klingeln. Bis jetzt hat Dich Niemand gesehen.«

Er gehorchte ihr. Als er nach einiger Zeit von ihr geholt wurde, fand er ein lucullisches Souper unter Zweien aufgetragen.

»Du hast mich Deine Fee genannt,« lächelte sie; »ich muß Dich also speisen und tränken, wie es Pflicht und Sitte aller guten Feen ist. Setze Dich.«

»Welchen Platz weisest Du mir an?« fragte er.

»Hm! Soll ich die Wirthin sein, oder die Hausfrau?«

Er erglühte vor Glück bei dieser Frage und antwortete:

»Bitte, die Hausfrau!«

»Gut, so bedienen wir einander. Komm' hierher und warte noch einen Augenblick!«

Sie trat in das Kabinet und kam bereits nach einer Minute in einem Negligee zurück, welches ganz geeignet war, die Sinne selbst des nüchternsten Mannes zu verwirren.

Sein Auge hing ganz trunken an ihr, und je länger das Nachtmahl währte, desto fester fühlte er sich gefangen im Banne dieser Zauberin. Der Wein goß ganze Feuerströme in seine Adern; ihre Blicke, die unwillkürlichen Berührungen ihrer Hände und Füße, der leise, süße Flüsterton ihrer Stimme, das Geheimnißvolle


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zwischen ihnen, das Alles wirkte zusammen, dem jungen Grafen die Selbstbeherrschung zu rauben.

Nach dem Tische nahm sie mit ihm auf dem Sopha Platz. Er lag an ihrem Herzen wie ein Kind; er schlief an ihrer Brust wie ein Kind; er träumte an ihrem Busen wie ein Kind, welches nichts weiß und nichts kennt, und als er am Morgen in ihren Armen erwachte, da wußte er nicht, ob die Wirklichkeit Traum, oder der Traum Wirklichkeit gewesen sei.

»Und nun bist Du mein und wirst mir sagen, wer Du bist!« bat er.

,»Jetzt noch nicht,« sagte sie lächelnd.

»Wann denn?«

»Heute Abend.«

»Darf ich da wiederkommen?«

»Ja, Du darfst. Jetzt aber gehe, Du lieber, lieber Herzensschatz!«

Sie umarmten sich noch lange heiß und innig und schieden dann. Er ging.

Er sah nicht, daß sie am Fenster stand und ihn so lang wie möglich mit trüben, verzehrenden Blicken verfolgte. Er sah auch nicht, daß gegenüber dem Hotel ein alter Saratage (Bummler) lag und den Eingang mit scharfen Blicken überwachte. Als Ferdinando heraustrat, erhob er sich und folgte ihm, um seine Wohnung und seinen Namen zu erkunden.

Emanuel hatte seinen Bruder mit Schmerzen erwartet und bat ihn, ihm sein Abenteuer zu erzählen. Beide Brüder hatten keine Geheimnisse vor einander, und so erfuhr Emanuel Alles, was Ferdinando erlebt hatte.

Der Erstere schüttelte sehr ernst den Kopf.

»Mein Bruder, Du hast ein sehr großes Unrecht begangen,« sagte er.

»Ich weiß es. Aber siehe sie erst, und dann verurtheile mich.«

»Ich verurtheile Dich nicht. Aber ich bitte Dich, sie nicht wieder aufzusuchen!«

»Nicht? O, ich würde sie aufsuchen mitten unter dem Lavaregen des Vesuvs.«

»Du bist krank!«

»Ja, aber krank im Herzen.«

»Und Du weißt wirklich noch nicht, wer sie ist?«

»Nein.«

»Du konntest im Hotel fragen.«

»Das thut kein Kavalier. Heute Abend wird sie es mir freiwillig sagen.«

Emanuel gab sich alle Mühe, den Bruder anderen Sinnes zu machen; es gelang ihm nicht. Sie waren noch über diesem Thema, als der Diener den Herzog von Olsunna meldete.

Beide blickten einander auf das Höchste überrascht an, hatten aber noch kein Wort aussprechen können, so trat der Genannte bereits ein. Er verbeugte sich freundlich und reichte Jedem die Hand, welche auch angenommen wurde.

Als er Platz genommen hatte, blickte er die Brüder forschend an und meinte dann in leichtem Tone:

»Ich kann meine kurze Anwesenheit in Madrid nicht vorübergehen lassen, ohne Sie aufzusuchen, Sennores, zumal ich mich nach einem ganz eigenthümlichen Vor-


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kommniß bei Ihnen erkundigen möchte. Darf ich Ihnen einige Fragen vorlegen, Don Ferdinando?«

»Immerhin,« antwortete dieser. »Natürlich aber behalte ich mir die Wahl vor, ob ich zu antworten habe oder nicht.«

Der Herzog verbeugte sich zustimmend und begann:

»Sie unternahmen gestern Abend eine Kahnfahrt auf dem Manzanares mit einer Dame?«

»Ja.«

»Kannten Sie diese Dame?«

»Nein.«

»Aber heute kennen Sie dieselbe?«

»Nein. So weit es sich mit der Ehre und Diskretion eines Edelmannes verträgt, bin ich bereit, einem jeden Kavalier Auskunft zu ertheilen. Ich sage Ihnen daher, daß ich erst heute Abend erfahren werde, wer die Sennora ist.«

Der Herzog lächelte überlegen.

»Sie werden es heute nicht erfahren, weil sie eine Viertelstunde nach Ihrem Fortgange Madrid verlassen hat.«

»Alle Teufel!« brauste Ferdinando auf. »Ich hoffe nicht, daß Sie lügen!«

»Lügen? Pah! Einer Dirne wegen!«

»Herr! Durchlaucht!«

»Gemach, gemach! Ich kenne sie besser, als Sie sie kennen. Sie waren es, der mir gestern den Boxring an den Kopf schlug?«

»Ja,«

»Das war sehr tapfer von Ihnen. Ich werde später mit Ihnen weiter darüber sprechen. Also Sie werden Ihre Schönheit hier nicht wieder finden; aber einen sehr großen Trost kann ich Ihnen geben: sie wird Ihnen sehr bald und in sehr intimer Weise wieder begegnen.«

»Durchlaucht, welchen Zweck hat eigentlich Ihr Besuch? Den Zweck der Beleidigung?«

»Nicht im Mindesten. Ich wollte nur wissen, wer mich gestern niedergeschlagen hat.«

»Und wie kamen Sie da auf mich?«

»Weil einer unserer Schiffer Ihnen heimlich bis ins Hotel folgte; ich ließ es dann bewachen und hörte, daß Sie herausgetreten seien. Das ist Alles. Adieu, Sennores!«

Er ging, und sie gaben sich keine Mühe, ihn zurückzuhalten.

»Was war das? Was wollte er?« fragte Emanuel.

»Darüber zerbreche ich mir den Kopf nicht; das werden wir schon erfahren. Jetzt muß ich vor allen Dingen nach dem Hotel!«

»Sei nicht zu schnell; nimm mich mit!«

»So komm'!«

Sie fanden die Worte des Herzogs bestätigt. Die Ballerina war abgereist ohne eine Spur zu hinterlassen. Papiere hatte sie gar nicht besessen; es fehlte also jeder Nachweis über sie, da es Fremdenbücher nicht gab. Die Brüder kehrten unverrichteter Sache nach ihrer Wohnung zurück.


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Ferdinando aber dachte an die fremde Sennora wie an einen Stern, der ihm in dunkler Nacht erschienen war; er träumte von ihr und hoffte von Tag zu Tag immer fester, daß er sie nicht unerwartet wieder sehen werde. - -

In Rodriganda war mittlerweile ein sehr reges Leben eingezogen. Der gute Alimpo war mit seiner braven Elvira gekommen, um das Schloß zu dem Empfange des Grafen Manfredo einzurichten. Da sich dort stets Alles in der musterhaftesten Ordnung befand, so verursachte diese Einrichtung nicht sehr viele Arbeit, und bereits am dritten Tage kam der Graf angefahren.

An seiner Seite saß im Wagen eine Dame von wahrhaft wunderbarer Schönheit, von welcher aber Niemand wußte, wer sie sei. Und die es wußten, hatten den strengsten Befehl, es Niemand zu sagen.

Gleich am Tage der Ankunft führte der Graf diese Dame durch das ganze Schloß, den Park und das Dorf. Man sah, daß sie sehr freundlich und beinahe zärtlich mit einander waren, aber weiter erfuhr man nichts.

Dann wurde der Pfarrer in das Schloß bestellt. Er fand den Grafen mit der Dame ganz allein.

»Herr Pfarrer,« sagte der Graf, »ich stelle Ihnen hiermit meine Braut vor.«

Der Pfarrer war zunächst vor Ueberraschung ganz perplex; dann gratulirte er unterthänigst. Der Graf nickte sehr gnädig und fuhr fort:

»Sehen Sie die Documente durch, welche dort auf dem Tische liegen! Sind sie zur Trauung genügend?«

»Vollständig!« sagte der Geistliche, als er sie geprüft hatte.

»So halten Sie sich jeden Augenblick bereit, die Trauung zu vollziehen!«

»Und das Aufgebot, Excellenz?«

»Sie haben ja dort gelesen, daß ich dispensirt bin. Uebrigens verbiete ich Ihnen, jetzt von der Sache zu sprechen. Ich will die Welt mit der vollendeten Thatsache überraschen. Beiwohnen werden nur meine beiden Söhne mit einigen Freunden. Adieu!«

Der Pfarrer ging. Er hatte nun mit einem Male den Beweis, daß der Graf in Indien Vicekönig gewesen war. Er hatte einen festen Willen.

Einige Tage später kamen des Nachmittags einige Herren geritten, unter ihnen auch der Herzog von Olsunna. Dieser Letztere kam nicht allein; an seiner Seite befand sich Gasparino Cortejo, sein Spießgeselle.

Als Beide ihre Pferde abgegeben hatten und langsam durch das Portal traten, fragte der Herzog den Gefährten:

»Hast doch die Pistolen nicht vergessen?«

»Nein, sie sind in meiner Tasche.«

»Recht so! Ich weiß, daß es ein Duell, oder etwas dem Aehnliches geben wird, sobald ich mit meiner Rache beginne. Dieser kleine Graf Ferdinando soll mich nicht umsonst niedergeschlagen haben.«

»Und mich ebenso wenig!« brummte Gasparino Cortejo.

Dann begab er sich zunächst zu seinem Vater. Henrico Cortejo war nämlich auch mit auf Rodriganda, denn die Trauung gab sehr viel Veranlassung zu allerhand Schreibereien, die er zu fertigen hatte. Er wohnte neben dem Grafen, dessen Zimmer wieder an diejenigen der Ballerina stießen.


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Diese Letztere hielt sich heute recht einsam und ließ sich gar nicht sehen.

Am Abende waren Alle zur Tafel versammelt; da trat der Graf mit der Ballerina ein. Das hatten Alle erwartet, denn weshalb man nach Rodriganda geladen war, das war ja ein öffentliches Geheimniß.

Der Graf theilte den Versammelten in kurzen Worten mit, daß er beabsichtige, jetzt seine Verlobung mit Donna Hanetta Valdez zu begehen. Er erwarte am späten Abende seine Söhne aus Madrid, und dann solle sofort morgen die Vermählung gefeiert werden.

Man war nach Kräften lustig und guter Dinge; man brachte Toaste und Wünsche, aber man konnte sich nicht erwärmen. Es lag ein fühlbarer Druck auf der Gesellschaft. Es war ganz so, als ob sich heute noch etwas Schlimmes ereignen müsse.

Nach der Tafel zog sich die Braut zurück, und die Herren blieben beim Weine. Später hörte man einen Wagen angerollt kommen, und der Graf ging hinab, die Gäste zu empfangen. Es waren seine beiden Söhne. Er führte sie in sein Kabinet.

Sie hatten nur die kurze Weisung erhalten, wegen einer dringenden Familienangelegenheit nach Rodriganda zu kommen. Sie wußten nicht, um was es sich handele und saßen dem Vater mit Spannung gegenüber.

»Ihr wißt,« begann dieser, »daß ich nie ein großer Freund von vielen Worten gewesen bin, und so will ich auch jetzt keine Einleitung vorausschicken. Vernehmt, daß ich im Begriffe stehe, mich zum zweiten Male zu vermählen!«

Wäre ein Blitzschlag in die Erde gefahren, so hätten die beiden Söhne kaum mehr erschrecken können als jetzt.

»Vermählen?« fragte Emanuel.

»Eine zweite Frau?« fragte Ferdinando. »Jetzt noch!«

»Ja, jetzt noch!« antwortete der Graf mit schwerer Betonung. »Es ist jetzt die Zeit nicht zu langen Auseinandersetzungen. Darum wollen wir uns rasch klar werden. Beantwortet mir einige Fragen! Zunächst! Könnt Ihr es mir verwehren, mich nochmals zu verheirathen?«

»Nein,« antwortete Emanuel.

»Oder wollt Ihr es mir verwehren?«

»Nein,« sagte auch Ferdinando.

»Nun, so könnt Ihr sicher sein, daß von Euch Beiden Keiner in seinen wohlberechtigten Interessen geschädigt werden wird. Ich hoffe jedoch, daß meine Gemahlin bei Euch die Achtung und Liebe, die Rücksicht und das Entgegenkommen finden werde, welche das Kind der Mutter schuldet!«

»Wer ist sie, Vater?« fragte Emanuel.

»Sie ist nicht von Adel.«

»Ah!« rief Emanuel.

»Nicht!« rief Ferdinando.

»Nein,« sagte der Graf. »Ich habe nicht nothwendig, nach neuem Glanz zu sehen. Uebrigens ist sie allerdings von einer Art Adel, ich meine den Geistesadel. Sie ist Künstlerin.«

Die beiden Brüder sahen einander ganz erschrocken an.


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»Was für eine?« fragte endlich Emanuel.

»Eine Ballerina.«

»Donnerwetter!« rief Ferdinando.

»Paßt sie Dir nicht?« fragte der Graf ihn scharf.

»Nein.«

»Was sagst Du?« fuhr der Vater empor.

»Nein, sage ich jetzt aufrichtig. Papa, paßt eine Balleteuse in das bisher unentweihte Schloß unserer Väter?«

»Schweig, Knabe!« gebot Graf Manfredo. »Ihr folgt mir jetzt zu ihr. Ich werde Euch vorstellen.«

»Eigentlich müßte eine Balleteuse uns vorgestellt werden, und nicht wir ihr; aber Du bist der Vater, und so gehorchen wir,« sagte Ferdinando. »Wir werden uns Dir nicht im Geringsten in den Weg stellen, aber wir legen auch alle Verantwortlichkeit auf Dich.«

»Die werde ich tragen,« sagte der Graf. »Uebrigens bist Du der Jüngere von Euch Beiden. Emanuel hätte eher das Recht, zu sprechen!«

»Ich werde jetzt nicht sprechen,« erklärte der Genannte. »Zeige uns die Dame, Vater, dann werden wir ja eher ein Urtheil finden.«

»So recht, mein Sohn! Ich bin überzeugt, sobald Ihr sie seht, ist Euer Vorurtheil sofort besiegt. Kommt!«

Er führte Beide bis zur Thür, hinter welcher Hanetta wohnte; dann öffnete er rasch und sagte:

»Meine beiden Söhne, liebe Hanetta!«

Sie hatte auf einem Fauteuil gesessen und erhob sich. Ihr Blick fiel zunächst auf Emanuel, und ihr Gesicht nahm einen überaus herzlichen Ausdruck an. Dann blickte sie herüber auf Ferdinando - da legte sich eine leichenhafte Blässe über ihr Gesicht, sie griff mit den Händen convulsivisch in die Luft und sank ohnmächtig zu Boden.

»Was ist das?« rief der Graf, indem er ihr zu Hilfe sprang.

Auch Ferdinando war erbleicht, fürchterlich erbleicht, aber er raffte sich sofort wieder zusammen.

»Vater,« fragte er, »wann hat Dir diese Person ihr Wort gegeben?«

»Gestern waren es drei Wochen.«

Da streckte der Sohn die Hand zur Abwehr aus.

»So rühre sie nicht an; sie ist eine Dirne! Olsunna hat Recht!«

»Wie?« fragte Emanuel. »Dieses Weib ist die Fremde vom Manzanares, Ferdinando?«

»Ja.«

Da faßten die beiden Söhne den Vater fest und zwangen ihn, das Zimmer zu verlassen.

Erst nach längerer Zeit erschien ein Diener im Speisesaale und meldete, daß sein Herr verhindert sei, zu kommen.

»Und die jungen Herren?« fragte der Herzog von Olsunna.

»Sind beim Gnädigen.«

»Ah, ich ahne, was geschehen ist! Heda, Diener, sagen Sie einmal den drei


// 600 //

Herren, daß ich sie augenblicklich zu sprechen verlange, wenn ich sie nicht öffentlich für ehrlose Wichte erklären soll!«

Der Diener verschwand augenblicklich. Alle Gäste waren erbleicht.

»Olsunna!« rief Einer warnend.

»Schon gut! Ich weiß genau, was ich thue.«

In Kurzem trat der Graf mit seinen beiden Söhnen ein. Sie schritten langsam bis an die Tafel vor, und dann fragte Graf Manfredo mit hohler Stimme:

»Weshalb läßt uns Durchlaucht rufen?«

»Erlaucht,« antwortete der Gefragte, »wir sind hier, um eine Verlobung zu begehen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein?«

»Haben Sie darüber eine Frage zu stellen?«

»Allerdings. Man führt uns eine Dirne als Braut vor, man verschwindet dann; man läßt sagen, daß man nicht wiederkommt. Ich will wissen, ob hier ein Scherz, eine Mystification, oder etwas Anderes vorliegt.«

»Hier liegt weder ein Scherz noch eine Mystification vor, aber eine ganz und gar unerhörte und freche Beleidigung von Ihrer Seite!« rief Graf Manfredo. »Ich fordere Sie!«

»Ich schlage mich mit Ihnen nicht,« sagte der Herzog.

»Warum nicht?«

»Der Verlobte einer Tänzerin ist nicht satisfactionsfähig!«

Graf Manfredo wollte sich auf ihn werfen, aber seine beiden Söhne hielten ihn zurück.

»Halt, Vater!« sagte Ferdinando. »Du hast zwei Söhne, welche diese Schmach nicht sitzen lassen werden. Hinaus mit Dir, Bube!«

Der muthige Jüngling trat auf den Herzog zu und erhob die Faust.

»Schön, ich gehe,« sagte dieser mit wüstem Lachen. »Vorher aber werde ich die schöne Ballerina noch einmal besuchen, um zärtlichen Abschied zu nehmen.«

Er verließ den Saal.

Graf Manfredo stieß einen Schrei der Wuth aus. Er stürzte sich zur entgegengesetzten Thür hinaus nach seinen Gemächern. Dort riß er den Waffenschrank auf und nahm einen Revolver, welcher geladen war. Mit diesem schritt er durch mehrere Räume, bis er an dasjenige Zimmer kam, welches an die Gemächer der Ballerina stieß. Hier gab es eine Tapetenwand, von welcher Hanetta nichts wußte. Er glaubte wirklich, daß Olsunna so frech sein werde, die Zimmer der Tänzerin in roher Weise zu betreten. Er öffnete also geräuschlos die Tapetenthüre und trat leise ein - - -

Unterdessen hatte sich die Ballerina von ihrer Ohnmacht erholt.

»O mein Gott,« seufzte sie. »Er, er, mein Stiefsohn! Welch eine Strafe! Hin ist die Grafschaft, hin sind die Millionen! Was thue ich?«

Sie war ganz außer sich; sie rang die Hände; sie konnte keinen Gedanken fassen. Endlich kam ihr doch ein Einfall.

»Nur Cortejo kann hier helfen!«

Sie klingelte und befahl dem Mädchen, Sennor Henrico Cortejo sofort zu ihr zu senden.

Als er eintrat, hatte er noch keine Ahnung von dem, was geschehen war,


Ende der fünfundzwanzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk