Lieferung 56

Karl May

15. Dezember 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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»Welche Sprache ist es?«

»Ich weiß es nicht; ich habe solche Worte noch nie vernommen. Ich habe Araber, Somali, Härräri, Indier, Malayen, Türken, Franzosen und Perser reden hören, aber Keiner von ihnen hat gesprochen wie dieses Mädchen.«

»Woher hast Du sie?«

»Ich war in Ceylon und traf dort einen chinesischen Mädchenhändler. Ich sah diese Sclavin und gab einen hohen Preis für sie, um sie Dir zu bringen.«

»So gehe und hole sie nebst den anderen Waaren! Aber zaudere nicht, sondern beeile Dich!«

Der Emir entfernte sich mit seinen Leuten, um dem sehnsüchtigen Verlangen des Herrschers Folge zu leisten. Unterdessen wurden die Revolver zur Schau im Throngemache aufgehängt. Erst als sich alle Anwesenden auf den Befehl des Sultans zurückgezogen hatten, machte er sich höchst eigenhändig über die übrigen Geschenke her, um sie nach der Schatzkammer zu tragen.

Die Kunde, daß eine Handelskarawane angekommen sei, lockte die Bewohner Härrärs aus ihren Häusern, doch blieb der Platz vor dem Palaste des Sultans vollständig leer. Man wußte ja, daß er erst seine Einkäufe machte, ehe Andere an die Reihe kamen. Eine Zudringlichkeit hätte das Leben kosten können.

Es dauerte nun nicht lange Zeit, so zog der Emir mit seinen Kameelen und Leuten zum Thor herein, durch die holperigen Gassen dahin und hielt vor dem Palaste.

Hier wurden die Thiere von ihrer Bürde befreit, ein einziges ausgenommen, auf welchem sich die Sänfte befand. Man breitete große Teppiche auf die Erde und legte da die Waare aus. Als dies geschehen war, kam der Sultan, um die Waaren anzusehen. Er war ganz allein, und Niemand durfte dabei sein, während er seine Auswahl traf.

»Wo ist die Sclavin?« war seine erste Frage.

»Dort in der Atuscha (Sänfte),« antwortete dieser.

»So will ich sie sehen!«

Der Handelsmann schüttelte den Kopf und sagte:

»Zuerst die todte Waare und dann die lebendige.«

Der Sultan machte ein zorniges Gesicht und erwiderte in strengem Tone:

»Hier in Härrär bin ich der Gebieter. Man hat mir zu gehorchen. Ich will sie sehen!«

»Ueber meine Sachen bin ich der Gebieter,« sagte Arafat sehr ruhig. »Wer mir von den anderen Sachen viel abkauft, der bekommt die Sclavin zu sehen, sonst Keiner. Darf ich mit meinem Eigenthum nicht thun, was ich will, so ziehe ich wieder fort!«

»Und wenn ich Dich festhalte?« sagte der Sultan drohend.

»Festhalten? Gefangen nehmen? Mich?« gegenfragte der Andere, einen Schritt zurücktretend.

»Ja, Dich!«

»Da giebt es Tausende von Somalis und Arabern, die kommen werden, mich zu befreien.«

»Sie würden nur Deine Leiche zu sehen bekommen. Oeffne die Sänfte!«


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»Jetzt nicht; später!«

»So werde ich Dir beweisen, daß ich der Gebieter bin!«

Er schritt auf die Sänfte zu. Da trat ihm der Emir entgegen und rief drohend:

»Ich weiß, daß Du hier mächtiger bist, als ich. Ich darf mich nicht an Dir vergreifen; aber ich kann mit meinem Eigenthum machen, was mir beliebt. Sobald Du die Sänfte öffnest und Dein Blick auf die Sclavin fällt, jage ich ihr eine Kugel durch den Kopf!«

Er zog ein Pistol hervor und spannte den Hahn desselben. Der Sultan erkannte, daß der Emir seine Drohung wahr machen werde. Er hielt, nach der gehörten Schilderung, die Sclavin für so schön, daß er sich bereits entschlossen hatte, sie zu kaufen, und darum beschloß er jetzt, sich zu fügen, allerdings eine Nachgiebigkeit, die bei ihm eine ganz außerordentliche Seltenheit war. Er sagte darum:

»Du sollst Deinen Willen haben: aber ich warne Dich, meine Nachsicht nicht noch einmal auf die Probe zu stellen; Du könntest es bereuen! Zeige Deine Sachen!«

Er war mit seinen Gedanken zu sehr mit dem Mädchen beschäftigt, als daß er den Waaren sehr große Aufmerksamkeit hätte schenken mögen; darum traf er schnell seine Auswahl und feilschte nicht lange. Nur als die beiden Doppelgewehre erschienen, vergaß er die Sclavin auf kurze Zeit. Er kaufte sie für einen sehr hohen Preis und behielt auch die ganze vorhandene Munition für sich. Die Summe, welche er zu bezahlen hatte, war eine ganz bedeutende, wurde aber nicht sofort entrichtet, da der Emir ja auch Sachen von ihm entnehmen wollte, wo dann ein Ausgleich stattfinden mußte.

Der Händler war sehr zufrieden mit seinem geschäftlichen Erfolge. Er hatte einen Preis erzielt, welcher bedeutend höher war, als er erwartet hatte. Darum weigerte er sich nicht länger, als der Sultan das Mädchen endlich zu sehen verlangte. Er machte nur die Bedingung, daß dies nicht hier, sondern im Innern des Palastes zu geschehen habe.

Da klatschte der Sultan in die Hände. Sogleich erschienen seine Leute, denen er den Auftrag gab, die gekauften Waaren fortzuschaffen. Viere von ihnen mußten die Sänfte vom Kameele nehmen und in den Audienzsaal tragen, sich dann aber zurückziehen. Er folgte mit dem Emir nach. Als sie sich allein sahen, gebot der Sultan:

»Nun öffne!«

Der Aufgeforderte schlug die Vorhänge zurück und sah eine weibliche Gestalt, welche in ein feines, weißes, fast durchsichtiges Gewand gehüllt war. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, da sie einen doppelten Schleier trug.

»Nimm den Schleier hinweg!« befahl er.

Dies geschah, und nun erblickte der Sultan ein Gesicht, wie er so zart, weiß und schön noch keines gesehen hatte. Ein paar große, herrliche, mit Thränen gefüllte Augen blickten ihn an, und von den zarten Wangen war die Röthe gewichen. Er sprang auf; er war jetzt entschlossen, sich dieses köstliche Wesen nicht entgehen zu lassen, und rief gebieterisch:


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»Laß sie aussteigen! Ich muß ihre Gestalt sehen!«

Der Emir gab dem Mädchen ein Zeichen, und als sie dies nicht zu verstehen schien oder nicht verstehen wollte, faßte er sie bei der Hand und zog sie mit halber Gewalt heraus.

Da stand sie nun, hoch und schlang, vor Scham bebend und doch stolz wie eine Fürstin. Das durchsichtige Gewand ließ ihre ganze Gestalt erkennen. Denn das blendend weiße Fleisch der vollen, üppigen Formen leuchtete durch die feinen Maschen. Der Sultan fühlte sich bei allen seinen Sinnen gefangen.

»Darf ich sie berühren?« fragte er.

»Ueberzeuge Dich, wie schön sie ist,« nickte der Emir.

Nun befühlte der Herrscher die Arme und Schenkel, die Schultern und den Busen; er betrachtete die feinen Hände und die nackten Füßchen. Sie konnte sich nicht wehren; sie mußte dies Alles mit sich geschehen lassen, und es bedurfte ihrer ganzen Anstrengung, sich aufrecht zu erhalten und nicht vor Scham zusammenzubrechen.

"Was kostet sie?" fragte nun der Sultan.

»Was kostet sie?« fragte nun der Sultan.

»Fünftausend Aschrafi,« antwortete der Händler.

Diese Summe betrug nach deutschem Gelde etwas über sechstausend Mark.

Der Sultan trat erstaunt zurück und rief:

»Fünftausend Aschrafi? Bist Du toll! Weißt Du nicht, daß ich die schönste Sclavin hier für vierhundert Aschrafi verkaufe?«

Der Gefragte zuckte verächtlich die Achsel und antwortete:

»Ja, eine Ungarin oder eine Abessynierin. Diese Fürstin der Schönheit kostet fünftausend. Willst Du sie nicht bezahlen, so nehme ich das Mädchen mit nach Schoa. Der Sultan von Schoa zahlt mir gern sechstausend.«

»Viertausend will ich Dir geben!«

Da machte der Händler ein sehr ernstes Gesicht und sagte im entschiedensten Tone:

»Laß Dir sagen, daß ich sie nicht anders verkaufe, als ich gesagt habe. Wir wollen uns sehr kurz fassen. Sage Ja, so gehört sie Dir; sage Nein, so nehme ich sie sofort wieder mit hinaus.«

Der Sultan sah, daß es ihm ernst war. Er hätte dieses Mädchen nicht wieder von sich gelassen, und wenn er gezwungen worden wäre, zehntausend zu bezahlen. Uebrigens stand es ja ganz in seiner Hand, den Scheik später zu übervortheilen, wenn dieser seine Einkäufe machte. Darum zögerte er zunächst ein Wenig, entschloß sich aber dann doch zu der Antwort:

»Gut, ich behalte sie. Du sollst fünftausend Aschrafi haben, obgleich Du mich übervortheilst. Nun aber verlaß mich und komme mir nicht gleich wieder vor die Augen!«

Der Händler entfernte sich nach einer tiefen, beinahe höhnischen Verneigung, dann ergriff der Sultan die Sclavin bei der Hand und führte sie nach seinem Schlafzimmer. Dort öffnete er eine verriegelte Thür und trat mit ihr in einen Raum, welcher trotz seiner nicht ganz unbedeutenden Größe nur ein kleines, schmales Loch als Fenster hatte, durch welches nur eine sehr spärliche Helle hineindrang. Drei Seiten dieses Raumes waren mit Kästen und Binsenkörben besetzt, welche mit


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starken Stricken zugebunden waren, und von der Decke hing eine große thönerne, mit Oel gefüllte Schaale, aus welcher mehrere Dochte herausblickten. Dieser Raum war die Schatzkammer des Sultans. An den Wänden hingen köstliche Waffen und theure Kleidungsstücke. An der vierten Wand aber lag auf der Kante eines persischen Teppichs ein reiches Polsterwerk, ganz geeignet, zum Ruhesitze einer solchen Schönheit, wie die Sclavin war.

Er winkte ihr, sich darauf niederzulassen, und sie that es. Dann richtete er verschiedene Fragen in allen ihm bekannten Dialecten an sie, ohne eine andere Antwort als ein Kopfschütteln zu erhalten.

»Sie versteht mich nicht,« sagte er zu sich selbst; »aber ich weiß ein Mittel, mich ihr verständlich zu machen. Sie ist eine Christin, und der alte Sclave, den ich gestern in das Loch sperren ließ, ist auch ein Christ. Er sagte, daß er ein Fürst gewesen sei, und so wird er alle Sprachen der Ungläubigen sprechen können. Er soll mein Dolmetscher sein. Unterdessen aber will ich ihr sagen, daß sie sich nicht bei einem gewöhnlichen, armen Härräri befindet, sondern bei dem Herrn des Landes.«

Er entfernte die Stricke von all den Kästen und Körben. Sie folgte seinen Bewegungen mit den Augen und erblickte zu ihrem Erstaunen eine solche Menge von Gold und Silber, von Münzen und Geschmeide, daß sie erkennen mußte, sie sei beim reichsten Mann des Landes. Zwar befand sich in den Schätzen manch ein Gegenstand, der in Europa kaum einen Groschen werth gewesen wäre, aber in Härrär waren diese Dinge doch eine außerordentliche Seltenheit, und der oberflächliche Blick genügte, um zu erkennen, daß hier ein Reichthum von Millionen aufgehäuft worden sei.

Er hatte die weiße Sclavin aus einem sehr triftigen Grunde hierhergeführt. Einmal wollte er ihr gleich im ersten Augenblicke mit seinen Reichthümern imponieren, und sodann war es seine Absicht, sie zu seiner Lieblingsfrau zu machen; darum that er sie nicht zu seinen anderen Frauen, um alle Streitigkeiten und Eifersüchteleien zu vermeiden.

Er ging und brachte ihr höchst eigenhändig zu essen und zu trinken, dann aber verließ er sie, nachdem er die Reichthümer wieder verwahrt hatte. Er beaufsichtigte zunächst seine Leute, welche beschäftigt waren, die angekauften Gegenstände unterzubringen. Dann befahl er dem neuen Henker, der zugleich das Amt eines Gefangenwärters versah, den alten Christensclaven zu bringen.

Don Ferdinando lehnte in seinen Kerker und dachte an die heute Abend vorzunehmende Flucht. Seine gegenwärtige Lage war eine höchst unbequeme. Er konnte wegen Mangel an Raume sich nicht niederlegen, und zu setzen graute es ihm, der Rattenkadaver wegen, welche den Boden bedeckten. Er mußte also stehen, und das ermüdete ihn.

Er hatte die Unbequemlichkeit nur noch bis zum Abend auszuhalten, wie also mußte es einem Gefangenen zu Muthe sein, der hier mitten unter Ungeziefer verdammt war, den grauenvollen Tod zu erwarten, ohne Hoffnung auf Trost, Erleichterung und Erlösung!

Es mußte nach seiner Vermuthung um die Mittagszeit sein, als er ein Geräusch über sich vernahm. Man rückte den Stein weg, welcher sein Loch verschloß. Dann fragte eine Stimme:


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»Bist Du der alte Christensclave?«

»Ich bin es,« antwortete er.

»Der Sultan will mit Dir sprechen. Haben Dich die Ratten verschont, so daß Du noch gehen kannst?«

»Ich will es versuchen,« antwortete er vorsichtig.

»So komm herauf! Ich werde Dir die Leiter hinunterlassen.«

Bei dem Tagesschimmer, welcher von oben hereinbrach, erkannte er die Leiter. Sie bestand ganz einfach in einem Baumstamme, in welchen man Einschnitte für Hände und Füße angebracht hatte. Sobald sie den Boden berührt hatte, stieg er hinauf.

Welch ein Glück, daß er sich von dem Gärtner getrennt hatte! Hätte er sich drüben bei diesem befunden, so wäre dies jetzt verrathen gewesen.

Als er oben ankam, befand er sich in einem kahlen, von steinernen Mauern umgebenen Raum, in welchen mehr als zwanzig Gefangene angekettet lagen. Er sah ein, daß von seinem Loche aus es ganz unmöglich gewesen sein würde, durch diese Leute hindurch die Flucht unbemerkt zu bewerkstelligen. Zudem war die sehr starke Thür von Außen mit festen Riegeln verwahrt, so daß es nicht gelingen konnte, sie von Innen zu öffnen. Er dankte daher in seinen Gedanken Gott, daß er ihn mit Bernardo zusammengeführt hatte, aus dessen Gefängniß man sofort in das Freie gelangte.

Als das helle Licht des Tages auf ihn fiel, sah er erst, wie abscheulich ihn die Bisse der Ratten zugerichtet hatten. Sein ganzer Körper war voller Bißwunden, und sein Hemd war so zerfetzt, daß es kaum mehr seine Blöße bedeckte.

Natürlich war er höchst begierig, zu erfahren, was der Sultan von ihm wollte. Sollte die Strafe etwa verschärft werden? Das war dem Grausamen sehr wohl zuzutrauen.

Er fand den Herrscher im Audienzsaale, aber nicht auf dem Throne sitzend, sondern er stand in einer Haltung da, als ob er bereit sei, den Saal zu verlassen. Die Frage, welche er sofort aussprach, erregte das Erstaunen des Gefangenen in nicht geringem Grade.

»Weißt Du, wie viele Sprachen die Ungläubigen sprechen?«

»Es sind ihrer sehr viele,« antwortete Don Ferdinando.

»Verstehst Du sie?«

»Die hauptsächlichsten davon kann ich sprechen und verstehen. Wir Christen haben einige Sprachen, welche alle Unterrichteten verstehen, obgleich sie nicht ihre Muttersprachen sind.«

»So höre, was ich Dir sagen werde! Ich habe mir eine Sclavin gekauft, welche eine Ungläubige ist. Sie redet eine Sprache, welche hier Niemand versteht. Ich werde Dich jetzt zu ihr führen, um zu sehen, ob vielleicht Du sie verstehen kannst. Gelingt es Dir, mein Dolmetscher zu werden, so wird Dich meine Gnade erleuchten, und Du sollst nicht im Gefängnisse sterben. Du wirst ihr Unterricht geben, daß sie die Sprache von Härrär lernt und mit mir reden kann. Aber Du darfst ihr Angesicht nicht sehen und nichts Böses von mir sagen, sonst wirst Du einen tausendfachen Tod erleiden.«

»Ich bin Dein Knecht und werde Dir gehorchen,« sagte der Graf.


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Er verbeugte sich bei diesen Worten bis tief zur Erde herab, während allerlei Gedanken durch seine Seele gingen. Eine christliche Sclavin? War sie eine asiatische oder eine europäische Christin? Welche Sprache war die ihrige? Er sollte jetzt von dem Gärtner getrennt werden. War es da nicht klüger, zu thun, als ob er die Sprache der Sclavin nicht verstehe? Aber vielleicht gab es hier Gelegenheit, ein gutes Werk zu verrichten.

»Komm, folge mir!« gebot der Sultan.

Er schritt ihm voran nach dem Schlafzimmer. Dieses war allerdings nicht ein Raum, wie man sich in Europa ein fürstliches Schlafzimmer denkt. Es war ein rechteckiges, langes und schmales Gelaß, welches nicht einmal eine Fensteröffnung hatte. Einige Kissen lagen da, über denen in einer Mauernische mehrere Lampen und ähnliche Sachen standen. An einem Pflocke, der jetzt leer war, pflegten des Abends die abgelieferten Thorschlüssel der Stadt zu hängen. Bei den Lampen hing auch ein Schraubenzieher, mit welchem die Fesseln der Gefangenen gelöst werden konnten. Das war das ganze Meublement des herrschaftlichen Boudoirs.

Der Sultan gebot dem Mexikaner, hier zu warten. Er zog die Riegel einer Thür zurück und trat in die Schatzkammer, um dafür zu sorgen, daß die Sclavin verhüllt sei; dann ließ er ihn eintreten, um hinter ihm die Thür sogleich wieder heranzuziehen.

Don Ferdinando überflog den Raum mit einem scharfen, forschenden Blick. Er ahnte sogleich, daß sich in den Kisten und Körben die Reichthümer des Herrschers befanden.

Die Sclavin ruhte auf dem Lager; sie hatte einen doppelten Schleier über das Gesicht gezogen, durch den sie sehen konnte, ohne daß ihre Züge zu erkennen waren. Beim Eintritt des Grafen wendete sie das Gesicht nach ihm, und dann richtete sie sich mit einer Bewegung empor, als ob sie über sein Erscheinen im höchsten Grade überrascht sei.

»Rede mit ihr!« gebot der Sultan. »Siehe, ob Du ihre Sprache verstehen kannst!«

Don Ferdinando trat einige Schritte vor. Jetzt fiel durch die enge Fensteröffnung der Schein des Lichtes auf sein Gesicht, so daß es hell erleuchtet war. Da machte die Sclavin abermals eine Bewegung der Ueberraschung. Der Sultan bemerkte das natürlich, aber er dachte, sie sei in Verwunderung darüber, daß er es einem männlichen Wesen gestatte, hier Zutritt zu nehmen.

»Quelle est la langue, laquelle vous parlez, mademoiselle - welches ist die Sprache, die Sie sprechen, mein Fräulein?« fragte er französisch.

Sie richtete sich beim Klange dieser Stimme noch weiter empor und zögerte, zu antworten. Dies geschah wohl vor freudigem Schreck. Er aber dachte, sie verstehe nicht französisch, und da die englische Sprache wenigstens ebenso verbreitet ist, wie die der Franzosen, so wiederholte er seine Frage englisch:

»Do you perhaps speak English, Miss - sprechen Sie vielleicht englisch, Fräulein?«

»Bendito sea Dios!« antwortete sie endlich, aber spanisch. »Ich verstehe ja englisch und französisch, aber sprechen wir spanisch!«

Jetzt war die Reihe, zu erstaunen, an ihn gekommen. Er hörte die heimath-


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lichen Laute; er hätte sich vor Freude und Glück zu ihren Füßen niederwerfen mögen; aber das Unglück hatte ihn geschult und ihm gelehrt, vorsichtig zu sein; darum beherrschte er sich und fragte, indem er dem Tone seiner Stimme die möglichste Gleichgiftigkeit ertheilte:

»Mein Gott, Ihr seid eine Spanierin? Aber bleibt ruhig! Verrathet keine Ueberraschung. Man muß in unserer Lage nicht unvorsichtig sein!«

»Ich werde Eurer Warnung folgen, obgleich ich nicht nur erstaunt, sondern förmlich aufgeregt bin,« antwortete sie. »Himmel, ist es möglich, oder täuschen mich meine Augen? Ja, Sennor, wir müssen uns beherrschen! Aber welche Freude, welche Seligkeit, wenn ich mich nicht irrte!«

»Was meinen Sie, Sennora?« fragte er gespannt.

»O, ich bin nicht nur eine Spanierin, sondern sogar eine Mexikanerin!« sagte sie.

Jetzt fehlte nicht viel, so hätte er sich nicht zu beherrschen vermocht; aber er besann sich und sagte im gleichgiltigsten Tone, der ihm möglich war:

»Eine Mexikanerin? Sennora, ich darf mich nicht gehen lassen, denn wir werden von dem scharfen Auge eines Tyrannen beobachtet, aber ich sage Euch, daß ich mir die allergrößte Mühe geben muß, den Aufruhr meiner Empfindungen zu verbergen. So hören Sie also nur, daß auch ich ein Mexikaner bin.«

»Santa Madonna! So wird es ja wahrscheinlich, daß ich mich nicht täusche! Als das Licht durch dieses Fenster auf Euer Gesicht fiel, kam mir dasselbe bekannt vor, ebenso Eure Stimme, als ich dieselbe hörte. Ich bitte Euch, bleibt ruhig, ganz ruhig und gleichgiftig! Aber sagt mir, ob Ihr in Mexiko eine Besitzung kennt, welche Hazienda del Erina heißt?«

»Die kenne ich! O, die ist mir nur zu wohl bekannt!«

»Kennt Ihr auch den Besitzer derselben?«

»Den guten Petro Arbellez? Wie sollte ich meinen treuesten, besten Diener nicht kennen!«

»Euren Diener? O, Ihr heiligen Engel, so ist es wahr! Ja, jetzt, da Ihr Euch zur Seite dreht, sehe ich auch den vernarbten Lanzenstich in Eurer rechten Wange! Ihr seid es! Ihr seid unser lieber, lieber Don Ferdinando de Rodriganda!«

Jetzt ging es ihm fast über menschliches Vermögen, kaltblütig zu bleiben, aber es gelang ihm doch so leidlich. Aber seine Stimme zitterte vor Aufregung als er fragte:

»Ihr kennt mich, Sennora? Ihr kennt den Haziendero Arbellez?«

»Ja, ich kenne ihn; ich kenne ihn sogar noch besser als Ihr oder ein Anderer ihn kennt. Ich bin ja seine Tochter; ich bin Emma Arbellez, seine Tochter!«

Jetzt trat eine Pause ein, eine Pause, während welcher kein Laut gehört wurde; aber diese Pause umschloß eine ganze Sturmfluth von Empfindungen, welche die Herzen der beiden Gefangenen durchwogte, die sich hier so wunderbar gefunden hatten. Der Graf konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber er hatte gehört, daß bei den letzten Worten ihre Stimme brach. Sie weinte. Auch ihm wären die Thränen ganz sicherlich in die Augen getreten, wenn ihn nicht grade jetzt der Sultan mit harter Stimme gefragt hätte:

»Du verstehst ihre Sprache, wie ich höre?«


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»Ja.«

»Welche Sprache ist es?«

»Es ist die Sprache eines Landes, das hier Niemand kennt.«

»Wie heißt es?«

»Spanien.«

»Dieser Namen ist mir unbekannt. Es muß ein kleines, armseliges Ländchen sein.«

»Es ist im Gegentheile sehr groß, und es gehören viele Inseln zu ihm, welche in allen Meeren der Erde liegen.«

»Giebt es einen Sultan dort?«

»Es giebt einen mächtigen König dort, dem viele Millionen Menschen unterthänig sind.«

Der Sultan machte ein sehr zweifelhaftes Gesicht. Er hatte den Namen Spaniens noch nie gehört, und darum mochte er die Worte des Grafen für Aufschneiderei halten.

»Was hat die Sklavin gesagt?« fragte er.

»Daß sie froh ist, von Dir gekauft worden zu sein.«

Da erheiterte sich das Gesicht des Herrschers, und er erkundigte sich weiter:

»Wer ist ihr Erzeuger gewesen?«

»Ihr Vater ist einer der vornehmsten Männer des Landes.«

»Das wußte ich bereits, denn sie ist sehr schön; sie ist schöner als die Blume, und lichter wie die Sonne. Wie aber ist sie in die Hände des Emirs gekommen?«

»Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Soll ich sie fragen?«

»Frage sie. Laß es Dir erzählen, und dann sagst Du mir es wieder.«

Da wendete sich der Graf mit wieder errungener Fassung an Emma:

»Also Du, Du bist es, meine liebe, liebe Emma! O Gott, wie siehst Du mich wieder!«

Erst jetzt dachte er daran, daß er fast unbekleidet vor ihr stand. Dies und der Anblick seiner zerbissenen Glieder mußte einen höchst betrübenden Eindruck auf sie machen, denn er vernahm, daß sie sich mit aller Kraft bestrebte, ein lautes Weinen zu unterdrücken.

»Aber bleiben wir bei der Gegenwart,« fuhr er fort. »Der Sultan will wissen, wie Du hierher gekommen bist. Ich muß ihm antworten.«

»Hierher?« fragte sie. »Ich weiß ja nicht einmal, wo ich bin!«

»Dieses Land heißt Härrär und diese Stadt ebenso. Der Mann, in dessen Gewalt wir uns befinden, ist der Sultan, der Herrscher des Landes. Aber beantworte mir vor allen Dingen meine Frage!

»Ich bin von einem chinesischen Seeräuber nach Ceylon gebracht worden, der mich an den Mann verkaufte, welcher mich hierher transportirt hat.«

»Und wie kamst Du in die Hände des Chinesen? Es ist doch ganz unmöglich, daß ein Chinese nach der Hazienda del Erina gekommen ist, um Dich zu rauben.«

»Nein. Ich trieb auf einem Flosse in die See hinaus, viele Tage lang, und


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wurde dann von einem holländischen Schiffe aufgenommen, welches jenseits Java in die Hände des chinesischen Sclavenhändlers fiel.«

»Auf einem Flosse? Ich erstaune! Wie kamst Du an die See? Befandest Du Dich denn an der Küste von Mexiko?«

»Nein. Wir waren ja Alle auf der Insel!«

»Alle? Wen meinst Du denn, liebe Emma?«

»Nun, Sennor Sternau, Mariano, die beiden Helmers, Büffelstirn und Bärenherz und Karja, die Schwester des Miztecas.«

»Das sind für mich lauter Räthsel. Aber da fällt mir ein Name auf. Sternau, wer ist dieser Sennor?«

»Ihr kennt ihn nicht? Ah, die Freude, Euch Wiedersehen, nimmt mir die Gedanken! Ich vergesse, daß Ihr von dem Allen noch gar nichts wißt. Sennor Sternau ist ja ausgezogen, um Euch und den Kapitän Landola zu suchen!«

»Mein Gott, so ist es ganz derselbe, von welchem mir Bernardo gestern erzählte! Sage mir, nicht wahr, er ist ein deutscher Arzt?«

»Ja.«

»Und meine Nichte Rosa ist seine Frau?«

»Ja.«

»Er hat meinen Bruder operirt und sehend gemacht?«

»Ja. Woher wißt Ihr aber dies Alles, Don Ferdinando?«

»Das werde ich Dir später sagen. Du siehst, daß der Sultan ungeduldig wird. Wie lange bist Du bereits aus der Heimath fort?«

»Bereits sechzehn Jahre,« antwortete sie.

Sechzehn Jahre bilden eine geraume Zeit, aber die schöne Tochter des Haziendero hatte sich während derselben kaum verändert. Hier in Härrär, wo der Mensch und besonders das weibliche Geschlecht ganz außerordentlich schnell altert, konnte sie recht gut für höchstens zwanzig Jahre alt gelten. Und dennoch war es überraschend, welchen Eindruck diese Antwort auf den Grafen machte. Er stand ganz erstarrt und mit offenem Munde da. Es dauerte eine Weile, ehe er fragte:

»Sechzehn Jahre? Wo bist Du denn seit dieser Zeit gewesen?«

»Auf der Insel.«

»Auf welcher Insel, Emma?«

»Ach, ich vergesse schon wieder, daß Ihr ja das Alles noch gar nicht wissen könnt! Landola hat uns in Guaymas gefangen genommen und nach einer unbewohnten Insel des großen Oceans gebracht, auf welcher wir während der ganzen Zeit gelebt haben.«

»Alle Teufel! Ich erstarre vor Verwunderung!«

In diesem Augenblicke ergriff der Sultan wieder das Wort. Er hatte dem Gespräche bisher schweigend zugehört; nun aber wurde ihm die Zeit doch zu lang. Er sagte:

»Vergiß nicht, daß ich auf eine Antwort warte! Was hat sie Dir erzählt?«

»Sie ist am Ufer der See spazieren gegangen und von Seeräubern ergriffen worden, welche sie gefangen nahmen.«

»Das waren Chinesen?«

»Ja,«

»Sie ist von ihnen auf Ceylon an den Emir verkauft worden?«

»Ja.«


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»So hat mir dieser also doch die Wahrheit gesagt. Ist sie eine Frau oder ein Mädchen?«

»Ein Mädchen.«

»Bei einer Sclavin ist es eine Hauptfrage, ob sie noch unberührt ist. Ich hoffe, daß Du so klug gewesen bist, Dich darnach zu erkundigen. Wie lautet ihre Antwort?«

Es lag dem Grafen daran, den Sultan bei guter Laune zu erhalten; darum sagte er:

»Sie hat noch nie einen Mann geliebt.«

»Und ist auch noch nie geliebt worden?«

»Nie. Es hat es Keiner gewagt, die Hand nach ihr auszustrecken, da ihr Vater ein so hoher und mächtiger Mann gewesen ist.«

»Ich bin zufrieden! Hat sie ein Wort über mich gesagt?«

Der Graf verneigte sich tief und antwortete:

»Ich bin Dein gehorsamer Sclave und denke stets zuerst an Dich, o Sultan. Darum habe ich unterwunden, ihre Augen auf Dich zu lenken und sie zu fragen, was ihr Herz bei Deinem Anblicke spricht.«

Das Gesicht des Herrschers nahm einen sehr wohlgefälligen und dabei auch gespannten Ausdruck an. Er strich mit der Hand über den Bart und fragte, sichtlich in sehr guter Stimmung:

»Was hat sie Dir darauf geantwortet?«

»Sie sagte, Du seiest der erste Mann, bei dem sie überhaupt die Stimme ihres Herzens vernommen habe.«

»Warum?«

»Weil Dein Antlitz voll Hoheit ist und Dein Auge voll Kraft. Dein Gang ist stolz und die Würde Deiner Gestalt ist erhaben, wie die Größe eines Khalifen. So sagte sie.«

»Ich bin mit Dir sehr zufrieden, Sclave, und auch mit ihr. Du meinst also, daß ihr Herz mir gehören wird, ohne daß ich es ihr zu befehlen brauche?«

»Der Mann soll sich nie die Liebe des Weibes mit Gewalt erzwingen. Er soll sein Auge voll Milde über sie leuchten lassen, dann sprießt die Liebe von selbst hervor wie die Pflanze, welche der Strahl der Sonne zum Leben weckt.«

»Du hast recht! Ich werde dieser Sclavin meine ganze Gnade zeigen.«

»Weißt Du, o Herrscher, daß die Liebe erst in Worten spricht, ehe sie sich durch die That beweißt? Diese Sclavin sehnt sich sehr, in Deiner Sprache mit Dir reden zu können, damit Dir ihr eigener Mund sagen kann, was ihre Seele empfindet.«

»Dieser Wunsch soll ihr erfüllt werden. Du wirst ihr Lehrer sein. Wie lange wird es dauern, ehe sie mit mir sprechen kann?«

»Das kommt darauf an, wann der Unterricht beginnen soll und wie lange er täglich dauern darf.«

»Dieses Weib hat mein ganzes Herz gefangen genommen; ich kann es kaum


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erwarten, von ihren Lippen zu hören, daß sie sich mir hingeben will. Darum befehle ich Dir, den Unterricht noch heute zu beginnen!«

»Ich werde gehorchen, o Sultan!«

»Sind drei Stunden des Tages genug, Sclave?«

»Wenn ich täglich drei Stunden mit ihr sprechen kann, so wird sie bereits in einer Woche die Sprache der Härräri so weit verstehen, daß sie Dir zu sagen vermag, daß Du glücklich sein wirst. Aber die Töchter ihres Landes sind nicht gewöhnt, einen Mann unbekleidet zu sehen. Sie nimmt Anstoß an meinem Gewande.«

»Du sollst ein anderes haben, ein viel besseres und auch nicht in das Gefängniß zurückzukehren brauchen. Auch sollst Du Fleisch, Reis und Wasser erhalten, so viel Du haben willst, damit Dein Aussehen besser wird, als es in dieser Stunde ist.«

»Ich danke Dir! Wann soll heute der Unterricht beginnen?«

»Sogleich nachdem Du Dich jetzt umgekleidet hast. Ich habe nicht Zeit, dabei zu sein. Ich werde Dir einen Verschnittenen geben, der Euch bewacht. Komm jetzt!«

»Darf ich ihr vorher sagen, daß Du ihre Bitte, Deine Sprache zu erlernen, erfüllt hast?«

»Sage es ihr!«

Der Graf war froh, soviel erreicht zu haben, und wendete sich an Emma:

»Ich muß jetzt leider fort, doch werden wir in kurzer Zeit uns Alles erzählen können. Ich habe nämlich vom Sultan die Erlaubniß erlangt, Dir Unterricht in seiner Sprache zu ertheilen. Wir werden nachher drei Stunden lang hier zusammen sein. Bis dahin müssen wir unsere Wißbegierde zügeln. Vor allen Dingen aber will ich Dich durch die Mittheilung beruhigen, daß Rettung möglich ist. Ich hatte die Absicht, heute Abend von hier zu entfliehen. Vielleicht gelingt es, diesen Plan noch auszuführen.«

Er folgte dem Sultan, welcher jetzt ging und die Thür hinter sich verschloß. Er gab einem seiner Kämmerlinge den Befehl, dem Sclaven gute Kleider zu geben und auch mit hinreichendem Essen zu versorgen. Dies geschah und kaum hatte der Graf sein frugales Mahl zu sich genommen, so erhielt er auch bereits schon die Weisung wieder zu dem Sultan zu kommen, auf welchen die schöne Sclavin einen so qualvollen Eindruck gemacht hatte, daß er seiner Ungeduld kaum Zügel anzulegen vermochte.

Er empfing den Grafen und führte ihn selbst nach der Schatzkammer, deren Thür er sehr vorsichtig hinter sich verschloß. Er ahnte nicht, worin der Sprachunterricht bestehen werde.

Als Don Ferdinando eintrat, fand er Emma auf derselben Stelle, wo er sie verlassen hatte. Sie war ebenso tief verschleiert wie vorher. Ihr gegenüber saß die schwarze Gestalt eines Negers, dessen Dicke ihn sofort als eins jener unglücklichen Wesen bezeichnete, denen man die Mannheit genommen hat, um sie zu brauchbaren Dienern gewisser dunkler und sehr oft schmutziger Zwecke zu machen.

Der Neger wußte, daß der Weiße ein Sclave war, darum erhob er sich bei


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dem Eintritte desselben nicht, sondern er nahm eine sehr befehlshaberische Miene an und sagte:

»Du sollst ihr Lehrer sein?«

»Ja,« antwortete der Graf kurz.

»Aber sie muß verschleiert bleiben!«

»Das versteht sich!«

»Du darfst sie nicht anrühren!«

»Ich habe gar keine Lust dazu.«

»Und Du darfst nichts Böses über uns zu ihr sagen, sonst zeige ich Dich dem Sultan an!«

»Wie willst Du es hören, ob ich Gutes oder Böses sage, da Du doch die Sprache nicht verstehst, in welcher wir reden?« fragte Ferdinando lächelnd.

»Ich werde es in Deiner Miene lesen.«

Der Mann war doch nicht so dumm, wie man ihn vielleicht nach seinem feisten Aussehen geschätzt hatte. Er erhob sich jetzt, ergriff eine Decke, breitete sie in der Nähe der Sclavin aus und gebot dem Grafen:

»Hier soll Dein Platz sein; so hat es der Sultan befohlen. Setze Dich und beginne!«

»Wie lange soll der Unterricht währen?« fragte der Mexicaner.

»Drei Stunden.«

»Womit willst Du diese Zeit genau abmessen?«

»Mit dieser Uhr.«

Er brachte unter seinem faltigen Gewand eine Sanduhr hervor, welche er ihm zeigte. Der Sultan hatte also dafür gesorgt, daß die vorgeschriebene Zeit zwar genau eingehalten, aber auch nicht überschritten werde. Der Graf ließ sich nieder und konnte nun beginnen:

»Jetzt, liebe Emma, können wir volle drei Stunden lang miteinander sprechen, ohne verstanden und gestört zu werden. Wir haben nur dafür zu sorgen, daß dieser Schwarze unser Gespräch wirklich für einen Unterricht hält. Darum werde ich Dir zuweilen einige härrärische Worte vorsagen, welche Du nachzusprechen hast. Im Uebrigen aber brauchen wir uns weniger Zwang anzuthun, als vorhin in der Gegenwart des Sultans. Also sechszehn Jahre lang habt Ihr auf einer wüsten Insel gewohnt?«

»Als wir dort ausgesetzt wurden, war sie beinahe wüst, aber es ist uns gelungen, dort Bäume zu ziehen. Unser ganzes Streben ging dahin, Holz zu erlangen, um einen Kahn oder ein Floß bauen zu können.«

»Erzähle, erzähle! Ich brenne vor Ungeduld, zu hören, was während meiner Abwesenheit mit Euch und den Meinigen geschehen ist.«

Sie begann den erbetenen Bericht. Ihre Erzählung interessirte den Grafen natürlich im höchsten Grade. Er unterbrach den Fluß ihrer Rede oft durch Ausrufe des Schreckens, des Mitleidens, der Verwunderung oder des Zornes und des Abscheues. Es wurde ihm Vieles klar, was ihm bisher noch so dunkel gewesen war. Er erkannte, was für einen Verräther er an Cortejo bei sich gehabt hatte; es wurde ihm zur unumstößlichen Gewißheit, was er bisher nur geahnt hatte, nämlich, daß Alfonzo nicht sein Neffe sei. Er schloß sich gern und sofort dem


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Glauben an, daß Mariano der umgetauschte Knabe sei, und mußte sich, bei dem Eindrucke, den die Erzählung auf ihn machte, oft mit Gewalt darauf besinnen, daß er zum Scheine hier als Lehrer sitze. Dann nahm er einige Worte aus der Sprache des Landes her, ließ sie von Emma auswendig lernen und erklärte ihr die Bedeutung derselben. Es waren die Ausdrücke: »Du bist ein großer Fürst«, »Du bist die Wonne der Frauen«, »Dein Anblick labt meine Seele« und »Sei gnädig, dann liebt Dich mein Herz!«

So war Emma bis zur Ausschiffung auf der Insel gekommen.

»Wo liegt dieses Eiland?« fragte der Graf.

»Davon hatten wir gar keine Ahnung,« antwortete die Tochter des Haciendero. »Erst nach Verlauf mehrerer Jahre gelang es Sternau, aus der Beobachtung der Sterne und anderer Verhältnisse, von denen ich nichts verstehe, zu berechnen, daß wir uns jedenfalls auf dem vierzigsten Grade südlicher Breite, und ungefähr dem zweiundneunzigsten westlich von Ferro befänden. Er sagte, daß wir dreizehn Grade südlich von den Osterinseln wohnten, und daß wir diese sogar auf einem Flosse erreichen könnten, wenn wir erst Holz genug hätten, um ein solches zu bauen.«

»Welches Unglück, so nahe der Rettung und doch so fern von derselben! Ihr hattet also keine Bäume?«

»Nein. Und selbst wenn wir welche gehabt hätten, so besaßen wir doch keine Instrumente, dieselben zu bearbeiten. Erst nach und nach gelang es uns, Stücke, welche wir aus dem Korallenriffe brachen, so zu schleifen, daß sie uns als Beile und Messer oder dergleichen dienen konnten. Wir nahmen den Sträuchern, welche wir vorfanden, die untersten Aeste und zwangen sie dadurch, die Gestalt von Bäumen anzunehmen.«

»Aber wovon lebtet Ihr?«

»Erst von Wurzeln, Früchten und Eiern. Später lernten wir

Netze und Angeln verfertigen, um Fische zu fangen. Wir fanden eine Art von Muscheln, welche wir wie die Austern essen konnten; auch lernten wir, Pfeile und Bogen zu machen, mit denen wir Vögel erlegten. Eine Art von Kaninchen, welche in Masse auf der Insel lebten, züchteten wir förmlich, um sie als Kochfleisch und Braten zu genießen.«

»Kochfleisch und Braten? Ich denke, dieser Landola hat Euch nicht einmal Feuerzeug gegeben?«

»O, Feuer hatten wir gar bald. Sternau hat viele Länder bereist, deren Bewohner mit zwei Stücken Holz oder mit verfaultem Holze Feuer zu machen verstehen. Wir mußten aber da sehr sparsam sein, da es nothwendig war, das Material zu sparen.«

»Und wie stand es mit der Kleidung?«

»Die unserige war auf dem Schiffe sehr mitgenommen, diejenige der Männer sogar halb verfault. Wir mußten uns also mit Kaninchenfellen behelfen, welche wir vorzurichten lernten. Unsere Wohnungen waren sehr primitiv: Erdhütten, mit Löchern als Fenster. Die Garçons aßen bei den beiden verheiratheten Paaren. Sie waren da in Kost, wenn auch nicht in Logis.«

»Bei den verheiratheten Paaren?« fragte der Graf. »Ah, ich verstehe,« fügte


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er lächelnd hinzu. »Der brave Bärenherz hat Karja, die Tochter der Miztecas, zur Frau genommen. Bei den Indianern bedarf es zu einer Heirath ja keiner Vorbereitungen. Aber wie stand es dann mit dem anderen Paare?«

Sie schwieg eine Weile. Wer hinter ihren Schleier zu blicken vermocht hätte, der hätte sehen können, daß eine tiefe Röthe ihr Gesicht übergoß. Dann antwortete sie zögernd:

»O, gnädiger Herr, bedenkt unsere Lage! So einsam und ganz nur auf uns allein angewiesen, für viele, lange Jahre ohne Hoffnung auf Errettung! Wir hatten uns so lieb, ich und mein guter Antonio. Wir beschlossen, Mann und Weib zu werden, und die Anderen gaben Alle uns recht. Wir dachten immer, daß uns die Hand des Priesters ja doch noch segnen werde, wenn es uns glücken sollte, die Freiheit zu erlangen. Ob ich ihn und die Gefährten unseres Elendes Wiedersehen werde! Wie mögen sie erschrocken sein, als ich fortgegangen war und nicht zurückkehrte!«

»Eben wie Du von der Insel fortgekommen bist, das zu wissen, bin ich begierig.«

»O, das war traurig, so traurig und fürchterlich, daß ich es gar nicht beschreiben kann, ja daß es mich noch graust und jammert, wenn ich nur daran denke.«

Ein tiefer, schwerer Seufzer hob ihre Brust, und er bemerkte trotz des Schleiers und des weiten Gewandes, daß die hohe, schöne Gestalt ein Zittern durchlief.

»Erzähle, Emma,« bat er. »Wenn Dich auch schon die Erinnerung erschreckt, ich muß es ja dennoch erfahren. Das, was ich erlebt habe, wird nicht minder schrecklich sein.«

»Es war uns endlich gelungen, so starkes und langes Holz zu ziehen, daß wir daran denken konnten, ein Floß zu bauen. Es kostete uns fürchterliche Mühe, mit unseren schlechten Werkzeugen damit zu Stande zu kommen. Es war groß genug, um uns Alle und auch die nöthigen Vorräthe aufzunehmen. Wir hatten es mit einem Steuer und mit einem Maste versehen und aus Kaninchenfellen ein Segel verfertigt. Es lag zur Abfahrt bereit am Ufer. Wir wollten es wagen, damit die schreckliche Brandung zu durchschiffen, welche selbst bei ruhigem Wetter die Insel umtobt. Da, in der Nacht vor unserer beabsichtigten Abfahrt, erweckte mich ein plötzliches Heulen. Ich horchte auf. Es war ein Sturm ausgebrochen. Ich dachte an die Vorräthe, welche sich bereits auf dem Flosse befanden, und ich wollte sehen, ob das Letztere auch fest genug am Lande befestigt sei. Da Antonio am Tage sehr viel gearbeitet hatte, so wollte ich ihn nicht wecken und ging allein zum Ufer. Da sah ich, daß das Floß von den empörten Wogen ganz entsetzlich auf und nieder gerissen wurde. Das Tau, an welchem es hing, war nur aus Fellen geschnitten und zusammengedreht; es konnte leicht reißen, da Kaninchenleder nicht fest ist. Auf dem Flosse lag ein ähnliches Tau. Sollte ich zurückkehren, um die Anderen zu wecken? Unterdessen konnte das Floß verloren gehen. Ich sprang also auf das Floß, um das zweite Tau aufzunehmen und das Letztere damit doppelt anzubinden. Aber kaum stand ich auf den Planken, so rollte eine haushohe Woge herbei, stürzte sich auf das Floß und riß es los. Im nächsten Augenblicke


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flog es schon in die stürmische See hinaus und ich sank vor Schreck nieder und verlor das Bewußtsein.«

Bei der letzten Schilderung war es dem Grafen so angst geworden, daß er sich schüttelte.

»Weiter, weiter!« bat er.

»Was zunächst geschah, weiß ich nicht; ebenso wenig kann ich sagen, wie das Floß über den Klippenring hinweg gekommen ist.«

»Das ist leicht zu erklären. Die See ist hoch gestiegen gewesen, daß die Klippen gar nicht mehr zu sehen gewesen sind; sie boten kein Hinderniß mehr.«

»Ich hörte wie im Traume die See um mich brüllen,« fuhr Emma fort; »ich hörte den Donner und ich sah die Blitze, welche die Nacht durchzuckten. Als ich dann zur völligen Besinnung kam, schien die Sonne; der Regen hatte aufgehört und die See begann sich zu beruhigen.«

»Jetzt war es eine Lebensfrage, ob die Vorräthe noch vorhanden waren!«

»Sie waren noch da, alle; die Wogen hatten sie nicht hinweggespült. Wie das Floß diesem Orkane hat widerstehen können, das weiß ich nicht; aber meine Insel war verschwunden und rund um mich war Wasser. Wo lag die Insel? Was sollte ich thun? O, ich weinte und betete viele Stunden lang, bis es Nacht wurde. Ich weinte und betete diese Nacht und den kommenden Tag hindurch, aber das brachte mich nicht zur Insel zurück. Endlich sank ich vor übermäßiger Angst, Aufregung und Ermattung in einen tiefen Schlaf. Als ich aus demselben erwachte, hatte ich das Zeitmaß verloren, denn ich wußte ja nicht, wie lange ich so gelegen hatte; aber nun erst dachte ich an das, woran ich erst hätte denken sollen.«

»An das Steuerruder und an das Segel, nicht wahr?«

»Ja. Ich war jedenfalls nach Ost getrieben worden und mußte nach West segeln. Jetzt weiß ich, daß das Entgegengesetzte richtig gewesen wäre. Ich zog mit Anstrengung aller Kräfte das Segel auf. Ich verstand nichts von Schifffahrt, aber es gelang mir doch, dem Segel eine solche Richtung zu geben, daß das Floß nach West getrieben wurde. Des Tages stand ich am Steuer und des Nachts band ich dasselbe fest. So vergingen fünfzehn Tage und Nächte. Soll ich sagen, was ich während dieser Zeit ausgestanden und gelitten habe? Es ist unmöglich.«

»Ich glaube es Dir, meine arme Emma,« sagte der Graf. »Es ist zu verwundern, daß Du nicht zu Grunde gegangen oder wahnsinnig geworden bist!«

»Endlich, am sechszehnten Tage, erblickte ich ein Schiff und auch das Floß wurde gesehen. Es stieß ein Boot ab und man nahm mich an Bord. Das Schiff war ein holländisches und nach Batavia bestimmt. Ich erfuhr von dem Kapitän, daß wir uns zwischen den Karolinen und Pelewinseln befänden. Er sagte, der Sturm müsse das Floß mit einer ganz ungewöhnlichen Geschwindigkeit nach West getrieben haben. Ich hatte den ganzen Archipel passirt, ohne eine einzige seiner Inseln in Sicht zu bekommen. Der Kapitän ließ mir vom Schiffsschneider weibliche Kleider anfertigen und tröstete mich mit der Hoffnung, daß ich in Batavia ganz sicher Hülfe finden werde. Aber als wir später die Sundastraße passirten, wurden wir von einem chinesischen Korsaren, deren es dort sehr viele geben soll, angegriffen. Er siegte und tödtete die ganze Bemannung; ich allein wurde verschont. Das Uebrige wißt Ihr ja bereits, Don Ferdinando. Ich wurde nach Ceylon ge-


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bracht und dort verkauft. Der Emir verkaufte mich dann heut an diesen Sultan von Härrär. Die Zeit ist uns jetzt kurz zugemessen, darum habe ich mich auch kurz gefaßt. Später kann ich ja Alles wohl einmal ausführlicher erzählen.«

Der Graf nickte.

»Kind,« sagte er im weichen Tone, »es giebt einen gütigen Gott, der Alles, was uns ein Unglück scheint, zum Besten zu lenken vermag. Wer weiß, ob es Euch Allen gelungen wäre, eine Insel zu erreichen. Gott hat wohl gewußt, daß Ihr zu Grunde gehen würdet. Darum sandte er den Sturm. Die heilige Schrift sagt: »Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen.« Der Sturm hat Dich nach West geführt. Es war Gottes Wille, daß Du mich finden solltest und daraus ziehe ich die freudige Ueberzeugung, daß er Alles noch herrlich hinausführen wird.«

»O, wenn sich diese Hoffnung doch erfüllen wollte! Ich sage Euch, Don Ferdinando, daß ich lieber sterbe als mich von diesem Sultan umarmen lasse!«

»Du sollst weder sterben, noch ihm gehören, mein Kind. Heute Nacht fliehen wir.«

»Wirklich?« fragte sie im freudigsten Tone.

»Ja. Denke Dir, daß ich im hiesigen Gefängnisse einen braven Mann gefunden habe, welcher in Rodriganda Gärtner gewesen ist. Dieser Schurke Landola hat auch ihn verkauft, weil er zu viel von Cortejo's Kniffen wußte. Landola muß an einer förmlichen Manie, seine Anbefohlenen auszusetzen, leiden. Ich vermuthe, daß wir alle haben getödtet werden sollen, daß Landola es aber vorgezogen hat, uns am Leben zu lassen, um später gebotenen Falls eine Waffe gegen Cortejo zu besitzen. Also mit diesem Gärtner, welcher Bernardo Mendosa heißt, habe ich mich verabredet, nächste Nacht zu entfliehen. Gott hat Dich gesandt, uns zu überzeugen, daß diese Flucht gelingen werde.«

»Aber wie wollt Ihr es anfangen, zu entkommen, Sennor?«

»Das möchte ich Dir wohl gern sagen, aber siehe, da zieht der Schwarze die Uhr bereits zum zweiten Male heraus; unser Sand ist bald verronnen.«

»Und ich habe noch ganz und gar nichts von Euren Schicksalen und Erlebnissen gehört!«

»Ich wollte sie Dir erzählen, aber dazu finden wir später Zeit. Es stehen uns nur noch einige Minuten zu Gebote und diese müssen wir verwenden, die Worte zu wiederholen, welche Du bereits gelernt hast. Ich werde heute Abend mit dem Gärtner bei Dir eintreten und Du hast nichts zu thun, als die größte Geräuschlosigkeit zu beobachten. Sollte sich jedoch ein Hinderniß einstellen, so komme ich morgen wieder, um den Unterricht fortzusetzen.«

Er übte mit ihr die bereits genannten Redensarten ein, zu denen der Verschnittene beifällig mit dem Kopfe nickte. Kaum aber war seine Stundenuhr zum dritten Male abgelaufen, so erhob er sich gravitätisch und sagte in gebieterischem Tone:

»Deine Zeit ist um. Folge mir!«

Der Graf stand von seiner Decke auf und gehorchte ihm.

Noch aber hatten sie die Thür nicht erreicht, so öffnete sich dieselbe und der Sultan trat ein.


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»Allah, Ihr seid pünktlich!« sagte er wohlgefällig. Und sich zu dem Verschnittenen wendend, fragte er: »Hast Du Alles gehört?«

»Alles, o Herr,« antwortete der Gefragte in jenem hohen Fisteltone, welcher kastrirten Männern eigenthümlich ist.

»Hat er Gutes gesprochen oder Schlechtes?«

»Nur Gutes, sehr Gutes!«

»Weißt Du dies genau?«

»Ganz genau, denn ich habe es gehört.«

Da nickte der Sultan zufrieden, drehte sich zu dem Grafen hinüber und fragte:

»Hat sie bereits Etwas gelernt?«

»Ja,« antwortete der Gefragte zuversichtlich.

»Was? Kann ich es hören?«

»Ja, wenn Du es befiehlst. Ich habe sehr viel mit ihr von Dir gesprochen. Frage sie einmal, für wen sie Dich hält!«

Da wendete sich der Sultan neugierig zu der Sclavin und fragte:

»Sage mir einmal aufrichtig, für wen Du mich hältst!«

Der Graf nickte ihr zu und so antwortete sie in härrärischer Sprache mit der ersten Formel, die er ihr eingelernt hatte:

»Du bist ein großer Fürst.«

Der Sultan nickte mit einem außerordentlich freundlichen Lächeln und fragte weiter:

»Kann sie noch mehr?«

»Frage sie einmal, ob sie Dich für liebenswürdig hält!« meinte der Graf.

»Glaubst Du, daß ein Weib mich hassen oder mir widerstehen könnte?« fragte der Herrscher.

»Du bist die Wonne der Frauen,« klang es hinter dem Schleier hervor.

»Frage sie auch, ob sie diese Wonne fühlt!« fuhr der Mexikaner fort.

»Bin ich auch Deine Wonne?« fragte der Sultan.

»Dein Anblick labt meine Seele,« lautete die Antwort.

Man sah es dem Sultan an, daß er ganz entzückt über diesen Erfolg des ersten Unterrichtes sei. Er klopfte, was bei ihm sonst niemals vorkam, dem Sclaven belobigend auf die Schulter, nickte ihm herablassend zu und sagte:

»Du bist der beste Lehrer, den es geben kann! Diese Sclavin wird noch heute mein Weib, und Du sollst belohnt werden, nicht als ob Du ein Sclave seist, sondern wie ein Freier!«

»Herr, eile nicht so schnell!« bat Don Ferdinando. »Bedenke, daß ihr Herz an die Ihrigen noch denkt, und daß sie erst heute Dein Eigenthum geworden ist. Habe noch einige Tage Geduld und laß sie erst zur Ruhe kommen. Je freundlicher Du bist, desto leichter eroberst Du Ihr Herz. Frage sie selbst, so wird sie es Dir sagen.«

Da wendete sich der Sultan abermals an Emma:

»Ist es wahr, daß Du dies von mir wünschest?«

»Sei gnädig, dann liebt Dich mein Herz,« lautete die letzte, eingelernte Redensart.


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»Sie liebt mich; sie will mich lieben!« rief der Sultan. »Ich werde thun, um was sie mich bittet. Du aber sollst wohnen in einem Raum meines zweiten Palastes, den Du nicht verlassen darfst, um stets da zu sein, wenn ich Dich brauche!«

Er verließ die Schatzkammer. Der Verschnittene zog sich zurück und der Sultan ertheilte in Gegenwart des Grafen die Befehle, welche die Umquartirung desselben betrafen.

Don Ferdinando erhielt eine Stube des zweiten Palastes zur Wohnung. Freilich darf man sich unter diesem zweiten Palast nicht ein herrliches Bauwerk denken; er war weiter nichts, als ein Nebenhaus des Hauptgebäudes, und in der Wohnung befand sich weiter nichts als eine Matte, welche als Sitz und Lagerstätte diente.

Daß der Sultan dem gestern so streng bestraften Sclaven heute gnädiger gesinnt sei, erfuhr derselbe, als ihm eine Pfeife und ein kleiner Vorrath von Tabak gebracht wurde. Es war dies für ihn ein Genuß, den er lange Jahre schwer entbehrt hatte.

Wie hatten sich seit gestern doch überhaupt die Verhältnisse sosehr geändert. Der Graf war von einer freudigen Hoffnung, ja Ueberzeugung durchdrungen, daß die Flucht gelingen und Alles noch ein gutes Ende nehmen werde. Er ging sehr großen Gefahren entgegen, und doch fand sich nicht eine Spur von Besorgniß in seinem Herzen.

Daß sein Glaube, Gott werde ihm beistehen, ein berechtigter sei, erfuhr er weiter kurz vor Einbruch der Nacht. Um diese Zeit wurden nämlich vier der besten Kameele von der Weide hereingebracht und in einen Schuppen untergestellt, in welchem sich der beste Theil des herrschaftlichen Reit- und Packzeuges befand. Der Graf näherte sich dem Manne, welcher die Thiere gebracht hatte und fragte ihn:

»Warum bleiben die Thiere nicht auf der Weide?«

»Weil es der Sultan befohlen hat.«

»So wird er ausreiten?«

»Ja. Er reitet morgen am Vormittage mit seinem ältesten Weibe zu ihrem Vater, wo sie einige Zeit lang bleiben wird. Ich habe zwei Reitsättel, eine Frauensänfte und einen Packsattel bereit zu halten.«

Dem Grafen war es, als ob ihm ein großes Geschenk gemacht worden sei. Zwei Reitsättel, das paßte grad für ihn und den Gärtner; eine Frauensänfte, die war für Emma, und auf den Packsattel konnte man alles Andere verladen. Es war klar, daß der Sultan seine erste Frau fortbrachte, um sich der neuen Sclavin ungestörter widmen zu können.

»Darf ich Dir helfen?« fragte Don Ferdinando den Treiber.

»Thue es. Ich bin müde und möchte bald schlafen gehen,« antwortete der Mann.

Nichts konnte dem Grafen lieber sein als dies. Er fütterte und tränkte die Kameele, und als der Treiber sich nach Einbruch der Finsterniß entfernte, versprach er ihm noch dazu, während der Nacht bei den Kameelen zu schlafen, damit den Lieblingsthieren des Sultans ja nichts zustoße. Eine Pfeife Tabak war die Belohnung für dieses scheinbar so großmüthige Anerbieten.

Unterdessen stack der Gärtner Bernardo in seinem Loche und sehnte den Abend


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herbei. Als nach seiner Zeitberechnung derselbe herangekommen war, kletterte er an der Wand empor und warf den Stein herab. Dadurch entstand das Loch, welches hinüber zum Gefängnisse des Grafen führte.

»Don Ferdinando!« rief er halblaut.

Keine Antwort ertönte.

»Don Ferdinando!« wiederholte er.

Es herrschte dieselbe Stille wie vorher.

»Gnädiger Herr! Sennor! Don Ferdinando!«

Es ließ sich kein Laut hören.

»Mein Gott, was ist das?« murmelte der Gärtner voller Angst. »Ist ihm etwas zugestoßen? Oder hat man ihn aus dem Loche herausgeholt? In beiden Fällen wäre es schlecht um mich bestellt, falls ihm draußen ein Unglück widerfahren wäre. Ich werde doch hinübersteigen, um mich zu überzeugen.«

Er warf noch einen Stein aus der Zwischenwand, um die Oeffnung zu vergrößern und stieg in die benachbarte Kellerzelle. Der Graf war nicht da. Der Suchende fand nur die todten Ratten am Boden.

»Er ist fort; man hat ihn geholt,« dachte der Gärtner. »Aber weshalb und wozu? Alle Teufel, sollte der Diebstahl entdeckt worden sein? Doch nein. Dann hätten die Spuren ja zu mir geführt und nicht zu ihm! Ist er begnadigt worden? Dann wäre es ja möglich, daß er dennoch Wort halten könnte. Ich werde dies abwarten müssen.«

Von Unruhe und Bangigkeit erfüllt, stieg er in sein Loch zurück und wartete. Dann, als ihm die Zeit zu lang wurde, schob er sich bis zum Eingange empor und lauschte hinter dem Steine, ob noch ein Geräusch sich hören lasse, von welchem darauf zu schließen sei, daß noch Leben in der Stadt herrsche. Er horchte, aber Alles war ruhig. Er hätte gern einmal hinausgeblickt, aber er wußte ja, daß er allein den Stein nicht entfernen könne.

So verging eine lange, angstvolle Zeit. Schon gab der Harrende alle Hoffnung auf, als er plötzlich über sich ein Geräusch vernahm. Man arbeitete an dem Steine herum. Wer war das? War es der Henker oder war es der Graf? Der Gärtner fragte sich, ob er helfen solle oder nicht. Er beschloß, es nicht zu thun. Kam der Henker, ihn zu holen, so hatte er jedenfalls Jemand mitgebracht, der ihm helfen mußte, den Stein zu öffnen.

Da klopfte es einige Male vernehmlich von Außen auf die Platte, und eine Stimme fragte:

»Bernardo, bist Du da?«

Er konnte die Worte vernehmen, da der Sprechende den Mund nahe an den Stein legte.

»Ja, Sennor,« antwortete er.

»Schieb von Innen; allein bin ich zu schwach!«

Jetzt stemmte er sich mit aller Gewalt gegen die Platte, welche endlich wich.

»Gott sei Dank; ich dachte schon, es ginge nicht!« flüsterte es draußen.

Nun war es leicht, das Hinderniß ganz zur Seite zu schieben. Bernardo kroch hinaus.


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»O Dios, was habe ich für Angst ausgestanden!« sagte er. »Ich war in Eurem Loche, Don Ferdinando, und fand es leer. Wo seid Ihr gewesen?«

»Ich wurde zum Sultan geholt; ich habe Außerordentliches erlebt, mein guter Bernardo.«

»Was?«

»Denke Dir, der Sultan hat heute eine weiße, christliche Sclavin gekauft, welche eine fremde Sprache redete; darum schickte er zu mir, um zu sehen, ob ich sie verstehen könne. Und weißt Du, wen ich in dieser Sclavin gefunden habe?«

»Nun?«

»Ein abermaliges Opfer dieses Landola, eine Landsmännin von mir, eine Mexikanerin, welche den echten Rodriganda kennt und auch jenen Doctor Sternau, von welchem nun auch ich sagen muß, daß er ein außerordentlicher Mensch ist, welcher es verdient, der Gemahl der Gräfin Rosa de Rodriganda y Sevilla zu sein.«

»Das ist erstaunlich, Sennor!«

»Ja. Aber es ist jetzt nicht Zeit zum Erzählen, sondern wir müssen nun handeln.«

»Aber jene Dame, jene Mexikanerin? Was wird mit ihr? Lassen wir sie hier?«

»O nein. Wir nehmen sie mit. Denke Dir, die Kameele stehen bereits gesattelt im Stalle!«

»Im Stalle? Ich denke -«

»Nichts, nichts hast Du zu denken! Du wirst Alles erfahren. Hast Du Dein Messer?«

»Ja. Aber ich glaube gar, Sennor, daß Ihr ein neues Gewand tragt!«

»Ich bekam es vom Sultan. Aber das ist eine Nebensache. Es bleibt bei unserem gestrigen Entschlusses zuerst die Schildwache. Aber ich möchte den armen Teufel nicht ohne Noth tödten. Ich werde mich heranschleichen und ihn beim Halse nehmen, daß er nicht schreien kann. Während ich ihn halte, bindest Du ihm Hände und Füße so, daß er sich nicht rühren kann, und steckst ihm einen Zipfel seines Gewandes als Knebel in den Mund. Dann zum Sultan. Komm!«

Sie wälzten aus Vorsicht den Stein wieder auf das Loch und glitten dann nach dem Palaste hin. Die Schildwache stand am Thore. Es war so dunkel, daß man kaum drei Schritte weit zu sehen vermochte. Es gelang den Beiden, sich, auf der Erde kriechend, bis an den Mann heranzuschleichen. Dann erhob sich der Graf schnell, faßte ihn mit beiden Händen bei der Gurgel und drückte ihm dieselbe mit solcher Gewalt zu, daß ihm der Athem verging und er vor Todesangst den Mund weit aufsperrte. Im Nu hatte er den Knebel darin, und einige Augenblicke später war er so streng gefesselt, daß er sich nicht zu rühren vermochte. Er wurde nach dem Schuppen getragen, in dem sich die Kameele befanden, welchen der Graf bereits die Sättel aufgelegt hatte, so daß man sie nur zu beladen oder zu besteigen brauchte.

Jetzt nun stand ihnen der Weg in das Haus offen.

Sie glitten vorsichtig durch den Eingang nach dem Audienzsaale, wo der Graf ein Messer von der Wand nahm, um für alle Fälle bewaffnet zu sein. Als er


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die Matte, welche die nächste Thür bildete, vorsichtig zurückschlug, fand er das Schlafzimmer finster und kein Laut verrieth, daß der Sultan vorhanden sei. Bei schärferer Beobachtung aber erblickten die Beiden einen lichten Strich, welcher senkrecht herniederging.

»Was ist das?« flüsterte der Gärtner.

»Ah,« antwortete der Graf ebenso leise, »er ist noch wach. Er ist bei der Sclavin, welche sich dort in der Schatzkammer befindet.«

»Dort ist die Schatzkammer?«

»Ja.«

»Alle Teufel, das ist bequem!«

»Ich war heute drei Stunden lang darin. Es wird Alles sehr gut ablaufen. Komm näher.«

Sie glitten zur Thür hin, welche eine schmale Lücke aufstand; durch diese drang der erwähnte Lichtschein heraus. Indem der Graf diese Lücke vorsichtig ein Wenig erweiterte, konnten sie den Inhalt der Schatzkammer deutlich sehen.

Auf dem Polster saß Emma, vollständig entschleiert, und in einiger Entfernung saß ihr der Sultan gegenüber, tief in ihren Anblick versunken. Man konnte es ihm nicht übel nehmen, daß er, nur die schwarzen oder kaffeebraunen Gesichter gewöhnt, sich so rasch und tief in die Mexikanerin verliebt hatte. Sie saß wirklich da, wie das vom Himmel gestiegene Bild der Liebesgöttin, und der brave Bernardo frug leise, den Grafen anstoßend:

»Donnerwetter, ist das die Sclavin?«

»Ja.«

»Da habt Ihr recht. Die dürfen wir nicht hier lassen, die muß gerettet werden! Vorwärts, Sennor!«

»Der Sultan dreht uns den Rücken zu, und ich habe heute aufgemerkt und gesehen, daß diese Thür ganz ohne Geräusch aufgeht. Es kommt also nur darauf an, daß Emma unser Nahen nicht verräth und er keine Zeit erhält, zu rufen oder sich zu vertheidigen. Ich werde vorantreten und ihr ein Zeichen geben.«

Er schob die Thür etwas weiter auf und trat leise ein. Emma erblickte ihn zwar, aber sie hatte ihn schon längst erwartet, sie blickte darum, ohne überrascht worden zu sein, von ihm ruhig hinweg und dem Sultan in das Gesicht.

Jetzt galt es! Zwei rasche Schritte und Graf Ferdinando hatte den Herrscher beim Halse. Sogleich stand auch Bernardo dabei, ballte einen Zipfel von dem Gewand des Ueberfallenen zusammen und steckte es ihm in den Mund. Der Graf hatte sich im Stalle mit genug Stricken versehen, so daß auch hier die Arbeit des Fesselns schnell von Statten ging. Dann wurde der Geknebelte auf das Lager geworfen, von welchem sich die Mexikanerin schnell erhoben hatte.

»Endlich!« seufzte sie erleichtert auf. »Ich begann schon, die Hoffnung zu verlieren.«

Der Graf antwortete ihr noch nicht, sondern er trat zunächst nach der Thür und zog sie so fest zu, daß kein Lichtschein mehr hinausfallen konnte. Sodann betrachtete er den Sultan. Dieser war nicht ohnmächtig geworden, sondern betrachtete die Scene mit einem Blicke, in welchem sich die höchste Wuth aussprach. Ferdinando


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de Rodriganda bog sich zu ihm nieder und sagte halblaut, so daß es draußen nicht zu hören war:

»Da liegst Du nun, Du, der größte Herrscher, hilflos und gefangen! Jetzt sind wir drei Christensclaven mächtiger als Du. Wir könnten Dich tödten, aber wir schenken Dir das Leben. Wir geben uns die Freiheit und nehmen nur das von Dir, was wir dazu brauchen und was Du erst Andern geraubt hast. Aber merke Dir: Sobald Du das geringste Geräusch verursachst, fährt Dir dieses Messer in das Herz!«

Jetzt erst wendete er sich zu der Sennora und sagte:

»Ich pflege Wort zu halten, wenn es nur immer möglich ist. Du kannst doch nicht wie ein Mann auf dem Kameele sitzen.«

»Nein, Don Ferdinando.«

»Darum halte ich eine Sänfte für Dich bereit. Aber dennoch wirst Du Männerkleider anlegen müssen, um unsere etwaigen Verfolger zu täuschen. Auch wir brauchen gute Anzüge, um für vornehme Reisende zu gelten. Hier ist Vorrath genug an der Wand. Ich werde auswählen.«

Er that dies. Dann zog er von einer Wand zur andern eine Schnur und hing einige arabische Mäntel daran, so daß eine Scheidewand entstand, hinter welcher sich die Mexikanerin umkleiden konnte.

Dies ging alles so schnell, daß nach kaum zehn Minuten die Kleider angelegt waren. Sie waren sehr reich und ganz geeignet, ihre Träger bei den Stämmen der Somali in Ansehen zu bringen.

»Nun zunächst Waffen!« sagte der Graf.

»Ich weiß welche,« meinte Emma. »Der Sultan brachte vorhin zwei Revolver und zwei Doppelbüchsen und die nöthige Munition. Er that Alles in den Kasten dort.«

Der Kasten wurde geöffnet und die heute gekauften Waffen nebst den Patronen herausgenommen. Dazu legte der Graf noch mehrere kostbare Yatagans und drei Säbel mit eingelegten Griffen, welche sicher einen hohen Werth besaßen.

»Nun öffnen wir die anderen Kasten und Körbe, um zu sehen, wo sich das Geld befindet,« meinte Don Ferdinando. »Wir brauchen es.«

»Ich weiß Alles liegen,« sagte Emma. »Er hat mir heute alle seine Schätze gezeigt.«

»Hat er Gold?«

»Ja. Dort der Kasten scheint voll zu sein.«

»Und Silber?«

»In den drei Kästen, welche daneben stehen. Er hat auch Juwelen und Geschmeide.«

»Ah, das ist noch besser,« meinte der Graf. »Es ist möglich, daß wir uns ein Schiff miethen, oder gar kaufen müssen, um nach der Insel unserer Freunde zu gelangen, und da brauchen wir Geld, sehr viel Geld.«

Er nahm die Stricke von den bezeichneten Kästen und fragte dabei:

»Wo befinden sich die Schmucksachen?«

»Hier im mittelsten Kasten befinden sich mehrere Gartons und Etuis, welche gefüllt sind.«


// 1343 //

»Wir werden uns diese Sachen ansehen. Wir können sie mitnehmen, ohne uns als Diebe zu betrachten. Sechzehn Jahre Sclaverei für einen Grafen Rodriganda, dafür ist wohl keine Entschädigung groß genug, und wenn sie ein Königreich betrüge.«

Das Silber, das sie fanden, bestand meist in Mariatheresiathalern und das Gold in spanischen Doublonen, englischen Guineen und französischen Napoleonsd'ors. Das Geschmeide aber repräsentirte einen Werth von mehreren Millionen, welche hier vergraben lagen, ohne irgend welchen Nutzen zu bringen. Die Schmucksachen verlangten den geringsten Raum im Verhältniß zu ihrem Werthe. Sie wurden alle genommen. Von den Thalern nahm der Graf nur so viel, als er unterwegs zu gebrauchen glaubte, da die Stämme, mit denen er in Berührung kam, nur diese Bezahlung annahmen. Das Uebrige konnte aus Gold bestehen.

Es waren genug Säckchen vorhanden, um das Alles unterzubringen. Man legte diese Sachen alle auf einen Haufen kostbarer Decken und Teppiche, einige prachtvolle Pfeifen nebst Taback hinzu und dann trugen die beiden Männer Alles nach dem Kameelschuppen, um es aufzuladen, während Emma bei dem Sultan Wache hielt.

Zu erwähnen ist noch, daß der Graf vor der Umkleidung natürlich den Schraubenschlüssel geholt hatte, um sich und dem Gefährten die Fesseln abzunehmen.

Das Fortschaffen der annectirten Gegenstände erforderte eine sehr lange Zeit, da die beiden Männer sehr vorsichtig sein und das leiseste Geräusch vermeiden mußten. Wasserschläuche und einige Säcke für Lebensmittel, welche unterwegs eingekauft werden sollten, mußten auch gesucht werden, und so war es bereits nach Mitternacht, als Emma hörte, daß man aufbrechen könne.

»Welche Gedanken wird der gute Sultan von Härrär jetzt haben!« sagte der Graf. »Er wird vor Grimm innerlich kochen. In seinen Augen sind wir natürlich die größten Räuber, und wehe uns, wenn er uns einholen sollte. Er würde uns an tausendfachen Qualen sterben lassen.«

»Ihr glaubt nicht, daß er uns einholt?« fragte Emma ängstlich.

»Ich glaube es nicht; denn wir haben seine besten Kameele, die er nicht einholen wird und sodann werden wir gegen Abend die Grenzen seines Reiches und seiner Macht hinter uns haben. Zwar ist es möglich, daß man uns ihm ausliefern könnte, aber wir werden uns einen Beschützer, einen Abban - ah, da kommt mir ein Gedanke!«

»Welcher?« fragte der Gärtner.

»Wir brauchen einen Abban, und weißt Du, wo wir den besten, den treuesten, den aufopferndsten finden werden?«

»Wo?«

»Im hiesigen Gefängnisse.«

»Einen Gefangenen? Wird der uns beschützen können?«

»So lange er Gefangener ist, nein; aber wenn wir ihn befreien, so wird seine Dankbarkeit keine Grenzen kennen.«

»Aber haben wir auch Zeit dazu?«

»Wir brauchen nur eine halbe Stunde zu opfern. Komm, Bernardo! Die Sennora mag einstweilen hier noch Wache halten!«


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Es wurde Emma doch bange, als sie hörte, daß sie abermals allein bleiben solle. Sie sagte:

»Ihr begebt Euch vielleicht in Gefahr, Don Ferdinando!«

»O nein. So lange der Sultan schläft, darf sich auf dem Palastplatze kein Mensch sehen lassen. Wir sind vollständig sicher.«

»Aber ich nicht! Wie leicht kann Jemand kommen und Alles entdecken.«

»Du irrst, meine Tochter. Wir sind nicht in Spanien oder Mexiko. Die Bewohner des Palastes glauben, daß der Herrscher schläft. Es wird Keiner wagen, seine Gemächer zu betreten und seine Ruhe zu stören, nicht einmal eine seiner Frauen. Ich kenne das hiesige Leben sehr genau und versichere Dir, daß Du keine Angst zu haben brauchst.«

Er huschte mit dem Gärtner fort. Bei der Weichheit des Schuhwerkes, welches in jenen Gegenden getragen wird und welches sie dem Vorrathe des Sultans entnommen hatten, wurde es ihnen nicht schwer, ihre Schritte unhörbar zu machen. Sie gelangten vor die Thüre des Gefängnisses, ohne bemerkt zu werden. Die Wache, welche dort zu stehen hatte, lehnte an der andern Ecke und schien sich tiefen Betrachtungen hingegeben zu haben.

»Wir binden und knebeln ihn wie die Andern,« flüsterte der Graf.

»Womit?« fragte der Gärtner. »Habt Ihr noch Stricke?«

»Nein; aber wir haben Messer, sein Gewand in Schnüre zu zerschneiden.«

»Das werde ich thun, während Ihr ihn haltet.«

»Gut! Also vorwärts!«

Nach einigen raschen Schritten standen sie vor dem Manne. Ehe er ein Wort sagen konnte, fühlte er seine Kehle zugeschnürt und nach wenigen Augenblicken lag er gebunden am Boden, mit einem zusammengedrehten Fetzen seiner Kleidung als Knebel in dem Munde. Dieser Wächter der Gefangenen war nur mit einem Stocke bewaffnet gewesen.

Die Eingangsthüre besaß kein Schloß, sondern zwei Riegel, welche der Graf zurückschob. Als sie öffneten, drang ihnen ein fürchterlicher Dunst entgegen. Die Gefangenen erwachten und ließen ihre Ketten klirren.

»Bleibe vor der Thür und halte Wache, damit ich nicht überrascht werde!« sagte der Graf.

Dann trat er ein und zog die Thür wieder hinter sich zu. Es herrschte jetzt die Stille der Erwartung in dem Raume. Man hatte Jemand kommen hören; das konnte bei der Grausamkeit für Denjenigen, dem der Besuch galt, Leben oder Tod bringen.

»Ist ein freier Somali hier?« fragte jetzt der Graf.

»Ja,« antworteten zwei Stimmen.

»Also zwei?«

»Ja,« antwortete es abermals doppelt.

»Von welchem Stamme?«

»Vom Stamme der Zareb.«

»Ah, Ihr seid von einem und demselben Stamme?«

»Ja, wir sind Vater und Sohn,« antwortete jetzt nur der Eine.

»Gut, Ihr habt mir jetzt zu folgen, ohne einen Laut auszustoßen. Je folg-


Ende der sechsundfünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk