Lieferung 55

Karl May

8. Dezember 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 1297 //

»Thue es!« meinte der Sclave unverzagt. »Ich will ja sterben, ich sehne mich nach dem Tode. Dann hört mein Leiden auf und ich finde endlich Ruhe und Frieden.«

»Gut! Du willst es! Führt ihn ab, aber in den schlechtesten Keller, den es giebt!«

Auf dieses Gebot des Sultans faßte der Henker den Alten an und führte ihn hinaus. Draußen traten noch Mehrere hinzu und schleppten ihn nach dem Gefängnißgebäude.

Als die Thür desselben geöffnet wurde, quoll ihnen ein geradezu infernalischer Gestank entgegen und ebenso das Geklirr von Ketten und das Gewimmer der Gefangenen. Man hatte kein Licht mitgenommen, darum konnte der Sclave nichts sehen. Er wurde nach einer Ecke geführt, wo der Henker mit Hilfe der Anderen einen schweren Stein emporhob und dann dem Gefangenen einen Stoß gab.

»Hinab mit Dir, Du Christenhund!« lachte er. »In zwei Tagen bist Du aufgefressen!«

Der Alte stürzte in ein enges Loch hinab, welches wohl zweimal so tief war, als seine eigene Länge betrug. Er schlug dabei mit dem Gesicht an die Wand und beschädigte sich sehr. Aber er hatte keine Zeit, dies zu beachten, denn kaum hörte er, daß man den Stein über sein Grab legte, so fühlte er eine ganze Schaar lebendiger Thiere an sich emporspringen, die sich augenblicklich in seine nackten Beine einbissen.

»Mein Gott, wirklich bei lebendigem Leibe aufzehren!« rief er erschrocken.

Es waren Ratten, die wer weiß wie lange Zeit gehungert hatten und nun ein neues Opfer erhielten. Er stampfte sie von sich ab und trat sie mit den Füßen. Er ergriff sie mit den Händen und erwürgte sie, aber hundert und aber hundert Bisse verursachten ihm die fürchterlichsten Schmerzen. Das Loch, in welchem er steckte, war kaum vier Fuß breit und zwölf Fuß tief. Er stemmte sich mit dem Rücken an die eine und mit den Füßen an die gegenüberliegende Mauer der schmalen Seite und versuchte, sich nach Schornsteinfegerart emporzuarbeiten. Es gelang.

Dabei löste sich durch den Druck, welchen er ausübte, ein Stein aus der Mauer und fiel auf den Boden hinab. Ein mehrfacher quiekender Laut überzeugte ihn, daß der Stein einige Ratten verwundet oder gar erschlagen habe.

»Ah, Gott sei Dank!« rief er erfreut. »Das giebt eine Waffe!«

Er kletterte wieder niederwärts, ergriff den Stein, welcher von bedeutender Größe war, und schlug mit demselben nach allen Seiten auf dem Boden herum. So viele der Ratten sich an ihn hängten und so viele Bisse er erhielt, er schlug doch eine nach der anderen, bis auch die letzte sich nicht mehr regte.

Als er nun umhertastete, fühlte er diese scheußlichen Thiere umherliegen.

»Welch einen Gestank wird dies bereits morgen geben,« murmelte er. »Sie werden mich zwar nicht fressen, aber mich ersticken.«

Da erfaßte seine Hand einen runden, hohlen Gegenstand. Er stieß einen Schrei des Schreckens aus, denn er hatte einen Todtenschädel ergriffen. Es war jedenfalls die Hirnschaale des letzten vor ihm dagewesenen Gefangenen, den die Ratten förmlich aufgefressen hatten.


// 1298 //

»Das sollte mein Schicksal sein und wird es vielleicht auch noch werden,« sagte er. »Gott, o Gott, was habe ich gethan, daß ich ein solches Ende finden soll! Einst ein Graf Rodriganda, umgeben von Glück, Reichthum und Ehre, und nun ein Fraß des Ungeziefers! Und wer ist schuld daran? Cortejo und Landola, diese beiden Schurken. Herr im Himmel, vergilt es ihnen! Möge Dir die Hölle schlimmer werden, als allen Teufeln, Dir, Du Cortejo, und auch Dir, Du Scheusal Landola!«

Er stand da im stinkenden Dunkel seines Kerkers und streckte die beiden Fäuste empor. In diesem Augenblicke schrak er tief zusammen, denn gerade über ihm erscholl eine Stimme:

»Landola? Ja, er sei verflucht, verflucht, verflucht in alle Ewigkeit!«

Der Ton dieser Stimme klang so grimmig, so knirschend, daß es dem Sclaven zu seinem Schrecke noch grausig überlief.

»Wer ist das?« fragte er. »Wer bist Du, der hier an diesem Orte spanisch redet, die Sprache meines Heimathslandes?«

»Sage erst, wer Du bist,« tönte es von oben herab; »Du, der Du die Mauer meines Gefängnisses zerbrochen hast!«

»Ich bin ein Spanier aus Mexico,« antwortete der Sclave.

»Und wie ist Dein Name?«

»Ich bin Graf Ferdinando de Rodriganda.«

»Santa Madonna!« ertönte die Stimme. »Graf Ferdinando, der Bruder des Grafen Emanuel de Rodriganda?«

»Ja. Kennst Du ihn, o, kennst Du ihn?«

»Ob ich ihn kenne! Oder vielmehr, ob ich ihn gekannt habe, denn er ist ja längst todt!«

»Todt? Nein, er lebt, er lebt; er kann nicht gestorben sein!«

»Warum nicht? Ah, ich entsinne mich ja, daß auch Ihr gestorben sein sollt, und dennoch lebt Ihr noch! Sagt, Sennor, ob Ihr mich nicht belügt! Sagt mir aufrichtig, ob Ihr wirklich Graf Ferdinando de Rodriganda seid!«

»Ich schwöre es bei Himmel und Erde, bei Gott und allen Heiligen, daß ich es bin!«

»Ah, das ist außerordentlich! Die Todten stehen wieder auf! Ich werde zu Euch hinabkommen, Don Ferdinando. Aber sagt mir vorher, wie es Euch gelungen ist, den Stein aus dieser Mauer zu reißen?«

»Er fiel von selbst heraus, als ich emporkletterte, um den Ratten zu entfliehen.«

»So habt auch Ihr dieses Ungeziefer bei Euch?«

»Mein Loch war voll von ihnen und mein Körper ist von ihren Zähnen zerrissen und zerbissen; aber ich habe sie mit dem Steine zermalmt.«

»Mein Gefängniß wird ganz dem Eurigen gleichen. Ich befinde mich seit gestern hier und fand es voller Ratten. Aber ich fühlte in einer Steinritze ein Messer. Es muß von einem früheren Gefangenen stammen. Mit ihm habe ich das ganze Ungeziefer erlegt, bin aber jedenfalls ebenso verwundet und zerbissen wie Ihr, Sennor. Die Mauer, welche uns trennt, ist aus großen, starken Steinen gebildet. Ich hatte bereits versucht, ob sie zu durchbrechen sei, doch vergebens, bis


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ich vorhin den Fall eines der Steine bemerkte. Ich kroch empor an das Loch und hörte Eure Worte. Vielleicht gelingt es mir, mit Eurer Hilfe einen zweiten Stein zu entfernen und dann wird die Oeffnung groß genug sein, daß ich hinüber kann. Wollt Ihr mir helfen, Don Ferdinando?«

»Gern. Ich komme gleich hinauf.«

Er kroch an den beiden engen Wänden empor. Durch den bereits herabgefallenen Stein war eine Bresche in der Mauer entstanden, welche deren Dauerhaftigkeit sehr verminderte. Es gelang in Folge dessen ihrer vereinten Anstrengung, einen zweiten Stein zum Weichen zu bringen, und nun war das Loch groß genug, um einen Menschen durchzulassen.

»Steigt hinab, Sennor! Ich komme hinüber,« sagte der Andere.

»Aber wenn man uns bei einander entdeckt!« warnte der Graf.

»Man wird uns nicht entdecken. Man hat uns verdammt, vor Hunger zu sterben oder von den Ratten gefressen zu werden; man wird uns allein lassen. Und sollte ja Einer von uns Beiden Besuch erhalten, so ist es hier dunkel genug, um unbemerkt die Oeffnung passiren zu können. Wir haben mit einander zu sprechen. Wer aber soll das hier, zwischen den Mauern hängend, aushalten? Ich komme.«

Der Graf kletterte hinab und der Andere folgte ihm, nachdem er durch das Loch gekrochen war. Das Gefängniß war so eng, daß sie beinahe Brust an Brust standen; aber dies belästigte sie nicht im mindesten, es war vielmehr dem Grafen eine Seligkeit, einem Menschen nahe zu sein, von welchem er erwarten konnte, in ihm einen Freund zu finden. Dieser faßte ihn bei beiden Händen und sagte:

»Verzeiht, Don Ferdinando, daß ich Euch die Hand drücke! Aber ich fühle mich ganz selig, nach so langem Leiden einen Landsmann zu finden. Ich bin nämlich aus Manresa gebürtig.«

»Aus Manresa? So nahe bei Rodriganda?« fragte der Graf überrascht.

»Ja. Ich bin nur ein gewöhnlicher Mann. Ich heiße Bernardo Mendosa und mein Vater war Barbier.«

»Ah, ich besinne mich seiner. Er ist der Schwager des braven Juan Alimpo, welcher Castellan meines Bruders war.«

»Ja, Juan Alimpo ist mein Oheim mütterlicherseits. Der andere Oheim, den ich habe, nämlich der Bruder meines Vaters, ist Dominikaner. O, Herr, ich habe Euch vielleicht viel, sehr viel zu erzählen! Kennt Ihr diesen Dominikaner?«

»Nein.«

»So sagt mir zunächst, seit wann Ihr aus Mexico fort seid.«

»Seit langer, langer Zeit. Es ist mir unmöglich geworden, die Tage, Wochen und Monate zu zählen, aber ich glaube, daß ich ungefähr seit zwölf Jahren hier in der Gefangenschaft schmachte.«

»Dios! So wißt Ihr noch gar nicht, daß Euer Herr Bruder, Don Emanuel, gestorben ist.«

»Nein. Sollte er aber wirklich gestorben sein? Wenn ich so über das, was mit mir geschehen ist, nachdenke, so scheint es mir, als ob es Leute gäbe, denen an seinem und meinem Verschwinden außerordentlich gelegen sei.«


// 1300 //

»Glaubt Ihr das, glaubt Ihr das wirklich?« fragte Bernardo rasch. »Vielleicht habt Ihr recht. Aber was ist mit Euch geschehen?«

»Das mag einstweilen auf sich beruhen,« sagte der Graf zurückhaltend. »Sage mir zunächst, was Du von der Heimath und von den Meinigen weißt und wie Du hierher gekommen bist.«

»Was Eure Familie betrifft, Sennor, so weiß ich also, daß Don Emanuel gestorben ist und daß Don Alfonzo das Erbe angetreten hat.«

»Ah!« rief der Graf.

Er erinnerte sich an die letzten Scenen, welche er in Mexico erlebt hatte. Er dachte an jenes Duell, dem Alfonzo so schändlich entflohen war und welches in Folge dessen er selbst hatte ausfechten müssen. Er dachte an Alles, was ihm die brave Maria Hermoyes erzählt hatte; es war daraus hervorgegangen, daß Alfonzo nicht der echte Nachkomme der Grafen von Rodriganda sei. Er dachte ferner an die furchtbaren schrecklichen Stunden, in denen er erstarrt war und auf dem Todtenbette gelegen hatte. Da hatte Alfonzo heuchlerische Thränen vergossen und eine außerordentliche Traurigkeit geheuchelt. Aber das eine Auge des vermeintlichen Todten war nur halb geschlossen gewesen, und so hatte er deutlich gesehen, daß Alfonzo in den Augenblicken, an welchen er sich unbeobachtet bemerkte, statt den Zeichen des Leides eine höhnische Freude in seinem Gesichte getragen hatte. Er dachte endlich an den Moment, an welchem er von Kapitän Landola und dem verrätherischen Cortejo in die Cajüte des Ersteren geschafft worden war. Er hatte da in dem Korbe gesteckt, aber trotzdem Alles gehört, was diese beiden Menschen mit einander gesprochen hatten. Es war daraus hervorgegangen, daß Alfonzo mit im Complotte sein müsse.

Es fuhr ihm dabei durch den Kopf der Gedanke an das zweite Testament, welches er im Beisein von Maria Hermoyes verfaßt hatte. Es war in dem mittelsten Kasten seines Schreibtisches versteckt worden. Hatte man es nicht gefunden? Er hatte ja Alfonzo enterbt, und nun war dieser dennoch jetzt Graf von Rodriganda! Das Testament war also entweder unterschlagen worden oder auf irgend eine Weise verloren gegangen.

»Alfonzo?« fragte er. »Er ist Graf? Wie regiert er seine Unterthanen?«

»O, wie ein echter, richtiger Tyrann. Er ist verhaßt im ganzen Lande. Man fürchtet ihn und flüstert sich gar wunderbare Sachen über ihn zu.«

»Welche Sachen sind dies?«

»Ich weiß nicht, ob ich davon reden darf,« antwortete Bernardo geheimnißvoll.

»Ich bitte Dich, mir Alles aufrichtig zu sagen.«

»Nun, in meiner gegenwärtigen Lage ist ja Alles gleich, es kann mir nichts schaden, wenn ich offen spreche. Man sagt nämlich, daß Alfonzo kein Rodriganda sei.«

»Ah!« entfuhr es dem Grafen. »Woraus schließt man dies?«

»Es scheint so in der Luft zu liegen. Außerdem aber habe ich ein Gespräch zwischen Gasparino Cortejo und meinem Oheim, dem Pater Dominikaner, belauscht. Dieses Lauschen ist auch schuld, daß ich mich hier befinde, man hat mich unschädlich gemacht.«


// 1301 //

»Erzähle, erzähle!« drängte der alte Graf. »Was kann der Dominikaner wissen?«

»Das sollt Ihr sogleich erfahren, Sennor. Ich bin nämlich Gärtner und wurde zuweilen auf Schloß Rodriganda beschäftigt. Es giebt da ein kleines Borkenhäuschen, in welchem ich meine Werkzeuge aufzubewahren pflegte -«

»Ich weiß das, ich kenne es sehr genau,« fiel Ferdinando ein.

Er erinnerte sich an jenes Häuschen, welches der Leser ja auch bereits kennen gelernt hat.

»Eines Abends,« fuhr Bernardo fort, »war ich sehr ermüdet und wollte mich in dem Häuschen ein wenig ausruhen. Ich streckte mich also nieder, schlief aber ein. Als ich erwachte, wußte ich nicht, wie lange ich gelegen hatte. Eben als ich mich erheben wollte, hörte ich die Schritte zweier Männer, welche langsam daher kamen. Vor dem Häuschen blieben sie zufällig stehen und ich hörte nun jedes Wort, welches sie sprachen. Wißt Ihr, wer es war?«

»Nun, ich kann es mir ja denken, Gasparino Cortejo und der Dominikaner.«

»Ja, diese Beiden waren es. Und soll ich Euch mittheilen, was sie mit einander sprachen?«

»Natürlich, natürlich! Rede nur schnell!« antwortete ungeduldig Don Ferdinando.

»Sie schienen schon längere Zeit mit einander im Gespräche begriffen zu sein, obgleich ich nicht begreifen konnte, was meinen Onkel Dominikaner bewogen haben könne, zu so später Stunde eine Unterredung mit Cortejo zu suchen. Vielleicht hatten sie sich ganz zufällig getroffen. Als sie so vor dem Häuschen standen, hörte ich den Letzteren höhnisch sagen:

»Sie maßen sich zu viel an, frommer Pater! Wie können Sie es wagen, dem Grafen Alfonzo de Rodriganda Vorschriften zu machen! Und wenn Sie ihm etwas mitzutheilen haben, so wenden Sie sich in Zukunft an ihn, nicht aber an mich!«

Darauf antwortete mein Oheim mit seiner sanften und doch festen Stimme:

»Sie nennen mein Verhalten eine Anmaßung? Ich bin ein Diener der heiligen Kirche und habe als solcher die Pflicht, zu warnen und zu rathen. Graf Alfonzo mag froh sein, daß ich einstweilen nur als warnender Priester einschreite, dem es schmerzt, zu sehen, welche Ungerechtigkeiten die Unterthanen zu dulden haben. Ich könnte anders gegen ihn auftreten!«

»Ah! Wie denn?«

»Als Ankläger.«

»Als Ankläger? Ich glaube, Sie sind nicht recht gescheidt, mein sehr ehrwürdiger Herr!«

»Ich rühme mich allerdings keiner großen Klugheit, ich verwerfe vielmehr die Klugheit der Kinder dieser Welt, welche nur auf Lug und Trug sinnen. Und wenn Sie mir sagen, daß ich mich an den Grafen, nicht aber an Sie zu wenden habe, so muß ich Ihnen entgegnen, daß nicht er es ist, sondern daß Sie es sind, welcher die Zügel führt. Und außer diesen Zügeln befinden sich in Ihrer Hand auch die Fäden jener Angelegenheit, deren Kenntniß mich befähigt, ja beinahe verpflichtet, gegen Sie und den Grafen als Kläger aufzutreten.«


// 1302 //

Cortejo schwieg einen Augenblick, als ob er erstaunt oder erschrocken sei, dann sagte er:

»Sie schwatzen dummes Zeug! In Ihrem Hirn ist es nicht ganz richtig!«

»O, Sennor, ich könnte Ihnen sofort beweisen, daß mein Hirn ebenso gesund ist, wie das Ihrige!«

»Das dürfte Ihnen sehr schwer werden, mein frommer Vater!« höhnte Cortejo.

»Sehr leicht sogar! Sie halten sich allerdings für klug und weise, Sie glauben, Ihre Schliche so klug und vorsichtig unternommen zu haben, aber Gott bringt Alles an das Licht. Er sieht und hört Alles, und wenn seine Zeit gekommen ist, macht er es offenbar.«

»Reden Sie keinen Wahnsinn! Was sprechen Sie von Schlichen? Wenn Sie sich nicht einer größeren Höflichkeit befleißigen, werde ich Ihnen Sitte und Anstand lehren!«

Diese Worte hatte Cortejo im Zorne gesprochen, aber der Pater antwortete ruhig:

»Nun, so muß ich Sie an Zweierlei erinnern.«

»An was? Ich bin sehr begierig, es zu hören.«

»Zunächst an einen Gasthof in Barcelona. Dort wurde von Ihnen mit Hilfe eines Räuberhauptmannes und seines Genossen ein Kind verwechselt.««

Der alte Graf Ferdinando hatte bis jetzt lautlos zugehört. Jetzt aber rief er rasch:

»Ein Kind verwechselt? In Barcelona? Mein Gott, jetzt wird es hell, jetzt endlich nach so langer Zeit erhalte ich Klarheit! Fahre fort! Schnell! Was antwortete Cortejo?«

»Er schwieg zunächst, aber ein leises, hustendes Räuspern zeigte mir an, daß er sehr erschrocken sein und sich in einer großen Verlegenheit befinden müsse. Dann sagte er endlich:

»Sie sind verrückt, geradezu verrückt!«

Aber der Onkel fuhr unbehindert fort:

»Und sodann erinnere ich Sie an ein Schiff des Kapitän Landola, auf welchem ein Gefangener von Veracruz abgeholt wurde. Wissen Sie, wer dieser Gefangene war?«

Cortejo war einen Augenbock lang wie gelähmt, dann aber knirschte er:

»Mensch, Du bist kein Priester, sondern ein Teufel. Fahre zur Hölle, wohin Du gehörst!«

In diesem Augenblicke blitzte es auf und ein Schoß krachte. Aber die Kugel traf nicht. Gott beschützte den Priester. Dieser erhob drohend die Hand und rief:

»Gasparino Cortejo, nicht ich bin es, sondern Du wirst es sein, der in die Hölle fährt!«

Nach diesen Worten verschwand er zwischen den Büschen. Cortejo blieb eine Weile ganz bewegungslos stehen, als ob er betäubt sei, dann hörte ich ihn murmeln:

»Das sollst Du mir büßen, Du Hallunke! Der Kerl weiß Alles! Nun sollte uns noch dazu Jemand belauscht haben!«

Es wurde mir bange. Ich zog mich in den tiefsten Winkel des Häuschens


// 1303 //

zurück, aber er trat ein, suchte und fand mich. Als er mich erkannte, fragte er grimmig:

»Mensch, was thust Du hier?«

»Ich schlief,« antwortete ich.

Jetzt, da er vor mir stand, war es mir nicht mehr bange, denn ich war stärker als er.

»Hast Du gehört, was gesprochen wurde?« fragte er.

»Ja,« antwortete ich.

Ich hielt es für gut, ihm wissen zu lassen, daß ich ihm gefährlich werden könne.

»Ah! Alles?« fragte er.

»Alles!«

»Der Pfaffe war verrückt; er phantasirte. Aber trotzdem darf Niemand erfahren, was er sagte. Kannst Du schweigen?«

»Ja, Sennor.«

»Nun gut; ich werde Dich belohnen. Du bist bisher nur zur Aushilfe hier gewesen?«

»Allerdings.«

»Nun, von heute an bist Du fest angestellt. Welches Gehalt Du bekommst, wirst Du morgen erfahren; aber wehe Dir, wenn Dir es einfallen sollte, zu plaudern!«

Damit ging er fort und ich war zum zweiten Schloßgärtner avancirt. Ich hatte es sehr gut, aber ich bemerkte doch, daß Cortejo mich mit großem Mißtrauen beobachtete; er schien mich zu fürchten. Der Pater Oheim war seit jener Nacht aus der Gegend verschwunden. Dennoch aber schien Cortejo erfahren zu haben, daß der Dominikaner mir nahe stand, denn eines Tages, als er mich bei meiner Arbeit im Garten traf, fragte er mich:

»Wie ist Dein vollständiger Name?«

»Bernardo Mendosa,« antwortete ich.

»Aus Manresa?«

»Ja.«

»Heißt jener Pater Dominikaner, mit welchem ich an jenem Abende von Dir am Borkenhäuschen belauscht wurde, ursprünglich nicht auch Mendosa?«

»Ja.«

»Er stammt aus Manresa?«

»Ja.«

»So seid Ihr wohl verwandt mit einander?«

»Er ist mein Onkel, der Bruder meines Vaters.«

»Ah! Ich habe ihn längere Zeit nicht gesehen. Weißt Du nicht, wo er sich jetzt befindet?«

»Ich weiß gar nichts von ihm.«

»Ich hoffe, daß Du die Wahrheit sagst,« drohte er mir mit finsterer Miene. »Wenn Du gelernt hast, zu schweigen, so mag Alles vergeben und vergessen sein.«

Er ging fort und ich schwieg; aber trotzdem war nichts vergeben und vergessen. Eines Tages ließ er mich zu sich kommen und gab mir den Auftrag, nach


// 1304 //

Barcelona zu gehen. Im dortigen Hafen lag ein Schiff, dessen Kapitän exotische Gewächse mitgebracht und zu verkaufen habe. Ich sollte mir die Pflanzen ansehen und mir ein Preisverzeichniß geben lassen. Ich ging, aber ich bin niemals zurückgekehrt.«

Der Erzähler schwieg eine Weile. Die Gedanken an die nun folgenden Ereignisse stürmten zu mächtig auf ihn ein. Endlich aber fuhr er fort:

»Ich richtete meinen Auftrag bei dem Kapitän des Schiffes aus; ich kannte ihn damals noch nicht, es war Henrico Landola. Er hatte gar keine Pflanzen, dies gestand er mir unter schadenfrohem Lachen. Und als ich das Schiff verlassen wollte, wurde ich festgehalten, gebunden und in eine dunkle Coje geworfen. Erst nach längerer Zeit, als wir uns bereits auf hoher See befanden, durfte ich das Deck betreten, um frische Luft zu athmen. Und hierbei wurde mir bedeutet, daß ich Matrose sei und bei Todesstrafe zu gehorchen habe.«

»Schändlich!« sagte der Graf.

»O, Don Ferdinando, das war noch lange nicht das Schändlichste! Aber bald bemerkte ich, daß dieser Landola ein Sclavenhändler und Seeräuber sei. Denkt Euch, ich sollte da mitthun! Ich sollte die armen Schwarzen mit fangen und verkaufen helfen! Ich sollte andere Schiffe mit überfallen und ausrauben und mich an der Ermordung der Mannschaft betheiligen! Ich weigerte mich, da wurde ich wieder eingesperrt; ich mußte hungern und erhielt Schläge, die mir die Glieder zerfleischten. O, dieser Teufel, dieser Landola! Könnte ich ihn mit glühenden Zangen peinigen, ich würde es sicher thun!«

»Ueberlaß ihn Gott! Dieser ist gerecht und wird ihn richten. Erzähle weiter.«

»Da ich mich trotz des Hungers, der Schläge und aller Schmerzen standhaft weigerte, an den Verbrechen der Anderen theilzunehmen, so erklärte mir Landola, daß er mir die stärkste Strafe, welche es gäbe, bestimmt habe; ich sollte als Sclave verkauft werden. Wir segelten damals an der Ostküste Afrikas hinauf. Er ankerte vor Gerad und ging an das Land. Nach kurzer Zeit wurde ich abgeholt. Er hatte mich wirklich verkauft. Der Käufer war ein wilder Sclavenfänger, dem ich, mit Ketten belastet, in das Innere des Landes nach Dollo folgen mußte. Dort verkaufte er mich wieder. Mein neuer Herr war ein grausamer Negerfürst. Was ich bei ihm ausgestanden habe, zu erzählen, dazu reicht die menschliche Sprache nicht aus; es ist so furchtbar, daß ich mich noch in meiner Todesstunde darüber grauen und entsetzen werde. Ich mußte arbeiten für zehn Mann, die niedersten, oft die scheußlichsten Dienste; ich wurde gemißhandelt, wie ein Vieh, und erhielt nicht halb satt zu essen, aber trotz alledem und trotz der mörderischen Gegend, in welcher ich mich befand, hielt ich das Alles aus, ja, ich wurde kräftiger und stärker, als ich je vorher gewesen war. Da starb mein Herr. Sein Erbe wollte mich nicht behalten und verkaufte mich an einen Mann aus Härrär, welcher mich mitschleppte und seinem Sultan zum Geschenk machte. So kam ich hierher.«

»Wie lange ist dies her?«

»Es sind erst vierzehn Tage.«

»Ah, darum habe ich Dich nicht gesehen. Ich habe drei Wochen lang entfernt von hier in einer Kaffeepflanzung des Sultans arbeiten müssen. Aber was hast Du gethan, daß Du in das Gefängniß gesteckt worden bist?«


// 1305 //

»Ich erhielt gleich bei meiner Ankunft hier den Befehl, Muhammedaner zu werden.«

»Gerade wie ich; aber ich habe stets widerstanden.«

»Auch ich widerstrebte. Man marterte mich, und als ich mich trotzdem weigerte, den falschen Propheten Muhammed anzurufen, wurde ich in das Loch geworfen, um von den Ratten gefressen zu werden. Ich fand zum Glück das erwähnte Messer, mit welchem es mir gelang, das Ungeziefer zu tödten. Heute hörte ich Euch, Sennor. Es ist geradezu ein Wunder, daß wir Beiden, die wir die gleiche Heimath haben, uns in einem so fremden Lande, in ganz derselben Stadt und in ganz demselben Kerker finden. Ich habe nachgesonnen, ob nicht eine Rettung möglich sei, aber vergebens; unser Zusammentreffen aber nehme ich für einen Befehl vom Himmel, nicht alle Hoffnung zu verlieren. Gott kann unmöglich wollen, daß Ihr die Enthüllung Eurer Familiengeheimnisse hier findet und dann untergehet. Ich bin ein schlichter, einfacher Mann, Ihr aber seid ein vornehmer Herr, der mehr Klugheit und Scharfsinn besitzt als ich. Vielleicht gelingt es Euch, eine Weise zu ersinnen, wie wir uns mit vereinter Kraft aus dem Kerker und diesem Lande retten können. So, das ist Alles, was ich Euch zu sagen habe. Ich überlasse es Euch, ob auch Ihr mir erzählen wollt, wie Ihr nach Härrär gekommen seid.«

Er schwieg. Er erwartete jedenfalls eine Antwort, aber sie blieb aus. Der alte Graf war in Gedanken versunken. Er hatte jetzt so viel gehört, er hatte den ersten Schlüssel zu dem Räthsel gefunden, dessen Lösung ihm bisher unmöglich gewesen war. Durfte er dies als eine Fügung Gottes betrachten, so folgte daraus die Hoffnung, vom Tode und der langjährigen Knechtschaft errettet zu werden. Endlich fragte er den Gärtner:

»Weißt Du oder ahnst Du vielleicht, woher Dein Oheim, der Pater Dominikaner etwas über jene Kindesverwechslung und über jenen Gefangenen auf dem Schiffe des Kapitän Landola gehört hat?«

»Nein. Ich habe Euch bereits erzählt, daß ich den Oheim nicht wiedergesehen habe.«

Der freundliche Leser wird sich entsinnen, daß dieser Pater Dominikaner zweimal die Beichte eines Sterbenden gehört hatte. Einmal in der Räuberhöhle, als der todtkranke Bettler Petro, der eigentlich Manuel Sertano hieß und aus Mataro war, ihm sagte, daß er den Knaben umgewechselt habe. Das andere Mal im Kerker zu Barcelona, als der sterbende Steuermann Jaques Garbilot in Sternau's Gegenwart von dem Gefangenen, welchen Kapitän Landola von Mexico mitnahm, erzählt hatte. Dies waren die beiden Quellen, aus denen der Priester geschöpft hatte. Davon aber wußte Don Ferdinando nichts. Er fragte weiter:

»Woran ist denn mein Bruder Emanuel gestorben?«

»O, wenn er wirklich gestorben ist, so hat er einen sehr traurigen Tod gehabt, Sennor.«

»Der Arme! Erzähle!«

»Er wurde zunächst blind -«

»Das weiß ich. Er war bereits blind, als ich mich noch in Mexico befand.«

»Später wurde er wahnsinnig -«

»Herrgott, ist das möglich!« rief der Graf.


// 1306 //

»Ob es möglich ist, Sennor? Jedenfalls. Aber ob er es wirklich war, das ist eine andere Frage.«

»Mir ist es ahnend, daß er ein Opfer derselben Machination geworden ist, welcher auch ich erlegen bin. Hat man ihn denn nicht unter die Obhut eines tüchtigen Arztes gestellt?«

»Darüber raunte man sich sehr eigenthümliche Sachen zu, gnädiger Herr.«

»Erzähle! Ich will Alles hören, Alles! Versteht Du mich?«

Der Gärtner folgte diesem Gebote nicht sofort. Er schien sich erst besinnen zu müssen. Dann sagte er:

»Ich erfuhr, daß Graf Emanuel neben seiner Blindheit auch an einem gefährlichen Steinschaden leide. Cortejo und Schwester Clarissa ließen drei Aerzte kommen, um den gnädigen Herrn operiren zu lassen. Wenn ich mich nicht irre, so waren dies die Doctoren Francas aus Madrid, Millanos aus Cordova und Cielli aus Manresa.«

»Die beiden Ersteren kenne ich per Renomme; es sind sehr tüchtige Aerzte.«

»Das mag sein; aber Contezza Rosa scheint kein Vertrauen für sie gehabt zu haben.«

»Ah, Rosa, meine schöne Nichte! An sie habe ich jetzt noch gar nicht gedacht. Wo befand sie sich, als Du noch in Rodriganda warst?«

»Sie war fort. Nämlich Onkel Alimpo und Tante Elvira ließen zuweilen, wenn ich bei ihnen war, Worte fallen, aus denen ich schließen konnte, wie die Sachen standen. Contezza Rosa war mit dem Grafen in Paris gewesen und hatte da einen jungen Arzt kennen gelernt. Er war ein Deutscher, aber ein Mann von bereits großem Rufe. Als die drei Aerzte den Grafen operiren wollten, weigerte sie sich, dies geschehen zu lassen, und ließ den Deutschen kommen. Dieser untersuchte den Kranken, obgleich man ihn nicht zu demselben lassen wollte, und erklärte, daß die spanischen Aerzte den Grafen unbedingt tödten würden. Nun entstand ein fürchterlicher Streit. Don Alfonzo -«

»Ah,« fiel der Graf ein, »war Alfonzo bereits in Rodriganda?«

»Ja, Don Emanuel hatte ihn kommen lassen. Don Alfonzo, Cortejo und Schwester Clarissa bestanden darauf, daß der Graf von den Spaniern operirt werde, Contezza Rosa aber wollte ihn nur dem Deutschen anvertrauen. Sie schien überzeugt zu sein, daß die Anderen die Absicht hätten, ihr den Vater zu tödten.«

»Auch ich glaube fest an diese Absicht, nach dem, was ich erfahren habe. Was geschah? Wer setzte seine Ansicht durch?«

»Donna Rosa.«

»Gott sei Dank! So hat sie also doch Festigkeit genug besessen, den Gegnern zu widerstehen.«

»Wer weiß, ob ihr dies gelungen wäre, wenn der Deutsche nicht ein so willensstarker, tüchtiger Mann gewesen wäre. Er drang, als die drei anderen Aerzte sich eingeschlossen hatten, um die Operation zu beginnen, mit Gewalt ein. Man sagt sogar, daß er mit dem Pistole das Thürenschloß zerschossen habe, um sich Eingang zu verschaffen. Er trieb die Mörder hinaus und operirte den Grafen nach einer ganz neuen Erfindung, welche vollständig gelang.«

»Ein braver Mann! Wie war sein Name?«


// 1307 //

»Sternau.«

»Kennst Du ihn?«

»Ich habe ihn gesehen. Er war ein sehr schöner, hoch und kräftig gewachsener, freundlicher Herr. Er besaß Riesenkräfte, denn als er im Parke angefallen wurde, besiegte er eine ganze Anzahl Meuchelmörder ohne andere Hilfe als sich selbst.«

»Ah, man wollte ihn morden?«

»Ja.«

»Das bestärkt meine Ueberzeugung, daß mein Bruder partout sterben sollte.«

»Dieser Sternau operirte sodann auch die Augen des Grafen.«

»Wirklich?« fragte Ferdinando rasch. »Wie war der Erfolg?«

»Ausgezeichnet, denn Don Emanuel lernte sehen. Aber alsbald trat ein neues Unglück ein; der Graf wurde nämlich plötzlich wahnsinnig; er wußte nichts mehr von sich; er hielt sich für meinen Oheim Juan Alimpo.«

»O Dios mios! Das Herzeleid hat dem Armen den Verstand genommen.«

»O, der Deutsche ist ganz anderer Meinung gewesen. Er hat den Kranken untersucht und dann gesagt, daß man ihm ein Gift eingegeben habe, welches wahnsinnig macht.«

Don Ferdinando fuhr sich mit den beiden Händen nach dem Kopfe und knirrschte:

»Ganz so, wie man es bei mir gemacht hat, um den Starrkrampf hervorzubringen. O, es ist gewiß, es ist über allen Zweifel erhaben, daß es eine heimliche Verschwörung gegen uns gegeben hat. Und nun kenne ich auch den Zweck, welchen man verfolgte. O Gott, hilf, daß ich meine Freiheit wieder erlange! Hilf, daß ich als Rächer auftreten kann, um die Schändlichen zu vernichten! Doch sag, Bernardo, war dieser Wahnsinn unheilbar?«

»Ja, wenn Sternau nicht gewesen wäre. Aber er sagte, das Gift sei nur bei einem wilden Volke zu haben, bei welchem er auch gewesen war. Er kannte das Gegengift und gab es dem Grafen ein.«

»Und der Erfolg? Schnell, schnell!« gebot Ferdinando in höchster Aufregung.

»Der Erfolg wäre sicher gewesen; aber am nächsten Morgen war der Graf verschwunden. Man suchte ihn und fand seinen zerschmetterten Leichnam in einer tiefen Schlucht liegen.«

Diese Nachricht wirkte so auf Don Ferdinando, daß er keine Worte fand. Bernardo fuhr fort:

»Doctor Sternau untersuchte den Todten und erklärte, daß dieser Mann nicht der Graf sei. Er und Donna Rosa behaupteten, daß man den Grafen entführt und diese Leiche unterschoben habe. Die Gegner aber recognoscirten die Leiche als Don Emanuel.«

»Schändlich! Teuflisch!« stieß der Mexikaner hervor. »Weiter, weiter!«

»Sternau war ein ganz ungewöhnlicher Mensch, ein wahrer Held; er hätte sich von seinen Gegnern niemals überwinden lassen; aber in der Nacht war er verschwunden, und Donna Rosa wurde grad so wahnsinnig wie ihr Vater. Man munkelte, daß man den Deutschen entführt oder getödtet und der Contezza ganz dasselbe Gift eingegeben habe, welches ihrem Vater den Verstand genommen hatte.


// 1308 //

Die Leiche des Fremden wurde als diejenige des Grafen Rodriganda beerdigt; Don Alfonzo wurde Nachfolger und Donna Rosa, die Wahnsinnige, kam in das fromme Stift, deren Vorsteherin Clarissa war.«

»O, da war nun Alles, Alles verloren!«

»Nein, noch nicht. Mein Oheim, der Dominikaner, forschte nach; er hatte von Alimpo, der mit seiner Frau vom Schlosse gejagt wurde und bei meinem Vater wohnte, Alles erfahren, was dieser wußte. Er fand Sternau unschuldig im Gefängniß zu Barcelona sitzen und befreite ihn. Sternau sah ein, daß er jetzt auf officiellem Wege nichts thun könne. Er entführte Donna Rosa aus dem Stift und floh mit ihr und Alimpo und Elvira nach seiner Heimath.«

»Gelang die Flucht?«

»Ja, obgleich man ihm sofort nachjagte.«

»So befindet sich Rosa jetzt noch in Deutschland?«

»Wahrscheinlich. Als ich in Spanien lebte, war sie Sternaus Frau geworden.«

Don Ferdinando fuhr überrascht auf.

»Sie, eine Gräfin Rodriganda, die Frau eines deutschen Arztes?« sagte er.

»Ja. Ihr dürft Euch nicht darüber wundern, Sennor. Sternau war ein Mann, wie ich noch keinen gesehen habe, ein Mann wie ein König und doch so gut und mild. Er hat es an den Rodrigandas verdient, daß er der Mann ihrer Tochter geworden ist.«

»Du magst recht haben. Obgleich sich soeben das stolze Blut meiner Väter in mir regen wollte, bin ich doch jetzt nichts, als ein elender, hilfloser Sclave. Vielleicht ist meine Nichte in den Armen dieses Mannes glücklicher, als wenn sie das Weib eines Herzogs geworden wäre. Aber sie war ja wahnsinnig? Wie konnte er sie da heirathen?«

»Er hat sie geheilt, wie ihm auch die Heilung Don Emanuels gelungen wäre, wenn man ihn nicht in dem Kerker hätte verschwinden lassen. Er strengte von Deutschland aus einen Prozeß an und erreichte es, daß die von ihm Gerettete als Gräfin Rodriganda anerkannt und ihr das ihr gehörige Erbtheil ausgezahlt wurde.«

»Und dann weiter! Hat er nicht seine Behauptung aufrecht erhalten, daß jene Leiche nicht diejenige meines Bruders sei? Hat er nicht Schritte gethan, die verbrecherischen Thaten Cortejos, Alfonzos und Clarissas aufzudecken?«

»Jedenfalls; aber er war klug genug, nicht öffentlich gegen sie aufzutreten, sondern seine Minen im Geheimen anzulegen. Es kamen Fremde, welche sich in Rodriganda, Manresa und Barcelona niederließen, und von denen man meinte, daß es fremde Polizisten seien, welche Rodriganda beobachten sollten. Mein Vater erhielt von Alimpo aus Deutschland zuweilen einen Brief. Im Letzten, den er bekam, ehe ich entführt wurde, stand, daß Sternau Deutschland verlassen habe, um zunächst den Grafen Ferdinando de Rodriganda aufzusuchen, also Euch, gnädiger Herr.«

»Mich?« fragte der alte Mexikaner erstaunt. »Wie kommt das? Hat er vielleicht geahnt, daß ich nicht todt bin?«

»Das weiß ich nicht; aber Sternau war ein sehr, sehr kluger Mann.«


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»Das sehe ich ein; wenn er mich gefunden hätte, so hätten wir genug Material gehabt, die Bösewichter zu entlarven. Herrgott, wenn er sich noch jetzt auf meiner Spur befände. Wenn er nach Härrär käme, um mich zu befreien!«

»Das scheint mir nicht wahrscheinlich zu sein, Sennor! Denkt an die lange Zeit, welche seitdem vergangen ist! Wollen wir wirklich an unsere Befreiung denken, so müssen wir uns vor allen Dingen klar machen, daß wir nur auf uns selbst angewiesen sind.«

»Das ist wahr. Aber wie entkommen? Heilige Mutter Gottes, hilf uns! Ich habe mich bis zum Wahnsinn gesehnt, vor meinem Tode noch einmal die Heimath wiederzusehen; jetzt aber schreit jeder Tropfen Bluts, jeder Nerv, jede Faser in mir nach Erlösung. Freiheit, Freiheit, nur jetzt die Freiheit! Ich lechze nach Rache, und dann, wenn sie gelungen ist, will ich gern mein Haupt zur Ruhe legen und mich mit der Erde bedecken lassen, welche mir so lange Jahre nichts gewährt hat, als Gram, Elend und einen endlosen, fürchterlichen Kampf mit den höllischen Mächten der Verzweiflung. Herrgott im Himmel, laß mich nach Spanien, nach Spanien, nach Spanien! Dann will ich in meiner letzten Stunde und mit meinem letzten Hauche aller Welt verkünden, daß Du der Herrscher bist, der Allmächtige, dem Niemand, selbst kein Satan und kein Teufel, widerstehen kann!«

Er hatte betend die Hände gefalten und war in die Kniee gesunken, hin auf die Kadaver des getödteten Ungeziefers. Bernardo sah dies nicht, aber er fühlte es, und seine ganze Seele schloß sich dem Flehen des Grafen an. Es entstand eine Pause, in welcher in dem nachtfinsteren Loche die Stille des Todes herrschte, bis endlich der Gärtner sagte:

»Wir wollen uns fassen und ermannen, gnädiger Herr. Gott ist die Liebe, er wird uns helfen, aber nur durch uns selbst!«

»Ja, Du hast Recht,« antwortete der Angeredete, sich wieder vom Boden erhebend. »Wir wollen trotz unserer elenden Lage nicht verzweifeln sondern Hoffnung hegen. Wir wollen uns kaltblütig berathen und es überlegen, auf welche Weise wir entkommen können.«

»So sagt mir, was Ihr denkt! Ihr seid länger hier als ich.«

»Unsere Aufgabe zerfällt in drei Theile; wir müssen entkommen erstens aus diesem Kerker, zweitens aus der Stadt und drittens aus dem Lande. Eins ist so schwierig als das Andere.«

»Ich denke, die Hauptfrage ist, ob wir uns auf unsere Kräfte verlassen können, ob unser Körper die bevorstehenden Anstrengungen und Strapatzen aushalten wird.«

»Was das betrifft,« meinte der Graf, »so habe ich keine Sorge. Ich bin zwar alt, ich habe viel gelitten und erduldet, aber die Kraft meines Körpers ist noch nicht erlahmt, und mein Wille ist so fest wie in der Zeit meiner Jugend. Nun ich Alles, was Du mir erzähltest, gehört habe, bin ich für meine Befreiung begeistert, und diese Begeisterung wird meine Kräfte nicht allein verdoppeln, sondern verzehnfachen. Wie steht es mit Dir?«

»Keine Sorge, Don Ferdinando! Ich bin noch jung und was meine Körperkraft betrifft, so nehme ich es mit zehn Somali oder Arabern auf. Aber sagt mir, ob Ihr nicht bereits früher an die Flucht gedacht habt!«

»Nicht an Flucht gedacht?« lachte der Mexikaner grimmig. »Jede Stunde,


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jede Minute habe ich mich nach Freiheit gesehnt. Ich habe mich nach dem Weg zur Küste erkundigt; er geht durch das Land wilder Stämme und durch die Wüste; ich kenne ihn ganz genau. Aber Vieles, sehr Vieles ist dabei zu bedenken, wenn die Flucht gelingen soll und man nicht geradezu der Wiedergefangennahme, oder dem Tode in die Hände laufen will.«

»Nun, so wollen wir überlegen. Aber es ist kein Augenblick zu verlieren, da wir ja verhungern sollen und der Nahrungsmangel unsere Kräfte aufzehren wird.«

»Zunächst müßten wir die besten Kameele haben, welche es giebt, damit wir nicht eingeholt werden können. Die kostbarsten Thiere hat der Sultan. Sie stehen in der Nähe der Stadt auf der Weide; ich kenne sie, denn ich habe sie oft mit beaufsichtigen müssen. Kannst Du auf einem Kameele reiten?«

»Ja, ich habe es bei meinem letzten Herrn gelernt.«

»Sodann brauchen wir Wasserschläuche und Mundvorräthe. Die Schläuche werden in der Nähe des Kameelplatzes aufbewahrt, und Datteln fänden wir unterwegs. Aber nun müßten wir vor allen Dingen einen Abban haben; der ist unumgänglich nothwendig.«

»Einen Abban? Was ist das?«

»Abban heißt Beschützer. Jeder Fremde, welcher nicht Gut und Freiheit, sogar auch das Leben verlieren will, muß sich einen Eingeborenen des Landes suchen, der ihn gegen Bezahlung unter seinen Schutz nimmt und ihn während der Reise begleitet; dieser Mann heißt der Abban und wird von allen Wilden respectirt.«

»Leider haben wir kein Geld, einen solchen Mann zu bezahlen!«

»Was das betrifft, hm,« meinte der Graf. »Ich wüßte wohl Etwas; aber wir begeben uns da in die Gefahr, daß unsere Flucht gleich im Anfange entdeckt wird.«

»Was meint Ihr, Sennor?«

»Der Sultan ist ungeheuer reich. Man sagt, daß er in seiner Schatzkammer ungeheure Schätze aufbewahre. Man müßte dorthin zu gelangen suchen.«

»Wo ist diese Schatzkammer?«

»Ich kenne sie genau, obgleich ich natürlich noch nicht hineingekommen bin. Man geht durch den Audienzsaal nach dem Schlafzimmer des Sultans. Hier bin ich einmal gewesen, um den Herrscher zu bedienen. Von da aus führt ein Eingang nach dem Raum, in welchem sich die Schätze befinden.«

»Ist dieser Raum verschlossen?«

»Ja, aber nur durch Riegel. Schlösser giebt es in Härrär nicht.«

»Das wäre gut. Aber wie an dem Sultan vorüber gelangen!«

»Hm, ich traue mir so viel Gewandtheit zu, ungehört an ihm vorüber zu kriechen. Aber die Thüre kann leicht ein Geräusch verursachen. Doch, warum hier zagen! Es gilt für uns Leben oder Tod, warum nicht auch für Andere!«

»Richtig. Don Ferdinando, verlaßt Euch auf mich; ich bin zu Allem bereit!«

»Das hoffe ich. Für einen allein ist die Flucht geradezu eine Unmöglichkeit, ein vollständiger Wahnsinn. Nun ich aber Dich gefunden habe und wir einander unterstützen können, dürfen wir eher auf das Gelingen rechnen. Laß uns also den Weg, welchen wir zu nehmen hätten, der Reihenfolge nach überlegen. Zunächst,


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wie kommen wir aus diesem Loche? Das ist die erste und auch die hauptsächlichste Frage.«

»Kennt Ihr dieses Gefängniß von innen?«

»Nein. Vielleicht gelingt es uns, hier emporzukommen und den Stein zu heben. Dann aber befinden wir uns mitten unter den anderen Gefangenen und können den Eingang nicht öffnen; er ist von außen sehr fest verschlossen.«

»Was das betrifft, Don Ferdinando, so weiß ich einen Ausweg. Das Loch, in dem ich mich befinde, führt nicht in das Innere des Gefängnisses. Ich wurde an die hintere Seite desselben geführt. Dort liegt eine große Steinplatte. Man öffnete sie und stieß mich hinab. Mein Loch geht schief unter der Mauer herein, wie ein Kellerloch in Spanien; aber die Platte zu heben vermag kein einzelner Mensch.«

»Vielleicht gelingt es uns zu Zweien. Es fragt sich, ob Dein Loch eng genug ist, so daß man sich wie in einem Schornsteine emporschieben kann.«

»Ja, es ist eng. Ich bin bereits ganz emporgeklettert, konnte aber die Platte nicht bewegen.«

»Ist aber oben Weite genug vorhanden, daß wir neben einander Platz finden?«

»Ich glaube, ja.«

»Gut, so kommen wir hinaus. Dann schleichen wir uns nach dem Palaste. Dort steht Tag und Nacht eine Schildwache; sie muß getödtet werden. Bist Du bereit dazu?«

»Ja. Ich will ja frei sein. Ich werde dem Mann ein Messer ins Herz stoßen.«

»Gut. Dann treten wir ein, schleichen uns in den Thronsaal und von da in das Schlafgemach des Sultans.«

»Geht das? Ist die Thür nicht verschlossen?«

»Nein; die Thür besteht hier nur aus einer Matte. Der Sultan wird gebunden und geknebelt. Wehrt er sich oder giebt er einen Laut, so muß er sterben. Es klingt das zwar entsetzlich, aber dieser Sultan von Härrär zählt nicht mehr als ein Graf von Rodriganda, und sein Leben ist mir nicht kostbarer, als meine Freiheit.«

»Ich stimme bei,« meinte der Gärtner im entschlossenen Tone. »Mein Leben steht mir auch höher als das seinige. Aber unsere Fesseln, gnädiger Herr?«

»Der Schraubenzieher, welcher zu ihrer Lösung nothwendig ist, hängt über dem Lager des Sultans; ich habe ihn gesehen. Dort stehen auch mehrere Thonlampen mit Palmöl gefüllt; dabei liegen Zündhölzer, hier eine große Seltenheit. Der Sultan hat sie aus Berbera erhalten und ungeheuer theuer bezahlen müssen. Wir können also sogleich Licht machen und in die Schatzkammer gehen. Ob er seine Reichthümer in Säcken, Fässern, Kisten oder Kasten aufbewahrt, werden wir erst sehen; die Schlüssel hat er jedenfalls bei sich. Hierbei muß ich noch erwähnen, daß wir nicht zur Stadt hinaus könnten, wenn es uns nicht gelänge, uns des Sultans zu bemächtigen. Die Stadtmauern sind hoch und die Thore fest; die Schlüssel zu den Thoren müssen des Abends stets dem Herrscher übergeben werden.


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Wir nehmen sie ihm ab. So gelangen wir mit dem nöthigen Gelde hinaus in das Freie zu den Kameelen.«

»Dort brauchen wir Sättel und Decken.«

»Diese befinden sich in dem Schuppen, in welchem auch die Wasserschläuche aufbewahrt werden. Allerdings steht eine Wache dort, welche wir aber leicht überwältigen werden.«

»Woher nehmen wir aber Waffen?«

»Vom Sultan. Er hat davon genug.«

»Ah, das ist gut. Nun handelt es sich nur noch darum, auch Kleider zu erlangen. Ich trage nur ein Hemde. Man würde mich als einen entlaufenen Sclaven erkennen.«

»Mich ebenso. Doch auch hier ist sehr leicht Rath geschafft, denn der Herrscher soll in seiner Schatzkammer ganz kostbare Gewänder aufbewahren. Er bekommt deren genug als Handelsgeschenk oder Tribut. Wir werden uns mit allem Nöthigen so versehen, daß wir als große Herren reisen können. Jetzt handelt es sich aber auch um die Sprache. Es ist nothwendig, gut arabisch zu sprechen. Ich habe es gelernt.«

»Ich auch.«

»So kann es uns gar nicht fehlen, wenn wir die Stadt nur erst im Rücken haben. Einen Abban finden wir für unser Geld gewiß. Am Liebsten möchte ich gleich jetzt beginnen, um ja keinen Augenblick zu versäumen.«

Der alte Graf war ganz voller Begeisterung für seinen Fluchtplan, ebenso aber auch der Gärtner. Dieser fiel sofort ein:

»Auch ich bin bereit, Sennor. Wollen wir?«

»O wie gern! Aber leider geht es nicht an; wir müssen Geduld haben und warten.«

»Warum?«

»Weil wir mehrere Stunden brauchten, um nur hinaus bis zu den Kameelen zu gelangen, und dazu ist es heute zu spät. Man würde unsere Flucht zu zeitig entdecken und uns nahe auf den Fersen bleiben. Dann wären wir jedenfalls verloren.«

»Das sehe ich nicht ein,« warf der Gärtner ein.

»So kennst Du dieses Land nicht. Wir wissen noch gar nicht, ob wir uns nach Zeyla oder Berbera wagen dürfen, und dies sind die beiden Häfen, welche uns am nächsten liegen. Vielleicht müssen wir uns an der Küste verstecken, um ein vorüber segelndes Schiff zu erwarten. Dort würden wir ganz sicher eingeholt. Nein, wir müssen unbedingt bis morgen Abend warten.«

»Gut, ich füge mich, Don Ferdinando. Aber Eins können wir bereits jetzt thun.«

»Was?«

»Wir können versuchen, ob es uns gelingt, den Stein zu bewältigen.«

»Da gebe ich Dir allerdings recht. Gelingt uns das, so wird uns die Ueberzeugung beruhigen, daß wir zu jeder Stunde unseren Kerker verlassen können, gelingt es aber nicht, so wissen wir dann doch, daß wir uns einen andern Weg


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aus dem Gefängnisse bahnen müssen; denn hinaus müssen wir, auf jeden Fall und um jeden Preis.«

»So wollen wir hinüber zu mir gehen. Ich werde voransteigen.«

Der Gärtner turnte sich an der Mauer empor, und der Graf folgte ihm. Sie gelangten ohne große Mühe durch die Oeffnung hinüber in das andere Loch. Dieses hatte, wie Don Ferdinando sich bald überzeugte, ganz dieselbe Breite und Tiefe, wie das seinige. Man konnte also nach Schornsteinfegerart emporklettern.

»Fühlt Ihr die Ratten, welche ich getödtet habe, Sennor?« fragte Bernardo.

»Ja. Aber komm, wir wollen in die Höhe.«

»Laßt mich voran, weil ich bereits oben gewesen bin.«

Er schob sich in die Höhe, hüben mit dem Rücken und drüben mit den Füßen anliegend; der Mexikaner folgte ihm rüstiger und schneller nach, als man es bei seinem Alter erwartet hätte. Ungefähr fünf Fuß vom Boden entfernt, machte das Loch eine Biegung zur Seite. Es ging unter der Gefängnißmauer schief hindurch und wurde dann etwas weiter. So gelangten sie, ohne sich außerordentlich angestrengt zu haben, zu der Steinplatte, welche ihnen die Freiheit verschloß.

»Nun gilt es, Sennor,« sagte Bernardo. »Kommt herbei; wir wollen probiren.«

Sie fanden wirklich Platz neben einander, und da das Loch nicht senkrecht, sondern in einem halbrechten Winkel hier nach oben führte, so konnten sie fester Halt fassen und doch den größten Theil ihrer Kraft auf die Bewegung der Platte verwenden. Erst schien sie doch zu schwer zu sein, aber bei dem zweiten Stoße wich sie und schob sich ein Wenig zu Seite, so daß eine Lücke entstand, durch welche der Sternenhimmel zu erblicken war.

"Gott und allen Heiligen sei Dank; es geht!"

»Gott und allen Heiligen sei Dank; es geht!« flüsterte der Graf. »Hier giebt es frische Luft, anstatt des pestialischen Gestankes da unten. Mir ist, als ob die Sterne das Gelingen unseres Planes zublinkten. Verstehst Du es, an den Sternen die Zeit zu erkennen?«

»Ja. Es ist bereits nach Mitternacht.«

»Es wäre also zu spät, unser Werk zu beginnen. Wie still und lautlos ist es ringsumher. Härrär liegt in tiefster Ruhe. Dort drüben bei Hadschi Amadan stehen noch die Dattelsäcke, welche er heute erhalten hat: ich erkenne sie, trotzdem es sehr finster ist.«

»Dattelsäcke?« fragte der Gärtner. »Ah, wenn man sich da Etwas holen dürfte? Ich habe seit einigen Tagen nichts zu essen bekommen.«

Die Augen des Grafen schweiften forschend zur Lücke hinaus. Nach einer Weile sagte er:

»Eigentlich ist dieser Wunsch sehr unvorsichtig zu nennen, aber wir müssen bedenken, daß wir morgen all' unserer Kräfte bedürfen. Bei mir ist der Durst größer, als der Hunger, und ich weiß, daß unter dem Vordach des Hadschi stets ein Schlauch voll Wasser hängt. Wollen wir es wagen, Bernardo?«

»Warum nicht? Wer will uns bemerken?«

»Gut! Wir heben den Stein vollends fort und kriechen am Boden hin, damit wir ganz sicher sind, damit uns Niemand bemerkt.«

»Erst will ich mein Messer holen. Man weiß nicht, was passiren kann.«


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Er kehrte nach unten zurück und kam bald wieder, das Messer zwischen den Zähnen.

Nun stemmten sie sich abermals aus aller Kraft gegen den Stein und brachten ihn glücklich ganz auf die Seite. Jetzt konnten sie heraus zur Erde steigen. Sie legten sich auf den Boden nieder und krochen auf Händen und Füßen vorwärts, nach dem Gebäude zu, unter dessen Vordach die Dattelsäcke standen. Ueber ihnen hing der Schlauch, von welchem der Graf gesprochen hatte. Er trat hinzu und wollte trinken, aber der Gärtner faßte ihn beim Arm und flüsterte:

»Warum jetzt trinken, Sennor?«

»Wann sonst?«

»Später. Bedenkt, daß dieser Schlauch uns nothwendiger ist, als diesem Hadschi. Ich mache den Vorschlag, wir nehmen ihn mit.«

»Man wird bei Tagesanbruch entdecken, daß er fehlt!«

»Was schadet das uns? Habt Ihr in Eurem Hemde eine Tasche?«

»Nein.«

»Ich auch nicht. Hm!«

»Warum fragst Du?«

»Weil ich mir überlege, wohin wir die Datteln stecken sollen, um sie fortzubringen. Ah, da hängt ein Strick; nun ist uns geholfen.«

Er hatte, ganz absichtslos und zufälliger Weise, seine Hand an den Pfosten gelegt, wo er den Strick fühlte, der an einem hölzernen Pflocke hing. Er nahm ihn herab, und ohne sich auf weitläufige Gewissensfragen und ihre Beantwortung einzulassen, warf er sich einen der gefüllten Dattelsäcke auf die Schulter und sagte:

»Nehmt Ihr den Schlauch, Sennor; dann können wir schmaußen und trinken.«

Nach diesen Worten huschte er in größter Eile nach dem Gefängnisse hinüber, und der Graf konnte nicht anders, er mußte ihm mit dem Schlauche folgen. Drüben angekommen, fragte er:

»Aber wie bringen wir die Sachen hinab?«

»Wir lassen sie an diesem Stricke hinunter,« lautete die Antwort.

Dies geschah. Erst wurde der Sack und dann der Schlauch hinabgelassen; dann folgten die Beiden nach. Sie fanden da unten nur freilich Platz genug zum Stehen für zwei Männer, aber sie konnten nun doch ihren Hunger und Durst stillen und löschen. Dann kehrten sie wieder nach oben zurück, wo es ihnen möglich war, frische Luft zu athmen bis zur Zeit, in welcher sich die Bewohner Härrärs von ihrer Ruhe zu erheben pflegen.

Hier lagen sie vor der Mündung ihres Loches und besprachen die geplante Flucht. Dabei schien der Graf eine Sorge zu haben, denn er sagte:

»Wenn wir nur jetzt nicht eine Dummheit begangen haben, Bernardo. Wir hätten auf die Datteln und auf das Wasser verzichten sollen!«

»Warum?« fragte der Gärtner.

»Weil uns das in eine schlimme Lage bringen und unsere ganze Flucht vereiteln kann.«

»Da möchte ich denn doch wissen, wie!«


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»Wir müssen bedenken, daß man hier keine Wohnung zu verschließen und Alles öffentlich stehen zu lassen pflegt. Die Bewohner dieses Landes sind zwar die niederträchtigsten Räuber und Spitzbuben gegen Andere, aber unter sich selbst sind sie die ehrlichsten Kerls. Man wird bei Tagesanbruch den Diebstahl bemerken und sich darüber ganz außerordentlich entsetzen. Man wird Nachforschung halten und wenn man dann entdeckt, daß wir die Thäter sind, so werden alle Hoffnungen zu schanden und wir fallen einem fürchterlichen Tode anheim.«

Der Gärtner schüttelte den Kopf und meinte:

»Wenn Ihr weiter keine Sorge habt, so brauchen wir nicht bange zu sein, denn ich wüßte nicht, wie diese Leute entdecken sollten, daß wir die Thäter sind.«

»Wenn sie unsere Spur finden!«

»Pah! Es ist ja ganz unmöglich, daß wir eine Spur hinterlassen haben. Wir sind Beide barfuß, und der Boden ist so hart und fest wie Stein. An uns wird man am Allerwenigsten denken; wir sind ja Gefangene und können unsere Löcher gar nicht verlassen. Uebrigens können wir uns einer sehr guten That rühmen. Wenn wir fliehen, lassen wir natürlich die Datteln zurück, und dieser Speisevorrath wird meinem unglücklichen Nachfolger zu Gute kommen und ihn lange vor dem Verhungern schützen.«

So tauschten diese Beiden ihre Meinungen aus, und erst, als ein entferntes Geräusch sich merken ließ, daß die Bewohner der Stadt zu erwachen begannen, brachten sie die Platte wieder in ihre richtige Lage und rutschten in das Loch zurück. Dort fragte der Gärtner:

»Bleiben wir bei einander, Sennor?«

»Nein,« antwortete der Graf. »Das wäre eine große Unvorsichtigkeit. Es ist ja sehr leicht möglich, daß man einen von uns zu sehen oder zu sprechen verlangt. Ich kehre in mein Loch zurück, und wir setzen einstweilen die ausgebrochenen Steine wieder in die Zwischenwand. Die Vorsicht gebietet uns dies, wenn wir das Gelingen unseres Planes nicht ganz und gar auf das Spiel setzen wollen.«

Sie thaten Beide nach diesen Worten. Zwar verursachte es ihnen die größte Anstrengung, die Steine wieder einzusetzen, da sich dabei der Eine diesseits und der Andere jenseits der Mauer befand, aber es sollte sich im Laufe des Tages zeigen, daß es sehr klug gewesen war, die Vorsicht, sich zu trennen, anzuwenden. -

Wir haben am Abende Halef, den Boten des Karawanenführers, vor dem Stadtthor verlassen und gesehen, daß der Wächter zum Sultan gehen wollte, um ihn anzumelden. Er kam an den Palast, als der Graf Ferdinando soeben nach dem Gefängnisse abgeführt worden war.

Als er in den Audienzsaal trat, saß der Sultan noch auf seiner Thronbank. Das Gesicht des Herrschers war finster; sein Zorn über den Sclaven war noch nicht erloschen. Wer ihn kannte, der wußte, daß es jetzt gefährlich sei, an ihn zu kommen. Er blickte den Thorwächter mit funkelnden Augen an und fragte:

»Was willst Du so spät?«

Der Gefragte warf sich auf den Boden nieder, erhob den Kopf ein Wenig und antwortete:

»Es ist ein Bote vor dem Thore, welcher Einlaß begehrt.«

»Wer sendet ihn?«


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»Arafat, der Emir der Karawane.«

»Arafat? Ah, ist er endlich da? Er hat mich lange warten lassen und soll meinen Zorn empfinden. Was für einen Boten hat er gesandt?«

»Einen Somali.«

Da machte der Sultan eine Bewegung des Grimmes und rief:

»Einen Somali? Du wagst es, Du Hund, mich eines armseligen Somali wegen so spät zu belästigen! Gott sei Dir gnädiger als ich. Komme herbei!«

Der Wächter kroch näher, bis sein Kopf zu den Füßen der Bank lag, auf welcher der Sultan saß. Er hätte es nicht gewagt, dem ihm gewordenen Befehle zu Wiederstehen.

»Erhebe Dich auf die Kniee und drehe Dich um!«

Dieses Gebot sagte dem Armen, was er zu erwarten habe. Der Herrscher von Härrär pflegt nämlich Denen, welche seinen Grimm erregen, mit seinem schweren und scharfen Haumesser einen Hieb in den Nacken zu versetzen. Geht dieser Schlag durch den Halswirbel, so ist der Mann natürlich todt, und Niemand darf es wagen, ihn zu beklagen. Geht der Hieb aber nicht durch, so kommt der Getroffene allerdings meist mit dem Leben davon, aber es entsteht eine außerordentlich schmerzhafte Wunde, nach deren höchst langsamer Heilung gewöhnlich eine Steife des Halses zurückbleibt. Man sieht in Härrär und Umgegend sehr viele Männer, welche einen steifen Hals haben, ein Andenken an den Zorn des liebenswürdigen Herrschers, dem das Leben eines Unterthanen nicht mehr gilt als dasjenige einer Fliege.

Der Wächter erhob sich in knieende Stellung, schloß die Augen und drehte dem Sultan den Nacken zu. Dieser zog seinen Yatagan, holte aus und schlug zu. Der Hieb war so kräftig, daß er den Halswirbel trennte. Der Kopf knickte nach vorn herunter; der Körper stürzte zu Boden, und ein starker Blutstrom Schoß auf den Letzteren hin.

»So muß es allen ergehen, welche ungehorsam sind!« rief der Sultan. Dann wendete er sich zu dem Henker, welcher von dem Gefängnisse zurückgekehrt war und fragte:

»Hast Du den ungläubigen Sclaven in Sicherheit gebracht?«

»Ja, Herr,« antwortete der Mann, indem er sich niederwarf.

»In das schlechteste Loch?«

»Ja. Er wird einen bösen Kampf mit den Ratten zu bestehen haben.«

»Und er wird nicht fliehen können?«

»Nein; die Flucht ist ihm unmöglich.«

»Gut! Du bist ein gehorsamer Mann; ich werde Dich belohnen. Du sollst an Stelle des Wächters treten. Dein Amt beginnt von jetzt an. Gehe an das Thor und sage diesem verfluchten Somali, daß ihn Allah verderben möge. Er mag zu seinem Herrn zurückkehren und ihm melden, daß ich seine Geschenke zwei Stunden nach Tagesanbruch erwarte. Aber eingelassen wird so spät kein Härräri, viel weniger aber ein Somali!«

»Soll ich den Emir einlassen, Herr, wenn er mit den Geschenken naht?«

»Nein, er möchte denken, daß ich es nicht erwarten kann, ihn bei mir zu sehen. Er mag vor dem Thore warten, eine ganze Stunde lang, mit allen seinen Leuten. Es ist eine unverdiente Gnade für diesen Hund, wenn ich ihm überhaupt erlaube, meine Residenz zu betreten.«


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Der Henker, welcher nun zum Wächter avancirt war, entfernte sich. Vor dem Thore wartete Halef auf ihn. Er erwartete ganz bestimmt, eingelassen zu werden, und erstaunte nicht wenig, als er die Worte vernahm:

»Kehre zurück zu Deinem Herrn und melde ihm, daß kein Somali eingelassen wird!«

»Allah ist groß! Warum nicht?«

»Weil der Sultan die Somali verachtet. Der Wächter ist getödtet worden, weil er ihm zugemuthet hat, ihm Deinetwegen den Schlüssel zu geben. Ich bin sein Nachfolger.«

»Du sagst, ich solle zu meinem Herrn zurückkehren? Du sagst ferner, der Sultan verachte die Somali?« zürnte Halef draußen vor dem Thore. »Weißt Du nicht, daß ich keinen Herrn habe? Wir Somali sind freie Männer, Ihr aber seid elende Knechte und Sclaven. Euer Leben gehört Eurem Tyrannen; er nimmt es Euch, wenn es ihm beliebt. Er verachtet uns, sagt er, und doch kauft er unsere Waare, doch handelt und feilscht er mit uns, wie ein Jehudu, wie ein Jude. Wir, wir sind es, die Euch verachten. Und Allah möge Dich verdammen, wenn Du dies nicht einsiehst und im Gedächtnisse behältst. Lebe wohl, Sclave Deines Henkers!«

Er stieg auf das Kameel und eilte davon.

Nach kurzer Zeit breitete sich nächtliche Stille über die Stadt. Die beiden Gefangenen und die Angehörigen des hingerichteten Wächters waren wohl die Einzigen, welche den erquickenden Schlaf nicht suchten.

Am anderen Morgen, zwei Stunden nach Tagesanbruch, kam ein Bote des Sultans an das Thor.

»Ist die Handelskarawane da?« fragte er.

»Nein,« antwortete der neue Wächter.

»So sollst Du zu dem Sultan kommen.«

Der Beamte erbleichte. Daß er zum Herrscher beordert wurde, flößte ihm Bedenken ein; aber er mußte gehorchen, und das zwar augenblicklich.

Er fand den Herrn bereits auf dem Throne sitzen und warf sich nieder, um die Anrede zu erwarten. Einige Große des Reiches standen dabei.

»Ist der Emir Arafat mit den Geschenken angekommen?« lautete die Frage.

»Noch nicht, Herr.«

»Warum zögert dieser Hund? Hast Du diesem Somali, seinem Boten, nicht gesagt, daß ich ihn zwei Stunden nach Aufgang der Sonne erwarte?«

»Nein, ich fand keine Zeit, es ihm zu sagen,« antwortete der Wächter zitternd.

»Warum nicht, Du Hund, Du Sohn von einem Hunde?« brauste der Herrscher auf.

»Weil er zu eilig davonritt.«

»So soll ich Deinetwegen warten? Habe ich Dich darum zum Wächter bestellt? Allah ist groß und gerecht. Was der Mensch giebt, das erhält er wieder. Du hast als mein Henker viele Leute getödtet; es wird nun Dein Leben genommen werden. Komm her!«

Es wiederholte sich jetzt dieselbe Procedur wie gestern Abend. Einige Augenblicke später lag der Wächter mit durchhauenem Halse am Boden, und es wurde


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abermals ein Nachfolger bestellt, welcher sofort nach dem Thore eilte, dessen Schlüssel er von dem Sultan erhalten hatte.

Dieser befand sich in der gefährlichsten Stimmung. Er hatte allerdings gesagt, daß er die Somali verachte, aber er konnte vor Habgier ihre Geschenke nicht erwarten.

So verging fast der ganze Vormittag, ehe der Emir gemeldet wurde. Jetzt ließ der Herrscher ihn nicht am Thore stehen, wie es gestern Abend seine Absicht gewesen war, sondern er ertheilte den Befehl, ihn sofort einzulassen und nach dem Palaste zu bringen.

Nach kurzer Zeit erschien der Karawanenführer. Er hatte fünf Männer bei sich, welche ein hoch beladenes Kameel geleiteten. Dieses wurde abgeladen; seine Last bestand in den Geschenken, welche für den Sultan bestimmt waren. Die Sachen wurden von den Leuten des Herrschers in Empfang genommen, und Arafat durfte mit seinen Begleitern eintreten, nachdem er jedoch zuvor die Waffen abgelegt und die Schuhe ausgezogen hatte. Er wurde mit höchst unfreundlicher Miene empfangen.

»Warum knieet Ihr nicht nieder!« rief der Sultan.

»Wir beugen unsere Kniee nur vor Allah,« antwortete der Emir stolz. »Wir sind freie Männer und beten keinen Menschen an.«

»Warum kommst Du so spät?«

Der Ton dieser Frage war ein solcher, daß die dunklen Augen des Emirs zornig aufblitzten.

»Weil es mir so gefiel,« sagte er.

»Ah, Du hast Dich nach meinem Willen zu richten, nicht aber nach Deinem Wohlgefallen! Weißt Du, daß ich Deinetwegen zwei Wächter hingerichtet habe?«

»Ich bin nicht Schuld daran. Ich bin gekommen, um mit Dir zu handeln, nicht aber, um mich zu zanken, oder gar mich beleidigen zu lassen.«

»Deine Sprache ist sehr kühn! Habe ich Dich beleidigt?«

»Wer einen Boten kränkt, der kränkt Den, dessen Bote er ist. Sage mir, ob Du meine Geschenke nehmen und mit mir handeln willst. Wo nicht, so ziehe ich weiter.«

»Was bringst Du dieses Mal?«

»Seidene Gewänder und Shawls, Messing, Kupfer und Eisen, Pulver, Papier und Zucker.«

»Und was willst Du dafür eintauschen?«

»Elfenbein, Tabak, Kaffee, Safflor, Butter, Honig und Gummi.«

»Ich werde sehen. Breitet die Geschenke aus!«

Jetzt legte man ihm die Sachen vor, welche ihm der Emir verehren wollte, um den Handel einzuleiten. Sie bestanden in Schießpulver, schönen Gewändern und Eisenwaaren, meist in Deutschland gefertigt. Der Blick des Sultans wurde besonders angezogen von drei Revolvern, welche sich dabei befanden.

»Diese Waffen sind sehr nützlich,« sagte er. »Ich weiß auch, wie man sie gebraucht; aber wenn die Munition alle ist, kann man sie nicht mehr gebrauchen. Es war einst ein Inglis hier, welcher mir eine solche Pistole schenkte. Er unter-


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wies mich im Gebrauch derselben, doch kaum war er fort, so hatte ich keine Patronen mehr, und die Waffe war unnütz.«

Unter diesem Engländer meinte er Burton, welcher bereits am Beginn dieses Kapitels erwähnt wurde. Dieser hatte ihm allerdings einen Revolver geschenkt.

»Ich habe viele Patronen,« antwortete der Emir. »Du kannst sie alle kaufen?«

»Was? Kaufen?« fragte der Sultan. »Die Waffe schenkst Du mir und die Munition soll ich kaufen? Weißt Du nicht, daß die Patronen dazu gehören?«

»Sie gehören nicht dazu, und ich habe in Aden ein ungeheures Geld für sie bezahlen müssen. Ich habe auch andere Patronen zu zwei schönen Gewehren, welche ich Dir zum Kaufe anbiete. Solche Flinten sind noch nie hier gewesen; sie haben zwei Läufe und sind in Amerika gemacht.«

»Hole sie!« gebot der Sultan, und griff gierig nach den Doppelbüchsen.

»Ich werde sie mit den anderen Waaren bringen, sobald Du mir gesagt hast, daß Du mit meinen Geschenken zufrieden bist und daß der Handel beginnen kann.«

Der Sultan verschlang die Geschenke noch einmal mit seinem Blicke und antwortete:

»Ich bin der mächtigste Herrscher aller Länder weit und breit. Dieser Tribut ist eines so großen Sultans nicht würdig; aber Allah ist barmherzig, und auch ich will gnädig sein. Bringe herbei, was Du hast. Erst will ich kaufen und dann sollen meine Leute nach mir auch kaufen dürfen.«

»Ich gehe. Aber Du thust Unrecht, zu sagen, daß ich nichts hätte, was Deiner würdig sei. Ich habe Etwas, was kein anderer Fürst, kein anderer Sultan besitzt.«

»Was ist es?«

»Eine Sclavin.«

»Ich brauche sie nicht,« sagte der Herrscher im wegwerfendsten Tone. »Das Leben und das Eigenthum aller meiner Unterthanen gehört mir; alle Weiber und Töchter sind mein; ich kann unter ihnen wählen, wie es mir beliebt.«

»Du hast recht. Aber so ein Mädchen, wie ich besitze, giebt es in Härrär nicht.«

»Ist es eine Nubierin?«

»Nein.«

»So ist es eine Abessynierin?«

»Auch nicht.«

»Was ist sie sonst?«

»Es ist eine Weiße,« sagte der Emir mit großem Nachdrucke.

Der Sultan machte eine Bewegung freudiger Ueberraschung und sagte:

»Allah! Es ist eine Türkin!«

»Auch keine Türkin. Eine Türkin würde höchstens fünfhundert Mariatheresienthaler kosten; die Sclavin aber, welche ich verkaufen will, ist so viel tausend werth.«

Da fuhr der Sultan hoch von seinem Sitze auf und rief:

»So ist es eine weiße Christin, eine Ungläubige!«

Man muß nämlich wissen, daß eine europäische Sclavin in jenen Gegenden für das kostbarste, herrlichste Gut gehalten wird, welches kaum bezahlt werden kann.


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»Ja,« antwortete der Emir. »Es ist eine christliche Sclavin.«

»Ist sie weiß?«

»Wie Elfenbein, welches die Sonne bleicht.«

»Schön?«

»Es giebt keine Houri des Paradieses, welche sich mit ihr vergleichen könnte.«

»Klein?«

»Nein, hoch und schlank gewachsen wie die Palme, welche goldene Früchte trägt.«

Man sah es jetzt dem Sultan an, daß seine Gier von Augenblick zu Augenblick größer wurde. Er erkundigte sich sogar nach Einzelnheiten, nach denen ein Muhamedaner in Gegenwart Anderer niemals fragt, sondern solche Fragen nur in der ausschließlichen Gegenwart des Händlers unter vier Augen ausspricht:

»Ist sie dick?«

»Nein, sie ist kein Schwein, wie eine Türkin: aber sie ist auch keine dürre Pfoste, wie ein altes Nubierweib.«

»Beschreibe sie! Wie sind ihre Hände?«

»Klein und zart, wie diejenigen eines Kindes, und ihre Nägel glänzen wie Rosenblätter und wie der erste Traum der Morgenröthe.«

»Ihre Arme?«

»Sie sind weiß wie Papier und voll und rund, zum Entzücken dessen, um dessen Nacken sie sich in Liebe schlingen.«

»Ihre Füße?«

»Sie gleichen ihren Händen. Ihr Gang ist wie der Gang der Gazelle, so leicht und schön.«

»Ihre Taille?«

»Du kannst den süßen Leib mit Deinen Fingern umspannen.«

»So ist ihre Brust wie diejenige einer magern Giraffe, o Emir!«

»Nein. Ihr Busen ist voll wie ein Doppelbrunnen, der nie von der Sonne leidet, und ihre Hüften sind schöner als die Schönheit von Ayescha, welche das Lieblingsweib des Propheten war, den Allah segnen möge!«

»Ihr Mund und ihre Zähne?«

»Ihre Lippen sind Granaten, zwischen denen die Zähne wie Perlen glänzen. Wer die Sclavin küßt, der kommt in Gefahr, das Leben und die Welt und sich selbst zu vergessen.«

»Allah! Du hast sie geküßt!« rief der Sultan, bereits so eifersüchtig, als ob die betreffende Sclavin ein Eigenthum seines Harems sei.

Der Emir konnte ein Lächeln der Befriedigung kaum unterdrücken; er erkannte, daß er seine Waare zu einem sehr hohen Preise losschlagen werde.

»Du irrst,« antwortete er. »Es hat noch kein Mensch die Lippen dieses Mädchens berührt.«

»Weißt Du dies genau?«

»Ich weiß es. Wer wollte sie küssen, da Niemand mit ihr sprechen kann?«

»Allah! So ist sie stumm und taub dazu?«

»Nein. Ihre Rede klingt vielmehr wie der Gesang der Nachtigall, aber sie redet eine Sprache, welche hier kein Mensch versteht.«


Ende der fünfundfünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk