Lieferung 58

Karl May

29. Dezember 1883

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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war erhöht und mit kostbaren Teppichen besetzt. Darauf saß der Sultan, aus einer langrohrigen Wasserpfeife rauchend. Er warf einen langen, forschenden Blick auf den Capitän und wendete sich dann an den Dolmetscher:

»Kniee nieder, Sclave, wenn ich mit Dir spreche!«

Er war es in Härrär gewöhnt, daß seine Unterthanen liegend mit ihm sprachen und hielt es für eine ganz besondere Gunst, wenn er dem Manne erlaube, nur knieend und nicht auf dem Bauche liegend mit ihm zu reden.

Der Dolmetscher gehorchte und knieete nieder. Wagner hatte die arabischen Worte nicht verstanden, aber er brachte sie in Verbindung mit der Unterwürfigkeit seines Dieners und fragte diesen daher:

»Warum knieest Du nieder?«

»Der Sultan hat es befohlen.«

»Ah! Wer ist Dein Herr?«

»Du.«

»Wem also hast Du zu gehorchen?«

»Dir.«

»So befehle ich Dir, aufzustehen!«

»Der Sultan würde mich tödten lassen!«

»Pah! Vorher jage ich ihm eine Kugel durch den Kopf. Stehe auf! Wir Andern werden sitzend sprechen, Du aber wirst vor uns stehen, das ist Ehrerbietung genug.«

Der Dolmetscher erhob sich zwar, trat aber zagend einige Schritte zurück, damit ihn das Messer des Sultans nicht erreichen könne. Dieser blickte ihn flammenden Auges an, fuhr mit der Hand nach dem Gürtel, in welchem seine Waffen steckten, und fragte:

»Hund, warum stehest Du auf?«

»Mein Herr hat es mir geboten.«

»Der Ungläubige?«

»Ja.«

»Sofort kniest Du nieder, sonst fährt Dir meine Kugel durch den Kopf!«

Der Dolmetscher sah zitternd auf den Deutschen. Dieser sah die drohende Haltung des Sultans und fragte den Aengstlichen:

»Was sagte er?«

»Er will mich erschießen, wenn ich nicht niederkniee.«

»So sage ihm, daß ihn meine Kugel eher treffen werde, als Dich die seinige.«

Bei diesen Worten zog er den Revolver und richtete ihn nach dem Kopfe des Sultans. Dieser erbleichte, ob vor Zorn, ob vor Schreck und Wuth, das war nicht zu sagen.

»Was meint dieser Ungläubige?« fragte er.

»Ehe Du Deine Pistole ziehst, hat Dich seine Kugel getroffen.«

Das Angesicht des Sultans nahm bei diesen Worten einen ganz unbeschreiblichen Ausdruck an. So hatte noch Keiner mit ihm zu sprechen gewagt! Aber die Haltung des Deutschen war eine so entschlossene, daß der Sultan doch die Hand vom Gürtel nahm und ihn nach einer kurzen Pause fragen ließ:

»Warum widerstrebst Du, daß Dieser vor mir kniee?«


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»Weil er mein Diener ist, nicht aber der Deinige,« antwortete der Capitän.

»Weißt Du, wer ich bin?«

»Ich sollte zum Sultan von Härrär geführt werden.«

»Nun, so siehe mich an; der bin ich!«

Diese Worte wurden in einem Tone gesprochen, als ob der Sprecher erwarte, daß der Deutsche nun sofort vor Staunen und Demuth niederfallen werde; aber dieser antwortete sehr ruhig:

»Und weißt Du, wer ich bin?«

»Man hat mir den Befehlshaber eines Schiffes gemeldet, welcher es gewagt hat, diese Stadt zu beschießen.«

»Nun; so siehe mich an; der bin ich!«

Der Sultan sah den Deutschen wirklich an, und zwar mit einem Blicke, in welchem sich ein nicht zu unterdrückendes Erstaunen aussprach. Einen so furchtlosen Mann, der ihm mit seinen eigenen Worten antwortete, hatte er noch nie vor sich gehabt.

»So bist Du Seemann, ich aber bin Sultan eines großen Reiches!« sagte er endlich, um dem Verwegenen doch zu erklären, wen er vor sich habe.

»Dein Reich ist nicht sehr groß,« meinte der Deutsche gleichmüthig. »Ich habe mit größeren und berühmteren Männern gesprochen, als Du bist. Du bist ein Herr von Sclaven; rühmlicher aber ist es, der Herrscher von freien Männern zu sein. Ich verbiete meinem Diener, vor Dir zu knieen. Diesen Befehl wirst Du respectiren müssen, wenn Du nicht haben willst, daß ich mir Achtung erzwinge.«

Er setzte sich ganz bequem neben dem Sultan nieder und legte seine zwei Revolver vor sich hin; das war genug gesagt.

Der Gouverneur hatte bis jetzt neben ihm gestanden. Er hätte es nie gewagt, sich so ohne ganz besondere Aufforderung so nahe zu dem Tyrannen zu setzen. Jetzt nun fühlte er sich durch das Beispiel des Deutschen ermuthigt, so daß er sich auch niederließ, doch in einiger Entfernung von den Beiden.

Der Sultan schien vor Erstaunen die Sprache verloren zu haben. Er wußte offenbar nicht, wie er sich bei dieser Scene verhalten solle. Der Deutsche imponirte ihm; besonders beängstigten ihn die beiden Revolver desselben. Ein Mann, der eine ganze Stadt so furchtlos bombardirt, der ist auch im Stande, einen Nachbar, der ihm nicht gefällt, niederzuschießen. Er rückte unwillkürlich von ihm weg und sagte:

»Wärst Du in Härrär, so ließe ich Dich erdolchen!«

»Und wärst Du in unserm Reiche, so hättest Du längst den Kopf verloren,« sagte Wagner. »Im Abendlande pflegt man nämlich den Sultanen, wenn sie dem Volke nicht gefallen, den Kopf herabzuschlagen.«

Der Herrscher riß den Mund auf. Seine Augen öffneten sich so weit, als ob er bereits an den Stufen der Guillotine stehe.

»Warst Du auch dabei?« fragte er unwillkürlich.

»Nein, denn ich bin kein Henker. Aber Du rauchst, und ich bin gewohnt, mir das nicht zu versagen, was Andern schmeckt. Man gebe mir auch eine Pfeife!«

Der Dolmetscher hatte noch nie in seinem Leben eine solche Unterhaltung ver-


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mittelt, er hatte erst für sich selbst gefürchtet, aber die Furchtlosigkeit des Deutschen, unter dessen Schutze er sich von Secunde zu Secunde sicherer fühlte, stärkte auch seinen Muth und so übersetzte er dessen Reden ganz und gar wörtlich, obgleich er ihnen ein etwas höflicheres Gewand hätte geben können.

Der Gouverneur befand sich aber wie im Traume. War es ihm vorher unglaublich erschienen, daß ein Ungläubiger gegen den Beherrscher von Zeyla in Wagners Weise auftreten könne, so war es ihm jetzt, als er dessen Verhalten gegen den Sultan sah, als müsse er vor Angst sich verkriegen. Er klatschte in die Hände und befahl dem gleich erscheinenden Schwarzen, Pfeifen zu bringen.

Als Wagners Pfeife in Brand gesteckt war, that er behaglich einige lange Züge und sagte dann zu dem Sultan:

»Jetzt kannst Du beginnen. Wir wollen von unserer Angelegenheit sprechen!«

Das klang gerade, als ob er unter den drei anwesenden Herren der höchste und vornehmste sei, welcher zu bestimmen habe, was gesprochen werden solle. Aber der Eindruck seiner Person und seines Verhaltens war doch ein solcher, daß der Sultan vergebens nach einer Zurechtweisung suchte. Darum sagte er:

»Der Gouverneur hat mich von Deiner Bitte unterrichtet - - -«

»Von meiner Bitte?« fragte Wagner mit gut gespieltem Erstaunen. »Ich habe keine Bitte ausgesprochen, sondern ich dachte, einen Wunsch von Dir zu hören.«

Auch diese Wendung hatte der Sultan nicht erwartet. Er fühlte sich diesem Manne gegenüber so befangen, wie er es gar nicht für möglich gehalten hätte. Aber der Deutsche hatte doch das Richtige getroffen. Einem Tyrannen kann man nur durch die größte Herzhaftigkeit imponiren, denn ein Tyrann ist im Grunde seines Herzens ein Feigling. So empfand auch der Herrscher von Härrär dem Capitän gegenüber eine mit Furcht gepaarte Achtung, aus welcher heraus sich ein schnelles Vertrauen entwickeln wollte. Er sagte sich im Stillen, daß so ein Mann ganz wie geschaffen sei, Etwas auszuführen, was Andern nicht gelungen ist. Darum sagte er in einem ungewöhnlich milden Tone:

»Ja, ich habe einen Wunsch; aber ich weiß nicht, ob Du der Mann bist, ihn zu erfüllen.«

»Probire es!« sagte der Deutsche einfach.

»Der Gouverneur hat Dir Alles erzählt?«

»Das weiß ich nicht. Erzähle mir es selbst noch einmal!«

Der Sultan folgte dieser Aufforderung. Er gab einen Bericht über das, was in Härrär geschehen war, und über die Schritte, welche er dann gethan hätte, um die Flüchtlinge in seine Hand zu bekommen. Er verschwieg oder bemäntelte Alles, was seinem eigenen Ansehen schaden konnte, aber dennoch sprach aus seiner Darstellung eine Wuth, ein Grimm, der sicher zu den raffinirtesten Grausamkeiten griff, wenn die für jetzt Entkommenen das Unglück haben sollten, wieder in seine Hände zu fallen. Als er geendet hatte, fügte er die Frage hinzu:

»Weißt Du jetzt genug?«

»Ja,« antwortete Wagner.

»Hältst Du es für möglich, die Flüchtlinge zu erreichen?«

»Ja.«

»Wie? Durch den gefangenen Somali?«


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»Nein.«

»Warum nicht?«

»Dieser Somali ist ein tapferer Mann, denn er hat viel gewagt. Er wird lieber sterben, ehe er seinen Vater verräth.«

»Ich werde ihn zu Tode martern!«

»Das wirst Du nicht können, denn er wird sich vorher tödten. Ich an seiner Stelle wenigstens würde es thun.«

»Er hat keine Waffen bei sich!«

»Man kann sich auch ohne Waffen tödten. Es hat Sclaven gegeben, denen man Alles genommen hat, damit sie keinen Selbstmord vollbringen könnten, und haben sich das Leben genommen, indem sie ihre Zunge verschluckten. Und wenn er dies nicht thun wird, glaubst Du etwa, daß er sich mit seinem Vater und den beiden Andern nicht, bevor er von ihnen ging, um nach einem Schiff auszusehen, genau besprochen hat, was er thun soll, wenn er in Eure Hände fällt? Bittet ihn, überredet ihn, oder martert ihn; er wird doch nur das thun, worüber er mit ihnen übereingekommen ist.«

»Und was wird dies sein?«

»Das weiß ich nicht, da ich ihn nicht gesehen habe und ihn nicht kenne. Er kann trotz seiner gegenwärtigen schlimmen Lage noch Vieles thun, um Euch zu entkommen.«

»Sage Eins von den Vielen!«

»Er kann aus seinem Gefängnisse entspringen.«

»Das gelingt ihm nicht!«

»Warum nicht? Kann er nicht Helfershelfer finden? Sind keine Somali in der Stadt? Oder kann er Euch scheinbar versprechen, Euch zu den Flüchtlingen zu führen, und unterwegs entspringt er Euch. Oder man stellt Euch dann einen Hinterhalt.«

»Wie wäre dies möglich?«

»Haben die Spanier nicht Deine Schätze bei sich? Können sie nicht Leute genug anwerben und bestechen, um Dich zu überfallen?«

Der Sultan schien nachdenklich zu werden. Er blickte eine Zeitlang vor sich nieder und sagte dann:

»Daran habe ich noch nicht gedacht. Du bist klug genug, um der Vezier eines Sultans zu werden. Ich meinte, Alles gethan zu haben!«

»Und das Einfachste, das Leichteste, das Sicherste hast Du nicht gethan!«

»Was?«

»Du sagst, daß die Flucht nur dann gelingen könne, wenn die Entflohenen an der Küste ein Schiff treffen, auf welchem sie Aufnahme finden?«

»Ja.«

»Nun, warum hast Du ihnen denn nicht Aufnahme auf einem solchen Schiffe verschafft?«

Der Sultan blickte ihn mit dem größten Erstaunen an.

»Bist Du toll!« rief er. »Ich selbst, dem sie entflohen sind, dessen Schätze sie geraubt haben, der ihnen nachjagt, um sie zu fangen, dem sie sogar die schönste Sclavin entführt haben, sollte ihnen zu weiterer Flucht behilflich sein?«


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»Wer sagt denn das?« sagte der Deutsche mit überlegenem Lächeln.

»Du, Du hast es ja soeben gesagt!«

»So muß ich Dich fragen, ob Du selbst toll bist? Hast Du mich denn wirklich nicht verstanden? Ich an Deiner Stelle hätte mich schleunigst in ein Fahrzeug gesetzt und wäre längs der Küste hingesegelt. Sie wären gekommen und hätten um Aufnahme gebeten; ich aber hätte mich versteckt. Sobald sie aber mit den Schätzen das Schiff bestiegen hätten, wäre ich hervorgekommen und hätte mich ihrer bemächtigt.«

Da sprang der Sultan, ganz gegen die gewöhnliche Kaltblütigkeit der Orientalen, auf und rief:

»Allah il Allah! Du hast recht! Du bist klüger als wir Alle!«

Auch der Gouverneur machte ein Zeichen der Zustimmung und der Bewunderung.

»Wo sind unsere Sinne gewesen, daß wir nicht auf diesen Gedanken gekommen sind!« sagte er. »Ja, Du bist nicht nur furchtlos und tapfer, sondern auch listig und klug!«

»Wir werden dies noch thun und zwar sogleich!« sagte der Sultan.

»Nicht sogleich; überlegt es Euch erst reichlich!« meinte der Deutsche.

»Warum? Du hast ja recht! Auf diese Weise müssen wir sie sicher fangen.«

»Fast ist es jetzt zu spät dazu!«

»Warum, frage ich Dich?«

»Sie haben den jungen Somali als Boten ausgesandt; er ist nicht wieder gekommen; sie wissen also, daß er gefangen ist und werden sehr vorsichtig sein. Ferner haben sie Eure Schiffe bemerkt. Kennen die Somali die Schiffe des Gouverneurs?«

»Ja,« antwortete der Letztere.

»Gut, so wissen auch die Flüchtigen, daß sie von diesen Schiffen verfolgt werden. Sie werden sich keinem derselben nähern.«

»Du hast abermals recht,« sagte der Sultan erregt. »Aber Du bist weise und unternehmend. Gieb uns einen guten Rath. Wenn wir sie bekommen, so will ich dreißig Kameele bezahlen mit ihren vollen Ladungen, anstatt zwanzig.«

Das Herz des Gouverneurs hüpfte bei diesem Versprechen vor Freude. Er blickte den Deutschen voller Erwartung an, was dieser sagen werde.

»Ist dies wahr? Wirst Du Dein Versprechen halten?« fragte Wagner.

»Ja, ich schwöre es Dir!«

»So will ich Dir meinen Rath geben: Das Schiff, auf welchem Du sie suchst, muß ein fremdes sein, damit sie es nicht fürchten, womöglich ein europäisches. Zu einem solchen werden die Spanier sofort Vertrauen haben, sobald sie es nur sehen.«

»Dein Rath ist gut; er ist der beste, den es geben kann,« sagte der Sultan. »Aber wo giebt es ein solches Schiff außer dem Deinigen?«

»Er wird es Dir geben,« sagte der Gouverneur, mit Wonne im ganzen Gesicht.

»Willst Du wirklich?« fragte der Tyrann.


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»Ich werde es thun, aber ich stelle meine Bedingungen!«

»Sage sie; schnell, schnell!«

»Wir dürfen keine Zeit verlieren; darum muß meine Ladung bis heut Abend verkauft sein.«

»Ich werde dafür sorgen, daß dies geschieht,« sagte der Gouverneur. »Ich habe es Dir bereits versprochen und werde mein Wort halten.«

»Ich selbst kaufe von Dir soviel, als ich Gold und Silber bei mir habe,« rief der Herrscher von Härrär, der so bald wie möglich wieder zu seinen Schätzen und zu seiner schönen Sclavin kommen wollte. »Was hast Du für Waaren und Sachen?«

Der Capitän gab ein mündliches Verzeichniß Alles dessen, was er geladen hatte.

»Es ist gut, ich werde kaufen, der Gouverneur wird kaufen und die Karawanen werden kaufen,« sagte der Sultan. »Hast Du noch Bedingungen?«

»Ja,«

»So nenne sie.«

»Ich will von dem Preise, welchen Du auf die Wiedererlangung der Flüchtlinge gesetzt hast, nichts haben; aber hier der Gouverneur ist mein Freund, er soll Alles erhalten. Du giebst mir ein schriftliches Versprechen, welches ich ihm schenke, sobald ich sie gefangen habe.«

Der Gouverneur wäre seinem großmüthigen »Freunde« beinahe um den Hals gefallen; der Sultan aber konnte eine solche Uneigennützigkeit gar nicht begreifen. Ihm war dies eine reine Unmöglichkeit; darum fragte er:

»Habe ich recht verstanden? Du hast gesagt, daß Du nichts haben willst?«

»Nichts!«

»Gar nichts?« lautete die womöglich noch erstauntere Frage.

»Gar nichts. Der Eine geht gern auf die Jagd und der Andere spielt gern. Meine Leidenschaft aber ist, Flüchtlinge zu fangen. Ich bin belohnt genug durch die Freude, den Fang gemacht zu haben. Darf ich nun meine letzte Bedingung sagen?«

»Sage sie!«

»Ich muß den gefangenen Somali sehen.«

»Warum?«

»Die beiden Spanier werden jetzt seinen Vater auf Kundschaft aussenden. Während mein Schiff an der Küste hingeht, werde ich mit meinem großen Fernrohre diese letztere absuchen und ihn sehen. Jedenfalls sieht der Vater dem Sohn ähnlich. Wenn ich also den Sohn gesehen habe, werde ich den Vater sogleich erkennen.«

»Gott ist groß und Deine Weisheit ist gewaltig!« rief der Sultan. »Du hast es errathen; sie sehen sich sehr ähnlich; man erkennt den Einen an dem Anderen. Du sollst nun den Gefangenen sehen. Ich selbst werde Dich zu ihm führen!«

»Nicht sogleich, sondern erst sollst Du uns Dein schriftliches Versprechen schreiben.«


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»Das werde ich, und Du selbst sollst es mir dictiren. Bringt Pergament, Tinte, Wachs und eine Rohrfeder her! Ich werde schreiben.«

»Warte noch!« sagte der Deutsche. »Wo nimmst Du den Kaffee her?«

»Ich sende ihn aus Härrär.«

»Wie lange dauert das?«

»Ich reise hin und die Karawane her. Das dauert mit der Zeit, welche ich brauche, um den Kaffee zu erhalten, einen Mondeslauf.«

»Gut, so schreibe.«

Der Sultan tauchte die Rohrfeder ein und schrieb folgendes Dictat:

»Ich, Ahmed Ben Sultan Abubekr, Emir und Sultan des Reiches Härrär, verspreche bei Allah und dem Propheten, dem Hadschi Scharmarkay Ben Ali Saleh, der da ist Gouverneur der Stadt Zeyla, einen Mondeslauf nachdem der Capitän Wagner die mir entflohenen Leute in seine Gewalt bekommen hat, dreißig Ladungen guten Kaffee nebst den Kameelen, welche ihn getragen haben, als Geschenk zu übersenden.«

Er setzte seinen vollständigen Namen darunter, nahm dann das Petschir, welches er am Halse hängen hatte, und drückte es auf das Wachs, welches das Siegel bildete.

»So! Bist Du nun zufrieden?« fragte er.

»Ja,« antwortete der Deutsche. Und sich an den Gouverneur wendend, fügte er hinzu: »Ich habe vorhin gesagt, daß Du dieses Schreiben später von mir bekommen sollst; damit Du aber siehst, daß ich die Wahrheit spreche, übergebe ich es Dir bereits jetzt.«

Der Gouverneur fuhr mit beiden Händen zu, daß Wagner fast grad hinaus gelacht hätte. Er machte ein vollständig verklärtes Gesicht und rief:

»Ja, Du beweisest es, daß Du ein edler Mann bist. Du bist mein Freund, Du bist der Freund der Freunde und der Wohlthäter der Wohlthäter! Sage mir, was ich thun soll, um Deinen Namen zu erheben und Deine Güte zu preisen!«

»Ich verlange nichts von Dir, als daß Du Dein Versprechen hältst.«

»In Beziehung auf den Verkauf Deiner Ladung?«

»Ja.«

»Ich werde es halten. Ich werde sofort den Befehl geben, daß man bei Dir nur bis zum Abend kaufen kann. Ich eile; ich gehe bereits!«

Er erhob sich und stürmte fort. Der Deutsche rief ihm noch nach:

»Sorge auch dafür, daß ich Lebensmittel und Früchte kaufen kann.«

Der Gouverneur hörte diese Worte; aber er nahm sich nicht die Zeit, sie anders zu beantworten, als durch ein Zeichen mit beiden Händen, welches er gab.

Als er verschwunden war, legte der Sultan das Rohr seiner Pfeife bei Seite und sagte, nachdem er den Andern noch einmal forschend angeblickt hatte:

»Weißt Du, daß ich mich erst beinahe vor Dir gefürchtet hätte?«

»Ich weiß es!« antwortete der Gefragte.

Diese Antwort hatte der Frager denn doch nicht erwartet; darum sagte er:

»Allah ist groß! Also Du hast es gewußt! Du bist ein unerschrockener und ein weiser Mann. Willst Du Dich nicht zum wahren Glauben bekennen und mit


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mir nach Härrär gehen, um mein Diener zu sein? Du wirst es zu den höchsten Würden bringen und kannst vielleicht sogar Vezier werden!«

Wagner wiegte den Kopf hin und her und antwortete:

»Ich werde Dir das später sagen; jetzt kenne ich Dich noch nicht und Du kennst mich nicht.«

»Ich kenne Dich! Du bist ein Mann, wie ich ihn brauche; ich aber bin Ahmed Ben Sultan Abubekr, der Herrscher von Härrär, das Licht der Fürsten und die Sonne der Sultane. Wer mir dient, der findet Lohn, als ob er Allah selber diente. Jetzt aber komm; ich werde Dir den Gefangenen zeigen.«

»Wie heißt er?«

»Murad Hamsadi; aber sein Name wird verlöschen, denn ich werde ihn und sein ganzes Geschlecht ausrotten, sobald ich ihn gefangen habe. Komm!«

Er schritt voran und verließ das Zimmer. Wagner folgte ihm. Sie kamen über einen weiten Hof und traten dann in einen engeren, der kaum zwanzig Schuh ins Gevierte maß. Die Mauern waren ungefähr vier Ellen hoch. Kein Mensch war vorhanden, wie Wagner dachte; nur ein alter Binsenkorb stand in der Mitte des Platzes.

»Hier ist er,« sagte der Sultan.

»Wo denn?« fragte der Deutsche, sich vergebens in dem Hofe umblickend.

»Da. Nimm den Korb hinweg!«

Der Capitän that dies und erblickte nun zu seinem Entsetzen den Gefangenen. Man hatte eine tiefe Grube gemacht, ihn hinein gestellt und dann die Grube in der Weise wieder zugefüllt, daß nur sein Kopf aus der Erde hervorsah. Trotzdem schien er sich noch bei Kraft und Besinnung zu befinden, denn seine Augen blickten mit einem unendlichen Hasse auf den Sultan und dann mit einem Ausdrucke zorniger Neugierde auf den Deutschen.

Dieser griff unbemerkt in die Tasche und zog das Papier hervor. Er sah ein, daß er es ihm nicht geben konnte, da es ja dem Gefangenen unmöglich war, seine Arme zu gebrauchen; aber vielleicht konnte ein Augenblick erübrigt werden, ihm die Schrift zu zeigen. Freilich war dies sehr schwer, da außer dem Sultan noch der Dolmetscher zugegen war. Dennoch beschloß Wagner, es zu versuchen. Er hielt das Papier in der hohlen Hand und klemmte den Daumen ein, um es zu entfalten. Es war so klein, daß es von der Hand vollständig bedeckt wurde.

»Sieh Dir den Hund genau an!« sagte der Sultan.

»Willst Du nicht versuchen, ob Du ihn zum Sprechen bringst?« fragte Wagner.

»Nein; das ist jetzt unnütz. Du wirst seinen Vater und die Anderen fangen, auch ohne daß er redet. Dann aber soll er seine Strafe empfangen!«

»Kann er denn nicht aus der Erde heraus? Wenn er sich wendet, wird das Sandreich locker!«

»Er kann nicht; er ist an einen Pfahl gebunden.«

»Wirklich? Mir scheint als ob er bereits gearbeitet habe.«

Bei diesen Worten beugte sich Wagner vor dem aus der Erde ragenden Kopfe nieder, that, als ob er mit der Linken den Sand untersuche und hielt ihm mit der


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Rechten das Papier hin, so daß er es lesen konnte, wenn er das Lesen überhaupt verstand. Der Sultan bemerkte davon nichts und sagte:

»Die Erde ist fest, sorge Dich nicht!«

»Aber wie kannst Du ihn ohne Wächter lassen?«

»Am Tage ist keine Wache nöthig, des Nachts aber steht ein Krieger bei ihm und ein anderer hier an der Thür. Er kann unmöglich entkommen.«

»So bin ich beruhigt und wir können gehen.«

Diese letzteren Worte sagte der Capitän mit großer Befriedigung, denn er erkannte aus dem Blicke des Eingegrabenen, daß dieser die Worte gelesen und verstanden habe. Er hatte seinen Zweck erreicht und dem armen Teufel einstweilen Trost und Hoffnung gegeben, die er beide so nothwendig brauchte.

In das Zimmer zurückgekehrt, fanden sie den Gouverneur, welcher ihnen meldete, daß die betreffenden Befehle bereits ertheilt seien.

»Ich werde mit auf das Schiff gehen,« sagte der Sultan.

»Ich auch,« erklärte der Herrscher von Zeyla.

Beide hatten natürlich die Absicht, sich das Beste der Ladung auszusuchen, bevor Andere kamen.

»So beeilt Euch, denn es ist sehr hohe Zeit,« sagte Wagner, indem er an seine Uhr blickte.

Und kaum waren diese Worte gesprochen, so erkrachte ein Schuß und über den drei Männern erscholl ein fürchterliches Gepolter und Geprassel.

»Allah il Allah, was ist das?« fragte der Sultan.

»Man schießt bereits!« rief der Gouverneur.

»Warum?« erkundigte sich der Erstere erschrocken.

»Weil die Zeit vorüber ist und mein Steuermann denkt, daß man mich feindlich empfangen hat. Ich muß eilen, ihn aus dem Irrthum zu reißen!«

»Ja, eile, eile; wir kommen nach!« rief der Sultan.

Der Capitän verließ mit dem Dolmetscher schleunigst das Haus. Draußen auf den Gassen standen erschrockene Männer, welche bei seinem Anblicke an ihre Messer griffen, ihn aber doch ungehindert gehen ließen. Vor dem Thore angekommen, zog er sein Taschentuch und schwenkte es in der Luft und sogleich hörte er ein lautes Hurrah vom Schiffe erschallen. Einige Augenblicke später stieß ein Boot ab, um ihn an Bord zu holen.

»Das war eine schlimme Unterredung,« sagte der Dolmetscher. »Im Anfange war es mir um mein und Dein Leben bange.«

»Dann aber beruhigtest Du Dich?« fragte Wagner lachend.

»Ja. Herr, sage mir, ob die Deutschen alle so muthig sind wie Du?«

»Alle,« antwortete der Gefragte mit Selbstgefühl, obgleich er sich im Stillen sagte, daß dies eine Unwahrheit sei. Aber er als Ungläubiger machte sich kein großes Gewissen daraus, einem »wahren Gläubigen« einmal eine Lüge zu sagen.

Das Boot stieß an und der Bootsmann, welcher es steuerte, meinte:

»Ein Glück, daß Sie kommen, Capitän! Wir hätten unsere ganze Munition verschossen, um dieses Nest der Erde gleich zu machen. Und die Tauenden waren auch bereits gedreht, an denen die Gefangenen baumeln sollten.«

»Es ist Alles gut gegangen,« antwortete er. »Es wird bis zur Nacht und


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wohl auch noch länger tüchtige Arbeit geben; dafür sollt Ihr aber auch eine Extraration haben und, wenn Etwas glückt, eine volle Monatslöhnung dazu. Stoßt ab!«

»Hurrah, Capitän Wagner!« riefen die Jungens, während das Boot wie eine Möve in die Fluth hinausschoß.

Als Wagner an Bord kam, trat ihm der Steuermann mit einem herzlichen Händedruck entgegen. Man sah ihm die Freude an, welche er in diesem Augenblicke empfand.

»Gott sei Dank!« sagte er. »Ich gab Dich schon verloren!«

»Du hast volle zehn Minuten zu früh geschossen!«

»Das ist hier kein Fehler. Sie haben wenigstens gesehen, daß wir Kerls sind. Und wenn es Dir übel ging, konnten diese zehn Minuten Dich vielleicht retten. Wie ist es am Land abgelaufen?«

»Ausgezeichnet. Ich werde Dir Alles später sagen. Jetzt wird der Handel beginnen. Wie steht es mit der Ladung?«

»Da, blicke Dich um!«

Er sagte dies in einem sehr befriedigten Tone, und er hatte ein Recht dazu, denn das ganze Deck stand voller Kasten und Ballen, welche bereits geöffnet waren.

»Ihr seid fleißig gewesen,« nickte der Capitän freundlich. »Sorge für eine tüchtige Extraration. Bis zum Abend haben wir vielleicht Alles verkauft.«

»Also wirklich?« fragte der Steuermann, halb und halb ungläubig.

»Ja. Sieh dort ans Land. Da kommt bereits der Gouverneur.«

»Und wer ist der Andere?«

»Der Sultan von Härrär. Sie werden natürlich das Beste für sich nehmen wollen. Wir machen einen Zuschlag von zwanzig Prozent auf unsere Preise und verkaufen nur kisten- und ballenweise. Merke Dir das!

»Donnerwetter, das giebt einen guten Handel!«

Mit diesem freudigen Ausrufe eilte der Steuermann davon, um seine Pflichten zu erfüllen, die ihn heut mehr als doppelt in Anspruch nahmen.

Als die beiden hohen Herren an Bord erschienen, wurden sie zunächst nach der Cajüte geführt. Sie sollten dort bewirthet werden, doch gaben sie dies nicht zu, da ihre Ungeduld, das Schiff flott zu machen, ihnen eine solche Zeitversäumniß nicht zuließ. Der Sultan hatte einen ganzen Sack von Mariatheresienthalern mitgebracht und ein Kästchen Goldsachen, meist Arm- und Fußspangen und Halsketten, welche er seinen Unterthanen abgenommen hatte. Der Gouverneur zeigte Perlen vor, jedenfalls auch nicht auf die uneigennützigste Weise in seinen Besitz gekommen, und so konnte der Handel beginnen.

Die beiden Männer verlangten das Beste zu sehen. Sie wählten und handelten nicht lange und als sie ihre Einkäufe in die Boote bringen ließen, sagte sich der Capitän, daß er einen ganz ungewöhnlichen Profit gemacht habe.

»Siehst Du, daß ich Wort gehalten habe?« sagte der Gouverneur zu Wagner, indem er nach dem Strande zeigte. »Dort kommen sie. Wenn Du gut auf Ordnung hältst, so wird Alles sehr schnell gehen.«

Der ganze Strand war mit Menschen besetzt, welche sich Mühe gaben, Kähne zu erlangen, mit deren Hilfe sie ihre Tauschwaaren an Bord bringen könnten.


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In der Nähe der Brigg hielten bereits mehrere Boote, welche sich nur noch nicht heran wagten, weil sich der Gouverneur mit dem Sultan noch an Bord befand.

Der Schuß, welchen der Steuermann abgefeuert hatte, hatte die Leute zwar zunächst geängstigt, doch ihr Vertrauen war schnell zurückgekehrt, als sie bemerkt hatten, daß die zwei Herren so furchtlos sich auf das Schiff begeben hatten.

»Wann werden wir absegeln können?« fragte der Sultan.

»Das weiß ich nicht genau,« antwortete Wagner. »Ich muß Wind und Fluth berücksichtigen. Darf ich einen Boten senden, wenn des Nachts eine günstige Brise eintritt?«

»Sende ihn! Ich werde nicht schlafen, sondern warten.«

Damit verließ er mit dem Gouverneur das Schiff, und die anderen Käufer kamen nun herbei. Jetzt begann ein Leben und Treiben, wie man es hier an Bord noch nie gesehen hatte. Gewöhnlich wird bei Geschäften in diesen Gegenden die Ladung an das Land gebracht, wo dann ein wahrer Jahrmarkt entsteht, der oft wochenlang währt. Hier aber conzentrirte sich Alles auf das kleine Deck und auf die kurze Zeit bis zum Abend. Der Dolmetscher hatte fürchterlich zu thun; die Anderen ebenfalls, und als es dunkel wurde und die letzten Käufer befriedigt die Brigg verließen, da war fast die ganze Bemannung heiser und dabei fürchterlich ermüdet. Und doch mußte noch tüchtig gearbeitet werden, um die eingetauschten Gegenstände zu stauen und unter das Deck zu bringen.

Der Steuermann trat auf das Quarterdeck, um zum ersten Male frei Athem zu holen. Er traf dort den Capitän, welcher sich in derselben Absicht hierher zurückgezogen hatte und eine Cigarre rauchte, die ihm vorher versagt gewesen war.

»Das war ein Nachmittag wie noch keiner!« sagte der Erstere. »Und wird wohl auch ein Abend wie noch keiner,« fiel Wagner ein. »Lassen wir jetzt die gewöhnlichen Sachen bei Seite. Ich habe Anderes mit Dir zu besprechen.«

»Ah! Das klingt ja recht wichtig!«

»Ist es auch!«

»So segle los!«

»Hast Du einmal einen Roman gelesen?«

»Hm!« brummte der Steuermann verlegen. »Welchen meinst Du denn?«

»Nun, irgend einen!« »Donnerwetter, den habe ich gerade nicht gelesen!«

»Also gar keinen?«

»Gar keinen! Du wirst es wohl errathen haben. An Bord giebt es andere Arbeit als das Lesen, und am Lande halte ich es mit der Kneipe und einem guten Glase. Das Lesen hat mir immer Kopfschmerzen gemacht. Mein Hirnkasten ist sehr zart gebaut.«

»Das sieht man ihm aber nicht an!« lachte der Capitän. »Wenigstens weiß ich ganz genau, daß er schon manchen guten Hieb erhalten und auch ausgehalten hat.«

»Das ist wahr. Aber das Lesen greift ihn wirklich mehr an, als wenn man mit einem Stuhlbeine darauf klopft. Ich habs erfahren.«

»Das ist Schade, denn da wirst Du mich heut am Ende gar nicht begreifen.«


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»Versuche es nur!«

»Nun, da habe ich einmal einen Roman gelesen, der war betitelt: »Die schöne Karoline oder die verzauberte Canaille«, und da - - -«

»Donnerwetter, der Titel gefällt mir!« fiel der Steuermann ein. »Da war wohl die schöne Karoline eben diese verzauberte Canaille?«

»Nein, sondern die Canaille war ihre künftige Schwiegermutter. In diesem Roman kommt eine Prinzessin vor, nämlich die Karoline, welche in die Sclaverei geschleppt wird. Dann kommt ein Prinz und rettet sie.«

»Nun, was hat dies heute mit uns zu thun?«

»Sehr viel! Als ich nämlich den Roman las, da dachte ich, daß es doch ungeheuer schön sein müsse, wenn ich auch einmal so eine Karoline retten könnte.«

»Und heirathen!«

»Na, dazu wäre es nun freilich zu spät, denn meine Canaille habe ich schon. Aber trotzdem muß es schön sein, eine Sclavin zu retten, obgleich man keine Schwiegermutter mehr braucht. Und denke Dir, heute hat sie sich gefunden!«

»Wer?«

»Die Karoline.«

»Bist Du toll!«

»Nein; ich bin sehr bei Verstande und den brauche ich auch, denn ich stehe im Begriffe, eine gefangene Sclavin zu retten, die aber bereits nicht mehr gefangen ist, sondern erst gefangen werden soll.«

»Das verstehe der Teufel! Ich merke, daß es ein Roman ist, denn die Kopfschmerzen fangen bereits an. Ich hoffe, daß Du Dich deutlicher erklären wirst!«

»Sogleich! Hast Du nicht gehört, was heute Morgen der Gouverneur erzählte?«

»Ah! Von den entsprungenen Spaniern und der schönen Sclavin!«

»Ja. Diese werde ich retten. Höre, was ich Dir zu sagen habe!«

Er berichtete nun, was er erfahren hatte und welche Absichten er hegte. Der Steuermann hörte ihm aufmerksam zu, ohne ihn zu unterbrechen. Als aber der Capitän geendet hatte, schlug er mit der Faust auf die Steuerpinne und sagte:

»Der Teufel hole die Schufte, nämlich den Sultan und den Gouverneur! Diese Geschichte geht mich eigentlich ganz und gar nichts an, aber die Spanier müssen tüchtige Kerls sein, um die es jammerschade wäre, wenn sie ihren Verfolgern in die Hände fielen. Ich gehe um Mitternacht mit, um diesen armen Kerl loszumachen!«

»Das ist unmöglich.«

»Warum?«

»Du weißt, daß Capitän und Steuermann in unserer heutigen Lage nicht zu gleicher Zeit das Schiff verlassen dürfen. Einer von Beiden muß an Bord bleiben.«

»Das ist leider wahr. Du mußt gehen, denn Du weißt, wo sich der Somali befindet und ich muß also bleiben. Aber Du willst doch nicht allein gehen?«

»Nein. Ich nehme vier von unsern Kerls mit. Wir umwickeln die Ruder und machen einen Umweg, um oberhalb der Stadt zu landen. Dort wartet Einer bei dem Boote, und mit den andern Dreien werde ich den Weg schon finden.«


// 1381 //

»Du brauchst Hacke und Schaufel.«

»Nein; nur den Spaten; denn die Hacke würde zu viel Lärm machen.«

»Und wenn man Euch stört und fassen will?«

»So schlagen wir uns durch.«

»Und wenn man Euch dennoch festhält?«

»So bombardirst Du uns morgen wieder los.«

»Ja, das werde ich thun. Du glaubst also wirklich, daß sich die Flüchtlinge noch am Lande befinden und kein Fahrzeug gefunden haben?«

»Ich bin überzeugt davon. Während wir abwesend sind, lässest Du die Brigg segelfertig machen. Das Uebrige wird sich dann von selbst finden.«

Mehr bedurfte es zwischen diesen beiden praktischen Männern nicht; es wußte nun ein Jeder, was er zu thun hatte, und sie trennten sich, um wieder an ihre Arbeit zu gehen.

Etwas nach zehn Uhr, als auf der Rhede und auch in der Stadt die tiefste Stille herrschte, stieß ein Boot von der Brigg ab. Man hörte keinen Ruderschlag, denn die vier Riemen waren gut umwickelt worden. Capitän Wagner saß am Steuer und regierte dasselbe so, daß das Boot nicht auf die Stadt zu hielt, sondern einen Bogen schlug. Deshalb erreichte er erst nach einer halben Stunde den Strand, welcher einsam im nächtlichen Dunkel lag.

Ohne daß ein Wort gewechselt wurde, blieb einer der vier Matrosen sitzen, während der Capitän mit den Andern ausstieg und davon schritt, nachdem sie sich mit den mitgenommenen Spaten versehen hatten.

In einer Viertelstunde war die Stadtmauer erreicht. Sie schritten an derselben hin, um eine eingefallene Stelle zu finden. Dies war bald geschehen. Sie kletterten behutsam über den Schutt, um kein Geräusch zu verursachen und befanden sich dann im Innern der Stadt. Sie horchten eine Weile aufmerksam, aber es ließ sich nicht das geringste Geräusch hören. Sie schienen allein wach zu sein.

Jetzt zogen sie die Stiefel und Schuhe aus und schlichen weiter. Ihre Schritte waren unhörbar und sie gelangten glücklich an das Haus des Gouverneurs.

Hier mußte doppelte Vorsicht angewendet werden, da der Sultan gesagt hatte, daß er nicht schlafen werde. War er noch wach, so durften auch die Diener nicht an Ruhe denken. Die vier Männer umschlichen das Gebäude und gelangten so an die Mauer des großen Hofes. Hier stellte sich Einer fest und die Andern kletterten über seinem Rücken empor, worauf sie auch ihn emporzogen.

Bisher war Alles geglückt. Nun aber sprang einer der Matrosen jenseits hinab, um die Andern leise an sich hinabsteigen zu lassen und stieß dabei mit dem Spaten, den er in der Hand hielt, gegen die Mauer. Dies gab einen hellen Ton.

»Rasch Alle nach, und dann werft Euch zur Erde!« flüsterte der Capitän.

Dieses Manöver wurde zwar ausgeführt, aber der Stoß war doch gehört geworden, denn es ließen sich Schritte vernehmen, welche sich näherten. Es war der Posten, welcher seinen Stand am Eingange zum kleinen Höfchen hatte. Das Geräusch war ihm aufgefallen; er schöpfte Verdacht und kam herbei. Als er nichts bemerkte, wollte er sich wieder umdrehen; da aber richtete sich der Capitän vor ihm auf und versetzte ihm einen solchen Schlag in den Nacken, daß er sofort zusammenbrach.

»Der ist abgethan,« flüsterte er. »Nun weiter!«


// 1382 //

Sie schlichen sich leise vorwärts und erreichten den Eingang zu dem kleinen Hofe, in welchem sich der Gefangene befand. Der Capitän strengte seine Augen an, um das Dunkel zu durchdringen und den zweiten Posten zu erblicken, der sich nach den Worten des Sultan hier befinden mußte; da hörte er in ganz leisem Tone und zwar in englischer Sprache die Frage:

»Sind Sie da, Capitän?«

Wer war das? Wer sprach hier englisch? Wer wußte hier, daß ein Capitän kommen werde? Diese Fragen durchflogen den Kopf Wagners. Aber ehe er noch vermocht hatte, sich eine Antwort zu geben, klang es wieder ganz leise:

»Sie können Vertrauen haben! Ich bin der Posten, aber ein Freund des Gefangenen.«

Jetzt entschloß sich der Capitän, sich auch hören zu lassen.

»Wer sind Sie?« fragte er.

»Ein Soldat des Gouverneurs. Ich bin ein Abyssinier und habe in Aden gelernt, englisch zu sprechen. Wenn Sie nicht gekommen wären, hätte ich heute in der Nacht mit dem Gefangenen die Flucht unternommen.«

»So kann man sich auf Sie verlassen?«

»Ja,«

»Dann rasch! Wir graben ihn heraus!«

Das Werk begann. Es kostete viel Mühe, mit den Spaten kein Geräusch zu verursachen; aber man brachte es dennoch fertig. Nach einer halben Stunde lag der Somali an der Erde. Stehen konnte er nicht, da er kein Gefühl in den Beinen hatte. Er mußte getragen werden.

»Sie gehen doch mit?« fragte der Capitän den Soldaten.

»Natürlich, wenn Sie mich mitnehmen!«

»Gern. Vorwärts!«

Den kräftigen Matrosen war es jetzt ein Leichtes, da sie keine Wache mehr zu fürchten hatten, den Gefangenen über die Mauer zu bringen. Drüben wurde er von Zweien auf die Achseln genommen, und dann ging es auf demselben Wege zurück, auf welchem sie gekommen waren.

Erst als sie die Stadtmauern hinter sich hatten, fühlten sie sich in vollständiger Sicherheit, und nun konnte sich der Capitän bei dem Soldaten erkundigen.

»Wie kommen Sie dazu, den Gefangenen befreien zu wollen?«

»Weil es mir in Zeyla nicht gefällt und weil er mich dauerte.«

»Haben Sie bereits einmal bei ihm Wache gestanden?«

»Ja, gestern. Ich bin ein abyssinischer Christ, und es that mir leid, daß er so gequält wurde. Ich redete ihn an, so leise, daß es der andere Posten nicht hören konnte. Er erzählte mir Alles und sagte mir, daß mich die Spanier sehr belohnen würden, wenn ich ihn befreien wolle. Heut Nacht wäre ich mit ihm entflohen, aber da er nicht laufen kann, wäre die Flucht wohl verunglückt. Aber als ich vorhin die Wache betrat, erzählte er mir, daß ein Christ ihm einen Zettel gezeigt habe, auf welchem gestanden habe, daß er um Mitternacht hoffen solle. Ich ließ mir den Christen beschreiben, und da ich Sie am Tage gesehen hatte, so wußte ich sogleich, daß Sie es gewesen waren.«

»Ah, das ist also die Erklärung! Sie können also mit ihm reden?«


// 1383 //

»Ja. Er spricht das Somali und das Arabische.«

»Das ist prächtig. Ich muß mit ihm reden und darf doch meinen Dolmetscher nicht in das Geheimniß ziehen, da ich fürchte, daß er mich verrathen würde. Da werde ich Sie brauchen. Doch jetzt wollen wir nicht reden, sondern laufen, damit wir an Bord kommen.«

Sie legten die Strecke bis zur Uferstelle, an welcher das Boot lag, im Laufschritt zurück. Dort angekommen, stellte es sich heraus, daß der Somali bereits zu stehen vermochte. Die rüttelnde Bewegung seiner Träger hatte viel dazu beigetragen, sein stockendes Blut in Umlauf zu setzen. Man stieg ein und stieß vom Lande. Unter den kräftigen, wenn auch unhörbaren Ruderschlägen wurde die Brigg in einer halben Stunde erreicht.

Der Steuermann empfing die Kommenden an der Falltreppe.

»Etwas passirt?« fragte der Capitän.

»Nichts,« lautete die Antwort.

»Wo ist der Dolmetscher?«

»Er schläft. Er hat nichts bemerkt.«

»Das ist gut. Schicke sogleich den Bootsmann mit dem kleinen Boote ab. Er mag die Passagiere benachrichtigen, daß ich sofort in See stechen muß!«

»Du hast den Somali. Wollen wir sie nicht lieber in Zeyla lassen? Wir brauchen sie ja nicht und erschweren uns mit ihnen nur das Werk.«

»Nein. Sie müssen bestraft werden.«

Er ließ den Somali mit dem Abyssinier nach seiner Cajütte bringen. Dort gab es ein Kämmerchen, in welchem sie versteckt sein konnten, ohne befürchten zu müssen, entdeckt zu werden. Dann war auf Deck Alles so ruhig, als ob nichts geschehen sei; von unten aber hörte man die Ruderschläge des sich entfernenden Bootsmannes.

Der Capitän folgte den Beiden in seine Cajütte nach, nachdem er dem Koche den Befehl gegeben hatte, Essen hinab zu bringen. Dies geschah aus Fürsorge für den befreiten Somali, welcher während seiner Gefangenschaft gewiß nur wenig oder vielleicht auch gar nichts genossen hatte. Er fand ihn mit dem Abyssinier im Kämmerchen sitzen.

Mit Hilfe des Letzteren erfuhr er nun die ganze Fluchtgeschichte. Es war ganz so, wie der Gouverneur angenommen hatte: Der junge Somali war von den Andern abgeschickt worden, um sich nach einem Schiffe umzusehen und am Brunnen überfallen worden, von wo man ihn trotz seiner tapfern Gegenwehr nach Zeyla schleppte.

»O Herr, wie werden Dir mein Vater und die Andern danken, daß Du mich errettet hast!« sagte er. »Sie werden große Angst ausgestanden haben!«

»Wo befinden sie sich?« fragte der Capitän.

»Am Berge Elmas.«

»O weh, so wird man sie bereits entdeckt haben!«

»Warum?«

»Bist Du nicht dort in der Nähe ergriffen worden?«

»Ja. Ich hatte sie erst kurze Zeit verlassen und wollte nur mein Thier tränken.«


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»Nun, wo Du bist, da sucht man natürlich auch die Uebrigen. Man wird nicht unterlassen haben, jeden Winkel des Berges zu durchstöbern.«

»Sie sind dennoch sicher, denn es giebt dort ein Versteck, welchen nur der Stamm meines Vaters kennt. Kein Fremder hat jemals von diesem Orte gehört.«

»Wo ist dieser Ort? Oder darf auch ich nichts davon wissen?« fragte Wagner.

»Herr, was denkst Du!« antwortete der Gefragte. »Du bist unser Retter und sollst Alles erfahren. Vor langen Zeiten wohnte mein Stamm an der Küste; er lebte mit den Nachbarn in Feindschaft, und da er oft überfallen wurde, so bauten sich unsere Urväter ein Versteck, in welchem ihre Habe sicher verborgen werden konnte. Es befand sich ein tiefer, breiter Riß in der Wand des Berges; dieser wurde zugebaut; man ließ nur unten einen Eingang und oben ein Loch, damit Luft hineindringen könne. Auf das Gemäuer that man Erde und ließ Gras und Gebüsch darauf wachsen. Der Raum ist so tief, daß zehn Kameele und zehn Menschen Platz finden.«

»Und dort warten die Spanier auf Dich?«

»Ja.«

»Aber ob sie sich noch dort befinden werden? Sie müssen, wenn sie aufmerksam gewesen sind, bemerkt haben, daß Du gefangen genommen worden bist.«

»Das haben sie ganz sicher bemerkt; aber wir haben ausgemacht, daß sie fünf Tage auf mich warten sollen, selbst wenn mir etwas Böses widerfährt.«

»Haben sie Nahrung?«

»Wir haben während unseres Rittes Datteln genug eingekauft. Und an der Quelle, an welcher ich überrascht wurde, finden sie Wasser für sich und die Kameele, wenn sie des Nachts die Spalte verlassen. Sie liegt nicht weit von ihr.«

»Kennst Du den Namen der Spanier?«

»Der Eine nennt den Andern Sennor Ferdinando; er selbst heißt Bernardo.«

»Ist das Mädchen auch eine Spanierin?«

»Nein. Sie ist aus einem Lande, welches Mexiko heißt. Ihr Name ist Sennora Emma.«

Er erzählte dem Capitän in Kürze Alles, was er von den Dreien wußte, war aber damit noch nicht fertig, als man das Geräusch kräftiger Ruderschläge hörte.

»Ah, der Sultan kommt mit dem Gouverneur!« sagte Wagner.

»Um Gotteswillen, der Sultan und der Gouverneur!« rief der Abyssinier. »Wir sind verloren!«

»Habt keine Sorge!« tröstete der Deutsche. »Ihr befindet Euch unter meinem Schutze.«

»Aber sie werden mich erkennen, wenn sie mich sehen!«

»Sie kommen nicht in diese Kammer. Und wenn sie schlafen, so könnt Ihr auf das Deck gehen, um Luft zu schöpfen.«

»So werden sie gar mit uns fahren?« fragte der Soldat noch ängstlicher als vorher.

»Ja. Sie wollen die Entflohenen fangen und ich soll ihnen dabei helfen. Aber fürchtet Euch nicht! Ich habe sie nur deshalb an Bord genommen, damit


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sie die Rettung Derjenigen, deren Verderben sie wollen, mit ansehen müssen. Das soll ihre Strafe sein!«

Erging und trat auf das Verdeck. Dort befanden sich bereits die beiden Erwarteten in Begleitung einiger Diener. Der Sultan, welcher ihn beim Scheine der Schiffslaterne sofort erkannte, trat in höchster Aufregung auf ihn zu und redete ihn an. Wagner konnte ihn nicht verstehen und erst als der Dolmetscher herbeigeholt worden war, hörte er, um was es sich handele.

»Weißt Du bereits, was geschehen ist?« fragte der Herrscher von Härrär.

»Was?«

»Unser Gefangener ist entkommen.«

»Ah!« rief Wagner, scheinbar sehr unangenehm überrascht.

»Ja. Du hast heute doch Recht gehabt; die Erde ist bereits gelockert gewesen.«

»Wann hast Du es bemerkt?«

»Du sandtest Deinen Boten, um uns holen zu lassen. Wir verstanden zwar seine Sprache nicht, aber wir sahen aus seinen Mienen und Bewegungen, daß wir kommen sollten. Ehe ich ging, wollte ich erst nach dem Gefangenen sehen, aber der Hund war fort. Den einen Posten hat er fast erschlagen, und der andere war nicht zu sehen - er wird aus Angst vor der Strafe auch mit davon gelaufen sein.«

»Was hast Du gethan?«

»Wir durften die Abfahrt Deines Schiffes nicht versäumen, darum haben wir schleunigst Verfolger ausgesandt, welche längs des Strandes nach Süden reiten, denn dorthin wird er fliehen, da sich dort die anderen Flüchtigen befinden.«

»Das ist gut, das ist das Beste, was Ihr thun konntet. Jetzt aber nehmt Platz. Ich habe dort auf dem Vorderdeck ein Zelt für Euch errichten lassen, von welchem aus Ihr die ganze Küste überblicken könnt, sobald es Tag geworden ist. Der Dolmetscher mag für Eure Verpflegung sorgen; ich muß Euch verlassen, um das Commando zu übernehmen, da wir augenblicklich in See gehen.«

»Kommst Du denn des Nachts durch die Klippen?«

»Ich hoffe es. Ich habe mir am Tage die Stelle genau betrachtet, und übrigens steht ein Mann zum Ausgucke vorn am Bug, der mich warnen wird.«

Die Beiden traten in das Zelt, welches groß genug für sie war und Matten zum Sitzen und Liegen für sie enthielt, und bald hörten sie Wagners Stimme erschallen.

Die Ankerwinde knarrte, der Anker ging in die Höhe, die untersten Segel wurden gehißt, so daß das Schiff in langsamen Tempo's wendete und vorsichtig gegen die Klippen ging. Es war Ebbezeit, und der Mann am Buge erkannte trotz der Dunkelheit die Schaumkronen, zwischen denen eine dunklere Stelle die gefahrlose Ausfahrt bezeichnete. Bald lagen die Klippen hinter der Brigg, und nun konnte sie auch die oberen Segel ziehen. Der Nachtwind legte sich in dieselben und nun flog das schöne Schiff stolz in die offene See hinaus.

Ungefähr in der Mitte zwischen den beiden Hafenstädten Zeyla und Berbera erhebt sich der Elmasberg, von welchem der gerettete Somali zu dem Capitän gesprochen hatte. Er steigt, nur eine kurze Strecke von der See entfernt, von allen


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Seiten rund empor und bildet einen abgestumpften Kegel, an dessen südlicher Seite der Flecken Damal liegt, der aber eher ein nomadisches Lager, als ein Flecken zu nennen ist. Der Ort dankt seine Entstehung einem kleinen Wasser, welches vom Berge fließt, sich aber sehr bald im Sande verliert.

Auf der andern Seite, halb der See zugewendet, liegt jene Quelle, an welcher der junge Somali gefangen genommen worden war.

Graf Ferdinando hatte mit seiner Begleitung den gefahrvollen Ritt von Härrär bis zu diesem Berge, von dessen Höhe aus man die See überblicken konnte, glücklich zurückgelegt. Die Somali hatten ihm ihren Versteck gezeigt und es war beschlossen worden, hier auf ein Schiff zu warten. Aber es verging ein voller Tag, ohne daß sich ein solches sehen ließ. Da nun in dem Flecken Damal ein Stamm wohnte, dem man nicht trauen durfte, so wurde während der Nacht beschlossen, daß der junge Somali nach Norden reiten solle, um ein Schiff zu besorgen. Er sollte Zeyla umgehen und den Hafen von Tadschurra aufsuchen, wohin gewiß noch keine Boten des Sultans gelangt waren. Der junge Somali verließ das Versteck, bestieg sein Kameel und ritt davon.

Am darauf folgenden Abende führten die Versteckten ihre Kameele aus dem Verstecke nach der Quelle, um jene zu tränken, und fanden einen zerbrochenen Bogen dort liegen. Es mußten Leute hier gewesen sein. Der Somali nahm den Bogen auf und befühlte ihn, kaum hatte er dies gethan, so sagte er erschrocken:

»Hier hat ein Kampf stattgefunden!«

»Wie willst Du dies wissen?« fragte Don Ferdinando.

»Dieser Bogen ist nicht zerbrochen sondern zerschnitten worden; das kann nur im Kampfe geschehen sein. Laßt uns weiter suchen, ob wir etwas Ferneres finden!«

Es war dunkel und so konnten sie also nur den Tastsinn zu Hilfe nehmen. Plötzlich bekam Bernardo eine Schnur in die Hand, an welcher etwas Rundes hing.

»Hier finde ich Etwas,« sagte er. »Was mag dies sein?«

»Zeige es her!« sagte der Somali.

Er befühlte den Gegenstand mit den Fingern; aber kaum hatte er dies gethan, so sprang er erschrocken vom Boden auf und stieß einen Ruf der Bestürzung aus.

»Was ists?« fragte Don Ferdinando.

»Es ist der Talisman, welchen Murad Hamsadi, mein Sohn, am Halse hängen hatte,« antwortete der Gefragte. »Er ist hier überfallen worden.«

»Du wirst Dich täuschen. Er wollte hier sein Thier tränken und dabei hat er den Talisman verloren.«

»Nein, einen Talisman mit so fester Schnur verliert man nicht; sie ist ihm vom Halse gerissen worden. Man hat ihn gefangen genommen und nach Zeyla gebracht.«

»Unmöglich!«

»Und doch möglich, ja sogar wirklich. Dieser Bogen hat einem Soldaten des Gouverneurs von Zeyla gehört; ich kann ihn nicht sehen, aber ich kenne die Form dieser Waffen. O, mein Sohn, mein Sohn, Du bist verloren, aber ich werde Dich rächen!«

Er war nur mit Mühe zum Schweigen zu bringen. Es wurde beschlossen, die


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Stelle bei Tagesanbruch noch einmal zu untersuchen, dann kehrte man mit den Thieren nach dem Verstecke zurück, wo Emma heftig über das, was sie erfuhr, erschrak.

Die Nacht wurde schlaflos zugebracht und schon bei Tagesgrauen begaben sich Alle, selbst Emma mit, nach der Quelle. Das Erste, was ihnen in die Augen fiel, war ein Stück Zeug. Der Somali hob es auf und betrachtete es genau.

»Seht, daß ich recht habe!« sagte er. »Es ist der Zipfel eines Gewandes und zwar vom Gewande meines Sohnes. Er hat hier gekämpft; er hat mit ihnen gerungen und dabei ist ihm dieses Stück losgerissen worden. Seht es Euch selbst an!«

Auch die Anderen betrachteten den Fetzen und mußten nun allerdings zugestehen, daß er recht hatte; sie kannten die Kleidung Murad Hamsadi's zu genau, als daß ein Irrthum hätte stattfinden können. Und als man dann noch Spuren von vergossenem Blute entdeckte, da herrschte kein Zweifel mehr.

Der Jammer und der Grimm des Somali waren nicht zu beschreiben; er wollte sein Kameel besteigen und straks nach Zeyla reiten. Nur sein Versprechen, unter allen Umständen fünf Tage zu warten und die Vorstellung, daß sein Sohn ja noch lebe, da seine Leiche nicht hier gelegen habe, hielt ihn ab, diesen Vorsatz auszuführen.

So verging ein trüber Tag. Zuweilen wagte sich einer der Männer aus dem Verstecke hinaus und auf den Berg hinauf, um Umschau zu halten, aber kein einziges Schiff war zu sehen, außer den Fahrzeugen des Gouverneurs, welche die Küste abzusuchen schienen und die der Somali ganz genau kannte.

»Seht Ihr, daß wir verrathen sind!« sagte er. »Der Gouverneur läßt bereits nach uns suchen. Laßt Euch nicht bemerken, sonst sind wir verloren!«

Der Tag verging. Es war derselbe, an welchem Capitän Wagner auf seiner Brigg nach Zeyla gekommen war. Auch die Nacht kam und verschwand, ohne daß Etwas passirt wäre. Noch drei so lange Tage unthätig auszuharren, schien dem Somali unmöglich. Die Sorge um seinen Sohn verzehrte ihn fast.

Er stieg am Nachmittage wieder den Berg hinan und setzte sich da nieder, um den Blick verlangend über die See schweifen zu lassen. Er sah nur das Meer und die Wogen, welche seinem Innern glichen, aber nicht den Reitertrupp, welcher sich von Norden her näherte und ihn bereits gesehen hatte. Die Reiter hielten sich mehr rechts in das Land hinein, um ihm nicht so leicht in das Auge zu kommen. Sie waren schon ziemlich nahe, als er sich zufälliger Weise umdrehte und sie sah.

Sofort erhob er sich und rannte den Berg herab; sie aber setzten auch ihre Pferde in Galopp und erreichten den Fuß des Berges fast zu gleicher Zeit mit ihm. Es war ein Somali, das sahen sie an der Tour seines Haares, und schon glaubten sie, ihn sicher zu haben, als er plötzlich vor ihren Augen verschwand, als ob ihn die Erde verschlungen hätte.

Er war in dem Verstecke entschwunden, wo er den Gefährten zurief:

»Rüstet Euch zum Kampfe! Es kommen acht Reiter des Gouverneurs.«

»Sie werden vorüber reiten,« sagte Don Ferdinando.


// 1388 //

»Nein. Sie haben mich überrascht; ich konnte nicht schnell genug sein und so müssen sie bemerkt haben, wo ich hingekommen bin.«

»So gilt es, unser Leben, unsere Freiheit und das Geheimniß unseres Versteckes zu bewahren. Sie müssen aber sterben, wenn sie das Letztere finden.«

Er erhob sich vom Boden, auf welchem er gesessen hatte, und nahm seine Waffen zur Hand, Bernardo that desgleichen und auch der Somali bewaffnete sich vollständiger, als er es vorher gewesen war.

Da hörten sie draußen vor dem Eingange Stimmen.

»Hier ist er verschwunden,« sagte Jemand. »Ich habe es ganz deutlich gesehen.«

»Wie kann er in die Erde hineinverschwinden,« klang eine andere Stimme; »das ist ja ganz unmöglich!«

»Kann die Erde hier nicht ein Loch oder eine Höhle haben? Kommt, laßt uns suchen und auf den Boden klopfen, ob er hohl klingt.«

Die Lauschenden hörten nun das Fußgestampfe vieler Männer, bis Einer rief:

»Kommt hierher! Ich habe es. Hier hat es hohl geklungen, aber nicht der Boden sondern die Seite des Berges. Hier muß eine Höhle sein. Laßt uns hineinstechen!«

Zwischen den jungen, mit Erde bedeckten Palmhölzern, welche die Thür bildeten, kam ein Speer zum Vorscheine, und zugleich rief der Besitzer desselben:

»Ja, hier ist es. Mein Speer geht ohne Widerstand bis an den Riemen hinein!«

»Oeffnen!« befahl da Don Ferdinando. »Unser Leben gilt mehr als das ihrige«

Der Somali stieß den Eingang auf, und die Soldaten prallten erschrocken zurück, als sie einen tiefen Schlund bemerkten, in dessen Vordergrunde drei wohlbewaffnete Männer standen.

»Feuer!« kommandirte der Mexikaner.

Sofort krachten die beiden Doppelgewehre jedes zweimal; auch der Somali drückte los, und das Uebrige thaten die Revolver; die acht Verfolger waren todt, wenigstens schien es so. Als aber die Vertheidiger des Versteckes hinaustraten, um die Gefallenen zu untersuchen, fanden sie, daß Einer noch lebte. Die Revolverkugel war ihm in die Brust gegangen, doch zeigte der Ausdruck seines Gesichtes, daß er nur noch Secunden zu leben habe. Der Somali knieete zu ihm nieder und sagte:

»Ihr kamt von Zeyla? Rede die Wahrheit, denn Du stehst an der Brücke des Todes, welche entweder in das Paradies oder in die Hölle führt!«

»Ja,« lautete die leise Antwort.

»Ist ehegestern ein Somali gefangen worden?«

»Ja.«

»Wie hieß er?«

»Murad Hamsadi,« hauchte es leise.

»Wo ist er?«

»Wieder entkommen.«

»Wann?«

»Gestern Abend. Wir sind ausgezogen, ihn zu suchen.«


// 1389 //

Diese lange Antwort war zu viel für den Sterbenden; ein Blutstrom quoll aus seinem Munde, und dann war er todt. Der Somali aber rief jubelnd:

»Er ist entkommen! Allah sei Dank! Er lebt, er ist frei, ich werde ihn wiedersehen. Dieser Todte hat mir die Kunde gebracht, er soll nicht ohne das Gebet eines Gläubigen den Weg des Todes gehen.«

Er kniete neben der Leiche nieder und betete; dann trug er einen Todten nach dem andern nach dem Meere und warf sie in die Fluthen. Die Pferde waren, durch das laute Krachen der Salve erschreckt, davongerannt - das Geheimniß des Somaliversteckes war gerettet worden.

Nun, da die Flüchtlinge wußten, daß ihr Bote nicht mehr gefangen sei, zog neue, frische Hoffnung in ihr Herz ein. Sie glaubten wieder fest an ihre Rettung und sahen ruhig die Nacht herankommen, die Nacht, welche ihnen Erlösung brachte, ohne daß sie es ahnten.

Capitän Wagner war nämlich, wegen der Dunkelheit der Nacht, weit hinaus in die offene See gelaufen; erst am Morgen kehrte er zur Küste zurück. Ein widriger Wind hinderte ihn, rasch vorwärts zu kommen, und so mußte er mit Laviren seine Zeit verschwenden, so daß er bei Einbruch der Dunkelheit den Elmas-Berg nur erst durch das Fernrohr sehen konnte.

Diese langsame Fahrt vermerkten der Sultan und der Gouverneur höchst übel. Sie hatten sich überhaupt diesen Capitän Wagner ganz anders gedacht. Seit sie sich an Bord befanden, sprach er nur selten ein Wort zu ihnen, und dann geschah es in einem Tone, als ob sie seine Sclaven seien. Nach eingetretener Dunkelheit ging er langsam an ihrem Zelte vorüber; dies benutzte der Sultan und sagte zu ihm:

»Wenn das so fortgeht, werden wir Niemand fangen. Wir haben heute die Küste nur für einige kurze Augenblicke gesehen. Wie willst Du Dein Wort halten?«

»Still!« gebot ihm der Deutsche durch den Dolmetscher, der sich stets in ihrer Nähe befand. »Du bist nicht in Härrär, wo Du tyrannisiren kannst. Ich habe Dir mein Wort gegeben, die Flüchtlinge zu fangen, und ich werde es halten!«

»In welchem Tone redest Du?« brauste der Sultan auf.

Der Capitän zuckte verächtlich die Achseln und wendete sich zum Koch, dem er ein Papier gab.

»Thue dieses Pulver in den Kaffee der Muhamedaner,« sagte er. »Sie und ihre Diener sollen einschlafen.«

Er hatte eine Schiffsapotheke an Bord, der er das Pulver entnommen hatte. Der Koch gehorchte, und eine Stunde später schliefen die Passagiere fest. Jetzt trat Wagner in die Cajüte, um noch einmal genau zu berechnen, wo er sich befand, und ging dann in das Kämmerchen, in welchem der Abyssinier und der Somali waren.

»Es wird Zeit sein,« sagte er. »Wir nähern uns dem Berge und er wird in einer Viertelstunde durch das Nachtrohr in Sicht sein. Macht Euch fertig.«

»O Allah, wird sich mein Vater freuen!« sagte der Somali.

»Brennen sie Licht in dem Verstecke?«


// 1390 //

»Ja. Sie haben dünne Fackeln von Dattelfaser und wildem Wachs, welche wir uns während unseres Rittes gemacht haben.«

»So brauchen wir uns keine Lichte mitzunehmen. Kommt!«

Er stieg mit ihnen auf das Verdeck, wo er zum Nachtrohre griff. Er beobachtete die Küste längere Zeit; dann trat er zum Steuermanne.

»Stopp!« sagte er. »Hier werfen wir den Anker und lassen die beiden Boote aus. Wir sind am Ziele. Die Herren Sultan und Gouverneur werden sich wundern.«

»Ich wollte, ich könnte mit, um die glücklichen Gesichter zu sehen!« sagte der Steuermann. »Na, hast Du jetzt die Freude, so hattest Du auch die Gefahr vorneweg.«

Die Segel wurden gerefft; der Anker fiel und als das Schiff keine Fahrt mehr machte, wurden die beiden Boote in See gelassen und bemannt. Nur der Somali und der Capitän stiegen ein. Letzterer nahm eine ziemlich gefüllte Handtasche mit.

Die Boote stießen vom Schiffe ab und hielten auf das Ufer zu. Als sie gelandet hatten, stiegen die beiden Genannten aus und schritten auf den Berg zu, welcher dunkel vor ihren Augen lag. Sie dämpften dabei ihre Schritte. Der Somali hatte bereits seine Weisung erhalten. Er blieb an einer Stelle stehen, schob die Hand in den Rasen ein, zog ein Wenig, und sogleich sah man, daß durch eine Spalte ein dünner Lichtschein nach Außen drang. Der Capitän blickte hindurch.

Drin saßen die Flüchtlinge auf dem mit Blättern weich gemachten Boden. Don Ferdinando sprach mit Sennora Emma. Wie ehrwürdig sah das Gesicht dieses Mannes, der so viel gelitten hatte, und welch eine reizvolle Anmuth lag in den Mienen, in jeder Bewegung dieses als Knaben verkleideten Weibes! Wagner verstand so viel Spanisch, wie ein jeder guter Seecapitän verstehen muß; er verstand auch die Worte, welche halblaut gesprochen wurden.

»Nur die Heimath will ich schauen und meinen Feinden in das Gesicht sehen; dann mag der Tod kommen!« sagte Don Ferdinando.

»Sie werden über Ihre Feinde siegen und noch lange leben,« antwortete Emma. »Ich hoffe zu Gott, daß er uns hier recht bald einen Retter erscheinen läßt!«

Da erklang vom Eingange her eine sonore kräftige Stimme:

»Er ist bereits da, dieser Retter!«

Sie Alle fuhren empor, bestürzt, erstaunt, erschreckt. Die Thüre öffnete sich und Wagner trat herein, von dem Scheine der Fackel hell erleuchtet, hinter ihm Murad.

"Mein Sohn!" rief der alte Somali.

»Mein Sohn!« rief der alte Somali, stürzte auf ihn zu und warf die Arme um ihn.

»Mein Gott, wer sind Sie?« frug der Mexikaner den Deutschen mit zitternder Stimme.

»Ich bin der deutsche Seecapitän Wagner, Brigg Seejungfer aus Kiel,« lautete die Antwort. »Ich komme, Sie an Bord zu nehmen und hinzuführen, wohin Sie wollen.«


// 1391 //

»Herr Gott, im Himmel, endlich, endlich!«

Der Graf sank in die Knie, so matt wurde er vor Entzücken. Emma kniete neben ihm nieder, um ihn festzuhalten. Sie schlang ihre Arme um ihn, legte den Kopf an den seinen und vereinigte ihre Thränen mit den seinigen.

»Gott, mein Gott,« schluchzte er. »Endlich, nach so langen Jahren zeigst Du mir Deine Gnade wieder. Dich rühmen die Himmel und Dich loben die Welten; ich kann Dich nicht genug preisen; ich bin zu schwach dazu; ich muß schweigen!«

Auch Bernardo lehnte thränenden Auges an der Wand, während die Somali sich noch immer umschlungen hielten. Es war eine Scene, welche auch das Auge des Seemannes befeuchtete. Der Graf fand am Ersten wieder das Wort. Er erhob sich, trat zu dem Capitän, streckte ihm beide Hände entgegen und sagte:

»Ein Deutscher sind Sie? Nein, ein Engel des Lichtes sind Sie, ein Bote Gottes, vom Himmel gesandt, um uns zu retten! Aber wie wissen Sie von uns?«

»Der dort hat es mir gesagt,« sagte Wagner auf Murad deutend.

Dieser merkte, daß von ihm die Rede sei.

»Er hat mich aus dem Gefängnisse befreit, mit Gefahr seines eigenen Lebens,« sagte er in arabischer Sprache. »Er hat Zeyla bombardirt und selbst dem Sultan von Härrär Trotz geboten; er ist ein Held, Allah segne ihn, obgleich er ein Ungläubiger ist.«

Es folgte nun eine Scene, welche gar nicht zu beschreiben ist. Niemals hat im brillantesten Salon der Welt ein solches Entzücken geherrscht, wie hier im Eingeweide dieses Berges. Wie lange dauerte es doch nur, bis nur die nothwendigsten Fragen ausgetauscht waren! Und dann ging es an das Erzählen in arabischer sowie spanischer Sprache und noch anderen Zungen, bis endlich die Herzen ruhiger wurden und die beiden Spanier vom Elende ihrer Sclaverei erzählten.

»Aber bitte, wie soll ich Sie nennen?« fragte der Capitän den Grafen.

Jetzt erst dachten die Drei daran, zu sagen, wer und was sie eigentlich seien. Wagner erschrak fast, als er vernahm, daß dieser langjährige Sclave ein Graf sei.

»Verfügen Sie über mich,« sagte er. »Was ich thun kann, um Ihnen dienstlich zu sein, das soll von ganzem Herzen geschehen. Aber darüber läßt sich ja an Bord noch sprechen. Jetzt wollen wir an das denken, was uns zunächst liegt.«

Er öffnete die Handtasche und zog einige Weinflaschen nebst Gläsern und sodann die Ingredienzien eines europäischen Frühstückes hervor. Beim Anblicke dieser Gegenstände traten dem Grafen abermals die Thränen in die Augen, denn er erkannte, daß ihm Tausenderlei versagt gewesen war, ohne daß er nur daran gedacht hatte, Dinge, so gleichgiltig dem Glücklichen, dem Unglücklichen aber unendlich werthvoll, obgleich sie eigentlich gar keinen realen, sondern nur einen eingebildeten Werth besitzen.

Während dieses Nachtmahles wurden die Vorkommnisse von Zeyla erzählt und dann die für die nächste Zeit nöthigen Dispositionen getroffen. Wagner verstand sich gern dazu, den Grafen, Bernardo und Emma nach Calcutta zu bringen. Die beiden Somali blieben natürlich hier, erhielten aber aus dem Schatze des Sultans ein reiches Geschenk. Sie beschlossen, bis morgen im Versteck zu bleiben, um sich an der statt zu habenden Enttäuschung des Sultans und des Gouverneurs zu weiden.


// 1392 //

Bei dieser Gelegenheit fragte der Graf den Capitän:

»Was denken Sie wohl, ob ich dem Sultan seine Schätze wiedergeben werde?«

»Das muß ich Ihnen überlassen,« war die Antwort.

»So werden Sie mich vielleicht für einen Dieb halten, denn ich bin fest entschlossen, daß er nicht das Geringste zurückerhält.«

»Ich zweifle ganz und gar nicht daran, daß ich an Ihrer Stelle ebenso handeln würde.«

»Einen Grafen Rodriganda so lange Zeit zum Sclaven gehabt zu haben, das kostet Geld, meines braven Bernardo hier gar nicht zu gedenken, der natürlich auch seinen Antheil erhält. Außerdem bricht Noth Eisen. Ich brauche nämlich eine ganz bedeutende Summe Geldes eines Zweckes wegen, von welchem ich jetzt der Kürze der Zeit zur Folge nichts erzählen kann. Später aber werden Sie dies erfahren und mein Vorhaben billigen.«

»O bitte, Sie haben sich gar nicht zu entschuldigen!« wehrte Wagner ab. »Der Tyrann ist eine solche Strafe werth. Was aber thun Sie mit Ihren Kameelen?«

»Die behalten natürlich unsere beiden somalischen Freunde.«

»So können wir vielleicht Ihre Effecten holen lassen?«

»Ja. Geschieden muß doch einmal sein.«

Der Capitän trat vor den Eingang und stieß einen Pfiff aus. Sogleich kamen die Matrosen herbei und begannen, die vorhandenen Sachen nach den Booten zu schaffen. Sie waren nicht wenig erstaunt, als sie die Höhle erblickten; noch mehr aber wuchs ihr Erstaunen, als sie die Schwere der Säcke bemerkten, welche sie zu transportiren hatten. Dennoch ahnten sie wohl nicht, daß sie Millionen in ihren Händen hielten.

Endlich schied man von den Somali. Beide Parteien hatten einander gleichviel zu verdanken, und so war der Abschied ein herzlicher. Die Boote stießen vom Lande, und nun erst fühlten sich die Flüchtigen frei von Sorge und glücklich im vollen Besitze ihrer Selbstbestimmung.

Als sie an Bord ankamen, schliefen die Muhamedaner noch immer fest. Der Koch hatte die Cajüte des Capitäns in dieser Zeit recht nett für Emma hergerichtet und sie in ein allerliebstes Damenboudoir verwandelt, und für den Grafen wurde auf dem Hinterdecke einstweilen ein Zelt erbaut.

Nun konnte man von den gehabten Strapatzen bis zum Morgen ausruhen, was auch Alle, mit Ausnahme der Deckwache, thaten. Die Schläfer erwachten dennoch schon, als die Sonne im Osten dem Meere entstieg. Große Erregungen beherrschen den Körper so, daß diesem die Ruhe nur zur Unmöglichkeit werden kann. Nach einem kurzen Frühstücke versteckten sich die Hauptpersonen des bisherigen Trauerspiels, und die Muhamedaner wurden geweckt. Sie entrissen sich gähnend dem narkotisch festen Schlafe und ließen sich dann ihren Kaffee kommen.

Während sie denselben schlürften, ging der Capitän wie zufällig an dem Zelte des Sultans vorüber. Dieser nahm die Gelegenheit, ihn anzurufen:

»Segeln wir heute wieder so langsam wie gestern?«

»Möglich!«

»So wirst Du die Schurken niemals fangen. Wir haben uns in Dir geirrt!«


Ende der achtundfünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk