Lieferung 4

Karl May

16. Dezember 1882

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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»Aus Rodriganda. Die, welche bei dem Deutschen war, als wir ihn überfielen.«

»Wirklich? Alle Teufel, die müssen wir haben!«

Er hob die Büchse empor und blickte nun seinerseits auch durch die Büsche, zog sich aber mit einer Miene der Enttäuschung augenblicklich wieder zurück.

»Ja, sie war es!« meinte er. »Aber das ging ja so schnell vorbei, daß man gar nicht zum Schusse kommen konnte!«

»Zum Schusse, Juanito?« fragte Henricord. »Du wolltest sie doch nicht etwa erschießen!«

»Narr! Die Pferde wollte ich erschießen. Dann mußten sie halten und waren in unsre Hand gegeben.«

»Das lasse ich mir eher gefallen! Bei der heiligen Madonna, es ist etwas verdammt Armseliges, ein so schönes, wehrloses Frauenzimmer zu erschießen! Wir wären mit diesen paar Leuten schnell fertig geworden. Der Kutscher sah nicht aus wie ein Held, und der Andere, den hörte ich gestern Sennor Kastellan nennen. Er ist ein Kerl, den eine Mücke in die Flucht treibt. Die Sennora hat sicherlich mehr Geld bei sich als jeder Andere, der hier vorüberkommt. Wollen wir hier auf ihre Rückkehr warten?«

»Ja,« nickte Juanito zustimmend. »Einen besseren Fang können wir ja gar nicht machen. Wir schießen die Pferde nieder, Du das Hand- und ich das Sattelpferd. Das Weitere wird der Augenblick ergeben.«

Während dieser Plan hier besprochen wurde, rollte die Equipage der Gräfin Rodriganda der Stadt im Galopp entgegen. Rosa wußte, daß die Freundin mit der Post kommen werde, und da die Zeit der Ankunft derselben noch nicht gekommen war, so gab sie dem Kutscher Befehl, nach der Locanda zu fahren, welche sie als das anständigste Gasthaus des Städtchens kannte.

Dort angekommen, überließ sie dem Kastellane und dem Kutscher die Sorge für ihre Pferde und begab sich in das Zimmer, in welchem sie bei ihrer jedesmaligen Anwesenheit in Pons abzusteigen pflegte. Es war heute zwar bereits besetzt, aber der Wirth machte es der Gräfin möglich, es für die kurze Zeit des Wartens zu erhalten.

Als nach einer halben Stunde die mit sechs Maulthieren bespannte Post-Diligence in das Städtchen rollte, stand der kleine Kastellan mit dem Kutscher in der Posthalterei bereit, den Gast zu empfangen und seiner Herrin zuzuführen.

Der große Kasten der Post-Arche entleerte sich nach und nach seines Inhaltes und ganz zuletzt entstieg ihm auch eine Dame, welche so in Schleier und Reisemantel eingehüllt war, daß man von ihr nur erkennen konnte, daß sie von mittelgroßer Figur und gewandtem, selbstbewußtem Benehmen sei. Der Kastellan hatte alle Aussteigenden vergeblich gemustert, jetzt aber trat er mit seiner tiefsten Verbeugung zu der Dame heran und sagte:

»Guten Tag! - willkommen! Nicht wahr, Ihr seid Miß Amy, Sennora Lady Lindsay?«

Ein ganz kurzes, aber goldig helles Lachen drang durch den Schleier, gerade als ob ein Rothkehlchen einen abgerissenen Jubelton getrillert hätte, und dann erklang die Antwort auf die so seltsam gestellte Frage des Kastellans:


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»Ja, mein Freund, ich bin Amy Lindsay. Und wer seid Ihr?«

»O, Donna Lady Sennora, ich bin Sennor Juan Alimpo, der Kastellan auf Schloß Rodriganda. Das sagt meine Elvira auch.«

Wieder erklang der kurze, melodische Triller, denn der Nachsatz des wackeren Kastellans war ja ganz geeignet, die Heiterkeit der Dame zu erregen, und dann fragte sie:

»Und wer ist diese gute Elvira?«

»Diese Elvira ist meine Frau, Miß Amy Sennora Lindsay.«

»Ach so! Und wollt Ihr mir nun wohl sagen, ob Ihr allein hier seid, um mich abzuholen?«

»O nein, Lady Lindsay Donna! Meine gnädige Contezza ist da. Sie ist in einer der ersten Locanda's abgestiegen und erwartet Euch dort zum Gruße.«

»So führt mich hin, Sennor Alimpo.«

Der Kastellan gab dem Kutscher einen Wink, sich des Gepäckes anzunehmen, und schritt in stolzer Haltung vor der Engländerin her, um ihr den Weg zu zeigen. Der gute Alimpo war sich bereits jetzt bewußt, daß diese »Miß Lady Amy Sennora Lindsay« seine ganze Verehrung erlangen werde. Sie war gar nicht so stolz, wie so manche spanische Dame; ihr Lachen war süß wie das Gezirpe eines Heimchens und ihre Stimme klang so eigenthümlich voll und rein, als sei sie von einem großen Musikmeister partout dazu gestimmt worden, recht tief in alle Herzen zu dringen.

Rosa stand am Fenster ihres Zimmers und sah die Freundin kommen. Sie eilte ihr entgegen. Draußen vor der Zimmerthür trafen sie sich. Die Fremde schlug den Schleier zurück, und nun blickte Alimpo in ein so zauberisch mildes, reines, blondes Mädchenangesicht, daß er ganz vergaß, sich zu entfernen, um nicht Zeuge des Bewillkommnungskusses zu sein. Erst ein fragender Blick aus dem dunklen Auge seiner Herrin machte ihn auf seine Unhöflichkeit aufmerksam. Er drehte sich also schleunigst um und kehrte nach dem engen Hausflur zurück, wo er auf den Kutscher stieß, der soeben unter der Last des Gepäckes daher gekeucht kam.

»O, heilige Madonna, war das ein Gesicht!« rief der Kastellan ganz enthusiastisch.

»Welches?« fragte der Knecht.

»Und ein Auge!«

»Was für eins?«

»So blau, so blau, ach, blauer noch wie der Himmel!«

»Na, wie denn?« erkundigte sich der Kutscher, der gar nicht wußte, woran er war.

»Und dieses Haar! Nein, so ein Haar!«

»Eins blos? Hm!«

»Wie Gold! Nein, noch viel goldener als Gold! Und dieser Kuß! Donnerwetter, ich wollte, den hätte ich bekommen an Stelle der - - hm! ja! Was stehst Du denn da und gaffst mich an? Schaffe den Koffer und die Schachteln nach dem Wagen und bekümmere Dich nicht um Dinge, für welche Du gar keinen Geschmack haben kannst!«

Der gute Alimpo hatte erst jetzt bemerkt, daß der Rosselenker mit weit


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aufgerissenem Munde bereit stand, seine zarten Gefühlsgeheimnisse zu verschlingen. Er schleuderte ihm einen vollständig vernichtenden Blick zu und wandte sich um, um in der Nähe des Zimmers seiner Herrin auf die Befehle der Letzteren zu warten.

Wer die beiden Mädchen jetzt hätte belauschen können, hätte wahrlich nicht gewußt, welcher von ihnen er den Preis der Schönheit zuertheilen solle. Die Engländerin gehörte keineswegs in die Kategorie jener langen, dünnen, starkknochigen und langzähnigen Ladys, welche den Continent unsicher zu machen pflegen. Sie hatte Schleier und Mantel abgelegt und stand nun da, wie ein verkörpertes Märchenbild, wie eine Melusine, die geschaffen ist, ohne es selbst zu wollen und zu wissen, alle Herzen gefangen zu nehmen. Sie war eine Schönheit, an welcher sich der Pinsel des Malers und die Feder des Dichters vergebens versucht hätten.

Die Begrüßung war vorüber und die nöthigen ersten Fragen und Antworten ausgetauscht. Nun standen sie am Fenster, in heiterem Geplauder das rege Leben musternd, welches der Jahrmarktsmorgen vor ihren Augen entfaltete. Da erhob die Engländerin den Finger, und hinauszeigend sagte sie:

»Sieh', Rosa, wer ist das?«

»Ah, ein Offizier! Ein Husar!«

»Kennst Du ihn?«

»Nein. Es ist kein Spanier; der Uniform nach muß es ein Franzose sein.«

Es war Mariano, welcher auf seinem Wege nach Rodriganda jetzt durch Pons kam. Wer ihn in der kleidsamen Husarentracht und in so stolzer, sicherer Haltung auf seinem feurigen Hengste sitzen sah, hätte nie vermuthet, daß dieser junge Mann das Ziehkind einer Räuberbande sei. Ein als Diener verkleidetet Brigand folgte ihm in vorgeschriebener Entfernung.

Er ritt auf die Locanda zu, um sich und dem Pferde hier eine Erholung zu gönnen; aber gerade quer vor seiner Richtung stand ein ziemlich hoher Karren, auf welchem der Besitzer desselben Apfelsinen verkaufte. Anstatt auszubiegen, nahm Mariano seinen Hengst empor und flog so leicht und graziös über den Karren hinweg, als sei dieser nur ein wenige Zoll hohes Hinderniß gewesen.

»Herrlich!« rief Rosa, in die Hände schlagend.

»Welch ein Reiter!« meinte auch Amy, während ihre Augen bewundernd auf dem Jünglinge ruhten.

Dieser musterte das Haus, in welchem er einzukehren gedachte, und dabei schweifte sein Blick über das Fenster, an welchem die beiden Mädchen standen. Sie sahen, wie er zusammenzuckte, als sei er auf das Freudigste überrascht worden, sie sahen sogar, daß er ganz unwillkürlich die Zügel anzog, als ob er halten wolle, sich aber sofort zusammenraffte. Aber noch einen zweiten, blitzesschnellen Blick warf er herauf und dann sprang er vom Pferde.

»Hast Du es gesehen?« fragte Amy, deren Wangen sich gefärbt hatten.

»Was, mein Herz?«

»Daß er nach Dir sah?«

»Nach mir? O nein! Dieser Blick galt Dir.«

»Nein, Dir!«

»Nein, Dir! Ich habe es ganz genau gesehen.«


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»Das ist unmöglich!« lächelte die Engländerin, beinahe ein wenig befangen. »Du bist so schön, so stolz; auf Dich muß jedes Auge fallen.«

»Weißt Du, meine gute Amy, daß Du noch viel schöner bist als ich? Du glaubst es nicht? Nun wohl, so werde ich es Dir beweisen!«

»Womit, Rosa? Du machst mich neugierig!«

»Durch einen Schiedsrichter.«

»Ach, das ist ja herrlich!« lachte die Engländerin. »Wer soll dieser Schiedsrichter sein? Doch nicht etwa dieser gute Sennor Alimpo, der mich Miß Sennora Amy Donna Lady Lindsay nennt?«

»Nein, dieser nicht, meine Liebe. Unser Alimpo ist ein sehr treuer Diener, den ich Deiner Freundlichkeit empfehle, aber für das schwierige Amt eines Schiedsrichters ist er nicht geschaffen; er hat ohne »seine Elvira« kein Urtheil. Aber wir haben jetzt jemand auf Schloß Rodriganda, der Dir es sagen wird, daß Du schöner bist als ich.«

»Wer ist das?«

»Unser Arzt.«

»Ein Arzt? Ach, was versteht ein Arzt von Schönheit! Er hat seine Tinkturen, Mixturen und Salben. An ihnen übt er sein Urtheil.«

Amy sagte das mit einem so hübsch gelungenen, allerliebsten Rümpfen ihres feinen, zart beflügelten Näschens, daß Rosa lachen mußte, dann aber schnell entgegnete:

»O, ein Arzt braucht nicht stets an seine Salbe zu denken, Doktor Sternau ist -«

»Sternau?« wurde sie von der Freundin unterbrochen. Sternau ist ja ein deutscher Name. Hast Du mir nicht einmal erwähnt, daß Euer Arzt Cielli heißt?«

»Allerdings; aber dieser Cielli ist verabschiedet worden. Denke Dir, meine liebe Amy, mein Vater wird wieder sehend werden!«

Die Engländerin blickte schnell empor und sah einen Strahl aus dem Auge der Freundin leuchten, der mehr als Freude, der Begeisterung bedeutete.

»Wäre es möglich?« fragte sie. »O, welch' ein Glück! Erzähle, erzähle mir schnell, Rosa!«

»Ja, ich werde es Dir erzählen, aber nicht hier, sondern während der Fahrt im Wagen. Wir dürfen den Vater nicht warten lassen; er freut sich so sehr, Dich begrüßen zu können.«

Sie gab Alimpo den Befehl, anzuspannen, und nur wenige Minuten später verließen sie das Zimmer, um einzusteigen.

Draußen vor der Einfahrt standen die Pferde der beiden Husaren. Mariano war in die Gaststube getreten und hatte sich Wein geben lassen; aber er trank ihn nicht; er dachte gar nicht an das Trinken, denn er sah nur die beiden wunderbaren blauen Augen vor sich, welche so voll offener Bewunderung auf ihn niedergeleuchtet hatten. Sie hatten ihn so verwirrt gehabt, daß er nicht einmal die herrschaftliche Equipage bemerkt hatte, welche draußen stand.

Jetzt hörte er Pferdegetrappel vor der Thüre. Er erhob sich leicht und warf einen Blick durch das Fenster. Da sah er die Equipage, vor welche der Kutscher soeben die Pferde spannte. Es war ihm, als ob ein elektrischer Schlag seinen


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Körper durchbebe, und mit zwei raschen Schritten stand er nun unmittelbar am Fenster, um mit weit geöffneten Augen den Wagenschlag anzustarren. Er erblickte an demselben die Gold in Weiß gemalte Grafenkrone und darunter die beiden Buchstaben R. und S.

Er fuhr sich mit der Hand an die Schläfe, wo er den Puls laut hämmern fühlte. Da sah er ja das verkörperte Bild seiner Träume! Und diese Träume waren also doch nicht Träume, sondern Wirklichkeit gewesen! Es wogte und wallte in ihm wie ein unendliches Entzücken; aber er faßte sich und winkte den Wirth herbei.

»Wem gehört dieser Wagen?« fragte er denselben.

»Das ist die Equipage des Grafen Emanuel de Rodriganda,« lautete die Antwort.

»Rodriganda?« erklang es langsam und leise. »Und was bedeutet das S.?«

»Der Don heißt Emanuel von Rodriganda-Sevilla. Die Dame, welche soeben einsteigt, ist seine Tochter, Contezza Rosa.«

»Ah! Und die Andere?«

»Eine Fremde. Der Kastellan, Sennor Juan Alimpo, hat mir gesagt, daß sie eine Freundin der Contezza sei, eine Engländerin, welche nach Rodriganda besuchen kommt.«

Der Wirth trat zurück; Mariano blieb stehen. Er wußte nicht, auf wen er seinen Blick richten solle, auf das jetzt noch unverschleierte Gesicht der Engländerin, oder auf das Wappen, dessen Züge ihm wie die Schriftzeichen eines Evangeliums entgegen glänzten. Jetzt hatten die Damen im Wagen Platz genommen; der Wirth war hinausgeeilt, um sich zu empfehlen; da traf Amy's Auge das Fenster, an welchem der Husar stand, und eine tiefe Gluth zog über ihre wunderbaren Züge. Die Pferde zogen an und der Wagen rollte davon.

Mariano griff sich abermals an den Kopf. Wachte oder träumte er? Nein, er wachte, und nun wollte er auch nicht träumen und säumen. Er warf ein Geldstück auf den Tisch und eilte hinaus.

»Vorwärts!« sagte er, sich auf den Rappen schwingend.

»Schon?« fragte der Diener, sich über diese Eile wundernd.

Er bekam keine Antwort und mußte sich sputen, den Lieutenant, welcher im Galopp die Gasse hinunterjagte, nicht aus den Augen zu verlieren.

Erst dann, als Mariano die Stadt weit hinter sich hatte und die Equipage in einiger Entfernung vor sich erblickte, zügelte er den Lauf seines Pferdes. Die Aufwallung seines Blutes legte sich und er begann, ruhiger nachzudenken. Konnte diese Begegnung nicht ein einfacher, ganz und gar bedeutungsloser Zufall sein? Konnte es nicht mehrere Familien geben, welche die Buchstaben R. und S. in ihrem Wappen trugen? Warum jagte er wie unsinnig hinter dem Wagen her? Rodriganda war doch sein Ziel, und er sah also die beiden Damen jedenfalls wieder, auch wenn er sie hier jetzt aus den Augen verlor!

Er ritt also langsamer und sah die Equipage hinter einer Krümmung der Straße verschwinden. Im nächsten Augenblicke aber horchte er erschrocken auf; es war ein Schuß gefallen - noch einer! Gerade hinter jener Krümmung kräuselten sich zwei leichte Rauchwölkchen empor. Hatte man auf die Equipage geschossen?


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Er gab dem Pferde die Sporen und sauste vorwärts. Kaum eine Minute nach den beiden Schüssen hatte er die Krümmung erreicht und sah nun, was geschehen war.

Der Wagen der Gräfin hielt mitten auf der Straße und vor jenem lagen die beiden Pferde, welche durch die Köpfe geschossen waren. Hinter dem Wagen kauerte der Kutscher, vor Angst an allen Gliedern zitternd, und von dem tapferen Kastellan Juan Alimpo war keine Spur zu sehen. Auf dem Tritte des Wagens stand ein mit einer schwarzen Kapuze verhüllter Mann, der den beiden Damen ein Pistol entgegenstreckte, und neben ihm am Boden stand ein Zweiter, welcher das Gewehr angelegt hielt.

Bei den lauten Hufschlägen seines Pferdes drehten sich die beiden Vermummten herum.

»Verdammt!« murmelte Henricord, welcher Mariano sofort erkannte.

»Ach, was geht der uns an!« rief Juanito. »Herunter vom Pferde mit ihm!«

Er legte seine Büchse auf Mariano an und drückte los. Der junge Mann aber war vorsichtig gewesen. Als der Schuß krachte, warf er seinen Leib zur Seite und die Kugel flog an ihm vorüber. Im nächsten Augenblicke riß er den Säbel aus der Scheide.

Fahre hin, Schurke!

»Fahre hin, Schurke!«

Zugleich, als er diese Worte rief, hieb er den Räuber mitten über den Kopf, daß jener zusammenbrach. Der Hieb war so furchtbar, daß der Säbel zerbrach; daher zog Mariano das Pistol, sprang vom Pferde und hielt es dem anderen Räuber auf die Brust. Dieser, anstatt sich zu ergeben, erhob die eigene Waffe; da krachte Mariano's Schuß und Henricord stürzte zu Boden. Die Kugel war ihm in die Stirn gedrungen.

»So, diese haben ihren Lohn!« meinte der Jüngling, indem er mit einer tiefen Verneigung sich zu den Damen wandte. »Sind Sie verletzt, meine Damen?«

Er stand wie ein junger Gott vor ihnen, das Pistol noch in der Hand. Amy schwieg, aber eine tiefe Röthe zog über ihr Angesicht. Rosa hatte sich am Schnellsten gefaßt und antwortete:

»Nein, wir sind glücklicherweise unbeschädigt, denn Sie kamen gerade zur rechten Zeit, um das Schlimmste zu verhüten. Nehmen Sie unseren innigsten Dank, Sennor. Ich bin die Contezza de Rodriganda, und diese Dame ist Amy Lindsay, meine Freundin.«

Er verneigte sich auf das Höflichste und antwortete:

»Ich nenne mich Alfred de Lautreville, meine Damen. Darf ich so glücklich sein, Ihnen meine Dienste anzubieten?«

»Wir scheinen leider auf dieselben angewiesen zu sein,« lächelte Rosa, »denn meine Diener sind ja spurlos verschwunden.«

»O,« lachte er, »der Eine steckt da hinter dem Wagen. Komme doch einmal her, Bursche!«

Der Kutscher stand vom Boden auf, wo er sich zusammengekauert hatte, und kam in höchster Verlegenheit herbeigehinkt.

»Warum verstecktest Du Dich, anstatt den Herrschaften beizustehen?« fragte ihn Mariano.


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»Ach, Sennor, ich lag ja hinter dem Wagen,« lautete die geistreiche Antwort.

»Ja, aber warum lagst Du da? Ein so starker Kerl wie Du muß es doch mit zehn solchen Strauchdieben aufnehmen!«

»Sennor, das kann ich auch; aber ich dachte mir nur, sie würden mich ein wenig erschießen. Uebrigens hat es Sennor Juan ebenso gemacht.«

»Wer ist das?«

»Der Kastellan.«

»Wo ist er?«

»Er steckt da drüben hinter dem Busche.«

Der Kutscher deutete nach einem Strauchwerke, hinter welchem sich allerdings eben jetzt der wackere Kastellan langsam erhob. Er hatte mit dem Gesichte auf der Erde gelegen, um von dem ganzen Unglück gar nichts zu sehen. Als er nun jetzt vorsichtig herüber blickte und erkannte, daß die Gefahr vorbei sei, sprang er vollends auf, machte zwei Fäuste und kam herbei.

»Ach, Contezza,« rief er, »ich glaube gar, man will uns überfallen! Wo sind die Schufte? Ich werde sie zerquetschen und zermalmen!«

Mariano wollte antworten, doch blieb ihm das Wort bei dem Anblicke Alimpo's auf der Zunge liegen. Wo hatte er diesen Mann bereits gesehen? Dieser kleine Kerl, dieses gutmüthig furchtsame Gesicht, dieses eigenthümliche Bärtchen!

Rosa antwortete an seiner Stelle:

»Zum Zermalmen kommst Du zu spät. Du hättest vorher nicht fliehen dürfen!«

»Fliehen? Bin ich geflohen, meine gnädige Contezza?« fragte er verlegen.

»Natürlich! Und versteckt hast Du Dich!«

»Versteckt? Ja, allerdings; das mußte ich doch!«

»So? Warum?«

»Ich ließ mich nicht erschießen, sondern entfloh und versteckte mich, um Euch dann später beistehen zu können.«

»So hast Du eine wunderbare Methode, uns zu retten!« lächelte sie. »Uebrigens kommt Deine berühmte Hilfe nun leider zu spät. Da liegen die beiden Menschen. Wer sind sie?«

Der Diener Mariano's war vom Pferde gestiegen und hatte sich darüber gemacht, die beiden Todten von ihren Kapuzen zu befreien. Das infolge des Säbelhiebes stark blutende Gesicht des einen Banditen war nicht zu erkennen; aber als er die Umhüllung des Anderen entfernt hatte, rief der Kastellan:

»Heilige Lauretta, das ist ja unser Flüchtling! Erkennt Ihr ihn, Donna Rosita?«

»Wahrhaftig!« stimmte die Gräfin bei. »O, ihn hat die Strafe schnell ereilt.«

Es war gut, daß sie zu sehr mit dieser Entdeckung beschäftigt war, als daß sie Zeit gefunden hätte, die beiden Husaren zu beobachten. Diese hatten sich über den Todten gebeugt, und der Diener flüsterte:

»Alle Teufel, das ist ja Henricord!«

»Pst! Laß Dir ja nichts merken!« warnte Mariano. Dann richtete er sich wieder empor und fragte die Gräfin: »Sie kennen diesen Menschen, Donna?«


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»Ja. Er gehörte zu einer Mörderbande, welche einen Bewohner unseres Schlosses überfiel. Er wurde gefangen genommen. Vier wurden getödtet und nur Einer entkam.«

Der Jüngling warf einen warnenden Blick auf seinen Diener und meinte dann nachlässig:

»So ist dieser Andere vielleicht der Entkommene. Man muß diese Sache sofort anzeigen!«

»Wo, Sennor?«

»In Pons, denn diese Stelle gehört noch zum Gebiete der Stadt.«

»Und wir? Was geschieht mit meinem Wagen und den armen Pferden?«

»Sie dürfen mit dieser unangenehmen Sache nicht länger belästigt werden. Ich bitte um die Erlaubniß, Sie nach Rodriganda fahren zu dürfen!«

»O gern, Sennor! Aber wir haben keine Pferde!«

»Wir haben zwei, das meinige und dasjenige meines Dieners. Wir spannen sie vor und verlassen diesen Ort, während mein Diener und Ihre Leute hier zurückbleiben, um Anzeige zu machen und die Leichen zu bewachen, bis dieselben aufgehoben werden. Sie können ja dann mittelst eines Miethwagens nach kommen.«

»Dieser Vorschlag wird der beste sein, Sennor,« stimmte Rosa bei. »Schnell, Ihr Leute, nehmt den todten Pferden das Geschirr ab! Mir graut es vor dieser Stätte!«

In kurzer Zeit waren die beiden Pferde vorgespannt und der Lieutenant schwang sich auf den Bock. Da trat der Kastellan an den Wagenschlag und bat:

»Meine gnädigste Contezza, wollt Ihr mir eine große Gnade erweisen?«

»Welche?«

»Sagt meiner Elvira, daß ich nicht erschossen worden bin, sondern daß wir gesiegt haben!«

»Ja, das werde ich thun, Alimpo,« versprach sie ihm.

Fast wäre dem Lieutenant der Zügel aus den Händen gefallen. Elvira - Alimpo, das waren ja die Namen, die ihm stets im Gedächtnisse geblieben waren. Sollte er sich wirklich so ganz unerwartet auf der richtigen Fährte befinden?

»Und die Anzeige werde ich sogleich erstatten,« meinte der Kastellan. »Einen solchen Raubanfall muß man der Obrigkeit erzählen; das sagt meine Elvira auch!«

Bei den letzten Worten fiel es Mariano wie Schuppen von den Augen. Ja, dieser Alimpo war der Mann, der ihn so oft auf den Händen getragen und auf den Knieen geschaukelt hatte. Aber er konnte diesen Gedanken jetzt nicht vollständig auf sich einwirken lassen, denn die Gräfin gab das Zeichen zur Weiterfahrt.

Der Kastellan blickte dem dahinrollenden Wagen so lange nach, als er ihn zu sehen vermochte; dann wandte er sich an den Husaren:

»Nicht wahr, Ihr seid der Diener dieses Offiziers?«

»Ja.«

»Darf man erfahren, wie er heißt?«

»Es ist der Lieutenant Alfred de Lautreville.«

»Also ein Franzose?«

»Ja. Unser Regiment steht in Paris.«


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»Aber dennoch sprecht Ihr das Catalonische so gut, als ob Ihr hier geboren wäret. Was thut Ihr hier in Spanien?«

»Hm, das läßt sich nicht sagen,« antwortete der Diener in einem stolzen Tone. »Wir sind nämlich wegen einer diplomatischen Mission hier.«

»Ah!« rief Alimpo. »So ist Euer Lieutenant also ein Diplomat!«

»Allerdings.«

»Donnerwetter, ein ganzer Kerl! So jung und schon Diplomat! Und dabei ein Offizier, vor dem man alle Achtung haben muß. Seht nur, wie er diesem Menschen den Kopf zugerichtet hat!« Und zum Kutscher gewendet, fuhr er fort: »Hast Du Dir diesen Sennor Lieutenant de Lautreville genau angesehen?«

»Ja.«

»Was hast Du bemerkt?«

»Nichts!«

»Ach, Du mußt doch etwas bemerkt haben!«

»Was denn?«

»Wie lange dienst Du unserem gnädigen Grafen?«

»Ueber dreißig Jahre.«

»So hast Du ihn also auch bereits in seinen jüngeren Jahren gekannt.«

»Das versteht sich!«

»Nun gut. Denke einmal an jene Zeit zurück und vergleiche unseren Grafen mit diesem Lieutenant de Lautreville. Merkst Du etwas?«

»Nein!« antwortete der Kutscher kopfschüttelnd.

»Du bist ein Esel! Verstanden?«

»Ja,« antwortete er sehr gleichmüthig und machte dabei ein so selbstzufriedenes Gesicht, als ob ihm die größte Höflichkeit gesagt worden sei.

Unterdessen rollte der Wagen gegen Rodriganda zu.

Rosa dachte über die Frage nach, wer die Räuber wohl zu dem Ueberfalle gedungen haben möge. Amy hingegen hing mit ihrem Blicke an dem jungen Manne, der vor ihr auf dem Bocke saß. Wie blitzesschnell war er Meister der beiden Räuber geworden! Wie hatten seine Augen dabei geleuchtet! Sie schloß die ihrigen, um sich dieses Bild recht deutlich zu vergegenwärtigen.

So verhielten sie sich wortlos, bis der Wagen durch das Dorf rollte und das Schloß erreichte. Vor dem hohen Portale desselben stand ein langer, dürrer Mann, welcher mit verwundertem Blicke die Kommenden betrachtete.

»Wer ist dieser Mann?« fragte Amy.

»Es ist Sennor Gasparino, unser Sachwalter,« antwortete Rosa.

Mariano hörte diesen Namen. Gasparino war ja der Mann genannt worden, auf dessen Befehl er umgewechselt worden war! Und hier oben, gerade über dem Portale des Schlosses, erblickte er ein großes, in Stein gehauenes Wappen mit der Grafenkrone und den Initialen R. und S. Der große, reiche Bau des Schlosses machte einen unerklärlichen Eindruck auf ihn; es war ihm, als sei er hier an den Ort gelangt, in welchem alle seine Jugendträume ihre Wurzeln schlugen, und er sprang vom Bocke mit der Empfindung herab, daß sein Leben hier eine vollständig neue Gestaltung finden müsse.

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Viertes Kapitel..

Ein Menschenraub.

 

»In Deiner Liebe ruht mein Glauben,
Ruht all' mein inniges Vertrau'n.
Will das Geschick Dich mir auch rauben,
Ich werde doch den Himmel schau'n.

In Deiner Liebe ruht mein Hoffen,
Ruht meiner Zukunft Heil und Licht.
Steht solch' ein Paradies mir offen,
So tret' ich ein und zaud're nicht.

In Deiner Liebe ruht mein Leben,
Ruht meine ganze Seligkeit.
O laß, o laß nach Dir mich streben,
Und sei mein Eigen allezeit!«

Als der Wagen vor der Rampe des Schlosses angehalten hatte und der Lieutenant vom Bocke gesprungen war, um den Damen die Hand zum Aussteigen zu bieten, da ein Diener zufälligerweise nicht zugegen war, ruhte das Auge des Notars, der unter dem Eingange stand, mit finsterem Erstaunen auf der Gestalt des jungen Mannes.

»Was ist das?« murmelte er. »Wer ist dieser Mensch? Welche Aehnlichkeit! Das ist ja ganz genau Graf Emanuel, wie er vor dreißig Jahren aussah! Ist das Zufall, oder ist es etwas Anderes?«

Er sah nur einen einzigen Augenblick lang den scharfen, forschenden Blick des Offiziers auf sich ruhen, aber es war ihm dabei doch, als sei dieser Blick der Ausdruck einer Frage, welche eine Gefahr enthielt.

Die Damen waren ausgestiegen und kamen die große Freitreppe empor. Der Notar trat ihnen mit einem verbindlichen Lächeln entgegen, verneigte sich tief vor ihnen und sagte zur Gräfin:

»Ich bin ganz glücklich, Sie als den Ersten begrüßen zu können! Darf ich bitten, Contezza, mich den Herrschaften vorzustellen?«

»Gern!« antwortete Rosa.

Als sie zunächst den Namen Gasparino Cortejo nannte, fiel abermals ein eigenthümlich forschender Blick aus dem Auge des Lieutenants auf den Notar. Und als dieser Letztere den Namen Alfred de Lautreville hörte, glitt es wie ein Zug der Beruhigung über sein scharfes Vogelgesicht. Der Offizier war ein Franzose; die Aehnlichkeit konnte also nur ein Zufall sein.

Jetzt war die Ankunft der Equipage im Schlosse bemerkt worden, und es kamen Graf Alfonzo, Doktor Sternau und die Schwester Clarissa herbei, um die Gäste zu begrüßen. Man bemerkte natürlich die fremden Pferde vor dem Wagen, und Alfonzo fragte nach der Ursache dieses auffälligen Umstandes.

»Sennor de Lautreville hat die Güte gehabt, uns seine Pferde zu leihen, da die unsrigen erschossen worden sind,« erklärte Rosa.


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»Erschossen?« fragte der Advokat erstaunt. »Wieso? Von wem?«

»Von demselben Manne, der uns heute Nacht entflohen ist.«

Sie erzählte den Vorgang, welcher bei den Zuhörern die größte Theilnahme erweckte. Der junge Offizier wurde lebhaft bedankt für seine Tapferkeit und auch Cortejo reichte ihm die Hand. Er war ganz erfreut durch den Tod der beiden Briganden, denn nun hatte er keine Zeugen seiner Schuld mehr zu fürchten. Er bemerkte:

»Dieser Ueberfall wird sehr streng und auch wohl augenblicklich untersucht werden, denn es ist die Untersuchungskommission hier angekommen, an ihrer Spitze der öffentliche Ankläger aus Barcelona, welcher sich jetzt bei dem Grafen befindet. Die Herren haben nur noch die Contezza zu vernehmen, dann sind sie mit der Untersuchung des gestrigen Raubanfalles fertig und können sogleich nach Pons fahren.«

Man begab sich sogleich zu dem Grafen, bei welchem man den Oberrichter fand. Graf Emanuel bewillkommnete die Freundin seiner Tochter mit Herzlichkeit und bedankte sich bei dem Lieutenant mit großer Wärme für die Rettung der beiden Damen.

»O bitte,« wehrte Mariano ab, »es handelt sich hier keineswegs um eine so außerordentliche Heldenthat. Wenn ich ja etwas gerettet habe, so ist es nur die Börse, nicht aber das Leben der Damen.«

»Nein,« fiel Rosa ein, »es ist in Wirklichkeit unser Leben, welches wir Ihnen zu verdanken haben, denn wir wollten das Geld nicht hergeben und die beiden Menschen legten bereits auf uns an, um uns zu erschießen. Sehen Sie unser Haus als das Ihrige an, Sennor. Wir werden Sie auf keinen Fall so bald von Rodriganda fortgehen lassen!«

Mariano machte eine abwehrende Handbewegung und sagte:

»Ich that meine Pflicht, indem ich Sie nach Rodriganda geleitete, darf aber nicht wagen, Ihre Güte zu mißbrauchen.«

»Es ist dies kein Mißbrauch,« fiel der Graf schnell ein. »Sie werden uns nur zu erhöhter Dankbarkeit verpflichten, wenn Sie unsere Einladung annehmen. Ich erwarte ganz bestimmt, daß Sie sich bei uns von Ihrer Reise ausruhen. Rosa wird Ihnen sofort Ihre Zimmer anweisen lassen.«

Es war nicht blos die Höflichkeit, welche den Grafen diese Worte sprechen ließ. Er war blind und konnte den Offizier nicht sehen, aber er hörte die Stimme desselben, und in dieser Stimme lag ein unerklärliches Etwas, was den Blinden mit süßer Gewalt fesselte.

Der Notar stand dabei und verglich die Züge der beiden Männer. Er mußte sich innerlich sagen, daß die Aehnlichkeit eine ganz ungewöhnliche sei, und so beschloß er im Stillen, auf seiner Hut zu sein.

Als sich nach einiger Zeit die Herrschaften trennten, wurde der Lieutenant von einem Diener nach den für ihn bestimmten Gemächern geleitet. Er erhielt drei Räume, ein Vorzimmer, ein Wohn- und ein Schlafzimmer. Er legte in dem Wohnzimmer seinen Degen ab und trat in den Schlafraum, um sich der Waschtoilette zu bedienen. Dort befand sich die Kastellanin, welche nachgesehen hatte, ob sich Alles in Ordnung befinde, und nun von ihm überrumpelt wurde. Bei


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dem Schalle seiner Schritte drehte sie sich nach der Thüre. Sie wußte, daß der Gast ein französischer Offizier sei und wollte ihn als solchen mit einem recht höflichen Knix begrüßen. Da fiel ihr Auge auf sein Gesicht und - - - sie vergaß den Knix. Mit großen, weit geöffneten Augen starrte sie ihn an und rief:

»Herr mein Gott, stehe mir bei! Graf Emanuel!«

Dieser Ausruf machte einen solchen Eindruck auf Mariano, daß er einen Schritt zurücktrat. Die Frau, welche hier vor ihm stand, kannte er. In ihrem Schoße hatte er gelegen und oft in ihr gutes, fettglänzendes Gesicht geblickt.

»Elvira! Nicht wahr, Ihr seid die Kastellanin Elvira?«

»Ja,« antwortete sie, tief aufathmend. »Ihr kennt mich, Sennor?«

»Ja.«

»Woher?«

»Ich hörte Euren Mann von Euch sprechen. Aber sagt, warum nanntet Ihr mich soeben Graf Emanuel?«

»Sennor, das ist wunderbar! Ihr seht gerade und leibhaftig so wie der alte Graf Emanuel, als er zwanzig Jahre zählte.«

Das ist ein Naturspiel, welches zuweilen vorkommt.«

»Aber so genau, so wie aus dem Auge geschnitten! Wenn das mein Alimpo sähe!«

»Er hat mich ja bereits gesehen!«

»Ach ja, Ihr sagtet ja, daß er von mir gesprochen habe.«

»Hat Contezza Rosa seinen Gruß ausgerichtet?«

»Seinen Gruß? Nein. Hat er mich grüßen lassen?«

»Ja.«

Da zog sich ihr Gesicht ganz entzückt noch mehr in die Breite und sie sagte mit strahlenden Augen:

»Ja, so ist er! Er läßt mich grüßen; o, wie schön von ihm! Aber was läßt er mir denn sagen?«

»Daß er nicht erschossen worden sei.«

»Mein Gott, ja, ich hörte von den Dienern, daß er mit angefallen worden ist. Wie gut für unsere gnädige Contezza, daß sie sich unter seinem Schutze befunden hat!«

»Allerdings,« lächelte Mariano. »Er läßt Euch sagen, daß er sehr tapfer gesiegt hat.«

»Das glaube ich, ja, das glaube ich! Mein Alimpo ist tapfer; er ist sogar zuweilen ganz und gar verwegen und tollkühn; ich muß ihn mehr im Zaume halten! Euch aber, Sennor, muß ich einmal nach der Bildergalerie führen, wo das Porträt des Grafen hängt. Er ließ es gerade in dem Jahre fertigen, in welchem der kleine Don Alfonzo geboren wurde. Ihr werdet sehen, daß Ihr diesem Bilde so genau gleicht, wie ein Ei dem anderen. Vorher jedoch ruht Euch aus. Ihr habt mit Räubern gekämpft und werdet ganz erschrecklich müde sein.«

Sie wollte sich zurückziehen; er aber hielt sie zurück und sagte:

»Bleibt, Sennora; oder habt Ihr keine Zeit, mir einige Fragen zu beantworten?«


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»Für Euch habe ich immer Zeit, Sennor,« antwortete sie. »Euch und Sennor Sternau könnte ich keine Bitte abschlagen.«

»Ihr meint den deutschen Arzt?«

»Ja.«

»Was ist das für ein Mann?«

»O, ein Mann, ein Mann - - ja, beinahe so brav und tüchtig wie mein Alimpo! Er ist aus Paris gekommen und wird unseren Grafen sehend machen. Die berühmtesten Aerzte haben vor ihm weichen müssen. Gestern wurde er von Räubern angefallen.«

»Das hörte ich vorhin. Kennt man keinen Grund, weshalb er getödtet werden sollte?«

»Nein.«

»Hat er vielleicht einen Feind?«

»Der? Einen Feind? Nein, sicher nicht! Den müssen ja alle Menschen lieb haben!«

Der Angriff auf den Arzt gab Mariano viel zu denken. Es war ganz außer allem Zweifel, daß der Capitano die Hand dabei im Spiele hatte; dann aber mußte es Jemand geben, der den Tod des Arztes wollte und den Capitano dafür bezahlt hatte. Dieses Schloß Rodriganda steckte voll finsterer Geheimnisse, welche aufgeklärt werden mußten.

»Ich werde, wie es scheint, einige Zeit hier verweilen,« fuhr Mariano fort, »und darum wird es zu entschuldigen sein, wenn ich mich über die Bewohner des Schlosses zu unterrichten wünsche. Darf ich mich bei Euch erkundigen, Sennora?«

»Thut es immerhin, Sennor. Ich werde Euch gern jede Auskunft ertheilen.«

»Schön! Da ist zunächst diese Sennor Gasparino Cortejo. Was ist das für ein Mann?«

»Wenn ich aufrichtig sein soll, Don Lieutenant, so kann kein Mensch diesen Cortejo leiden. Er steht seit langer Zeit als Sachwalter im Dienste des Grafen und ist in geschäftlichen Dingen seine rechte Hand. Er ist stolz und finster, und man hält ihn für einen Mann, welcher das Vertrauen des Grafen zu seinem eigenen Vortheile benutzt. Das sagt mein Alimpo auch.«

»Sodann diese Donna Clarissa?« fragte Mariano.

»Sie ist eine Stiftsdame und seit einiger Zeit als Duenna der Contezza hier. Sie ist sehr fromm und verkehrt am liebsten mit Sennor Gasparino. Man liebt sie nicht.«

»Und der junge Graf?«

»Dieser ist erst seit einigen Tagen anwesend. Er war in Mexiko.«

»Wie lange?«

»Er war noch Knabe, als er hier abgeholt wurde.«

»Ah, das ist sonderbar! Ein Graf giebt seinen Stammhalter als Kind über die See hinüber in ein Land, wo die unsichersten Zustände herrschen und das Leben eines Menschen nichts gilt!«

»O, Sennor, es gab Umstände, welche den Grafen veranlaßten, es zu thun.«

»Darf man diese Umstände erfahren?«

»Gewiß, Sennor; sie sind ja allbekannt; das sagt mein Alimpo auch. Der


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Oheim des gnädigen Grafen, welcher Don Ferdinando hieß, war als jüngerer Sohn von der Nachfolge ausgeschlossen; er nahm sein Erbtheil und ging nach Mexiko, wo er sich ankaufte und nach und nach ein so steinreicher Mann wurde, daß er sein Vermögen gar nicht kannte. Er war unverheirathet geblieben und wollte den zweiten Sohn unseres Grafen, welcher damals zwei Söhne hatte, zum Erben einsetzen. Dabei aber stellte er die Bedingung, daß dieser Sohn ihm zur Erziehung übergeben werde. Don Emanuel ging mit darauf ein, weil es sich um ein so ganz außerordentliches Vermögen handelte.«

»Der Knabe wurde also nach Mexiko gethan?«

»Ja.«

»Wann?«

»O, ich erinnere mich noch ganz genau, denn es war gerade der Geburtstag meines guten Alimpo, als der Knabe abgeholt wurde, nämlich im Jahre 18** den ersten Oktober.«

Mariano's Augen wurden immer größer und sein Puls schlug doppelt schnell, aber er beherrschte sich und fragte:

»Der Knabe hieß also Alfonzo?«

»Ja.«

»Er wurde abgeholt?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von dem Inspektor Don Ferdinando's, der zu diesem Zwecke herübergekommen war.«

»Wie hieß er?«

»Petro Arbellez. Ich habe mir diesen Namen ganz genau gemerkt, weil er so spaßhaft klingt.«

»War noch jemand bei dem Kinde?«

»Nur die Frau, welche seine Amme gewesen war.«

»Wie hieß diese?«

»Maria Hermoyes.«

»Wo schiffte sich Petro Arbellez ein?«

»In Barcelona. Der Graf und die Gräfin begleiteten das Kind dahin und ich war auch dabei.«

»Begleiteten sie den Knaben bis an das Schiff?«

»Nein. Es konnte wegen eines Sturmes nicht auslaufen; darum blieb der Mexikaner noch zwei Nächte in einem Gasthofe.«

»Wie hieß dieser Gasthof?«

»Zum großen Mann.«

Das stimmte ja ganz genau mit der Erzählung des todten Bettlers! Mariano hatte alle Mühe, seine Aufregung zu verbergen. Er nahm eine Miene an, als ob er an diesen Dingen nur ein ganz gewöhnliches Interesse finde, und fragte so gleichgiltig wie möglich:

»Stand Sennor Cortejo damals bereits im Dienste des Grafen?«

»Ja.«

»Ist er verheirathet?«


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»Gewesen, ja.«

»Hat er Kinder?«

»Nein.«

Hm! Wißt Ihr nicht, ob er sehr nahe Verwandte hat, welche Kinder besitzen?«

»Er hat weder Verwandte noch Freunde.«

»Lebt Don Ferdinando in Mexiko noch?«

»Nein. Er ist seit zwei Jahren todt.«

»Und Alfonzo hat ihn beerbt?«

»Ja, Sennor. Er ist ungeheuer reich geworden.«

»Ihr sagtet, daß Don Emanuel zwei Söhne gehabt habe?«

»So ist es. Aber der älteste starb bald darauf, als Alfonzo nach Mexiko gegangen war. Er war in Madrid, um Offizier zu werden, und bekam das Fieber, dem er erlag. Darum ist nun Alfonzo der einzige Sohn und wird die Grafenkrone erben.«

»Mir scheint, dieser Don Alfonzo sehe dem Sennor Gasparino und der Donna Clarissa recht ähnlich?«

»Ach, Sennor, habt Ihr dies auch bemerkt?«

»Die Aehnlichkeit ist beinahe auffällig.«

»Ja; das sagt mein Alimpo auch!«

»Ist Don Alfonzo beliebt?«

»Nein. Er war ein so lieber Knabe und ich habe ihn sehr viel auf diesen meinen Händen getragen, aber in Mexiko scheint er sehr anders geworden zu sein. Er verkehrt mehr mit Cortejo und Clarissa als mit seinem Vater und seiner Schwester.«

»Hm! Und nun diese Donna Amy Lindsay?«

»Die ist eine Engländerin, welche von unserer Contezza sehr geliebt wird. Ihr Vater soll sehr reich sein. Weiter weiß ich nichts.«

»So bin ich also mit meinen Fragen zu Ende. Ich danke Euch, Sennora!«

»So erlaubt, daß ich Euch auch eine Frage ausspreche, Sennor?«

»Thut es!«

»Seid Ihr vielleicht mit den Rodriganda's verwandt?«

»Nein. Mein Name ist Lautreville.«

»Oder sind die Lautreville's mit den Cordobilla's verwandt? Die gnädige Gräfin, unserer Contezza Mutter, war nämlich eine Cordobilla.«

»Nein, wir sind nicht mit ihnen verwandt.«

»Dann ist Eure Aehnlichkeit ganz unbegreiflich!« meinte die Kastellanin. »Und nun sagt mir noch, ob mein Alimpo bald wiederkommen wird?«

»Ganz sicher noch heute.«

»Ich danke Euch, Sennor! Ich werde jetzt gehen. Wenn Ihr mich, oder die Bedienung braucht, so dürft Ihr nur klingeln.«

Sie ging. Mariano schritt in tiefer Erregung in seinem Zimmer auf und ab. Was er erfahren hatte, war genug, jeden Tropfen seines Blutes in Wallung zu versetzen. Wenn seine Ahnung sich erfüllte, so war er der richtige, echte Erbe von Rodriganda, der Sohn des Grafen Emanuel, der Bruder dieser herrlichen Gräfin Rosa. Und dieser finstere Alfonzo war ein untergeschobenes Kind, dessen


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Herkunft man nur bei dem Advokaten erfahren konnte. Vielleicht wußte doch auch der Capitano etwas davon.

Aber welchen Grund hatte dieser Letztere, ihn nach Rodriganda zu senden? Das konnte Mariano nicht begreifen. Wenn er wirklich der Sohn des Grafen war, so war es doch gefährlich, ihn in die Nähe desselben zu bringen, da irgend ein ganz zufälliger Umstand das Geheimniß entdecken konnte. Es galt, auf alle Fälle vorsichtig zu sein und nicht eher hervorzutreten, als bis Alles klar vor die Augen gelegt werden konnte.

Während Mariano sich mit diesen Gedanken beschäftigte, saßen Zwei zusammen, welche sich von demselben Thema unterhielten, nämlich Gasparino Cortejo und Schwester Clarissa.

»Ja, es ist mir ein Stein vom Herzen,« gestand der Erstere, »seit ich weiß, daß die Räuber todt sind. Dieser Lieutenant konnte mir keinen größeren Gefallen thun, als sie erschlagen.«

»Desto bedenklicher aber ist seine Aehnlichkeit,« meinte die Schwester.

»Sie ist geradezu auffällig! Ich erschrak gewaltig, als ich ihn erblickte.«

»Ich ebenso. Wer ihn und Alfonzo neben dem Grafen sieht, hält ganz sicher ihn für den Sohn desselben.«

»Er ist mir ein Räthsel. Als Naturspiel ist diese Aehnlichkeit denn doch zu bedeutend.«

»Hat vielleicht dieser Capitano -«

»Wo denkt Ihr hin, Sennora! Ein Räuber ist niemals so unvorsichtig. Ich kann mir nur einen einzigen Grund denken.«

»Welchen?«

»Der Knabe, welchen wir den Briganden überließen, ist auch umgetauscht worden. Nun denkt der Capitano, er hat den meinigen noch, während es doch nicht der Fall ist.«

»Und der zweimal Umgetauschte wäre dann dieser Lieutenant?«

»Ja.«

»Wie käme dieses Kind nach Frankreich zu den Lautreville's!«

»Wer weiß das! In der Welt passirt gar Vieles, was man für unmöglich gehalten hat.«

»Man muß schlau sein und diesen Lieutenant ausforschen. Gott der Herr hat uns ja die List dazu gegeben, über unsere Gegner zu triumphiren,« meinte die Schwester salbungsvoll.

»Pah, dazu bedarf es keiner großen List. Ein so junger und unerfahrener Mensch ist leicht auszuholen. Ich werde sein Vertrauen sehr bald gewinnen und dann Alles leicht erfahren können.«

»Weiß der Capitano, wessen Sohn damals umgewechselt wurde?«

»Nein.«

»Nun, dann ist es ja sehr leicht möglich, daß dieser Lieutenant doch der richtige Rodriganda ist. Es kann ja Gründe geben, welche den Räuber veranlassen, diesen Menschen unter der Maske eines Lieutenants nach Rodriganda zu schicken.«

»Das ist falsch. Dieser Lieutenant ist nicht bei Räubern aufgewachsen; das


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sieht man doch gleich bei dem ersten Blick. Dieses Aeußere, diese Eleganz und Tournüre eignet man sich nicht unter Briganden an. Er scheint eine nicht gewöhnliche Bildung zu besitzen, wie aus den Worten hervorging, welche ich ihn sprechen hörte. Nein, er ist kein Brigand!«

»Bei klarerem Nachdenken scheint es mir allerdings ebenso. Wär er das Kind, welches wir dem Capitano überließen, so würde er heute seine Kameraden nicht getödtet haben.«

»Das ist der Umstand, welcher mich beruhigt. Aber dennoch war es damals eine Schwachheit von uns, darauf einzugehen, daß der Knabe nicht getödtet werden sollte. Wer todt ist, der ist stumm und kann nicht mehr schaden.«

»Eine noch größere Schwäche war es von Euch, Sennor, dem Capitano jenen Zettel zu unterschreiben. Man hält es für unglaublich, daß ein Jurist eine solche Dummheit begehen kann.«

»Ich befand mich ja in seiner Hand, meine theure Clarissa!«

»Das will mir nicht einleuchten! Ein Räuber tritt nicht vor den Richter, um Jemand anzuklagen.«

»Nein; aber ein Räuber geht zum Grafen und bringt ihm seinen richtigen Sohn zurück. Das Dokument wird mir keinen Schaden bringen. Der Hauptmann bezweckt mit demselben jedenfalls nur eine Gelderpressung.«

»Wie könnte er dem Grafen sein Kind zurückbringen, da er ja gar nicht weiß, wessen Kind es ist?«

»Er weiß es nicht; das heißt, ich habe es ihm verschwiegen. Aber ein Bandit ist scharfsinnig. Er kann nachgeforscht haben. Und gerade der Umstand, daß er sich weigerte, den Knaben zu tödten, läßt mich vermuthen, daß er von der Abstammung desselben eine Ahnung hat. Uebrigens ist die Sache sehr einfach; wenn er sich einbildet, mir gefährlich werden zu können, so schieße ich ihn nieder.«

»Ja, mein Theurer,« sagte die Schwester mit einem frommen Augenaufschlage, »es ist Pflicht der Kinder Gottes, die Welt von dem Ungeziefer zu befreien, welches im Staube kriecht. Was denkt Ihr nun von dieser englischen Lady? Ist sie nicht eine Schönheit?«

»Eine Schönheit ersten Ranges!«

»Und das sagt Ihr in einem so enthusiastischen Tone! Ich hoffe nicht, daß die Miß mir gefährlich wird!«

»Das hast Du nicht zu befürchten, meine Theure. Du weißt, daß Du die Einzige bist, welche mich von der schwächsten Seite des Mannes kennen gelernt hat.«

»Und ich bin Die, welche mit Deiner Schwachheit Nachsicht hatte. Wollen wir jetzt nicht auch ein wenig schwach sein, mein Lieber? Gott hat uns die Liebe zur Verschönerung dieser sündhaften Erde gegeben, und es ist Ungehorsam gegen seinen väterlichen Willen, wenn man ihm widerstrebt.«

Die beiden frommen Seelen trösteten sich in einer langen Umarmung über die Sündhaftigkeit der Erde. Hätten sie gewußt, daß Mariano ihren Schlichen so scharf auf der Fährte war, wäre ihnen wohl die Lust vergangen, dem »väterlichen Willen Gottes« in dieser Weise gehorsam zu sein. ---

Die Anwesenheit der beiden Gäste brachte in das einsame Leben auf Rodriganda etwas mehr Bewegung und Abwechselung.


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Was zunächst den Grafen Emanuel betraf, so freute er sich, wenn die jungen Leute auf eine halbe Stunde sein Krankenzimmer theilten, um ihn zu erheitern. Er fühlte sich auf eine ganz außerordentliche und unerklärliche Weise zu dem Lieutenant hingezogen; auch das stille, sinnige Wesen der Engländerin muthete ihn sympathisch an, und der Umgang mit solchen Personen konnte gar nicht anders als von vortheilhafter Wirkung auf seinen angegriffenen Zustand sein.

Da die drei Aerzte Rodriganda verlassen hatten, so befand er sich unter der alleinigen Behandlung Sternau's, und die Kunst desselben hatte solche Erfolge, daß der Arzt bereits nach einigen Tagen erklärte, daß der Stein entfernt sei. Nachdem der angegriffene Körper sich gekräftigt habe, könne man daran denken, sich auch mit den erblindeten Augen zu beschäftigen.

Das war eine Botschaft, welche alle Bewohner des Schlosses in Freude versetzte - die beiden Frommen und Alfonzo ausgenommen, welche äußerlich Freude zeigten, innerlich aber zürnten, und mit einander Pläne schmiedeten, die Heilung des Patienten zu verhindern.

Es war eigenthümlich, daß die regelmäßig im Parke unternommenen Spaziergänge stets zu Vieren begonnen wurden und doch zu Zweien endeten. Während der Graf auf der Veranda die balsamische Luft genoß, lustwandelten die Anderen zwischen Blumen. Da fand sich dann stets der Arzt zu Rosa und der Lieutenant zu Amy, ein Umstand, dessen sogar der Graf mit einem liebenswürdigen Scherze gedachte. Mariano fühlte, daß die Liebe mächtig in ihm emporflammte, so daß er sie unmöglich bewältigen konnte, und Amy sah in dem ritterlichen Jünglinge die Verwirklichung ihres Ideales, ohne weiter und tiefer über die Gefühle nachzudenken, welche ihr Herz beseligten.

So verging über eine Woche, ohne daß irgend ein Ereigniß von außen her das Stillleben unterbrochen hätte. Man las, man promenirte, man fuhr zuweilen aus, man musizirte, und überall zeigte sich Mariano als ein vollendeter Kavalier. Nur bei der Musik schloß er sich von jeder Betheiligung aus. Er gestand aufrichtig, daß er nicht Piano spielen könne.

Es war eines Abends zur Zeit der Dämmerung, der Arzt befand sich bei dem Grafen in dessen Zimmer, Rosa war mit dem Bruder ausgefahren, und der Lieutenant hatte wieder, wie oft, in der Galerie vor dem Bilde gestanden, welches ihm so ähnlich war. Er trat aus der Galerie in die an dieselbe stoßende Bibliothek, in welcher es bereits ziemlich dunkel war. Darum bemerkte er nicht, daß Amy sich bereits in derselben befand.

Sie hatte, in einer Fensternische sitzend, vorher in einem Buche gelesen, und genoß jetzt die stille Dunkelstunde in jenem Hinträumen, für welches die Dämmerung so sehr geeignet ist. Sie hörte ihn eintreten und verhielt sich ruhig, weil sie glaubte, daß er nur hindurchzugehen beabsichtige. Er aber that dies nicht, sondern er trat an eins der anderen Fenster und blickte hinaus in die Landschaft, von welcher das scheidende Tageslicht einen zögernden Abschied nahm.

So vergingen einige Minuten in tiefer Stille, dann wendete er sich um, vielleicht um zu gehen, aber sein Blick fiel dabei auf eine spanische Guitarre, welche in der Nähe des Fensters an der Wand hing. Er nahm sie herab und fand, daß sie gestimmt sei. Rosa liebte dieses Instrument und hatte es am Nachmittage ge-


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spielt. Er griff einige Akkorde und begann dann einen spanischen Tanz, bei dessen rauschenden Klängen sich Amy unwillkürlich erhob.

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Die Guitarre ist in Spanien ein sehr beliebtes Instrument; sie ist fast in jeder Familie zu finden, und man trifft nicht selten Leute, welche eine wirkliche Virtuosität erlangt haben. Auch Amy hatte solche Spieler gehört, so aber, wie der Lieutenant, hatte noch Keiner gespielt. Darum schlug sie, als das Spiel zu Ende war, die Hände zusammen und rief:

»Bravo, Sennor! Das war ja ein Meisterstück! Und Sie sagen, daß Sie nicht spielen können!«

Er war anfangs erschrocken, trat aber dann näher und sagte:

»Ah, Sennora, ich wußte nicht, daß Sie anwesend waren. Uebrigens habe ich nur gesagt, daß ich nicht Piano zu spielen verstehe.«

»Aber warum ließen Sie uns nicht wissen, daß Sie ein solcher Künstler auf der Guitarre sind?«

»Weil ich meine eigene Ansicht über die Musik habe.«

»Und welche Ansicht ist dies, Sennor?«

»Die Musik ist vorzugsweise die Kunst des Gefühles, des Herzens, und Niemand giebt seine Gefühle gern der Oeffentlichkeit preis. Ich kann ein Konzert anhören und mich daran erfreuen, aber ich kann nicht meine eigenen Gedanken spielen, um sie hören zu lassen.«

»So sprechen Sie von Ihren eigenen Kompositionen?«

»Ich habe niemals den Namen einer Note lernen mögen. Ich spiele, was mir meine eigene Phantasie eingiebt, und das spiele ich nur für mich und nicht für Andere.«

»O, Sie sind egoistisch. Singen Sie auch?«

»Ja.«

»Was?«

»Was mir der Augenblick eingiebt.«

»Sie sind also ein Improvisator! Und Niemand darf Sie hören?«

»Niemand!«

»Gar, gar Niemand?« fragte sie langsam und mit verlegenem Nachdrucke.

»Gar Niemand!«

»Auch - ich nicht, Sennor?«

Er schwieg. Da trat sie nahe an ihn heran, legte ihm das kleine Händchen auf den Arm und sagte:

»Sennor, ich möchte Ihnen etwas sagen, was ich sonst Keinem sagen würde!«

»Bitte, sprechen Sie!«

Sie zögerte einige Augenblicke und dann sprach sie mit leiser Stimme:

»Sie können Alles, Sie wissen Alles; ich habe Sie beobachtet und bin stolz auf Sie gewesen. Aber eine Lücke fand ich doch, und das hat - ja, das hat mich geärgert.«

»Welche Lücke ist das, Sennora?« fragte er lächelnd.

»Sie waren nicht musikalisch. Ein Mann ohne Sinn für die Töne kann kein Herz, kein Gemüth haben. Das ist es, was mich ärgerte. Ich wollte Sie so gern fehlerfrei sehen. Und nun ich jetzt bemerke, daß ich mich geirrt habe,


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sagen Sie, daß Niemand, gar Niemand Sie hören dürfe! Sennor, lassen Sie mich Ihre Vertraute sein, lassen Sie mich in dem Bilde, welches ich von Ihnen habe, jene Lücke ausfüllen, welche mich so schmerzte!«

Er hätte bei diesen Worten laut aufjubeln mögen. Sie gestand ihm, daß sie sich so viel mit seinem Bilde beschäftige; es hatte sie geärgert und geschmerzt, daß es etwas geben sollte, worin ihm Andere überlegen seien; das machte ihn so glücklich, daß er antwortete:

»Nun wohl, Sennora, ich werde Ihnen etwas vorsingen. Aber was?«

»Was singen Sie am liebsten?«

»Nichts und Alles. Ich lerne niemals ein Lied; ich improvisire nur.«

»Nun, so singen Sie - «

»Was?« fragte er, als sie zögerte.

»Singen Sie ein - Liebeslied.«

»Dann aber bin ich ja gezwungen, mir eine Dame zu denken, welcher ich diese Liebe und dieses Lied widme!«

»Natürlich!« meinte sie in einem jetzt heiteren Tone.

»Aber wenn ich nun keine solche Dame kenne?«

»Giebt es wirklich keine, der Sie ein Lied widmen könnten, Sennor?«

Er schwieg eine Weile, dann antwortete er:

»Ja, es giebt eine, und an diese will ich jetzt denken, wenn ich singe.«

Er führte sie zu dem Sessel, auf welchem sie vorhin gesessen, und schritt ganz in den Hintergrund des Raumes zurück, wo er sich auf einen Divan niederließ. Dort herrschte bereits ein solches Dunkel, daß sie ihn nicht erkennen konnte. Es verging eine Weile; sie ahnte, daß er jetzt an keine Andere, als nur an sie allein denke. Dann hörte sie die Saiten klingen, leise und mild, dann stärker, in einzelnen Akkorden und Tönen, die sich suchten und endlich zu einer Melodie zusammenfanden. Und nun hörte sie seine Stimme:

»In Deiner Liebe ruht mein Glauben,
Ruht all' mein inniges Vertrau'n.
Will das Geschick Dich mir auch rauben,
Ich werde doch den Himmel schau'n,
In welchem Deines Auges Sonne
Mich grüßt so klar, so hell, so rein,
Voll Prophezeiung süßer Wonne,
Daß Du mein Eigen werdest sein.«

Als der erste Ton seiner Stimme erschollen war, war sie erschrocken zusammengezuckt. Das klang ja so süß, so unbeschreiblich mild, das konnte unmöglich die Stimme eines Mannes sein! So blieb es während des ganzen Verses. Nun aber leitete ein kurzes Zwischenspiel nach Moll hinüber und es erklang lauter und bewegter die nächste Strophe:

»In Deiner Liebe ruht mein Hoffen,
Ruht meiner Zukunft Heil und Licht.
Steht solch ein Paradies mir Offen,
So tret' ich ein und zaud're nicht.


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Das Leid und Weh vergang'ner Zeiten
Sinkt in Vergessenheit zurück,
Und Gottes Segen wird uns leiten
Zu dieses Lebens höchstem Glück.«

Jetzt leitete ein abermaliges Zwischenspiel nach der Durtonart zurück; die Akkorde wurden voller und kräftiger; die Melodie setzte sich aus festen, sicheren Tonmotiven zusammen und auch die Stimme des Sängers erklang im vollen Brusttone:

»In Deiner Liebe ruht mein Leben,
Ruht meine ganze Seligkeit.
O laß, O laß nach Dir mich streben,
Und sei mein Eigen allezeit.
Trau meines Herzens sich'rem Schlage
Und meines Pulses heil'ger Macht.
Du bist die Sonne meiner Tage,
Und ohne Dich ist's um mich Nacht!«

Das Lied war verklungen, und lange Zeit herrschte in dem jetzt dunklen Raume das tiefste Schweigen. Dann aber kam er langsam aus dem Hintergrunde herbei, um das Instrument an seinen Platz zu hängen.

»Ist nun die böse Lücke verschwunden, Sennora?« fragte er.

»O, vollständig!« meinte sie. »Und dieses Lied gab es vorher nicht? Dieses Lied haben Sie erst jetzt gedichtet und improvisirt?«

»Ja!«

»Und die Melodie auch?«

»Ebenso!«

»Aber, Sennor, da sind sie ja ein wirklicher, ein wahrhaftiger Dichter! Darf ich nun nur Eins noch erfahren?«

»Sagen Sie was, Sennora!«

»An wen war das Lied gerichtet?«

»An - - Sie!«

Kaum war das Wort erklungen, so fühlte sie sich von ihm umschlungen. Er zog sie an sich, legte ihr die Hand auf das schöne Köpfchen und sagte:

»Gott segne Sie, Miß Amy! Ich liebe Sie unendlich, aber ich darf jetzt noch nicht davon sprechen. Doch später werde ich Sie in Mexiko oder in jedem Winkel der Erde aufsuchen, um mir das Glück zu holen, welches ich nur bei Ihnen finden will!«

Ein langer, inniger Kuß glühte auf ihren Lippen, welche sich nicht sträubten, und dann verließ er die Bibliothek. Sie hörte seine verhallenden Schritte, und sank dann in den Stuhl, wo sie noch lange saß, vor Glück und Freude weinend, und die glühenden Wangen in die Hände verborgen.

Später hörte sie das Rasseln eines Wagens. Rosa kehrte mit ihrem Bruder zurück. Sie hatten unterwegens den Briefboten gefunden, und von ihm mehrere Briefe und Zeitungen erhalten. Diese wurden an die Adressaten vertheilt. Auch an den Notar fand sich ein Schreiben vor. Es trug den Poststempel Barcelona und lautete:


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     »Sennor!
Soeben bin ich mit meiner »Pendola« hier eingelaufen. Die Reise hat viel Geld gebracht. Ich erwarte Euch baldigst, denn ich möchte die Jahreszeit benutzen, und bald wieder in See stechen.
     Henrico Landola,
     Seekapitän.«

Dieser Brief brachte einen sehr freudigen Eindruck auf den Advokaten hervor. Er ging sofort zu seiner Verbündeten, der Stiftsdame, und rief, als er kaum die Thüre hinter sich geschlossen hatte:

»Clarissa, eine frohe Nachricht!«

Sie erhob sich aus der Chaiselongue, in welcher sie gesessen hatte, und meinte:

»Froh? Das wird gebraucht. Wir haben lange Zeit hindurch nur lauter Betrübniß erfahren müssen. Was ist es, was Du bringst?«

»Landola ist da!«

»Der Seekapitän?«

»Ja, er ist glücklich in Barcelona eingelaufen und meldet mir, daß er gute Geschäfte gemacht habe.«

»Hat er Mexiko mit angelaufen?«

»Jedenfalls!«

»Er war in Afrika?«

»Ja, wie vorher!«

»Hat er vielleicht diesen alten Don Ferdinando de Rodriganda getroffen, den wir so schön sterben ließen, damit Alfonzo ihn beerben konnte?«

»Ich weiß es nicht; ich werde es erst erfahren, wenn ich mit ihm spreche.«

»So gehst Du nach Barcelona?«

»Nein, ich werde den Capitän benachrichtigen, nach Rodriganda zu kommen. Unsere Stellung hier ist jetzt so sehr gefährdet, daß ich keinen Tag abkommen kann. Uebrigens habe ich auch bereits das Zeichen erhalten, daß der Capitano hier ist. Er will mit mir sprechen.«

»Wann?«

»Wie gewöhnlich, gerade um Mitternacht.«

»Ah,« rief da die Stiftsdame, »da kommt mir ein Gedanke! Wir können jetzt erfahren, ob dieser Lieutenant mit dem Capitano in Beziehung steht.«

»Wie?«

»Gehört er zu den Briganden, so wird der Capitano die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, mit ihm zu sprechen. Wir müssen ihn beobachten, ob er heute noch nach dem Parke geht.«

»Das ist richtig! Dieser Einfall ist ganz vortrefflich!«

»Nicht wahr? Gott sorgt dafür, daß die Seinen nicht zu Schanden werden. Gehe hinab, mein Freund, und sieh nach, wo der Lieutenant ist!

»Ich werde zunächst nach seinem Diener sehen, denn es läßt sich ja denken, daß der Capitano sich an diesen wenden wird und nicht direkt an den Lieutenant, was doch auffällig sein könnte.«

Er ging und konnte keinen besseren Augenblick gewählt haben, denn gerade,


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als er die Treppe niederstieg, kam der Husar sehr eilfertig dieselbe empor und verschwand in dem Zimmer des Lieutenants.

»Ah, das ist genug,« murmelte der Advokat. »So einen Eifer legt man nur bei etwas Ungewöhnlichem an den Tag. Ich werde mich fortschleichen und aufpassen.«

Er trat durch das Portal und schritt die von zwei großen Laternen erleuchtete Freitreppe hinab. Zu beiden Seiten derselben gab es dichte Bosquets, in denen sich ein Mensch sehr leicht verbergen konnte. Gasparino Cortejo kroch zwischen die Büsche hinein und legte sich lang zur Erde nieder, so daß er nicht gesehen werden konnte.

Von hier aus war es ihm sehr leicht, jede Person zu erkennen, welche das Schloß nach derjenigen Seite, auf welcher der Park und der Wald lagen, verließ.

Er mochte wohl über eine halbe Stunde gelegen haben, als er sporenklirrende Schritte hörte. Der Lieutenant de Lautreville trat unter das Portal, blickte sich vorsichtig um, schritt dann schnell die Freitreppe hernieder und wandte sich dem Parke zu.

»Ah!« entfuhr es den Lippen des Advokaten. »Also doch! Ich muß zunächst sehen, wo sie sich treffen.«

E verließ sein Versteck, umging den Kreis, welcher von dem Lichte der Laterne beschienen wurde, und huschte dem Lieutenant nach. Dieser Letztere gab sich keine Mühe, den Schall seiner Schritte zu dämpfen; er hatte hier den Offizier zu spielen und durfte von Keinem, der zufälligerweise im Parke anwesend sein konnte, für einen Schleicher gehalten werden. Aus diesem Grunde war es dem Advokaten leicht, ihm zu folgen.

Nach einer Weile lenkte der Lieutenant in einen Seitenweg ein, welcher direkt nach einer einsamen Borkenhütte führte.

»Richtig!« brummte der Notar. »Dort im Borkenhäuschen treffen sie sich. Zufälligerweise kenne ich den Platz besser als sie und werde sie belauschen.«

Er folgte dem Offizier nicht direkt, sondern huschte über einen offenen Grasplatz hinweg, gelangte dann durch eine kleine Birkenpflanzung, wand sich nachher durch ein nicht sehr dichtes Buschwerk hindurch und sah nun endlich das Häuschen vor ich. Es lehnte dicht an dem Buschwerke, war klein und nur von dünnen Stämmchen errichtet - infolge dessen konnte man ein jedes nicht ganz und gar leise gesprochenes Wort hören, wenn zwei Leute in der Hütte miteinander redeten.

Der Advokat kroch ganz an die hintere Seite des Häuschens heran und lauschte. Ah wirklich, er hörte sprechen. Zunächst vernahm er ganz deutlich die Stimme des Capitano in den halblauten Worten:

»Und Du wohnst also auf dem Schlosse?«

»Ja,« antwortete die unverkennbare Stimme des Lieutenants.

»Wie ist dies so günstig, und schnell gekommen?«

»Ich hatte das Glück - oder ist es für Dich, Capitano, ein Unglück - die Contezza nebst einer Freundin von ihr von zwei Männern zu befreien, von denen die beiden Damen angefallen wurden.«

»Ah! Wer waren diese? Giebt es außer uns hier noch andere Briganden? Ich würde ihnen schleunigst das Handwerk legen.«


// 96 //

»Dies ist aus zwei Gründen nicht nothwendig. Erstens habe ich ihnen bereits das Handwerk gelegt und zweitens waren sie nicht fremd, sondern sie gehörten zu uns.«

»Alle Teufel! Wer war es?«

»Henricord und Juanito.«

»Unmöglich! Wie könnten diese es wagen, die Contezza zu beleidigen!«

»Das ist Deine oder vielleicht auch nur ihre Sache.«

»Was hast Du mit ihnen gethan?«

»Den Einen erschossen und dem Anderen den Schädel gespalten. Sie sind Beide todt.«

»Mensch, ist das wahr?«

»Ja.«

Es trat eine kleine Pause ein; dann sagte der Hauptmann in einem zornigen Tone:

»So hast Du also zwei Deiner Kameraden getödtet! Weißt Du, welche Strafe darauf steht?«

»Der Tod,« antwortete Mariano sehr ruhig. »Ich aber habe ihn nicht zu befürchten.«

»Warum nicht? Ah, meinst Du vielleicht, daß ich Dich schonen werde, weil ich stets nachsichtig gegen Dich gewesen bin?«

»Ich verlange keine Schonung, sondern nur Gerechtigkeit. Hast Du den beiden Männern befohlen, die Contezza anzufallen?

»Nein.«

»Nun, so habe ich sie nicht getödtet, sondern einfach bestraft.«

»Hast Du das Recht dazu? Nur ich als Hauptmann habe Strafen zu verhängen.«

»Ich kannte sie nicht; sie hatten sich vermummt.«

»Womit?«

»Mit schwarzen Kapuzen.«

»Wie die unserigen sind?«

»Ja.«

»So mußtest Du trotz dieser Verhüllung denken, daß es Kameraden seien!«

Wieder trat eine kurze Pause ein. Der Lieutenant ließ ein ungeduldiges Räuspern vernehmen und sagte dann in einem entschiedenen Tone:

»Sie waren auf keinen Fall meine Kameraden.«

»Ah! In wiefern?«

»Ich bin kein Mitglied Deiner Bande. Du hast mich aufgenommen und erzogen; ich bin stets bei Euch gewesen, aber Du hast vergessen, mir den Schwur abzunehmen. Ich habe also Euch gegenüber nicht die mindeste Verantwortlichkeit.«

»Gut, so wirst Du mir den Schwur baldigst ablegen müssen!«

»Ich zweifle sehr, ob ich es thun werde!«

»Knabe!« Dieses Wort kam langsam und pfeifend aus dem Munde des Capitano, der sehr erstaunt war, hier eine solche Widersetzlichkeit zu finden. »Ist dies der Dank für die ungeheuren Wohlthaten, welche ich Dir erwiesen habe?«

»Schweige von der Ungeheuerlichkeit Deiner Wohlthaten!« stieß der Lieutenant


Ende der vierten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk