Lieferung 65

Karl May

16. Februar 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 1537 //

»Ich weiß es; aber es ist mir völlig unbegreiflich, weshalb er sich gerad für uns so interessirt.«

Berthold erklärte es ihm, so weit er selbst es so eben erfahren hatte. Dann fragte er:

»Hast Du eine Ahnung von der eigentlichen Ursache, daß man uns tödten wollte?«

»Das versteht sich: Der Capitän war in Zilli verliebt.«

»Und der Oberlieutenant in Pepi. Diese beiden Mexikanerinnen wären beinahe schuld an unserm Tode geworden; aber sie haben uns dafür desto energischer vertheidigt. Hattest Du jenes Schreiben wirklich von Juan Franzisko?«

»Nein. Ich ließ es mir vom Grafen La Tour schenken, um ein Autograph des berühmten Parteigängers zu besitzen. Aber Dein Brief?«

»War ein ganz ungefährliches Schriftstück. Ich sollte d'Huart eine Dosis Opium gegen ein Magenleiden schicken. Die Bemerkung, welche er über Bazaine machte, war eine ganz zufällige und stand mit dem Marschalle nicht in der geringsten Beziehung.«

»So hätten wir Beide unschuldig sterben müssen, wenn wir die beiden Mädchen nicht gehabt hätten. Ich werde trotz der späten Stunde diese kleine Zilli aufsuchen, um mich bei ihr zu bedanken.«

»Ich habe dies bei Pepi bereits gethan.«

»Ah! Und wie hat sie es aufgenommen?«

»Sehr spröde.«

»So werde ich sehen, ob ich besseres Glück habe!«

Er ging. Er war wirklich ganz voll Dankes gegen das schöne Mädchen, welches er bisher so zurückstoßend behandelt hatte. Er trat an das Zelt und schob den Vorhang ein Wenig zur Seite.

»Sennorita Zilli, schlaft Ihr schon?« fragte er hinein.

»Nein,« antwortete die Gefragte.

»Ich darf wohl nicht eintreten?«

»Nein, denn wir haben kein Licht. Ich werde kommen.«

Und sie kam. Er nahm sie bei beiden Händen und sagte in einem Tone, wie sie ihn von ihm noch gar nicht gehört hatte:

»Sennorita, wollt Ihr mir verzeihen?«

»Was?« fragte sie.

»Daß ich bisher so wenig höflich gegen Euch war!«

»Ihr wart es ja stets.«

»O, ich hätte wohl nicht »höflich« sondern ein anderes Wort sagen sollen. Als man mich an den Pfahl gebunden hatte - - -«

»Mein Gott, ich darf gar nicht daran denken!« sagte sie, indem ein Schauer sie überlief.

»Wie, Ihr zittert?« fragte er.

»Ja, nachträglich; noch vor Angst.«

»Und kamen dennoch mir zur Hilfe!«

»Mußte ich nicht?« fragte sie leise.

»Ihr sagt, daß Ihr mußtet. Warum mußtet Ihr?«


// 1538 //

»Konnte ich Euch sterben sehen, Sennor?«

»Ah,« fragte er mit beinahe inniger Stimme. »Das hättet Ihr nicht gekonnt?«

»Nein,« hauchte sie.

»Warum nicht? Bitte, sagt mir das!«

»Weil ich dann auch gestorben wäre.«

»Woran, liebe Zilli?«

»Vor Angst und - vor - - vor Gram.«

»Ihr hättet Euch wirklich über meinen Tod gegrämt?« flüsterte er leise.

»Ja.«

»O, wie mich das freut!«

Da richtete sie sich auf und fragte in komischem Zorne:

»Wie? Ueber meinen Gram freuet Ihr Euch?«

»Natürlich!«

»Das ist häßlich, sehr häßlich!«

»O nein; das ist nicht häßlich, sondern das gerade Gegentheil!«

»Wie meint Ihr das?«

»Wenn Ihr Euch über meinen Tod grämt, so ist das doch ein Zeichen, daß ich Euch nicht gleichgiltig bin. Soll mich das nicht freuen, Sennorita?«

»O, ich glaube es ja nicht, daß Ihr Euch freut!«

»Warum nicht?«

»Jene Dame - - -!«

»Welche?«

»Jene verschleierte.«

»Ah, die meint Ihr?«

»Ja. Sie war stets bei der Kranken.«

»Wo ich sie traf!«

»Sie hatte also ein so gutes, edles Herz.«

»Davon bin ich überzeugt.«

»Und sie war so schön.«

»Das ist wahr.«

»Ihr habt immer an sie denken müssen; Ihr habt sie sogar geliebt!«

»Zilli!« bat er.

»Und sie war noch dazu die Tochter eines Grafen!«

»Ja, man sagte mir dies.«

»Nun, so kann es Euch doch ganz gleichgiltig sein, ob ich mich gräme oder nicht.«

»O nein. Ich muß Euch vielmehr sagen, daß ich sehr viel auch an Euch gedacht habe.«

»Wollt Ihr wirklich, daß ich dies glaube?«

»Ich bitte Euch darum. In meinem Herzen hat es dann einen Kampf gegeben.«

»Zwischen wem, wenn ich Euch fragen darf, Sennor?«

»Zwischen dem Bilde jener Grafentochter und dem Eurigen.«

»Ein Kampf zwischen Bildern? Das muß ja ganz außerordentlich lustig sein!«

»Ganz und gar nicht. Es thut das dem Herzen bitter wehe.«


// 1539 //

»Wer hat den Sieg behalten?«

»Er ist erst vorhin entschieden worden.«

Er fühlte, wie ihr kleines, warmes Händchen in der seinen zitterte; dennoch sagte sie scherzend:

»Mit dem Dolche in der Faust?«

»Ja, mit dem Dolche in der Faust, Sennorita,« antwortete er. »Diese Franzosen hassen uns Deutsche, so lange es Franzosen und Deutsche giebt. Man ließ uns nur höchst ungern an dem gegenwärtigen Zuge theilnehmen. Man conspirirte gegen uns, und wir merkten gar bald, daß das Ende des Unternehmens für uns ganz anders sein werde als der Anfang. Heut Abend nun brach es los.«

»Ich hatte es längst erwartet,« meinte Zilli.

»Man fand Gründe, uns als Verräther zu erklären.«

»Waren Beweise da?«

»Falsche nur. Wir wurden nicht gefragt, nicht verhört. Man verurtheilte uns zum Tode und band uns an den Pfahl. Ich sah den Tod kommen. Ich bin ein Arzt und ein Arzt fürchtet den Tod nicht; aber er ist doch schrecklich, wenn er in solcher Gestalt auftritt. Ich will im Kampfe sterben, in meinem Berufe sterben, aber nicht am Pfahle, unschuldig gemordet von einer Bande gewissenloser Menschen.«

»Ja, das muß schrecklich sein!« stimmte Zilli bei.

»Aber der Tod, welcher bereits die Knochenarme nach mir ausstreckte, fand einen Gegner, und der wart Ihr, Sennorita. Ihr kamt, mit glühenden Wangen und blitzenden Augen, den Dolch in der Faust. Jene Grafentochter wollte den Tod vom Krankenlager bannen durch stilles, heimliches Walten, durch Arzneien und stärkende Speisen. Ihr aber kommt mit der Waffe, kühn und schön wie Pallas Athene. Euer Haar flog Euch nach wie die Mähne eines wilden Mustangs; Ihr wart so schön, schön, schön! Und da war der Kampf in meinem Herzen entschieden.«

»Und für wen, Sennor?«

»Für Euch. Ihr habt gesiegt.«

»Ist dies wahr, Sennor?«

»Ich schwöre es Euch zu! Eine Dame, welche solches wagt, muß ein Herz haben, über welches das Böse keine Macht hat. Ihr kamt mir vor, wie der Erzengel Michael, der den Drachen tödtet; ihn stärkte die Macht des Himmels. Ihr seid rein und gut wie Er. Wollt Ihr mir verzeihen, daß ich an Euch zweifelte?«

Er versuchte den Arm um sie zu legen.

»Ich verzeihe Euch,« lispelte sie.

»Ganz und gar, Sennor.«

»Ich danke Euch! Heut habt Ihr mich beschützt. Werdet Ihr es mir erlauben, daß nun ich es bin, der Euch beschützt?«

»Wie gern!«

»Mit uns nach Fort Guadeloupe reiten?«

»Ich muß ja wohl.«


// 1540 //

»Warum?«

»Pepi geht auch hin.«

»Und dann kehrt Ihr mit uns zurück?«

»Ja, wenn Ihr es erlaubt. Aber dann?«

»Dann werden wir uns ganz und vollständig kennen gelernt haben, und dann werde ich Euch die Frage vorlegen, welche mir bereits jetzt auf den Lippen schwebt.«

»Welche Frage?«

»Die Frage, welche ich heut noch nicht in Worte kleide, sondern lieber auf eine andere Weise ausspreche. Darf ich, meine liebe, süße Zilli?«

Er legte ihr den Arm um den Nacken und zog sie an sich. Er beugte sich zu ihr herab, um sie zu küssen; da aber machte sie eine rasche, heftige Bewegung, durch welche sie sich aus seiner Umarmung befreite. Sie trat schnell zurück und sagte:

»Würdet Ihr auch gewagt haben, jene Grafentochter zu küssen?«

Diese Frage traf ihn so sicher, daß er schwieg.

»Gute Nacht!« sagte sie.

»Zilli!« bat er, die Hand nach ihr ausstreckend.

»Gute Nacht, Sennor!«

Mit dieser Wiederholung ihres Grußes war sie im Zelte verschwunden.

Er stand da und blickte die Stelle an, welche den Eingang hinter ihr verschlossen hatte.

»Welch ein Mädchen!« dachte er. »Erst heut, als sie beim Scheine der Flammen vor mir stand, um ihr Leben für mich zu opfern, sah ich, wie schön, wie unendlich schön sie ist. Noch sind ihre Formen jugendlich zart; aber diese reinen, keuschen Linien, an welche ich bisher nicht glaubte, werden sich bald zu herrlicher Fülle entwickeln. Ja, sie ist jener gräflichen Krankenpflegerin ähnlich wie ein Blatt dem andern, aber sie ist schöner, viel schöner als diese. Ich dachte, sie liebe mich. Und nun ich ihr sage, daß mein Herz ihr gehören soll, läßt sie mich stehen, was hat dies zu bedeuten? Ich weiß es wirklich nicht. O, Ihr Mexikanerinnen, wer kann Euch begreifen!« - -

Am andern Morgen stand Sennor Pirnero auf, kleidete sich verdrossen an und begab sich dann, wie gewöhnlich, sofort nach der Gaststube, um seine Morgenchocolade zu schlürfen. Er trat an sein Fenster, um die lang gewohnte Wetterbeobachtung zu machen, und bildete da eine höchst eigenthümliche Figur.

Sein Mund nämlich hatte sich ganz erstaunt geöffnet; seine Brauen zogen sich bis zur oberen Stirnhälfte empor; seine Ohren fuhren nach hinten, und seine Hände streckten sich aus. Er stand da, ein Bild der höchsten Ueberraschung.

In diesem Augenblicke trat Resedilla ein, um ihm den Morgentrank zu bringen. Als sie ihn erblickte, erschrak sie förmlich und fragte voller Angst:

»Mein Gott, Vater, was hast Du?«

Da drehte er sich langsam um. Der Mund klappte zu; die Brauen fielen herab; die Ohren kehrten an ihren eigentlichen Platz zurück und die Hände krochen langsam in die Hosentaschen. Er blickte die Tochter überlegen an und antwortete:


// 1541 //

»Was ich habe?«

»Ja.«

»Nun, was soll ich haben? Freude habe ich.«

»Worüber?«

»Alle Teufel, worüber denn anders als über das Wetter!«

Jetzt mußte sie lächeln. Sie setzte die Tasse hin und begab sich an ihren gewohnten Platz.

Der Vater that einen langen, vergnügten Schluck, blickte freundlich zum Fenster hinaus, räusperte sich dann und sagte mit tiefster Betonung:

»Schönes Wetter!«

Er hatte recht, denn draußen schien die Sonne, und nach dem anhaltenden Regen sah die Natur sich an, als ob sie neu geschaffen worden sei. Auch Resedilla freute sich über diese Aenderung; aber sie vergaß, dem Vater zu antworten; darum drehte dieser sich zu ihr hin und brummte in einem sehr verweisenden Tone:

»Nun!«

»Was denn?«

»Schönes Wetter!«

»Ja.«

»Ausgezeichnetes Wetter!«

»Herrlich, Vater.«

»Gewiß. So einen Tag haben wir hier lange Zeit nicht gehabt. Fast gerad so wie in Pirna.«

»Ist das Wetter dort so schön, Vater?«

»Ausgezeichnet! Niemals Regen!«

»Niemals Regen?« fragte sie zweifelnd.

»Nie! Wozu denn Regen? Wir haben ja die Elbe da, wenn wir Wasser brauchen! In Pirna sind sie nicht so dumm, die Elbe zu haben, und es außerdem auch noch regnen zu lassen. Höchstens gießt es einmal vierzehn Tage lang, was nur so vom Himmel herunter will, denn die Wolken wollen doch auch einmal ihren Willen haben, dann aber tritt auch augenblicklich wieder gutes Wetter ein.«

»Also regnet es in Pirna doch?« fragte Resedilla lächelnd.

Das ärgerte ihn.

»Nein, sondern es gießt!« antwortete er ergrimmt. »Dann läuft das Wasser auf den Gassen, daß kein Frauenzimmer hinaus kann. Nur lange Stiefel kommen da hindurch. Wehe also Der, die keinen Mann hat, sondern ledig ist!«

Jetzt schwieg Resedilla, und sie wußte sehr wohl, warum.

Es war höchst eigenthümlich, auf welchen Wegen der Alte immer wieder auf sein Lieblingsthema zu kommen wußte. Jetzt war er glücklich darin. Darum fuhr er fort:

»Genau genommen maß man bei Sonnenschein ebenso verheirathet sein, wie bei Regen. Ich setze den Fall, wir behalten einige Tage dieses Wetter, so werden alle Jäger und Umwohner das Fort besuchen, und dann haben wir hier einen Zuspruch, den ich ohne Schwiegersohn gar nicht bewältigen kann.«

Die Tochter ließ ihn reden. Das schöne Wetter hatte ihm gute Laune gemacht, und diese wollte sie ihm nicht gern verderben. Er fuhr also fort:


// 1542 //

»Bei Dir redet man allerdings nur in den Wind. Wie viele sind da gewesen, welche die besten Anlagen zum Schwiegersohne gehabt hätten! Jetzt kommt sogar der schwarze Gérard, der sicherlich ein Schwiegersohn ist, wie er im Buche steht. Bei dem heutigen Wetter bleibt er sicherlich nicht aus. Da ist ferner unser gestriger Gast. Er ist zwar ein Bischen klein, aber er hat einen berühmten Jägernamen, und außerdem ganze Beutel voller Nuggets. Ah, ist er schon aufgestanden?«

»Schon längst.«

»Wo steckt er denn?«

»Er wollte sehen, ob er uns für den Mittagstisch etwas schießen könne.«

»So ist er fort?«

»Ja, schon sehr früh.«

»Auf die Jagd?«

»Ja.«

»Siehst Du, was für ein Schwiegersohn der sein würde! Der brächte uns Hirsche und Wildpret die schwere Menge geschleppt, denn von dem kleinen André hat man schon längst gehört. Er ist ein ganz anderer Kerl als jener Mason, der nie ein Wild sieht oder gar schießt, keine Kleider auf dem Leibe hat, und nur einen einzigen Julep trinkt. Dieser Kerl könnte mir gestohlen werden, obgleich ich mich gestern freute, daß er so gut Deutsch sprechen kann. Aber zu einem tüchtigen Schwiegersohn braucht man mehr, als Deutsch. Der Mason ist mir nicht - -«

Er hielt mitten in der Rede inne und fuhr vom Stuhle empor. Draußen war ein Reiter vorüber gekommen, welcher sein Pferd nach dem offenen Stalle hin ritt.

»Da!« sagte der Wirth erbost. »Man darf den Teufel nur an die Wand malen, so ist er auch sogleich da. Hast Du gesehen, wer dieser Reiter war, Resedilla?«

»Ja.«

»Nun, wer?«

»Mason,« antwortete sie erröthend.

»Dachte ich es doch, obgleich er mir zu rasch am Fenster vorüber war. Jetzt wird er hereinkommen und drei Stunden an einem Gläschen Julep herumlutschen. In Pirna sagen wir nämlich lutschen. Ja, da kommt er auch wirklich schon!«

Die Thür ging auf und Gérard trat ein.

»Guten Morgen!« grüßte er freundlich.

Resedilla nickte ihm lächelnd zu, der Alte aber that, als ob er den Gruß und auch den Eintretenden gar nicht bemerkt habe.

Dieser Letztere bestellte sich wirklich einen Julep und nippte leise daran, als er ihn von der Tochter empfangen hatte. Nun trat eine mehrere Minuten lange Stille ein. Da aber Pirnero kein Freund von solchen langen Pausen war, so sagte er schließlich:

»Schönes Wetter!«

Niemand antwortete. Darum drehte er sich zu Gérard herum und sagte:


// 1543 //

»Nun, Sennor!«

»Was?«

»Schönes Wetter!«

»Allerdings. Ich habe Euch nur nicht geantwortet, weil ich Euch nicht erschrecken wollte.«

»Erschrecken? Warum sollte ich über Euch erschrecken?«

»Weil ich dachte, Ihr hättet es gar nicht bemerkt, daß ich bei Euch eingetreten bin.«

»Glaubt Ihr etwa, daß ich einen Jeden bemerken soll, der nur einen Julep trinkt?«

»Ich denke es!«

»Das fällt mir gar nicht ein. Aber sagt, trinkt der schwarze Gérard auch nur einen einzigen?«

»Ja, wie ich gehört habe.«

»Hm! So einem Jäger sollte man doch zwanzig oder dreißig zutrauen. Aber zum Sakkerment, Sennor, was habt Ihr denn da für neue Blutflecke an Eurer Jacke?«

Resedilla erbleichte, als sie diese Frage vernahm. Die Jacke Gérards war allerdings über und über mit Blut bespritzt. Es war das Blut des Capitäns und des Oberlieutenants, welche er gestern erschossen hatte. Er antwortete ganz unbefangen:

»Das? Das ist das Blut von einer Rehziege.«

»Von einer Rehziege? Ah, da habt Ihr also doch endlich einmal etwas geschossen?«

»Nein.«

»Nicht? Aber das Blut?«

»Ein Kamerad hat sie geschossen. Ich habe sie nur getragen, und da bin ich ein Wenig roth geworden.«

Da warf ihm der Alte einen Blick tiefster Verachtung zu.

»Nicht einmal eine Rehziege also,« sagte er. »Ihr seid wohl nur darum Jäger geworden, um für Andere die Ziegen zu tragen?«

»Hm, man ist doch gern gefällig.«

»Donnerwetter, Sennor, so seid doch auch einmal gegen Euch selbst gefällig und schießt selbst etwas. Wenn ich da an Andere denke! Da ist zum Beispiel der kleine André, welcher bei mir wohnt, und ganze Beutels voller Nuggets besitzt, heute auf die Jagd gegangen, um mir einen Braten zu liefern und ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß er - ah, da kommt einmal her, Sennor!«

Er streckte bei dieser Unterbrechung seiner Rede die Hand nach Gérard aus.

»Warum?«

»Ich will Euch Etwas zeigen.«

Gérard trat zum Fenster und blickte hinaus.

»Was denn?« fragte er.

»Seht Ihr, wer da drüben kommt?«

»Ja.«

»Wer ist es?«


// 1544 //

»Euer Gast, der kleine André.«

»Nun, was trägt er, he?«

»Einen Bock, wie es scheint.«

»Ja, einen Bock, einen großen, feisten Bock. Und glaubt Ihr etwa, daß er ihn für einen Anderen trägt, so wie Ihr es macht?«

»Das weiß ich nicht. Man muß ihn fragen.«

»Das ist gar nicht nothwendig, Sennor. Was der André trägt, das hat er jedenfalls selbst geschossen. Er hält sein Wort und liefert mir einen Braten. Uebrigens hat er es außerordentlich eilig. Er kommt ja gelaufen, als ob ihm irgend Jemand auf dem Nacken säße. Was muß er haben?«

Der kleine Jäger, den aber der schwere Bock nicht im Mindesten zu belästigen schien, kam allerdings mit sehr eiligen Schritten daher. Draußen im Flur warf er, wie man hörte, das Wild auf die Erde, und dann trat er ein.

»Aufgestanden, Sennor Pirnero? Guten Morgen!« sagte er.

»Guten Morgen, Sennor André!« antwortete der Alte sehr freundlich. »Was bringt Ihr denn da für ein Wild in das Haus?«

»Ich habe es für Eure Küche geschossen.«

»Als Geschenk?«

»Natürlich. Aber ich bringe Euch noch etwas Besseres!«

»Was?«

»Eine Nachricht von ganz außerordentlicher Wichtigkeit.«

»Ihr macht mich neugierig. Welche Nachricht wäre das?«

»Gebt mir erst einen Julep, dann sollt Ihr es hören.«

Während Resedilla den Schnaps einschenkte, begrüßte André Gérard mit einem Kopfnicken. Er empfing das Glas, trank es aus und sagte dann:

»Sennor Pirnero, endlich kommt Euer längst erwarteter Gast!«

»Ah, wer? Etwa der schwarze Gérard?«

»Ja.«

»Alle Wetter. Woher wißt Ihr das?«

»Von dem Apachenhäuptling Bärenauge.«

Da fuhr der Wirth ganz erschrocken einige Schritte zurück.

»Bärenauge, der Apache?« fragte er.

»Ja.«

»Der alle Wochen einen Weißen massacrirt?«

»Derselbe,« nickte André.

»Mit dem habt Ihr gesprochen?«

»Ja.«

»Und er hat Euch nichts gethan?«

»Gar nichts,« lachte der Kleine.

»So seid Ihr wohl ein Freund der Apachen?«

»Das kann ich eigentlich nicht sagen; aber da sie jetzt mit uns verbündet sind, so brauchte ich mich vor ihnen nicht zu fürchten.«

»Aber wo war es denn? Wo traft Ihr ihn?«

»Draußen am Rande des Waldes. Er hatte fünfhundert Apachen bei sich.«

Da schlug der Alte die Hände über dem Kopfe zusammen und jammerte:


// 1545 //

»So sei Gott uns Allen gnädig! Fünfhundert Apachen! Sie werden das Fort überfallen; sie werden sengen und brennen und keinen Stein auf dem andern lassen.«

»Da irrt Ihr Euch gewaltig,« entgegnete der Kleine ruhig. »Sie kommen nicht als Feinde, sondern als Freunde der Bewohner von Guadeloupe.«

»Das glaubt Euch Niemand.«

»So sage ich Euch, daß sie sogar das Fort gerettet haben.«

»Gerettet?« fragte Pirnero ganz perplex. »Wann, wo und wovor?«

»Gestern Abend, im Teufelspasse, vor einem Ueberfalle der Franzosen.«

Das war dem Alten denn doch zu viel. Er drehte sich unwillig ab und sagte:

»Sennor, glaubt Ihr etwa, wenn Ihr mir einen Braten in die Küche liefert, so ist es Euch als Lohn dafür erlaubt, Euch über mich lustig zu machen?«

»Das fällt mir gar nicht ein! Sennorita, gebt mir noch einen Julep und dann werde ich es Euch erzählen, ganz richtig der Reihe nach.«

Er empfing den Branntwein, nippte daran und berichtete dann:

»Also ich hatte für Euch den Bock geschossen, Sennor Pirnero, ein Capitalbock, sage ich, und lief nun mit ihm durch den Wald, um nach dem Fort zu gehen. Fast am Ende des Waldes angekommen, hörte ich ein Pferd schnaufen. Man muß hier stets auf der Huth sein; darum blieb ich stehen und lauschte. Aber indem ich horchte, richteten sich plötzlich fünf Gestalten vor mir auf. Es waren Apachen und zwar auf einem Kriegszuge; das sah ich gleich an der Bemalung ihrer Gesichter.«

»Heilige Maria, so ist es also wirklich wahr?« fragte Pirnero.

»Natürlich,« antwortete der Kleine. »Ich griff sofort zur Büchse, aber sie wurde mir im Nu entrissen und so ging es auch mit dem Bowiemesser.«

»Ihr wart gefangen?«

»Wir alle Beide, nämlich ich und der Bock,« lachte der Kleine. »Das ist allerdings fatal. Ein Jäger gefangen, ohne Gelegenheit zu finden, einen Schuß oder Stich zu thun, das ist eigentlich sehr ehrenkränkend. Aber in der offenen Prairie oder im Urwalde wäre mir dies sicherlich nicht passirt.«

»Ich glaube es Euch, Sennor!« versicherte Pirnero.

»Wer denkt auch, daß hier in unmittelbarer Nähe des Forts fünfhundert Apachen stecken können! Also ich war festgenommen und wurde vor den Anführer transportirt. Dieser lag in Mitten eines Kreises, den seine Leute bildeten. Er war ein noch junger Kerl, schien aber Haare auf den Zähnen zu haben. Er blitzte mich mit seinen Augen an, daß mir angst und bange wurde und fragte, was ich hier zu thun habe.

»Ich habe dieses Wild geschossen,« antwortete ich.

»So bist Du ein Jäger?« fragte er.

»Ja,« antwortete ich.

»Wie ist Dein Name?«

»Man nennt mich den kleinen André.«

»Der Apache sann eine Weile nach, nickte langsam mit dem Kopfe und sagte dann:


// 1546 //

»Ich habe Deinen Namen gehört, Du bist kein Franzose. Wohin willst Du jetzt dieses Thier tragen?«

»Nach dem Fort.«

»Was thust Du im Fort?«

»Ich warte auf einen andern Jäger.«

»Wie heißt er?«

»Man nennt ihn den schwarzen Gérard.«

»Da sah mich der Apache an, als ob er mich mit seinen Augen anbrennen wolle; dann sagte er:

»Was willst Du von ihm?«

»Ich habe ihm eine Botschaft zu sagen.«

»Jetzt nickte er wieder, lächelte ein Wenig und winkte. Auf diesen Wink wurde mir mein Gewehr und mein Messer wiedergegeben; dann meinte er:

»Gehe nach dem Fort. Du bist frei. Du wirst dort Gérard finden.«

»Das war mir natürlich sehr überraschend, darum wagte ich die Frage:

»Weißt Du genau, daß er sich dort befindet?«

»Ich bin heute Morgen mit ihm geritten,« antwortete er. »Er ist in das Fort gegangen vor der Hälfte der Zeit, welche die Bleichgesichter eine Stunde nennen.«

»So ist der schwarze Gérard ein Freund von Dir?« fragte ich.

»Ich bin Bärenauge, der Häuptling der Apachen,« antwortete er, »und Gérard ist mein Bruder.«

»Diese Worte überzeugten mich, daß wir von den Apachen nichts zu befürchten hätten und darum erlaubte ich mir die Frage:

»Was thut Bärenauge hier am Fort mit seinen Kriegern?«

»Er hat mit Gérard das Fort beschützt,« antwortete er. »Gestern kam eine Compagnie Soldaten, um das Fort zu überfallen. Wir haben sie in der Schlucht des Teufels geschlagen, und nur zwei Männer und zwei Frauen übrig gelassen, welche Du dort am Baume sitzen siehst.«

»Das war wahr. Unter einem Baume saßen zwei weiße Sennores und zwei weiße Damen. Ich redete sie an und denkt Euch mein Erstaunen, als ich hörte, daß die zwei Männer Deutsche seien.«

»Deutsche?« rief da Pirnero. »Ist das wahr?«

»Natürlich!«

»Wo waren sie her? Aus Sachsen?«

»Nein.«

»Aus Pirna?«

»Nein. Wenn sie nicht aus Sachsen sind, so können sie doch auch nicht aus Pirna sein! Es waren zwei Aerzte aus Wien. Sie erzählten mir Alles.«

»So hat der Häuptling keine Lüge gemacht?« fragte der Wirth.

»Nein. Die Franzosen haben wirklich das Fort überfallen wollen und die beiden Aerzte sind mit ihnen ausgezogen. Der schwarze Gérard aber hat sie abgelauert und mit den Apachen überfallen. Es ist kein Einziger übrig geblieben.«

»Heilige Madonna, in welcher Gefahr haben wir geschwebt!« rief Pirnero.

»Ich erfuhr,« sagte der Kleine, »daß ein Capitän der Franzosen verkleidet


// 1547 //

sich bereits im Fort befunden habe. Er hat sogar bei Euch geschlafen, Sennor. Da er aber ein Spion war, so hat ihn der schwarze Gérard des Nachts aus Eurem Hause geschafft und jenseits des Presidio unschädlich gemacht.«

Der Alte hatte vor Erstaunen den Mund weit offen.

»Ein Capitän, verkleidet bei mir?« fragte er ganz entsetzt.

»Ja.«

»So ist es jener Goldsucher gewesen, der dann am Morgen verschwunden war!«

»Möglich!«

»Und Gérard hat ihn fortgeschafft?«

»Ja.«

»So muß er doch des Nachts in meinem Hause gewesen sein?«

»Es ist nicht gut anders möglich.«

»Hätte ich das gewußt! Ja, dieser Gérard ist der berühmteste und größte Jäger weit und breit. Kein Mensch ist vor ihm sicher und überall, wo er gebraucht wird, da ist er auch. Also er befindet sich bereits im Fort?«

»Ja.«

»So hoffe ich, daß er auch zu mir kommen wird!«

»Natürlich! Ich erwarte ihn ja bei Euch. Er ist, wie ich hörte, zum Annunciamento (Bürgermeisteramt) gegangen, um den Apachen die Erlaubniß auszuwirken, ins Fort kommen und sich Verschiedenes kaufen zu dürfen.«

»Heilige Maria! Dann kommen die Wilden auch zu mir?«

»Jedenfalls.«

»Welches Unglück! Ich habe keinen Schwiegersohn, der mir beistehen könnte!«

Der kleine Jäger konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Er sagte:

»Ihr braucht gar keine Sorge zu haben, Sennor. Die Apachen werden Euch nicht das Geringste thun. Ihr werdet sogar großen Profit von ihnen haben, denn sie haben natürlich den Franzosen das ganze Geld abgenommen und da Ihr den einzigen Laden des Forts besitzt, so steht zu erwarten, daß sie sehr viel kaufen.«

»Aber nicht bezahlen!« rief der Wirth.

»Da müßt Ihr Euch an Gérard wenden, dem gehorchen sie auf alle Fälle.«

»O Mater Dolorosa, wenn er doch bereits hier wäre! Fünfhundert Apachen wollen kaufen und ich allein soll Alles bewältigen! Ich habe Niemand, der mir helfen kann, zwar eine Tochter, aber keinen Schwiegersohn!«

»Uebrigens,« fuhr der Kleine fort, »wollen die beiden deutschen Doctoren bei Euch wohnen und die zwei Sennoritas auch.«

»Die Deutschen? Ist das wahr?«

»Ja. Sie bleiben hier, bis die Wege wieder sicher sind.«

»Gott sei Dank! Das ist ein Trost in diesem Jammer. Sie werden Pirna kennen und die Elbe und mir beistehen, die Apachen zu befriedigen. Aber was wird mit den todten Franzosen geschehen?«

»Der schwarze Gérard wird auf dem Annunciamento erwirken, daß Bewohner des Forts nach der Schlucht gesandt werden, um sie zu beerdigen.«

Die beiden Sprecher hatten gar nicht bemerkt, mit welchen Blicken die schöne


// 1548 //

Resedilla den andern Jäger beobachtete, welcher ruhig auf seinem Stuhle saß und gar nicht that, als ob ihn das Gespräch interessire. Jetzt aber erhob er sich und ging hinaus, um nach seinem Pferde zu sehen. Als er wieder in den Flur trat, um in die Gaststube zurückzukehren, stand Resedilla in demselben.

»Verzeiht, Sennor,« sagte sie, in ängstlichem Tone; »dieses Blut an Eurer Jacke ist nicht von einer Ziege.«

Er blickte ihr lächelnd in die Augen, welche voller Besorgniß auf ihn gerichtet waren und fragte:

»Wovon sollen sie sonst sein, Sennorita?«

»Ihr seid verwundet!«

»Verwundet?« fragte er verwundert. »Wer sollte mich verwundet haben?«

»Gestern Abend die Franzosen.«

»Ah, wie bringt Ihr mich mit den Franzosen zusammen?«

Da faßte sie sich Muth und antwortete:

»Entsinnt Ihr Euch noch, daß Ihr droben im Zimmer auf dem Stuhle eingeschlafen wart?«

»Ja,« antwortete er.

»Nun, da habe ich unterdessen Euer Gewehr aufmerksam betrachtet.«

»Wirklich? Weshalb?«

»Um zu sehen, ob der Kolben von Gold ist.«

»Sapristi!« sagte er überrascht. »Welchen Grund hattet Ihr dazu?«

»Ich ahnte bereits, wer Ihr seid.«

»Ah, Sennorita, das war sehr wißbegierig von Euch!«

Er wollte seiner Stimme den Ausdruck des Vorwurfes geben, allein es gelang ihm nicht. Er freute sich über den Scharfsinn, den die Geliebte entwickelt hatte.

»Werdet Ihr mir das verzeihen, Sennor?« fragte sie.

»Gern, Sennorita. Aber was denkt Ihr nun von mir?«

»Ihr seid der schwarze Gérard.«

»Ja, Resedilla, ich bin es. Ich hatte Gründe, es verschwiegen zu halten. Euer Vater plaudert gern, obgleich er ein so großer Politikus und Diplomatikus ist. Laßt ihn noch jetzt bei seinem Irrthum; es wird mir das Spaß machen.«

»Also Ihr seid wirklich nicht verwundet?«

»Nein.«

Er sah, mit welcher Besorgniß sie ihn betrachtete, und das machte ihn glücklich. Wäre sie so voller Angst gewesen, wenn sie ihn nicht geliebt hätte?

»Werden die Apachen in das Fort kommen?« fragte sie.

»Ja. Ich war, ehe ich hierher kam, bereits auf dem Annunciamento und habe von da aus einen Boten gesandt, der sie aber nicht gleich getroffen hat, sonst wären sie bereits hier.«

»Und die Deutschen werden wirklich bei uns bleiben?«

»Ja, Sennorita. Es sind zwei sehr gute Sennores.«

»Und Ihr? Was werdet Ihr thun?«

»Ich reite mit den Apachen fort.«

»In den Kampf?«

»Vielleicht.«


// 1549 //

»O, Sennor, könntet Ihr das denn nicht umgehen?«

»Warum, Sennorita?«

Sie erröthete. Sie antwortete nicht. Er aber ergriff ihre beiden Hände und sagte:

»Resedilla, ich danke Euch! Ich sehe, daß Ihr Euch um mich sorgt, und dies giebt mir den Muth, zu hoffen, daß Ihr mir meine Vergangenheit verziehen habt.«

Da richtete sie den Blick voll und warm auf ihn und antwortete:

»Ihr habt sie mir so aufrichtig gebeichtet, daß es eine Sünde wäre, Euch zu zürnen, Gérard. Ich sehe nur, was Ihr seid, aber nicht, was Ihr wart.«

Da drückte er die eine ihrer Hände an sein Herz und die andere an seine Lippen. Er wollte sprechen; aber da öffnete sich die Thür und Pirnero trat heraus. Er hatte hinüber nach dem Laden gehen wollen und blieb ganz erschrocken stehen, als er die Gruppe erblickte.

»Was - was - - was ist denn das?« fragte er.

»Ich spreche mit der Sennorita,« antwortete Gérard.

»Das sehe ich; aber Ihr küßt ihr auch alle fünf Finger! Was soll das?«

»Das soll ein Beweis meiner Hochachtung sein, Sennor.«

»Hochachtung? Der Teufel hole eine solche Hochachtung! Tretet einmal in die Stube herein, Sennor! Resedilla aber mag in die Küche gehen.«

Gérard folgte ihm. Dort stemmte der Alte die beiden Fäuste in die Hüften und sagte mit zornbebender Stimme zu dem kleinen André:

»Wißt Ihr, Sennor, was ich da soeben gesehen habe?«

»Was?« fragte der Kleine gespannt.

»Ein Liebesabenteuer, ein ganz regelrechtes Liebesabenteuer. Denkt Euch nur!«

»Zwischen wem?«

»Zwischen meiner Tochter und diesem Menschen!«

»Unsinn!«

»Unsinn? Sennor, ich sage Euch, er hatte ihre rechte Hand an seinen Rippen und ihre linke an seinen Lippen. Ist das etwa kein Liebesabenteuer?«

Der Kleine lachte und meinte:

»Nun, so habt Ihr auf einmal einen Schwiegersohn!«

Das fuhr dem Wirthe zu Kopfe.

»Schwiegersohn? Der?« zürnte er. »Mit einem einzigen Julep? Der die Ziegen für Andere schleppt und keine ganze Jacke besitzt? Der sollte mir nur kommen! Dieser Kerl ist weder bei Regen, noch bei Sonnenschein als Schwiegersohn zu gebrauchen. Seht ihn an, wie jammervoll er dasteht! Wenn ich ihm einen Puff gebe, so fällt er um! Nein, daraus wird nichts!«

Er lief einmal in der Stube hin und her, blieb dann vor Gérard stehen und sagte:

»Sennor, habt Ihr etwa ein Auge auf meine Tochter?«

»Alle beide,« antwortete Gérard ruhig.

»So nehmt Euern Schießprügel dort und macht, daß Ihr fortkommt! Und


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wenn Ihr Euch noch einmal bei mir sehen laßt, so schlage ich Euch todt und scalpire Euch dann bei lebendigem Leibe! Verstanden?«

»Gut!« antwortete Gérard. »Ich werde Euch gehorchen, Sennor Pirnero. Aber so, wie ich dastehe, werdet Ihr mich doch nicht fortjagen!«

Er strich sich mit den beiden Händen an den Seiten herab.

»Wie meint Ihr das?« fragte der Alte erstaunt.

»Ich meine in diesem Habit. Bei schlechtem Wetter geht es; da achten die Leute nicht sehr darauf. Bei gutem Wetter bemerkt man erst, wie malade diese alte Jacke ist. Habt Ihr in Eurem Laden keine Kleidung für mich? Da runzelte der Alte die Stirn und fragte:

»Sennor, wollt Ihr mich vielleicht foppen?«

»Fällt mir gar nicht ein!«

»Oder wollt Ihr mich anbetteln?«

»Auch nicht.«

»Oder anpumpen? Denn Geld habt Ihr doch nicht!«

»Wer sagt Euch das? Ich habe mir Einiges gespart, und zu einem Habite langt das allemal.«

»Ja, baumwollene Hose und baumwollene Jacke, da mag es langen. Aber für Eure Größe habe ich nur einen einzigen Anzug, und der ist theuer.«

»Woraus besteht er?«

»Recht indianische Mokassins, Lederhose von Hirsch, Jagdhemde von Hirsch, schön weiß gegerbt, und Jagdrock von Elennleder. Dazu ein Hut von kurz geschorenem Biberfell, nebst Gürtel und allem Zubehör.«

»Sapperlot. Ihr macht mir den Mund wässerig!«

»So laßt ihn wässern, meinetwegen zehn Jahre lang; den Anzug aber erhaltet Ihr auf keinen Fall.«

»Warum nicht?«

»Weil Ihr ihn nicht bezahlen könnt.«

»Hm! Aber ansehen darf man ihn einmal?«

Welcher Handelsmann zeigt nicht gern seine Waare her! Pirnero war überzeugt, daß Gérard kein Geld habe; aber der Anzug war das beste Stück seines Ladens, und die Gelegenheit, mit demselben zu prahlen, wollte er sich doch nicht gern entwischen lassen, zumal doch noch ein Jäger zugegen war.

»Ansehen?« sagte er daher. »Schaden kann es nichts. Vielleicht trefft Ihr Einen, den Ihr zu mir weisen könnt. Ich will ihn Euch zeigen.«

»Gut, so gehen wir nach dem Laden.«

»Nach dem Laden? O, nein,« antwortete der Alte rasch. »Wer nur einen Julep trinkt und mit meiner Tochter liebäugelt, der darf nicht in den Laden. Ich werde den Anzug holen. Wartet hier, ehe ich Euch hinauswerfe.«

Er ging. Da räusperte sich der kleine André und sagte:

»Wißt Ihr noch, was ich gestern zu Euch sagte?«

»Daß ich kein Jäger sei?« fragte Gérard.

»Ja.«

»Und daß ich keine Ehre habe, weil ich mir Alles gefallen lasse?«

»Ja. Ihr seid wirklich ein ganz und gar unbegreiflicher Kerl!«


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»So wartet, bis Ihr mich begreifen werdet! Der Mensch will seinen Spaß haben und ein Jeder hat ihn auf seine eigene Weise.«

Nach einiger Zeit kehrte Pirnero mit dem Habite zurück und breitete ihn auf die lange Tafel aus. Die beiden Jäger betrachteten die Sachen und fanden sie ganz ausgezeichnet und allen Anforderungen entsprechend.

»Donnerwetter!« sagte der Kleine. »Dergleichen Arbeit ist sehr selten. Hätte ich Eure Gestalt, Sennor, sofort kaufte ich mir den Anzug!«

Er meinte damit Gérard. Pirnero aber sagte:

»Der und kaufen! Das soll er wohl bleiben lassen!«

»Aber anziehen darf er die Sachen doch einmal, damit man sieht, wie sie sitzen,« bat der Kleine.

»Hm, ich habe nichts dagegen,« sagte der Alte. »Ich bin selbst neugierig, wie der Schnitt ist. Und eine Gelegenheit wie heut, kommt nicht gleich wieder. Dieser Mann ist ja ein Riese, und da er mir das Haus nicht wieder betreten darf, so habe ich später keine Gelegenheit, die Sachen anzumessen. Er mag also dort hinter den alten Schrank treten und das Habit anlegen; aber nur für zwei Minuten.«

Gérard nahm lächelnd die Kleidungsstücke und trat hinter den Schrank, welcher so tief war, daß er ihn vollständig verbarg. Als er fertig war und sogar den breitkrämpigen Hut aufgesetzt hatte, kehrte er zurück. Die beiden Männer staunten ihn an, als ob sie ihn noch gar nicht gesehen hätten.

»Alle Teufel,« meinte der Kleine, »ist das eine Verwandlung!«

»O, hier sieht man erst, was der Rock aus dem Manne macht!« sagte Pirnero. »Sieht der Kerl nicht grad aus wie ein ächter richtiger Felsenmann? Steht diese Tracht nicht wie angegossen, wie grad für ihn gemacht?«

Er dreht Gérard hin und her, besah ihn von allen Seiten und sagte dann:

»So, jetzt mags gut sein. Zieht Euch wieder um und macht dann, daß Ihr verschwindet. Man hat nun wenigstens gesehen, wozu Ihr zu gebrauchen seid.«

»Wozu?« fragte Gérard.

»Als Hauben- oder Kleiderstock.«

»Danke, Sennor! Also Ihr meint, daß mir die Sachen passen?«

»Ganz vortrefflich. Aber Euch kann das ja gar nichts nützen!«

»Aber hören darf man doch, wie hoch der Preis ist?«

»Warum nicht? Es ist mein bester und theuerster Anzug. Er kostet achtzig Dollars.«

»Nicht mehr?«

»Seid Ihr gescheidt? Ich dächte, achtzig Dollars wäre Geld genug.«

»Hm, für Euch wohl, aber für mich nicht.«

»Unsinn! Zieht Euch aus!«

»Das fällt mir gar nicht ein, Sennor Pirnero. Dieses Habit gefällt mir sehr gut, und ich behalte es.«

»Ah, pfeift Ihr so?« rief der Alte drohend. »Herunter damit! Ohne Geld verkauft der alte Pirnero nichts!«

»Wer sagt denn, daß ich nicht bezahlen will?«

»Ihr? Woher wollt Ihr denn eine solche Summe nehmen, Ihr Ziegenträger?«


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»Das werdet Ihr wohl abwarten müssen. Also achtzig Dollars?«

»Ja, keinen Cent weniger. Aber macht keinen Unsinn!«

»Das fällt mir nicht ein. Habt Ihr Eure Goldwaage bei der Hand?«

»Die brauche ich nicht zu holen. Habt Ihr etwa auch Nuggets?«

»Wartet es ab!«

»Nun wohl, so will ich mit Theater spielen. Ich hole die Waage. Aber, Sennor André, ich mache Euch dafür verantwortlich, daß dieser Mann mir nicht etwa unterdessen entspringt!«

»Geht ruhig, Sennor,« sagte der Kleine allen Ernstes. »Wenn er Miene macht, die Stube zu verlassen, ehe Ihr zurück seid, jage ich ihm eine Kugel durch den Kopf.«

Dies gab dem Alten Muth, die Waage zu holen. Als er fort war, trat Resedilla herein. Sie hatte von der Küche aus das ganze Gespräch hören können und kam nun, Zeuge von dem Siege Gérard's zu sein. Als sie ihn jetzt dastehen sah, schlug ihr das Herz doch lauter als vorher. Welch' einen Eindruck machte er jetzt gegen früher!

Da trat ihr Vater wieder herein. Er schien befriedigt zu sein, Gérard noch zu sehen. Jedenfalls hatte er wirklich den Verdacht gehabt, daß derselbe sich aus dem Staube machen werde.

»Nun, wo habt Ihr Eure Nuggets?«

»Nuggets sind es nicht.«

»Was denn?«

»Sollt es gleich sehen!«

Gérard nahm sein Messer und griff dann nach seiner Büchse. Er legte diese Letztere auf die Tafel und that mit dem Messer ein paar kräftige Hiebe in den schweren Kolben. Beim dritten Hiebe bereits sprang ein großes Stück gediegenen Goldes ab.

»Alle Wetter!« rief der Alte.

»Donner und Doria!« rief der Kleine. »Sennor, wer seid Ihr?«

»Der Käufer dieses Anzuges,« antwortete der Gefragte ruhig.

Pirnero stand ganz erstarrt.

Er hieb noch mehrere Stücke los. Pirnero stand ganz erstarrt.

»Nun, Sennor,« fragte Gérard, »ist diese Büchse wirklich ein so altes, schlechtes Schießeisen, wie Ihr sagtet?«

Da faßte ihn der Kleine am Arme und rief:

»Herr, Sie sind der schwarze Gérard, oder mich soll der Teufel holen!«

»Könnt es errathen haben,« nickte der gewaltige Jäger.

»Aber warum sagtet Ihr dies nicht eher?«

»Hatte meinen Spaß daran.«

Da schlug sich Pirnero mit der Hand vor den Kopf und sagte:

»O, ich Esel, ich dreifacher Esel!«

»Ich denke, Ihr seid ein so großer Diplomatiste?« fragte Gérard lachend.

»Ein Heupferd bin ich, aber kein Politikus,« antwortete der Alte. »Aber ich werde diesen Fehler sofort gut machen.«

Er faßte seine Tochter am Arme und wollte sie herbeiziehen; sie aber sträubte sich dagegen.


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»Hier ist sie, Sennor!« rief er. »Ihr sollt mein Schwiegersohn sein.«

Das Gesicht Resedilla's erglänzte im tiefsten Roth. Gérard bemerkte es. Er schüttelte den Kopf und antwortete:

»Sennor Pirnero, macht keinen zweiten Fehler! Die Sennorita hat das Recht, sich einen Mann zunehmen, der ihr gefällt.«

»Aber wenn nachher die Apachen kommen?« fragte der komische Alte.

»So braucht Ihr dennoch keinen Schwiegersohn, der Euch beisteht. Sie werden keinen Brandy trinken, denn das leidet ihr Häuptling nicht. Sie werden sich nur Blei, Pulver und Messer kaufen, und dabei nicht einmal den Laden betreten. Bärenauge wird das en gros von Euch nehmen und bezahlen, und es dann an seine Leute vertheilen.«

»Ist das wahr?«

»Ja, denn so habe ich es mit ihm ausgemacht.«

»Aber, so sagt, Sennor, warum habt Ihr mir nicht schon längst gesagt, wer Ihr seid?« fragte der Alte in seiner großen Verlegenheit.

»Es sollte Niemand wissen, daß der schwarze Gérard hier auf Jemand wartet.«

»Dieser Jemand bin ich?« fragte der Kleine.

»Wahrscheinlich!«

»Nun, so will ich Euch sagen, daß -«

»Halt!« gebot Gérard mit einem warnenden Seitenblick auf Pirnero. »Wir sprechen nachher davon. Soll ich nun gehen, Sennor Pirnero?«

»Beileibe nicht, Sennor!« antwortete der Gefragte schnell.

»Ich darf auch später wiederkommen?«

»Natürlich.«

»Aber Ihr wollt mich ja lebendig scalpiren, wenn ich wiederkomme?«

»O, Sennor, das war nur ein Spaß. Wir Leute aus Pirna sind alle gern spaßhaft.«

»Nun, so wiegt dieses Gold und gebt mir heraus, es ist mehr als für achtzig Dollars.«

Dies geschah, und dann trug der Alte die Waage wieder fort. Während er im Hause umherlief, um dem Gesinde zu sagen, daß der fremde Lump der berühmte Gérard, die rechte Hand des Präsidenten Juarez sei, fragte der kleine André Gérard:

»Warum winktet Ihr mir zu schweigen, Sennor?«

Gérard setzte sich ihm gegenüber und antwortete:

»Vor allen Dingen hier meine Hand. Wir sind Jäger und haben bereits von einander gehört. Wir haben nicht nöthig, uns Complimente zu sagen, und werden uns also einfach Du und beim Namen nennen. Topp?«

»Topp!« rief der Andere, freudig einschlagend.

»Gut. Ferner mußt Du wissen, daß es besser ist, vor Pirnero zu schweigen, denn er spricht zu gern, als daß ich ihm ein Geheimniß anvertrauen möchte.«

»Das ist mir unlieb, sehr unlieb.«

»Warum?«

»Du weißt, weshalb ich hier bin?«


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»Ich erwarte einen Boten vom General Hannert. Bist Du dieser Mann?«

»Ja.«

»Ihr bringt Juarez Geld?«

»Ja, und zwar gleich millionenweise.«

»Ich weiß es von Juarez, und er hat mir den Auftrag gegeben, Dich hier abzulauern, um mich Euch zur Verfügung zu stellen.«

»Dasselbe sagte mir der General, nämlich, daß ich Dich hier treffen würde. Wir haben nämlich gehört, daß unsere Sendung verrathen sei.«

»Das ist wahr.«

»Daß die Franzosen von dem Gelde wissen, welches wir bringen.«

»Sie wissen es allerdings. Sie sendeten aus diesem Grunde die Compagnie aus, welche wir in dieser Nacht vernichtet haben.«

»Ah, so sind wir von dieser Seite sichergestellt?«

»Vielleicht.«

»Aber auch die Comanchen wissen von uns.«

»Ah!«

»Ich habe die Boten belauscht, welche es ihnen mittheilen mußten. Sie haben Vedetten längs der Llano estacado aufgestellt, welche unseren Zug beobachten sollen.«

»Seid Ihr von ihnen bemerkt worden?«

»Ja.«

»Wann?«

»Seit bereits fünf Tagen.«

»Alle Teufel, so ist es die höchste Zeit! Die Vedetten werden Euer Erscheinen den Häuptlingen mitgetheilt haben, und diese brechen sicherlich sofort auf, um Euch zu überfallen und das Geld abzunehmen. Wie stark seid Ihr?«

»Sechszig Mann. Vierzig Mann Vereinigte-Staaten-Truppen und zwanzig tüchtige Westmänner.«

»Wie transportirt Ihr das Geld?«

»Auf Maulthieren.«

»Hm! Was habt Ihr gethan, als Ihr Euch von den Comanchen bemerkt sahet?«

»Wir hatten die Llano estacado bereits hinter uns und zogen uns an einem Arme des Saladoflusses hinauf, wo wir ein festes Lager errichtet und uns verschanzt haben, so daß die Comanchen sich hüten werden, uns anzugreifen. Mich aber sandte der General zu Dir, um Hilfe zu bringen.«

»Ich habe bereits gesorgt.«

»Wie?«

»Die fünfhundert Apachen, welche Du heute gesehen hast, werden uns begleiten.«

»Ah, prächtig, das hilft uns aus aller Noth!«

»Noch nicht. Um vom Saladoflusse zu Juarez zu kommen, müssen wir quer durch das Gebiet der Comanchen hindurch.«

»Schlagen wir einen Umweg nach Süden ein!«

»Das geht nicht. Wir müssen den geradesten Weg wählen, da Juarez das Geld nothwendig braucht, wenn er die Franzosen vertreiben will. Bei einem so


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gefährlichen Ritte sind frische Pferde die Hauptsache. Wie steht es mit den Eurigen?«

»Leidlich.«

»Blos? Und die Maulthiere?«

»Sehr abgetrieben.«

»O weh! So müssen wir vor allen Dingen für frische Thiere sorgen. Wie viele werden wir brauchen?«

»Achtzig Pferde und fünfzig Maulthiere.«

»Die bringe ich heute zusammen. Wenigstens werde ich mit den Besitzern accordiren. Bärenauge mag einen Boten nach seinen Lagern senden, welcher zuverlässige Leute holt, um die Thiere heimlich nach der südlichen Coloradoquelle zu bringen. Dort treffen wir sie, und dann geht es im Galopp durch das Gebiet der Comanchen.«

»Der General meint, daß es am Besten sei, das Geld nach Fort Guadeloupe zu bringen, von wo Juarez es abholen lassen kann.«

»Dies dachte ich auch; aber seit unsere Absicht den Franzosen verrathen wurde, bin ich davon abgekommen. Es bleibt bei meinem Vorschlage, welcher den Beifall des Präsidenten hat, und ich werde sofort an die Ausführung gehen.«

»Woher bekommst Du Thiere?«

»Von einer großen Hazienda, eine Stunde von hier. Doch darf kein Mensch Etwas davon ahnen. Es wird das tiefste Geheimniß bleiben. Ah, da kommen sie schon.«

Draußen ertönte lauter Hufschlag. Die Apachen waren in das Fort eingeritten. Die Thür ging auf, und Bärenauge trat ein. Er sah seinen Freund am Tische sitzen, aber kein Blick verrieth, daß er bemerkte, daß dieser andere Kleider trage. Er kam langsam und würdevoll näher.

Resedilla hatte auf ihrem Stuhle gesessen. Jetzt erhob sie sich. Ihr Auge war voll bewundernder Angst auf den berühmten Indianer gerichtet. Er blieb vor ihr stehen, betrachtete sie einen kurzen Augenblick lang und sagte dann:

»Die Töchter der Bleichgesichter sind schön. Ihr Antlitz glänzt wie die Sonne und ihre Augen sind wie der Himmel. Meine weiße Schwester möge glücklich sein!«

Nach dieser Höflichkeitsphrase trat er auf die beiden Jäger zu, setzte sich bei ihnen nieder und sagte zu Gérard:

»Mein weißer Bruder kennt den Mann, welcher im Walde Böcke schießt?«

»Er ist mein Freund,« antwortete Gérard lächelnd.

»Die Gestalt berühmter Jäger ist oft klein; aber wenn sie sich auch zuweilen von den Kriegern ergreifen lassen, so sind sie doch tapfer im Kriege und treu im Frieden. Dieses Bleichgesicht ist der Bote, den Du erwartest?«

»Ja.«

»So werde ich die Botschaft erfahren, welche er bringt.«

Gérard erklärte ihm das, was er soeben mit André besprochen hatte, und erhielt die volle Zustimmung des Apachen, welcher sofort zwei reitende Boten in die Lager seines Stammes nach Kriegern sandte, welche die Pferde und Maulthiere nach den Quellen des Colorado bringen sollten.


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Dann suchte er sich aus, was an Munition bei Pirnero zu haben war. Er bezahlte alles und ließ es vertheilen. Die Apachen waren kaum eine halbe Stunde im Fort gewesen, so ritten sie wieder davon.

Gérard war mit André nach der erwähnten Hazienda geritten, und der alte Pirnero hatte nun wieder Ruhe im Hause, denn die beiden deutschen Doctoren waren in den Fremdenzimmern untergebracht, während die mexikanischen Schwestern das Zimmer bewohnten, in welchem Gérard vor Kurzem so gut und lang geschlafen hatte.

Jetzt nun saß Pirnero an seinem Fenster und Resedilla an dem ihrigen. Er trommelte emsig an den Scheiben. That er das aus Mißmuth über das schöne Wetter? Das war abzuwarten, denn eben jetzt begann er:

»Prachtvolles Wetter!«

Die Tochter antwortete nicht, wie gewöhnlich, und darum wandte er sich nach ihrer Seite hin und sagte in strengem Tone:

»Nun?«

»Was, Vater?«

»Schönes Wetter!«

»Sehr schön,« stimmte sie bei.

»Aber doch ärgerlich!« meinte er.

»Warum?«

»Weil er sich sonst eher das Habit gekauft hätte.«

Die Tochter wußte ganz genau, wen er meinte, fragte aber dennoch:

»Wer?«

»Nun, das kannst Du Dir wohl nicht denken? Der schwarze Gérard natürlich!«

»Du meinst, er hätte den Anzug eher gekauft?«

»Ja; er sagte es ja selbst! Dann hätte ich auch eher erfahren, wer er war.«

»Aber, Vater, ich denke, Du bist Diplomat!« lächelte sie.

»Das will ich meinen. Aber weißt Du, mit wem Diplomaten sich beschäftigen?«

»Nun, mit wem denn?«

»Mit Präsidenten, Ministern und Generälen, aber nicht mit lüderlichen Jägern. Darum habe ich ihn gar nicht beobachtet.«

»Aber Dich doch stets mit ihm gezankt!«

»Alle Wetter, ärgere mich nicht, Mädchen! Du weißt, woher ich bin!«

»Aus Pirna!«

»Nun also! Wir aus Pirna ärgern uns nicht gern. Ich möchte nur wissen, wie es gekommen ist, daß ich ihn sogar für einen französischen Spion gehalten habe! So Etwas kann doch eigentlich nicht einmal dem besten Diplomaten passiren. Seine schlechte Jacke hat mich ganz und gar irre gemacht.«

»Mich nicht!«

»Ja, Du warst dieses Mal klüger als ich, brauchst Dir aber darauf nicht etwa viel einzubilden, denn diese Klugheit hast Du nur durch die Abstammung vom Vater auf die Tochter hinüber. Was sagte er denn, als Du mit ihm da draußen im Hausflur standest?«


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»Nichts.«

»Er hatte doch Deine Hände gefaßt!«

»Ja. Aber muß er denn dazu etwas gesagt haben?«

»Das versteht sich! Wenn ich Jemand bei den Händen, bei den Ohren, oder überhaupt bei der Parabel nehme, muß ich doch Etwas zu ihm sagen, sonst weiß er ja gar nicht, weshalb ich ihn anfasse. Hat er Dir etwa einen Antrag gemacht?«

»Nein.«

»Auch nicht von Liebe gesprochen?«

»Nein.«

»Auch nicht so leise vom Schwiegersohne gemunkelt?«

»Aber Vater!«

»Oder gesagt, daß Du hübsch bist?«

»Auch nicht.«

»Hm! Er ist ein berühmter Jäger, aber ein dummer Kerl! Weißt Du nicht, ob die beiden Mexikanerinnen droben Frauen oder Mädchen sind?«

»Jedenfalls Mädchen.«

»Warum denkst Du dies?«

»Das sieht man doch sofort.«

»Ja, Du hast heut Deinen gescheidten Tag. Aber könntest Du nicht wenigstens den kleinen André leiden?«

»Vater, ich bitte Dich!«

»Unsinn! Er hat Nuggets!«

»Ich bin größer als er!«

»Er hat Depositen in New-York!«

»Er ist sechsunddreißig Jahre alt!«

»Aber er kann Bier brauen!«

»So laß Dir welches brauen; ich aber brauche keins von ihm!«

Sie stand auf und verließ das Zimmer. Er sah ihr mürrisch nach und murmelte:

»Da hat man es! Jetzt habe ich es wieder mit ihr verdorben! Denkt sie denn etwa, der heilige Christ kommt, um sie zu heirathen! Zuletzt muß sie froh sein, wenn ein alter Vaquero kommt und nimmt sie weg!«

Er hatte trotz des schönen Wetters wieder schlechte Laune bekommen. Er trommelte so laut an die Fensterscheibe, daß er es gar nicht hörte, daß die Thür sich öffnete und wieder schloß. Doctor Berthold war eingetreten. Er kam, um seinen Wirth kennen zu lernen, und setzte sich in seine Nähe nieder.

Jetzt erst bemerkte Pirnero die Anwesenheit seines Gastes. Er nickte grüßend und fragte:

»Wollt Ihr etwas trinken, Sennor?«

»Was habt Ihr?«

»Alles, am Meisten aber Julep.«

»So gebt mir ein Gläschen!«

Pirnero holte das Getränk und nahm dann seinen Platz wieder ein. Da er dabei dem Gaste den Rücken zukehrte, so nahm dieser dies als ein Zeichen, daß


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der Wirth keine Lust habe, mit ihm zu sprechen. Er schwieg daher. Dies war aber keineswegs Pirnero's Absicht, denn nach einer Weile sagte er:

»Ausgezeichnetes Wetter!«

»Sehr schön!« antwortete Berthold lächelnd.

»Seit heut Morgen!«

»Ja, gestern regnete es.«

»Und wie! Fast wie in Pirna, wenn es gießt!«

»Was? Ihr nennt den Namen Pirna?« fragte der Doctor.

»Ja.«

»Kennt Ihr diese Stadt?«

»Das will ich meinen. Und Ihr?«

»Ich war öfters dort.«

»Von Wien aus?«

»Ah, Ihr wißt, daß ich ein Wiener bin.«

»Freilich!«

»Wer hat es Euch gesagt?«

»Der kleine André.«

»Ah, der kleine Jäger, den wir heut fingen! Ja, ich war einige Male in Pirna, um ärztliche Studien auf dem Sonnensteine zu machen.«

»Sapperlot, Sennor, wolltet Ihr etwa verrückt werden?«

»Nein; das war meine Absicht nicht. Aber woher kennt Ihr Pirna?«

»Es ist ja meine Vaterstadt!«

»Zum Teufel, warum sprecht Ihr denn da nicht Deutsch, wenn Ihr aus Pirna seid?«

»Kennen denn die Wiener unser Pirnsches Deutsch?«

»Verstehen können wir es auf alle Fälle. Aber wie kommen Sie aus Sachsen hierher in dieses Land, Sennor?«

»Das will ich Ihnen erklären. Wissen Sie vielleicht, was ein Diplomat ist?«

»Ich denke.«

»Und ein Politikus?«

»Ja.«

»Nun sehen Sie, ich hatte dazu die größten Anlagen: aber in Pirna fehlte das Feld, die Gelegenheit, meine Politesse an den Mann zu bringen. Ich wollte mein Licht leuchten lassen, und darum bin ich nach Mexiko gegangen.«

»Leuchtet es denn hier?«

»Das will ich meinen. Wenn Sie es jetzt noch nicht sehen sollten, so werden Sie es doch jedenfalls bald merken. Kennen Sie den Kaiser Max?«

»Ja.«

»Den Marschall Bazaine?«

»Ja.«

»Den Präsidenten Juarez?«

»Ja.«

»Nun sehen Sie, mit diesen Leuten beschäftige ich mich. Wäre ich aber in Pirna, so würden sie mich gar nichts angehen; ich wäre ein Spießbürger ge-


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blieben, schnupfte aus einer Birkendose und äß Pflaumenmuß mit Kartoffeln. Für welchen nehmen Sie Parthei?«

»Für Keinen.«

»Sapperlot, ist das möglich?«

»Wie Sie sehen!«

»So sind Sie also kein Diplomatikus?«

»Nein.«

»Und kein Politikus?«

»Auch nicht.«

»Aber hören Sie, was soll denn da im ganzen Leben aus Ihnen werden? Sogar Nudelmüller und Breetenborn politisiren im Dorfbarbier, und Sie als Wiener wollen die Weltgeschichte mit Verachtung strafen? Aber, halt, jetzt fällt mir ein, was der Grund sein kann! Sind Sie verheirathet?«

»Nein.«

»Da hat man es! Habe ich es mir nicht gleich gedacht? Wer nicht heirathet, aus dem wird nichts Gescheidtes, nicht einmal ein Diplomat. Sie sind Doctor, wie ich höre?«

»Ja.«

»Was denn für einer? Doctor der Zahnzieherei oder der Medizin?«

»Der Medizin.«

»Da sollten Sie doch eigentlich wissen, daß es Bestimmung der Menschen ist sich erstens zu verlieben und zweitens zu verheirathen!«

»Das weiß ich allerdings.«

»Aber warum befolgen Sie es nicht selbst?«

»Bisher habe ich keine Zeit dazu gehabt.«

»Keine Zeit? Mein Gott, wie man nur so reden kann. Zum Verlieben gehört eine einzige Stunde und zum Verheirathen eine halbe, wenn der Pfarrer es kurz genug macht. Anderthalbe Stunde werden Sie doch jedenfalls erübrigen können!«

Berthold wußte jetzt wirklich nicht, was er denken und sagen sollte; darum meinte er wenigstens, indem er seine Heiterkeit zu verbergen suchte:

»Ist es bei Ihnen so schnell gegangen?«

»Das versteht sich! Verlieben Sie sich in Mexiko; da geht Alles sehr schnell. Werden Sie in diesem Lande bleiben?«

»Wohl nicht.«

»Das ist schade!«

»Warum?«

»Weil Sie hier eine sehr gute Praxis finden würden. Wir haben nämlich keinen Arzt im Fort und ebenso wenig in der Umgebung.«

»Giebt es hier häufig Krankheiten?«

»Freilich.«

»Welche?«

»Nun, vor sechs Jahren hatte ich einen Schwären, vor elf Jahren litt meine selige Frau an Fußaderknoten, und vor zwei Jahren hatte sich meine Tochter in den Finger gebrannt. Es ist noch gar nicht lange her, da schnitt sich einer meiner


// 1560 //

Vaqueros in die Hand. Er hat wohl ein Viertelpfund Schwamm auflegen müssen, ehe es heilte.«

»Solche Krankheitsfälle, zumal sie so häufig auftreten, sind nun freilich im Stande, einem Arzt Veranlassung zu geben, sich hier niederzulassen.«

»Sehen Sie!«

»Ich ziehe mir aber doch die Heimath vor!«

»Nun, ich will Sie nicht bereden, denn wenn Sie sich hier zu sehr anstrengen würden, so daß Sie selbst erkrankten, so bekäme ich die Vorwürfe. Aber Ihr Freund, ist der nicht auch Doctor?«

»Ja.«

»Der Theologie?«

»Nein, auch der Medizin.«

»Aber wenigstens er ist verheirathet?«

»Nein.«

»Will er etwa ledig bleiben?«

»Ich habe über diesen Punkt noch nicht mit ihm gesprochen.«

»Herrgott, das ist ja der Hauptpunkt im Leben, über welchen man mit einem jeden Menschen reden soll! War er noch nie verliebt?«

»Ich habe ihn noch nicht gefragt.«

»So fragen Sie ihn sobald wie möglich, und sagen Sie es ihm, daß es nichts Besseres giebt, als Schwiegersohn zu sein. Ist man Arzt und der Schwiegervater hat einen Kramladen, so kann man sehr leicht eine Apotheke errichten. Thee wächst im Wald genug und das Pflaster kann man sich von den Vaqueros sieden lassen.«

»Ich danke, Sennor! Sobald ich Zeit finde, werde ich mit ihm sprechen. Adieu!«

Der Arzt kehrte kopfschüttelnd in sein Zimmer zurück; der Wirth aber war ebenso mit ihm unzufrieden. Er hatte überhaupt heut trotz des guten Wetters eine sehr üble Stimmung.

Am Nachmittage kehrte Gérard mit dem kleinen André von der Hazienda zurück. Er fand die Apachen noch auf derselben Stelle liegen, wo sie am Vormittag sich versteckt gehalten hatten. Da der Häuptling der Ansicht war, daß sofort aufgebrochen werden sollte, so fand er kaum Zeit, noch einmal nach dem Fort zu reiten, um von Resedilla Abschied zu nehmen. Er traf sie nicht unten im Zimmer und auch nicht daneben in der Küche. Er stieg daher die Treppe empor und klopfte an die Thür ihres Zimmers. Sie öffnete und als sie bemerkte, daß er es war, überflog ein tiefes Roth ihr schönes Gesicht.

»Verzeihung, Sennorita, daß ich es wage, Euch hier aufzusuchen!« sagte er. »Ich muß augenblicklich aufbrechen und wollte dies doch nicht thun, ohne Euch Lebewohl gesagt zu haben.«

»Tretet ein, Sennor!« bat sie.

Er that dies und da stand er nun in demselben Raume, wo sie an jenem Abende so schön, so verführerisch auf den Kissen gelegen hatte. Auch sie schien daran zu denken, denn ihr Gesicht drückte eine kleine reizende Verlegenheit aus.


Ende der fünfundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk