Lieferung 33

Karl May

7. Juli 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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träglich zu meinem Weibe machen könnte. Bleibt diese Anerkennung aus, so bist Du die Erbin der Olsunna's und hast Deine Pflicht zu thun, wird sie aber nicht verweigert, so gebe ich Dir hiermit die Erlaubniß zur Verbindung mit dem Geliebten, vorausgesetzt, daß er beweist, daß er ein Ehrenmann ist, der nur unschuldigerweise von seinem Vater verstoßen wurde.«

Diese lange Rede war oft durch längere Hustenanfälle unterbrochen worden. Als er jetzt schwieg, knieete Flora vor seinem Lager nieder, benetzte seine hageren Hände mit Thränen des Schmerzes und der Freude zugleich und schluchzte:

»Dank, tausend Dank, mein lieber, nachsichtiger Vater! Dein Wille soll mir als unumstößliches Gesetz gelten, aber ich versichere Dich, daß Otto ein Ehrenmann ist. Ich bitte Dich, Dir ihn vorstellen zu dürfen! Prüfe ihn, und sei überzeugt, daß er diese Prüfung vollständig bestehen wird!«

»Ich hoffe es, mein Kind! Jetzt aber gönne mir nun die Ruhe, deren ich bedarf! Ich habe mir doch zu viel zugemuthet und bin sehr müde. Schlafe wohl, Flora, und bitte Gott, daß er Alles zum Besten lenke und Deinem Vater vergebe, was er gefehlt und verbrochen hat!«

Sie trennten sich. Flora fand keinen Schlaf; ihre Erregung war zu groß, und die widerstreitendsten Gefühle ihres Herzens stürmten auf sie ein. Es ging ihr wie dem Geliebten; sie fand erst gegen Morgen die nöthige Ruhe und erwachte erst dann, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand.

Eine Stunde später saß sie wieder beim Vater. Draußen auf der Bank vor dem Hause saß abermals der Schiffer und strickte an seinem Netze. Da hörten sie nahende Schritte, und dann fragte eine tiefe, sonore Stimme:

»Hier wohnt der Schiffer Jean Foretier?«

»Ja, mein Herr,« antwortete der Gefragte. »Ich bin es selbst.«

»Ich danke!«

Man hörte, daß der Frager in den Flur trat und an die Thür klopfte. Auf das »Herein« Flora's trat ein junger Mann ein, dessen hohe Figur einem Riesengeschlechte entstammt zu sein schien. Er war von einer ungewöhnlichen männlichen Schönheit, und der tiefe Ernst, welcher auf seiner Stirn thronte, wurde durch den milden Blick seines Auges und das freundliche Lächeln seiner vollen Lippen angenehm gemildert.

»Verzeihen Sie meine Kühnheit!« bat er mit einer tiefen Verbeugung. »Man hat mir gesagt, daß ich in diesem Hause einen Patienten finden werde.«

»Zu wem sind Sie gewiesen worden?« fragte der Herzog.

»Man konnte mir keinen Namen nennen, denn er war dem Freunde, welcher mich sendet, selbst unbekannt.«

Da erhob Flora sich rasch.

»Ah, bitte, mein Herr, wie ist Ihr Name?«

»Ich nenne mich Sternau.«

»Sternau! Ah, Doktor Sternau! Sie sind hier infolge der Depesche Ihres Freundes! Doch nein, so schnell kann dies doch nicht gehen!«

»Allerdings nicht,« lächelte Sternau. »Ich bin der Besitzer der Yacht, welche gestern hier eingelaufen ist, und ich befand mich in Avranches, ohne daß der Freund es ahnte. Er telegraphirte gestern nach mir und erhielt während der Nacht die


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Benachrichtigung, daß mein gegenwärtiger Aufenthalt nicht angegeben werden könne, und es war eine eigenthümliche Schickung, daß wir uns heute Morgen trafen.«

»Das ist mehr als seltsam, das ist fast, als ob es der Wille Gottes sei!« meinte Flora. »Bitte, Herr Doktor, nehmen Sie Platz, und erlauben Sie mir, Vater den Zusammenhang zu erklären! Ich habe ihm noch nicht gesagt, daß zwischen Otto und mir die Rede von Ihnen gewesen ist.«

Sternau setzte sich und Flora erzählte dem Herzoge den Zusammenhang. Dieser hatte den Arzt mit einem seltsamen Blicke betrachtet. Als die Tochter mit ihrem Berichte zu Ende war, sagte er mit mattem Lächeln:

»Das ist allerdings ein mehr als eigenthümliches Zusammentreffen, und ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Sternau, daß Sie sich zu mir bemüht haben. Aber ich befürchte, daß die Kunst selbst des berühmtesten Arztes an meiner Krankheit scheitern wird; sie ist bereits zu weit vorgeschritten, und die Aerzte, welche mich bisher behandelten, haben mich Alle aufgegeben.«

»Unsere Kunst und unsere Wissenschaft ist allerdings schwach, dem Willen Gottes und den Kräften der Natur gegenüber,« antwortete Sternau; »jedoch giebt Gott uns oft einen Fingerzeig, dem wir zu gehorchen haben. Der Arzt hat die Pflicht, sein Wissen zu bereichern, sich in seiner Kunst zu üben und seine Erfahrungen zu vermehren; aber sein ganzes Wirken soll nur darauf gerichtet sein, das Vertrauen auf Gott zu lenken und die Selbstheilkraft der Natur anzuregen und zu unterstützen. Dann wird er sich segensreicher Erfolge zu erfreuen haben.«

Das waren allerdings Anschauungen, wie man sie bei den meisten Aerzten nicht findet. Der Herzog ebenso wie seine Tochter blickten mit Ueberraschung auf den Sprecher. Der Erstere warf einen Blick der Hochachtung, in welchen sich noch ein eigenartiger Glanz mischte, auf Sternau, und die Letztere sagte:

»Sie sprechen mir aus dem Herzen. Gott giebt uns zuweilen einen Fingerzeig. Sollte Ihre unvermuthete Anwesenheit nicht auch ein solcher sein?«

»O,« antwortete der Gefragte, »es kommt mir nicht in den Sinn, mich als Werkzeug Gottes zu präsentiren, aber ich gestehe aufrichtig, daß ich während meiner Reisen und meiner Praxis zahlreiche Erfahrungen gesammelt habe in Beziehung auf das Leiden, mit welchem wir es, wie es scheint, hier zu thun haben. Man darf sich dem Ausspruche der Aerzte nicht unbedingt überlassen. Es giebt bei einem Krankheitsbilde so zahlreiche und oft verwickelte Umstände zu berücksichtigen, daß es kein Wunder ist, einmal in einen Irrthum zu verfallen. Ich zum Beispiele habe bereits jetzt die Ueberzeugung, daß unser Patient nicht an Phthisis, nicht an Auszehrung leidet.«

Der Eindruck dieser Worte auf den Kranken und seine Tochter war ein gewaltiger.

»Nicht, wirklich nicht?« fragte Flora erregt.

»Nicht Verzehrung?« rief der Herzog, indem er sich mit einer Kraft aufrichtete, als ob er ein Jüngling sei.

»Nein,« antwortete Sternau. »Die Verzehrung hat ihre ganz eigenthümlichen Erkennungszeichen, und eines dieser Zeichen fehlt in Ihrem Auge. Fast möchte ich Sie ersuchen, sich mir auf fünf Minuten zu einer eingehenden Untersuchung anzuvertrauen.«


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»Papa, thue es; ich bitte Dich inständigst!« sagte Flora, indem sie sich zu gleicher Zeit erhob, um zu gehen und den Patienten mit dem Arzte allein zu lassen.

»Ihre Worte sind sehr kühn,« sagte der Herzog, »aber wenn man Ihnen in das Auge schaut, kann man nicht anders, als Ihnen vertrauen. Wollen Sie mich untersuchen?«

»Gewiß; ich bat Sie ja bereits darum!«

»So stelle ich mich Ihnen zur Verfügung.«

Der Herzog entfernte alle hinderlichen Hüllen, und Sternau begann sein Werk. Es nahm bedeutend mehr Zeit in Anspruch, als die erwähnten fünf Minuten. Man sah, daß der Arzt mit einer ganz besonderen Gewissenhaftigkeit verfuhr. Die Diagnose schien außerordentlich schwierig zu sein, und der Patient hatte sehr viele Fragen zu beantworten. Endlich aber war Sternau zu einem bestimmten Resultate gelangt und sagte:

»Erlauben Sie mir, mein Herr, der Dame zu klingeln?«

»Ah, Herr Doktor, Ihre Frage ist für mich eine sehr tröstliche,« antwortete der Herzog, indem ein glückliches Leuchten über sein blasses Gesicht flog. »Sie würden meine Tochter nicht als Zeugin Ihres Ausspruches dulden, wenn dieser nicht so ganz unverhofft ein beruhigender wäre. Rathe ich richtig?«

»Sie rathen recht,« nickte Sternau, »doch ehe ich klingele, rnuß ich vorher eine höchst discrete Frage aussprechen, welche Sie mir erstens verzeihen und dann aufrichtig beantworten werden. Sie haben in Ihrer Jugend einmal an einer Hautkrankheit gelitten?«

Der Herzog erröthete trotz seiner Blutarmuth.

»Welche Hautkrankheit meinen Sie, Herr Sternau?« gegenfragte er.

»Ich meine, beim richtigen Namen genannt, die Scabies, die Krätze.«

»Herr! Wie können Sie glauben - -!«

Der Herzog sprach diese Worte mit einer krankhaften Entrüstung, hielt aber plötzlich inne, als er das scharfe, durchdringende Auge des Arztes auf sich gerichtet sah. Er versuchte, sein frisches Schamgefühl zu bekämpfen, schwieg eine Weile und sagte dann mit gesunkener Stimme:

»Sie haben recht. Im Angesichte des Todes wäre ein Leugnen geradezu ein Selbstmord zu nennen. Ich verkehrte in meiner Jugend zuweilen mit Schönheiten, deren Gesundheit nicht ganz zweifellos war; ich erhielt die von Ihnen genannte Krankheit und wendete mich nicht an meinen Hausarzt, vor dem ich mich schämte, sondern an einen Quacksalber, der mich binnen zwei Tagen herstellte, aber nur scheinbar, wie ich aus Ihrer Frage fast vermuthe.«

»Ihre Vermuthung geht nicht irre. Diese Krankheit wurde nicht geheilt, sondern nach innen getrieben; sie vergiftete Ihr Blut, eroberte alle edlen Organe und ward zuletzt ein Bestandtheil aller Ihrer Säfte, Ihres ganzen Körpers - sie ward zur Psora. Das ist Ihr Leiden, dem Sie allerdings in kurzer Zeit erlegen wären. Die Krankheit hat alle Symptome der Verzehrung, und daher kommt es, daß Sie von Ihren Aerzten als ein Auszehrender betrachtet und behandelt wurden. Ich kann diese Herren zwar entschuldigen aber nicht rechtfertigen, denn es handelt sich um ein Menschenleben.«


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»Und Sie glauben, mich retten zu können?« fragte Olsunna in fieberhafter Erregung.

»Ja. Theilen Sie diesen Ausspruch getrost Ihrer Tochter mit; ich vertrete ihn!«

Er zog an der Glocke und im nächsten Augenblicke trat Flora ein. Das Gesicht ihres Vaters glänzte wie Sonnenschein. Er streckte die Arme nach ihr aus und rief:

»Komm her, mein Kind! Dieser Arzt giebt mir die Hoffnung des Lebens. Ich soll nicht sterben!«

Sie eilte auf ihn zu, um ihn zu umarmen, blieb aber auf halbem Wege vor Sternau stehen und fragte:

»Ist es wahr, mein Herr? Wären Sie im Stande, das Leben meines Vaters festzuhalten?«

»Ich hoffe es, ja, ich bin es überzeugt,« antwortete er bescheiden und ohne alle Ueberhebung.

Da stieß sie einen lauten Jubelruf aus, faßte seine Hand und küßte dieselbe schnell, ohne daß er es verhindern konnte.

»Siehst Du, Papa, daß es ein Fingerzeig Gottes war!« rief sie. »O, Herr Sternau, wie glücklich machen Sie uns durch den Trost, welchen Sie uns geben!«

Sie standen einander gegenüber, und als sie ihm so selig in das Angesicht schaute, erinnerte sie sich an die Worte ihres Geliebten, welcher ja gesagt hatte, daß Sternau ihr ganz außerordentlich ähnlich sehe. Sie fand dies bestätigt; es war ein eigenthümliches Gefühl, welches sich ihrer bemächtigte, sie hätte diesen hohen, schönen Mann augenblicklich umarmen und küssen können, ohne zu glauben, daß sie damit einen Fehler begehe. Und er, er stand vor diesem schönen Mädchen, und es war ihm dabei, als hätte er sie lange, lange Zeit schon gekannt, als wäre er vertraut mit ihr gewesen, wie ein Bruder mit der Schwester, als könne er ihr sein ganzes Herz offenbaren, ganz und rückhaltslos, wie es eben nur einer Schwester gegenüber geschieht.

»Ich danke Ihnen für die Zuversicht, mit welcher Sie meine Worte hinnehmen,« sagte er. »Ich wiederhole, daß die Heilung nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich ist, wenn Sie mich unterstützen wollen.«

»O gern!« antwortete sie. »Fordern Sie Alles, was Sie wollen!«

Er blickte sich im Zimmer um und fragte dann mit halbem Lächeln:

»Würde Ihnen ein Ortswechsel möglich sein?«

»Warum nicht?« sagte der Kranke.

»Verzeihung! Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht und ein Ortswechsel pflegt mit mehr oder weniger Kosten verknüpft zu sein.«

»Ah, Sie kennen unsere Verhältnisse, vielleicht sogar meinen Namen noch nicht?«

»Allerdings nicht. Mein Freund kennt ihn nicht, da Fräulein ihn aufforderte, nicht darnach zu forschen, und er bat mich, deshalb meinerseits auch nicht zu fragen. Ich bin einfach zu dem Patienten gekommen, welcher im Hause des Fischers Jean Foretier wohnt.«

»Sonderbar!« sagte der Herzog.

»O, Papa,« fiel Flora ein, »ich hatte ja noch nicht mit Dir gesprochen, und darum mußte Otto mir versprechen, sich nicht zu erkundigen.«


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»Nun verstehe ich Dich, mein Kind, und dieser Herr Otto gewinnt dadurch sehr in meiner Achtung. Sagen Sie ihm das und theilen Sie ihm mit, daß ich ihn morgen Vormittag bei mir erwarte, um ihm Dank zu sagen, daß er mir einen so ausgezeichneten Arzt gesandt hat. Uebrigens theile ich Ihnen mit, daß meine Kasse vielleicht auch einen nicht ganz billigen Ortswechsel vertragen wird. Ich will mich nicht reich nennen, aber um die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens brauche ich nicht mit allzu großer Anstrengung zu sorgen.«

Es war, als ob die Nähe des zuversichtlichen Arztes bereits einen recht guten Einfluß auf seinen Zustand ausübe. Er hatte den langen Satz ohne alle Anstrengung und ohne zu husten gesprochen und die letzten Worte hatten sogar einen schalkhaften Klang, der nichts mit der Todessicherheit zu thun hatte, in welcher er sich vorher befunden hatte.

»Nun, so werde ich Sie also ersuchen, Avranches zu verlassen,« sagte Sternau. »Weder das hiesige Klima, noch die hiesige Quelle können Ihnen Heilung bringen. Die rauhe Seeluft muß ich Ihnen ganz verbieten. Ich rathe Ihnen ein mittleres Klima, einen Ort an einem Flusse, Wald und Feld, mit Raum genug zu Spaziergängen und einer erheiternden Aussicht -«

»Spaziergänge?« fragte Olsunna. »Mein Gott, ich kann ja das Zimmer nicht einmal überschreiten!«

»Haben Sie keine Sorge! Ich werde Ihnen Quebracho, Coca und männliche Dattelblüthe geben, Dinge, welche sich in der hiesigen Apotheke nicht finden werden, wohl aber unter meinen Reisevorräthen. So werden Sie binnen einer Woche kräftig genug sein, eine Bahntour mit Unterbrechungen auszuhalten. Sie fahren also nach - - ah, da kommt mir ein Gedanke! Waren Sie bereits einmal an dem Rheine?«

»Nein,« antwortete der Herzog.

»So reisen Sie hin. Ich werde nicht nach Ihrem Namen fragen, aber ich werde Ihnen Empfehlungen mitgeben. In der Nähe des Rheins giebt es ein altes wunderschönes Schloß, dessen Bewohner mir verwandt sind und Sie mit Freuden aufnehmen werden. Dort warten Sie Ihre Heilung ab. Sie haben jetzt vor allen Dingen die vorhin erwähnten stärkenden Mittel in der Weise zu nehmen, wie ich es auf der Etiquette des Fläschchens vermerke, und nach Ihrer Ankunft am Rheine gebrauchen Sie ein Recept, welches ich Ihnen schreiben werde. Eine einfache, milde Kost, den Kräften angemessene Spaziergänge, ein heiteres Gemüth und sorgsames Fernhalten aller Aufregung, das ist es, was ich Ihnen empfehle oder befehle. Ihre Krankheit wird durch die Haut zu Tage treten; dann gebrauchen Sie fleißig warme Bäder. Ich werde jetzt gehen, um die Medizin zu bereiten.«

»Ich, ich bin wie neugeboren!« rief der Herzog.

»Und ich, o mein Gott, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!« stimmte Flora bei, indem ihr die Freudenthränen über die Wangen strömten.

Sie knieete vor dem Vater nieder, nahm seinen Kopf in ihre Arme und küßte seine Lippen wieder und immer wieder. Diesen Ausbruch des Glückes benutzte Sternau, um sich leise zu entfernen. Draußen forderte er den alten Schiffer auf, mit ihm zu gehen.

Als Vater und Tochter ihre Umarmung lösten, bemerkten sie erst, daß der Arzt fort war.


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»Er ist zu zartsinnig, um zu bleiben,« sagte Olsunna. »Er ist gegangen, um die Arznei zu holen. Ich habe noch keinen Arzt gesehen, der einen solchen Eindruck macht wie er. Schon sein bloser Anblick, sein bloses Wort bringt Heilung.«

»Er ist ein Mann wie ein Halbgott, Papa. O, Papa, Du wirst gesund werden; denke Dir dieses Glück!«

Sie umarmten sich abermals und schwelgten in der reinen Freude, welche ihnen die neu erwachte Hoffnung gewährte. Sie warteten auf Sternaus Rückkehr wohl eine Stunde lang, bis es anklopfte und Jean Foretier eintrat. Er hatte einen Brief in der Hand und in der andern ein in Papier gewickeltes Fläschchen. Er streckte Beides Flora entgegen und sagte:

»Eine Empfehlung von dem Arzte, gnädiges Fräulein. Er sendet diesen Brief und diese Arznei.«

»Er sendet es; er kommt nicht selbst zurück?« fragte sie erstaunt.

»Ja. Er kann ja nicht kommen.«

»Warum nicht?«

»Well soeben die Yacht in See geht. Hören Sie den Schuß?«

In diesem Augenblicke ertönte ein Kanonenschuß. Flora eilte an das Fenster, von welchem aus man die Bucht überblicken konnte. Sie sah die Yacht, welche die Anker gelichtet hatte und sich soeben von der Küste löste. Auf dem Hinterdecke stand Sternau und schwang sein weißes Tuch, um einen Mann verabschiedend zu grüßen, welcher am Ufer stand und dasselbe Zeichen gab. Dieser Mann war Otto von Rodenstein. Sie hätte hinaus eilen mögen, um die Yacht zurück zu rufen, wenn das nicht zu auffällig gewesen wäre. Es war ihr, als sei ihr plötzlich ein schweres Leid angethan worden, als habe ihr Jemand einen Stich in das Herz versetzt.

»Geht sie wirklich in See?« fragte da der Herzog.

»Ja, Papa,« antwortete sie. »Er hat nicht länger bleiben können und es uns nicht gesagt, um sich unserm Dank zu entziehen.«

»Mein Gott, ich hatte meine ganze Hoffnung auf ihn gesetzt!«

»Er wird diese Hoffnung nicht täuschen. Wir müssen sehen, was in seinem Briefe steht.«

Sie gab dem Schiffer das Zeichen, daß er sich zurückziehen könne und öffnete das große Couvert, welches sich sehr inhaltreich anfühlte. Es enthielt das versprochene Recept, zwei versiegelte Briefe und eine offene Zuschrift Sternau's, welche folgendermaßen lautete:

»Verzeihen Sie, daß ich zu Ihnen nicht von der Nothwendigkeit einer sofortigen Abreise sprach! Es giebt zwingende Verhältnisse, welche mir nicht gestatten, eine Minute zu verlieren. Als ich bei Ihnen war, wurde bereits der Kessel meiner Yacht geheizt, und ich sah die Nothwendigkeit ein, Ihnen die Aufregung und sprachliche Anstrengung eines mündlichen Abschiedes zu ersparen. Sie dürfen aber trotzdem an der Zuversicht festhalten, daß Ihre Gesundheit zurückkehren wird. Nehmen Sie den Inhalt der beifolgenden Flasche so, wie ich es Ihnen gesagt habe, und Sie werden in Zeit von einer Woche Ihre Reise antreten können. In Paris und Straßburg werden Sie ausruhen und dann über Mannheim nach Mainz gehen, wo man Sie leicht nach Rheinswalden weisen kann. Dort wird man Sie infolge der beiden beiliegenden Briefe mit offenen Armen aufnehmen.


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Sobald Sie dort sich ausgeruht und eingerichtet haben, lassen Sie sich nach dem beifolgenden Recepte das Mittel bereiten, welches Sie vollständig herstellen wird. Alle Ihre weiteren Fragen kann mein Freund, Herr Otto von Rodenstein, Ihnen beantworten, dem ich soeben die ausführlichsten Instructionen gegeben habe und der infolge Ihrer freundlichen Einladung Ihnen morgen seine Aufwartung machen wird.«

Der Schluß des Briefes enthielt die gewöhnlichen Höflichkeitsphrasen und die dringende Bitte Sternau's, seinen Anordnungen gewissenhafte Folge zu leisten.

»Ich athme wieder auf!« gestand der Herzog. »Diese Worte geben mir allerdings meine volle Zuversicht wieder, und ich werde genau Alles thun, was er anbefohlen hat. Dieser Sternau ist nicht nur ein außerordentlicher sondern auch ein edler Mensch. Er öffnet uns eine Gastfreundschaft, ohne zu wissen, wer wir sind, und ich werde dieselbe schon deshalb acceptiren, weil mir auf diese Weise die sichere Gelegenheit geboten wird, die Dankbarkeit, welche ich ihm schuldig bin, wenigstens den Seinen zu erweisen. Wie sind die Briefe adressirt, mein Kind?«

»Der eine an Frau Sternau und der andere an den Oberförster, Hauptmann von Rodenstein in Rheinswalden. Ach, welche Ueberraschung!«

»Was, Flora?«

»Dieser Hauptmann von Rodenstein ist ja - der Vater Otto's!«

»Wirklich?« fragte er überrascht. »Sollte dies ein abermaliger Fingerzeig sein, meine Tochter? Wir werden also den Vater Deines Geliebten kennen lernen und also im Stande sein, den inneren Werth dieses Letzteren beurtheilen zu können.«

»O, mein Vater, über diesen Werth giebt es bei mir keinen Zweifel. Du wirst ihn achten und lieben, sobald Du ihn kennen lernst!«

»Ich hoffe das, um Deinetwillen. Aber bitte, gieb mir einmal von der Medizin!«

Sie öffnete die Flasche und verabreichte ihm die vorgeschriebene Dosis, welche eine wunderbare Wirkung hatte, denn er fiel bereits nach einigen Minuten in einen Schlaf, dem man anmerkte, daß er erquickend sei, denn es lagerte sich über das Gesicht des Kranken ein ruhiges, glückliches Lächeln; seine schwache Brust hob und senkte sich in regelmäßigen Intervallen, und sein Athem ging leise und gleichmäßig wie in den Tagen seiner Kraft und Gesundheit.

Dieser Schlaf dauerte sehr lange, fast bis zum Abende, und als der Herzog dann erwachte, fühlte er sich so gestärkt, daß er vermeinte, aufstehen und im Zimmer herum spazieren zu können. Doch blieb er auf seinem Ruhebette liegen und nahm vor Freude über die Wirkung des Mittels eine abermalige Dosis desselben. Der darauf folgende Schlaf dauerte bis zum Morgen, und als Flora eintrat, dem Vater den Morgenkuß zu bringen, fand sie ihn - angekleidet auf einem Stuhle sitzen. Er hatte alle Vorstellungen des besorgten Dieners siegreich bekämpft.

"Mein Gott, Papa, was thust Du!" rief sie.

»Mein Gott, Papa, was thust Du!« rief sie.

»Komm her, mein Kind, und umarme mich!« antwortete er mit seligem Lächeln. »Ich fühle, daß ich gerettet werde. Dieser Sternau ist wirklich ein von Gott begnadeter Arzt, und ich kann ihn mit allen meinen Reichthümern nicht bezahlen. Ich bin wie neu geboren; meine Muskeln spannen sich, und meine Beine


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zitterten nicht, als ich das Lager verließ. Sobald die Sonne wärmer scheint, werde ich mich nach der Bank vor dem Hause führen lassen.«

»Du wagst zu viel, Papa!« wandte sie ein.

»Nein, mein Kind. Diese wenigen Schritte werden mich nicht anstrengen; ich fühle es. Dieser Sternau hat mich durch seinen bloßen Anblick gestärkt, und seine Medizin wird seine Weissagung zur Wahrheit machen.«

»Papa, hast Du nicht bemerkt, wie er mir ähnlich sieht?«

»Ja, ich habe es mit Erstaunen gesehen. Grade wie er war ich in meiner Jugend. Die Natur gefällt sich oft in einer so frappanten Wiederholung ihrer Formen. Es war mir, als ob ich mich selbst vor mir stehen sehe, als er sich bei uns befand. Auch meine Stimme, meine Bewegungen waren ganz dieselben. Aber siehe, da kommen die Sonnenstrahlen. Rufe den Diener, damit er mich zur Bank führe.«

Sie versuchte es, ihn von der Ausführung dieser Absicht zurückzuhalten, aber er behauptete, stark genug zu sein, und so mußte sie sich in seinem Willen fügen. Einige Minuten später ruhte er, in einen weichen, warmen Negligérock gehüllt, draußen auf der Bank und ließ seine Blicke mit der Wonne eines Genesenden über die lichtüberfluthete Landschaft und über die glänzende See gleiten, welche sich seit vorgestern vollständig beruhigt hatte.

Flora saß bei ihm, hatte seine Hand in der ihrigen und schaute mit innerer Freude in sein Angesicht, dessen tiefe, tödtliche Blässe gewichen war, um einer leichten Röthe der wieder erwachenden Gesundheit Platz zu machen. Sie war in diesem Augenblicke von heißem Dank erfüllt für den Retter ihres Vaters; sie gab sich ganz dem Eindruck hin, den Sternau auf sie gemacht hatte, und ohne daß sie es wollte, entfuhren ihr in Folge ihres Gedankenganges die halblauten Worte:

»O, ich liebe ihn sehr!«

Er wandte schnell den Kopf zu ihr und sagte lächelnd:

»Ah, Du denkst an den Geliebten!«

»Nein, Papa,« antwortete sie erröthend. »Ich dachte an einen ganz Anderen.«

»Darf ich wissen, an wen?«

»Ja, an Sternau.«

Er nickte mit dem Kopfe.

»Wie sonderbar! Auch ich dachte an ihn. Er kam zu uns wie ein Engel, der Glück und Freude bringt, ich möchte rufen: Ich liebe ihn! Er ist vor meinen Augen, und ich kann den Blick nicht von ihm wenden. Alle sehen auf ihn und sind ruhig, denn sie wissen, daß sie ihm vertrauen können.«

Sie versanken wieder in jenes so beredte Schweigen, welches dem Glück so eigenthümlich ist, bis der Herzog einmal nach dem Wege sah, welcher von der Stadt herabführte. Er erhob schnell den Kopf, blickte schärfer hin und erbleichte.

»Was ist Dir, Vater?« fragte sie.

Sie hatte gefühlt, daß seine Finger wie unter einem tiefen Schrecke in ihrer Hand zuckten.

»Schau da hinauf!« antwortete er.

Ihr Auge folgte der angegebenen Richtung.

»Eine alte Zigeunerin!« sagte sie. »Warum erschrickst Du da so sehr?«

»O, Madonna! Das ist Zarba, das fürchterliche Weib!«


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Nun erschrak auch Flora. Sie faßte die Alte scharf in das Auge und fragte:

»Irrst Du Dich nicht vielleicht, Papa?«

»Nein, sie ist es; sie ist es sicher und gewiß! Dieser Teufel ist mir nachgefolgt, um mich zu quälen. Sie muß allwissend sein, sonst könnte sie nicht ahnen, daß ich hier bin.«

»Fasse Dich, mein Vater! Du hast mich an Deiner Seite. Der Herzog von Olsunna darf nicht vor einer Vagabundin zittern. Sei ruhig; ich werde an Deiner Stelle mit ihr sprechen.«

Es war wirklich Zarba. Dieses Weib war nicht allwissend; sie hatte nicht die mindeste Ahnung, daß sich der Herzog in Avranches befand. Sie war aus einer ganz anderen Ursache gekommen. Sie wollte Gabrillon, den Leuchtthurmwärter, besuchen, welcher ja der Hüter eines ihrer Geheimnisse war.

Sie kam langsam des Weges daher, welcher an der Fischerhütte vorüberführte. Da fiel ihr Blick auf die beiden vor der Thür Sitzenden, und unwillkürlich stockte ihr Fuß. Sie erkannte den Herzog und seine Tochter. Ein Zug der Freude und Genugthuung blitzte über ihr faltenreiches Gesicht, und ohne sich lange zu besinnen, lenkte sie ihre Schritte nach dem Hause. Dort angekommen, nahm sie eine demüthige Stellung ein, streckte die Hand aus und sagte zu Flora:

»Eine kleine Gabe für eine arme, alte Zingaritta, meine schöne, blanke Dame!«

Flora griff in die Tasche und gab ihr einen Fünffrankenthaler.

»Hier, Alte,« sagte sie. »Du erhältst es gern!«

Ihre Miene zeigte nicht im Geringsten, daß sie die Zigeunerin kenne. Ihr Vater aber hatte sich mit halb geschlossenen Augen zurückgelehnt und gab sich alle Mühe, gleichgiltig zu erscheinen.

»Ich danke!« sagte Zarba, indem sie das Geld einsteckte. »Soll ich Ihnen vielleicht wahrsagen, schöne Dame?«

»Nein,« antwortete Flora mit einer abwehrenden Handbewegung.

»Nicht! Warum nicht? Ich bin Zarba, die Königin der Gitanos. Ich kann in die Vergangenheit sehen und in die Zukunft. Geben Sie mir immerhin Ihre Hand!«

»Schon gut, gut!« wehrte Flora ab. »Was vergangen ist, weiß ich, und was die Zukunft betrifft, so gelüstet es mich nicht, sie vorher zu erfahren!«

»Wie stolz!« grinste die Zigeunerin. »Aber vielleicht beliebt es diesem Herrn, sich wahrsagen zu lassen?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ergriff sie seine Hand und hielt sie so fest, daß der Kranke sie ihr nicht wieder zu entziehen vermochte. Sie that, als studire sie die Linien dieser Hand und sagte dann:

»Was sehe ich! Eine düstere Vergangenheit, ein Leben voll Untreue, Falschheit und Betrug, im Leben - - -«

»Halt!« sagte da Flora mit strenger Stimme. »Schweig, Alte! Deine Gaukeleien sind hier am unrechten Platze!«

»Gaukeleien?« fragte Zarba höhnisch. »Was ich sage, das steht in diesen Linien geschrieben; ich sehe und lese es deutlich!«

»Lies was Du willst, aber wir wollen es nicht hören!«


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»O, wenn die blanke Dame es hören wollte, so würde sie erstaunen darüber - - -«

»Ueber Deine Zudringlichkeit und Frechheit, Alte!« unterbrach sie Flora. »Ich kenne Dich und weiß Alles, was Du willst.«

»Sie wissen es? O sicherlich nicht!« antwortete Zarba. »Ich las aus dieser Hand das Dasein eines Bruders, der nicht aufzufinden ist. Ja, meine blanke Dame, die Freche, die Zudringliche sagt Ihnen, was für einen Vater Sie haben. Der Fluch folgt jedem seiner Schritte, denn er hat - - -«

»Genug!« gebot Flora mit stolzem Tone. »Bei mir findet Deine Rachsucht keinen fruchtbaren Boden. Du willst mein Herz von dem des Vaters trennen; Du willst durch Dein Erscheinen ihn in Krankheit und Tod treiben; Du verbirgst den Sohn, damit der Vater vor ungestillter Sehnsucht nach ihm vergehe. Du bist ein Ungeheuer! Wer nicht vergeben kann, der ist ein Teufel. Packe Dich fort, Alte! Du hast über Niemanden zu richten, sondern Du wirst selbst gerichtet werden!«

Sie stand nicht mit flammenden, zornblitzenden Augen vor der Zigeunerin, sondern sie sprach diese Worte mit jener gleichgiltigen Kälte des Tones und jener stolzen Unbeweglichkeit der Mienen, welche mehr verletzt als der lauteste Zorn. Und als die Zigeunerin sich dennoch nicht entfernte, wandte sie sich nach der Thür, unter welcher in Folge der heftigen Worte Zarba's der Diener erschienen war:

»Fort mit dem Weibe!«

Diese mit einer gebieterischen Handbewegung begleiteten Worte befolgte der Diener, indem er ohne Verzug die Alte beim Arm faßte und fortführte. Sie sträubte sich nicht dagegen, aber sie wendete sich noch einmal um und rief unter schadenfrohem Lachen:

»Und Ihr werdet ihn niemals finden, den Herzogssohn, nie, nie, niemals! Das ist meine Rache!«

Der Herzog lehnte schwach und angegriffen auf seinem Sitze. Das Zusammentreffen mit dem rachsüchtigen Weibe hatte ihn tief erschüttert.

»O, sie ist eine Furie!« seufzte er. »Wirst Du klug gethan haben, sie zu erzürnen, meine Tochter?«

Flora schüttelte ernst den Kopf und antwortete:

»Ich glaube, Du hast diesem Weibe gegenüber einen falschen Weg eingeschlagen, mein Vater. Kein Mensch hat das Recht, die Bestrafung einer That selbst in die Hand zu nehmen; dazu sind ja die Gesetze und die Richter da. Und was sie Dir vorzuwerfen hat, ist ja nicht mehr vor das Forum irgend einer Gerichtsbarkeit gehörig. Dein Richter ist Dein Gewissen und die Mutter Deines Sohnes.«

»Aber Zarba weiß, wo er sich befindet. Ich glaube immer, sie durch ein freundliches Verhalten zu bestimmen, mir seinen Aufenthalt mitzutheilen.«

»Du siehst ja selbst, was diese Freundlichkeit gefruchtet hat; sie ist von der Zigeunerin für Schwäche gehalten worden. Soll dieses Weib Dich, den Herzog von Olsunna, beherrschen? Soll sie Deinen Stolz demüthigen, Dein Selbstbewußtsein zertreten, Dein Gemüth verfinstern und Deine Gesundheit zerstören? Nein, mein Vater! Seit Du mir den Grund Deines Kummers mitgetheilt hast, habe ich die heilige Pflicht, Deine Seele von ihm zu befreien. Gott ist allgütig; er wird uns den Weg finden lassen, welcher zu Deinem Sohne, zu meinem Bruder führt. Und


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wenn alles Andere nutzlos wäre, so wende ich mich an die Behörde und lasse die Zigeunerin festnehmen. Man wird sie zu zwingen wissen, den Aufenthalt des Gesuchten anzugeben.«

Da leuchtete das Auge des Kranken freudig auf.

»Welch ein guter Gedanke!« sagte er. »Deine Entschlossenheit giebt mir neue Hoffnung, wie mir dieser Arzt Sternau neues Leben gegeben hat. Gott scheint Deinen Vorschlag zu billigen, da er die Zigeunerin nach hier geführt hat. Laß uns schnell überlegen, wie wir zu handeln haben, ehe sie wieder verschwindet!«

»Das wird in diesem Augenblicke unmöglich sein, denn siehe, dort kommt der Besuch, welchen wir erwarten.«

Der Kranke blickte nach dem Wege, welcher von der Stadt nach dem Hafen führte, und sah einen Herrn langsam daherkommen. Flora ging demselben entgegen. Es war Otto von Rodenstein.

Dieser hatte noch immer keine Ahnung von dem hohen Stande, welchem die Geliebte angehörte. Er sah zwar in diesem Augenblicke, daß der gallonirte Diener, der die Zigeunerin fortgebracht hatte, in das Haus trat, welches Flora bewohnte, aber er dachte nicht, daß sie die Herrin desselben sei. Er sah also mit ziemlicher Unbefangenheit dem Augenblicke entgegen, der ihn mit dem Vater der Geliebten bekannt machen sollte.

Sie kam ihm, wie gesagt, entgegen und streckte ihm beide Hände zum Gruße dar.

»Willkommen!« sagte sie, mit dem Lächeln der Freude in den Zügen und dem Strahle des Glückes in den großen, treuen Augen. »Du kommst zur guten Stunde, Vater wird Dich gern willkommen heißen!«

Die Augen des Herzogs ruhten forschend auf der Gestalt und den Zügen Otto's, der sich ihm mit der Tornüre eines Edelmannes und Künstlers näherte und nach einer gewandten Verbeugung sagte:

»Ich bin von ganzem Herzen erfreut, Sie begrüßen zu können, mein Herr. Mein Name wird Ihnen bereits bekannt sein. Es ist mein höchster Wunsch, nach dem Besitze Ihrer Achtung trachten zu dürfen!«

»Man sieht, daß Sie dieselbe zu erlangen wissen werden,« sagte der Herzog in wohlwollendem Tone.

Das Aeußere Otto's hatte sichtlich einen vortheilhaften Eindruck auf ihn gemacht, und er lud denselben mit einer Handbewegung ein, an seiner Seite Platz zu nehmen, da der aufmerksame Diener einen Gartensessel für Flora gebracht hatte. Diese brachte das Gespräch sofort auf einen vortheilhaften Gegenstand, indem sie sagte:

»Vater war sehr leidend, fühlt sich aber von neuer Hoffnung beseelt, seit Doktor Sternau bei ihm gewesen ist.«

»Ja,« fiel der Herzog lebhaft ein. »Schon das Aeußere, das ganze Auftreten, die geistige Sicherheit dieses Mannes macht einen Eindruck, welcher das innigste Vertrauen erweckt. Ich habe Ihnen sehr zu danken, daß Sie ihn zu mir sendeten. Wie ich höre, ist er Ihr Freund?«

»Der einzige, den ich habe, Monsieur; aber er ersetzt mir alle andern, die ich haben könnte, aber nicht haben mag. Die Richtung, welche mein Leben verfolgt hat, ist mir keine Aufmunterung zur Anschließung an Andere gewesen.«


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»Ja, ich hörte bereits, daß Sie die Einsamkeit lieben,« meinte der Herzog, indem er mit einem feinen aber doch nicht unfreundlichen Lächeln seinen Blick von Otto auf Flora gleiten ließ. »Und ich gebe Ihnen Recht. Die Einsamkeit hat auch ihr Anziehendes. Doch, um nicht von Sternau abzukommen, so hat es mich sehr betrübt, daß er so plötzlich und unerwartet abreiste. Ich war sogar zunächst erschrocken über seine Abreise.«

»Sie müssen ihn entschuldigen, mein Herr,« bat Otto. »Mein Freund lebt in ganz und gar außerordentlichen Verhältnissen, die ihn gerad jetzt zwingen, eine Seereise zu unternehmen, während welcher ihm jede Minute kostbar ist. Er hat auch mir nur eine Stunde widmen können. Darf ich fragen, ob er Ihre Behandlung abgelehnt hat oder nicht?«

»Er hat mir Medizin gegeben und - - -«

»Ach, dann können Sie sicher sein, daß Sie genesen werden, wenn Sie seinen Rathschlägen genau Folge leisten. Er macht niemals einem Patienten vergebliche Hoffnung, und ich habe noch nie einen so erfahrenen, gelehrten, gewissenhaften aber auch wahrheitsliebenden Arzt gekannt, wie er ist. Er ist einer der besten Operateurs der Gegenwart, und das Glück begleitet ihn treu durch seine ganze Thätigkeit. Er sprach zu mir von einigen Empfehlungsschreiben, welche er Ihnen zustellen wollte?«

»Ich habe sie erhalten. Wissen Sie, an wen sie gerichtet sind?«

»Ja; er hat es mir natürlich mitgetheilt. Der eine Brief lautet an seine Mutter und der andere an meinen Vater - -«

»Von dem Sie leider getrennt leben, wie ich gehört habe,« fiel der Herzog ein.

»Allerdings,« antwortete Otto, indem sich sein Blick verschleierte. »Ich kann nicht sagen, daß ich falsch gehandelt habe; ich bin einem innern Drange, einem Impulse gefolgt, dem ich nicht widerstehen konnte; ich glaube, daß Vater mir Unrecht thut, aber ich würde Vieles darum geben und wäre zum größten Opfer bereit, wenn er sich versöhnen lassen wollte. Das Herz des Menschen ist mit unzerreißbaren Banden mit dem Erzeuger seines Daseins vereint; ich habe ihn lieb von ganzer Seele. Die Kunst hat mir Ruhm und eine sorgenfreie Existenz gebracht, aber jetzt wäre ich doch stark genug, ihr zu entsagen, nur um sagen zu können, daß ich einen Vater habe, dessen Liebe ich mir zwar einst verscherzt, nun aber wieder errungen habe.«

Sein Auge schimmerte feucht, und seine Lippen bebten vor tiefer, innerer Erregung. Die Kunst hatte ihm Alles gebracht, was ein begabter Jünger nur von ihr erwarten kann, und dennoch war er bereit, sie zu verleugnen. Wie schwer ist ein solcher, tief in das innere und äußere Leben eingreifender Schritt zu thun! Wie lieb mußte er seinen Vater haben! Sein Gemüth war rein und tief. Das Zerwürfniß zwischen ihm und dem alten Hauptmanne mußte ihn fürchterlich ergriffen und um die Freude am Leben, um die Ruhe und Klarheit des Schaffens, um den ganzen Frieden seiner Seele gebracht haben. Als er so da saß, das Bild eines von Gott begnadeten Künstlers und doch auch eines von einem tiefen Schmerze gequälten und gefolterten Mannes, da tropfte auch von der Wimper Floras ein großer, heller Tropfen. Auch der Herzog fühlte sich ergriffen und zu dem Manne hingezogen, der trotz seiner unverschulderen Leiden dem Spender desselben nicht zürnte, sondern ihm seine Liebe treu bewahrt hatte. Er streckte ihm unwillkürlich die Hand entgegen, um ihm die seinige zu drücken, und sagte:


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»Verzagen Sie nicht, Herr von Rodenstein. Es ahnt mir, daß Sie noch glücklich werden, und wenn ich nicht sterbe, so ist mir vielleicht vergönnt, Ihren Vater zu versöhnen. Er ist vielleicht hart, aber ich hoffe, nicht grausam.«

Otto erzählte nun ausführlich, wie es gekommen war, daß man ihm das Vaterhaus verboten hatte. Er klage den Vater nicht an, er entschuldigte auch sich nicht; er sprach so wahr, so mild, daß der Herzog sich gar nicht mehr wunderte, daß dieser Mann das Herz seiner Tochter gewonnen hatte.

»Und werden Sie die Empfehlungsbriefe Sternaus benutzen?« fragte Otto schließlich.

»Ja, ich werde nach Rheinswalden reisen, nicht nur meiner Gesundheit wegen, sondern auch um Ihretwillen,« antwortete der Kranke. »Fast möchte ich mich vor Ihrem Vater fürchten, doch werde ich mir Muth einreden, und ich hoffe, daß auch Flora sich ein Wenig Mühe geben wird, den alten Herrn milder zu stimmen.«

Diese letzten Worte erfüllten Otto mit einem unendlichen Glücke. Daß der Vater seiner Tochter eine solche Aufgabe zuertheilte, war ein fast vollgiltiger Beweis, daß ihm ihre Liebe nicht mißfiel. Und so saßen sie noch längere Zeit beisammen, bis man die alte Zigeunerin vom Leuchtthurme her, in welchem sie gewesen war, des Weges kommen sah. Der Herzog wollte sich durch den Anblick des alten Weibes nicht um seine jetzige gute Stimmung bringen lassen und bat Flora, ihn in das Haus zu führen; das war für Otto das Zeichen, sich zu verabschieden. Er empfahl sich und erhielt die freundliche Aufforderung, recht bald wiederzukommen.

Er fühlte sich innerlich so selig, so glücklich, daß er es vermeiden wollte, sich durch den Anblick kalter, ernster Menschen stören zu lassen. Er suchte daher die Einsamkeit und fand sie am Ufer des Meeres, wo die weichen, flüsternden Wogen die Spitzen seines Fußes liebkosend benetzten.

Er befand sich unweit des Leuchtthurmes. Am Fuße desselben gab es ein moosbedecktes Felsenstück, welches zum Sitzen einlud. Er trat näher und ließ sich darauf nieder. Er verfiel in die Krankheit aller Verliebten: er träumte still vor sich hin und malte sich das Glück aus, welches er an dem Herzen und in den Armen Flora's finden werde. Er dachte gar nicht daran, daß der Vater der Geliebten seinen Namen nicht genannt hatte. Er hatte ihr Auge in Glück und Liebe aufleuchten sehen; er durfte wiederkommen, so bald und so oft es ihm beliebte; was wollte er mehr!

Da wurde er aus seinem Sinnen durch eigenthümliche Töne aufgeschreckt, welche an sein Ohr klangen. Kamen sie von einer menschlichen Stimme? Das klang so klagend, so trostlos und doch so sanft und ruhig. Jetzt wieder! Ja, es war ein Mensch, welcher sprach; die einzelnen Worte waren nicht zu verstehen, aber sie wiederholten sich immer wieder; es war stets derselbe Klang, derselbe klagende, ergreifende Ton.

Otto fühlte sich im Innern gepackt, ohne daß er sagen konnte, warum. Ein Glücklicher war Derjenige, der solche Laute hören ließ, sicherlich nicht. War es vielleicht Einer, welcher der Hilfe bedurfte?

In seiner gegenwärtigen seligen Stimmung konnte Otto nicht gleichgiltig bleiben bei dem Gedanken, daß es Einen gebe, den er trösten könne. Er erhob sich also,


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trat um die Ecke des Thurmes herum und befand sich bei der Eingangsthür. Sie war nicht verschlossen; er öffnete und trat ein.

Der Thurm bestand hier nur aus den vier hölzernen Wänden, welche an hoch emporstrebende Schiffsmasten genagelt waren. Eine schmale, auch hölzerne Wendeltreppe führte nach oben. Er stieg empor und gelangte nun an einen stubenähnlichen Verschlag, dessen Thür von innen verriegelt war. Aus diesem Verschlage klangen die Töne, welche er gehört hatte; sie klangen auch jetzt noch fort. Er klopfte an, und sofort schwieg der geheimnißvolle Sprecher.

Er klopfte abermals, und nun hörte er Schritte, welche sich näherten. Dann wurde der Riegel zurückgeschoben und die Thür geöffnet. Es stand ein Mann vor derselben, schlank und hoch, aber von gebeugter Gestalt. Sein Haar und Bart war schneeweiß, und sein Gesicht trug fast die weiße, mattglänzende Farbe des Alabasterglases.

»Sie entschuldigen, mein Herr, daß ich incommodire,« sagte Otto, natürlich französisch, da er sich ja in Frankreich befand. »Ich hörte Jemand in einem sehr klagenden Tone sprechen, und da ich dachte, daß - -«

Er hielt mitten in seiner Rede inne; die zwei Augen, welche starr und ausdruckslos auf ihm ruheten, machten ihn irre. Dieses schöne Greisenantlitz konnte dennoch keinem ganz hochbejahrten Manne angehören, wie die Weiße des Haares es vermuthen ließ; es war öde und leer, und das starr geöffnete Auge war todt, ohne alles geistige Leben. Otto faßte sich wieder und fragte:

»Sind Sie vielleicht unglücklich, mein Herr? Bedürfen Sie vielleicht der Hilfe?«

Der Fremde stand noch immer unbeweglich unter der Thür, die er in der Hand hielt, und blickte ihn mit den glanzlosen Augen an. Da, jetzt öffnete er die bleichen, farblosen Lippen und sagte nicht in französischer, sondern in spanische Sprache:

»Ich bin der treue, gute Alimpo.«

Das klang in einem leisen, klagenden, geistesabwesenden Tone, in demselben Tone, den Otto vorhin gehört hatte. Er hatte die Ueberzeugung, daß er es mit einem geistig gestörten Menschen, mit einem Wahnsinnigen zu thun habe, der aber nicht gefährlich sei. Darum blieb er stehen und fragte:

»Sind Sie ein Bewohner dieses Thurmes?«

»Ich bin der treue, gute Alimpo,« klang es zum zweiten Male.

Ja, das war Wahnsinn; dieser Ton der Stimme, die unbeweglichen Züge, das erstorbene Auge bestätigte es. Otto schauderte, aber dennoch sagte er:

»Ich wünschte, es wäre erlaubt, den Thurm einmal zu betreten. Man muß von seiner Höhe eine weite Aussicht nach der See haben.«

Der Andere hatte jedenfalls kein Wort dieses Wunsches verstanden, denn er wiederholte nochmals:

»Ich bin der treue, gute Alimpo.«

Da trat Otto einen Schritt näher, und nun wich der Wahnsinnige zurück, so daß der Erstere eintreten konnte. Da aber ließen sich Schritte vernehmen, welche von oben herabkamen. Aus diesem Raume führte nämlich eine Treppe abermals in die Höhe. Es kam ein Mann herab, der die rauhe Kleidung eines gewöhnlichen,


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armen Seemannes trug. Ein dichter, struppiger Bart verbarg den unteren Theil seines Gesichtes. Sein Auge blickte zornig auf den Eingetretenen, und mit einem höchst barschen Tone fragte er:

»Was wollen Sie hier? Wer hat Ihnen erlaubt, einzutreten?«

Spätauflage

Es war Gabrillon, der Leuchtthurmwärter. Otto war nicht gewohnt, in einem solchen Tone mit sich reden zu lassen, zumal von einem so gewöhnlich aussehenden Menschen, fiel es ihm nicht ein, es zu dulden. Daher sagte er in einem ruhigen, aber sehr bestimmten Tone:

»Bitte, sprechen Sie etwas weniger grob! Wer sind Sie?«

»Ob ich grob bin oder nicht, das ist meine Sache! Und wer ich bin, das geht Sie gar nichts an!« lautete die noch gröbere Antwort.

»Vielleicht geht es mich aber doch etwas an! Ich habe Sie gefragt, wer Sie sind?«

»Ich bin der Wärter des Leuchtthurms,« sagte Gabrillon, der sich unwillkürlich dem Eindrucke der gebieterischen Blicke Otto's nicht entziehen konnte.

»Nun wohl, ich wünsche den Leuchtthurm besteigen zu können.«

»Das geht nicht!«

»Warum nicht?«

»Es ist nicht erlaubt.«

»Wer hat es verboten?«

Diese Frage brachte Gabrillon einigermaßen in Verlegenheit, denn es war behördlich nicht untersagt, den Leuchtthurm zu betreten; die dabei verabreichten Trinkgelder hatten vielmehr bisher einen nicht ganz unbedeutenden Theil seiner Einnahme gebildet.

»Es ist verboten, und damit gut!« antwortete er trotzig.

»Ich wünsche aber doch sehr, zu erfahren, von wem dieses Verbot ausgeht!« sagte Otto, dem das Verhalten des Wärters wie dasjenige eines Menschen vorkam, der sich nicht auf einem rechtlichen Wege befindet.

»Ich bin der treue, gute Alimpo!« sagte der Wahnsinnige zum vierten Male.

Da erschrak Gabrillon so, daß Otto es deutlich bemerkte und fuhr den Geisteskranken mit harter Stimme an:

»Packe Dich, alter Thor und halte den Mund mit Deinen Faseleien!«

Er faßte ihn beim Arme und schob ihn zur Treppe. Der Wahnsinnige gehorchte willig und entfernte sich, zur Höhe emporsteigend. Dann wendete sich Gabrillon wieder zu Otto und sagte mit zusammengezogenen Augenbrauen:

»Nun, ich habe Ihnen ja gesagt, daß der Zutritt zu dem Thurme verboten ist. Was wollen Sie noch hier?«

»Ich will noch immer wissen, von wem dieses Gebot ausgegangen ist!«

»Erkundigen Sie sich darnach. Ich habe keine Zeit, mich mit jedem abzugeben, dem es beliebt, mich in meiner Behausung zu stören. Gehen Sie!«

Er trat drohend auf Otto zu. Dieser fühlte keine Lust, sich mit diesem Manne in Thätlichkeiten einzulassen und verließ das Gemach, dessen Thür hinter ihm mit lautem Geräusch verriegelt wurde.

Als er dann am Strande entlang hinschritt, kam ihm das Verhalten des Leuchtthurmwärters verdächtig vor. Warum sollte kein Mensch den Thurm betreten?


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Doch wohl nur des Wahnsinnigen wegen. Warum verweigerte dieser Mensch die Auskunft darüber, wer den Zutritt verboten hatte? Doch nur deshalb, weil es kein solches Verbot gab. »Ich bin der treue, brave Alimpo!« Was war das für eine Rede? Steckte da irgend ein Sinn dahinter? Das war jedenfalls eine Monomanie! Wer war der Wahnsinnige? Er hatte trotz seiner geistigen Gestörtheit so distinguirt ausgesehen. Diese feinen Züge, diese kleinen aristokratischen Händchen konnten nicht einem Manne angehören, der in näherer Beziehung mit dem rauhen Wärter stand, dessen Aeußeres und ganzes Auftreten dasjenige eines rohen Menschen aus der Hefe des Volkes war. Hatte man ihm den Kranken anvertraut? Diesen Gedanken konnte Otto nicht fassen. Der sturmumsauste, in allen Fuchen krachende Leuchtthurm war kein Ort, einen Wahnsinnigen zu beherbergen. Beim Sturm der aufgeregten, brüllenden und tobenden Elemente konnte ein geistig Gestörter die ihm so nothwendige Ruhe nicht finden, Heilung aber noch viel weniger.

Hier mußte irgend ein Geheimniß vorliegen. Dies schien dem Maler um so wahrscheinlicher, je mehr er darüber nachdachte. Darum beschloß er, sich den Eingang zum Thurme zu erzwingen und zu diesem Behufe den Maire aufzusuchen als den Einzigen, von welchem ein etwaiges Verbot ausgegangen sein konnte.

Er fand ihn in der Expedition und wurde von ihm sehr freundlich empfangen, da die beiden Männer sich von ihren Promenaden, wobei sie sich getroffen hatten, und von der Ressource her kannten.

»Womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?« fragte der Beamte.

»Mit einer kleinen Auskunft, Monsieur. Wer hat den Zutritt zu dem Leuchtthurm verboten?«

»Meines Wissens Niemand,« lautete die Antwort.

»Ihres Wissens? Ich denke, daß Sie infolge Ihres Amtes jedenfalls der Mann sind, es am Ehesten und Besten zu wissen?«

»Ja, wer hat denn von einem solchen Verbote gesprochen?«

»Der Wärter.«

»Ah, Gabrillon! Der ist ein eigenthümlicher Kerl, eine Art Menschenhasser oder Menschenfresser. Er sieht es gern, wenn man ihn in Ruhe läßt; er mag nicht gern gestört sein, mein Herr.«

»Ah! Worin könnte denn ein Mann gestört werden, der nichts zu thun hat, als des Abends seine Lichter anzubrennen und des Morgens wieder zu verlöschen? Giebt es vielleicht etwas Gesetzwidriges bei ihm, was er nicht sehen lassen will?«

»Wie kommen Sie auf diese Idee, Monsieur?« fragte der Maire erstaunt.

»Weil Sie von einer Störung sprechen, für welche ich keine Ursache aufzufinden vermag, besonders weil ihm die Trinkgelder doch willkommen sein sollten, und ferner, weil er mich mit einer Dringlichkeit fortwies, welche ganz aussah wie eine Grobheit, der eine unverkennbare Angst zu Grunde lag.«

»Ah, Sie waren bei ihm?«

»Ja. Ich wollte die Aussicht über die See genießen.«

»Und er wies Sie fort?«

»Sogar mit ausgesuchter Ungezogenheit. Er sagte, der Zutritt sei verboten, wollte mir aber nicht mittheilen, von wem das Verbot ausgegangen ist. Und als ich es zu wissen begehrte, sah ich mich veranlaßt, die Flucht zu ergreifen, um eine


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Thätlichkeit zu vermeiden, welche mir jedenfalls auch als Sieger nicht zur Ehre gereicht hätte.«

»Das ist allerdings stark! Wir sind hier gewohnt, Gabrillon seine Wege gehen zu lassen, aber wenn die Fremden, deren Besuch des hiesigen Bades uns doch nur willkommen sein muß, Ungezogenheiten zu erleiden haben, da muß man denn doch eingreifen. Sie werden Genugthuung haben. Ich werde sofort einen meiner Beamten beauftragen, nach dem Thurm zu gehen und dem Wärter solche Ungebührlichkeiten unter Androhung einer Strafe zu untersagen.«

»Ich habe nichts Anderes erwartet, Monsieur, und danke ihnen herzlich. Soll hier aber von einer Genugthuung wirklich die Rede sein, so ersuche ich Sie um die Erlaubniß, bei der Ausführung dieses Ihres Befehles gegenwärtig sein zu dürfen.«

»Dies steht ganz in Ihrem Belieben. Der Gensd'arm steht im Vorzimmer; er kann den Weg sofort antreten.«

»So werde ich vorangehen und ihn erwarten. Apropos, ich sah einen ältlichen Herrn im Thurme, dessen Geist mir gestört zu sein schien. Wer ist dieser Mann?«

»Es ist ein Verwandter Gabrillons.«

»Ein Verwandter? Hm!«

»Ja, ein Vetter oder Oheim oder Aehnliches.«

»Wie heißt er, und woher stammt er?«

»Wie er heißt?« fragte der Beamte verlegen. »Ah! Hm! Er heißt - ich glaube, ich weiß es selbst nicht. Gabrillon hat ihn zwar angemeldet, aber nichts Schriftliches vorgelegt.«

»Ich habe geglaubt, daß bei einer jeden Anmeldung die Vorzeigung gewisser Documente erforderlich sei.«

»Ja, hm, eigentlich! Ich werde das wohl noch besorgen müssen. Man hat so viel zu thun, daß es kein Wunder ist, wenn eine solche Kleinigkeit übersehen wird.«

Damit mußte der Maler sich begnügen. Er ging, und zwar wieder nach dem Thurme. Da er hart an den Klippen des Ufers hinschritt, so konnte er von Gabrillon nicht gesehen werden. Er hatte kaum eine Minute gewartet, so sah er den Gensd'arm kommen.

»Sind Sie der Herr, welcher mich erwartet?« fragte dieser.

»Ja. Es thut mir leid, Sie meinetwegen belästigt zu sehen. Hier haben Sie eine kleine Entschädigung!«

Er griff in die Tasche und gab ihm einen Fünffrankenthaler, bei dessen Anblick der Gensd'arm, der ein so hohes Trinkgeld wohl noch nie gesehen hatte, ein Gesicht machte, welches erwarten ließ, daß er seine Pflicht mit dem allergrößten Eifer erfüllen werde.

»Kommen Sie, mein Verehrtester!« sagte er. »Wir werden diesem Gabrillon einmal zeigen, wie er sich gegen Herren von Ihrer Großmuth zu betragen hat!«

»Lassen Sie mich voransteigen und warten Sie auf der Treppe,« sagte Otto.

Als er die Thür erreichte, war dieselbe verschlossen, aber er bemerkte einen Klingelzug, welchen er bei dem vorigen Besuche nicht gesehen hatte. Er klingelte,


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und nach einiger Zeit wurde die Thür geöffnet. Der Wärter blickte hervor und rief, als er Otto erkannte, mit ärgerlichster Stimme:

»Sie wieder? Das ist stark! Packen Sie sich zum Teufel!«

Er wollte die Thür zuschlagen, aber Otto hielt sie fest.

»Lassen Sie offen!« sagte er, »Ich will den Leuchtthurm besteigen.«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß dies verboten ist. Sind Sie taub?«

»Und ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich wissen will, wer es verboten hat!«

»Das geht Sie nichts an! Fort!«

Er wollte die Thür mit Gewalt zuziehen, da aber kam der Gensd'arm herbei. Er hatte die Unterredung gehört.

»Was fällt Dir ein, Gabrillon!« sagte er. »Wer hat Dir den Befehl gegeben, solche Besuche abzuweisen?«

Der Wärter war beim Anblicke des Beamten überrascht zurückgetreten.

»Soll ich mir denn gefallen lassen, daß ein jeder hergelaufene Mensch mich stört und belästigt?« fragte er.

»Sieht dieser Herr wie hergelaufen aus, Du Grobian?« rief der Gensd'arm. »Ich werde Dich sofort arretiren, wenn Du noch ein einziges solches Wort sagst. Ich habe Dir auf den Befehl des Herrn Maire zu melden, daß der Besuch des Leuchtthurmes nicht verboten ist. Kommt noch ein solcher Fall vor, so wirst Du abgesetzt! Verstanden! Dieser Herr wird uns melden, ob er sich abermals über Dich zu beklagen hat. Richte Dich danach!«

Der Gensd'arm schritt nach diesen Worten mit der stolzen, selbstbewußten Miene eines siegreichen Helden die Treppe wieder hinab. Otto trat in das Gemach. Der Wärter begrüßte ihn mit keiner Silbe, sondern stieg in höchster Eile die zweite Treppe empor, ohne sich scheinbar weiter um ihn zu bekümmern.

Der Maler folgte langsam. Als er das zweite Gemach erreichte, sah er die alte Wirthschafterin, welche auf einem hölzernen Schemel saß und ihn mit den Blicken eines mordlustigen Krokodils anklotzte. Er achtete nicht auf sie und stieg höher. Die dritte Abtheilung des Thurmes war in zwei kleine Gemächer getheilt. Das eine derselben war verschlossen, aber Otto hörte deutlich da drinnen die Stimme des Wahnsinnigen und die klagenden Worte:

»Ich bin der treue, gute Alimpo.«

Jetzt wußte Otto nun, daß Gabrillon so schnell emporgestiegen war, um den Geisteskranken einzuschließen, damit der Besuch ja in keine nähere Berührung mit ihm komme. Der Wärter stand in dem anderen Gemache und beobachtete mit finsterer Miene, ob Otto Notiz von den Worten nehme, die er hörte.

»Warum schließen Sie den Kranken ein?« fragte er.

»Das geht Sie nichts an!« sagte der Gefragte rauh und verbissen.

»Haben Sie etwa kein gutes Gewissen, in Beziehung auf diesen Patienten?«

»Herr,« brauste Gabrillon auf, »was kümmert Sie meine Familie? Ich bin gezwungen, Ihnen Zutritt zu gewähren, aber sobald Sie mich beleidigen, werfe ich Sie die Treppe hinab!«

»Sie? Mich?« fragte Otto geringschätzend. »Wenn es mich nicht ekelte, lägen Sie bereits unten!«

Er stieg weiter und hatte noch vier Abtheilungen zu passiren, ehe er den


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Lampenapparat erreichte. Die Aussicht hier oben war allerdings großartig, aber sie konnte in diesem Augenblick auf den Beschauer den gewaltigen Eindruck, den sie ein anderes Mal gemacht hätte, nicht hervorbringen. Seine Gedanken waren bei dem Wahnsinnigen, welcher einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Es schien ihm über allen Zweifel gewiß zu sein, daß hier irgend ein schlimmes Geheimniß vorliege. Er sann und grübelte, kam aber immer wieder zu dem Resultate, daß ihm die Sache nichts angehe.

So stieg er denn, ohne die Aussicht genossen zu haben, wieder hinab. Er fand Gabrillon noch immer vor der Thüre des kleinen Gemaches, welches er wie ein wilder, bissiger Kettenhund bewachte, und schritt an ihm vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, oder ihm ein Geschenk zu verabreichen. Er hatte sich den verweigerten Zutritt erzwungen; das war für jetzt genug.

Aber der Gedanke an den Wahnsinnigen verfolgte ihn den ganzen Tag hindurch, und des Nachts träumte ihm, er selbst sei wahnsinnig und werde von Gabrillon vom Thurme herab in die See geworfen. Er kämpfte mit aller Anstrengung gegen die wilden Fluthen und - erwachte, in Schweiß gebadet.

Am Nachmittage ging er, um die Geliebte zu besuchen. Sie sah ihn kommen und eilte ihm aus dem Thore entgegen. Das war so schön, so wonnig. Seine Brust hob sich, und sein Herz wurde weit, als ob eine ganze Welt voll Glück in ihm wohne. Gerade so dachte er es sich, daß sie als sein liebes, süßes Weib ihm zur Umarmung entgegeneilen werde, wenn er von einer Wanderung oder einem Ausgange heimkehrte. Er hätte sie umarmen und küssen mögen, so schön, so lieb und gut stand sie vor ihm; aber drin im Zimmer saß der Vater am geöffneten Fenster und da war es gerathen, sich zu beherrschen. Aber der Blick seines Auges sagte ihr, wie selig er sich fühlte.

»Willkommen, Otto,« sagte sie. »Vater fühlt sich heut noch wohler als gestern. Wir haben bereits nach Dir ausgeschaut.«

»Wirklich?« fragte er innig, ihr in die seelenvollen Augen blickend.

»O ja, seit Langem schon!« antwortete sie.

»Hätte ich das gewußt, so wäre ich schon längst gekommen.«

»So will ich Dir sagen, daß Du mich niemals warten lassen darfst, Otto. Ich bin so glücklich, wenn Du bei uns bist und ich bemerke, daß Vater Dich gern leiden mag.«

»Thut er das?«

»Ja, Du hast ihm gefallen.«

»Ich danke Dir, mein Leben! Erst jetzt bin ich sicher, daß wir glücklich sein werden.«

Sie waren bei diesen Worten in den Flur getreten, und da kein Mensch zugegen war, so schlang er den Arm um sie, hob ihr Köpfchen empor und küßte sie auf die ihm so voll und warm entgegenblühenden Lippen. Sie schloß die Augen und trank seinen Kuß wie eine Himmelsgabe; ihr voller, schwellender Busen hob sich, ihre Hand legte sich um ihn; er athmete ihren würzigen, reinen Odem und küßte und küßte sie immer und immer wieder, bis sie sich ihm entzog und mit reizendem Schmollen warnte:

»Nicht zu viel, Du Kühner, Du Böser! Vater merkt es sonst! Komm!«


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Sie traten ein. Sein Auge leuchtete noch, trunken von der Wonne dieses Augenblickes, und ihr schönes Angesicht glühte wie die Farbe der Rosenknospe, welche schwillt, um aufzubrechen und den Strahl der Sonne zu saugen.

Der Herzog bemerkte es, aber er that, als sähe er nichts, und sagte:

»Willkommen, Herr von Rodenstein! Ich habe Sie bereits erwartet, um Ihnen Zweierlei recht sehr Gutes mitzutheilen.«

Bei diesen Worten lachte aus seinen hageren Zügen ein Strahl inniger Freude.

»So muß ich mein spätes Kommen entschuldigen,« antwortete Otto. »Aber eine gute Nachricht zu hören, ist es nie zu spät.«

»Ich hoffe es! So hören Sie: Erstens sollen Sie mit uns diniren. Ist Ihnen das recht?«

Otto nickte mit dankbarem Lächeln. Diese Einladung war ihm ja ein neuer Beweis, daß er das Wohlwollen des Kranken besitze. Er fühlte in diesem Augenblicke nicht die geringste Spur seines früheren Menschenhasses, seiner Verbitterung mehr und antwortete:

»Ich acceptire mit Freuden. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich mich innig beglückt fühle, Ihnen Gesellschaft leisten zu können.«

»Nun ja,« sagte Olsunna freundlich. »Die Gesellschaft eines Patienten ist nicht immer angenehm. Flora wird die Aufgabe haben, dies auszugleichen. Nun aber schnell meine zweite Nachricht, die jedenfalls noch besser ist als die erste, wenigstens für mich: Ich fühle mich nämlich heut noch viel, viel wohler als gestern. Dieser Trank von Doktor Sternau thut wirklich Wunder. Er besteht aus Dattelblüthe, Coca und Quebracho, wie ich glaube. Ich fühle mich so munter, so stark und rüstig, daß ich eine längere Tour machen möchte, zu Fuß oder auch - zu Pferde, etwa von hier bis Petersburg, oder noch weiter.«

Es war rührend, den abgemagerten Mann diese Worte sagen zu hören. Floras Blicke hingen mit unendlicher Liebe an seinem Munde, und Otto ergriff seine Hand, drückte sie an seine Lippen und betheuerte mit vibrirender Stimme:

»Glauben Sie mir ja doch, daß ich Gott recht innig danke, daß er Sie von Neuem hoffen läßt! Fast bin ich auf Freund Sternau eifersüchtig. Ich wollte, ich könnte Einiges zu Ihrer Genesung beitragen!«

»Das können Sie ja,« antwortete der Herzog. »Eine freundliche Gesellschaft ist für den Kranken immer erquickend. Wenn meine Genesung mit solchen Riesenschritten vorwärtsschreitet, so darf ich allerdings sicher sein, daß Sternaus Voraussagung sich erfüllt und ich in kurzer Zeit meine Reise antreten kann.«

»Könnte ich Sie begleiten!« wünschte Otto.

»Des Vaters wegen, ja! Verfügen Sie nicht frei über Ihre Zeit?«

»O doch! Es ist auch nicht allein des Vaters wegen. Es würde mir eine große Beruhigung sein, Sie während Ihrer Reise unter sorgsamen Augen zu wissen.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Olsunna nachdenklich. »Vielleicht sprechen wir über diesen Punkt noch einmal ausführlicher. Aber, Flora, willst Du nicht befehlen, daß man servire?«

Flora klingelte, und der Diener trat ein.


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Jetzt erst erkannte Otto, daß dieser so reich gallonirte Domestike zu Flora gehöre. Ah! War sie so wohlhabend? Aber wie staunte er erst, als die Tafel gedeckt wurde und sämmtliche Geschirre von der feinsten getriebenen Silberarbeit waren. Dieses Porzellan war echt chinesisches, und dieses Silber war massiv, Tafeltuch und Servietten waren vom feinsten, theuersten, französischen Leinen. Und dieses Geschirr war - er saß zu weit entfernt, um es genau erkennen zu können - mit einer Krone gezeichnet. Träumte er?

Der Diener lud ein, Platz zu nehmen. Als der Maler die Serviette entfaltete, hätte er sie vor Schreck fast fallen lassen. Sie war mit einer Herzogskrone gezeichnet, und darunter befand sich das Monogramm E. O. Das sollte natürlich Eusebio von Olsunna bedeuten, was er aber noch nicht wußte.

Beide, der Herzog sowohl wie seine Tochter, sahen sein Erschrecken und weideten sich im Stillen daran, ohne ein Wort zu verlieren.

Tausend Gedanken drangen auf ihn ein, und darunter war auch einer, der ihn beruhigte. Konnte der Vater seiner Geliebten nicht der Beamte eines hohen Aristokraten sein, in dessen Aufbewahrung sich dies kostbare Tafelzeug befand? Ja, so war es jedenfalls. Und um den Geliebten festlich zu bewirthen, hatte Flora sich das Vergnügen gemacht, es einmal für sich zu benutzen.

Dieser Gedanke gab ihm seine Fassung wieder, so daß er frei von Sorgen an der Unterhaltung theilnehmen konnte, welche fast nur zwischen ihm und Flora geführt wurde. Der Diener hatte sich entfernt, da Flora die kleinen Handreichungen übernommen hatte.

Welche Seligkeit durchströmte ihn, wenn sie so hausfraulich für ihn besorgt war, und das Beste für ihn auswählte! Sie reichte ihm Etwas dar; er griff darnach und dabei berührte er ihr Händchen. Es war nur eine leise, kaum bemerkbare Berührung, aber sie durchzuckte dennoch seinen Körper wie ein magnetisches Fluidum. Auch Flora schien dasselbe zu fühlen, denn stets wenn ihre Hände sich gestreift hatten, flog eine tiefe Röthe über ihr Gesicht.

Der Herzog aß wenig, aber mit sichtbarem Behagen; der böse Husten schien ihn fast ganz verlassen zu haben.

»Sternau ist ein Wundermann,« sagte er. »Möchte doch jeder meiner Wünsche für ihn ein Segel sein, welches ihn glücklich durch die Fluthen führt. Ich beneide seine Eltern. Ein solcher Sohn, der die Mühen der Eltern so überreichlich belohnt, ist ein Glück, dessen Größe nur ein Vater und eine Mutter empfinden kann.«

»Sein Vater ist leider schon längst todt,« bemerkte Otto.

»Ah, das bedaure ich! Was war er?«

»Er starb als Professor. Er war ein sehr gelehrter Mann und liebte Weib und Kind über Alles. Er hatte seine Frau in Spanien kennen gelernt.«

»In Spanien? War er dort?«

»Ja. Er war Erzieher in einem vornehmen Hause und sie Erzieherin in eben solchen Verhältnissen.«

Der Herzog horchte auf, und auch Flora blickte auf den Sprecher.

»In welchem Hause war sie Gouvernante?« fragte der Herzog, welcher aber keineswegs ahnte, wie nahe er der Entdeckung sei, nach welcher er bisher so vergeblich getrachtet hatte.


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»Beide waren zu gleicher Zeit engagirt in Saragossa, bei einem Bankier - hm, ich glaube, der Name ist mir doch entfallen.«

Da legte der Herzog das Messer fort. Seine Augen öffneten sich, und über sein bleiches Gesicht zog eine Welle rothen Blutes.

»Papa!« rief Flora, die dies bemerkte, warnend, obgleich sie selbst tief erregt war. »Nimm Dich in Acht!«

»Laß mich! Ich bin stark genug!« wehrte er sie ab. Und mit einer Stimme, die vor Erwartung plötzlich ihren natürlichen Klang verloren hatte und nur stockend und fast heiser tönte, sagte er:

»Hieß dieser Bankier vielleicht Salmonno?«

»Salmonno, ja Salmonno, so war der Name,« antwortete Otto. »Aber nein, Herr, was ist Ihnen!« rief er dann bestürzt.

Olsunna war in die Lehne des Stuhles zurückgesunken und hatte die Augen geschlossen. Alles Blut, alles Leben schien aus seinem Körper gewichen zu sein. Flora war aufgesprungen und schlang angstvoll die Arme um ihn.

»Vater, mein Vater!« rief sie. »Ich wußte es! Erwache, lieber Papa! Hörst Du mich? Ich bin da, Deine Flora ist bei Dir!«

Sie drückte schluchzend seinen Kopf an sich. Auch Otto war herzugetreten. Er ergriff eine Krystallkaraffe, welche Wasser enthielt, aber diese Hilfe war nicht nöthig, denn der Herzog öffnete die Augen, warf einen unbeschreiblichen Blick empor, drückte dann die Hand der Tochter und sagte:

»Aengstige Dich nicht, mein Kind! Ich war nicht ohnmächtig; aber es drang auf mich ein wie die Fluth eines ganzen Meeres von Wonne, Glück und Seligkeit. Doch noch ist das keine sichere Nachricht, noch muß ich die Antwort auf weitere Fragen haben!«

»Aber wirst Du stark genug sein, mein Vater?«

»Ja, das versichere ich Dir!«

Wie um zu beweisen, daß er keine Schwäche fühle, erhob er sich, richtete das Auge erwartungsvoll auf Otto und sagte:

»Sind Sie mit den weiteren Schicksalen der Frau Sternau bekannt, Herr von Rodenstein?«

»Ich glaube es,« antwortete dieser, gar nicht begreifend, daß diese Schicksale ihn so interessiren, ja, so tief ergreifen konnten.

»So sagen Sie mir, ob die Stellung bei dem Banquier Salmonno ihre letzte gewesen ist!«

»Nein. Sie ging eine andere Condition ein, welche aber nicht von langer Dauer war. Sie wurde Erzieherin der Prinzeß Flora von Olsunna.«

Da fuhr der Herzog mit beiden Händen nach seinem Kopfe; aber er nahm sich mit all' seinen Kräften zusammen, stützte sich auf die Lehne des Stuhles und auf die Schulter seiner Tochter und fragte:

»Wie war ihr Mädchenname?«

»Wilhelmi.«

»Flora! Kind, Kind!«

Mit diesem jauchzenden Ausrufe öffnete er die Arme. Flora umfing ihn und hielt ihn fest, an seinem Herzen liegend. Beide schluchzten laut wie Kinder. Otto


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konnte zwar den Vorgang nicht begreifen, aber er trat näher, um den Herzog nöthigenfalls zu stützen. Diesem liefen die hellen Thränen über die Wangen.

»Erlöst, erlöst! Endlich! O, mein guter, gnädiger, barmherziger Gott, wie danke ich Dir!« rief er. »Erst sendest Du mir den Erretter von dem leiblichen Tode, und nun steht hier ein zweiter Bote, der mir auch für das arme, so lange gemarterte Herz das Evangelium bringt.«

Er legte bei diesen Worten die Hand auf Otto's Achsel.

»Ist das wirklich, wirklich so, wie Sie mir es sagen?« fragte er.

»Ja.«

»Flora, halte mich fest! Ich fühle doch, daß alle meine Fasern beben!«

»Setze Dich, Papa; lege Dich!« bat sie; »es ist zu viel für Dich!«

Sie selbst aber zitterte auch an allen Gliedern, und ihre Wangen waren vor Erregung mit tiefer Blässe bedeckt.

»Nein, stehend will ich das Weitere hören! Stehend, ja; dann mag es mich meinetwegen niederstürzen. Es ist ein Sturz in das größte Glück hinein, und ich weiß, daß ich nicht daran sterben werde. Herr von Rodenstein, Sie werden das Alles nicht verstehen und begreifen, aber Sie sollen es erfahren. Wir stehen vor einem Augenblicke, der in seinem Schoße Tod oder Leben trägt. Ich weiß, entweder wird meine Hoffnung erfüllt, oder - ich sterbe!«

»Mein Herr,« bat Otto bestürzt, »heben wir dies doch für jetzt noch auf. Ich sehe allerdings, daß ein gewaltiger Sturm Ihr Inneres bewegt. Lassen Sie ihn vorübergehen, und dann werde ich jede Ihrer Fragen beantworten.«

»Nein, nein! Dann müßte ich auch sterben - vor Ungeduld. Reden Sie, reden Sie um Gottes willen; ich flehe Sie an! Sie stehen vor mir wie ein Heiland, der mir den Himmel öffnen kann; ich werde Ihnen das nicht vergessen, nie, nie, nie! Reden Sie und sagen Sie: Hat Frau Sternau mehrere Kinder?«

»Ja.«

»Ah! Wie viele?«

»Zwei. Diesen Sohn und eine Tochter.«

»Sind ihr vielleicht andere Kinder gestorben?«

»Nein, sie hat nur diese beiden gehabt.«

»Wer ist älter, der Doctor oder die Schwester von ihm?«

»Er. Sie ist bedeutend jünger.«

»O Gott, es ist, als ob sich eine große, eine herrliche Sonne vor mir erhöbe! Wissen Sie vielleicht genau, wie alt Sternau ist?«

»Ganz genau. Wir beschenkten uns immer an unseren Geburtstagen. Er ist am zwanzigsten März geboren und zählt jetzt achtundzwanzig Jahre.«

»Er ist's! Er ist's! Er ist's!« rief er frohlockend, die Hände zum Himmel erhebend. »Nun will ich mich setzen,« fügte er leiser hinzu. Die Arme sanken ihm nieder, und mit immer leiser werdender, ersterbender Stimme fügte er hinzu: »ja, setzen! Ich bin matt - müde - o Gott, ich - - ich bin - -«

Er schloß die Augen und brach zusammen; aber er fiel nicht zur Erde, sondern Otto hielt ihn in seinen Armen fest.

»Ich dachte es!« rief Flora, weinend vor Entzücken und zugleich vor Sorge über den Vater. »Es kann ihn tödten!«


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»Nein, er lebt!« sagte Otto. »Meine Hand liegt auf seinem Herzen, und ich fühle es schlagen, leise zwar, aber doch deutlich genug. Komm, laß uns ihn niederlegen!«

Er trug ihn nach einem Sopha, wo er ihn in die Kissen bettete; dort knieeten sie Beide bei ihm nieder. Flora ergriff mit der einen Hand die Rechte des ohnmächtigen Vaters, und die Andere schlang sie um den Geliebten. Sie legte, noch immer schluchzend, ihren Kopf an seine Brust und sagte:

»Otto, lieber Otto, welch' eine Nachricht, welch' ein Glück hast Du uns gebracht!«

»Ein Glück muß es sein, ein großes Glück; das sehe ich,« antwortete er, »obgleich es mir ein Räthsel ist.«

»Es wird Dir gelöst werden, mein Geliebter. Aber wirst Du mir dann auch verzeihen?«

»Verzeihen? Ich hätte Dir etwas zu verzeihen, meine Flora?«

»Ja. Ich habe Dich für eine große Sünde um Vergebung zu bitten.«

Da drückte er ihr Köpfchen innig an sich, strich ihr liebkosend über das Haar und sagte:

»Die Sünde wird sehr klein sein, und nur Deine Sorge ist groß. Ich verzeihe Dir im Voraus und bitte Dich, daß auch Du immer nachsichtig mit mir sein mögest.«

»Nein, nicht im Voraus,« sagte sie fast ängstlich. »Es ist wirklich etwas sehr Schweres.«

»Darf ich es nicht jetzt erfahren?«

»Nein, Vater muß es mit hören, sonst fürchte ich mich vor Dir.«

Er lächelte glücklich und drang nicht weiter in sie. So knieten sie noch eine Zeit, bis der Herzog zu sich kam. Er schlug die Augen auf, sah sie Hand in Hand vor sich und sagte, mit einem Strahle der Verklärung im Gesichte:

»Wie ist es, habe ich geträumt, Flora?«

»Nein, Papa,« antwortete sie. »O, ich hatte Angst um Dich!«

»Nein, die Freude tödtet mich nicht; ich muß ja leben, um mein Werk zu vollbringen. Ja, leben, leben, leben, für ihn und - für sie!«

Er richtete sich auf, und auch sie erhoben sich. Das köstliche Essen stand noch in den noch köstlicheren Gefäßen, aber Niemand dachte daran. Olsunna blickte lange zum Fenster hin. Er sah durch dasselbe das Meer und die Landschaft, überstrahlt von dem goldenen Lichte der Sonne. So warm und hell war es auch in seinem Innern. Endlich sagte er:

»Flora, mein Kind, sagte ich nicht heut', daß Gott allgütig sei und uns den Weg zeigen werde? Hat er uns nicht erhört, weit über alles Hoffen und Erwarten? Was bleibt nun noch von der Rache dieser Zigeunerin übrig!«

»Wie wunderbar, Papa!« sagte sie, die Hände zusammenschlagend, wie zum Gebete. »Wir suchten ihn, und wir kennen ihn nun doch!«

»Ja, er war hier. Wir sahen ihn, und dennoch wußten und ahnten wir es nicht. Bebte mir nicht das Herz, als ich seine Stimme hörte? So klang die meinige, als ich noch jung war. Erfüllte mich nicht seine hohe Heldengestalt mit unsagbarem Stolze? Das war das Ebenbild meiner Jünglingszeit. Und er ist reiner und edler, als ich es war!«


Ende der dreiunddreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk