Lieferung 52

Karl May

17. November 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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das? Er hatte ja Niemand mehr zu erwarten! Er erschrak freudig, als auf seinen Ruf - Röschen eintrat.

"Ich habe noch mit Dir zu sprechen."

»Du wunderst Dich?« fragte sie schüchtern. »Ich habe noch mit Dir zu sprechen.«

»Du, Röschen?« sagte er. »Komm, setze Dich!«

»Ja, das werde ich thun, lieber Curt. Allerdings soll eine junge Dame keinen jungen Herrn so spät und so allein besuchen, aber wir sind ja ganz wie Geschwister, nicht wahr?«

»Freilich,« sagte er, um alle ihre Zweifel zu zerstreuen. »Weiß Mama, daß Du hier bist?«

»Natürlich weiß sie es!«

»Und sie hat Dir erlaubt, zu mir zu gehen?«

»Ganz gern; ja, sie hat mich sogar darum gebeten. Es ist ja etwas sehr Wichtiges, um was ich Dich fragen will.«

Wie glücklich, wie unendlich selig fühlte er sich. Dieses herrliche Wesen kam zu so später Abendstunde vertrauensvoll zu ihm! Er war kein Kind mehr, er wußte, daß er sie liebte, liebte mit der ganzen Gluth seines Herzens, mit jedem Gedanken seines Herzens, mit jedem Athemzuge seines Mundes. Aber er kannte auch den Abstand zwischen ihr und ihm; seine Liebe war hoffnungslos, aber nicht unglücklich, denn sie war seelisch, war rein, war frei von jedem Eigennutze. Jetzt saß er neben ihr auf dem kleinen Sopha und sah ihr erwartungsvoll in das schöne Angesicht.

»Nun, was hast Du mich zu fragen, Röschen?« sagte er.

»Gieb mir erst Deine Hand, Curt. So! Weißt Du denn, daß wir uns immer lieb gehabt haben?«

Er erbebte bei dieser Frage im tiefsten Inneren, es ergriff ihn ein unnennbares Etwas, so daß er nicht mit Worten antworten, sondern nur nicken konnte.

»Und daß wir uns noch jetzt lieb haben?«

»Ich Dich, ja,« stieß er hervor.

»Du mich! Ich weiß das. Du würdest für mich sterben, wenn es nöthig wäre. Aber meinst Du etwa, daß ich Dich nicht auch noch immer so gern habe wie früher? Siehe, lieber Curt, wen man lieb hat, den kennt man genau, und wenn man auch nicht stets Alles genau weiß, so ahnt man es doch. Ich ahne alle Gedanken, die Du hast, wenn ich bei Dir bin, und wenn meinem Auge etwas verborgen bleiben sollte, mein Herz sieht es doch. Willst Du das glauben?«

Das Herz wollte ihm vor Seligkeit zerspringen und er mußte sich sehr zusammennehmen, um ein ruhiges »Ja« antworten zu können.

»Nun,« fuhr sie in ihrem herzigen Tone fort, »als Du vorhin aus dem Casino kamst, da war Dein Auge so tief und durchsichtig, und ganz, ganz unten da zitterte es auf dem dunklen Grunde. Ich wußte sogleich, daß Dir ein großes Weh widerfahren war. Du bist im Casino bös bewillkommnet worden, Du bist nicht der Mann, dies zu dulden. Da hat es ein schlimmes Zerwürfniß gegeben, und Ihr Offiziere seid mit den Waffen sogleich zur Hand. Komm her, lieber Curt, und blicke mir einmal gerade in die Augen!«

Sie legte ihm die feinen, weißen Händchen auf beide Achseln und zog ihn


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näher zu sich heran, um ihm besser in das Auge sehen zu können. Ihr würziger Odem wehte ihm entgegen, wie ein Hauch aus Mohammed's Paradiese; er fühlte die Lebenswärme, welche ihr schönes Angesicht ausstrahlte, ihre Lippen schwollen ihm entgegen, er mußte sich alle Gewalt anthun, um sich zu beherrschen. Indem ihm dieses gelang, war er ein größerer Held als vorhin im Casino, wo er den Obersten gedemüthigt und Ravenow niedergeschmettert hatte.

Ihr forschender Blick senkte sich in den seinigen eine ganze, volle Minute lang, dann ließ sie ihre Hände wieder sinken und sagte:

»Curt, weißt Du, was es giebt?«

»Nun?« fragte er.

»Ein Duell!«

»Röschen!« rief er erschrocken.

»Curt, ich sehe es deutlich. Tief da drunten in Deinem Auge liegt etwas, was Du uns hast verbergen wollen; ich aber habe es gesehen und sehe es noch. Das sieht aus wie eine stolze, trotzige Entschlossenheit. Willst Du mir etwa die Unwahrheit sagen, lieber Curt?«

»Nein! Nie!« versicherte er.

»Nun, so sage, ob mein Herz recht vermuthet!«

»Versprichst Du mir, verschwiegen zu sein?«

»Das versteht sich!« sagte sie eifrig. »In solchen Ehrensachen dürfen wir einander nicht verrathen.«

Sie war geradezu hinreißend in dieser kindlichen Naivität. Er hätte vor ihr niedersinken mögen, um sie anzubeten; aber er antwortete ruhig:

»Du hast es errathen, Röschen.«

»Also ein Duell, wirklich ein Duell! Curt, ich habe es gewußt, ich habe es errathen, ich habe es gefühlt und geahnt. Glaubst Du nun, daß ich Dich lieb habe?«

Sie blickte ihm dabei so innig, so aufrichtig entgegen, daß er ihre Hand an seine Lippen zog und leise und bebend antwortete:

»Es ist mein größtes Glück, daß ich dies glauben darf.«

»Ja, es ist ein sehr großes Glück, wenn man sich recht von Herzen gut ist und wenn man ein recht wahres Vertrauen zu einander hat. Ein solches Vertrauen habe ich zu Dir. Denkst Du etwa, daß mich Dein Duell beunruhigt?«

»Nicht?«

»Nein, nicht im Geringsten. Du wirst Deinen Gegner vollständig besiegen. Aber Mama hatte Sorge, und weil sie denkt, daß Du mir Alles sagen wirst, und weil sie weiß, daß Duells keine Zeitversäumniß vertragen, so bat sie mich, Dich noch heute Abend aufzusuchen.«

Sein Auge leuchtete stolz auf, als er von diesem Vertrauen hörte. Er hätte für Millionen dieses ihr Wort nicht hingegeben.

»Hast Du auch noch zu Anderen von Deiner Ahnung gesprochen?« fragte er.

»Nein, nur zu Mama. Die Anderen durften nichts wissen. Sie hätten Dich vielleicht gehindert, Deinen Feind zu züchtigen, und das mußt Du doch thun.«

»Röschen, Du bist eine Heldin!« rief er begeistert.

»O, nur wenn es sich um Dich handelt, mein lieber Curt. Für Andere kann


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ich recht sehr zittern, von Dir aber weiß ich, daß Du Allen überlegen bist. Ja, als Du in den Krieg zogst, da habe ich gebebt, denn gegen diese Kugeln konntest Du Dich nicht wehren; bei einem Duell aber kommt es nur auf die Geschicklichkeit und auf die Ruhe an, und da hast Du Keinen zu fürchten. Darf ich fragen, wer Dein Gegner ist?«

»Es sind deren zwei.«

»Zwei Duells?« fragte sie erstaunt. »Gut, das ist doppelte Gelegenheit, Dich in Respect zu setzen. Ich könnte mich darüber freuen, wenn Du mir nur eine kleine Bitte erfüllen wolltest.«

»Wenn ich kann, so werde ich sie Dir sicher erfüllen, liebes Röschen.«

»Nun gut. Züchtige die beiden Menschen, aber tödte sie nicht. Wie stolz ist das, wenn man dem Feinde sagen darf: Ich konnte Dich tödten, aber ich habe Dir großmüthig das Leben geschenkt! Willst Du?«

»Gern, ich verspreche es Dir!«

»Das freut mich, Curt. Zum Dank sollst Du mir auch die Hand küssen dürfen, wie Du vorhin thatest. Hier ist sie!«

Sie hielt ihm das Händchen entgegen und lächelte und nickte ihm freundlich zu, als er es an seine Lippen zog.

»So haben es die Ritterfräuleins früher gemacht, und darum darf ich Dich auch so belohnen,« meinte sie. »Wenn Mama es sähe, würde sie herzlich darüber lachen. Nun aber mußt Du mir noch sagen, wer Deine Gegner sind.«

»Der erste ist mein Oberst.«

»Ah! Der könnte doch froh sein, daß er so einen Lieutenant bekommt! Und der zweite?«

»Es ist der Lieutenant von Ravenow.«

»Der! Der gegen uns so ungezogen war! Curt, ich ahne, daß Ihr Euch meinetwegen schlagt. Sage mir die Wahrheit!«

»Du hast es errathen,« antwortete er.

Es war dies keine Prahlerei von ihm. Es kam ihm nicht in den Sinn, sie durch dieses Geständniß sich zu verpflichten. Er war ein lauterer Character und hatte ihr auf ihre offene, vertrauensvolle Frage um Alles in der Welt nicht eine Lüge sagen können.

»Siehst Du, wie ich Dir Alles am Auge ablese,« meinte sie in glücklichem Selbstbewußtsein. »Nun bist Du endlich mein wahrer Ritter geworden. Du wirst Dein Röschen rächen, und dafür wird sie Dir voller Huld die Hand zum Kusse reichen und Dir außerdem ein Andenken geben, was, das muß ich mir erst noch überlegen. Jetzt weiß ich Alles, und nun kann ich wieder zu Mama zurückkehren.«

»Was wirst Du ihr sagen?«

»Alles. Du denkst doch nicht, daß ich meiner Mama etwas verschweigen soll?«

»Davor behüte mich Gott, Du reine, lautere Seele!« rief er in überströmendem Gefühle. »Sage ihr Alles, doch sage ihr auch, daß sie nicht Angst haben solle, daß die Forderung noch nicht geschehen sei und daß ich um ihre Verschwiegenheit bitte.«

»Das werde ich thun, und Mama wird Deine Bitten erfüllen. Gute Nacht, mein lieber Curt!«


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»Gute Nacht, meine liebe, theure Rosita!«

Sie streckte ihm beide Hände entgegen und schickte sich dann an, das Zimmer zu verlassen. Doch an der Thür blieb sie nachdenklich stehen, drehte sich noch einmal um und sagte mit einem engelhaften, kindlich schönen Lächeln:

»Fast hätte ich eine sehr wichtige Hauptsache vergessen! Wenn Du mein Ritter bist, so muß ich es doch machen wie die Burgfräuleins und Dir eine Schleife mit in den Kampf geben. Ist die gut, die ich hier auf dem Kleide trage, Curt?«

Er hätte vor Wonne auf jauchzen mögen. Diese kindlich zarte und doch zugleich bereits jungfräulich holde Naivität schwellte seine Brust vor Entzücken und trieb ihm das Blut mit zehnfacher Schnelligkeit durch die Pulse. Er fühlte seine Schläfe klopfen, als er antwortete:

»O, sie ist schön; sie ist herrlich! Willst Du sie mir wirklich geben?«

»Sehr, sehr gern, mein guter Curt!« Sie nestelte die seidene Schleife von ihrem jugendlich zart und schön gerundeten Busen und streckte sie ihm entgegen. »Wenn Du in den Kampf gehst, so steckst Du sie Dir auf die Brust. Oder nein! Da sieht man sie ja! Diese Menschen sind nicht werth, daß sie das Zeichen sehen, welches Du von mir trägst. Aber wo willst Du sie sonst befestigen?«

»Nicht auf dem Rocke, sondern unter demselben, auf meinem Herzen.«

Ein lieblicher Karmin flog über ihre Wangen; sie senkte die langen, seidenen Wimpern, hob aber dann das Auge schnell zuversichtlich zu ihm und meinte:

»Ja, so magst Du es thun, denn das ist der beste Platz. Ich werde sie dann mit großem Stolze wieder tragen.«

»Wie? Ich soll sie Dir wiedergeben?« rief er.

»Etwa nicht?« fragte sie.

»Ja, wenn Du willst,« meinte er, und beinahe verlegen fügte er hinzu: »Aber dann müßtest Du sie auch einlösen, wie es die Ritterfräuleins gemacht haben.«

»Einlösen? Womit?«

»Mit einem Kusse.«

Jetzt färbten sich ihre Wangen dunkler als vorher; aber sie überwand dieses ihr unerklärliche Gefühl und fragte:

»Haben das die Ritterfräuleins wirklich gethan?«

»Ja, ganz gewiß, Röschen.«

»Das habe ich allerdings nicht gewußt. Wenn ich Dir aber die Schleife ganz schenke, so brauche ich sie auch nicht einzulösen?«

»Allerdings nicht.«

»Nun, so will ich es mir noch überlegen, ob ich sie wiedertragen werde oder nicht. Was von Beiden ist denn Dir lieber, Curt?«

Er nahm sich ein Herz und antwortete muthig:

»Am Liebsten ist es mir, wenn ich den Kuß erhalte und die Schleife behalten darf.«

»Geh! Damit würdest Du mich übervortheilen! Diese Sache ist nicht so leicht, als wie man denken sollte. Es wird mich viel Nachdenken kosten, einen richtigen Entschluß zu fassen. Behalte die Schleife einstweilen; ich werde Dir mittheilen, was geschehen soll!«

Sie ging, und er blieb zurück mit einem übervollen Herzen. Jetzt trat zum


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ersten Male hell erleuchtet der Gedanke vor seine Seele, daß dieses herrliche, unvergleichliche Wesen einst einem Anderen gehören werde. Er preßte die Schleife an seine Lippen; er kniete nieder und küßte die Stelle, auf welcher sie gesessen hatte und von welcher noch der feine Resedaduft ausströmte, den sie so sehr liebte. So lieblich, so keusch wie dieses Parfüm war ihr ganzes Wesen. Er sank auf das Sopha um ihn einzuathmen; er dachte an sie lange, lange Zeit. Die Augen fielen ihm endlich zu, ohne daß er es merkte, und dann träumte er von ihr, bis er erwachte. Da schien die Sonne hell zum Fenster herein, und er merkte, daß er das Bette gar nicht berührt, sondern auf dem Sopha geschlafen habe, welches gestern begnadigt worden war, die Gestalt der Heißgeliebten zu tragen.

Da unten auf dem Teppich lag die Schleife, die während des Schlafes seiner Hand entfallen war. Dies dünkte ihm eine sündhafte Entweihung, ein Sakrilegium, und er hob sie empor, um sie einzuschließen und aufzubewahren, bis sie beim Rencontre als Schutz und Talisman auf seinem Herzen liegen solle.

Er unternahm eine Morgenpromenade in den Garten, und als er dann zum ersten Frühstücke in das Speisezimmer kam, waren dort die Anderen alle bereits versammelt. Er warf einen schnellen, forschenden Blick auf Röschen. Sie sah blaß aus, als ob sie wenig geschlafen habe, und senkte vor ihm die Augen. Hatte das Nachdenken über den Kuß ihr den Schlaf geraubt?

Ihre Mutter ließ die schönen, ruhigen Augen forschend auf sein Gesicht fallen und er glaubte in ihnen die stille Zusage zu lesen, daß sein Geheimniß nicht verrathen werden solle.

Dann kam die Zeit, sich zur Schwadron zu begeben. Ludwig, der jetzt sein Diener war, hatte ihm das Pferd gesattelt. Es war ein prächtiger andalusischer Rapphengst, den ihm der Herzog geschenkt hatte. Er stieg auf und ritt nach der Kaserne. Als er in den geräumigen Hof derselben einbog, waren die Schwadronen bereits aufgeritten. Er kam nicht zu früh, denn die Offiziere waren bereits ziemlich vollzählig anwesend und warteten nur noch des Obersten und der beiden Oberstwachtmeisters, um die Exercitien zu beginnen.

Aller Augen fielen auf ihn. Auch Ravenow war da. Er hatte sich von seinem gestrigen Sturze erholt und wandte sich ab, als er den Nahenden bemerkte.

»Alle Teufel, welch ein Pferd!« meinte Branden, der Adjutant. »Womit hat der Schifferssohn dieses edle, kostbare Thier bezahlt! Und das will der Kerl im gewöhnlichen Dienste reiten? Das kann sich nur ein Millionär bieten!«

Curt salutirte vor den Kameraden, die diesen Gruß kaum erwiederten. Nur Platen ritt zu ihm heran, reichte ihm freundlich die Hand und sagte so laut, daß Alle es hören konnten:

»Guten Morgen, Helmers! Ein feiner Hengst. Hast Du mehrere von dieser Schönheit im Stalle?«

»Es ist mein Dienstpferd,« antwortete der Gefragte. »Die anderen muß ich schonen.«

»Donnerwetter,« brummte der Adjutant seinem Nachbar zu. »Dieses Pack thut ja, als ob die anderen noch kostbarer seien. Ich glaube, der Kerl schneidet auf. Aber dieser Platen wirft sich weg; ich werde ihm einmal in die Zügel greifen!«


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Da kam der Oberst mit den beiden Anderen geritten. Sein Gesicht war finster, als ob er eine stillverhaltene Wuth kaum bemeistern könne. Der Adjutant ritt ihm salutirend entgegen.

»Etwas außer dem Alltäglichen zu melden?« fragte der Chef.

»Zu Befehl, mein Herr Oberst,« lautete die Antwort. »Lieutenant Helmers zum Eintritt in die Schwadron bereit.«

»Lieutenant Helmers, vor!« kommandirte der Oberst mit scharfer Stimme.

Curt ritt heran und hielt vor ihm still, als sei er nebst dem Pferde aus Erz gegossen. Der Vorgesetzte musterte seinen Anzug, sein Reitzeug, sein Pferd. Er hätte für das Leben gern etwas Ordnungswidriges entdeckt, fand das zu seinem Bedauern aber rein unmöglich. Dann sagte er mit einem verächtlichen Augenzwinkern:

»Sie können heimreiten. Werde Ihnen sagen lassen, ob überhaupt ich Sie brauche und wann!«

Curt salutirte, ohne eine Miene zu verziehen, zog sein Pferd empor und schoß in eleganten Lancaden zum Thore hinaus.

»Feiner Reiter!« brummte der Adjutant, ihm mit den Augen folgend. »Wo der Bengel das nur her hat!«

Helmers durchschaute die Absicht des Obersten. Er wollte ihn gar nicht erst in Dienst treten lassen, da zwei Herausforderungen Grund genug waren, ihn wenigstens einstweilen für den Dienst unmöglich zu machen. Selbst wenn der bürgerliche Lieutenant in beiden Duellen, falls diese ja stattfanden, Sieger blieb, war ihm doch eine längere Festungshaft gewiß.

Curt hingegen lächelte darüber. Er kehrte nach Hause zurück und sagte da, um seine zeitige Rückkehr zu erklären, daß man seinen Eintritt für heute noch nicht für nothwendig gehalten habe.

Die Uebung dauerte über eine Stunde. Der Oberst war noch nicht längst erst zurückgekehrt und wollte es sich eben bequem machen, als Platen bei ihm eintrat.

»Ah, recht, daß Sie kommen, Lieutenant von Platen,« meinte der Chef in einem ungnädigen Tone. »Ich habe Ihnen über gestern Abend die Bemerkung zu machen, daß ich Ihr Verhalten nicht begreife. Warum ließen Sie diesen Menschen neben sich Platz nehmen und spielten sogar Schach mit ihm?«

»Weil ich die Ansicht habe, daß Unhöflichkeit jeden Menschen schändet, einen Offizier aber am allermeisten. Und weil ich annahm, daß wenn der Kriegsminister uns einen Kameraden giebt, er von uns erwartet, daß wir ihn als solchen behandeln.«

»Aber Sie kannten unsere Abmachung!«

»Ich habe mich an derselben nicht betheiligt.«

»Sie sind sogar mit ihm fortgegangen, wie es mir scheint!«

»Allerdings,« antwortete Platen furchtlos. »Ich finde in ihm einen Character, den ich achten muß. Wir sind Freunde geworden.«

»Ah!« rief der Oberst mit einem zornigen Stirnrunzeln. »Das ist mir allerdings sonderbar zu hören. Wissen Sie, daß Sie sich damit Ihren Kameraden feindlich gegenüber stellen! Oder glauben Sie vielleicht, daß man es unbeachtet vorübergehen lassen wird, daß Sie ein räudiges Schaf in Ihren Schutz nehmen?«

»Ich habe erwähnt, daß Lieutenant Helmers sich meine Achtung und Freundschaft erworben hat, und ich muß daher bitten, in meiner Gegenwart Vergleichungen,


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wie die Letztere ist, gütigst zu vermeiden. Helmers scheint mir nicht einem Schafe, sondern einem ganz anderen, edlen Thiere zu vergleichen, mit dem nicht zu spaßen ist. Uebrigens habe ich mir nur auf seine Veranlassung erlaubt, Ihnen meinen Besuch zu machen.«

»Ah, doch nicht etwa als Cartellträger!«

»Allerdings als solcher.«

»Donnerwetter, er wagt es also wirklich, mich zu fordern?«

»Ich habe in seinem Auftrage um Satisfaction zu bitten.«

»Das ist höchst unvorsichtig von Ihnen! Wissen Sie, daß ich Ihr Vorgesetzter bin?«

Diese letztere Frage war in einem sehr drohenden Tone gesprochen; Platen jedoch antwortete freimüthig:

»In dienstlicher Beziehung bin ich Ihnen untergeben, in Ehrensachen aber hoffe ich, einem Jeden gleichzustehen. Drohungen muß ich streng zurückweisen. Mein Freund verlangt Genugthuung und hat mich gebeten, meine Vereinbarungen mit Ihnen zu treffen.«

Der Oberst schritt erregt im Zimmer auf und ab; er sah sich in eine weit mehr als unangenehme Lage gebracht, aus welcher es nur einen höchst zweifelhaften Ausweg gab. Er betrat denselben, indem er erklärte:

»Ich schlage mich nur mit einem Edelmanne.«

»Sie betrachten Helmers nicht als einen Cavalier?«

»Nein.«

»Und verweigern ihm also die Genugthuung?«

»Ich verweigere sie.«

»So werde ich auf seine Anweisung hin mich zum Major von Palm begeben, welcher der Ehrenrath unseres Regimentes ist und ein Ehrengericht berufen wird, um zu bestimmen, ob mein Freund nicht satisfactionsfähig ist. Da der Dienst für heute beendet ist, so wird dieses Ehrengericht noch in Laufe des Nachmittages zusammentreten können, und ich hoffe, daß es im Sinne meines Freundes entscheiden wird. Adieu!«

Er ging, aber kaum hatte er den Obersten verlassen, so verließ auch dieser seine Wohnung, um bei den Mitgliedern des Ehrengerichtes die geeigneten Schritte zu thun, das Duell zu hintertreiben.

Platen suchte zunächst den Lieutenant von Ravenow auf. Dieser empfing ihn in einer sehr gemessenen Haltung und fragte:

»Was verschafft mir die Ehre Deines Besuches, Platen?«

»Die Ehre meines Besuches? Hm, so fremd und ceremoniell!«

»Allerdings. Du bist zum Feinde übergegangen; ich kann mit Dir nur noch im Tone kühlster Höflichkeit verkehren und bitte, Dich desselben ebenso zu befleißigen!«

Platen verbeugte sich und antwortete:

»Ganz wie Du denkst. Wer einen Unschuldigen gegen das Vorurtheil vertheidigt, muß auf Alles gefaßt sein. Ich werde Dich übrigens nicht lange belästigen, da mich nur die Absicht herbeiführt, Dir die Wohnung meines Freundes Helmers mitzutheilen.«

»Ah! Wozu?«


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»Ich denke, daß Du sie wissen mußt, um ihm irgend eine dringliche Mittheilung machen zu lassen.«

»Du hast es errathen. Uebrigens brauche ich seine Wohnung wohl nicht zu wissen, denn ich vermuthe mit Recht, daß Du seine Vollmacht hast.«

»Allerdings. Er stellt sich Dir durch mich zur Verfügung.«

»Das genügt. Golzen wird mir sekundiren. Welche Waffe wählt Dein sogenannter Freund?«

»Er überläßt die Wahl Dir.«

Das Auge Ravenow's leuchtete grimmig auf.

»Ah,« sagte er, »fühlt er sich so sicher? Er thut ja, als ob er Meister aller Waffen sei! Hast Du ihm gesagt, daß ich der beste Fechter des Regimentes bin?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich ihn damit beleidigt hätte. Uebrigens fürchtet er sich nicht vor Dir; er hat es ja bewiesen, wenn ich mich nicht irre.«

»Pah, das war Ueberraschung! Es gilt also, was ich wähle?«

»Ganz bestimmt.«

»Nun wohl, so soll er sich in mir verrechnet haben. Ich habe mich längere Zeit mit einem Tscherkessen geübt, welcher Meister der orientalischen Hiebwaffen war. Ich wähle krummen, türkischen Säbel, oben stark und schwer und unten ohne Parirstange, das beste Instrument zum Kopfabsäbeln.«

»Bist Du des Teufels,« rief Platen entsetzt. »Diese Waffe ist ja hier nicht gebräuchlich!«

Er hat mir die Wahl gelassen; es bleibt dabei!«

»Aber es giebt ja gar keine Handschars oder Yatagans, oder wie dieser Säbel genannt werden muß!«

»Ich habe zwei.«

»Aber das ist unehrlich! Du bist in dieser Waffe geübt und er nicht!«

»Ich wiederhole, daß er so frech gewesen ist, mir die Wahl zu überlassen; er mag es büßen. Von einer Unehrlichkeit kann keine Rede sein.«

»So gehst Du auf Leben und Tod? Das ist schrecklich!«

»Jammere nicht! Er hat mich tödtlich beleidigt, indem er mich zur Erde warf, und da er auf keinen Fall im Regimente bleiben darf, so stelle ich die Bedingung, daß so lange gefochten wird, als bis Einer von uns Zweien entweder todt oder dienstunfähig ist.«

»Das ist zu viel. Er hat Dich geschont. Er konnte Dich durch eine Ohrfeige entehren, wie Du es mit ihm vorhattest. Ich muß Dir das in Erinnerung bringen.«

»Eine jede Erinnerung ist nur geeignet, mich in meinem Vorhaben zu bestärken. Gieb Dir also nicht die geringste Mühe mehr!«

»Gut, es falle Alles auf Dein Gewissen! Und die Zeit und der Ort?«

»Hm!« machte Ravenow nachdenklich. »Hat er den Obersten gefordert?«

»Ja, soeben.«

»Er verweigert die Genugthuung; ich werde mich sogleich zum Ehrenrath begeben.«


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»Ich begreife den Obersten nicht. Sein Verhalten scheint mir entweder feig oder wenigstens höchst inconsequent zu sein. Er beleidigt den Fremden, läßt sich auf das Schönste von ihm blamiren und weigert sich schließlich, zum Ausgleiche der Waffen zu schreiten. Ich möchte, daß beide Fälle neben einander erledigt werden. Wenn das Ehrengericht sich für den Zweikampf entscheidet, acceptire ich denselben Ort und dieselbe Zeit, welche zwischen dem Obersten und seinem Gegner vereinbart wird. Im gegengesetzten Falle aber werde ich meine eigenen Bestimmungen treffen. Hast Du mir noch etwas zu sagen?«

»Nein. Ich darf also in »kalter Höflichkeit« von Dir scheiden. Adieu!«

Er ging zum Major Palm, dem Ehrenrath, welcher versprach, die Angelegenheit sogleich in die Hand zu nehmen. Als er zu Curt kam und diesem die Mittheilung machte, daß Ravenow sich für türkische Säbel entschieden habe, zuckte dieser höchst gleichmüthig die Achsel und sagte:

»Dieser Ehrenmann will mich beseitigen, auf alle Fälle und auf jede Art und Weise. Er kennt keine Schonung, und so mag er zusehen, ob ich vielleicht so großmüthig bin, Nachsicht zu üben. Der Oberst ist ein Feigling. Es ist ganz unmöglich, daß das Ehrengericht sich gegen mich entscheidet. Er wird sich wahrscheinlich für Pistolen und eine weite Distance entscheiden, und ich bin bereit, ihn zu schonen, die Festung ist Strafe genug für ihn. Wann kann ich die Entscheidung erwarten?«

»Noch vor Anbruch des Abends.«

»Sie werden mir die Nachricht bringen?«

»Ja, noch bevor ich mich zur Soiree des Großherzogs nach Montbijou begebe. Das ist auch ein Streich, den man Ihnen gespielt hat. Sie waren berechtigt, eine Karte zu erhalten, man hat sie Ihnen vorenthalten.«

»Lassen Sie das gut sein!« lächelte Curt. »Ich bedarf dieser Karte nicht, denn ich habe eine Privateinladung des Großherzogs.«

»Ah!« rief Platen. »Sie werden also auch kommen?«

»Jedenfalls. Ich will Ihnen sagen, daß ich das Wohlwollen des Großherzogs besitze; er hat gehört, in welcher Art und Weise man mir entgegenkommt, und mir noch gestern Abend, als ich nach Hause kam, erklärt, daß er die Soiree veranstaltet habe, um mir eine öffentliche Genugthuung zu geben.«

Platen machte eine Bewegung des höchsten Erstaunens.

»Glückskind!« rief er. »Sie sind ein Protege des Großherzogs?«

»Er war mir stets freundlich gesinnt,« sagte Curt einfach. »Uebrigens ersuche ich Sie, keinem Menschen wissen zu lassen, daß ich kommen werde. Ich freue mich auf die Enttäuschung der Herren Kameraden, welche mich nur für einen unwillkommenen Eindringling halten. Sie können mir Ihre Nachricht also in Montbijou bringen, und ich werde Sie zur Revanche dafür dem Großherzog, dem Herzog von Olsunna, dem Lord Lindsay und einigen Damen vorstellen.«

»Alle Himmel, welch ein Glück!« meinte der Lieutenant ganz begeistert. »Sie sind bei Gott ein Räthsel; aber ich gestehe, daß es gar nicht unvortheilhaft ist, Ihr Freund zu sein. Werden Sie mich auch der wundervollen Dame vorstellen, auf welche sich jene unglückselige Wette bezieht?«

»Jawohl. Sie ist zwar die Enkelin des Herzogs von Olsunna, und ihre Mama ist die spanische Gräfin de Rodriganda, Sie werden Beide aber einstweilen


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unter dem Namen Sternau kennen lernen. Für jetzt aber wollen wir scheiden, mein lieber Freund, um uns zum Feste vorzubereiten.«

Sie trennten sich, Beide dem Abende entgegensehend, nach dem sich das ganze Offiziercorps der Gardehusaren sehnte.

Im Laufe des Nachmittags trat das Ehrengericht zusammen. Die Mitglieder desselben bestanden alle aus Angehörigen des hohen Adels; sie sahen Helmers als ein »räudiges Schaf« an, wie sich der Oberst ausgedrückt hatte, waren übrigens von demselben beeinflußt worden, und so kam es, daß die Fassung des Urtheiles dahin ging, Lieutenant Helmers habe den Obersten schwerhörig genannt, dies sei eine Beleidigung, und da beide Beleidigungen als einander aufhebend zu betrachten seien, so habe Helmers kein Recht, Satisfaction zu fordern, und der Oberst sei nicht verbunden, welche zu geben, von einem Duelle könne also keine Rede sein. Daran schloß sich die Bemerkung, daß das Verhalten des Lieutenant Helmers ein rücksichtsloses genannt werden müsse, welches nicht geeignet sei, ihm die freundliche Gesinnung des Offiziercorps zu erringen; er thue sehr klug, sich an einen anderen Ort versetzen zu lassen, zumal weder seine Abstammung noch seine Gesinnung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen des Gardekorps im Einklange ständen.

Dieses Urtheil wurde zu Protokoll genommen, von welchem Platen eine Abschrift bekam, um sie Helmers zu überbringen. Er sah, daß man irgend eine Bemerkung von ihm erwartete, doch steckte er schweigend die Abschrift zu sich und entfernte sich. Er hatte die feste Ueberzeugung, daß mit dieser Sitzung die Angelegenheit noch nicht beendet sei.

Der Oberst aber fühlte sich als Sieger. Er hielt dafür, daß Curt es nun nicht wagen werde, auf dem Eintritt in das Regiment zu beharren, und kehrte mit dem Gefühle der Genugthuung nach Hause zurück, um sich in seine Galauniform zu werfen und seine Damen abzuholen, da unterdessen der Abend hereingebrochen war und man den hohen Festgeber nicht warten lassen durfte.

Das Gartenschloß Montbijou liegt an der Spree im Spandauer Viertel, ist reizend gelegen und war heut ganz besonders festlich geschmückt worden. Im Garten brannten zahllose Lampions, welche die Bosquets in einen Feenschimmer hüllten; in den Zimmern fluthete ein Meer von Licht; geschäftige Domestiken eilten hin und her, und unter dem Entree stand der Hofmeister des Großherzoges, um die zahlreichen Gäste zu empfangen.

Nach dem Grundsatze, daß Zögerung vornehm sei, hatten sich die Lieutenants zuerst eingestellt; dann waren die Anderen nach und nach gekommen, je höher im Range, um so später und mit desto größerer Grandezza. Sie wurden im Vorzimmer von dem Adjutanten des Großherzogs empfangen und nach ihren Plätzen geleitet oder gewiesen. Zuletzt kamen der Brigade- und der Divisionsgeneral mit einem ganzen Schweife von Damen.

Im großen Saale erblickte man das Musikcorps, welches zum Tanze aufspielen sollte; jetzt herrschte noch jene Erwartung, welche sich nur halblaut zu unterhalten wagt. Die Diener reichten kleine Erfrischungen herum, vom Speisesaal her aber hörte man bereits das Klirren von Glas und Porzellan, welches dem Feinschmecker eine Verheißung ersehnter Genüsse bedeutet.

Da endlich wurde die Thür aufgerissen und die Ankunft des Großherzogs


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gemeldet. Er tat herein, am Arme Rosa de Rodriganda, die jetzige Frau Sternau. Ihm folgten der Herzog von Olsunna mit Amy Lindsay, dann Sir Lindsay mit der Herzogin Olsunna, der früheren Erzieherin, und hinter diesem Paare kam Curt mit Röschen am Arme.

Bei seinem Anblicke rissen die Herren Husaren die Augen weit auf. Er trug auf der Brust den österreichischen Orden der eisernen Krone und den militärischen Maria-Theresienorden, ferner den hessischen Ludwigsorden, den Löwenorden und den Orden vom eisernen Helm neben dem Kreuze für Militärverdienste.

Die Augen aller Damen richteten sich nach dem schmucken Lieutenant, der keine von ihnen kannte, die Augen der Herren aber auch auf seine Dame, die in bestrickender Lieblichkeit neben ihm ging und so eng und vertraut an seinem Arme hing, als ob sie seine Schwester sei.

Die Anwesenden hatten sich natürlich erhoben. Der Herzog schritt auf den Divisionsgeneral zu und ließ sich seine Damen vorstellen, worauf er die Namen seiner Begleitung nannte.

Es läßt sich denken, welchen Eindruck das Erscheinen Curts hinter dem Herzog auf die Herren Lieutenants machte. Adjutant Branden riß die Augen auf und murmelte zu Golzen hinüber:

»Du, sehe ich recht! Ist das nicht dieser Helmers?«

»Bei Gott, er ist es! Du hast recht!« antwortete dieser. »Wie kommt der Kerl in das Gefolge des Großherzogs!«

Branden hatte noch immer den Mund offen, aber dennoch gelangen ihm die Worte:

»Hole mich der Teufel! Fünf Orden und ein Verdienstkreuz! Bin ich behext?«

»Und an seinem Arme die Kutscherstochter! Ich glaube, Branden, wir sind fürchterlich dupirt worden!«

»Werden sehen, werden sehen! Seine Hoheit stellen jetzt die Herren vor. Horch! Ah, der Herzog von Olsunna nebst Miß Lindsay!«

»Jetzt Lord Lindsay mit der Herzogin von Olsunna. He, Platen, haben Sie den Namen der schönen Dame gehört, welche der Großherzog selbst führt?«

»Er stellte sie als »Frau Sternau« vor, aber das ist incognito. Sie ist eine Gräfin de Rodriganda und die zukünftige Herzogin von Olsunna,« antwortete Platen, der sich der Namen aus der Unterredung mit Curt besann.

»Horcht!« meinte Branden nochmals. »Jetzt kommt der Lieutenant daran. Hört! Ah, Lieutenant Helmers und Fräulein Sternau! Was soll man da denken?«

»Auch incognito,« antwortete Platen. »Fräulein Sternau ist die Enkelin des Herzogs von Olsunna und die Duzfreundin des Lieutenants. Ravenow hat sich von dem schlauen Diener meines Freundes Helmers arg mystifiziren lassen.«

Ravenow stand dabei, hörte diese Worte und knirschte mit den Zähnen.

»Donnerwetter! Was sagte jetzt der Großherzog zu unserem General en Chef?« fragte Branden.

Platen lächelte und antwortete:

»Er übergab ihm den Lieutenant Helmers und dessen Dame und forderte ihn auf, Beide den Offizieren des Gardecorps vorzustellen.«


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»Da soll mich gleich der Teufel holen, wenn ich schon jemals so etwas erlebt habe!« rief Branden ziemlich laut. »Das scheint ja ganz, als ob es auf eine großartige Genugthuung abgesehen sei, die dieser Lieutenant erhalten soll!«

»Das ist es auch,« bestätigte Platen. »Ich weiß aus einem ganz sicheren Munde, daß diese Soiree dansante nur Helmers' wegen veranstaltet ist. Helmers ist ein Liebling des Großherzoges, und dieser Letztere ertheilt gegenwärtig den Herren Gardehusaren einen Verweis, der gar nicht eclatanter ausfallen kann. Ein Oberst hatte gestern den Namen des Lieutenants vergessen; heute bekommt er und wir Alle diesen Namen aus dem Munde des Chefs der ganzen Garde zu hören.«

»Das ist noch nie dagewesen; das ist großartig; das ist pyramidal, auf Ehre!« meinte Golzen. »Jetzt geht der Lieutenant aus einer Hand in die andere. Jetzt kommt er zum Obersten. Horcht! Der Kerl hat etwas vor; ich sehe seine Augen blitzen.«

Der Corpsgeneral trat soeben mit Helmers und Röschen zu dem Obersten.

»Herr Oberst,« sagte er, »ich gebe mir die Ehre, Ihnen hiermit Fräulein Sternau und den Herrn Lieutenant Helmers vorzustellen. Er tritt in ihr Regiment ein, und ich empfehle ihn ihrer freundlichsten Fürsorge.«

Dem Oberst würgte es im Halse; er brachte kein einziges Wort hervor und konnte sich nur verbindlichst zustimmend verbeugen. Da wendete Helmers sich an den General:

»Exzellenz,« sagte er, »wir haben Ihre Güte bereits zu sehr in Anspruch genommen; gestatten Sie, daß es der Herr Oberst an Ihrer Stelle unternimmt, mich mit den Herren weiter bekannt zu machen!«

»Ein Teufelskerl! Ich ahnte so etwas; es lag in seinem Auge,« brummte Branden, der Adjutant. »Jetzt zwingt er den Oberst, den er gefordert hat und der ihn nicht für satisfactionsfähig hält, sein gestriges Verhalten zu desavouiren und ihn in aller Form uns vorzustellen!«

Der General verbeugte sich und meinte freundlich:

»Es ist mir ein Vergnügen, Ihnen diesen Dienst zu erweisen; aber da Sie es selbst wünschen, so übergebe ich Sie dem Herrn Oberst.«

Er ging, und nun mußte der Oberst wohl oder übel in den für ihn gewiß sehr saueren Apfel beißen. Auf seinen Wink traten die Offiziere seines Regimentes heran, und er sah sich zu der gewiß nicht angenehmen Arbeit gezwungen, dem von ihm so schwer Beleidigten die lange Reihe ihrer Namen zu nennen.

»Ich danke, Herr Oberst!« sagte Curt sehr kühl zu ihm, als dies beendet war. Dann trat er zu Platen, stellte ihn und Röschen einander vor und fügte hinzu: »Er ist mein Freund. Willst Du ihn nicht dem Großherzoge empfehlen?«

Sie reichte Platen ihr Händchen, welches er an seine Lippen zog, und fragte:

»Tanzen Sie, Herr Lieutenant?«

»Leidenschaftlich, gnädiges Fräulein,« antwortete er, indem ihm die Röthe der Freude in das Gesicht stieg.

»So mag Ihnen Curt nachher meine Karte bringen, damit Sie sich notiren. Für seinen »Freund« gewähre ich nach ihm den ersten Tanz. Jetzt aber kommen Sie mit uns zum Großherzoge, damit wir Sie den Herrschaften vorstellen!«

Sie entfernten sich, und nun stand der Oberst allein bei seinen Offizieren. Er


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nahm das Taschentuch, wischte sich, tief aufathmend, den Schweiß von der Stirn und gestand:

»Ich glaube, ich werde ohnmächtig! Mir ist weiß Gott gerade so, als ob ich eine Schlacht verloren hätte!«

»Hm!« brummte Branden, der Adjutant. »Dieser Helmers ist ein ausgezeichneter Schachspieler.«

»Das heißt, ein guter Stratege oder Diplomat,« fügte Golzen hinzu.

»Ich muß mich setzen!« seufzte der Oberst.

Er ging zu seiner Frau, um sich bei ihr Trost zu holen. Es bildeten sich jetzt einzelne Gruppen, doch das Gespräch Aller drehte sich meist um Helmers und die ungeheure Lection, welche dieser bürgerliche Lieutenant dem Gardecorps gegeben habe. Die Damen begeisterten sich für ihn. Er hatte bewiesen, daß er nicht nur ein schöner Mann, sondern überhaupt ein Mann im vollsten Sinne des Wortes sei. Die Herren begannen, ihn auch mit anderen Augen zu betrachten. Doch es sollte noch anders kommen. Die hohen Flügelthüren wurden aufgerissen, und es ertönte die laute Anmeldung:

»Seine Majestät, der König.«

Sofort schritt der Großherzog auf die Thüre zu, um den hohen Gast zu empfangen. Dieser trat ein und zwar an der Seite Bismarks; der Kriegsminister und ein Kammerherr folgten. Der Letztere trug einen Gegenstand in der Hand, welchen man bei näherem Hinblicken als ein Saffianetui erkannte.

»Ich konnte mir nicht versagen, einige Minuten bei Euer Hoheit einzutreten,« meinte der hohe Herr zum Herzoge. »Lassen Sie uns Ihre Gäste sehen!«

Bald waren die hervorragenden der anwesenden Herrschaften um die Majestät versammelt, während die Andern lauschend oder in leiser Unterredung von ferne standen.

Branden, der Adjutant, schien nicht leicht schweigen zu können.

»Der König, Bismark und der Kriegsminister hier?« sagte er. »Das ist eine große Auszeichnung für unser Regiment. Wir können stolz sein. Ah, seht Ihr das Etui in der Hand des Kammerherrn? Ich lasse mich köpfen, wenn das nicht einen Orden giebt; jedenfalls erhält ihn der Großherzog in dieser öffentlichen, doppelt ehrenden Weise. Seht, da zieht sich der Herzog von Olsunna mit dem Kriegsminister in die Fensternische zurück. Sie sprechen leise, ihre Mienen sind sehr ernst, und ihre Blicke treffen den Oberst. Meine Herren, ziehen wir uns ein Wenig nach dem Obersten hin, es giebt etwas; ich kenne das! Man hat als Adjutant so seine Erfahrungen gemacht.«

Er hatte recht, denn bereits nach kurzer Zeit kam der Kriegsminister langsam auf den Obersten zugeschritten. Dieser erhob sich ehrfurchtsvoll, als er den Stehenden bemerkte, und ging ihm einige Schritte entgegen.

»Herr Oberst, haben Sie mein Handbillet betreff des Lieutenants Helmers empfangen?« fragte die Excellenz in einem nicht sehr freundlichen Tone.

»Ich habe die Ehre gehabt,« lautete die Antwort.

»Und es auch gelesen?«

»Sofort, wie Alles, was aus der Hand Euer Excellenz kommt.«

»So ist es sehr zu bewundern, daß diese Zeilen gerade das Gegentheil des


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Erfolges bewirkten, den ich beabsichtigte. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen den Lieutenant dringend empfahl?«

»Gewiß,« antwortete der Oberst.

Er hätte in den Boden sinken mögen. Es war geradezu eine Unmöglichkeit, wegen eines einfachen, noch dazu bürgerlichen Lieutenants solch' Aufhebens zu machen. Er hätte sich lieber an die Spitze einer Sturmkolonne gestellt, als hier vor einem Examen zu stehen, das nur zu seinem Schaden ausfallen konnte.

»Und dennoch erfahre ich, daß man ihn allerorts mit förmlich impertinenter Abweisung empfangen hat. Gar mancher hochgeborne Kopf ist hohl und steht nur aus Rücksicht auf seine Geburt in Reih und Glied. Der Leiter der militärischen Angelegenheiten ist stets erfreut, wenn er einen Mann findet, der brauchbar zu verwenden ist, und muß es um so schmerzlicher beklagen, wenn gerade solche Männer auf ungerechtfertigte, oftmals vielleicht sogar böswillige Schwierigkeiten stoßen. Ich erwarte mit aller Bestimmtheit, daß ich baldigst das Gegentheil von dem höre, was ich zu meinem Erstaunen gewahren muß!«

Er drehte sich scharf auf dem Absatze herum und schritt davon, während der Oberst einige Augenblicke wie geistesabwesend stehen blieb und dann auf seinen Sitz zurückkehrte. Selbst wer die Unterredung nicht vernommen hatte, mußte es ihm ansehen, daß er einen ganz ungewöhnlichen Verweis erhalten habe.

»Der ist für heut moralisch todt und psychisch zerschmettert,« brummte der Adjutant. »Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Dieser Lieutenant ist in unser schönes Stillleben wie ein Teufel gefahren; er ist wie eine Bombe unter uns hinein geplatzt, und nun fliegen Einem die Stücke an den Kopf. Wo steckt er denn?«

»Dort am Spiegel. Bismark spricht mit ihm,« antwortete Golzen.

»Bismark? Bei Gott, es ist wahr. Welche Auszeichnung! Ich gäbe zwanzig Monatsgagen, wenn Bismark mir nur einmal zunicken wollte, und dort steht dieser Helmers und plaudert mit dem Gewaltigen, als ob sie miteinander auf der Schulbank gesessen seien. Heiliger Himmel, da geht weiß Gott sogar der König auf ihn los. Nun wird es mir ganz schwirrend im Kopfe!«

Die Anwesenden blickten mit Staunen nach der Stelle hin, an welcher der junge Mann stand, mit welchem die beiden Gewaltigen so herablassend sprachen. Man stand zu ferne, als daß man ein Wort hätte verstehen können, aber man sah an den wohlwollenden Zügen des Herrschers, daß es nur Ausdrücke der Güte waren.

Da winkte der König plötzlich dem Kammerherrn. Dieser trat in die Mitte des Saales und verkündigte mit lauter Stimme:

»Meine Herrschaften, ich gebe mir die Ehre, Ihnen im allerhöchsten Auftrage mitzutheilen, daß Seine Majestät geruhen, den Herrn Lieutenant Helmers zum Ritter der zweiten Classe des rothen Adlerordens zu ernennen, und zwar in Anbetracht der höchst wichtigen Dienste, welche er seit seiner so kurzen Anwesenheit bei uns dem Vaterlande geleistet hat. Seine Majestät haben zugleich befohlen, dem genannten Herrn die Insignien des Ordens auszuhändigen, und behalten sich vor, das Weitere zu verfügen.«

Er öffnete das Etui, schritt auf Helmers, der bleich auf seinem Platze stand, zu und heftete ihm den Stern zu den anderen auf die Brust.


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Es herrschte im Saale eine Stille wie in der Kirche. Welche Dienste waren das? In so kurzer Zeit geleistet! Sie mußten bedeutend sein, denn der rothe Adlerorden hat vier Classen. Dieser Lieutenant wurde vom Glücke ja förmlich überschüttet!

Diese Gedanken und noch verschiedene andere gingen durch die Herzen der Anwesenden. Es bildete sich um den glücklichen jungen Mann ein Kreis von Gratulanten, denen der König das Beispiel gab. Bismark und der Kriegsminister folgten und verabschiedeten sich dann von den Herrschaften.

Nach dem Verschwinden der drei hohen Herren, denen natürlich der Kammerherr folgte, ließ man sich eher gehen, und ein lautes, vielstimmiges Summen zeugte von dem Eifer, mit welchem das Ereigniß besprochen wurde. Bereits hatten alle höheren Offiziere Curt gratulirt, und er stand grad einige Augenblicke allein, da kam Röschen auf ihn zu.

»Lieber Curt, welch eine freudige Ueberraschung!« sagte sie mit leuchtenden Augen. »Hättest Du an so eine Huld gedacht?«

»Nie! Ich bin noch immer starr vor Erstaunen oder Entzücken,« gestand er aufrichtig. »Ich befinde mich beinahe wie in einem Traume.«

»Höre, Curt, der Dienst, von dem Du allerdings bereits gestern sprachst, scheint ein ganz bedeutender zu sein, aber ich darf Deine Discretion nicht auf die Probe stellen; ich will Dir lieber gratuliren, von Herzen gratuliren. Deine Feinde sind furchtbar beschämt, furchtbar gedemüthigt worden. Du bist nicht allein mein Ritter, sondern Ritter von nun sechs Orden. Ich möchte den sehen, der sich zu Dir in die Schranke wagt! Doch sage, wie steht es mit dem Duell? Hat der Oberst Deine Forderung angenommen?«

»Nein, wie mir Platen berichtete.«

»Ja, was wird denn nun?«

»Man hat ein Ehrengericht gehalten und erklärt, daß ich nicht das Recht habe, Genugthuung zu fordern.«

»Woher weißt Du das?«

»Platen war ja dabei. Er hat mir vor zehn Minuten das Protokoll eingehändigt, welches die Verhandlung und das Urtheil enthält.«

»Wo hast Du es? In der Tasche?«

»Ja.«

»Bitte zeige es mir, lieber Curt. Ich möchte es sehr gern lesen.«

»Jetzt? In dieser Umgebung? Magst Du nicht warten, bis wir nach Hause gekommen sind, liebes Röschen?«

»Nein. Diese Angelegenheit ist mir so außerordentlich interessant, daß ich nicht so lange warten mag. Uebrigens mußt Du bedenken, daß Du mein Ritter bist, und als solcher hast Du alle Wünsche Deiner Dame genau und schnell zu erfüllen.«

»Nun wohl, hier ist es.«

Er gab ihr das Couvert, in welchem die Abschrift steckte. Sie nahm es an sich, bedeckte es mit ihrem Taschentuche, damit es nicht gesehen werde, und begab sich in ein Nebenzimmer, um den Inhalt kennen zu lernen. Aber bereits nach kurzer Zeit stand sie wieder unter der Thür. Ihr schönes Angesicht war vor


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Zorn geröthet, und ihre blitzenden Augen suchten nach dem Obersten. Er stand mit Rittmeister von Palm, seinem Adjutanten von Branden und dem Lieutenant Ravenow beisammen. Sie eilte mit raschen Schritten auf diese Gruppe zu, verbeugte sich kurz und energisch und sagte:

»Die Herren entschuldigen, daß ich störe. Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Herr Oberst.«

»Ich stehe zur Disposition, mein gnädiges Fräulein,« antwortete er mit einer sehr höflichen Verneigung, indem er eine Bewegung machte, mit ihr zur Seite zu treten.

»O bitte,« meinte sie, »wir können bleiben. Diese Herren dürfen anhören, was ich Ihnen zu sagen habe. Sie sind von Herrn Lieutenant Helmers gefordert worden?«

»Leider ja,« antwortete er verlegen werdend.

»Und haben erklärt, daß Sie ihn nicht für satisfactionsfähig halten?«

»Mein gnädiges Fräulein,« stotterte er, »ich muß Ihnen sagen, daß ich -«

»Schon gut!« unterbrach sie ihn im zornigen Tone. »Man hat ein Ehrengericht beauftragt, sich mit diesem Falle zu befassen, und dieses hat sich gegen den Herrn Lieutenant erklärt. Hier ist das Protokoll. Ich sage Ihnen, daß der Herr Lieutenant des Königs Uniform trägt; er ist in Ehrensachen Ihnen gleichstehend; als Ritter zahlreicher Orden steht er hinter keinem Cavalier zurück, und ich sage Ihnen, daß ich Sie für einen Feigling halte, wenn Sie die Forderung wirklich zurückweisen. Beleidigungen eines Ehrenmannes müssen ebenso gezüchtigt werden, wie freche Ueberfälle von Damen, die man zum Gegenstände einer rohen, ungezogenen Wette macht. Die Entscheidung Ihres Ehrenrathes zeigt nicht, daß die betreffenden Richter sich mit der Ehre viel beschäftigen. Das sagt Ihnen eine Dame, Herr Oberst. Ich würde hier vor allen Zeugen das Protokoll zerreißen und Ihnen vor die Füße werfen, wenn ich es nicht als Beleg zu einer persönlichen Bitte an den König brauchte. Erklären Sie nicht noch heut Abend dem Lieutenant Helmers, daß Sie sich ihm stellen wollen, so bin ich morgen beim Könige, um ihm zu sagen, welches Quantum von Muth die Obersten seiner Garde besitzen, und wie man mit einem Ehrenmanne umzugehen wagt, der sich die bedeutendsten Verdienste erworben hat und von der Majestät in öffentlicher Weise dafür ausgezeichnet wurde. Es thut mir leid, daß ich nicht ein Mann bin, Herr Oberst, und also meine gegenwärtigen Worte nicht mit einer Pistole oder dem Degen bekräftigen kann. Adieu!«

Sie rauschte in stolzer Haltung davon und ließ die Herren in einer unbeschreiblichen Stimmung stehen. Der Oberst war kreidebleich geworden.

»Mir das! Mir!« knirschte er. »Dieser Hund von Helmers hat ihr die Abschrift gegeben. Ich werde ihn niederschießen, wie einen tollen Hund!«

»Und mich,« meinte Ravenow finster, »meinte sie mit diesem »frech«, »roh« und »ungezogen«. O, ich bedaure ebenso, daß sie kein Mann ist; ich würde sie zu züchtigen wissen. Aber ihr Schützling soll es mir büßen!«

»Eine verdammte Hexe ist sie,« brummte der Adjutant wohlgefällig. »Ich lasse mich vom Teufel holen, wenn sie nicht wirklich im Stande ist, zum Könige zu gehen. Was werden Sie thun, Herr Oberst?«

»Was meinen Sie, Rittmeister? Sie sind Ehrenrath,« sagte der Oberst.


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»Ich meine, daß es jetzt ganz unmöglich ist, beim Entschlusse des Ehrengerichtes zu beharren. Es hat sich heute Abend gezeigt, daß Helmers doch der Mann ist, dem man Genugthuung nicht verweigern kann. Und der Angriff dieser Dame ist so exorbitant, daß er nur mit Blut beantwortet werden kann.«

»Das ist nun auch meine Meinung,« sagte der Oberst. »Nun ich mich überzeugt habe, daß ich meine Ehre nicht schädige, wenn ich mich mit Helmers auf die Mensur stelle, werde ich mich natürlich nicht länger weigern, ihm zu Diensten zu sein. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich mir alle Mühe geben werde, ihn zu tödten.«

»Das überlassen Sie mir, Herr Oberst!« meinte Ravenow. »Ich habe ihn auf türkische Säbel gefordert, er kann mir nicht entgehen. Wir schlagen uns, bis Einer von Beiden todt oder wenigstens dienstunfähig ist.«

»Wann und wo ist das Rendez-vous?« fragte der Oberst.

»Das ist noch unbestimmt,« antwortete Ravenow. »Ich erwarte Ihre Entscheidung, da es jedenfalls am besten ist, daß beide Angelegenheiten neben oder hinter einander ausgefochten werden. Meinen Sie nicht?«

»Ich stimme bei und werde sofort Platen sagen, daß ich die Forderung annehme. Welchen Ort würden Sie vorschlagen, Lieutenant?«

»Was sagen Sie zu dem Park hinter der Brauerei auf dem Blocksberge?«

»Ausgezeichnet passend. Und die Zeit?«

»Ich mag keine Minute verlieren, denn ich brenne vor Begierde, diesem Helmers den überspannten Schädel zu spalten. Ich stimme für sofort. Man wird hier nicht sehr spät nach Mitternacht auf brechen; eine Stunde genügt, um unsere persönlichen Angelegenheiten zu ordnen. Was sagen Sie zu vier Uhr früh?«

»Mir recht.«

»Schön. Aber ich habe eine dringende Bitte, Herr Oberst. Sie sind Familienvater, ich aber nicht, auch ist Ihre dienstliche Stellung eine ganz andere als die meinige, unsere Chancen stehen sich also nicht gleich. Mag die Angelegenheit ausfallen, wie sie will, so fallen die Folgen viel schwerer auf Sie, als auf mich. Ich ersuche Sie daher, mir die Vorhand zu lassen.«

In Berücksichtigung seines höheren Ranges hätte der Oberst auf diesen Vorschlag nicht eingehen sollen, aber er dachte an seine Familie, er dachte an die Strafen, welche das Duell nach sich zieht, er berechnete, daß er vielleicht gar nicht zum Kampfe kommen werde, da Ravenow, den man für unbesiegbar hielt, den Gegner tödten wollte, und so antwortete er:

»Sie sind ein braver Kerl, Lieutenant, ich will Ihnen Ihre Bitte nicht abschlagen. Rittmeister Palm, Sie müssen als Ehrenrath bei der Partie sein. Branden, wollen Sie mir secundiren?«

»Mit größtem Vergnügen, Herr Oberst,« antwortete der Gefragte.

»So gehen Sie sogleich zu Platen, dem Secundanten Helmers', und sagen Sie ihm, daß ich den Gegner morgen früh vier Uhr an dem angegebenen Orte erwarte. Ich werde Pistole mitbringen. Wir nehmen zwanzig Schritte feste Distance und schießen so lange, bis Einer von Beiden todt oder dienstunfähig ist. Für den Arzt werde ich sorgen, dessen Aufgabe es übrigens sein wird, bei einer Verwundung zu bestimmen, ob sie dienstuntauglich macht oder nicht.«


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»In welchen Intervallen wird geschossen?«

»Auf Kommando und zu gleicher Zeit.«

»Ihre Bedingungen sind ebenso streng wie die meinigen,« sagte Ravenow. »Helmers wird den Platz nicht verlassen. Was versteht dieser Kerl von türkischen Säbels. Ich haue ihm gleich beim ersten Hiebe den Kopf auseinander. Es ist reinezu unmöglich, daß er entkommen kann; sollte aber der Teufel doch sein Spiel haben, so fällt er dann von Ihrer Kugel, denn es ist bekannt, daß Sie, Herr Oberst, ein ausgezeichneter Pistolenschütze sind. Ich werde sogleich mit Golzen sprechen. Er ist mein Secundant und soll sofort zu Platen gehen, um ihm unsere Bedingungen mitzutheilen.«

Nach einiger Zeit kamen von Golzen und der Adjutant mit Platen zu Curt, welcher an der Seite Röschen's auf einem Divan saß.

»Herr Lieutenant, wir haben mit Ihnen zu sprechen,« meinte Platen.

»Kommen Sie in das Nebenzimmer,« sagte Curt. »Die Dame wird mich auf einige Augenblicke entschuldigen.«

»Nein, das thue ich nicht,« sagte Röschen energisch. »Ich vermuthe, daß sich Ihr Gespräch auf die Duellangelegenheit beziehen wird; ist es nicht so, meine Herren?«

Der Adjutant nickte und meinte mit einem Seitenblicke auf Curt:

»Sie haben richtig gerathen, mein Fräulein. Da Herr Helmers den so ganz und gar ungewöhnlichen Weg eingeschlagen hat, Ihnen, einer Dame, von diesem Ehrenhandel Mittheilung zu machen, so sehe ich keinen Grund ein, Ihnen den Zweck unseres Kommens zu verschweigen.«

»Es kann gegen meinen Freund keinerlei Vorwurf aus seiner Aufrichtigkeit gegen mich entspringen,« parirte Röschen den in des Adjutanten Worten gegen Helmers enthaltenen Hieb. »Ich bin in einer Weise in ihn gedrungen, daß es ihm unmöglich war, zu leugnen, wenn er mich nicht belügen sollte. Und einer Unwahrheit macht er sich niemals schuldig. Uebrigens habe ich das größte Recht, mich mit dieser Angelegenheit zu befassen, da eigentlich ich es bin, die von dem einen seiner Gegner beleidigt wurde. Ich erwarte daher, daß Sie auch jetzt sich nicht zurückziehen, sondern die Angelegenheit in meiner Gegenwart besprechen.«

Die Herren wechselten einen fragenden Blick unter einander, worauf Golzen das Wort nahm, um Curt zu fragen:

»Was sagt der Herr Lieutenant dazu?«

»O, mir ist Alles gleich,« antwortete dieser kalt. »Die Sache erscheint mir gar nicht wichtig und bedeutend genug, als daß ich mit ihr viel Wesens machen mag.«

Da antwortete der Adjutant in einer beinahe zornigen Aufwallung:

»Sie werden gleich bemerken, daß sie denn doch bedeutend genug ist, wenigstens für Sie. Sie werden zwei bewährten Männern gegenüberstehen und es wird sich um Leben und Tod handeln. In unseren Kreisen betrachtet man ein Duell nicht als eine Spielerei; wir sind keineswegs Realschüler oder pauksüchtige Commis-voyageurs! Sie können sich darauf verlassen, daß es keinem Ihrer Gegner beikommen wird, Sie im Mindesten zu schonen.«

»Ich weiß es,« sagte Curt sehr ruhig. »Es fällt mir auch gar nicht ein, um Nachsicht zu bitten.«


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»So darf die Dame unsere Vorschläge mit anhören?«

»Sie hat darum gebeten, und ich schlage ihr diese Bitte nicht ab.«

»Gut, so wollen wir uns kurz fassen.«

Er wollte beginnen, aber Platen unterbrach ihn mit einer Handbewegung und bemerkte mit fast bewegtem Tone:

»Lieber Freund, es handelt sich hier um sehr ernste, fast harte Bedingungen, welche nicht für das Ohr einer Dame sind. Ich habe mich bereits geweigert, auf dieselben einzugehen. Deshalb brachte ich die Herren zu Ihnen.«

»Pah, lieber Platen, ich gehe auf jede Bedingung ein, vorausgesetzt, daß sie von beiden Seiten respectirt wird. Reden Sie, Herr von Branden!«

Die beiden Secundanten theilten ihm nun ihre Aufträge mit. Als sie geendet hatten, sagte er mit einem sorglosen Lächeln:

»Ich sehe allerdings, daß es meine Gegner geradezu auf mein Leben abgesehen haben. Ich gestehe aufrichtig, daß ich sie schonen wollte. Es lag mir nur daran, ihnen eine möglichst genügende Züchtigung zu ertheilen. Ihre Bedingungen aber sind der Art, daß ich geradezu ein Selbstmörder wäre, wenn ich die Waffen in so nachsichtiger Weise gebrauchen wollte, wie es erst meine Absicht war. Der Lieutenant von Ravenow hat mir eine fremdländische Hiebwaffe vorgeschlagen, in welcher er erfahren ist, während er meint, daß ich sie nicht zu führen weiß. Meine Herren, ich habe mich in den türkischen Waffen bereits als Knabe geübt, ein Meister war mein Lehrer; ich habe Ravenow nicht zu fürchten. ich habe ihm die Wahl der Waffen überlassen, nicht um ihn zu beleidigen, sondern weil es mir gleichgiltig war, für welche er sich entschied, denn ich kenne sie alle. Ich nehme Ihre Bedingungen an, aber weil ich kein Raufbold bin, so erkläre ich mich bereit, mein Ohr dem Sühneversuch nicht zu verschließen, welchen der Rittmeister Palm als Ehrenrath unternehmen wird. Eine aufrichtige Abbitte oder Ehrenerklärung hat für mich, der ich Mensch bin, denselben Werth, als eine blutige Genugthuung.«

Die Offiziere hatten diese Worte ruhig mit angehört, nun aber erklärte der Adjutant mit einem zweideutigen Lächeln:

»Herr Lieutenant, von einer Abbitte wird nie die Rede sein, soweit ich die beiden Herren kenne. Und was Ihre Bereitwilligkeit betrifft, auf einen Sühneversuch einzugehen, so will ich meinem Auftraggeber lieber davon keine Mittheilung machen, da er jedenfalls annehmen würde, daß sie aus einem Mangel an Muth entspringe.«

»O bitte, sprechen Sie immerhin davon. Was er vor dem Kampfe von meinem Muthe denkt, ist mit gleichgiltig, nach der Entscheidung erst wird er mich genau taxiren können. Sie werden mich punkt vier Uhr am Platze finden.«

»Das also ist abgemacht,« sagte Röschen rasch. »Nun aber, Herr Lieutenant von Golzen, sagen Sie dem Herrn von Ravenow, daß auch ich erscheinen werde!«

»Ah!« erstaunten die Herren, und Curt sagte, schnell einfallend:

»Das geht nicht, liebes Röschen! Das würde ganz und gar gegen Gebrauch und Herkommen sein!«

»Rede mir nicht darein, Curt,« entgegnete sie. »Dieser freche Bube hat mich öffentlich überfallen, er hat öffentlich gelogen, aber hinter meinem Rücken; nun soll er gestraft werden nicht hinter meinem Rücken, sondern vor meinen Augen. Mag


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das herkömmlich sein oder nicht, ich will es so, denn es ist das Richtige. An dem Platze, auf welchem die Genugthuung gegeben wird, soll er mir gestehen, daß er ein Lügner ist und daß er aus meinem Wagen springen mußte, um den Händen eines Schutzmannes zu entgehen. Ich habe das zu verlangen, und ich verlange es!«

»Mein Fräulein, auf Ihre Gegenwart können wir nicht eingehen,« sagte Golzen kopfschüttelnd.

Da stand sie mit leuchtenden Augen auf, blickte ihm fest in das Gesicht und sagte:

»Herr von Golzen, man hat mich hier nur mit dem Namen Sternau genannt, doch in meinen Adern fließt das Blut der Herzoge von Olsunna und der Grafen von Rodriganda. Ich weiß, was ich meinen Ahnen schuldig bin. Ich bestehe fest darauf, dem Duelle beiwohnen zu können. Sprechen Sie mit Ihrem Bevollmächtigten. Habe ich bis zur Tafel noch nicht gehört, daß man mir den Willen thut, so gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich während des Essens laut erzählen werde, in welcher Weise ich dazu gekommen bin, mit einem Herrn von Ravenow spazieren fahren zu müssen. Die Gegner meines Freundes kennen keine Schonung, nun wohl, so mögen sie auch auf die meinige verzichten. Für jetzt sind Sie entlassen!«

Sie verabschiedete sie mit einer Bewegung der Hand und in einer so königlichen Haltung, daß sie sich entfernten, ohne ein Wort der Entgegnung zu wagen. Curt ließ den Blick mit großer Bewunderung auf ihr haften. War denn dies wirklich das stille, sanfte Wesen, dessen Kinderspielen er so oft beigewohnt hatte?

»Du hast viel verlangt, Röschen!« sagte er.

»Man wird es mir gewähren,« antwortete sie selbstbewußt. »Ravenow wird nicht an öffentlicher Tafel blamirt sein wollen.«

»Aber es wird ihm einen furchtbaren Kampf kosten, seine Einwilligung zu geben. Es ist nichts Kleines, vor den Secundanten zu gestehen, daß man gelogen hat. Ich wollte nach dem Rendez-vous reiten, da dies weniger auffällig ist, nun Du aber dabei bist, werde ich einen Wagen nehmen müssen; das wird man bemerken.«

»Man wird es nicht bemerken. Du beauftragst Deinen Secundanten, den Wagen zu besorgen und mit demselben an einem bestimmten Orte auf uns zu warten. So können wir unsere Wohnung verlassen, ohne daß es auffällt.«

Er widersprach ihr nicht weiter. Er wußte, daß er ihren Vorsatz, morgen bei ihm zu sein, nicht wankend machen konnte, und so ließ er sie gewähren.

Der Oberst stand mit Golzen, Ravenow und dem Adjutanten in einer Ecke, und ein aufmerksamer Beobachter konnte leicht sehen, daß sie eine höchst lebhafte Unterhaltung führten über einen Gegenstand, über den sie sich nur schwer einigen zu können schienen.

Da öffneten sich die Thüren des Speisesaales und es wurde verkündet, daß angerichtet sei. Der Großherzog ergriff den Arm der Herzogin von Olsunna, und hinter ihm bildeten sich die Paare zu einer langen Reihe, um sich nach dem Speisesaale zu begeben.

»Es ist hohe Zeit, kein Augenblick mehr zu verlieren,« sagte Golzen zu Ravenow. »Soll ich ihr die Einwilligung bringen, oder willst Du Dich blamiren lassen?«


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Im Gesichte des Gefragten kämpften Zorn und Verlegenheit, Wuth und Scham mit einander. Dann antwortete er mit sichtlicher Selbstüberwindung:

»Nun, meinetwegen, in drei Teufels Namen. So gehe hin und sage ihr, daß ihrem Erscheinen nichts im Wege stehe!«

Golzen ging und die Anderen wandten sich ab. Es war also wahr, was Curt im Casino behauptet hatte, daß Ravenow gelogen hatte. Mit der an Röschen gegebenen Erlaubniß hatte er eingestanden, daß sich das Unrecht auf seiner Seite befinde.

Das Souper war köstlich, fast königlich zu nennen und die Stimmung eine sehr animirte, Ravenow und den Obersten ausgenommen. Der Erstere fühlte sich tief erniedrigt dadurch, daß er, wenn auch nicht in Worten, so doch durch die That ein Eingeständniß seiner Schuld gegeben hatte, und dem Letzteren quollen selbst die feinsten Leckerbissen bei dem Gedanken im Munde, daß es doch noch nicht so ganz erwiesen sei, daß Ravenow seinen Gegner tödten werde. Die Bemerkungen, mit denen Curt auf die Bedingungen seines Gegners eingegangen war, schienen nicht darauf hinzuweisen, daß er sich fürchte. Wurde Helmers von Ravenow getödtet oder kampfunfähig gemacht, so konnte der Oberst ruhig nach Hause zurückkehren; er hatte nicht die geringsten Unannehmlichkeiten zu befürchten. Kam aber der Kampf auch an ihn, so war die Festung ihm gewiß, ganz abgesehen davon, daß er, ein Stabsoffizier, sich mit einem Lieutenant eingelassen hatte, und auch davon, daß er der Empfehlung des Kriegsministers nicht gehorsam gewesen war. Er als Oberst hatte darauf zu sehen, daß im Bereiche seines Regimentes alle Gesetzwidrigkeiten vermieden wurden, und nun gab er selbst das eclatanteste Beispiel eines Zweikampfes mit einem Offiziere, der ihn nicht beleidigt hatte und ihm sogar von der obersten Militärbehörde ganz dringend empfohlen worden war.

»Verfluchte Geschichte!« dachte er. »Ich warte auf Avancement, wäre vielleicht nach den nächsten Herbstmanövern zum General befördert worden, und nun reißt mich alten Kerl der adelige Hochmuth zu einer Dummheit fort, die mich um Alles bringt. Als Festungsgefangener avancirt man nicht!«

Nach der Tafel begann der Tanz. Röschen schwebte am Arme Curt's durch den Saal und dann mit Platen. Sie tanzte nur mit diesen Beiden und einigen der höheren Offiziere, denen die Etiquette gebot, den Damen, welche der Herzog eingeführt hatte, diesen Ehrendienst zu erweisen. Ein Anderer aber wagte nicht, sie um eine Tour zu ersuchen.

Kurz vor Mitternacht zog sich der Großherzog zurück; auch der Herzog von Olsunna fuhr mit den Seinen nach Hause, und die Excellenzen thaten dasselbe. Nun wußten sich die Anderen vom Zwange frei, und die Geselligkeit nahm an Frohsinn und Ungezwungenheit bedeutend zu.

Die Herren, welche beim Duell betheiligt waren, warteten das Ende des Vergnügens nicht ab, sondern begaben sich auch nach Hause, um sich vorzubereiten. Curt saß beim Lichte in seinem Zimmer und las in des General von Clausewitz berühmten Werken. Der Morgen brach an und begann das Licht seiner Lampe zu schwächen. Da klopfte es leise an seine Thür, und auf sein »Herein!« trat Röschen ein, vollständig zum Ausfahren gerüstet.


// 1246 //

»Guten Morgen, Curt!« grüßte sie, ihm die Hand bietend. »Hast Du geschlafen?«

»Nein,« antwortete er.

»Aus Angst!« lachte sie.

»O, Du weißt ganz gewiß, daß ich keine Angst habe!«

»Aber Dein Testament hast Du gemacht?« fragte sie scherzend.

Er machte ein sehr ernstes Gesicht, als er antwortete:

»Mein liebes Röschen, ein Duell ist selbst für den besten Fechter und den sichersten Schützen eine bedenkliche Sache. Ob man auch Meister in allen Waffen sein möge, man ist doch verwundbar. Und kommt man glücklich davon, so ist der Gedanke, einen Menschen verwundet oder gar getödtet zu haben, auf jeden Fall niederdrückend.«

»Du hast recht wie immer, lieber Curt. Aber ich bringe es wirklich zu keiner Besorgniß um Dich. Du bist der Schüler meines armen verschollenen Vaters; er war ein Held, und ich kann Dich mir auch nur als einen Helden denken. Und was Deine Gegner betrifft, so kommt es ja nur auf Dich an, alle Gewissensbisse zu vermeiden. Du hast gehört, daß sie Deinen Tod wollen.«

»Aber ich werde sie nicht tödten.«

»Ah! Wirklich nicht?«

»Nein.«

»Du bist großmüthig, und das liebe ich sehr. Aber ich ersuche Dich dringend, Deine Nachsicht nicht so weit zu treiben, daß Du Dich selbst in Gefahr bringst. Man hat davon gesprochen, daß Ravenow ein höchst seltener Fechter und der Oberst ein ausgezeichneter Schütze sei.«

»Trage keine Sorge! Ich fühle mich Beiden überlegen.«

»Und meine Schleife, lieber Curt? Sie soll Dein Talisman sein.«

»Ich trage sie bereits auf meinem Herzen,« lächelte er glücklich. »Hast Du Dir überlegt, ob Du sie zurückfordern wirst?«

»Das soll davon abhängen, ob ich mit Deinem Betragen gegen Deine Feinde zufrieden bin,« sagte sie. »Aber, es ist bereits halb vier Uhr.«

»Gerade zu dieser Zeit habe ich Platen bestellt.«

»Wohin?«

»An die nächste Ecke.«

»So laß uns leise gehen.«

Sie hatte ihren Morgenmantel am Arme hängen. Curt nahm ihn, um ihn ihr über die Schulter zu legen. Er wagte sogar, die Halsagraffe zu schließen. Bei dieser Gelegenheit standen sie Gesicht nahe an Gesicht vor einander.

»O, lieber Curt, wenn Dich aber dennoch eine Kugel träfe!« sagte sie leise.

Ihre Augen zeigten einen feuchten Schimmer. Er beruhigte sie und antwortete:

»Sorge nicht, Röschen. Ich kenne ein sicheres Mittel, die Kugel des Gegners unschädlich zu machen.«

»Welches ist es?«

»Man zielt genau auf die Mündung seines Pistoles und schießt genau in demselben Augenblicke wie er. Dann prallen die Kugeln an einander und fliegen zur Seite oder nach oben und unten.«


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»Aber immerhin ein gefährliches Mittel.«

»Ich habe es geübt. Komm, laß uns gehen. Du wirst mit mir zufrieden sein.«

Sie verließen das Zimmer und das Haus so leise, daß sie von keinem Bewohner des Letzteren gehört wurden. Am Ende der Straße wartete Platen in einer zweispännigen Kutsche auf sie. Sein Diener machte den Kutscher. Er begrüßte sie und sie stiegen ein. Als ihm Curt die Hand reichte, hielt er sie fest und legte den Finger auf den Puls. Curt ließ es lächelnd geschehen.

»Hm, das klopft so ruhig, als lägen Sie auf dem Sopha und hätten nichts zu erwarten, als eine angenehme Lectüre, mein bester Helmers,« sagte der Secundant.

»Ich zittere nie, mein lieber Platen,« antwortete Curt.

Aus einer Seitenstraße bogen jetzt hinter ihnen zwei andere Equipagen ein.

»Der Oberst und Ravenow,« sagte Platen, welcher auf dem Rücksitze saß und die Insassen der beiden Wagen also sehen konnte. »Sie sind so pünktlich wie wir, aber wir werden doch die Ehre haben, zuerst anzukommen. Heinrich, laß Dich von denen da hinten nicht ausstechen!«

Der Diener gab den Pferden die Peitsche als Zeichen, daß er seinen Herrn verstanden habe.

Bald darauf ging es zum Halle'schen Thore hinaus und nach dem Berge zu. Als man an die Brauerei kam, fehlten noch zehn Minuten an Vier. Der Park wurde erreicht; die Kutsche bog in einen Seitenweg ein und hielt endlich an einem freien Platze, welcher von Buschwerk und Bäumen umgeben war. Man stieg aus.

Bald kamen auch die anderen Wagen an. Man begrüßte sich durch ein ernstes, stummes Kopfnicken. Die Diener wurden als Wachtposten ausgestellt, um jede Störung fern zu halten, und der Arzt zog sein Besteck und die Bandagen hervor, um sofort bereit zu sein.

Curt nahm eine Pferdedecke und legte sie bei einer alten Fichte auf die Erde.

»Willst Du nicht hier Platz nehmen, Röschen?« fragte er. »Das Gras ist naß; hier stehst Du nun trocken und kannst den Platz genau übersehen.«

»Ich danke Dir,« antwortete sie, indem sie ihre Füßchen auf die Decke setzte und sich bequem an den Baum lehnte.

Platen und Golzen untersuchten den Platz und theilten Wind und Sonne ab. Sie hatten als Sekundanten die Pflicht, es zu thun. Dann trat Golzen an Ravenows Wagen und brachte die türkischen Säbel hervor.

»Geh, lieber Curt,« sagte Röschen leise; »Ravenow erwartet Dich bereits.«

»Wirst Du den Anblick des Blutes ertragen können?« fragte er besorgt.

»Ich vermuthe es, denn es wird ganz sicher nicht das Deinige sein.«

Ravenow stand bereits bei dem einen der Säbel, welche Golzen an die Erde gelegt hatte; Curt trat zum andern. Der Oberst und sein Adjutant schritten herbei, um in größerer Nähe Zeuge des Kampfes zu sein. Rittmeister Palm war bei ihnen. Als Ehrenrath hatte er die Verpflichtung, eine Aussöhnung der Parteien zu versuchen, er näherte sich ihnen und fragte:

»Erlauben die Herren, ein Wort zu ihnen zu sprechen?«

»Ich erlaube es,« antwortete Curt.


»Aber ich nicht,« rief Ravenow. »Ich bin tödtlich beleidigt worden und erkläre, daß ich nichts unterlassen werde, meinen Gegner zu tödten. Ein jeder Sühneversuch ist nutzlos. Man kennt meine Bedingungen, und ich weiche um kein Jota von denselben ab.«

»So habe ich nichts weiter zu sagen. Ich war bereit, den Herrn Rittmeister anzuhören; ich bitte, dies zu bemerken,« erklärte Curt.

»Wer sich bereitwillig erklärt, zurückzutreten, ist ein Feigling,« sagte Ravenow, indem er den Säbel vom Boden aufnahm. »Laßt es losgehen!«

Auch Curt nahm seine Waffe auf; er betrachtete sie genau.

»Aechte Damascener,« bemerkte Platen.

»Pah!« antwortete Curt ruhig. »Es ist Solinger Waare. Aechte Damascirung kennt man; ich habe andere Säbels zur Hand gehabt.«

Nun zogen auch die beiden Sekundanten ihre Degen und stellten sich ihren Bevollmächtigern zur Seite. Der Kampf konnte beginnen, sobald Rittmeister Palm das Zeichen gab. Da hörte man die Stimme Röschens:

»Warten Sie noch einen Augenblick, meine Herren! Ehe losgeschlagen wird, muß ich den Lieutenant Ravenow denn doch erst noch fragen, ob er noch immer behauptet, mich nach Hause begleitet zu haben.«

Da Aller Augen sich auf den Gefragten richteten, so sah er sich gezwungen, zu sprechen. Er sagte höhnisch:

»Ich werde meine Antwort geben, nämlich mit dem Säbel. Auf solche Fragen antwortet man nur mit Blut, und das wird das meines Gegners sein.«

Er riß seinen Rock herunter, warf ihn zur Erde und setzte hinzu:

»Herunter mit dem Kittel! Das ist das beste und sicherste Zeichen, daß Einer zum Teufel fahren wird!«

»Nun wohl,« sagte Curt ruhig, indem auch er seinen Rock auszog, »ich bin bereit zu der Unhöflichkeit, einer Dame die Aermel meines Hemdes zu zeigen. Aber da nur immer von meinem Blute gesprochen wird, erkläre ich hiermit, daß auch nicht ein einziger Tropfen desselben fließen soll. Ich bin nicht blutgierig; ich werde den Lieutenant Ravenow nicht tödten sondern ihn nur dienstunfähig machen, wie es ja seine eigenen Bedingungen verlangen. Ich werde ihm mit meinem dritten Hiebe die rechte Hand abhauen. Herr Doctor, machen Sie sich bereit, ihm den Armstummel zu verbinden!«

»Elende Gasconade!« knirschte Ravenow, braun vor Wuth im Gesichte. »Rittmeister, geben Sie endlich das Zeichen!«

Die beiden Gegner standen voreinander, Curt ruhig und ernst, der Andere aber mit fest zusammengekniffenen Lippen und bebenden Nasenflügeln. Es war ein ernster Augenblick. Da sagte der Rittmeister:

»Meine Herren, die Situation ist hier eine so furchtbare, daß ich es für meine Pflicht halte, zum zweiten Male den Versuch zu -«

»Still!« gebot Ravenow. »Jeder Sühneversuch ist eine Beleidigung für mich. Ich wäre gezwungen, den, welcher ihn macht, zu fordern.«

»Nun wohl, so habe ich meine Pflicht gethan; ich erkläre, daß ich unschuldig bin an dem, was geschehen wird!«

Mit diesen Worten trat der Ehrenrath zurück und erhob die Hand als Zeichen, daß der Kampf beginnen könne.


Ende der zweiundfünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk