Lieferung 79

Karl May

3. Mai 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 1873 //

dem Sattel stieg. Er sah auch nicht, daß dieser Engländer die Hände bereits halb aus den Taschen zog und in jeder derselben einen Revolver hatte. Er drohte demselben vielmehr:

»Sie werden jetzt vor meinen Augen geschlagen werden wie ein gewöhnlicher Wasserträger, wenn Sie nicht sofort gehorchen!«

»Dies ist Ihr Ernst?« fragte Geierschnabel.

»Natürlich!«

»Ah! Sie drohen wirklich einem Englishman?«

»Wie Sie sehen!«

»Und wollen mich wirklich vor Ihren Augen schlagen lassen?«

»Ja, vor meinen Augen.«

»Nun, wir wollen sehen, ob Ihre Augen das wirklich erleben werden.«

Nach diesen letzten Worten folgte eine Scene, welche sich gar nicht beschreiben läßt.

Geierschnabel hatte im Nu den Regenschirm zwischen die Zähne genommen. Es fiel diesem kühnen Manne gar nicht ein, selbst bei der Gefahr, welcher er sich preißgab, den Schirm zu opfern. Im nächsten Augenblicke hatte er seine beiden Revolver gezogen und stieß die Läufe derselben mit aller Gewalt in die beiden Augen Cortejo's. Gleich darauf erfolgten in rasender Aufeinanderfolge seine Schüsse und ein jeder derselben warf einen Mann zu Boden.

Cortejo lag an der Erde und konnte nicht sehen. Er stampfte mit Händen und Füßen um sich herum und brüllte wie ein Jaguar. Seine Leute waren eine ganze Minute lang fassungslos. Einen so plötzlichen Angriff hatte man diesem spleenbehafteten Engländer unmöglich zutrauen können. Aber diese an und für sich so kurze Zeit genügte für diesen vollständig.

Als er den letzten Schuß seiner Revolver abgegeben hatte, stieß er den lautschrillenden Schrei des Geiers aus. Im nächsten Momente bereits ertönte der zweite Schrei, denn Geierschnabel saß bereits auf dem Rothschimmel. Er drückte demselben die Fersen in die Weichen, und die Stute flog dem Walde entgegen. Am Rande desselben drehte er sich noch einmal um, und als er bemerkte, daß die Mexikaner noch immer ganz starr am Platze hielten, ahmte er zum dritten Male den Ruf des Raubvogels nach. Dann war er zwischen den säulenartigen Baumstämmen verschwunden.

Erst jetzt rafften sich die Mexikaner zusammen.

»Ihm nach! Ihm nach!« brüllten sie.

Während die Meisten von ihnen wieder auf ihre Pferde sprangen, blieben Einige bei Cortejo zurück, um ihm den nöthigen Beistand zu leisten.

»Meine Augen, meine Augen!« brüllte er.

Er sah allerdings schrecklich aus. Beide Augenhöhlen waren blutig gestoßen. Das eine Auge war vollständig ausgelaufen. Es hing wie ein leeres Säckchen heraus. Der andere Augapfel schien noch ganz zu sein, war aber so blutrünstig, daß sein Zustand nicht erkannt werden konnte.

»Zum Wasser, zum Wasser!« brüllte er. »Kühlung, Kühlung!«

Die Leute faßten ihn an und zogen ihn zum Flusse, um den Verletzten mit


// 1874 //

dem Wasser desselben Linderung der fürchterlichen Schmerzen zu verschaffen. Einer von ihnen, welcher sich ein Wenig auf Kurpfuscherei verstand, sagte:

»Das eine Auge ist weg; es ist ganz verloren.«

»Ganz verloren?« fragte Cortejo. »Ist das wahr?«

»Ja. Es ist bereits ausgelaufen. Man muß es wegschneiden.«

»Und das andere?«

»Vielleicht kann es gerettet werden. Ich weiß es nicht.«

»Gott verdamme diesen Hund, diesen Engländer!« brüllte Cortejo. »Der Teufel hole seine Sippschaft und brate sie in der Hölle in alle Ewigkeit!«

»Regt Euch nicht weiter auf, Sennor. Kaltes Wasser ist die Hauptsache. Kommt her; ich werde Euch den leeren Augapfel wegschneiden!« I

»Muß er wirklich fort?« wimmerte der Verwundete.

»Ja; er nützt Euch gar nichts mehr. Haltet still!«

Cortejo wurde von vier oder fünf Männern gehalten, und während sein lautes Brüllen weit über das Wasser des Flusses hinüberscholl, schnitt ihm der Gefährte die aus der Augenhöhle hervorhängenden Fetzen hinweg.

Später stellte sich die Wirkung des kalten Wassers ein. Sein Jammern und Wimmern ließ nach, und nachdem ihm die Augen mit einem nassen Tuche verbunden worden waren, fühlte er sich im Stande, hier und da ein Wort in das Gespräch zu mischen, welches seine Untergebenen in seiner Nähe führten.

Die Verfolger Geierschnabels waren nämlich sehr bald wieder zurückgekehrt. Sie sagten, daß sie nicht vermocht hätten, die Spur des Entflohenen aufzufinden. Die Wahrheit jedoch war, daß ihnen die Boote mit ihrem reichen Inhalte mehr am Herzen lagen, als der verrückte Engländer, welcher doch außer seinen beiden Revolvern nichts bei sich getragen hatte, was im Stande gewesen wäre, sie für ihre Mühe zu entschädigen.

Nur den Besitzer der Rothschimmelstute ärgerte es gewaltig, daß er um sein Pferd gekommen war. Doch war Ersatz vorhanden. Geierschnabel hatte nämlich mit seinen zwölf blitzschnell abgeschossenen Revolverkugeln sechs Männer getödtet, fünf schwer und nur einen leicht verwundet. Die Pferde dieser Sechs waren natürlich jetzt zu haben und der Mann suchte das beste davon für sich aus.

Mit den sechs todten Mexikanern wurde wenig Federlesens gemacht. Man warf sie ganz einfach in den Strom. Aber die Verwundeten waren im höchsten Grade hinderlich. Es fragte sich, was mit ihnen anzufangen sei.

»Ich wüßte wohl einen Ort, an dem sie Unterkunft finden könnten,« sagte der Führer, welcher sich verwundet gestellt und für einen Boten von Juarez ausgegeben hatte.

»Wo?« fragte Cortejo, dessen Schmerzen sich gelindert hatten.

»Zunächst muß man berechnen, daß sie hier auf diesem Ufer nicht sicher sein würden. Drüben aber habe ich einen alten Bekannten, der etwa drei englische Meilen von hier am linken Ufer eine Blockhütte hat. Dort sind sie sicher und können ihre Heilung abwarten.«

»Ah, könnte ich mit!« rief Cortejo.

»Wer verbietet Euch das?«

»Kann ich denn hier fort!«


// 1875 //

»Warum nicht? Ihr könnt hier nichts sehen und also auch nichts nützen.«

»Vielleicht bessert sich das eine Auge diese Nacht.«

»Möglich. Aber dennoch ist es besser, Ihr pflegt Euch, Sennor. Laßt uns Eure Befehle hier. Wir werden sie genau befolgen.«

»Nein. Ich bleibe.«

Der Führer zog sich nach diesem Versuche zurück. Der Abend war hereingebrochen und man brannte ein Feuer an. Er saß an demselben, in tiefes Nachdenken versunken. Später erhob er sich und winkte einigen seiner Kameraden, welche die Hervorragendsten zu sein schienen, ihm zu folgen.

Sie thaten dies und zogen sich unter die Bäume zurück.

»Was willst Du?« fragte ihn Einer.

»Ich habe da einen außerordentlich guten Gedanken,« sagte er. »Davon braucht aber dieser Cortejo nichts zu wissen.«

»Aber wir sollen ihn erfahren?«

»Ja, Ihr.«

»So rede.«

»Sagt mir zunächst, was Ihr von diesem Cortejo in Wahrheit haltet.«

Sie schwiegen, unentschlossen, ob sie die Wahrheit sagen wollten. Endlich antwortete Einer:

»Sage zunächst, was Du von ihm meinst.«

»Nun, ich denke, daß er ein Schafskopf ist.«

»Ah! Das hast Du Dir ja gar nicht merken lassen.«

»Dann wäre ich ein großer Esel gewesen.«

»Wenn Du es jetzt eingestehst, ist es keine Eselei mehr?«

»Nein. Habt Ihr denn jemals geglaubt, daß dieser Cortejo wirklich Präsident werden könne?«

»O nein.«

»Also. Dazu ist er ja viel zu dumm. Der Panther des Südens hat sich mit ihm verbunden, um ihn auszunutzen. Können wir es nicht ebenso machen?«

»Wie meinst Du das?«

»Ich meine: Können wir die Boote da drüben denn nicht für uns nehmen?«

»Ohne Cortejo?«

»Ohne ihn!«

»Alle Teufel, das wäre allerdings ein außerordentlicher Fang.«

»Nun. Was sagt Ihr zu diesem meinen Gedanken?«

»Prachtvoll!«

»Ja, prachtvoll!« wiederholten die Anderen.

»Und leicht auszuführen,« meinte der Führer.

»Mir scheint es nicht so. Was wird Cortejo dazu sagen?«

»Kein Wort; denn wir werden ihn gar nicht fragen.«

»Aber er wird es merken.«

»Er wird es auch nicht merken. Wenn ich nur wüßte, ob Ihr die Kerls seid, mit denen man aufrichtig reden darf!«

»Das sind wir. Rede nur getrost.«


// 1876 //

»Nun gut. Glaubt Ihr wohl, daß ein Hahn darnach krähen würde, wenn Cortejo plötzlich verschwände?«

»Ja.«

»Ah, wer denn?«

»Seine Anhänger.«

»Das sind ja eben wir.«

»Seine Tochter.«

»Was geht uns das Frauenzimmer an! Er ist blind, er weiß nicht, was mit ihm geschieht. Ein rascher sicherer Stoß - und die Sache ist abgemacht.«

»Ein Mord? Brrr!«

»Unsinn! Es ist schon Mancher gestorben! Denkt einmal, was sich Alles auf den Booten befindet.«

»Man sagt, einige tausend Gewehre. Die kosten ein großes Geld.«

»Man redet sogar von Kanonen.«

»Das ist nichts. Ich weiß von Cortejo selbst, daß sich auch Hilfsgelder aus England dort befinden. Es sind viele Millionen.«

»Donnerwetter!«

»Ja. Wollen wir dieses Geld Cortejo lassen, damit er es mit seiner wahnsinnigen Idee, Präsident zu werden, zum Fenster hinauswirft?«

»Weißt Du das gewiß von dem Gelde?«

»Ganz gewiß. Die Spione des schwarzen Panthers haben es ausgegattert.«

»Dann wären wir fürchterliche Thoren, ihm das Geld zu lassen!«

»Wir nehmen es für uns. Seid Ihr einverstanden?«

»Ja,« antworteten die Andern.

»Cortejo muß auf die Seite.«

»Werden die Anderen es zugeben?«

»Nur gar zu gern. Wenn es Millionen zu theilen giebt, dann giebt es keine schwachen Bedenken. Die Hauptsache ist, daß wir im Stillen vorarbeiten. Wir mischen uns unter die Kerls und horchen sie aus, ehe wir mit unseren Absichten herausrücken.«

»Aber Cortejo war unser Anführer; er hat nie geknausert und sehr oft die Augen zugedrückt. Hat er uns nicht erst kürzlich die Hazienda del Erina plündern lassen? Ich möchte doch nicht, daß er getödtet würde.«

»Was denn?«

»Wir könnten uns ja auf andere Weise seiner entledigen.«

»Auf welche?«

»Hm, wir bauen zum Beispiel ein kleines Floß und setzen ihn darauf. Er kann den Strom hinabschwimmen, bis man ihn findet.«

»Das wäre allerdings ein Ausweg. Ich denke, daß dieser Vorschlag nicht schlecht ist. Was meint Ihr Anderen dazu?«

Sie waren einverstanden. Nach einer nur sehr kurzen Berathung wurde beschlossen, Cortejo auf einem Flosse auszusetzen. Einer fügte hinzu:

»Was thun wir mit den Verwundeten? Theilen sie mit, so wird unser Antheil kleiner. Ich dächte, sie wären auch überflüssig.«

»Das ist wahr.«


// 1877 //

»Wollen wir sie nicht zu Cortejo auf das Floß thun?«

»Nein,« sagte ein Anderer, der doch nicht ganz und gar gewissenlos war. »Sie sind unsere Kameraden. Vielleicht sterben sie noch diese Nacht. Laßt sie liegen, wir wollen es erst abwarten. Es ist genug, Cortejo los zu sein, denn dadurch werden wir an seiner Stelle Eigenthümer der Beute. Ohne einen Anführer aber geht es nicht. Es ist höchst nothwendig, einen zu wissen, und ich denke, wir besprechen uns jetzt gleich darüber und nehmen Einen von uns.«

Auch dieser Gedanke wurde für gut befunden, und nach einigem Hin- und Herreden sah sich Der, welcher als Lockmittel auf dem Felsen gelegen hatte, zum Anführer der Truppe gewählt, welche allerdings erst noch für das besprochene Vorhaben gewonnen werden mußte. Darauf kehrten die Männer zu den Andern zurück.

Jetzt bildeten sich nach und nach einzelne Gruppen, in denen eine leise Unterhaltung geführt wurde. Diese Gruppen näherten sich nach und nach einander und flossen schließlich wieder zu einem Ganzen zusammen. Die Unterhaltung war jetzt so leise und heimlich geworden, daß es Cortejo endlich auffällig wurde.

»Was giebt es, warum flüstert Ihr?« fragte er argwöhnisch.

»Wir fragen uns, was werden soll,« antwortete der Anführer.

»Was soll werden! Die Dampfer liegen doch noch da?«

»Ja.«

»Sie werden die Rückkehr des Engländers erwarten. Wir nehmen sie vorher weg.«

»Aber wie? Wenn wir nur Boote hätten.«

»Leider haben wir keine.«

»Meint Ihr, daß wir uns Flösse bauen?«

Cortejo sann ein wenig nach und sagte dann:

»Das ist nicht vortheilhaft. Flösse sind schlecht zu lenken. O, könnte ich sehen, dann wären diese Dampfer und Boote in einer Stunde unser.«

»Wohl schwerlich, Sennor!«

»Warum nicht?«

»Wir haben keine Boote und sollen auch keine Flösse bauen!«

»Ganz richtig! Aber wer hindert uns denn, hinüber zu schwimmen?«

»Das ist wahr. Aber nicht Alle können schwimmen.«

»Ist das nothwendig? Wächst hier nicht Holz und Schilf genug? Wenn sich Jeder ein tüchtiges Bündel macht, auf welches er sich mit dem Vorderkörper legen kann, so möchte ich Den sehen, der nicht hinüberkäme.«

»Aber das Pulver wird naß.«

»Nein, denn die Büchsen bleiben zurück. Wenn ein Jeder seine Machete mitnimmt, so ist es genug. Kommen wir einzeln geschwommen, so werden wir gar nicht bemerkt. Wir haben die Dampfer und Boote bestiegen, ehe die Bemannung eine Ahnung hat, und stoßen sie mit der Machete nieder. Dann wird die Ladung an das Land bugsirt. O, wenn ich sehen und dabei sein könnte!«

»Dabei sein könnt Ihr ja, Sennor!«

»Wie denn?«

»Wir richten für Euch ein etwas größeres Floß her und nehmen Euch mit.«


// 1878 //

»Ich kann es doch nicht lenken.«

»Das ist nicht nothwendig. Ihr nehmt Euch zwei oder drei Mann mit.«

»Das ginge. Die Schmerzen haben so ziemlich nachgelassen. Ich hoffe zwar, morgen auf dem anderen Auge wieder sehen zu können, aber wenn wir mit dem Angriffe bis dahin warten wollen, kann uns der Fang auch sehr leicht entgehen.«

»Darum stimmen wir Euch bei, so bald wie möglich anzugreifen.«

»Gut,« sagte Cortejo. »Seht Ihr noch Lichter auf dem Schiffe?«

»Kein einziges.«

»Sie schlafen. Sie denken, die Gefahr ist vorüber. Es sind ganz dumme Menschen. Ihr müßt Euch im Voraus theilen, daß ein Jeder weiß, welchen Dampfer oder welches Boot er zu besteigen hat. Auch müssen wir das Feuer auslöschen, sonst werden wir von den Reflexen desselben verrathen. Geht und haut Euch Schilf und Zweige ab, und mir baut Ihr ein Floß.«

»Wohin wollt Ihr gerudert sein, Sennor?«

»Nach dem vordersten Dampfer. Dort wird die Sennora, welche sich auf demselben befindet, sofort gefesselt. Die Ladung bleibt natürlich bis morgen unberührt.«

»Warum, Sennor?«

»Ich muß sehen können.«

Die Leute warfen sich vielsagende Blicke zu und gingen dann an ihre Arbeit.

Es war jedenfalls von Cortejo eine außerordentliche Dummheit, in seinem Zustande nach dem Dampfer sich flößen zu lassen. Aber er traute jetzt seinen Leuten nicht und glaubte, den Inhalt der Boote sicherer zu haben, wenn er persönlich dabei sei, wenn er sich an dem Kampf auch nicht betheiligen könne. -

Als das Boot, mit welchem Geierschnabel vom Dampfer stieß, an das Ufer gerudert wurde, war natürlich die ganze Besatzung in der größten Spannung, was geschehen werde. Der Lord stand mit seiner Tochter neben dem Steuermann. Dieser Letztere kannte diesen Theil des Flusses ziemlich genau und hatte auch sonstige Erfahrungen, welche ihn zu seinem gegenwärtigen Posten befähigten.

»Jetzt steigt er an das Land,« sagte Amy. »Er hat ganz den Gang und die Haltung eines reich gewordenen Holzhändlers, der den Gentleman spielen will.«

»Jetzt spricht er mit ihm. Was mag es sein?«

Man konnte alle Bewegungen der Beiden ganz deutlich sehen, wenn es bei der großen Breite des Stromes auch unmöglich war, ihre Gesichtszüge zu erkennen. Bereits gaben sich die Beobachter der Hoffnung hin, daß der Verdacht Geierschnabels sich nicht bestätigen werde, aber da plötzlich sahen sie den angeblich Verunglückten aufspringen und den verkleideten Jäger umschlingen.

»Um Gottes willen!« rief Amy. »Er überfällt ihn!«

»Es war also doch Betrug; es war eine Kriegslist!« sagte der Steuermann.

»O,« meinte der Lord. »Geierschnabel ist stark. Er wird sich sofort losreißen und nach dem Boote zurückziehen.«

Aber zu seinem Erstaunen geschah dies nicht; vielmehr ließ der Jäger sich ruhig festhalten, die beiden Bootsleute flohen und aus dem Walde kam eine ganz bedeutende Reiterschaar herbei.


// 1879 //

»Was ist das?« fragte Lindsay. »Unsere Ruderer fliehen!«

»Das ist feig!« rief Amy. »Nun kann er sich nicht retten!«

»Er ist wirklich verloren,« klagte der Steuermann. »Sehen Sie, Mylord, wie man ihn umzingelt! Er hat also doch recht gehabt.«

»Er hat gesagt, daß wir Kartätschen laden sollten, Papa,« sagte Amy eifrig. »Schießen wir mitten unter sie hinein!«

»Und treffen ihn mit, mein Kind!«

»Ah, leider! Daran dachte ich nicht. Doch, was ist das, Papa?«

»Man macht ihm Platz. Er legt die Hände an den Mund. Horcht!«

»Hier halten bleiben! Pablo Cortejo ist es!« schallte es deutlich herüber.

Dann sah man aber aus den Bewegungen drüben, daß man mit Geierschnabel unzufrieden wegen dieser Worte sei.

»Ist das möglich! Pablo Cortejo?« rief der Lord.

»Cortejo?« fragte auch Amy. »Wie kommt er hierher?«

»Ich kann es nicht glauben,« fuhr Lindsay fort.

»Ueberzeugen wir uns doch, Papa!«

»Wodurch, mein Kind?«

»Durch das Fernrohr.«

Da schlug Lindsay sich mit der Hand vor die Stirn und sagte:

»Sollte man dies für möglich halten? Beobachte das so ferne Ufer und denke nicht an das Fernrohr.«

Er wollte nach der Cajüte gehen, doch war der Steuermann bereits unterwegs. Er brachte und reichte ihm das Telescop, welches Lindsay sofort an das Auge nahm.

»Ich sehe Geierschnabel nicht mehr, Papa. Du vielleicht?« fragte Amy.

»Ja, ich sehe ihn,« antwortete der Gefragte.

»Was thut er?«

»Er spricht mit - mit - sie stehen mitten im Kreise - mit - o wirklich, jetzt erkenne ich ihn; es ist Pablo Cortejo und kein Anderer.«

»So ist Geierschnabel verloren, Papa.«

»Glaubst Du?«

»Ganz gewiß. Cortejo kennt Dich ja genau.«

»Allerdings! Daran dachte ich nicht. Geierschnabel giebt sich für mich aus. Mit der Absicht, diese Menschen zu täuschen, ist es allerdings vorbei.«

»Können wir gar nichts thun, ihn zu retten?«

»Jetzt noch nicht, vielleicht später. Man muß erst sehen, wie es endet.«

Sie beobachteten den Vorgang mit fast athemloser Spannung, bis plötzlich ein Schuß erscholl und gleich darauf eine ganze Reihenfolge von Schüssen.

»O Gott, sie schießen ihn nieder!« jammerte Amy.

»O nein,« antwortete der Steuermann. »Zwar habe ich kein Rohr, aber ich glaube im Gegentheile, daß er sie niederschießt.«

Der erste Schrei des Geiers erscholl und gleich darauf der zweite.

»Gott sei Dank, er befreit sich!« rief Amy ganz entzückt.

»Siehst Du ihn dort auf dem Pferde?« fragte der Lord, die Hand ausstreckend.


// 1880 //

»Ja. Er galoppirt grad nach dem Walde.«

Der dritte Geierschrei erscholl und gleich darauf der vierte. Der Reiter war verschwunden.

»Er ist gerettet!« jubelte Amy.

»Er reitet zu Juarez!« fügte ihr Vater hinzu. »Dem Himmel sei Dank. Mir war sehr bange um ihn. Aber noch ist er nicht gerettet. Siehe, man verfolgt ihn.«

Die Mexikaner verschwanden im Walde.

»O, er wird sich nicht einholen lassen; er hat uns dies versichert,« meinte Amy. »Doch, wen bringt man dort an das Ufer, Papa?«

Der Lord richtete sein Fernrohr dorthin und antwortete nach einer Weile:

»Das ist ja Cortejo.«

»Was ist mit ihm?«

»Er muß verwundet sein.«

»Wo?«

»Im Gesichte. Man wäscht ihn. Mehr kann ich jetzt nicht erkennen.«

Die Männer in den Booten hörten das Brüllen und Wimmern Cortejo's, welches nach und nach leiser wurde und dann aufhörte.

»Die Verwundung muß sehr schmerzhaft sein,« sagte Amy.

»Recht so. Er hat es verdient,« antwortete der Lord. »Ich gäbe sehr viel darum, wenn dieser Mann in meine Hände fiele!«

»Juarez kommt und wird ihn fangen, Papa.«

»Ich hoffe es. Leider wird es jetzt schnell dunkel. Wer weiß, was geschieht. Vielleicht verlassen sie jetzt den Platz, weil ihre Kriegslist verunglückt ist.«

Die Befürchtung erwies sich als unbegründet, denn bald sah man die zahlreichen Verfolger zurückkehren. Sie lagerten sich und als der Abend hereinbrach, wurde drüben sogar ein Feuer angebrannt, dessen Schein in goldenen Strahlen auf der Wasseroberfläche herüber lief.

»Sie bleiben, Papa,« sagte Amy. »Ist das schlimm für uns?«

»Schlimm nicht, obgleich ich vermuthe, daß sie uns einen Besuch machen werden.«

»Aber ihre List ist ja nicht gelungen!«

»Eben deshalb. Sie wollten mich in ihre Hand bekommen und mit meiner Person dann auch die Ladung. Sie haben sich geirrt und werden in Folge dessen, um ihr Ziel zu erreichen, einen Angriff wagen müssen.«

»Da stehen wir doch in großer Gefahr.«

»Wir werden wachsam sein, mein Kind. Wir werden hören, wenn sie kommen, und ich lasse die Geschütze vorher richten, daß sie die ganze Oberfläche des Wassers bestreichen. Jedenfalls bauen sie sich ein Floß.«

Da meinte der Steuermann:

»Darf ich um eine Gunst bitten, Mylord?«

»Um welche?«

»Lassen Sie mich einmal hinüber!«

»Hinüber zu diesen Leuten?« fragte Lindsay erstaunt.

»Ja. Ich will sie belauschen.«


// 1881 //

»Das geht nicht; das ist zu gefährlich, Master.«

»Für mich nicht. Ich bin ein ausgezeichneter Schwimmer.«

»Aber drüben beginnt die Gefahr ja erst. Verstehen Sie das Anschleichen?«

»Wenigstens so weit, als es hier nothwendig ist.«

»Ich kann Sie nicht entbehren. Wenn Ihnen ein Unglück widerfährt, fehlt mir der erste Steuermann.«

»O, Mylord, ich bin überzeugt, daß mir nichts widerfahren wird. Diese Leute ahnen sicher nicht, daß Einer von uns kommen wird, sie zu belauschen. Ich glaube gar nicht einmal, daß sie Wachen ausstellen. Lassen Sie mich gehen! Es ist vom allergrößten Vortheile für uns, die Pläne dieser Leute zu erfahren.«

Der Lord wollte es nicht zugeben, aber der Steuermann ließ nicht eher ab, als bis er die erbetene Erlaubniß erhielt.

»Lassen Sie kein Licht sehen, Mylord,« bat er. »Die Lichter würden etwaigen Schwimmern als Führer dienen. Man muß die Fensterlucken der Kajüten verhängen.«

»Das werde ich thun. Ich werde überhaupt alle Befehle ertheilen, welche nothwendig sind, einen etwaigen Ueberfall zurückzuweisen.«

»Sie sind mit Feuerwerk versehen, Mylord. Nicht wahr?«

»Hinreichend.«

»Man muß dafür sorgen, daß man den Strom mit Leuchtkugeln erhellen kann. Dann haben wir leichtes Zielen.«

»Auch das werde ich besorgen. Gehen Sie indessen mit Gott. Ich will nur hoffen, daß Ihnen kein Unglück widerfahre.«

Der Steuermann warf seine Oberkleider ab, steckte eine mexikanische Machete zu sich und glitt in das Wasser. Diese Macheten sind lange, scharfe und starkrückige Messer, mit denen man ebenso gut hauen wie stechen kann.

Der Lord blickte dem Schwimmer nach, so weit es möglich war, und traf dann seine Vorbereitungen. Er ließ eine Kiste mit Feuerwerkskörpern herbeischaffen und wurde dann im leichten Kalme von Boot zu Boot gerudert, um den Leuten ihre Verhaltungsmaßregeln zu ertheilen.

Als er nach dem Dampfer zurückkehrte, waren über drei Viertelstunden vergangen. Amy hatte ihn sehnlichst erwartet. Es verging aber eine noch dreimal so lange Zeit, ehe der Steuermann zurückkam. Der Lord gab ihn bereits verloren und äußerte gegen Amy seine Befürchtungen, als der Schwimmer sich an dem Taue emporschwang. Er hatte eine ganz bedeutende Anstrengung hinter sich, da der Strom hier von außerordentlicher Breite war.

»Eingetroffen, Mylord,« sagte er, tief Athem holend.

»Gott sei Dank!« antwortete Lindsay. »Ich glaubte bereits, Sie verloren geben zu müssen. Ist Ihre Anstrengung von Erfolg gewesen?«

»Ja.«

»Es ist Ihnen gelungen, zu lauschen?«

»Jawohl. Ich habe Vieles gehört. Diese Menschen sind ungeheuer unvorsichtig. Ihr Anführer ist wirklich ein gewisser Cortejo.«

»Haben Sie ihn gesehen?«

»Ja, Mylord. Er ist blind.«


// 1882 //

»Blind!« rief der Lord. »Wodurch?«

»Geierschnabel hat ihm die Läufe seiner beiden Revolver in die Augen gebohrt. Das eine Auge ist ganz verloren, und mit dem andern kann er wenigstens heut nichts sehen.«

»Welche Nachricht! Gott ist gerecht! Konnten Sie so weit heran, um ihn zu sehen?«

»Ja. Ich schlich im Schilfe vorwärts. Und dann, als ich bereits auf dem Rückzuge war, gelang es mir noch, eine höchst wichtige Unterredung zu belauschen. Die Leute revoltiren nämlich gegen ihren Anführer.«

»Gegen Cortejo?«

»Ja. Er ist in der Absicht hierher gekommen, sich unserer Ladung zu bemächtigen. Nun er aber nicht sehen kann, wollen sie sich seiner entledigen und die Beute unter sich allein theilen.«

»Sie wollen uns also angreifen?«

»Ja. Sie sind bereits beschäftigt, sich Holz- und Schilfbündel anzufertigen, mit deren Hilfe es ihnen leichter wird, an unsere Boote zu gelangen.«

»Wir werden sie empfangen. Haben Sie nichts über die Unterredung gehört, welche zwischen Cortejo und Geierschnabel geführt worden ist?«

»Nein.«

»Also den Ersteren will man tödten?«

»Ich konnte das nicht so genau verstehen. Auf alle Fälle will man sich seiner entledigen, ob durch Ermordung oder in anderer Weise, das konnte ich nicht recht hören. Die Sprechenden befanden sich so weit von mir, daß ich nur Das verstehen konnte, was halblaut gesprochen wurde.«

»Wann haben wir den Angriff zu erwarten?«

»Jedenfalls nicht eher, als bis das Feuer verlöscht worden ist.«

»Werden wir die Annäherung der Leute bemerken?«

»Auf jeden Fall, denn ich werde ihnen entgegenschwimmen.«

»Sie wollen abermals hinüber?«

»Ja.«

»Bleiben Sie. Ich will nicht, daß Sie sich abermals in Gefahr begeben.«

»Jetzt ist von einer Gefahr keine Rede. Sind die Geschütze geladen?«

»Ja, geladen und gerichtet, vollständig schußfertig.«

»Dann will ich keine Zeit verlieren.«

Ohne um eine weitere Erlaubniß zu fragen, glitt er abermals in das Wasser und verschwand im Dunkel des Abends.

Von jetzt an verging über eine halbe Stunde, da verlöschte plötzlich das Feuer am Ufer. Die goldenen Lichtstrahlen verschwanden, und es herrschte nun die tiefste Finsterniß auf der Fluth.

»Jetzt wird es wohl beginnen,« flüsterte Amy.

»Höchst wahrscheinlich. Gehe in die Cajüte, mein Kind.«

Sie ging schweigend, kehrte aber nach einigen Augenblicken wieder zurück.

»Willst Du nicht dort bleiben?« fragte er.

»Nein. Ich habe mir einen Revolver geholt, Pa.«

Pa ist die englische Abkürzung für Papa.


// 1883 //

»Um Gottes willen, Du willst Dich doch nicht etwa mit am Kampfe betheiligen?«

»Ja, wenn es sein muß,« sagte sie mit fester Stimme.

»Nun, so will ich wünschen, daß die Geschützsalven genügen, den Angriff abzuschlagen und daß es nicht zum Handgemenge kommt.«

Er hatte diese Worte kaum gesprochen, so schwang sich der zurückkehrende Steuermann an Bord und kam eilig auf die Beiden zu.

»Sie kommen,« sagte er.

»Sind sie nahe?«

»Ich war am Ufer und wartete, bis sie mir ziemlich nahe waren. Sie werden sich auf der Hälfte unterwegs befinden.«

»Soll ich Licht geben?«

»Ja, es ist Zeit.«

Einige Augenblicke später zischten einige Racketen empor. Man konnte die ganze Oberfläche des Stromes deutlich überblicken. Der Steuermann hatte ganz richtig gemeldet. Vom Ufer an bis zur Hälfte des Weges sah man Kopf an Kopf die Mexikaner herbeigeschwommen kommen.

»Feuer!« rief Lindsay mit lauter Stimme.

Ein lautes Gekrach war die Antwort; ein prasselndes Plätschern folgte. Die Boote schaukelten auf und nieder. Schrei auf Schrei, Ruf auf Ruf erscholl auf dem Strome, dann war es wieder still und dunkel.

»Mehr Racketen,« bat der Steuermann.

Eine neue Feuergarbe stieg empor und da sah man, daß die Schüsse nicht vergebens gewesen waren. Viel Feinde zwar schienen nicht getödtet worden zu sein, doch konnte man deutlich bemerken, daß sie alle dem Ufer wieder zustrebten. Eine Art von Floß wurde stromab getrieben und der darauf lag, schien todt zu sein. Hätte Lindsay geahnt, daß dieser Mann Cortejo war, so hätte er sicherlich ein Boot ausgesandt, um sich seiner zu bemächtigen.

»Sie fliehen dem Ufer zu. Wir haben gewonnen!« jubelte Amy.

»Für dieses Mal, ja,« antwortete der Lord. »Es steht aber zu erwarten, daß sie einen zweiten Angriff unternehmen.«

»Wollen wir demselben nicht ausweichen?« fragte der Steuermann.

»Auf welche Weise?«

»Wir dampfen ganz einfach eine Strecke aufwärts.«

»Aber wir sollen Juarez hier erwarten.«

»Er wird uns hier finden. Er kann vor morgen Nachmittag nicht hier sein und da befinden wir uns längst wieder hier.«

»Sie glauben nicht, daß uns die Mexikaner folgen werden?«

»Bei diesem Dunkel? Durch den Wald und das Ufergestrüpp? Das ist unmöglich. Sie werden sich die Köpfe einrennen.«

»Aber laufen wir nicht auch Gefahr?«

»Nein. Wir haben zwar eine gefährliche Krümmung vor uns, aber wir werden nur sehr langsam fahren.«

»So will ich Ihnen den Willen thun.«


// 1884 //

Er gab seine Befehle, welche mit halblauter Stimme von Boot zu Boot weiter gegeben wurden und bald setzte sich der Zug in langsame Bewegung.

Drüben am Ufer standen die Mexikaner in tiefer Dunkelheit. Der Anführer ließ zunächst das Feuer wieder anschüren, so daß ein Jeder seine abgelegten Oberkleider und Schießwaffen wiederfinden konnte.

Nun stellte sich auch heraus, welchen Schaden die Kartätschen angerichtet hatten. Es fehlten gegen dreißig Mann.

»Der Teufel hole die Hallunken!« knirrschte der Mann. »Wie kamen sie dazu, die Racketen steigen zu lassen, grad da, als wir unterwegs waren?«

»Sie haben uns gehört,« antwortete Einer.

»Unmöglich. Das muß eine andere Bewandtniß haben.«

»Ich kann mir denken, welche,« meinte ein Anderer.

»Sie sind dadurch aufmerksam geworden, daß wir unser Feuer ausgelöscht haben. Sie haben sich denken können, weshalb wir dies thaten.«

»Richtig! So ist es. Wir müssen den Angriff wiederholen, lassen aber das Feuer dieses Mal brennen.«

»Da sehen sie uns ja kommen.«

»Nein. Wir gehen eine Strecke stromaufwärts, schwimmen so weit wie möglich hinüber und lassen uns dann so abwärts treiben, daß wir von der andern Seite, wo sie uns gar nicht vermuthen, an sie kommen.«

»Das wäre wohl praktisch, wird aber zu nichts führen.«

»Warum?«

»Da, schaut hinüber.«

Aller Augen richteten sich nach dem Flusse. Aus den Essen der beiden Dampfer flogen Funken empor; dann hörte man das Rauschen der Räder.

»Donnerwetter, sie dampfen fort,« rief der Anführer.

»Ja, sie entgehen uns.«

»Nun können wir ihnen morgen abermals nachsetzen.«

»Und unsere Blessirten mitschleppen.«

»Das ist unmöglich; das hält uns auf.«

»Ja, was soll sonst geschehen?«

»Werft sie in das Wasser. Was nützen uns diese Kerls, die doch sterben müssen.«

Dieser Vorschlag wurde angenommen und trotz alles Bittens und Flehens wurden die Schwerverwundeten in den Strom geworfen, der ihre Körper mit sich fortnahm. Ihr Rufen und Wimmern hörte man noch einige Zeit.

Die Dampfessen warfen jetzt lange Funkenschwänze, da die Maschinen mit Holz geheizt wurden. Die Mexikaner sahen diese Garben hinter der Krümmung des Flusses verschwinden.

»Was nun thun?« fragte Einer.

Der Führer blickte finster zu Boden und antwortete dann:

»Es bleibt uns nur Eins zu thun: ihnen den Weg abschneiden.«

»Geht dies?«

»Ja. Der Fluß macht hier eine große Biegung nach dem Sabina hin. Wenn wir diese Ecke abschneiden, kommen wir ihnen zuvor.«


// 1885 //

»Wann brechen wir auf?«

»Heut natürlich nicht, sondern erst mit Tages Anbruch. Jetzt wird geschlafen.«

Diese Leute hatten einen mehrfachen Mord an ihren eigenen verwundeten Kameraden begangen, aber dennoch schliefen sie ruhig, ohne auch nur eine Wache auszustellen, so sicher fühlten sie sich. -

In ziemlicher Entfernung von ihnen, an dem Zusammenfluß des Sabina kam um dieselbe Zeit Juarez mit den Seinen an. Trotz der Dunkelheit wurde das Ufer des Flusses abpatrouillirt, aber es fand sich keine Spur von dem erwarteten Engländer. Darum wurde das Lager errichtet, nachdem man vorher die Pferde versorgt hatte, deren Zahl durch die erbeuteten Thiere um ein Ansehnliches vergrößert worden war.

In diesem Lager sah es ganz anders aus, als in demjenigen der Mexikaner. Hier sorgten regelmäßige Wachen für die Sicherheit des Ganzen.

Der Ritt war ein anstrengender gewesen; darum schlief man fest und tief bis zum Anbruche des Morgens, wo die Jäger sich rüsteten, in der Umgebung irgend ein jagdbares Wild aufzusuchen.

Bärenherz und sein Bruder Bärenauge waren die Ersten, welche sich in den Sattel schwangen. Kaum aber hatten sie diese Erhöhung eingenommen, von welcher aus man den Blick freier hatte, so rief Bärenherz:

»Uff! Wer ist das?«

»Es kommt Jemand?« fragte Juarez.

»Ja, dort!«

Der Indianer streckte seinen Arm aus, um die Richtung anzudeuten.

Der Lagerplatz war hinter Büschen versteckt, durch deren Lücken man eine weite Prairie erblickte. Ueber die Ebene derselben kam ein Reiter im rasendsten Galoppe dahergejagt. Er war bereits so nahe, daß man alle Einzelheiten an ihm genau erkennen konnte.

»Ein sonderbarer Mensch,« lachte Juarez. »Der Mann hat wahrhaftig einen Regenschirm aufgespannt. Zu welchem Zwecke denn?«

»Der Kleidung nach scheint es ein Engländer zu sein,« bemerkte Sternau.

»Vielleicht ein Bote von Sir Lindsay.«

»Hm! Sollte der Lord auch Pferde an Bord haben? Uebrigens reitet dieser Mann nicht wie ein Engländer, sondern wie ein Indianer.«

»Er richtet sich im Sattel auf. Er scheint zu suchen. Wollen wir uns ihm zeigen?«

»Ja. Es hat ja gar keine Gefahr.«

Sie traten zwischen den Büschen heraus und der Reiter erblickte sie sofort. Erst schien er zu stutzen, dann lenkte er sein Pferd grad auf sie zu.

Er lenkte auf sie zu.

Als er näher gekommen war, richtete er sich abermals in den Bügeln auf, schwang mit der Rechten den aufgespannten Regenschirm, mit der Linken den Cylinderhut und stieß einen lauten Ruf der Freude aus.

Einige Augenblicke später hielt er vor ihnen, sprang aus dem Sattel und versuchte, unter Assistenz des Hutes und Schirmes einige noble Verbeugungen zu Stande zu bringen, was ihm aber schauderhaft mißglückte.


// 1886 //

Sie erblickten die große Nase; sie starrten auf den grauen Anzug; sie wußten sich das Ding nicht zu erklären, aber aus Aller Munde erklang ein Name: »Geierschnabel.«

»Ja, Geierschnabel. Habe die Ehre, Mesch'schurs und Sennores,« sagte er unter einer abermaligen Verbeugung. Dabei klappte er den Regenschirm zu, spießte ihn in die Erde, stülpte den Hut darüber und riß den Rock herunter, den er über den Hut legte.

»Verdammte Kleidage!« fluchte er. »Einmal Engländer gespielt, aber niemals wieder, meine Herren.«

»Sie haben den Engländer gespielt?« fragte Juarez erstaunt.

»Ja, Sir.«

»Warum?«

»Um mich fangen zu lassen.«

»Ah! Ich verstehe Sie nicht. Sie wollten sich fangen lassen?«

Der Mann zog seine Rolle Kautabak hervor, biß ein Stück davon ab und antwortete:

»Ja. Und ich war auch gefangen.«

»Wann?«

»Gestern.«

»Wo?«

»Am Rio del Norte.«

»Von wem?«

»Von einem gewissen Pablo Cortejo.«

»Pablo Cortejo?« fragte Sternau. »Ich denke, der ist am San Juano?«

»O nein, Sir! Wenn Sie ihn sehen und fangen wollen, so sollen Sie ihn bereits kurz nach Mittag haben.«

»Erzählen Sie, erzählen Sie! Sie haben Sir Lindsay doch in El Refugio glücklich getroffen?«

»Das versteht sich, und wir sind sofort nach dem Sabina aufgebrochen.«

Er erzählte nun weiter bis zu seinem gestrigen Abenteuer.

»Ich bin die ganze Nacht geritten, so scharf, daß ich sogar vergessen habe, ein Stück Virginia in den Mund zu nehmen,« fuhr er fort.

»Der Lord erwartet uns also an jener Flußkrümmung?« fragte Juarez.

»Ja, Sennor.«

»Er kommt nicht nach hier?«

»Nein; denn ich sagte ihm, daß ich Sie holen werde.«

»Und was sagten Sie von Cortejo? Er sei blind?«

»Ich hoffe, daß er es ist. Ich habe ihm beide Läufe mit aller Gewalt in die Augen gestoßen. Er kann Ihnen gar nicht entgehen.«

»Werden seine Leute den Lord nicht angegriffen haben?«

»Jedenfalls. Doch bin ich überzeugt, daß er sich wie ein Mann vertheidigt hat.«

»Und wenn seine Ladung doch in ihre Hände gefallen ist?«

»So holen wir uns sie wieder, Sennor.«

»Brechen wir auf. Können Sie uns führen, oder sind Sie zu ermüdet?«


// 1887 //

»Ermüdet?« fragte er, indem er einen Tabaksstrahl an der Nase des Präsidenten vorüberspritzte. »Geben Sie mir nur ein anderes Pferd.«

Es wurde ein kurzer Kriegsrath gehalten, dessen Ergebniß war, daß ein Theil der Leute bei den Pferden zurückbleiben, die Andern sofort aufbrechen sollten, um dem Lord zur Hilfe zu kommen.

Eine Viertelstunde nach Ankunft Geierschnabel's braußte die Truppe im schnellsten Galoppe über die Ebene dahin, Sternau mit Geierschnabel als Führer an der Spitze. Dieser Letztere hatte den Cylinder wieder auf und hielt den aufgespannten Regenschirm über dem Kopfe.

»Machen Sie ihn doch zu,« sagte Sternau lachend.

»Warum?«

»Es reitet sich ja schwerer.«

»Ich habe ihn aber doch einmal.«

»Deshalb ist es aber doch nicht nothwendig, ihn aufzuspannen.«

»Ein Schirm ist da zum Aufspannen, aber nicht zum Zumachen. Ich habe ihn und da nehme ich ihn auch in Gebrauch, wie es sich gehört.«

Sie mochten wohl zwei Stunden unterwegs sein, als ein Reiter vor ihnen auftauchte, welcher ihre Richtung durchkreuzte. Ehe er sichs versah, war er umringt, doch schien ihm das weder Angst noch Sorge zu bereiten. Er war ein Mann von mittler Statur, über fünfzig Jahre alt und von der Sonne tief gebräunt. Juarez fragte ihn:

»Kennt Ihr mich, Sennor?«

»Ja.«

»Ah, das hätte ich nicht gedacht. Wer bin ich?«

»Sie sind Juarez, der Präsident.«

»Gut. Wer sind Sie?«

»Ich bin ein Jäger.«

»Woher?

»Drüben von Texas herüber. Ich hause am linken Ufer des Stromes.«

»Wie heißen Sie?«

»Grandeprise.«

»So sind Sie ein Franzose?«

»Ein Yankee französischer Abkunft.«

»Wohin wollen Sie?«

»Nach Hause.«

»Woher kommen Sie?«

»Von Cohahuila.«

»Sie haben mich dort gesehen?«

»Ja.«

Juarez betrachtete ihn noch einmal mit scharfem Auge und fragte dann:

»Ist Ihnen der Name Cortejo bekannt?«

»Ja.«

»Woher?«

»Ich habe ihn in Cohahuila gehört.«

»Den Mann selbst kennen Sie wohl auch, oder nicht?«


// 1888 //

»Nein.«

»Wann sind Sie von der Stadt aufgebrochen?«

»Gestern früh.«

»Ist Ihnen ein bedeutender Trupp Reiter begegnet?«

»Nein.«

»Oder kam Ihnen sonst etwas Verdächtiges vor?«

»Nein.«

»Kennt Einer von uns diesen Mann?«

»Ja, ich kenne ihn,« antwortete Geierschnabel. »Ich bin einmal bei ihm über Nacht gewesen. Er wird sich meiner wohl noch erinnern.«

»Das genügt. Vorwärts!«

Der Trupp setzte sich wieder in Bewegung und flog brausend von dannen. Der Jäger Grandeprise blickte ihm finster nach.

»Der Teufel hole die großen Herren!« brummte er.

»Wäre dieser Geierschnabel nicht dabei gewesen, so hätte das Examen noch viel länger gedauert. Was gehen mich andere Leute an? Ich habe mit mir selbst zu thun!«

Damit ritt er, ein Saumpferd neben sich führend, in etwas abweichender Richtung der Gegend zu, wo er etwas weiter unten als Juarez auf den Rio Grande del Norte treffen mußte.

Jetzt hielten sich nicht Sternau und Geierschnabel allein an der Spitze, Mariano hatte sich zu ihnen gesellt. Er war fieberhaft erregt. Er ging ja einem Wiedersehen entgegen, welches er Jahre lang nicht für möglich gehalten hatte. Sein Pferd that fast über alle Kräfte, und doch war ihm der Galopp desselben noch viel zu langsam. Sternau bemerkte dies und sagte:

»Der Gaul ist kein electrischer Funke, Mariano. Laß ihm Luft, sonst bricht er unter Dir zusammen.«

»Vorwärts!« war die einzige, ungeduldige Antwort.

Die Pferde der beiden Anderen waren ausgezeichnete Läufer. So kam es, daß die Drei den Andern eine bedeutende Strecke vorauskamen.

Es mochte fast gegen Mittag sein. Sternau musterte zufälliger Weise den Horizont, und dabei bemerkte sein Auge eine Bewegung an der äußersten Gesichtslinie. Er hielt sofort sein Pferd an und zog sein Fernrohr hervor.

Auch die beiden Gefährten parirten ihre Pferde.

»Was giebt es?« fragte Mariano, ein wenig ärgerlich über diese Zögerung.

»Es kommen Reiter,« antwortete Sternau.

»Viele?«

»Ziemlich, und zwar gerade auf uns zu.«

»Vom Flusse her?« fragte Geierschnabel schnell. »Das könnte ja nur Cortejo mit seinen Leuten sein. Geben Sie mir einmal das Rohr!«

Er erhielt es und blickte hindurch. Die Reiter waren unterdessen näher gekommen, und das Glas war ein ausgezeichnetes.

»Ich lasse mich hängen, wenn das nicht Cortejo's Leute sind,« sagte er.

»Sehen Sie das genau?« fragte Sternau.

»Nicht ganz, dazu sind sie noch zu weit entfernt.«

»So warten wir es ab!«


// 1889 //

Da langte auch Juarez mit den Anderen bei ihnen an.

»Was ist es?« fragte er.

»Da vorn kommen Leute, welche ich für Cortejo's Reiter halte,« antwortete Geierschnabel.

»So kämen sie retour?«

»Ja.«

»Haben Sie sie genau erkannt?«

»Ich vermuthe es einstweilen, doch werde ich mich wohl nicht irren, calculire ich.«

»Was thun wir, Sennor Sternau?«

»Wir gehen da links hinter das Buschwerk und bilden drei Abtheilungen, eine vorn, eine in der Mitte und eine hinten. Die erste und dritte hat den Feind zu umflügeln, sobald Geierschnabel das Zeichen giebt. Vorwärts!«

Die ganze Truppe zog sich hinter die Büsche zurück und gehorchte der Eintheilung, welche Sternau getroffen hatte. Geierschnabel hielt neben diesem. Er rückte unruhig im Sattel hin und her und sagte:

»Sennor, darf ich mir einen Spaß machen?«

»Welchen?«

»Ich bin diesen Leuten gestern ausgerissen. Sie sollen das Vergnügen haben, mich wieder zu fangen.«

»Das ist zu gefährlich für Sie.«

»Pah! Bitte noch einmal Ihr Rohr!«

Er fixirte jetzt hinter den Zweigen hervor die Nahenden zum zweiten Male und sagte dann, indem er das Fernrohr zusammenschob:

»Sie sind es!«

»Wissen Sie es genau?«

»Ja. Der, welcher voranreitet, ist der Kerl, welcher sich für einen Boten des Präsidenten ausgab. Sennores, laßt mir meinen Spaß!«

Damit stieg er ab und zog sein Pferd vor den Busch hinaus. Das Thier begann sofort, das Blätterwerk abzufressen. Er selbst setzte sich in das Gras, schob den Cylinderhut in das Genick und spannte den Regenschirm über sich aus. Das hatte ganz das Aussehen, als habe er schon sehr lange Zeit hier gesessen. Uebrigens kehrte er den Nahenden den Rücken zu. Den Zwicker auf der Nase, schien er ganz in sich vertieft und von den Herankommenden gar keine Ahnung zu haben.

Sie hatten ihn bis jetzt noch nicht bemerkt. Nun aber waren sie in solche Nähe gekommen, daß er gesehen werden mußte. Der Anführer hielt ganz erstaunt sein Pferd an und sagte:

»Alle Teufel, schaut dorthin, dort sitzt Einer auf der Erde!«

Sie folgten seinem ausgestreckten Arme und erblickten ein Pferd, welches an einem Busche herumknusperte, und einen großen Regenschirm, welcher nach hinten gelehnt war, und über dessen oberen Rand der Deckel eines grauen Cylinderhutes hervorblickte.

»Bei allen Heiligen, das ist ja gar der Engländer! Jetzt haben wir gewonnen!«


// 1890 //

Mit diesen Worten setzte der Anführer sein Pferd in Bewegung, und die Anderen folgten. Bei Geierschnabel angekommen, hielten sie an.

»Hollah, Sennor, sind Sie es oder ist es Ihr Geist?« wurde er von allen Seiten gefragt.

Jetzt erst drehte er sich ruhig um, erhob sich langsam, klappte den Regenschirm zu, betrachtete die Leute durch die Brille und antwortete:

»Mein Geist!«

»Ah, nicht Ihr Körper?«

»No, nein.«

»In wiefern?«

»Bin ja gestern erschossen oder todt geprügelt worden!«

»Reden Sie keine Albernheiten, Sir. Es ist Ihnen gestern geglückt, uns zu entkommen, heute glückt Ihnen das nicht zum zweiten Male!«

»Fällt mir auch gar nicht ein.«

»Wie meinen Sie das?«

»Will Ihnen gar nicht entkommen, werde Sie vielmehr festhalten! «

»Wo waren Sie in dieser Nacht?«

»Im Walde.«

»Sie haben doch ein anderes Pferd! Wie kommt das?«

»Ist kein anderes Pferd.«

»Gestern ritten Sie auf einem Rothschimmel davon, und dieser hier ist ein Fuchs.«

»Fuchs ist auch nur Geist von Rothschimmel!«

»Scherzen Sie nicht! Sie haben gestern zwölf unserer Leute getödtet und verwundet. Sie werden das heute zu büßen haben. Wissen Sie, wo sich jetzt Ihre Dampfer und Boote befinden?«

»Ja.«

»Nun, wo?«

»In Ihrem Besitze. Sie wollten ja Alles nehmen.«

»Das gelang gestern leider noch nicht. Ihre Leute haben mit Kartätschen unter uns geschossen. Sie werden das zu bezahlen haben. Steigen Sie auf.«

»Warum aufsteigen?«

»Sie werden uns folgen.«

»Wohin?«

»Stromaufwärts, wo wir Ihre Schiffe finden werden. Sie werden uns Alles übergeben oder das Leben verlieren, verstehen Sie mich wohl.«

Geierschnabel spitzte den Mund und spritzte ihm den Tabackssaft auf den Hut.

»Wo ist Ihr Anführer?« fragte er.

»Der bin ich. Uebrigens lassen Sie Ihr verdammtes Spucken, sonst lehre ich Ihnen begreifen, welcher Unterschied ist zwischen einem Spucknapfe und dem Sombrero eines Caballero!«

Der vermeintliche Engländer zuckte die Achsel.

»Caballero? Pah,« sagte er. »Ich wollte nach Cortejo fragen.«

»Ihre Leute haben ihn gemordet.«

»Donnerwetter! Womit?«


// 1891 //

»Mit den Kartätschen. Er befand sich während der Salve mit auf dem Flusse und wurde erschossen oder ist ertrunken.«

»Schade, hätte ihn gern aufgehenkt.«

»Diese Procedur werden wir mit Ihnen vornehmen. Zunächst aber kommen Sie mit uns. Vorwärts, Sir, sonst helfe ich nach!«

»Nachhelfen, in welcher Weise?«

»In dieser!«

Erzog sein Pistol, hielt es Geierschnabel vor die Stirn und fuhr fort:

»Wenn Sie nicht sofort aufsteigen, jage ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf, darauf können Sie sich verlassen!«

»Koste sie selbst, diese Kugel!« antwortete der Bedrohte.

Mit einem gedankenschnellen Griffe entriß er dem Manne die Pistole und hielt ihm die Mündung entgegen und drückte ab. Der Mexikaner stürzte, durch die Brust getroffen, vom Pferde. Die Andern rissen ihre Waffen hervor, um den Tod des Anführers zu rächen; aber sie kamen nicht dazu. Mehr als hundert Büchsen krachten hinter den Büschen hervor, und ebenso viele Reiter brachen heraus. Sie wurden umzingelt und niedergemacht, ehe sie im Stande waren, einem der Angreifer Schaden zu thun.

»So,« sagte Geierschnabel. »Jetzt sind wir mit ihnen fertig.«

»Lebt Keiner mehr?« fragte Juarez.

»Keiner,« erklärte Sternau nach einer raschen Untersuchung der Gefallenen.

»Das ist schade.«

»Warum?«

»So kann uns Keiner auf unsere Fragen Rede und Antwort stehen.«

»Das ist nicht nothwendig,« erklärte Geierschnabel. »Ich weiß Alles.«

»Nun, wo werden wir das Schiff finden?«

»Genau da, wo ich es verlassen habe.«

»Aber wo werden die Güter gelandet werden?«

»Am Sabinaflusse, wie es vorher bestimmt gewesen ist.«

»Dann wäre es ja gar nicht nothwendig, daß die ganze Truppe mitreitet.«

»Nein. Sie müssen den ganzen Weg wieder retour.«

»Aber wenn wir einen neuen Kampf zu erwarten hätten!«

»Gewiß nicht.«

»Ich stimme Geierschnabel bei,« erklärte Sternau. »Ich bin darüber erfreut, daß diese Affaire so glücklich abgelaufen ist, doch gefällt es mir nicht, daß Cortejo nicht in unsere Hände gefallen ist. Ein solches Ungeziefer pflegt nicht mit einem Male zu sterben. Es wäre mir lieb, seinen Körper zu finden.«

»Suchen wir!« meinte Juarez.

»Gut. Nehmen wir nur fünfzig Reiter mit. Die Andern mögen nach dem Lager zurückkehren. Bei diesen Fünfzig bleibt Sennor Juarez, Mariano und ich. Die Andern erwarten uns im Lager.«

So geschah es. Während die Anderen mit der soeben gemachten Beute umkehrten, setzten die Fünfzig den Weg fort, mit den drei Genannten an der Spitze, welche vor Verlangen brannten, die Schiffe zu erreichen.


// 1892 //

Es war nicht mehr weit dorthin. Geierschnabel, welcher den Führer machte, deutete durch die Bäume und sagte:

»Jetzt wird es vor uns licht. Da ist der Fluß!«

Sie hielten auf demselben Platze, auf welchem gestern Geierschnabel als Engländer gefangen genommen worden war. Ringsum zeigten deutliche Spuren, daß die Leute Cortejo's heute Nacht hier campirt hatten. Drüben auf der Mitte des Stromes aber lagen die Boote bereits wieder vor Anker.

Mariano sprengte, ohne zu halten, bis an den äußersten Rand des Ufers. Er sah auf dem Decke des vordersten Dampfers einen Herrn und eine Dame stehen; er ahnte, wer es sei und gab seinem Pferde die Sporen. Es sprang mit einem weiten Satze in das Wasser.

Es war ihm ganz gleich, ob er naß wurde oder trocken blieb. Die Heißgeliebte vor sich, konnte er unmöglich warten, bis ein Kahn abgeschickt wurde.

Lindsay hatte mit Amy schon stundenlang auf dem Verdecke geweilt. Als die Fahrzeuge heute Vormittag nach ihrem gestrigen Ankerplatz zurückkehrten, waren die Feinde bereits aufgebrochen. Dennoch war nicht zu trauen; man hütete sich sehr, an das Land zugehen, aber man hielt die Kähne bereit.

»Ob sie wirklich fort sind?« fragte Amy besorgt.

»Gewiß!« antwortete ihr Vater.

»Und ob Juarez kommen wird?«

»Sicher, wenn Geierschnabel ihn wirklich gefunden hat.«

»Denkst Du, daß sie bei ihm sind?« fragte sie erröthend.

»Du meinst Sternau und die Andern?«

»Ja, Papa.«

»Nach Allem, was Geierschnabel erzählt hat, sind sie bei Juarez. Ich kann sagen, mein liebes Kind, daß ich mich auf dieses Wiedersehen freue, mehr als das Kind auf das Christfest. Und Du, Amy?«

»Ach, Papa!«

Sie schlang die Arme um ihn und verbarg das Köpfchen an seiner Brust. Er ließ sie so an sich geschmiegt stehen. Plötzlich aber schob er sie von sich ab.

»Schau, Kind!« sagte er, nach dem Ufer deutend.

Man sah aus dem Walde Reiter kommen. Unter den Voranreitenden erkannte man sehr leicht Einen, der grau gekleidet ging, einen grauen Cylinderhut trug und einen aufgespannten Regenschirm in der Hand hielt.

»Das ist Geierschnabel,« sagte der Lord.

»Und wer die Anderen, Pa?« fragte sie mit zitternder Stimme. Lindsay setzte das Glas an die Augen.

»Ich sehe Juarez,« sagte er.

»Welcher ist es?«

»Der zur Rechten von uns.«

»Die Andern?«

»Die lange, breite Gestalt - ah, dieser herrliche Bart, der fast bis auf den Rücken des Pferdes niederfällt, das, ja das kann nur Sternau sein.«

»Und - der - - und der Dritte?«

»Welcher sofort an das Wasser reitet?«


// 1893 //

»Ja. Mein Gott, er sprengt hinein!«

Sie schlug die Hände zusammen und wurde todtesbleich.

»Papa, er muß ertrinken! Der Fluß ist zu breit!« rief sie.

Das Wasser ging dem Reiter bis an die Hüften; vom Pferde war nur der Kopf zu sehen. Amy rang die Hände.

»Hilfe, Papa! Ich kann es nicht sehen!«

»Das Boot los und ihm entgegen!« befahl der Lord.

Einige Augenblicke später schoß das kleine Boot von dem großen hinweg dem kühnen Schwimmer entgegen. Es erreichte ihn in kürzester Zeit, und er schwang sich vom Sattel aus hinein. Das erleichterte Pferd drehte sich sofort um, um nach dem Ufer zurückzukehren. Er aber streckte die Hände aus und rief:

»Amy, Amy, ich bin es!«

Sie sank auf die Planken nieder und streckte auch ihm die Arme entgegen.

»Mariano!« hörte er es rufen.

Ja, das war diese liebe, süße Stimme, deren Klang ihm, gleich als er sie zum ersten Male gehört hatte, so tief zu Herzen gedrungen war.

»Ich komme! Ich komme!« antwortete er.

Das Boot schoß heran. Er flog auf das Deck; er wußte gar nicht, wie er hinaufgekommen war. Sie hatte sich erhoben. Es flimmerte ihr vor den Augen. Sie sah nichts; sie hörte nichts; sie fühlte nur zwei starke Arme, welche sich um ihren Leib und zwei Lippen, welche sich auf ihren Mund legten.

Der Lord stand dabei, mit Thränen in den Augen. Er gönnte den beiden dieses Glück nach so langem Leide; sie sollten das Wiedersehen allein und ungestört genießen; er sprang in das Boot und befahl leise, ihn an das Ufer zu bringen, wo er die Andern begrüßen wollte.

Die beiden Liebenden hielten sich an einander gedrückt, als ob sie nimmer und nimmer wieder von einander lassen wollten. Ihre Lippen suchten und fanden sich unzählige Male, bis endlich Mariano sich erinnerte, daß er dem Vater der Geliebten gegenüber die Höflichkeit versäume. Er blickte auf.

»Wo ist Papa?« fragte er.

Jetzt erinnerte auch sie sich an die Gegenwart.

»Hier!« antwortete sie, sich nach der Stelle wendend, wo der Lord zuletzt gestanden hatte. »Ah, wo ist er hin?« fragte sie, als sie ihn dort nicht mehr sah.

»Dort! Dort draußen fährt er!«

Sie blickte nach der angedeuteten Richtung und sah ihn im Boote sitzen.

»Der Gute!« sagte sie. »Er wollte uns das Wiedersehen - - -«

Sie hielt inne. Ihre Augen fielen jetzt zum ersten Male mit vollem Bewußtsein auf den Geliebten und was sie da sah, das machte sie verstummen.

War dies der Mariano, den sie früher gekannt hatte? Ja, er war es, noch ganz derselbe, und doch um wie viel anders! Wie stark, kräftig und männlich war er geworden! Welches Selbstbewußtsein glänzte aus seinem Auge, welch eine Hoheit thronte auf seiner Stirn. Sein früher noch jugendlich rosiges Gesicht hatte jetzt eine bleiche feine Farbe und wurde von einem dichten, prächtigen Barte umrahmt. Er war schön, sehr schön, so wie sie noch gar keinen Mann gesehen hatte, wie sie gar nicht geglaubt hatte, daß ein Mann sein könne.


// 1894 //

Und sie? Sie stand nicht mehr in der ersten Jugendblüthe, aber sie war aus der lieblichen eine blendende Schönheit geworden, voll, üppig und doch so rein und frisch wie ein Rosenblatt im Morgenhauch. Das war eine völlig unberührte Weiblichkeit. Er sah es; er sah ihr Auge liebestrahlend auf ihm ruhen; er sah ihren Busen wogen und ihre Lippen sich halb öffnen wie zum abermaligen Kusse, und da zog er sie wieder an das Herz.

»Amy, mein Leben, meine Seligkeit!« flüsterte er.

»Mariano, mein Einziger, mein Geliebter!« antwortete sie.

»Dieser Augenblick wiegt Alles, Alles auf!«

»O, Du Armer, Armer, Armer! Was werde ich Alles hören müssen, was Du erlitten und erduldet hast!«

Und dabei perlten ihr die heißen Thränen über die Wangen herab.

»Und Du Gute, Treue, Geduldige! Wie wirst Du gewartet haben, gehofft und geharrt auf meine Wiederkehr! Und doch konnte ich nicht kommen!«

»Aber Du dachtest an mich?«

»Millionen Male! Und Du?«

»Mein ganzes Leben war ein einziges großes Gebet für Deine Rettung.«

»Gott hat Dich erhört, denn Engel beten nie vergebens.«

»O, es haben noch Andere für Euch gebetet, Mariano!«

»Sie Alle werden noch glücklich sein. Aber da kommt Papa zurück!«

Als der Lord landete, trat zunächst Geierschnabel auf ihn zu.

»Mylord, hier bringe ich Ihren Anzug zurück,« sagte er. »Es wurde gar nichts daran ruinirt, obgleich das ein wahres Wunder ist.«

»Behalten Sie ihn, wenn Sie ihn so gern haben!«

»Danke, Sir! Solche Kleider kann ich nicht gebrauchen. Ich würde mit den Beinen in die Rockärmel und mit den Armen in die Hosenbeine fahren. Meine alten Lumpen sind bequemer. Aber hier ist Sennor Sternau!«

Der Genannte stand vor ihm in seiner ganzen Breite und Höhe. Das milde Auge leuchtete in reinster Freude aus dem ernsten Gesicht heraus.

»Mylord!«

»Herr Doctor!«

Mit diesen beiden Rufen öffneten sie die Arme und lagen einander dann am Herzen. Das waren zwei Männer, welche ihren gegenseitigen Werth kannten.

»Der Herr segne Ihren Eingang in das neubegonnene Glück, Herr Doctor, und lasse Freuden sprießen ohne Zahl aus den erduldeten Leiden!«

»Ich danke Ihnen, Mylord! Es kommt ein Morgen nach jeder Nacht. Ich habe mich nach diesem Morgen gesehnt wie der reuige Sünder nach dem Troste der Vergebung, und Gott ist barmherzig gewesen. Aber vergessen wir Sennor Juarez nicht, welcher Anspruch auf unsere Aufmerksamkeit erheben wird!«

»O, ich habe nichts zu thun, als um Verzeihung zu bitten, daß ich gezwungen bin, Zeuge Ihres Wiedersehens zu sein,« sagte der Präsident mit mildem Ernste. »Sie gehören jetzt sich, und ich ziehe mich zurück.«

»Nein!« sagte Sternau. »Der Augenblick gebietet über uns. Er ist unser Aller Herr und Meister, dem wir gehorchen müssen. Sagen Sie, Mylord, wußten Sie, daß Ihnen Pablo Cortejo gegenüber stand?«


// 1895 //

»Ja, Geierschnabel rief es mir zu.«

»Sie haben mit ihm gekämpft?«

»Ob er sich persönlich an dem Kampfe betheiligt hat, weiß ich nicht.«

»Sie konnten es nicht erkennen?«

»Es war dunkel.«

»Geierschnabel glaubt, ihn blind gemacht zu haben.«

»Das ist möglich. Ich hörte ihn vor Schmerzen brüllen und sah, daß man ihm das Gesicht mit Wasser des Flusses kühlte.«

»In diesem Falle kann er sich nicht mit am Kampfe betheiligt haben. Es liegt uns natürlich außerordentlich viel daran, über sein Verbleiben Aufklärung zu erhalten. Wir trafen vor kurzer Zeit auf den Rest seiner Truppe, welche vollständig vernichtet wurde.«

»Ah! Sie haben es verdient. Wo war es?«

»In der Prairie jenseit des Waldes. Der Anführer sagte, Cortejo sei todt, entweder von Ihren Kugeln getroffen oder im Flusse ertrunken. Ist dies wahrscheinlich?«

»Das Wahrscheinlichste ist, daß er von seinen eigenen Leuten ermordet wurde.«

»Was Sie sagen! Haben Sie Gründe zu dieser Annahme?«

»Ja. Mein Steuermann schwamm an das Land, um die Feinde zu belauschen; er hörte, daß man sich berieth, Cortejo zu tödten, um in den vollen Besitz des Raubes zu gelangen, welcher natürlich in meiner Fracht bestand.«

»Sie waren heut noch nicht am Ufer?«

»Nein.«

»So ist noch nicht gesucht worden?«

»Nein.«

»So mögen diese fünfzig Männer die Ufer sorgfältig absuchen, welche Leichen vorgefunden werden. Das Resultat erwarten wir auf dem Dampfer.«

»Ich stelle Ihnen alle meine kleinen Boote zur Verfügung, Herr Doctor, damit diese Leute auch an das jenseitige Ufer gelangen können. Jetzt aber steigen Sie ein, um an Bord zu kommen.«

Als sie das Schiff erreichten, wurden sie von Amy und Mariano erwartet.

»Mein Sohn, mein lieber Sohn!« rief der Lord, indem er den Letzteren innig an sein Herz schloß. »Ich hoffe, nun ist alles Leid vorbei. Wir haben später Zeit, über das Einzelne zu sprechen.«

Amy streckte Sternau ihre beiden Hände entgegen.

»Willkommen, Herr Doctor, willkommen!« rief sie, indem ihr Gesicht vor Freude, vor Entzücken strahlte. »Das ist ein heißersehnter Augenblick.«

»Willkommen, Mylady!« erwiderte er. »Ihr Anblick giebt mir Leben und Sonne, denn Sie kommen aus der Heimath.«

»Ja, ich habe sie Alle gesehen,« nickte sie.

»Alle?«

»Ja.«

»Meine Mutter und Schwester?«

»Die Herzogin? Ja,« lächelte sie.


// 1896 //

»Die Herzogin?« fragte er. »Wen meinen Sie?«

»Wen anders als Ihre Frau Mutter.«

»Mylady, welcher Scherz!«

Sie blickte ihm offen und voll in das Gesicht und antwortete: »Ich scherze nicht, Sennor. Ihre Mutter ist Herzogin.«

»Mein Gott, wie wäre das zu erklären?«

»Dadurch, daß sie jetzt verheirathet ist. Ihr Gemahl ist ein Herzog.«

»Unmöglich.«

»O, ich kann Ihnen sogar den Namen sagen. Es ist der Herzog von Olsunna.«

Es wirbelte Sternau vor den Augen. Er faßte, als habe er eine Stütze nöthig, unwillkürlich nach dem Deckgeländer.

»Der Herzog von Olsunna?« fragte er wie im Traume. »Wie ist denn das zugegangen? Wie ist das gekommen?«

»Was ich davon weiß, werden Sie gern erfahren.«

»So wohnt Mutter jetzt in Spanien?«

»O nein, sondern in Deutschland.«

»Wo?«

»Der Herzog hat sich bei Rheinswalden ein Schloß gebaut und es Rodriganda genannt. Da wohnen sie. Aber giebt es nicht noch andere Personen?«

»O! Ach! Ja! Verzeihung! Diese Nachricht hat mich mehr ergriffen, als Sie vielleicht denken und ahnen. Sie meinen Rosa, meine einzige Rosita!«

»Ja, Sennor.«

»Lebt sie noch? Wie befindet sie sich? Was sagt sie? Hat sie gelitten?

»Ungeheuer hat sie gelitten, aber Gott hat ihr Kraft gegeben, es zu tragen. Wollen Sie sie im Bilde sehen, Sennor Sternau?«

»Haben Sie ihr Bild mit? Schnell, o schnell!«

»Kommen Sie.«

Sie zog ihn nach der Kajüte und zeigte nach der rechten Seite der Wand.

»Hier hängt ihre Photographie, vor kurzer Zeit erst nach der Natur aufgenommen. Ich mußte das Bild meiner liebsten Freundin natürlich auch während dieser Reise bei mir haben. Es ist sehr genau getroffen.«

Er hörte nicht mehr, was sie sagte. Er stand vor dem Bilde der Heißgeliebten mit gefalteten Händen wie vor einem Madonnenbilde. Er wollte ihre Gestalt, ihre Züge mit seinem Auge verschlingen, und doch war dieses Auge von schweren Thränen verschleiert, welche demselben immer von Neuem entquollen und über die Wangen herniederflossen.

»Rosa, meine Rosita!« rief er schluchzend wie ein Kind. »So hast Du vor mir gestanden, tröstend und versöhnend wie ein Seraph, als ich mit Unglauben, Verzweiflung und Wahnsinn ringend, im fernen Weltmeer auf den Knieen lag, nahe daran, mit Gott zu hadern und mein Dasein zu verfluchen. So bist Du mir Licht und Erlösung geworden in dunkelster Nacht. Dein Bild hat bei mir gestanden im Schlafen und im Wachen. Ohne Dich gabs für mich kein Denken und kein Athmen. Du bist mein Himmel, meine Welt, und über Dir kann nur Gott mir stehen.«


Ende der neunundsiebzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk