Lieferung 32

Karl May

30. Juni 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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»Oho! Sie steht jetzt bereits unter meinem Schutze. Sollte dieser etwa nicht ausreichen?«

»Gewiß, mein bester Herr Hauptmann; aber Sie werden zugeben, daß in unseren eigenthümlichen Verhältnissen die Protektion eines solchen Herrn für uns von großem Vortheile ist.«

»Zugegeben! Aber ob ich mir unsere liebe Gräfin entreißen lasse, das werde ich mir doch sehr überlegen.«

Am anderen Tage ritt Sternau mit dem Hauptmann nach dem Lustschlosse, wo sie mit Auszeichnung empfangen wurden. Der Erstere mußte von seinen Abenteuern und Erlebnissen erzählen; dann kam seine gegenwärtige Lage zur Sprache, und nun zeigte sich, daß der Großherzog bereits Schritte gethan hatte, um ihm den Weg zu ebnen. Sternau erfuhr, daß die Vermählung bereits innerhalb einer Woche stattfinden könne, und die Hoheiten luden sich zu derselben ein.

Nun begann ein fleißiges, glückliches Rühren auf Schloß Rheinswalden. Rosa wünschte, daß die Hochzeit in aller Stille vor sich gehe, und dieser Wunsch kam den Ansichten Sternau's entgegen.

Es war am Montag, wo der Großherzog zum zweiten Male, dieses Mal aber ohne Gefolge nach Rheinswalden kam. Nur die Großherzogin war bei ihm.

Man hatte im Saale einen Altar errichtet, und mit Hilfe der großherzoglichen Orangerie war der Raum in einen südlichen Blumengarten verwandelt worden. Der Hofprediger war bereits vor dem Fürsten angekommen; es war Wunsch des Letzteren gewesen, daß der Erstere die Trauung vornehmen solle.

Rosa erschien in einem einfachen Seidenkleide, außer dem Schleier und der Myrthenkrone nur von ihrer eigenen Schönheit geschmückt. Das Hochzeitspaar wurde vom Großherzoge und der Großherzogin zum Altare geleitet. Ihnen folgten der Hauptmann mit der Mutter und Schwester des Bräutigams; dann kam der wackere Alimpo mit seiner Elvira, während die Jägerburschen in ihrer Galauniform den Hintergrund füllten.

Der Prediger sprach Worte, welche vom Herzen kamen und zum Herzen gingen. Aller Augen standen voll Thränen, und man kann wohl sagen, daß der gute Kastellan und seine Elvira sich fast ebenso glücklich fühlten, wie das Hochzeitspaar selbst.

Nach dem feierlichen Akte vereinte ein einfaches Mahl die wenigen Theilnehmer. So war es der Wunsch der Braut, und das hatte die Zustimmung Aller gefunden. Nicht so einfach aber waren die Geschenke, welche die Glücklichen dann von dem Großherzoge und dessen gütiger Gemahlin erhielten. Man sah es, daß die beiden Letzteren sich nicht nur als Protektoren, sondern als Freunde zu dem schönen, interessanten Paare stellten.

Nun war der einfache, deutsche Arzt mit der schönen, reichen spanischen Gräfin vereint, und er konnte daran denken, an die Lösung der tiefen Geheimnisse zu gehen, welche sich über die Verhältnisse der Familie Rodriganda ausbreiteten. Er gestattete sich nur eine einzige Woche Zeit, um das Glück seiner jungen Ehe zu genießen und die Vorbereitungen zu seiner Reise zu treffen. Dann verließ er mit dem Steuermann Rheinswalden, sein Theuerstes unter dem Schutze des Großherzogs und des Hauptmanns zurücklassend.


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Er hatte sich außer mit einer größeren Baarsumme auch mit guten Wechseln auf England versehen und wurde von dem Hauptmann nach Mainz begleitet, der ihn auf das Dampfschiff brachte, auf welchem er den Rhein hinabfahren wollte.

Der Abschied von seinem jungen Weibe war ein rührender; sie wollte sich gar nicht von ihm trennen und lag immer und immer wieder weinend an seiner Brust, ihn mit ihren Armen umschlingend. Und dann stand sie noch unter dem Thore und blickte dem Wagen, der ihn nach Mainz brachte, nach, so lange, als sie ihn noch zu sehen vermochte.

Alimpo und Elvira standen bei ihr.

»Weinen Sie nicht, meine theure Gräfin,« sagte die Letztere. »Unser guter Herr wird bald wieder zurückkommen; das sagt mein Alimpo auch.«

»Ja,« meinte dieser. »Der Herr Doctor ist ganz der Mann dazu, diesen Kapitano Landola zu fangen. Er wird ihn sicherlich finden; das sagt meine Elvira auch.«

Und von Weitem stand der Ludewig neben Kurt; auch der Knabe weinte, und dem Jägerburschen stand eine dicke Thräne im Auge, deren er sich fast schämen wollte.

»Was weinst Du, Junge!« sagte er zu dem Knaben. »Man darf keine Memme sein dahier!«

»Du weinst doch auch!« meinte Kurt, ihm in das Auge blickend.

»Ich? Weinen? Dummheit! Das ist nur ein Schweißtropfen. Es ist eine ganz verteufelte Hitze heute. Vor acht Tagen war es kalt wie in Sibirien dahier, und heute fährt sogar das Dampfschiff wieder. Es ist eine ganz abnorme Witterung heuer.«

Alle diese Bewohner von Rheinswalden ahnten nicht, welche Reihe von Jahren vor ihnen lag, ehe Sternau mit dem Steuermarine wiederkehren werde.

Dieser fand am Landeplatze den Staatsanwalt, welcher gekommen war, ihn noch einmal zu sprechen. Der Beamte versicherte, daß Sternau ruhig reisen könne; er werde seine Interessen auf das Sorgfältigste wahren und sich der jungen Frau Doctorin stets mit aller Aufmerksamkeit annehmen.

Der Hauptmann fuhr bis Köln mit. Hier trennten sie sich. Die Reise mußte per Bahn fortgesetzt werden, da in Folge der Ueberschwemmung das Fahrwasser nach abwärts nicht mehr zuverlässig war.

»Wie lange gedenken Sie, fort zu bleiben, Doctor?« fragte er.

»Wer kann das wissen!« antwortete Sternau. »Meine Wege stehen in Gottes Hand.«

»Das ist richtig. Und ich hoffe, daß Gott ein Einsehen haben und Sie uns recht bald wieder zurückbringen wird.«

»Grüßen Sie mir Rosa noch, und auch alle Uebrigen!«

»Soll geschehen, Doctor! Na, wollen uns das Herz nicht länger schwer machen. Auf das Scheiden kommt ja oft ein Wiedersehen. Adieu!«

»Leben Sie wohl!

Sie drückten sich die Hand, und dann - ging Sternau mit dem Steuermanne einer Zukunft entgegen, welche glücklicher Weise noch im Dunkel vor ihnen lag. -

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Zweites Kapitel.

Der verlorene Sohn.

»Ich jage durch die wilde Fluth,
   Die Wogen sind meine Meute;
Ich sehne mich nach des Feindes Blut,
   Vergossen um goldene Beute.

Im Kampf wird doppelt stark die Faust,
   Zu Helden werden die Feigen,
Drum, wer meine Flagge erkennt, dem graust,
   Er weiß ja, er kann nicht entweichen.

Selbst im Orkan, wenn's Andern graut,
   Erhebe ich Steuern und Zölle;
Der Sturm ist mein Kumpan, die See meine Braut,
   So segle ich kühn in die Hölle.«

An der Westseite Schottland's, da wo der Clydefluß sich in das Meer ergießt, bildet dieser einen Busen, an dessen Südseite die unter allen seefahrenden Nationen berühmte Stadt Greenock liegt. Auf den Werften dieser Stadt sind die meisten Schiffe des deutschen Lloyd und der deutschen Kriegsmarine gebaut worden, und manches stolze Orlogschiff sowie manches große oder kleine Handelsfahrzeug durchfliegt die See, welches Greenock zum Geburtsorte hat.

In einem der frequentesten Hotels dieser Stadt finden wir Sternau und den Steuermann Helmers. Sie hatten sich hierher begeben, weil es hier am Leichtesten ist, ein kleines Fahrzeug, wie sie es suchten, kaufen zu können. Sie hatten bereits den ganzen Hafen und auch die Werfte abgesucht, ohne ein solches zu finden und saßen nun an der Table d'hote, sich während des Essens von dieser Angelegenheit unterhaltend.

Gegenüber saß ein alter Herr, welcher ihre Worte hörte und darauf hin ihnen mittheilte, daß oben am Flusse eine ganz prachtvolle Dampfyacht liege, welche zu verkaufen sei. Er fügte hinzu, daß ein dort in der Nähe wohnender Advokat mit dem Verkaufe derselben beauftragt sei; das Fahrzeug liege grad vor der Thüre der Villa, welche derselbe bewohne.

Sternau dankte ihm für diese Mittheilung und machte sich nach beendigtem Diner sofort mit dem Steuermann auf, die Yacht anzusehen. Sie hatten nur den Hafen bis dahin untersucht, wo der Fluß in denselben mündete; jetzt aber schritten sie am Ufer weiter aufwärts, und nach einiger Zeit entdeckten sie die betreffende Yacht, welche am Ufer vor Anker lag. Es war einer jener ausgezeichneten Schnelldampfer, hundert Fuß lang, sechzehn Fuß breit und sieben Fuß tief, mit zwei Masten, Takel- und Segelwerk versehen, um den Dampf durch die Kraft des Windes zu unterstützen, so daß in Beziehung auf Geschwindigkeit es kein anderes Schiff mit einer solchen Yacht aufzunehmen vermag.

Da ein Brett das Ufer mit dem Bord verband, gingen sie vorläufig an Deck;


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die Lucken waren offen, und auch die Kajüte zeigte sich unverschlossen. Sie zeigte eine prachtvolle Einrichtung, und als Helmers als Kenner alles Uebrige genau untersucht hatte, sprach er sein Gutachten dahin aus, daß das Schiff ein ausgezeichnetes sei und nichts zu wünschen übrig lasse.

Sie kehrten nun an das Ufer zurück und sahen die betreffende Villa in einem Garten liegen, an dessen offen stehender Pforte ein Schild mit der Aufschrift befestigt war: »Emery Millner, Advocat.«

Sie traten ein, schritten durch den Garten und trafen da eine Dienerin, welche sie nach dem Zimmer des Advocaten führte. Hier gaben sie ihre Absicht kund und erfuhren, daß sowohl die Villa als auch die Yacht Eigenthum des Grafen von Nothingwell seien. »Des Grafen von Nothingwell?« fragte Sternau überrascht. »Darf ich Sie um den vollständigen Namen des Grafen bitten?«

»Sir Henry Lindsay, von Nothingwell,« antwortete der Advocat.

»Ach, dessen Tochter Amy vor einiger Zeit auf Schloß Rodriganda in Spanien bei Gräfin Rosa, ihrer Freundin, zu Besuch war?«

»Gewiß,« antwortete der Engländer, nun seinerseits erstaunt. »Kennen Sie die Dame?«

»Sehr gut sogar. Auch ich befand mich auf Rodriganda und darf mir wohl erlauben, mich ihren Freund zu nennen.«

Er sowohl als auch der Steuermann hatten natürlich ihren Namen genannt, daher rief der Advocat erfreut:

»So sind Sie wohl gar jener Arzt Sternau, welcher den alten Grafen operirte?«

»Ich bin es.«

»Dann ist es mir eine große Freude, Sie bei mir zu sehen! Sir Lindsay und Miß Amy waren vor ihrer Abreise nach Mexico hier, und die Dame hat uns sehr viel von Ihnen erzählt. Sie müssen wissen, daß sie sehr freundschaftliche Gesinnungen für meine Frau hegt und ihr Alles mittheilte, was in Rodriganda geschehen ist.«

»So will ich aufrichtig sein und Ihnen sagen, daß Gräfin Rosa de Rodriganda jetzt meine Frau ist. Sie wohnt in Deutschland bei meiner Mutter.«

»So schnell ist das gegangen!« rief der Advocat. »Aus der Erzählung von Miß Amy ersahen wir allerdings, daß sich ein solches Ereigniß vermuthen lasse, daß es aber so bald eingetreten ist, kann nur eine Folge ganz außerordentlicher Verhältnisse sein. Fast bin ich begierig, dieselben zu erfahren!«

»Da Miß Amy Ihnen ihr Vertrauen geschenkt hat, so habe ich keinen Grund, Ihnen das meinige zu verweigern,« sagte Sternau höflich.

»So bitte ich Sie, Ihnen vor allen Dingen meine Frau vorstellen zu dürfen. Ich ersuche Sie dringend, für die Zeit Ihres Aufenthaltes in Greenock mein Gast zu sein!«

Sternau mußte trotz seiner anfänglichen Weigerung diese Einladung annehmen. Die Frau des Advocaten hörte mit großer Freude, wer die Fremden seien und that alles Mögliche, ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Der Deutsche erzählte seine abenteuerlichen Erlebnisse und wurde in Folge dessen geradezu mit Freundlichkeiten überschüttet. Er erfuhr, daß Lord Lindsay die Yacht nur deshalb


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verkaufe, weil er sie während seines voraussichtlich langen Aufenthaltes in Mexiko nicht brauchen könne, und Sternau erhielt sie für eine Summe, welche klein genannt werden konnte.

Nun ging es an die Ausstattung und Bemannung des Fahrzeuges. Diese Letztere bestand außer Helmers in vierzehn Matrosen, von denen einige die Maschine zu bedienen verstanden. Diese Matrosen nannten den bisherigen Steuermann Helmers »Kapitän«, und Sternau bestätigte als Eigenthümer des Fahrzeuges diesen Titel.

Die Yacht hatte bisher »the fleeds« geheißen, wurde aber nun »Rosa« genannt! Sternau ließ diesen Namen an den Bug und auch am Sterne der Yacht anbringen.

Der Advocat war ihm behilflich beim Einkaufe des Proviantes, der Munition und der Waffen. Da es galt, einen Seeräuber aufzufinden, so waren auch einige Kanonen nöthig. Aus diesem Grunde erhielt die »Rosa« sechs Bordkanonen und zwei drehbare Geschütze, sogenannte Drehbassen, von denen je eine am Vorder- und Hintertheile angebracht wurden.

Das Fahrzeug hatte eine Schnelligkeit von achtzehn Meilen per Stunde und verbrauchte während dieser Zeit zweihundert Pfund Kohlen. Daher war es nöthig, öfters anzulegen, um neuen Kohlenvorrath einzunehmen. Als erste dieser Stationen wurde der Hafen von Avranches in Frankreich bestimmt, und dann dampfte die Yacht den Clyde hinab, dem Meere entgegen und einem Ziele zu, welches noch Niemand bestimmen konnte. Nur war soviel zu vermuthen, daß Kapitän Landola wahrscheinlich an der Westküste Afrika's zu suchen sei. -

Avranches, wo die ersten Kohlen eingenommen werden sollten, liegt nicht unmittelbar am Meere sondern auf einem Höhenzug, welcher die Seeküste überragt; aber ganz nahe schiebt sich die Bucht von Mont St. Michel in das Land, und von dem innern Ufer derselben hat man kaum eine halbe Stunde zu gehen, um die Stadt Avranches zu erreichen. Auf einer Höhe an der Bucht stand damals einer jene hölzernen, kühn gebauten Leuchtthürme, welche an den gefährlichen Küsten der Normandie den Schiffen als Wahrzeichen dienen. Der Wärter dieses Leuchtthurmes hieß Gabrillon, verkehrte nur selten mit den Menschen und galt für einen Sonderling, den man nicht belästigen müsse. Er hatte weder Weib noch Kind, und nur eine alte, taube Frau hauste mit ihm auf dem Leuchtthurme, den sie nur für kurze Zeit verließ, um den geringen Gehalt Gabrillons einzukassiren und dann die kleinen Einkäufe zu besorgen, welche die Führung ihrer kleinen Wirthschaft vorschrieb.

Früher war es zuweilen vorgekommen, daß Freunde oder Einheimische den Leuchtthurm besuchten, um von seiner Höhe aus einen Blick auf den ewig gleichen und doch stets wechselvollen Ocean zu genießen, aber seit einigen Monaten zeigte Gabrillon sich gegen solche Besucher so widerstrebend, ja geradezu grob, daß den Leuten die Lust zum Wiederkommen verging.

Man forschte nach der Ursache dieses Widerstrebens, fand aber nichts. Nur einige alte Schiffer, welche sich mit nächtlichem Schiffhandel abgaben, behaupteten, des Nachts ganz oben auf der Galerie, welche sich um das Lichtgehäuse des Leuchtthurmes zog, eine lange, hagere Gestalt bemerkt zu haben, welche in spanischer oder einer ähnlichen Sprache kurze, klägliche Laute ausgestoßen habe.

Von dieser Zeit an glaubten die abergläubigen Strandbewohner, der Wärter Gabrillon stehe mit dem Teufel oder anderen bösen Geistern, welche ihn nächtlich


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besuchten, im Bunde, und mieden ihn nun noch mehr, als sie es erst bereits gethan hatten. Nur der Maire (Bürgermeister) der Stadt dachte anders. Gabrillon war bei ihm gewesen und hatte ihm in seiner mürrischen, verschlossenen Weise gemeldet, daß er einen alten Vetter, der nicht so ganz richtig im Kopfe war, bei sich aufgenommen habe. Gabrillon hatte diese Meldung nicht umgehen können, und der Maire schwieg darüber, weil es ihm Spaß machte, daß die Leute diesen verrückten Vetter in den Teufel verwandelten.

Noch eine andere Neuerung hatte sich in Avranches vollzogen. Ein junger Arzt, welcher erst kürzlich hergezogen war, hatte eine Quelle untersucht, deren trübes, gelbes Wasser bisher nicht benutzt worden war, weil es einen außerordentlich üblen Geschmack besaß. Dieser Mann behauptete, daß es ein Mineralbrunnen sei, der verschiedene sonst tödtliche Krankheiten heile. Er analysirte das Wasser, sandte seine Analyse und eine Probe des Wassers an die Akademie der Wissenschaften ein, welche ihm beistimmte, ließ große Berichte und Annoncen in die Blätter setzen, faßte die Quelle ein und baute ein Kurhaus in die unmittelbare Nähe derselben.

Von da an kamen allerlei Kranke und Gesunde herbeigepilgert, um sich heilen zu lassen oder sich in der erquickenden Seeluft und den stärkenden Meereswogen zu erfrischen. Es wurden Wege gebaut, Promenaden mit Ruhebänken angelegt, und bald entwickelte sich in der Nähe des alten Leuchtthurmes ein Leben, welchem der mürrische Wärter Gabrillon mit immer finsterem Blicke zuschaute.

Es war an einem schönen Sommernachmittag. Gestern hatte es ein wenig gestürmt, und die See zeigte heute noch einen ziemlich hohen Gang; aber die Luft war klar, und man konnte bis weit in die See hinaus die Möven erkennen, welche über die Wogenkämme strichen, um Fliegen und Mücken zu haschen. Ihre Flügel glänzten im Sonnenstrahle, und wenn ein breitschwingiger Albatros durch die Lüfte schoß, so funkelte sein weißes Gefieder zwischen den dunklen Schwingen wie hellpolirtes Silber.

Ein dicker Mann mit einer goldenen Brille auf der Nase und einem spanischen Rohre in der Hand stieg aus der Stadt nach einer der Fischerhütten, welche am Strande lagen, herab. Ihm folgte ein junger Mensch, welcher eine große Schreibmappe und ein riesiges Tintenfaß zu tragen hatte.

Vor der Hütte saß der Besitzer derselben und strickte an einem Netze.

»Ihr seid der Fischer Jean Foretier?« fragte der Dicke.

Der Schiffer erhob sich höflich, nahm die Mütze ab und antwortete:

»Ja, so heiße ich, Herr Notar.«

»Es wohnen Badegäste bei Euch?«

»Ja. Es ist ein vornehmer Herr mit seiner Tochter, einem Diener und einer Dienerin. Sie haben ihre eigenen Meubles und Betten mitgebracht, und da sie das ganze Haus gebrauchen, so mußte ich weichen und schlafe beim Nachbar Grandpierre.«

»Wer ist der Herr?«

»Es ist ein Spanier; er nennt sich Herzog von Olsunna.« Und leise setzte er hinzu: »Er wird nicht mehr lange machen, Herr Notar. Er hat die Auszehrung; er spuckt Blut, hustet Tag und Nacht und kann kaum noch einen Schritt weit


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gehen. Ich denke, unsere Seeluft kann ihn nicht mehr retten, und in einer Woche wird er gestorben sein.«

»Liegt er?«

»Ja. Die beiden Domestiken sind zur Stadt gegangen, aber die gnädige Dame ist bei ihm.«

»In welchem Zimmer?«

»Hier unten auf der anderen Seite. Sie können klopfen und eintreten. Er ist nicht stolz und verlangt nicht, daß man sich vorher anmelden lasse.«

Der Notar folgte dieser Anweisung, klopfte behutsam an und trat nach einem leisen, von einer weiblichen Stimme gesprochenen »Herein« in die Stube.

Der Raum war einfach und niedrig, wie es bei einem Schifferhause zu sein pflegt, aber die Meublirung war bequem, beinahe elegant. Auf einer Chaise-longue ruhte der Patient. Sein wachsbleiches Gesicht war über alle Maßen abgemagert, und seine dunklen Augen blickten glanz- und hoffnungslos aus ihren tiefen Höhlen. Ein lang gewachsener, schwarzer, struppiger Vollbart ließ seinen Teint noch bleicher erscheinen, und die hohe, breite, kahle Stirn schien einem ausgegrabenen Todtenkopf anzugehören.

Dies war der einst so stolze, kräftige Herzog von Olsunna, der Löwe der schönen Frauen, welcher mit Hilfe Cortejo's Sternau's Mutter überwältigt und verführt hatte.

Neben ihm saß eine hoch und stark gebaute Dame. Sie mochte fast dreißig Jahre zählen, aber ihr Gesicht zeigte eine reine, mädchenhafte Frische, und ihre bei aller Fülle doch schlanke Gestalt hatte so jungfräuliche Linien, daß man sie für noch unverheirathet halten mußte. Eine Falte, welche sich über ihre hohe, weiße Stirn zog, schien mehr die Folge einer tiefen Herzenssorge als des Alters zu sein. Ihr großes Auge hatte einen zwar jetzt bewegten aber offenen Ausdruck. Wer in dieses Auge und in diese Züge sah, mußte der Dame vertrauen und sie lieb gewinnen.

Das war Prinzeß Flora von Olsunna, die Tochter des Herzogs, deren Erzieherin für jene kurze, unglückliche Zeit Sternau's Mutter gewesen war. Damals war Zarba, die Zigeunerin, noch ein junges, schönes Mädchen gewesen; jetzt nun war die Zeit vergangen; Flora hatte nun selbst die Mädchenjahre hinter sich, ohne das Glück genossen zu haben, welches diese Jahre gewöhnlich mit sich bringen.

Sie blickte die beiden Eintretenden überrascht und erwartungsvoll an. Der Notar verbeugte sich höflich und sagte:

»Excellenz haben nach mir gesandt. Ich bin der Notar Belltoucheur aus Avranches.«

»Nach einem Notar hast Du gesandt, Papa?« fragte Flora, indem sie sich erschrocken erhob.

»Ja, mein Kind,« antwortete der Herzog mit leiser, trockener Stimme. »Ich wollte Dich nicht beunruhigen, darum sagte ich es Dir nicht. Du brauchst nicht zu erschrecken, es ist eine Geschäftsangelegenheit, welche ich mit diesem Herrn zu ordnen habe.« Nachdem ihn ein böser Husten unterbrochen hatte, fuhr er fort, zu dem Notar gewendet: »Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, mein Herr; aber ich ließ Sie bitten, drei Zeugen mit zu bringen?«


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»Ich bin diesem Wunsche nachgekommen,« antwortete der Mann. »Ich wußte nicht, welcher Art das Geschäft ist, welches mich zu Ihnen ruft, Hoheit; ich hielt eine kleine Vorherbesprechung für vielleicht nothwendig, und darum traf ich die Vorkehrung, die Zeugen eine Viertelstunde später zu bestellen.«

»Diese Vorkehrung ist mir erwünscht,« meinte der Herzog. »Nehmen Sie Platz!« Und zu Flora sich wendend fügte er hinzu: »Du kannst mich jetzt verlassen, mein Kind; ich werde Deiner vor einigen Stunden nicht bedürfen.«

Sie warf einen besorgten Blick auf ihn und fragte:

»Aber wirst Du eine so lange Conferenz auch aushalten können, mein Vater?«

»Gewiß. Und sollte ich ja gezwungen sein, zu klingeln, so brauchst Du nicht selbst zu kommen, sende mir den Diener.«

Es trat in ihr Auge eine nicht zurückzudrängende Feuchtigkeit; sie war überzeugt, daß es sich um die Anfertigung eines Testamentes handele, aber dem Vater zu Liebe beherrschte sie sich möglichst und verließ das Zimmer.

Grade in diesem Augenblicke kehrte der Diener aus der Stadt zurück, und so war für Flora keine Veranlassung vorhanden. Sie ertheilte ihm die nöthige Instruction und bereitete sich dann zu einem kurzen Spaziergange vor. Die Pflege des kranken Vaters nahm ihre Kräfte so sehr in Anspruch, daß sie um ihretwillen gezwungen war, sich diese Erholung zu gönnen.

Sie stieg langsam die Anhöhe hinauf. Rechts vor ihr lag die Stadt, und zur linken Hand dehnte sich die weite unruhige See. So unruhig war auch ihr Herz. Sie wußte, daß sie bald, o, wie nur zu bald den Vater verlieren werde; sie stand dann allein, ganz allein auf der Welt. Zwar hatte sie ihren Rang und ihren unermeßlichen Reichthum; Beides war genug, um ihr die Welt, die Gesellschaft mit allen ihren Genüssen und Gütern zu öffnen, aber sie trachtete nach dem allen nicht.

Während sie so emporstieg, ging ihre Vergangenheit an ihrem geistigen Auge vorüber. Sie hatte ihre Mutter niemals gekannt, war stets nur fremden Händen anvertraut gewesen, denn auch ihr Vater, der Herzog hatte sich nicht viel um sie gekümmert. Alle diese Bonnen, Gouvernanten und Erzieherinnen waren ihr fremd vorgekommen und fremd geblieben; nur eine Einzige hatte sie lieb gehabt, jene Deutsche, Sennora Wilhelmi, welche so plötzlich wieder verschwunden war. Sie hatte nach ihr geklagt und geweint, war aber dafür vom Vater bestraft worden.

So war die Zeit vergangen, sie war zur Jungfrau heran gereift. Sie war schön gewesen, das durfte sie sich bekennen, der Spiegel hatte es ihr gesagt, und von hundert Anbetern war es ihr in allen Tönen versichert worden. Aber keiner von diesen Hundert war der Mann gewesen, dem sie sich hätte zu eigen geben mögen. Der Herzog hatte auf sie gescholten, aber vergebens. Er hatte schließlich an ihrer Stelle für sie gewählt, aber sie, die sonst so gehorsame Tochter, war hier zum ersten Male so muthig gewesen, Widerstand zu leisten. Sie hatte erklärt, daß sie Denjenigen, dem sie ihre Hand geben werde, selbst wählen wolle. Der Vater hatte gezürnt, war aber durch ihre Festigkeit genöthigt worden, ihr nachzugeben.

Dann aber war plötzlich ein Umschwung seiner Stimmung eingetreten. Eine Krankheit hatte ihn erfaßt und auf das Lager geworfen; zwar hatte ihm die Kunst der Aerzte das Leben erhalten, aber die Folgen der Krankheit waren nicht zu vermeiden gewesen, sie entwickelten sich zu einer unaufhaltsamen Abzehrung. Der Herzog


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hatte seinen Jugendkräften zu viel zugemuthet, und jetzt kam die Strafe. Er wurde ernst; er lernte, an das Ende und an das Jenseits denken; er hielt Heerschau über die vergangenen Tage seines Lebens, und er sah, daß die Sünde seine einzige Thätigkeit gewesen sei. Da erfaßte ihn bittere Reue. Er dachte an die, welchen er ihre Tugend, ihre Unschuld, geraubt hatte; er gedachte besonders jener Deutschen, die er durch den Teufelstrank gezwungen hatte, sich zu ergeben; er fühlte den Wunsch, ja die heilige Verpflichtung, dieses wieder gut zu machen, und in seinem immer schwächer werdenden Hirn tauchte die Erinnerung eines Tages auf, den er längst vergessen zu haben glaubte.

Er war einst im Parke seines Schlosses Olsunna promeniren gegangen, voll untröstlicher Gedanken an seine Vergangenheit und ein sich mit grausamer Sicherheit näherndes Ende. Da hatte es plötzlich in den Büschen geraschelt, und es war ein altes, widriges Zigeunerweib vor ihn hingetreten.

»Kennst Du mich, Olsunna?« hatte sie gefragt.

Er hatte sie betrachtet, aber keinen bekannten Zug in ihrem durchfurchten Gesicht gefunden.

Sie hatte ihn schadenfroh angegrinst und unter hartem Lachen gesagt:

»Ja, wir sind beide in Schande alt geworden; Niemand kennt uns mehr!«

»Weib, wer bist Du?« hatte er sie da angedonnert, so daß seine kranke Lunge ihn geschmerzt hatte.

»Ich glaube, daß Du Zarba, die Zigeunerin, nicht mehr kennst; aber vergessen hast Du sie sicherlich nicht!«

So war ihre Antwort gewesen. Er erschrak, aber er faßte sich und fragte:

»Was willst Du von mir?«

»Rechenschaft!« rief sie, die braune Rechte erhebend.

»Rechenschaft!« sagte er, wie zu sich selbst, im Traume. »Ja, Rechenschaft! O, die habe ich mir bereits längst schon abgefordert. Ich gehe ein, ich sterbe. Mein Leben ist zu kurz, um wieder gut zu machen, was ich that, und ich habe keinen Erben, der um des Vaters willen die Sühne auf sich nimmt.«

»Keinen Erben!« lachte Zarba. »Ja, keinen Erben hast Du! Die stolze, edle Familie der Olsunna's geht zu Grabe; ihr Wappen wird zerbrechen, und ihr Geschlecht stirbt aus. Das ist der Fluch Deiner Jugendsünden. Aber ich will Dir Etwas sagen: Einen Erben hast Du, Du stolzer, schöner Herzog, aber er ist illegitim. Zwar bist Du einflußreich und mächtig, Du könntest ihn legitimiren lassen, Du könntest Dich mit seiner Mutter noch vor Deinem Tode vermählen, denn sie ist Wittwe, aber ich werde Dir nicht sagen, wo sie sich befindet. Das ist die Rache, die ich an Dir nehme!«

»Ha!« rief er. »Diese Rache wäre fürchterlich!«

»Nicht so fürchterlich, wie Dein Verbrechen war!«

»Ich habe ein Kind, einen Knaben?« fragte er.

»Ja, einen Knaben, einen Mann, der herrlicher ist als tausend Andere; er ist ein Held an Tugend, an Wissen und an Tapferkeit, aber Du sollst ihn nicht finden!«

»Wer ist seine Mutter?«

»Jene deutsche Erzieherin, jene Sennora Wilhelmi, welche Du mit Deiner Kantharidentinctur vergiftetest. Sie ging nach Deutschland und fand dort einen


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braven Mann. Sie ward Wittwe, aber sie erzog Deinen Sohn zu einem Manne, der würdig ist wie kein Zweiter, die Herzogskrone zu tragen. Suche sie, ja suche sie nur; Du wirst sie niemals finden!«

Da hatte er ihr die Hände entgegengestreckt und sie bittend angerufen:

»So grausam darfst Du nicht sein! Sage mir, wo er zu finden ist, und ich werde Alles gut machen. Ich will Dir Gold und Steine, ich will Dir Hunderttausende geben, nur sage mir, wo ich diesen Sohn finde!«

Sie hatte ihn höhnisch angelacht und war dann im Gebüsch verschwunden; das war ihre Antwort, das war ihre Rache gewesen, aber nur der Anfang derselben.

Von dieser Zeit an hatte er keine Ruhe mehr gehabt, keine Ruhe bei Tage und keine Ruhe bei Nacht. Er hatte Boten ausgesandt, Deutschland zu bereisen und seinen Sohn zu suchen. Er hatte mit fieberhafter Ungeduld ihre Berichte erwartet, aber sie waren alle wieder zurückgekehrt, ohne ihre Aufgabe gelöst zu haben. Er wußte den Namen jenes von ihm verführten Mädchens noch, aber er hatte vergessen, aus welcher Gegend Deutschlands sie gewesen war. Er schrieb dem Gesandten seines Landes in Deutschland, aber auch dies war ohne Erfolg, denn Frau Sternau lebte in solcher Abgeschiedenheit bei dem Oberförster, daß man ihre Verhältnisse gar nicht kannte.

So verging Monat um Monat. Krankheit und Reue, Ungeduld und Sehnsucht zehrten um die Wette an dem Leben des Herzogs. Und das Allerschlimmste war, daß nun die fürchterliche Zigeunerin sich an seine Fersen heftete und ihm häufig erschien, um ihn zu verhöhnen. So oft er seine Wohnung verließ, begegnete er ihr, und ihre Worte oder ihre Blicke sagten ihm, daß ihre Rache eine unversöhnliche sei und daß er von ihr niemals erfahren werde, wo sich sein Sohn befinde.

Das rieb ihn auf. Die Aerzte riethen ihm eine Veränderung des Ortes; er verreiste; aber kaum war er aus dem Wagen gestiegen, so hielt ein Anderer an, aus welchem ihm das höhnische Gesicht Zarbas entgegengrinste.

Da las er von der neu entdeckten Heilquelle in Avranches. Er ließ alle Pracht und allen Glanz hinter sich; er nahm nur seine Tochter und zwei Domestiken mit und reiste nach Frankreich. Diese Reise verzehrte einen großen Theil seiner noch übrigen Kräfte, aber er hatte die Hoffnung, von der fürchterlichen Zigeunerin erlöst zu sein.

Bereits nach einiger Zeit bemerkte er, daß die Seeluft ihm schade, anstatt ihm zu nützen. Er wurde immer schwächer; es war, als ob der Tod seine kalte Hand bereits nach ihm ausstrecke. Darum dachte er daran, sein Testament zu machen, und daher ließ er den französischen Notar mit drei Zeugen rufen.

Von dem Augenblicke an, an welchem er erfahren hatte, daß er einen Sohn habe, war er froh gewesen, daß seine Tochter noch unverheirathet war. Von diesem Augenblicke an hielt er sie von jeder Gesellschaft fern und suchte sie zu verhindern, männliche Bekanntschaften zu machen. Ja er ging noch weiter: er fragte sie, ob ihr Herz noch frei sei, und als sie dies bejahte, so bat er sie inständigst, diese Selbstständigkeit festzuhalten. Den Grund konnte sie nicht erfahren. Noch heute am Vormittage hatte er sie gebeten, ihr Herz zu wappnen und nicht an einen Mann zu denken.


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»Ich kann Dir den Grund noch nicht sagen,« hatte er gemeint, »aber Du wirst ihn bald erfahren, zu bald vielleicht.«

An diese Worte dachte sie, als sie jetzt die Höhe emporstieg. Es war ihr bisher sehr leicht gewesen, den Vater über diesen Punkt zu beruhigen, heute fragte sie sich, ob sie denn wohl nicht im Begriffe stehe, ungehorsam zu werden.

Seit einiger Zeit hielt sich ein Badegast hier auf, der sich keinem Menschen anschloß. Er schien weniger aus Gesundheitsrücksichten als vielmehr um die See zu studiren, hier zu sein. Er saß halbe Tage lang droben auf der Höhe bei den Weichselbüschen und beobachtete die immer sich neu gebärenden Wogen der See. Zuweilen öffnete er dann sein Skizzenbuch, um dies hehre Bild festzuhalten.

Da oben war sie ihm begegnet. Sie hatte auf derselben Bank gesessen, als er herbei kam, und er hatte umkehren wollen, als er sie erblickte. Sie aber hatte ihm zugerufen, seinen Sitz einzunehmen, und war dann selbst gegangen. Später hatten sie sich wieder gesehen und darauf fast alle Tage, wenigstens auf einige Minuten. Sie hatte erfahren, daß er Maler sei, aber nicht nach seinem Namen gefragt. Sie hatten sich unterhalten über Kunst und Wissenschaft, über Alles, was ein Prüfstein für die innere und äußere Bildung des Menschen ist, und sich gegenseitig achten gelernt, ohne einander zu kennen.

Er hatte ein schönes, offenes Angesicht, über welches die Schwermuth eines geheimen Leidens ausgebreitet lag. Das erweckte ihr Mitgefühl. Sie begann in seinen Zügen zu forschen; sie traf dabei oft sein Auge, welches mit einem tiefen, klaren Blicke auf ihr ruhete. Sie erröthete; ihr Herz klopfte. Sie fühlte, daß dieser Mann ihr gefährlich sei und daß sie ihn meiden müsse; aber stets, wenn die Stunde kam, in welcher sie ihn oben auf der Höhe wußte, trieb es sie hinaus aus dem Fischerhause und hinauf zu ihm.

So auch heute. Der Wunsch des Vaters, das Zimmer zu verlassen, machte es ihr leicht, dem Zuge ihres Herzens Folge zu leisten. Sie schritt dem Orte zu, der ihr so lieb geworden war. Der Vater schritt dem Tode entgegen und ließ sie dann allein. War sie wirklich so allein? War es denn wirklich unmöglich, sich vor einer so traurigen Vereinsamung zu bewahren? Sich selbst und vielleicht auch das Herz? So dachte sie, und dabei schlug ihr Herz immer lebendiger. War das vom Bergsteigen, oder - - -?

Sie blieb stehen, legte die Hand auf den wogenden Busen und athmete tief auf. Es wurde mit einem Male hell und klar in ihr. Sie liebte ihn, sie liebte ihn! Sie, die Tochter eines Herzogs, diesen unbekannten Maler! Welch ein Gedanke!

Sie fragte sich, ob sie zurückkehren solle, und doch schritt ihr Fuß immer vorwärts; sie zitterte vor der Begegnung, und doch sah sie ihn bereits vor sich. Er hatte ihr Kommen bemerkt und sich vom Sitz erhoben, um ihr einige Schritte entgegen zu gehen. Er grüßte sie ehrfurchtsvoll; er bemerkte die Röthe ihrer Wangen; er schrieb diese der Anstrengung des Weges zu und sagte:

»Sie echauffiren sich, Sennorita, und das ist bei dieser scharfen Seeluft nicht gerathen. Hüllen Sie sich in Ihre Mantille, und nehmen Sie Platz!«

Er gab ihr den seidenen Umhang über den Kopf und führte sie zum Sitze. Sie hatte ihn nur mit einer Verneigung gegrüßt; es war ihr unmöglich zu sprechen. Auch er saß neben ihr und hatte lange Zeit den Blick wortlos auf die See gerichtet.


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Was dachte er? Auf seinen Zügen war kein Wechsel der Gedanken geschrieben, aber seine schweren, fast halb geschlossenen Augenlieder ließen errathen, daß die gegenwärtige Stimmung seines Innern keine glückliche sei.

Endlich ließ er das Auge von der See hinweg auf seine schöne Nachbarin gleiten und sagte mit leise vibrirender Stimme, aus welcher sich auf eine innere Erregung schließen ließ:

»Sehen Sie diese Wogen, Sennorita! Vorgestern war die See ruhig; gestern gab es Sturm, und heut grollt die Fluth noch immer. Wird sie sich beruhigen? Wird es einen neuen Sturm geben? So ist es im Leben, und so ist es im Herzen. Und wie vielen Genezarethseelen fehlt der Heiland, welcher seine Hand erhebt, um den Sturm zu beschwören!«

Das war ein verfängliches Thema; es wäre besser gewesen, nicht zu antworten; sie fühlte das; aber dennoch fragte sie ganz unwillkürlich:

»Bedürfen Sie eines solchen Heilandes?«

»Ja, ich bedarf seiner!« seufzte er.

»Ich auch,« hauchte sie unbedachtsam.

»Sie auch? Ja, ich habe es Ihnen sofort, als ich Sie zum ersten Male erblickte, angesehen, daß Sie an einem Leide tragen. Aber tragen Sie es allein? Haben Sie keinen Menschen, der Ihnen diese Last wenigstens zum Theile abnehmen könnte?«

»Keinen!« antwortete sie.

»Das ist traurig! So stehen Sie also einsam in der Welt?«

Sie hob den niedergesunkenen Blick zu ihm empor und antwortete:

»So kennen Sie mich nicht?«

»Sie meinen Ihren Namen? Denn Ihr Herz, Ihr Gemüth, Ihre Seele ist mir nicht unbekannt. Nein, ich kenne Sie nicht.«

»Also bin ich Ihnen vollständig unbekannt?«

»Ja, vollständig. Ich gehöre nicht zu den Leuten, welche Anhänger der gesellschaftlichen Neugierde sind. Ich stand allein in der Welt, mit einem großen Kummer auf dem Herzen. Der Gram vereinsamt den Menschen; ich zog mich zurück und suchte Trost und Frieden nur am Herzen der Natur. Da erschienen Sie mir. Es war mir, als ob der Glanz eines versöhnenden Gedanken mich umleuchte, und darum floh ich Sie nicht, wie ich Andere fliehe. Ich sah Sie wieder, und ich that einen Blick in Ihr reines, klares Wesen, einen Blick, welcher mir den verlornen Glauben an die Menschheit wieder zurückbrachte. Ich war glücklich in Ihrer Nähe, zum ersten Male glücklich seit langer, langer Zeit. Ich hätte vor Sie niederknieen und Ihnen sagen mögen, daß Sie meine Madonna sind, zu der ich beten möchte. Wenn ich hier auf Sie wartete, so fragte jede Fiber, jede Faser meines Innern, ob Sie auch kommen würden, und wenn Sie dann nahten, so war meine Seele ein einziges großes Dankgefühl. Sie sind meine Sonne geworden. Ich weiß, daß diese Sonne mir untergehen wird, aber ich werde trotzdem nicht in finstere Nacht versinken, denn den Wahrheitsstrahl Ihrer Augen werde ich nie vergessen; sie werden mir leuchten jetzt und immerdar; sie werden die Sterne sein, welche meine Erinnerung erhellen und mich das Glück im Angedenken genießen lassen, welches mir in der Wirklichkeit versagt ist. Ihre Seele ist mein geistiges


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Eigenthum geworden, und etwas Anderes als Dies können Sie mir nicht sein. Darum habe ich nicht gefragt, wer und was Sie sind; darum habe ich Sie nicht um Ihren Namen gebeten, und darum habe ich mich nicht einmal erkundigt, wo Sie wohnen.«

Er hatte sich in seiner Erregung erhoben; er stand vor ihr mit über die Brust gekreuzten Armen. Es sprühte aus seinen Augen keine versengende Liebesgluth; seine Worte enthielten ja auch nicht eine Liebeserklärung im gewöhnlichen Sinne; aber es lag auf seinem Gesichte eine Helligkeit, eine Verklärung, deren Ursache nicht die Sonne sein konnte, eine Verklärung, welche ihre Strahlen auch auf Flora warf. Ihr Herz bebte, und ihr Busen wogte. Sie hob das Auge zu ihm empor und sagte leise bebend:

»Mir ging es ebenso.«

Diese Worte durchzuckten ihn wie ein electrischer Schlag.

»Auch Ihnen ging es so?« fragte er. »Mit wem? O sagen Sie, mit wem?«

»Mit Ihnen,« hauchte sie.

Da machte er eine Bewegung, als wolle er sich ihr zu Füßen stürzen, aber er beherrschte sich, wendete sich ab und sandte seinen umflorten Blick weit hinaus auf die See. Dann hob er den Arm und zeigte nach dem Meere.

»Sehen Sie da draußen die englische Yacht, Sennorita,« sagte er. »Sie kämpft mit den Wogen und wird doch die schützende Bucht erreichen. Ich aber habe keinen Hafen; ich habe keinen Vater, keine Mutter; ich habe weder Bruder noch Schwester; ich habe nicht einmal einen Namen, den ich tragen darf; ich bin verfehmt und verflucht und darf es nicht wagen, die Hand nach einem Herzen auszustrecken, welches mir gehören will. Ich bin wie der junge Adler, den die Alten aus dem Neste werfen; denn Anderen gehören die Firnen und der Aether, er aber soll da unten im Abgrunde jammervoll verschmachten. Und selbst wenn er nicht verdirbt, so sind ihm die Schwingen gebrochen, und er hockt einsam und verlassen zwischen den Felsen.«

Das war nicht eine leere Tirade, sondern das waren schrille Schmerzensschreie, die aus der Tiefe einer gequälten Brust erschollen. Sie fühlte das; sie ahnte, daß sein Weh ein ungewöhnliches, ein wahres sei, und das Leid macht die Menschen ebenbürtig. Auch sie erhob sich, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte:

»Sie sind ein Mann, Sennor; wollen Sie verzweifeln?«

»Sehe ich aus wie ein Verzweifelnder?« fragte er mit einem stolzen, aber doch auch wehmüthigen Lächeln.

»Nein. Ich wollte sagen zweifeln, anstatt verzweifeln. Sie dürfen sich nicht absondern. Es giebt kein Herz, welches nicht ein anderes fände, und wenn Sie keinen Vater und - - -«

»Nein, ich habe keinen, obgleich er noch lebt,« unterbrach er sie in einem Tone, dem man ein tiefes Grollen anzuhören vermochte.

»Keinen? Und doch lebt er?« fragte sie. »Wie soll ich das verstehen?«

Er zuckte die Achseln; es war, als ob ein tiefer Zorn ihm die Lippen zusammenpressen wolle, aber er besiegte diese Regung, so daß seine nächsten Worte nur bitter erklangen:

»O, sehr einfach, Sennorita: Ich bin der verlorne Sohn des Evangeliums.


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Ich war dem Vater ungehorsam, und darum verstieß er mich. Er verbot mir sogar, seinen Namen zu tragen. Ich führe denjenigen meiner verstorbenen Mutter, welche dies ihrem einzigen Kinde verzeihen wird.«

Seine Augen füllten sich mit Thränen; es waren Mannesthränen, welche doppelt tief brennen. Kein fühlendes Weib bleibt dabei ungerührt.

»Verstoßen! Unmöglich!« rief Flora. »Sie sind kein verlorner Sohn! Alles glaube ich Ihnen, nur dieses nicht! Eher nehme ich an, daß Sie einen Rabenvater besitzen! Was haben Sie gethan, daß er Ihnen sogar den Namen genommen hat, der Ihr Eigenthum ist, den Sie berechtigt sind, zu tragen?«

Es war nicht Neugierde, welche ihr diese Frage dictirte; er wußte das, und darum antwortete er:

»Ich bin ein Deutscher. Mein Vater war Offizier und bekleidet jetzt die Stelle eines Oberförsters in Rheinswalden bei Mainz. Ich darf seinen Namen nicht führen, aber nennen kann ich Ihnen denselben; er heißt Kurt von Rodenstein. Er war ein heftiger, strenger, jähzorniger Mann, ob jetzt noch, das weiß ich nicht. Auch ich sollte Offizier werden. Ich besuchte die Kriegsschule. Da entwickelte sich während des Zeichnenunterrichtes ein Talent, welches man mir bisher nicht zugemuthet hatte, und alle meine Lehrer waren einstimmig überzeugt, daß ich zum Maler geboren sei. Sie machten meinem Vater Vorstellungen, und ich vereinte meine Bitten mit ihnen, er aber hörte nicht darauf. Ich sollte und mußte beim Mordhandwerke bleiben, und er drohte mir mit seinem Fluche, wenn ich ihm nicht gehorsam sei. Ich gehorchte, bestand mein Examen und wurde Offizier. Ich that als solcher meine Pflicht, aber während jeder freien Stunde saß ich an der Staffelei. Ich hätte es für eine Sünde gehalten, mein mir von Gott gegebenes Talent nicht auszubilden. Lange Zeit wagte ich mich nicht an die Oeffentlichkeit, endlich aber gab mir das Zureden meines Professors den Muth dazu. Ich fertigte ein Bild und bat den Vater, es zur Ausstellung senden zu dürfen; er verbot es mir. Da überredeten mich die Freunde, dies dennoch zu thun; sie glaubten, einer vollendeten Thatsache gegenüber werde der Vater nachgeben müssen; auch ich glaubte es, besonders da alle Kenner überzeugt waren, daß ich mich meines Werkes nicht zu schämen haben werde. Lassen Sie mich kurz sein, Sennorita. Ich sandte es ein, es wurde vom Comité angekauft, und ich erhielt den ersten Preis, zu gleicher Zeit aber auch vom Vater einen Brief, in welchem er mir verbot, die Heimath wieder zu betreten.«

»Mein Gott, wie hart, wie grausam!« rief Flora.

»Ich richte ihn nicht; er ist mein Vater! Trotz seines Verbotes eilte zu ihm. Ich bat und flehte; ich versprach, niemals wieder ein Bild öffentlich zu zeigen, aber alles dies half nichts; ich hatte in dieser, nach seiner Ansicht hochwichtigen Angelegenheit seinem Befehle entgegengehandelt, ich hatte meinen Offlzierscharakter, meine Ehre verleugnet und war unter das verächtliche Volk der Künstler getreten; ich war also seiner nicht mehr würdig. Er verbot mir abermals sein Haus, er verbot mir, seinen Namen zu tragen, und als ich mich nicht sogleich entfernte, ließ er mich durch seine Diener vor das Thor führen. Da stand ich, wie vom Schlage gerührt. Die Diener weinten, aber sie verschlossen das Thor; ich klopfte daran, erst leise bittend, dann laut, laut im Grimme - es öffnete sich mir niemals wieder. Ich mußte gehen. Ich kam um meinen Abschied ein und erhielt ihn. Ich warf


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mich nun der Kunst ganz in die Arme, und sie war nicht so grausam gegen mich wie der Vater; sie schmückte mich mit Ruhm; sie brachte mir Gold und Unabhängigkeit, aber mein Herz blieb erschrocken wie damals, als ich an der Thür des Vaterhauses stand, vergeblich wieder Einlaß begehrend, ein ausgestoßenes Menschenkind, welches kein Recht hat auf das Glück dieses Lebens.«

Da umfaßte sie in heißer Aufwallung ihrer Gefühle seine Hand und sprach:

»Kein Recht, Sennor? O doch, Sie sind nicht rechtlos. Ein jeder Mensch hat von Gott die Erlaubniß erhalten, glücklich zu sein. Fassen Sie getrost zu! Folgen Sie muthig der Stimme Ihres Herzens! Diese Stimme wird Sie ganz gewiß nicht täuschen!«

Er hielt ihre Hand fest.

Er hielt ihre Hand fest und antwortete:

»Sennora, wissen Sie, was Sie sagen? Ahnen Sie, was ich thun müßte, um dieser Stimme zu gehorchen?«

Sie antwortete nicht, aber der tiefe, warme, vertrauensvolle Blick, mit welchem ihr Auge in dem seinen ruhte, sagte ihm, daß sie es nicht nur ahne, sondern wisse.

»Ich möchte Sie, ja Sie, Sennora, an mein Herz nehmen und nimmer, nimmer davon lassen,« fuhr er fort. »Ich müßte Sie festhalten, damit meine Sonne nicht untergehe und meine Sterne mir nicht nur in der Erinnerung, sondern in der Nähe leuchten. Habe ich denn die Erlaubniß dazu, Sennora?«

Es traten ihr schwere Thränentropfen in die Augen; sie schlang, ihrer nicht mehr mächtig, die Arme um seinen Nacken und antwortete:

»Ja, Du heißgeliebter Mann, Du hast das Recht dazu. Ich gebe es Dir, denn ich bin Dein, ich kann nicht anders!«

Da drückte er sie an sich, fest und innig, und im lauten Jubeltone rief er aus:

»Herrgott, ich danke Dir! Jetzt wird mein Leben licht und hell; jetzt weicht der Alp von mir, welcher auf mir lastete, nicht zentner- sondern bergesschwer! Und mein Erlöser, meine Erlöserin bist Du, Du, die ich liebe mit jedem Gedanken meines Innern, für die ich tausend Leben geben würde und die ich anbete, wie man zu einer Gottheit betet! Sage mir, Du herrliches Wesen, wie ich Dich nennen soll!«

»Flora!« flüsterte sie erglühend.

»Flora, meine süße, herrliche Flora, hast Du mich lieb, wirklich lieb?« fragte er, sich zu ihr niederbeugend, in jenem unbeschreiblichen Tone, dessen nur die Liebe fähig ist.

»Sehr, o sehr!« lispelte sie.

»Und Du willst mein Eigen sein und bleiben, trotzdem der Vater mich verstieß?«

»Ich werde Dir ihn und die ganze Welt ersetzen, mein -«

»Otto,« ergänzte er.

»Mein Otto!«

Sie blickte so innig zu ihm auf, ihre Augen waren halb geschlossen und ihre vollen Lippen schwollen ihm gewährend entgegen. Er legte seinen Mund auf sie zu einem langen, langen, heißen Kusse. Sie tranken Seligkeit voneinander und hatten Alles um sich her vergessen, bis ein lauter Kanonenschuß sie aus ihrem Entzücken erweckte. Sie blickten hinab nach der Bucht, wo sich noch das Rauchwölkchen des Dampfes kräuselte.

Spätauflage


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»Siehst Du,« sagte Otto, »die Yacht hat die Bucht glücklich erreicht; sie hat einen braven Kapitän. Auch ich werde nun einen Hafen erreichen und meine Liebe soll der Führer sein, der mich zu demselben leitet. Nur ihr will ich leben, nur ihr und Dir ganz allein!«

»So hast Du also gar keinen Menschen, dem Du Dich angeschlossen hättest?«

»Nein. Ich habe nicht nach Freunden gesucht. Und doch, einen habe ich, einen einzigen. Und dieser ist ein Freund im vollsten, edelsten und wahrsten Sinne des Wortes.«

»Wer ist es, mein Otto? Ich werde ihn auch lieben, aus Dankbarkeit dafür, daß er Dein Freund gewesen ist.«

»Er heißt Sternau, Karl Sternau. Wir lernten uns auf dem Gymnasium kennen. Sein Vater war Professor, starb aber bald. Dann ging er zur Universität, ich aber zur Kriegsschule, doch sahen wir uns oft. Unsere Freundschaft hatte zur Folge, daß seine Mutter als Wittwe zu meinem Vater gerufen wurde, um dessen Hauswesen vorzustehen. Er ist jetzt einer der berühmtesten Aerzte. Er hat fremde Erdtheile bereist und sich mit wilden Thieren und Menschen herumgeschlagen; jetzt erkämpft er seine glorreichen Siege mit dem Messer und der Lanzette. Er wird der berühmteste Operateur werden, davon bin ich vollständig überzeugt.«

»Weiß er, daß Dein Vater sich von Dir trennte?«

»Ja. Er befand sich damals in Algier und ich schrieb es ihm. Als er zurückkehrte, konnte er nichts für mich thun, denn er wurde in Paris festgehalten, aber er schrieb seiner Mutter oft und bat sie, für mich zu wirken. Sie hat den Versuch gemacht, ist aber auf einen so furchtbaren Zorn gestoßen, daß sie fliehen mußte. Vater hat ein- für allemal befohlen, mich nie mehr zu erwähnen. Wer es dennoch wagt, es zu thun, der wird augenblicklich fortgejagt. Ob Sternau sich noch in Paris befindet, das weiß ich nicht. Ich war jetzt längere Zeit in Egypten und hielt mich weit oben bei den Nilkatarakten auf, wo eine Korrespondenz sehr erschwert ist.«

»Ich möchte ihn wohl einmal sehen.«

»Er ist ein herrlicher Mann, hoch und stolz gewachsen. Und wie sein Aeußeres ist, so ist auch sein Inneres. Und ein sonderbares Spiel der Natur muß ich dabei erwähnen. Ihr Beide seht nämlich einander ganz außerordentlich ähnlich. Das fiel mir sogleich auf, als ich Dich zum erstenmale erblickte, und diese Aehnlichkeit mit dem einzigen Freunde, den ich habe, ist es wohl auch gewesen, welche die erste Ursache war, daß ich Dir nicht geflohen bin.«

Sie standen Arm in Arm auf der Höhe und konnten die ganze Bucht überblicken. Sie sahen, daß die Yacht Anker warf, und gleich darauf gingen zwei Männer von Bord an das Land. Man konnte die Gesichter nicht erkennen, denn die Beiden hatten sehr breitkrämpige Hüte auf, aber die Gestalten waren deutlich zu sehen.

»Schau den Einen,« sagte Otto zu Flora. »Gerade so eine hohe, stolze Gestalt wie er, ist auch Sternau; auch sein Gang ist so sicher und elegant. Befände ich mich nicht in diesem abgelegenen Winkel der Erde, so würde ich behaupten, daß dieser Mann kein Anderer sei als Sternau.«

Er hatte Recht, die beiden Männer waren Sternau und Helmers. Sie waren


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gekommen, um Kohlen einzunehmen, und gingen nach der Stadt, um den betreffenden Kauf abzuschließen. Otto von Rodenstein kannte natürlich auch den Steuermann, den jetzigen Kapitän der Yacht »Rosa«, denn dieser wohnte ja in Rheinswalden. Aber die Entfernung zwischen den beiden Paaren war zu bedeutend, als daß eine Erkennung möglich gewesen wäre.

Das unerforschliche Schicksal bereitete hier eine jener Begegnungen vor, welche ganz unerwartet eintreten und doch für das Schicksal der Betreffenden von außerordentlichen Folgen sind.

Die beiden Liebenden saßen noch lange droben auf der Bank und flüsterten ganz glücklich sich jene Fragen, Antworten, Betheuerungen und Versicherungen zu, welche bei ihnen solche Bedeutungen haben, während ein Dritter dazu lächeln würde. Endlich entwand Flora sich den Armen des Geliebten und sagte:

»Verzeihe, Otto, meine Zeit ist bereits längst abgelaufen, und mein Vater wird mich mit Sehnsucht erwarten.«

»Dein Vater ist hier?« fragte er. »Nicht auch Deine Mutter, mein Leben?«

»Nein. Ich habe nur den Vater. Und,« fügte sie mit einer plötzlich hervorquellenden Thräne hinzu, »ich werde ihn nicht lange mehr haben, vielleicht nur noch wenige Tage.«

»Mein Gott, er ist krank?« fragte Otto erschrocken.

»Ja, sehr,« weinte sie. »Er ist zum Tode krank.«

»Vermögen die Aerzte nichts zu thun?«

»Gar nichts, denn er leidet an Schwindsucht, welche unheilbar ist.«

»An Auszehrung! Eine fürchterliche Krankheit, in welcher der Patient mit vollem Bewußtsein den Tod Schritt um Schritt sich nähern sieht! Wie bedaure ich ihn und Dich, mein Herz! Wäre ich ein Arzt, so stellte ich mich an die Seite des Krankenbettes, um mit dem Tode zu kämpfen mit allen Mitteln der Wissenschaft! Aber da fällt mir ein, wir sprachen ja von Sternau. Kann ein Mensch helfen, so ist er es. Ich werde sofort an seine Mutter schreiben und mir seine Adresse geben lassen. Nein, ich werde telegraphiren, und ihn dann telegraphisch herbeirufen.«

»Es ist zu spät, Otto! Ach, während ich hier an Deinem Herzen die Wonnen der Liebe genoß, liegt mein Vater bereits auf dem Sterbelager, und der Notar ist bei ihm, um das Testament aufzusetzen! Welch' eine schlechte Tochter bin ich!«

»Tröste Dich! Auch die Liebe hat ihre unveräußerlichen Rechte, selbst in so ernsten Stunden. Ich werde aber jedenfalls telegraphiren und zwar sogleich.«

»Wird Sternau aber kommen?«

»Sicher! Er wird Alles im Stiche lassen, um die Bitte des Freundes zu erfüllen. Ich eile. Aber mein Herz, darf ich Deine Wohnung wissen? Ich möchte in diesen trüben Stunden nicht von Deiner Seite weichen.«

»Ich danke Dir, Du Guter!« antwortete sie. »Wahrlich, ich bedarf des Trostes, und doch darf ich Deinen Wunsch nicht erfüllen. Meine Wohnung sollst Du wissen; sie ist im Hause des Schiffers Jean Foretier; aber Deine Gegenwart ist dort noch nicht möglich.«

»Warum, Flora?«

Sie blickte sinnend zur Erde; dann erhob sie das Auge zu ihm und fragte:

»Hast Du Vertrauen zu mir, Otto?«


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»Ja,« antwortete er mit einem Blicke voller Aufrichtigkeit; »ich vertraue Dir aus voller, ganzer Seele.«

»So erfülle mir meine erste Bitte: Frage mich jetzt noch nicht, wer ich bin; erkundige Dich auch nicht in der Stadt nach uns! Du sollst es bald erfahren, aber nur aus meinem eigenen Mund. Es bangt mir, es Dir zu sagen, denn ich fürchte, Dich dann doch noch zu verlieren. Aber glaube mir, der Grund liegt in Dir und nicht in mir. Ich habe mich meiner Verhältnisse nicht zu schämen, ja ich bin überzeugt, daß sie Deinem Vater reichlich Veranlassung geben werden, seine Härte zu bereuen und sich mit Dir auszusöhnen. Willst Du?«

»Ja,« nickte er. »Du hast den Ausgestoßenen an Dein reines Herz genommen; und ich werde nicht fragen, sondern ruhig warten, bis Du selber sprichst. Aber wenn Sternau kommt, darf ich ihn zu Euch senden?«

»Ja, sogleich. Wir treffen uns wie immer hier. Ich werde, wenn es mir möglich ist, niemals fehlen. Jetzt, lebe wohl, mein Geliebter!«

»Lebe wohl, mein Engel, mein Trost, mein Glück, mein ein und Alles auf der Erde!«

Eine lange, heiße Umarmung vereinte ihre Herzen, welche warm aneinander schlugen; noch ein Kuß, noch einer und abermals einer, dann trennten sie sich.

Sie schritt den Berg hinab, und er stand oben, um ihr nachzublicken, so lange er sie zu sehen vermochte; dann ging er in die Stadt und zwar direct nach dem Telegraphenamte. Dort gab er seine an Frau Sternau gerichtete Frage auf, fügte seine Adresse bei und bat um sofortige Beantwortung. Sein Herz war zum Zerspringen voll; er fühlte ein Glück, eine Wonne, wie noch nie in seinem Leben. Er hielt die ganze Welt nicht für würdig, den Strahl der Seligkeit auf seinem Gesichte zu sehen; er ging nach seinem Gasthaus und schloß sich in seinem Zimmer ein.

Dort öffnete er seine Mappe und nahm ein Blatt heraus. Er lehnte es auf dem Tische gegen die Wand, so daß der Strahl des Lichtes voll darauf fiel. Es enthielt das Porträt Flora's. Es war zum Sprechen getroffen. Das war ihr reiches Haar, ihre reine, hohe Stirn, die sanft gebogene Nase, die großen, sprechenden Augen, das volle lieblich geschweifte Lippenpaar, der schön aufgesetzte Hals, die volle, schwellende Büste. - Er trat mit verschlungenen Armen einen Schritt zurück, betrachtete das Bild mit strahlender Miene und sagte, als ob das Original vor ihm stände:

»Ja, so bist Du, meine Flora! So habe ich Dir im Stillen einen Cultus errichtet, ohne daß Du es ahnen solltest, und nun bist Du doch mehr als blos im Geiste mein geworden. Deine Liebe hat mich gefangen genommen; sie umweht mich wie ein magisches Fluidum; sie leuchtet in das Dunkel meines Lebens hinein; nicht ernst und düster wie ein Nordlicht, sondern warm, freundlich und erlösend wie der belebende Blick der Morgensonne. Du giebst mir meinen Gott, meinen Glauben, mein Vertrauen wieder, und darum sollst auch Du an mich glauben und mir vertrauen dürfen, trotzdem ich Dich noch nicht kennen darf!«

Es war dem Glücke ein braver Mensch zurückgewonnen. Die Liebe kommt von Gott, darum führt sie auch zu Gott. Sie ist die Tochter des Himmels, ohne welche unsere Erde ein Jammerthal sein würde.

Der Tag verging; es wurde Abend, ja es wurde Nacht. Bereits war es im


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Gasthofe still geworden; es hatte sich Alles zur Ruhe begeben. Nur Otto wachte; er erwartete mit fieberhafter Ungeduld die Beantwortung seiner Anfrage. Die Minuten wurden ihm zu Stunden; da endlich, endlich läutete unten die Hausglocke. Der Portier öffnete, und gleich darauf trat der Bote des Telegraphenamtes ein.

Otto fertigte den Mann schnell ab und öffnete dann, als sich der Bote entfernt hatte, das Couvert. Er las die wenigen Worte und ließ dann die Hand, welche die Depesche enthielt, entmuthigt sinken. Die Antwort lautete:

»Mein Sohn ist in England. Wo, weiß ich nicht. Kehrt erst nach langer Zeit zurück.«

Das war ein harter Schlag für den Maler, der gehofft hatte, in dem Freunde einen Retter für den Vater der Geliebten zu finden. Es trieb ihn mit bangen Schritten im Zimmer auf und ab; er konnte keine Ruhe finden und suchte erst mit dem grauenden Tage sein Lager auf.

Darum war es sehr spät, als er erwachte. Er erhob sich, machte Toilette und ging in die Gaststube hinab, um sich den Morgenkaffee geben zu lassen. Es war nur ein einziger Gast zugegen; er trug Seemannskleider und saß vor einem großen Glase Rum. Als Otto ihn erblickte, traute er seinen Augen kaum.

»Ist es möglich!« rief er. »Helmers, Steuermann Helmers! Sehe ich recht?«

Helmers erhob sich, ebenso überrascht, wie es der Sprecher war.

»Herr von Rodenstein!« rief er. »Herr Otto! Ja, ich bin es. Welch' ein Zusammentreffen!«

Sie eilten auf einander zu und schüttelten sich die Hände.

»Was thun Sie hier in Avranches, hier in diesem Hause?« fragte der Maler.

»Hier in diesem Hause habe ich heut Nacht geschlafen; hier in diesem Zimmer trinke ich soeben ein Glas Rum, und hier in Avranches will ich Kohlen einnehmen, damit meine Yacht weiter dampfen kann.«

»Ihre Yacht? So sind Sie gestern Nachmittage hier angekommen?«

»Ja.«

»So hätte ich mir meine Depesche ersparen können!«

»Welche Depesche?«

»Ich telegraphirte an Frau Sternau, um zu erfragen, wo sich Doctor Sternau befindet.«

»Ach wunderbar! Was antwortete sie?«

»Daß er wahrscheinlich in England sei, sie weiß aber nicht, wo. Ich sah die Yacht in die Bucht laufen. Hätte ich gewußt, daß Sie an Bord waren, so wäre ich mit Dampfesgeschwindigkeit den Berg heruntergerannt.«

»Den Berg? Ah, Sie standen oben auf der Höhe?«

»Ja.«

»Sapperlot, das hätte ich wissen sollen! Wir sahen einen Herrn und eine Dame - -«

»Das war ich!«

»Die hatten sich gepackt und umschlungen als ob kein Mensch in der Nähe wäre.«

»Ja,« wiederholte Otto lächelnd, »das war ich. Wir sahen, als die Yacht kaum Anker geworfen hatte, zwei Männer an das Land und in die Stadt gehen.«


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»Das war ich.«

»Und der Andere?«

»Ha!« antwortete Helmers mit einem fröhlichen Spiele seiner Mienen; »das war der Eigenthümer der Yacht.«

»Er war grad' wie Sternau gebaut.«

»Glaube es. Er heißt auch so!«

»Was! Wie!« rief Otto rasch. »Das ist doch nur ein Zufall!«

»Nein,« meinte Helmers mit einem lustigen Augenzwinkern; »der Name eines Mannes ist niemals Zufall. Ein Zufall ist es eher, daß wir grad' hier in Avranches Kohlen einnehmen. Wir hätten dies auch in Cherbourg, Morlaix oder Brest thun können. Aber jedenfalls ist es nun nicht nöthig, daß Sie den Herrn Doktor Sternau in England suchen.«

»Mein Gott! Ist's wahr? Ist er hier, er selbst?«

»Freilich!« lachte Helmers. »Die Yacht ist ja sein.«

»Wo ist er? Schnell! wo finde ich ihn?«

»Auch er wohnt hier im Hause. Er ist erst spät schlafen gegangen und wird wohl noch im Bette - - o nein, da kommt er ja!«

In diesem Augenblicke hatte sich die Thür geöffnet, und Sternau trat ein. Er erkannte den Freund, der ihm entgegen eilte, sofort und öffnete seine Arme, ihn zu empfangen.

»Otto, Du hier!« fragte er.

»Ja, Karl. Welch' ein Zufall! Welch' ein Glück! Ich habe gestern nach Dir telegraphirt und heut' trittst Du hier ein. Das muß Gottes Schickung sein!«

»Du wohnst in diesem Hause?«

»Ja.«

»So hättest Du mich bereits gestern sehen können.«

»Ich habe dies bereits von Helmers erfahren. Aber es soll Alles nachgeholt werden, denn es ist noch Zeit genug vorhanden. Komm mit auf mein Zimmer, wir haben uns sehr viel zu erzählen!«

»Gewiß, Otto, jedenfalls aber ich Dir mehr, als Du mir.«

Sie zogen sich aus dem nicht verschwiegenen Gastzimmer zurück, so daß Helmers nun in der sehr angenehmen Lage war, noch einige Rums trinken zu können.

Als Flora gestern von ihrem Ausgange zurückkehrte, fand sie den Vater schlafend. Der Notar hatte ihn mit den drei Zeugen soeben verlassen, und die lange Konferenz hatte ihn so angestrengt, daß der Schlummer sofort wieder Gewalt über ihn bekommen hatte. Sie zog sich leise zurück, um zu warten, bis er erwachen und nach ihr klingeln werde.

Dies geschah erst am spätesten Abend, als Mitternacht bereits nahe war. Sie eilte zu ihm und fand ihn aufrecht auf der Chaiselongue sitzend; ein großes, versiegeltes Schreiben lag auf der Decke vor ihm. Sie eilte auf ihn zu und liebkoste ihn.

»Wie befindest Du Dich, mein Vater?« fragte sie.

»Ich danke Dir, mein Kind,« antwortete er. »Ich habe einen sehr guten Schlummer gehabt, und es ist mir leichter und wohler als lange Zeit vorher. Dies


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mag wohl auch mit daher kommen, daß ich eine heilige Pflicht erfüllt habe. Die Pflichterfüllung giebt dem Menschen immer Ruhe und neue Kraft.«

Sein Blick ruhte auf dem Schreiben; auch ihr Auge fiel auf das große Notariatssiegel, und sie schauderte. Er bemerkte es und sagte, matt lächelnd:

»Der Anblick dieses Dokumentes ist Dir unangenehm? Wie unangenehm wird Dir erst sein Inhalt sein! Und doch mußt Du ihn erfahren und zwar noch heute, jetzt gleich. Komm, meine Tochter, setze Dich und höre mir zu!«

Sie gehorchte diesem Befehle und setzte sich neben ihn, aber es standen ihr bereits die Thränen in den Augen.

»Ahnst Du, was dieses Schriftstück enthält?« fragte er.

»Ja,« antwortete sie leise.

»Was ist es?«

»Dein - Dein - o Papa, ich mag das Wort gar nicht aussprechen!«

»Meinst Du mein Testament, Flora?«

»Ja, mein Vater,« antwortete sie, jetzt bereits laut schluchzend.

»Du hast recht gerathen, mein Kind,« sagte er, »aber weine nicht! Man kann an sein Ende denken, ohne den Tod nahe zu wissen. Will es Gott, so wirst Du mich noch lange nicht verlieren, aber ich habe gefühlt, daß es meine Pflicht ist, an die Zukunft zu denken und meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.«

Sein Husten unterbrach ihn und übertäubte auch das leise Weinen der Tochter, dann fuhr er fort:

»Dieses Testament lege ich in Deine Hände nieder, Flora. Ein Duplikat davon liegt bei dem Notar, der es angefertigt hat. Schwöre mir, daß Du nach meinem Tode alle darin getroffenen Bestimmungen erfüllen wirst! Willst Du?«

»Papa,« schluchzte sie, »es bedarf des Schwures nicht, aber wenn es Dich beruhigt, so will ich hiermit schwören, daß Dein Wille bis an das Kleinste befolgt werden soll!«

»Auch dann, wenn dieser Wille für Dich ein harter, unväterlicher zu sein scheint?«

»Auch dann, Papa. Ich weiß, er wird nur hart scheinen, aber nicht hart sein. Du liebst Dein Kind und wirst mich nicht unglücklich machen.«

»Ich danke Dir! Und nun trockne Deine Thränen, denn ich habe mit Dir zu sprechen; ich will Dir die Härten, welche mein Testament für Dich enthält, erklären; ich will Dir erzählen, ich will - ja, mein Kind, Dein Vater will Dir - - beichten!«

Sie sollte ihre Thränen trocknen, aber dies gelang ihr nicht. Ihr Vater wollte - beichten. Wie dieses Wort so fürchterlich klang! War er ein Verbrecher? Warum wollte er sich gerade vor seinem Kinde demüthigen?

Er wartete geduldig die lange Zeit, welche sie brauchte, um wenigstens äußerlich ruhig zu erscheinen. Dann begann er:

»Mein Kind, ich habe eine große, eine schwere Sünde auf dem Gewissen. Du hast einen Bruder, ohne daß ich Dir von ihm gesagt habe. Kannst Du mir dies verzeihen?«

Anstatt zu erschrecken, blickte sie in freudigem Staunen zu ihm hin.

»Einen Bruder!« sagte sie. »Ist das wahr, Papa?«


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»Ja.«

»O, da habe ich Dir ja nichts zu verzeihen! Du wirst Deine weisen Gründe gehabt haben, seine Existenz geheim zu halten. Du erfreust mich mit dieser Nachricht außerordentlich, anstatt mich zu betrüben!«

»Deine Worte nehmen eine schwere Last von meiner Seele, Flora, aber ich muß leider bekennen, daß es nicht weise Gründe waren, welche mir Schweigen auferlegten. Ich selbst wußte bis vor einiger Zeit von dem Dasein dieses Sohnes nichts. Er ist nicht ein Sohn Deiner Mutter, er ist der Sohn einer Anderen; er ward geboren, als Deine Mutter bereits längst todt war; er ist ein - illegitimes Kind.«

Es wurde dem Kranken schwer, dieses Bekenntniß auszusprechen, und Flora erröthete, als ob sie selbst es von sich abgelegt hätte. Aber sie erkannte den Ernst dieser Mitternachtsstunde und sagte mild:

»Papa, er ist dessenungeachtet mein Bruder und ich werde ihn herzlich lieben. Wo befindet er sich?«

»O, wenn ich das wüßte!«

»Du weißt es nicht? Aber wo ist seine Mutter, Papa?«

»Auch dieses habe ich nicht erfahren können; aber sie ist Dir bekannt, mein Kind. Es ist nämlich Sennora Wilhelmi, welche einst für kurze Zeit Deine Erzieherin war.«

Das Gesicht Flora's zeigte eine vollständige Bestürzung. Sie brauchte Zeit, sich von derselben zu erholen, dann sagte sie:

»Meine liebe, gute Wilhelmi? Mein Gott, was mag sie gelitten haben!«

»Ja,« nickte er voll Reue. »Und was mag sie noch leiden! Aber sie soll entschädigt werden. Vorher jedoch will ich Dir Alles erzählen. Höre, meine Tochter!«

Es mag einem Vater schwer werden, einem reinen, unverdorbenen Kinde einen Einblick in seine Jugendsünden thun zu lassen. Auch dem Herzoge wurde es nicht leicht, aber er besiegte alle Zurückhaltung und alles Bedenken und erzählte Flora von seinem wüsten Leben, von Cortejo's Verführungen, von jener Maskerade, während welcher er Sennora Wilhelmi zum ersten Male gesehen hatte. Er erzählte ihr aufrichtig, wie er sie in sein Haus gelockt und mit jenem teuflischen Mittel überwunden habe. Er verschwieg ihr auch nicht, daß sie dann fortgegangen sei, ohne eine Unterstützung von ihm zu erhalten, so daß sie also, wie er noch jetzt meinte, ohne alle Subsistenzmittel gewesen sei. Auch über sein späteres Leben sprach er, über die Zigeunerin, die ihn zuerst auf das Vorhandensein eines Sohnes aufmerksam gemacht habe, und über die Reue, von welcher er nun ergriffen worden sei. Diese Reue war so aufrichtig, so tief und wahr, sie sprach sich so in seinen Worten, seinen Geberden und seinen Thränen aus, daß Flora auf das Tiefste davon ergriffen wurde. Als er geendet hatte, fragte sie schluchzend:

»Glaubst Du nicht, Papa, daß diese fürchterliche Zarba Dich belogen hat?«

»Nein; sie hat die Wahrheit gesprochen.«

»So müssen wir Alles thun, um meinen Bruder aufzufinden. Ist er wirklich so ein Mann, wie sie gesagt hat, so brauchen wir uns seiner ja nicht zu schämen, und lebt er in Armuth und Elend, so ist es ja noch viel mehr unsere Pflicht, ihn zu erretten und an die ihm gebührende Stelle zu setzen.«


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»Aber,« fragte er, »denkst Du dabei auch an die Verluste, welche Du erleiden wirst, an die schweren Opfer, welche Du zu bringen hast?«

»Nie, Vater, daran denke ich nicht,« antwortete sie aufrichtig. »Das Alles wird für mich kein Opfer sein. Ich werde einen Bruder haben, dem meine Liebe gehört; das wiegt Alles auf. Wir müssen die Nachforschungen von Neuem beginnen!«

Seine matten Augen leuchteten bei diesen Worten auf, welche eine so schwesterliche Großmuth bekundeten. Das hatte er nicht erwartet. Er sagte:

»Und doch ist es Pflicht, Dich über jedes aufzuklären, Flora. Wenn ich keinen Sohn habe, so gehört Dir nicht nur mein vollständiges Erbe, sondern auch mein Rang und Titel. Nach spanischen Gesetzen bist Du nach meinem Tode Herzogin, und Dein erster Sohn erbt die Herzogskrone der Olsunna's, mag Dein Gemahl immer heißen, wie er wolle. Auf dieses Erbe und diese Krone verzichtest Du für Dich und Deine Nachkommen, wenn Du nach dem Bruder suchst, der ja auch jünger ist, als Du.«

»Das ist erstens meine Pflicht, und zweitens thue ich es gern, Papa. Diese Frage ist ein für allemal entschieden.«

»Gott sei Dank!« seufzte er nun endlich erleichtert. »Es wird sich also die große Besorgniß, welche mich in letzter Zeit so peinigte, nicht erfüllen; Du wirst meinem Andenken, wenn ich gestorben sein werde, nicht fluchen, mein Kind?«

Da legte sie die Arme um ihn, küßte ihn auf die bleichen Lippen und rief:

»Was denkst Du von mir, mein Vater! Du weißt doch, wie sehr ich Dich liebe. Was Du gefehlt hast, das darf ich nicht richten, denn ich bin Deine Tochter, ich bin ja selbst sünd- und fehlerhaft. Dein Gewissen und Gott sind Deine einzigen Richter, und unsere Religion lehrt, daß Gott die Liebe sei; er zürnt nicht ewig. Du hast den Willen, Alles zu sühnen, und ich gebe Dir mit Freuden die Hand dazu. Ich versichere Dich, daß mir dies nicht schwer fällt, ja, ich fühle vielmehr eine unendliche Freude, so unerwartet ein brüderliches Herz zu finden, dem ich meine Liebe widmen darf. Handle ganz so, wie Deine Reue es Dir eingiebt; ich bin ja ganz gern mit Allem einverstanden!«

Er drückte sie an sich und weinte, der früher so stolze und starke Mann.

»Meine Tochter, meine liebe, gute Tochter!« sagte er. »Gott wird Dir es lohnen, daß Du so nachsichtig mit mir bist! Nun aber weißt Du auch, warum ich in letzter Zeit so froh war, Dein Herz noch frei von Liebe zu wissen. Du wirst auf das Glück der Ehe verzichten müssen. Alles, was ich habe, gehört dem Sohne, und es steht ganz in seinem Belieben, wie viel er Dir abtreten will. Eine Rente und eine Aussteuer hast Du zwar zu fordern, doch, wenn ich sterben sollte, nur von ihm. Dein mütterliches Erbtheil beträgt nur zwei Millionen, es gehört zwar unbeschränkt nur Dir, aber Du siehst ein, daß es zu wenig ist, eine standesgemäße Ehe zu schließen.«

Da lachte sie trotz des Ernstes des Augenblickes hell auf und sagte:

»Nun, so schließe ich eine nicht standesgemäße Ehe. Dazu werden die zwei Millionen gewiß hinreichend sein!«

Er blickte sie forschend an.

»Flora,« fragte er dann besorgt, »Du hast mir Etwas verheimlicht?«


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»Nein, Papa,« antwortete sie; »aber es ist gestern Etwas geschehen, was ich Dir ganz offen erzählen muß.«

Bei diesen Worten bedeckte eine tiefe Gluth ihre Wangen, so daß er ausrief:

»Kind, Du liebst!«

»Ja,« gestand sie. »Ich liebe, Papa, und Den, welchen ich liebe, gehört mein Herz und mein ganzes Leben. Ich werde sein Weib, und keines Anderen!«

»Wer ist es?«

»Er ist ein Künstler, ein deutscher, berühmter Maler, zwar von Adel, aber nur mit einem ganz einfachen »Von«. Ich gestehe Dir sogar, daß er seiner Kunst wegen von seinem Vater verstoßen wurde.«

Der Herzog schwieg. Seine Augen schlossen sich, und sein Kopf sank leise in das Kissen zurück. So lag er lange, lange wortlos da. Was mochte er denken, er, der Herzog, dessen Tochter ihm gestand, daß ihre ganze Liebe einem armen, von seinem Vater verstoßenen Maler gehöre!

Flora beobachtete die Mienen des Vaters, aber es zeigte sich in seinem eingefallenen Gesichte nicht ein einziger Zug, welcher seine Gedanken verrathen hätte. Da wurde es ihr angst. Es war, als ob er todt vor ihr daläge, gestorben vor Schreck über die ebenso unerwartete wie erschütternde Mittheilung, welche sie ihm gemacht hatte. Das preßte ihr abermalige Thränen aus; ihr kindliches Herz zitterte, und sie sagte stockend:

»Papa, er ist ein Sohn ohne Vater, ganz wie der Deinige. Wenn Du es haben willst, so werde ich dieser Liebe entsagen!«

Es verging abermals eine Weile, dann öffnete er die Augen und antwortete:

»Mein Kind, ich habe soeben einen schweren Kampf durchkämpft, einen Kampf mit meinem Rechte und den Ansichten unseres hohen Standes, und ich habe - gesiegt. Die Tochter des Herzogs von Olsunna liebt einen obscuren Edelmann, einen von seinem Vater Verstoßenen! Du wirst glauben, daß dieses Geständniß mich erschüttert hat. Ich sehe darin eine wohl verdiente Strafe für mich, denn ich habe die Liebe einer gewöhnlichen Erzieherin, die Liebe von sogar noch tiefer stehenden Mädchen besessen und - betrogen. Meine Liebe war unlauter, die Deinige aber ist rein. Du hast mir Deine Hand geboten und Opfer gebracht, um den Sohn der Erzieherin zu Deinem Bruder zu machen; es wäre grausam und undankbar, wenn ich Dir Dein Herz brechen wollte. Ich stehe am Rande des Grabes; da rechnet man mit anderen Faktoren als im vollen, frischen Leben. Ich sehe den Menschen, aller äußeren Würden, alles falschen Glanzes entkleidet, den ihm eine zufällige Geburt verleiht, ich taxire jetzt mit dem Auge Gottes, vor dem nicht der Rang, sondern nur die Eigenschaft des Herzens gilt, und so will ich Dir denn meine Antwort sagen: Der Name Olsunna darf nicht aussterben; die Traditionen unseres Geschlechtes müssen erhalten und fortgeführt werden; bleibst Du die einzige Trägerin dieses Namens, so bist Du gezwungen, eine standesgemäße Ehe einzugehen, und Dein erster Sohn wird Herzog von Olsunna werden; findet sich aber Dein Bruder, so habe ich ihn in meinem Testamente zu meinem Nachfolger ernannt. In den Händen des Notares befindet sich ein Gesuch an den Herrscher Spaniens, welches zur Folge haben wird, daß man ihn anerkennt; wenigstens hoffe ich das. Diese Anerkennung stände außer allem Zweifel, wenn ich länger leben und die einstige Erzieherin nach-


Ende der zweiunddreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk