Lieferung 35

Karl May

21. Juli 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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sofort das Licht, damit man von außen nicht bemerken könne, daß man im Hause noch wach sei.

»Ach,« sagte er dann leise. »Wir werden sie empfangen!«

»Haben Sie Waffen?«

»Ja. Zwei Paar Doppelpistolen, welche wir auf unseren Reisen stets bei uns führen. Ich habe sie hier im Kasten.«

»Sind sie geladen?«

»Ja.«

»Gut. Geben Sie mir zwei und nehmen Sie die anderen. Können wir den Herzog benachrichtigen, ohne daß man Geräusch von Außen bemerkt?«

»Ja. Den Schlüssel zum Wohnzimmer habe ja ich, denn ich muß stets dort sein, ehe die Durchlaucht sich erhebt.«

»So wecken Sie. Es ist besser, die Herrschaften sind wach und vorbereitet, als daß sie durch unsere Schüsse erschreckt werden. Auch Donna Flora und die Zofe müssen geweckt werden.«

»Ich werde das besorgen,« sagte der Diener. »Treten Sie einstweilen in die Flur, um Alles zu hören, was geschieht. Hier sind Ihre Pistolen, und hier haben Sie auch einige Patronen.«

Sie verließen das Stübchen leise und trennten sich dann.

Otto lauschte. Er vernahm ein leises Schleichen, und dann probirte man zunächst an der vorderen dann auch an der hinteren Thür. Da der Diener die Thür zum Wohnzimmer des Herzoges, in welches er jetzt getreten war, aufgelassen hatte, so konnte Otto deutlich hören, daß man dort die Läden untersuchte, ob sie fest verschlossen seien.

Unterdessen gelang es, die Schlafenden zu wecken. Die Zofe wurde zu dem Grafen gethan, um diesen zu bewachen; Flora war heruntergeschlichen und traf da auch ihren Vater, welcher eine der Pistolen forderte, um an der Vertheidigung Theil zu nehmen, obgleich er Patient war. Er erhielt von dem Diener eine der Waffen.

Auch Flora verlangte eine Pistole, ließ sich aber von Otto überzeugen, daß diese in der Hand eines geübten Schützen von größerem Werthe sei als in der ihrigen. Da trat sie zu dem offenen Herde und nahm von dort ein großes Messer zu sich. Man konnte nicht wissen, was geschah.

Man schien mit der Untersuchung zu Ende zu sein. Vor der hinteren Thür hörten die Wartenden leise flüsternde Stimmen. Otto schlich sich hin und horchte.

»Ohne Lärm kommen wir nicht hinein,« sagte Einer. »Es ist alles zu fest verschlossen.«

»So müssen wir durch eines der oberen Fenster steigen.«

»Pah! Durch die Fenster eines normannischen Schifferhauses? Die sind ja viel zu klein. Diese Leute bauen ihre Fenster nicht höher als die Kajütenlucken ihrer Schiffe. Nein, wir müssen etwas Anderes finden.«

»Wenn man nur wüßte, wie viel Köpfe das Haus bewohnen!«

Da ließ sich eine weibliche Stimme vernehmen; es war diejenige Zarba's; Otto hörte dies sofort.

»Wer soll denn da wohnen!« sagte sie. »Kein Mensch, den wir zu fürchten hätten. Da ist Gabrillon, der wird es Euch sagen.«


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Gabrillon mußte eben erst hinzugetreten sein, denn es dauerte einen Augenblick, ehe man ihm erklärte, um was es sich handele.

»Ich habe dieses Haus vom Thurme aus beobachtet,« flüsterte er. »Jean Foretier, dem es gehört, hat es dem Herzog ganz überlassen und wohnt bei seinem Nachbar; ihn haben wir also nicht zu fürchten. Hier giebt es nur den Herzog, der ist bereits eine halbe Leiche, er thut uns nichts; ferner seine Tochter und eine Zofe, die werden sich unter die Bettdecken verkriechen und wimmern; endlich giebt es einen Diener, welcher der Einzige ist, mit dem wir zu rechnen haben. Aber wir sind ihm sechsfach überlegen.«

»Da hört Ihr's!« sagte Zarba. »Hört, was ich Euch sage: Diese hintere Thür ist nicht so fest als die vordere; wenn zwei sich dagegen stemmen, so drücken wir sie ein. Wir dringen in das Haus und suchen zunächst Licht. Finden wir dieses, so ist es nicht schwer, auch den Grafen zu finden. Ehe sich die Anderen nur besonnen haben, sind wir bereits fort und wieder auf unserem Boote. Ich freilich darf nicht in das Haus. Euch kennt man nicht, mich aber mehr als genau, und wenn man ahnen wird, daß der Plan von mir ausgeht, so soll man mir es doch nicht beweisen können. Also vorwärts! Macht los, ich warte hier!«

Es vergingen einige Augenblicke, dann stemmten sich von draußen einige kräftige Schultern gegen die Thür. Diese krachte, erst leise, dann stärker und stärker. Otto hatte sich von ihr zurück und zu den Anderen hingeschlichen.

»Sie kommen,« sagte er. »Wir haben acht Kugeln; das genügt vollständig. Doch wollen wir nicht sofort schießen, sondern sie erst anrufen.«

Die Thür wurde vom Riegel gehalten, aber endlich schien er doch nachzugeben. Es prasselte abermals; dann folgte ein lauter Krach, und die Thür flog auf. Die Zigeuner schickten sich an, einzutreten.

»Halt!« rief ihnen da der Maler entgegen. »Was wollt Ihr? Wir schießen!«

»Drauf!« gebot als Antwort Garbo, der Anführer der Zigeuner. »Das ist der arme Wicht, der Diener!«

Sie drangen ein, wurden aber von den Schüssen empfangen, welche erkrachten. Laute Schreie und Flüche erschollen, daneben einige Hilferufe, denen ein schmerzliches Aechzen und Stöhnen folgte. Die Kugeln hatten getroffen.

»Zurück!« hörte man die Stimme Garbo's kommandiren.

Dann vernahm man, daß die noch Unverwundeten davon rannten. Sie ließen die andern im Stiche, sie wagten nicht, sich mit Fortschaffen aufzuhalten, da die Pistolensalve sie auf die Vermuthung gebracht hatte, daß die Vertheidiger zahlreich seien. Diese wiederum sahen von einer Verfolgung ab, die bei dem Dunkel der Nacht keinen Erfolg haben konnte.

Es wurde Licht angebrannt, und nun sahen sie, daß drei Zigeuner im Hause lagen, zwei todt und einer schwer verwundet. Otto eilte nun schleunigst in die Stadt, wo er die Polizei bereits in Aufregung fand. Der Gefängnißinspector hatte bei seiner Heimkehr die Abwesenheit des Schließers und die Flucht der Gefangenen entdeckt und sofort Anzeige erstattet. In Folge dessen fand der Maler den Maire bereits wach und theilte ihm das Geschehene mit.

Der Beamte begab sich nun sofort in Begleitung seiner Gensdarme nach der Wohnung des Herzogs, um dort den Thatbestand aufzunehmen.


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Der verwundete Zigeuner wurde verhört. Seine Verletzung war tödtlich, aber selbst die Nähe des Todes vermochte ihn nicht zu bewegen, ein offenes Geständniß abzulegen. Er hing an Zarba so sehr, daß er kein Wort sprach, welches ihr den geringsten Schaden hätte bereiten können. Nur das sagte er aus, daß der Wahnsinnige wirklich Graf Emanuel Rodriganda sei, den man vom Leuchtthurm habe entfernen wollen. Aber wie der Graf dorthin gekommen sei und wohin er hatte geschafft werden sollen, das sagte er nicht. Er behauptete, es nicht zu wissen.

Er wurde mit den beiden Leichen fortgeschafft und starb noch während der Nacht im Gefängnisse. Von den entflohenen Zigeunern war keine Spur mehr zu finden. Die Polizei vigilirte vergebens nach ihnen; sie wurden nicht entdeckt. Freilich schienen die Nachforschungen nicht sonderlich angestrengt betrieben zu werden. Es handelte sich ja um Ausländer, und dem Maire nebst seinen Vorgesetzten lag nichts daran, von der ganzen Angelegenheit viel Geschrei zu machen; sie konnten nichts dabei gewinnen. Im Uebrigen gaben sich auch der Herzog und Otto zufrieden, den Grafen Emanuel als solchen amtlich ausgewiesen und anerkannt zu sehen. Alles Weitere konnte nur Unbequemlichkeiten für sie mit sich bringen, oder gar ihre Abreise verzögern.

Sie machten vor Gericht ihre Aussagen in Betreff der Abwehr der Zigeuner, und da sie nur in berechtigter Selbstvertheidigung gehandelt hatten, erwuchsen ihnen aus der Tödtung der drei Männer keinerlei Unannehmlichkeiten. Indessen besserte sich die Gesundheit des Herzogs so, daß er nach der von Sternau angegebenen Zeit seine Reise wirklich antreten konnte. Einige Tage Aufenthalt zuerst in Paris und dann auch in Straßburg hatten einen wohlthätigen Einfluß auf ihn, und als er Mainz erreichte, hatte er zwar immer noch ein leidendes Aussehen, aber seine Kräfte waren gestärkt, und er bot einen ganz andern Anblick als bei Beginn der letzten Woche, welche eine so verhängiß- und ereignißvolle gewesen war. - - -

Sternau war, nachdem er die Bucht verlassen hatte, nach Süden gedampft. Er kam glücklich über den, der Seefahrt so gefährlichen Meerbusen von Biscaya, welcher von den Schiffern der Matrosenkirchhof genannt wird. Er legte, um Nachforschungen anzustellen, bei den Cap Verdischen Inseln, bei den Kanarien und den Azoren an, konnte aber nichts erfahren.

Nun ging er direct nach Sanct Helena, wo er seinen Kohlenvorrath ergänzen wollte, und endlich fand er die erste Spur. Auch Kapitän Landola hatte mit seiner »Pendola« hier angelegt, um Wasser einzunehmen, und war dann nach Süden gegangen. Nun stand zu erwarten, daß man in der Capstadt Weiteres von ihm hören werde und darum hielt Sternau nach Cap der guten Hoffnung zu.

Die Yacht »Rosa« befand sich einige Grade nördlich vom Cap, und es war früher Morgen, als Helmers, welcher jetzt nicht mehr Steuermann, sondern Kapitän genannt wurde, in die Kajüte kam, wo Sternau sich befand und ihm meldete, daß in West ein Dreimaster in Sicht sei.

Man hatte einen Neger an Bord, der ein sehr scharfes Auge besaß und das Schiff vom Maste aus mit bloßem Auge eher entdeckt hatte, als es von Helmers mit dem Fernrohre bemerkt worden war.

»Ist es die Pendola?« fragte Sternau.

»Das ist noch nicht zu entscheiden,« antwortete Helmers. »Man erblickt zu-


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nächst nur die Mastspitze. Aber nach der Stellung der Segel scheint es ein Kauffahrer zu sein. Ich werde auf ihn zuhalten lassen.«

Sie gingen mit einander an Deck und nahmen das Rohr zur Hand. Nach der Zeit von einigen Minuten bemerkten sie, daß der Fremde ebenso südlichen Kurs hatte, wie sie, doch kamen sie schneller vorwärts als er, denn sie hatten einen sehr günstigen Wind und konnten das Segelwerk benutzen und da die Dampfkraft unterstützen.

Während sie so mit erhöhter Geschwindigkeit dahinschossen, stieß der Neger, welcher immer noch oben im Top des Mastes hing, einen lauten, scharfen Ruf aus, welcher halb wie Schreck und halb wie Ueberraschung klang.

»Was ist es?« fragte Sternau empor.

»Noch ein Schiff, Massa!« antwortete der Gefragte.

»Wo?«

»Da in West. Aber man kann es nicht gut sehen; es hat schwarze Segel.«

»Schwarze Segel?« fragte Helmers schnell. »Die hat kein anderes Fahrzeug: das ist der schwarze Kapitän!«

Er richtete das Fernrohr nach der Gegend, welche der Neger mit dem ausgestreckten Arme angedeutet hatte, und sah nun allerdings ein zweites Schiff, welches mit vollem Winde auf das erste zuhielt. Die dunkle Farbe seiner Segel machte, daß man es nur schwer erkennen konnte.

»Es ist wirklich der Schwarze!« sagte endlich Helmers mit erregter Stimme.

»Täuschen Sie sich nicht?« meinte Sternau.

»Nein. Dieser Landola ist ein schlauer Schurke. Er hat zweierlei Segeltuch. Wenn er einen Hafen anläuft, so hängt er das weiße an; befindet er sich aber auf hoher See, so braucht er das schwarze. Das Umtauschen verursacht eine riesige Arbeit, aber er scheut sie nicht, da sie zu seiner Sicherheit beiträgt. Wie es scheint, hat er es auf den Kauffahrer abgesehen; er hält gerade auf ihn los.«

»So kommen wir dem Angegriffenen zu Hilfe!« sagte Sternau. »Endlich, endlich habe ich diesen Landola, und ich hoffe, daß er mir nicht entkommen soll!«

Der Kapitän schüttelte mit sehr ernster Miene den Kopf und sagte:

»Wir dürfen nicht vergessen, daß unsere kleine Yacht dem Seeräuber nicht gewachsen ist. Unsere Aufgabe kann nur sein, ihn am Bord zu treffen; bei einem Kampfe auf hoher See können wir ihm zwar großen Schaden machen, aber in die Hand bekommen wir ihn nicht. Doch hoffe ich, daß der Kauffahrer sich wehren wird; dann sind wir Zwei gegen Einen. Ich werde jetzt die Segel beschlagen lassen und den Dampf benutzen, damit er uns so spät wie möglich bemerkt.«

Es wurden nun alle nöthigen Vorbereitungen getroffen. Die Segel, welche man sehr weit sehen konnte, wurden eingezogen und die Geschütze geladen. So schoß das kleine Fahrzeug jetzt unbemerkt dem voraussichtlichen Kampfe entgegen.

Nach einiger Zeit hatte der Seeräuber sich dem Kauffahrer genügend weit genähert. Er zog die rothe Piratenflagge auf und gab durch einen Kanonenschuß das Zeichen, beizudrehen. Der Kauffahrer schien sein Schicksal bereits erkannt zu haben. Er hatte seine ganzen Segel beigesetzt und gab sich alle Mühe, zu entkommen. Eine rasche Schwenkung brachte ihn aus dem Kugelbereich des Piraten; dieser


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aber führte gleich ganz dasselbe Manöver aus und schoß hinter ihm her. Er war ein besserer Segler und holte den Andern bald wieder ein.

Ein zweiter Schuß erdröhnte über die See herüber. Dieses Mal hatte der Pirat scharf geladen; man sah, daß seine Kugel in das Holzwerk des Kauffahrers eindrang und mächtige Splitter aus demselben riß. Ein lauter Jubelschrei erscholl auf dem Seeräuber, und ein lautes Rufen der Wuth antwortete vom Kauffahrer her. Dieser Letztere ließ plötzlich einige Segel fallen und drehte bei, so daß der Pirat an ihm vorüberflog. In diesem Augenblicke kräußelten sich zwei Wölkchen vom Verdeck des Kauffahrers auf, zwei Schüsse krachten, und sogleich sah man, daß eine augenblickliche Verwirrung am Bord des Piraten entstand; die beiden Schüsse hatten getroffen.

»Ach, sehr gut!« rief Helmers. »Der Kauffahrer ist ein Engländer; er hat einige Kanonen an Bord und ist entschlossen, sich seiner Haut zu wehren. Seine Jungens können brav zielen. Vorwärts! Wir nehmen den Räuber von der andern Seite!«

Die beiden Schiffe lagen jetzt einander gegenüber und wechselten Schüsse. Es war klar, daß der Pirat dem Engländer überlegen war, aber eine langweilige Kanonade schien ihm nicht zu behagen. Er setzte plötzlich die vorher eingezogenen Marssegel wieder bei, um den Wind zu fangen und sich mit dem Kauffahrer Bord an Bord zu legen.

»Er will ihn entern!« rief Sternau.

»Ja,« antwortete Helmers. »Aber sehen Sie, daß der Engländer auch ein ganz geschickter Junge ist! Auch er fängt den Wind und dreht sich auf dem Kiele! Er zeigt dem Piraten nur den Bug, grad wie ein Fuchs, der dem Hunde nur die Zähne zeigt. Jetzt gebe ich vollen Dampf; in fünf Minuten sind wir bei ihnen und werden ein lautes Wort reden.«

Die Yacht hatte bisher vermieden, Rauch zu machen und war also von den beiden Schiffen gar nicht bemerkt worden. Jetzt aber zog ein dunkler, langer Streifen aus ihrem Schornstein empor, und sofort erscholl auf dem Engländer ein lauter Ruf der Freude. Auch der Pirat sah jetzt den neuen Gegner, hielt es aber gar nicht für nöthig, den kleinen Zwerg zu beachten, sondern ließ sich in seinem Angriffe nicht im mindesten stören.

Da schoß die »Rosa« bei dem Engländer vorüber. Der Kapitän stand auf dem Quarterdecke und rief herunter:

»Hollah, Yacht! Ist's Hilfe oder nicht?«

»Es ist Hilfe!« antwortete Sternau. »Ergebt Euch nicht!«

»Fällt uns nicht ein!«

Er machte diese Worte sofort wahr, indem er dem Räuber eine neue Salve gab, welche gut gezielt sein mußte, nach den Flüchen zu urtheilen, welche an Deck desselben erschollen. Da hörte man eine laute, zornige Stimme rufen:

»Ruder in See! Kommt an ihn! Fertig zum Entern!«

»Ah, das ist Landola,« sagte Helmers. »Diese Stimme kenne ich. Aber wir werden ihm das Entern sofort verleiden.«

Die Yacht steuerte einen Bogen und hielt dann gerade vor Backbord des


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Piraten. Sie hatte so nahe an demselben beigedreht, daß sie von den Kanonen desselben gar nicht getroffen werden konnte.

»Feuer!« kommandirte jetzt Helmers.

Seine Geschütze krachten und der Räuber erbebte. Die sämmtlichen Kugeln hatten ihn in den Rumpf getroffen.

»So ist's recht!« rief Helmers. »Gebt ihm Kartätschen auf das Deck!«

Während die zwei Mittelgeschütze der Yacht sich bemühten, dem Feinde unter der Wasserlinie ein Leck beizubringen, bestrichen die Drehbassen sein Verdeck mit Kartätschen. Er sah erst jetzt ein, daß der kleine David ein ganz respectabler Gegner sei, und schenkte ihm seine ganze Aufmerksamkeit. Aber seine Geschütze konnten nicht treffen und gegen die Büchsenkugeln hatte Helmers sein niederes Verdeck durch Matten geschützt, welche längs des Bordes aufgehängt waren.

So lag der Pirat zwischen dem Engländer und der Yacht. Beide hielten sich wacker, und er mußte erkennen, daß er sich in keiner angenehmen Lage befand. Es war klar, daß er den Kauffahrer nicht eher bekommen konnte, als bis er die Yacht von sich abgeschüttelt hatte.

»Entert die verdammte Nußschale!« rief er.

In Zeit von einigen Minuten waren zwei seiner Boote herabgelassen und bemannt, um die Yacht anzugreifen.

»Das ist mir recht!« lachte Helmers. »Sie sollen sogleich Wasser trinken.«

Er ließ Rückdampf geben, um freies Ziel zu erhalten, und stellte sich dann selbst an eines der Geschütze. Soeben kam das größere der Boote auf ihn zu. Er zielte höchst sorgfältig und gab Feuer. Die Kugel fuhr in den Bug des Bootes, ging durch die ganze Länge desselben und dann hinten wieder hinaus. Mehrere der Ruderer wurden zerrissen und das Steuer zerschmettert. Das Fahrzeug faßte Wasser und sank. Die Leute sprangen in die See und das zweite Boot eilte herbei, sie aufzunehmen; da aber wurde auch dieses von einer abermaligen Kugel getroffen; es erhielt ein großes Leck und schöpfte Wasser.

»So!« rief Helmers. »Gebt ihnen nun Kartätschen. Sie sollen nicht wieder an Bord kommen!«

Dies geschah und nun erst sah der Pirat ein, daß die kleine Yacht ein gefährlicherer Gegner sei als das englische Vollschiff. Er schnaubte vor Wuth. Man sah ihn droben am Ruder stehen und hörte seine Stimme deutlich.

»Werft Handgranaten hinab!« befahl er. »Wir wollen diesen Zwerg zerreißen.«

Da trat Sternau hinter der schützenden Matte hervor und rief hinauf:

»Henrico Landola, ich grüße Dich von Cortejo in Rodriganda!«

Da erbleichte der Räuber. Er sah sich entlarvt und brüllte:

»Granaten! Schnell, schnell! Dieser Kerl darf uns nicht entgehen!«

Aber Helmers ließ die Maschine arbeiten und zog sich in solche Entfernung zurück, daß die Handgranaten die Yacht nicht erreichen konnten; aber nun lagen sie vor den Mündungen der Kanonen des Piraten, die ihnen gefährlich werden konnten; darum legte Helmers sich vor das Steuer des Feindes, wo ihm nur die Sternkanone desselben beschwerlich werden konnte, und versuchte, das Steuer zu zerschießen. Gelang dies, so war der Pirat manövrir unfähig gemacht. Dies sah Landola ein.


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Er zog die Segel auf und trachtete, die Yacht in Grund zu segeln, doch wich sie ihm hurtig und geschickt aus.

Unterdessen war auch der Engländer thätig gewesen. Er war zwar mehrfach beschädigt, aber auch seine Kugeln hatten bedeutende Spuren zurückgelassen. Dadurch, daß der Pirat seine Aufmerksamkeit und seine Kräfte theilen mußte, kam er in Nachtheil. Von einem Entern des Kauffahrers war keine Rede mehr und als jetzt die Yacht alle ihre Schüsse nach seinem Steuer richtete, sah er sich bedroht, kampfunfähig gemacht zu werden. Er zog also alle seine Segel auf und ging unter dem Winde davon, nachdem er dem Engländer noch eine ganze Breitseite in den Rumpf geschossen hatte.

Am Bord des Kauffahrers erhob sich ein lautes Jubelgeschrei, und als jetzt die Yacht sich ihm näherte, um an seinem Fallreep anzulegen, wurde sie mit freudiger Dankbarkeit begrüßt.

Sternau ging mit Helmers an Bord des geretteten Schiffes.

»Das war Hilfe zur rechten Zeit, Sir!« rief ihnen der Kapitän zu, indem er ihnen die Hände reichte. »Ihre Yacht ist ein verdammt kleiner Held!«

»Und Sie selbst sind auch kein Feigling, Sir!« antwortete Sternau.

»Pah, ich that meine Schuldigkeit! Aber ich bin doch neugierig, ob der Kerl mich wieder angreifen wird!«

»Das läßt er sicherlich bleiben, denn ich würde Ihnen wieder Gesellschaft leisten.«

»Ah, das klingt ja, als ob Sie mich begleiten wollten!«

»Nicht Sie, sondern ihn werde ich begleiten. Ich habe diesen Kerl bereits seit Wochen gesucht und werde ihn nicht wieder aus dem Auge lassen.«

»Wirklich?« fragte der Kapitän verwundert. »Haben Sie mit ihm vielleicht eine kleine Rechnung abzuschließen?«

»O, nicht ein kleine, sondern eine ziemlich große. Aber sagen Sie, Sir, gehen Sie vielleicht nach der Kapstadt?«

»Ja.«

»So thun Sie mir den Gefallen und melden Sie, daß Sie mit dem »Lion«, Kapitän Grandeprise, gekämpft haben, daß aber diese Namen falsch sind. Das Schiff heißt »La Pendola« und der Kapitän ist ein Spanier Namens Henrico Landola. So wird man ihn greifen können. Ich werde so thun, als ob ich in Ihrem Kielwasser auch nach der Kapstadt gehe; er wird sich dann sicher fühlen und nicht vermuthen, daß ich ihm folge.«

»Aber, was haben Sie mit ihm, Sir?«

Sternau erzählte ihm so viel, als er für nöthig hielt, und kehrte dann auf die Yacht zurück, welche nach Süd dampfte, während der Räuber den Kurs nach Südwest einhielt. Als er sich so weit entfernt hatte, daß von seinem Verdecke aus die Yacht selbst mit dem besten Fernrohre nicht mehr zu erkennen sein konnte, schlug Helmers dieselbe Richtung ein.

»Nun weiß ich, wie er zu fassen ist,« sagte er zuversichtlich.

»Wie?« fragte Sternau.

»Er weiß, daß Sie ihn kennen, und er denkt, daß wir nach dem Kap fahren und dort Alles erzählen. Sein Geheimniß ist verrathen und er darf sich also da nicht


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sehen lassen. Er wird nach Amerika gehen, um sich und das Fahrzeug unkenntlich zu machen. Dazu giebt es keinen passenderen Ort als die westindischen Inseln. Dort werden wir ihn treffen.«

Daß diese Ansicht richtig war, zeigte sich bald. Die Yacht heftete sich an den Räuber und bemerkte bereits am nächsten Tage, daß er den Kurs nach Amerika verlegte. Sie eilte ihm voraus, um ihn in dem verworrenen westindischen Inselmeere zu erwarten. -

Während also Sternau nach Amerika und der Herzog von Olsunna auf der Eisenbahn nach Deutschland dampften, glaubten die Bewohner von Rheinswalden sicher nicht, daß ihnen eine große Gefahr drohe, und dennoch war es so.

Zu Genheim bei Bingen saß Graf Alfonzo am Fenster und blickte hinaus auf die vor ihm sich ausbreitenden Gärten und Felder. Er war so lange krank gewesen, trug auch jetzt noch den Arm in der Binde, fühlte sich aber sonst so ziemlich wohl und hergestellt.

In seiner Nähe stand Gerard Mason. Auch er trug den Arm noch in der Binde; der Schlag der Eisenbahnschiene war doch schlimmer gewesen, als er es vorher eingestanden hatte; doch konnte ihn das jetzt nicht mehr hindern, für seinen gegenwärtigen Herrn thätig zu sein. Er empfing eben jetzt einen Befehl desselben. Er sollte sich nämlich nach Rheinswalden begeben und Erkundigungen einziehen.

Graf Alfonzo schärfte ihm alle Details ein und machte ihn besonders darauf aufmerksam, daß er ja mit dem Jägerburschen des Oberförsters bereits bekannt sei, und sich nur an diesen zu wenden brauche.

Gerard fuhr mit der Bahn nach Mainz und ging von da zu Fuß nach Rheinswalden, um sich das Opfer anzusehen, welches unter seinen Händen sterben sollte. Das Glück war ihm günstig, denn als er so die Straße durch den Wald dahinschritt, trat Ludewig zwischen den Bäumen hervor und erkannte ihn sogleich.

Sie begrüßten sich und unterhielten sich, neben einander hinschreitend, zunächst über den Eisenbahnunfall. Dies gab dem Franzosen Gelegenheit, von den Verletzungen zu sprechen, die er und sein Herr erlitten hatten. Er habe gehört, daß es auf Rheinswalden einen Doktor Sternau gebe, der ein sehr großer Arzt sei; zu ihm wolle er gehen, um sich noch einmal untersuchen zu lassen, ob sein Arm richtig behandelt worden sei. Auch kenne er den Herrn Doktor bereits von Paris aus.

Er erfuhr nun von dem redseligen Ludewig, daß Sternau nicht mehr hier sei. Der Jagdgehilfe freute sich, einmal so recht von der Leber weg sprechen zu können und erzählte Alles, was er von den Bewohnern des Schlosses wußte. So erfuhr denn der Garotteur von Rodriganda, von Cortejo, von Henrico Landola, der jetzt gesucht werde, von Sternau und Helmers, welche zur See waren.

Sonderbar! Alle diese Namen standen in dem Notizbuche, welches Gerard Mason sich abgeschrieben hatte. Dieses Buch mußte mit all' diesen abenteuerlichen Begebenheiten in direkter Beziehung stehen. Es lag ihm sehr daran, den Zusammenhang zu erfahren, doch handelte es sich zunächst nur noch darum, Gräfin Rosa zu sehen, um sein Opfer genau kennen zu lernen.

Darum sagte er dem Jäger, daß er wenigstens Frau Sternau sprechen wolle, da der Doktor nicht selbst zugegen sei, und als sie Rheinswalden erreichten, meldete ihn Ludewig an. Frau Sternau, ihre Tochter und Rosa befanden sich in der


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Wohnung der Ersteren, als Ludewig sagte, daß ein Franzose aus Paris sie zu sprechen wünsche; es sei derjenige, der damals bei dem Eisenbahnunfalle von der Schiene verletzt worden sei. Der Fremde erhielt die Erlaubniß, einzutreten; als er sich dreien Damen gegenüber erblickte anstatt nur einer, überkam ihm eine Art von Verlegenheit, doch überwand er dieselbe und machte eine ziemlich gelungene Verbeugung.

»Verzeihung, Madame« sagte er zu Frau Sternau. »Ich wollte eigentlich mit dem Herrn Doktor Sternau sprechen - -«

»Der ist leider verreist,« sagte sie in französischer Sprache freundlich zu ihm.

»Ich hörte es; aber ich bringe ein Herz voll Dankbarkeit mit, welche ich Ihnen zu Füßen legen möchte, da der Herr Doktor nicht selbst anwesend ist.«

»Ah, Sie kennen ihn? Sie sind Franzose, wie mir der Diener sagte?«

»Ja.«

»Und wohnten in Paris?«

»Allerdings.«

»So hat er Ihnen gewiß in einer Krankheit beigestanden?«

»Nein. Hat der Herr Doktor Ihnen nicht erzählt von der armen Annette Mason?«

»Ich kenne den Namen nicht.«

»Welche sich in die Fluthen der Seine stürzte?«

»Nein. Mein Gott, welch' ein armes Kind!«

»Und der er nachsprang, mitten in der dunkelsten Nacht und an einer der tiefsten und gefährlichsten Stellen?«

»Kein Wort hat er davon erzählt! Er ist ihr nachgesprungen?«

»Ja, und er hat sie herausgeholt und auf seinen eigenen Armen zu einer braven Frau getragen. Und dann hat er ihr bei dem Professor Letourbier eine gute Condition verschafft. Das Alles hat er gethan.«

»Und davon wissen wir nichts, gar nichts!«

»Nun bin ich zufällig in der Nähe, und so kam ich, um ihn einmal zu sehen und zu danken. Wie schade, daß ich ihn nicht sprechen kann!«

Rosa hatte sich erhoben und war ihm nahe getreten. Ihr schönes Angesicht strahlte von Glück über die Heldenthat, welche von dem geliebten Manne berichtet wurde.

»Sie müssen ein braver Mann sein, da Sie so dankbar sind,« sagte sie. »Wann ist das geschehen, was Sie hier erzählen?«

»Kurz vor seiner Abreise von Paris nach hier.«

Er blickte in dieses Auge und fühlte sich überwältigt von dem Strahle, welcher aus demselben drang. Das war seine Frau; das war Rosa de Rodriganda, die er verschwinden lassen sollte! Nie, niemals!

»Wir danken Ihnen! Sie haben uns mit Ihrer Erzählung eine sehr große Freude bereitet. Könnten wir Ihnen irgend eine Bitte erfüllen?« sagte sie.

»Ich habe keinen Wunsch, als daß es Ihnen stets wohl gehen möge, gnädige Frau.«

»lch danke, mein Freund!«

»Es giebt Einige, welche Ihnen das Gegentheil wünschen - -«


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»Warum denken Sie dies?«

Er konnte den Blick nicht von ihr wenden; er wurde von ihrem Anblicke immer mehr berauscht und fuhr fort:

»Es giebt sogar Leute, welche Ihnen nach dem Leben trachten.«

»Mein Gott!« rief sie, erschrocken zurückweichend.

»Ja, es giebt Leute, welche Mörder dingen und bezahlen, um Sie und den Herrn Doctor verschwinden zu lassen, aber Gott hat Sie in seinen besonderen Schutz genommen; er wird nicht zugeben, daß Ihnen ein Haar Ihres Hauptes gekrümmt werde.«

»Sie erschrecken mich! Wovon sprechen Sie?«

»Ich will es Ihnen sagen, Madame,« antwortete er, ganz trunken von der Nähe eines so herrlichen Weibes. »Hier in der Nähe wohnt Graf Alfonzo de Rodriganda unter einem falschen Namen; er hat aus Paris einen Mörder mitgebracht, der Sie tödten soll, aber dieser Mann ist nur mit nach Deutschland gegangen, um Sie zu warnen. Mehr kann ich nicht sagen. Adieu!«

Ehe ihn Jemand halten oder noch eine Frage vorlegen konnte, war er verschwunden. Die drei Damen standen einander regungslos gegenüber.

»Was war das?« fragte Rosa.

»Gott, bin ich erschrocken!« seufzte die Mutter.

»Ist das Wahrheit oder eine Mystification?« fragte Fräulein Sternau.

»Das war Wahrheit!« sagte Rosa.

»Ja, dieser Mann war kein Lügner!« stimmte Frau Sternau bei.

»Aber wer war er?«

»Er nannte den Namen seiner Schwester, Annette Mason.«

»War er selbst der gedungene Mörder?«

»Seine Worte machen es wahrscheinlich!«

»Also der Graf ist in der Nähe!«

»Aber wo?«

»Mein Kind, rufe einmal Ludewig!« sagte die bedachtsame Mutter.

Die Tochter rief den Gehilfen. Er erschien augenblicklich.

»Wissen Sie, wie der Mann heißt, den Sie jetzt zu uns brachten?« fragte Frau Sternau.

»Nein.«

»Auch nicht, was er ist?«

»Er ist Diener.«

»Bei wem?«

»Bei einem italienischen Marchese.«

»Wo befindet sich dieser?«

»Beim Lehrer Wilhelmi in Genheim.«

»Bei Wilhelmi? Wie kommt ein Marchese in das Schulhaus?«

»Er hat beim letzten Unglück den Arm gebrochen, und der Arzt ließ ihn hinschaffen.«

»Hast Du ihn gesehen?«

»Nein.«

»Oder gehört, ob er jung ist oder alt?«


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»Nein.«

»Hm! Laß anspannen!«

»Sogleich?« fragte er, da er sah, daß es sich um etwas Wichtiges handeln müsse.

»Sofort!« beschied sie ihn.

Ludewig eilte hinaus, und Rosa frug die Mutter:

»Sie wollen ausfahren?«

»Ja, und Sie sollen mit.«

»Wohin?«

»Nach Genheim, um uns diesen Marchese anzusehen.«

»Das ist auffällig, Mama!«

»Nein. Der Lehrer ist ein Cousin von mir.«

»Und wenn es der Graf wäre, der sich bei ihm befindet?« fragte Rosa besorgt.

»So lassen wir ihn auf der Stelle festnehmen!«

»Aber die Gefahr, in welche wir uns begeben! Ich habe einen anderen Vorschlag.«

»Welchen?«

»Wir fahren nach Mainz zum Staatsanwalt und nehmen denselben mit.«

»Kind, das ist ein sehr kluger Einfall. Wir machen schnell Toilette, daß wir keinen Augenblick versäumen.«

»Ist Eile so dringend nöthig?«

»Ja, sonst fliegt der Vogel aus.«

»Gerade jetzt?«

»Gewiß. Dieser brave Mann ist ehrlich. Er hat uns gewarnt, aber er wird es auch dem Grafen sagen, daß er uns gewarnt hat. Und was dann geschieht, das kann man sich denken.«

»Er wird sofort abreisen.«

»Und lieber alles Andere im Stiche lassen, denn wenn er festgenommen würde, so hätte er sein ganzes Spiel verspielt. Darum müssen wir eilen!« -

Gerard hatte das Zimmer und das Schloß verlassen und wollte nach Mainz zurückkehren; aber er war so entzückt, so aufgeregt, daß er beschloß, nicht die Straße zu gehen, sondern quer mitten durch den Wald die Einsamkeit zu genießen.

So wanderte er langsam in der angenommenen Richtung weiter, als er plötzlich eine Blöße erreichte, auf welcher ein einsames Häuschen stand. Es war die Wohnung des Waldhüters Tombi.

Dieser stand vor derselben und baute an einem der Läden herum, als er den Fremden kommen sah. Beide standen und blickten einander an.

Spätauflage

»Wer sind Sie?« fragte Tombi.

»Ein Fremder, der durch den Wald nach Mainz will,« antwortete Gerard. »Und wer sind Sie?«

»Ich bin Forsthüter.«

»Bei wem?«

»Beim Herrn Hauptmann von Rodenstein. Haben Sie es nothwendig, daß Sie grade durch den Wald schneiden wollen?«

»Nein; es war eine kleine Laune von mir.«


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»Sie sprechen das Deutsche recht fremd?«

»Sie auch!«

»Ich bin Franzose.«

»Ah, und ich Spanier.«

»Spanier? Ist's wahr?«

»Ja, ich bin ein spanische Zigeuner.«

Gerard dachte sofort an das geschriebene Notizbuch. Was der Waldhüter las, erfuhr sicherlich Niemand, denn wer bekümmerte sich um einen Zigeuner.

»Darf man bei Ihnen ein Bischen ausruhen?« fragte er daher.

»Gewiß! Kommen Sie mit herein in die Stube.«

Sie traten ein und unterhielten sich dort über alle möglichen Gegenstände. Der Waldhüter erzählte, daß er trotz seiner Jugend in Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland, Polen und anderen Ländern gewesen sei, und da fragte Gerard:

»Aber sprechen Sie denn auch die Sprachen dieser Länder?«

»So ziemlich.«

»Und schreiben und lesen?«

»Leidlich.«

»Lesen Sie spanisch?«

»Ja.«

»Ich habe da ein altes Heft gefunden, welches spanisch sein muß. Wollen Sie es einmal ansehen?«

»Zeigen Sie.«

Gerard gab dem Hüter das Buch hin, welches er stets bei sich stecken hatte, und dieser nahm und las es. Je weiter er hinein kam, desto eifriger wurde er, bis endlich, als er ganz fertig war, er es ganz ruhig in seine eigne Tasche steckte.

»Nun?« fragte Gerard.

»Es ist spanisch.«

»Was ist der Inhalt?«

»Das ist nichts für Sie!«

»Oho! Sie haben wohl die Güte, mir das Heft zurückzugeben?«

»Nein, diese Güte werde ich nicht haben.«

Da richtete sich Gerard, der Garotteur langsam auf und fragte:

»Darf ich erfahren, warum Sie mir die Rückgabe verweigern?«

»Weil dieses Heft nicht Ihr Eigenthum ist,« antwortete Tombi gleichmüthig.

»Ach! Wem sollte es denn sonst gehören?«

»Dem Grafen Alfonzo de Rodriganda. Ich sehe es aus dem Inhalt.«

»Nun gut, so habe ich es ihm wiederzugeben, denn er hat es verloren.«

»Das ist nicht wahr!«

»Nicht wahr?« rief Gerard zornig. »Mein Herr, reizen Sie mich nicht; ich bin nicht gewohnt, Widerstand zu finden.«

»So haben wir Beide ganz dieselben Gewohnheiten, wie es scheint,« sagte Tombi ruhig. »Eine solche Handschrift hat kein Graf; man sieht, daß dies hier nur eine Abschrift ist. Sie haben das Buch gefunden und abgeschrieben. Dem Grafen gaben Sie das Original zurück, die Abschrift aber behielten Sie, um Sie zu verwerthen.«


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Der einfache Waldhüter stand wie ein Examinator vor dem riesigen Garotteur. Dieser blickte ihn mit zornig glühenden Augen an und sagte:

»Und selbst wenn es so wäre, gehörte doch diese Abschrift mir. Sie ist ein Produkt meiner Arbeit, und Sie werden sie mir herausgeben!«

»Nein, das werde ich nicht!« antwortete Tombi.

»So werde ich Sie zu zwingen wissen!« rief Gerard, indem er die mächtigen Fäuste ballte und drohend erhob.

Da lächelte der Waldhüter und sagte:

»Sie kennen mich nicht, sonst würden Sie in einem anderen Tone mit mir sprechen. Aber im Gegentheile habe ich das Glück, Sie zu kennen, und das kommt mir sehr zu statten. Sie werden nie wagen, die Hand an mich zu legen. Ich erkannte Sie sofort, als ich Sie sah, obgleich ich mich wunderte, Sie hier in Deutschland zu sehen.«

»Ach, wirklich? Sie wollen mich kennen?« fragte Gérard erschrocken.

»Ja. Sie sind ein Schüler unsers famosen Friseurs, den wir Papa Terbillon nennen. Habe ich recht?«

Mason trat einen Schritt zurück und rief:

»Bei Gott, Sie kennen Terbillon!«

»Ja. Sie sind Gerard Mason, der berühmte Garotteur.«

Gerard erbleichte, Tombi aber fuhr in beruhigendem Tone fort:

»Erschrecken Sie nicht; wir sind ja Freunde! Papa Terbillon gehört zu uns. Ich bin Zigeuner; ich bin Tombi, der Sohn der Mutter Zarba. Sie kennen sie doch?«

»Zarba?« sagte der Franzose erstaunt. »O, wer sollte diese nicht kennen! Sie ist überall und nirgends; sie ist nicht die Königin der Zigeuner, sondern sie beherrscht alle Leute, welche vom Gesetze aus der Gesellschaft gestoßen sind.«

»Ja; sie hat ein Verzeichniß aller ihrer Verbündeten; Ihr Name, Monsieur Gerard, ist auch mit dabei. Ich war längere Zeit in Paris; daher kenne ich Sie. Sie wissen nun, daß Sie mir vertrauen können. Wie sind Sie zu diesem Buche gekommen?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Warum nicht?«

»Ich habe nicht das Recht, einem Manne zu schaden, dem ich jetzt diene. Sollte ich aber seinen Dienst verlassen, so bin ich bereit, Ihnen Alles mitzutheilen.«

»Gut! Sie sind mir sicher. Ich will nicht forschen, was Sie nach Deutschland führt; es hat ein jeder das Recht, seine Geheimnisse zu bewahren. Muß ich es dennoch später wissen, so werden Sie es mir doch sagen. Für jetzt genügt mir der Besitz dieses Buches, welches für mich sehr wichtig ist, und ich bin überzeugt, daß Sie es mir nun, da Sie mich kennen, freiwillig überlassen werden. Wie lange gedenken Sie sich in Deutschland aufzuhalten?«

»Ich reise baldigst ab.«

»So weiß ich, daß Sie bald in Paris zu finden sind.«

»Ja. Das Buch lasse ich Ihnen. Der Sohn Zarba's, der zukünftige König der Gitanos hat das Recht, eine solche Rücksicht zu fordern. Haben Sie sonst noch einen Wunsch oder einen Befehl?«


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»Nein. Lassen Sie uns also als Freunde scheiden, nachdem wir uns einen Augenblick lang scheinbar als Feinde gegenüber gestanden haben!«

Sie nahmen Abschied von einander.

Als der Franzose die Hütte verlassen hatte, schlug Tombi das Buch abermals auf, überflog den Inhalt und sagte mit triumphirender Miene:

»Welch' ein Zufall! Welch' ein Glück! Da kommt dieser Mason, der mich nicht erkannt hat, weil ich in Paris falsche Frisur trug, aus Frankreich nach Deutschland; er weiß nicht, welchen Schatz er besitzt, und giebt mir mit demselben den Schlüssel zu dem Räthsel, welches wir bisher vergebens zu lösen trachteten! Jetzt endlich ist es in unsere Hand gegeben, klar zu blicken und mit der Rache zu beginnen. Das muß ich sofort Zarba melden!« -

Auch Gerard wunderte sich über das Zusammentreffen, obgleich es ihm bereits oft begegnet war, daß er in einem scheinbar völlig fremden Menschen ein Mitglied jener großen Verbrüderung kennen gelernt hatte, welche sich über ganze Länder verbreitet hatte und zu der auch Zarba mit den Ihrigen gehörte.

Er ging durch den Wald und dachte an Rosa. Dieses herrliche Weib hatte einen tiefen, nicht sinnlichen, sondern ethischen Eindruck auf ihn gemacht. Diese Frau sollte es werden? Nein und abermals nein! Sie war ja noch dazu die Frau desjenigen Mannes, der seine Schwester vom Tode des Ertrinkens errettet hatte.

Aber an seinem gegenwärtigen Herrn wollte er auch nicht zum Verräther werden. Er war ein gewaltthätiger Mensch, der vor keinem Raube, vor keinem Morde zurückbebte, aber eine Lüge machte er nicht gern. Darum beschloß er, seinem Herrn Alles zu sagen.

Er kam erst am Abende spät nach Hause. In dem Zimmer des Grafen war kein Licht; dieser befand sich bei der Familie des Lehrers,

»Ach!« dachte der Garotteur. »Das paßt! Tödte ich die schöne Frau nicht, so komme ich um die Summe, welche ich noch zu erhoffen habe. Dieser sogenannte Marchese d'Acrozza ist ein Schurke; ich trete aus seinem Dienst, und dann ist es keine Untreue, wenn ich mich ein Wenig bezahlt mache.«

Er schlich sich also leise zur Wohnung Alfonzo's empor und brannte das Licht an. Da stand der Handkoffer, in welchem die Werthsachen aufbewahrt wurden; der Schlüssel steckte an. Gerard öffnete und sah eine gefüllte Brieftasche, deren Inhalt er untersuchte. Sie enthielt sechzigtausend Franken. Daneben lagen zwei Beutel, mit Goldstücken gefüllt.

»Ach, eine schöne Summe!« schmunzelte der Garotteur. »Jetzt kann ich Hochzeit machen und ein ehrlicher Mann werden. Wie wird sich mein Mädchen freuen! Ja, es ist kein Verbrechen, dieses Geld zu nehmen. Der Marchese, der sicherlich nicht Acrozza sondern Rodriganda heißt, benutzt es, um Verbrechen auszuführen; ich aber benutze es, um glücklich zu sein und glücklich zu machen. Her damit!«

Er steckte Alles zu sich, verschloß den Koffer, verlöschte das Licht und schlich sich leise wieder zur Treppe hinab. Nun erst that er, als ob er jetzt von seinem Ausfluge zurückkehrte. Er trat unten ein und wurde von seinem Herrn bedeutet, ihm nach oben zu folgen. Als sie aber aus dem Wohnzimmer des Lehrers in den Hausflur traten, sagte er zu Alfonzo:


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»Monsieur, gehen wir nicht hinauf in das Zimmer! Was wir zu sprechen haben, das eignet sich am Besten für die dunkle Nacht.«

Er trat hinaus in das Freie und Alfonzo folgte ihm. Als sie sich nun überzeugt hatten, daß kein Lauscher vorhanden sei, fragte Alfonzo:

»Warum führst Du mich nach hier? Was giebt es so Geheimnißvolles?«

Der Gefragte stellte sich breitspurig vor ihn hin, steckte die Hände in die Taschen, in welchen sich das Geld befand, und sagte im Vollgefühl eines reichen Mannes, der mit einem armen Schlucker spricht:

»Sehr Vieles giebt es, sehr Vieles, was Sie gar nicht erwarten werden, Monsieur. Unsere Mission ist nämlich gescheitert.«

»Alle Teufel! Ist Rosa de Rodriganda nicht in Rheinswalden?«

»Sie ist da. Ich habe aber von meinem Bekannten, dem Jäger, so Vieles gehört, was der Sache eine ganz andere Wendung giebt.«

»So rede!« gebot Alfonzo drängend.

»Hören Sie zunächst, daß Rosa de Rodriganda verheirathet ist!«

»Alle Teufel!« rief der Graf. »Mit wem?«

»Mit Herrn Doctor Sternau. Und dieser ist verreist, um einen Seekapitän Landola aufzusuchen.«

»Tollheit!« sagte Alfonzo; seiner zitternden Stimme war der Schreck leicht anzumerken.

»Warten Sie, Monsieur; es kommt noch toller! In Rheinswalden weiß man, daß ein gewisser Graf Alfonzo de Rodriganda von Spanien nach Deutschland gekommen ist.«

»Bist Du verrückt?«

»Nein,« kicherte der Franzose listig; »man hat mir kein Gift gegeben, wie der Gräfin Rosa, ich bin also noch nicht wahnsinnig.«

»Mensch!« brauste Alfonzo auf.

»Pst, Monsieur, lassen Sie uns leise reden!« warnte Mason in überlegenem Tone. »In Rheinswalden weiß man sogar, daß dieser Don Alfonzo sich bereits in Deutschland befindet, ja daß er hier unter dem Namen eines Marchese d'Acrozza bei einem Lehrer wohnt.«

Alfonzo antwortete nicht. Er brauchte einige Zeit, um sich zu sammeln; dann sagte er:

»Ist das möglich?«

»Ja. Ich glaube sogar, daß man bereits unterwegs ist, um diesen Alfonzo, der aber ein geborener Cortejo ist, festzunehmen.«

Da verrieth sich der Spanier, indem er sagte:

»Pah, sie mögen kommen! Sie werden mich nicht erkennen, denn ich trage ja die Maske, welche mir Papa Terbillon angefertigt hat!«

»O, diese Maske ist bereits sehr hinfällig geworden, Monsieur. Die Schminke entfärbt sich; die Falten trocknen aus, und der Bart wird von dem natürlichen Haare, welches nachwächst, losgestoßen. Ein leidlicher Polizist wird sofort erkennen, daß alles Kunst ist; ich bin überzeugt davon.«

»So gehen wir von hier fort und suchen einen sicherern Ort. Ich verlasse Deutschland nicht eher, als bis diese Rosa todt ist!«


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»Sie wird nicht sterben; sie ist bereits gewarnt, Monsieur.«

»Ah! Wer sollte sie gewarnt haben? Es weiß Niemand von unserem Vorhaben!«

»Ich selbst habe sie gewarnt,« sagte Gerard aufrichtig.

»Du?« fragte Alfonzo. »Mensch, was fällt Dir ein, Spaß mit mir zu treiben!«

Da trat der Franzose näher, legte ihm seine mächtige Faust auf die Schulter und sagte:

»Monsieur, hören Sie, daß ich im Ernste zu Ihnen spreche! Ich bin Gerard Mason, der Garotteur; man kennt mich in meinen Kreisen als einen braven Kerl, mit dem nicht gut zu spaßen ist. Dieser Doctor Sternau hat meine Schwester mit eigener Lebensgefahr aus der Seine gefischt; ich bin ihm Dankbarkeit schuldig, und ich werde es nicht dulden, daß ihm oder einem der Seinigen ein Haar gekrümmt werde. Sie wollen seine Frau tödten, die für Ihre Schwester gilt. Wir stehen uns gleichberechtigt gegenüber. Sie sind weder ein Marchese, noch ein Graf. Ich bin Gerard Mason, der Garotteur, und Sie sind Alfonzo Cortejo, der Betrüger, Giftmischer und Mörder. Wir sind uns vollständig ebenbürtig, und ich sage Ihnen, daß Doctor Sternau mit all den Seinen unter meinem Schutze stehen. Ich stand bis zu diesem Augenblicke in Ihren Diensten und werde nicht hinterlistig an Ihnen handeln. Ich habe die Familie Sternau's zwar gewarnt, aber ich habe Sie nicht verrathen. Sie haben vollständig Zeit zur Flucht. Kehren Sie augenblicklich nach Spanien zurück! Ich werde Frau Sternau überwachen und beschützen und sage Ihnen: geschieht ihr das geringste Leid von Ihnen, so sterben Sie unter den unerbittlichen Fäusten des Garotteurs. Denken Sie nicht, daß Sie mächtiger sind, als ich es bin. Ihre Macht bestand in dem Gelde. Sie haben keins mehr; diese Macht befindet sich jetzt in meinen Händen. Vergessen Sie ja nicht, was ich Ihnen sagte; ich werde Wort halten! Leben Sie wohl, Monsieur!«

Er preßte mit seiner Faust die Schulter Alfonzo's, daß diesem ein lauter Schmerzensschrei entfuhr und trat zurück - er verschwand im Dunkel des Abends.

Alfonzo stand da, als hätte ihn der Schlag gerührt. Alles, Alles war vergebens! Er erkannte, daß mit diesem schrecklichen Manne nicht zu spaßen sei.

»Diese Macht befindet sich jetzt in meinen Händen? Was wollte er damit sagen?«

Mit diesen Worten kehrte er in das Haus zurück und begab sich nach seinem Zimmer. Dort angekommen, zündete er die Lampe an und öffnete den Koffer. Mit einem Rufe des Schreckens fuhr er zurück.

Fort! Alles fort!

»Fort! Alles fort! Die Brieftasche und die Beutel! Sechzigtausend in Scheinen und zehntausend in Gold! Dieser Dieb!«

Er starrte mit weit offenen Augen auf die leeren Stellen, an denen sich das Verschwundene befunden hatte und murmelte:

»Es bleiben mir noch höchstens dreihundert Franks, welche ich zufälliger Weise in meiner Börse habe. Ich muß fliehen, sogleich, sogleich! Er sagte ja, daß die Verfolger bereits unterwegs seien. Aber diese kleine Summe wird reichen, bis ich zu einem Bankier komme, dem ich mich ohne Gefahr vorstellen kann. Glücklicher


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Weise habe ich meine Legitimationen nicht im Portefeuille gehabt, sonst wären auch sie verschwunden.«

Er packte in den Koffer, was unumgänglich nothwendig war, und verließ dann heimlich das Haus. Er verschwand ebenso im Dunkel der Nacht wie vorhin der Garotteur. Rosa Sternau war einer großen Gefahr entgangen.

Nur zwei Stunden später erschien der Mainzer Staatsanwalt in Begleitung mehrerer Gensd'armen im Schulhause, wo sich Alles bereits zur Ruhe gelegt hatte. Die Familie des Lehrers wurde geweckt, aber als man die Stube des Marchese untersuchte, fand man die überzeugendsten Beweise, daß Beide, er und sein Diener, die Flucht ergriffen hatten. Es wurden sofort alle Maßregeln ergriffen, ihrer habhaft zu werden, aber vergebens; sie waren glücklich entkommen. - -

Einige Tage später brachte der Rheindampfer, welcher in Mainz anlegte, einige fremde Passagiere, welche sich nach dem vornehmsten Hotel der Stadt begaben. Es war ein älterer und ein junger Herr, eine Dame von ungewöhnlicher Schönheit und dann noch ein männlicher und ein weiblicher Domestike.

Der alte Herr schien schwer krank gewesen zu sein, ging aber jetzt aufrecht und hatte ein höchst distinguirtes, gebieterisches Ansehen. Den jüngeren Herrn konnte man für einen Künstler halten, und der Dame sah man es an, daß sie es gewöhnt sei, sich in den exclusiveren Kreisen zu bewegen.

Es war der Herzog von Olsunna, Flora, seine Tochter, und Otto von Rodenstein, der Verlobte derselben. Sie erkannten, daß ihre Ankunft hier den Beginn einer großen Entscheidung bilde. Besonders bewegt war der Maler, dessen kindliche Liebe beim Anblicke der heimathlichen Gegend doppelt stark angeflammt war. Er wollte nichts von einem Zustande banger und aufreibender Ungewißheit wissen, und darum diktirte der Herzog seiner Tochter, sobald sie kaum es sich in der Hotelswohnung bequem gemacht hatten, folgendes Billet in die Feder:

      »An Frau Rosa Sternau in Rheinswalden.
Wir melden Ihnen, gnädige Frau, hiermit unsere Ankunft. Da wir noch nicht wissen, ob unser Besuch dem Herrn Hauptmann von Rodenstein genehm ist, so ersuchen wir Sie um eine gütige kleine Benachrichtigung. Gründe, welche wir brieflich nicht andeuten können, lassen uns jedoch wünschen, Sie möchten persönlich kommen, damit wir uns Ihnen vor unserem Aufbruche vorstellen können.
      Mit der ergebensten Hochachtung Franz, Baron von Haldenberg.«

Mit diesem Billette wurde ein Diener des Hotels nach Rheinswalden gesandt. Er traf die Bewohner des Schlosses beim Oberförster versammelt. Rosa konnte, als sie die Zeilen gelesen hatte, den Inhalt derselben nicht verschweigen. Sie theilte ihn den Uebrigen mit und richtete damit große Freude an, da man sich auf den bereits von Frankreich aus angesagten Besuch vorbereitet hatte.

»Gott sei Dank, daß dieser Baron Haldenberg endlich anmarschirt kommt!« sagte der Hauptmann in seiner derben Weise. »Nun werden wir ja auch ausführlich erfahren, in welcher Weise er unseren guten Sternau kennen gelernt hat.«

»Und ob er die Spur meines armen, verschwundenen Vaters verfolgt hat,« fügte Rosa hinzu. »Was mich aber wundert, ist, daß der Herr Baron eine Frauen-


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hand schreibt. Ich fand dies bereits aus dem ersten Briefe, und es ist mir ganz so, als ob ich diese Schriftzüge schon einmal gesehen hätte.«

»Ja, es giebt Männer, welche so zierlich schreiben wie die Frauen,« sagte der Hauptmann und lachend fügte er hinzu: »Meinem Duktus merkt man es allerdings sogleich an, welcher Bär ihn geschrieben hat. Aber, meine liebe Frau Sternau, spannen Sie uns nicht so lange auf die Folter, sondern fahren Sie sogleich mit dem Boten nach Mainz, um diesen Baron schleunigst herbeizuholen!«

Diesem Wunsche wurde Genüge gethan. Der Wagen rollte bereits nach kurzer Zeit zum Thore hinaus, seinem Ziele entgegen. Als der Herzog die Ankommende aussteigen sah, führte er den Grafen Emanuel in ein Nebenzimmer, um ihn bis zur geeigneten Zeit daselbst zu verbergen.

Rosa ließ sich durch den Diener anmelden und wurde sofort vorgelassen. Als sie beim Eintritte die Anwesenden erblickte, zauderte ihr Fuß vor Ueberraschung.

»Mein Gott, ist es möglich!« rief sie erstaunt. »Durchlaucht von Olsunna! Sie hier! Und auch Durchlaucht Flora!«

Flora eilte ihr entgegen, um sie zu umarmen.

»Ja, wir sind es, meine Liebe,« sagte sie. »Sie konnten uns in Deutschland allerdings nicht erwarten, ebenso wie wir Sie. Desto größer aber ist meine Freude, Sie zu sehen.«

»O, auch ich bin ganz glücklich,« meinte Rosa. »Meine Freude ist noch größer als meine Ueberraschung. Ich suchte einen Baron von Haldenberg und bin wohl in ein falsches Zimmer gewiesen worden. Dennoch aber will ich - -«

»Nein,« unterbrach sie der Herzog, »man hat Sie nicht in ein falsches Zimmer gewiesen, sondern wir sind es, die Sie erwarten.«

»Sie selbst?« fragte Rosa befremdet. »Wie ist das möglich?«

»Wir hatten Gründe, unseren Namen einstweilen zu verschweigen, und so nannte ich mich Baron von Haldenberg.«

»Ah, und Durchlaucht Flora hat den Brief und auch das heutige Billet geschrieben?«

»Allerdings.«

»So ist es mir klar, warum diese Damenhand mir so bekannt erschien.«

»Ja, ich habe Ihnen einst einige Zellen geschrieben, wie ich mich erinnere,« bestätigte Flora. »Lassen Sie sich nieder, liebe Gräfin! Wir haben Einiges zu besprechen, was Ihnen Freude machen wird.«

»Sie meinen, von meinem Manne?«

»Ja. Wir haben mit dem Herrn Doctor Sternau gesprochen. Wir theilten Ihnen dies bereits in dem Briefe mit, den ich Ihnen schrieb.«

Flora erzählte von der Krankheit ihres Vaters, von der Hoffnungslosigkeit, in welcher sie geschwebt hatten, und von der unerwarteten Hilfe, welche Sternau gebracht hatte. Rosa lauschte ihren Worten; es war ihren Mienen, ihren strahlenden Augen und ihren hochgerötheten Wangen anzusehen, wie sehr sie ihren Gemahl liebte und wie glücklich sie sich fühlte, ihn von diesen hochstehenden Leuten so geachtet zu sehen. Der Herzog verhielt sich schweigsam; er beobachtete die junge Frau und sagte sich im Stillen, daß es auf Erden kein schöneres und lieblicheres Wesen geben könne, als sie.


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Otto von Rodenstein saß ebenso still dabei. Er war Rosa mit Absicht nicht vorgestellt worden und hielt sich und den Freund Sternau für die beiden glücklichsten Menschen unter der Sonne, von zwei solchen Frauen geliebt zu sein.

Als Flora geendet hatte, fragte Rosa:

»Sie schrieben mir von einer Spur meines Vaters, welche Sie erst nach der Abreise meines Mannes entdeckt haben?«

»Ja,« antwortete Flora. »Es hat uns ernstlich Leid gethan, daß der Herr Doktor Sternau nicht mehr zugegen war.«

»O, bitte, erzählen Sie, erzählen Sie! Haben Sie die Spur verfolgt?«

»Wir haben sie verfolgt,« antwortete der Herzog, welcher sich des Gespräches bemächtigte, um vorzubeugen, daß die Aufregung der jungen Frau nicht eine zu große werde.

»Haben Sie Glück dabei gehabt? O bitte, sagen Sie es schnell!« bat diese.

»Vielleicht,« antwortete Olsunna reservirt.

»Vielleicht! Was soll dies heißen, Durchlaucht?«

»Es befand sich ein Wahnsinniger in unserer Nähe. Er wurde versteckt gehalten, und wir erfuhren, daß er immer die Worte ausspreche: »Ich bin der gute, treue Alimpo.« Wir forschten weiter und fanden, daß eine alte Zigeunerin bei dieser Angelegenheit die Hand im Spiele habe.«

»Eine alte Zigeunerin? Wie hieß sie?« fragte Rosa schnell.

»Zarba.«

»Zarba, ah, wenn sie es ist, so ist's der Vater sicherlich gewesen. Gott, ach Gott, Sie haben die Spur doch sicherlich nicht aus den Augen verloren?«

»Nein, Gräfin. Ich hoffe, daß wir zum Ziele gelangen werden.«

»Wann? Doch bald, ja, recht bald!«

»Vielleicht. Es ist möglich, daß wir den Aufenthalt Ihres Vaters baldigst kennen lernen.«

»Ich denke, Sie wissen ihn bereits?«

»Er befand sich auf einem Leuchtthurme in halber Gefangenschaft. Er sollte, wie es scheint, heimlich wieder von da entfernt werden. Jetzt befindet er sich - - -«

»Wo, wo - -?«

»Bitte, meine liebe Gräfin, beherrschen Sie sich! Eine übermäßige Freude ist ebenso gefährlich, wie ein großer Schreck.«

»Eine Freude! Sie sprechen von einer Freude! O, Sie haben eine gute, ein glückliche Nachricht für mich!«

»Ich will das nicht ableugnen. Versprechen Sie mir, sich zu fassen, falls wir Ihnen diese Nachricht mittheilen?«

Rosa blickte ihm forschend in das Gesicht, erhob sich von dem Sessel, auf welchem sie Platz genommen hatte und antwortete ernst:

»Durchlaucht, ich habe so viel Schweres und Trauriges erlebt, daß mein Herz fest geworden ist. Ich könnte Beides, das Schrecklichste und das Seligste erleben, ohne so schwach zu sein, in eine Ohnmacht zu fallen. Antworten Sie! Lebt mein Vater noch?«

»Ja.«


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»Im Wahnsinne?«

»Ja, leider.«

»Sie wissen, wo er sich befindet?«

»Ja.«

»Weit von hier?«

»Nein.«

Es zuckte trotz ihrer vorigen Versicherung eine tiefe Erregung über ihr schönes Angesicht, aber sie beherrschte sich doch und sagte:

»Ah, ich danke Ihnen! Nun weiß ich, warum Sie sich so sehr befleißigen, in Ihren Antworten so vorsichtig wie möglich zu sein. Soll ich Ihnen sagen, was ich denke und vermuthe?«

»Ich bitte Sie darum!«

Der Strahl ihrer Augen wurde inniger; ihre Lippen zuckten leise, und auf ihren Wangen wechselte die Röthe mit der Blässe. Sie hatte die Drei durchschaut und sagte mit bebender Stimme:

»Durchlaucht, Sie haben den Vater bei sich und ich werde ihn mir holen.«

Sie blickte im Zimmer umher. Ihr Auge fiel auf die Thür, welche zum Nebenkabinet führte. Mit einem raschen Schritte eilte sie hin, streckte die Hand aus und öffnete. Ein lauter Jubelruf erscholl, und als die Anderen herbeitraten, sahen sie, Vater und Tochter innig verschlungen, sie, unter lautem, erschütterndem Schluchzen Freudenthränen vergießend, er aber kalt und theilnahmslos, das geistesleere Auge auf sie gerichtet. Er fühlte ihre Arme um seinen Hals und ihr Köpfchen an seiner Brust, aber er wußte nicht, wer sie war und was mit ihm vorging.

»Vater, mein Vater, mein lieber, armer guter Papa, kennst Du mich denn nicht?« fragte sie. »Ich bin es, ich, Deine Rosa! Antworte, o, antworte mir doch ein Wort, ein einziges, einziges Wort nur!«

Sie blickte erwartungsvoll zu ihm auf, aber in seinem leeren Gesichte gab es keinen Zug, der auf eine Spur von Seelenbewegung hätte schließen lassen. Nur seine schmalen, bleichen Lippen öffneten sich und mit monotonem Klange sagte er:

»Ich bin der gute, treue Alimpo.«

Die Dabeistehenden erwarteten, daß dieser Mißerfolg sie erschüttern werde, aber dies war keineswegs der Fall. Sie küßte dem Wahnsinnigen wieder und wieder die Hände und den Mund und rief:

»Ja, Du bist krank, mein lieber Papa, aber wenn Du heute unseren Alimpo siehst, so wirst Du Dich nicht länger mit ihm verwechseln. Und wenn auch das nicht helfen sollte, so wird mein Mann zurückkehren und Dich gesund machen. Er hat ja das Mittel, welches auch mir geholfen hat.«

Sie zog den Kranken hinaus zu den Uebrigen und zu sich auf das Sopha nieder und während sie sich da in tausend Liebkosungen erschöpfte, mußten sie erzählen, wie es ihnen gelungen war, seiner habhaft zu werden. Dabei kam natürlich auch Otto von Rodenstein zur Sprache, welcher ihr nun erst vorgestellt wurde. Als sie seinen Namen hörte, stutzte sie.

Sie hatte während ihres Aufenthaltes auf Rheinswalden von dem Zerwürfnisse zwischen dem Hauptmanne und seinem Sohne gehört, wußte aber auch, daß


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dieser Letztere stets und zu aller Zeit ein treuer Freund ihres Mannes gewesen sei.

»Wie wunderbar!« sagte sie. »Herr von Rodenstein, Sie haben so sehr viel zur Entdeckung meines Vaters beigetragen; das wird bei dem Ihrigen gar sehr in die Wagschale fallen. Ich schmeichle mir, seine ganze Liebe zu besitzen, und ich hoffe, daß meine Bitte bei ihm keine Fehlbitte sein wird. Sie stehen durchaus nicht ohne Schutz und Hilfe da!«

Sie reichte ihm das Händchen dar, welches er achtungsvoll an seine Lippen zog.

»Was die Hilfe betrifft,« sagte der Herzog, »so sind Sie nicht die Einzige, auf deren Beistand Herr von Rodenstein rechnen kann. Ich selbst und auch Flora werden uns aus allen Kräften bemühen, ihn mit dem Vater zu versöhnen, und ich hoffe ein glückliches Gelingen, da es kaum denkbar ist, daß der Herr Hauptmann seiner Schwiegertochter gleich die erste Bitte abschlagen wird.«

»Seiner Schwiegertochter?« fragte Rosa befremdet.

»Ja.«

»Ah, ich wußte nicht - - - ! Hat er vielleicht einen Sohn, der verheirathet ist, Durchlaucht?«

»Nein.«

»So sind Sie verheirathet, Herr von Rodenstein?«

»Nein, sondern einstweilen erst verlobt,« antwortete der Gefragte mit dem glücklichsten Lächeln, das es nur geben kann.

»Ah! Darf ich fragen, mit wem?«

»Gewiß, meine Gnädige. Gestatten Sie mir, Ihnen meine Braut vorzustellen!«

Er nahm Flora bei der Hand, und Beide machten vor ihr eine tiefe, halb ceremoniös ernsthafte, halb spaßhafte Verbeugung.

Rosa wußte nicht, wie ihr geschah. Sie blickte das Paar erstaunt an; aber da hier eine Mystifikation ganz unmöglich am Platze war, so sagte sie:

»Ist das wahr; ist das möglich?«

»Es ist nicht nur möglich, sondern wirklich und wahr,« antwortete der Herzog. »Sie hatten sich lieb, und meine Tochter behauptete, sie könne ebenso gut die Gattin eines Malers werden, wie Gräfin de Rodriganda die Gemahlin eines Arztes geworden ist.«

»O, Durchlaucht, sagen Sie nicht blos Gemahlin, sondern glückliche Gemahlin!« rief Rosa, indem sie aufsprang und Flora innig umarmte. »Das ist ein Ereigniß, welches ich mit Entzücken begrüße. O, nun wird der alte, brave Isegrimm nicht länger zögern, seine Hand zur Versöhnung zu bieten, und wir Alle wollen nur dem Herzensglücke leben, welches an keine Rangstufe gebunden ist. Fahren wir sogleich nach Rheinswalden!«

»Gern,« sagte Olsunna; »aber Herrn von Rodenstein möchte ich für jetzt doch noch rathen, nicht dort zu erscheinen. Sein Auftreten kann nur dann erst erfolgreich sein, wenn die Einleitungen vorüber sind.«

»Allerdings,« antwortete Rosa. »Aber zu entfernt darf er doch nicht sein; er muß sich stets bei der Hand und zu unserer Verfügung befinden.«

Da entschied Otto selbst:

»Ich fahre mit nach Rheinswalden, gehe aber nicht auf das Schloß, sondern


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bleibe auf dem Vorwerke bei der Frau Steuermann Helmers.«

Dies wurde als das Beste anerkannt, und nachdem der Herzog sich vorher nach der Anwesenheit und dem Befinden von Sternau's Mutter erkundigt hatte, trat man die Fahrt nach Rheinswalden an, zu welcher allerdings der Wagen Rosa's nicht genügend war; es mußte noch ein zweiter genommen werden.

Es war dabei rührend anzuschauen, mit welcher kindlichen Liebe und Aufmerksamkeit Rosa um ihren Vater besorgt war. Sie wich nicht von seiner Seite, und wollte ihr Angesicht beim Anblicke seines Leidens ja einen Zug tiefen Leides annehmen, so wurde er doch sofort wieder durch den glücklichen Gedanken ausgewischt, den Vater wiedergefunden zu haben. Dies war ja für jetzt die Hauptsache; das Uebrige stand in Gottes Hand und Rosa war überzeugt, daß die Kunst ihres Mannes den gefangenen Geist des Grafen sicher von seinen Fesseln befreien werde.

Otto stieg eine Strecke vor Rheinswalden aus, um unter dem Schutze des Waldes nach dem Vorwerke zu gelangen und dabei Frau Helmers die erfreuliche Botschaft zu bringen, daß er sich an Bord der Yacht befunden und mit ihrem Manne bei dieser Gelegenheit gesprochen habe. Die Anderen setzten ihre Fahrt nach dem Schlosse fort.

Dort angekommen, fanden sie den Hauptmann unter dem Portale stehend, um die Gäste zu empfangen. Die beiden Damen Sternau, Mutter und Tochter waren nicht zugegen; sie befanden sich in der Küche, um die Vorbereitungen zum ersten gastfreundlichen Male zu treffen.

Es war ganz außerordentlich, welch' ein befriedigendes Aussehen der Herzog hatte. Sein Befinden war ein höchst günstiges. Er fühlte sich in einer gehobenen, glücklichen Stimmung, durch welche seine Kräfte ihre alte Spannkraft ganz wieder erhalten hatten.

»Willkommen auf Rheinswalden!« rief der Hauptmann, indem er an die Wagen herantrat, um beim Oeffnen derselben behilflich zu sein. »Der Herr Baron von Haldenberg?«

»Zu dienen!« antwortete der Herzog schnell, um Rosa keine Zeit zu einer Antwort zu lassen, durch welche sein Incognito bereits jetzt hätte verrathen werden können. »Und hier meine Tochter Flora, Herr Hauptmann!«

Der Hauptmann machte seine tiefste Verbeugung, indem er im Stillen dachte:

»Alle Teufel, das ist ein hübsches Frauenzimmer! Die hat Augen wie eine Prinzeß!«

»Und hier, wer ist das, Herr Hauptmann?« fragte Rosa, indem sie auf ihren neben ihr sitzenden Vater zeigte.

»Dieser Herr, hm, den kenne ich nicht.«

Da wendete sich der Wahnsinnige zu ihm hin und sagte:

»Ich bin der gute, treue Alimpo.«

»Donnerwetter!« rief da der Oberförster, indem er geradezu erschrocken zurückwich. »Das sind ja die Worte - - die verteufelten Worte - - oh, ich hoffe, ich meine, ich denke - - hm, Donnerwetter!«

»Nun, was meinen Sie?« fragte Rosa.

»Etwa gar eine Ueberraschung?«


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»Allerdings.«

»Himmelelement! Etwa gar Ihr Vater, der Herr Graf de Rodriganda?«

»Ja, er ist es,« antwortete sie, aus dem Wagen steigend. »Denken Sie sich meine Ueberraschung, meine Freude!«

»Hollah! Hurrah! Hosiannah! Halleluja! Donner und Doria! Der Herr Graf ist da! Ludewig, Kurt, Heinrich, Wilhelm, wo steckt Ihr denn, Ihr Hallunken? Wollt Ihr wohl sofort kommen, um Seine Erlaucht, den Grafen Emanuel aus dem Wagen zu heben, Ihr Faulpelze!«

Die gerufenen Jägerburschen eilten herbei und hoben den Kranken zur Erde, wo ihn aber Rosa sofort wieder in Empfang nahm, um ihn nach dem Empfangssaale zu führen. Dort wiederholte sich üblicher Weise die Vorstellung, und dann konnte der Oberförster sich nicht enthalten, seiner riesigen Neugierde Ausdruck zu geben.

»Aber, Baron, wie kommen Sie zu dem Grafen?« fragte er.

Der Gefragte erzählte ihm den Hergang kurz, nannte aber den Sohn des Hauptmannes nicht mit dem Namen, sondern bezeichnete ihn einfach als einen Freund des Doctor Sternau.

»Alle Wetter, das war ein sehr glückliches Zusammentreffen!« meinte der Oberförster. »Wenn dieser Freund nicht gewesen wäre, so hätten wir den Grafen heut nicht hier.«

»Allerdings. Und außerdem kämen Sie und wir Alle um ein freudiges Ereigniß, von dem Sie baldigst hören werden.«

»Was ist es?«

»Gedulden Sie sich nur eine kurze Zeit, Herr von Rodenstein! Sie werden dann Alles erfahren.«

»Ja, ja. Ich bin zwar nicht sehr geduldig geartet, aber hier sehe ich doch ein, daß Sie ermüdet sind und sich wohl ein wenig auszuruhen haben. Erlauben Sie mir, Ihnen und Fräulein Flora Ihre Zimmer anzuweisen. Unsere Rosa wird für ihren Papa einstweilen selber sorgen.«

Er führte die Beiden nach den für sie bestimmten Räumen, wo sie dienende Kräfte vorfanden, welche ihrer bereits warteten; dann trug er Sorge, daß das Mahl bereit stehe, weshalb er sich in die Küche begab.

»Sie sind da!« meldete er dort den beiden Damen. »Graf Rodriganda dazu.«

»Graf Rodriganda?« fragte Frau Sternau erstaunt. »Welcher?«

»Der Wahnsinnige.«

Jetzt ging auch hier das Erstaunen los, doch sorgte der Hauptmann dafür, daß trotzdem nichts versäumt wurde. Rosa hatte sich mit ihrem unglücklichen Vater zuerst im Speisesaale eingefunden. Die beiden Damen Sternau servirten. Sie unterhielt sich mit dem Hauptmann, als Flora mit ihrem Vater eintrat.

Frau Sternau warf einen forschenden Blick auf die Beiden und erkannte trotz der Länge der Jahre und trotz der Veränderungen, welche im Laufe derselben mit dem Herzoge vorgegangen waren, diesen sofort.

»Herzog Eusebio von Olsunna!« rief sie, vor Schrecken erbleichend.

»Der Herzog von Olsunna?« fragte Rodenstein. »Nein, Frau Sternau; dieser Herr ist der Herr Baron von Haldenberg, und diese Dame ist seine Tochter.«


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»Verzeihung!« fiel da der Herzog ein. »Mein Name ist allerdings nicht Haldenberg, sondern Olsunna. Es gab einen Grund, meinen Namen für kurze Zeit zu verändern, doch ich hoffe, daß dies von Ihnen entschuldigt werde.«

»Donnerwetter! Ein Herzog! Ja, das habe ich ihr gleich angesehen! Sie sieht aus wie eine Prinzeß!« rief der Hauptmann, indem ihm vor Erstaunen der Mund geöffnet blieb.

Unterdessen war Flora bereits zu Frau Sternau getreten. Sie streckte derselben herzlich die beiden Hände entgegen und sagte:

»Wir erkennen einander nicht, denn es ist eine lange Zeit her, daß ich die Sennora Wilhelmi einst so lieb gewann, daß ich so viel nach ihr geweint habe. Ich bin Ihre kleine Flora Olsunna, Frau Sternau. Wollen wir so gute Freunde sein wie damals? Ich bitte recht herzlich darum!«

Diesem Entgegenkommen konnte der Schreck der Dame nicht widerstehen. Die Blässe wich von ihren Wangen; eine schimmernde Feuchtigkeit breitete sich über ihre Augen, und in ihrer Stimme war ein leises Vibriren zu hören, als sie die angebotenen Hände nahm und antwortete:

»Eine solche Dame ist aus meiner kleinen Floritta geworden? Seien Sie herzlich gegrüßt, Hoheit! Warum sollte ich Ihnen die Gesinnungen meines Herzens nicht bewahrt haben. Sie sind mir hoch willkommen!«

Während Flora nun auch zu Fräulein Sternau trat, näherte sich nun auch der Herzog der Mutter derselben.

»Sennora,« fragte er spanisch, um von dem Hauptmann nicht verstanden zu werden; »ich habe einst schwer an Ihnen gesündigt. Ich war lange Zeit dem Tode nahe und konnte doch nicht sterben, bevor ich meiner großen Schuld ledig sei. Wollen Sie mir verzeihen? Thun Sie es um meiner Tochter willen.«

Es war ein tiefer, ernster inhaltsreicher Blick, den sie auf ihn warf. Es sprach sich darin alles Elend, alle Sorge von damals aus, aber es glänzte aus demselben auch die unveräußerliche Güte und Großmuth des weiblichen Herzens. Sie nahm die Hand an, welche er ihr dargeboten hatte, und sagte:

»Excellenz, ich verzeihe Ihnen.«

Es waren dies nur wenige Worte, welche sie sprach, aber er hörte und verstand, daß sie in Wahrheit und ohne Heuchelei Alles enthielten, was er sich gewünscht hatte. Darum antwortete er:

»Ich danke Ihnen! Vielleicht geben Sie mir Gelegenheit, Ihnen zu zeigen, wie tief meine Reue ist und wie ernstlich mein Bestreben, meine damalige Schuld an Ihnen zu sühnen.«

Während der Tafel herrschte zunächst, wie dies ja gewöhnlich zu geschehen pflegt, ein etwas befangener Ton, der aber später beweglicher wurde. Der Herzog beobachtete Frau Sternau und fand, daß sie trotz ihrer Jahre noch immer einen großen Theil jener Schönheit bewahrt hatte, welche damals so verhängnißvoll für sie geworden war. Auch sie warf öfters einen verstohlen forschenden Blick auf ihn und fand, daß er jetzt einen ganz andern Eindruck auf sie mache als früher. Das Herz des Weibes ist schwach gegen den Eindruck des Leidens, und die Spuren seiner schweren Krankheit erweckten eine Theilnahme in ihr, welche sie diesem Manne gegenüber gar nicht für möglich gehalten hätte.


Ende der fünfunddreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk