Lieferung 34

Karl May

14. Juli 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 793 //

»Und sagte ich nicht, daß ich ihn lieben müsse, Papa?« fügte sie hinzu. »Ich hätte ihn umarmen und küssen mögen, als er so selbstbewußt, so siegesgewiß und doch so mild, warm zu sprechen wußte.«

Und in ihrem Glücke vergaß sie alle Zurückhaltung, welche sie zu anderer Zeit dem Vater schuldig zu sein geglaubt hätte. Sie wendete sich zu Otto und sagte:

»Du brauchst nicht zu zürnen, Lieber, den ich umarmen und küssen wollte, ist nicht ein Fremder, sondern mein - mein - - o Papa, sage Du es! Ich habe dieses schöne Wort nie sagen dürfen!«

»Ja, ich, ich will das Wort sagen, ich zuerst,« meinte der Herzog. »Herr von Rodenstein, Flora spricht von ihrem - Bruder, von meinem - von meinem Sohne.«

Bei diesen letzten Worten strahlte sein Gesicht vor Liebe und vor Stolz.

»Sie haben einen Sohn?« fragte Otto, auch in freudigster Ueberraschung. »O, so erlauben Sie, daß ich mich nach ihm erkundige!«

»Ja, ja, fragen Sie! Fragen Sie immer zu! Ich werde Ihnen gern antworten. O ja, wie gern, wie so sehr gern, will ich Ihnen Auskunft über meinen Sohn ertheilen. Ich bin nämlich stolz auf ihn, unendlich stolz, und ich habe alle Ursache dazu. Also fragen Sie, mein lieber Herr von Rodenstein!«

Mein  l i e b e r  Herr von Rodenstein! Wie drang dieses Wort so beseligend in die Brust des Mannes, der bisher von sich gesprochen hatte, als von einem verstoßenen Sohne! Er dachte nicht daran, daß seine Fragen eine Zudringlichkeit, eine Indiscretion enthalten könnten, und erkundigte sich:

»Wo befindet sich Ihr Herr Sohn?«

»Auf der See.«

»So ist er Seemann?«

»Nein,« lächelte der Herzog.

»Also handelt es sich um eine Reise?«

»Jedenfalls. Aber diese Reise soll von großer Wichtigkeit sein, wie Sie mir gestern sagten.«

»Ich?« fragte Otto erstaunt.

»Ja, Sie! Wir sprachen doch von meinem Sohne!«

Das Gesicht Otto's war jetzt ein sehr beredtes Fragezeichen.

Jetzt lachte der vor Kurzem noch todtkranke Mann so vergnügt, wie seit langer Zeit nicht, und sagte:

»Ja, wir haben von ihm gesprochen. Sie haben ihn sogar gesehen und mit ihm gesprochen. Ja, Sie haben ihn zu mir geschickt, wie Sie sich erinnern werden.«

»Ich? Mein Gott, ich bin ja ganz irre, ganz fassungslos!«

»Sie sandten ihn zu mir, damit er mich vom Tode erretten möge!«

»O Himmel, Sie sprechen von Sternau?« fragte Otto, der befürchtete, daß der Herzog im Fieber redete.

»Ja, von Doctor Sternau, von meinem Sohne.«

Da warf Otto einen ängstlichen Blick auf Flora. Er fürchtete für die Zurechnungsfähigkeit ihres Vaters; aber auch sie sah ihn mit einem von Glück strahlenden Auge an und sagte:


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»Du darfst es glauben, Otto, Sternau ist mein Bruder.«

Da fuhr er vom Stuhle in die Höhe und rief:

»Aber davon weiß ich ja gar nichts, nicht ein einziges Wort!«

»O, auch wir haben es nicht gewußt,« meinte Olsunna. »Sie selbst sind es gewesen, der es uns gesagt hat.«

Otto kam aus dem Unbegreifen gar nicht heraus, aber Flora kam ihm zu Hilfe:

»Wir wollen ihn nicht martern, Papa, sondern es ihm sagen. Sternau ist mein Bruder, ohne, daß wir es gewußt haben, und auch er hat es jedenfalls nicht gewußt.«

»Ja,« fügte der Herzog hinzu; »Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich Ihnen dankbar sein werde, so lange ich lebe und darum will ich Ihnen ein Geständniß machen, obgleich Sie mich dann vielleicht hart beurtheilen mögen: Ich kannte Frau Sternau kurz vor ihrer Vermählung; ihr Sohn ist auch der meinige, obgleich er den Namen eines Anderen trägt.«

»Ah,« rief Otto, bei dem es nun endlich klar wurde. »Habe ich Dir nicht gesagt, Flora, daß er Dir so ähnlich sehe!«

»Ja, aber da hatte ich ihn noch nicht gesehen; da hatte ich noch keine Ahnung von dem, was wir heute von Dir erfuhren. Ich bin nämlich Spanierin. Sennora Wilhelmi war meine Erzieherin.«

Da richtete der Maler einen raschen Blick auf Beide und sagte:

»So sind Sie der Banquier Salmonno?«

»Nein,« lachte der Herzog vergnügt.

»Nicht? Welche Räthsel! Aber Sennora Wilhelmi ist nur an zwei Orten Erzieherin gewesen, bei Salmonno und beim Herzoge von Olsunna.«

»Nun,« sagte der Herzog, »ich sah vorhin bei beginnender Tafel, daß Sie unser Wappen mit einiger Befremdung betrachteten. Kennen Sie diese Krone?«

»Es ist eine herzogliche, mein Herr.«

»Richtig! Und mein Monogramm haben Sie auch bemerkt?«

»E. O.? Allerdings.«

»Nun, das ist mein Name: Eusebio, Herzog von Olsunna. Meine Tochter hier - Sie verzeihen, daß ich sie Ihnen noch nicht vorgestellt habe - ist eine Prinzessin von Olsunna.«

»Eine herzogliche Prin - - -«

Otto von Rodenstein stockte. Er brachte das Wort nicht heraus. Es war ihm, als sei ihm mit einer Keule ein fürchterlicher Hieb versetzt worden; er wankte. Da eilte Flora auf ihn zu. Er aber streckte den Arm abwehrend gegen sie aus. Er raffte sich mit aller Gewalt zusammen. Sein ganzes Innere bebte; er fühlte sich tausendmal unglücklicher als je zuvor und sagte:

»Bleiben Sie, Durchlaucht! Ich war einige Tage glücklich, und ich werde den Himmel preisen für diesen Lichtblick in meinem dunklen Leben, aber ich kehre in meine Einsamkeit zurück, um von dieser einen zauberhaft schönen Erinnerung zu zehren bis an mein Ende.«

»Mein Gott, Otto,« rief sie, »das sollst Du ja nicht! Das ist ja das, was Du mir verzeihen sollst!«


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»Ja, jetzt verstehe ich Sie, Durchlaucht,« antwortete er. »Sie sprachen von einer Sünde, die ich Ihnen zu vergeben habe. Es ist ein Sünde, eine große, schwere, eine fürchterliche Sünde Es wird mir das Herz brechen. Ich habe den Fluch des Vaters getragen, für das Uebrige aber sind meine Kräfte zu wenig. Es wird - -« er preßte die Zähne knirschend zusammen, um sein Herz zu bemeistern. Er hatte die Lehne des Stuhles ergriffen, um sich daran festzuhalten; der Sessel krachte in allen seinen Fugen, denn auf ihm ruhte jetzt das ganze Gewicht des Mannes, der vor Schmerz kaum mehr wußte, was er sprach - »es wird wieder finster um mich werden, finsterer als vorher - und - und - -«

Seine Blicke verschleierten sich; es wurde ihm dunkel vor den Augen; die Zunge versagte ihm den Dienst; er bewegte die Lippen, um zu sprechen, aber es war kein Laut zu hören. Es war ein Ausdruck des entsetzlichsten Schmerzes, der Ausdruck und das Bild einer Verzweiflung, welcher seine ganze Manneskraft nicht gewachsen war. Er mußte im nächsten Augenblicke zusammenbrechen; einen einzigen Laut stieß er mit letzter Anstrengung hervor; es war ein Lallen, ein unverständliches Stammeln, dann knickte er - - nein, er brach nicht zusammen, denn Flora war herbeigesprungen; sie schlug die Arme um ihn und hielt ihn fest.

"Otto, mein Otto!" rief sie.

»Otto, mein Otto!« rief sie. »Sei stark! Ich liebe Dich ja, ich liebe Dich!«

Sie drückte ihn an sich und küßte ihn auf die bleichen, wortlosen Lippen, und dabei rannen ihr die Thränen einer unbeschreiblichen Angst über die Wangen.

Auch der Herzog erhob sich und kam herbei.

»Fassen Sie sich, Herr von Rodenstein!« sagte er. »Sie haben kein Opfer zu bringen; wir nehmen es nicht an.«

Er kam unter den Küssen der Geliebten wieder zu sich. Sie fühlte, daß seine Kräfte wieder zurückkehrten, daß sie ihn nicht mehr zu halten brauchte.

»Otto, sei gut!« bat sie. »Komm, setze Dich, und höre uns an!«

Sie führte ihn zum Stuhle, auf welchem er sich mechanisch niederließ. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn; sein Blick war verstört; aber sie schlang den Arm um ihn, legte ihm die Hand an die kalte Stirn und flüsterte ihm Worte in das Ohr, so innig, so zärtlich und liebevoll, daß der Ausdruck seines Auges klarer und milder wurde und er endlich fragte:

»Du liebst mich wirklich, Flora?«

Das klang immer noch wie mechanisch, wie die Stimme eines Automaten.

»Ja, unendlich liebe ich Dich, Otto!« betheuerte sie.

»Eine Herzogin und - und ein verstoßner Sohn! O, warum hast Du mir das gethan! Wir dürfen uns nie, nie gehören! Du kennst die Pflichten Deines hohen Standes, diese Pflichten, auf denen der Fluch so manches gebrochenen Herzens ruht.«

»Was gehen mich diese Pflichten an! Vater hat mich von ihnen entbunden. Er hat mir versprochen, meiner Liebe folgen zu dürfen, wenn der Bruder gefunden wird. Hier steht er; frage ihn selbst, Otto!«

Da kehrte ihm das Blut in die Wangen zurück. Er holte tief, tief Athem, als zöge er mit demselben neue Lebenskraft ein. Dann stand er auf und trat auf den Herzog zu.

»Sie haben mich schwach gesehen, Hoheit,« sagte er; »verzeihen Sie es mir!


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Es steht dem Manne nicht an, sich von seinen Gefühlen überwältigen zu lassen; aber denken Sie an das, was mein Herz bereits gelitten hat; ich möchte nicht noch Schlimmeres erdulden. Ist es wahr, was Flora sagte?«

»Ja,« antwortete der Herzog milde. »Kommen Sie her, mein lieber Herr von Rodenstein. Setzen Sie sich zu uns, und lassen Sie sich alles erzählen, warum ein Vater seinen Sohn suchen muß. Dann werde ich sehen, ob Sie mit mir in das Gericht gehen wollen, oder ob ich auf Ihre Hilfe rechnen kann.«

Er zog, wie er es bereits zu Flora gethan hatte, den Schleier schonungslos von seiner Vergangenheit, und Otto hörte zu. Welche Gefühle drangen dabei auf den Maler ein! Er wurde bald warm und bald kalt; es war ihm, als ob er im Fieber liege. Da saß sie neben ihm, die Heißgeliebte. Er fühlte, daß es ohne sie weder Glück noch Heil für ihn geben könne. Konnte er von ihr lassen? Durfte und mußte er von ihr lassen? War es nicht Feigheit, zurückzutreten, wo es galt, ein solches Juwel festzuhalten und zu vertheidigen gegen alle Vorurtheile und Herkömmlichkeiten?

Jetzt hatte der Herzog geredet. Er fügte hinzu:

»Sie sind es, der mir heut Licht in dieses Dunkel brachte, dem ich das Glück verdanke, welches mir neue Kräfte giebt. Zweifeln Sie an meiner Dankbarkeit?«

»Nein, ein edler Mann ist immer dankbar,« antwortete Otto. »Aber nicht mir haben Sie zu danken, sondern dem Zufalle oder Gottes Schickung. Und selbst dann, wenn ich Dankbarkeit zu beanspruchen hätte, würde das was ich fordern würde, so köstlich, so hoch und werthvoll sein, daß - -«

»Daß ich es Ihnen demnach nicht versagen würde,« unterbrach ihn Olsunna.

»Wie? Höre ich recht? Sie wollten - - -!« rief Otto, einige Schritte auf den Herzog zutretend.

»Ja. Ich denke jetzt nicht an meinen Rang, sondern an das Glück meines Kindes. Sie sind Künstler. Der Adel der Kunst steht vielleicht noch höher als der Adel der Geburt. Es giebt Könige, Herzoge, Fürsten, Grafen und Ritter des Geistes. Nun wohl, Sie gehören diesem Adel an; Sie stehen nicht auf der niedersten Stufe desselben; Sie sind mir und meiner Tochter ebenbürtig. Sie sind ein reiner, edler Mann und haben unverschuldet viel gelitten. Flora, liebe ihn und mache ihn glücklich!«

Als hätte ein Blitz vor ihm niedergezuckt, so erstarrt stand Otto für einen Augenblick, dann aber stürzte er vor dem Herzog auf die Knie.

»Ist's wahr? Ist's wahr?« fragte er. »Sie wollen mir das köstlichste Kleinod anvertrauen, welches Sie besitzen; das Kleinod, welches Millionen Male mehr werth ist als Ihre Herzogskrone? O mein Gott, wo nehme ich die Worte her, Ihnen meinen Dank zu sagen!«

»Danken Sie nicht mit Worten, sondern mit der That! Machen Sie mein Kind glücklich, glücklicher als ihr Vater gewesen ist!«

Auch Flora war vor ihm niedergesunken, überwältigt von ihren Gefühlen. Sie lagen, innig umschlungen, vor ihm auf den Knieen. Da legte er einem Jeden von Beiden eine seiner Hände auf das Haupt, erhob den Blick gen Himmel und sagte mit zitternder Stimme, aber innig flehendem Tone:

»Gott, Vater, der Du überall bist und auch jetzt bei uns, ich flehe Dich an


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aus der tiefsten Tiefe meines Vaterherzens, leg meine Schuld nicht auf die Meinigen; laß sie nicht tragen, was ich gefehlt habe. Laß Deine Güte auf sie leuchten und Deine Liebe über ihnen walten jetzt und allezeit. Ich lege meinen Vatersegen auf ihre theuren Häupter; gieb diesem Segen Kraft und Beständigkeit; sei Du ihr Freund und Beschützer, ihr Schirm in allen Nöthen, ihr Helfer, wenn kein Anderer helfen kann; leite sie zur Wahrheit und führe sie zum Frieden, den Niemand geben kann als nur Du allein. Erhöre mein Gebet, um Deiner ewigen Gnade willen. Amen!«

Es war ein heiliger Augenblick. Der Segen und das Gebet eines geweihten Priesters hätten keine andächtigeren, ergriffeneren Zuhörer haben können als diese Bitte aus dem Munde eines Vaters, der für seine Tochter auf den Glanz einer Herzogskrone verzichtet hatte, nur um sie glücklich zu sehen.

Als Olsunna geendet hatte, hob er sie mit Thränen zu sich empor und drückte sie Beide an das Herz. Ihre Umarmung war wortlos, denn die Gefühle, von denen diese drei Personen bewegt wurden, konnten nicht durch schwache Laute beschrieben werden.

»Von jetzt an, mein Sohn, sage »Du« zu mir,« meinte endlich der Herzog. »Ich werde Dir Vater sein, da der Deinige Dir fremd geworden ist. Aber ich hoffe, daß er seinen Groll schwinden lassen wird, wenn ich bei ihm bin und mit ihm spreche.«

»Vater, mein Vater! O, ich habe einen Vater!« jubelte Otto. »Ja, er wird und er muß mir verzeihen. Ein Sohn, der dem Vater die Tochter eines Herzoges als Kind entgegenführt, muß Verzeihung erhalten.«

»Und will er auf Euch nicht hören,« sagte Flora, »so werde ich einen Kampf mit ihm beginnen, in welchem er unterliegen muß. Meiner Liebe und meinen Bitten soll er sicherlich nicht widerstehen. Aber, Papa, Otto reist doch mit uns nach Rheinswalden?«

»Natürlich! Außer er befindet es für gut, seine Verlobte und seinen Vater zu verlassen.«

»O, ich gehe mit, wie gern, wie gern!« rief Otto, indem er die Geliebte an sich zog.

»So bist Du unser Reisemarschall und hast alle Unannehmlichkeiten von uns fern zu halten, mein Sohn. Ich fühle eine Kraft in mir, als könnten wir bereits morgen abreisen.«

»Davon rathe ich ganz entschieden ab,« sagte der Maler. »Den Anordnungen Sternau's muß ganz entschieden Folge geleistet werden. Aber Flora kann einstweilen an Frau Sternau und meinen Vater schreiben, um die Empfehlungsbriefe zu übersenden und unsere Ankunft zu melden. Nur bitte ich, mich jetzt noch nicht zu erwähnen.«

»Ja, thue das,« stimmte der Herzog eifrig bei. »Aber die Briefe geben wir erst persönlich ab. Frau Sternau darf nicht wissen, daß ich komme. Schreibe einen anderen Namen, meine Tochter, schreibe, daß uns Doctor Sternau sendet und, daß wir seine Empfehlungsbriefe selbst überbringen werden.«

»Wird das nicht unrecht sein, Papa?«

»O nein,« lachte er vergnügt. »Ein Herzog hat das Recht, incognito zu reisen. Ueberhaupt gehe ich ja, mir meine Braut zu besehen; das thut der Bräutigam in einem jeden Roman gewiß nicht anders, als incognito.«


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Der alte Herr war recht fröhlich geworden. Er scherzte und lachte, und diese Gemüthsstimmung äußerte einen ganz vortheilhaften Einfluß auf sein körperliches Befinden. Er fühlte sich so wohl, so wie neugeboren, daß er endlich gar vorschlug, das unterbrochene Mahl von Neuem zu beginnen, ein Vorschlag, welcher die Billigung der beiden Anderen fand, die sich über die gute Stimmung des Vaters herzlich freuten.

Als Otto von Rodenstein sich vorhin an die Tafel gesetzt hatte, war es ihm gar nicht eingefallen, zu denken, daß er nach so kurzer Zeit bereits als der Verlobte Flora's an deren Seite sitzen werde. Er aß, aber er wußte vor Glück nicht, was er aß. Die Geliebte schob ihm das Beste hin; er ließ es sich schmecken, aber er sah nur auf die zarten, weißen Hände, welche ihn bedienten und auf ihre Augen, die so seelenvoll vergnügt auf ihn leuchteten.

Der Herzog bemerkte dieses ganz und gar Versunkensein in die Liebe; er lächelte, als er sah, welche Portionen Otto hinunterschluckte, ohne darauf zu achten; nach und nach aber wurde er besorgt; es wurde ihm angst und bange, und er sagte:

»Halt ein, Flora, sonst bringst Du mich um den Sohn, den ich soeben erst gewonnen habe!«

Sie sah ihn an und fragte unbefangen:

»Wie meinst Du das, Papa?«

»Wirf doch nur einen Blick auf die Tafel, mein Kind. Muß denn die Liebe gar so nachhaltig gespeist, ich möchte fast sagen, gemästet werden? Ich sage Dir, er wird ganz sicher ersticken!«

Jetzt lachten sie alle Drei, und nun der Maler aufmerksam geworden war, fühlte er erst, daß er den schönen Händen und Augen der Geliebten wegen, fast ganz allein den Tisch abgeräumt hatte.

»Eine Hungerkur macht Alles gut,« sagte er. »Hat man aus Liebe gegessen, kann man aus Liebe auch hungern; ich will es wenigstens versuchen.«

Die Unterhaltung war durch dieses kleine Intermezzo noch lebhafter geworden als zuvor und kam zuletzt doch wieder auf den Angelpunkt der ganzen Situation, auf Sternau, um den sich Alles drehte.

»Es ist eine unangenehme Fügung, ihn gefunden und sofort wieder verloren zu haben,« klagte der Herzog. »Es handelte sich nur um eines Tages Länge, so säße er hier bei uns, ebenso glücklich wie wir, wie ich hoffe. Hat er nicht gesagt, wann seine Seereise beendet sein wird?«

»Nein,« antwortete Otto. »Er kann dies selbst nicht wissen. Er hat nämlich eine außerordentlich abenteuerliche Aufgabe zu lösen.«

»Welche?«

»Er will einen Seeräuber fangen.«

»Einen Seeräuber?« fragte Flora erschrocken. »Mein Gott, welche Gefahr!«

»Unser Otto scherzt!« lächelte der Herzog. »Mit einer kleinen Lustyacht fängt man keinen Seeräuber.«

»Und dennoch scherze ich nicht,« sagte Otto. »Diese Sache ist ernst, sehr ernst. Es handelt sich um das ganze Glück, ja um die ganze Existenz einer hochgestellten Familie. Hast Du einmal von dem berüchtigten Korsarenschiffe »Lion« gehört, Papa?«


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»Von dem »Lion«, Kapitän Grandeprise? Ja, oft. Er soll ein ganz schrecklicher Mensch sein, wie man sich erzählt.«

»Nun, diesen Grandeprise will Sternau fangen.«

»Nicht möglich!« rief Olsunna erbleichend.

»Und doch!«

»So ist er verloren!«

»Ich glaube es nicht. Sternau ist ein Held. Er hat fremde Welten bereist, sich mit Löwen, Panthern, Elephanten, Krokodilen, Kaffern, Arabern und Indianern herumgeschlagen; er ist ein Riese an Kraft und ein Virtuose in Führung der Waffen. Wenn es einen giebt, der Grandeprise fängt, so ist er es.«

»O, nun sinkt mir all' mein Muth!« klagte der Herzog. »Ich werde den Sohn wohl nie wiedersehen!«

»Aber warum begiebt er sich in diese fürchterliche Gefahr?« fragte Flora.

»Um Geheimnisse zu entdecken, welche für ihn sehr wichtig sind, um Menschen zu finden, welche man geraubt und versteckt hat, um Verbrecher zu bestrafen, welche ihn und seine Familie in das Verderben bringen wollen.«

»Seine Familie? Also seine Mutter und Schwester?«

»Ich meine eigentlich die Familie seiner Frau.«

»Seiner Frau! Ah, er ist verheirathet?« rief der Herzog, indem er vom Stuhle emporsprang. »An diese Möglichkeit habe ich gar noch nicht gedacht!«

»Ja, er ist sehr glücklich verheirathet,« sagte Otto, der jetzt ein innerliches Lächeln kaum unterdrücken konnte.

»Das ist unangenehm, höchst unangenehm!« rief der Herzog. »Ich habe die Absicht, ihn anzuerkennen; er soll der Erbe meiner Titel, meiner Würden und Besitzungen werden, und nun steht zu erwarten, daß - -«

»Daß er als Arzt keine solche Partie gemacht hat wie ich als Maler, nicht wahr?« vervollständigte Otto.

»Ja, das meine ich.«

»Ich kann Dich glücklicher Weise beruhigen, lieber Papa. Er hat keine Mesalliance eingegangen.«

»Nach dem Maßstabe eines Arztes?«

»Allerdings auch nach diesem nicht. Es ist übrigens eigenthümlich; auch seine Frau ist eine Spanierin.«

»Ah? Woher?« fragte Flora.

»Aus Rodriganda in Aragonien.«

»Aus Rodriganda, der Besitzung des Grafen Emanuel de Rodriganda und Sevilla?«

»Ja, mein Herz.«

»Dort bin ich bekannt. Ich war einmal einige Zeit bei der Gräfin Rosa; sie besuchte dann auch uns in Madrid. Ich war leider älter als sie, sonst wären wir sicher Freundinnen geworden. Sie hatte sich nur einer einzigen Dame angeschlossen, einer Engländerin, welche Amy Lindsay hieß.«

»Diesen Namen kenne ich; Sternau nannte ihn mir vorgestern.«

»Er kennt sie?« fragte Flora überrascht.

»Sehr. Er war zu gleicher Zeit mit ihr auf Rodriganda. Er war aus Paris


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dorthin gerufen worden, um einen Kranken zu operiren; dabei lernte er die Dame kennen, welche jetzt seine Frau ist.«

»O weh!« sagte der Herzog enttäuscht. »Rodriganda ist klein. Dort giebt es keine einzige Familie, deren Tochter ich mir als Schwiegertochter wünschte.«

»Nicht?« fragte Otto, indem sein inneres Lächeln nun auch äußerlich zu Tage trat. »Eine Familie giebt es doch wohl dort, lieber Papa?«

»Welche wäre das?«

»Diejenige des Grafen.«

»Pah! Graf Emanuel sucht sich für seine Tochter keinen Arzt aus!«

»Warum nicht? Da doch der Herzog von Olsunna sich einen Maler ausgesucht hat!«

»Schelm!«

»Uebrigens ist der jetzige Besitzer von Rodriganda nicht mehr Graf Emanuel, sondern dessen Sohn Alfonzo.«

»Wirklich?« rief der Herzog bestürzt. »So wäre Graf Emanuel gestorben? Wir haben längere Zeit im Auslande und überdies sehr abgeschieden gelebt; ich konnte also so rein private Ereignisse nicht verfolgen.«

»Man sagt allerdings, daß er gestorben sei; Sternau bezweifelt dies. Er reist ja eben deshalb, um den Grafen zu suchen, wie er mir erzählte.«

»Das verstehe ich nicht, mein Sohn. Liegt ihm die Familie des Grafen so nahe?«

»Freilich, lieber Vater! Der Graf ist sein Schwiegervater und Gräfin Rosa ist seine Frau.«

Jetzt war es an Flora und ihrem Vater, zu überraschen, doch aber auf eine freudige Weise.

»Gräfin Rosa, seine Frau!« rief der Herzog.

»Meine gute, süße Rosa, meine Schwägerin!« rief Flora.

»Freilich, freilich!« lachte Otto, ganz entzückt darüber, daß er diesen zwei lieben Menschen eine so fröhliche Nachricht geben konnte. »O, Freund Karl hat keine Mesalliance gethan; das fällt ihm gar nicht ein! Wir werden Rosa sehen. Sie wohnt jetzt ja in Rheinswalden, sie und Elvira mit ihrem Alim - - - Mein Gott, was ist das! Dieser Name - - -!«

Er war vom Stuhle emporgefahren und starrte ganz verstört in's Leere.

»Was hat Du?« fragte Flora. »Du meinst wohl den Kastellan Alimpo, der immer spricht: Das sagt meine Elvira auch?«

»Ja, den meine ich. Ich kenne ihn nicht, aber Sternau hat mir von ihm erzählt. O, und an ihn dachte ich nicht. Gott, wäre es möglich!«

»Was denn?« rief Flora fast angstvoll, als sie seine erschreckten Züge sah.

Er beantwortete diese Frage nicht, sondern wandte sich zu dem Herzog:

»Lieber Vater, Du kennst den Grafen Emanuel?«

»Ja, sehr gut.«

»Wann haben Sie ihn zum letzten Male gesehen?«

»Vor zwei Jahren. Er ist blind geworden.«

»Er ist wieder sehend. Er war eben der Kranke, weshalb Sternau aus Paris geholt wurde; er hat ihn glücklich operirt, so daß er wieder sehen kann. Und Du, Flora, kennst Du den Grafen auch?«


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»Ja, ich war ja bei ihm!«

»Würdet Ihr ihn wieder erkennen, selbst wenn er durch eine abzehrende Krankheit erschreckend hager geworden wäre?«

»Ich hoffe es,« sagte der Herzog.

»Ich auch,« stimmte Flora bei. »Die Züge, welche Graf Emanuel trägt, können sich nicht in der Weise verändern, daß man ihn nicht erkennen könnte. Warum fragst Du so, Otto?«

Er antwortete abermals nicht. Es war ein beinahe ungeheuerlicher Gedanke, der ihn in Anspruch nahm. Sternau hatte ihm alle seine Erlebnisse mitgetheilt und dabei auch den treuen Alimpo und seine Elvira erwähnt. Er hatte ferner im Laufe des Berichtes erwähnt, daß der wahnsinnig gewordene Graf Emanuel nichts gesprochen habe als einige stereotype Worte; er habe sich für seinen Diener gehalten. Diese stereotype Redensart hatte Sternau leider aber nicht wörtlich angeführt.

Nun war Otto auf dem Leuchtthurm gewesen und hatte den Wahnsinnigen gesehen und auch sprechen gehört. Das war ihm aufgefallen, aber er hatte die gehörten Worte in keinerlei Beziehung zu der Angelegenheit der Rodriganda gebracht. Jetzt aber, da er von Sternau gesprochen hatte, war ihm plötzlich der Gedanke gekommen, ob der Wahnsinnige auf dem Leuchtthurm nicht Graf Emanuel sein könne. Dieser Gedanke war, wie bereits gesagt, zwar ungeheuerlich, aber es war bisher so Außerordentliches geschehen, daß man Alles für möglich halten konnte.

Er faßte einen Entschluß und trat an das kleine Schreibepult, welches in dem Zimmer stand. Er nahm ein weißes Blatt Papier und schrieb darauf:

»Dringendes Telegramm an Frau Doctor Sternau in Rheinswalden bei Mainz.
      Welches sind die Worte, die Graf Emanuel immer wiederholte, als er wahnsinnig geworden war? Bitte um sofortige Rückantwort. Sehr eilig und wichtig. Meine Adresse bei Frau Sternau.«

Er las diese Depesche den Beiden vor.

»Was soll das bedeuten? Warum fragen Sie an?« fragte der Herzog.

»Weil es möglich ist, daß ich den Grafen hier gesehen habe.«

»Hier? Es häufen sich immer mehr Räthsel. Der Graf ist wahnsinnig! Er soll hier sein!«

»Es ist möglich. Ich werde Ihnen sogleich Alles erzählen!«

Er klingelte und übergab dem Diener die Depesche zur schleunigen Besorgung. Dann fand er Zeit, Alles zu erzählen, was Sternau ihm berichtet hatte. Man kann sich denken, mit welcher Spannung die beiden Zuhörer an seinen Lippen hingen. Wie stolz leuchteten ihre Augen, wenn er einen neuen Zug von Sternau's Muth, Thatkraft und Hochsinn erwähnte; wie verhielten sie den Athem, wenn er berichtete, daß sein Freund sich in Gefahr befunden habe! Es war so Vieles, so Außerordentliches, so Unglaubliches! Und nun war dieser Held gar zur See gegangen, um den Knoten der Verwickelung zu zerhauen, wie einst der macedonische Alexander!

Hunderte von Ausrufungen der Freude, des Schmerzes, des Staunens, der Bewunderung, des Entzückens, des Schreckens unterbrachen ihn. Es verging weit über eine Stunde, ehe er bis an den gestrigen Tag und seinen Besuch auf dem Leuchtthurm gelangt war. Als er geendet hatte, schlug der Herzog die Hände zusammen und rief:


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»Welch ein Mensch ist dieser, mein Sohn! Ich werde ihn mit Freuden in meine Arme schließen, wenn Gott mir die Gnade gewährt, ihn wiederzusehen.«

»Und ich werde stündlich für ihn beten,« fügte Flora bei, »daß der gute Gott ihn beschützen möge auf seinem gefahrvollen Wege. Zürne ihm nicht, mein Vater, daß er sein schönes Weib verlassen hat, um den Bösewicht zu verfolgen!«

»Zürnen? O nein!« sagte Olsunna. »Wenn meine Stimme hinaustönen könnte über die weite See, so würde ich ihm nachrufen, daß ich ihn für diesen kühnen Entschluß segne. Nun ich weiß, was ihn auf seiner kleinen Nußschale hinausgetrieben hat in die Wüste des Meeres, bin ich überzeugt, daß er zurückkehren wird. Gott muß einen solchen Mann beschützen; er kann den Gerechten nicht untergehen lassen, um den Ungerechten mit Glück zu überschütten. Jetzt aber liegt uns der Graf Emanuel nahe. Was werden wir thun, mein Sohn?«

»Wir gehen sofort nach dem Leuchtthurme und recognosciren den Wahnsinnigen,« sagte Flora. »Man kann nicht begreifen, wie er nach hier kommen konnte, aber nun ich Deine Erzählung gehört habe, Otto, ist mir selbst das Allerunglaublichste glaubhaft geworden.«

»Wir wollen nicht unvorsichtig sein,« antwortete der Maler.

»Dieser Wärter Gabrillon ist mir sehr verdächtig erschienen, aber - - -«

»Ach,« unterbrach ihn der Herzog, dem ein neuer Gedanke kam, »was hat diese Zarba bei ihm gewollt?«

»Zarba, die Zigeunerin, von welcher Sternau mir erzählte?« fragte Otto.

»Ja, dieselbe!«

»Sie war gestern auf dem Leuchtthurm?«

»Gestern. Sie sprach ja auch mit uns. Ach, das zu erzählen, hatte ich vergessen, mein Sohn!«

»Da gewinnt meine Vermuthung sehr an Wahrscheinlichkeit. Diese Zarba hat überall die Hand im Spiele. Wenn sie hier gewesen ist, so steht zu erwarten, daß sie einen Faden der uns jetzt interessirenden Begebenheiten bis nach hier gesponnen hat. Dieser Gabrillon hat ganz das Aussehen eines Zigeuners; vielleicht ist er einer der Ihrigen; sie soll ja die Königin der Gitanos sein. Und warum hat er keine Legitimation über den Wahnsinnigen auf der Mairie niedergelegt?«

»Wir müssen sofort zu ihm!« rief Flora.

»Nein, jetzt noch nicht. Wir müssen erst die Antwortsdepesche aus Rheinswalden erwarten; dann können wir mit um so größerer Sicherheit auftreten. Wie gut, daß ich mein Telegramm als dringend bezeichnet habe! Wir können die Antwort bereits in zwei Stunden erhalten, und ich werde um diese Zeit mich nach meiner Wohnung verfügen, um sie empfangen zu können.«

Es wurden nun die Einzelheiten besprochen, welche vorher nicht ausführlich zu behandeln gewesen waren. Der Herzog fühlte sich gar nicht mehr krank. Durch die Schicksale seines Sohnes hatte sein Geist eine Spannkraft erhalten, welche sich auch seinem Körper mittheilte. Er war nicht müde; er sah zwar hager, aber sehr wohl aus, und als die Zeit gekommen war, trieb er selbst den Maler fort, damit die Eröffnung der erwarteten Depesche ja keinen Augenblick verzögert werde.

Dieser ging nach seinem Hotel, aber noch war keine Antwort da. Er wartete von Viertelstunde zu Viertelstunde - da endlich klopfte es an und der Bote des


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Telegraphenamtes trat ein. Er riß, als dieser die Thür kaum hinter sich geschlossen hatte, voll Ungeduld das Couvert auf und verschlang die Worte. Ja, da stand sie, nach vorheriger Angabe seiner Adresse, die wichtige, verhängnißvolle Antwort:

      »»Ich bin der treue, gute Allimpo.«
Gott, warum fragen Sie? Haben Sie eine Spur gefunden? Theilen Sie es mir ja sogleich mit,
                                   Rosa Sternau.«

Er steckte das Telegramm ein, nahm den Hut und stürmte zur Thür hinaus und die Treppe hinab, ohne sich erst Zeit zu nehmen, die Thür zu verschließen. Die Leute blickten ihm verwundert oder lächelnd nach, als sie ihn im Sturmschritte vorüberlaufen sahen. Erst vor dem Eingange der Mairie holte er Athem, dann begab er sich nach der Expedition des Maire, klopfte an und trat ein, ohne die Aufforderung dazu abzuwarten.

Der Beamte sah ihn halb freundlich, halb mißbilligend an und fragte:

»Sie scheinen es sehr eilig zu haben, Monsieur? Wollen Sie mir vielleicht melden, daß Sie mit der gestrigen Genugthuung zufrieden sind?,«

»Ja, das will ich, mein Herr. Also meinen besten Dank! Aber ich komme in einer noch viel, viel wichtigeren Angelegenheit.«

»Ah!« sagte der Maire, indem er sich erhob und erwartungsvoll die Brille von der Nase auf die Stirne schob. »Es muß allerdings sehr wichtig sein, denn Sie sind ganz echauffirt!«

»Das hat seinen guten Grund. Ich komme, um mir in einer kriminellen Angelegenheit Ihre amtliche Hilfe zu erbitten.«

»Kriminell?« fragte der Beamte, indem er schnell die Brille wieder auf die Nase rückte und den jungen Mann forschend anblickte. »Ach, kriminell! Wissen Sie, was das zu bedeuten hat?«

»Ich denke es!«

»Kriminell kommt her von crimen, Verbrechen; es handelt sich also um ein Verbrechen?«

»Ja. Sie haben schleunigst eine Zigeunerin, Namens Zarba, verfolgen zu lassen, respective dem Präfecten sofort telegraphisch Meldung zu thun, daß er diese Verfolgung in seinem ganzen Kreise anbefiehlt. Sie ist gestern hier gewesen. Ferner haben Sie - -«

»Pst, Monsieur!« unterbrach ihn der Maire. »Nicht so hitzig! Was ich habe oder was ich zu thun habe, das werde ich selbst entscheiden, nachdem ich gehört habe, um was es sich denn eigentlich handelt. Bis jetzt hatten Sie nicht die Güte, mir es mitzutheilen.«

Otto verbeugte sich, ein Wenig beschämt.

»Verzeihen Sie, Monsieur!« sagte er. »Ich bin so aufgeregt, daß ich wirklich die schuldige Höflichkeit verletzt habe. Gestatten Sie mir also, Ihnen das Nöthige in kurzen Worten zu sagen!«

»Gut, setzen wir uns!«

Sie nahmen Platz, und Otto begann:

»Der spanische Graf Emanuel de Rodriganda y Sevilla ward plötzlich geisteskrank und Einer der bedeutendsten Aerzte constatirte, daß dies die Folge einer Dosis


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Curaregift oder Pohon Upas sei, die ihm verbrecherischer Weise beigebracht worden war. Es gab Personen, welche Veranlassung hatten, den Grafen zu tödten, oder wenigstens seiner Selbstbestimmung zu berauben, um sein Erbe anzutreten. Der betreffende Arzt nahm ihn in Behandlung; er hätte ihn hergestellt, aber des anderen Morgens war der Graf verschwunden. Später fand man in einem nahen Abgrunde eine Leiche. Die betreffenden Leute recognoscirten dieselbe als diejenige des Grafen, der Arzt aber behauptete, es sei der Körper eines ganz anderen Menschen. Die Personen, von denen ich spreche, waren mächtig; die Aussage des Arztes wurde nicht berücksichtigt, und man setzte die Leiche als die des Grafen in der Familiengruft bei. Auch Gräfin Rosa, die Tochter des Grafen, war durch eine Dosis des erwähnten Giftes um den Gebrauch ihres Verstandes beraubt worden, der erwähnte Arzt aber entriß sie mit Gewalt den Händen ihrer Feinde, entführte sie in das Ausland und stellte sie vollständig wieder her.«

»Parbleu! Das ist ja ein Kriminalroman, wie er im Buche steht! Aber was habe ich als französischer Maire mit einem Verbrechen zu thun, welches in Spanien vollbracht wurde?«

»Was ich jetzt sagte, betrifft Sie nicht, mein Herr; es war nur die Einleitung. Der Arzt war überzeugt, daß man eine falsche Leiche untergeschoben und den wahnsinnigen Grafen entfernt habe. Er suchte ihn jetzt überall, sogar auf der See, kann ihn aber nicht finden, denn der Wahnsinnige ist mit Gewalt nach Frankreich geführt worden und wird dort gefangen gehalten.«

»Donnerwetter! Das ginge uns nun allerdings etwas an! Aber warum kommen Sie gerad zu mir?«

»Weil sich das Versteck in Ihrem Amtsbereiche befindet.«

»Teufel! Ein crimen, ein ordentliches, regelrechtes crimen! Ich werde sofort einschreiten. Wo befindet sich der Graf?«

»Auf dem Leuchtthurme.«

Der Maire fuhr einige Schritte zurück und rief entsetzt:

»Unmöglich!«

»Nein, wirklich! Sie können in arge Verlegenheit gerathen, Monsieur. Sie haben einen wahnsinnig Gemachten aufgenommen, ohne nach seiner Legitimation zu fragen. Derjenige, den Gabrillon für seinen Verwandten ausgiebt, ist der Graf Emanuel de Rodriganda.«

Dem Maire stand bereits der Angstschweiß auf der Stirn.

»Fatal, höchst fatal!« sagte er. »Ich werde diesen Gabrillon ad coram nehmen! Aber, mein Herr, können Sie beweisen, daß dieser Mann wirklich der Graf ist?«

»Ja. Als er vom Wahnsinne befallen wurde, verging ihm das Gedächtniß vollständig; dies ist eine spezifische Wirkung jenes Giftes. Nur eine einzige Erinnerung ist ihm geblieben. Es befand sich sein Kastellan Alimpo zugegen, und dies hat er festgehalten; er hält sich für jenen Diener und sagt stets nur die Worte: »Ich bin der treue, gute Alimpo.« Sie geben zu, daß kaum die Möglichkeit vorhanden ist, daß ein zweiter Wahnsinniger auf gerade diese Monomanie und ganz dieselben Worte verfällt. Sie sind also ein sicheres Erkennungszeichen.«

»Wahrscheinlich. Doch müßte zuvor amtlich bestätigt werden, daß der unglückliche Graf sich wirklich gerade dieser Worte bedient habe.«


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»Diese Bestätigung wird mir leicht werden. Außerdem aber giebt es hier noch Herrschaften, welche den Grafen ganz genau kennen und ihn recognosciren werden.«

»Das wäre allerdings sehr wesentlich. Aber sind diese Personen nicht etwa gerichtlich zu beanstanden?«

»Nein. Es ist der Herzog von Olsunna und Prinzeß Flora, seine Tochter.«

»Das genügt! Das genügt vollständig, mein Herr!«

»Um ganz sicher zu gehen, habe ich an die Gräfin Rosa de Rodriganda telegraphirt und um telegraphische Mittheilung jener Worte gebeten. Hier ist die Antwort. Bitte, lesen Sie!«

»Ah! Ich bin der treue, gute Alimpo! Richtig! Hm! Mein Herr, ich stehe mit allen Kräften zu Diensten, aber ich hoffe, daß Sie diese fatale Angelegenheit in einer Weise behandeln, die mir keinen Schaden wegen meiner kleinen Vergeßlichkeit bringt!«

Dieser Mann hatte wirklich Angst.

»Ich werde mich bemühen, Ihren Wunsch zu erfüllen,« antwortete der Maler.

»Aber was ist's mit jener Zigeunerin? Zarba heißt sie, nicht wahr?«

»Sie ist jedenfalls Diejenige, welche in diese Angelegenheit eingeweiht ist. Sie ist jedenfalls eine Bekannte Gabrillon's und war gestern Vormittag hier, ihn zu besuchen. Wir müssen sie finden.«

»Ich werde Alles thun, was Sie befehlen.«

»So geben Sie sofort Ordre, daß nach der Zigeunerin gefahndet werde, und sodann kommen Sie mit der nöthigen Hilfe zum Herzoge. Wir begeben uns nach dem Leuchtthurme; das Uebrige wird sich finden.«

»Schön! Gut! Vortrefflich! In einer Viertelstunde werde ich bei Durchlaucht sein. Ich finde Sie dort?«

»Ja, ganz sicher!«

»Sie malen wohl für die Durchlaucht?«

»Nein,« antwortete Otto lächelnd. »Ich bin der Verlobte der Prinzessin.«

Der Maire schob die Brille zurück, trat bei Seite und rief:

»Unmöglich, mein Herr!«

»Warum unmöglich, Monsieur?«

»Sie ein Maler, und die Durchlaucht eine herzogliche Prinzessin!«

»Ueberzeugen Sie sich selbst!«

»Also doch! Also wirklich! Gratuliere demüthigst, Monseigneur, gratuliere!«

Er machte die tiefste Reverenz, welche er fertig brachte und begleitete den Verlobten einer Prinzessin bis auf die Straße, wo er die Brille von der Nase nahm, und mit derselben einige Höflichkeitsphrasen in die Luft zeichnete.

Nun eilte Otto zu Olsunna. Dort war seine Rückkehr mit der größten Ungeduld erwartet worden, und als er eintrat, riefen ihm zwei Stimmen zugleich entgegen:

»Wie ist's? Wie steht's?«

Er blieb vor ihnen stehen, faltete die Depesche auseinander und las:

»Ich bin der treue brave Alimpo! Gott warum fragen Sie? Haben Sie eine Spur gefunden? Theilen Sie es mir ja sogleich mit. Rosa Sternau.«

»Also er ist es!« rief der Herzog.


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»Kein Zweifel!«

»Nun sogleich nach dem Leuchtthurm, vorher aber auf die Mairie!« sagte Flora.

»Ich war bereits dort. In einer Viertelstunde ist der Maire hier.«

»Recht so, mein Sohn!« meinte Olsunna. »Aber werde ich bis zum Leuchtthurme gehen können?«

»Dies wird gar nicht nöthig sein, mein lieber Vater. Wir bringen den Grafen her. Der Maire wird ganz gern darauf eingehen.«

»Aber ich gehe mit!« sagte Flora entschlossen. »O, warum mußte uns der Bruder so schnell verlassen! Er hätte hier einen der Gesuchten gefunden!«

Der Maire stellte sich noch eher ein, als er gesagt hatte. An dieser Eile war jedenfalls nur der Rang der Personen schuld, mit denen er es hier zu thun hatte. Er erging sich in den demüthigsten Verbeugungen und Redensarten und meldete, daß er drei Gensd'armen und auch noch fünf handfeste Civilisten mitgebracht habe.

»So vieler Menschen bedarf es gar nicht,« sagte Otto lächelnd. »Wir wollen kein Aufsehen erregen und uns deshalb vertheilen. Wir nähern uns dem Thurme ganz in der Art und Weise von absichtslosen Spaziergängern; das Uebrige wird sich dann ergeben.«

Dieser Vorschlag wurde angenommen, und man entfernte sich. Otto nahm Flora am Arme, welche ihm mittheilte, daß auch ihr Diener den Grafen Rodriganda genau kenne. Er hatte früher sogar in dessen Dienst gestanden und erinnerte sich genau eines kleinen Males, welches die Erlaucht grad unterhalb des linken Ohres habe. Das war ein Zeichen mehr. -

Ungefähr eine halbe Stunde, bevor sich die Betheiligten in Bewegung setzten, huschte eine Frauengestalt hart am Gestade längs der Küste hin, so, daß man sah, daß sie nach dem Thurme wolle. Es war Zarba. Sie hatte keine Ahnung von der Gefahr, welche ihr drohte, sondern sie schlug diesen abgelegenen Weg nur deshalb ein, weil sie nicht mehr vor dem von dem Herzog bewohnten Häuschen vorüber wollte. Die ihr gestern von Flora und dann von dem Diener gegebene Lection wollte sie nicht noch erneuert haben.

Als sie den Thurm erreichte, trat sie ein, stieg die Treppe empor und wollte eben klingeln, als die Thür geöffnet wurde. Gabrillon war es.

»Ich sah Dich kommen,« sagte er. »Warum kommst Du so früh?«

»Es ist besser, ich bin bei Dir, wo mich Niemand sieht, als draußen auf der Straße oder im Felde, wo man mich bemerken könnte. Es giebt Leute hier, welche mich kennen,« sagte sie.

»Wann kommen Deine Leute?«

»Gleich nach Beginn der Dunkelheit. Sie bringen ein Boot mit. Man hat nichts gesehen, als der Graf gebracht wurde, so soll man auch nichts sehen, wenn wir ihn wieder fortschaffen.«

»Es wird Zeit!« brummte der Wärter. »Sogar dieser Fremde schien Verdacht zu schöpfen.«

»Wer ist es? Kennst Du ihn?«

»Nein, aber ich habe vom Thurme beobachtet, daß er in das Haus des Herzogs ging.«


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»Dann ist er uns gefährlich!« sagte sie rasch. »Hast Du die Papiere, welche ich Dir mit dem Grafen sandte, hervorgesucht?«

»Ja. Sie liegen oben beim Ofen, schon bereit.«

»So laß sie uns sogleich verbrennen. Man weiß nicht, was geschehen kann. Wie befindet sich der Graf, Gabrillon?«

»Wie immer. Er war mir eine große Last, und ich bin froh, daß ich ihn los werde.«

Sie stiegen empor bis zu dem Gemache, welches dem Wärter als Wohnung diente. Dort stand ein Ofen, und auf einem Schemel daneben lag ein altes, geöffnetes Kästchen, in dem sich einige Papiere befanden. Sie enthielten den Ausweis über die Person des Grafen, über den Leichenraub und die Verwechslung des Todten mit dem Grafen. Es wäre daraus Manches klar geworden, vor allen Dingen aber die Absicht der Zigeunerin, den Grafen nicht am Leibe und Leben zu schaden, sondern ihn nur zum Werkzeug ihrer Rache zu gebrauchen.

Sie las den Inhalt durch und steckte dann die Papiere in den Ofen; ein daran gehaltenes Zündholz versetzte sie in lodernden Brand.

»So!« sagte sie. »Und wenn selbst in diesem Augenblicke Etwas passirte, so könnte man uns doch nichts beweisen. Dein Vetter Marcello ist gestorben; ihn können sie nicht anfassen, und so würdest Du sagen, daß er es gewesen ist, der Dir den Wahnsinnigen brachte. Jetzt komm wieder hinab in die niedere Stube! In dieser schwindelnden Höhe wird es mir angst.«

Sie stiegen hinab, und eben, als sie in den Raum kamen, klingelte es; Gabrillon öffnete und blickte hinaus. Er sah Otto, hinter welchem Flora auf der stellen Treppe stand.

»Was wollen Sie schon wieder?« fragte er zornig.

»Ich wünsche, dieser Dame von der Höhe des Leuchtthurmes aus die See zu zeigen,« antwortete er.

Er trat ohne alle weiteren Umstände ein und die Dame mit ihm. Er kannte Zarba nicht; er hatte sie noch nie gesehen; darum beachtete er sie mit keinem Blicke. Die Zigeunerin aber, welche ihre Zurechtweisung nicht vergessen konnte, fühlte sich unter dem Schutze Gabrillon's sicher, wendete sich an Flora und sagte:

»Das ist ja die blanke, stolze Dame, die mich nicht erhören wollte! Jetzt wird sie wohl erlauben müssen, daß ich rede. Ihr Vater ist - -«

Otto, welcher sofort begriff, wen er vor sich hatte, unterbrach sie rasch, indem er die Geliebte fragte:

»Ist diese Person die Zigeunerin Zarba, von der wir sprachen?«

»Ja, ich bin Zarba,« antwortete die Alte hastig selbst. »Also der blanke Herr hat bereits von mir gehört? Nun, so werde ich ihn zum Zeugen meiner Mittheilung machen, die ihn so sehr interessiren wird.«

»Ich verzichte auf Deine Mittheilungen, Alte!« antwortete er ihr stolz. »Mach Platz! Wir wollen nach oben.«

»Ich mache nicht eher Platz, als bis ich gesprochen habe,« sagte sie hartnäckig, indem sie vor der zweiten Treppe stehen blieb. »Und wenn der Herr meint, daß das, was ich zu sagen habe, nicht wichtig ist, so irrt er sich. Ich könnte


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diesen Herzog von Olsunna glücklich machen, wenn ich wollte; aber ich thue es nicht. Ich weiß, wer - -«

»Schweig!« gebot er ihr, »Leute Deines Gelichters hätten eben das Zeug, einen Herzog glücklich zu machen!« Und im verächtlichen Tone fügte er hinzu: »Was Du willst, das weiß ich. Wir brauchen Deine Mittheilungen gar nicht; wir kennen Sternau besser als Du. Da hast Du Deine Neuigkeiten. Packe Dich fort!«

Er schob sie zur Seite und stieg mit Flora, welche die Alte keines Blickes gewürdigt hatte, die Treppe empor. Zarba widerstrebte nicht; sie stand ganz starr da und blickte den Beiden mit weitgeöffneten Augen nach. Daß ihr Geheimniß verrathen sei, daß der Herzog wußte, wer sein Sohn sei, das hatte sie erschreckt; das machte einen großen Theil ihrer Pläne zu nichte. Aber bald faßte sie sich und murmelte:

»Und dennoch sollt ihr ihn nicht haben! Der Waldhüter Tombi in Rheinswalden wird dafür sorgen!« Und dem Leuchtthurmwärter flüsterte sie zu: »War dies der Fremde, welcher Verdacht gefaßt zu haben schien?«

»Ja,« antwortete Gabrillon leise.

»Und den Du beim Herzoge eintreten sahst?«

»Ja.«

»Ist die Thür zu dem Grafen verschlossen?«

»Nein, nur verriegelt.«

»So folge ihnen schnell! Sie könnten die Absicht haben, ihn zu sehen.«

Er gehorchte diesen Worten und hatte die beiden jungen Leute bald ein. Diese erreichten eben das dritte Stockwerk, in welchem sich die kleine Kammer befand, die der Wahnsinnige bewohnte.

»Hier wird er sein,« sagte Otto zu Flora, indem er nach dem Riegel griff.

»Halt!« rief da Gabrillon. »Was wollen Sie hier?«

»Ich will mir nur einmal Deinen Vetter ansehen, Alter,« lautete die Antwort.

»Der geht Sie nichts an! Gehen Sie!« sagte der Wärter, indem er sich vor die Thür stellte.

»Vielleicht geht er mich doch Etwas an! Gieb Raum, sonst werde ich mir zu öffnen wissen!«

»Sie?« fragte Gabrillon mit funkelnden Augen. »Sollten Sie es wagen, mich anzugreifen, so werde ich mein Hausrecht zu vertheidigen wissen!«

»Angreifen? Dich?« sagte Otto. »Pah! Du bist mir zu schmutzig dazu! Wirst Du nicht freiwillig öffnen, so wird man, auch ohne daß ich mich mit Dir beschmutze, schon erfahren, warum man diesen Unglücklichen nicht sehen darf.«

»Nein, öffne nicht!« erklang es von der Thür her.

Zarba war ihnen gefolgt. Die Besorgniß um die Geheimhaltung des Wahnsinnigen hatte ihr keine Ruhe gelassen. Da zog Otto sein Taschentuch heraus und winkte damit durch die Fensteröffnung hinaus.

»Was ist das für ein Zeichen?« fragte Zarba argwöhnisch.

Otto antwortete ihr gar nicht, sondern er horchte nach der Treppe hin, die nach unten führte. Es ließen sich bald rasche Schritte hören. Der Maire erschien.

»Wir treffen es sehr glücklich, Monsieur,« sagte der Maler zu ihm. »Dieses Weib ist die Zigeunerin, welche wir suchen.«


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»Ah! Schon gut!« sagte der Beamte, indem er die Alte durch seine Brille musterte. »Du also bist das Weib, welches gestorbene und begrabene Leute versteckt?«

Sie erschrak bei diesen Worten, beherrschte aber ihren Schreck und antwortete:

»Ich verstehe Sie nicht. Wer sind Sie?«

»Ich bin der Maire und wünsche einige Worte mit Dir zu sprechen, Alte. Zuvor aber sollt Ihr uns einmal den Wahnsinnigen zeigen. Wo ist er?«

Jetzt sah Zarba ihre Befürchtung eingetroffen, aber sie erkannte auch, daß an eine Gegenwehr gar nicht gedacht werden konnte. Hier war nur ein hartnäckiges Leugnen am Platze, und dann kamen ja heut Abend ihre Leute, um den Grafen zu holen und an einen anderen sicheren Ort zu schaffen.

»Da drin ist er,« sagte Gabrillon, auf die Thür deutend.

Er war nicht sehr besorgt, denn er glaubte es nur mit dem Maire zu thun zu haben.

»Also er ist ein Verwandter von Dir?« fragte dieser. »Wie heißt er?«

»Anselmo Marcello.«

»Und woher ist er?«

»Aus Varissa.«

»Hast Du seine Legitimationen in Ordnung?«

»Mein Vetter brachte ihn zu mir und versprach, mir diese Papiere zu senden. Er ist aber unterdessen gestorben.«

»So solltest Du Dir diese Papiere durch einen Anderen besorgen lassen. Ich werde mich in Varissa erkundigen, ob dieser Vetter wirklich einmal verreist war, um Dir diesen Mann zu bringen. Oeffne die Thür!«

Der Wärter gehorchte und nun sahen sie ein Kämmerchen vor sich, kaum so lang und breit, um für einen Strohsack Raum zu bieten. Auf diesem lag der Wahnsinnige. Dieser sah die Anwesenden und erhob sich. Sein Auge ruhte geistesabwesend auf ihnen, und in klagendem Tone sagte er:

»Ich bin der treue, gute Alimpo.«

»Hören Sie, Monsieur!« sprach Otto zu dem Maire.

»Ja, es sind wahrhaftig diese Worte!« meinte dieser. Und sich zu Flora wendend, fragte er: »Finden Sie eine Aehnlichkeit, Durchlaucht?«

Die Augen der Gefragten hatten erst forschend auf dem Wahnsinnigen geruht, jetzt aber waren sie bereits voller Thränen. Sie trat auf den Kranken zu, faßte seine beiden Hände und fragte unter tiefer Bewegung:

»Erlaucht, Don Emanuel, kennen Sie mich noch?«

»Ah, er ist es also?« rief der Maire.

»Ja, Monsieur, er ist es!« betheuerte Flora. »Ich kenne ihn zu gut; es ist der Graf Emanuel und kein Anderer. Er ist hagerer geworden, hat sich aber sonst nicht im Mindesten verändert, ausgenommen nur, daß er sehen kann. O, Don Emanuel, reden Sie doch! Sagen Sie mir doch, ob Sie mich erkennen! Ich bin ja Flora Olsunna, die Sie in Rodriganda besucht hat.«

Der Kranke hielt seine Augen mit einem öden, leeren Blick auf sie gerichtet. Sein Gesicht war bleich, wie aus Wachs geformt, ohne Bewegung, ohne einen ein-


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zigen Zug, der auf eine Spur von noch vorhandenem Seelenleben hätte schließen lassen. Nur seine bleichen Lippen öffneten sich und mit jener Stimme, welche dem Erzeugnisse einer künstlichen Sprechmaschine glich, sagte er:

»Ich bin der treue, gute Alimpo!«

Otto fühlte sich von diesem Anblicke tief ergriffen, auch der Maire räusperte sich, um eine Aufwallung des Mitleides zu bekämpfen, welche er mit der Würde seines Amtes nicht vereinbar hielt. Flora aber fühlte ihr ganzes Gemüth in Aufruhr. Ein unendlicher Jammer trieb ihr immer neue Thränen in die Augen; es überkam sie ein so herzliches, so inniges Erbarmen über den Anblick dieses früher so oft gesehenen Mannes, daß sie die Arme um ihn schlang und unter lautem Schluchzen rief:

»O mein guter, unglücklicher Don Emanuel, wie finde ich Sie wieder! Wer Ihnen das angethan hat, wird es in jenem Leben nicht verantworten können!«

Zarba war erschrocken, als sie den Grafen erkannt sah. Sie trat jetzt vor und sagte:

»Diese Donna irrt sich. Der Kranke ist Anselmo Marcello; ich kenne ihn.«

»Schweig, Betrügerin!« rief Flora. »Herr Maire, ich fordere Sie auf, dieses Weib und den Wärter festzunehmen!«

»Uns?« fragte da Gabrillon mit gut gespielter Entrüstung. »Was habe ich gethan? Dieser alte, verrückte Mann ist mein Vetter. Wenn er ein Graf wäre, so wäre er nie wahnsinnig geworden. Die Noth und der Hunger hat ihn um den Verstand gebracht. Ich habe ihn aus Mitleid zu mir genommen und soll nun zum Lohne dafür gefangen gesetzt werden? Es ist lächerlich!«

Der Maire fühlte sich durch diese Auslassung außerordentlich beleidigt.

Spätauflage

»Ruhig!« gebot er. »Was das Gericht und die Polizei thut, das ist niemals lächerlich. Du bist mein Gefangener. Ich verhafte Dich und die Zigeunerin im Namen des Gesetzes!«

»Verhaften? Mich?« fragte Gabrillon. »Greift zu, wenn Ihr es fertig bringt!«

Er sprang auf den Maire, der das nicht erwartet hatte, zu, stieß ihn zur Seite und flog - nicht die Treppe hinab, wie er beabsichtigt hatte, sondern den Gensd'armen in die Arme, die da postirt waren.

»Donnerwetter!« rief er erschrocken.

»Haltet ihn fest!« gebot der Maire. »Durch diesen Fluchtversuch hat er seine Schuld bestätigt. Nehmet auch dieses alte Weib fest. Sie soll uns sagen, wie sie den Grafen hierher gebracht hat!«

»Ich? Ich soll arretirt werden? Ich, die Unschuldige!« rief Zarba. »Ich bin die Königin der Gitanos; wer will mich richten! Ihr habt in diesem Augenblicke die Gewalt, mich festzunehmen, aber Ihr habt nicht die Macht, mich festzuhalten.«

»Keine Faselei, Alte!« sagte der Gensd'arm, welcher sie beim Arme faßte. »Dein Königreich ist der Bettel, und Deine Unterthanen sind Lumpen. Man wird wenig Federlesens mit Dir machen!«

Sie wurde zur Thür hinaus geschoben und, ebenso wie der Leuchtthurmwärter, nach dem Gefängnisse gebracht. Als sie fort waren, sagte der Beamte:

»Man wird ihnen wegen dieses crimen einen bösen Prozeß machen. Nun aber


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bitte ich die Herrschaften, sich zu seiner Durchlaucht, dem gnädigen Herzog zu bemühen, um auch ihn zu fragen, ob er den Grafen erkennt.«

»Wir haben noch einen Zeugen, nämlich den Diener des Herzoges,« bemerkte Otto. »Dieser hat bei dem Grafen Rodriganda früher serviert und kennt ihn ebenfalls. Er behauptet, daß Seine Durchlaucht unterhalb des linken Ohres ein kleines Mal besitze.«

»Das können wir ja gleich untersuchen!« meinte der Maire, indem er zum Grafen trat und die Stelle betrachtete. »Ja wahrhaftig, hier ist es, das Mal! Er ist's; es ist gar kein Zweifel mehr. Lassen Sie uns gehen. Ich habe bereits dafür gesorgt, daß der arretirte Wärter sogleich ersetzt wird.«

Der Graf ging ohne alles Widerstreben mit ihnen. Als sie das Fischerhaus erreichten, trat ihnen der Diener entgegen.

»Graf Emanuel!« rief er, sobald er diesen erblickte. Und nachdem er die linke Seite des Halses betrachtet hatte, fügte er hinzu: »Hier ist das Mal, meine Herren. Sehen Sie es. Das ist der Beweis, wenn Sie mir sonst nicht glauben wollen.«

»Wir haben das Mal bereits gesehen und glauben Ihnen,« sagte der Maire. »Es ist nur, um gar nichts zu versäumen, daß wir nun auch die Meinung Seiner Durchlaucht hören.«

Als sie beim Herzog eintraten, stand dieser aufrecht mitten in der Stube, und man sah es seinen Zügen an, daß er tief ergriffen war. Er hatte die Männer kommen sehen und den Grafen sogleich erkannt.

»Er ist's!« rief er ihnen sogleich entgegen. »Ich erkannte ihn bereits von Weitem. O mein Gott, wie muß ich ihn wieder sehen!«

»So sind wir also einig,« meinte der Beamte.

»Ja, er ist's!« wiederholte der Herzog in überzeugendem Tone. Und indem er die Hand des Grafen ergriff, sagte er zu ihm: »Don Emanuel, blicken Sie mich an! Erkennen Sie Ihren Freund Olsunna?«

Der Graf schien gar nicht zu bemerken, daß eine Ortsveränderung mit ihm vorgenommen worden sei. Er nahm auch nicht die mindeste Notiz von seiner Umgebung; er merkte nur, daß gesprochen wurde, und sagte:

»Ich bin der treue, gute Alimpo.«

Nun wiederholte sich ganz derselbe rührende Auftritt, welcher bereits auf dem Thurme statt gefunden hatte, bis endlich Otto den Maire fragte:

»Sie sind hoffentlich nun überzeugt, daß ein Irrthum gar nicht obwalten kann?«

»Gewiß, Monseigneur! Ich werde sofort nach meiner Heimkunft das Protokoll abfassen, und dann ist meine Pflicht, nach Rodriganda zu berichten, daß man einen falschen Todten an der Stelle des Grafen beerdigt hat, da derselbe hier bei uns aufgefunden worden sei. Aber, meine Herrschaften, wie verfügen Sie über den Wahnsinnigen? Soll auch hier die Behörde eingreifen, oder - - -?«

»Nein! er bleibe bei uns!« sagte Flora. »Nicht wahr, lieber Papa?«

»Das versteht sich ganz von selbst,« antwortete der Gefragte. »Wir werden uns dann überlegen, was weiter zu geschehen hat.«

»Ich rathe davon ab, ihn vorläufig wieder nach Spanien zu schicken und da-


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durch seinen Feinden wieder zu überliefern,« warnte Otto. »Wir reisen ja nach Deutschland und nehmen ihn mit, um ihn Donna Rosa, seiner Tochter zu überbringen.«

»Das ist das Allerbeste, was wir thun können,« stimmte der Herzog bei.

»Nun, dann bin ich beruhigt,« meinte der Maire. »Ich gehe jetzt, meine Pflicht zu erfüllen. Zu einem Verhöre der Gefangenen ist es heut zu spät; ich werde es indessen morgen früh sofort vornehmen und Ihnen die Stunde anzeigen, da ich mir denken kann, daß Sie dabei sein wollen.«

Er empfahl sich, und nun wurde sofort nach der Stadt geschickt, um den Grafen mit andern Kleidern und Wäsche zu versehen; er war in dieser Beziehung mehr als vernachlässigt worden. Dies war zum Anbruche des Abends geschehen, und nun saß der Graf bei den Freunden, ohne sie zu erkennen, ohne zu ahnen, was mit ihm vorgegangen war.

Sie besprachen sich darüber, ob es rathsam sei, seine Tochter sofort zu benachrichtigen. Nach längerer Ueberlegung beschlossen sie, es nicht zu thun. Der freudige Schreck, den Rosa haben konnte, hätte eine nachtheilige Wirkung ausüben können. Und übrigens stand sehr zu erwarten, daß Rosa die Ankunft des Vaters nicht erwarten, sondern von ihrer kindlichen Ungeduld getrieben werde, die weite Reise nach Frankreich zu unternehmen. Darum schrieb Flora mit Zustimmung der beiden Männer folgenden Brief nach Rheinswalden:

      »An Frau Rosa Sternau in Rheinswalden bei Mainz.
               Geehrteste Dame!
Ich befinde mich meiner leidenden Gesundheit wegen in dem hiesigen Bade, doch hat weder der Brunnen noch die Kunst der Aerzte es vermocht, den raschen Fortschritt der Krankheit aufzuhalten. Da gefiel es Gott, mir Ihren Herrn Gemahl als Retter zu senden. Er kam auf seiner Yacht aus Greenock in Schottland, um hier Kohlen einzunehmen und dann weiter zu fahren. Während seiner kurzen Anwesenheit, gelang es ihm, mir neue Hoffnung einzuflößen, und ich befinde mich jetzt in Folge der mir von ihm verabreichten Mittel bereits bedeutend wohler, so daß ich die fast volle Ueberzeugung habe, durch ihn zu genesen.
   Zur sicheren Genesung nun hat er mir eine Ortsveränderung anbefohlen. Ich soll mit meiner Tochter nach Deutschland, an den Rhein. Und zwar wurde mir von ihm Rheinswalden vorgeschlagen. Er gab mir die Versicherung, daß mein Aufenthalt daselbst keinerlei Beschwerden oder Störung verursachen werde, und hat mich mit Empfehlungsbriefen an seine Frau Mama und den Herrn Hauptmann von Rodenstein versehen. Dann reiste er ab. Wohin sein Cours gerichtet ist, darüber werden wohl die beiden Briefe Auskunft ertheilen.
   Kurz nachdem er uns verlassen hatte, kamen wir in Kenntniß eines sehr eigenthümlichen Umstandes, welcher für ihn wohl von großem Interesse gewesen wäre. Der Maler Otto von Rodenstein, welcher sich, wie Sie wohl wissen, hier aufhält, ist der Verlobte meiner Tochter. Wir sprachen mit ihm von Ihrem Herrn Gemahle und erfuhren so Einiges von den Verhältnissen, in Folge deren Sie sich gegenwärtig in Deutschland befinden. Wir erfuhren, daß sich an einem Orte ein Wahnsinniger befinde, welchen man zu verbergen trachte und der immer nur die Worte sagt: »Ich bin der treue, gute Alimpo!«


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Herr Rodenstein telegraphirte an Sie, um sogleich zu erfahren, ob dies dieselben Worte seien, welche Ihr Herr Vater, der Graf Emanuel ausspreche, und Ihre Antwort bestätigte dies. Nun haben wir sogleich mit unsern Recherchen begonnen und werden Ihnen den Erfolg derselben mittheilen.
   Wollten Sie uns gestatten, diese Mittheilung mündlich zu machen, so würden wir sehr erfreut sein. Wir werden nach Verlauf einer Woche in Begleitung des Herrn von Rodenstein in Mainz eintreffen und dann auch erfahren, ob die Befolgung der Anordnung des Herrn Doctor Sternau auf Schloß Rheinswalden wirklich nicht mit Belästigungen für Sie verbunden ist.
   Indem ich mich und meine Tochter Ihrer Güte empfehle, habe ich die Grüße des Herrn von Rodenstein beizufügen und zeichne
            mit der vorzüglichsten Hochachtung
                                            Baron Franz von Haldenberg.«

Dieser Brief wurde noch am Abende zur Post gesandt, und es stand zu erwarten, daß er ganz den Eindruck hervorbringen werde, welchen man beabsichtigte.

Zu derselben Zeit, in welcher die Drei mit diesem Briefe beschäftigt waren, geschah Etwas, was mit den heutigen Begebenheiten eng zusammenhing.

Es war dunkel und die gewöhnliche Abendkühle wehte leicht über die Fluthen des Meeres dahin. Ein Boot kam um die südliche Landzunge, welche die Bucht begrenzt, herumgesteuert. Es saßen sechs Männer in demselben, von denen vier ruderten, einer das Steuer und einer das Kommando führte.

»Da ist das Licht des Leuchtthurms,« sagte der Letztere. »Wir halten gerade auf denselben zu und legen an der Klippe an.«

Dies geschah. Als das Boot festsaß, stieg nur dieser Eine aus und ging nach dem Thurme. Er schien hier bekannt zu sein, denn er trat ein und stieg die Treppe empor, um an der ersten Thür zu klingeln. Der von dem Maire neu angestellte Wärter erschien und fragte nach dem Begehr des Fremden.

»Ich will mit dem Wärter des Leuchtthurmes sprechen,« antwortete dieser.

»Der bin ich.«

»Sie? Ich denke, er heißt Gabrillon?«

In seinem Tone drückte sich ein großes Erstaunen aus.

»Gabrillon hatte dieses Amt bis heute, wurde aber von demselben suspendirt.«

»Alle Wetter! Warum?«

»Er ist arretirt worden.«

Wäre der Schein der kleinen Oellampe auf das Gesicht des Fremden gefallen, so hätte der Wärter bemerken können, daß sein scharf gezeichnetes, verbranntes Gesicht den Ausdruck des höchsten Schreckens zeigte.

»Arretirt? Warum?« erklang nach einiger Zeit die gefaßte Frage.

»Hm! Das ist eine sehr schlimme Angelegenheit! Er wird wohl für lebenslang die Galeere erhalten. Sind Sie etwa ein Freund oder gar Verwandter von ihm?«

»Nein, er geht mich gar nichts an, als daß er mir eine kleine Summe schuldig ist,« log der Fremde.

»Da verzichtet nur! Er ist mit einer Zigeunerin von dem Herrn Maire selbst gefangen genommen worden - -«


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»Mit einer Zigeunerin?« fragte der Fremde rasch.

Der Ton seiner Stimme zitterte und sein Schreck war jetzt jedenfalls noch viel größer als vorher. Der Wärter bemerkte, oder beobachtete dies nicht; er antwortete:

»Ja. Dieses Weib heißt Zarba. Gabrillon hat einen spanischen Grafen, den man wahnsinnig gemacht hat, bei sich festgehalten und die alte Hexe ist seine Mitschuldige.«

»Das ist schlimm, verdammt schlimm!« sagte der Fremde, mehr zu sich selbst, als zu dem Wärter.

»Ja,« meinte dieser. »Man sollte ihnen den Strick geben, anstatt der Galeere!«

»Und was ist mit dem Grafen geworden?«

»Er befindet sich bei dem Herzog von Olsunna, welcher Derjenige ist, durch den die Sache an den Tag kam.«

»Ah, der Herzog befindet sich hier?«

»Ja; er ist todtkrank und wohnt mit seiner Tochter in dem Hause des Schiffers Jean Foretier. Es ist das erste Haus, wenn man von hier nach der Stadt geht. Wie ich Ihnen sagte: Streichen Sie die Schuld aus; Sie erhalten nichts!«

»Und wo ist die alte Frau, welche bei Gabrillon war?«

»Niemand weiß es. Sie ist in der Stadt gewesen, als er verhaftet wurde, und seit dieser Zeit nicht wieder gesehen worden. Sie wird von der Arretur gehört und sich da gleich aus dem Staube gemacht haben. Aber ich muß nach dem Leuchtapparate sehen und habe keine Zeit mehr. Gute Nacht!«

Der Fremde ging und kehrte nach dem Boote zurück. Als man ihn dort allein kommen sah, fragte Der, welcher am Steuer saß:

»Nun, Garbo, wie steht es? Es ist hoffentlich Alles in Ordnung!«

Der Gefragte war also Garbo, der vertraute Zigeuner Zarba's, welcher damals die Ausgrabung der Leiche und die Entfernung Don Emanuel's geleitet hatte. Er antwortete:

»Es ist vielmehr Alles in der verfluchtesten Unordnung! Haltet Euch ruhig! Dieser Gabrillon ist ein großer Esel; er ist arretirt worden, und da Zarba bei ihm war, hat man sie mit eingesteckt.«

Alle Männer in dem Boote waren Zigeuner. Sie erschraken bei der Nachricht, welche sie erhielten, vermieden aber jeden Ausruf, der ihre Anwesenheit hätte verrathen können. Der Steurer erkundigte sich leise:

»Weshalb hat man sie denn arretirt?«

»Man hat entdeckt, daß der Wahnsinnige der Graf ist,« antwortete Garbo und erzählte Alles, was er erfahren hatte.

Die Gitano's hielten nun eine kurze Berathung, deren Ergebniß war, daß man die Königin befreien müsse. Sie zerstreuten sich, um zu recognosciren, und nur Einer blieb bei dem Boote zurück, um dasselbe zu bewachen.

Als sie sich nach einiger Zeit wieder zusammenfanden, war das Ergebniß ihrer Nachforschung ein nicht ganz unbefriedigendes. Diese Leute waren im Nachspüren alle außerordentlich erfahren und gewandt und so wußten sie bereits nach so kurzer Zeit, daß der Wachtmeister des Gefängnisses alle Abende in das Weinhaus gehe


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und erst spät nach Mitternacht heimkehre; seine Familie legte sich zeitig schlafen, und der Schließer, welcher der Einzige war, dem nun die Bewachung des Gefängnisses oblag, pflegte dann eine gegenüberliegende Absynthkneipe zu besuchen, anstatt seinen Pflichten nachzukommen. Garbo hatte sich sogar nach dem Gefängnisse gewagt und sowohl den Wachtmeister, als auch den Schließer gesehen.

Es wurde nun beschlossen, den Ausgang des Gefangenhauses heimlich zu bewachen. Den Wachtmeister wollte man passiren lassen, den Schließer aber einfach niederschlagen oder erwürgen, ihm die Schlüssel abnehmen und dann die Gefangenen befreien.

Dies wurde ausgeführt. Bei der herrschenden Dunkelheit hatte kein Mensch eine Ahnung, daß fünf bewaffnete und entschlossene Männer sich in der Nähe des Gefängnisses befanden. Garbo stand dem Ausgange am Nächsten. Er sah den Inspektor gehen. Später verlöschten die Lichter in der Familienwohnung desselben; dies war das Zeichen, daß die Seinen schlafen gingen.

Nun verging eine halbe Stunde, dann wurde die Thür leise auf- und dann wieder zugeschlossen; der Schließer trat seinen heimlichen Kneipweg an. Er hatte kaum einige Schritte gethan, so legten sich zwei kraftvolle Hände von hinten um seine Kehle, die so zusammengepreßt wurde, daß er keinen Athem holen und keinen Laut ausstoßen konnte. Die Todesangst riß ihm den Mund weit auf und sofort wurde ihm ein Knebel zwischen die Zähne geschoben.

»So ist's gut,« hörte er eine leise Stimme sagen. »Nun brauchen wir ihn wenigstens nicht zu tödten. Schafft ihn bei Seite!«

Er wurde nach einem abgelegenen, Abends nicht besuchten Orte getragen, wo sein leises Röcheln nicht gehört und zum Verräther werden konnte. Die Schlüssel hatte Garbo ihm abgenommen.

Nun drangen die Zigeuner leise in das Gefängniß ein. Sie hatten ein Fenster erleuchtet gesehen; dies war jedenfalls dasjenige des Raumes, in welchem der Schließer eigentlich zu wachen gehabt hatte. Sie begaben sich dorthin und fanden da auf dem Tische ein Zellenverzeichniß, aus welchem sie ganz leicht ersahen, in welcher der Zellen sich die Gesuchten befanden.

Sie wurden herbeigebracht, ohne daß man das geringste Geräusch dabei verursachte. Dann verließen sie das Gefängniß, dessen Schlüssel sie stecken ließen.

Erst jetzt fühlten sich die beiden gefangen Gewesenen frei und Zarba sagte:

»Ich wußte, daß Ihr mich holen würdet und habe es diesem Maire gesagt, daß er nicht die Macht besitzen würde, mich festzuhalten.«

»Ja, Du bist frei,« sagte Garbo. »Aber hier droht uns Gefahr, wir wollen schnell das Boot aufsuchen und dieses Nest verlassen.«

»Ohne den Grafen?« fragte sie, »das fällt mir nicht ein! Ich bin gekommen, um ihn zu holen, und was ich mir vorgenommen habe, das führe ich aus.«

»Wir sind einverstanden!« meinte Garbo für die Anderen.

»Habt Ihr erfahren, wo er sich befindet?«

»Beim Herzog von Olsunna. Ich kenne das Haus.«

»Ah, beim Herzog! Ich konnte es mir denken! Es freut mich, daß er sich an keinem anderen Orte befindet, denn ich habe mit diesem Olsunna abzurechnen. Kommt, wir wollen uns das Haus betrachten, um zu sehen, wie wir hineingelangen!«


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Sie schlichen sich aus der Stadt hinaus und nach der Bucht hin, wo die Wohnung lag, welcher ihr Ueberfall gelten sollte.

Um diese Zeit hatte Otto von der Geliebten und deren Vater Abschied genommen, um nach Hause zu gehen. Am Wege stand eine hohe Ulme, deren Stamm von erhöhtem Rasen umgeben war. Er ging nicht vorüber, sondern setzte sich auf den Rasen. Die Liebe macht träumerisch, und er fand es schön, hier noch ein Wenig an das Glück zu denken, welches seinem Leben so ganz unerwartet eine ganz neue, glanzvolle Wendung gegeben hatte.

So saß er in der Dunkelheit ganz still und allein, mit dem Rücken an den Stamm des Baumes gelehnt. In Folge dieser Stille mußte ihm das geringste Geräusch auffallen, welches auf dem Wege entstand, und so kam es denn auch, daß ihm das leise und vorsichtige Nahen mehrerer Personen auffiel.

Warum gingen diese Leute so leise? Er bückte sich und sah nun sieben Gestalten, welche, indem sie an ihm vorüberhuschten, sich gegen den Himmel abzeichneten. Es war eine Frau dabei; fast hatte es ihm geschienen, als ob sie eine Kleidung trüge, wie er sie bei Zarba gesehen hatte. Zarba! Dieser Name rief alle seine Besorgniß wach. Sie hatte gesagt, daß man sie nicht halten könne. War sie entflohen? War sie von Verbündeten befreit worden? Dann galt ihr heimliches Hierschleichen ganz sicher dem Grafen.

Dieser Gedanke durchschreckte ihn. Er zog die Stiefel aus und huschte ihnen nach. Es gelang ihm, nicht gehört zu werden. Sie hielten vor dem Fischerhause still. Nun war er überzeugt, daß es auf den Grafen abgesehen sei. Er wußte, daß man hinter ihm die Hausthür verschlossen hatte, daß aber die hintere Thür noch offen gewesen war. Schnell schlich er sich nach dem kleinen Gärtchen, stieg über den Zaun und ging nach der Thür. Sie war noch offen. Man hatte keine Veranlassung gehabt, sie zu verschließen.

Er trat in den Flur, schob den großen, hölzernen Riegel vor, so daß nun wenigstens die beiden Eingänge wohl verwahrt waren und die Bewohner des Hauses sich wenigstens für den Augenblick in Sicherheit befanden. Er kannte die Räumlichkeiten alle. Rechts war die Wohnung des Herzogs, welcher heute mit dem Grafen auch hier im Parterre schlief. Links wohnte der Diener und in einem andern Raume Flora's Zofe. Flora selbst schlief in einem Stübchen, welches eine Treppe hoch lag.

Der Diener hatte noch Licht; er war beschäftigt, sich auszukleiden, und seine Thür war noch unverschlossen. Das war Otto lieb, da er es nicht für gerathen hielt, den draußen Lauschenden durch das Anklopfen zu verrathen, daß man auf ihren Besuch vorbereitet sei. Otto trat ein, und der Diener war nicht wenig erstaunt, den Maler, hinter welchem er vor kaum einer Viertelstunde die Thür verschlossen hatte, jetzt hier im Hause wiederzusehen. Er blickte ihn bestürzt an und wollte eine laute Frage aussprechen, da aber kam ihm Otto zuvor.

»Pst!« sagte er leise. »Schweigen Sie! Ich komme durch die hintere Thür wieder zurück. Ich glaube, man hat Zarba und den Leuchtthurmwärter befreit. Draußen stehen sieben Personen, welche jedenfalls die Absicht haben, den Grafen zu entführen.«

Der Diener war Soldat gewesen und ein entschlossener Mann. Er verlöschte


Ende der vierunddreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk