Lieferung 43

Karl May

15. September 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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Banden und zog ihr die Kleider an, welche sie am Tage vorher getragen hatte; sie lagen noch auf dem Stuhle; dann suchte er aus dem Schranke noch Einiges hervor, was ihm bei einem weiten Ritte dienlich schien, und nun nahm er bei ihr Platz, um ihr Erwachen zu erwarten.

Pardero fand Karja nicht leblos am Boden liegend. Sie wälzte sich hin und her und gab sich alle Mühe, sich ihrer Fesseln zu entledigen. Er zog die Thür hinter sich zu und brannte die Kerze an.

Da bot sich ihm ein Anblick, der ganz geeignet war, alle seine Sinne in Aufruhr zu versetzen. Karja hatte ohne alle Bekleidung im Schlafe gelegen.

Nun lag sie gefesselt am Boden, eine Schönheit preisgebend, so voll und üppig, so sinnberückend, wie Pardero bei all den Orgien, welche er mit gefeiert hatte, noch keine gesehen hatte. Er warf sich auf sie. Er umarmte und küßte sie auf die Wangen, den Hals und den Busen; er wollte die herrlichen Reize betasten und prüfen, aber das Mädchen wälzte sich hin und her, daß ihm sein Vorhaben nicht gelang. Da sprang er auf und griff nach ihrem Hemde.

»Gut, ich werde Dich jetzt nicht belästigen,« sagte er; »aber mein wirst Du, und wenn ich Deinetwegen das Leben verlieren sollte. Stehe auf, ich kleide Dich an!«

Er faßte sie an und stellte sie empor. Jetzt sah er noch vielmehr als vorher, welche Schönheit er vor sich hatte. Seine Augen wurden größer, seine Lippen zitterten, und er sagte, sich kaum beherrschend:

»Du bist mehr als eine Venus; Du bist eine Kleopatra!« Aber die Zeit drängte. Er griff nach ihrem Hemde und legte es ihr an, ihre Fesseln vorsichtig immer so lösend, daß sie keine Freiheit erhielt. So kleidete er sie vollständig an. Sie ließ es jetzt ruhig geschehen. Erst hatten ihre Augen mit unendlicher Wildheit auf ihn geblickt und geblitzt, jetzt aber hielt sie dieselben geschlossen, es schien ihr ganz gleichgiltig zu sein, was mit ihr geschah, und als er ihre Hand berührte, fühlte er, daß diese vollständig kalt war.

Da öffnete sich die Thür und Verdoja blickte herein.

»Sind Sie fertig?« fragte er.

»Ja.«

»Nehmen Sie noch einige Tücher und Decken. Es geht jetzt fort.«

Auch die beiden männlichen Gefangenen hatten ihre Kleidung bekommen. Sie waren so gefesselt und eingewickelt, daß sie kein Glied zu regen vermochten, und wurden nun hinunter in den Hof getragen. Verdoja und Pardero brachten die Mädchen nach.

Das geschah so leise und vorsichtig, daß es von keinem Menschen gehört wurde. Nun öffnete man ebenso leise das große Thor und holte Sternau herbei. Es war dunkel und man sah also nicht, ob er die Augen geöffnet hielt; eine Bewegung bemerkte man nicht an ihm.

Jetzt nahmen je Zwei und Zwei einen Gefangenen auf die Achseln und trugen sie unhörbar davon. Verdoja blieb zurück, um das Thor zu verschließen und über die Palissaden hinauszuspringen und den Anderen nachzufolgen. Seit sie die Hazienda erreicht hatten, war eine Stunde vergangen; eine halbe Stunde später erreichten sie ihre Pferde im Walde.


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Für die fünf Gefangenen hatte man fünf Pferde mitgebracht, für die Mädchen sogar Damensättel. Man fesselte sie auf die Pferde fest, und dabei zeigte es sich, daß Sternau wieder zu sich gekommen war.

Jetzt theilten sich die fünfzehn Mann in fünf Gruppen. Je drei Mann hatten einen Gefangenen oder eine Gefangene bei sich. Sie trennten sich und ritten in ganz und gar verschiedenen Richtungen davon. Dies war eine List, welche geradezu raffinirt genannt werden konnte, denn sie erschwerte eine Verfolgung auf das Aeußerste. Verdoja hatte diese Trennung angerathen. Erst nach einer vollen Tagereise sollten sich je zwei Abtheilungen zusammentreffen, und diese je sechs Mann sollten dann am Ende der zweiten Tagereise zu ihm stoßen. Die Punkte, an denen dies geschehen sollte, waren vorher bestimmt, und ein Jeder von den Räubern hatte einige Tage vor dem Ueberfalle den Weg, den er zurückzulegen hatte, ganz genau recognoscirt. So war an einem Gelingen kaum zu zweifeln.

Zwei Punkte freilich fielen hierbei gegentheilig in's Gewicht. Verdoja lief bei dieser Zersplitterung Gefahr, von seinen eigenen Helfershelfern betrogen zu werden, und außerdem konnten bei einem Ueberfalle drei Mann doch nicht denselben Widerstand leisten, wie fünfzehn.

Das überlegte er sich erst, als er mit den Seinen am ändern Morgen den ersten Halt machte. Er hatte Emma bei sich; die anderen Gefangenen waren Pardero und den Mexikanern anvertraut worden. Die erste Tagereise führte ihn auf den Kamm des Gebirges, welches als ein Theil der mittelamerikanischen Cordilleren sich von Norden nach Süden durch das Land zieht. Am zweiten Morgen ritt er am westlichen Abhange dieses Gebirges herab und erreichte am Nachmittage den Rand der Wüste Mapimi, welche als die verrufenste Strecke Mexikos bekannt ist.

Hier war das Rendezvous, wo die vier anderen Truppen zu ihm stoßen sollten, und nun erwartete er mit ängstlicher Spannung den Erfolg der listigen Maßregel, welche er getroffen hatte.

Bereits eine Stunde nach seiner Ankunft sah er einen Reitertrupp von Süden kommen. Als derselbe näher kam, zählte er acht Männer, und sein Herz wurde leicht, denn diese Leute gehörten zu ihm. Es zeigte sich, daß es die vereinigten Abtheilungen waren, welche Sternau und Mariano zu transportiren hatten. Sie wurden von ihm mit großer Befriedigung empfangen.

Die beiden Gefangenen waren auf eine geradezu unmenschliche Weise gefesselt. Nur die Knebel waren ihnen abgenommen, so daß sie wenigstens Athem holen konnten.

Gegen Abend trafen zur großen Freude Verdoja's auch die Uebrigen mit Karja und Helmers ein. Es war keine einzige der fünf Abtheilungen verfolgt oder beunruhigt worden, und so schloß Verdoja, daß er von jetzt an seinen Ritt mit Sicherheit fortsetzen könne.

Es wurde ein Lager errichtet. Man brannte ein Feuer an und aß; dann fütterte man die Gefangenen, welche sich ja ihrer Hände nicht bedienen konnten, theilte sich in die Wache und legte sich zur Ruhe.

Verdoja hatte die erste Wache übernommen, obgleich er dies nicht nöthig hatte, da er ja der Anführer war. Aber er hatte sich vorgenommen, die Gefangenen, von


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denen Keiner ein Wort gesprochen hatte, zu peinigen. Sie lagen in der Mitte des Kreises, welchen die dreizehn Mexikaner bildeten. Er trat zunächst zu Helmers.

»Nun, Bursche, wie gefällt Dir dieser Spazierritt?« fragte er. »Ich habe Euch von Jemand zu grüßen, der sich sehr für Euch interessirt.«

»Von wem denn?« fragte Helmers.

»Von einem gewissen Cortejo.«

»In Mexiko?«

»Ja. Er scheint ein sehr guter Freund von Euch zu sein.«

Er gab hier sein Geheimniß preis, und zwar mit Absicht. Es lag ihm daran, zu erfahren, weshalb Cortejo den Tod dieser Männer wünschte; er hätte dann eine Waffe gegen ihn in der Hand gehabt. Darum brachte er die Rede auf ihn, denn er dachte, durch irgend ein Wort oder unbedachte Aeußerung der Gefangenen Aufschluß zu erhalten.

»Hole ihn der Teufel!« sagte Helmers.

»Das thut er nicht, aber Euch wird er holen!«

»Ohne Dich sicherlich nicht!«

»Schweig, Schurke! Sonst will ich Dir zeigen, wen Du vor Dir hast!«

Er gab Helmers einen Fußtritt und schritt weiter, zu Mariano heran.

»Siehst Du nun, was daraus wird, wenn man Schurken als Sekundant dient?« sagte er. »Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Kennst Du Euern Freund Cortejo?«

Mariano antwortete nicht.

»Kennst Du ihn?« wiederholte Verdoja.

Mariano schwieg noch immer.

»Ah, ich sehe, daß ich Euch erst recht gefüge machen muß! Ihr werdet schon noch reden lernen!«

Er gab auch ihm einen Fußtritt und kam nun zu Sternau. Dieser war so gebunden, daß er weder Arme noch Beine rühren konnte, aber die Kniee konnte er an den Leib ziehen.

»Nun zu Dir, Du Hund!« sagte Verdoja. »Du hast uns um unsere Hände gebracht und wirst doppelt büßen müssen. Wie war Dir's denn, als Du meinen Hieb auf den Kopf bekamst?«

Sternau beachtete ihn gar nicht.

»Was, Du willst auch nicht antworten? Warte, ich werde Dir gleich Worte machen!«

Er erhob den Fuß, um auch Sternau einen Tritt zu geben; dieser aber zog blitzschnell die Beine an sich, schnellte sie wieder aus und trat ihm mit solcher Gewalt auf den Unterleib, daß er hintenüberstürzte und mit dem Kopfe grad in das helllodernde Feuer fiel. Zwar raffte er sich sofort wieder auf, aber ein lautes Schmerzgeheul zeigte, daß er in irgend einer Weise verwundet worden sei.

»Mein Auge, mein Auge!« brüllte er.

Die Schläfer erhoben sich sofort, nahmen ihm die Hand vom Auge und untersuchten dasselbe. Da stellte sich heraus, daß er sich ein Aestchen des brennenden Holzes in das Auge gestochen hatte; es war abgebrochen und nun stak die Spitze noch im Auge.


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»Das Auge ist verloren, denn es giebt keinen Arzt,« sagte Pardero.

Verdoja wimmerte noch immer; er mochte furchtbare Schmerzen haben. Er lief im Kreise umher und bat, ihm die Spitze des Aestchens auszuziehen, aber Keiner konnte es thun.

»Hier könnte nur Einer helfen,« sagte Pardero.

»Wer?« fragte Verdoja.

»Sternau.«

»Sternau, dieser Hund, dem ich dieses Unglück verdanke! Todtprügeln werde ich ihn!« rief der Verwundete grimmig.

»Es ist mir eingefallen, daß er ja Arzt ist.«

»Arzt? Ah, wirklich; es ist wahr. Er hat ja den Kranken auf el Erina behandelt.«

»Er wird Ihnen den Splitter entfernen können!«

»Das soll er, ja, das soll er. Und dann, dann werde ich ihn krumm auf das Pferd schließen. Er soll an mich und meine Rache denken!«

Pardero trat an Sternau heran und fragte:

»Sind Sie Augenarzt?«

Da Sternau mit »Sie« und im höflichen Tone angeredet worden war, so antwortete er:

»Ja.«

Er hätte aber trotzdem keine Antwort gegeben, wenn ihm nicht der Gedanke durch den Kopf gefahren wäre, daß er jetzt entfliehen könne.

»Werden Sie den Splitter entfernen können?«

»Das weiß ich nicht. Ich muß das Auge erst untersuchen.«

»So kommen Sie!«

»Ich kann mich ja nicht erheben!«

»Ah, so! Nun, ich werde Ihnen die Fesseln so weit abnehmen, daß Sie aufstehen können. Warten Sie!«

Er nahm ihm die Riemen von den Beinen und Füßen und schob ihn dann zum Feuer, an dem Verdoja wimmernd saß.

»Untersuchen Sie ihn!« gebot Pardero.

Verdoja nahm die Hand vom Auge, welches er geschlossen hielt, blickte ihn mit dem andern grimmig an und sagte:

»Kerl, wenn Du mir das Auge nicht sofort wieder herstellst, so lasse ich Dich mit glühenden Zangen zwicken! Sieh her!«

Er hielt das verletzte Auge einige Sekunden lang geöffnet und Pardero leuchtete mit einem Feuerbrande dazu. Das Gespräch wurde natürlich in mexikanisch-spanischer Sprache geführt. Sternau war überzeugt, daß unter Allen, die sich hier befanden, nur Helmers Deutsch verstehe, und so sagte er, indem er das Auge sehr aufmerksam betrachtete, in deutscher Sprache:

»Muth! Ich werde Euch befreien!«

»Was sagst Du da?« brüllte Verdoja.

»Wir Aerzte nennen jede Krankheit und Wunde bei ihrem lateinischen Namen; ich sagte den lateinischen Namen der Verletzung,« antwortete Sternau.

»Geht der Splitter zu entfernen?«

»Ja.«


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»Thut es sehr weh?«

»Nein, fast gar nicht.«

»So thue es, augenblicklich!«

»Die Hände sind mir ja gebunden!«

»Bindet ihn los!« gebot Verdoja.

»Aber wenn er entflieht!« meinte Enrico.

»Bist Du klug?« fragte Pardero. »Wir sind fünfzehn Mann. Wie will er uns entkommen? Bildet einen Kreis und nehmt ihn in die Mitte!«

Dies geschah. Als Sternau die deutschen Worte sprach, hatte Helmers sich geräuspert, zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe. Jetzt konnte Sternau handeln.

»Mit dem Finger kann ich den Splitter nicht fassen!« sagte er. »Gebt mir ein Messer!«

Er erhielt das Messer. Jetzt war er frei von allen Banden und hatte eine Waffe in der Hand. Es handelte sich nur noch darum, ein Gewehr mit Munition zu bekommen.

Um das Lager herum weideten die Pferde. Die Gewehre waren in Pyramiden zusammengestellt, und Verdoja hatte über seinen um die Hüften gewundenen Shawl einen breiten Gurt geschlungen, der ihm als Kasse diente. An demselben hing der Pulver- und Kugelbeutel. Sternau's Plan war in einer Sekunde gefaßt.

Er betrachtete das Messer, es war gut, scharf und spitz. Nun trat er zu Verdoja heran und legte ihm die Hand auf den Kopf. Aller Augen waren auf die Beiden gerichtet, am gespanntesten aber die Augen der Gefangenen.

»Oeffnen Sie das kranke Auge und schließen Sie das gesunde,« bat Sternau.

Er beabsichtigte damit, Verdoja solle gar nichts sehen. Dieser folgte der Weisung, und nun näherte Sternau das Messer dem Gesichte des Ex-Kapitäns. Aber plötzlich fuhr er mit demselben niederwärts. Mit einem raschen Schnitte trennte er den Gurt vom Leibe Verdoja's und faßte ihn, da er seine Hände gebrauchte, zwischen die Zähne. In demselben Augenblicke packte er Verdoja mit herkulischer Stärke und schleuderte ihn gegen die nahe stehenden Mexikaner. Drei oder vier derselben wurden niedergerissen; so entstand eine Bresche, durch welche Sternau in einem weiten Sprunge hindurchflog. Im nächsten Momente hatte er eines der Gewehre an sich gerissen, und eine Sekunde später saß er auf dem Rücken eines der Pferde und galoppirte davon.

Dies Alles war so schnell geschehen, fast schneller, als man es denken kann. Als ein fünfzehnstimmiger Schrei des Schreckens erscholl, war es bereits zu spät. Ein Jeder griff nach Gewehr oder Pistole; mehrere Schüsse wurden abgefeuert, aber keiner traf.

»Auf! Ihm nach! Wir müssen ihn wieder haben!« brüllte Verdoja.

Einige warfen sich sofort auf die Pferde und sprengten nach der Richtung hin, in welcher er entflohen war, ihn einzuholen.

Sternau ahnte natürlich, daß man dies thun würde. Indem er in immer gerader Richtung dahinfloh, untersuchte er seine Büchse. Es war ein Doppelgewehr, und zwar geladen. Das genügte; das mußte mehreren Verfolgern das Leben kosten.


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Er hielt sein Pferd an und wendete den Kopf desselben in die Richtung, aus welcher er den Galopp der Verfolger hörte. Sie ritten nicht in einem Haufen, sondern sie hatten sich auf eine breite Linie vertheilt. Sie hatten nicht die Erfahrung, Geistesgegenwart und Gewandtheit, welche Sternau besaß. Sie nahmen für sicher an, daß dieser in immer gerader Linie fliehen werde, so daß man ihn immer vor sich habe und den Hufschlag seines Pferdes hören müsse. Daß er anhalten und sie erwarten könne, das fiel ihnen gar nicht ein, das war nach ihrer Ansicht so todtesverwegen, daß sie es für ganz unmöglich hielten.

Es war so dunkel, daß man einander zwar hören, aber nicht sehen konnte. Sternau's Pferd stand still und er hielt die Büchse zum Schusse erhoben. Die Verfolger nahten; da durchzuckte ihn ein anderer Gedanke. Er brauchte ja gar nicht zu schießen.

Er sprang schnell vom Pferde und riß auch dieses auf den Boden nieder. Da waren die Mexikaner bereits da und sprengten an ihm vorüber, rechts und links von ihm je Einer. Im Nu war er wieder auf und sein Pferd ebenso. Er sprang auf den Rücken desselben und jagte hinter ihnen her. Nach wenigen Augenblicken befand er sich zwischen den Zweien. Sie hatten kein Arg, denn ein Jeder hielt ihn für den Andern. Er setzte die Hähne seines Gewehres in Ruhe, faßte dasselbe bei den Läufen und trieb sein Pferd mit einigen weiten Sätzen hart an den Mexikaner heran, der ihm zur Rechten ritt. Dieser bemerkte es.

»Weiter nach links!« rief er.

Da sauste aber auch bereits Sternau's Kolben auf ihn herab und zerschmetterte ihm den Kopf.

Zugleich erfaßte der kühne Deutsche den Zügel des Mexikaners und hielt das Pferd desselben auf. In weniger als einer Minute hatte er ihn ausgeplündert, dann galoppirte er weiter.

Er hielt jetzt auf den Nachbar zur Linken zu. Als er diesen erreichte, rief derselbe:

»Mir gebietest Du, weiter nach links zu gehen, und nun hältst Du selbst nicht Richtung. Mehr nach rechts!«

»Gleich!« antwortete Sternau.

Schon war er an ihn heran; der Mann ahnte nicht, was ihm bevorstand. Ein Kolbenschlag zerschmetterte ihm den Schädel. Dann hielt Sternau wieder das fremde Pferd an und nahm dem Reiter Alles ab, was er selbst gebrauchen konnte.

Jetzt horchte er. Er hörte die Mexikaner nur nach rechts von sich galoppiren. Er hielt auf diese Seite hin und untersuchte die beiden erbeuteten Gewehre. Sie hatten nur einen Lauf und waren geladen. Er hatte also vier Schüsse. Das war mehr als genug, denn er konnte nur noch zwei Verfolger unterscheiden. Mit diesen war es leicht aufzunehmen.

»Hollah!« rief er. »Hierher! Ich habe ihn!«

Er hielt sein Pferd an und bemerkte, daß die Beiden dasselbe thaten.

»Wo?« fragte eine Stimme.

»Hier! Hier! Er ist gestürzt!«

Da kamen sie herbeigesprengt. Einer hinter dem Andern. Sternau erhob das Doppelgewehr. Sie kamen heran, sie hielten vor ihm.


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»So, da habe ich Euch, Ihr Schurken!« donnerte er ihnen entgegen.

Seine zwei Schüsse krachten; die Kugeln trafen gut; die Reiter wankten und stürzten von den Pferden. Die Thiere blieben ruhig stehen.

Jetzt horchte Sternau nochmals in die Nacht hinaus; es ließ sich nichts hören, also waren es nur Vier gewesen, welche so unüberlegt gewesen waren, ihn zu verfolgen. Er stieg ab und untersuchte die Todten. Sie hatten wirklich kein Leben mehr. Auch ihnen nahm er Alles ab, was sie bei sich trugen. Er hatte nun fünf Gewehre, mehrere Messer und Pistolen, zwei Lassos und eine hinreichende Menge Munition, denn ein jeder der vier Reiter hatte die seinige bei sich getragen. Außerdem fühlte er in dem Gurte Verdoja's eine Menge Goldstücke und Banknoten. Er war also mit Allem versehen, nur nicht mit Proviant. Doch dies machte ihm keine Sorge.

Er befestigte seine Beute auf die Sättel der beiden erbeuteten Thiere, koppelte dieselben zusammen, nahm sie beim Zügel und ritt in die unbekannte Wüste hinein.

Seine Hauptsorge war, der Nachstellung zu entgehen. Er wußte, daß man bei Anbruch des Morgens die vier Leichen finden werde. Er erwartete auch, daß man seiner Spur folgen werde, und so galt es, sie irre zu führen.

Er dachte sich, daß man von der Hazienda aus die Räuber verfolgen werde; darum galt es, sie so lang wie möglich an einer Stelle festzuhalten. Er beschloß also, einen Kreis zu reiten. Nachdem er einige Stunden immer nach Westen geritten war, lenkte er nach Süden um, und nach Verlauf von abermals zwei Stunden ritt er nach Osten wieder zurück. So erreichte er bei Morgengrauen den Fuß des Gebirges zwei Stunden südlicher, als da, wo sich das Lager befunden hatte.

Hier gönnte er den Pferden einige Ruhe, ließ sie grasen und trinken und rauchte einige der Cigarretten, die er den Todten abgenommen hatte.

Dann stieg er wieder auf und ritt gerade nach Norden. Das mußte aber mit sehr großer Vorsicht geschehen, da er in jedem Augenblicke die Mexikaner sehen konnte, die ja von Nord nach Süd, also ihm entgegen, ihre Verfolgung beginnen mußten. Es waren seit Tagesanbruch wohl über vier Stunden vergangen, als er die Stelle erreichte, an welcher er die beiden letzten Mexikaner vom Pferde geschossen hatte. Er fand statt ihrer - einen Steinhaufen. Man hatte sie also bereits gefunden und begraben.

Als Sternau jetzt den Boden untersuchte, kam er zu der Ueberzeugung, daß der ganze Trupp mit sammt den Gefangenen aufgebrochen sei, um seiner Spur zu folgen. Er lachte, denn er befand sich, da er einen Kreis geritten war, ja hinter ihnen, während sie ihn vor sich glaubten. Er folgte ihnen unverzüglich, gab aber vorher eines seiner Pferde frei. Er suchte sich dazu das am wenigsten gute aus, nahm ihm Alles ab, sogar Sattel und Zaum, und trieb es dann in die Berge hinein. Er hatte nur noch ein Leitthier zu führen, und darum ging es nun leichter vorwärts, als vorher.

Er erreichte die Stelle, an welcher er nach Süden abgelenkt war. Er sah an den Spuren, daß man hier angehalten hatte, um zu berathen, doch war man ihm nachher gefolgt.

Als er nach zwei Stunden an der Stelle angelangt, an welcher er nach Osten umgekehrt war, zeigten die Hufspuren, daß man hier abermals eine Berathung vor-


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genommen hatte, doch war das Ergebniß derselben jetzt ein anderes gewesen. Die Mexikaner hatten von seiner Spur abgelassen und waren von hier aus nach Westen geritten, also grad in die Wüste Mapimi hinein.

Er folgte ihnen. Sie waren einen solchen Ritt nicht gewöhnt. Indianer und Jäger reiten stets im Gänsemarsch, damit man aus der Fährte ja ihre Anzahl nicht erkennen kann; diese Mexikaner aber hatten eine breite Truppe gebildet. Sternau zählte fünfzehn einzelne Pferdespuren; sie waren also, außer den vier Getödteten, Alle beisammen, Verdoja, Pardero, vier Gefangene und neun Mexikaner. Er hatte gute Hoffnung, heute Abend ihr Lager zu beschleichen und wieder Einige von ihnen zu tödten. Mit diesem tröstlichen Gedanken sprengte er vorwärts, zumal er sah, daß auch sie Galopp geritten waren.

Als am gestrigen Abend die vier Mexikaner dem Entflohenen nachsprengten, horchten die Zurückbleibenden still und lautlos in die Nacht hinein. Sogar Verdoja vergaß die Schmerzen seines Auges. Sie Alle waren überzeugt, daß Sternau eingeholt werde.

Es blieb längere Zeit still, dann aber fielen in bedeutender Ferne zwei Schüsse. Der Schall war so leise, daß man ihn kaum noch zu vernehmen vermochte. »Sie haben ihn!« rief Pardero.

»Ja, aber nicht lebendig!« zürnte Verdoja. »Sie haben ihn erschossen, die Schurken! Wie kann ich mich nun an ihm rächen? Wer soll mein Auge behandeln?«

»Vielleicht ist er nur verwundet,« meinte einer der Mexikaner. »Dieser Kerl scheint ein zähes Leben zu haben.«

»Dann bringen sie ihn herbei. In einer halben Stunde sind sie sicher da!«

Aber die halbe Stunde verging und es kam Niemand. Verdoja wurde unruhig.

»Warum zaudern die Kerls!« meinte er. »Ich werde sie für diese Nachlässigkeit zu bestrafen wissen!«

Es verging noch eine halbe und noch eine ganze Stunde, ohne daß sich Jemand sehen ließ. Das Auge Verdoja's schmerzte so, daß er ein Tuch vorbinden mußte. Es träufelte ihm eine scharfe Flüssigkeit über die Wange herab, an der er stets zu wischen hatte. Er konnte nicht schlafen. Darum erging er sich während der ganzen Nacht in zornigen Flüchen, und als die Dämmerung nahe war, sandte er zwei Mexikaner aus, um ihre vier Kameraden zu suchen.

Sie setzten sich auf ihre Pferde und ritten davon. Bereits nach einiger Zeit fanden sie einen Todten an der Erde liegen. Der Schädel war ihm zerschmettert und man hatte ihm Alles abgenommen, was er bei sich trug.

»Was ist das? Wer hat das gethan?« fragte der Eine schaudernd.

»Sternau?«

»Nein, das ist unmöglich! Er wäre ja während des Kampfes und des Plünderns von den anderen Dreien ergriffen oder getödtet worden. Wir können jetzt hier nichts thun, als weiter reiten.«

Sie hatten kaum dreihundert Schritte zurückgelegt, so trafen sie auf eine zweite Leiche, welcher ganz ebenso der Kopf zerschmettert war. Auch sie war ausgeraubt.


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Die beiden Männer blickten einander fragend an und ritten weiter, ohne ein Wort zu sprechen; es war ihnen unheimlich zu Muthe.

Nach fünf Minuten trafen sie - auf zwei Leichen. Sie waren erschossen worden; die Kugeln waren ihnen durch den Kopf gedrungen.

"Sankta Madonna, alle Vier todt!"

»Sankta Madonna, alle Vier todt!« rief der eine Mexikaner.

»Ist dieser Sternau ein Zauberer?« fragte der Andere.

»Wir können hier nichts thun, als schnell zurückkehren.«

Sie thaten dies. Als sie vom Lager aus in Sicht waren und man also bemerkte, daß sie allein kamen, sprangen alle Zurückgebliebenen erwartungsvoll auf.

»Nun?« fragte Verdoja. »Seid Ihr blind? Ihr habt nichts gefunden!«

»Mehr als genug, Sennor,« antwortete der Eine.

»Nun, wo ist Sternau?«

»Das weiß er und der Teufel! Wir haben nur die Kameraden gefunden. Zweien ist der Kopf zerschmettert und Zwei sind erschossen, alle Vier aber sind geplündert und vollständig ausgeraubt.«

Bei diesen Worten leuchteten die Augen der männlichen Gefangenen hoffnungsvoll auf; Emma stieß einen Ruf der Freude aus.

»Still!« donnerte ihr Verdoja zu. »Ihr jubelt zu früh. Noch ist er uns nicht entkommen. Aber wenn ich ihn fange, so werde ich ihm jedes Glied einzeln aus dem Leibe reißen.«

»Niemand wird ihn bekommen!« antwortete Emma muthig. »Er ist ein Held. Er wird Euch verfolgen; er wird Euch tödten, heute Abend oder morgen Abend, wie er diese Vier getödtet hat, und dann wird er uns befreien.«

Mariano und Helmers warfen ihr einen warnenden Blick zu und Karja, welche neben ihr lag, flüsterte ängstlich:

»Schweige doch! Du machst ihn ja klug und vorsichtig!«

»Still!« gebot auch Verdoja, der von dem Flüstern nichts gehört hatte. »Wer noch einmal redet, erhält seine Strafe. Dieser Satan soll uns nichts mehr schaden, das versichere ich Euch! Vorwärts, wir brechen auf; ich muß wissen, welche Richtung er eingeschlagen hat!«

Die Gefangenen wurden auf die Pferde gebunden; die Anderen stiegen auf und nun ging es der Gegend zu, in welcher die Leichen lagen.

Man fand die beiden ersten, konnte aber aus den vorhandenen Spuren nicht klug werden, wie ihre Tödtung möglich geworden war; die beiden Pferde hatten sich natürlich während der Nacht verlaufen. Zwei Reiter nahmen die Leichen vor sich und dann ritt man weiter. Als man bei den Erschossenen anlangte, wurde der Platz ganz sorgfältig untersucht, aber man konnte auch hier nicht ergründen, wie es Sternau gelungen war, sie zu überwinden.

»Er hat wahrhaftig den Satan!« meinte einer der Männer, indem er sich bekreuzigte. »Ein Flüchtling kann ohne Hilfe des Teufels nicht vier Verfolger tödten.«

»Schweig, Dummkopf!« antwortete Verdoja. »Dieser Sternau ist ein listiger Mensch; weiter ist es nichts. Er hat die Pferde der beiden Getödteten mit sich genommen; hier ist die Spur. Wir müssen ihr nach.«

Dies geschah. Als die Spur sich nach Süden wendete, wurde Rath gehalten.


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»Er kehrt nach der Hazienda zurück,« meinte Pardero.

»Nein,« antwortete Verdoja. »Die Hazienda liegt gegen Osten aber nicht gegen Süden. Er hat etwas Anderes vor. Hätte er nach der Hazienda zurückkehren wollen, so wäre es bereits vom Kampfplatze aus geschehen. Er ist aber erst einige Stunden lang gerade in entgegengesetzter Richtung in die Wüste hineingeritten; das muß uns vorsichtig machen. Reiten wir auf seiner Spur noch weiter!«

Sie verfolgten Sternau's Fährte abermals einige Stunden lang und kamen dann an die Stelle, wo er nach Osten eingebogen war.

»Sehen Sie? Ich hatte recht!« meinte Pardero. »Er ist nach der Hazienda zurückgekehrt, um Hilfe zu holen.«

»Dummheit!« antwortete Verdoja. »Wir sind jetzt nur noch elf Mann. Ein Kerl, welcher in fünf Minuten vier Verfolger tödtet, braucht sich nicht zwei Tagereisen weit Hilfe herbeizuholen, um elf Männer nach und nach zu erschießen. Dieser Sternau ist kein Dummhut. Er braucht zwei Tage hin und zwei zurück; das giebt vier Tage, im günstigsten Falle drei Tage, ehe er hier wieder anlangt. Da sind unsere Spuren vielleicht verweht, jedenfalls aber haben wir einen Vorsprung von drei Tagen und sind gar nicht mehr einzuholen.«

»Aber was bezweckt er denn?« fragte Pardero.

»Sie sind Offizier, aber kein Taktiker, Sennor! Sternau hat vier Gewehre an sich genommen. Warum? Etwa um sie als Beute mit sich zu schleppen? Nein; er kann damit, da eins derselben doppelt ist, fünf Schüsse hintereinander thun. Das ist ein sicheres Zeichen, daß er es auf uns abgesehen hat. Er hat die Pferde der beiden Getödteten bei sich. Warum? Etwa um nur den Pferdeknecht zu machen? Nein. Er erhielt dadurch eine größere Schnelligkeit, denn wenn sein Reitpferd müde ist, so besteigt er ein lediges, welches noch fast frische Kräfte hat.«

»Aber warum reitet er jetzt nach Osten?«

»Ich errathe es. Er reitet einen Bogen. Da hinten an den Bergen wird er sich wieder nach Norden wenden, um uns in den Rücken zu kommen. Vielleicht will er auch Zeit gewinnen, denn während wir ihm immer im Kreise folgen, werden wir aufgehalten, bis vielleicht Leute von der Hazienda eintreffen. Sie wissen, daß Sternau jener berühmte Fürst des Felsens ist. Glauben Sie mir, er fürchtet sich nicht, ganz allein mit uns anzubinden; er hat es bewiesen. Aber nun ich errathe, was er will, werde ich mich von ihm nicht übertölpeln lassen. Ich bin überzeugt, daß er sich bei jedem Nachtlager Einige von uns holt; einem solchen Savannenmanne gegenüber hilft keine Vorsicht. Wir dürfen also kein Nachtlager halten. Wir reiten bis morgen früh, dann erst ruhen wir einige Stunden, dann reiten wir bis übermorgen früh; da erreichen wir den westlichen Saum der Wüste, und des Abends sind wir am Ziele. Er aber wird, um unsere Spuren nicht zu verlieren, zwei Nächte hindurch lagern müssen; so kommen wir ihm aus den Augen.«

»Aber werden unsere Pferde diesen forcirten Ritt aushalten?«

»Sicher! Morgen früh sind wir am Muschelsee, wo sie trinken und weiden können. Uebermorgen werden sie zusammenbrechen können, denn wir finden sofort auf jedem Weideplatze frische Thiere.«

»Aber die beiden Mädchen?«

»Pah, die müssen es aushalten! Wir geben den Gefangenen die Hände frei,


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damit sie schwerer ermüden. Am Rande der Wüste lassen wir einige Mann zurück, welche Sternau erwarten müssen. Sobald sie ihn sehen, wird er gefangen oder er bekommt eine Kugel. Jetzt vorwärts!«

Verdoja bewies hiermit, daß er Sternau durchschaut und daß er klüger sei, als dieser dachte. Wenn sein Plan gelang, so brachte er seine Gefangenen in Sicherheit und Sternau wurde entweder erschossen oder gefangen.

Man gab jetzt den Gefangenen die Hände frei, so daß sie ihre Thiere selbst lenken konnten, doch kam diese Maßregel mit solcher Vorsicht in Anwendung, daß die Gefesselten sich nicht befreien konnten. Dann ging es in Galopp in die Mapimi hinein.

Man sah es den verzerrten Zügen Verdoja's an, daß er an seinem Auge fürchterliche Schmerzen litt, aber er sagte kein Wort darüber. Es kochte ein fürchterlicher Ingrimm in seinem Inneren, doch galt es jetzt vor allen Dingen, so schnell wie möglich an das Ziel zu gelangen. Die Rache wurde für später aufgeschoben.

So ging es während des ganzen Tages immer nach Westen zu, über steinige Flächen, über nackte Felsen und öde Sandstriche, bis man am Abende den vorgestreckten Arm eines Waldes erreichte. Hier durften sich die ermüdeten Pferde eine halbe Stunde lang erholen, dann ging es wieder vorwärts.

Während die Tage in jenen Gegenden heiß sind, zeigen sich die Nächte empfindlich kalt. Diese Kälte war der Truppe von Vortheil, denn sie unterstützte die Beweglichkeit und ließ die Pferde weniger ermüden. Man glaubt übrigens kaum, welch einer Ausdauer die mexikanischen Pferde fähig sind.

Am anderen Morgen erreichte man wirklich den von Allen längst ersehnten Muschelsee, wo Rast gemacht wurde. Die Pferde wurden entsattelt und durften trinken und grasen nach Herzenslust. Die Menschen erquickten sich an der mitgenommenen Speise, von der auch die Gefangenen einen Theil erhielten.

Als die neu gekräftigten Pferde zu wiehern und miteinander zu scherzen und zu kämpfen begannen, war dies ein Zeichen, daß sie nicht mehr ermüdet seien, und man setzte den Ritt in der bisherigen Weise und Richtung fort.

Es zeigte sich jetzt eher als gestern einmal eine gewächsreiche Stelle, welche eine Weide oder ein Wäldchen trug; gegen Abend hatte man sogar einen größeren Wald zu durchreiten, und am anderen Morgen lag die Mapimi hinter ihnen. Der Wüstenrand erhob sich plateauartig vor ihnen und sie drangen in einen Engpaß ein, der sich nach kurzer Zeit zu einem Thälchen erweiterte. Hier wurde Halt gemacht und die Pferde durften sich abermals erholen. Es war vorauszusehen, daß sie dann den Ritt bis zum Abende aushalten würden.

Das Thälchen zeigte eine wild bewachsene Seitenschlucht. Verdoja postirte zwei seiner Mexikaner in dieselbe. Sie sollten Sternau ablauern, der hier jedenfalls längere Zeit verweilen würde, um die Spuren des Lagerplatzes zu untersuchen. Er konnte vor morgen Abend nicht hier sein, und bis dahin wollte Verdoja von seinen Begleitern noch drei zurückschicken. Sie waren dann zu Fünfen und konnten den Einzelnen überwältigen.

Als man wieder aufbrach, mündete der Paß auf eine weite Ebene, welche aus lauter fruchtbaren Weiden bestand. Es wurden Wege eingeschlagen, auf denen man


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Niemandem begegnen konnte; der Tag verging, ohne daß man eine Hazienda erblickte, obwohl man die Nähe derselben vermuthen konnte, und als die Dunkelheit hereinbrach, hielt man vor einer hohen, mächtigen, pyramidenförmigen Masse, deren Fuß von Felsentrümmern und Sträuchern eingefaßt war. Verdoja steckte den Finger in den Mund und stieß einen Pfiff aus. Sofort raschelte es in den Büschen und ein Mann trat hervor.

»War mein Bote bei Dir?« fragte Verdoja.

»Ja, Sennor,« antwortete der Mann. »Er brachte mir Ihren Brief und es ist Alles vorbereitet. Auch Licht habe ich.«

»So führe mich! Die Anderen warten hier, bis ich zurückkehre!«

Er trat zu Emma und band ihr die Arme auf den Rücken; dann band er sie vom Pferde los, hob sie herab und schob sie zwischen die Büsche hinein. Sie ließ es geschehen, denn sie sah ein, daß Widerstand vergeblich sein würde.

Jetzt wurden ihr die Augen verbunden und Verdoja nahm sie auf den Arm. Sie wurde von ihm getragen. Sie hörte an dem dumpfen Tone seiner Schritte, daß sie sich in einem Gewölbe befanden. Sie fühlte, daß es bald auf- und bald abwärts ging; die Luft wurde immer dumpfiger und feuchter. Endlich knarrte eine Thüre und eine kurze Zeit darauf ließ Verdoja sie auf ihre Füße nieder.

Als er ihr die Binde von den Augen nahm, sah sie, daß sie sich in einer Felsenkammer befand, welche ungefähr acht Fuß lang, sechs Fuß breit und sieben Fuß hoch war. Sie enthielt nichts als ein Strohlager, einen Wasserkrug, ein Stück trockenes Brod und zwei Ketten, eine jede in eine der Längsseiten befestigt. Verdoja hatte eine Laterne in der Hand. Der Führer hatte sich von der mit Eisen beschlagenen Thüre zurückgezogen.

»Jetzt sind wir an Ort und Stelle,« sagte Verdoja triumphirend. »Du wirst nie fliehen können und darum werde ich Dir die Fesseln abnehmen.«

Er that es und ließ dabei sein gesundes Auge mit gierigem Blicke über ihre schöne Gestalt gleiten.

»Aber, Sennor, was habe ich Ihnen gethan,« hauchte das unglückliche Mädchen voller Angst, »daß Sie mich rauben und an einen solchen Ort bringen!«

»Mein Herz hast Du mir geraubt,« antwortete er. »Und dieses Herz will nun befriedigt sein. Hier ist die Kammer der Liebe, in welcher bereits der Widerstand mancher Schönheit gebrochen wurde. Auch Du wirst lernen, meine Liebe zu erwidern.«

Er streckte den Arm aus, um sie an sich zu ziehen. Sie wich erschrocken zurück.

»Niemals, Du Bösewicht!« rief sie, sich in die hinterste Ecke lehnend.

»Und doch! Das werde ich Dir sofort zeigen!«

Er trat abermals näher. Da fuhr sie mit der Hand nach seinem Gürtel und entriß ihm sein Messer. Sie zückte es gegen ihn und gebot entschlossen:

»Zurück, sonst wehre ich mich!«

Er erschrack wirklich und trat zurück; dann aber stieß er ein kurzes, höhnisches Lachen aus und sagte:

»Ein Messer in dieser Hand ist mir nicht gefährlicher, als eine Nadel. - Gieb her!«


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Er wollte zugreifen und setzte deshalb, da er nur eine Hand hatte, die Laterne zur Erde nieder. Sie hob das Messer zum Stoße und rief:

»Ich bin ein schwaches Mädchen, aber Sie haben nur eine Hand. Wagen Sie es nicht, mich anzurühren!«

Er zauderte doch. Da aber trat der Führer aus dem Gange herbei und unter die Thüre. Er hatte also das ganze Gespräch gehört.

»Soll ich Ihnen beistehen, Sennor?« fragte er.

»Ja,« antwortete Verdoja. »Komm her und nimm ihr das Messer ab!«

Emma erkannte, daß sie sich Zweien gegenüber nicht vertheidigen könne; aber sie gab doch die Hoffnung nicht auf, den rohen Angriff zurückzuweisen. Sie setzte sich selbst das Messer an die Brust und drohte:

»Wagt es, mich anzurühren, so tödte ich mich selbst!« Der Ausdruck ihres Gesichtes war bei diesen Worten ein so entschlossener, daß Verdoja einsah, daß es ihr vollständiger Ernst sei, sich das Messer in das Herz zu stoßen. Dies aber lag ganz und gar nicht in seiner Absicht. Er wollte das schöne Mädchen lebendig besitzen, aber nicht todt. Darum hielt er den Diener, welcher bereits seine Hand nach ihr ausstreckte, ab und sagte:

»Laß sie jetzt! Sie ist mir sicher. Der Hunger ist ein harter Gast, er wird ihren Willen rasch brechen. Sie erhält von heute an nichts mehr zu essen, bis sie mich selbst auffordert, ihr meine Liebe zu erweisen. Wir wollen gehen!«

Er nahm die Laterne vom Boden auf und verließ das Gefängniß. Der Diener folgte ihm, die Thüre schloß sich hinter ihnen und Emma hörte draußen die mächtigen Riegel klirren, welche sich vor die Thüre legten, um eine Flucht unmöglich zu machen.

Da stak sie, die an Freiheit, Liebe und den feinsten Genuß Gewöhnte, in der engen, dunklen Felsenkammer. Stroh war ihr Lager und schmutziges Wasser ihr Getränk. Frische Luft konnte nicht in den elenden Raum dringen und zum Hunger war sie verurtheilt. Das Stück Maisbrod, welches neben dem Wasserkruge lag, konnte nur für eine sehr kurze Zeit hinreichen.

Sie hatte während des weiten Rittes einige Male Gelegenheit gehabt, einige Worte ungehört mit Karja zu wechseln, und war dabei von der Indianerin darauf aufmerksam gemacht worden, sich womöglich eine Waffe zu verschaffen, um den thätlichen Angriffen, welche ihnen Beiden bevorstanden, widerstehen zu können. Diesen guten Rath hatte Emma befolgt; sie befand sich jetzt im Besitze eines Messers und hatte auch bereits die Erfahrung gemacht, welchen Nutzen ihr dasselbe bringe. Sie hielt den Griff noch fest mit ihrer kleinen, zarten Faust umspannt und war entschlossen, es sich nicht wieder entringen zu lassen; viel eher wollte sie es sich in das eigene Herz stoßen.

Aber der weite Ritt und der letzte Auftritt hatten ihre Körper- und Seelenkräfte so angestrengt und angespannt, daß sie auf das Lager niederglitt und ihren Thränen freien Lauf ließ. Sie befand sich tief unter der Erde als Opfer der Lüste eines gefühllosen Bösewichtes und hatte keine einzige Hoffnung, als nur die, daß es Sternau gelingen werde, ihre Spuren zu verfolgen und den Mördern zu entkommen, welche ihm auflauerten, um ihn zu ergreifen oder zu tödten.

Verdoja kehrte mit seinem Diener zurück zu Denen, welche vor der Pyramide


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auf ihn warteten. Diese Pyramide, ein Ueberrest alter, mexikanischer Baukunst, war aus Backsteinen auf einem Felsengrunde errichtet. In diesem Grunde hatte man vor Beginn des Baues zahlreiche enge Kammern ausgebrochen und sie durch Gänge verbunden. Auch die Pyramide war durch solche Gänge durchbrochen, in denen die Fürsten und Priester des untergegangenen Reiches ihre Geheimnisse bewahrt und ihre Orgien gefeiert hatten. Die Backsteine waren unter dem Einflusse der Jahre zerbröckelt und Pflanzen hatten ihre Wurzeln immer tiefer in die entstehenden Ritze getrieben. Das hatte den gewaltigen Bau noch mehr gelockert. Seine Spitze war verwittert und von den Stürmen nach und nach abgeweht worden, und heute hatte er das Aussehen eines pyramidalen Hügels, der von seinem Fuße bis hinauf zur Höhe mit Gesträuch bedeckt war.

Aber in das Innere hatten Sturm und Regen nicht zu dringen vermocht; da waren die Kammern und Gänge noch ganz wohl erhalten und besaßen ganz dieselbe Festigkeit, welche sie seit Jahrhunderten besessen hatten. Der alte Bau lag inmitten der Ländereien, welche Verdoja's Vorfahren gehörten. Einer derselben hatte lange vergebens nach einem Zugange zum Inneren der Pyramide gesucht, ihn endlich aber doch unter Stein- und Ziegeltrümmern gefunden. Er war darüber nicht mittheilsam gewesen, und so hatte sich das Geheimniß nur in der Familie fortgeerbt.

Seit dieser Zeit war im Inneren der Pyramide Manches und Vieles geschehen, was sich dem Tageslichte und dem Auge des Gesetzes entziehen mußte, und der Diener, welcher Verdoja und Emma geführt hatte, war der Wächter des alten Bauwerkes und der Vertraute seines gegenwärtigen Herrn. Beide hüteten ihr Geheimniß mit sorgfältigster Verschwiegenheit und wußten, daß sie sich auf einander verlassen konnten.

Nachdem Verdoja aus der Pyramide zurückgekehrt war, wurde Karja, die Indianerin, vom Pferde losgebunden. Man verhüllte ihr die Augen, und ganz dasselbe geschah auch mit Lieutenant Pardero. Dieser sträubte sich dagegen, mußte es sich aber doch gefallen lassen, da Verdoja ihm sagte, daß er den Eingang zur Pyramide keinem einzigen Menschen zeigen werde. Im Inneren angelangt, könne Pardero die Binde abnehmen und ungehindert umherstreifen, nur der Eingang müsse ihm wie Jedermann verborgen bleiben.

Der Wächter ergriff das Mädchen und Pardero wurde von Verdoja geführt. Sie gelangten wieder an die Zelle, in welcher Emma steckte. Neben derselben gab es eine ganz ähnliche, welche geöffnet wurde, um die Indianerin da unterzubringen.

»Ich gehe einstweilen,« sagte Verdoja zu Pardero, »um die anderen Gefangenen einzuquartieren. Sehen Sie, wie Sie mit ihr fertig werden. Sind Sie zu Ende, so brauchen Sie da vorn am Ausgange des Ganges nur zu rufen oder zu warten.«

Er entfernte sich mit dem Wächter und Pardero nahm dem Mädchen nun die Binde ab, auch entfernte er ihr die Fesseln von den Händen, so daß sie sich nun im freien Gebrauche ihrer Glieder befand. Er hatte die Laterne bei sich behalten und betrachtete das schöne Mädchen mit begierigen Blicken.

»Nun bist Du mein und kein Mensch soll Dich mir entreißen,« sagte er. »Du hast Dich nur zu entscheiden, ob Du meine Liebe freiwillig oder gezwungen erwidern willst.«


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Auch ihre Augen funkelten, aber nicht in süßem Verlangen nach seiner Zärtlichkeit, sondern vor Stolz und Zorn. Sie, die Tochter eines berühmten Häuptlings, die Schwester des wenigstens ebenso berühmten »Königs der Ciboleros« fürchtete sich vor dem einhändigen Lieutenant nicht im mindesten.

»Feigling!« antwortete sie im Tone der tiefsten Verachtung. »Feigling?« fragte er lachend. »Haben wir Euch nicht besiegt? Haben wir Euch nicht gefangen genommen und bis hierher gebracht?«

»Gefangen genommen durch Hinterlist, als wir schliefen. Ein Mann kämpft nicht mit Weibern. Ist Euch nicht Sternau entkommen? Er war ein Mann und Ihr konntet ihn nicht halten. Ihr seid wie die Prairiewölfe, welche nur des Nachts und mit Uebermacht nach Beute gehen, aber vor Angst heulen, wenn sie einen Schuß fallen hören. Ich bin ein Mädchen, aber ich fürchte Dich weniger, als einen Hasen oder als einen Käfer, welcher mich zudringlich umsummt, den ich aber zwischen den Spitzen meiner Finger zu zerquetschen vermag.«

Diese Worte waren in einem so verächtlichen Tone gesprochen, daß selbst ein so ehrloser Mensch wie Pardero darüber zornig wurde.

»Schweig!« rief er. »Du befindest Dich in meinen Händen und es kommt nun ganz auf Dein Verhalten an, ob ich Dich zermalme oder Deine jetzige Lage verbessere.«

»Mich zermalmen!« antwortete sie. »Pah, Du bist nicht der Mann, die Schwester Büffelstirns zu zermalmen. Du wärst verloren, sobald Du mich nur anrührtest!«

Sie stand mit drohend erhobenem Arme vor ihm und war in dieser gebieterischen Stellung so schön, daß alle seine Sinne entbrannten. Er trat auf sie zu und streckte beide Arme, die unverletzte Linke und den umwickelten Stumpf der Rechten, nach ihr aus, als ob er sie an sich ziehen wolle. Sie wußte, welchen Rath sie Emma ertheilt hatte; es war ihr darum zu thun, eine Waffe in ihre Hand zu bekommen, und die muthige Indianerin bebte vor einem Angriffe keineswegs zurück. Sie trat einen Schritt vor, fuhr mit blitzesartiger Schnelligkeit mit beiden Händen nach dem Gürtel Pardero's und entriß ihm das Messer und den Revolver, ehe er es zu verwehren vermochte. Zugleich gab sie ihm einen so kräftigen Stoß, daß er bis an die Thüre zurückflog, und nun richtete sie den Lauf ihrer Waffe gegen ihn, während der scharfe Stahl des Messers in ihrer Linken blinkte.

»Bestie!« rief Pardero. »Warte, ich werde Dich zähmen!«

Er wollte auf sie eindringen.

»Keinen Schritt weiter!« rief sie ihm entgegen.

»Pah, ein Mädchen schießt nicht sogleich!« lachte er.

Sie gab Feuer.

Er hatte die Laterne bereits vorhin zur Erde gesetzt und sprang jetzt auf Karja ein. Da krachte auch bereits ihr Schuß und mit einem lauten Schmerzgebrülle fuhr er sich an den Mund. Ihre Kugel hatte ihm die Kinnlade zerschmettert und die Zunge verwundet. Er stand einige Momente lang brüllend da, dann aber drang er von neuem auf sie ein.

»Satan, das sollst Du mir entgelten!« rief er mit lallender Stimme, da er nun nicht mehr richtig zu sprechen vermochte.


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Er drang, während er die linke Hand an die Wunde hielt, mit der rechten auf sie ein, aber da diese nur aus dem Stumpfe bestand, so vermochte er nicht, das Mädchen zu packen. Da blitzte das Messer in ihrer Hand und senkte sich mit fürchterlicher Schnelligkeit ein, zwei, drei Male bis an das Heft in die Brust des Angreifers.

»O Dios!« rief er und taumelte.

»Geh zur Hölle!« antwortete sie.

Zum vierten Male fuhr das Messer ihm zwischen die Rippen und erst jetzt traf es das Herz, so daß Pardero in die Kniee sank und dann nach hinten auf das Lagerstroh stürzte. Im Nu kniete das tapfere Mädchen neben ihm. Sie entriß ihm den zweiten Revolver, den Munitionsbeutel, die Uhr, die Provianttasche, welche über die Achsel herab an einem Riemen an seiner Seite hing, und nahm überhaupt Alles an sich, was er bei sich trug.

Da hörte sie nebenan ein lautes Pochen.

»Wer klopft, wer ist da?« fragte sie.

»Ich, Emma!« antwortete es dumpf.

Karja stieß einen Jubelruf aus, ergriff die Laterne und stand im nächsten Augenblicke vor der Thüre der Nebenzelle. Sie mußte alle ihre Kräfte anstrengen, um die alten, rostigen Riegel zu entfernen, und als dies geschehen war, flog Emma ihr entgegen.

»Du hast Waffen und Licht, Du bist frei!« rief diese.

»Ich bin bewaffnet aber noch nicht frei,« antwortete die Indianerin. »Du riefst. Wußtest Du, daß ich hier in der Nähe war?«

»Ich hörte zwei Stimmen, eine männliche und eine weibliche, und dachte, die letztere müßte die Deinige sein. Dann fiel ein Schuß. Wer hat geschossen?«

»Ich. Ich habe Pardero erst die Kinnlade zerschmettert und ihn dann mit dem Messer erstochen.«

Sie erhob die vom Blute geröthete Klinge. Emma schauderte.

»Mein Gott, das ist furchtbar!« hauchte sie.

»Furchtbar?« fragte Karja. »O nein; es war Nothwehr und er hat seinen Lohn. Aber wir müssen unsere Zeit benutzen. Einschließen lassen wir uns nicht wieder. Kannst Du mit einem Revolver umgehen?«

»Ja. Vater hat es mich gelehrt.«

»Hast Du eine Waffe?«

»Dieses Messer. Ich habe es Verdoja entrissen.«

»Gut, ich sehe, daß auch Du muthig sein kannst. Hier hast Du den einen Revolver. Wer uns anrührt, der wird erschossen. Jetzt komm, wir wollen den Gang untersuchen!«

Sie schritten in den düsteren Gang hinein, der Richtung entgegen, aus welcher sie gekommen waren. Der Gang war eng und niedrig und die Luft in demselben stagnirend und moderig. Karja ging voran. Plötzlich blieb sie stehen und stieß einen Ruf der Freude aus.

»Was ist's?« fragte Emma.

»Ein glücklicher Fund!« antwortete die Indianerin. »Wir werden nicht im Finsteren bleiben und brauchen auch nicht zu hungern. Sieh hierher!«


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Bei Aufmauerung des Ganges war ein tiefes, viereckiges Loch freigelassen worden und in demselben lag ein Vorrath von Tortillas, wie der Mexikaner seine flachen Maiskuchen nennt, und dabei stand eine große, gefüllte Flasche, deren Inhalt sich beim Scheine der Laterne als Oel erwies.

»Welch ein Glück!« sagte Emma. »Ich sollte verhungern!«

»Das wirst Du nicht. Wir haben diese Kuchen und ich besitze außerdem die Provianttasche, welche ich Pardero abgenommen habe. Komm weiter!«

»Aber ist es nicht gefährlich, in diese Gänge einzudringen?«

»Warum?«

»Wir verirren uns vielleicht immer weiter in das Innere hinein.«

»Nein. Ich weiß ganz genau, daß wir aus dieser Richtung gekommen sind. Es waren mir zwar die Augen verbunden, aber ich habe gefühlt, daß die Thüre meines Gefängnisses nach der Seite zu aufging, von welcher wir kamen.«

Sie schritten langsam weiter und gelangten schließlich an eine Thüre, an welcher sich ein sehr schwerer, eiserner Riegel befand, der aber, wie man leicht sehen konnte, vor ganz Kurzem neu eingeölt war. Die Thüre war nur angelehnt und als sie dieselbe zurückstießen, traten sie in einen zweiten Gang, welcher den ersteren rechtwinklich aufnahm.

Karja war vorsichtig und untersuchte zunächst die Thüre. Diese zeigte auch auf der anderen Seite einen Riegel, konnte also von innen und außen verschlossen werden.

»Das war Alles wohl überlegt,« sagte sie. »Dieser äußere Riegel diente dazu, den Gang, in welchem sich unsere Zellen befinden, abzuschließen, und der innere hatte den Zweck, alle Störung abzuhalten, wenn unsere beiden Anbeter uns besuchten.«

»Ich schaudere!« gestand Emma. »Welches Schicksal stand uns bevor!«

»Das ist glücklich abgewendet.«

»Aber was nun weiter?«

»Ich hoffe von neuem. Sternau wird uns folgen und unser Gefängniß vielleicht entdecken. Wir haben Waffen, Munition, Oel und Proviant. Wir werden uns wehren und uns nicht ergeben. Wüßte ich nur, wohin wir uns zu wenden haben, ob nach rechts oder nach links.«

»Horch!«

Auf diesen leisen Zuruf Emma's lauschten Beide in den Gang hinein. Sie hörten das Geräusch von Schritten, welche sich von fern her näherten.

»Zurück! Wir verschließen die Thüre!« gebot Karja.

Sie schlüpften schnell zurück, zogen die Thüre an sich und schoben den Riegel vor. Die Schritte näherten sich und - gingen draußen vorüber; man machte keinen Versuch, die Thüre zu öffnen, nur ein leiser Schlag geschah gegen dieselbe als ob man probiren wolle, ob sie offen sei oder nicht.

»Das waren mehr als ein Mann,« flüsterte Emma.

»Ja, das schienen sogar vier Personen zu sein,« antwortete Karja. »Ich glaube, es waren Verdoja und der Wärter, welche Sennor Mariano und Sennor Helmers gebracht haben. Sie halten an. Horch, was sprechen sie?«


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Die vier Vorüberschreitenden hatten sich noch nicht sehr weit entfernt, als man die Stimme Verdoja's hören konnte:

»Halt, da sind wir! Hier hinein der Eine und daneben der Andere. Vorwärts!«

Es vergingen einige Minuten, ohne daß sich ein Geräusch vernehmen ließ, und dann hörte man Riegel klirren. Darauf kehrten die Schritte von zwei Männern zurück. Draußen vor der Thüre des Ganges hielten sie an und man versuchte, zu öffnen.

»Ah, er hat verschlossen,« lachte Verdoja.

»Das hätte er nicht nöthig gehabt!« brummte der Wärter. »Nun müssen wir warten.«

»Pah, er will nicht gestört sein von uns. Ich möchte ihn fast beneiden. Die Indianerin ist ebenso hübsch wie ihre Herrin und wehrt sich jedenfalls nicht so wie sie. Aber ich werde dieser Sennora Emma schon noch Gehorsam beibringen. Uebrigens fällt es mir gar nicht ein, auf Pardero zu warten. Er ist müde. Vielleicht schläft er bei seinem Liebchen ein, und dann wäre es ja Dummheit, uns hierher zu postiren, bis er erwacht.«

»Aber wenn er zurückkehren will!«

»So mag er warten.«

»Er wird vielleicht in die Gänge laufen und sich verirren, oder etwas sehen, was er nicht zu sehen braucht.«

»Wir verschließen die nächste Thüre, dann kann er nur in diesen Gang gelangen und muß Geduld haben, bis wir ihn holen.«

»Aber wenn er von seiner Zelle aus hinterwärts geht!«

»So kommt er auch nicht weit. Die hintere Thüre kann er nicht öffnen, denn er kennt das Geheimniß nicht. Komm, in einer Stunde holst Du ihn!«

Sie gingen und die beiden Mädchen holten erleichtert Athem, denn es war ihnen nicht sehr wohl zu Muthe gewesen bei dem Gedanken, daß sie ergriffen werden könnten. Sie lauschten, bis die Schritte verklungen waren, und dann fragte Emma:

»Was thun wir jetzt?«

»Wir befreien die beiden Sennores.«

»Wird dies gehen?«

»Ich hoffe es. Dann sind wir zu Vieren und brauchen uns nicht zu fürchten.«

Sie entriegelte die Thüre wieder, stieß sie auf und die beiden Mädchen traten hinaus in den Quergang. Dort schritten sie vorwärts, bis sie an zwei Thüren gelangten, welche nebeneinander lagen. Karja klopfte, aber es antwortete Niemand. Auch als sie an die andere Thüre klopfte, blieb es hinter derselben still. Da schob sie den Riegel zurück und ließ das Licht ihrer Laterne in das Innere der nun geöffneten Zelle fallen. Es beleuchtete eine männliche Person, welche, an zwei Ketten befestigt, auf dem Boden lag.

»Sennor Helmers!« sagte sie, ihn erkennend. »Warum antworten Sie nicht?«

Da klirrten die Ketten, denn der gute Steuermann machte eine Bewegung der freudigsten Ueberraschung. Er hatte nicht gesehen, wer der Oeffnende sei, da Karja


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das Licht in die Zelle fallen ließ, selbst aber im Schatten stand. Jetzt aber erkannte er sie sofort an der Stimme.

»Sennorita Karja!« sagte er. »Wie kommen Sie hierher?«

»Wir haben uns befreit,« antwortete sie.

»Wir? Wen meinen Sie noch?«

»Sennorita Emma.«

»Ah! Ist sie mit bei Ihnen?«

»Ja, hier bin ich,« antwortete Emma, als sie in die Zelle trat, um sich sehen zu lassen. »Diese muthige Karja hat Pardero getödtet, ihm seine Waffen abgenommen und mich befreit. Nun sollen auch Sie erlöst werden.«

»Gott sei Dank!« rief er, tief aufathmend. »Aber ist Verdoja fort?«

»Ja. Er kehrt erst in einer Stunde zurück.«

»So haben wir Zeit. Sennor Mariano liegt neben mir.«

»Auch er soll frei sein,« sagte Karja. »Aber wie werden wir Ihre Ketten öffnen können? Wir haben keine Schlüssel zu den Schlössern.«

»O,« meinte er, »es giebt gar keine Schlösser, sondern nur Vorsteckeisen, hüben und drüben an der Wand, so daß ich sie nicht erreichen kann. Sehen Sie nach, Sennorita!«

Es war so, wie er sagte. Er lag auf dem Rücken und war mit einem jeden Arme vermittelst einer Kette an die betreffende Seite der Zelle befestigt. Diese beiden Ketten waren so kurz, daß sie die Arme auseinander hielten, so daß weder der rechte den linken, noch der linke den rechten befreien konnte. Karja erkannte auf den ersten Blick, wie die Ketten gelöst werden konnten, und eine Minute später stand Helmers aufrecht und von den Banden befreit in der Zelle und streckte seine kräftigen Seemannsglieder, um die unterbrochene Cirkulation des Blutes wieder in Gang zu bringen.

»Alle Wetter, ist das ein Glück bei allem Unglück!« meinte er. »Aber zunächst wollen wir nicht fragen und erzählen, sondern an unseren Mariano denken.«

Sie verließen den Raum und öffneten die nächste Zelle. Es ging Mariano gerade so wie Helmers. Er hatte auf das Klopfen nicht geantwortet, weil er glaubte, daß es einer seiner Peiniger sei, der ihn in Versuchung führen wolle. Als er aber die drei Personen erkannte, bemächtigte sich eine wahre Wonne seiner.

Er war ganz in derselben Weise wie Helmers befestigt und darum nahm seine Befreiung auch nur wenige Augenblicke in Anspruch. Nun, als er sich wieder im vollen Besitze seiner Glieder befand, mußten die beiden Mädchen erzählen, wie es ihnen gelungen war, freizukommen. Sie thaten es und ernteten das volle Lob der zwei Männer, in denen sie nun starke und muthige Beschützer fanden.

Mariano schlug vor, daß die Damen die Messer behalten, die Revolver aber ihnen übergeben sollten, da Männer mit denselben besser umzugehen verstehen. Dies geschah und nun wurde ausgemacht, daß die Vier sich unter keiner Bedingung trennen wollten. Wer von den Anderen abkam, konnte verloren sein.

Trotzdem wurde der vorhandene Proviant in vier Theile getheilt, von denen jede Person einen bekam; man konnte ja nicht wissen, was passiren möchte. Auch die vier Wasserkrüge wurden geholt, jede Person sollte den ihrigen bei sich tragen.


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Helmers und Mariano theilten sonach die Revolverpatronen, welche Pardero bei sich geführt hatte, und der Erstere steckte zuletzt auch die Oelflasche zu sich.

Nun hatten sie Alles bei sich, was die finsteren Gänge ihnen geboten hatten, und gingen zunächst an die Untersuchung dieser letzteren.

Der Gang, in welchem die Zellen der beiden Männer sich befanden, war vorn durch eine Thüre verschlossen und hörte hinten in einem offenen Felsenzimmer auf. Er enthielt nichts als die beiden Zellen. Von ihm aus trat man in den Gang, der die Gefängnisse der Frauen enthalten hatte. Dieser führte in schnurgerader Richtung fort auf eine Thüre, welche mit zwei verrosteten Eisenriegeln verschlossen war. Es gelang der vereinigten Kraft der beiden Männer, dieselben zurückzuschieben, aber die Thüre öffnete sich dennoch nicht; es war ja dieselbe, von welcher Verdoja gesagt hatte: »Er kann sie nicht öffnen, denn er kennt das Geheimniß nicht.«

»Was thun?« fragte Helmers. »Wir bringen sie nicht auf.«

»Sie soll ja eine geheimnißvolle Vorrichtung haben,« meinte Mariano. »Wir wollen suchen, vielleicht entdecken wir sie.«

Sie beleuchteten mit der Laterne jeden Zollbreit der Thüre und ihrer Umgebung, sie tasteten mit Händen und Füßen nach jeder, auch der kleinsten Erhöhung oder Vertiefung in der Thüre, auf dem Fußboden und an den Wänden, aber vergebens.

»Es hilft kein Suchen,« meinte Helmers. »So kommen wir nicht frei. Wir müssen uns durch List zu erretten suchen.«

»Auf welche Weise?« fragte Emma.

»Die Stunde, nach welcher der Wächter zurückkehren wollte, muß fast vergangen sein. Wir müssen ihn ergreifen. Haben wir ihn fest, so zwingen wir ihn, uns den Weg in die Freiheit zu zeigen.«

»Das ist das beste und einzig sichere Mittel,« stimmte Mariano bei. »Wir haben ja das Feuerzeug, welches Pardero bei sich trug, und können also unsere Laterne getrost verlöschen, damit sie uns nicht verräth. Kehren wir an den Eingang dieses Ganges zurück. Wir öffnen ihn. Einer bleibt im Gange stehen und der Andere versteckt sich hinter die zurückgelehnte Thüre. Sobald er kommt, wird er gefaßt und überwältigt.«

»Und wir?« fragte Karja.

»Sie verstecken sich in die Zelle, in welcher Sennorita Emma gesteckt hat. In der anderen liegt die Leiche Pardero's, der Sie ja nicht Gesellschaft leisten werden.«

Wie er es angegeben hatte, so geschah es. Die beiden Damen begaben sich in die Zelle, Mariano blieb im Dunkel des Ganges stehen und Helmers steckte sich hinter die Thüre.

Sie hatten eine ziemliche Zeit zu warten, bis ein fernes Geräusch zu ihnen drang. Dann hörten sie von weitem das dumpfe Schlagen einer Thüre, dem ein eigenthümliches Schnarren folgte, und jetzt, ja jetzt hörten sie Schritte, welche sich langsam näherten.

Der Wärter kam. Seine kleine Blendlaterne verbreitete auf eine nur sehr kurze Entfernung einen ungewissen Schein, welcher immer näher rückte, bis er auf die geöffnete Thüre fiel. Da blieb der Mann stehen.

»Sennor Pardero!« rief er halblaut.

Niemand antwortete; darum trat er näher an den Eingang heran und blickte


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in den Gang hinein. Das Licht fiel mit seinen zweifelhaften Strahlen auf die Gestalt Mariano's, welcher hier an der Seite des Ganges lehnte.

»Sennor Pardero, sind Sie fertig?« fragte der Wärter.

»Ja,« antwortete der Gefragte mit verstellter Stimme.

»So kommen Sie. Sennor Verdoja ist bereits nach der Hazienda geritten; ich soll Sie nachbringen.«

»Und die Anderen?«

Wäre der Gang nicht so eng, feucht, dumpfig und dunkel gewesen, so wäre der Mann wohl nicht so leicht zu täuschen gewesen, so aber erhielt die Gestalt Mariano's kaum ein halbes Licht und seine Stimme hatte eine eigenthümliche Tonart, daß der Wärter wirklich glaubte, Pardero vor sich zu haben. Er antwortete:

»Sie sind Alle zurückgekehrt.«

»Alle?«

»Ja. Sennor Verdoja wollte nur Einige schicken, aber da dieser Sternau ein gar so gewaltiger und schlauer Patron ist, so sind sie Alle zurückgekehrt, um ihn zu fangen. Sie werden ihren Lohn erst bekommen, wenn sie ihn lebendig bringen, oder seinen abgeschnittenen Kopf. Darum werden sie sich alle Mühe geben, ihn zu erwischen.«

»Aber ihre Pferde waren ja ermattet.«

Helmers sah ein, daß Mariano wünschte, so viel wie möglich über die Pläne Verdoja's zu erfahren, aber eine Fortsetzung des Gespräches konnte gefährlich werden. Er schlich sich also hinter der Thüre hervor und stellte sich dicht hinter den Wärter. Dieser schöpfte noch immer keinen Verdacht und antwortete:

»Sie sind zunächst mit nach der Hazienda, wo sie sofort neue Thiere erhalten. Uebrigens sind die beiden Kerls, welche Mariano und Helmers heißen, jetzt eingeschlossen und angekettet; sie werden nicht entkommen.«

»Nicht?« fragte Mariano.

Er trat hervor und zu gleicher Zeit faßte Helmers den Mann mit beiden Händen um die Gurgel. Der also Ueberfallene ließ die Laterne fallen, stieß ein unartikulirtes Stöhnen aus, fuhr mit den Armen in die Luft, bewegte die Beine konvulsivisch, dann ging ein fühlbares Zittern durch seinen Körper und nun hing er steif und bewegungslos in den Händen der beiden Männer, denn auch Mariano hatte ihn ergriffen, sobald er bemerkte, daß Helmers ihn gepackt hielt.

»Es ist gut!« sagte Helmers. »Er ist ohnmächtig. Brennen wir die Laterne an!«

Sie ließen ihn zu Boden gleiten und steckten das Lämpchen in Brand. Als sie ihn beleuchteten, lag er lang ausgestreckt und steif am Boden. Die Augen standen ihm offen und die Farbe seines Gesichtes hatte ein bleiernes Graublau.

»Der ist nicht ohnmächtig, der ist todt,« meinte Mariano.

»Nein, todt kann er nicht sein,« antwortete Helmers. »Ich habe ihn ja nur ein ganz klein wenig gequetscht.«

»Sehen Sie her, Sennor, das ist nicht die Gesichtsfarbe eines Ohnmächtigen, er ist todt, wirklich todt, aber nicht erquetscht von Ihrer Hand, sondern gestorben vor Schreck, daß er so plötzlich angefaßt wurde.«


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»Alle Teufel, das ist möglich! Ganz genau so sieht Einer aus, den der Schlag gerührt hat; ich habe mehrere solche Leute gesehen. Aber das ist dumm von diesem Kerl!«

»Warum?«

»Weil er uns nun den Ausgang nicht zeigen kann.«

»Allerdings. Doch vielleicht finden wir den Weg auch ohne ihn. Wir dürfen ja nur da hinausgehen, wo er hereingekommen ist.«

»Das klingt sehr einfach, Sennor, aber diese Gänge scheinen ein Labyrinth zu bilden, in dem man sich leicht verirren kann, und es giebt hier, wie wir ja gesehen haben, Thüren, welche nicht ein Jeder zu öffnen vermag.«

»Wir werden ja sehen. Vor allen Dingen wollen wir untersuchen, ob der Kerl auch wirklich todt ist. Hier hat er ein Messer und auch ein Doppelpistol im Gürtel; da haben wir neue Waffen.«

Mariano nahm das Messer und machte einen Schnitt in das Handgelenk des Wärters. Was aus der Wunde hervorquoll, war kein Blut zu nennen, es war eine mehr wässerige Flüssigkeit. Jetzt horchten Beide auf den Athem, sie entblößten seine Brust, um zu sehen, ob hier eine Bewegung zu bemerken sei. Sie beschäftigten sich wohl eine volle Viertelstunde mit ihm und kamen dann zu der Ueberzeugung, daß er wirklich todt sei.

»Unerklärlich!« meinte Helmers. »Dieser Mensch schleicht in diesen Gängen herum, ohne sich zu fürchten, und läßt sich bei der geringsten unerwarteten Berührung vom Schlage niederstrecken! Wir wollen ihn zu Pardero schaffen, so daß ihn die Damen gar nicht zu sehen bekommen.«

Dies wurde ausgeführt, vorher aber untersuchten sie seine Taschen. Sie fanden eine alte tombackene Uhr, welche ihnen jetzt aber von hohem Werthe war, da sie sehen konnten, ob es Tag oder Nacht draußen sei, ein kleines Taschenmesser und eine ziemliche Menge von Cigarretten, welche der Mexikaner stets bei sich führt.

Erst als die Leiche bei der Pardero's lag, riefen sie die Damen hervor und erzählten ihnen, welches Mißgeschick sie gehabt hatten.

»Der Mann schien nicht furchtsam zu sein,« sagte Karja. »Sennor Helmers hat Seemannshände und wird ihn erdrückt haben.«

»Fällt mir nicht ein! Er mag ohne Furcht gewesen sein,« antwortete Helmers, »aber er war kein guter Mensch und hatte ein böses Gewissen. Wer aber dieses hat, der kann ganz leicht bis zum Tode erschrecken. Ich weiß, wie eine Menschengurgel zu behandeln ist, darauf können Sie sich verlassen. Doch, streiten wir uns nicht. Wir wollen sehen, ob dieser Mensch uns den Weg offen gelassen hat.«

Sie brachen auf und traten in den Quergang hinaus. Demselben nach rechts hin folgend, denn aus dieser Richtung war der Wärter gekommen, trafen sie auf eine offen stehende Thüre, welche in einen weiteren Querkorridor führte. Als sie demselben nach rechts hin folgten, kamen sie an eine Felsenwand, hier ging es nicht weiter. Sie kehrten zurück und durchschritten die linke Hälfte des Korridores. Da erreichten sie eine Thüre, welche durch zwei Riegel verschlossen war. Sie schoben dieselben zurück, aber die Thüre war nicht zu öffnen.

»Auch sie hat ein Geheimniß,« meinte Helmers enttäuscht.

»Wahrscheinlich,« antwortete Mariano. »Suchen wir!«


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Sie wendeten allen ihren Scharfsinn auf, sie suchten und probirten stundenlang, aber vergebens. Sie strengten ihre Kräfte an, um die Thüre aus ihren Angeln zu drücken, doch auch dies gelang ihnen nicht.

»Unsere Mühe ist umsonst,« sagte Mariano. »Wir müssen einen zweiten Ueberfall versuchen.«

»Auf wen?« fragte Emma.

»Auf Verdoja.«

»Ja, er hat recht,« sagte Helmers. »Wenn der Wächter Pardero nicht bringt, so wird Verdoja annehmen, daß Beiden ein Unglück widerfahren sei. Er wird dann nach der Pyramide kommen und wir lauern ihm auf dieselbe Weise auf, wie seinem Diener.«

»Aber wenn Sie auch ihn todtdrücken!« meinte Emma.

»Fällt mir gar nicht ein! Ich werde ihn gar nicht bei der Gurgel fassen. Wir Zwei sind stark genug, ihn festzuhalten, dann rufen wir die Damen herbei, die ihn binden, während wir dafür sorgen, daß er sich nicht wehren kann. Um sein Leben zu retten, wird er uns die Freiheit geben müssen.«

»Das ist der einzige Weg, zu unserer Freiheit zu gelangen,« stimmte Mariano bei. »Kehren wir nach unserem Gange zurück.«

»Zunächst haben wir noch Zeit,« sagte Karja. »Jetzt wird der Wächter noch nicht erwartet, und bis Verdoja besorgt wird, können immerhin einige Stunden vergehen.«

»So mögen die Damen zu schlafen versuchen, während wir wachen.«

Das wurde angenommen. Aber da die Mädchen sich vor den beiden Leichen scheuten, so schlugen sie ihr gemeinschaftliches Lager in der Zelle auf, in welcher Mariano angefesselt gewesen war, und erhielten die brennende Laterne hinein. Mariano und Helmers aber nahmen ihre Posten an der Thüre ein, an welcher sie bereits den Wärter ergriffen hatten. Dort konnten sie Verdoja am sichersten erwarten.

Dieser hatte unterdessen keine Ahnung von dem Schicksale, welches ihm bei seiner Rückkehr nach der alten Opferstätte bevorstand. Er war mit den Mexikanern, wie der Wärter erzählt hatte, nach der Hazienda geritten. Diese war sein väterliches Erbe und gehörte zu den ungefähr sechzig Landgütern, welche der mexikanische Staat Chihuahua mit der Hauptstadt gleiches Namens aufzuweisen hat.

Die Hazienda Verdoja lag wohl zwei Tagereisen von der Hauptstadt entfernt, nach Mexiko aber hatte man über eine Woche lang zu reiten. Darum waren die Vorfahren Verdoja's echte Hazienderos gewesen, welche sich nur allein der Viehzucht gewidmet hatten, der Politik aber fremd geblieben waren. Er war der Erste, welcher dieses Prinzip aufgegeben hatte. Er war ehrgeizig und wollte eine Rolle spielen; das ist in Mexiko, dem Lande der Parteigänger, leicht, aber auch schwer. Er hatte eine Ahnung gehabt, daß Juarez zur einstigen Größe berufen sei, und sich ihm daher angeschlossen; er hatte es unter diesem kühnen Parteigänger, dessen Zeit aber damals noch nicht gekommen war, bis zum Rittmeister (Kapitän) gebracht, nun aber hatte dieses Debüt ein schmähliches Ende gefunden, denn daß Juarez jetzt von ihm nichts mehr wissen möge, das konnte er sich denken.

Es war sehr spät, als er die Hazienda erreichte, und Niemand hatte ihn er-


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wartet. Er hatte zwar einen Boten gesendet, um dem Wächter Befehle in Beziehung der zu erwartenden Gefangenen zu geben, aber dieser Wächter hatte zugleich die Weisung erhalten, gegen Jedermann zu schweigen. Darum befand sich bei seiner Ankunft Alles im tiefsten Schlafe und er mußte einige Vaqueros wecken, welche den Befehl erhielten, vor allen Dingen seine bisherigen Begleiter mit frischen, kräftigen Pferden zu versehen. Als dies geschehen war, sprengten die Mexikaner in die Nacht hinaus, derselben Richtung zu, aus welcher sie gekommen waren. Sie waren vollkommen überzeugt, Sternau zu fangen oder zu tödten und also den versprochenen Lohn zu erhalten.

Erst jetzt konnte Verdoja an seine eigene Pflege denken. Er war noch unverheirathet, hatte aber eine entfernte Verwandte auf der Hazienda, welche als Dame des Hauses figurirte. Sie empfing ihn mit Ueberraschung. Sie wußte nicht anders, als daß er sich bei Juarez im Süden Mexikos befinde, und war daher erstaunt, ihn bei Nacht und Nebel ankommen zu sehen. Ihr Staunen aber verwandelte sich in Schreck, als sie bemerkte, daß ihm die rechte Hand fehlte. Sie wollte eine große Beileidsrede beginnen, er aber schnitt ihr dieselbe barsch ab und befahl ihr, ein Abendbrod zu bringen.

Während des Essens theilte er ihr mit, daß noch ein Gast komme, ein Sennor Pardero, den der Wächter bringen werde. Auch für diesen sei ein Zimmer und ein Nachtmahl bereit zu halten. Dann begab er sich, ermüdet wie er war, zur Ruhe. -

Als er erwachte, war der Morgen bereits vorgeschritten, und die alte Sennora stand mit der Chokolade bereit. Während er dieselbe wortlos verzehrte, sagte sie ihm, wie gut es sei, daß er auf der Hazienda eingetroffen sei. Die Revolution hatte auch die Bevölkerung des sonst so ruhigen Staates Chihuahua ergriffen und der Gouverneur hatte daher um militärische Unterstützung nach Mexiko geschrieben. Infolge dieses Berichtes waren mehrere Schwadronen Reiter nach Chihuahua detachirt worden, welche nun die Gegend durchzogen und allen Feinden der gegenwärtigen Regierung ihre Oberhand fühlen ließen.

Nun war es zur Genüge bekannt, daß Verdoja zu diesen Feinden gehöre, er diente ja unter Juarez, und darum hatte man auf der Hazienda bereits längst einen Besuch der Truppen erwartet und gefürchtet.

Verdoja hörte schweigsam zu und äußerte kein Wort darüber, ob diese Nachricht ihm Sorge bereite oder nicht. Endlich aber fragte er, die leere Tasse fortschiebend:

»Ist Sennor Pardero bereits munter?«

»Sennor Pardero?« fragte sie.

»Nun ja, der Sennor, den ich gestern noch erwartete.«

»Ah, dieser? Der ist noch gar nicht da.«

»Noch nicht?« fragte Verdoja erstaunt. »Und der Wächter, der ihn bringen sollte?«

»Den habe ich auch nicht gesehen.«

»Du wirst es verschlafen haben und man wird sich geholfen haben, wie man konnte.«

Sie machte ein sehr erzürntes Gesicht und sagte:


Ende der dreiundvierzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk