Lieferung 54

Karl May

1. Dezember 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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»Du hast Sir Lindsay und seine Tochter kennen gelernt -«

»Allerdings,« fiel Platen ein. »Ein prächtiges Mädchen, wenn auch nicht mehr ganz jung, aber doch eine Schönheit ersten Ranges!«

»Nun, dieser Lindsay befand sich damals als Vertreter Englands in Mexico und war dem Haziendero bekannt. Zu ihm wollte dieser Letztere das Geschmeide bringen; da er aber vorher bei Juarez abstieg und mit diesem von der Sache redete, so bot sich der Oberrichter selbst an, die Sendung zu besorgen, da sie, als von ihm ausgehend, sicherer die Küste erreichte als sonst. Er forderte den Haziendero auf, einen Brief beizulegen; da diesem aber das Schreiben schwer fiel, so hat Miß Amy Lindsay den Brief geschrieben.«

»Ist er auch abgegangen?«

»Ja.«

»Mit dem Geschmeide?«

»Mit dem Geschmeide,« nickte Curt.

»Du bist dessen sicher?«

»Vollständig. Juarez hat die Sendung sogar versichert. Aber sie ist nie angekommen.«

»Donnerwetter! Warum ist nicht nachgeforscht worden?«

»Weil ich nichts von der Sache gewußt habe. Juarez hat geglaubt, daß Alles in Ordnung sei. Sir Lindsay wurde kurz darauf mit Miß Amy von einem mexicanischen Bandenführer aufgehoben und gefangen in die Berge geschleppt. Es ist ihm erst seit drei Vierteljahren gelungen, seine Freiheit wieder zu erlangen, und so habe ich erst gestern von der Sache erfahren, auf welche er ganz zufällig zu sprechen kam.«

»Sonderbar!«

»Aber noch sonderbarer, als Du vielleicht denkst. Der Haziendero wußte nämlich meinen Namen, aber nicht mehr meinen Wohnort. Er hatte sich nur gemerkt, daß ich bei Mainz auf einem Schlosse zu finden sei, welches einem Hauptmanne von Rodenstein gehöre. Daher sandte Juarez die Gegenstände an einen Mainzer Banquier mit dem Auftrage, mich ausfindig zu machen und mir die Gegenstände einzuhändigen.«

Platen fuhr empor.

»Himmel Bataillon! Jetzt scheint ein Zusammenhang hervortreten zu wollen!«

»Das meine ich auch. Die Sendung ist nicht nach Rheinswalden gelangt. Eine Meldung, daß sie verloren gegangen sei, ist von keiner Seite aus erfolgt. Dein Oheim ist Banquier in Mainz; Du trägst einen mexicanischen Ring, der ein Geschenk von ihm ist; er besitzt noch ähnliches Geschmeide - schließe weiter!«

Platen lehnte sich in das Kissen zurück. Er war bleich geworden, aber an seinen Schläfen traten die Adern blutig roth hervor. Es war ihm anzusehen, daß er mit seinen Empfindungen kämpfte. Endlich sagte er:

»Curt, Du bist ein entsetzlicher Mensch!«

»Ich erwarte Deine Verzeihung oder Deine Forderung.«

»Pah! Du sagtest selbst, daß wir Freunde sind. Wir wollen diese Angelegenheit mit offenem Auge und ganz objectiv betrachten. Allerdings gestehe ich Dir: Hätte ein Anderer so zu mir gesprochen, so hätte ich ihm mit der Hand in das


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Gesicht geschlagen. Du aber bist mein Freund, Du sprichst aufrichtig zu mir, obgleich Du mir Deinen Verdacht verschweigen konntest. Du zeigst mir damit Dein vollstes Vertrauen, daß ich Dir nicht hinderlich in den Weg treten werde, und Du sollst Dich nicht getäuscht haben, lieber Helmers. Es scheint allerdings eine Kühnheit, zu behaupten, daß mein Oheim Dich beraubt habe, doch ist er ja im Besitze ähnlicher Sachen, und - und -«

»Sprich weiter! «

»Es fällt mir schwer, auf Ehre! Aber zu Dir darf ich es sagen, daß ich den Oheim nicht für einen Banquier halte, der jeder Versuchung gewachsen ist. Ich habe gemerkt, daß er zuweilen Geschäfte macht, die ein Anderer, als sein Verwandter, vielleicht unsauber nennen würde.«

»Vielleicht ist er erst durch zweite oder dritte Hand in den Besitz dieser Sachen gekommen. Vielleicht gehe ich in meiner Vermuthung falsch, und das Geschmeide, welches er besitzt, ist gar kein mexicanisches.«

»Beide Fälle sind möglich. Es gilt, uns zu überzeugen!«

»Uns? Du betheiligst Dich also bei dieser Angelegenheit?«

»Natürlich. Du sollst zu Deinem Eigenthume kommen, und ich will wissen, ob mein Verwandter ein Schurke oder ein ehrlicher Mann ist. Das versteht sich ganz von selbst.«

»Nun wohl, ich danke Dir! Du wirst einsehen, daß es nicht meine Absicht war, Dich zu beleidigen. Ich wünsche dringend, die Gegenstände sehen zu dürfen; erst dann ist es mir möglich, ein Urtheil zu fällen.«

»Gut, Du sollst sie sehen.«

»Wie?«

»Wir fordern den Onkel auf, sie uns zu zeigen; das ist ebenso einfach wie offen.«

»Vielleicht ebenso unklug. ist er unschuldig, so beleidigen wir ihn tödtlich, ist er aber schuldig, so erreichen wir nichts.«

»Du magst recht haben. Was aber thun?«

»Ohne sein Wissen in das Gartenhaus gehen und die Sachen betrachten.«

»Teufel! Also wirklich einbrechen?« rief Platen.

»Allerdings. Einbrechen, aber nicht stehlen. Die Gegenstände bleiben auf jeden Fall liegen.«

»Hm! Das klingt wie ein Abenteuer, und solche Dinge liebe ich. Wir wollen sehen, was sich thun läßt. Dir gehört Dein Eigenthum, und im anderen Falle muß mir daran liegen, den Onkel von einem schlimmen Verdachte gereinigt zu sehen. Du wirst mit bei ihm absteigen; ich stelle Dich ihm vor.«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Hat er die Sendung wirklich erhalten, so kennt er auch den Adressaten, an den sie gerichtet war. Mein Name ist ihm bekannt; er hat sich nach mir erkundigt, und wenn ich nun zu ihm komme, so ahnt er vielleicht meine Absicht.«

»So stelle ich Dich unter einem anderen Namen vor.«

»Auch das geht nicht. Es ist möglich, daß er mich gesehen hat, mich also persönlich kennt; in diesem Falle bin ich sofort verrathen. Oder kennt er mich


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nicht, so ist es doch unausbleiblich, daß er später meinen wahren Namen erfährt, und im Falle er unschuldig ist, müßte dies mir verteufelt unangenehm sein.«

»Auch hierin muß ich Dir recht geben. Du entwickelst hier überhaupt einen Scharfsinn und eine Umsicht, welche einem erfahrenen Polizisten Ehre machen würde. Nur hole der Teufel den Umstand, daß dieser Scharfsinn gerade gegen einen Onkel von mir gerichtet sein muß! Aber was sollen wir thun, lieber Helmers?«

»Du stellst mich gar nicht vor, sondern recognoscirst sehr einfach das Terrain. Rheinswalden liegt ja nahe bei Mainz, so wird es Dir leicht sein, mich zu benachrichtigen, wann es paßt, unbemerkt in das Gartenhaus einzudringen.«

»So soll ich verschweigen, daß ich Dich kenne?«

»Das versteht sich. Er darf nicht einmal wissen, daß Du nach Rheinswalden kommst.«

»Gut, ich werde Dir dienen, so weit es mir möglich ist. Aber was wirst Du thun, falls der Onkel wirklich -«

Er stockte. Es fiel dem braven Offizier schwer, das Wort auszusprechen. Curt antwortete:

»Trage keine Sorge, lieber Platen. Ich werde mich nach den Umständen richten müssen; aber Du kannst auf alle Fälle versichert sein, daß ich die äußerste Rücksicht auf Dich nehmen werde.«

»Ich ersuche Dich recht herzlich darum, obgleich es schwer ist, ein Vermögen zu missen, welches Einem den Eintritt in das Leben so sehr erleichtern kann.«

»Ich habe es nicht gemißt; ich hatte reiche und hohe Gönner genug, welche mehr für mich thaten, als ich durch ein Vermögen erreichen konnte. Ich bin auch jetzt noch keineswegs auf Reichthum und Genuß versessen, doch versteht es sich ganz von selbst, daß ich auf das Erbtheil, welches mir gehört, nicht verzichte, nur um es in unrechten Händen zu wissen.«

Platen antwortete nicht. Er lehnte sich zurück, um das soeben Gehörte im Stillen, in seinem Inneren zu verarbeiten, und es war auch während der ganzen Reise keine Rede mehr von dieser Angelegenheit, die doch nur eine unerquickliche war.

Sie erreichten Mainz. Auf dem Bahnhofe trennten sie sich. Platen nahm eine Droschke, um zu dem Banquier zu fahren, und Curt wurde von Ludwig erwartet, welcher zu Pferde war und ihn mit dem Fuchse des Hauptmannes erwartete. Ludwig war nämlich bereits gestern Abend von Berlin abgereist, um Curt's Ankunft zu melden.

Beide schlugen den Weg nach Rheinswalden ein. Dort angekommen, stieg Curt zunächst bei seiner Mutter ab, welche den geliebten Sohn, auf den sie so stolz sein konnte, herzlich umarmte; sodann eilte er zum Oberförster.

Dieser erwartete ihn und empfing ihn auf der Freitreppe.

»Willkommen, Herr Oberlieutenant!« rief er ihm entgegen. Er faßte ihn bei den Händen, umarmte und küßte ihn, hielt ihn dann wieder von sich ab, um ihn besser betrachten zu können, und fuhr dann mit stolzem Schmunzeln fort: »Alle Wetter, ist das in diesen paar Tagen ein Kerl geworden! Oberlieutenant, Sieger in einem Doppelduell und Hahn im Korbe beim alten Moltke, nämlich im Generalstabe! Junge, ich küsse Dich noch einmal!«


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Und abermals drückte er seinen Schnurrbart auf die frischen Lippen des Lieutenants.

»So hat Ludwig trotz meines Verbotes geplaudert?« fragte dieser.

»Natürlich! Der Teufel mag den Mund halten, wenn das Herz überläuft. Ich hätte diesen Ludwig kuranzen wollen, wenn er mir diese frohe Botschaften verschwiegen hätte. Na komm herein! Heute soll's hoch hergehen auf Schloß Rheinswalden!«

»Verzeihung, Herr Hauptmann, meine Mutter -

»Papperlapapp! Die wird geholt; die gehört mit zur Sippschaft. Ich werde doch meinen Pathen, den Herrn Oberlieutenant der Gardehusaren, Curt Helmers bei mir haben dürfen! Heute ist ein Freudentag, und der muß gefeiert werden!«

Und er wurde gefeiert.

Am anderen Nachmittage stellte sich Platen ein, welchen Curt zum Hauptmanne führte, der den Freund seines Lieblings mit seiner gewöhnlichen derben Freundlichkeit empfing. Man setzte sich zur vollen Flasche, und erst als der Oberförster sich in einer dienstlichen Angelegenheit entfernen mußte, fanden die beiden Offiziere Zeit, über ihre Angelegenheit zu sprechen.

»Hast Du recognoscirt?« fragte Curt.

»Es giebt nichts zu recognosciren,« antwortete Platen. »Es ist uns Alles leichter gemacht, als ich dachte. Der Oheim ist nämlich geschäftlich abwesend. Er mußte heute Morgen nach Cöln und wird erst nach Mitternacht zurückkehren. So steht uns also der ganze Abend zur Verfügung, der Sache nachzuforschen.«

»Ich reite mit.«

»Du gehst mit zu mir. Es kann nicht auffallen, daß ein Offizier, ein Kamerad mich besucht. Dann gehen wir in den Garten.«

»Nein. Ich mag mich im Hause nicht sehen lassen. Wir reiten mit einander. Du zeigst mir den Garten und dann bestimmen wir die Zeit, in welcher wir uns treffen.«

»Gut, das mag vorsichtiger und sicherer sein. Aber wie kommen wir in das Gartenhaus? Es ist stets verschlossen.«

»In welcher Weise?«

»Es liegt ein starkes Quereisen schräg über die Thür, an welchem sich ein großes Hängeschloß befindet, und außerdem ist diese Thür noch mit einem gewöhnlichen Schlosse versehen. Das Häuschen besitzt drei Räume, welche alle auch verschlossen sind. Woher Schlüssel nehmen? Ich weiß nicht, wo der Oheim die seinigen aufbewahrt.«

»Da ist sehr leicht geholfen. Wir haben hier im Dorfe einen ganz tüchtigen Schlosser, der alle Arten Dietriche besitzt; er wird sie mir gern borgen. Bei mir weiß er ja ganz sicher, daß es sich nicht um ein Verbrechen handelt.«

»Das wohl. Aber weißt Du denn auch mit diesem Handwerkszeuge umzugehen?«

»Hm! Man muß sehr geräuschlos verfahren und ich habe natürlich keine Uebung; ich würde viel kostbare Zeit verlieren. Wenn man den Mann mitnehmen könnte! Das dürfte das Beste und Klügste sein.«

»Ist er sicher und verschwiegen?«


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»Ich stehe für ihn.«

»Gut, so nehmen wir ihn mit.«

»Ich werde zu ihm gehen, während Du den Hauptmann unterhältst, denn dieser darf einstweilen noch nichts erfahren.«

Dies geschah. Der Schlosser ging auf Curt's Vorschlag sofort ein. Er wurde bedeutet, sogleich aufzubrechen und in einem bestimmten Gasthofe in Mainz zu warten. Der Oberförster hielt es, als Platen später aufbrach, für ganz in der Ordnung, daß Curt ihn begleitete. Beide erreichten Mainz, als der Abend herein zu brechen begann.

Sie ritten durch einige Straßen, bogen in ein Seitengäßchen ein und gelangten an eine nicht zu hohe Gartenmauer, in welcher sich ein verschlossenes Pförtchen befand.

»Ueber diese Mauer müßt Ihr steigen, wenn Ihr es nicht vorzieht, die Pforte zu öffnen,« sagte Platen.

»Das Letztere ist zu auffällig; wir werden übersteigen,« antwortete Curt.

Nun trennten sie sich. Platen ritt nach seiner Wohnung, Curt aber nach dem Gasthofe, in welchem der Schlosser auf ihn wartete. Er fand ihn leicht, und Beide verließen ihn erst zu der Zeit, welche Curt mit dem Freunde vereinbart hatte.

Es war ein sehr dunkler Abend, und sie gelangten unbeobachtet an die Mauer. Es gelang ihnen sehr leicht, diese zu übersteigen. Jenseits derselben trafen sie auf Platen.

»Kommt!« sagte dieser leise.

»Sind wir sicher?« fragte Curt.

»Vollständig. Es kommt Niemand mehr in den Garten, und von mir denkt man, daß ich ausgegangen bin.«

Er führte sie durch einige gewundene Gänge bis zu einigen hohen Bäumen, welche ihre Wipfel auf das Dach des Gartenhauses neigten, welches sie suchten.

»Hier ist das Häuschen,« sagte Platen.

Curt betrachtete es, so weit dies bei der herrschenden Dunkelheit möglich war. Es war sehr massiv gebaut und mit starken Fensterläden versehen. Auch die Thüre bestand aus starker Eiche, und die Eisenstange davor war wohl über einen Zoll dick.

»Also hier soll ich öffnen?« fragte der Schlosser.

»Ja,« lautete die leise Antwort.

Er befühlte das Schloß sorgfältig, drehte es hin und her und meinte dann:

»Das wird rasch gehen; ich merke bereits, daß ich einen passenden Schlüssel habe.«

Er hatte eine Ledertasche umhängen, in welcher sich die Dietriche befanden. Er griff hinein. Man hörte ein leises Klingen, dann ein ebenso leises Knirschen und Drehen, und dann sagte der Mann:

»Das Schloß ist los. Nun zur Hausthür!«

Er brauchte kaum zwei Minuten, um diese zu öffnen. Sie traten ein und schlossen hinter sich wieder zu. Jetzt zog Platen ein Licht hervor, welches angebrannt wurde. Man befand sich in einem kleinen Raume, welcher mit Gartenmeubles ausgestattet war. Eine zweite Thür, welche auch leicht geöffnet wurde, führte in ein Zimmer, welches eingerichtet war, um hier, in der Luft des Gartens, ein Frühstück oder anderes Mahl einzunehmen. Jetzt wurde die dritte Thür auf-


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geschlossen, welche in das letzte Gemach führte. Es enthielt die Ausstattung eines einfachen Arbeitszimmers, Schreibtisch, Tisch, ein Sopha, einige Stühle, sogar einen Ofen, Waschtisch, eine Uhr, nämlich die erwähnte Schwarzwälder, und einen Spiegel. Der ganze Raum ließ vermuthen, daß er sehr oft in Gebrauch genommen werde.

»Dort ist die Uhr,« sagte Platen, auf die Schwarzwälder deutend.

»Nehmen wir sie herab,« bat Curt.

Sie wurde von der Wand genommen, und nun erblickte man ein kleines schwarzeisernes Thürchen, an dessen beiden freien Ecken man ein Schlüsselloch bemerkte.

»Ah, zwei Schlösser!« meinte der Schlosser. »Wollen sehen, ob wir sie öffnen können!«

Es gelang. Und nun sah man eine tiefe Oeffnung, in welcher ein Kästchen stand. Curt nahm es heraus und bemerkte, daß hinter demselben noch mehrere Papiere lagen.

Das Kästchen war verschlossen und hatte ein Gewicht, welches auf einen metallnen Inhalt schließen ließ. Der Schlosser versuchte mehrere Schlüssel, ehe er den passenden fand; als dann aber der Deckel zurückgeschlagen wurde, trat der einfache Handwerksmann zurück und rief:

»Herrgott, so eine Pracht und Herrlichkeit habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen!«

Er hatte recht, denn im Scheine des Lichtes, welches Platen hielt, erfunkelten hunderte von Diamanten und edlen Steinen in tausenden von Facetten. Das Kästchen schien von sprühenden Funken erfüllt zu sein, die in allen möglichen Farben schillerten und brillirten.

Curt griff hinein und zog die einzelnen Gegenstände heraus, um sie auf den Tisch zu legen. Fast ergriff ihn jenes Fieber, von welchem Büffelstirn geredet hatte, ehe er mit Donnerpfeil die Höhle des Königsschatzes betrat.

»Das ist ein Werth von vielen Millionen!« sagte er mit hörbar bebender Stimme. »Wenn das Alles wirklich mir gehörte!«

»So einen Reichthum hatte ich allerdings nicht erwartet!« gestand Platen, die vor ihm liegende Pracht mit den Augen verschlingend. »Man kann es begreifen, daß ein sonst ehrlicher Mann hier zum Verbrecher werden mag. Ist dies mexikanische Arbeit?«

»Ganz sicher und gewiß!« antwortete Curt. »Da, blicke her!«

Sie betrachteten die einzelnen Gegenstände näher und kamen allerdings zu der Ueberzeugung, daß Curt recht hatte. Platen holte schwer und tief Athem und sagte:

»Lieber Helmers, jetzt endlich bin ich überzeugt, daß Dein Verdacht der richtige war. Mein Oheim konnte wohl einen Ring, ein einzelnes Armband erwerben, aber diesen Schatz hier konnte er unmöglich bezahlen. Er ist ein - ein - Dieb!«

»Noch dürfen wir ihn nicht verurtheilen,« entgegnete Curt, »denn wir können jetzt noch nicht sagen, wie er zu den Kostbarkeiten kam. Ah, was ist das?«

Während er beschäftigt war, das Kästchen bis auf den Boden zu leeren, erblickte er tief unten etwas Weißes. Es waren zwei Briefe, welche er hervorbrachte. Er öffnete den Einen und blickte nach der Unterschrift.

»Benito Juarez!« rief er. »Es ist der Brief des Oberrichters!«


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»So ist keine Täuschung mehr möglich,« sagte Platen. »Bitte, lies den Brief vor!«

»Verstehst Du spanisch?«

»Nein.«

»So werde ich Dir die Zeilen übersetzen; sie sind spanisch geschrieben.«

Er trat nahe an das Licht heran und las folgenden Inhalt vor:

      »Herrn Banquier Wallner, Firma Voigt und Wallner in Mainz.
Ich übersende Ihnen das beifolgende Kästchen, enthaltend Juwelen und sonstige Schmuckgegenstände nebst einem genauen Verzeichnisse seines Inhaltes. Dieser Inhalt gehört einem Knaben, dessen Vater Seemann ist und Helmers heißt. Der Knabe wohnt in der Nähe von Mainz auf einem Schlosse, welches einem Hauptmanne von Rodenstein gehört. Vater und Oheim dieses Knaben sind leider hier in Mexico verschollen; darum ist er Erbe der Kostbarkeiten. Sie wollen die Güte haben, ihm dieselben nebst dem noch beifolgenden Briefe zu übergeben, wenn Sie ihn ausfindig gemacht haben. Sollte Ihnen dies nicht gelingen, so ersuche ich Sie, mich davon sofort zu benachrichtigen und Kästchen sammt Inhalt bei Ihrer Regierungsbehörde zu deponiren.
   Der inliegende Brief ist an eine Frau Sternau, geborene Gräfin Rosa de Rodriganda adressirt, welche auf demselben Schlosse wohnt. Ihre Auslagen werden Sie vom Empfänger vergütet erhalten, und bemerke ich zum Schlusse noch, daß ich eine Abschrift des Inhaltsverzeichnisses besitze und den Werth der Gegenstände in Versicherung gegeben habe.
      Benito Juarez, Oberrichter, Mexico.«

»Es ist kein Zweifel mehr, der Oheim ist ein Dieb!« sagte Platen, dessen Gesicht die Blässe einer Leiche zeigte. »Nach diesen Angaben mußte er Dich finden. Er hat das Kästchen der Behörde nicht abgegeben. Er ist ein Dieb! Lies den zweiten Brief.«

Curt öffnete denselben und durchflog ihn.

»Er ist von Miß Amy Lindsay an Frau Sternau,« sagte er dann. »Sein Inhalt ist privater Natur; er kann Dich nicht interessiren.«

»Es ist gut; ich weiß genug! Diese Sachen gehören Dir. Was wirst Du thun?«

»Ich werde sie wieder an ihren Ort stellen und bis morgen überlegen, was ich beginnen werde,« sagte Curt ruhig. »Dein Oheim soll geschont werden, und möglicher Weise will ich die Sache in der Weise arrangiren, daß er nicht ahnt, daß ich durch Dich aufmerksam geworden bin. Aber noch fehlt das Inhaltsverzeichniß. Da im Loche liegen noch Papiere. Erlaubst Du mir, sie durchzusehen?«

»Thue, was Du willst. Ich bin ermattet; ich bin zerschmettert: ich mag nichts lesen und nichts sehen.«

Er gab das Licht dem Schlosser, um zu leuchten, und warf sich auf das Sopha nieder. Curt griff in das Loch und zog die Papiere hervor. Sie waren in ein Paquet zusammengebunden; er löste die Schnur und öffnete das erste Schreiben. Kaum hatte er einen Blick auf den Inhalt desselben geworfen, so drehte er sich ab, damit der Ausdruck seines Gesichtes nicht von Platen bemerkt werden könne. Es waren zwölf einzelne Documente; er las sie alle durch, legte dann die Schnur wieder um sie und sagte:


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»Das ist Gleichgiltiges. Das Verzeichniß fehlt.«

Er warf noch einen Blick in das Loch und bemerkte ein Papier, welches durch das Kästchen ganz nach hinten geschoben worden war. Als er es öffnete, sah er, daß es das Gesuchte war. Jetzt verglich er die Gegenstände mit dem Verzeichnisse und bemerkte, daß nichts fehlte, als nur der Ring, welchen Platen trug.

»Ich mag ihn nicht haben,« sagte dieser; »ich mag gestohlenes Gut nicht tragen; es brennt mir am Finger. Hier hast Du ihn!«

»Behalte ihn!« bat Curt. »Ich schenke ihn Dir.«

»Nachdem ich ihn unrechtmäßiger Weise getragen habe? Nein, ich danke Dir! Hier ist er.«

Er zog ihn ab und gab ihn Curt. Dieser jedoch wies ihn zurück und erklärte:

»Wenn Du ihn nicht annehmen willst, so behalte ihn wenigstens für einstweilen noch. Dein Onkel darf nicht wissen, daß Du von der Sache weißt.«

»Nun gut; ich will Dir den Willen thun,« meinte der Offizier, indem er den Ring wieder ansteckte; »aber ich ersuche Dich dringend, ihn mir möglichst bald wieder abzunehmen. Willst Du Dein Eigenthum wirklich hier zurücklassen?«

»Einstweilen, ja. Morgen wird sich das Weitere finden.«

Es wurde Alles genau in seine vorherige Ordnung und Lage gebracht; dann verschloß der Schlosser das Thürchen und hing die Uhr wieder davor. Die beiden Offiziere verließen das Gartenhaus, dessen Thüren sorgfältig verschlossen wurden. Draußen sagte Platen:

»Verzeihe mir, Curt; ich kann ja nichts dafür!«

»Pah, gräme Dich nicht!« lautete die Antwort. »Ich hoffe, daß sich Alles glücklich lösen lassen wird.«

»Thue, was Du für das Richtige hältst; jetzt aber verabschiede mich. Ich muß allein sein. Ihr findet den Weg aus dem Garten auch ohne mich.«

Er reichte dem Freunde die Hand und entfernte sich leise. Curt schlich sich mit dem Schlosser nach der Mauer zu. Dort angekommen, horchten Beide, ob jenseits Alles sicher sei. Da vernahmen sie Schritte, welche sich näherten. Man konnte ganz deutlich hören, daß zwei Personen sich Mühe gaben, so unhörbar wie möglich das Pförtchen zu erreichen.

»Halt, man kommt!« flüsterte Curt. »Warten wir!«

Es wurde ein Schlüssel in die Pforte gesteckt. Sie öffnete sich, und zwei Männer traten ein. Während der Eine den Eingang wieder verschloß, fragte der Andere mit halblauter Stimme, die Curt bekannt vorzukommen schien:

»Es wird doch Niemand im Garten sein?«

»Kein Mensch,« antwortete der Zweite.

»Man wird uns nicht belauschen?«

»Ganz sicher nicht. Man glaubt, daß ich bis Mitternacht in Köln bin. In meinem Gartenhause sucht man mich nicht. Kommen Sie!«

Derjenige, welcher jetzt sprach, war auf jeden Fall der Banquier. Wer aber war der Andere? Sie schritten miteinander dem Gartenhäuschen zu, in dessen Inneren sie verschwanden, nachdem man das leise Klirren der Eisenstange und der Schlösser vernommen hatte.


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»Kehren Sie einstweilen nach dem Gasthofe zurück; ich komme nach!« flüsterte Curt dem Schlosser zu.

Dieser stieg behutsam über die Mauer; Curt aber schlich sich unhörbar nach dem Häuschen hin, um womöglich das Gespräch der Beiden zu belauschen. Es handelte sich hier auf jeden Fall um eine Heimlichkeit, um ein Unternehmen, welches das Licht zu scheuen hatte, und es konnte von großem Vortheile sein, etwas davon zu vernehmen.

Die Läden der Fenster schlossen so gut, daß nicht der feinste Lichtstrahl hindurchdringen konnte, und obgleich Curt sein Ohr hart hinan hielt, vernahm er doch nichts als ein leises Geflüster, welches fast gegen eine Stunde währte, von welchem er aber doch nicht ein einziges Wort verstehen konnte. Die beiden Männer befanden sich in dem hinteren Zimmer, in welchem die Schwarzwälder Uhr hing. Endlich hörte der Lauscher das Rücken von Stühlen, und da er aus demselben schloß, daß die geheimnißvollen Personen jetzt aufbrechen würden, so eilte er an die Mauer zurück, um vielleicht doch noch etwas zu vernehmen, denn es ist nicht selten, daß man beim Abschied den Inhalt eines Gespräches ganz unwillkürlich noch einmal kurz recapitulirt.

Hart an dem Pförtchen stand ein dichter Hollunderbusch. Curt kroch unter die Zweige desselben und legte sich zur Erde nieder. Kaum war dies geschehen, so kamen die Beiden langsam herbei. An der Pforte blieben sie stehen, so daß Curt sie hätte mit der Hand erlangen können. Er konnte jedes ihrer Worte verstehen.

»Also die Papiere liegen wirklich sicher bei Ihnen?« fragte der Fremde.

»Ja, keine Sorge!« antwortete der Banquier. »Es giebt in meinem Gartenhäuschen ein Versteck, welches kein Mensch finden wird; dort sind sie schon aufgehoben, bis der Bote kommt und sie abholt.«

»Also sagen Sie ihm, daß er nach Berlin eilen solle. Ich weiß bestimmt, daß dort heut' ein Emissär Rußlands eingetroffen ist, welcher unter dem falschen Namen Helbitoff ihn dort erwarten wird. Mir war es unmöglich, länger dort zu bleiben. Ich mußte fliehen und habe seit gestern bemerkt, daß man mich scharf verfolgt. In welchem Gasthause Helbitoff logiren wird, weiß ich nicht; die Fremdenliste wird es sagen; er hat einen Paß als Pelzhändler und trägt die Papiere im Futter seines Hutes bei sich. Was Sie mir zu sagen haben, schreiben Sie mir unter der Adresse des Grafen Rodriganda nach Spanien; ich werde längere Zeit bei ihm sein.«

»Ich werde es thun, denn ich halte es mit unserer alten Regierung und mag von Preußen nichts wissen. Aber wird man Wort halten?«

»Wird Preußen gestürzt, so erhebt sich ein neues Königreich Westphalen, dessen Finanzminister Sie werden. Man dürstet in Frankreich nach Rache für Sadowa. Napoleon suchte Oesterreich an sich zu ketten, indem er einen seiner Erzherzöge zum Kaiser von Mexico machte. Und selbst wenn dies verunglückte, würde sich ein Grund finden lassen, mit dem übermüthigen Preußen anzubinden. Vielleicht geben die spanischen Wirren einen Vorwand. Rußland wird so lange bearbeitet, bis es in ein Bündniß mit Frankreich gegen Preußen willigt. Vielleicht enthalten die geheimen Depeschen, welche dieser Helbitoff bei sich führt, bereits die Zustimmung dazu. Ich hatte den Auftrag, die Stimmung der Mittelstaaten zu sondiren; da


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jedoch die Polizei auf meinen Fersen ist, muß ich mich schleunigst über die Grenze retten. Jetzt wissen Sie Alles. Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Mit diesen Worten schloß der Banquier das Pförtchen auf und ließ den Andern hinaus. Dieser war kein Anderer, als der Seeräuber Landola, der falsche Kapitän Parkert. Welch' ein Zusammentreffen! Sollte Curt aufspringen und ihn festnehmen? Das Terrain war nicht zu einem Kampfe geeignet. Landola befand sich bereits außerhalb der Mauer, und wenn es auch gelang, hinauszuspringen und ihn zu überwältigen, so behielt der Banquier, durch den Kampf gewarnt, vollständig Zeit, die Papiere, von denen die Rede gewesen war, entweder zu vernichten, oder in ein anderes Versteck zu bringen. Aus diesen Gründen war es rathsam, ihn einstweilen laufen zu lassen.

Der Banquier verschloß die Pforte wieder und begab sich nach dem Gartenhäuschen zurück. Dort blieb er längere Zeit, und Curt nahm an, daß er die betreffenden Papiere hinter die Uhr verstecken werde.

Endlich, es war bis gegen Mitternacht, trat Wallner aus dem Häuschen, verschloß es, und verließ den Garten durch das Pförtchen. Jedenfalls wollte er nun so thun, als ob er vom Bahnhofe komme. Curt sprang über die Mauer und folgte ihm vorsichtig. Der Banquier ging durch einige Gassen und blieb dann vor einem Gasthofe dritten Ranges stehen, dessen Fenster er sorgfältig musterte.

Sollte hier Landola logirt haben? So fragte sich Curt. Warum hatte Wallner sonst die Fenster beobachtet! Uebrigens war es gar nicht nöthig, diesem Letzteren länger zu folgen. Darum ließ Curt ihn sich entfernen und trat dann in das Gastzimmer, wo noch Gäste vorhanden waren. Er ließ sich ein Glas Bier geben und fragte die Wirthin, welche den Trank brachte:

»Haben Sie heute viele Gäste, Madame?«

»Nein, nur zwei Frauen.«

»Keinen Herren?«

»Bis vor einer Viertelstunde hatten wir einen; er entschloß sich aber ganz unerwartet, abzureisen.«

»Mit der Bahn?«

»Nein. Wir mußten ihm den Lohnkutscher Feller versorgen.«

»Wohin?«

»Nach Kreuznach.«

Er ließ sich diesen Gast beschreiben und gelangte zu der Ueberzeugung, daß es allerdings Landola gewesen sei. Er bezahlte, trank sein Bier aus und begab sich sofort auf die Polizei, wo man ihn nach dem Grunde seines Besuches fragte.

»Ich bin Oberlieutenant Helmers aus Rheinswalden,« sagte er. »Sie wissen, daß von Berlin aus ein Mensch verfolgt wird, welcher dort unter dem Namen eines amerikanischen Kapitäns Parkert wohnte?«

»Allerdings. Wir erhielten den Steckbrief gestern,« antwortete der Beamte.

»Er war heut' hier.«

»Ah, nicht möglich!« klang es erstaunt.

Curt nannte den betreffenden Gasthof, erzählte, was er dort erfahren hatte, und beantragte eine sofortige Verfolgung des Flüchtlings. Der Beamte versprach,


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sein Möglichstes zu thun, und machte sich sogleich selbst auf den Weg nach dem Gasthofe. So hatte Curt seiner nächsten Pflicht Genüge geleistet und konnte nun auch die zweite erfüllen. Er begab sich nach dem Telegraphenamte. Der Telegraphist wurde geweckt und erstaunte nicht wenig, als er folgenden Wortlaut von Curt's Depesche las:

      »Herrn von Bismark, Berlin.
Russischen Pelzhändler Helbitoff in irgend einem Gasthofe sofort arretiren. Geheimer Emissär. Papiere im Futter seines Hutes.
      Curt Helmers.«

»Und dieses Telegramm soll ich wirklich abschicken?« fragte der Fernschreiber erstaunt.

»Allerdings. Ich gebe es ja zu diesem Zwecke auf.«

»Aber, Herr, wer sind Sie, daß Sie einen so hohen Herrn des Nachts -«

»Das geht Sie nichts an,« unterbrach ihn Curt. »Ich mache Sie überhaupt auf die Pflicht der dienstlichen Verschwiegenheit aufmerksam. Sie wissen, welche Verantwortung auf Ihnen liegt!«

Er bezahlte sein Telegramm und ging. Nun jetzt erst konnte er seinen Gasthof aufsuchen, um nach Hause zu reiten, während der Schlosser, reich belohnt und zur Verschwiegenheit ermahnt, seinen Weg zu Fuße zurücklegte. -

Am anderen Vormittage befand Lieutenant Platen sich im Comptoir bei seinem Oheime. Sie sprachen über die Erbschaftsangelegenheit, welche den Ersteren von Berlin herbeigeführt hatte, und der Banquier bemerkte dabei, daß sein Neffe heut' ein ganz Anderer als gewöhnlich sei. Da trat der Comptoirdiener herein und meldete:

»Herr Wallner, ein Offizier wünscht Sie zu sprechen. Hier ist seine Karte.«

»Jedenfalls wieder ein Darlehn,« meinte der Banquier zu Platen. »Diese Herren brauchen stets mehr, als sie einnehmen.«

»Gilt das auch mir?« fragte der Lieutenant.

»Glücklicher Weise nicht. Du bist allerdings auch so gut fundirt, daß Du keines Vorschusses bedarfst. Hier handelt es sich jedenfalls um einen sehr adeligen, sehr vornehmen und auch ebenso sehr derangirten Herrn, der - - -«

Er hielt mitten in der Rede inne. Er hatte die Karte aus der Hand des Dieners genommen und einen Blick auf dieselbe geworfen. Sein Gesicht nahm für einen Augenblick lang den Ausdruck des Nachsinnens an, dann jedoch flog ein rasches Roth über seine bleichen Züge. Er schien sich fassen zu müssen und sagte dann mit unsicherer Stimme:

»Ah, da irre ich mich! Ein Bürgerlicher! Curt Helmers, Lieutenant! Kennst Du vielleicht diesen Herrn?«

Platen war überrascht. Also so schnell hatte Curt seinen Entschluß gefaßt? Der Lieutenant erhob sich und antwortete:

»Ich kenne ihn sogar sehr gut; er ist mein intimster Freund.«

»Ah! Woher stammt er?«

»Aus Rheinswalden.«

Bei dieser Antwort beobachtete Platen seinen Oheim scharf und bemerkte, daß ein leiser Schreck über das Gesicht desselben zuckte. Doch nahm sich der Banquier zusammen und sagte in einem Tone, der leicht und unbefangen klingen sollte:


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»So bin ich neugierig, was er bei mir will. Du stehst auf? Ich hoffe, Du bleibst, denn es wird Dir angenehm sein, einen Freund und Kameraden zu begrüßen. Er mag kommen!«

Diese letzteren Worte waren zu dem Diener gesprochen. Dieser entfernte sich und ließ Curt eintreten, welcher in Uniform erschien.

»Herr Banquier Wallner?« fragte er.

»Der bin ich, Herr Lieutenant,« antwortete der Gefragte, den Angekommenen mit scharfem Blicke fixirend, wie um zu sehen, was er von ihm zu erwarten habe.

Dieser war mit einer sehr ernsten Miene eingetreten, die sich jedoch sofort aufheiterte, als er den Freund erblickte.

»Ah, lieber Platen, Du hier?« sagte er. »Ich sage Dir guten Morgen.«

»Ich danke Dir,« antwortete Platen. »Ich vermuthe, daß Du mit dem Onkel allein zu sprechen hast, und will nicht stören, aber ich ersuche Dich, mich dann auf meinem Zimmer aufzusuchen.«

»Ich werde dies gern thun, wenn Herr Wallner mir die Erlaubniß dazu nicht vorenthält.«

»Dieser Erlaubniß bedarf es wohl gar nicht,« meinte der Banquier. Und sich an seinen Neffen wendend, fügte er hinzu:

»Uebrigens sehe ich nicht ein, warum Du Dich entfernen willst. Der Herr Lieutenant wird kommen, um mich um einen Vorschuß zu ersuchen, den ich ihm auch gewähren werde, da er Dein Freund ist, das ist Alles.«

Platen's Stirn röthete sich in zorniger Verlegenheit, als er antwortete:

»Helmers hat jedenfalls nicht nöthig, Dich um einen Vorschuß zu ersuchen. Es scheint mir nöthiger zu sein, mich um Deinet- als um seinetwillen zurückzuziehen.«

»Ah, was soll das heißen?« fragte Wallner. »Jetzt verlange ich wirklich, daß Du bleibst. Ich denke, nicht nöthig zu haben, Deine Gegenwart zu scheuen.«

Platen warf einen fragenden Blick auf Helmers, und dieser meinte darauf unter einem gleichgiltigen Achselzucken:

»Mir ist es gleich, ob Du anwesend bist oder nicht. Ich komme, um eine sehr einfache Bitte auszusprechen, die allerdings keinen Vorschuß betrifft.«

»So sprechen Sie!« sagte der Banquier, dem es bei den Worten Curt's leichter um das Herz wurde. Eine einfache Bitte konnte unmöglich die Auslieferung eines Werthes von Millionen betreffen.

»Sie erlauben mir zuvor, Platz zu nehmen,« erinnerte Curt ihn an die verletzte Höflichkeit. Und nachdem er sich gesetzt hatte, fuhr er fort: »Ich komme nämlich, Sie um die Auslieferung einiger Actenstücke zu ersuchen, Herr Wallner.«

Der Banquier lächelte, schüttelte den Kopf überlegen und antwortete:

»Da haben Sie jedenfalls den Ort verfehlt, Herr Lieutenant. Ich bin kein Actenschreiber und kein Jurist.«

»Ich weiß das,« sagte Curt kalt. »Da Sie mich in dieser Weise mißverstehen, so sehe ich mich gezwungen, mich Ihnen deutlicher zu erklären. Sie hatten gestern Abend Besuch?«

»Besuch? Nein. Ich war im Gegentheil verreist.«


// 1285 //

»Verreist nach Köln etwa? Daran glaube ich nicht. Sie hatten den Besuch eines gewissen Kapitän Parkert.«

Der Banquier entfärbte sich und fuhr zurück.

»Herr,« stotterte er, »was fällt Ihnen ein!«

»Dieser Parkert brachte Ihnen geheime Depeschen, um deren Auslieferung ich Sie ersuche,« fuhr Curt ruhig fort.

Platen hörte mit außerordentlicher Spannung zu. Das hatte er nicht erwartet. Er hatte geglaubt, Helmers werde von den Juwelen anfangen, und nun sprach er von Depeschen und von jenem Kapitän Parkert! Wallner starrte den Sprecher mit weit offenen Augen an und rief:

»Aber ich verstehe Sie nicht! Ich weiß von keinem Parkert und von keinen Depeschen etwas!«

»Sie werden sich noch besinnen,« lächelte Curt. »Zunächst will ich Ihnen sagen, daß dieser Parkert nicht nach Rodriganda kommen wird, denn man ist auf meine Veranlassung hart hinter ihm her. Und sodann mögen Sie erfahren, daß sich ein gewisser Pelzhändler Helbitoff jetzt jedenfalls bereits hinter Schloß und Riegel befindet.«

Da sprang der Banquier auf. Er hatte Mühe, das Zittern der Angst zu verbergen.

»Ich sagte bereits, daß ich Sie gar nicht verstehe!« betheuerte er.

»Nun wohl, so gehe ich wieder,« erklärte Curt, indem auch er sich erhob. »Ich kam als Herrn von Platen's Freund, um Sie zu schonen; da Sie dies nicht anerkennen, so werden Sie an meiner Stelle die Polizei erscheinen sehen.«

»Ah, Sie wollen mir drohen? Ich fürchte sie nicht!«

»Man wird aussuchen!«

»Man wird nichts finden!«

»Ah pah! Fühlen Sie sich nicht zu sicher! Man wird nicht blos hier im Hause suchen.«

»Wo noch, Herr Lieutenant?« fragte Wallner mit einem höhnischen Lachen, dem aber doch die geheime Angst anzuhören war.

»Im Garten.«

»Meinetwegen!«

»Sogar im Gartenhause.«

»Immerzu!«

»Hinter der Schwarzwälder Uhr.«

»Verd-«

Der Fluch blieb ihm im Munde stecken. Er machte ein Gesicht, als ob er einen Keulenschlag erhalten habe.

»Sie sehen, daß ich so ziemlich allwissend bin,« fuhr Curt fort. »Ich habe die bewußten Papiere an Herrn von Bismark auszuliefern. Wollen Sie mir dieselben freiwillig überlassen oder nicht?«

»Ich weiß von keinen Papieren!« stieß der Banquier hervor.

»Gut, so wird man hinter der Uhr suchen und nicht nur diese Papiere finden!«

»Was sonst noch?«


// 1286 //

»Eine Sammlung von Juwelen, welche unterschlagen wurden und deren rechtmäßiger Besitzer jetzt vor Ihnen steht. Wollen Sie noch nicht bekennen?«

Da wankte Wallner; er mußte sich an der Lehne seines Stuhles festhalten.

»Ich bin verloren!« stöhnte er.

»Noch nicht,« meinte Curt ernst aber mild. »Es giebt keinen Fehler, welcher nicht vergeben werden könnte, sobald er nur bereut und eingestanden wird. Daß Sie mir mein Eigenthum vorenthalten haben, werde ich Ihnen verzeihen, sobald Sie es mir wieder zurückerstatten. Und das Andere läßt sich vielleicht noch arrangiren. Herr von Platen kann nicht weiter dienen als der Neffe eines Mannes, der sich des Hochverrathes schuldig macht. Ich werde aus Rücksicht für den Freund nach einem Auswege suchen.«

»Des Hochverrathes?« fragte Platen erschrocken.

»Allerdings,« antwortete Curt. »Sprich mit Deinem Onkel. Ich werde mich einstweilen in das Nebenzimmer zurückziehen.«

Er schritt, ohne eine Antwort abzuwarten, zur Thüre hinaus. Draußen im Vorzimmer nahm er auf einem Sessel Platz und wartete. Er hörte die Stimmen der Beiden, bald leise, bald lauter. Es verging eine lange, lange Zeit, bis endlich die Thür geöffnet wurde und Platen ihn bat, wieder einzutreten. Man sah es dem Letzteren an, daß er einen schweren Kampf gekämpft habe. Wallner saß wie zerschlagen auf einem Stuhle und holte Athem wie ein Fiebernder. Beim Eintritte Curt's erhob er sich und sagte mechanisch, als hätte er es auswendig gelernt:

»Herr Lieutenant, ich erhielt vor längerer Zeit eine Sendung aus Mexico. Trotz aller Mühe, den Adressaten ausfindig zu machen, ist dies mir erst heute gelungen. Sie sind es. Ich werde Ihnen die Sendung unbeschädigt übergeben.«

»Ich danke Ihnen,« meinte Helmers einfach.

Nach einer Pause, während welcher Wallner nach Luft zu schnappen schien, fuhr er fort:

»Vor einiger Zeit deponirte ein Unbekannter, der sich Parkert nannte, einige Schriften bei mir. Ich kenne ihren Inhalt nicht, weiß aber, daß ein gewisser Helbitoff ihn erfahren soll. Die Schriften sollten abgeholt werden. Von wem, das weiß ich nicht. Da Sie mir versichern, daß ihr Inhalt ein für mich gefährlicher sei, so bin ich froh, sie Ihnen überliefern zu dürfen, und gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich niemals ein solches Depositum wieder annehmen werde. Wollen Sie sich mit nach meinem Gartenhause bemühen?«

»Gern, Herr Wallner!«

Der Banquier schritt voran und die Anderen folgten ihm. Sie verließen das Zimmer und begaben sich durch den Garten nach dem Gartenhäuschen. Dort öffnete der Banquier und führte sie in die dritte Stube, nahm die Uhr von der Wand und sagte:

»Nehmen Sie, Herr Lieutenant!«

Curt griff zu. Er fand außer dem Kästchen und den gestern Abend dabei befindlichen Documenten noch einen Pack anderer Papiere, welchen er öffnete, um Einsicht zu nehmen. Es waren jedenfalls diejenigen Schriftstücke, welche Parkert gebracht hatte.

»Ist der Inhalt wirklich so wichtig?« fragte Platen.


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»Außerordentlich!« Curt bemerkte, daß Wallner sich entfernt hatte, und fuhr daher fort: »Es handelt sich um eine großartige Coalition gegen Norddeutschland oder vielmehr Preußen. Einer der Hauptträger derselben war jener Kapitän Parkert, den die Herren von der Garde so scharfsinnig waren, in ihr Casino einzuladen - eine unsterbliche Blamage, wahrhaftig! Mich wollte man hinausmaßregeln! Ich jagte ihm seine geheimen Depeschen ab. Dies war das Verdienst, von welchem gesprochen wurde und welches mir den rothen Adler einbrachte, den ich tragen werde, bis er schwarz wird. Gestern Abend, als Du von mir gingst, war ich so glücklich, diesen Parkert bei Deinem Oheim zu belauschen, welcher sich in diese Agitation eingelassen hat, weil man ihm versprach, daß er Finanzminister eines neuen Königreichs Westphalen werde.«

»Der Unglückliche!«

»Nicht unglücklich, sondern kurzsichtig und leichtgläubig. Ich bin gezwungen, diese Scripturen abzuliefern, aber ich werde mein Möglichstes thun, ihn zu retten.«

»Thue es, Curt, thue es! Du verdienst Dir einen Gotteslohn. Ich habe hart mit ihm zu kämpfen gehabt, aber er hat mir versprochen, daß er sich in Zukunft hüten werde. Nimm Dein Eigenthum und laß mir das Bewußtsein, daß ich Dir für die Gnade danken darf, welche Du an meinem Verwandten übst!«

Er ergriff das Kästchen, während Curt die Documente nahm, und Beide verließen das Gartenhaus, ohne den Banquier zu erblicken. Sie begaben sich nach Platen's Zimmer, wo Curt die eroberten Schreiberelen in ein Packet vereinigte. Noch war er damit beschäftigt, als der Comptoirdiener erschien.

»Herr von Platen, schnell, schnell, kommen Sie herab zu Herrn Wallner!« rief er.

»Was will er?« fragte Platen.

»Was er will? O nichts, gar nichts will er. Ich denke nur, er ist - er ist -«

»Nun, was ist er?«

»Er ist - krank geworden, sehr krank.«

»Was fehlt ihm? Holt den Arzt.«

»O, der Arzt kann ihm nicht mehr helfen!«

Da fuhr Platen auf, sah den Diener starr an und fragte:

»Nicht mehr helfen? Ah, was ist geschehen? Wo befindet sich der Oheim?«

»In seiner Comptoirstube. Ich sollte ihm einen Herrn melden, und als ich eintrat, da lag er im Stuhle und - und -«

»Nun, und -«

»Und war todt.«

»Unmöglich! Wir haben ja soeben erst mit ihm gesprochen! Ich komme gleich hinab, sogleich!«

Er ging; Curt blieb zurück. Nach einiger Zeit kam Platen wieder, ernsten, bleichen Angesichtes. Er schritt einige Male im Zimmer auf und ab und sagte dann:

»Du hast recht, lieber Curt: Kurzsichtig war er. Das beweist auch diese letzte Handlung. Er hat nicht gewußt, wo aus, noch ein. Oder hat er den Ver-


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lust des ungerechten Gutes nicht überleben mögen. Er ist in seinen Sünden hingegangen. Gott sei seiner armen Seele gnädig!«

Eine Viertelstunde später befand Curt sich auf dem Heimwege. Sein Pferd trug nicht blos ihn, sondern auch den Inhalt des hinter der Schwarzwälder Uhr befindlichen Loches. Er hatte ein Vermögen bei sich, mehr aber werth als dieses waren ihm die geheimen Depeschen, durch deren Ueberreichung er sich dankbar beweisen konnte für die Auszeichnungen, welche ihm zu Theil geworden waren.

Er stieg natürlich zuerst bei seiner Mutter ab. Welche Augen machte die gute Frau, als er das Kästchen öffnete und sie die funkelnden Geschmeide erblickte. Bald aber stürzten Thränen aus ihren Augen. Sie umarmte ihren Sohn und rief aus:

»Das mag viel, sehr viel werth sein, tausendmal lieber aber wäre es mir, wenn Dein Vater gekommen wäre. Thue mit diesen Dingen, was Du willst, ich aber mag nichts davon sehen.«

Er übergab Ihr das Packet mit den Schriften, von denen der Hauptmann nichts erfahren sollte, aber das Kästchen trug er zu ihm. Er erzählte ihm, welche Bewandtniß es mit demselben hatte, und zeigte ihm dann den Inhalt.

»Donnerwetter, nun wird mir der Junge stolz werden!« brummte Rodenstein in den Bart. »Denn der Reichthum macht stolz und hart.«

»Mich nicht, lieber Pathe,« versicherte Curt lächelnd.

»Nun, meinetwegen! Aber was willst Du mit den Dingen thun, he?«

»Ich? Hm! Ich weiß, was ich damit thun werde.«

»Nun, was denn?«

»Ich verschenke Alles.«

»Kerl, bist Du verrückt!«

»Nein, und dennoch werde ich Alles verschenken.«

»An wen denn, he?«

»Röschen bekommt den ganzen Kram.«

»Röschen? Hm, dieser Gedanke ist nicht ganz so dumm und übel. Aber warum denn gerade sie?«

»Weil nur sie allein schön und gut genug ist, solche Kostbarkeiten zu tragen.«

Bei diesen Worten leuchteten seine Augen in einem solchen Glanze, daß der alte Hauptmann, der doch sonst in solchen Dingen nicht sehr scharfsinnig zu nennen war, doch aufmerksam wurde. Er drohte mit dem Finger und sagte:

»Du, ich glaube gar, Du bist verliebt, Mensch! Mache keine Dummheiten! Wenn Du partout ein elender, unglücklicher Kerl werden willst, so suche Dir meinetwegen ein Hauskreuz, das Waldröschen aber ist nichts für Dich. Der Ort, auf dem sie wächst, ist für Dich zu hoch.«

»Lieber Pathe, ich kann steigen.«

»Ja,« lachte der Alte, »so ein Lieutenant kann's himmelhoch bringen; ich sehe es an mir - zum Hauptmanne und Oberförster, Gott sei es geklagt. Also mache mit diesem Krimskrams, was Du denkst, aber bilde Dir nur ja keine Rosinen ein, und laß uns das Waldröschen ungeschoren! Merke Dir es!«

Bereits mit dem nächsten Zuge saß Curt wieder im Coupee und dampfte der Residenz entgegen. Ludwig begleitete ihn in einem Waggon zweiter Classe. Sie


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kamen am späten Abende in Berlin an, dennoch aber eilte Curt gleich vom Bahnhofe weg nach dem Palais, welches Bismark damals bewohnte.

Die Fenster desselben waren hell erleuchtet. Der allmächtige Minister hatte jedenfalls Gäste bei sich. Der Portier wollte den Lieutenant nach seinem Begehr fragen, doch Curt eilte an ihm vorüber und die Treppe empor. Lakaien liefen oben auf und ab und im Vorzimmer stand der Leibdiener, welcher Curt entgegenkam.

»Sie wünschen?« fragte er.

»Excellenz zu sprechen.«

»Geht nicht. Excellenz befindet sich beim Souper, ist überhaupt nur für die Gäste da.«

»Excellenz wird aber doch sofort kommen, wenn Sie meinen Namen nennen.«

Der Diener betrachtete den Lieutenant mit ironischen Blicken; darum zog dieser seine Karte vor und antwortete, als er ein hochmüthiges »Ah!« vernahm:

»Hier meine Karte. Melden Sie mich sofort!«

»Ich bedaure, dies nicht thun zu dürfen, denn -«

»Ich befehle Ihnen, mich zu melden! Verstanden, Bedientenseele!«

Der Mann fuhr zurück, als er sich in dieser Weise angedonnert hörte. Er wagte keinen Widerspruch mehr und verschwand im Saale. Bereits nach einigen Augenblicken kehrte er zurück.

»Folgen Sie mir!« bat er, jetzt in einem sehr hochachtungsvollen Tone.

Er führte ihn in ein Gemach, in welchem Bismark bereits stand. Dieser trat dem Lieutenant entgegen und sagte:

»Für Sie bin ich allerdings zu sprechen, Herr Lieutenant. Sie haben dem Staate abermals einen wichtigen Dienst geleistet. Jener Russe wurde in Folge Ihrer Depesche festgenommen, und man fand in seinem Hute allerdings Papiere von solcher Wichtigkeit, daß Sie unseres Dankes versichert sein können. Wie aber kamen Sie zur Wissenschaft dieses Geheimnisses?«

»Bevor ich diese Frage beantworte, gestatte ich mir, Eurer Excellenz diese Documente zu überreichen.«

Mit diesen Worten öffnete Curt das Packet und reichte es ihm entgegen.

»Ich bin engagirt und habe also jetzt keine Muse zum Lesen; aber die Aufschriften werde ich denn doch - - ah!«

Er hatte die erste Schrift geöffnet; er blieb nicht nur bei der Aufschrift, sondern las weiter. Er griff zur zweiten.

»Setzen Sie sich!« gebot er Curt.

Dieser leistete Gehorsam, während Bismark weiter las. Seine Augen schienen die Zeilen förmlich zu verschlingen und die Spitzen seines Schnurrbartes zeigten jenes verrätherische Zucken, welches bei ihm stets ein Zeichen innerer Spannung ist. Endlich war er fertig. Er wendete sich zu Curt, der sich erhob, und legte sein Auge mit einem so großen, erstaunten Blick auf ihn, daß der Lieutenant beinahe verlegen wurde. Dann fragte er langsam und im Tone der höchsten Verwunderung:

»Aber, Herr Lieutenant, ich begreife Sie nicht! Sie erscheinen mir, wie ein Wunder. Sie, der junge, unbekannte Mann, machen uns Enthüllungen und bringen


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uns Beweise über Agitationen, für deren Aufdeckung man Königreiche bezahlen könnte. Wie kommen Sie zu diesen Documenten?«

»Kapitän Parkert, welcher uns hier entwich, hat sie dem Banquier Wallner in Mainz in Depositum gegeben und dieser antwortete sie mir aus, als ich die Ueberzeugung aussprach, daß der Inhalt für ihn einer Dynamitpatrone gleiche.«

»Aber er kannte den Inhalt?«

Die Augen des großen Mannes waren so groß und scharf auf ihn gerichtet, daß es ihm unmöglich war, zu lügen.

»Excellenz, er ist todt,« antwortete er.

»Freiwillig gestorben?« fragte der scharfsinnige Mann.

»Ja.«

»Ah, also ein Kampf und eine Katastrophe! Erzählen Sie kurz!«

»Ich hatte bereits die Ehre, Eurer Excellenz in Gegenwart Seiner Majestät von meinen Verhältnissen und denjenigen der Familie Rodriganda zu sprechen. Mein letztes Erlebniß steht in innigem Zusammenhange mit denselben.«

Er berichtete nun von dem verschwundenen Theile des Königsschatzes und wie er bei Auffindung desselben zugleich hinter die Geheimnisse der Verräther gekommen war. Er schonte den Banquier, so viel es möglich war, und doch meinte Bismark, als er geendet hatte, zu ihm:

»Die nachsichtige Fassung Ihres Berichtes ist für Sie eine ebenso große Ehre, als die Enthüllung dieses hochwichtigen Geheimnisses selbst. Sie glauben, Ursache zu haben, in irgend einer Beziehung Milde walten zu lassen, aber ich versichere Ihnen, daß Sie gegen mich aufrichtig sein können, ohne daß Ihre freundliche Absicht in Gefahr geräth. Man wird, wenn es ohne große Gefahr geschehen kann, Ihre Gründe gern berücksichtigen. Ich bitte Sie also, aufrichtig zu sprechen.«

Jetzt konnte von einer Verhehlung keine Rede mehr sein. Curt erzählte Alles. Bismark's Gesicht nahm einen eigenthümlich ergriffenen Ausdruck an und als Curt geendet hatte, reichte er ihm die Hand und sagte:

»Herr Lieutenant, ich schätze Sie! Dieses Wort mag Ihnen ebenso viel bedeuten wie ein Orden. Auf Ihren Freund Platen, der sich ja bereits in den letzten Tagen ausgezeichnet hat, soll nicht der leiseste Schatten fallen. Ihnen aber will ich die Rücksicht, welche Sie für den Freund hatten, belohnen, indem ich Sie auffordere, morgen früh zehn Uhr bei mir zu erscheinen. Wir werden mit einander zum Könige fahren, damit er aus Ihrem eigenen Munde hört, wie es Ihnen gelungen ist, uns diesen weiteren großen Dienst zu leisten. Jetzt aber muß ich mich zurückziehen. Ich erwarte, Sie pünktlich zu sehen.«

Herr Lieutenant, ich schätze Sie!

Er gab dem jungen Manne abermals die Hand und verschwand sodann im Saale. Wie trunken vor Glück, stieg dieser die Treppe hinab. Er hatte seinen Diener Ludwig vom Bahnhofe direct nach Hause geschickt, und als er nun zu den Seinigen trat, fand er sie um das geöffnete Kästchen versammelt. Sie kamen ihm Alle entgegen, um ihn zu beglückwünschen; er aber wies ihre Gratulationen mit den Worten zurück:

»Das ist nichts! Ich habe noch weit Besseres erlebt. Ich komme von Bismark.«

»Von Bismark?« tönte es verwundert im Kreise.


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»Ja, und er gab mir mehr, als diese Juwelen werth sind. Er sagte zu mir: »Herr Lieutenant, ich schätze Sie! Dieses Wort mag Ihnen ebenso viel bedeuten wie ein Orden.« Und dann lud er mich ein, morgen früh zehn Uhr zu ihm zu kommen, um mit ihm zum Könige zu fahren. Das ist mir lieber als Gold und Diamanten.«

Nun wurde er bestürmt, zu erzählen, wie das Alles gekommen sei; er aber nahm eine komisch wichtige Miene an und antwortete:

»Es handelt sich um höchst wichtige Staatsgeheimnisse, die ich nicht verrathen darf. Später vielleicht werde ich das Alles mittheilen dürfen.«

»Seht einmal den Diplomaten!« lachte der Herzog. »Er scheint die rechte Hand Bismark's zu sein, so brüstet er sich.«

»O, was er noch nicht ist, das kann er ja noch werden,« meinte Röschen. Aber kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so merkte sie, daß sie zu muthig gewesen sei, und eine glühende Röthe flog über ihr liebliches Gesichtchen.

Ihre Mutter streichelte ihr die Wangen und stimmte bei:

»Ja, er hat das Zeug zu einem ganzen Manne und auch das gehörige Glück dazu. Ich bin überzeugt, daß er von sich reden machen wird. Aber, lieber Curt, was beabsichtigen Sie nun, mit diesem Geschmeide zu beginnen?«

»Das hat mich bereits der Herr Hauptmann auch gefragt,« meinte er lächelnd.

»Und was haben Sie ihm geantwortet?«

»Ich sagte ihm, daß ich am liebsten Alles unserem Waldröschen schenken möchte.«

Alle lachten. Röschen erglühte abermals, und Rosa, ihre Mutter, fragte:

»Und was antwortete der alte, wackere Haudegen?«

»Hm, er meinte, ich solle mir nur keine Rosinen einbilden, denn ich sei ganz und gar nicht der Kerl dazu, Röschen etwas zu schenken.«

»Er hat doch wohl nur gemeint, daß solche Kostbarkeiten einen Schatz bilden, der nicht verschenkt werden darf, sondern gehütet werden muß. Wir wollen gemeinschaftlich über ihn wachen, daß er Ihnen sicher bewahrt bleibe!« -

Aber als er sich später auf sein Zimmer zurückgezogen hatte, klopfte es leise an seine Thür, Waldröschen steckte das liebe, süße Köpfchen herein und fragte:

»Curt, hast Du es mir wirklich schenken wollen?«

»Ja, Röschen,« antwortete er.

»Hebe es gut auf, denn später werde ich es annehmen dürfen.«

»Keine Andere als Du soll es bekommen!«

Bei diesen Worten hatte er das Köpfchen erfaßt und festgehalten; ihre Lippen fanden sich zu einem schnellen Kusse und dann flüsterte Röschen, bevor sie eilig verschwand:

»Der Hauptmann Rodenstein ist ein alter Bär! Ich erkläre Dir ganz feierlich, daß Du schon der Kerl bist, mir etwas zu schenken! Nicht wahr, lieber Curt?« -

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Zweites Kapitel.

Ein Sclave.

»Im glühend heißen Sonnenbrand
   Trag ich der Knechtschaft Ketten
O
Du mein theures Vaterland,
   Giebt's Niemand, mich zu retten!

Die Sonne sengt mir das Gehirn,
   Die Sehnsucht schmilzt das Herze.
Vor Heimweh glühet mir die Stirn,
   Die Seele brennt im Schmerze.

Allmächtiger, erbarm Dich mein,
   Es ist nicht mehr zu tragen.
Von Hoffnung, ach, nur einen Schein,
   Dann will ich nicht verzagen!«

An der westlichen Küste des Golfes von Aden, welcher das rothe Meer mit dem indischen Oceane verbindet, liegt ein Land, welches ein Seitenstück zu dem berühmten Timbuktu oder dem allerdings fabelhaften Eldorado bildet. Die kühnsten Reisenden haben vergeblich versucht, dasselbe zu erforschen, und nur einem einzigen verwegenen Manne, dem britischen Offizier Richard Burton, ist es gelungen, bis dahin vorzudringen und einige Nachrichten über das abgeschlossene Land mitzubringen.

Dieses Land heißt Härrär. Der Beherrscher ist ursprünglich nur ein Scheik oder Emir, läßt sich aber gern den stolzeren Titel Sultan beilegen.

Es hat allerdings Fremde, ja sogar Europäer gegeben, welche dieses Härrär betraten, aber sie konnten keine Kunde von den dortigen Verhältnissen mitbringen, kehrten niemals zurück, sie waren Sclaven.

Zwar war auf Anregung der Engländer, vorzüglich auf Betrieb des edlen Lord Wilberforce, eine internationale Vereinbarung zu Stande gekommen, daß aller Sclavenhandel verboten sei. Die Kriegsschiffe aller Nationen hatten nicht nur das Recht, sondern sogar die Verpflichtung, die Sclavenschiffe wegzunehmen, die Gefangenen zu befreien und die Bemannung vom Kapitän an bis herab zum Schiffsjungen einfach aufzuhängen; aber diese Maßregeln haben bis zum heutigen Tage noch keinen durchschlagenden Erfolg gehabt.

Es giebt noch jetzt Länder, in welchen der Sclavenhandel florirt. Jeder Besucher von Constantinopel zum Beispiel kann constatiren, daß es dort noch immer Häuser giebt, in welchen man Menschen von allen Farben kaufen kann. Besonders einträglich ist die Sclavenjagd in den Nilgegenden und denjenigen Gebieten, welche am rothen Meere liegen oder die Ostküste Afrikas bilden. Zu diesen gehört Härrär.

Härrär liegt allerdings nicht an der Küste. Es ist von den beiden Seehäfen Zeyla und Berbera aus zu erreichen, indem man durch das Land der Somali-


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nomaden reist. Diese Somali gehören zu den schönsten Vertretern der schwarzen Rasse, sind ein stolzes, kriegerisches Volk und leben mit allen ihren Nachbarn in ewigen Fehden, so daß der Verkehr zwischen Härrär und der Küste großen Gefahren unterworfen ist. Aus diesem Grunde ist es wohl auch nur selten einem Sclaven gelungen, aus Härrär zu entfliehen und das rettende Meer zu erreichen.

Diese Einleitung mag vielleicht langweilig erscheinen, besonders der fremden, unbekannten Worte wegen, aber sie ist nothwendig, um das Kommende zu verstehen. -

Da, wo die Somaliwüste sich gegen Westen, also gegen das Binnenland zu erheben beginnt und der bisher starre, unfruchtbare Fels und der gelbe Sand bereits hier und da wieder eine Spur grüner Vegetation hervorbringt, bewegte sich eine Karawane der untergehenden Sonne zu.

Sie bestand aus schwer bepackten Kameelen und theils von der Sonne gebräunten, theils von Natur aus tief schwarzen Männern, welche alle sehr gut bewaffnet waren.

Diese Waffen waren allerdings nicht diejenigen, wie sie bei uns getragen werden. Sie bestanden aus Luntenflinten mit langen, persischen Rohren, Kriegskeulen aus Teak- oder Ebenholz und Bogen, mit denen gefährliche, vergiftete Pfeile versandt werden. Ein Jeder trug außerdem ein langes, scharfes Messer in seinem Gürtel.

Die Kameele gingen nicht frei, sie waren nach dortiger Sitte immer eins an das andere gebunden, und zwar in der Weise, daß man das Halfter jedes Thieres an den Schwanz des vorhergehenden befestigt hatte. Alle trugen schwer beladene Packsättel, ein einziges ausgenommen, auf dessen hohem Rücken eine Art Sänfte zu sehen war, deren vier Seiten mit dünnen, die Luft durchlassenden Vorhängen verschlossen wurden. Es war zu vermuthen, daß sich in dieser Sänfte eine weibliche Person befinde, deren Anblick den Augen Unberufener entzogen werden solle.

Neben diesem Kameele ritt auf einem starken, weißen Maulthiere ein Mann, welcher der Anführer der Karawane zu sein schien. Er trug den langen, weißen Beduinenmantel und einen Turban von gleicher Farbe. Seine Waffen waren ganz diejenigen seiner Gefährten, nur daß der Griff seines Messers und der Schaft seiner Flinte mit Silber ausgelegt waren. Während er neben dem Dromedare an der Spitze des Zuges ritt, musterten seine scharfen, stechenden Augen den westlichen Horizont. Dann parirte er sein Maulthier und wendete sich an einen seiner Leute zurück:

»Halef, siehst Du die Schlucht da vorn?«

Der Angeredete nickte und antwortete in demüthigem Tone:

»Ich sehe sie, Herr.«

»Dort werden wir in dieser Nacht lagern,« meinte der Gebieter. »Du warst bereits mehrere Male mit mir in Härrär. Kennst Du die Gegend noch?«

»Sehr gut, Emir.«

»Nun wohlan. Von der Schlucht aus hast Du nicht weit bis in das Dorf Elaoda und von da ist es nur eine Stunde bis in die Residenz des Sultans. Binde Dein Kameel los und reite hin, um ihm zu melden, daß ich morgen früh bereits bei ihm sein werde.«


// 1294 //

Der Mann gehorchte. Während er die Halfter löste, mit denen sein Thier in die Reihe der anderen gefesselt war, fragte er, mit einem Winke nach der Sänfte, aber so leise, daß es nur der Emir ,hören konnte:

»Soll ich dem Sultan sagen, was wir bringen?«

»Sage ihm, daß wir Shawls und Seidenzeuge, Messing, gewalztes Kupfer, Messer, Pulver, Zucker und Papier bringen. Dafür will ich Tabak, Elfenbein, Butter und Safflor eintauschen. Aber von der Sclavin sagst Du ihm noch nichts.«

»Soll ich den Tribut mitnehmen?«

»Nein. Der Sultan wird nie satt. Wenn ich ihm bereits jetzt den Tribut sende, so verlangt er später abermals Geschenke.«

Der Mann, den er Halef genannt hatte, gab seinem Kameele das Zeichen, auf welches es mit seinen langen Beinen im eiligsten Laufe dahinflog.

Dann wendete sich die Karawane nach der Schlucht, von welcher der Emir gesprochen hatte. Sie lag nahe und wurde also sehr bald erreicht. Als die Reiter kaum von ihren Thieren gestiegen waren, nahte der Augenblick, an welchem die Sonne den Horizont berührte. Dies geschieht in jenen Gegenden fast immer genau um sechs Uhr Nachmittags und ist die Zeit des von dem Propheten Muhammed vorgeschriebenen Abendgebetes.

Nun sind die Beduinen zwar mehr oder weniger alle Räuber, aber sie besitzen doch eine so große Religiosität, daß sie es für die größte Sünde halten, eins der vorgeschriebenen Gebete zu unterlassen. Darum ließen auch die Glieder der gegenwärtigen Karawane Alles stehen und knieten jetzt nieder, um zu beten. Dabei ist eine Waschung vorgeschrieben; da aber das Wasser fehlte, so bedienten sie sich an Stelle desselben des Sandes, den sie gerade so durch die Finger gleiten ließen, als ob er Wasser sei.

Erst als sie hiermit fertig waren, wurden die Kameele von ihrer Last befreit, und dann ließen sich die Männer nieder, um von dem langen, beschwerlichen Ritte auszuruhen.

Einige von ihnen hatten die Sänfte vom Sattel gebunden. Aber die Person, welche sich im Inneren derselben befand, kam nicht zum Vorscheine. Sie hatte jedenfalls den Befehl erhalten, die Sänfte gar nicht zu verlassen, sondern auch in derselben zu schlafen.

Der Emir nahm einige von den Datteln, welche sein Abendbrod bildeten, und goß ein wenig Wasser aus einem der Schläuche in einen ledernen Becher. Damit nahte er sich der Sänfte, schob den Vorhang ein wenig zur Seite und fragte mit unterdrückter Stimme:

»Willst Du essen und trinken?«

Es erfolgte keine Antwort, aber eine Hand streckte sich aus und nahm die Früchte und das Wasser in Empfang.

»Allah ist groß und ich bin vergeßlich!« murmelte er. »Ich denke doch nie daran, daß sie unsere Sprache nicht versteht.«

Er nahm den Becher, welcher geleert worden war, wieder in Empfang und kehrte an seinen Platz zurück. Auf seinen stummen Wink erhoben sich einige Männer und griffen zu ihren Gewehren. Sie entfernten sich, um das Lager zu bewachen, damit dasselbe von keinem Feinde überfallen werde, und ebenso damit die


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Gefangene nicht entfliehen könne. Bereits nach kurzer Zeit lag Alles im tiefsten Schlafe.

Unterdessen hatte Halef längst das erwähnte Dorf erreicht, war durch dasselbe geritten, ohne aufzuhalten, und eilte nun auf Härrär zu. Es war, als er dort ankam, kaum eine Stunde vergangen, seit er seinen Herrn verlassen hatte.

Die Thore dieser Stadt werden mit Sonnenuntergang geschlossen und kein Mensch darf ohne besondere Erlaubniß des Sultans ein- und auspassiren. Halef klopfte an und mußte dies mehrere Male wiederholen, ehe der Wächter erschien.

»Wer ist draußen?« fragte er von innen.

»Ein Bote an den Sultan Ahmed Ben Abubekr,« antwortete der Gefragte.

»Wie heißest Du?«

»Mein Name ist Hadschi Halef Ibn Mehemmed Ben Hulam.«

Je länger der Name eines Muhammedaners ist, desto größere Ehre hat er zu beanspruchen. Daher horchte der Wächter auf, als er diesen Namen hörte.

»Zu welchem Stamme gehörst Du?« fragte er.

»Ich bin ein freier Somali.«

Die Bewohner von Härrär sehen, allerdings ganz ohne Grund, mit Verachtung auf die Araber und Somali herab, und darum meinte der Wächter:

»Einen Somali darf ich nicht einlassen. Ich würde schlimm bestraft werden, wenn ich eines Somali wegen den Sultan störte.«

»Allerdings wirst Du bestraft werden,« entgegnete Halef, »aber nur dann, wenn Du nicht meldetest, daß ich Einlaß begehre. Ich bin ein Bote des Emir Arafat.«

Diese Meldung schien den Wächter bedenklich zu machen. Er wußte, daß der Somali-Emir Arafat der Anführer der Handelskarawanen sei, mit denen der Sultan stets ein gutes Geschäft machte. Darum antwortete er:

»Arafat? Ich will es wagen. Ich werde das Thor einem Anderen anvertrauen und selbst gehen, um Deine Ankunft zu melden.«

Erst jetzt stieg Halef draußen vom Kameele, um zu warten, bis er eingelassen werde. Der Wächter aber stellte seinen Gehilfen an das Thor und begab sich nach dem Palaste des Sultans.

Das Wort Palast steht hier eigentlich am unrechten Orte. Die berühmte Hauptstadt, die man wohl mit noch größerem Rechte berüchtigt nennen könnte, ist mit sehr primitiven Mauern umgeben und hat bei einer Länge von einer halben Stunde eine Breite von nur einer Viertelstunde. Die Häuser sind nur steinerne Schuppen zu nennen, und selbst der Palast des Sultans sieht einer Scheune ähnlicher als einem wirklichen Hause. Dicht neben demselben befindet sich ein aus unbehauenen Steinen errichtetes Gewölbe, in welchem man Tag und Nacht Fesseln klirren hört. Es ist das Staatsgefängniß und hat tiefe, unterirdische Keller, in welche nie das Licht des Tages dringt. Wehe dem Gefangenen, welcher dort seinen Aufenthalt nehmen muß! Er erhält niemals vom Sultan Essen und Trinken, und selbst wenn ihm ein Freund oder Verwandter täglich Wasser und den dort gebräuchlichen kalten Brei von Hirsemehl bringt, wird er doch mit der Zeit in seinem eigenen Schmutze verfaulen.

Der Thron des gewaltigen Herrschers, welcher unbeschränkter Herr über Leben


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und Eigenthum seiner Unterthanen ist, besteht in einer einfachen Holzbank, wie man sie bei uns in der ärmsten Familie findet. Auf dieser sitzt er nach orientalischer Weise mit untergeschlagenen Beinen, entweder in tiefes Nichtdenken versunken oder Audienz ertheilend, bei welcher jeder Nahende zittert, weil die geringste böse Laune des Sultans hinreicht, das Blut des ersten Besten fließen zu lassen.

Auch heute Abend saß der Herrscher auf seiner Erhöhung. Hinter ihm hingen an der Wand alte, unbrauchbare Luntenflinten, Säbel und dabei auch eine ganze Menge blanker, eiserner Fesseln und Hand- und Fußschellen, die Zeichen seiner unbeschränkten Gewalt.

Vor ihm saß sein Wessir nebst einigen mohamedanischen Schriftgelehrten. Im Hintergrunde hockten zahlreiche elende, in Fesseln geschlagene Gestalten am Boden. Es waren Sclaven und Gefangene. Der Sultan liebte es, seinen Thronsaal mit diesen unglücklichen Leuten zu schmücken, zum Zeichen seiner Macht und Herrlichkeit.

Seitwärts vor ihm, zwischen ihm und dem Wessir stand einer dieser beklagenswerthen Männer mit Ketten an den Händen und Füßen. Seine Gestalt war lang und hager, mehr vom Gram als vom Alter weit nach vorn gebeugt. Sein erloschener Blick und seine eingefallenen Wangen zeugten von Hunger und tiefem Seelenleide. Er trug als einziges Kleidungsstück ein Hemde, und auch dieses war vielfach zerrissen.

Er schien soeben gesprochen zu haben, denn Aller Augen ruhten auf ihm, auch diejenigen des Sultans, finster und drohend, wie diejenigen eines folternden Henkers.

»Hund!« sagte er zu dem Alten. »Du lügst! Wie kann ein christlicher Herrscher größer und mächtiger sein, als ein Anhänger des Propheten. Was sind alle Deine Könige gegen mich, den Sultan von Härrär!«

Da blitzten die Augen des Sclaven auf, und er antwortete:

»Ich war kein König; ich war nur ein Unterthan, aber einer der edelsten unseres Landes; dennoch aber war ich tausendmal reicher und glücklicher als Du.«

Da streckte der Sultan die zehn Finger hervor. Sofort trat Einer aus der Ecke heraus, erhob den schweren Bambusstock und gab dem Sclaven die zehn Hiebe, welche durch dieses Zeichen anbefohlen worden waren. Der Sclave zuckte nicht; er schien diese Behandlung gewöhnt zu sein; die Schläge schmerzten ihm nicht mehr.

»Willst Du widerrufen?« fragte der Sultan.

»Nein!«

Der Herrscher gebot, ihm fünfzehn Streiche zu geben. Dies geschah, und dann sagte er:

»Ich werde Dir beweisen, welche Macht ich besitze! Du bist ein Christenhund. Ich habe Dir befohlen, den Propheten zu verehren, Du aber hast es nicht gethan. Heute gebiete ich es Dir zum letztenmale. Wirst Du gehorchen, Wurm?«

»Niemals!« antwortete der Alte mit fester Stimme. »Du hast mir meine Freiheit geraubt, Du kannst mir auch das Leben nehmen, meinen Glauben aber nimmermehr. Hier willst Du mir Deine Macht beweisen? Gerade hier hört sie ja auf!«

Die Hand des Herrschers ballte sich und er rief im grimmigsten Tone:

»Ich werde Dich in das tiefste Loch meines Kerkers werfen lassen!«


Ende der vierundfünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



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