Lieferung 66

Karl May

23. Februar 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 1561 //

Aber dabei ruhte ihr Auge mit sichtlichem Wohlgefallen auf seiner hohen Gestalt, welche sich in dem neuen Gewande ganz anders ausnahm, als in dem alten.

»Ich dachte nicht, daß Ihr das Fort so bald verlassen würdet, Sennor,« sagte sie.

»Ich ebenso wenig. Bis morgen wenigstens glaubte ich noch bleiben zu dürfen.«

»Und darf ich wissen, wohin Ihr geht?«

»Ja, denn ich weiß, Ihr werdet mich nicht verrathen. Wir gehen nach dem Saladoflusse, um einen Transport gegen die Comanchen zu vertheidigen.«

»Ihr seid der Anführer?«

»Bärenauge und ich.«

»O, so wollt Ihr mir eine Bitte erfüllen!«

»Welche?«

»Setzt Euch nicht unnöthiger Weise den Gefahren aus, welche Euch da entgegentreten!«

»Ich werde vorsichtig sein, Sennorita. Aber, warum wünscht Ihr dies?«

Sie blickte zu Boden und antwortete nicht. Da ergriff er ihre Hand und fragte:

»Zürnt Ihr mir, daß Euer Vater uns heut überraschte?«

»Nein,« sagte sie leise.

»Und auch nicht, daß ich ihn zurückwies, als er Euch dann mir zuführen wollte?«

»O nein, Sennor. Wenn Vater doch anders sein wollte!«

»Ich verstehe Euch. Ihr habt da manche Kränkung zu erdulden. Jetzt aber muß ich scheiden, Sennorita. Darf ich wiederkommen?«

»Ich bitte Euch darum!«

»Und bald?«

»Ja.«

Er blickte ihr in die Augen, die sich mit Feuchtigkeit zu füllen begannen. Er zog sie an sich, und sie wiederstrebte nicht. Ihr schöner, voller Busen ruhte warm an seinem Herzen; ihr runder Arm schmiegte sich an dem seinigen empor, sodaß ihre Hand auf seiner Schulter ruhte. Er zog die andere Hand an seine Lippen und flüsterte:

»Darf ich an Euch denken, Resedilla?«

»O bitte, thut es, und recht oft!« antwortete sie.

»Und Ihr?«

»Ich werde Euch keinen Augenblick vergessen!«

»Ist dies wahr?«

»O, Ihr dürft es mir schon glauben, Sennor!« versicherte sie leise.

Da zog er sie noch inniger an sich, küßte ganz leicht ihr Haar und sagte dann:

»Gott segne Euch für dieses Wort, Sennorita! Ihr macht mich unendlich glücklich durch dasselbe. Nun gehe ich getrost den Comanchen entgegen, denn ich kenne einen Mund, der vielleicht für mich beten wird.«

Da hörte er, daß sie ein Schluchzen unterdrückte; dann antwortete sie:


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»Ja, ich werde für Euch beten, Sennor, darauf könnt Ihr Euch verlassen!«

»So lebt wohl, Sennorita!«

»Lebt wohl!«

Er ging. Sie sah durch das Fenster hinab, wo er zu Pferde stieg. Wie sah er heut doch so ganz anders aus! Ihr Herz klopfte vor Stolz und Freude, und dennoch mußte sie weinen. Worüber? Daß er von ihr gegangen war?

Ja. Aber es gab noch einen andern Grund. Es trägt ein jedes Mädchen ein Ideal in ihrem Herzen. So war es auch mit Resedilla gewesen. Sie hatte an demselben treu festgehalten und alle Bewerber abgewiesen. Und nun endlich derjenige kam, in dem ihr Ideal sich verkörpert zu haben schien, da riß er sie aus ihrem Entzücken durch das offene aber unvorsichtige Bekenntniß, daß er ein Verbrecher gewesen sei.

Sollte sie da nicht weinen? Hatte ihr Ideal nicht den Glanz, den Nimbus, die Reinheit verloren? O, sie hatte diesen Gérard lieb, unendlich lieb, und dennoch mußte sie weinen, weinen, weinen! - -

Drei Tage später ritt ein sehr langer Reiterzug von den Bergen des Puercosflusses nach Osten, den Höhen entgegen, zwischen denen ein Arm des Saladoflusses dahinströmte. Der Trupp bestand aus den fünfhundert Apachen, an deren Spitze sich Bärenauge, Gérard und der kleine André befanden, der Letztere als Führer.

Die Leute ritten Einer hinter dem Andern; darum glich der Zug einer riesigen, fünfhundertgliederigen Schlange, welche sich durch das Terrain dahinwand.

Die Gegend war theils bewaldet, theils von offenen Prairiestellen durchzogen. Gelangten die Vordersten des Zuges an eine solche Stelle, so machten sie stets Halt, um sie genau zu überblicken.

So eben auch jetzt, wo Bärenauge sein Pferd anhielt, um den Blick über eine weite Grasebene streifen zu lassen, welche sich vor ihnen öffnete.

»Der Häuptling der Apachen sieht keinen Feind,« sagte er.

»Wir können getrost weiter!« stimmte André bei.

Da schüttelte Gérard den Kopf.

»Wie lange reiten wir noch zum Lager?« fragte er den Kleinen.

»Bei Sonnenuntergang werden wir es erreichen,« lautete die Antwort.

»Und jetzt ist es Mittag? Hm! Sagtest Du nicht, daß die Comanchen Späher ausgesandt hätten?«

»Ich habe sie selbst gesehen.«

»So steht zu erwarten, daß dies Lager auch jetzt beobachtet wird.«

»Jedenfalls.«

»Vielleicht ist bereits eine Comanchentruppe eingetroffen, um es zu belagern und zu erstürmen. Was meinst Du, André?«

»Das ist sehr leicht möglich.«

»Nun, in diesen beiden Fällen wird der Feind die Augen offen halten und uns nahen sehen, wenn wir durch die offene Prairie reiten.«

»So meinst Du, daß wir sie längs des Waldes umreiten sollen?«

»Ja.«


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»Das ist ein großer Umweg.«

»Er führt uns aber sicherer zum Ziele. Uebrigens können wir ja schärfer reiten.«

»Mein weißer Bruder hat ganz recht,« sagte Bärenauge.

Bei diesen Worten lenkte er mit der ihm eigenen Entschlossenheit nach links ein, anstatt hinaus auf die offene Prairie zu reiten. Die Andern folgten.

Auf dieser linken Seite zog sich der Urwald in einer beinahe graden Linie dem Osten entgegen. Die Apachen lenkten unter die Bäume hinein und ritten nun längst des Randes so rasch wie möglich vorwärts.

Kein Mensch sprach ein Wort; kein Pferd ließ einen Laut hören. Nur das dumpfe Stampfen der Hufe auf den weichen Boden war zu vernehmen.

So mochte man bis gegen vier Uhr geritten sein, als Bärenauge plötzlich sein Pferd anhielt und den Boden scharf betrachtete.

»Was erblickt mein rother Bruder?« fragte Gérard.

»Die Spur eines Fußes,« antwortete der Apache.

»Wo?«

Bärenauge sprang vom Pferd und bückte sich nieder. Gérard that dasselbe.

»Sieht mein weißer Bruder die Halme des Grases, welche sich noch nicht wieder aufgerichtet haben?« fragte der Häuptling.

»Ich sehe sie. Hier ist ein Mensch gegangen.«

»Vor ungefähr zwei Stunden,« fügte André hinzu, der auch abgestiegen war. »Wohin führt die Spur?«

»Hier am Rande des Waldes entlang. Meine Brüder mögen mir folgen!«

Mit diesen Worten ergriff der Häuptling die Zügel seines Pferdes und schritt, das Letztere führend, zu Fuß der Fährte nach.

Nach einiger Zeit fand sich eine zweite, dann eine dritte und endlich noch mehrere dazu. Zuletzt hob Bärenauge die Spitze eines Pfeiles auf, welche er aufmerksam betrachtete.

»Uff!« sagte er. »Die Comanchen sind in der Nähe. Sie sind auf die Jagd gegangen, denn dies ist die Spitze eines Jagdpfeiles. Es sind mehr als zehn Fährten; diese Jäger hatten also für viele Leute Fleisch zu schaffen. Meine Brüder müssen vorsichtig sein.«

Jetzt konnte man beinahe mit Gewißheit sagen, daß man einige hundert Comanchen vor sich habe. Darum wurde der Weg mit außerordentlicher Sorgfalt fortgesetzt.

Man konnte sich ganz auf die gefundene Spur verlassen. Sie führte deutlich genug nach der Richtung, in welcher der Feind zu finden war.

So mochte noch eine halbe Stunde bis zum Untergange der Sonne sein, als der Zug wieder stockte. Die drei Anführer hatten ihre Pferde parirt.

Sie befanden sich jetzt nämlich am Ausgange des Waldes. Vor ihnen breitete sich eine Art kleiner Hochebene aus, von deren Mitte ein Bach herniederfloß. Da droben sah man Zelte stehen und angepflockte Thiere.

»Das Lager!« sagte André.

»Aber eingeschlossen,« fügte Gérard hinzu.

Und er hatte recht. Unten nämlich weideten mehrere Hundert Mustangs im


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saftigen Grase und ringsum waren bewaffnete Indianer zu erblicken, welche die Hochebene umgaben. Diese Letztere hatte ein schwarzes verbranntes Aussehen; es stand da kein einziger Grashalm mehr.

»Die Comanchen!« sagte Gérard.

»Sie haben das Gras angebrannt,« fügte Bärenauge hinzu, »damit die Pferde unserer Brüder kein Futter finden können und zu Grunde gehen!«

Es war klar, daß die Geldkarawane von den Wilden belagert wurde. Mehrere Leichen, welche man liegen sah, bewiesen, daß bereits Kämpfe stattgefunden hatten. Die Zahl der Belagerer konnte derjenigen der Apachen gleichen, nämlich fünfhundert, vielleicht waren es auch noch mehr.

Jetzt galt es, sich zu berathen. Bärenauge zog seine Leute in den Wald zurück, wo sie nicht bemerkt und überrascht werden konnten. Dort setzte man sich nieder, um das Calummet anzustecken, ohne welches der Indianer keine wichtige Besprechung unternimmt. Einige kluge Apachen waren fortgeschickt worden. Bis zu ihrer Rückkehr war man zu warten gezwungen.

Endlich, nach Verlauf von über einer Stunde kamen sie wieder.

»Was habt Ihr gesehen?« fragte der Häuptling.

»Sechs mal zehn mal zehn Comanchen mit ihren Pferden.«

»Uff! Und wie viel Weiße?«

»Es waren ihrer vier mal zehn und acht.«

»Donnerwetter,« meinte André, »so sind bereits zwölf gefallen.«

»Es werden ihrer in dieser Nacht noch mehr fallen,« sagte einer der Kundschafter.

»Weshalb?« fragte Gérard.

»Weil die Söhne der Comanchen gegen Morgen das Lager stürmen wollen.«

»Woher weißt Du das?«

»Ich habe es gehört.«

»Von wem?«

»Von zwei Kriegern, welche unter den Bäumen standen, mich aber nicht sahen.«

»Es ist gut! Man wird ihnen den Sturm versalzen.«

»Es scheint, die Kameraden sind bereits seit sechs Tagen belagert,« sagte André.

»Hatten sie Vorräthe?«

»Nicht viel.«

»So ist schleunige Hilfe höchst nöthig. Was sagt mein rother Bruder?«

»Sobald die Comanchen unsere weißen Brüder überfallen, werden die Apachen diese Hunde von hinten anfassen und tödten.«

»Sollte das klug sein?«

»Weiß mein weißer Bruder etwas Besseres?«

»Ich denke, daß man sie gar nicht zum Angriffe kommen lassen darf. Wenn wir sie in diesem Falle auch besiegen, so werden doch viele unserer Brüder fallen.«

»Was denkt mein Bruder sonst?«

»Wir warten, bis es völlig dunkel ist. Dann geben wir unsere Pferde in Obhut und umzingeln den Feind. Auf ein Zeichen machen wir uns dann über ihn her, ohne Flinten, ohne Geschrei, ganz still, nur mit Tomahawk und Messer. Auf diese Weise ist die eine Hälfte getödtet, ehe die andere es merkt.«


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Bärenauge dachte einige Augenblicke lang nach und sagte dann:

»Mein weißer Bruder hat das Beste gerathen. Was soll das Zeichen sein?«

»Ein Feuerbrand, der empor geworfen wird.«

»Wo?«

»Im Lager unserer Freunde.«

»Wie können sie dieses Zeichen geben, da sie doch nicht wissen, daß wir hier sind?«

»Sie werden es erfahren.«

»Von wem?«

»Von mir.«

»Uff! Mein Bruder will sich zu ihnen hindurchschleichen?«

»Ja,« antwortete Gérard.

»Das ist zu gefährlich!« warnte André.

»Pah! Für mich nicht!« sagte Gérard.

»Mein weißer Bruder ist wie die Schlange, welche des Nachts kein Mensch sieht und hört, bis sie sticht,« stimmte der Apachenhäuptling bei.

Der kleine André versuchte, noch einigen Einwand zu erheben, doch vergebens. Gérard dachte zwar an Resedilla's Bitte, sich in keine unnöthige Gefahr zu begeben, aber er war so gewandt im Anschleichen, daß er fast gar keine Gefahr bei diesem Unternehmen sah.

Als es vollständig dunkel geworden war, ging er an das Werk, gebot jedoch vorher, daß man versuchen solle, sich der Pferde der Feinde zu bemächtigen.

Droben auf der kleinen Anhöhe lagen die Belagerten um ein Feuer.

Der Anführer, General Hannert, stocherte mit einem Aste in der Gluth herum und stieß halblaute Flüche in den Bart. Einige Offiziere saßen bei ihm, aber schweigend. Sie sahen ganz so aus, als wenn der Hunger ihnen den Mund verschließe.

Weiter seitwärts saßen Soldaten und Westmänner beisammen, und noch weiter entfernt, sah man die Posten stehen, welche das Lager vor einem Ueberfalle zu verwahren hatten. Unweit des Feuers lagen viele Packsättels, und dabei standen Körbe, in denen, wenn man sie geöffnet hätte, man kleine Beutels gefunden hätte, welche mit klingender Münze gefüllt waren.

Der übrige noch freie Raum war mit angepflockten Thieren angefüllt, welche vergebens der den Boden deckenden Grasasche einen Halm zu entreißen versuchten. Es herrschte eine traurige Stille über diesem Lager.

Da endlich hörte man eine Unterbrechung:

»Goddam!« sagte der General laut. »Was ist nur mit diesem André geschehen?«

»Ob man ihn unterwegs weggefangen hat?«

»Möglich! Dann aber sind wir verloren.«

»Wir noch nicht, General.«

»Aber unsere Fracht, unser Geld.«

»Warten wir noch bis morgen!«

»Bis morgen? Pah, da fallen unsere Thiere um, wenn sie uns tragen sollen!«


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»Aber was sonst, General?«

»Ich kenne nur ein Mittel: Morgen früh werden die rothen Schufte uns einen abermaligen Besuch machen wollen. Wir aber kommen ihnen zuvor.«

»Wir besuchen sie?«

»Ja.«

»Und schlagen uns durch?«

»Ja.«

»Ohne das anvertraute Geld?«

»Nein, sondern mit demselben.«

»Aber unsere Thiere sind zu schwach.«

»Wir holen uns andere.«

»Wo?

»Da unten bei den Comanchen. Mein Plan ist nämlich der: Es nimmt ein Jeder einen Theil des Geldes an sich. Wir bilden Phalanx und schlagen uns bis zu den Pferden der Comanchen hindurch. Erreichen wir diese, so sind wir gerettet.«

»Ein verzweifelter Plan!«

»Wer weiß einen bessern?«

»Ich!«

Aller Augen wendeten sich nach der Seite, von welcher diese Antwort erschollen war. Dort stand ein hoher, starker Mann mit dichtem Vollbart, beide Hände auf die Büchse gestützt. Niemand kannte ihn. Er war ein Weißer. Wie war er hergekommen? Durch die Posten der Comanchen und ihre eigenen hindurch?

Die Männer alle waren förmlich erschrocken, als sie ihn erblickten. Der General faßte sich am schnellsten. Er musterte den Fremden und fragte ihn:

»Herr, wer sind Sie? Wie kommen Sie hierher?«

»Der kleine André schickt mich,« antwortete der Gefragte. »Ich habe mich durch alle Posten geschlichen, bis hierher.«

»Donnerwetter, das bringt nur ein ächter, tüchtiger Jäger fertig!« sagte der General im Tone der Bewunderung. »Sie sind nicht bemerkt worden?«

»Weder von den Comanchen noch von Ihren Leuten,« antwortete der Mann.

»Dann haben Sie ein Meisterstück gemacht. Wer sind Sie?«

»Der, welchen Sie erwarten.«

»Der, welchen ich erwarte? Ah, ich erwarte allerdings Einen, der ganz und gar der Kerl ist, sich durch alle Vorposten der Welt hindurch zu schleichen!«

»Wie heißt der Mann?«

»Es ist der schwarze Gérard.«

»Der bin ich, General.«

Diese Worte wurden in einem höchst einfachen, bescheidenen Tone gesprochen, aber sie hatten doch eine ganz besondere Wirkung. Der General sprang auf, und auch die andern schnellten, freudig überrascht, vom Boden empor und traten näher.

»Wie? Was? Sie sind Gérard?« fragte der Erstere.

»Ja, ich bin es.«

»Gott sei Dank! Willkommen, Master! Wir befinden uns in einer nichts weniger als angenehmen Lage; aber Ihr Erscheinen bringt mir die Hoffnung, daß wir gerettet werden. Der kleine André hat Sie getroffen?«


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»Gewiß.«

»In Fort Guadeloupe?«

»Ja.«

»Er ist in der Nähe?«

»Ja. Wir staken seit einigen Stunden da unten im Walde.«

»Warum ist er nicht mitgekommen?«

»Hm, General, das Schleichen durch sechshundert Comanchen, welche sich auf dem Kriegszuge befinden, ist nicht Jedermanns Sache. Uebrigens war es auf alle Fälle besser, er blieb bei den Apachen zurück.«

»Bei den Apachen? Sie haben Apachen bei sich?«

»Ja. Volle fünfhundert.«

Da blickte der General mit freudeglänzenden Augen im Kreise umher und sagte:

»Kinder, Gott sei Dank; jetzt sind wir gerettet!«

»Ich hoffe es,« meinte Gérard. »Ich habe bereits mit Bärenauge die geeigneten Maßregeln getroffen, Sie von den Comanchen zu befreien.«

»Wer führt die Apachen an? Bärenauge selbst?«

»Ja.«

»O, da ist das Gelingen sicher! Wo Bärenauge seine Hand im Spiele hat, da kann von einem Mißerfolge gar keine Rede sein. Aber wie sind Sie zu ihm gekommen?«

»Wir sind schon längst Freunde. Uebrigens hat er mit Juarez einen Vertrag abgeschlossen, in Folge dessen er die Comanchen und Franzosen als Feinde betrachtet.«

»Also er lauert mit fünfhundert Mann unten im Walde? Was für Maßregeln haben Sie mit ihm verabredet?«

»Er wird sich bereits jetzt nicht mehr im Walde befinden, sondern mit seinen Leuten aufgebrochen sein, um die Comanchen zu umzingeln.«

»Ah, jetzt bereits?«

»Ja.«

»Wäre der Anbruch des Morgens nicht eine passendere Zeit gewesen?«

»Nein. Das Morgengrauen wollen jedenfalls die Comanchen benützen, um Sie zu überfallen. Das würde Ihrerseits dann doch einige Opfer kosten, denn wir würden den Feind zwar überraschen, aber ihn auch kampfbereit finden. Jetzt aber sitzen sie ahnungslos bei ihren Feuern und erwarten von Außen her keine Störung. Als ich jetzt ihre Linie durchschlich, bemerkte ich, daß sie zwar nach dieser Höhe hin, also nach Innen Wachen aufgestellt haben, nicht aber jenseits nach dem Walde und der Prairie zu. Die Apachen schleichen sich an sie heran und fallen, sobald ich mit einem Feuerbrand das Zeichen gebe, über sie her. Ein Jeder nimmt seinen Mann. Es genügt eine einzige Minute, um fünfhundert Comanchen das Leben zu nehmen, und für die Uebrigen werden zwei weitere Minuten hinreichen.«

»Ah, das ist gut! Wir werden helfen!«

»Ich bitte Sie, dies zu unterlassen, da dies für unsere Verbündete gefährlich werden könnte. Ich weiß nicht, ob Sie und Ihre Soldaten im Stande sein


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werden, im Dunkel der Nacht einen Apachen von einem Comanchen zu unterscheiden. Ein Irrthum könnte hier sehr verhängnißvoll werden.«

Da nahm ein alter Jäger, welcher in der Nähe stand, das Wort:

»Oho! Man wird doch einen Comanchen erkennen! Sollen wir etwa ruhig zusehen, daß diese Kerls von Andern den Lohn empfangen, den sie an uns verdient haben? Mir juckt es in allen Fingern, gehörig mitzuthun!«

Gérard nickte und antwortete:

»Ich habe nur von den Soldaten, nicht aber von den Jägern gesprochen. Diese Letzteren mögen mit helfen, denn sie werden genau wissen, was ein Apache oder Comanche ist. Darüber brauche ich mir keine Sorge zu machen.«

»Gut! Wann soll die Geschichte losgehen?« fragte der Alte.

»Vor Ablauf einer Stunde nicht. Der Kreis, den der Feind um die Höhe bildet, ist sehr ausgedehnt, und Ihr werdet nur zu gut wissen, welche Geduld und Sorgfalt erforderlich ist, um unbemerkt so nahe an den Mann zu kommen, daß man ihn beim ersten Zeichen sofort erreichen kann. Eine Uebereilung könnte uns doch nur Schaden bringen. Ich mache den Vorschlag, nur erfahrene Jäger gegen die Comanchen als Posten aufzustellen. Sie mögen mit losbrechen, sobald unten der Kampf beginnt.«

»So mag es sein,« entschied der General. »Ich werde sogleich die nöthigen Befehle geben, und dann wollen wir über das Andere sprechen.«

Er zog diejenigen Posten, welche Soldaten waren, ein und stellte erfahrene Jäger an ihre Stelle. Dann wurde wieder am Lagerfeuer Platz genommen.

Die Ankunft Gérards hatte das ganze Lager mit neuem Muthe erfüllt, und als er jetzt neben dem Generale saß, um ihm Rede und Antwort zu stehen, kamen die Männer alle herbei, um zu hören, was er diesem Letzteren zu berichten hatte.

»Was haben,« fragte dieser, »die Apachen zu thun beschlossen, wenn sie die Comanchen besiegt haben?«

»Sie werden Ihren Transport begleiten,« antwortete Gérard.

»Das ist mir natürlich sehr erwünscht; aber sie werden Geduld haben müssen.«

»Warum?«

»Wir können diesen Ort nicht eher verlassen, als bis sich unsere Thiere wieder erholt haben. Sie haben mehrere Tage lang zwar Wasser aber kein Futter gehabt.«

»Lassen Sie sich das nicht anfechten. Wir müssen sofort aufbrechen, vielleicht noch heute Nacht, aber es ist - - -«

»Heute Nacht? Unmöglich!« unterbrach ihn der General.

»Die Schwachheit Ihrer Pferde und Maulthiere ist kein Hinderniß. Ich habe dafür gesorgt, daß uns die Pferde der Comanchen in die Hände fallen; das ist mehr als hinreichend. Sie lassen einfach Ihre Thiere in der Prairie zurück. Wir müssen aus Vorsicht immer annehmen, daß unsere Spuren bemerkt worden sind. Fünfhundert Reiter lassen auch bei der größten Sorgfalt eine Fährte zurück. Wir können sehr leicht bereits Verfolger hinter uns haben; wir dürfen sie hier nicht erwarten.«

»Wir gehen nach Fort Guadeloupe, um das Geld dort niederzulegen?«


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»Nein. Dieser ursprüngliche Punkt hat nicht Stich gehalten. Wir werden das Geld direct zu Juarez bringen.«

»Das ist außerordentlich gefährlich. Welchen Weg wir da auch einzuschlagen haben, er wird immer ein bedeutender Umweg sein, oder geradezu durch das Gebiet der Comanchen führen. Dieses Letztere könnten wir nur mit sehr guten und frischen Pferden wagen.«

»Für Letztere ist gesorgt. Es werden uns verbündete Apachen am südlichen Quell des rothen Flusses mit frischen Thieren erwarten.«

»Das ist sehr vortheilhaft. Wir könnten dann das feindliche Gebiet im Galopp durcheilen und das Land der Mescalero-Apachen erreichen, ehe die Comanchen sich entschlossen hätten, einen Angriff auf uns zu machen.«

Der Plan wurde weiter besprochen und einstimmig angenommen. Unterdessen verging die Zeit. Es war mehr als eine Stunde verflossen, und so forderte Gérard die Leute auf, sich bereit zu halten. Er ergriff einen sehr harzigen Ast, und hielt denselben in das Feuer. Als er in hellen Flammen stand, warf er ihn so hoch wie möglich in die Luft. Der Ast schien dabei verlöschen zu wollen, aber als er dabei die Wurfhöhe erreicht hatte und für einige Augenblicke lang bewegungslos in der Luft zu schweben schien, prasselten die Flammen auf, weithin sichtbar durch die dunkle Nacht, so daß dieses Zeichen nicht unbemerkt bleiben konnte.

Der Erfolg war allerdings auch ein augenblicklicher; denn kaum hatte der empor geworfene Ast den Boden wieder berührt, so erschallte unten ringsum ein Geheul, wie es in dieser fürchterlichen, haarsträubenden Weise nur von Indianerkehlen ausgestoßen werden kann.

Gérard sprang vom Feuer hinweg und nach der Postenlinie hin. Dort standen die Jäger im Anschlage, die Büchsen schußbereit in der Hand und die Bowiemesser zwischen den Zähnen.

»Jetzt drauf!« rief er. »Wenn Ihr mit helfen wollt, so ist jetzt der richtige Augenblick dazu!«

Im Nu huschten die Leute, welche vor Begierde brannten, sich mit den Comanchen zu messen, die Höhe hinab. Gérard aber kehrte zum Feuer zurück, wo der General stand. Hier sollte der Sammelplatz der Krieger sein, und hier konnte er am leichtesten gefunden werden.

Inmitten des Geheules hörte man einzelne Schüsse krachen. Todesschreie erschollen. Gérard horchte mit größter Spannung in die Nacht hinaus. Der General bemerkte dies und fragte ihn:

»Sie haben Sorge, ob die Apachen siegen werden?«

»Nicht im Geringsten,« antwortete der Gefragte. »Es ist ganz unmöglich, daß die Comanchen irgend einen Vortheil erkämpfen werden; ich hege im Gegentheile die Ueberzeugung, daß sie vollständig vernichtet werden. Wenn ich so angestrengt lausche, so ist es nur, um zu hören, ob es vielleicht ein Stampedo giebt.«

»Ah, was ist ein Stampedo?«

»Man versteht unter diesem Worte das Durchbrechen, Durchgehen oder Vorüberstampfen einer Pferdeheerde. Es ist mir natürlich wichtig, zu hören, ob die Pferde der Comanchen an den Lassos hängen bleiben oder nicht.«

»Ah, diese Lasso's sind fest!«


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»Ja, aber dennoch kommt es vor, daß Pferde, vom Geschrei des Kampfes erschreckt und geängstigt, sich losreißen. Ueberdies könnte ja ein Trupp der Feinde sich bis zu den Pferden durchschlagen und mit diesen zu entfliehen suchen. Glücklicher Weise aber habe ich bis jetzt noch nicht einen einzigen Huftritt gehört.«

»Haben Sie nicht eine Anzahl der Apachen angewiesen, sich der Pferde der Comanchen zu bemächtigen?«

»Allerdings. Und wie es scheint, ist ihnen dies auch gelungen. Denn fände das Gegentheil statt, so - - - ah!«

Dieser letzte Ausdruck galt einer Gestalt, welche soeben am Feuer erschien. Es war Bärenauge. Den blutigen Tomahawk im Gürtel, das Messer in der Rechten und mehrere frische Scalpe in der Linken, sah er im Scheine der flackernden Flamme aus, wie die Verkörperung des Geistes der Prairie, welcher der Indianersage nach mit bluttriefenden Waffen und rauchenden Kopfhäuten über die wilde Savanne jagt.

Er warf einen kurzen Blick auf den General und wendete sich dann an Gérard.

»Mein weißer Bruder hatte einen sehr guten Plan entworfen.«

»Ihr habt gesiegt?« fragte Gérard.

»Uff!« antwortete der Häuptling verächtlich. »Es ist für die Krieger der Apachen eine Unmöglichkeit, nicht zu siegen. Aber sie hatten den Feind so gut umstellt, daß ihnen kein Einziger entkommen ist.«

»So sind sie alle todt?«

»Alle!«

»Und die Pferde?«

»Sie stehen noch da, wie wir sie gefunden haben.«

»Das ist ein Glück! Wir können sie gegen die herabgekommenen Packpferde umtauschen und noch in dieser Nacht den Rückweg antreten.«

»Wer ist das Bleichgesicht an Deiner Seite?«

»General Hannert. Und hier liegt das Geld, welches er unserm Freunde, dem Präsidenten Juarez bringt.«

»Er ist ein tapferer Mann; er hat den Comanchen widerstanden, bis wir kamen. Ich werde die Pfeife des Friedens mit ihm rauchen und sein Bruder sein.«

Jetzt kamen die Apachen herbei, mit Scalpen und Beute behangen. Es ist besser, diese Scene nicht auszumalen. Der Christ, der wahre Christ muß unbedingt die Politik verdammen, welche eine ganze Nation dadurch zum Untergang zu bringen trachtet, daß er ihre einzelnen Stämme gegen einander aufhetzt und in Waffen bringt. Es genügt, zu sagen, daß der Sieg ein vollständiger war. Die vorher so bedrängten Amerikaner waren mit ihren Schätzen gerettet und zogen, von den Apachen begleitet, bereits vor Anbruch des Morgens weiter. - - -

Für den Geschichtsschreiber giebt es keine Zeiträume und Ortsentfernungen. Er überspringt sie so spielend, ohne sich von seinem Schreibtische zu erheben. Von diesem Rechte machen auch wir Gebrauch, indem wir uns aus der Savanna von Neu-Mexiko nach Süden versetzen, um Personen zu sehen, welche uns im höchsten Grade interessiren müssen.


// 1571 //

Als Ferdinand Cortez Mexiko erobert hatte, ließ ihm der König von Spanien sagen, er solle sich eine Gunst erbitten, die ihm sofort gewährt werden solle. Da dachte der schlaue Spanier an Dido, welche Carthago gegründet hatte. Er that ganz dasselbe, was diese berühmte Königin gethan hatte; er erbat sich nämlich so viel Land, als er mit einer Kuhhaut umspannen könne. Diese Bitte wurde ihm, da sie sehr bescheiden klang, gewährt. Da ließ er eine große Haut in haardünne Streifen schneiden und umspannte auf diese Weise ein Areal, welches natürlich weit größer war, als der König geahnt hatte.

Diese Besitzung und die in ihr gegründete Stadt besteht noch heute. Sie wird zum Andenken an jenen Streich Cuernavacca genannt, zu Deutsch »Kuhhaut«.

Das alte Schloß ist ein großes Viereck, welches in architectonischer Beziehung gar keine Bedeutung hat. Jetzt in eine Caserne verwandelt, besitzt es nichts, was an die vergangene Pracht und Herrlichkeit erinnern könnte.

Die Stadt ist klein und wie alle mexikanischen Städte, mit großer Regelmäßigkeit gebaut, jedoch theils schlecht, theils gar nicht gepflastert. Von Trottoirs und Gas ist keine Rede, nicht einmal Oellampen giebt es in den Straßen.

Und dennoch befand sich in dem kleinen, unscheinbaren Orte das Hoflager des Kaiser Max von Mexiko, welcher hier ganz in der Weise eines Privatmannes lebte.

Dieses hatte seinen Grund in der fast beispiellos prächtigen Lage des Städtchens.

Es liegt kaum dreißig Leguas von Mexiko entfernt im tiefen Thale, von allen Seiten gegen Winde geschützt. Bezaubert durch die Schönheit und den Reichthum der tropischen Natur, hatte der poetische Sinn des Kaisers sich dieses Eldorado als Buen Recreo erkoren. Es war sein Lieblingsaufenthalt. Wenn die Staatsgeschäfte ihm und der Kaiserin gestatteten, die Sorgen der Hauptstadt auf einige Tage abzuschütteln, so eilten die Majestäten nach Cuernavacca, um Ruhe für den Geist und Körper zu finden. Bisweilen zog sich Max ganz allein dahin zurück, um, fern von französischen Machinationen und Einflüssen, sich mit einigen Vertrauten ernsten Reformplänen zu widmen.

Es ist schwer, sich etwas weniger Kaiserliches zu denken, wie die bescheidene einstöckige Villa, welche der Kaiser dort gemiethet hatte. Aber welche Umgebung!

Der Garten machte den Eindruck einer Zauberlandschaft; der Beschauer wähnte sich in ein übernatürliches Feenreich versetzt. Dennoch war alles Natur und nicht Kunst! Keines Gärtners Hand hatte die wilde Jungfräulichkeit des die Villa umgebenden Rosenwaldes entweiht. Haushohe Cactus- und Alangpflanzen, mächtige Palmen verschiedenster Gattung, wilde Citronen- und Orangenbäume und vereinzelte majestätische Cypressen überragten ein Gefilde hochstämmiger Rosen, welche in allen Farben und Nuancen prangten.

Und als ob die Königin der Blumen eifersüchtig gewesen sei auf diese stolzen Repräsentanten eines dunkel- und hellgrünen Blätterreichthums, so schmiegten und schlangen sich um Stämme und Aeste die verschiedenartigsten Lianen und Schlingpflanzen, hier schneeweiß, dort dunkelroth, purpurn erglühend, violett und rosa, alle himmelwärts strebend und mit ihren Düften wetteifernd mit den Wohlgerüchen, welche den Millionen und Abermillionen von Rosen entströmten.

Durch diese duftende Wildniß schlängelten sich ländliche Fußwege, deren


// 1572 //

Stille durch das Hallelujah der buntgefiederten Vögel unterbrochen wurde. Es war ein Paradies in Miniatur, ein Eden, für welches sich selbst Hafis, der persische Dichter, der Sänger der Liebe und der Rosen, hätte begeistern müssen.

Auf einem dieser Wege wandelte Kaiser Max dahin, an seiner Seite ein Mann in reicher, goldstrotzender Nationaltracht. Dieser Mann, dunkelhaarig und dunkeläugig, war von nicht hoher, aber sehniger Gestalt. Sein gelbangehauchtes Gesicht zeigte eine große Beweglichkeit der Mienen und in seinen Augen brannte eine Gluth, wie sie nur dem Südländer eigen sein kann. Es war General Mejia, jener treue Freund des Kaisers, welcher später mit ihm am 19. Juni 1867 auf dem Cerro vor Queretaro erschossen wurde.

Die beiden Spaziergänger waren augenscheinlich in ein sehr ernstes Gespräch vertieft.

»Sie malen jedenfalls zu schwarz, lieber General,« sagte der Kaiser in seiner sanften Weise, indem er eine der Rosen vom Zweige brach und ihren Duft einsog.

»Wollte Gott, Majestät hätten recht!« antwortete Mejia. »Und wollte Gott, ich dürfte so sprechen, wie ich reden möchte!«

Da hielt der Kaiser seinen Schritt an, sah dem General forschend in das Auge und fragte in beinahe erstauntem Tone:

»Warum sprechen Sie nicht so?«

Der Gefragte ließ seinen Blick über die Rosenfluth gleiten, schwieg eine ganze Weile und antwortete dann langsam:

»Dies verbietet mir die Majestät des Kaisers.«

Max blickte zu Boden und meinte, halb scherzend und halb traurig:

»Ist meine Majestät so glänzend, so blendend? Ich dächte nicht, daß der Anblick meines Thrones einen so niederschmetternden Eindruck macht!«

»Und doch muß ich bei meinem Ausspruche beharren.«

»Aber ich bin hier in Cuernavacca ja nicht Kaiser, sondern Privatmann!«

»Das ist eine Huld, welche die Anhänger Eurer Majestät dankbar anerkennen; aber man darf dem Privatmanne trotzdem nicht sagen, was den Kaiser kränken oder beleidigen könnte.«

Da legte Max seine Hand hastig auf den Arm des Generals und sagte:

»Sprechen Sie in Gottes Namen, lieber General! Der Kaiser wird Ihnen nicht zürnen.«

»O doch, Majestät!«

»Nun, so befehle ich es Ihnen!«

Diese wenigen Worte wurden in einem Tone gesprochen, welcher jeden Widerspruch ausschloß. Darum meinte der treue General:

»So werde ich gehorchen, selbst auf die Gefahr hin, mir die allerhöchste Gunst zu verscherzen.«

»Meine Gunst bleibt Ihnen treu. Denken Sie, daß Sie mit einem Freunde, einem Vertrauten sprechen, welcher auch Unangenehmes vertragen kann. Wir sprachen von meinen Reformplänen. Sie stimmten nicht bei?«

»Ich kann leider nicht!«

»Warum?«


// 1573 //

»Majestät haben einen hocherlauchten Ahnen, welcher von gleichem Eifer durchdrungen war.«

»Ah, Sie meinen Joseph den Zweiten?«

»Ja. Der Lohn seines Strebens war Undank und Enttäuschung.«

»Nicht durchaus!«

»Aber doch zumeist!«

»Er ging zu rasch vor. Er war den Verhältnissen vorausgeschritten!«

»Und doch war er in diesen Verhältnissen geboren und aufgewachsen. Sie waren ihm nicht fremd; er kannte sie genau; aber seine Begeisterung für das Glück seines Volkes ließ ihm die Macht dieser Verhältnisse verkennen.«

»Sie urtheilen scharf, aber doch vielleicht nicht ganz unrichtig, General.«

»Ich danke für diese Zustimmung, Majestät und erlaube mir einen Vergleich.«

»Zwischen ihm und mir?«

» Ja.«

»So wird dieser Vergleich wohl schwerlich zu meinen Gunsten ausfallen!« sagte der Kaiser mit mildem Lächeln.

»O, Majestät theilen die Begeisterung Ihres edlen Vorgängers, aber Majestät befinden sich auf völlig unbekanntem Boden.«

»Sie wollen sagen, daß ich noch viel mehr Grund habe, als Joseph, langsam vorzugehen, daß ich mich vor jeder Uebereilung hüten solle?«

»So ähnlich. Ich denke an das Beispiel eines neuen Lehrers, welcher gleich am Tage seines Amtsantrittes reformiren will, ohne seine Schüler zu kennen.«

»Ich danke für diesen Vergleich!« lächelte der Kaiser.

»Verzeihung!« bat Mejia. »Aber sagten Majestät vorhin nicht selbst, daß es die heiligste Pflicht und die größte Wonne eines Herrschers sein müsse, der Lehrer, der Schulmeister seines Volkes sein zu müssen? Wir befinden uns in einem Lande, dessen Boden vom Blute raucht; wir sind umgeben von einem Volke, welches gewaltthätiger ist, als jedes andere; wir stehen gesetzlos da, indem wir ja erst im Begriffe sind, Gesetze zu schaffen. Christus zog in Jerusalem ein und alles Volk schrie Hosiannah; drei oder mehrere Tage später hing man ihn an das Kreuz!«

Das war viel gewagt und gesagt von dem General. Es traf den Kaiser tief in das Herz. Er schritt langsam und schweigend weiter und sagte erst nach einer längeren Pause:

»Sie denken an das Hosiannah meines Einzuges?«

»Ja, Majestät.«

»Nun, zweifeln Sie an der Wahrheit der damaligen Begeisterung?«

»Mit vollem Rechte, Majestät.«

»Ah!«

»Wer hat Sie empfangen, Majestät? Die Bevölkerung? Nein. Die Franzosen? Ja, sie und ihre Geschöpfe. Die Rufe, die Begeisterung war gemacht, war künstlich; ich weiß es genau. Glauben die Franzosen etwa, daß sie festen Fuß in Mexiko gefaßt haben? Da irren sie sich!«

»Das sagen Sie bei der militärischen Macht, über welche Sie hier gebieten?«

»Gelang es Napoleon dem Ersten, Spanien zu erobern? Ebenso wenig wird


// 1574 //

es seinem kleinen Neffen gelingen, Mexiko zu halten. Die Franzosen stehen nicht auf einem festen Boden, sondern auf einem sehr schlecht zusammengefügten Flosse, welches jeden Augenblick zerschellen kann. Mexiko zählt hunderte von Kratern; auch das Volk ist ein Vulkan. Es gähren unterirdische Kräfte in ihm; seine Eruptionen sind furchtbare. Und wenn Napoleon eine Million Zuaven und Turkos sendet, sie werden doch eines Tages in die Luft geschleudert werden!«

»Welch eine Perspective!« rief der Kaiser.

»Ich wage, an diese Perspective zu denken, um Euer Majestät zu warnen, sich dem Manne an der Seine anzuvertrauen. Ein Herrscher von Mexiko darf nicht das Geschöpf eines Andern sein; er muß seine Kraft und Macht aus Mexiko selbst ziehen; er darf nicht vertrauen; er darf nicht dichten und träumen; er darf nicht das Land betreten mit liebevollen Plänen, sondern mit dem Säbel in der Faust. Der Mexikaner ist ein Feind der Ordnung; er spielt mit dem Widerstande und der Empörung; er gleicht dem halbwilden Thier, welches man nicht mit einem Zuckerbrode lockt, sondern mit dem Lasso niederreißt.«

Der General hatte sich in Eifer gesprochen; er sagte die reine, volle Wahrheit, von welcher er selbst durchdrungen war und dabei vergaß er, seiner Ansicht jene Gewandung zu geben, welche man für nothwendig hält, wenn man zu einem gekrönten Haupte spricht.

Der Kaiser schritt gesenkten Kopfes neben ihm her. Seine Miene war sehr ernst geworden, aber er sagte kein Wort, welches angedeutet hätte, daß er beleidigt sei. Mejia fuhr fort:

»Der Mexikaner haßt den Franzosen; es wird ihm unmöglich sein, den zu lieben, welchen der Franzose ihm zum Herrscher giebt.«

»General!« sagte jetzt endlich Max in mahnendem Tone.

»Ah, Majestät, ich sollte die Wahrheit sagen!«

»Gut. Aber Sie sprachen vorhin von dem Geschöpfe eines Andern!«

»Ich gebe zu, daß dieser Ausdruck nicht hoffähig ist, aber ich mußte mich seiner bedienen, um zu beweisen, daß er von Andern gebraucht wird.«

Da runzelte der Kaiser die Stirn. Er fragte:

»Wer sind diese Andern?«

»Erstens die Mexikaner - - -«

»Ah, erstens! Aber zweitens?«

»Die Herren Franzosen selbst.«

»Unmöglich!«

Der Kaiser sprach dieses Wort im Tone des ehrlichsten Zweifels aus. Mejia aber antwortete:

»Unmöglich? Majestät, ich habe dieses Wort gehört, zehnmal, hundertmal; ich garantire mit meinem Ehrenworte dafür!«

»Auch von den Franzosen?«

»Ja; von hohen Offizieren!«

»Mein Gott!«

Max legte die Hände zusammen und blickte nach oben. Mejia bemerkte dies. Seine Lippen preßten sich zusammen, seine Stirn wurde finster. Er sagte:

»Ich wollte, ich wäre Kaiser!«


// 1575 //

»Ah! Warum?«

»Dann würde ich Mejia bitten, mir zu sagen, was ich thun solle.«

»Nun, ich bitte Sie!«

»O, ich würde zunächst zum Degen greifen und diese Franzmänner zum Lande hinausjagen, sie haben dies genugsam verdient.«

»General, Sie als Militär wissen am Besten, daß dies unmöglich ist!«

»Unmöglich? Leicht ist es, Majestät, sogar sehr leicht!«

»Sie bringen mich in das größte Erstaunen!«

»Rufen Sie die Mexikaner auf. Sie werden wie ein einziger Mann aufstehen und Ihnen helfen. Dann sind Sie der Anführer, der Kaiser des Volkes. Dann haben Sie gezeigt, daß Sie Herrscher sind aus eigener Kraft und Majestät. Man wird Sie anerkennen; man wird Ihnen gehorchen, ja, man wird Ihnen zujubeln!«

Max schüttelte den Kopf und entgegnete:

»Ich kann Ihre Begeisterung nicht theilen. Denken Sie an Juarez, an den Panther des Südens, an die vielen andern Bandenführer, welche gern selbst Kaiser spielen möchten. Denken Sie ferner an England, an die Vereinigten Staaten, an Spanien - von andern gar nicht zu sprechen! Denken Sie an meine Verpflichtungen Frankreich gegenüber - - -«

»O,« unterbrach ihn der General, »oh, ich glaube nicht, daß der Franzose sich seiner Verpflichtungen, Ihnen gegenüber, zur geeigneten Stunde erinnern wird. Ueber Mexiko kann nur das Schwerdt herrschen. Wer die Parteien einigen und ihnen befehlen will, der muß eine starke, rücksichtslose Faust haben und sich vor aller Weichheit hüten. Erst seine späteren Nachfolger dürfen daran denken, das Schwerdt mit der Palme zu vertauschen.«

»Sie verlangen also einen Attila, einen Tamerlan?«

»Nein, sondern einen Karl den Großen, welcher zu siegen und zu einen weiß, ohne zu verwüsten.«

»Jetzt hat man mit der Politik zu rechnen!«

»Was können die Diplomaten thun, vollendeten Thatsachen gegenüber?«

»Und Juarez, mein kräftiger Gegner?«

»Wird unschädlich gemacht! Ich denke mit Grimm an die kleinen Kerls, welche einen Putsch machen, sich General schimpfen und nur den Zweck haben, der Heerde die Wolle zu nehmen. Da ist zum Beispiel dieser Cortejo - -«

»Ah,« unterbrach ihn der Kaiser, »welcher jetzt mit dem Panther des Südens gleiche Sache macht?«

»Ja, jener Pablo Cortejo, dessen Tochter ihre Photographien versendet, um vermöge ihrer Schönheit Anhänger zu werben.«

»Haben Sie ihr Bild gesehen?«

»Hundert Male!«

»Ich leider noch nicht,« lächelte der Kaiser.

»Nicht? Ah, diesen Hochgenuß dürfen Majestät nicht länger entbehren!«

Er griff in seine rothseidene Schärpe und zog ein Visitenkartenetui hervor.

»Sie besitzen das Portrait?« fragte der Kaiser.

»Ja. Ich gestatte mir, es Eurer Majestät zur Ansicht zu überreichen.«


// 1576 //

Er gab dem Kaiser das Bild. Dieser betrachtete es einige Augenblicke lang, gab es dann dem General wieder und sagte dabei im Tone des Bedauerns:

»Armes Mädchen!«

Mejia runzelte abermals die Stirn. Er liebte den Kaiser, aber er war ein Mann der That und haßte Alles Weichliche. Er sagte mit möglichstem Nachdruck:

»Arm? O, Majestät, ich bedaure und bemitleide diese Dame nicht. Ja, sie macht sich lächerlich, ungeheuer lächerlich, aber sie ist eine gefährliche Intriguantin, welche ich für alle Fälle unschädlich machen würde.«

»So halten Sie auch ihren Vater für gefährlich?«

»Allerdings.«

»Als Kronprädentent?«

»O nein,« lachte Mejia. »Aber gefährlich ist mir ein jeder Mensch, gleichviel ob Mann oder Frau, welcher nicht mit mir, sondern wider mich ist.«

Er wollte fortfahren, konnte aber nicht, denn es ertönten Schritte hinter ihnen, und als sie sich umdrehten, gewahrten sie den Kammerdiener des Kaisers. Er hieß Grill, spielte in Cuernavacca den Haushofmeister und ist seit jener Zeit eine viel genannte Persönlichkeit gewesen. Man sah es dem Kaiser an, daß ihm diese Störung nicht ganz unlieb sei. Mejia hatte denn doch ein Wenig zu aufrichtig gesprochen.

»Was giebts?« fragte Max.

»Entschuldigung, Majestät, der Herr Marschall ist hier,« antwortete Grill.

»Bazaine?«

»Ja. Er wünscht, Euer Majestät zu sprechen.«

»Ich komme sogleich!«

»O, der Marschall folgt mir auf dem Fuße.«

»So kehren wir um.«

Sie drehten sich um. Mejia zog ein sehr finsteres Gesicht. Max sah es.

»Soll ich Sie entlassen, General?« fragte er.

Er wußte sehr wohl, daß diese Beiden einander ganz und gar nicht leiden konnten.

»Ich bitte Euer Majestät, bleiben zu dürfen, um nicht den Anschein zu erregen, als ob ich einen Franzosen fürchte. Voraussetzung ist natürlich, daß es sich nicht um eine discrete Angelegenheit handelt.«

»So bleiben Sie!« nickte der Kaiser. »Uebrigens muß es doch etwas Wichtiges sein, was den Marschall veranlaßt, nach Cuernavacca zu kommen. Er liebt diesen Ort nicht sehr.«

Jetzt sah man Bazaine kommen. Er war nicht in großer Uniform und verbeugte sich, als er den Kaiser erreichte, zwar tief, aber doch nicht in einer Weise, welche auf eine aufrichtige Ergebenheit schließen läßt. Es lag in seinem Blicke und seiner Miene eine Sicherheit, ein Selbstbewußtsein, welche er besser in der Nähe des Kaisers hätte beherrschen sollen.

»Verzeihung, Majestät,« sagte er, »daß ich es wage, das wohlthuende Stillleben dieses Ortes zu unterbrechen.«

»O, Sie sind mir stets willkommen, lieber Marschall,« sagte Max höflich.

»Dann bedaure ich um so mehr, Unangenehmes zu bringen.«


// 1577 //

»Ich habe allerdings seit einiger Zeit nicht viel Angenehmes von Ihrer Seite notiren dürfen; darum wird mich das Gegenwärtige nicht sehr überraschen.«

Es lag in diesen Worten wohl eine kleine Malice; aber Max blickte dabei so freundlich und heiter, daß Bazaine keine Zeit fand, sich zu erzürnen. Er sagte:

»Befehlen Majestät sofortigen Vortrag der Angelegenheit?«

»Ich ersuche allerdings darum.«

»In Gegenwart des Generals?«

Er warf dabei einen nicht übermäßig freundlichen Blick auf Mejia und machte diesem dabei eine sehr förmliche Verbeugung. Es war diese Frage eigentlich eine Rücksichtslosigkeit gegen den Kaiser und eine Beleidigung für den Mexikaner; aber Beide nahmen keine Notiz davon. Max antwortete:

»Handelt es sich um wichtige Geheimnisse?«

»O nein, im Gegentheil um eine sehr öffentliche Angelegenheit.«

»Nun, Monsieur, dann sprechen Sie sofort!«

»Die Angelegenheit betrifft nämlich jenen gewissen Pablo Cortejo, von welchem ich bereits mehrere Male zu Majestät gesprochen habe.«

»Es ist mir erinnerlich,« nickte Max.

»Dieser Mann war bisher scheinbar einfach lächerlich; jetzt aber hat es allen Anschein, als ob er gefährlich werden wolle.«

»Ah, in wiefern?«

»Er wirbt an.«

»Das wäre!« sagte der Kaiser überrascht.

»Sogar in der Hauptstadt selbst. Es sind gestern einige seiner Werber arretirt worden. Auch im Hauptquartiere scheint er Agenten zu besitzen.«

»So muß man ihm allerdings auf die Finger sehen!«

»Er ist mit dem Panther des Südens verbündet, Majestät.«

»Ich weiß dies bereits.«

»Ich habe nun erfahren, daß mit Hilfe einer amerikanischen Brigg dem Panther mehrere tausend Gewehre nebst einer großen Quantität Blei und Pulver übermittelt worden ist.«

»Wo ist dies geschehen?«

»In Guazacoalco. Man hat Jagd auf die Brigg gemacht; sie aber war ein ausgezeichneter Segler und ist entkommen.«

»Dies ist ein unangenehmes Lebenszeichen des Präsidenten der Vereinigten Staaten.«

»Ich werde dem Kaiser darüber nach Paris berichten.«

Max zuckte die Achsel und antwortete:

»Der Kaiser wird sich mit dieser Angelegenheit wohl kaum erfolgreich befassen.«

Der Marschall ging über diese Bemerkung leicht hinweg, indem er sagte:

»Ich bin überzeugt, daß diese Waffenlieferung mit dem neuesten Auftreten dieses Cortejo im Zusammenhange steht, zumal er so dreiste ist, während des Nachts Placate an die Straßenecken kleben zu lassen.«

»Das wäre allerdings sehr kühn!« sagte der Kaiser. »Wo geschah das?«


// 1578 //

»In der Hauptstadt selbst.«

»Ah!«

»Ich habe sofort die geeigneten Maßregeln getroffen und bin persönlich zu Euer Majestät geeilt, um Höchstdieselbe um Berücksichtigung des Vorschlages zu ersuchen, den ich die Ehre hatte, bereits einige Male zu machen.«

»Welchen Vorschlag meinen Sie?«

»In Betreff dieses Cortejo. Er selbst befindet sich im Süden, aber seine Tochter wohnt in Mexiko. Sie bleibt völlig unbehelligt, obgleich sie es wagt, öffentlich gegen die Regierung Euer Majestät zu conspiriren.«

»Ich möchte nicht mit Weibern Krieg führen!«

»Ich auch nicht!« meinte der Marschall stolz. »Aber ich möchte auch nicht dazu rathen, eine Hochverrätherin unbestraft zu lassen. Darf ich Eurer Majestät ein Exemplar jenes Placates zur Durchsicht reichen?«

»Sie haben es mit?«

»Ja.«

»So geben Sie her!«

Der Marschall zog das Erwähnte aus der Tasche und übergab es dem Kaiser. Dieser las es und wurde dabei von Bazaine scharf beobachtet. Als bei einer gewissen Stelle sich das Gesicht des Kaisers plötzlich verfinsterte, zuckte ein Blitz der Befriedigung über das Gesicht des Franzosen. Er hätte das Placat durch einen Andern senden können; aber er war selbst gekommen, um sich diese Befriedigung zu gewähren.

Als der Kaiser fertig war, übergab er das Placat an Mejia.

»Hier, General, lesen auch Sie!«

Der Angeredete ergriff das Blatt und las Folgendes:

     »An alle braven Mexikaner und freien Indianer.
Der Feind ist eingedrungen in unser Land; er befindet sich bereits seit längerer Zeit in demselben. Er verwüstet unsere Ernten, zerstört die Früchte unserer Arbeit, verführt unsere Frauen und Töchter und tödtet unsere Männer, Brüder und Söhne.
     Der Mann in Paris, einst selbst ein verachteter Flüchtling, hat es gewagt, uns einen Regenten zu senden, welcher sich den Kaiser von Mexiko nennt. Dieser Mann ist ein Geschöpf Napoleons, dessen Speichel er unterthänig leckt. Mexikaner, dürfen wir das dulden? Nein! Wir wollen uns erheben wie ein Mann und diese Fremdlinge aus dem Lande jagen!
     Bereits schärft der Panther des Südens seine Tatzen; er ist zum Sprunge bereit. Auch wir wollen zu den Waffen greifen. Es ist für Alles gesorgt, was nothwendig ist, den Feind zu besiegen. Wir besitzen Waffen, Munition und Proviant, aber es fehlen die Männer, welche zeigen wollen, daß sie brave Mexikaner und freie Indianer sind.
     Darum soll an allen Orten geworben werden. Wir werden in kurzer Zeit ein Heer bilden, vor welchem die Franzosen die Flucht ergreifen werden. Die Werber sind ausgesandt. Ihr werdet ihre Stimmen hören und sie daran erkennen, daß sie Euch meinen Namen nennen. Schließt Euch ihnen an; folgt ihnen zu den Versammlungsplätzen, zu denen sie Euch führen werden. Dann


// 1579 //

wird die Sonne der Freiheit aufgehen über Mexiko, und wir werden die Bedrücker unseres Vaterlandes von den Bergen hinabjagen in die Fluthen des Meeres, welches sie verschlingen wird, wie es einst mit Pharao geschah.
          Pablo Cortejo.«

Als Mejia das Schriftstück gelesen hatte, fragte ihn der Kaiser: »Nun, General, was sagen Sie dazu?«

Der Gefragte zuckte mitleidig die Achsel und antwortete:

»Ein elendes Machwerk!«

»Aber doch im hohen Grade gefährlich!« fügte Bazaine hinzu. »Es wird hier der öffentliche Aufruhr gepredigt. Man muß hier mehr thun, als blos die Achsel zucken.«

Mit diesen Worten war natürlich Mejia gemeint. Um eine scharfe Entgegnung desselben zu verhüten, fiel der Kaiser schnell ein:

»Ich bin ganz einverstanden. Aber was meinen Sie, was geschehen soll?«

»Zunächst muß man die Tochter dieses Mannes verhaften,« antwortete Bazaine.

Max schüttelte den Kopf.

»Sie ist ungefährlich,« sagte er.

»Sie hat bereits das Gegentheil bewiesen, Majestät!« warnte Bazaine.

»Sie war nur lächerlich; ich sagte dies bereits dem General.«

»Ferner muß man in dem Hause dieses Cortejo aussuchen.«

»Das mag geschehen.«

»Sodann muß man seine Besitzungen einziehen.«

»Hat er welche?«

»Ganz bedeutende.«

»Verzeihung!« fiel da Mejia ein. »So viel ich weiß, gehören diese Besitzungen dem Grafen Rodriganda, dessen Sekretair Cortejo nur war.«

»Ich meine, Rodriganda ist verantwortlich, wenn er einen Hochverräther anstellt,« sagte der Marschall.

Der Kaiser machte eine abwehrende Handbewegung und meinte:

»Keine Gewaltthätigkeit, lieber Marschall! Sie sind Höchstkommandirender und dürfen militärische Maßregeln ergreifen; diese Angelegenheit gehört vor mein Forum. Ich werde aussuchen lassen; aber das Mädchen soll nicht verhaftet werden. Man soll sie verbannen. Sie mag aus dem Lande gehen und dort ihre Verführungskünste betreiben.«

Bazaine sprach sehr dagegen, drang aber nicht durch, so daß er sich schließlich mit unterdrücktem Zorne entfernte. Als er fort war, sagte der Kaiser zu Mejia:

»Sie haben das Placat aufmerksam gelesen?«

»Ja, Majestät.«

»Auch jene Stelle?«

»Welche Stelle meinen kaiserliche Hoheit?«

»In welcher es heißt, ich sei das Geschöpf Napoleons, dessen Speichel ich lecke?«

»Leider mußte ich auch diesen Passus lesen!«

»Ich habe da gesehen, daß Sie vorhin Recht hatten. Aber ich werde diesen


// 1580 //

Herren beweisen, daß ich keineswegs eine Kreatur Napoleons bin. Haben Sie Bazaine beobachtet, als ich las?«

»Sehr scharf, Majestät.«

»Bemerkten Sie Etwas?«

»Ah, Majestät meinen, jenen Blick der Genugthuung?«

»Den er auf mich warf, als ich jene Stelle las. Ich blickte ihn ganz unwillkürlich an. Was sagen Sie dazu?«

»Ich meine, daß ein Marschall nicht der richtige Mann sei, ein confiscirtes Placat zu überbringen; dazu giebt es subalterne Leute genug.«

»Sie haben recht. Er hat sich an mir weiden wollen. Gehen wir in das Haus, lieber Mejia! Ich bin doch ein Wenig alterirt und will die Kaiserin sprechen. Ihre Nähe hat stets eine beruhigende Wirkung auf mein Gemüth.«

Sie verließen den Garten und schritten der Villa zu.

Dies war am Vormittage gewesen. Am Nachmittage stand in der Hauptstadt und in ihrem Zimmer, welches der geneigte Leser bereits von früher genau kennt, Josefa Cortejo vor dem Spiegel. Sie befand sich im tiefsten Negligee, stand aber im Begriffe, große Toilette zu machen.

Hierbei war ihr Amaika, die alte Indianerin behülflich, deren Tochter die Duenna von Amy Lindsay gewesen war und da die Verrätherin gespielt hatte.

Josefa hatte ihr Haar aufgelöst. Es war so dünn, daß die Kopfhaut unangenehm weiß hindurch schimmerte. Sie beliebäugelte mit ihren runden Eulenaugen ihr Spiegelbild und fragte die Dienerin:

"Scheint Dir nicht, dass ich etwas hager werde, Amaika?"

»Scheint Dir nicht, daß ich etwas hager werde, Amaika?«

»O nein, Sennorita.«

»Wirklich?«

»Wirklich!«

»Aber ich denke, daß ich früher voller und üppiger gewesen bin!«

»Keine Spur, Sennorita!«

»Sieh diese Arme! Sie waren früher so schön voll und rund!«

»Sie sind es jetzt noch. Und so weiß und glänzend, grad wie Alabaster!«

»Wirklich?«

»Wirklich!«

Es war dies eine ganz schmähliche Lüge, denn die Arme waren dürr und fleischlos und sahen dunkel wie eine Zigeunerhaut.

»Und meine Schultern, Amaika. Sie waren ganz gewiß früher voller!«

»Da irrt Ihr Euch gewaltig, Sennorita. Ich habe ein außerordentlich scharfes Auge für solche Schönheiten.«

»Du meinst also, daß ich noch schön bin?«

»Ganz gewiß!«

»Aber doch nicht so schön wie - wie - wie zum Beispiel diese Amy Lindsay, welche mit ihrem Vater so plötzlich verschwunden war?«

»Noch viel schöner. Es giebt überhaupt Personen, welche mit den Jahren immer schöner werden, und zu diesen gehört Ihr, Sennorita.«

»Du schmeichelst doch nur!«

»Ganz und gar nicht.«


// 

»Aber siehe einmal her! Mein Hals kommt mir etwas mager vor!«

»O nein. Er ist schlank und schön, ein ächter Schwanenhals, wie ihn die Herren so gern haben. Merkt nur auf die Blicke auf, welche Euch zugeworfen werden, Sennorita!«

»Du willst mich vielleicht nur trösten. Hast Du früher meine Hüften gesehen?«

»Doch täglich.«

»Sie waren so voll.«

»Sehr voll.«

»So rund.«

»Sehr rund.«

»So üppig.«

»Sehr üppig, Sennorita!«

»Sind sie nicht anders geworden, Amaika?«

»Keine Spur. Sie sind noch ebenso verführerisch wie in früherer Zeit.«

»Aber mein Haar geht so sehr aus!«

»Es wächst ja immer wieder nach, Sennorita. Ich wollte, ich hätte ein so schönes Haar wie Ihr. Man kann es doch kaum bewältigen.«

»So meinst Du also wirklich, daß ich nicht verloren habe?«

»Nicht eine Spur, nicht einen Hauch, nicht einen Gedanken!«

»So kleide mich an, aber recht verführerisch, liebe Amaika.«

»Erwartet Ihr Besuch, Sennorita?«

»Nein, sondern ich will zum Photographen gehen. Ich habe wieder zehn Dutzend Bilder bestellt. Er hat heute zu retouchiren, und da möchte ich doch gern selbst dabei sein.«

»Das werden wieder Geschenke an die Anhänger Eures Vaters?«

»Ja. Meinst Du nicht, daß es ein glücklicher Gedanke war, jedem Anhänger meine Photographie zu geben?«

»O gewiß! Sogar ein erhabener Gedanke war es. Ich habe einmal etwas gelesen, woran ich da immer denken muß.«

»Was?«

»Es war eine so schöne Liebesgeschichte, daß ich weinen mußte. Sie hatte ihm ihr Bild geschenkt, und er hatte es sich auf das Herz gehängt oder geknüpft oder geschnallt. Und dabei stand, daß es ein ganz sicheres Mittel sei, die Liebe zu gewinnen, wenn man nämlich Demjenigen sein Bild schenkt, und er schnallt es auf das Herz.«

»Ah, das hast Du gelesen?«

»Ja.«

»Und es ist wahr?«

»Gewiß und wahrhaftig wahr.«

»Mein Gott, was soll dann daraus werden?«

Sie schlug die dürren Hände zusammen, daß es laut klapperte.

»Woraus denn, Sennorita?« fragte die Dienerin.

»Nun, ich habe so viele Bilder verschenkt.«

»Ja, so viele Hunderte!«


// 1582 //

»Und wo denkst Du, daß man sie tragen wird?«

»Ihr meint wohl, auf dem Herzen?«

»Natürlich, Amaika! Wohin soll man ein Bild sonst thun? Und Du sagst, daß dies Liebe erweckt?«

»Ganz gewiß. Ich kann es beschwören.«

»Nun, so werde ich von so vielen Hunderten geliebt!«

Da schlug auch die schlaue Dienerin ihre Hände zusammen und rief:

»Heilige Madonna, es ist wahr! Aber was soll denn daraus werden? Die vielen Sennores werden sich einander todtschlagen, so daß nur ein Einziger übrig bleibt.«

»Und dieser Einzige - weißt Du, was ich mit ihm thun werde?«

»O, ich würde ihn belohnen, ich würde ihn heirathen.«

»Meinst Du?«

»Ja, ganz gewiß!«

»Aber Du mußt bedenken, daß ich dann vielleicht die Tochter des Präsidenten oder gar eine Königstochter sein werde.«

»Dürfen diese denn nicht heirathen?«

»Sie müssen sogar. Aber das werden politische Heirathen, Convenienzehen, bei denen man unglücklich wird. Ach, Amaika, es muß so schön sein, eine Präsidententochter zu sein mit einer unglücklichen Convenienzheirath!«

Sie schlug die Hände abermals zusammen, und die Indianerin stand dabei und verdrehte die Augen zum Erbarmen. Sie hätten dieses Thema wohl noch weiter fortgesponnen, wenn nicht draußen Schritte zu hören gewesen wären. Es erschien eine Dienerin, und hinter ihr erblickte man mehrere Herren. Es war der Alcalde mit mehreren Polizisten.

Als die Herren so unangemeldet eintraten, erhob sich Josefa vom Stuhle, auf den sie sich niedergesetzt hatte, und rief in gebieterischem Tone:

»Was soll das, Sennores? Wißt Ihr noch nicht, was man einer Dame schuldig ist?«

»Wir wissen das sehr genau,« antwortete der Alcalde, »und werden auch Euch genau so behandeln, wie Ihr es verdient. Kennt Ihr mich?«

»Ja,« antwortete sie.

»Nun, ich komme im Namen des Kaisers -«

»Des Kaisers?« unterbrach sie ihn erschrocken.

»Ja. Wo befindet sich Euer Vater?«

»Er ist verreist.«

»Wohin?«

»Nach Oaxaca, wie er mir sagte. Genau weiß ich es allerdings nicht.«

»Wann wollte er wiederkommen?«

»Das war unbestimmt.«

»Hat er Euch geschrieben?«

»Nein.«

»Kennt Ihr den Panther des Südens?«

Sie war eine Mexikanerin und als solche voller List und Verschlagenheit. Sie antwortete:


// 1583 //

»Nein.«

»Er war nie hier?«

»Niemals.«

»Aber Euer Vater kennt ihn?«

»Das weiß ich nicht.«

»Hm, Ihr scheint also doch unschuldig zu sein, Sennorita. Habt Ihr vielleicht eines der Plakate gesehen, welche heute am Morgen an den Straßen klebten?«

»Nein.«

»Aber der Name Eures Vaters stand ja darauf?«

»Ich weiß ganz und gar nichts davon, Sennor. Wenn Vater abwesend ist, so leben wir ziemlich vereinsamt hier. Stammen denn die Placate von meinem Vater?«

»Jedenfalls, da sein Name unterzeichnet ist.«

»Kann den nicht auch ein Anderer unterzeichnet haben, Sennor Alcalde?«

Der Mann sah sie ganz verdutzt an. Der Gedanke, den sie da ausgesprochen hatte, war ihm zwar noch nicht gekommen, schien ihm aber plausibel zu sein.

»Hm, ja, das ist allerdings eine Möglichkeit,« antwortete er.

»Was steht denn auf dem Placat, Sennor?« fragte sie ihn.

»Aufruhr und Hochverrath.«

»O, dann hat mein Vater ganz und gar nichts damit zu thun. Er ist kein Hochverräther!«

»Aber er steht ja im Bunde mit dem Panther des Südens, Sennorita!«

»Davon weiß ich nichts. Das ist jedenfalls eine bös gemeinte Verleumdung.«

»Das wird sich finden. Zunächst habe ich bei Euch auszusuchen.«

»O santa Madonna! Hier in meinem Zimmer?«

»Ja, und überhaupt im ganzen Hause.«

»Nach Aufruhr und Hochverrath?«

»Nach Beweisen davon.«

»So sucht in Gottes Namen! Ihr werdet nichts finden, denn wir sind unschuldig.«

Der Beamte begann nun allerdings, seine Pflicht zu erfüllen, aber ganz in ächt mexikanischer Weise, das heißt, saumselig und höchst oberflächlich. Er brachte damit einige Stunden zu. Als er zu Ende war, brach der Abend bereits herein.

»Sennorita, ich habe nichts gefunden,« sagte er naiv.

»Ich wußte es,« antwortete sie stolz.

»Ich denke also, daß Ihr unschuldig seid, Sennorita.«

»Ich bin es ganz gewiß, Sennor.«

»So thut es mir doppelt leid, Euch etwas Unangenehmes sagen zu müssen.«

»Wollt Ihr mir bange machen, Sennor?«

»Das liegt mir fern, aber ich habe den Befehl des Kaisers zu erfüllen.«

»Des Kaisers? O Dios! Jetzt wird mir wirklich angst, Sennor!«

»Angst braucht es Euch nicht zu werden. Eurer Person geschieht ja nichts. Ihr habt nur den Aufenthaltsort zu wechseln.«

»Den Aufenthaltsort? Wie soll ich das verstehen?«


// 1584 //

»Nun, Ihr werdet aus dem Lande verwiesen.«

Bei diesen Worten erbleichte sie. Das hatte sie nun allerdings nicht erwartet.

»Aus dem Lande verwiesen?« fragte sie. »Aus welchem Grunde, Sennor?«

»Eben wegen Aufruhr und Hochverrath.«

»Aber Ihr sagt ja selbst, daß ich unschuldig sei!«

»Ihr, aber Euer Vater nicht. Uebrigens habt Ihr Photographieen verschenkt!«

»Nur an Freunde.«

Diese Freunde aber sind unglücklicher Weise Alle Hochverräther.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Das ist Eure Sache, Sennorita. Also ich habe Euch zu melden, daß Ihr das Land und die Stadt verlassen müßt.«

»Wann?«

»Die Stadt binnen vierundzwanzig Stunden und das Land binnen einer Woche.«

Das kam ihr so unerwartet, daß sie beinahe umgesunken wäre.

»Aber ich kann ja nicht gehen. Mein Vater ist nicht da!« rief sie.

»So geht zu ihm!«

»Ist auch er mit verwiesen?«

»Nein. Wenn wir ihn bekommen, so wird er gehenkt.«

»O, Madonna, welch ein Unglück! Was wird mit unserm Eigenthum?«

»Das könnt Ihr mitnehmen.«

»Und unsere Dienerschaft?«

»Die kann mitgehen oder hierbleiben, ganz nach Belieben. Nehmt die Sache nicht so schlimm, Sennorita! Es ist schon Mancher aus dem Lande gewiesen worden und doch wieder hereingekommen.«

Er ging mit seinen Polizisten. Die Indianerin hatte Alles mit angehört. Als er fort war, sagte sie mit listigem Augenblinzeln:

»O, Sennorita, wie klug Ihr seid!«

»Nicht wahr, Amaika? Er hält mich wirklich für unschuldig!«

»Ja, diese Männer sind oft sehr dumm! Aber müßt Ihr nun denn wirklich aus dem Lande fort?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Vater wird es heut Abend entscheiden.«

»Ah, der fremde Bote gestern war von ihm?«

»Ja. Vater wird heute Abend verkleidet nach Hause kommen. Du wirst von jetzt an jede Störung fern halten. Ich bin für Niemand zu Hause, Amaika!«

Der ihr vom Alcalden überbrachte Befehl hatte sie doch aus dem Gleichgewichte gebracht. Sie fühlte sich rathlos und sehnte sich nach der Ankunft ihres Vaters.

Es war bereits spät am Abende, als sie wartend ganz allein in ihrem Zimmer saß. Sie hatte die Indianerin hinunter an den Eingang postirt, um sofort zu öffnen, wenn Cortejo kommen werde.

Da plötzlich wurde die Thür sehr leise geöffnet und ein fremder Mann trat ein, ein Mann, welchen sie gar nicht kannte. Sie erschrak heftig, faßte sich aber sogleich wieder und fragte:


Ende der sechsundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk